Deutsches Archiv

für Erforschung des Mittelalters

Jahrgang 55. 1999, Heft 2

Gesamtindex NA 47-50, DA 51-53

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DA 51.1995, Heft 1 -

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Inhalt

1. Allgemeines 611

2. Hilfswissenschaften und Quellenkunde 629

3. Politische und Kirchengeschichte des Mittelalters 716

4. Rechts- und Verfassungsgeschichte 766

5. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 781

6. Landesgeschichte 797

7. Kultur- und Geistesgeschichte 853

1. Allgemeines

1. Festschriften und Sammelwerke S. 611. 2. Forschungsberichte S. 624. 3. Wissenschaftsgeschichte S. 625. 4. Allgemeine Nachschlagewerke S. 628.

[1], S. 611

Georges Duby, L'écriture de l'Histoire, sous la responsabilité de Claudie Duhamel-Amado et Guy Lobrichon (Bibliothèque du moyen âge 6) Bruxelles 1996, De Boeck Université, 492 S., zahlreiche Abb., ISBN 2-8041-2049-X, BEF 2.900.  --  Der Tod von Georges Duby (3.12.1996) hat es mit sich gebracht, daß aus diesem "volume d'hommage" zu Ehren des bekannten französischen Mediävisten unversehens ein Gedenkband geworden ist. Die Namensliste der Beiträger liest sich fast schon wie ein Who is Who? der gegenwärtigen französischen Mediävistik und macht schon dadurch deutlich, wie groß der Einfluß Dubys gewesen ist, wobei auch einige ausländische Autoren (Amerikaner, Engländer, Italiener; von deutscher Seite K. Schmid, K. F. Werner) zu nennen sind. Angesichts der hohen Zahl von 34 Beiträgen soll hier nur auf einige ausgewählte Studien hingewiesen werden. Der Sammelband gliedert sich in 5 Abschnitte. Der erste und namengebende (L'écriture de l'histoire) ist zugleich der persönlichste, aber auch unter allgemein wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive der interessanteste. Hervorzuheben ist hier der Aufsatz von Jacques Dalarun, L'abîme et l'architecte (S. 11-36), untersucht er doch u. a. die besondere historiographische Technik Dubys, zumal dessen rhetorische Verfahrensweise, etwa die vom Autor bevorzugten semantischen Felder, und liefert damit auch einen Schlüssel für dessen Erfolg bei einem größeren Publikum. Die anderen vier Großabschnitte des Sammelbandes, unter dem sprechenden Titel "De la cave au grenier ..." {612} zusammengefaßt, orientieren sich an der zeitlichen und sachlichen Entwicklung des wissenschaftlichen Oeuvres von Duby. Sie beginnen daher folgerichtig mit "La terre, les hommes et la seigneurie" - einem für die Anfangsphase von Duby zentralen Thema. Hervorzuheben ist der Essay von Pierre Bonnassie, Le rapport de l'homme à la terre, ou les deux sens du mot "culture" (S. 87-102), der das von Duby skizzierte Bild der entscheidenden Wendezeit Anfang des 11. Jh. samt den damit verbundenen sozialen Konsequenzen, namentlich für das Bauerntum, anhand des von ihm untersuchten Quellenmaterials zu bekräftigen vermag. An manchen Stellen zu Duby sehr deutlich auf Distanz geht dagegen der sehr grundsätzliche Essay "Histoires de famille" von Robert Fossier (S. 175-188), der u. a. auf die seines Erachtens von Duby entschieden zu wenig berücksichtigten Unterschiede zwischen juristischen Normen einerseits und alltäglicher Praxis andererseits aufmerksam macht, auch vor einer Überschätzung der Anthropologie warnt und die wichtige Frage nach der Übertragbarkeit von anthropologischen Untersuchungsergebnissen, die an außereuropäischen Gesellschaften gewonnen wurden, auf den l'homme du Moyen Age stellt. In dem mit "Pouvoirs" überschriebenen nächsten Großabschnitt zeichnet Jean-Pierre Poly, Le commencement et la fin. La crise de l'an mil chez ses contemporains (S. 191-216), das altbekannte, allzu düstere Bild einer nicht zuletzt von Duby wiederholt dargestellten Umbruchszeit, die nach Meinung auch dieses Autors in allererster Linie durch die sog. révolution féodale geprägt war, und in der der Terror der Jahrtausendwende in Gestalt von Hungersnöten, willkürlicher Adelsgewalt, heidnischen Volksreligionen, Judenpogromen und weit verbreiteter Häresien gewütet habe. Patrick Geary, Moral Obligations and Peer Pressure. Conflict Resolution in the medieval Aristocracy (S. 217-222), stellt in einem kurzen, aber gedankenreichen Aufsatz die Frage, inwieweit die auch von Duby u. a. in dessen Habilitationsschrift vorgenommene Scheidung von öffentlicher Gewalt und staatlichem Gewaltmonopol in der Karolingerzeit einerseits und späterer privatrechtlicher Konfliktlösung in Form feudaler Selbsthilfe, Gottesfriedensbewegung und "privater" Streitschlichtung andererseits die historische Entwicklung korrekt beschreibt und warnt namentlich vor einer Unterschätzung des karolingischen Gewaltmonopols. Stephen D. White, Politics of Fidelity: Hugh of Lusignan and William of Aquitaine (S. 223-230), unterstreicht, wie wenig die theoretisch-juristischen Äußerungen Fulberts von Chartres in seinem bekannten Brief an Herzog Wilhelm von Aquitanien über das Lehnswesen die praktisch-politische Realität widerspiegeln, und beweist dies am Beispiel einer conventio zwischen Wilhelm von Aquitanien und dessen Vasallen Hugo von Lusignan. Der vierte und letzte Abschnitt, "Valeurs et Mentalités", ist der bei weitem umfangreichste und in insgesamt vier Unterkapitel (Démographie et "mentalités": l'approche quantitative; Idéaux aristocratiques; Le féminin. Spiritualités féminines; Religion et société) untergliedert. Dieser Teil wird eingeleitet durch einen Essay von Jean-Claude Schmitt, Représentations (S. 267-278), der die zentrale Bedeutung des Begriffes "représentation" bei Duby herausarbeitet und in diesem Zusammenhang dessen wissenschaftsgeschichtlicher Bedeutung nachgeht, wobei ein sehr weiter Bogen gespannt wird von der biblischen Bedeutung bis zur modernen Verwendung bei Soziologen und Historikern (M. Mauss, A. Chartier, C. Ginzburg u. a.). Einem eher handfesten Thema widmet sich Joseph Shatzmiller, Soigner le corps souffrant: pratiques médicales au tournant du XIVe siècle (S. 285-292), der {613} den hohen Stand theoretischer und praktischer Kenntnisse spätma. Medizin unterstreicht und damit auch die gesellschaftliche, nicht zuletzt juristische Bedeutung, die den Vertretern dieses Faches zugekommen sei. Karl Ferdinand Werner, Formation et carrière des jeunes aristocrates jusqu'au Xe scècle (S. 295-306), verweist auf die Bedeutung von "Bildung" als notwendiger Voraussetzung für den Adel, um "Karriere" machen zu können, anhand ausgewählter Beispiele vornehmlich der Merowinger- und der Karolingerzeit. Giles Constable, From Cluny to Cîteaux (S. 317-322), warnt vor einer Überschätzung der Gegensätze zwischen Cluniazensern und Zisterziensern, die eher theoretischer denn praktischer Natur gewesen seien. Beschlossen wird der Aufsatzteil durch den Essay von André Vauchez, La rose et le réséda: Georges Duby historien du Christianisme médiéval (S. 455-465), der die Bedeutung des Werkes von Duby für die Nouvelle histoire religieuse im Sinne einer engen Verschränkung von Gesellschafts- und Religionsgeschichte unterstreicht, aber auch gewisse Defizite in Dubys Werken auf diesen Feldern zumindest andeutet, darunter auch vielleicht das gravierendste, das in einer zu engen Konzentration auf die Geschichte Frankreichs bestanden habe. Dies habe dazu geführt, daß die mit dem Investiturstreit verbundene, für die Geschichte des europäischen Abendlandes aber zentrale Scheidung von geistlicher und weltlicher Sphäre von Duby völlig außer Acht gelassen worden sei. Abgerundet wird der Band durch eine wertvolle Bibliographie der Arbeiten Georges Dubys (1946-1993), die auch dessen Vor- und Schlußworte auf einschlägigen Tagungen, Interviews, Gespräche usw. aufführt und damit einen Eindruck von der Omnipräsenz des Verstorbenen in Wissenschaft und Öffentlichkeit vermitteln kann.

Henning Kortüm {613}


[2], S. 613

The Work of Jacques Le Goff and the Challenges of Medieval History, ed. by Miri Rubin, Woodbridge u. a. 1997, The Boydell Press, X u. 262 S., Abb., ISBN 0-85115-622-3, GBP 50 bzw. USD 89.  --  Der Band enthält einen Teil der Beiträge eines internationalen Symposiums, das 1994 aus Anlaß des 70. Geburtstags des bekannten französischen Mediävisten in Cambridge stattfand mit dem doppelten Ziel "to provide a reflection on work achieved by a single most influential scholar, and to be an indication of those problems which animate current research" (Introduction, S. IX). Die Aufsätze behandeln dementsprechend entweder Themen, die sich mit den Forschungsfeldern Le Goffs berühren, oder sie sind der Rezeption Le Goffs und der Annales gewidmet: Alexander Murray, Time and Money (S. 1-25), geht den Zeitangaben in Zeugenaussagen des 13. und beginnenden 14. Jh. nach, wobei er drei Quellengruppen aus Südfrankreich und eine aus Italien verwendet; die Südfranzosen rechnen eher nach Kirchenfesten, die Italiener eher nach Monaten.  --  Peter Biller, Applying Number to Men and Women in the Thirteenth and Early Fourteenth Centuries: An Enquiry into the Origins of the Idea of 'Sex-Ratio' (S. 27-52), behandelt Ansätze, das Zahlenverhältnis von männlichen zu weiblichen Neugeborenen zu erfassen und zu erklären, was er sowohl mit den Anforderungen wie den Kontrollmöglichkeiten der Seelsorge in den Pfarreien in Verbindung bringt.  --  R. I. Moore, Between Sanctity and Superstition: Saints and their Miracles in the Age of Revolution (S. 55-67), versucht eine Typisierung nach hagiographischem Schrifttum des 10. bis frühen 12. Jh.  --  André Vauchez, Jacques Le Goff and Italy (S. 71-77).  --  Otto Gerhard Oexle, Jacques Le Goff in Germany (S. 79-84).  --  Lester K. {614} Little, Mainstream and Margins of Medieval History in the United States (S. 85-98).  --  Walter Simons, The Annales and Medieval Studies in the Low Countries (S. 99-122).  --  Adeline Rucquoi, Spanish Medieval History and the Annales: Between Franco and Marx (S. 123-141).  --  Es schließen sich zwei nicht national begrenzte Beiträge zur Wirkungsgeschichte eines der bekanntesten Werke Le Goffs an: Alain Boureau, Intellectuals in the Middle Ages, 1957-95 (S. 145-155).  --  Jean Dunbabin, Jacques Le Goff and the Intellectuals (S. 157-167).  --  William Chester Jordan, Quando fuit natus: Interpreting the Birth of Philip Augustus (S. 171-188), analysiert ein anläßlich der Geburt dieses Königs entstandenes Preisgedicht des Petrus de Riga, das er auf 1165-71 datiert (Inc. Regi, regine, regioni gaudeo).  --  Peter Linehan, The King's Touch and the Dean's Ministrations: Aspects of Sacral Monarchy (S. 189-206), behandelt, ausgehend von den Präzedenzstreitigkeiten zwischen England und Kastilien am Beginn des 15. Jh., Anschauungen, die im MA und in der frühen Neuzeit auf der Iberischen Halbinsel zum Thema des Sakralkönigtums, der Salbung und der königlichen Heilkraft herrschten.  --  Miri Rubin, Medieval Bodies: Why Now, and How? (S. 209-219).  --  Gábor Klaniczay, Le Goff, the Annales and Medieval Studies in Hungary (S. 223-237).  --  Aaron Gurevich, Annales in Moscow (S. 239-248).  --  Die beiden letzten Beiträge lassen in ihrer Wertung des Einflusses der Annales vorsichtige Kritik erkennen, von der sie jedoch den Jubilar ausnehmen: Robin Briggs, Against immobilisme (S. 251-256).  --  Stuart Clark, Le Goff, Annales and the 'Future' (S. 257-262).

Claudia Märtl


[3], S. 614

Facta probant homines. Sborník príspevků k zivotnímu jubileu prof. dr. Zdenky Hledíkové. Hg. von Ivan Hlavácek und Jan Hrdina, unter Mitarbeit von Jan Kahuda und Eva Dolezalová, Praha 1998, Scriptorium, 589 S., ISBN 80-86197-00-X.  --  Die Festschrift zum 60. Geburtstag der Spezialistin für ma. böhmische KG (vgl. die Bibliographie S. 571-583) versammelt 25 Aufsätze zum Spät-MA. Es seien mindestens ihre Titel angeführt: Jan Adámek, Bohunco, plebanus noster. Zapomenutá osobnost stredovekych Ceskych Budejovic [mit Zusammenfassung: Bohunco plebanus noster. Eine vergessene Persönlichkeit des mittelalterlichen Budweis] (S. 21-32).  --  Karel Beránek / Vera Beránková, Cást archivu chomutovské komendy rádu nemeckych rytírů ve Státním ústredním archivu v Praze [mit Zusammenfassung: Die Reste des Archives der deutschen Ordenskommende in Komotau im Staatlichen Zentralarchiv Prag] (S. 47-60).  --  Marie Bláhová, "Kronika notáre Oty" [mit Zusammenfassung: Die "Chronik des Notars Otto"] (S. 61-70).  --  Lenka Bobková / Katerina Bobková, Listiny Jana Lucemburského a Karla IV. v Kapitulním archivu v Budysíne [mit Zusammenfassung: Urkunden von Johann von Luxemburg und Karl IV. im Domstiftsarchiv Bautzen] (S. 71-83).  --  Daniela Brokesová, Formulárová sbírka doby Karla IV. v rukopisu klástera v Oseku [mit Zusammenfassung: Zur Formularsammlung aus der Zeit Karls IV. in einer Handschrift des Klosters Ossegg] (S. 85-99).  --  Marek Derwich, Benedyktyni czescy na Slasku. Z badan nad kontaktami medzi benedyktynami polskimi i czeskimi w sredniowieczu i w czasach nowozytnych [mit Zusammenfassung: Böhmische Benediktiner in Schlesien. Untersuchungen zu Kontakten zwischen polnischen und böhmischen Benediktinern im Mittelalter und in der Neuzeit] (S. 109-133).  --  Michal Dragoun, Neznámé clánky synodálních statut prazské arcidiecéze? [mit Zusammenfassung: {615} Unbekannte Artikel in Synodalstatuten der Prager Erzdiözese?] (S. 149-164).  --  Ivan Hlavácek, Der diplomatische Verkehr der böhmischen Partner mit der Kurie bis zum Tode Wenzels I. (1253) (S. 165-180).  --  Jan Hrdina, Papezské odpustkové listiny pro duchovenské instituce prazské a olomoucké diecéze (1197-1342) [mit Zusammenfassung: Päpstliche Ablaßurkunden für geistliche Institutionen der Prager und Olmützer Diözesen 1197-1342] (S. 205-220).  --  Jaroslav Kadlec, Literární cinnost roudnickych augustiniánskych kanovníků [mit Zusammenfassung: Die literarische Tätigkeit der Raudnitzer Augustiner-Chorherren] (S. 221-225).  --  Petr Kubín, Ztracené a znovunalezené peceti na nejstarsích listinách tepelského klástera. Osudy klásterních listin v nedávné minulosti [mit Zusammenfassung: Verlorene und wiedergefundene Siegel an den ältesten Urkunden des Klosters von Tepl. Zum Schicksal von Klosterurkunden in der jüngsten Vergangenheit] (S. 227-243).  --  Eduard Maur, Chelcictí plebáni 1357-1420 [mit Zusammenfassung: Die Plebane von Chelcice 1357-1420] (S. 259-270).  --  Jaroslav Mezník, Postoj moravskych markrabat Josta a Prokopa k papezskému schismatu [mit Zusammenfassung: Die Stellung der mährischen Markgrafen Jost und Prokop im päpstlichen Schisma] (S. 271-277).  --  Wojciech Mrozowicz, Nad zródlami do genealogii rodu Jerzego z Podiebradu. Rekopis Christiana Ezechiela i jego zródla [mit Zusammenfassung: Studien über die Quellen zur Geschichte der Familie Georgs von Podiebrad. Die Handschrift von Christian Ezechiel und ihre Quellen] (S. 279-299).  --  Martin Nodl, Morová epidemie na Rakovnicku v roce 1380. Modelová studie k zivotu farního kléru [mit Zusammenfassung: Die Pestepidemie von 1380 im Gebiet um Rakovník. Eine Modellstudie zum Leben des Pfarrklerus] (S. 301-310).  --  Hana Pátková, "Psallendo seu cantando". Poznámka k pocátkům literátskych bratrstev v Cechách [mit Zusammenfassung: "Psallendo seu cantando". Bemerkungen zu den Anfängen der Literatenbruderschaften in Böhmen] (S. 341-350).  --  Miloslav Polívka, Briefe der Reichsstadt Nürnberg an die Geistlichen in den böhmischen Ländern aus den Jahren 1404-1434. Einleitung und Edition (S. 379-402).  --  Pavel Spunar, Vztah ke knize ve stredoveku [mit Zusammenfassung: Das Verhältnis zum Buch im Mittelalter] (S. 441-446).  --  Milada Svobodová, Stredoveká knihovna pri kostele sv. Jana Krtitele v Milicíne v dobe faráre Vojslava (#[86] post 1415) [mit Zusammenfassung: Die mittelalterliche Bibliothek bei der Kirche St. Johannes des Täufers in Milicín zur Zeit des Pfarrers Vojslav, #[86] nach 1415] (S. 447-462).  --  Frantisek Smahel, Miscellanea Bohemica ve vatikánském kodexu Ottobonianus 2087 [mit Zusammenfassung: Miscellanea Bohemica im vatikanischen Codex Ottobonianus 2087] (S. 465-478).  --  Zdenek Uhlír, Homileticky traktát Johanna Geusse "Sermo de iudicio particulari animae" v dobovém kontextu [mit Zusammenfassung: Der homiletische Traktat "Sermo de iudicio particulari animae" des Johann Geuss im zeitgenössischen Kontext] (S. 491-508).  --  Anezka Vidmanová, Magdeburská determinace Jana Falkenberga z roku 1411 [mit Zusammenfassung: Johannes Falkenberger und seine Magdeburger Determination aus dem Jahre 1411] (S. 509-520).  --  Jana Zachová / Jaroslav Boubín, Drobné spisy Jana Príbrama na obranu katolické víry [mit Zusammenfassung: Kleine Schriften des Jan Príbram zur Verteidigung des katholischen Glaubens] (S. 521-534).  --  Blanka Zilynská, Zádusí [mit Zusammenfassung: Kirchengut] (S. 535-548).  --  Josef Zemlicka, Dekan Vít, hodnostár a dobrodinec prazské kapituly. Sonda do zivota vyznamné kulturní osobnosti 13. století [mit Zusammenfassung: {616} Dekan Veit, Würdenträger und Wohltäter des Prager Kapitels. Eine Sonde in das Leben einer bedeutenden Persönlichkeit des 13. Jahrhunderts] (S. 549-569).

Ivan Hlavácek {616}


[4], S. 616

Strukturen der Gesellschaft im Mittelalter. Interdisziplinäre Mediävistik in Würzburg. Hg. von Dieter Rödel und Joachim Schneider, Wiesbaden 1996, Reichert, XIX u. 384 S., ISBN 3-88226-883-2, DEM 59.  --  Mit dieser Festschrift zum 65. Geburtstag des Würzburger Mediävisten Rolf Sprandel soll ein Eindruck von "Intensität und Vielfalt der interdisziplinären Mediävistik in Würzburg" (S. XI) vermittelt werden, und die Hg. gruppieren die Beiträge unter fünf Themen, die heute sehr en vogue sind: Ehe, Liebe, Geschlechterrollen (S. 3-66); Kleriker und Mönche (S. 69-98); Kriegerischer und friedlicher Konfliktaustrag (S. 101-224); Wirtschaft und Sozialstruktur (S. 227-333) und Wahrnehmung von Gesellschaft: das Eigene und das Fremde (S. 337-384). Im einzelnen sind zu nennen: Rudolf Weigand, Wer führte aus welchen Gründen Eheprozesse im Spätmittelalter? (S. 3-17), zeigt anhand des Regensburger Gerichtsbuchs für das Jahr 1490, daß hauptsächlich Angehörige der Mittel- und Oberschicht Eheprozesse (allein in Regensburg 387 Verfahren im Jahr 1490) anstrengten und die Einhaltung des Eheversprechens das Hauptmotiv der gerichtlichen Auseinandersetzungen war.  --  Helga Möhring-Müller, ... wenn sie ihren Witwenstuhl unverrückt läßt. Zur materiellen Absicherung adliger Frauen im spätmittelalterlichen Franken (S. 18-34), führt an Beispielen aus Würzburger Lehensbüchern vor, daß die adligen Witwen mit einer materiell ausreichenden Ausstattung rechnen konnten, die ihnen ein standesgemäßes Leben sicherte.  --  Dietrich Huschenbett, Eine Mord- und Minne-Geschichte aus Thüringen. Zur Darstellung der Ermordung des sächsischen Pfalzgrafen Friedrich III. durch Ludwig den Springer, Graf von Thüringen (S. 35-49), betont die Aufnahme von Elementen des Minne-Romans in den Chroniken des 13. und 14. Jh., wodurch in ihnen der Mord an dem Pfalzgrafen plausibler erscheint.  --  Doris Ruhe, Mönche, Nonnen und die ideale Frau. Zur Herausbildung des weltlichen Erziehungsideals im Mittelalter (S. 50-66), behandelt lateinische und französische Texte zur Mönchs- und Nonnenerziehung des 12. und 13. Jh., um zu belegen, daß die Ausformung der Geschlechterrollen nicht erst ein Produkt der Aufklärung sei, sondern in engem Zusammenhang mit der religiösen Erziehung des MA stehe. Die aus den Texten gezogenen Schlüsse verschlagen einem allerdings die Sprache. Es muß bezweifelt werden, daß sich im MA alles und jedes auf das Geschlechtliche reduzierte, und sicher hätte die Lektüre ausgewählter Artikel des LexMA der Autorin zu einem differenzierteren Mittelalterbild verhelfen können. Daß die Vf. unentwegt von "das Liber de modo bene vivendi" spricht, ist wohl als symptomatisch zu bewerten.  --  Edgar Hösch, Die "Kirchenleute" und das griechisch-byzantinische Erbe in Altrußland (S. 69-81), billigt der griechisch-byzantinischen Tradition in Altrußland nur eingeschränkte Bedeutung zu. Die russische Begriffsschöpfung "Kirchenleute" habe zur Zeit Vladimirs I. (#[86] 1015) die byzantinischen Missionare, später aber alle der Kirche zugeordneten Personen umfaßt.  --  Klaus Wittstadt, Ansätze zur Klerus- und Ordensreform im spätmittelalterlichen Würzburg (S. 82-98), zeigt, daß von Würzburg keine Reformimpulse für andere Städte ausgingen: die wissenschaftliche Ausrichtung bei Benediktinern und Augustiner-Eremiten habe sich verstärkt, während ein Wille zur Reform beim Stifts- und {617} Seelsorgeklerus kaum wahrzunehmen sei.  --  Horst Brunner, Bilder vom Krieg in der deutschen Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit (S. 101-114), skizziert den Wandel der Vorstellungen vom Krieg im Rolandslied des Pfaffen Konrad, im Willehalm Wolframs von Eschenbach und bei Erasmus von Rotterdam, der mit Hans Sachs ein entschiedener Kriegsgegner war.  --  Joachim Schneider, Überregionale Integrationstendenzen im deutschen Niederadel. Zwei Briefzeitungen von 1427 und die Adelseinungen der Hussitenzeit (S. 115-139), analysiert das zweisprachige Manifest der fränkischen Ritterschaft, mit dem zur Hussitenbekämpfung aufgerufen wurde, und weist auf spätere Einungsversuche hin, bei denen die Standesinteressen des niederen Adels im Vordergrund standen.  --  Joseph Morsel, Das sy sich mitt der besstenn gewarsamig schicken, das sy durch die widerwertigenn Franckenn nitt nidergeworffen werdenn. Überlegungen zum sozialen Sinn der Fehdepraxis am Beispiel des spätmittelalterlichen Franken (S. 140-167), handelt wortreich und quellenarm über die verschiedenen Erklärungsmodelle der Fehde, die der Vf. als "totales soziales Phänomen" (S. 152) auffaßt, das zur Strukturierung und Entwicklung einer sozialen Ordnung beigetragen habe.  --  Constance Proksch, Die Auseinandersetzung um den Austrag des Rechts zwischen Fürsten und Ritterschaft in Franken vom Ende des 14. bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts (S. 168-195), befaßt sich mit den Bemühungen der Ritterschaft im Fränkischen, durch eine Neuordnung der landesherrlichen Gerichtsbarkeit ihre Selbständigkeit zu stärken.  --  Dietmar Willoweit, Vertragen, Klagen, Rügen. Reaktionen auf Konflikt und Verbrechen in ländlichen Rechtsquellen Frankens (S. 196-224), macht an fränkischen Weistümern klar, daß das Verhältnis der drei im Titel genannten Verfahrensweisen nicht auf eine einheitliche Formel gebracht werden kann, sondern ganz verschiedene verfahrensrechtliche Mechanismen zu verzeichnen sind.  --  Kunio Nashiro, Über die Oblei im Bistum Bamberg mit einem Exkurs zur Entwicklung in Japan und China (S. 227-241), beschäftigt sich mit dieser Seelgerätstiftung, deren Abgaben aus Getreide erst spät durch Geldzahlungen abgelöst wurden, und weist auf Parallelen im ma. Japan und China hin.  --  Helmut Jäger, Betriebsgrößen als Spiegel gesellschaftlicher Strukturen (S. 242-259), nennt verschiedene Faktoren, wie Maßeinheiten, Bewirtschaftung, Flächenerträge, Betriebszersplitterung oder strukturelle Wandlungen, die berücksichtigt werden müssen, um zu tragfähigen Aussagen zu kommen, wobei es im MA oft an ausreichendem Quellenmaterial fehlt.  --  Peter Rückert, Initiatoren und Träger des hochmittelalterlichen Landesausbaus - Mainfranken und das Oberrheingebiet im Vergleich (S. 260-280), weist auf die Gemeinsamkeiten in beiden Regionen hin: Träger des Landesausbaus waren am Main und Rhein in erster Linie bedeutende Grundherren, der hohe Adel und die Hochstifte Würzburg und Speyer.  --  Dieter Rödel, Die spätmittelalterliche Dorfbevölkerung in Mainfranken (S. 281-301), zeigt zwar eine starke wirtschaftliche Gliederung, während eine rechtliche Differenzierung der Dorfbevölkerung aus den Weistümern kaum zu gewinnen ist.  --  Rainer Leng, getruwelich dienen mit Buchsenwerk. Ein neuer Beruf im späten Mittelalter: der Büchsenmacher (S. 302-321), informiert über das Aufkommen des Berufs seit ca. 1370, die beruflichen Anforderungen, Bezahlung und Dienstverträge sowie seine Weiterentwicklung im 15. Jh., als der Büchsenmacher immer mehr die Funktion eines Artilleristen übernahm.  --  Walter Janssen, Beutelförmige Becher (Krausen) im späten Mittelalter. Ein archäologisch-kulturhistorischer Beitrag zur Sachgüterforschung {618} des späten Mittelalters (S. 323-333), zeigt an diesem Beispiel die Wichtigkeit von fachübergreifender - hier der Kunstgeschichte und der Archäologie  --  Zusammenarbeit, um ein Phänomen umfassend deuten zu können.  --  Norbert Richard Wolf, Die Anfänge von 'Gesellschaft' im mittelalterlichen Deutsch (S. 337-348), führt Beispiele vom Althochdeutschen Tatian (um 830) bis Anfang des 16. Jh. vor, aus denen deutlich wird, daß sich das MA Gedanken über die verschiedenen Bedeutungen von Gesellschaft gemacht hat.  --  Jürgen Petersohn, Mentalitäten im Widerstreit. Konflikte um die Heimführung der Gebeine Landgraf Ludwigs III. von Thüringen (S. 349-357), interpretiert die in der Reinhardsbrunner Chronik ausführlich geschilderte Überführung der Gebeine des Landgrafen von Zypern nach Reinhardsbrunn (1190), die nur durch eine Überlistung der Seeleute durch seine thüringischen Begleiter gelang.  --  Klaus Arnold, Pest - Geißler - Judenmorde. Das Beispiel Würzburg (S. 358-369), macht auf den Zusammenhang zwischen Pest oder der Angst vor dem Schwarzen Tod und Judenpogromen aufmerksam.  --  Hans-Peter Baum, Die Vernichtung der jüdischen Gemeinde in Würzburg 1349 (S. 370-384), bezweifelt die Berichte der Würzburger Chronistik über die kollektive Selbstverbrennung der Juden und sucht nach Gründen der Würzburger Bürger für eine Ausrottung der Würzburger Juden. Außer der Pestfurcht kämen infrage latente Judenfeindlichkeit, erhebliche Habgier und Rivalität zwischen Bürgern und dem Würzburger Bischof, unter dessen Schutz die Juden standen.  --  Ein Register, das bei interdisziplinären Forschungen zumindest so angebracht wäre wie bei schlichten historischen Untersuchungen, fehlt dem Band: so bleibt die gezielte Auffindung der unendlich vielen Diskurse dieses Bandes leider etwas schwierig.

Detlev Jasper


[5], S. 618

Mediävistische Komparatistik. Festschrift für Franz Josef Worstbrock zum 60. Geburtstag. Hg. von Wolfgang Harms und Jan-Dirk Müller in Verbindung mit Susanne Köberle und Bruno Quast, Stuttgart - Leipzig 1997, Hirzel - Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 361 S., ISBN 3-7776-0732-0, DEM 168.  --  Die im einzelnen manchmal theorie-lastigen Beiträge (und Diskussionen! etwa S. 175: "Herr Birus fragte nach dem Status des Diskurs-Begriffs in Wachingers Vortrag: Ist der im Vortrag eingesetzte Diskurs-Begriff grundsätzlich kompatibel mit dem Rollen-Begriff?") einer Landshuter Tagung aus dem genannten Anlaß stellen bewußt unsere gewohnte Periodisierung und Fachbezogenheit in Frage. Dennoch seien hier nur die traditionell mediävistischen davon angezeigt: Hartmut Kugler, Imago Mundi. Kartographische Skizze und literarische Beschreibung (S. 77-93), zweifelt an einer eigentlichen Kartographie im Früh-MA, sieht eine solche sich erst mit den Portulankarten ab etwa 1300 entwickeln. Seine Arbeitsthese: "Aus der Antike hat die Kartographie nur eine rudimentäre Bildtradition übernehmen können. Die Entstehung und Entfaltung der mittelalterlichen Weltkarten ist im Eigentlichen aus der schriftlichen Überlieferung heraus zu erklären" (S. 81).  --  Benedikt Konrad Vollmann, Johann von Neumarkt: Lateinischer und Deutscher Stil (S. 151-162), führt zunächst schriftliche Zeugnisse an, mit denen der langjährige Kanzler Kaiser Karls IV. seine Hochachtung vor dem Latein der Alten (stilus vetus) ausdrückte, ja fast seinen Lebenssinn an den ornatus der Sprache gehängt habe, dann aber Zeugnisse, nach denen Johann auch das Deutsche für eine lingua nobilis hielt, weswegen er sich auch um glänzende deutsche Stilistik bemühte.  --  Burghart Wachinger, 'Eurialus und Lucretia'. {619} Antike Muster bei der Verständigung über Frauen und Liebe in Latein und Volkssprache (S. 163-176), wählt als Bezug die Historia de duobus amantibus des Aeneas Silvius Piccolomini von 1444 mit ihren zahllosen Exempla und literarischen Anspielungen auf die antike Literatur, Bezüge, die der deutsche Übersetzer Niklas von Wyle beim besten Willen nicht deutlich werden lassen konnte.  --  Peter Godman, Literaturgeschichtsschreibung im lateinischen Mittelalter und in der italienischen Renaissance (S. 177-198), möchte darstellen, "wie die mittelalterlichen und späteren Schriftsteller ihre eigene, nachklassische Literaturtradition betrachteten" (S. 180), und benennt einige Wendepunkte der wechselvollen Geschichte der Gattung von De viribus illustribus und der Accessus ad auctores  --  eine interessante Vorgeschichte der eigentlichen Literaturgeschichte.  --  Tomas Tomasek, Über den Einfluß des Apolloniusromans auf die volkssprachliche Erzählliteratur des 12. und 13. Jahrhunderts (S. 221-239), untersucht, ob die antike Historia Apollonii der frühen volkssprachlichen Erzählliteratur als prägendes Modell des Liebes- und Abenteuerromans gelten kann, und bejaht dies für die Frühzeit bis zum Tristan-Stoff durchaus.  --  Otto Gerhard Oexle, Auf dem Wege zu einer historischen Kulturwissenschaft (S. 241-262), komprimiert seine anderwärts ("Geschichte als Historische Kulturwissenschaft", Geschichte und Gesellschaft. Sonderheft 1996) ausführlicher dargestellten Vorstellungen von einem mit Émile Durkheim, Georg Simmel, Aby Warburg und Max Weber verbundenen neuen Paradigma von Geschichtswissenschaft als Kulturwissenschaft und stellt sich entschlossen dem Phänomen der Geschichtlichkeit auch der geschichtlichen Erkenntnis.  --  Erich Meuthen, Zur europäischen Klerusbildung vom 14. bis zum 16. Jahrhundert (S. 263-294), zeigt an den Kriterien Lese- und Schreibfähigkeit, Lateinkenntnisse, religiöses Wissen aller Art die Vielschichtigkeit des Phänomens, zudem bei regionaler Komparatistik oder einem Vergleich der geistlichen Ränge und dem gesellschaftlichen Umfeld. Die sehr differenzierte Untersuchung verbietet Pauschalurteile.  --  Dieter Mertens, Der Reichstag und die Künste (S. 295-314), betont zunächst den von P. Moraw ausgearbeiteten "institutionalisierten Dualismus" des spätma. "Reichstages", nämlich König und Stände ("Kaiser und Reich" u. ä.), und spürt dann den künstlerischen Impulsen nach: zunächst in der Rhetorik ('Türkenreden', allen voran Silvio Piccolomini), den Dichterkrönungen, Musikaufführungen ('Staatsmotetten') - alles vom Kaiserhof gesteuerte Aktivitäten -, dann aber auch in den Maler- und Humanistenkreisen, die mit den Fürsten angereist waren.  --  Ein Schriftenverzeichnis des Geehrten und ein Namenregister runden den Band ab.

Herbert Schneider


[6], S. 619

Ernst H. Kantorowicz, Götter in Uniform. Studien zur Entwicklung des abendländischen Königtums. Hg. von Eckhart Grünewald und Ulrich Raulff mit einer Einleitung von Johannes Fried und einem Nachwort von Eckhart Grünewald, Stuttgart 1998, Klett-Cotta, 391 S., Abb., ISBN 3-608-91224-X, DEM 298.  --  Der vorliegende Band enthält eine Auswahl von ursprünglich auf Deutsch verfaßten oder erstmals aus dem Englischen übersetzten Aufsätzen von K. aus den Jahren 1942 bis zu seinem Tode 1963. Die umfangreiche Einleitung von Fried (S. 7-45) sowie das am Schluß wiedergegebene Gespräch Grünewalds mit K.s (inzwischen verstorbenem) Schüler Robert L. Benson (S. 349-368) führen in Leben und Werk des bedeutenden Gelehrten in umfassender und spannender Weise ein.

Martina Hartmann


{620}

[7], S. 620

Karl Ferdinand Werner, Einheit der Geschichte. Studien zur Historiographie, hg. von Werner Paravicini (Beihefte der Francia 45) Sigmaringen 1999, Thorbecke, XII u. 277 S., Abb., ISBN 3-7995-7347-X, DEM 84.  --  Der Band gibt zwölf Arbeiten des früheren Pariser Institutsdirektors, darunter drei französisch verfaßte, aus den Jahren 1959 bis 1994 im Nachdruck wieder. In einem ersten Teil geht es um Grundfragen einer europäischen Geschichte, ihrer Erforschung und Darstellung, während sich im zweiten Teil Studien zur lateinischen Historiographie des frühen und hohen MA, namentlich zu Regino von Prüm, Adso von Montier-en-Der, Aimoin von Fleury, Ademar von Chabannes und zur Alexius-Legende, finden. Ein "Index historiographicus" vermittelt bequemen Zugang.

Rudolf Schieffer


[8], S. 620

Alfred Haverkamp, Verfassung, Kultur, Lebensform. Beiträge zur italienischen, deutschen und jüdischen Geschichte im europäischen Mittelalter. Dem Autor zur Vollendung des 60. Lebensjahres. Hg. von Friedhelm Burgard, Alfred Heit und Michael Matheus, Mainz - Trier 1997, von Zabern - Trierer Historische Forschungen, XXIII u. 553 S., zahlreiche Abb., ISBN 3-8053-2019-1, DEM 135.  --  Der 60. Geburtstag H.s war der Anlaß für diese Festschrift, die in den letzten 25 Jahren erschienene Beiträge zum Thema vereinigt und mit zahlreichen Abbildungen illustriert. Ein Verzeichnis der Schriften von H. (S. 515-524) sowie der von ihm betreuten Diss. und Habilitationen (S. 525 f.) als auch ein Orts- und Personenregister runden den Band ab, dem ein Geleitwort von H.s Lehrer Friedrich Prinz vorangestellt ist.

Martina Hartmann


[9], S. 620

Margaret Wade Labarge, A Medieval Miscellany. With Introductions by N. E. S. Griffiths, Ottawa 1997, Carleton University Press, XI u. 292 S., Abb., ISBN 0-88629-290-5, USD 29,95.  --  Ein buntes Kaleidoskop von kleineren Beiträgen der bedeutenden kanadischen Mediävistin wird hier vorgelegt, die zum geringen Teil bereits anderweitig gedruckt wurden. Die insgesamt 19 Beiträge, die, wie der Titel schon andeutet, sehr verschiedenen Inhalts sind, wurden unter die Oberthemen The Lives of Medieval Women, Aspects of Culture: Medieval and Modern, Highways and Byways of scholarly enquiry und Medieval Health Care gestellt. G. stellt zunächst die Autorin und ihr Leben und Werk vor.

Martina Hartmann


[10], S. 620

Bullettino dell'Istituto storico italiano per il medio evo 100 (1995-1996).  --  Der Jubiläumsband der renommierten Zs. steht unter dem Titel Studi medievali e immagine del Medioevo fra Ottocento e Novecento und enthält folgende 14 Beiträge wissenschaftsgeschichtlicher Natur: Girolamo Arnaldi, L'Istituto storico italiano per il medio evo e la ristampa dei RIS (S. 1-15).  --  Horst Fuhrmann, Die Monumenta Germaniae Historica und die Frage einer textkritischen Methode (S. 17-29).  --  Francisco M. Gimeno Blay, Alcanzar la verdad. La erudición decimonónica española estudia los testimonios escritos medievales (S. 31-63).  --  Pierangelo Schiera, Sviluppo delle scienze sociali e studio del medioevo nell'Ottocento (S. 65-107).  --  Renato Bordone, Il medioevo nell'immaginario dell'Ottocento italiano (S. 109-149).  --  Franco Cardini, Il medioevo in Gabriele D'Annunzio (S. 151-166).  --  Enrico Artifoni, Scienza del sabaudismo. Prime ricerche su Ferdinando Gabotto storico del medioevo (1866-1918) {621} e la Società storica subalpina (S. 167-191).  --  Hanno Helbling, Das Mittelalter im Geschichtsbild Jacob Burckhardts (S. 193-212).  --  Giulia Barone, Karl Lamprecht: un'eredità difficile (S. 213-234).  --  Anna Maria Voci, Harry Bresslau, l'ultimo allievo di Ranke (S. 235-295, mit einer Publikation von 10 Briefen aus der Korrespondenz Bresslaus, u. a. mit P. E. Schramm).  --  Paolo Delogu, Alle origini della "tesi Pirenne" (S. 297-325).  --  Cinzio Violante, L'Europa come soggetto della Histoire de l'Europe di Henri Pirenne (S. 327-330).  --  Fiorella Simoni, Oriente ed Occidente d'Europa nella cultura europea dell'Ottocento (S. 331-376).  --  Karol Modzelewski, Europa romana, Europa feudale, Europa barbara (S. 377-409), wendet das von W. Schlesinger entwickelte Modell zum Platz der Germanen in der europäischen Geschichte auf slavische Völker an.

Claudia Märtl


[11], S. 621

The Church Retrospective. Papers Read at the 1995 Summer Meeting and the 1996 Winter Meeting of the Ecclesiastical History Society. Ed. by R. N. Swanson (Studies in Church History 33) Woodbridge u. a. 1997, The Boydell Press, XXII u. 587 S., mehrere Abb., ISBN 0-9529733-0-8, GBP 40 bzw. USD 72.  --  Die hier abgedruckten 31 Referate der beiden Konferenzen kreisen um das Thema, wie die Kirche ihre eigene Vergangenheit gesehen und bewertet hat. Der zeitliche Rahmen erstreckt sich vom dritten Jh. bis in unsere Tage, und das MA ist durch folgende Ausführungen bedacht: Colin Morris, Bringing the Holy Sepulchre to the west: S. Stefano, Bologna, from the fifth to the twentieth century (S. 31-59), informiert über die wechselvolle Baugeschichte, in der sich auch die im Lauf der Zeit unterschiedliche Jerusalemverehrung manifestiert.  --  Simon Coates, Perceptions of the Anglo-Saxon past in the tenth- century monastic reform movement (S. 61-74), beschreibt, wie im 10. Jh. das Zeitalter Bedas als ganz durch das Mönchtum geprägte Epoche der Einheit verklärt wurde.  --  John Anthony McGuckin, St Symeon the New Theologian (949-1022): Byzantine spiritual renewal in search of a precedent (S. 75-90), gibt einen Überblick über Leben und Lehre des byzantinischen Theologen.  --  Christopher Holdsworth, The past and monastic debate in the time of Bernard of Clairvaux (S. 91-114), skizziert die unterschiedlichen Auffassungen der Zisterzienser und Benediktiner von ihrer eigenen Vergangenheit, speziell welcher Stellenwert der Handarbeit zuzubilligen sei.  --  Marjorie Chibnall, A twelfth-century view of the historical church: Ordericus Vitalis (S. 115-134), betont, daß Ordericus Vitalis (#[86] 1142) in seinem Bild von der Kirche durch Werke wie Eusebius' oder Bedas Kirchengeschichte, aber ebenso sehr durch seine eigenen Erfahrungen und sein Mönchsleben geprägt worden sei.  --  Lucy Bosworth, A thirteenth-century genealogy of heresy (S. 135-148), untersucht die Quellen, die Durandus von Huesca in seinem Liber antiheresis (vor 1207) heranzog.  --  Frances Andrews, Principium et origo ordinis: the Humiliati and their origins (S. 149-161), referiert über die im Dunkeln liegenden Anfänge der Humiliaten, die im 14. Jh. mit einem Besuch Bernhards von Clairvaux in Mailand und hundert Jahre später mit einer Gruppe lombardischer Adliger, die zur Zeit Kaiser Heinrichs II. nach Deutschland verbannt worden sein soll, in Zusammenhang gebracht wurden.  --  Takashi Shogimen, Ockham's vision of the primitive church (S. 163-175), zeigt an Ockhams Vorstellungen von der Urkirche, an der ihn besonders die Leitung durch die Apostel und deren Schüler interessiert habe, daß seine Benutzung der Bibel nicht nur {622} polemischen Zwecken diente, wie in der Forschung häufig behauptet wird.  --  Michael Wilks, Wyclif and the wheel of time (S. 177-193), beschreibt Wyclifs Auffassung der Kirchengeschichte.  --  Andrew Martindale, Theodolinda: the fifteenth-century recollection of a Lombard Queen (S. 195-225), ist eine Beschreibung und Interpretation der Fresken in der Theodolindenkapelle des Doms von Monza, die 1444 durch die Gebrüder Zavattari angefertigt wurden.  --  Die Aufsätze sind durch ein Namen- und Sachregister erschlossen.

Detlev Jasper


[12], S. 622

Guy P. Marchal (Hg.), Grenzen und Raumvorstellungen (11.-20. Jh.) - Frontières et conceptions de l'espace (11e-20e siècles) (Clio Lucernensis 3) Zürich 1996, Chronos Verlag, 346 S., Abb., Karten, ISBN 3-905311-98-4, DEM 48.  --  Der Band gibt die Referate eines Kolloquiums wieder, das im März 1995 in Luzern stattfand und von denen folgende genannt seien: Claudius Sieber-Lehmann, "Regna colore rubeo circumscripta". Überlegungen zur Geschichte weltlicher Herrschaftsgrenzen im Mittelalter (S. 79-91), deutet die rote Umrandung Italiens, Frankreichs und Deutschlands, durch die auf der Europakarte des Liber Floridus Lamberts von Saint-Omer die Zugehörigkeit der Länder zum imperium Romanorum Francorumque gekennzeichnet wird, als exakte Grenzlinie. Daß damit die Überordnung der geistlichen über die weltliche Macht und eine strenge Abgrenzung der beiden Sphären ausgedrückt werden soll, ist aus der Karte und aus dem sie umgebenden Text kaum zu entnehmen.  --  Patrick Gautier Dalché, Limite, frontière et organisation de l'espace dans la géographie et la cartographie de la fin du Moyen Age (S. 93-122), führt an einigen Beispielen des 13. bis 15. Jh. Versuche vor, die Angaben antiker Geographen mit den gegenwärtigen Gegebenheiten der regionalen und politischen Gliederung bei der Grenzziehung in Einklang zu bringen.  --  Hans-Joachim Schmidt, Grenzen in der mittelalterlichen Kirche. Ekklesiologische und juristische Konzepte (S. 137-162), gibt einen nicht immer zutreffenden Überblick über die kirchliche Raumgestaltung von den Anfängen im vierten Jh. bis zum Ende des MA, wobei die Errichtung oder Verlegung von Bistümern eine zentrale Rolle spielt; die Ausführungen bestechen durch überaus fehlerhafte Belege - genannt sei bloß Anm. 20 zum Dictatus papae Gregors VII.  --  Rosi Fuhrmann, "Duobus modis dicitur territorium". Überlegungen zur Reziprozität von weltlicher Nutzung und kirchlichem Recht als Katalysator politischer Territorialisierung (S. 163-196), möchte am Beispiel der Pfarrei im Spät-MA zeigen, "welche Bedeutung Religion und Kultus und das aus diesen geschöpfte oder durch sie legitimierte Recht haben können für die Ausbildung mehr oder weniger klar definierter, vom Umland unterschiedener oder abgegrenzter Räume" (S. 163 f.), wobei die Demonstration an konkreten Fällen vor lauter theoretischen Erwägungen auf der Strecke bleibt.  --  Helmut Maurer, Erzwungene Ferne. Zur räumlichen Dimension der Stadtverweisung im Spätmittelalter (S. 199-224) und Guy P. Marchal, "Von der Stadt" und bis ins "Pfefferland". Städtische Raum- und Grenzvorstellungen in Urfehden und Verbannungsurteilen oberrheinischer und schweizerischer Städte (S. 225-263), zeigen, daß hinter der Nennung von Entfernungen oder geographischen Angaben bei Verbannungen wohl eher ein konkretes Wissen um Distanzen als räumliche Vorstellungen anzunehmen sei.  --  Rainer Christoph Schwinges, Begegnung in Grenzen. Christen und Muslime im Heiligen Land des 12. Jahrhunderts {623} (S. 315-328), befaßt sich mit einem Modell Wilhelms von Tyrus (#[86] 1186) über ein Zusammenleben von Christen und Muslimen, das auf dem Bewußtsein einer gemeinsamen Geschichte, dem gleichen Recht für alle und dem Vorrang der Religiosität vor der Religion beruhe.

Detlev Jasper


[13], S. 623

Comunicazione e mobilità nel Medioevo. Incontri fra il Sud e il Centro dell'Europa (secoli XI-XIV) a cura di Siegfried de Rachewiltz e Josef Riedmann (Annali dell'Istituto storico italo-germanico. Quaderno 48) Bologna 1997, Il Mulino, 539 S., Abb., ISBN 88-15-06336-6, ITL 60.000, ist die italienische Version des im DA 54, 289 ff. angezeigten Tagungsbandes.

Marlene Polock


[14], S. 623

Jaarboek voor Middeleeuwse Geschiedenis 1 (1998), Hilversum, Verloren, 288 S., Karten, Abb., ISBN 90-6550-296-3, NLG 49.  --  Dieses neue niederländische Jb. für ma. Geschichte will vor allem Raum bieten für Beiträge auf dem "klassischen" Gebiet der ma. Geschichte. Als solches betrachtet die Redaktion die politischen, sozialen, ökonomischen, sowie institutionellen Aspekte der Geschichte. Geografisch richtet dieses Jb. sich auf die Geschichte der Niederlande im weitesten Sinne, d. h. einschließlich der südlichen Niederlande. Die sieben Aufsätze im ersten Band verteilen sich genau über die südlichen und nördlichen Niederlande: Dirk Heirbaut, Weduwen, erfgenamen en lenen. De evolutie van het feodale erf- en huwelijksvermogensrecht in Vlaanderen (1000-1300) (S. 7-26), beschreibt die flexible frühe Phase der Entwicklung des Lehnrechts in Flandern in den Jahren 1000-1300.  --  Auf Flandern beschränkt sich auch Brigitte Meijns, De vestiging van norbertijnenabdijen in het graafschap Vlaanderen (1129-1156) (S. 135-162), die die frühe Entwicklung der Prämonstratenser in dieser Grafschaft skizziert.  --  Der Beitrag von Bart Willems, Militaire organisatie en staatsvorming aan de vooravond van de Nieuwe Tijd. Een analyse van het conflict tussen Brabant en Maximiliaan van Oostenrijk (1488-1489) (S. 261-286), konzentriert sich auf das Herzogtum Brabant im Streit mit Maximilian in den Jahren 1488-1489, mit besonderer Berücksichtigung der 'military revolution' im Prozeß der modernen Staatsbildung.  --  Arnoud-Jan Bijsterveld, De goederen van monsigneur saint Vinchien aan Maas en Waal. Het middeleeuwse Fernbesitz van het Sint-Vincentiuskapittel te Zinnik (Henegouwen) in Velp en Dennenburg (Noord-Brabant) en in Weurt (Gelderland) (S. 27-72), untersucht den Besitz vom südlich von Brüssel gelegenen Stift Zinnik (Soignies) an den Flüssen Maas und Waal in der Nähe von Nimwegen.  --  Ganz in den Norden der Niederlande bringt uns der vorzügliche Beitrag von J. A. Mol und K. van Vliet, De oudste oorkonden van het Sint-Odulfusklooster van Staveren (S. 73-134), die die ältesten Urkunden des Klosters Staveren rehabilitieren.  --  Die holländische Ritterschaft steht im Mittelpunkt des Beitrags von A. Janse, Het leenbezit van de Hollandse ridderschap omstreeks 1475. Een analyse van het register Valor Feodorum (S. 163-204), der das im Auftrag Karls des Kühnen verfaßte Lehnsregister Valor Feodorum (um 1475) analysiert.  --  Koen Goudriaan, De derde orde van Sint Franciscus in het bisdom Utrecht. Een voorstudie (S. 205-260), präsentiert eine vorläufige Liste der Konvente der Diözese Utrecht, die im MA dem Dritten Orden vom Hl. Franziskus angehörten, nachdem er die grundlegende Liste, von {624} der bislang angenommen wurde, sie stamme aus dem Jahr 1470, überzeugend auf das Jahr 1570 umdatiert.  --  Das Jb. ist sorgfältig redigiert und mit zahlreichen Karten und Abbildungen versehen.

Rob Meens {624}


[15], S. 624

Werner Affeldt, Frauen und Geschlechterbeziehungen im Frühmittelalter. Ein Forschungsbericht, Mediaevistik 10 (1997) S. 15-156, berichtet mit z. T. sehr subjektiven Urteilen über die seit 1989 erschienene Literatur.

Klaus Naß


[16], S. 624

Struktur und Wandel im Früh- und Hochmittelalter. Eine Bestandsaufnahme aktueller Forschungen zur Germania Slavica. Hg. von Christian Lübke (Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa 5) Stuttgart 1998, Franz Steiner, 380 S., zahlreiche Abb., Karten, ISBN 3-515-07114-8, DEM 44.  --  Der Tagungsband zeigt unter Einbeziehung von Linguisten, Siedlungsgeographen und Archäologen in 31 Beiträgen die Leistungsfähigkeit und die Vielfalt der Forschungen zur Germania Slavica, der deutsch-slawischen Kontakt- und Symbiosezone zwischen Elbe/Saale und Oder. Im einzelnen enthält er folgende Aufsätze: Christian Lübke, Germania-Slavica-Forschung im Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas e.V.: Die Germania Slavica als Bestandteil Ostmitteleuropas (S. 9-16).  --  Fritz Backhaus, "Das größte Siedelwerk des deutschen Volkes". Zur Erforschung der Germania Slavica in Deutschland (S. 17-29).  --  Dorota Lesniewska, Zur Beurteilung der "deutschen Kolonisation". Eine Skizze zur böhmischen Geschichtsschreibung (S. 31-38).  --  Eike Gringmuth-Dallmer, Der hochmittelalterliche Landesausbau als Objekt interdisziplinärer Forschungen (S. 39-48).  --  Peter Donat, Archäologische Funde zur Geschichte der slawischen Siedlung und des Landesausbaus in der Wismarer Bucht. Methodische Probleme (S. 49-62).  --  Matthias Hardt, Die Erstellung historisch-archäologischer Inventare für die Städte des Landes Brandenburg am Beispiel von Lenzen in der Prignitz und Rathenow an der Havel (S. 63-80).  --  Karlheinz Hengst, Siedlung - Herrschaft - Sprachkontakt (S. 81-91).  --  Wolf-Rüdiger Teegen / Michael Schultz, Die Untersuchung von Gruppen- und Einzelverhalten historischer Populationen mit Hilfe der Paläopathologie. Fallstudien aus dem Gräberfeld (10. Jh.) von Starigard / Oldenburg (S. 93-100).  --  Almuth Alsleben / Helmut Kroll, Paläoethnobotanische Untersuchungen als Bestandteil der Erforschung slawischer Siedlungsplätze (S. 101-110).  --  Joachim Hermann, Spuren wechselseitiger Beeinflussung von slawischem und fränkisch-deutschem Befestigungsbau (S. 111-125).  --  Hauke Jöns, Der frühgeschichtliche Seehandelsplatz von Groß Strömkendorf (S. 127-143).  --  Volker Schmidt, Binnenländische Marktorte bei den Westslawen (S. 145-152).  --  Heiko Schäfer, Slawische Siedlungsstrukturen auf den Arealen der späteren mittelalterlichen Rechtsstädte in Mecklenburg-Vorpommern (S. 153-161).  --  Uwe Fiedler, Castrum und civitas Lubus / Lebus (S. 163-177).  --  Friedhelm Debus, Das Projekt "Starigard / Oldenburg - Wolin - Novgorod". Bemerkungen aus namenkundlicher Sicht (S. 179-185).  --  Michael Müller-Wille, Starigard / Oldenburg - Wolin - Novgorod: Besiedlung und Siedlungen im Umland slawischer Herrschaftszentren. Ein fachübergreifendes Forschungsprojekt (S. 187-198).  --  Ernst {625} Eichler, Zum Problem der historischen Sprachlandschaften im deutsch-slawischen Berührungsgebiet (S. 199-206).  --  Antje Schmitz, Die Ortsnamen im Hannoverschen Wendland (S. 207-215).  --  Cornelia Willich, Probleme der namenkundlichen Analyse im Gebiet der Wismarer Bucht (S. 217-224).  --  Elzbieta Foster, Zum siedlungsgeschichtlichen Aussagewert von Ortsnamen aus der Umgebung des Klosters Dargun (S. 225-230).  --  Kerstin Kirsch, Die östliche und südliche Uckermark in jungslawischer und frühdeutscher Zeit (11.-14. Jh.) (S. 231-240).  --  Gertraud Eva Schrage, Die Niederlausitzer Besitzungen des Klosters Nienburg an der Saale. Ein Beitrag zur mittelalterlichen Siedlungsgeschichte (S. 241-255).  --  Wolfgang Georgi, Zur Präsenz und Tätigkeit der Bischöfe der Magdeburger Kirchenprovinz im slawischen Siedlungsgebiet (10. bis Mitte 12. Jh.) (S. 257-271).  --  Heike Reimann, Zur Rolle des Klosters Dargun im Landesausbau in der ersten Hälfte des 13. Jh. (S. 273-278).  --  Hansjürgen Brachmann, Burgbezirk, Klosterbesitz und Markt Dargun. Archäologische Beiträge zu einer interdisziplinären Studie (S. 279-288).  --  Christine Kratzke, Dargun. Ein kolonisationszeitliches Kloster aus kunsthistorischer Sicht (S. 289-299).  --  Günter Mangelsdorf, Kloster Eldena bei Greifswald und der Beginn des deutsch-slawischen Landesausbaues in Vorpommern (S. 301-311).  --  Ulrich Müller, Gravierte Bronzeschalen im nördlichen Ostmitteleuropa (S. 313-332).  --  Michaela Scheibe, Neustammbildung und historisches Bewußtsein im Bereich der nördlichen Germania Slavica als mentalitätsgeschichtliches Forschungsproblem (S. 333-340).  --  Susanne Baudisch, Der Adel Nordwestsachsens im Landesausbau (S. 341-353).  --  Ernst Münch, Die sogenannten Magnaten unter den adligen Grundherren Mecklenburgs im 13. und 14. Jh. (S. 355-367).  --  Zur leichteren Erschließung des mannigfaltigen Inhalts sind dem Band Personen- und Ortsregister beigegeben.

Michael Lindner {625}


[17], S. 625

Michael Borgolte, Feudalismus. Die marxistische Lehre vom Mittelalter und die westliche Geschichtswissenschaft, ZHF 25 (1998) S. 245-260, ordnet die Diskussion in die allgemeine historiographische Tendenz ein, Epochen auf einen Begriff zu bringen. Zugrunde liegt dem die aufklärerische Vorstellung, Geschichte ließe sich rational erklären.

Ernst-Dieter Hehl


[18], S. 625

Hervé Martin, Mentalités médiévales, XIe-XVe siècles (Nouvelle CLIO. L'histoire et ses problèmes) Paris 1996, Presses Universitaire de France, LVIII u. 516 S., ISBN 2-13-047678-3, FRF 198.  --  Das vorliegende Buch bietet den gegenwärtig umfassendsten Überblick über aktuelle Tendenzen französischer Mentalitätsgeschichtsschreibung, nicht zuletzt durch eine sehr reichhaltige, thematisch geordnete, über dreizehnhundert Titel umfassende Bibliographie. Der zumindest für den deutschen Leser wohl überraschendste Befund ist die unübersehbare Distanzierung von den "Klassikern" der französischen Mentalitätsgeschichtsschreibung und namentlich von dem in Frankreich und anderswo wohl am meisten gelesenen Georges Duby. Der Autor sieht unter Berufung auf A. Boureau (Propositions pour une histoire restreinte des mentalités, Annales ESC, 1989, S. 1491-1504) eine Rechtfertigung der Mentalitätsgeschichte vor allem in ihrer Konzentration auf zeitlich und räumlich beschränkte Untersuchungsfelder. {626} Anhand gut ausgewählter Beispiele neuerer französischer Mentalitätsgeschichtsschreibung, die der Autor ausführlich vorstellt, gelingt es ihm überzeugend, methodische Ansätze und Fragestellungen von Mentalitätsgeschichte aufzuzeigen, wobei er ausdrücklich die beschränkte Aussagefähigkeit gewonnener Ergebnisse betont, die jede Verallgemeinerung ausschlössen. Abgeschlossen hat er sein Buch mit einem Bekenntnis zu einer "strukturalen Biographie", die er als "une des voies les plus sûres" begreift, um zu einer Erneuerung der Mentalitätsgeschichte zu kommen (Kapitel 14: Biographie et histoire des mentalités, S. 482). Auch wenn der Autor sich nach Kräften um eine moderne, d.h. mentalitätsgeschichtliche Rechtfertigung einer alten historiographischen Gattung bemüht hat, so zeigt dies vor allem eines: Allem behaupteten Modernismus zum Trotz kann und will gerade die Mentalitätsgeschichte nicht herkömmlicher historischer Erzählkunst entrinnen, was die zahlreichen, nicht zuletzt auch deutschen Skeptiker und Kritiker mentalitätsgeschichtlicher Ansätze beruhigen könnte. Bedauerlich, wenigstens aus der Perspektive des Frühmittelalterhistorikers, bleibt die ausdrückliche Aussparung der Zeit vor der Jahrtausendwende. Die Begründung dafür leuchtet nicht ein, zumal der Autor selbst dieses Konzept nicht durchhalten kann. Hier scheint M. den von ihm sonst so häufig befehdeten traditionalen Konzepten großer Teile der französischen Forschung allzusehr verhaftet, die der ersten Hälfte des 11. Jh. in vielen Bereichen den Charakter einer historischen Zäsur zubilligen. Problematisch, weil allzu philosophisch abstrakt und vor allem viel zu kurz begründet, erscheint auch die vom Autor vorgeschlagene Substitution des Begriffes "structures mentales" durch "idéologie" im Sinne Althussers, Gramscis und Foucaults (S. 9-10), zumal im weiteren Verlauf der Darstellung der Mentalitätsbegriff eindeutig überwiegt. Doch sind dies eher marginale Kritikpunkte, die den Wert dieses auch sprachlich glänzend geschriebenen Buches nicht beeinträchtigen können.

Henning Kortüm {626}


[19], S. 626

Michael Borgolte, "Selbstverständnis" und "Mentalitäten". Bewußtsein, Verhalten und Handeln mittelalterlicher Menschen im Verständnis moderner Historiker, AKG 79 (1997) S. 189-210, ist ein Abgesang auf die "Interpretationskonzepte von 'Selbstverständnis' und 'Mentalitäten'", ohne ihnen aber - pluralistisch wie man sich in der Postmoderne gibt - jeden Erkenntniswert abzusprechen. Gegenstand der eher philosophischen Exegese sind Arbeiten von Heinrich Schmidt, Karl Schmid und Frantisek Graus.

Klaus Naß


[20], S. 626

Tilman Struve, Heinrich IV. in der historiographischen Tradition des 19. und 20. Jahrhunderts, HJb 119 (1999) S. 52-64, vermittelt einen prägnanten Überblick der von deutschen Autoren seit H. Floto (1855/56) formulierten Urteile und betont deren Zeitgebundenheit.

Rudolf Schieffer


[21], S. 626

Credo ut intelligam. Martin Grabmann zum 50. Todestag. Begleitband zur Ausstellung, hg. von Thomas Prügl (Schriften der Universitätsbibliothek Eichstätt 41) St. Ottilien 1999, EOS-Verlag, 192 S., 41 Abb., ISBN 3-88096-931-0, DEM 35.  --  Mit vier Aufsätzen, der Beschreibung von zahlreichen Stücken aus dem Nachlaß und reichem Bildmaterial widmet sich der Band dem Gedenken an den großen Theologen, der 1928-1935 und 1946-1949 auch Mitglied der Zentraldirektion der MGH war.

Rudolf Schieffer


{627}

[22], S. 627

Gerd Tellenbach, Die drei Hörer einer Heidelberger Vorlesung "Einführung in die lateinische Paläographie des Mittelalters" im Sommersemester 1933, ZGORh 146 (1998) S. 552-557: es handelt sich um Ernst Schütte, den späteren hessischen Kultusminister; Ludwig Böhm, bald danach ein Helfer Tellenbachs beim Repertorium Germanicum und nach dem Krieg Museumsdirektor und Archivleiter in Mannheim; Kurt Schleyer, der aus jüdischer Familie stammte und nach seiner ursprünglich bei Karl Hampe geplanten Promotion, deren Begutachtung an Stelle von Günter Franz 1937 T. übernahm, zum Katholizismus konvertierte und sich dann in die Schweiz rettete. Ein ergreifender Brief von Schleyer in seiner Dissertationsangelegenheit an T. ist beigefügt.

Ernst-Dieter Hehl


[23], S. 627

Arnold Esch, Die Gründung deutscher Institute in Italien 1870-1914. Ansätze zur Institutionalisierung geisteswissenschaftlicher Forschung im Ausland, Jb. der Akademie der Wissenschaften in Göttingen 1997 (1998) S. 159-188, bezieht sich auf das Archäologische und das Historische Institut in Rom, das Kunsthistorische Institut in Florenz sowie die Bibliotheca Hertziana in Rom und geht vergleichend auf die wissenschaftsgeschichtlichen und die wissenschaftspolitischen Hintergründe ihrer Entstehung ein, insbesondere das Verhältnis von privater Initiative und (national-)staatlicher Förderung. Aktenstücke der Jahre 1907 bis 1910 zur Entstehungsgeschichte der Hertziana werden als Anhang in der italienischen Parallelversion abgedruckt: L'esordio degli Istituti di ricerca tedeschi in Italia, in: Storia dell' arte e politica culturale intorno al 1900. La fondazione dell' Istituto Germanico di Storia dell' Arte di Firenze, a cura di Max Seidel, Venezia 1999, Marsilio Editori, ISBN 88-317-7104-4, S. 223-248.

Rudolf Schieffer


[24], S. 627

Medievalism and the modernist temper. Edited by R. Howard Bloch and Stephen G. Nichols, Baltimore 1996, Johns Hopkins Univ. Press, 496 S., ISBN 0-8018-5086-X (hbk.) bzw. 0-8018-5087-8 (pbk.), USD 49,50.  --  Der vorliegende Sammelband versucht eine Neubesinnung der Romanistik und ihrer Entwicklung unter dem Aspekt einer "New Philology" (vgl. Speculum 65.1, 1990) und einem verstärkten Dialog mit anderen Disziplinen. Angestrebt ist nicht eine "traditionelle" Darstellung der Entstehung und Entwicklung der Disziplin, sondern des "contextualizing - socially, politically, and sexually - those factors that have made ... to shape the discipline" (S. 13). Mit Unschärfen ist allerdings zu rechnen: so sehen die Hgg. Mignes Patrologien als "Vorbild" (example) für die MGH (ebend.).  --  Die 17 heterogenen Beiträge reichen von der problemreichen Gründung der Germanistik aus Wort-Religion, kosmopolitischem Bildungsideal und nationalem Einheitsstreben (Jeffrey M. Peck, "In the Beginning Was the Word": Germany and the Origins of German Studies [S. 127-147]) über die Präsentation prägender Fachvertreter (G. Paris, J. Bédier, E. Auerbach, E. R. Curtius) bis zur Behandlung von editorischen Großunternehmen. Daraus nur einzelnes, über die Romanistik hinausgehendes.  --  Als Beispiel für "the medievalist's professionalization at the beginning of the twentieth century" taucht Ernst Kantorowicz (!) auf.  --  Alain Boureau, Kantorowicz, or the Middle Ages as Refugee (S. 355-367), skizziert seine Entwicklung vom Vf. eines "historicopolitical essay" (Friedrich II.) zu einem fußnotenwütigen "nomad of specialization", der sogar den Plan einer Änderung des Fuß- in ein Endnotensystem für die Zs. {628} Speculum heftig ablehnte.  --  Der Beitrag von R. Howard Bloch, "Du bon et du bon marché": The Abbé Migne's Fabulous Industrialization of the Church Fathers (S. 169-191), gilt dem Genie des Abbé Jacques-Paul Migne (1800-1875), dessen ungeistliche Geschäftsführung - Betrieb mit den verkommensten Handwerkern von Paris, Hungerlöhne und striktes Schweigegebot während der Arbeit  --  jedem Manchester-Kapitalisten Bewunderung abgenötigt hätte. Dieser "Napoléon des prospectus", der als Hg. ohne editorische Verantwortung ganz hinter dem titanischen Unternehmen verschwand, entwickelte auch ein ausgeklügeltes Werbungs-, Subskriptions- und Rabattwesen - wäre ihm nur nicht 1868 seine Buchfabrik abgebrannt. Von einer zeitgenössischen "Pleite" berichtet Hans Ulrich Gumbrecht, A Sad and Weary History: The Grundriß der romanischen Literaturen des Mittelalters (S. 439-471), und zeigt daran den durchgreifenden Wandel im Wissenschaftsstil der Romanistik auf, selbst seit 1971 als Redaktionssekretär und dann Mithg. mit der Neubearbeitung des Grundrisses befaßt: die wachsende Begeisterung an Marginalem, Unkanonischem und Individualistischem im Fach (a lively market for projects of individualism) habe ein Klima geschaffen, das einem Unternehmen wie dem Grundriß nicht günstig sei: "Who would be ready ... to spend a thousand hours editing manuscripts ..., and who would be tempted to pay a thousand dollars for a book that promises to eliminate any surprise and any individual perspective in its representation of a medieval genre?"

Markus Wesche {628}


[25], S. 628

Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen, Bd. 2: bî-ezzo, von Albert L. Lloyd, Rosemarie Lühr und Otto Springer (#[86]), Göttingen u. a. 1998, Vandenhoeck & Ruprecht, XV S. u. 1194 Sp., ISBN 3-525-20768-9, DEM 340.  --  1988 war der erste Band dieses offenbar doch schwierigen Projektes erschienen, das mit dem neuen Band nunmehr an das Ende von "e" gelangt ist. Die Nachweise sind eng verzahnt mit dem Althochdeutschen Wörterbuch, das mit der 16. Lieferung 1998 immerhin beim Buchstaben J angelagt ist, also auch für die weitere Bearbeitung des Etymologischen Wörterbuchs zur Verfügung steht. Unter den längeren Artikeln sei jener zum Personalpronomen "du" (Sp. 826-836) besonders hervorgehoben.

Arno Mentzel-Reuters


{629}

2. Hilfswissenschaften und Quellenkunde

1. Allgemeines, Methode S. 629. 2. Bibliographien S. 629. 3. Archive, Archivgeschichte S. 630. 4. Bibliotheken, Bibliotheksgeschichte S. 631. 5. Quellensammlungen S. 632. 6. Urkunden, Traditionen, Regesten, Register S. 633. 7. Diplomatik S. 648. 8. Staatsakten, Verträge S. 650. 9. Staatsschriften, Denkschriften, Fürstenspiegel S. 651. 10. Rechtsquellen: a) weltliches Recht, b) kirchliches Recht, c) Stadtrecht S. 652. 11. Wirtschaftsgeschichtliche Quellen, Urbare, Rechnungsbücher S. 659. 12. Briefe, Formularbücher, Ars dictandi, Rhetorik S. 661. 13. Chronikalische Quellen S. 663. 14. Hagiographie S. 671. 15. Bibel, liturgische Quellen, Nekrologe S. 681. 16. Patristik, Theologie, Philosophie S. 687. 17. Naturwissenschaften, Medizin, Enzyklopädie S. 695. 18. Literarische Texte S. 697. 19. Philologie, Sprach-, Namen-, Ortsnamenkunde S. 700. 20. Paläographie, Handschriftenkunde, Frühdruck S. 703. 21. Historische Geographie S. 705. 22. Genealogie S. 706. 23. Siegelkunde, Münzkunde, Heraldik, Inschriften S. 708. 24. Staatssymbolik S. 711. 25. Archäologie S. 713.

[26], S. 629

Textgenetische Edition, hg. von Hans Zeller und Gunter Martens (Beihefte zu editio 10) Tübingen 1998, Niemeyer, VI u. 345 S., Abb., ISBN 3-484-29510-4, DEM 178.  --  Insgesamt 18 Beiträge, die während einer Tagung diskutiert wurden, die vom 28. Februar - 3. März 1998 im Deutschen Literaturarchiv in Marbach (am Neckar) stattfand, vereinigt dieser Band. Direkt einschlägig für den Mediävisten ist keiner, so daß es hier bei einer kurzen Anzeige sein Bewenden haben kann. Dennoch tut der sich mit Editionen beschäftigende Mittelalterhistoriker gut daran, das, was in der Literaturwissenschaft vor sich geht, zur Kenntnis zu nehmen, schon um festzustellen, wie nah (oder wie fern) seine Probleme (von) denen der Nachbarn sind. Das die Aufsätze einigende Band kann hier beiseite bleiben: Zur französischen "critique génétique", einer seit den sechziger Jahren auf dem Boden des Strukturalismus erwachsenen literaturwissenschaftlichen Strömung, wird der Mediävist weder etwas beisteuern können (noch wollen) (Almuth Grésillon, Bemerkungen zur französischen "édition génétique", S. 52-64), aber das eigentliche Grundproblem ist ihm so unvertraut nun auch wieder nicht: Kommt es auf "die Herstellung der 'richtigen' Textgestalt" an oder aber darauf, "das gesamte, einem Werk zugehörige Handschriftenmaterial auf irgendeine Weise zu repräsentieren, es also zugänglich und lesbar zu machen?" (S. 52 f.). Zwischen beiden Zielen ist vieles denkbar (und manches sinnvoll), und stärker als früher wird man über die Rolle des Faksimiles als Mittel der Edition nachdenken müssen (Hans Zeller, Die Faksimile-Ausgabe als Grundlagenedition für Philologie und Textgenetik. Ein Vorschlag, S. 80-100). Manche Probleme sind allen Editoren gemeinsam, alte ("Wie lautet eigentlich der Text?"; Winfried Woesler, Die Darstellung von Textunsicherheiten und nicht eindeutigen Befunden, S. 250-284) und neuere (EDV; Hans Walter Gabler, Computergestütztes Edieren und Computer-Edition, S. 315-328; informativ auch: Jean-Louis Lebrave, Hypertext und textgenetische Edition, S. 329-345), kurz: Der Blick in Nachbars Garten ist manchmal lohnend.

Gerhard Schmitz


[27], S. 629

Dahlmann-Waitz, Quellenkunde der deutschen Geschichte. Bibliographie der Quellen und der Literatur zur deutschen Geschichte, 10. Aufl., hg. vom Max-Planck-Institut {630} für Geschichte. Bände 9-11: Register, 1. Teil: A-G, 2. Teil: H-O, 3. Teil: P-Z; Band 12: Wegweiser. Hilfen zur Benutzung, Stuttgart 1997, 1997, 1998 bzw. 1999, Hiersemann, 790 S., S. 791-1585, S. 1587-2411 bzw. 370 S. mit 2 Falttaf., ISBN 3-7772-9710-0, 3-7772-9724-0, 3-7772-9801-1 bzw. 3-7772-9905-7, DEM 640, 640, 690 bzw. 490.  --  34 Jahre nach dem Erscheinen der ersten Lieferung (vgl. DA 22, 640 f., zuletzt DA 47, 209) ist die Neubearbeitung des "Dahlmann-Waitz" zum Abschluß gelangt und auch das nur, weil auf die Behandlung der Entwicklung seit 1914 und eines großen Teils der Landesgeschichte des 19. Jh. verzichtet worden ist. Waren ursprünglich fünf Quartbände ins Auge gefaßt, so sind daraus trotz der erwähnten Einschränkung acht (für die eigentliche Bibliographie) geworden, und der zunächst vorgesehene einheitliche Redaktionsschluß mit dem Erscheinungsjahr 1960 ließ sich im Laufe der langen Bearbeitungszeit immer weniger aufrechterhalten, weshalb die einzelnen Teile des Werkes von ganz unterschiedlicher Aktualität sind. Dazu kommt eine höchst komplexe Systematik, die zum Auffinden bestimmter Betreffe oder gar einzelner Titel allerhand Übung erfordert. So ist Literatur von mediävistischem Belang hauptsächlich in den chronologisch angelegten Bänden 5 und 6 anzutreffen, die in den späten 70er und frühen 80er Jahren erschienen (vgl. DA 31, 580; 33, 221 f.; 35, 229 f.; 36, 583 f.; 41, 572 f.; 42, 235), daneben aber auch in großem Umfang - und nicht ohne Überschneidungen - in den quellenkundlichen und systematischen Partien der ersten beiden Bände sowie im Rahmen der Regionalgeschichte in den Bänden 3 und 4. Vor diesem Hintergrund entspricht es einem dringenden Bedürfnis, daß vier jetzt vorliegende Zusatzbände die Fülle der (nach Schätzung der Redaktion) mehr als 200 000 verzeichneten Veröffentlichungen weiter erschließen. Das Gesamtregister der Bände 9 bis 11 weist alphabetisch die Namen der berücksichtigten Verfasser, Herausgeber, Körperschaften (im Falle der MGH auf S. 1464 nicht ohne Mißverständnisse) und auch Sachtitel nach, bahnt also den Weg zur konkreten systematischen Plazierung und zu den genauen bibliographischen Angaben. Der als "Wegweiser" bezeichnete Schlußband 12 enthält neben der Gliederung des Gesamtwerkes und dem Abkürzungs- und Sigelverzeichnis in jeweils aktualisierter Gestalt als Kernstück die alphabetische Übersicht aller Überschriften, die zur Strukturierung des Materials in den Bänden auftauchen, was allerdings nur sehr bedingt als Ersatz für ein Sachregister angesehen werden kann. Schließlich versuchen auch noch zwei ausklappbare farbige Falttafeln, auf ihre Weise den Aufbau des verwinkelten Gebäudes einsichtig zu machen, das angesichts der inzwischen herangereiften technischen Möglichkeiten einleitend gewiß zu Recht als "letzte abgeschlossene deutsche historische Nationalbibliographie" eingeschätzt wird.

Rudolf Schieffer


[28], S. 630

Průvodce po rukopisnych fondech v Ceské republice. 2: Rukopisné fondy archivů v Ceské republice [Wegweiser durch die Handschriftenfonds der Tschechischen Republik. 2: Handschriftenfonds der Archive]. Red. Marie Tosnerová, Praha 1998, Archiv Akademie ved Ceské republiky-Komise pro soupis a studium rukopisů, 340 S., 33 Abb., ISBN 80-902464-2-7.  --  Nach den Adelsbibliotheken liegt nun ein weiterer Band vor. Das meiste betrifft zwar die frühe Neuzeit, manches Wichtige aber doch auch das Spät-MA, darunter so wichtige Sammlungen {631} wie die Bibliotheken der Domkapitel von Prag und Olmütz, die als Deposita in den Archiven liegen, mehrere Sammlungen des Mährischen Landesarchivs, des Brünner Stadtarchivs (Mitrovsky Bibliothek, Jakobspfarrkirche) u. a. m. Sammlungen, die gedruckte Hilfsmittel besitzen, werden nur knapp charakterisiert, die unbekannten ausführlicher, auch wenn das Material manchmal nur von lokaler Bedeutung ist. Rund 100 Archive überliefern ca. 2 400 ma. Hss. Umfangreiche Register erleichtern die konkrete Orientierung.

Ivan Hlavácek {631}


[29], S. 631

Detlev Heiden - Mechthild Black-Veldtrup, Das Marburger Online-Findbuch. Konsequenzen für die Erschließung und Präsentation von Archivgut, Der Archivar 52 (1999) S. 217-224.  --  Nachdem vor kurzem im Rahmen des Projekts "NRW-Archive im Internet" Beständeübersichten von über 400 nordrhein-westfälischen Archiven, die als Textdateien vorlagen und in Buchform publiziert sind, internetfähig gemacht wurden (siehe oben S. 215), wird im vorliegenden Beitrag über das DFG-Projekt "Prototyp eines online-fähigen Findbuchs" berichtet. Das Marburger Modell "weist in eine Richtung, die viele Archive in den nächsten Jahren einschlagen werden".

Alfred Gawlik


[30], S. 631

Christine Glassner, Schreiben ist lesen und studiern, der sel speis und des herczen jubiliern. Zu den mittelalterlichen Handschriften des Benediktinerstiftes Melk, StMGBO 108 (1997) S. 283-320, gibt anläßlich der Neukatalogisierung einen Überblick über die rund 1070 ma. Hss., die sich heute in Melk befinden. In drei Anhängen werden aufgelistet: 23 Hss. in Melk, die aus anderen ma. Kloster- und Dombibliotheken stammen, 84 Hss. "Melker Schrift- oder Bibliotheksprovenienz in Fremdbesitz" und 22 verschollene Melker Hss.

Klaus Naß


[31], S. 631

Anne Bondéelle-Souchier, Un inventaire de la bibliothèque de Fontcaude, Analecta Praemonstratensia 74 (1998) S. 5-40: Aus dem vorrevolutionären Frankreich sind lediglich 17 Bibliothekskataloge des Prämonstratenserordens bekannt, davon gerade einmal fünf aus dem MA, die zudem in der Mehrzahl auch nur fragmentarisch überliefert sind. B.-S. ediert und kommentiert erstmals nach Montpellier, Archives départementales de l'Hérault 13 H 1, f. 311-313v, ein bereits früher erwähntes vollständiges Textzeugnis aus der damaligen Diözese Narbonne, wobei die intensivere inhaltliche Auswertung und Beurteilung der künftigen Forschung überlassen bleibt.

Christian Lohmer


[32], S. 631

Anne F. Sutton & Livia Visser-Fuchs, Richard III's books. Ideals and reality in the life and library of a medieval prince, Stroud 1997, Sutton Publ., XVIII u. 333 S., zahlreiche Abb., ISBN 0-7509-1406-8, GBP 30.  --  Richard III. (König 1483-1485) signierte 20 Bücher mit seinem Namen, so daß eine gewisse Übersicht über seine Sammlung und seine Lesegewohnheiten möglich ist; drei Zuschreibungen von Büchern werden von den Autorinnen zurückgewiesen (Gesamtliste S. 279-298). Die Bücher werden zunächst in die Biographie, insbesondere die Familien- und Erziehungsgeschichte des späteren Königs integriert und dann nach einer Systematik erläutert (Themen: Devotional books - chivalric {632} ideals and reality - mirrors for princes - history - prophecy and the house of York - stories of love and example). Ein abschließendes Kapitel beschäftigt sich mit den buchmarktpolitischen Entscheidungen Richards, vor allem dem "Proviso of 1484", mit dem die Einfuhr ausländischer Bücher geschützt wurde (S. 251-264).

Arno Mentzel-Reuters


[33], S. 632

Bayerische Staatsbibliothek. Inkunabelkatalog (BSB-Ink), Bd. 4. Manu - Ricu, Redaktion Elmar Hertrich in Zusammenarbeit mit Hermann Engel, Günter Mayer und Gerhard Stalla, Wiesbaden 1998, Reichert, 570 S., ISBN 3-88226-453-5, DEM 598.  --  Das erfreulich voranschreitende Unternehmen wartet diesmal mit einem für Historiker durchaus interessanten Bereich auf; es seien die als Primärquellen anzusehenden Drucke von Edikten Kaiser Maximilians I. genannt (M-277 bis M-286), eine Totenrede auf Kaiser Friedrich III. (P-209 f.) sowie die zahlreichen Drucke von Werken des Enea Silvio Piccolomini (P-492 bis P-547). Buchgeschichtliche Bedeutung haben Originale von Buchanzeigen des Johannes Mentelin (M-333 f.) und Erich Ratold (R-13). Unbedingt erklärungsbedürftig ist aber die Verweisung von Martinus Oppaviensis, Chronica summorum pontificum imperatorumque auf Barberis, Philippus (S. 29); denn die unter diesem Autor geführte Chronik (vgl. BSB-Ink Bd. 2, B-79, S. 321) stellt eine Fortsetzung der Chronik des Riccobaldus Ferrariensis dar (vgl. RIS1 IX 1726, Sp. 263-276) und beschäftigt sich mit Ludwig dem Bayern. Es handelt sich um eine in Inkunabelkatalogen kursierende Erblast, die auf einen Fehler von Ludwig Hain, den Urvater aller solcher Werke zurückgeht. Hain führt Nr. 10857-10858 diese anonym gedruckten Chroniken unter "Martinus Polonus" auf. Man sollte die Verweisung entweder unterlassen oder aber auf ihren Hintergrund hinweisen, denn textkritische Zusammenhänge bestehen nicht!

Arno Mentzel-Reuters


[34], S. 632

Johanna Maria van Winter, Sources concerning the Hospitallers of St. John in the Netherlands, 14th-18th Centuries (Studies in the history of Christian thought 80) Leiden u. a. 1998, Brill, VIII u. 821 S., ISBN 90-04-10803-3, NLG 450.  --  Die Vf. hat sich der mühevollen Aufgabe unterzogen, die niederländischen Betreffe im Archiv des (Groß)Meisters der Johanniter auf Malta (AOM) sowie im Archiv des für die Niederlande zuständigen deutschen (Groß)Priors, heute im Generallandesarchiv Karlsruhe (GLA), herauszuziehen. Dafür gibt es bislang kaum Vorbilder. Die Auswertung der an der Ordenszentrale und beim (Groß)Prior entstandenen Quellen erfordert allerdings spezielle Kenntnisse über Verfassung, Verwaltung und Gewohnheiten der Johanniter. Die vorliegende Publikation stellt in dieser Hinsicht eine Pionierarbeit dar und gliedert sich in vier Teile. Der erste Teil (S. 29-192) enthält 211 Urkunden und Briefe der Ordensoberen von 1319 bis 1795, die meisten aus den Mitte des 14. Jh. einsetzenden Registern des (Groß)Meisters. Der zweite Teil (S. 193-387) ist ein Verzeichnis der Einkünfte der Kommende St. Katharina in Utrecht aus dem 14. Jh. mit zahlreichen Nachträgen, überliefert im Stadtarchiv Gent, das die Grundlage zum Verständnis der folgenden Beschreibungen bildet. Der dritte Teil (S. 389-657) nämlich bringt neun Visitationsberichte zu Utrecht und anderen niederländischen Kommenden bis 1732. Der erste geht auf die durch Gregor XI. {633} angeordnete Untersuchung zurück und wurde schon von Anne-Marie Legras, L'Enquête Pontificale de 1373 (1987) publiziert; die beiden folgenden, von 1495 und 1540, werden hier erstmals nach der vollständigen Überlieferung AOM 45 und AOM 6340 vorgelegt. Der vierte und letzte Teil (S. 659-685) betrifft frühneuzeitliche Prozesse und Polemiken zwischen dem Johanniterorden und den Generalstaaten. Erschlossen werden diese Quellen durch sechs minutiös gearbeitete Register. Freilich bleibt manches ungeklärt: frater Jacobus episcopus Zudensis, Komtur der Häuser Utrecht und Haarlem 1319 (Teil A Nr. 1), ist nicht identifiziert. Der Prior von Böhmen und Polen Herzog Ziemowit [!] von Teschen (Teil A Nr. 5) steht unter "Tessin, Symon duke of". Die Texte werden mitunter auf die für niederländische Betreffe wichtigen Passagen gekürzt, was bei langen Berichten verständlich ist, bei kurzen Urkunden (z. B. Teil A Nr. 2) jedoch weniger einleuchtet. Vollständigkeit der Quellen wird in weiser Selbstbeschränkung nicht beansprucht. Es bleiben umfangreiche Bestände wie die Protokolle des Ordensrates ab 1459 und des Staatsrates ab 1623, in denen niederländische Betreffe herauszusuchen dem sprichwörtlichen Bemühen um die Stecknadel im Heuhaufen gleichkäme. Diese Hinweise sollen die eindrucksvolle Leistung jedoch nicht mindern, an welcher sich künftig Studien zu den Johannitern messen lassen müssen. Eine grundlegende Klärung erfährt die Jahresdatierung in der Ordenskanzlei (S. 26 f. und Text A Nr. 180) nach dem calculus Florentinus. Für Studien zum Formular der Urkunden und Briefe, das bei den Johannitern vom 14. bis 18. Jh. nahezu unverändert blieb, höchstens um einige Klauseln aufgrund von Statutenergänzungen erweitert wurde, ist besonders zu begrüßen, daß nicht Regesten, sondern überwiegend die Texte selbst geboten werden.

Karl Borchardt {633}


[35], S. 633

Nicole Raynaud, Identification des possessions de l'abbaye de la Règle de Limoges mentionnées dans le diplôme de Pépin, Bulletin de la Société archéologique et historique du Limousin 126 (1998) S. 5-23, befaßt sich mit dem gefälschten Diplom eines Kaisers Pippin aus dem Jahre 837 (D Karol. I Nr. 42; ed. Levillain, in: BECh 75, 1914, S. 53-58), dem vielleicht eine echte Urkunde als Vorlage diente.

Rolf Große {633}


[36], S. 633

Gunther G. Wolf, Zum "lokalen" Datum des DO II. Nr. 21 vom 14. April 972, AfD 43 (1997) S. 11-14, hält an der Apostelkirche an der Piazza dei SS. Apostoli in Rom als Ort der Trauung und Krönung der Theophanu fest.

Klaus Naß


[37], S. 633

Wilhelm Störmer, Ein König besucht Amorbach. Zum Königsdiplom Konrads III., ausgestellt im Januar/Februar 1144 in Amorbach, in: Beiträge zur Erforschung des Odenwaldes und seiner Randlandschaften, Bd. 6, hg. von Winfried Wackerfuss, Neustadt 1997, Breuberg-Bund, ISBN 3-922903-06-1, DEM 45, S. 17-24, 3 Abb., behandelt DK. III 96, das er auf einen Bamberger Empfängerentwurf zurückführt, mit Hinblick auf den Rechtsinhalt wie auf die lokale Situation am Ausstellort.

Rudolf Schieffer


{634}

[38], S. 634

Thomas Willich, Zur Wirkungsgeschichte des Privilegiums Maius, ZHF 25 (1998) S. 163-207, legt den Schwerpunkt auf die Nachwirkung auf der Ebene des Reiches, die bisher wenig diskutiert wurde. An ihrem Anfang stehen die Bestätigungen des Maius durch Friedrich III. aus den Jahren 1442 und 1453. Rang- und Sitzordnungsfragen spielen die Hauptrolle; Zweifel an der Echtheit des und Kritik am Privilegium Maius sind bereits für 1545/46 (nicht erst zu 1592) zu belegen.

Ernst-Dieter Hehl


[39], S. 634

Guillelmi I. regis diplomata, edidit Horst Enzensberger (Codex diplomaticus regni Siciliae. Series 1: Diplomata regum et principum e gente Normannorum, T. 3) Köln u. a. 1996, Böhlau, XVIII u. 238 S., ISBN 3-412-00689-0, DEM 168.  --  Nach den Editionen der Urkunden Rogers II. (vgl. DA 45, 627), Tankreds und Wilhelms III. (vgl. DA 40, 247) sowie Konstanzes (vgl. DA 41, 225) liegt im Rahmen des großen wissenschaftlichen Unternehmens nunmehr auch der Band mit den Diplomen Wilhelms I., des jüngsten Sohns Rogers II., vor. Daß die bereits 1987 in Druck gegangene Edition erst nach neun Jahren erschien, liegt in einigen ungünstigen Umständen begründet, die Th. Kölzer, dem die Edition 1993 in der zweiten Umbruchkorrektur anvertraut wurde, im Vorwort kurz erläutert. Der Band vereinigt 35 Texte und 59 Deperdita. Mit D. 29 endet die Serie der regulären Diplome, denn die DD. 30, 31, 34 und 35 zählen zu den (insgesamt acht) Fälschungen. Das zeitlich späteste Diplom aus der Kanzlei Wilhelms ist D. 33 vom März 1166. Sein Testament (Dep. 27) ist nur noch in einem Bericht des Johann von Salisbury erwähnt. Die große Mehrheit der Diplome sind in lateinischer Sprache verfaßt. DD. 3 und 33 sind lateinisch-griechische Bilinguen, wobei der griechische Text des letzteren allerdings verloren ist. D. 32 stellt die einzige griechisch-arabische Bilingue dar. Eine arabische Platäa (urbarielle Aufzeichnung) in lateinischer Übersetzung liegt in D. 4 vor. Als griechische Urkunden treten uns die DD. 9, 21 und 23 entgegen, von denen freilich nur noch das erste im griechischen Wortlaut vorliegt. Auf Wunsch der mittlerweile verstorbenen Hg. C. Brühl und F. Giunta, die zu den geistigen Vätern des Codex diplomaticus regni Siciliae gehörten, wurden zwei Additamenta beigefügt. Das Additamentum ad diplomata latina Rogerii II. regis (S. 133-154) umfaßt 6 Urkunden, darunter 3 bisher unediert gebliebene Stücke des Notars Wido. Beim Additamentum ad diplomata Constantiae imperatricis et reginae (S. 159-160) handelt es sich um das bisher nur bruchstückhaft vorliegende D. 36, von dem sich inzwischen der vollständige Text gefunden hat. In der regionalen Verteilung der Urkunden führt Sizilien mit 15 Stücken, gefolgt von Kalabrien (7), dem Prinzipat Capua (5) und Apulien (3). Vier Diplome gingen an Empfänger außerhalb des sizilischen Königreichs. Die Tatsache, daß der überwiegende Teil der Urkunden (30 Diplome und 21 von den 27 datierten Deperdita) den ersten sechseinhalb Jahren von Wilhelms Regierung zuzurechnen sind, stellt nach E. ein klares Indiz für die politische Krise dar, die nach der Ermordung des Admirals (magnus ammiratus ammiratorum) Maio von Bari, Kanzler und engster Mitarbeiter des Königs, im November 1160 das Königreich erschütterte. Ein diplomatischer Leckerbissen wird mit D. 18 geboten, eine als besiegeltes Chirograph überlieferte Vertragsurkunde mit Genua, zu deren Siegelbefestigung mittels eines Pergamentstreifens das von der Hand des Notars Matheus stammende Konzept verwendet wurde. Bei der Einrichtung des Bandes hat sich {635} E. offensichtlich nur bezüglich des Setzens von Klammern bei der Auflösung von Abkürzungen "aus Rücksicht auf eine gewisse äußere Einheitlichkeit dieser Editionsreihe" an die Spielregeln gehalten. Im übrigen hat sich Andrea Stieldorf (Bonn) "in mühevollen Arbeitsgängen" (Vorwort) um formale Vereinheitlichung verdient gemacht, wofür ihr Dank gebührt. "Für Text und Inhalt trägt jedoch allein der Editor die Verantwortung". Dies gilt auch für das Fehlen einer archivalischen Übersicht und eines Wörterverzeichnisses der griechischen und arabischen Textteile.

Alfred Gawlik


[40], S. 635

Rudolf Hiestand, Ein unbekanntes Privileg Fürst Bohemunds II. von Antiochia für das Hospital vom März 1127 und die Frühgeschichte der antiochenischen Fürstenkanzlei, AfD 43 (1997) S. 27-46, untersucht und ediert den Neufund und widmet sich besonders den kanzleigeschichtlichen Aufschlüssen.

Klaus Naß


[41], S. 635

Hubert Houben, Federico II, l'Ordine Teutonico e il "castrum" di Mesagne: nuove notizie da vecchi documenti, Itinerari di Ricercha Storica 10 (1996) S. 31-62, bzw. Castrum Medianum 6 (1998) S. 27-69, publiziert und kommentiert aus dem Findbuch 177-178 des Deutschordens-Zentralarchivs in Wien 14 Regesten von im Jahre 1943 verbrannten Urkunden des Ordens zu seinem 1229 an Friedrich II. abgetretenen Kastell Mesagne (zwischen Brindisi und Oria), 12 für die Zeit 1222-1233 und je eines für 1248 bzw. ca. 1400, wovon drei bisher unbekannt waren. Durch diese Funde wird der gleichzeitig erschienene Artikel von J. M. Martin (siehe unten S. 741) in willkommener Weise ergänzt.

Walter Koller {635}


[42], S. 635

Monique Zerner, Cartulaire et historiographie à l'époque grégorienne: le cas de Saint-Victor de Marseille, Provence historique 49 (1999) S. 523-539, wertet, als Ergänzung zu ihrer Studie aus dem Jahre 1993 (in: Les cartulaires, vgl. DA 53, 622 f.), das "Grand cartulaire" von Saint-Victor in Marseille aus (ed. B. Guérard, Paris 1857) und behandelt in diesem Zusammenhang auch den Bericht über die angebliche Weihe der Klosterkirche durch Benedikt IX. am 15. Okt. 1040 (JL 1 S. 521).

Rolf Große {635}


[43], S. 635

Wilhelm Kurze, Minute nel fondo del monastero di S. Salvatore al Monte Amiata. Annotazioni critiche sulla tradizione del privilegio di Celestino II del 23 febbraio 1144 (CDA 344), Rivista di Storia della Chiesa in Italia 51 (1997) S. 451-462, untersucht im Kontext weiterer Papstprivilegien des Fonds Monteamiata und unter Berücksichtigung der zeitgenössischen historischen Situation dieses von Pflugk-Harttung für eine Fälschung, von Kehr für eine Minute des CDA 345 (Anastasius IV. vom 23. Oktober 1153) gehaltenen Dokuments für Abt Rainer mit dem Ergebnis, daß es sich zwar um eine Minute handelt, aber nicht um jene des Privilegs Anastasius' IV. Vielmehr wurde sie von der Abtei ausgefertigt für eines, das Eugen III., der aus politischen Gründen an einem Abkommen interessiert war, während seines Aufenthalts in der Gegend hätte ausstellen sollen, was aber durch seinen plötzlichen Tod am 8. Juli 1153 nicht mehr zustande kam. Die Dokumente, die der Nachfolger Anastasius IV. dann am 23. Oktober {636} desselben Jahres zugunsten von Monteamiata ausfertigte, nahmen nicht nur die Ergebnisse der vorangegangenen Verhandlungen auf, sondern erweiterten auch die Privilegien der Abtei.

Marlene Polock


[44], S. 636

Peter Orth, Eine ungedruckte Papsturkunde für die Benediktinerabtei Montiéramey. Zugleich ein Beitrag zum Briefstil des Nikolaus von Clairvaux / Montiéramey, StMGBO 109 (1998) S. 69-89, ediert aus Troyes, Bibliothèque Municipale Ms. 1924 eine Urkunde Hadrians IV. für Abt Guido III. von Montiéramey von 1154/59 und bringt die Hs., die Briefe Ivos von Chartres und Hildeberts von Lavardin enthält, mit Nikolaus von Clairvaux / Montiéramey in Verbindung.

Klaus Naß


[45], S. 636

Elda Biggi, Un intervento inedito di Martino IV tra frati minori e clero di Piacenza nel 1282, Archivum Franciscanum Historicum 90 (1997) S. 349-353, publiziert einen Neufund aus dem Archivio di Stato di Parma, Diplomatico, Varie, "Cartolario di S. Francesco di Piazza", leider ohne Regest und nahezu ohne Interpunktion.

Christian Lohmer


[46], S. 636

Ulrich Schwarz, Die ältesten Register der welfischen Herzöge für das Land Braunschweig (1344-1400), AfD 43 (1997) S. 285-316, analysiert die Register Herzog Magnus' I. (1344-1369), Magnus' II. (1369/70-1399) und die beiden Register Herzog Friedrichs (1370-1400), die nur noch abschriftlich oder durch ältere Teildrucke überliefert sind. Es handelt sich um allgemeine Kanzleiregister, die Belehnungen und auslaufende Urkunden verzeichnen und somit eine vergleichsweise "wenig differenzierte Registerführung" bieten.

Klaus Naß


[47], S. 636

Grand cartulaire de la Sauve Majeure, publié par Charles Higounet et Arlette Higounet-Nadal, avec la collaboration de Nicole de Peña, 2 Bde. (Études et documents d'Aquitaine 8) Bordeaux 1996, Université de Bordeaux, Féderation historique de Sud-Ouest, 1071 S., 2 Taf., ISBN 2-85408-026-2, FRF 1.255.  --  Das Benediktinerkloster Sauve Majeure (östlich von Bordeaux) wurde 1079 von Gerhard von Corbie gegründet und 1789 aufgehoben. Wirtschaftlich stand die Abtei bald in voller Blüte und wurde im 12. Jh. als Mutterkloster von über 70 Prioraten auch ein geistiger Mittelpunkt von weit über die engeren Grenzen bis nach Spanien und England hinausreichender Ausstrahlungskraft. Dieser hohen Bedeutung entspricht das um 1200 angelegte zweibändige "Grand cartulaire" mit seinen insgesamt 1480 Texten von 1079 bis 1356 (darunter zahlreiche Doubletten), das zu den Preziosen der Bibliothèque municipale von Bordeaux (Ms 769) zählt und bisher, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht publiziert war. Für Charles Higounet, den exzellenten Kenner der Landesgeschichte Südwestfrankreichs, war die Edition eine Herzensangelegenheit. Als er 1988 über dieser Arbeit starb, lag ein Manuskript zwar mit den Texten, aber ohne ausgearbeitete Regesten und Register vor. Diese ausstehenden Arbeiten ausgeführt zu haben, ist das Verdienst von A. Higounet-Nadal und N. de Peña. Das Gesamtergebnis der Bemühungen ist respektabel, aber keineswegs befriedigend, wie wenige Stichproben erkennen lassen (Nr. 102, S. 95, 6: lies Assumptionem statt Assumptionis; Nr. 1038, S. 571, 2: Rabulantium statt Pabulantium; Nr. 1101, S. 605, 23: rogatu statt rogati, S. 605, 26: caritatem statt cartatem; {637} Nr. 1340, S. 777, 4: possederat statt possidebat; Nr. 1341, S. 777, 21.24: Constantius statt Constantinus; Nr. 1415, S. 818, 5: molendino statt molendina, S. 818, 10: adiit statt abiit). Auf einen textkritischen Apparat und eine Analyse der Hs. wurde verzichtet. Bei der Abfolge der einzelnen Stücke hielt man sich an das Original, wohl schon allein aus dem Grund, weil sehr viele Einträge undatiert sind und einer sorgfältigen Prüfung unterzogen werden müßten, um innerhalb eines zeitlichen Rahmens genauer eingeordnet werden zu können. Das ausgebreitete Material bietet sich in der Regel in Form von Notitiae dar. Daneben finden sich aber auch Zins-, Einkünfte-, Güter- und Anniversarienverzeichnisse (Nr. 186, 766, 857, 1016, 1139, 1140, 1209, 1210, 1211, 1402, 1404, 1405), vor allem jedoch Dutzende von Königsurkunden - darunter das das Kloster nicht direkt betreffende Diplom Ludwigs des Frommen BM2 527 -, wobei nachzutragen wäre, daß die Diplome Ludwigs VI. (Nr. 1256, 1259, 1278, 1322 [?], 1415) inzwischen im Rahmen der "Chartes et diplômes" ediert wurden (vgl. DA 52, 212) und zu Rate zu ziehen wären. Des weiteren sind Urkunden von Päpsten und päpstlichen Legaten zu verzeichnen (Nr. 1015, 1018, 1048, 1102, 1103, 1106, 1162, 1169, 1170, 1262, 1317, 1370, 1371). Eine Besonderheit im Südwesten Frankreichs war der Brauch, in die an der Urkunde hängende Schnur oder Pressel zur Sicherheit und Bestätigung einen oder mehrere Knoten zu machen (Nr. 175, 634 und öfter); manchmal waren diese nodatores mit den Zeugen identisch (Nr. 845: nodos ad testimonium istos fecimus et propria manu hec signa crucis subscripsimus). Auch scheint die Lust am Reimen (besonders bei Arengen und Publikationen) groß gewesen zu sein (Nr. 81, 134, 141, 151, 159, 195, 224 und öfter). Einen ersten Zugang zu der Fülle und dem Reichtum der Texte eröffnen die drei Register (Index nominum, Index rerum, Index géographique).

Alfred Gawlik


[48], S. 637

Le livre Potentia des États de Provence (1391-1523). Publié par Gérard Gouiran et Michel Hébert (Collection de documents inédits sur l'histoire de France. Série in-8°, Vol. 25) Paris 1997, Comité des travaux historiques et scientifiques, XCII u. 535 S., ISBN 2-7355-0354-2, FRF 450.  --  Das hier erstmals edierte "Galgenbuch" - so genannt wegen des Galgens, der den Einband seit dem 16. Jh. ziert - enthält 50 Aktenstücke, vor allem 35 Protokolle der Ständeversammlungen der Provence, die bis 1481 dem Königreich Neapel unterstand. Daher erklärt sich wohl auch der unterschiedliche Charakter im Vergleich zu den Beschwerdeschriften andere Provinzialstände, denn hier sind die königlichen Antworten mit protokolliert, abgelehnte Beschwerden dagegen gar nicht aufgenommen worden, so daß die Sammlung einen fast offiziellen Rechtscharakter erhält, zumal auch die Schriftstücke seit 1404 archiviert und später umfangreich zitiert wurden. Das Ständebuch ist einerseits eine reichhaltige Quelle für viele Teilbereiche der Geschichte (Politik, Militär, Finanzen, Wirtschaft, Steuern, Recht, Institutionen), aber auch von großem philologischen Interesse, da es zunächst lateinische, später okzitanische und nach 1481 auch französische Texte enthält. Alle diese Aspekte werden in der Einleitung ausführlich erläutert und sind außerdem durch ein Glossar, Namen- und Sachregister gut zu erschließen.

Isolde Schröder {637}


[49], S. 637

I Registri della Cancelleria Angioina ricostruiti da Riccardo Filangieri con la collaborazione degli Archivisti Napoletani, Vol. 43: 1270-1293, a cura di {638} Massimo Cubellis (Testi e Documenti di Storia Napoletana) Napoli 1996 [richtig 1997], Accademia Pontaniana, XII u. 266 S., keine ISBN, ITL 55.000.  --  Der von C. sorgfältig edierte Band enthält zum einen das rekonstruierte Registrum iustitiariorum anni VI indictionis (Nr. XLII, 1292-1293) mit 520 Stücken zur Provinzialverwaltung, zum anderen additiones zu den Registern Karls I. und Karls II. zwischen 1270 und 1286; diese Ergänzungen, 211 Stücke (davon über 170 bislang unbekannt) aus dem Teil B des Nachlasses von Eduard Sthamer (im Deutschen Historischen Institut Rom, siehe DA 53, 607), bilden den interessantesten Bestandteil des Bandes. Sthamer überliefert nicht nur Regesten, sondern den vollen - und verläßlichen - Text des Registers und führt damit einmal mehr schmerzlich den Verlust an Informationsfülle vor Augen, den uns die Vernichtung der Register 1943 beschert hat. Offensichtlich beschaffte Sthamer als Ergänzung der normativen Quellen seines "Amtsbuches" (Das Amtsbuch des Sizilischen Rechnungshofes, 1942) Material zum konkreten Funktionieren der angiovinischen Verwaltung. So sammelte er eine Menge von alltagsgeschichtlich interessanten Informationen: Inventare von Nachlässen mit Gewändern, Juwelen und sogar Büchern; Hinweise zur Behandlung von Rechtsfällen, Verwaltung von Salinen, Münzen und Masserien sowie zum Schutz der jüdischen Gemeinden usw. Manche Akten lassen den Leser das politische Klima mit Händen greifen: die Geldgier des Hofes etwa, der 1278 nicht davor zurückschreckt, einen bereits laufenden Pachtvertrag über die indirekten Steuern der Insel Sizilien abrupt zu kündigen zugunsten eines nachträglichen Konkurrenzgebotes, das um 2 % höher liegt (S. 156 Nr. 100). Allgegenwärtig ist die ständige Angst der Behörden vor Unterschlagung, Betrug und Falschmünzerei, die zu einem anhaltenden Mißtrauen mit peniblen Kontrollen führt. Damit erbringt der Band einen wesentlichen Beitrag zur Vorgeschichte der Sizilianischen Vesper.

Walter Koller {638}


[50], S. 638

Ludwig Schmugge - Patrick Hersperger - Béatrice Wiggenhauser, Die Supplikenregister der päpstlichen Pönitentiarie aus der Zeit Pius' II. (1458-1464) (Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom 84) Tübingen 1996, Niemeyer, XII u. 273 S., ISBN 3-484-82084-5, DEM 78.  --  Die Bearbeiter des gleichzeitig als erster erschienenen Bandes IV des Repertorium Poenitentiariae Germanicum (vgl. DA 52, 674) ziehen mit diesem Buch die Summe aus ihrer Arbeit, geben gewissermaßen eine Einleitung in das Gesamtprojekt und demonstrieren die Auswertungsmöglichkeiten, die das neue Arbeitsinstrument bietet. Ähnlich wie das wohlbekannte, als Vorbild dienende Repertorium Germanicum stellt sich diese Regestensammlung, die für den Pontifikat Pius' II. über 4 000 Nummern umfaßt, als eine Fundgrube für die Sozialgeschichte des deutschen Klerus heraus. Bevor dem Leser dies anhand von z. T. ungemein farbigen Einzelfällen vorgeführt wird, gilt es allerdings, sich mit den rechts- und behördengeschichtlichen Voraussetzungen vertraut zu machen, unter denen die für die Diözesen des deutschen Reiches ausgewerteten Register der "Zentrale der Verwaltung des Gewissens" (S. X) entstanden. Die Aufgabe, in die Forschungsgeschichte, die Entwicklung der Pönitentiarie, den Geschäftsgang dieser Behörde und die Eigenheiten der aus ihr hervorgegangenen Archivalien einzuführen, hat L. Schmugge übernommen, der die ersten drei Kapitel verfaßt hat. Aus der Überschau ergeben sich auch Aufschlüsse für die Amtsauffassung des Piccolomini-Papstes, der seine Aufgaben offenbar recht ernst nahm (S. 27 f.). Die folgenden {639} Kapitel 4 bis 10 gelten den in den Registern zu findenden Materien, deren kirchenrechtliche Zusammenhänge jeweils detailliert erläutert werden, so daß die einzelnen Abschnitte auch als mit Fallbeispielen versehene kleine Einführungen etwa in das Eherecht (Kap. 4, P. Hersperger), die Rechtsprechung bei Vergehen von Klerikern wie Mord, Totschlag, Verstoß gegen den Zölibat (Kap. 5, B. Wiggenhauser) oder die Dispenspraxis für illegitim Geborene (Kap. 7, L. Schmugge) gelesen werden können. Kap. 6 (P. Hersperger und L. Schmugge) gilt einer besonders interessanten Kategorie von Suppliken (De declaratoriis), nämlich jenen, die nicht in ein vorgefertigtes Formular paßten und sich deshalb bisweilen zu kleinen Erzählungen auswuchsen, die ungeahnte Einblicke in das spätma. Alltagsleben geben. Die Kapitel 8 bis 10 befassen sich mit Weihehindernissen, Beichtbriefen und Gnadenerweisen für Pfarrkleriker. In allen Kapiteln wird abschließend ein Vergleich mit dem Material des Rep. Germ. VIII vorgenommen, d. h. es werden die Aktivitäten von Pönitentiarie und Kanzlei verglichen, und diesem Thema ist auch der letzte, wiederum von L. Schmugge verfaßte Abschnitt gewidmet, der schließlich noch einmal auf den Nutzen des Regestenwerks für die Landesgeschichte abhebt, den er an einigen Fallbeispielen aufzeigt (S. 232 ff.). Wie ist nun die Erteilung von Absolutionen, Dispensen und Lizenzen durch die oberste Beichtbehörde zu bewerten? Entsprechend den allgemeinen Tendenzen der jüngeren Forschung zu den kurialen Behörden formuliert L. Schmugge ein abgewogenes Urteil: Der Abmilderung gesellschaftlicher Spannungen und Rücksichtnahme auf die finanzielle Lage der Petenten stehen "Doppelspurigkeit, bürokratische Irrläufer, Schlamperei und Zufälligkeiten" gegenüber; jedenfalls: "Nicht zuletzt die Verwaltung des Gewissens bildete einen wesentlichen Teil der Herrschaft über die Christenheit" (S. 238).

Claudia Märtl


[51], S. 639

Regesten Kaiser Ludwigs des Bayern (1314-1347) nach Archiven und Bibliotheken geordnet, hg. von Peter Acht, Heft 5: Die Urkunden aus den Archiven und Bibliotheken im Regierungsbezirk Schwaben (Bayern), bearb. von Michael Menzel, Köln u. a. 1998, Böhlau, XXIX u. 191 S., ISBN 3-412-09398-X, DEM 82.  --  In nur sehr geringem Abstand zum vierten Band (oben S. 224) erschien in der bewährten Folge von Regestenpublikationen, die dem einzigen spätma. Reichsoberhaupt aus dem Hause Wittelsbach gewidmet sind, jetzt der folgende, der die Archive und Bibliotheken Bayerisch-Schwabens ausschöpft. Wie immer seien hier die wichtigsten Daten angeführt: Der Bearbeiter listet 342 Nummern auf: 308 echte Urkunden stehen einer gefälschten und 33 erschlossenen gegenüber; 185 Diplome sind noch im Original vorhanden; etwa 10 % des dargebotenen Materials waren der Forschung bisher noch nicht recht ins Bewußtsein gerückt (zum Großteil handelt es sich hier um die erschlossenen Stücke). Als Hauptlagerorte erweisen sich Institutionen in der größten Stadt der Region, Augsburg (Staatsarchiv, Stadtarchiv, für Abschriften auch die Staats- und Stadtbibliothek); eine beachtliche Fülle von Material befindet sich jedoch auch in den Fürstlich-Oettingenschen Archiven zu Harburg. In der Einleitung wird - wie in den bereits erschienenen Bänden - eine kurze Schilderung der "Phasen von Ludwigs Machtentfaltung in Schwaben" (S. X) geboten und auf die Urkundentypen, die Kanzlei und die äußeren und inneren Merkmale der Stücke eingegangen.  --  Die richtige Schreibung des Bearbeiters der auf S. 162 im Quellen- und Literaturverzeichnis genannten Barbarossa-Regesten ist "Opll".

Wolfgang Eggert {639}


{640}

[52], S. 640

Regesten Kaiser Friedrichs III. (1440-1493). Nach Archiven und Bibliotheken geordnet hg. von Heinrich Koller und Paul-Joachim Heinig, Heft 10: Die Urkunden und Briefe aus den Archiven und Bibliotheken des Landes Thüringen, bearb. von Eberhard Holtz; Heft 11: Die Urkunden und Briefe aus den Archiven und Bibliotheken des Freistaates Sachsen, bearb. von Elfie-Marita Eibl (Kommission für die Neubearbeitung der Regesta Imperii der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Deutsche Kommission für die Bearbeitung der Regesta Imperii bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz in Verbindung mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften) Wien u. a. 1996 bzw. 1998, Böhlau, 368 bzw. 376 S., ISBN 3-205-98512-5 bzw. 3-205-98802-7, DEM 128 bzw. 134.  --  Heft 10 ist das erste mit Urkunden und Briefen aus Archiven und Bibliotheken der neuen Bundesländer und zugleich das erste, das in der Berliner Arbeitsstelle der Regestenkommission erstellt wurde. In der Verteilung der Originale und Kopien liegt das Hauptstaatsarchiv Weimar an erster Stelle (205); als Fundgrube erwiesen sich ferner das Staatsarchiv Meiningen (70), das Stadtarchiv Erfurt (50), das Staatsarchiv Rudolstadt (32) sowie die Stadtarchive Mühlhausen (26) und Nordhausen (22). Da das alte wettinische Archiv in Wittenberg 1802 zwischen Kursachsen und den ernestinischen Hauptlinien Weimar und Gotha geteilt wurde, befinden sich zahlreiche Urkunden als Original bzw. Kopie sowohl in Dresden als auch in Weimar. Man fand für dieses Problem folgende Lösung: Bei den Urkunden, von denen in Weimar eine Kopie und in Dresden das Original vorliegt, wird hier nur ein kurzes Regest geboten und auf das ausführliche im folgenden Heft verwiesen. Von den insgesamt 593 Regesten des Thüringer Heftes beruhen 230 auf Originalurkunden, 145 Stücke wurden als Deperdita erschlossen. Mehr als ein Viertel aller Urkunden betrifft "Reichssachen". Gratial- und Gerichtssachen bilden zwei weitere größere Gruppen. In der Einleitung geht der Bearbeiter ausführlicher auf die aufgrund der politischen Verhältnisse vielgestaltige Archivlandschaft Thüringens ein.  --  In der sächsischen Archivlandschaft, die im Gegensatz zu Thüringen kaum zersplittert ist, nimmt das Hauptstaatsarchiv Dresden die dominante Stellung ein. Die Urkunden und Briefe aus seinen Beständen bilden die umfangreichste Gruppe des Heftes 11. Weiteres Material steuerten die Stadtarchive Leipzig, Zwickau, Bautzen und Görlitz bei, dazu das Archiv des Domstifts Meißen und Handschriftenabteilungen einiger Bibliotheken. Die Gesamtzahl der Regesten (640) schließt 122 Deperdita mit ein. Wie im vorigen Heft bilden auch hier "Reichssachen", gefolgt von Gratial- und Gerichtssachen, inhaltlich die großen Gruppen. Eine Reihe von Stücken spiegelt die engen Beziehungen der Wettiner zum Kaiser wider, die sie aufgrund der Kurfürstenwürde und verwandtschaftlicher Bindungen unterhielten. Nr. 327 ist ein Beleg für die Bemühungen der Herzöge von Sachsen, die Nachfolge nach dem Tod König Ladislaus' von Böhmen anzutreten. Zu den älteren Dokumenten, auf die man dabei zurückgegriffen hat, gehört u. a. das DF. I. 201.  --  Über die CD-ROM-Ausgabe mit den Heften 1-10 vgl. S. 224 f.

Alfred Gawlik


[53], S. 640

Regestenbuch der Urkundensammlung der Stadt Stettin 1243-1856. Teil 1: Regesten, Teil 2: Register. Auf Grund des Manuskriptes von Karl Otto Grotefend zum Druck vorbereitet von Bogdan Frankiewicz und Jerzy Grzelak. Hg. von dem Archiwum Panstwowe w Szczecinie, Stettin 1996, KAdruck, {641} XLVII u. 384 S. bzw. 199 S., ISBN 83-90-4401-3-X, PLN 35.  --  Ein besonders schmerzhafter Kriegsverlust des Preußischen Staatsarchivs Stettin sind die 529 Urkunden des Stadtarchivs Stettin, das seit 1924 dort als Depositum gelagert wurde. Seit dem Versuch, es 1942 durch Auslagerung vor Kriegsbeschädigung zu bewahren, gilt dieses Archiv als verschollen. Lediglich ein vom damaligen Direktor des Stettiner Staatsarchivs, Karl Otto Grotefend, erarbeitetes Manuskript mit den Regesten der heute verlorenen Urkunden des Stadtarchivs ist aus den Jahren 1927-1928 in deutscher Sprache erhalten geblieben. Die Stettiner Archivare Bogdan Frankiewicz und Jerzy Grzelak haben sich der Mühe unterzogen, diese Regesten zu überarbeiten und in einer Edition zugänglich zu machen. Ein dankenswertes Unternehmen, eröffnet es doch die Chance, viele bisher unbekannte und ungewürdigte Urkundeninhalte zur Geschichte der Stadt Stettin neu zu erschließen und die Stettiner Quellen als geschlossenen Bestand zur Kenntnis zu nehmen. Ein sorgfältiges Orts-, Personen- und Sachregister erleichtert den raschen Zugriff.  --  Neben einigen drucktechnischen Schönheitsfehlern weist diese Edition dennoch Schwächen auf. Die in der zweisprachigen Einleitung (S. XI-XLII) beanspruchte Besonderheit des Regestenbuches, verlorene Urkunden des Stettiner Stadtarchivs einzig über das Manuskript Grotefends wieder zugänglich zu machen, erweist sich als unkorrekt, da ein Großteil der Stücke als kopial überlieferte Urkunden noch verstreut in verschiedenen Archiven auffindbar ist. Das zeigt eine Reihe von Funden bei Recherchen in diversen hansischen Archiven. Bei Frankiewicz und Grzelak findet sich zwar in der Einleitung der Hinweis auf Kopiare (S. XXVIII), bedauerlicherweise machen sie jedoch keine systematischen überlieferungsgeschichtlichen Angaben zu jedem Regest. Es werden lediglich Abdrucke einzelner Urkunden in Urkundenbüchern nachgewiesen. Für eine kritische, wissenschaftliche Bearbeitung wären Hinweise auf kopiale Volltexte aber unabdingbar gewesen. Trotz solcher Kritik handelt es sich jedoch um eine Fundgrube, der eine angemessene Würdigung durch möglichst große Verbreitung zu wünschen wäre.

Stephanie Irrgang {641}


[54], S. 641

Thomas Krzenck, Böhmische Bürgertestamente des 15. Jahrhunderts. Regestenverzeichnis, AfD 44 (1998) S. 141-186, verzeichnet 200 ausgewählte, z. T. ungedruckte Testamente aus der Zeit von 1401-1500.

Klaus Naß


[55], S. 641

Oorkondenboek van Gelre en Zutphen tot 1326. Aflevering 7: Klooster Bethlehem bij Doetinchem (laatste gedeelte), Spittaal te Zutphen, Bornhof te Zutphen, Particuliere charters te Zutphen, Oude en Nieuwe Gasthuis te Zutphen, Klooster Heer-Hendrikshuis te Zutphen, Klooster Het Rondeel te Zutphen, St.-Annagilde te Zutphen, uitgegeven door E. J. Harenberg (Rijks Geschiedkundige Publicatiën) 's-Gravenhage 1996, Instituut voor Nederlandse Geschiedenis, XV S. u. 201 (lose) Blätter, zahlreiche Abb., ISBN 90-5216-092-9, NLG 65.  --  In der vorliegenden Lieferung liegt in der zahlenmäßigen Verteilung der Urkunden das Kloster Bethlehem mit 31 Stücken an der Spitze (vgl. zuletzt DA 52, 669), gefolgt von den Zutphener Fonds Spittaal (23), Bornhof (11), particuliere charters (10), Oude en Nieuwe Gasthuis (4), St.-Annagilde (1), klooster Heer-Hendrikshuis (1) und klooster Het Rondeel (1). Die zeitlich früheste Urkunde entstammt dem Fonds des Zutphener Spitals (1268.10.11). Bis auf 12 Nummern (darunter 2 Deperdita) liegen die Urkunden noch im Original {642} vor. Davon ist Nr. 1305.10.13 (Fonds Bornhof) in Buchminuskel geschrieben. Der Fonds des Klosters Bethlehem hat zwei Papsturkunden aufzuweisen (Nr. 1310.04.07 und 1323.12.01). Bemerkenswert ist die "dei-gratia-Formel" in der Urkunde des Grafen Reinald I. von Geldern und Herzogs von Limburg (Spittaal Nr. 1284.03.21).

Alfred Gawlik


[56], S. 642

De oorkonden van Pitsenburg. Commanderij van de Duitse Ridderorde te Mechelen (1190-1794). Tekstpublicatie door A. Jamees, Deel 3: 17 januari 1345-16 december 1399, Antwerpen 1996, Provincie Antwerpen, Commissie voor Geschiedenis en Volkskunde, II u. 334 S., keine ISBN.  --  Neben den über 700 Dokumenten der ersten zwei Bände (vgl. DA 50, 660) sind hier weitere 345 Urkunden aus dem Fonds der Kommende publiziert (Nr. 714-1057), der inzwischen vom Rijksarchief Antwerpen in das Stadsarchief Mechelen verlegt wurde. Dazu kommt ein Anhang mit 2 Nummern. Der Komtur von Koblenz tritt mehrmals bei wichtigen Angelegenheiten in Erscheinung (Nr. 722, 761, 944, 964). Daneben sind mehrere Königs- und Papsturkunden (Nr. 793, 794, 980, 981, 1027, 1028, 1037, 1038, 1048), je eine Urkunde der Erzbischöfe Walram und Friedrich von Köln (Nr. 718, 987), ein wegen strittiger Zehnten erstelltes Rechtsgutachten (Nr. 867) und bezüglich der Abgabenfreiheit für Schiffe des Ordens an den Rheinzollstätten erlassene Urkunden der Kaiserin und Gräfin Margarethe (Nr. 726, 750) sowie der bayerischen Herzöge Albrecht und Wilhelm (Nr. 774, 925) besonders hervorzuheben. Den Abschluß des Bandes bilden Register der Personen und Namen.

Alfred Gawlik


[57], S. 642

Urkundenregesten des Staatsarchivs des Kantons Zürich, Band 3: 1385-1400, bearb. von Urs Amacher und Martin Lassner, Zürich 1996, Staatsarchiv des Kantons Zürich, 481 S., keine ISBN, CHF 100.  --  Mit dem vorliegenden Band sind weitere 1400 Urkunden bearbeitet (Nr. 3004-4427). Dazu kommen Nachträge zu Band 2 sowie Korrekturen und Ergänzungen zu den Bänden 1 und 2 (vgl. DA 48, 686). Das Material wird durch ein Orts- und Namenregister erschlossen, wobei ersteres auch Sacheinträge enthält. Mit Nachdruck sei auf das Stichwort Deutsches Reich mit den Unterstichwörtern Reichsbann, Reichskammer, Reichslehen, Reichssteuer, Reichsvogt sowie auf die Stichwörter König Wenzel (mit 35 Einträgen, darunter 11 Urkunden mit dem Hofgerichtssiegel) und Kaiser Karl IV. (mit 6 Nennungen, darunter eine Urkunde mit dem Hofgerichtssiegel) hingewiesen. Die Nr. 3789 verzeichnet eine deutsche Übersetzung der Urkunde König Rudolfs vom 26. Januar 1277 (Böhmer-Redlich 676).

Alfred Gawlik


[58], S. 642

I regesti dei documenti della Certosa di Padula (1070-1400), a cura di Carmine Carlone (Fonti per la storia del Mezzogiorno Medievale 13) Salerno 1996, Carlone Editore, LXIV u. 501 S., 35 Abb., keine ISBN, ITL 100.000.  --  Die heute als Kulturzentrum dienende Kartause San Lorenzo di Padula (Provinz Salerno) wurde um 1305 gegründet und 1807 aufgehoben. Eine dem Hl. Laurentius geweihte Kirche in Padula ist bereits 1152 bezeugt. Gefördert von den Grafen des Marserlandes und den Anjou, entwickelte sich die Kartause zu einem wirtschaftlichen und spirituellen Mittelpunkt der Region. Im 18. Jh. neigte sich das "Goldene Zeitalter" Padulas dem Ende zu. Wie bei anderen kampanischen Klöstern sind auch die Archivalien von Padula weit verstreut. Der erste Historiograph des {643} Klosters, Antonio Sacco (La Certosa di Padula, 1914/1930), kannte nur einen verhältnismäßig kleinen Teil der Überlieferung im Archiv des Klosters SS. Trinità di Cava (bei Salerno). Die dortigen Papst-, Königs- und Grafenurkunden sind ihm entgangen, desgleichen die Urkunden und Materialien im Archivio diocesano Capaccio, im Archivio della Certosa di Serra San Bruno sowie in den Staatsarchiven Neapel und Salerno. Verborgen blieb ihm auch ein angebliches Diplom Rogers II. in einem Privatarchiv. Die gesamten archivalischen Reste zusammengetragen zu haben, ist dem unermüdlichen Eifer von C. zu verdanken. Der umfangreiche Stoff ist zu 1043 Regesten verarbeitet, unter denen zahlreiche Urkunden von Päpsten und angiovinischen Herrschern zu verzeichnen sind. Besonders hervorzuheben sind das DF. II. BF 1373 (Nr. 23), ferner drei auf den Namen Rogers II. angefertigte, auf das Jahr 1133 datierte Fälschungen zugunsten des Benediktinerklosters Pisticci, das 1451 Padula übereignet wurde (Nr. 13, 14, 15; DDRo. II. #[86]26, #[86]27, #[86]33; siehe auch Guillelmi I. regis diplomata, Additamentum ad diplomata latina Rogerii II. regis Nr. #[86]27), der 1196 genannte Ugo di Macchia, dei et imperiali gratia comes Montis Caveosi et iusticiarius (Nr. 18), und schließlich eine angebliche, auf den März 1104 datierte Urkunde Herzog Rogers, des Sohns Robert Guiscards (Nr. 8). In der Einleitung berichtet C. über die Geschichte der Kartause und ihrer Archivalien. Mehrere Register runden den schönen Band ab, dem bald ein weiterer folgen soll.

Alfred Gawlik


[59], S. 643

Hubert Houben, Zur Geschichte der Deutschordensballei Apulien. Abschriften und Regesten verlorener Urkunden aus Neapel in Graz und Wien, MIÖG 107 (1999) S. 50-110, leistet einen gewichtigen Beitrag zur Rekonstruktion der 1943 vernichteten Bestände des Fondo Monasteri soppressi im Staatsarchiv Neapel, indem er 38 Urkunden der Zeit von 1212 bis 1459/64 (hauptsächlich jedoch des 13. Jh.), darunter ein bisher unbekanntes Stück Papst Gregors IX. von 1231 (Nr. 14), teils in Regesten, teils in Volltexten publiziert, soweit sie sich in Aufzeichnungen verschiedener Gelehrter in Wien (Deutschordens-Zentralarchiv) und Graz, aber auch Brindisi und Neapel erhalten haben. Einleitend geht der Vf. auf den Quellenwert für den Deutschen Orden im Umfeld der Seehäfen zum Heiligen Land ein.

Rudolf Schieffer


[60], S. 643

Rosaria Pilone, Le pergamene di San Gregorio Armeno (1141-1198) (Fonti per la Storia del Mezzogiorno Medievale 12) Salerno 1996, Carlone Editore, XX u. 171 S., 4 Taf., ISBN 88-86854-09-9, ITL 40.000.  --  Die urkundliche Überlieferung des ehemaligen Benediktinerinnenklosters San Gregorio Armeno in Neapel hat eine breite Spur hinterlassen. Aus dem 10.-13. Jh. kennen wir 3348 Stücke, von denen noch 521 im Original vorliegen: 500 davon im Staatsarchiv Neapel und 21 im Archiv der Società Napoletana di Storia Patria. Trotz dieses archivalischen Reichtums war das editorische Interesse bisher gering bzw. gar nicht vorhanden. Dies gilt übrigens auch für andere Fonds der "Monasteri soppressi", was umso verwunderlicher ist, als das Staatsarchiv Neapel trotz aller Kriegsverluste für die ma. Geschichte immer noch sehr bedeutend ist und man daher annehmen sollte, daß nach dem Desaster von 1943 alles darangesetzt werden würde, um die verbliebenen Bestände aufzuarbeiten. Möglicherweise hängt diese Zurückhaltung auch mit der Kurialschrift der neapolitanischen Notare zusammen, die von Friedrich II. wegen ihrer Tendenz zur Unleserlichkeit verboten {644} werden mußte. Vor diesem Hintergrund stellt der vorliegende Band einen ebenso mutigen wie wichtigen Schritt in die richtige Richtung dar. P. hat für ihre Edition aus historischen und paläographischen Gründen 50 Dokumente aus der normannischen Periode ausgewählt. Davon sind 46 noch als Originale überliefert, und nur 6 waren bisher durch Drucke bekannt, z. B. das Diplom Tankreds vom März 1192 (Nr. 44; Zielinski, Tancredi et Willelmi III regum diplomata Nr. 24), das erst in jüngerer Zeit von C. Salvati aufgefunden und publiziert wurde (vgl. DA 31, 245). Das von P. sorgfältig aufbereitete Material läßt ein mit Besitztümern bemerkenswert gut ausgestattetes Kloster erkennen, die besonders in den 70er und 80er Jahren von den Äbtissinnen umsichtig verwaltet wurden. Der Band schließt mit mehreren Verzeichnissen, einem Index der Namen und Sachen sowie einer Bibliographie.

Alfred Gawlik


[61], S. 644

Vincenzo Maria Egidi, Regesto delle pergamene dell'Archivio Capitolare di Cosenza, a cura di Raffaele Borretti (Teologia & Territorio 1) Cosenza 1996, Editoriale progetto 2000, 175 S., 5 Taf., ISBN 88-85937-83-7, ITL 20.000.  --  Die vorliegende Publikation ist dem 1989 verstorbenen Direktor des Staatsarchivs Cosenza zu verdanken, der sich um die Neuordnung dieses und weiterer Archive sowie die Erforschung der Geschichte der Region verdient gemacht hat. Die insgesamt 293 Regesten spiegeln nur einen kleinen Ausschnitt des einst reich bestückten Archivio Capitolare wider, das in den Wirren der Besetzung durch napoleonische Truppen zerstört wurde. Nur die in der Kathedrale aufbewahrten Dokumente blieben verschont; sie werden heute im Archivio storico diocesano aufbewahrt. Bereits 1955 sind die Regesten Nr. 1-117 in der von Egidi mitbegründeten Zs. "Calabria Nobilissima" erschienen, deren einleitende Bemerkungen aus der Feder des Bearbeiters der Hg. dem Benützer mit Nachdruck als Lektüre empfiehlt. Die Reihe der Dokumente führt bis zum Jahr 1759 und wird mit dem als beglaubigte Abschrift des 13. Jh. überlieferten Diplom Heinrichs VI. Böhmer-Baaken 379 für S. Giovanni in Fiore eröffnet (Abb. S. 171). Dem kalabresischen Kloster, dessen gleichfalls zertrümmertes Archiv in alle Winde verstreut wurde, begegnet man auch weiterhin, etwa in Nr. 2, einer von der Gräfin Teodora im April 1220 ausgestellten Urkunde, deren Abb. S. 172 mit dem bemerkenswerten Hinweis "atto autentico della Cancelleria Federiciana" versehen ist, leider ohne daß gesagt würde, worauf sich diese Beobachtung stützt. Unter Nr. 3 ist die am 30. Januar 1222 in Anwesenheit Friedrichs II. vorgenommene Domweihe in Cosenza (BF 1371a) verzeichnet (Teilabb. S. 173). Des weiteren sind Diplome Johannas I. von Anjou (Nr. 15), Ladislaus' von Ungarn (Nr. 20, 21) und Ferdinands I. von Aragón (Nr. 26, 27) hervorzuheben.

Alfred Gawlik


[62], S. 644

Emilio Sáez  - Carlos Sáez, Colección diplomática del monasterio de Celanova (842-1230), 1: 842-942 (Galicia 1) Alcalá 1996, Universidad de Alcalá, 210 S., ISBN 84-8138-163-2.  --  Das südöstlich von Orense im Nordwesten Spaniens gelegene ehemalige Benediktinerkloster Celanova (heute ein von den Salesianern geführtes Waisenhaus) wurde um 937 von dem aus galizisch-portugiesischem Hochadel stammenden, 1172 kanonisierten Rusendus, Bischof von Dumio-Mondoñedo, gegründet oder erneuert. Mit dem vorliegenden Heft wurde eine Reihe mit dem Ziel eröffnet, die zahlreichen und größtenteils noch nicht veröffentlichten galizischen Urkundenfonds bis 1230, dem Jahr der Vereinigung der Königreiche {645} León und Kastilien, durch Editionen sowie paläographische, diplomatische und kodikologische Studien auszuschöpfen. Seiner hohen Bedeutung in der Klosterlandschaft Galiziens entsprechend verfügte Celanova einst über eines der reichsten Archive Spaniens. Vieles davon ging verloren oder wurde zerstreut. Heute bildet der "Tumbo de Celanova" N° 986 in der Sección de Códices im Archivo Histórico Nacional Madrid die wichtigste Quelle für die Überlieferung. Es handelt sich um ein großformatiges Kartular aus dem 13. Jh., das für die vorliegende Edition mit Ausnahme von Nr. 59 die Grundlage abgibt. Die insgesamt 73 Texte, die auch eine Reihe von Königsurkunden bieten, sind kritisch ediert und werden durch ein kombiniertes Namen- und Sachregister erschlossen.

Alfred Gawlik


[63], S. 645

José Antonio García Luján, Códice diplomático procesal del monasterio de Santo Domingo de Silos (1346). Estudio Codicológico, Paleográfico, Diplomático y Edición (Serie Monografías 237) Córdoba 1996, Universidad de Córdoba, Servicio de Publicaciones, 191 S., ISBN 84-7801-284-2, ESP 1.500.  --  Vorgelegt wird die mustergültige Edition einer Abschrift der Dokumente, die Abt Juan IV. von Santo Domingo de Silos (1329-1349) auf der einen, der Stadtrat von Silos auf der anderen Seite im Streit um die Stadtherrschaft zur Unterstützung ihrer Rechtsposition dem Gericht König Alfons XI. von Kastilien (1312/25-1350) vorgelegt hatten, bevor die Sache am 30. Dezember 1345 zugunsten des Klosters entschieden wurde. Unmittelbar danach ist, wohl noch im Januar 1346, auf königlichen Befehl von Francisco Rodríguez für den Abt von Silos auf dessen Bitte hin eine Abschrift der Prozeßunterlagen angefertigt worden, die sich im Archiv der Herzöge von Frías (seit dem 16. Jh. die Stadtherren von Silos) erhalten hat, worauf bereits 1897 durch Dom Marius Férotin in seinem "Recueil des chartes de l'abbaye de Silos" aufmerksam gemacht wurde. Insgesamt handelt es sich um 37 Dokumente, beginnend mit einer Schenkung des kastilischen Grafen Fernán González und seiner Frau Sancha vom 3. Juni 954 und endend mit dem Urteil Alfons XI. 1345, wobei die oft sehr langen juristischen Schriftsätze der Prozeßparteien besonderes Interesse verdienen. Durch Namen-, Orts- und Sachregister (S. 159-191) bestens erschlossen, kodikologisch (S. 21-25), paläographisch (S. 27-37) und nach den Regeln der Diplomatik (S. 39-43) fachkundig präsentiert, warten die Texte jetzt auf ihre rechts-, sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Auswertung.

Peter Segl {645}


[64], S. 645

Regina Sáinz de la Maza Lasoli (#[86]), El monasterio de Sijena. Catálogo de documentos del Archivo de la Corona de Aragón, 2: 1348-1451 (Anuario de Estudios Medievales. Anejo 32) Barcelona 1998, Consejo Superior de Investigaciones Científicas, Institución Milá y Fontanals, Departamento de Estudios Medievales, VII u. 203 S., ISBN 84-00-07714-8 (Vol. 2) bzw. 84-00-07449-1 (Obra completa), ESP 2.000.  --  Zügiger als zu vermuten, ist der zweite, abschließende Band des Regestenwerks erschienen, in dem die im Kronarchiv zu Barcelona vor allem in den Registern der Königskanzlei verzeichneten Urkunden und Schreiben für das Kloster Sijena veröffentlicht werden. Leider ist die Bearbeiterin seit dem Erscheinen des ersten Bandes (DA 53, 615) überraschend verstorben; so konnte das Werk nur noch aufgrund ihrer bereits vorhandenen Unterlagen fertiggestellt werden, da sich weitere Untersuchungen der Register anscheinend allzu aufwendig {646} gestaltet hätten. Deswegen finden sich in diesem zweiten Band, der bis zum Tod der Priorin Beatriz Cornel (1427-1451) reicht und von großem Interesse für das Verhältnis des Konvents zu den Johannitern der Kastellanie von Amposta ist, insgesamt nur 478 Regesten, was angesichts der zunehmenden Überlieferungsfülle im Spät-MA kaum an eine vollständige Erfassung glauben läßt. Trotzdem muß man dankbar sein, daß diese Bestände, die manchmal interessante Einblicke in das Innenleben des Konvents erlauben, nun leicht zugänglich gemacht und durch ein neu hinzugefügtes Personen- und Ortsregister erschlossen worden sind. Die meisten Dokumente waren bisher unveröffentlicht, und lediglich die Bearbeiterin selbst hatte einige wenige publiziert, die von Bedeutung für die politische Geschichte waren (Repercusiones de la guerra de Castilla en el monasterio de Sijena, 1356-1375, in: Aragón en la Edad Media 10-11, 1993, S. 793-813). Obwohl die Ausführungen zur Struktur und zu den Mitgliedern des Konvents eher spärlich ausgefallen sind, ist der Band akzeptabel, doch man fragt sich, wieso die Zählung der Regesten wieder mit 1 beginnt und nicht an den ersten Band anschließt.

Ludwig Vones {646}


[65], S. 646

Dokumenty polskie z archiwów dawnego Królestwa Wegier [Die polnischen Urkunden aus den Archiven des ehemaligen Königreichs Ungarn], Vol. 1: Do 1450 r. [hg. v.] Stanislaw A. Sroka, Kraków 1998, Towarzystwo Naukowe "Societas Vistulana", 150 S., ISBN 83-909094-0-5, PLN 19,50.  --  Das Urkundenbuch fußt auf Archiven in Ungarn, der Slowakei, Rumänien und Kroatien und enthält 106 Urkunden (4 aus dem 13. Jh., 24 aus dem 14. Jh., 78 aus der 1. Hälfte des 15. Jh.), wovon 64 schon einmal veröffentlicht worden sind, aber in schwer erreichbaren Ausgaben, oft aufgrund von Abschriften. Berücksichtigt sind nur Diplome polnischer Aussteller, also keine Urkunden, die polnische Angelegenheiten betreffen und durch ungarische Könige ausgestellt sind. Die meisten beziehen sich auf Verträge zwischen polnischen und ungarischen Städten. Zu den interessantesten gehören: Elisabeth, die Königin von Ungarn und Polen nahm Herzog Johann von Masovien in ihre Dienste und zahlte ihm 2400 ungarische Florin jährlich. Dafür sollte er bei Bedarf mit 30 Rittern unter Waffen stehen (Crissii 20.12.1383); König Wladislaus von Polen verpflichtet sich, Elisabeth, die Tochter Sigismunds von Luxemburg und Witwe Albrechts II. von Habsburg, zu ehelichen, und verspricht, wenn er kinderlos sterbe, solle der Sohn von Elisabeth und Albrecht, Wladislaus, sein Nachfolger sein (8.3.1440); der Krakauer Bischof, Jan Radlica, schickt einem seiner Freunde ein Rezept gegen Kopfschmerzen (1382-1392); dieser Bischof war früher Leibarzt Ludwigs, des Königs von Polen und Ungarn. Das Urkundenbuch ist mit Einleitung in polnischer und lateinischer Sprache versehen und enthält ein Namen- und Ortsverzeichnis.

Jaroslaw Wenta {646}


[66], S. 646

Regesta Norvegica VII: 1370-1390, utgitt av Gunnar I. Pettersen og Knut Sprauten, Oslo 1997, Riksarkivet, 687 S., ISBN 82-548-0039-1 (serien) bzw. 82-548-0033-2, NOK 200.  --  Der siebte Band des norwegischen Regestenwerkes (siehe zuletzt DA 47, 593 und 53, 621) behandelt in seinen 1663 Regesten 21 bewegte Jahre nordischer Geschichte; Eckdaten wie der Stralsunder Friede zwischen Dänemark und den Hansestädten 1370, die Wahl Erichs von Pommern zum dänischen König 1375 gegen Albrecht von Mecklenburg, den Favoriten Kaiser {647} Karls IV., und schließlich die Anerkennung Erichs in Schweden und Norwegen 1389 haben auch ihre Bedeutung für die deutsche Geschichte. Darüber hinaus erfährt man aus den Regesten neben der überwältigenden Masse norwegischer privater Rechtsgeschäfte viel über die Tätigkeit der hansischen Bergenfahrer und der päpstlichen Kollektoren sowie über die Auswirkungen des Großen Schismas im Norden, so daß der Band auch eine europäische Perspektive erhält. Das Namenregister umfaßt Orte von Aachen bis Zutphen und Personen von Königin Margarete bis hin zu ihrem Diener Andres Gullklepp, das Sachregister bietet so interessante Stichworte wie bedrageri (Betrug), horkvinne (Prostituierte), pilegrimsferd (Wallfahrt), sild (Hering), sjakspill (Schach) und sjørøveri (Piraterie).

Roman Deutinger {647}


[67], S. 647

Quellen zur Geschichte der Stadt Kronstadt, 9. Bd.: Zunfturkunden 1420-1580 (Documente privind istoria oraşului Braşov, Vol. 9: Documente de breaslă 1420-1580), bearbeitet von Gernot Nussbächer und Elisabeta Marin, Kronstadt (Braşov) 1999, aldus Verlag, 458 S., ISBN 973-9314-41-4.  --  Der Band enthält 198 Urkunden aus dem Archiv von Kronstadt in Siebenbürgen, etwa zur Hälfte in deutscher, zur Hälfte in lateinischer Sprache abgefaßt, in beiden Fällen aber auch von einer modernen rumänischen Übersetzung begleitet. Fast die Hälfte der Urkunden gehört dem MA an, manche davon sind schon aus der Edition von Gustav Gündisch in den jüngeren Bänden vom "Urkundenbuch zur Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen" (1937-1991) bekannt. Es beginnt mit der berühmten Urkunde des Kronstädter Stadtrats, die eine Gerichtsstube über der Zunftlaube der Kürschner bezeugt, dem noch heute als Wahrzeichen der Stadt existierenden Rathaus. Das Register der Kürschnerzunft von 1506 enthält fast 300 Namen von Meistern und läßt damit auf ein blühendes Gewerbe schließen. Aufmerksam gemacht sei weiters auf eine von der deutschen Forschung bisher unbeachtete Urkunde König Sigismunds von 1428 sowie auf ungarische Königs- und rumänische Fürstenurkunden, welche die weithin privilegierten Handelsbeziehungen dieser ehemals deutschen "Stadt im Osten" illustrieren. In vielfacher Weise wird man zu sozial- und wirtschaftshistorischen Vergleichen angeregt. Die Kommentierung der Texte beschränkt sich auf Angaben zur hsl. und gedruckten Überlieferung. Ein Glossar und ein Namenregister erschließen die Edition, in die eine vom Editor, dem Kronstädter Archivar Gernot Nussbächer, auf deutsch und rumänisch abgefaßte Einleitung einführt und auch die lange Entstehungsgeschichte des im wesentlichen bereits 1982 fertiggestellten Werkes darlegt. Daß der letzte Band der "Quellen zur Geschichte der Stadt Kronstadt", eine Annalen-Edition, 1926 erschienen ist, ist eine Dokumentation unserer Zeitgeschichte.

Harald Zimmermann {647}


[68], S. 647

Caesar Cenci, Documenta Vaticana ad Franciscales spectantia. Ann. 1385-1492, Archivum Franciscanum Historicum 90 (1997) S. 85-135, teilt in seinem in gelehrtem Latein gehaltenen Vorwort mit, daß er in diesem Archivbericht die Dokumente der Avignoneser Päpste ausklammern will ("... non vero avinionenses, quorum exploratio notabile tempus postulasset"), informiert aber die Leser, die vielleicht gerade diese Zeugnisse suchen und damit die Lektüre einstellen, vier Zeilen weiter, daß er sehr wohl Clemens VII. und Benedikt XIII. {648} berücksichtigt, was auch auf S. 114-120 bestätigt wird. Das Verzeichnis ist als Ergänzung zum Supplementum ad bullarium franciscanum VII bzw. I-III zu verstehen und soll in Zukunft fortgeführt werden.

Christian Lohmer


[69], S. 648

Pavel Bolina, K interpretaci a datování Zdíkovych listin [mit Zusammenfassung: Zur Interpretation und Datierung der Urkunden von Heinrich Zdik], Cesky casopis historicky 97 (1999) S. 273-292.  --  In der Diskussion mit Jan Bistricky, der die undatierten Urkunden des Olmützer Bischofs Heinrich Zdik (1125-1150) - die ältesten Originale in Böhmen - in das Jahr 1141 datiert, versucht B., sie in die zweite Hälfte des Jahres 1136 zu verlegen.

Ivan Hlavácek {648}


[70], S. 648

Gerhard Baaken, Widerrufsvorbehalt und Urkundenfälschung. Beiträge zur Diplomatik und Rechtsgeschichte der Privilegien Kaiser Friedrichs II., AfD 43 (1997) S. 47-83, behandelt den seit 1195 in Privilegien Heinrichs VI. bezeugten Widerrufsvorbehalt (salvo in omnibus mandato et ordinatione nostra et heredum nostrorum), der nach päpstlichem Vorbild und als Folge des kaiserlichen Gesetzgebungsrechtes eingefügt wurde, und kann mehrere Fälle nachweisen, in denen geistliche Urkundenempfänger - darunter Gregor IX.  --  nach dem Edikt De resignandis privilegiis vom Dezember 1220 versuchten, durch Fälschungen und negative Interpolationen den jederzeit möglichen Privilegienwiderruf durch Friedrich II. zu umgehen.

Klaus Naß


[71], S. 648

Elfie-Marita Eibl, Zwischen Entwurf, Original und Kopie. Bemerkungen zu Formen von Urkunden und Briefen aus den Kanzleien Kaiser Friedrichs III., AfD 44 (1998) S. 19-41, macht auf eine neue diplomatische Überlieferungsform des 15. Jh. aufmerksam: die Nottel. Sie ist die verbindliche - besiegelte oder unbesiegelte - Vorlage für eine spätere Ausfertigung, steht also zwischen Konzept und Ausfertigung und findet sich bei Vertragsverhandlungen.

Klaus Naß


[72], S. 648

Ulrich Schwarz, Petenten, Pfründen und die Kurie. Norddeutsche Beispiele aus dem Repertorium Germanicum, BDLG 133 (1997) S. 1-21, informiert über die Besonderheiten der vatikanischen Registerüberlieferung und des kurialen Geschäftsganges und verdeutlicht an drei "Petentenbiographien" (Albert Cock aus Bremen, Heinrich Gerwen aus Lübeck, Ludolf Quirre aus Hannover) den Quellenwert des Repertorium Germanicum.

Klaus Naß


[73], S. 648

Christiane Schuchard, Ein neues Regestenwerk aus dem Vatikanischen Archiv: Das Repertorium Poenitentiariae Germanicum, BDLG 133 (1997) S. 23-36, gibt Auskunft über Überlieferung und Inhalt der im 15. Jh. einsetzenden Supplikenregister der Pönitentiarie und über die neue Editionsreihe des Deutschen Historischen Instituts in Rom.

Klaus Naß


[74], S. 648

Anna Adamska, Bibliographie de la diplomatique polonaise 1956-1996, AfD 44 (1998) S. 275-336, bietet 454 systematisch geordnete Titel, die durch ein Personen- und Ortsregister erschlossen werden.

Klaus Naß


{649}

[75], S. 649

Stand, Aufgaben und Perspektiven territorialer Urkundenbücher im östlichen Mitteleuropa, hg. von Winfried Irgang und Norbert Kersken (Tagungen zur Ostmitteleuropa-Forschung 6) Marburg 1998, Verlag Herder-Institut, VI u. 273 S., ISBN 3-87969-259-9, DEM 62.  --  Der Band fußt auf einer Tagung des Herder-Instituts, die im März 1997 deutsche, polnische, tschechische und slowakische Praktiker der quellenerschließenden Grundlagenforschung (mit Schwerpunkt im 13.-15. Jh.) zusammenführte. Im Ergebnis wird ein willkommener Überblick der Urkunden- und Regestenwerke aus dem weiten Raum vom Baltikum bis zu den Karpaten (einschließlich ihrer archivalischen Grundlagen) sowie die Einsicht in viele gemeinsame Probleme der Konzeption und Publikation vermittelt. Im einzelnen: Peter Johanek, Territoriale Urkundenbücher und spätmittelalterliche Landesgeschichtsforschung (S. 5-21).  --  Klaus Conrad, Erfahrungen bei der Bearbeitung des Preußischen Urkundenbuches (S. 23-28).  --  Bernhart Jähnig, Möglichkeiten zur Fortführung des Preußischen Urkundenbuches (S. 29-37).  --  Roderich Schmidt, Geschichte des Pommerschen Urkundenbuches (S. 43-50).  --  Norbert Kersken, Das Pommersche Urkundenbuch - eine Zwischenbilanz (S. 51-60).  --  Martin Schoebel, Überlieferung spätmittelalterlicher Urkunden aus Pommern im Landesarchiv Greifswald. Probleme und Perspektiven einer Edition (S. 61-79), mit Abdruck von vier spät überlieferten, bisher übersehenen Urkunden des Heilig-Geist-Stifts in Demmin aus den Jahren 1278 bis 1305 im Anhang.  --  Joachim Zdrenka, Bestände zur pommerschen Geschichte des 14./15. Jhs. in polnischen Archiven und Bibliotheken (S. 81-86).  --  Radoslaw Gazinski, Information über die Abschriften mittelalterlicher Urkunden in den Aktenbeständen des Staatsarchivs Stettin/Szczecin (S. 87-90).  --  Andreas Röpcke, Zur Geschichte und Perspektive des Mecklenburgischen Urkundenbuches (S. 99-106).  --  Klaus Neitmann, Geschichte und Zukunft des Liv-, est- und kurländischen Urkundenbuches (S. 107-121).  --  Andrzej Radziminski, Der Stand der Arbeiten an den territorialen Urkundenbüchern und Urkundensammlungen in Polen (außer Großpolen) (S. 125-133).  --  Antoni Gasiorowski/Tomasz Jasinski, Das alte und neue Großpolnische Urkundenbuch (Kodeks dyplomatyczny Wielkopolski) (S. 135-142).  --  Winfried Irgang, Das Schlesische Urkundenbuch - ein Resümee (S. 153-162).  --  Roscislaw Zerelik, Schlesisches Urkundenbuch oder Schlesische Regesten? Überlegungen zur Kontinuität der Editionstätigkeit (S. 163-170).  --  Daphne Schadewaldt, Erfahrungen beim Einsatz der EDV bei der Erstellung eines Urkundenbuches (S. 171-176).  --  Roman Stelmach, Die Sammlung von Kopialbüchern im Staatsarchiv Breslau (S. 177-182).  --  Martin Wihoda, Die Bestände der Troppauer Archive als Quelle für regionale Urkundenbücher (S. 183-187).  --  Tomasz Jurek, Die Edition der Schweidnitzer Landbücher (S. 189-194).  --  Richard Marsina, Stand und Perspektiven der Arbeit am Codex diplomaticus et epistolaris Slovaciae (S. 209-218).  --  Vincent Sedlák, Die Bearbeitung der Regesta diplomatica nec non epistolaria Slovaciae (S. 219-223).  --  Ivan Hlavácek, Regesta Bohemiae et Moraviae aetatis Venceslai IV. Ein Beispiel für bestandsorientierte territoriale Regestenwerke des Spätmittelalters (S. 227-236).  --  Bozena Kopicková, Der Stand der Bearbeitung der Regesta diplomatica nec non epistolaria Bohemiae et Moraviae (S. 237-243).  --  Zbynek Sviták, Codex diplomaticus et epistolaris Bohemiae (Stand und Perspektiven der Arbeit) (S. 245-257).  --  Olaf B. Rader, Auf dem Wege. Die Constitutiones {650} et acta publica imperatorum et regum der Monumenta Germaniae Historica  --  ein Überblick zum gegenwärtigen Stand des Projekts (S. 261-271).

Rudolf Schieffer


[76], S. 650

Dispacci sforzeschi da Napoli I: 1444-2 luglio 1458, a cura di Francesco Senatore, prefazione di Mario Del Treppo (Fonti per la storia di Napoli aragonese 1) Salerno 1997, Carlone editore, XX u. 707 S., ISBN 88-86854-07-2, ITL 150.000.  --  Die Altbestände des Staatsarchivs Neapel wurden bekanntlich im September 1943 großenteils vernichtet, als deutsche Soldaten eine Villa anzündeten, die als Auslagerungsdepot diente; ob sie dies in voller Kenntnis der Nutzung taten, ist umstritten. Von den seither laufenden Bemühungen, die Lücken zu füllen, haben im deutschen Raum vor allem die Aktivitäten, die dem Nachlaß E. Sthamers (#[86]1938) gelten, der zahlreiche Aktenstücke zur Geschichte Unteritaliens im 13. und 14. Jh. exzerpiert und abgeschrieben hatte, Bekanntheit erlangt (vgl. A. Esch - A. Kiesewetter, QFIAB 74 (1994) S. 646 ff. und auch oben S. 637). Der vorliegende Band, dem noch vier weitere folgen sollen, die den Zeitraum bis 1465 abdecken, verdankt seine Existenz ebenfalls der Suche nach Beständen, die das Verlorene ausgleichen könnten. Die Einleitung von Mario Del Treppo macht das Trauma des Jahres 1943 deutlich und erklärt die Anlage des geplanten Werks. Es geht darum, aus den in italienischen Archiven zahlreich erhaltenen diplomatischen Korrespondenzen diejenigen Texte zu erfassen, die sich auf Kontakte mit dem aragonesischen Hof in Neapel beziehen, sofern sie Informationen zu "il re, la corte, la città, il regno" (S. VIII) bieten. Aus den venezianischen Beständen sind bereits sieben Bände erschienen, die aber erst im letzten Viertel des 15. Jh. einsetzen, und die florentinischen Bestände sind für sieben Jahre (1485-1492) großenteils anderenorts gedruckt worden (vgl. die Übersichten S. VI f. Anm. 6 und S. IX f. Anm. 10). Mit der Auswertung des Sforza-Archivs in Mailand werden weitere zwanzig Jahre gewonnen; zudem bezieht die Textsammlung auch die für diese Zeit noch wenig umfänglichen Bestände in Florenz, Modena und Siena ein. Die im ersten Band gedruckten Texte umfassen 268 durch Kopfregesten und Indices erschlossene Berichte, die meist aus Unteritalien und in einigen Fällen aus Rom (1452) abgesandt wurden. Sie geben, chronologisch geordnet, ein äußerst detailreiches Bild vom Leben der politisch aktiven Schicht. Reflexe fallen auf die Bemühungen um einen Türkenkrieg, die Heirat der Nichte König Alfons' I. von Neapel mit Kaiser Friedrich III. und die französischen Ansprüche auf Unteritalien, so daß diese Materie nicht nur für inneritalienische Verwicklungen, sondern für die gesamte europäische Geschichte jener Zeit von Interesse ist, ganz zu schweigen von den Erkenntnissen, die sich für die Erforschung höfischen Lebens gewinnen lassen. Zeiteinteilung, Zeremonienwesen, Austausch von Geschenken, Festkultur, Frömmigkeit, Familien- und Klientelbeziehungen ließen sich anhand dieser Berichte behandeln, aber es kommen etwa auch die Folgen des Erdbebens von 1456 oder von Pestepidemien zur Sprache. Trotz der vom Betreuer angesprochenen Möglichkeit der Nutzung moderner Medien (vgl. S. VII f. Anm. 9 zur Mikrofilm-Sammlung V. Ilardis in Yale) wird man den Bearbeitern spätestens dann dankbar sein, wenn man einen Blick auf die beigegebenen Abb. geworfen hat; zudem sind die Texte mit einem teilweise recht ausführlichen Kommentar zu Daten, Personen {651} und historischen Zusammenhängen versehen, den auch der beste Mikrofilm nicht ersetzen könnte.

Claudia Märtl


[77], S. 651

Wilhelm Baum (Hg.) (unter Mitarbeit von Felix Kucher und Raimund Senoner), Engelbert von Admont. Vom Ursprung und Ende des Reiches und andere Schriften (Grazer Beiträge zur Theologiegeschichte und Kirchlichen Zeitgeschichte 11) Graz 1998, Leykam, 312 S., ISBN 3-7011-7391-5, ATS 298 bzw. DEM 41.  --  Vier Schriften des steirischen Abtes werden ohne textkritische Ansprüche im vorliegenden Gemeinschaftswerk abgedruckt und übersetzt: De ortu et fine Romani Imperii (nach dem Druck von Joachim Cluten, Offenbach 1610), der Heiratstraktat Utrum sapienti competat uxorem ducere (ohne Angabe der Druckvorlage!), der autobiographische Brief Engelberts an Magister Ulrich von Wien (nach der Edition von Fowler) und der als Vorrede zur Auslegung des 118. Psalms kursierende Brief an Erzbischof Konrad IV. von Salzburg (ebenfalls nach dem Druck von Fowler). Ein editorischer Fortschritt ist also kaum zu erkennen, mißlicherweise ist sogar vereinzelt der lateinische Text durch Augensprung ausgefallen, in der Übersetzung aber vorhanden (S. 128 gegen S. 129 "wegen des Hochmutes... wie weiter oben gesagt worden ist"; oder S. 204 gegen S. 205 "Traktat über den Zustand der Toten..."). Ein Fortschritt wäre also am ehesten in der Kommentierung zu erwarten. Aber auch hier zeigen sich erhebliche formale und sachliche Mängel. Die meisten Anmerkungen lassen sich mangels Angabe der zitierten Ausgabe nicht überprüfen. Jedenfalls kommt die künftige MGH-Edition bei den meisten Aristoteles-Zitaten zu abweichenden Fundstellen. Und die Übersetzung? Man kann auch sie nicht gerade elegant nennen (etwa S. 116 Super illud fundamentum sunt omnia regna constituta et erecta mediantibus duabus columnis, scilicet iustitia et potentia wird S. 117: "Auf jenem Fundament sind alle Königreiche gegründet und errichtet worden, während zwei Säulen dazwischen wirksam waren, nämlich die Gerechtigkeit und die Macht"). Und kann man die Glossa ordinaria mit "Erklärung" übersetzen, gar mit "einer Erklärung" (vgl. S. 118 de qua discessione dicitur in glossa ibidem wird S. 119 "Von diesem Abfall wird in einer Erklärung daneben gesagt...")? - Ein untersuchender Teil "Über Engelbert" beleuchtet das historische Umfeld: Felix Kucher, Der Bildungsgang und das philosophische Umfeld Engelberts von Admont (S. 222-240).  --  Wilhelm Baum, Engelbert von Admont und die Aristotelesrezeption in Padua (S. 241-256), ist die Überarbeitung eines Aufsatzes in Medioevo 22 (1996) S. 463-478.  --  Ders., Die Rezeption des Werkes von Engelbert von Admont in Mittelalter und Neuzeit (S. 257-275), betont die Wirkung innerhalb des Benediktiner-Ordens, spricht Engelbert aber doch auch eine eher internationale Wirkung zu.  --  Felix Kucher, Handschriftenverzeichnis der Werke Engelberts von Admont (S. 276-300), basiert auf Fowlers Studien, ohne sie zu nennen, rezipiert sie aber nicht vollständig, kann sie allerdings auch um einige Hss. ergänzen.  --  Eine Bibliographie schließt den Band ab, welcher der MGH-Ausgabe vorgreifen will, sie aber nicht überflüssig machen wird.

Herbert Schneider


{652}

[78], S. 652

Manlio Bellomo, Tracce di lectura per viam quaestionum in un manoscritto del Codex conservato a Rovigo, Rivista Internazionale di Diritto Comune 8 (1997) S. 217-273, ediert 32 Quaestionen eines Kommentars zum Codex, die an verschiedenen Stellen in der Hs. Rovigo, Bibl. Com., Silv. 485 (Mitte 13. Jh.) überliefert sind.

Detlev Jasper


[79], S. 652

Frank Soetermeer, Due tradizioni testuali francesi dell'Apparatus Digesti Novi di Accursio, Rivista Internazionale di Diritto Comune 8 (1997) S. 77-127, untersucht auf breiter hsl. Basis Ergänzungen der accursianischen Glosse zum Digestum novum: die beiden Zentren der ergänzenden Kommentierung in Frankreich seien Toulouse und Orléans gewesen, wobei der Universität Orléans die größere Bedeutung zukomme. Dort habe sie wohl in den sechziger Jahren des 13. Jh. begonnen und um 1300 aufgehört, als die Rechtsschule von Orléans ihre herausragende Stellung verlor.

Detlev Jasper


[80], S. 652

Der Oldenburger Sachsenspiegel. Vollständige Faksimile-Ausgabe im Originalformat des Codex picturatus Oldenburgensis CIM I 410 der Landesbibliothek Oldenburg, Textband bzw. Kommentarband. Hg. von Ruth Schmidt-Wiegand (Codices selecti 101) Graz 1995 bzw. 1996, Akademische Druck- u. Verlagsanstalt, 351 bzw. 324 S., 45 Abb., ISBN 3-201-01623-2 bzw. 3-201-01623-3, DEM 258 bzw. 229.  --  Mit dem Oldenburger Codex, entstanden 1336 im Kloster Rastede und 1991 aus Privatbesitz erworben, liegt jetzt auch die letzte der vier erhaltenen Bilderhss. des Sachsenspiegels als Faksimile vor. Der begleitende Textband bietet nach Beiträgen von Ruth Schmidt-Wiegand ("Einführung in die Ausgabe" S. 13-30) und Wolfgang Milde ("Kodikologische und paläographische Einführung" S. 31-52) den nur wenig vereinheitlichten mittelniederdeutschen Text und eine neuhochdeutsche Übersetzung von Werner Peters und Wolfgang Wallbraun (S. 53-332). Die Transkription des wichtigen lateinischen Kolophons auf fol. 134r ist allerdings fehlerhaft (S. 332 Z. 4 quamcumque] quacumque; Z. 5 iu] ius; Z. 6 huius modi] huiusmodi). Der Kommentarband enthält Aufsätze zu verschiedenen Aspekten des Rechtsbuches und der Bilderhs., nämlich: Karl Kroeschell, Der Sachsenspiegel als Land- und Lehnrechtsbuch (S. 13-21).  --  Egbert Koolman, Untersuchungen zur Besitzgeschichte der Oldenburger Bilderhandschrift (S. 23-38).  --  Heinrich Schmidt, Der landesgeschichtliche Hintergrund des "Oldenburger Sachsenspiegels" (S. 39-58).  --  Friedrich Scheele, Zur Herstellung und Gestaltung der Miniaturen. Mit besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses von Illustrationen und Registern (S. 59-86).  --  Klaus Nass, Die Wappen in der Oldenburger Bilderhandschrift des Sachsenspiegels (S. 87-101).  --  Michael Heinrich Schormann, Waffenkundliches im Oldenburger Sachsenspiegel (S. 103-123).  --  Werner Peters, Der Rechtswortschatz (S. 125-141).  --  Ruth Schmidt-Wiegand, Mittelalterliche Alltagskultur in den Bilderhandschriften des Sachsenspiegels (S. 143-169). Kernstücke sind der Bildleistenkommentar (S. 171-263) und die umfangreichen Wort-, Orts- und Namenregister zur Oldenburger Bilderhs. (S. 265-321), die der Forschung künftig gute Dienste leisten werden.

Klaus Naß


[81], S. 652

Das Lauterer Gericht und sein Speyerer Oberhof. Die Urteils- und Protokollbucheinträge des 15. Jahrhunderts, ediert und kommentiert von Martin Dolch {653} und Michael Münch (Veröffentlichungen der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in Speyer 90) Speyer 1996, Verlag der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in Speyer, 372 S., Abb., ISBN 3-932155-10-6.  --  Die Edition gibt zunächst den Text des Liber sententiarum als Ganzes wieder, der 61 Urteile des Kaiserslauterer Gerichts von 1401 bis 1484 enthält. Dann erfolgt ein zweiter Abdruck, wobei die an unterschiedlichen Stellen der Hs. vorgenommenen Eintragungen zu einem Streitfall zusammengestellt und kommentiert werden. Dieser Teil ist chronologisch geordnet, und in ihm sind auch Stücke zur weiteren Behandlung eines Falls vor dem Speyrer Oberhof ediert. 92 Fälle kommen hier zusammen. Der Kommentar ist nicht auf einzelne Textstellen bezogen, sondern summarisch gehalten und besteht aus einer Erläuterung von Streitfall und Entscheidung sowie einer (verfahrens-)rechtlichen Würdigung. Die rechtliche Terminologie der edierten Quellen wird durch ein Glossar erschlossen. Beigegeben sind eine ähnlich kommentierte Edition des Statutes der Stadt Kaiserslautern von 1370, das im 15. Jh. modifiziert wurde und vor allem strafrechtliche Bestimmungen enthält, sowie die Stadtordnung des Pfalzgrafen Otte vom 13. Oktober 1440 (überliefert in einer Bestätigung Kg. Friedrichs III. vom 27. November 1441) samt einer Änderung vom 14. Dezember 1441. Ein Register zu Namen und Sachen beschließt den Band.

Ernst-Dieter Hehl


[82], S. 653

Hubertus Lutterbach, Die Speisegesetzgebung in den mittelalterlichen Bußbüchern (600-1200). Religionsgeschichtliche Perspektiven, AKG 80 (1998) S. 1-37, untersucht die Nahrungstabus (Blut, erstickte und unreine Tiere, Aas) und Speiseverbote (mit Katechumenen und Heiden) in den Libri Paenitentiales. Sie sind der "Idee der kultischen Reinheit" verpflichtet und Zeugnis einer "Rearchaisierung", bis die "Idee der ethischen Reinheit" die Nahrungstabus im 12. Jh. wieder verdrängte.

Klaus Naß


[83], S. 653

Bruce Brasington, A Note on Two Panormia-Derivate Collections, BMCL 22 (1998) S. 11-18, weist drei Kapitel einer kanonistischen Stoffsammlung in der Hs. Wolfenbüttel Gudianus 212 als Exzerpte aus dem Prolog Ivos von Chartres zu seinen Kirchenrechtswerken nach und vermutet einen Codex aus Montecassino als Vorlage für eine Kurzform des Prologs in der Sammlung in sieben Büchern (Turin, Univ. Bibl. D IV 33).

Detlev Jasper


[84], S. 653

Rudolf Weigand, Chancen und Probleme einer baldigen kritischen Edition der ersten Redaktion des Dekrets Gratians, BMCL 22 (1998) S. 53-75, erhärtet durch zahlreiche Beispiele die These Winroths von der Existenz einer ersten Redaktion des Gratianschen Dekrets (vgl. DA 54, 220 f.), für die eine vierte Überlieferung in der Hs. Paris, Bibl. Nat. nouv. acq. lat. 1761 genannt wird. Die Abfassung dieser ersten Redaktion möchte W. um 1140 ansetzen, die der zweiten, ebenfalls von Gratian bewerkstelligten wenige Jahre später (zwischen 1140 und 1145). Die Aussichten für eine kritische Edition der ersten Redaktion, bei der die Florentiner Hs. Bibl. Naz. Conv. Soppr. A. I. 402 eine zentrale Rolle spielen dürfte, beurteilt der Vf. als günstig, zumal Gratians Quellen so weit erschlossen seien, daß sie eine zuverlässige Grundlage für textkritische Arbeiten {654} ergäben. In einem Anhang hat W. die Gratiantexte aus Friedbergs Edition zusammengestellt, die in der ersten Redaktion des Dekrets noch fehlten (S. 71-75).

Detlev Jasper


[85], S. 654

Rosalba Sorice, Distinctiones 'si mulier eadem ora' seu monacenses. Problemi di edizione, BMCL 22 (1998) S. 31-39, berichtet von ihrer Arbeit an der Neuedition der Distinctiones Monacenses (um 1170), die stark von der Diskussion um die literargeschichtliche Einordnung des Textes und des Verhältnisses der drei bekannten Hss. zueinander bestimmt ist.

Detlev Jasper


[86], S. 654

Andrea Padovani, Un "consilium sapientis magistri Iohannis decretorum doctoris et magistri Iacobi Capoani" (Bologna, 1218), Rivista Internazionale di Diritto Comune 8 (1997) S. 63-76, ediert ein Consilium zu einem langwierigen Streit um Zinszahlungen zwischen den Kanonikern der Kathedrale von Imola und dem dortigen Kloster SS. Donato e Paolo. Bei den als Autoren genannten Personen könnte es sich um den Notar und späteren Erzbischof von Capua Jacobus (#[86] 1242/43) handeln, während es für die Identifizierung des Iohannes decretorum doctor mit dem Kanonisten Johannes Teutonicus (#[86] 1245/46) wenige Anhaltspunkte gibt.

Detlev Jasper


[87], S. 654

Manlio Bellomo, Saggio sulle "distinctiones" di Giovanni Calderini, Rivista Internazionale di Diritto Comune 9 (1998) S. 165-196, ediert aus dem Codex Vat. Arch. S. Pietro A. 29 fol. 18-24 39 Distinktionen des Bologneser Kanonisten (#[86] 1365) zum Liber Extra und notiert ihr Vorkommen in vier verwandten Hss.

Detlev Jasper


[88], S. 654

Les statuts synodaux de Jean de Flandre, évêque de Liège (1288). Édition critique précédée d'une étude de leurs sources et de leur contenu, publiée par Joseph Avril (Bulletin de la Société d'art et d'histoire du diocèse de Liège 61, 1996) Liège 1997, Société d'art et d'histoire du diocèse de Liège, 229 S., keine ISBN.  --  In der zu Recht von der Belgischen Académie Royale des Sciences, des Lettres et Beaux-Arts preisgekrönten Arbeit macht der Vf. mit weiteren Synodalstatuten bekannt (siehe auch oben S. 242). In einer umfangreichen Einleitung werden zunächst die historische Persönlichkeit des 1282 zum Bischof von Lüttich erhobenen Kanonisten Johannes von Flandern skizziert, darauf die sonstigen hierarchischen Stufen der Diözese Lüttich am Ende des 13. Jh. Die hauptsächlichen Kapitel 3-5 zeichnen die Veränderungen der Institution Synode in Lüttich nach, erschließen mustergültig den Inhalt der Quelle und ordnen sie in die Lütticher und sonstigen Synodalstatuten ein, wobei ein deutlicher Einfluß von Cambrai und Köln zu erkennen ist. Der eigentlichen Edition vorgeschaltet sind der Nachdruck älterer Lütticher Synodalstatuten (Th. Delforge, in: Leodium 45, 1958, S. 35-37), drei Vergleichstafeln mit verwandten Synodalstatuten und eine Inhaltsangabe der Quelle selbst mit ihrer Überlieferung in 16 Hss. Die Statuten handeln von der Institution Synode, den Sakramenten, der Kleriker-Moral und verschiedenen Ämtern der Diözese, im letzten Kapitel (19) aber auch von den Beginen. Register erschließen die hsl. Überlieferung, die Quellen (General- und Provinzialkonzilien, Synodalstatuten, Bibel, das Corpus Iuris Canonici), die Orts- und Personennamen sowie den Inhalt.

Herbert Schneider


{655}

[89], S. 655

Anne Gilmour-Bryson, The Trial of the Templars in Cyprus. A Complete English Edition (The Medieval Mediterranean 17) Leiden u. a. 1998, Brill, XIII u. 502 S., Abb., Karten, ISBN 90-04-10080-6, NLG 286 bzw. USD 168.  --  Die 1310/1311 auf Zypern durchgeführten Verfahren gegen die Templer sind im Rahmen des Prozesses von besonderer Bedeutung. In ihnen wurden aus ganz Europa stammende hochrangige Ordensmitglieder und zahlreiche externe Zeugen aus dem lokalen Adel und der Geistlichkeit vernommen. Die Nichtanwendung der Folter und die weitgehende Einhaltung prozeßrechtlicher Formalitäten verleihen den zypriotischen Verfahren exemplarischen Charakter. Die vorliegende Edition und Übersetzung der Prozeßprotokolle eröffnet das schwierige Sujet für lateinunkundige Interessenten. Hierzu wurde die 1887 von Schottmüller angefertigte lateinische Edition anhand der Originalmanuskripte aus dem vatikanischen Archiv korrigiert und komplettiert. Ein vorangestellter Überblick zur Forschungssituation, der Ordensgeschichte und dem Prozeßverlauf auf Zypern gewährt einen fundierten Einstieg in die Problematik. Karten und Photographien auch der zugrundegelegten Manuskripte sowie eine vergleichende Liste der Anklageartikel und sämtlicher Zeugen wirken unterstützend. Besonders positiv zu bewerten sind die zahlreichen Querverweise zu den protokollarisch erfaßten Personen und Orten. Sie erlauben eine Situierung der zypriotischen Verfahren in ihrem Kontext und können außerdem als Basis weitergehender Untersuchungen dienen. Der umfangreiche Orts- und Personenindex ermöglicht einen raschen Zugriff auf die einzelnen Protokolle.  --  Nicht klar herausgestellt wurde von der Vf., daß es sich bei den edierten Protokollserien tatsächlich um die Ergebnisse zweier unterschiedlicher Verfahren handelt: der gegen die einzelnen Personen des Ordens gerichteten und auf 87 Anklagepunkten basierenden Untersuchung und jener auf 127 Artikeln beruhenden Untersuchung gegen den Orden als Gesamtheit. Wie auch der Inhalt der Einzelaussagen deutlich macht, gehören die kurzen Protokolle der Templerzeugen und der ersten Gruppe der externen Zeugen zum ersten Verfahren gegen die Personen, die umfangreichen Protokolle der Templerzeugen und der zweiten Gruppe externer Zeugen zum zweiten Verfahren gegen den Orden. Während beispielsweise in Frankreich beide Verfahren örtlich, zeitlich und personell voneinander geschieden waren, standen auf Zypern die gleichen bischöflichen Inquisitoren beiden Verfahren vor.

Anke Krüger {655}


[90], S. 655

Carmela Massaro, Lo "spoglio" dell'arcivescovo di Otranto Nicola Pagano (1451) (Università degli studi di Lecce. Dipartimento di studi storici dal Medioevo all'Età contemporanea 19 = Fonti medievali e moderne per la storia di Terra d'Otranto 3) Lecce 1996, Congedo Editore, LI u. 165 S., ISBN 88-8086-120-4, ITL 40.000.  --  Nach dem Tod des Erzbischofs Nicola Pagano von Otranto (zwischen 28. Mai und 16. Juni 1451) machte König Alfons von Aragon von seinem Spolienrecht Gebrauch. Dies löste einen komplexen Mechanismus aus, der den Einzug und die Inventarisierung der gesamten fahrenden Habe des Bischofs, die Einforderung von Krediten, die Bezahlung eventueller Schulden, die anschließende Versteigerung der Habe und die Auszahlung des eingenommenen Geldes zur Folge hatte. Der König hatte dem Erzbischof zugestanden, über diese Güter testamentarisch verfügen zu können, wozu er die Zustimmung des Papstes eingeholt hatte. In diesem Buch sind die Akten des gesamten Vorganges kritisch ediert. Die Einleitung enthält neben der Beschreibung des Codex einen Überblick {656} über die Entwicklung des Spolienrechts, die Erzdiözese Otranto im 15. Jh., den Erzbischof Nicola Pagano, die Durchführung der Prozedur und die Güter der Kirche seit dem 13. Jh.

Roland Pauler {656}


[91], S. 656

Benedict Guevin, Synopsis fontesque: Regula Magistri RM - Regula Benedicti RB (Regulae Benedicti studia. Supplementa 10) St. Ottilien 1999, EOS-Verlag, 233 S., ISBN 3-88096-930-2, DEM 48.  --  Nach heute gängiger wissenschaftlicher Meinung leitet sich die Benediktregel von der des Magisters ab. Daher ist es billig und recht, dem Forscher auf der Basis der Editionen in den Sources Chrétiennes 105-106 und 181-182 eine Vergleichsbasis zu präsentieren. Leider ist die Benutzung auf den ersten Blick nicht einfach. Gelegentlich wird die zweispaltige Anlage aufgegeben, wenn ein Regeltext ohne ersichtlichen Grund ohne den korrespondierenden Gegenpart abgedruckt wird, gelegentlich aber auch nicht. Die Absicht, Platz zu sparen ist offenkundig, doch ein erläuterndes Wort in den Benutzungshinweisen (S. 3) fehlt. Unklar bleibt dem Rezensenten auch die Verwendung unterschiedlicher graphischer Rahmen für Vorlagen (z. B. S. 43), nur die schattierte Version wird in der Einleitung erklärt. Völlig uneinheitlich schließlich ist der Nachweis der Vorlagen: Cyprians De dominica oratione wird auf dreierlei Weise (S. 7, 8 und 214) abgekürzt zitiert, zudem nach zwei veralteten Ausgaben (CSEL 3 auf S. 7 und Migne PL S. 214 anstelle von CC SL 3A), und nur zweimal im Index fontium erwähnt (S. 8 fehlt). Stichproben haben weitere fehlerhafte Seitenangaben im Index fontium bei Augustinus, Cassianus und Iulianus Pomerius ergeben. Kurzum: Das nützliche Werk hätte besser redaktionell betreut werden müssen.

Christian Lohmer


[92], S. 656

Burkhardt Tutsch, Studien zur Rezeptionsgeschichte der Consuetudines Ulrichs von Cluny (Vita regularis 6) Münster 1998, LIT-Verlag, VIII u. 427 S., ISBN 3-8258-3200-7, DEM 79,80.  --  Weder die im Titel genannten Consuetudines noch die des Bernhard von Cluny und des Wilhelm von Hirsau sind bis heute kritisch ediert. Dies überrascht, waren doch die genannten Texte von zentraler Bedeutung für das benediktinische Mönchtum um 1100. Allerdings muß bedacht werden, daß die genannten Gebrauchstexte nur in einer komplizierten Überlieferungssituation erhalten sind. So ist das Erscheinen der vorliegenden Studie nur zu begrüßen, bringt sie doch erstmals Klarheit in die Beziehungen der drei Regeltexte zueinander. Eine weiteres Charakteristikum ist zweifellos die Spannung zwischen gelebtem Leben, persönlichen Erfahrungen und dem Drang nach schriftlicher Kodifikation. Fünf Fallbeispiele zu Hirsau, Saint-Martial de Limoges, San Benedetto di Polirone, Saint-Pierre de Maillezais und Nouaillé, die mit kritischem Einfühlungsvermögen und klarem Blick für die spezielle wissenschaftliche Aussage behandelt werden, machen deutlich, wie differenziert sich die verschiedenen Abbilder des cluniazensischen Mönchtums darstellen und wie sie über Jahrhunderte Gültigkeit behielten, teilweise wie im Falle Hirsaus sogar bis in die Kastler Reform des 14. und 15. Jh. Wirkung zeigten. Daneben räumt T. mit begründeten Beispielen der mündlichen Überlieferung und den Vorbildern der monastischen Multiplikatoren großen Einfluß ein - das cluniazensische Mönchtum präsentiert sich somit trotz aller kodifizierten Consuetudines und Statuten als stetiger dynamischer Prozeß. Die gründliche und klare Arbeit bietet {657} hierzu viele Details. Vier Anhänge klären überlieferungsgeschichtliche Diskrepanzen und präsentieren bisher unedierte Textbeispiele.

Christian Lohmer


[93], S. 657

Cesare Cenci, L'ordine francescano e il diritto. Testi legislativi dei secoli XIII-XV (Bibliotheca Eruditorum 15) Goldbach 1998, Keip, XXIII u. 389 S., ISBN 3-8051-0269-0, DEM 148.  --  11 Aufsätze der Jahre 1962-1990 sind hier photostatisch wiedergegeben. Wie im Untertitel spezifiziert wird, behandeln zwei allgemeine Konstitutionen, drei Statuten der Generalkapitel, fünf Provinzial-Konstitutionen und drei Hss. mit legislativen Texten. Zur Erleichterung der Lektüre und besseren Orientierung sind dem Band Inhaltsangaben in Italienisch und Englisch (S. IX*-XXIII*), einige wenige Addenda und Emendanda (S. 359*) sowie Indizes der Hss., Schlagwörter und Namen beigefügt.

Christian Lohmer


[94], S. 657

Regina Rousavy, Das Berlinische Stadtbuch. Anmerkungen zur Geschichte einer archivalischen Quelle und ihrer wissenschaftlichen Rezeption, Berlin in Geschichte und Gegenwart. Jb. des Landesarchivs Berlin (1998) S. 7-26, schildert die Beschaffenheit der Original-Hs. und deren wechselvolle Historie, besonders den Erwerb durch das Berliner Stadtarchiv im Jahre 1836 sowie ihre Gefährdung durch die Auslagerung während des Zweiten Weltkriegs, geht auf die wahrscheinliche Entstehungszeit und den Zweck des Buches - eher ein Rechtshandbuch, als daß der große Brand von Berlin 1380 für seine Anlage eine Rolle spielte  --  sowie seine bisherigen Editionen (Fidicin 1837, Clauswitz 1883) ein und macht auf die bevorstehende Neuherausgabe durch Peter Neumeister aufmerksam. Auch die zwei Abschriftenbände der Quelle werden behandelt.

Wolfgang Eggert {657}


[95], S. 657

Henning Steinführer, Das älteste erhaltene Leipziger Ratsbuch (1466-1489) und seine Vorläufer. Ein Beitrag zum spätmittelalterlichen Kanzleiwesen der Stadt Leipzig, AfD 44 (1998) S. 43-88, skizziert die Leipziger Stadtbuchüberlieferung und beschreibt das Ratsbuch kodikologisch, paläographisch und inhaltlich.

Klaus Naß


[96], S. 657

Das Kulmer Gerichtsbuch 1330-1430. Liber memoriarum Colmensis civitatis, bearb. von Carl August Lückerath und Friedrich Benninghoven (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz 44) Köln u. a. 1999, Böhlau, IX u. 395 S., ISBN 3-412-00487-1, DEM 124.  --  Publiziert wird hier - nachdem die "Willkür der Stadt Kulm" aus dem Anfang des 15. Jh. bereits 1927 ediert wurde - "das älteste erhaltene Stadtbuch der vom Deutschen Orden gegründeten Stadt Kulm an der Weichsel" (S. IX), welchem weitere sechs Editionen von jüngeren Büchern noch folgen sollen. Die Einleitung enthält in Hinsicht auf den zunächst von L. bearbeiteten Text eine detaillierte Beschreibung der Hs. (mit Abbildungen der Wasserzeichen sowie von Proben der 24 Schreiberhände, deren Festlegung auf B. zurückgeht); bezüglich des Inhalts liefert sie ein Aufbauschema des Gerichtsbuches nebst kurzen Ausführungen zur Kulmer Gerichtsverfassung und Sozialstruktur (mit einer Auflistung der dortigen Handwerke und Tätigkeiten); es folgen Bemerkungen zu Währung, Gewichten und Maßen, Zahlungsterminen sowie zur Kulmer Topographie. Der Text selbst ist gegliedert in 430 (zu Teilen selbst wieder unterteilte) Einträge, welche in der Hauptsache etwa 1500 "Strafregistereinträge" (so der Bearbeiter S. 35) und rund 190 Renten- oder {658} Zinskäufe in lateinischer und ostmitteldeutscher Sprache überliefern; daneben findet sich eine Fülle anderer Spezies wie Legate, Bruchstücke von städtischen Willküren, Gläubigerlisten, Stiftungsurkunden und Handfesten - eine bunte Melange also. Im von B. erstellten "Namenweiser" sind Personen und Orte (sowie auch wieder Handwerks- und Berufsbezeichnungen) im Mix angeordnet, was der Übersichtlichkeit nicht gerade guttut; ein kurzer "Sachweiser" listet auch die Zinstermine auf.

Wolfgang Eggert {658}


[97], S. 658

Peter Csendes, Eine wiederentdeckte Handschrift des Wiener Stadtrechtbuchs, Jb. des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 54 (1998) S. 19-28, beschreibt die im Antiquariatshandel wieder aufgetauchte Hs. aus der Zeit um 1400 und druckt die Rubriken und die Zusätze zum sonst bekannten Text ab.

Herwig Weigl {658}


[98], S. 658

John Grundman, Guida allo studio degli statuti medioevali perugini, con particolare riferimento ai frammenti statutari costituenti il codice numero dodici dell'archivio di stato di Perugia, Bollettino della Deputazione di Storia Patria per l'Umbria 95 (1998) S. 5-35, erschließt für die Erforschung der ma. Statuten der Kommune Perugia das relevante Material des dortigen Staatsarchivs.

Marlene Polock


[99], S. 658

Lo statuto di Bergamo del 1353, a cura di Giuliana Forgiarini, introduzione di Claudia Storti Storchi (Fonti storico-giuridiche. Statuti 2) Spoleto 1996, Centro italiano di studi sull'alto medioevo, XXVI u. 473 S., ISBN 88-7988-503-0, ITL 140.000.  --  Der vorliegende Text, durch den die Statuten von 1333 abgelöst wurden (vgl. DA 45, 643), entstand nur wenige Jahre nachdem Erzbischof Johannes Visconti dominus generalis von Mailand und der untergebenen Städte, darunter auch Bergamo, geworden war und die Stadt für wenige Monate Johann von Böhmen zu ihrem Signore gewählt hatte. Die Anerkennung der neuen Statuten durch den Erzbischof (Quod statuta infrascripta subsint potestati et arbitrio absoluto magnifici domini nostri), dessen Art der Machtausübung weithin gefürchtet war, stellt einen Kompromiß zwischen den zentralistischen Bestrebungen der Visconti und den partikularistischen Interessen der Bergamasken dar. Der Band wird durch ein Namen- und Überschriftenregister beschlossen.

Alfred Gawlik


[100], S. 658

Andrea Padovani, Tracce d'uso in alcuni codici degli statuti del contado d'Imola, Rivista Internazionale di Diritto Comune 8 (1997) S. 275-289, beschreibt vier der zwölf bekannten Hss. der Statuten von Imola von 1347, die teilweise jahrhundertelang in Gebrauch waren, und weist auf den lokal- und personengeschichtlichen Wert der zahlreichen Randbemerkungen hin.

Detlev Jasper


[101], S. 658

Le Consulte e Pratiche della repubblica fiorentina (1405-1406), a cura di Laura De Angelis, Renzo Ninci, Paolo Pirillo (Fonti per la storia dell'Italia medievale. Antiquitates 5) Roma 1996, Istituto Storico Italiano per il Medio Evo, 448 S., keine ISBN, ITL 100.000.  --  Der Band enthält die Debatten der Signoria von Florenz und ihrer beratenden Gremien vom 2. Januar 1405 bis 21. Februar 1406, in Kurzfassung protokolliert zumeist vom Kanzler Coluccio Salutati; sie sind (wie bei solchen Akten üblich) eine Mischung von Ephemerem und Bedeutendem. Das wichtigste Geschäft in dieser Periode war der Erwerb von Pisa, das {659} Florenz nach langen Verhandlungen am 27. Aug. seinen Herren, Gabriele Maria Visconti und dem Statthalter von Genua, Boucicault, für 206.000 fl. abkaufte. Die Pisaner, zur unfreundlichen Übernahme nicht befragt, vertrieben darauf die Florentiner Besatzung und zwangen Florenz mit ihrem Widerstand einen unerfreulichen Belagerungskrieg auf. Die mühselige Beschaffung der Finanzen für diese Aktion bildet einen weiteren gewichtigen Teil der hier aufgezeichneten Beratungen. Das ganze Geschäft ist ein anschauliches Exempel für Erfolg und Grenzen der politischen Maxime des humanistischen Florenz, wie sie der Zeitgenosse Giovanni di Pagolo Morelli formulierte: "e come che chi ha danari e vuole ispendere ha sempre ciò che vuole, o in gran parte..." (Ricordi IV).  --  Der Band, wie sein Vorgänger (CP 1404 [1991]) vorzüglich ediert, wird von De Angelis mit einer ausgezeichneten, substantiellen Einleitung eröffnet. Von größtem Wert ist der Kommentar von Ninci, dessen informative Erläuterungen den aus sich heraus kaum verständlichen Text mit souveräner Kompetenz umfassend erschließen. Glossar, Bibliographie, Namenregister und ein "Indice dei Consultori", das Verzeichnis der Redner, mit kurzen biographischen Angaben (interessant die Steuerveranlagung: nicht nur Reiche wurden zu den pratiche berufen!), beschließen diese hervorragende kritische Edition.

Walter Koller {659}


[102], S. 659

Otto Volk, Studien zum Schriftgut der mittelrheinischen Zölle im späten Mittelalter, AfD 44 (1998) S. 89-139, gibt eine typologische und aktenkundliche Beschreibung des vielfältigen Schriftgutes, das die dreizehn mittelrheinischen Zollstellen produzierten.

Klaus Naß


[103], S. 659

Klaus van Eickels, Die Besitzstandsaufnahme des Notars Hugo von 1335 - Ein verlorenes Gesamturbar des Bambergischen Fernbesitzes?, Bericht des Historischen Vereins Bamberg 134 (1998) S. 87-94, erläutert und ediert die verkürzte deutschsprachige Abschrift (17. Jh.) eines spätma. Besitzverzeichnisses aus dem Kärntner Landesarchiv Klagenfurt.

Stefan Beulertz {659}


[104], S. 659

Hannes Obermair, "Promisit perpetualiter dare ...". Das notarielle Zinsregister der St.-Helena-Kirche in Aldein aus dem 14. Jahrhundert, Der Schlern 72 (1998) S. 653-664, würdigt die diplomatische Form dieser Aufzeichnung, "eines Mischtypus eines in Form der Notariatsimbreviatur abgefaßten Urbars", und bietet Regesten der 29 urkundlichen Aufzeichnungen aus dem 14. Jh. zugunsten der bescheidenen Kirche südöstlich von Bozen.

Josef Riedmann {659}


[105], S. 659

Kirchenrechnungen der Weseler Stadtkirche St. Willibrordi, Bd. 2: Die Kirchenrechnungen der Jahre 1485 bis 1509. Quellenedition, bearbeitet von Herbert Sowade mit Verzeichnissen von Martin-Wilhelm Roelen, Wesel 1999, Selbstverlag des Willibrordi-Dombauvereins, 277 S., 8 Abb., ISBN 3-928926-07-1 bzw. 90-5166-660-8, DEM 96.  --  Sechs Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes mit den Kirchenrechnungen von 1401-1484 (vgl. DA 49, 271) legen die beiden Bearbeiter nun den Fortsetzungsband vor für einen der ältesten und umfangreichsten Bestände einer Stadtkirche überhaupt. Die Edition stammt wiederum von S. verbunden mit einem lateinisch-niederdeutschen Glossar, R. steuerte ein Orts- {660} und Personenverzeichnis bei. Da der Weseler (1540 protestantisch gewordene) Dom ab 1500 von einer dreischiffigen spätgotischen in eine fünfschiffige Kirche vergrößert wurde, enthält die vorliegende Edition vor allem die Baurechnungen für die Umbaumaßnahme. Aber auch bestimmte liturgische Traditionen, die zur Finanzierung dienen sollten, sind in dem interessanten Band dokumentiert.

Martina Hartmann


[106], S. 660

Holger Kruse, Hof, Amt und Gagen. Die täglichen Gagenlisten des burgundischen Hofs (1430-1467) und der erste Hofstaat Karls des Kühnen (1456) (Pariser Historische Studien 44) Bonn 1996, Bouvier Verlag, 357 S., 5 Abb., ISBN 3-416-0262-3, DEM 98.  --  Diese Kieler Diss. behandelt minutiös eine Quellengruppe, die trotz großer Verluste immer noch in beachtlichen (und nach Meinung des Vf. die bisherige Forschung abschreckenden) Zahlen überliefert ist und aus inhaltlichen Gründen als einmalig gelten kann: die Rechnungen des burgundischen Hofs über Sach- und Personalkosten, die in ihrer Mehrzahl Tag für Tag auf Pergamentstreifen notiert wurden. Die Themenstellung konzentriert sich auf die Aussagen, die zum Personalstand der Hofhaltungen Isabellas von Burgund und ihres Sohnes Karls des Kühnen zu ermitteln sind. Neben prosopographischem Material verspricht dieses Vorgehen neue Erkenntnisse zur Jugendgeschichte Karls des Kühnen, darüber hinaus auch Einblicke in das "Funktionieren" des burgundischen Hofs und seiner Verwaltung. Eingehende Überlegungen zu den Entstehungs- und Überlieferungsbedingungen, der Typologie und dem historischen Aussagewert der sog. écroes stehen am Anfang, wobei K. so manche Korrektur an älteren Auffassungen anzubringen vermag (S. 13 ff.). Der erste Hauptteil befaßt sich mit den écroes Isabellas und Karls bis zum Rückzug der Herzogin aus dem öffentlichen Leben (1456). Im Zusammenhang mit den Unterhaltsformen des Personals werden hier die zeitgleichen Hofordnungen als normative Quellen herangezogen; neben Erkenntnissen zur Währungsumrechnung und zur Gagenhöhe gelingt dem Vf. der Nachweis, daß der Teilhof der Herzogin bereits am Ende der 40er Jahre des 15. Jh. von der Entlohnung in Naturalien bzw. einer gemischten Versorgungsform zur reinen Besoldung in Geld überging (S. 98 ff., S. 115 ff., S. 145). Dies bedeutete unter anderem, daß ab diesem Zeitpunkt alle diensttuenden Personen, auch die vorher mit Ausnahme der Wäscherinnen meist übergangenen Frauen, in den Personalrechnungen aufgeführt werden mußten. Der Gesamthof folgte dieser Umstellung erst etwa ein Jahrzehnt später. Der Leser kann amüsiert zur Kenntnis nehmen, daß bei der Vorbereitung dieser Reform in den entsprechenden Gutachten die Zahlen offenbar willkürlich "korrigiert" wurden, je nachdem, ob der eine oder der andere Entlohnungsmodus als Verlustgeschäft oder Sparmaßnahme dargestellt werden sollte (S. 135 ff.). Der zweite Hauptteil wendet sich der Personalentwicklung am Hof des jungen Karl des Kühnen zu. Am Ende steht der Versuch, die verlorene Hofordnung zu rekonstruieren, die nach vollendeter Ausgliederung des Hofstaats des Erbprinzen erstellt worden sein muß. Als Ergebnis kann festgehalten werden, daß der erste Hof Karls fast 200 Personen umfaßte, wovon nur die Hälfte gleichzeitig anwesend war; darunter heben sich besonders die jungen Adligen ab, die gemeinsam mit Karl erzogen wurden (S. 180 ff.). Am Ende weist K. in einem Ausblick auf die noch zu erforschenden Themenfelder Patronage, Klientel, Fürsorge und ähnliches hin. Über den speziell auf Burgund bezogenen Erkenntniszuwachs {661} hinaus kann die mit zahlreichen Tabellen und Diagrammen ausgestattete Arbeit aufgrund ihres methodischen Zugriffs auch ein weitergehendes Interesse im Hinblick auf die Geschichte höfischen Lebens allgemein sowie auf Verwaltungs- und Behördengeschichte beanspruchen.

Claudia Märtl


[107], S. 661

Wolfgang P. Müller, Gebühren der päpstlichen Pönitentiarie (1338-1569), QFIAB 78 (1998) S. 189-261, untersucht die bekannten Taxlisten amtlicher wie nichtamtlicher Art und die Abrechnungsgewohnheiten der Angestellten der Pönitentiarie, denen er einen "eigenwillige[n] Umgang mit den Taxvorgaben" (S. 221) bescheinigt; noch die erste Inkunabelfassung (1455) bezeuge eine gewisse Zurückhaltung; in der zweiten Hälfte des 15. Jh. allerdings sei eine fortschreitende Fiskalisierung festzustellen, wobei die Päpste keinerlei Interesse mehr gehabt hätten, Höchstgrenzen festzusetzen, da sie damit nur den Verkaufswert kurialer Ämter und damit ihre eigene Geldschöpfung geschädigt hätten. Im Anhang werden zwei Taxlisten aus Clm 16226 (1455/58) und Clm 422 (1503/1513) abgedruckt.

Claudia Märtl


[108], S. 661

Arnold Esch, Überweisungen an die apostolische Kammer aus den Diözesen des Reiches unter Einschaltung italienischer und deutscher Kaufleute und Bankiers. Regesten der vatikanischen Archivalien 1431-1475, QFIAB 78 (1998) S. 262-387, bietet Regesten aus den gedruckten wie den ungedruckten Bänden des Repertorium Germanicum und damit Material, "das auf die Frage antworten könnte, wie und wo deutsches Geld in den Kreislauf des internationalen, von italienischen Firmen dominierten Transfersystems einfloß" (S. 263); einleitend werden methodische Hinweise zur Auswertung gegeben und farbige Beispiele für "Atmosphärisches" (S. 268) vorgeführt.

Claudia Märtl


[109], S. 661

Francesco Mosetti Casaretto, L'"amicitia", chiave ermeneutica dell'Epistola ad Grimaldum abbatem di Ermenrico di Ellwangen, Revue Bénédictine 109 (1999) S. 117-147, versucht vom Begriff der Freundschaft her den Ende 850 geschriebenen Brief Ermenrichs von Ellwangen (MGH Epp. 5 S. 536 ff.) zu interpretieren: Gemeinsames Charakteristikum sowohl des Briefes Ermenrichs als auch dieser Ausführungen ist, daß beide schwer verständlich sind.

Detlev Jasper


[110], S. 661

Rolf Grosse, Ein unbekannter Brief König Philipps I. von Frankreich an Papst Alexander II., AfD 43 (1997) S. 23-26, ediert einen Brief, der das Kloster Saint-Denis betrifft und auf 1066 datiert wird.

Klaus Naß


[111], S. 661

Elmert Clark, Magistri Boncompagni Ysagoge, Quadrivium N. S. 8 (1997) S. 23-71, druckt den Text, eine Sammlung von Grußformeln, deren Entstehung er auf einen Romaufenthalt des Boncompagno da Signa (1204-1205) zurückführt, aus der einzigen bekannten Hs. Rom, Biblioteca Vallicelliana C 40, die vor 1215 geschrieben wurde.

Claudia Märtl


[112], S. 661

Il Carteggio Acciaioli della Biblioteca Medicea Laurenziana di Firenze. A cura di Ida Giovanna Rao (Indici e Cataloghi N. S. 12) Roma 1996, Istituto {662} Poligrafico e Zecca dello Stato, 484 S., 8 Taf., ISBN 8-240-3873-5, ITL 300.000.  --  Die Acciaioli waren eine seit dem 12. Jh. in Florenz ansässige Familie, die durch die Gründung einer Handelsgesellschaft zu Reichtum und Macht kam. Ihr Einfluß erstreckte sich weit über die Grenzen von Florenz hinaus bis nach Süditalien und Griechenland: Angelo (1298-1357) wurde Bischof von Florenz und später von Montecassino und spielte auch in der Politik eine aktive Rolle; Nicola (1310-1365) machte in den Diensten der Anjou Karriere und wurde ein bedeutender Staatsmann; Neri (#[86] 1394) zog nach Griechenland, wo er zum Herzog von Athen avancierte. In der Biblioteca Medicea Laurenziana befindet sich unter der Signatur Ashburnham 1830 ein Band mit Korrespondenzen und Dokumenten von Mitgliedern der Familie aus der Zeit von 1323 bis 1470. Dieser "Carteggio", "ricchissimo, affascinante 'recueil' di notizie e indiscrezioni" ist bisher von der Forschung kaum benützt, geschweige denn ausgeschöpft worden, weil dazu nur ein für den internen Gebrauch bestimmtes mageres Verzeichnis existiert. Durch die vorliegende Publikation ist der Zugang zu dieser Quelle nunmehr wesentlich erleichtert worden. Der Inhalt wurde zu 1065 (und 4) Regesten aufbereitet, welche durch eine Reihe von Indices (Absender, Empfänger, Bestimmungsorte, Autographen, Namen) gut erschlossen werden. Die Bearbeiterin scheint eine Edition, zumindest der Korrespondenzen von Nicola A., in Erwägung zu ziehen (S. 8). Selbst wenn dieser Gedanke nicht realisiert werden sollte, muß man ihr für das Gebotene dankbar sein. Hoffen wir, daß der Band intensiv genützt wird.

Alfred Gawlik


[113], S. 662

Bernd Michael, Eine neue Handschrift des Formularium audientiae litterarum contradictarum, QFIAB 78 (1998) S. 141-188, beschreibt Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Ms. lat. fol. 352, einen Codex, der kurz nach der Mitte des 14. Jh. an der avignonesischen Kurie vermutlich für einen auswärtigen Auftraggeber im Rheinland oder der Erzdiözese Köln geschrieben wurde und auf fol. 18-77 das erwähnte Formelbuch enthält; im Anhang werden neun unbekannte Formeln aus dieser Überlieferung bekannt gemacht.

Claudia Märtl


[114], S. 662

Johannes Hildebrandi, Liber Epistularis (Cod. Upsal. C 6), 1: Lettres nos 1 à 109 (fol. 1r à 16r). Édition critique avec des analyses et une introduction par Peter Ståhl (Acta Universitatis Stockholmiensis. Studia Latina Stockholmiensia 41) Stockholm 1998, Almqvist & Wiksell, 215 S., 5 Abb., ISBN 91-22-01813-1, SEK 280.  --  Der deutschstämmige Johannes Hildebrandi (um 1380-1454) war Domkanoniker in Linköping, seit 1415 Mönch in Vadstena und Vertreter des Birgittinenordens auf dem Konstanzer Konzil; seine weitgespannten Beziehungen spiegeln sich in seinem Briefbuch, in dem er an die 400 Texte verschiedenster Art zusammengetragen hat. In dieser Stockholmer altphilologischen Diss. werden die ersten 109 Nummern der Sammlung (mit Ausnahme der poetischen Texte) originalgetreu ediert, wobei es sich allerdings z. T. nur um kurze Formeln handelt. Ältestes Stück ist ein bislang ungedrucktes Mandat des schwedischen Königs Magnus Eriksson von 1344, das Gros der Briefe stammt allerdings aus den ersten beiden Jahrzehnten des 15. Jh. Da nur 23 Stücke schon anderweitig (teilweise entlegen) gedruckt waren und die Texte durch Register für Personen, Orte und seltene Wörter vorzüglich erschlossen sind, werden unsere Kenntnisse über die schwedische Kirche jener Zeit durch diese Quelle beträchtlich erweitert. {663} Gewöhnungsbedürftig ist allerdings, daß die Regesten durch viele Seiten getrennt von den Editionen stehen und die bisherigen Druckorte im Variantenapparat aufgeführt sind.

Roman Deutinger {663}


[115], S. 663

Miloslav Polívka, Znovu ad fontes. Husitské Cechy v norimberskych pramenech [mit Zusammenfassung: Wieder ad fontes. Hussitisches Böhmen in den Nürnberger Quellen], Cesky casopis historicky 97 (1999) S. 19-36, berichtet über die Böhmen betreffenden Briefe der Jahre 1419-1437 in Nürnberger Briefbüchern (vgl. auch oben S. 615) mit vielen bisher unbekannten oder nicht weiter beachteten Nachrichten.

Ivan Hlavácek {663}


[116], S. 663

Matthias Thumser, Private Briefkonzepte aus dem Nachlaß des Deutschordenssekretärs Liborius Naker (#[86] 1502/1503), AfD 43 (1997) S. 413-454, ediert 22 autographe Briefentwürfe von 1474-1501 aus dem Geheimen Staatsarchiv Berlin-Dahlem.

Klaus Naß


[117], S. 663

Yves-Marie Duval, Histoire et historiographie en Occident aux IVe et Ve siècles (Variorum Collected Studies Series CS577) Aldershot u. a. 1997, Ashgate Publishing, VIII u. 368 S., Abb., ISBN 0-86078-628-5, GBP 57,50.  --  In der bekannten Reihe präsentiert der Autor 11 seiner aus den letzten 30 Jahren stammenden Studien, die sich mit Problemen der Spätantike und des frühen Christentums auseinandersetzen. Mehrere Register erschließen den Band.

Martina Hartmann


[118], S. 663

Ralf Scharf, Ripari und Olibriones? Zwei Teilnehmer an der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern, MIÖG 107 (1999) S. 1-11, bezieht sich auf Iordanes, Getica c. 191 (MGH Auct. ant. 5/1 S. 108 Z. 3 f.) und schlägt die Emendation Saxones riparioli Britones quondam milites Romani vor, womit militärische Verbände mit Vergangenheit in Britannien gemeint sein sollen.

Rudolf Schieffer


[119], S. 663

Vittore da Tunnuna, Chronica. Chiesa e Impero nell'età di Giustiniano, a cura di Antonio Placanica (Per Verba 4) Firenze 1997, SISMEL - Edizioni del Galluzzo, LXV u. 143 S., ISBN 88-87027-02-1, ITL 60.000.  --  Die von 444 bis 567 reichende Chronik des sonst unbekannten afrikanischen Bischofs Victor von Tunnuna ist 1894 von Th. Mommsen in MGH Auct. ant. 11 S. 184-206 ediert worden. Darauf fußt auch diese neue Ausgabe, die den Text nur an einer Handvoll Stellen verändert hat (vermerkt S. LIII Anm. 1,2) und im übrigen die unselbständigen Hss. stärker im Apparat berücksichtigt. Hinzukommen eine italienische Übersetzung sowie ein sehr dichter historischer Kommentar (S. 63-133), der Namen und Nachrichten sorgfältig belegt. Inhaltliche Schwerpunkte sind die Vandalenherrschaft in Afrika und die Kirchenpolitik der Ostkaiser.

Rudolf Schieffer


[120], S. 663

Liudprandi Cremonensis Antapodosis, Homelia Paschalis, Historia Ottonis, Relatio de legatione Constantinopolitana, cura et studio P. Chiesa (CC Cont. Med. 156) Turnholti 1998, Brepols, CIV u. 235 S., ISBN 2-503-04561-8 (relié) {664} bzw. 2-503-04562-6 (broché), BEF 5.000.  --  Verglichen mit der 1915 erschienenen Ausgabe J. Beckers in MGH SS rer. Germ. enthält dieser Band zusätzlich die erst 1984 von B. Bischoff bekanntgemachte Osterpredigt (vgl. DA 41, 221), stützt sich für die drei Hauptwerke Liudprands jedoch auf die auch damals schon herangezogenen Textzeugen. Für die Legatio sind das der Erstdruck von 1600 und für die Historia Ottonis eine Handschriftengruppe, die auf das Freisinger Exemplar (heute clm 6388) zurückgeht, an welchem Ch. ebenso wie einst G. H. Pertz, aber im Gegensatz zur übrigen Forschung, Liudprands eigene Hand beteiligt sieht (vgl. DA 52, 709). Mehr textkritischer Spielraum besteht bei der Antapodosis, die noch in einer Anzahl weiterer Abschriften vorliegt; deren Lesarten bringt Ch. etwas stärker als Becker zur Geltung, weil er ihre Divergenzen gegenüber der Freisinger Tradition als Autorvarianten versteht, was freilich nur in zwei Kapiteln (1,42; 2,6) durch Eigengut des clm 6388 deutlich zutage tritt. Bei den übrigen Unterschieden ist ein bewußter Veränderungswille nur schwer zu erkennen. Neben den diesbezüglichen Darlegungen der Einleitung (S. XLII-LXXXII) und den beiden Stemmata, deren Überschriften allerdings vertauscht zu sein scheinen (S. CI, CIV), ist auch ein begleitender Aufsatz zu vergleichen, in dem die abweichende Textkonstitution an etwa 70 Stellen einzeln begründet wird: Paolo Chiesa, Discussioni e proposte testuali sulle opere di Liutprando di Cremona, Filologia mediolatina 5 (1998) S. 233-277. Die Ausstattung der Edition entspricht den Üblichkeiten der Reihe: Nachweise von Vorlagen und Similien sowie Variantenapparat, aber keine fortlaufende Kommentierung, dementsprechend Indices der Bibelstellen und der benutzten Autoren, jedoch nicht der Namen und Wörter.

Rudolf Schieffer


[121], S. 664

Maximilian Georg Kellner, Die Ungarneinfälle im Bild der Quellen bis 1150. Von der "Gens detestanda" zur "Gens ad fidem Christi conversa" (Studia Hungarica 46) München 1997, Verlag Ungarisches Institut, 225 S., 2 Karten, 7 Abb., ISBN 3-929906-53-8, DEM 65.  --  Die Münchener Diss. referiert die Quellennachrichten über die Ungarn und unterteilt sie nach ihrer Abfassungszeit in vier Gruppen: vor 900, 900-955 (Lechfeldschlacht), 955-1038 (Tod König Stephans I.) und Mitte des 11. bis Mitte des 12. Jh. (Otto von Freising). Danach werden verschiedene Elemente des Ungarnbildes untersucht, nämlich Ethnogenese und Urheimat, Lebensweise, Herrschafts- und Sozialstruktur und "militärische Aspekte der Ungarneinfälle". Der Vf. konstatiert einen Wandel des Ungarnbildes in den Quellen. Bis zur Lechfeldschlacht berichten die zeitgenössischen Autoren "überwiegend in nüchternem Stil" und machen zwischen der Bedrohung durch Ungarn, Normannen und Sarazenen keinen großen Unterschied. Erst nach 955 kam es im Rückblick zu einer "umfassenden Verteufelung" der Ungarn in den Schriftquellen. Nachdem die Geschichtsschreiber um 1000 das Interesse an den mittlerweile christianisierten Ungarn verloren hatten, griffen die Hagiographen auf den dankbaren Stoff der Ungarneinfälle zurück und prägten durch ihre klischeehafte Darstellung auf Dauer das Bild. Der Bericht über die Mißhandlung sächsischer Frauen im Sommer 906, den der Vf. der "pervertierten Phantasie" des Annalista Saxo zuschreibt (S. 144 f.), stammt tatsächlich aus einer verlorenen Fuldaer Annalenkompilation von 906/15, die auch in den Annales Palidenses und durch Gobelinus Person benutzt wurde. Dieser Beleg zwingt zu dem Schluß, daß entweder nicht alle Zeitgenossen "in nüchternem Stil" über die Einfälle {665} berichteten oder aber die Ungarn in dieser Arbeit doch ein wenig zu weich gezeichnet werden.

Klaus Naß


[122], S. 665

Arnoud-Jan A. Bijsterveld, The Commemoration of Patrons and Gifts in Chronicles from the Diocese of Liège, Eleventh-Twelfth Centuries, Revue Bénédictine 109 (1999) S. 208-243, befaßt sich mit den Traditionsnotizen in den Chroniken von Saint-Hubert, Saint-Trond und Klosterrath für die Zeit von 1000 bis 1150. Sie traten häufig an die Stelle von Urkunden, hatten einen rechtlichen (Sicherung des Besitzes) und liturgischen (die memoria des Stifters) Aspekt und kamen in den Klosterchroniken gehäuft nach der Überwindung innerer Wirren oder äußerer Bedrängnisse vor.

Detlev Jasper


[123], S. 665

Patrick Henriet, Un corps encombrant: l'invention des restes de l'empereur Maximien (Marseille, milieu du XIe siècle), Provence historique 49 (1999) S. 283-295, behandelt eine Episode aus dem Chronicon Novaliciense, Appendix c. 11 (ed. L. C. Bethmann, MGH SS 7, S. 126 f.; ed. C. Cipolla, Fonti 32, S. 299 f.), die schildert, wie um 1040 in Marseille das Grab des Christenverfolgers Maximian (285-310) entdeckt wurde und man seine sterblichen Überreste auf Befehl des Erzbischofs Raimbald von Arles ins Meer warf.

Rolf Große {665}


[124], S. 665

Arnoldo Carlos Vento, Tres civilizaciones del mundo medieval. Crítica, análisis y crónicas de las primeras cruzadas (Medieval Studies 10) Lewiston, NY u. a. 1998, The Edwin Mellen Press, (XII), IX u. 340 S., 6 Taf., ISBN 0-7734-8494-9, USD 99,95.  --  Es handelt sich vorwiegend um die spanische Übersetzung von Exzerpten aus den Chroniken zum ersten Kreuzzug, und zwar meist der lateinischen mit wenigen Auszügen aus islamischen und griechischen. Warum manchmal Teile des übersetzten Originaltexts vorangestellt sind, manchmal nicht, bleibt dunkel. Der erste Teil ist eine "Kritik und Analyse" des ersten Kreuzzuges (S. 1-101), die man besser überblättert, wenn man erfahren hat, daß die Identitätskrise der amerikanischen Indianer auf dem Weg über die spanische und angelsächsische Hegemonialpolitik des weißen Mannes letztlich auf die Kreuzzüge zurückgeht (S. I f.) und die Eroberung Jerusalems den westlichen Nationalismus begründete (S. 92). Beschlossen wird der Band mit einigen der bekannten martialischen Illustrationen von Gustave Doré und einer Bibliographie, in der die Chronik Ottos von St. Blasien und die Regesta regni Hierosolymitani von Reinhold Röhricht bei den islamischen Quellen eingereiht sind (S. 313 f.), um nur zwei eklatante Fehlleistungen zu nennen.

Hans Eberhard Mayer


[125], S. 665

Benjamin Wood Westervelt, The Power to Take and the Authority to Hold: Fabrications of Dynastic Legitimacy in Twelfth-Century Catalonia, The Journal of Medieval and Early Modern Studies 29 (1999) S. 227-252, analysiert den Prolog der Gesta Comitum Barcinonensium aus Ripoll im Hinblick darauf, welche Erklärungen er für den Aufstieg der Grafen von Barcelona seit dem 9. Jh. bietet.

Claudia Märtl


[126], S. 665

Werner Hechberger, Graphische Darstellungen des Welfenstammbaums. Zum "welfischen Selbstverständnis" im 12. Jahrhundert, AKG 79 (1997) S. 269-297, 5 Abb., untersucht fünf Namenstemmata des 12.-13. Jh. aus Weingarten, {666} Altomünster, Ranshofen, Rottenbuch und Marchtal, die meist zusammen mit der Historia Welforum überliefert sind und als Zeugnisse des sich herausbildenden "welfischen Selbstverständnisses" interpretiert werden. Der Vf. wendet sich gegen die neue These, wonach die Historia Welforum im Umkreis Heinrichs des Löwen entstanden sei. Sie sei vielmehr für Welf VI. geschrieben worden und eine Chronica Altorfensium gewesen, eine Geschichte "jener Vorfahren, durch die Welf VI. den Altdorfer Besitz erhalten hatte".

Klaus Naß


[127], S. 666

Die Chronik Ottos von St. Blasien und die Marbacher Annalen, hg. und übersetzt von Franz-Josef Schmale (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe 18a) Darmstadt 1998, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 275 S., ISBN 3-534-01419-7, DEM 128.  --  Die Chronik Ottos von St. Blasien und die Marbacher Annalen, die jeweils in engem Zusammenhang mit den Werken Ottos von Freising und Rahewins stehen, sind für die Reichsgeschichte der späteren Stauferzeit sehr wichtige Quellen. Es ist daher nur zu begrüßen, daß in der bekannten Reihe beide Texte (die Marbacher Annalen erst mit den 1152 einsetzenden selbständigen Berichten) in gewohnter Art aufbereitet wurden: Auf eine knappe Einleitung, in der kurz die Überlieferungsverhältnisse umrissen und sowohl quellenkundliche als auch quellenkritische Aspekte angesprochen werden, folgt der den maßgeblichen MGH-Ausgaben entnommene lateinische Text mit einer neugefertigten deutschen Übersetzung, ergänzt durch einen knappen textkritischen Apparat und einen Sachkommentar, der im wesentlichen Vorbildstellen nachweist und die genannten Personen identifiziert. Erschlossen wird der Band durch ein Namenregister. Leider haben sich etliche kleinere Versehen und Irrtümer, aber auch einige Übersetzungsfehler (S. 33 Z. 25-27, S. 137 Z. 11-13, S. 151 Z. 2-4, S. 155 Z. 9 ff.) eingeschlichen, die durch eine kritische Durchsicht vor dem Druck gewiß hätten vermieden werden können. Dennoch wird sich der handliche Band besonders im akademischen Unterricht zweifelsohne bewähren.

Bernd Schütte {666}


[128], S. 666

Gesta Karoli Magni ad Carcassonam et Narbonam. Untersuchung und Neuedition von Christian Heitzmann (Millennio Medievale 11 = Testi 4) Firenze 1999, Edizioni del Galluzzo, CXXIV u. 119 S., ISBN 88-87027-31-5, ITL 75.000.  --  Die Gründungslegende der Bendiktinerabtei Lagrasse in der Provence gehört zum Themenkreis der Karlslegenden, mit denen sich in letzter Zeit mehrfach Hgg. und Kommentatoren befaßten (vgl. DA 43, 237, 620; 44, 599). Der Hg. setzt es sich zum Ziel, den lateinischen Text der bisher unzureichend edierten Gesta (editio princeps 1823, letzte kritische Edition 1898) auf wesentlich verbreiterter Hss.-Basis zu sichern, sprachliche und stilistische Eigenheiten herauszustellen und zugleich mit der causa scribendi die Entstehungszeit der Legende festzulegen. Die Überlegungen und Argumente des Hg. zu Beginn seiner ausführlichen Einleitung machen es wahrscheinlich, daß die Gesta als Auftragsarbeit in einer Periode der Bedrückung und Verarmung der vormals reich begüterten Abtei in der Mitte des 13. Jh. entstanden sind, und zwar mit dem Ziel, verlorenen Besitz authentisch auf alte Rechte zurückzuführen. Als Vf. nennt sich in Prolog und Epilog ein sonst nicht nachzuweisender Guillelmus Paduanus. Breiten Raum gewährt der Hg. der Darstellung von Aufbau und Inhalt der Gesta, die sich - was der Titel nicht erwarten läßt - als eine der eigenwilligsten {667} und ausführlichsten Gründungsgeschichten der ma. Literatur erweisen und die in der nur hier beschriebenen Weihe der Klosterkirche durch Christus kulminieren.  --  Die Edition bietet einen durchgehenden Text von 90 Seiten mit sorgfältigem Apparat, anschließend knapp 300 kommentierende Anmerkungen, ein Orts- und Namenverzeichnis sowie einen knappen Index verborum memorabilium.

Peter Dinter {667}


[129], S. 667

Marino Zabbia, La memoria domestica nella chronachistica notarile del Trecento, QFIAB 78 (1998) S. 123-140, umreißt die Eigenart der von Notaren geführten Chroniken vor dem Hintergrund der politischen Entwicklung des 14. Jh.; das Vordringen familiengeschichtlicher Notizen scheint dabei mit dem Verlust der Selbständigkeit der Heimatkommunen der betreffenden Notare zusammenzuhängen, was an Beispielen aus San Miniato, Pordenone, Vicenza, Novara und Bologna aufgezeigt wird.

Claudia Märtl


[130], S. 667

Emilio Panella, Cronica fratrum dei Conventi Domenicani Umbro-Toscani (Secoli XIII-XV), Archivum Fratrum Praedicatorum 68 (1998) S. 223-294, untersucht mit großem Sachverstand in dieser eher bibliothekswissenschaftlichen Studie eine lokal- und ordensgeschichtliche Quellengruppe, die mal als Chronik, mal als Nekrolog, Obituarium, Sepultarium, Kalendarium, libro dei morti oder libro degli anniversari in den einzelnen Bibliotheksinventaren und der einschlägigen Forschung beschrieben wird.

Christian Lohmer


[131], S. 667

Leardo Mascanzoni, Il Tolosano e i suoi continuatori. Nuovi elementi per uno studio della composizione del Chronicon Faventinum (Fonti per la storia dell'Italia medievale. Subsidia 3) Roma 1996, Istituto Storico Italiano per il Medio Evo, 195 S., keine ISBN, ITL 35.000.  --  Ausgehend von der bekannten Tatsache, daß das Chronicon Faventinum (= C. F.) das Werk dreier Autoren ist (des Tolosanus und zweier Fortsetzer), ermittelt der Vf. durch Quellen- und Stilvergleich deren Anteile an der Textgestaltung. Er kommt gegenüber der älteren Forschung nicht zu grundlegend neuen Ergebnissen, aber es gelingt ihm, die Textanteile der einzelnen Autoren präziser zu bestimmen und zu lokalisieren. In minutiöser Feinarbeit weist er die Quellen nach (besonders kompliziert im Fall von Salimbene, der eine frühe Fassung des C. F. für seine Chronik benutzte, die der zweite Continuator des C. F. seinerseits für Nachträge verwendete) und erschließt daraus die Zuweisung entsprechender Kapitel und Abschnitte an die Autoren. Sprachvergleiche zwischen Quellen (Jacques de Vitry vor allem) und Text des C. F. ermöglichen den Nachweis, daß der zweite Continuator, vom Vf. deswegen als "Interpolatore" bezeichnet, nicht nur Nachträge beigesteuert, sondern auch Teile des vom Tolosanus stammenden Grundbestandes erweitert und überarbeitet hat, dies wohl erst in den 1270er oder 1280er Jahren, also sicher später als bisher angenommen. Überzeugend sind dabei nicht nur die methodischen Überlegungen des Vf., sondern auch sein besonnenes Urteil im Umgang mit den eigenen Hypothesen. Damit liefert diese detaillierte Studie einen wertvollen Beitrag zur Interpretation des Chronicon Faventinum.

Walter Koller {667}


[132], S. 667

Konrad von Halberstadt O. P., Chronographia Interminata 1277-1355/59, hg. von Rainer Leng (Wissensliteratur im Mittelalter 23) Wiesbaden 1996, Reichert, {668} 286 S., 6 Abb., ISBN 3-88226-876-X, DEM 82.  --  Die Würzburger Diss. bietet eine Teiledition mit einleitender Untersuchung der Chronographia Interminata des Dominikaners Konrad von Halberstadt (d. J., #[86] nach 1359). Die zwischen 1350 und 1355 kompilierte Chronographia gliedert die Heilsgeschichte in acht Aetates, die in vier Partes abgehandelt werden. Der zweite Teil ist der Zeit von der Erschaffung der Welt bis zum Jahr 1355 gewidmet. Der Hg. betont den strukturbildenden heilsgeschichtlichen Leitgedanken der Kompilation und die Funktion des Werks als historisch-theologische Fachenzyklopädie und Geschichtskompendium. Überliefert ist das Werk in vier Hss. des 14.-15. Jh., die drei Rezensionen vertreten. Der Hg. untersucht außerdem Konrads Kompilationstechnik (Exkurse, Memorabilien-Gliederung), die Leit- und Spezialquellen (hauptsächlich Martin von Troppau, Bernard Gui, Erfurter Minoriten- und Peterschronik, Reinhardsbrunner Chronik), die wenigen verlorenen Quellen, die gegenseitige Abhängigkeit zwischen der Chronographia und Heinrich von Herford, bestimmte Memorabilien (Prophezeiungen, Pest, Bild Karls IV.) und die nur schwache Rezeption des Werkes. Ediert wird der Schluß des zweiten Teiles der Chronographia, der über Martin von Troppau hinausführt und von 1227 bis 1355 berichtet. Die Textgrundlage bildet die Leiths. W, zu der die Hss. H und V hinzugezogen werden. Die Edition macht einen soliden Eindruck. Der Gebrauch verschiedener Schriftgrößen im Editionstext erleichtert die schnelle Orientierung über Konrads Vorlagen und Arbeitsweise; getrennte Namen-, Wort- und Sachregister erschließen den Text. Der Untersuchungsteil hätte dagegen sorgfältiger auf Schreib- und Trennfehler durchgesehen werden müssen. Auf S. 80 wird auf "die im Anhang dieser Arbeit abgedruckten [!] Pars I und den Beginn von Pars II" der Chronographia verwiesen, was sich offenbar auf eine umfangreichere Fassung der Diss. bezieht.

Klaus Naß


[133], S. 668

Martin Nejedly, Les "relations internationales" dans les Chroniques de Jean Froissart (L'image de l'espace et de l'autre au service de sa vision du monde), in: Prague Papers on History of International Relations 1998, part 1, S. 22-44.  --  Der Vorabdruck eines Abschnitts aus einer großangelegten Arbeit über Froissart und seine Weltanschauung behandelt vornehmlich die Beschreibung und Deutung von Grenzen.

Ivan Hlavácek {668}


[134], S. 668

Laetitia Le Guay, Les princes de Bourgogne lecteurs de Froissart. Les rapports entre le texte et l'image dans les manuscrits enluminés du livre IV des Chroniques (Documents, études et répertoires) Paris - Turnhout 1998, CNRS Éditions - Brepols, 259 S., 97 schwarzweiße und 4 farbige Abb., ISBN 2-271-05385-4 (CNRS) bzw. 2-503-50684-4 (Brepols), BEF 3.350.  --  Die Abhandlung analysiert von den insgesamt 21 bekannten Exemplaren die neun noch im 15. Jh. illuminierten Hss., in denen das vierte Buch der Chronik Froissarts erhalten ist, das die Jahre 1389-1400 umfaßt. Auffälligerweise stammen drei Hss. aus dem Besitz hoher burgundischer Höflinge, darunter des berühmten Philippe de Commynes, eine war für die Herzöge selbst bestimmt, zwei für den englischen Raum, u. a. für Eduard IV., eine für einen südfranzösischen Adligen, und alle sind zwischen 1460 und 1480 hergestellt worden, überwiegend von Werkstätten in Brügge. Das Bildprogramm von insgesamt 215 Miniaturen stellt sich als sehr abwechslungsreich heraus; es wurde wohl für jede Hs. eigens festgelegt. Den {669} politischen Implikationen der abgebildeten Szenen, der darin zum Ausdruck kommenden burgundischen Sicht der französischen Geschichte und der ebenfalls dem burgundischen Hof angemessenen Vorliebe für Darstellungen ritterlicher Taten und Festkultur wird ausführlich nachgegangen; daneben bilden Gewalt und Kriminalität ein Grundthema der Miniaturen. Die zu erschließenden Interessen der Auftraggeber wie die in die Bildsprache der eigenen Zeit "übersetzten" Darstellungen verweisen auf die Entstehungssituation im dritten Viertel des 15. Jh. Zahlreiche Tabellen und Übersichten sowie eine detaillierte Beschreibung der behandelten Hss. ergänzen die Darlegungen; mit Bedauern sei vermerkt, daß manche der Abb. für eine genaue Betrachtung etwas zu klein und unscharf ausgefallen sind.

Claudia Märtl


[135], S. 669

Graeme Small, George Chastelain and the Shaping of Valois Burgundy. Political and Historical Culture at Court in the Fifteenth Century (Studies in History, N. S.) Rochester - Woodbridge 1997, The Royal Historical Society - The Boydell Press, 302 S., ISBN 0-86193-237-4, GBP 39,50 bzw. USD 71.  --  Mußte der Autor einer Monographie zur burgundischen Geschichtsschreibung 1995 noch konstatieren, über das Leben des G. Chastelain (#[86] 1475) wisse man "wenig Genaues" (M. Zingel, vgl. DA 52, 688, S. 127), so kann diese Forschungslücke jetzt als geschlossen gelten. Auf der Basis umfangreicher archivalischer Recherchen trägt S. die Nachrichten zum Leben des burgundischen Hofhistoriographen zusammen, um das Umfeld und den Hintergrund seines umfänglichen Werks zu erhellen; zwei Kapitel gelten der Biographie, ein drittes der Aktivität als Historiograph und Dichter, die drei letzten den Entstehungs- und Rezeptionsbedingungen der Chronik Chastelains. S. zeigt, wie Chastelain die Gewichte in seinen autobiographischen Äußerungen entsprechend den Publikumserwartungen verschob. Im Gegensatz zu seiner auf eine adlige Existenz abhebenden Selbstdarstellung war die Herkunft Chastelains ausgesprochen kaufmännisch geprägt; er wurde im zweiten Jahrzehnt des 15. Jh. geboren und wuchs in Gent auf. Nach Studien in Löwen versuchte er sich von 1434 bis etwa 1441 in seiner Heimatstadt selbst erfolglos als Kaufmann, um sich danach drei Jahre im Umkreis des französischen Königshofs, besonders in der Klientel Pierre de Brézés, aufzuhalten. Die französische Zeit allerdings hatte nach Meinung des Vf. keineswegs die früher angenommene bestimmende Rolle für Chastelains Weltbild. Im Jahr 1446 wurde Chastelain in den Dienst Herzog Philipps des Guten von Burgund aufgenommen, wo ihm im Verlauf von acht Jahren die Integration in die höfische Elite gelang; in mehreren Gesandtschaften eingesetzt, wurde Chastelain 1455 zum offiziellen Chronisten und 1457 zum Rat des burgundischen Herzogs ernannt. Die letzten elf Jahre seines Lebens (1464-1475) verbrachte er als angesehener Literat in Valenciennes; in dieser Zeit erhöhte Karl der Kühne seinen Titel zu dem eines Indiciaire. Der Vf. bemüht sich immer wieder, die Kontakte Chastelains am Hof und seine politische Rolle zu eruieren, um Informationsmöglichkeiten und zugleich Faktoren bestimmen zu können, welche die Darstellung des Hofhistoriographen ("official vision of Burgundian glory", S. 228) beeinflußt haben könnten. Als Gründe für Chastelains gelungenen sozialen Aufstieg sieht er Ehrgeiz, Geschick im Erfassen günstiger Gelegenheiten und nicht zuletzt einen entschiedenen Willen, sich den Normvorstellungen des adligen Hofmilieus anzupassen ("acculturation"), womit er in seiner Familie und seiner sozialen {670} Herkunftsschicht nicht allein stand. Von dem teilweise mit großem Fleiß erstellten Werk Chastelains muß allerdings gerade die Chronik in rezeptionsgeschichtlicher Hinsicht nach Meinung des Vf. als Fehlschlag gewertet werden, denn sie ist nicht vollständig erhalten geblieben, da bereits die ersten Abschriften wohl aufgrund des unhandlichen Umfangs nur Teile betrafen. In seiner "Conclusion" (S. 228 ff.) kehrt S. zu der eingangs von ihm umrissenen Auseinandersetzung um den spätma. burgundischen Staat zurück, deren konträre Positionen mit den Namen Pirenne und Huizinga verbunden sind. Er schließt sich dem letzteren an, indem er die Entstehung eines proto-belgischen Nationalstaats im 15. Jh. verneint, was für ihn durch eine sorgfältige Lektüre der Chronik Chastelains nahegelegt wird, der als Außenseiter der burgundischen Hofgesellschaft deren Selbstsicht besonders überzeugt vertreten habe. Den Abschluß bilden eine Übersicht zu den erhaltenen Hss. dieses Werks sowie ein Exkurs zu der merkwürdigen Retractatio der moralischen Qualitäten Herzog Philipps, die Chastelain dessen Sohn Karl widmete. Empirische Sorgfalt und eine klare Darstellung verbinden sich hier zu einem nützlichen Buch, das angesichts der Bedeutung Chastelains längst überfällig war.

Claudia Märtl


[136], S. 670

Mark Spencer, Thomas Basin (1412-1490). The History of Charles VII and Louis XI (Bibliotheca Humanistica & Reformatoria 57) Nieuwkoop 1997, De Graaf Publishers, 326 S., ISBN 90-6004-442-8, NLG 120.  --  Ziel dieser Arbeit ist es, dem aus der Normandie stammenden Geschichtsschreiber, der nach einer beachtlichen Karriere, die ihn auf den Bischofsstuhl von Lisieux gebracht hatte, bei Ludwig XI. in Ungnade fiel (1465) und daraufhin ins Exil gehen mußte, endlich den angemessenen Platz in der Geschichte der Historiographie zu verschaffen. Nach einem kurzen biographischen Abriß und der Rezeptionsgeschichte des als Autor lange anonym gebliebenen Basin folgt eine hauptsächlich werkimmanent vorgehende Analyse, die zeigt, wie er seinen Geschichten Karls VII. und Ludwigs XI. die These zugrunde legt, daß die Regierungszeiten beider Herrscher als eine einzige, fortschreitend gesteigerte Tyrannis zu sehen seien und Ludwig XI. nur auf den von seinem Vater geschaffenen Voraussetzungen aufbaute. Seine dezidiert durchgehaltene Interpretation der französischen Geschichte des 15. Jh. stellt Basin nach Meinung des Vf. an die Seite der humanistischen Historiographen Italiens ("The Leonardo Bruni of the North", S. 73 ff.) und hebt ihn über die meisten Zeitgenossen im französisch-burgundischen Raum hinaus (S. 197 ff.). Zudem besitzt für Sp. diese Lektüre besonderen Reiz: "The arguments of Thomas Basin should have a special resonance for citizens of the United States, as they are exactly those espoused three hundred years later in the American Revolution against taxation without consent and the billeting of mercenary troops" (S. 113). Die bewußte Parteilichkeit Basins wie seine Unzuverlässigkeit auf der Ebene der Fakten haben ihm so manches harte Verdikt von seiten seiner allzu positivistisch urteilenden Herausgeber Quicherat und Samaran eingetragen, gegen die ihn Sp. in Schutz nimmt (S. 236 ff.). Für ihn ist Basin ein Historiker "in the modern sense" und "a true champion of political liberty in the grand Western tradition that stretches back to the ancient Greeks" (S. 293 f.). Vielleicht würde man bisweilen ein etwas "mittelalterlicheres" Bild von Basin bevorzugen, oder besser gesagt, die neuere europäische Forschung hat von der Historiographie des MA ein etwas differenzierteres Bild, aber dies ist dem Vf. auch selbst bewußt {671} (S. 209 ff.); so kann man vielen Argumenten dieser engagiert geschriebenen Studie letztlich doch zustimmen.

Claudia Märtl


[137], S. 671

Dietrich W. Poeck, Sprichwort und Chronik, Das Mittelalter 2 (1997) S. 81-92, untersucht den "Gebrauch von Sprichwörtern in der volkssprachigen Lübecker Geschichtsschreibung". Sie kommen seit dem 15. Jh. häufiger vor und dienen der Veranschaulichung und Bewertung von Situationen und Verhaltensweisen.

Klaus Naß


[138], S. 671

Aeneae Silvii Historia Bohemica. Ediderunt et in linguam Bohemicam verterunt Dana Martínková, Alena Hadravová, Jiri Mátl. Praefatus est Frantisek Smahel (Clavis monumentorum litterarum. Regnum Bohemiae 4 = Fontes rerum regni Bohemiae 1) Pragae 1998, Institutum studiis classicis promovendis, Koniasch Latin Press, CVI u. 278 S., ISBN 80-85917-40-8.  --  Die lateinisch-tschechische Ausgabe der Historia des nachmaligen Papstes Pius II. fußt auf zwei vatikanischen und drei böhmischen Hss. und zwei Drucken von 1475 und 1532, versteht sich trotzdem bescheiden nicht als kritische Edition. Auch wenn man darüber räsonieren könnte, ob es sich lohnt, die meist belanglosen Varianten der Drucke darzubieten, nachdem die älteste Hs. schon ein Jahr nach der Urschrift entstand, ist man den Hgg. in jedem Fall dafür dankbar, einen leichten Zugang zu dem Text verschafft zu haben. Sie beschränken sich strikt auf einen philologischen Kommentar, doch ersetzt die brillante Einleitung Smahels, die dankenswerterweise auch in Englisch vorliegt, vorläufig einen historischen Kommentar zur Persönlichkeit des Piccolomini und den verschlungenen Wegen der Forschung zu Entstehung und Rezeption der Chronik, die für die vorhussitische Zeit nur literarischen Wert und für Silvios Zeitgeschichte eher den Wert eines Pamphlets hat. Eine marginale Anmerkung: Philibertus episcopus Constantiensis bezeichnet den Bischof von Coutances, nicht von Konstanz.

Ivan Hlavácek {671}


[139], S. 671

Santità, culti, agiografia. Temi e prospettive. Atti del I Convegno di studio dell'Associazione italiana per lo studio della santità, dei culti e dell'agiografia, Roma, 24-26 ottobre 1996, a cura di Sofia Boesch Gajano, Roma 1997, Viella Libreria editrice, 381 S., 22 Abb., ISBN 88-85669-66-2, ITL 75.000.  --  Studien zu Heiligkeit, Kult und Hagiographie bildeten in den letzten Jahrzehnten "un settore tra i più innovativi della storiografia", betont die Hg. in ihrer Einleitung (S. 7-11, hier S. 7). Aus diesem Grund lud die Associazione italiana per lo studio della santità, dei culti e dell'agiografia (AISSCA) zu einem internationalen Kongreß, dessen 21 Beiträge in italienischer und französischer Sprache nur ein Jahr später in gedruckter Fassung vorgelegt wurden. Ziel des Bandes ist die Beschäftigung mit neuen Zugängen, Perspektiven und Diskursen in zeitlicher, örtlicher, thematischer und intentionaler Hinsicht. Die erste Sektion, "Cronologia e geografia", beschränkt sich nicht nur auf den abendländischen Kulturkreis, sondern schließt auch den der Ostkirche und des Islams ein und umspannt den Zeithorizont von der Spätantike bis heute: Francesco Scorza Barcellona, Dal tardoantico all'età contemporanea e ritorno: percorsi scientifici e didattici nella {672} storiografia agiografica (S. 15-26).  --  Krassimir Stantchev, Agiografia e agiologia nella tradizione slavo-ortodossa (S. 27-50).  --  Denise Aigle, Les miracles en islam médiéval: des classifications des hagiographes aux typologies des historiens (S. 51-78).  --  Simon Ditchfield, Ideologia religiosa ed erudizione nell'agiografia dell'età moderna (S. 79-90).  --  Giacomo Martina, Osservazioni sullo studio della santità in età contemporanea (S. 91-104).  --  Die zweite Sektion, "Scritture e immagini", setzt sich mit den zentralen Themen hagiographischer Quellen auseinander. Ein Teil der Beiträge ist dem Verhältnis von textlicher und bildlicher Verarbeitung hagiographischer Motive gewidmet, ein anderer den Übersetzungen von lateinischen Viten in die Volkssprachen des ausgehenden MA: Aline Rousselle, Image et texte: aller et retour (S. 107-127).  --  Vera von Falkenhausen, Problemi di traduzione di testi agiografici nel Medioevo: il caso della passio sancti Erasmi (S. 129-138).  --  Laurence Moulinier, Vitae latines et volgarizzamento: l'exemple de la Vie de Hildegarde en français (S. 139-163).  --  Alessandra Bartolomei Romagnoli, Fabula picta. Le forme visive del linguaggio mistico (S. 165-180).  --  Genoveffa Palumbo, Immagini e devozione. Gli antichi modelli delle immagini di devozione tra predicazione e missione (S. 181-212).  --  Anna Vlaevska-Stantcheva, La venerazione dei regnanti nella tradizione benedettina. A proposito delle fonti di un affresco veronese (S. 213-226).  --  Emma Fattorini, Immagine e comunicazione del miracolo in età contemporanea (S. 227-239).  --  Francesco Faeta, Qualche appunto sulle immagini e la santità in un contesto popolare moderno (S. 241-253).  --  Die dritte Sektion, "Carismi, canonizzazioni, devozioni", präsentiert neue Diskurse zur Art und Weise, wie Heiligkeit konstruiert wird, d. h. auch zu ihrem sozio-politischen Umfeld, weiters zur offiziellen Anerkennung von Heiligkeit und zu Kultpraktiken: Franco Cardini, Il pellegrinaggio in Terrasanta. Temi e problemi (S. 257-273).  --  Dominique Rigaux, Par la grâce du pinceau. Canonisation et image aux derniers siècles du Moyen Age (S. 275-298).  --  Lilia Skomorochova Venturini, Santità e agiografia in Russia (secoli XI-XVII) (S. 299-313).  --  Maria Pliukhanova, Il miracolo dei cefalofori alla luce della tradizione agiografica russa (S. 315-325).  --  Jean-Michel Sallmann, Sainteté et société (S. 327-340).  --  Pierroberto Scaramella, Fonti agiografiche e fonti inquisitoriali: il caso dei santolilli napoletani (S. 341-361).  --  Marina Caffiero, Santità, politica e sistemi di potere (S. 363-371).  --  Silvia Manganelli, Un caso di santità contemporanea. Impostazione di una ricerca tra antropologia e storia (S. 373-381).  --  Insgesamt ist allen Beiträgen ein hohes Niveau zu attestieren, dem Tagungsband selbst eine gelungene diachrone, multiregionale und multidisziplinäre Mischung zu einem in der Tat hochaktuellen und zukunftsweisenden Thema.

Christian Rohr {672}


[140], S. 672

Cormac Bourke (Ed.), Studies in the Cult of Saint Columba, Dublin 1997, Four Courts Press, 252 S., Abb., Karten, ISBN 1-85182-268-2 (hbk.) bzw. 1-85182-313-1 (pbk.), GBP 40 bzw. 17,50.  --  Anläßlich des 1400. Todestages Columbas d. Ä. (Colum Cille, #[86] 597) - neben Patrick und Brigida einer der drei Patrone Irlands - suchen die vorliegenden 10 Beiträge, die Brückenfunktion des großen Heiligen zwischen Irland und Schottland herauszustellen: Thomas O'Loughlin, Living in the Ocean (S. 11-23), rekonstruiert die geographische Sicht der Mönche von Iona bezüglich ihrer eigenen Insellage wie der umliegenden Inseln. U. a. zeigt sich dabei Übereinstimmung zwischen der Vita Columbani {673} Adomnáns und den Werken Bedas (der in seiner Jugend allerdings geraume Zeit in Iona verweilte).  --  Aidan MacDonald, Adomnán's Monastery of Iona (S. 24-44), versucht der Organisation und Struktur (nach innen wie nach außen) des Klosters in Iona nach Adomnáns Vita Columbani auf die Spur zu kommen, wobei sich stets die Frage stellt, wieweit es sich um topische Aussagen, um Zustände (noch) unter Columba oder um solche (schon) unter Adomnán handelt, dessen Text etwa 100 Jahre nach Columbas Tod (ca. 692/697) entstanden ist.  --  Finbar McCormick, Iona: the Archaeology of the Early Monastery (S. 45-68), geht auf Spurensuche nach den archäologischen Anhaltspunkten für das Columbakloster, ein Unterfangen, dem durch die frühe Praxis der Holzbauweise enge Grenzen gesetzt sind. Von besonderem Interesse bleiben die Beobachtungen zur Lage des Friedhofs (außerhalb der Umfriedung!), vornehmlich aber die Hinweise auf die Ernährungsgrundlage der Gemeinschaft auf Grund der Analyse von Tierknochenfunden im Klosterbereich. Dabei zeigen sich für die im Kloster verzehrten Fleischarten von Vierfüßlern - bei grundsätzlich erheblich höherem Fleischverbrauch bei den Gästen - bezeichnende, unterschiedliche Präferenzen. Für die Mönche ergibt sich die Reihenfolge: Schaf, Rind, Schwein; für die Gäste hingegen die Reihenfolge: Rind, Rotwild, Schwein, Schaf.  --  Timothy O'Neill, Columba the Scribe (S. 69-79), gibt einen Abriß über die Schreibertätigkeit und die (illuminierte) Buchproduktion des Klosters, vornehmlich aus dem Blickwinkel der verwendeten Materialien und der angewandten Techniken.  --  Jennifer O'Reilly, Reading the Scriptures in the Life of Columba (S. 80-106), geht zentralen Schriftzitaten und -parallelen in der Vita Columbani (Adomnán) nach und findet hier nicht nur Modelle für das Leben Columbas ausgeführt, sondern sieht darüber hinaus in der Erzählung auch Typen für Schriftinterpretation in der Tradition der "lectio divina" durchscheinen.  --  Jane Hawkes, Columban Virgins: Iconic Images of the Virgin and Child in Insular Sculpture (S. 107-135), arbeitet die ikonographischen Typen (Kompositions-Typen) in den insularen Jungfrau-Kind-Skulpturen der Vor-Normannenzeit (19 Stücke) heraus unter Berücksichtigung möglicher Einflüsse und Verbindungen zu den Columba-Klöstern.  --  Raghnall O Floinn, Insignia Columbae I (S. 136-161), und Cormac Bourke, Insignia Columbae II (S. 162-183), beschäftigen sich mit Reliquien (Berührungsreliquien) und Reliquiaren, soweit sie mit Columba in Beziehung gebracht werden.  --  Cormac Bourke, A Note on the Delg Aidechta (S. 184-192), läßt einige Beobachtungen zu der berühmten "hereditary brooch" Delg Aidechta folgen, einer insularen, im 9./10. Jh. verfertigten Gewand-Brosche, die von der Legende in Zusammenhang mit Columba gebracht wird.  --  Nollaig ó Muraíle, The Columban Onomastic Legacy (S. 193-218 [S. 219-228 Verbreitungskarten]), identifiziert und untersucht eine Auswahl von mehr als 160 Ortsnamen und Patrozinien in Irland und Schottland mit den Namensbestandteilen Colum Cille, Colum, Adomnán. Die Häufigkeit der Belege ist nicht zuletzt ein augenfälliger Beweis für den großen Einfluß, der über Jahrhunderte hinweg von der Gestalt Columbas für die Inseln ausgegangen ist.  --  Eine Bibliographie (S. 229-246) sowie ein Personen- und Ortsindex (S. 249-252) schließen den Band ab.

Georg Jenal {673}


[141], S. 673

Brian Lacey, Colum Cille and the Columban Tradition, Dublin 1997, Four Courts Press, 104 S., ISBN 1-85182-321-2, GBP 9,95.  --  Das Bändchen beansprucht {674} nicht, Ersatz zu sein für die zahlreiche und grundlegende Spezialliteratur zu diesem Thema. In acht Kapiteln (Geburt, Lebenslauf, Tod Columbas; die Nachfolger; die Vita Adomnáns; Kells und andere Gründungen; das Kloster Derry; die Tradition Columbas vom Mittelalter zur Gegenwart), wird versucht, das sichere Wissen über den Weg, die Erinnerung und das Vermächtnis Colum Cilles in Literatur, Kunst und Volkskunde Irlands in groben Strichen nachzuzeichnen. Das Büchlein ist weniger für den Spezialisten gedacht, kann allerdings zum Einstieg in die Probleme um den großen irischen Patron hervorragende Dienste leisten.

Georg Jenal {674}


[142], S. 674

Emore Paoli, Agiografia e strategie politico-religiose. Alcuni esempi da Gregorio Magno al Concilio di Trento (Biblioteca del "Centro per il collegamento degli studi medievali e umanistici in Umbria" 19) Spoleto 1997, Centro Italiano di Studi sull'Alto Medioevo, XV u. 265 S., ISBN 88-7988-948-6, ITL 65.000.  --  Der Autor zeigt anhand eines chronologischen Längsschnitts vom frühen MA bis zur nach-tridentinischen Kirche und eines regionalen Schwerpunkts in Mittelitalien, wie Heilige und deren Kulte macht- wie religionspolitisch genutzt wurden. So diente etwa die mythische Herkunftssage einer syrischen Mission in Umbrien und der Sabina dazu, eine römische Spiritualität zu stützen - und diese wiederum zur politischen Eingliederung des Dukats von Spoleto. Später sollte dort die Vita des hl. Fortunatus von Montefalco eine "Sakralisierung der Landschaft", auch gegen rezente heidnische Kulte, zudem eine ethnische und politische Identität der Bewohner stiften. Papst Martin I. wurde im 12. und 13. Jh. als Vorgänger Thomas Beckets dargestellt, um die langwährende Unabhängigkeit und Selbständigkeit der römische Kirche von weltlichen Mächten hervorzuheben. Verschiedene und ganz unterschiedliche Versionen und Lesarten von Heiligenleben, belegt am Beispiel der Margherita da Città di Castello, erweisen weniger einen dokumentarischen Charakter als geänderte kulturelle und spirituelle Konventionen. Die Überarbeitung des "liber" der Angela da Foligno machte diesen für die Devotio moderna nutzbar, und Analoges geschah in den Zeiten der Gegenreformation durch die "Metamorphosen" der Vitae des hl. Ubaldo. P. gelingt es gleichermaßen, die Heiligenviten in ihrem religiösen Rahmen zu sehen und sie in den politisch-instrumentalen zu stellen. Anschaulich tritt dabei hervor, wie sich über die Zeiten hin Spirituelles in höchst Weltliches transformieren läßt.

Lothar Kolmer {674}


[143], S. 674

The Legend of Mary of Egypt in Medieval Insular Hagiography, edited by Erich Poppe and Bianca Ross, Blackrock 1996, Four Courts Press, VII u. 299 S., Abb., ISBN 1-85182-187-2, GBP 35.  --  In Ergänzung und Weiterführung von Konrad Kurzes Studien zur Legende der heiligen Maria Aegyptiaca im deutschen Sprachgebiet (1969, vgl. DA 27, 588 f.) vergleicht der als Festschrift für Hans Rössing konzipierte Sammelband die Rezeption in Volkssprachen, die mit "insular" auch das Alt-Norwegische und Anglo-Normannische umfassen; zudem wird der Leser über die Tradition von der ursprünglichen griechischen Fassung aus dem 6. Jh. bis zur kanonisch gewordenen Version des Paulus Diaconus informiert, dessen Schilderung des sündigen Vorlebens besonders liebevoll ins Detail geht. Erörtert wird auch die Stellung der Heiligen in der Liturgie und die häufige Verwechslung mit Maria Magdalena und gelegentlich auch mit der {675} Jungfrau. Manche Beiträge gehen über Detailfragen zu den volkssprachlichen Fassungen hinaus: Jane Stevenson, The Holy Sinner: The Life of Mary of Egypt (S. 19-98), gibt den bei Migne PL 73,671-690 zugänglichen Text nach drei Hss. wieder, wobei textlich ziemlich viele Fragen offen bleiben.  --  Hugh Magennis, St Mary of Egypt and Aelfric: Unlikely Bedfellows in Cotton Julius E. VII? (S. 99-112), weist darauf hin, daß die Empfehlung des eremitischen Ideals in der Sammlung Aelfrics (#[86] ca. 1010) einen später hinzugefügten Fremdkörper darstelle.

Gabriel Silagi


[144], S. 675

Matthias Becher, Vitus von Corvey und Mauritius von Magdeburg: Zwei sächsische Heilige in Konkurrenz, Westfälische Zs. 147 (1997) S. 235-249, erläutert in diesem Vortrag im Anschluß an seine Habilitationsschrift (siehe unten S. 731) die aus der Sicht Widukinds von Corvey bestehende Rivalität zwischen dem heiligen Vitus und dem heiligen Mauritius, mit denen er unterschiedliche Konzepte für die Herrschaft Ottos I. verbindet. Mit Vitus als "Landespatron Sachsens" (S. 238) entwirft Widukind für Otto I. das folgende politische Konzept: "Nicht Mission und Kaisertum, sondern Besinnung auf die Verdienste des sächsischen Volkes sollten die primären Ziele seiner Politik sein" (S. 249).

Goswin Spreckelmeyer {675}


[145], S. 675

Vera von Falkenhausen, Gregor von Burtscheid und das griechische Mönchtum in Kalabrien, Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte 93 (1998) S. 215-250, behandelt eingehend die beiden Viten des aus Kalabrien stammenden ersten Abtes der Gründung Ottos III. (MGH SS 15/2 S. 1187-1190, 1191-1199; AASS Nov. 2/1 S. 463-466, 467-477; vgl. auch DA 54, 245) mit dem Ergebnis, daß die nur fragmentarisch und überarbeitet im Großen Österreichischen Legendar überlieferte Vita prior von einem Zeitgenossen mit guter Kenntnis des griechischen Mönchtums stammt und wahrscheinlich in Rom (im Auftrag Ottos III. ?) entstand, während die Vita posterior, die Gregor zum Bruder der Kaiserin Theophanu macht, im späten 12. Jh. in Burtscheid mit dem Ziel der Kanonisation geschrieben worden sein dürfte. Von ihr liegt eine editorisch bisher ungenutzte fragmentarische Abschrift des 13. Jh. im Stadtarchiv Aachen (Hs. 24); vgl. bereits NA 43, 434 f.

Rudolf Schieffer


[146], S. 675

Robert W. Scheller, Die Seelenwägung und das Kelchwunder Kaiser Heinrichs II. (Mededelingen van de Afdeling Letterkunde, Nieuwe Reeks, Deel 60, no. 4) Amsterdam 1997, Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen, 69 S., Abb., ISBN 90-6984-175-4, NLG 35.  --  Der Vf. untersucht in dieser lesenswerten und ertragreichen Akademieabhandlung die bekannte Legende um Heinrich II. und den heiligen Laurentius, der den Kampf der jenseitigen Mächte um die Seele des Kaisers dadurch entschied, daß er als Symbol des 1004 wiedererrichteten Bistums Merseburg einen Kelch in die Seelen-Waagschale der guten Taten warf. Diese überaus populäre Erzählung hat einen breiten Niederschlag nicht nur in lateinischen und volkssprachlichen Chroniken, Prosalegenden und Versepen gefunden, sondern auch in Bildquellen. In einem ersten Teil untersucht Sch. die einschlägigen Schriftquellen (u. a.: Chronik von Montecassino, Bamberger Vita Heinrichs II., Pöhlder Annalen, sächsische Weltchronik, Ebernand von Erfurt), ihre Abhängigkeiten untereinander und motivische {676} Parallelen. Darauf folgen Präsentation (33 Abb.) und kenntnisreiche Kommentierung der Bildzeugnisse, was erstaunliche Ergebnisse zeitigt: So finden sich die frühesten bildlichen Darstellungen der Seelenwägung nicht etwa in der Diözese Bamberg, sondern in sechs Dorfkirchen auf Gotland, deren älteste um 1240 entstanden ist.

Marcus Stumpf {676}


[147], S. 676

Stephan Freund, Zum Verhältnis von "Topos" und "Wirklichkeit" in der Vita Petri Damiani des Johannes von Lodi, AKG 80 (1998) S. 297-324, bescheinigt der 1076/84 geschriebenen Vita (MGH Studien und Texte 13, 1995) einen großen Realitätsgehalt, der sich mit der engen persönlichen Beziehung zwischen dem Autor und Petrus Damiani und mit der Kenntnis der Schriften des Kirchenreformers erklären lasse. Die Vita sollte als "Lehrbeispiel im internen Gebrauch der Einsiedelei" Fonte Avellana dienen.

Klaus Naß


[148], S. 676

Antonio Vuolo, Un santo eremita/abate dimenticato nel Sannio Beneventano medievale (La Vita e l'officium di Giovanni da Spoleto: secc. XI-XIV), Benedictina 45 (1998) S. 5-45, untersucht die kulturgeschichtlich faszinierende Kontaktzone zwischen lateinischem und griechischen Mönchtum vornehmlich an der unikal ("unica sua copia") überlieferten und noch immer ungedruckten Vita (BHL 4438d) nach Benevent, Biblioteca Capitolare cod. 4, f. 80ra-90va (12. Jh.). Diese wichtige überlieferungsgeschichtliche Mitteilung erfährt man fast zufällig in Anm. 5. In quellenkundlicher Hinsicht ist es aber ebenso ärgerlich, wenn der Leser erstmals in Anm. 46 en passant informiert wird, daß es noch eine Abschrift des 18. Jh. gibt: Vatikan, Borgiano lat. 296, f. 185-205. Es wäre wünschenswert, wenn dem hier gebotenen philologischen Vergleich mit zeitgenössischen Viten noch eine Edition folgen würde. Im Anhang ist immerhin eine Edition des Officiums des hl. Johannes v. Spoleto nach Rom, Biblioteca Alessandrina, ms. 94 (sec. XVII), f. 78r-84v beigefügt.

Christian Lohmer


[149], S. 676

Liber Sancti Jacobi. Codex Calixtinus. Transcripción a partir del Códice original por: Klaus Herbers y Manuel Santos Noia, Santiago de Compostela o. J. [1999], Xunta de Galicia, XXX u. 337 S., 2 Abb., ISBN 84-453-2298-2.  --  Nachdem bereits 1993 in Madrid ein Faksimile erschienen ist, tritt dieser ansprechend gestaltete Band an die Stelle des mit Mängeln behafteten und kaum verbreiteten Drucks von W. M. Whitehill (1944), der bisher als einziger den gesamten Inhalt der berühmten Hs. des Kathedralarchivs von Santiago zwischen zwei Buchdeckeln zugänglich gemacht hatte, während einzelne Teile wie besonders Pseudo-Turpin und der Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi auch anderwärts greifbar waren. Der Transkription vorangestellt sind außer Grußworten kurze Einführungen in die Forschungsgeschichte, den historischen Hintergrund und die Prinzipien der Textwiedergabe. Erschlossen wird das Werk durch Indices der Namen und der Bibelstellen sowie eine Bibliographie. Hervorzuheben als kritische Grundlage ist das Buch von Herbers (vgl. DA 42, 303 f.), der inzwischen auch für eine deutsche Teil-Übersetzung gesorgt hat: Klaus Herbers (Hg.), Libellus Sancti Jacobi. Auszüge aus dem Jakobsbuch des 12. Jahrhunderts. Ins Deutsche übertragen und kommentiert von Hans-Wilhelm Klein und Klaus Herbers (Jakobus-Studien 8), Tübingen 1997.

Rudolf Schieffer


{677}

[150], S. 677

Der Jakobuskult in "Kunst" und "Literatur". Zeugnisse in Bild, Monument, Schrift und Ton, hg. von Klaus Herbers und Robert Plötz (Jakobus-Studien 9) Tübingen 1998, Narr, XII u. 303 S., zahlreiche Abb., ISBN 3-8233-4009-3, DEM 78.  --  Mit diesem 9. Band, der im Kern auf den Beiträgen zu zwei Tagungen der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft in Coesfeld (1995) und Würzburg (1996) beruht, erreicht die 1988 eröffnete Reihe der Jakobus-Studien bereits einen stattlichen Umfang und kann sich als Forum der internationalen Jakobusforschung profilieren, vor allem wenn es darum geht, Neuland zu betreten. Dies geschieht hier nach Maßgabe der Hgg., "weil sowohl die Region und das Einzelzeugnis als auch der internationale Kontext und die Wirkungen auf kollektiver Ebene in offiziellen 'Bildern' (Liturgie und Ikonographie), in individuellen 'Bildern' (Literatur), in kollektiver Form (Lied), in Gesellschaft (Heilige und Bürger, Memoria) und Individuum (Pilgerberichte und Monumentalzeugnisse) berücksichtigt werden" (S. IX). Nicht alle Beiträge sind für den Mediävisten von Interesse, doch soll auf einige speziell hingewiesen sein: Thomas Igor C. Becker, 'Building Boards': Bemerkungen zur Bildprogrammatik einiger romanischer Portale und Portalfassaden in Navarra (S. 3-13); Ryszard Knapinski, Ikonographie des Apostels Jakobus im Kontext der Darstellungen des Credo Apostolorum (S. 15-49); Christoph Kühn, Heilige und Bürger - Die Skulpturenfassade der Trierer Steipe (S. 51-66); Jürgen Wittstock, Der Bremer Pilgerzeichen-Fund (S. 85-107); Detlev Kraack, Monumentale Zeugnisse der spätmittelalterlichen Adelsreise auf den Wegen nach Santiago de Compostela (S. 109-125); Volker Honemann, Santiago de Compostela in deutschen Pilgerberichten des 15. Jahrhunderts (S. 129-139); Jan van Herwaarden, Der Apostel Jakobus in der Mittelniederländischen Literatur (S. 141-185, mit zwei Beilagen, in denen 'Leben und Wunder des Apostels Jakobus des Älteren' aus einer Hs. der Leidener Universitätsbibliothek und ein 'Gebet zum heiligen Jakobus' aus einer Karlshammer Hs. veröffentlicht werden). Das ansprechende Sammelwerk, als weiterer Baustein der Jakobusforschung zu verstehen, kann sowohl dem Spezialisten als auch einem breiteren Leserkreis Anregungen bieten, zudem auf regionaler Ebene Sicherheit über die europäischen Auswirkungen des Jakobuskults und seine Verbreitung im MA vermitteln.

Ludwig Vones {677}


[151], S. 677

Vita Sancti Wilfridi auctore Edmero - The Life of Saint Wilfrid by Edmer, an Edition with Translation, Historical Introduction and Commentary by Bernard J. Muir and Andrew J. Turner (Exeter Medieval English Texts and Studies) Exeter 1998, University of Exeter Press, LXXXV u. 293 S., ISBN 0-85989-597-1, GBP 50.  --  Um die Jahrhundertwende, jedenfalls vor 1110, machte sich Eadmer (#[86] um 1128) daran, eine Vita des bedeutenden angelsächsischen Bischofs und Missionars Wilfrid (#[86] 710) zu verfassen. Als Quelle für das 7. Jh. ist diese Vita natürlich ziemlich nutzlos, aber sie gewährt beträchtliche Einblicke in die Belange der Kirche von Canterbury direkt nach der normannischen Eroberung, und darin liegt ihr historischer Wert (vgl. S. XXI). Auf der Grundlage von vier Hss. ist diese Vita hier herausgegeben: Darunter befindet sich auch ein auf Eadmer selbst zurückgehendes Autograph, das vermutlich kurz vor 1116 entstanden ist (Cambridge, Corpus Christi College Ms. 371). Auf diesem Codex beruht natürlich auch die Edition ganz wesentlich (einschließlich des orthographischen Erscheinungsbildes). Wenn dennoch zusätzlich drei andere Hss. {678} beigezogen wurden, dann deshalb, weil dieses Autograph nicht die älteste Hs. ist (das ist London, British Library, Arundel Ms 91, eine Hs., die mit ihrem Entstehungsdatum 1110 auch einen terminus ante quem für die Vita liefert), sondern eine revidierte Fassung, "which represents the final stage of a long and complex evolution of Edmers' version of his work" (S. LXV). So haben wir hier den kuriosen Fall, daß die 'kopiale' Überlieferung nicht nur den ältesten Textzeugen stellt, sondern auch noch eine ältere Textstufe bietet (auch wenn die Abweichungen nicht sonderlich substantiell sind). Anlaß für die Neuedition war im übrigen die Auffindung einer weiteren, vierten Hs.  --  ausgerechnet in Australien! Ansonsten ist die Edition lege artis gemacht, das Vorwort enthält alles, was man im Vorwort einer kritischen Edition zu finden hofft; den Kommentar muß man zwar separat nachschlagen, aber dafür ist er relativ ausführlich (S. 185-249), während sich das Register auf Eigennamen beschränkt.

Gerhard Schmitz


[152], S. 678

Herbert Bloch, The Atina Dossier of Peter the Deacon of Monte Cassino: A hagiographical romance of the 12th century (Studi e Testi 346) Città del Vaticano 1998, Biblioteca Apostolica Vaticana, 351 S., 21 Abb., 7 Karten, ISBN 88-210-0682-4, ITL 100.000.  --  1909 behandelte Erich Caspar in seinem Buch über Petrus Diaconus u. a. die sog. Atineser Geschichtsquellen. Es ging dabei um mehrere Heiligenviten, eine Chronik von Atina, einen Bischofskatalog und dergleichen. Caspar zeigte, daß diese Quellen großenteils von Petrus Diaconus erfunden worden waren, aber seine Kritik blieb vorläufig, nicht zuletzt deshalb, weil er sich bloß auf die gedruckte Überlieferung (vor allem Ughelli) stützte. Einer Spur folgend, die bereits Mommsen gelegt hatte, entdeckte B. 1951 in Atina (ca. 15 km nördlich von Cassino) die Reste des Quellenwerks des Marcantonio Palombo, eines Gelehrten des 17. Jh., der jene Texte überliefert hatte (jetzt Vat. lat. 15187). 1954 fand Paul Meyvaert in der Bibliothèque Royale zu Brüssel eine weitere Hs. (des 16. Jh.), die einen wesentlichen Teil davon ebenfalls enthielt (Ms. 8423-24). Palombos Ecclesiae Atinatis Historia (Vat. lat. 15184-15186), in der sich zahlreiche Zitate aus diesen Atineser Quellen finden, edierte vor kurzem Blochs Schülerin Carmela V. Franklin (Studi e Testi 374 und 375, 1996). B. selbst faßte 1991 seine langjährigen Forschungen in einem Vortrag (siehe DA 48, 264) zusammen. Jetzt folgt die Veröffentlichung der Quellen zusammen mit kritischer Beweisführung und Wertung. B. ediert hagiographische und liturgische Texte sowie 11 Sermones, die den Heiligen Marcus (von Atina), Passicras, Nicander, Marcianus und Iulianus gewidmet sind, außerdem das Chronicon Civitatis Atinae, den Catalogus Episcoporum Civitatis Atinae und den Libellus de Excidio Civitatis Atinae - alles Machwerke des Petrus Diaconus. Die stilistischen Quellen dieser Texte sind vom Hg. wohl nur zum geringeren Teil erfaßt worden. Zu calculum candidum (139,9) siehe Apoc. 2,17, zu genus electum (139,27) 1. Petr. 2,9, zu nec habentem maculam nec rugam (141,28) Ephes. 5,27, zu posteriora Domini intuemini (139,15) vgl. Hieronymus ep. 123 c. 14, zu Hec ubi dicta dedit (197,3) Vergil, Aen. 2,790 und 8,170 (auch Chronik von Montecassino IV 114, MGH SS 34 S. 587), zu quam diu mundi orbita volvitur (220,22) Paulus Diaconus, Vita Gregorii I c. 17 (auch Chronik von Montecassino III 74, S. 457). Die cap. 7 und 8 des Sermo 6 (S. 235 f.) stammen fast ganz aus den Sententiae (II 44) des Isidor von Sevilla usw. Im Hinblick auf Matth. 16,17 caro et sanguis non revelavit tibi braucht das überlieferte nec caro et sanguis (146,15) {679} nicht zu nec caro nec sanguis emendiert zu werden. S. 54 lies per lectiones statt perlectas, 147,31 Antistitis statt Antistiti, 149,19 examine statt examinare, 160,5 Ditet statt Ditent, 199,9 consulis statt consuli, 204,16 quod statt quo, 209,34 conscientia statt conscientem. Vers 2 des Epitaphs des Marcus von Atina ist kein Hexameter (170 Anm. 2), sondern ein Pentameter. Petrus Diaconus setzt das Martyrium dieses Heiligen nicht zu 63 n. Chr. an (S. 84), sondern ins 63. Jahr post Domini passionem (155,5 f.), also wohl 96 n. Chr. Blochs Quellenpräsentation ist scharfsinnig und überzeugend. Die einzelnen Texte haben jeder für sich genommen keinen großen Wert, aber insgesamt sehen wir jetzt, wie ein skrupelloser (oder begeisterter?) Fälscher im 12. Jh. vorging, um aus vielerlei Teilstücken einen komplizierten "Roman" zusammenzuweben. Die Frage, warum er das getan hat, läßt sich anscheinend nicht befriedigend klären.

Hartmut Hoffmann {679}


[153], S. 679

Camilla Badstübner-Kizig, Übersetzung der Vita Paulinae des Sigeboto und Kommentar, StMGBO 109 (1998) S. 91-184, liefert nach ihrer Diss. über dieselbe Quelle (vgl. DA 50, 681 f.) eine Übersetzung der zwischen 1133 und 1163 im thüringischen Paulinzella verfaßten Vita (MGH SS 30/2, S. 909-938). Der Kommentar behandelt die hsl. Überlieferung und Editionsgeschichte, die Hirsauer Reform, Paulinas Familie, die Vita, ihren Autor und ihr Publikum.

Klaus Naß


[154], S. 679

Exordium magnum cisterciense sive Narratio de initio cisterciensis ordinis. Auctore Conrado monacho Clarevallensi postea Eberbacensi ibidemque abbate ad codicum fidem recensuit Bruno Griesser (CC Cont. med. 138) Turnholti 1997, Brepols, 46* u. 455 S., ISBN 2-503-04381-X (relié) bzw. 2-503-04382-8 (broché), BEF 7.500.  --  Die bedeutende Quelle zur Frühgeschichte des Ordens wird hier als erstmalig komplette kritische Ausgabe präsentiert. Dies ist unverfroren, war doch bereits 1961 in den Editiones Cistercienses, Series scriptorum s. Ordinis Cisterciensis 2, dieselbe Arbeit des 1965 verstorbenen Vf. erschienen! Für ein bisher so renommiertes Unternehmen wie Brepols ist dieser nicht als solcher gekennzeichnete Nachdruck ein Armutszeugnis. Schon die widersprüchlichen Erscheinungsjahre - 1994 auf dem Titelblatt, 1997 im umseitigen Copyright-Vermerk - zeugen von schlampiger redaktioneller Betreuung. Blickt man auf die zitierte Forschung, fällt schnell auf, daß natürlich bestenfalls der Forschungsstand der 50er Jahre erfaßt ist. Beklagenswert ist ferner im Gegensatz zur Ausgabe von 1961 der Verzicht auf einen Index personarum et locorum und ein ausführliches Inhaltsverzeichnis, neu ist statt dessen ein Index locorum S. Scripturae und ein nützlicher Index auctorum. Inhaltlich ist der Nachdruck an sich nicht unbedeutend, stellen doch die sechs Bücher ein wirkungsgeschichtlich bedeutendes Zeugnis der Exempel-, Mirakel- und Visionsliteratur dar. Für die Frühgeschichte des Ordens ist besonders auf das erste Buch zu verweisen, in dem die Robert von Molesme betreffenden Passagen zu finden sind. Gefordert wird wie 1961 eine vollständige Neu-Edition des Liber miraculorum et visionum des Herbert von Clairvaux (MGH SS 26 S. 137-142), der offensichtlich vielfach zusammen mit dem Exordium überliefert ist.

Christian Lohmer


[155], S. 679

Conrad d'Eberbach. Le grand exorde de Cîteaux ou Récit des débuts de l'ordre cistercien. Traduit du latin par #[86] Anthelmette Piébourg. Introduction de {680} Brian P. McGuire. Ouvrage publié sous la direction de Jacques Berlioz (Citeaux. Studia et Documenta 7) Turnhout 1998, Brepols, XXXV u. 556 S., Abb., ISBN 2-503-50677-1, BEF 2.800, bringt eine kommentierte Übersetzung der bereits vor 20 Jahren verstorbenen Schwester A. P. nach der Ausgabe von Bruno Griesser von 1961/1994/1997 (s. die vorige Anzeige). Im Vergleich zur kritischen Edition sind Glossar und ausführlichste Indizes auch für den anspruchsvollen Forscher von Nutzen.

Christian Lohmer


[156], S. 680

Felice Accrocca, Un'inedita e incompleta trascrizione del "Ms. Little" ad opera di Paul Sabatier, Archivum Franciscanum Historicum 90 (1997) S. 587-590, informiert sachkundig über ein Manuskript aus dem Jahre 1914 zum Themenkreis Vita II, Speculum Perfectionis und Compilatio Assisiensis [bzw. Legenda Perusina].

Christian Lohmer


[157], S. 680

Simon Tugwell, Notes on the life of St Dominic, Archivum Fratrum Praedicatorum 67 (1997) S. 27-59 und 68 (1998) S. 5-116, setzt seine jährlich im selben Periodikum erscheinenden, akribischen Detailuntersuchungen fort. Im ersten anzuzeigenden Beitrag werden die traditionellen Geburtsjahre 1170-1173 diskutiert und überzeugende Argumente für 1174 gefunden, außerdem die legendäre Abstammung von den Familien Guzmán und Aza verworfen. Im zweiten Artikel geht es um die Missionsbemühungen und den libellus des Jordanus von Sachsen, die Mission in Südosteuropa und die Gründung des Konvents in Reval. In Appendices sind mehrere kürzere Texte zu den Missionsbemühungen, die bisher teilweise unediert waren, publiziert.

Christian Lohmer


[158], S. 680

Bernardi Guidonis Scripta de Sancto Dominico, ed. Simon Tugwell (Monumenta ordinis fratrum Praedicatorum historica 27) Romae 1998, Istituto storico Domenicano, 311 S., keine ISBN.  --  Der zweite Band (vgl. oben S. 257) ediert und kommentiert ausführlich zwei weitere Quellen zur Wirkungsgeschichte des hl. Dominikus aus der Feder des fleißigen Bernardus Guidonis, nämlich den Catalogus magistrorum sowie die Lebensbeschreibung des Dominikus aus dem Speculum sanctorale. Die Editionen sind besonders rühmlich, da bisher nur veraltete und teilweise unvollständige Drucke vorlagen. Somit wurde erstmals Klarheit in die komplizierte hsl. Überlieferungslage gebracht. Bernardus ist daran nicht ganz "unschuldig", hat er doch seine zahlreichen Texte selbst wiederholten Revisionen unterzogen. Akribisch untersucht T. die quellenkritische und literarische Vorgehensweise des Autors, seine Vorlagen, seine Eigenleistungen und seine Methode. Zwei Exkurse informieren über die Vision des Dominikanerhabits von Reginald von Orléans und die Beziehungen des Raymund Gros zu den Prophezeiungen des Dominikus. Ausführliche Register sind beigefügt.

Christian Lohmer


[159], S. 680

Anne-Marie Lamarrigue, Un inventaire des saints du Limousin par Bernard Gui, Archivum Fratrum Praedicatorum 68 (1998) S. 205-211, stützt sich bei ihren Recherchen über eine bereits bekannte hagiographische Sammlung des gebürtigen Limousiners Gui vornehmlich auf die Hs. Paris, BN, nouv. acq. lat. 1171, f. 209v ff., ohne jedoch Umfang und Alter mitzuteilen. Durch diesen methodischen Einwand wird die Wissenschaftlichkeit von L. bei der Analyse der Vorlagen des ma. Autors und deren Umsetzung in Frage gestellt.

Christian Lohmer


{681}

[160], S. 681

Andrea Boockmann, Die verlorenen Teile des 'Welfenschatzes'. Eine Übersicht anhand des Reliquienverzeichnisses von 1482 der Stiftskirche St. Blasius in Braunschweig (Abh. Göttingen, 3. Folge Nr. 226) Göttingen 1997, Vandenhoeck & Ruprecht, 175 S., 2 Abb., ISBN 3-525-82472-6, DEM 65.  --  Die Arbeit befaßt sich ausführlich mit einem Verzeichnis, das etappenweise von 1482 bis Anfang 1485 erstellt wurde und rund 1220 Reliquien von 286 Heiligen in insgesamt 138 Reliquiaren erfaßt, von denen heute noch 63 erhalten sind. Untersucht werden der Anlaß der Inventarisierung, das hierfür zuständige officium armarii, die für das Stift arbeitenden Goldschmiede, die Handschrift, Form und Sprache des Inventars und die Reliquien, die zumeist Geschenke der Brunonen und Welfen waren. Die Vf. argumentiert in diesem Zusammenhang für ein schon ursprüngliches Blasiuspatrozinium der Stiftskirche. Die Notitia dedicationis altarium (S. 72) hätte man allerdings nach MGH SS 30, 2 S. 769 f. zitieren müssen. Die verlorenen 75 Teile des Schatzes beschreibt B. nach Inventaren des 15.-17. Jh. Ediert werden das Reliquienverzeichnis von 1482-1485 und Auszüge aus dem ersten nachreformatorischen Inventar von 1542. Nach Ausweis der Abbildungen auf S. 48 f. ist die Edition nicht immer korrekt. So ist zu lesen S. 127 Z. 14 quadragentesimo] quadringentesimo; Z. 15 hilgedome] hilgedom; Z. 17 befunden] gefunden; Z. 18 men] me; S. 141 Z. 3 qua] quo; Z. 6 Odolrico] Oldolrico; Christi] Cristi; Z. 20 f. Leothardis et Katharine virginum] Leothardi et Katherine virginis; Z. 22 Bernhardo] Bernardo. Register der Orte, Personen, Reliquienheiligen und Reliquiare erschließen den Untersuchungs- und Editionsteil, wobei es S. 163 Sp. 2 unter "Jesus Christus" heißen muß "de fuste" und "de sanguine sacramentali".

Klaus Naß


[161], S. 681

Birgit Meineke, Basler Fragment. Ein früher Textzeuge der Bibelglossatur M (Nachrichten Göttingen, Jg. 1999 Nr. 3) Göttingen 1999, Vandenhoeck & Ruprecht, 97 S., 2 Abb., ISSN 0065-5287, macht ein in der Glossenforschung bisher unbeachtetes Pergamentblatt (Basel, UB, N I 3 Nr. 97a) unbekannter Provenienz bekannt, das nach einer Expertise von H. Hoffmann der zweiten Hälfte des 10. Jh. und einem südwestdeutschen Skriptorium zuzuweisen ist. Auf die Edition des Bruchstücks folgen die Einordnung in die Typologie der Gattung sowie ausgiebige philologische Wortanalysen.

Rudolf Schieffer


[162], S. 681

Marcel Metzger, Geschichte der Liturgie. Vom Verfasser autorisierte Übersetzung aus dem Französischen von Andreas Knoop (Uni-Taschenbücher 2023) Paderborn u. a. 1998, Schöningh, 151 S., ISBN 3-8252-2023-0 (UTB) bzw. 3-506-99488-3 (Schöningh), DEM 23,80.  --  In groben Zügen, ohne nennenswerte Bibliographie oder Anmerkungen führt der ursprünglich französisch verfaßte Leitfaden in die katholische Liturgiegeschichte ein mit einem Schwerpunkt auf der Spätantike. Das MA mit der "karolingischen Renaissance" wird auf ganzen 10 Seiten abgehandelt, dann geht der Sprung stracks mit der "Klerikalisierung der liturgischen Versammlung" im 12. Jh. fast direkt zum II. Vaticanum auf 20 S. Das ist bei allem Verständnis für Kundenorientierung der Sache doch nicht angemessen.

Herbert Schneider


{682}

[163], S. 682

Medieval Liturgy. A Book of Essays. Edited by Lizette Larson-Miller (Garland Medieval Casebooks 18 = Garland reference library of the humanities 1884) New York u. a. 1997, Garland Publishing, XVIII u. 314 S., ISBN 0-8153-11919-3, USD 69.  --  Nicht umfassend, aber instruktiv in den ausgewählten Themen behandeln die 9 Beiträge amerikanischer Liturgiewissenschaftler/innen die Eucharistie, die Ordinationen, die Buße und Ehe, sowie den Kirchengesang, die religiöse Architektur und die Königssalbung. Die Introduction (S. IX-XVIII) informiert allgemein und manchmal etwas zu großzügig über die frühma. Phase der abendländischen Liturgiegeschichte, etwa mit der Feststellung: "The development of necessary additions to the inadequate sacramentary was a primary reason for Charlemagne's request that Alcuin come to the Frankish royal court" (S. XIII).  --  Joanne M. Pierce, The evolution of the ordo missae in the early middle ages (S. 3-24), orientiert über den Stand der von dem Prämonstratenser Luykx 1954 formulierten Sicht über die Entwicklung der sog. gleichbleibenden Teile des Messe und benennt einige Forschungsdesiderate. Bei der Zusammenstellung der frühesten hsl. Bezeugungen des Ordo missae wären die aktuellen Signaturen hilfreich gewesen.  --  Gary Macy, Commentaries on the mass during the early scholastic period (S. 25-59), unterwirft von den 25 Meßkommentaren zwischen 1060 und 1225 (Liste auf S. 55-59) folgende einer genaueren, kenntnisreichen Analyse: Johannes Beleth, Isaak von Stern, Richard der Prämonstratenser, das anonyme Speculum de mysteriis ecclesiae, Robert Paululus, Stefan von Autun, Sicard von Cremona und Innozenz III. Überraschend dabei ist die stark moralisch-psychologisierende Sicht der Kommentare trotz der sich herausbildenden metaphysischen Transsubstantiationslehre.  --  Marie Anne Mayeski, Reading the word in a eucharistic context: The shape and methods of early medieval exegesis (S. 61-84), sichtet Zeugnisse von Athanasius über Beda bis ins frühe 12. Jh. unter der Perspektive, inwieweit der "Wortgottesdienst" der Messe die frühma. Exegese beeinflußte: Insbesondere das Lesungssystem zeitigte eine typologische Schriftinterpretation mit alttestamentlicher Präfiguration der Heilstaten, neutestamentlicher Erfüllung und der Aktualisierung im Gottesdienst der Gemeinde.  --  Jan Michael Joncas, A skein of sacred sevens: Hugh of Amiens on orders and ordination (S. 85-120), zeichnet aus Hugos, wohl zwischen 1145 und 1148 entstandenem Werk "Drei Bücher über die Kirche und ihre Diener" eine Theologie der Weihegrade, die darin bestand, vielfältige Entsprechungen der Siebenzahl der Grade mit anderen biblischen Siebener-Schemata entdeckt zu haben.  --  Michael S. Driscoll, Penance in transition: Popular piety and practice (S. 121-163), bewertet nicht nur die Paenitentialia, sondern auch die Libelli precum und die Specula als Ausdruck eines Mentalitätswandels im Früh-MA und exemplifiziert dies auch am Schrifttum Alkuins (mit englischer Übersetzung von Alkuins Brief Nr. 131, MGH Epp. 4 S. 193-198). Der überall spürbare mönchische Bußernst habe eine zivilisationsrettende Wirkung gezeitigt. Kulturleistung durch Triebverzicht? - John K. Leonard, Rites of marriage in the western middle ages (S. 165-202), macht interessante Beobachtungen zunächst zu den anthropologischen Grundlagen der Ehe, zu den antiken Formen der Eheschließung, zu den verschiedenen kirchlichen Formen im spätantiken Rom und Italien und dann auch im fränkisch-merowingischen Gallien und schließlich der westgotisch-iberischen Tradition, sowie der anglo-normannischen Synthese, in welcher die Eheschließung endgültig aus dem häuslichen Rahmen in die Öffentlichkeit {683} verlegt wurde. Ausblicke gehen bis zum Konzil von Trient.  --  Edward Foley, The song of the assembly in medieval eucharist (S. 203-234), betont den gemeindlichen Charakter der einzelnen Gesangsteile der Messe und stellt die schriftlichen Quellenaussagen darüber zusammen.  --  Susan A. Rabe, The mind's eye: Theological controversy and religious architecture in the reign of Charlemagne (S. 235-266), interpretiert Theodulfs von Orléans Kirche in Germigny-des-Prés im Rahmen der Theologie der Libri Carolini, Benedikts Kirchenbau in Aniane und Angilberts Betonung der Dreizahl im Kirchenneubau in Saint-Riquier als Antwort auf den Adoptianismus.  --  Paul A. Jacobson, Sicut Samuhel unxit David: Early Carolingian royal anointings reconsidered (S. 267-314), diskutiert erneut die Motive für die Salbung Pippins III. zum fränkischen König, erklärt die bisherigen Thesen für unzureichend ("The impetus for Pippin's anointing was not biblical imitation, or papal inspiration, or earlier royal anointings, or ordinations..." S. 271) und plädiert weit ausholend für eine Erklärung aus der Taufliturgie: Nachdem sich die Salbung mit Chrisam bei der Firmung von der Taufe abgespalten habe ("with a new theology of strengthening", S. 282), dürfe man diese liturgiegeschichtliche Dimension bei dem Akt nicht ausschließen: "The salving of a king by a bishop at this early stage was an act of confirmatio..." (S. 283).

Herbert Schneider


[164], S. 683

Brian Repsher, The rite of church dedication in the early medieval era, Lewiston u. a. 1998, The Edwin Mellen Press, 204 S., ISBN 0-3734-2231-5, USD 89,95.  --  Die Arbeit stellt den erneuten Versuch dar, den Kirchweihritus des 9. Jh. liturgie-, theologie- und profanhistorisch zu erschließen und zu deuten. Nach einer kurzen Einleitung stellt der Vf. im 1. Kapitel (S. 17-39) u. a. seine wichtigsten Quellen vor: den Ordo ad benedicendam ecclesiam des in der Mitte des 10. Jh. zusammengestellten römisch-deutschen Pontifikale (= PRG 40) und die Erklärung eines Kirchweihritus Quid significant XII candelae (= PRG 35), die aus der Mitte des 9. Jh. stammt. In Kapitel 2 (S. 41-66) und 3 (S. 67-106) folgt die jeweilige paraphrasierende Analyse dieser Dokumente. Das 4. Kapitel (S. 107-136) sucht den Nachweis zu erbringen, daß auch der Kirchweihritus des 9. Jh. im Dienst der karolingischen Reform zu verstehen ist. Nach kurzer Zusammenfassung der Ergebnisse (S. 137 f.) folgt in zwei Anhängen die englische Übersetzung der beiden Texte (S. 139-169; 171-195). Eine Bibliographie (S. 197-202) und ein kurzer Index (S. 203 f.) beschließen das Werk.  --  Es bleiben schwerwiegende quellenkritische Bedenken: Nach Meinung des Vf. ist PRG 35 die Erklärung des Kirchweihritus PRG 40 oder eines diesem sehr nahe verwandten Ordo (vgl. S. 33-35). Dem widerspricht jedoch, daß PRG 35 an vielen Stellen einen wesentlich anderen Kirchweihordo als PRG 40 kommentiert. Dazu einige Beispiele, die sich beliebig vermehren ließen: Die Übertragung der Reliquien in PRG 40,1-22.124 entspricht nicht dem in PRG 35 kommentierten Ritus; laut PRG 40,21 zieht der Bischof mit einigen Ministri in die zu weihende Kirche ein, während nach PRG 35,10 der Bischof mit Klerus und Volk zusammen in die Kirche einzieht; der in PRG 40,11-20 vorgesehene dreimalige Umzug mit Besprengung der Kirche von außen entfällt im PRG 35,6-9 erklärten Ritus, usw. Die behauptete Gleichzeitigkeit der beiden Quellen bzw. die Frühdatierung des PRG 40 bleiben unbewiesen. Letzterer ist m. E. wesentlich später anzusetzen als PRG 35. Nachdenklich stimmt sodann die in der Deutung des Kirchweihritus {684} erkennbar werdende Verwechslung von Ursache und Wirkung. Daß der Ritus mit seinen Lustrations- und Salbungsriten als Taufe bzw. Firmung der Kirche gedeutet wurde, ist bekannt. Dennoch gilt es festzuhalten, daß diese Teilriten sich eben nicht aus den Initiationsriten herleiten. Bleibt noch festzuhalten, daß der Vf. es allenthalben an der nötigen Sorgfalt im Umgang mit den Quellen fehlen läßt, des öfteren fehlerhafte Angaben macht, bes. lateinische Zitate mit zahllosen Druckfehlern bietet. Die Literaturliste ist bezüglich der Quellen voller Fehler, hinsichtlich der Sekundärliteratur lückenhaft, Namen wie S. Benz, R. Dubosq, P. de Puniet u. a. fehlen.

Karl Josef Benz {684}


[165], S. 684

Andrea Decker-Heuer, Studien zur Memorialüberlieferung im frühmittelalterlichen Paris (Beihefte der Francia 40) Sigmaringen 1998, Thorbecke, 418 S., zahlreiche Abb., ISBN 3-7995-7341-0, DEM 124.  --  Bereits 1975 hatte Karl Schmid Paris zu denjenigen Zentren gerechnet, an denen - gemäß der Überlieferungslage im Bereich der Memorialquellen - besonders viele, in sich freilich disparate Personengruppen zu Gemeinschaften im liturgischen Gedenken zusammengeführt wurden. Dies zu verifizieren, hat die Vf. die uns aus dem 9.-12. Jh. überkommenen Memorialquellen der Pariser Kathedralkirche und der Abteien Saint-Germain-des-Prés und Saint-Denis zusammengestellt und deren Gedenktraditionen und Gedenkhorizonte ermittelt. Von der Kathedrale stammen dabei zwei Sakramentare, darunter der in der älteren Liturgieforschung hochgeschätzte Codex Vaticanus lat. 313, von Saint-Germain-des-Prés zwei Hss., dabei das bekannte Usuard-Nekrolog, und aus Saint-Denis vier weitere Manuskripte. Zentrum für die Rekonstruktion des Gebetsgedenkens sind die Nameneinträge an bestimmten Stellen dieser für den Gebetsdienst bestimmten Codices: Gruppeneinträge wie Einzelnamen zur Gedächtnisfeier in nekrologischen, an bestimmte Tage des Jahres gebundenen Bezügen wie zu Kommemorationen im allgemeinen. Insgesamt handelt es sich um ca. 3 500 Namensnennungen, die im Anschluß an die systematische Betrachtung der verschiedenen Codices abgedruckt werden. Eine Zuweisung der Namen an bekannte historische Einzelpersonen gelingt freilich nur für die nicht allzu große Zahl von Würdenträgern, d. h. für Könige, Bischöfe, Äbte, Grafen, die auch früher schon gelegentlich das Interesse der älteren Forschung gefunden haben. Neues für die politische Geschichte fällt dabei nicht ab, wenn die Aufnahme der Karolinger, Robertiner, der Grafen von Paris oder der Grafen von Vermandois in das Gebetsgedenken der Pariser Kirchen herausgestellt wird. Klärungen von Bischofs- und Abtnachfolgen und der entsprechenden Sedenzzeiten gelingen hingegen besser. Aber wichtig und völlig neu ist vor allem, daß sich Unterschiedlichkeiten bei der Reichweite in der monastischen wie der allgemein-kommemorativen Wirkkraft der betrachteten kirchlichen Institutionen feststellen ließen, daß Einflüsse und Nachwirkungen monastischer Reformansätze (etwa Wilhelms von Dijon) auch im Pariser Raum konstatierbar sind und daß sich durch eine Betrachtung von Meßsammlungen auch Einblicke in die Memorialpraxis des Alltags ergeben. Im Tafelanhang hat der Benutzer die Möglichkeit, sich einen Eindruck von den Hss. selbst zu verschaffen. Dankenswerterweise ist das Usuard-Nekrolog vollständig abgelichtet.  --  Für diese mühevolle, sorgfältige Aufarbeitung des Materials, das behutsam gedeutet wird, und dafür, daß Identifizierungshypothesen klar gekennzeichnet sowie überspannte {685} Äußerungen zur Relevanz des Gedächtniswesens vermieden werden, schuldet der an der Aufarbeitung der Memorialquellen Interessierte der Vf. Dank.

Eduard Hlawitschka {685}


[166], S. 685

Michelle P. Brown, The Book of Cerne. Prayer, Patronage and Power in Ninth-Century England (The British Library Studies in Medieval Culture) London bzw. Toronto 1996, The British Library bzw. University of Toronto Press, 252 S., 6 farbige Taf., 51 Abb., 2 Diagramme, ISBN 0-7123-0486-X bzw. 0-8020-4113-2.  --  Der erste Band einer neuen Reihe zu Hss.-Studien mit Illustrationen und Sammelbeiträgen fördert die Kenntnisse über den an sich schon oft untersuchten Codex Cambridge, University Library, MS Ll. 1.10, in seinem ältesten Hauptteil ein insulares Gebetbuch für die private Devotion und Meditation. B. führt die Diskussion weiter, vor allem durch eine gründliche Schriftanalyse, eine kodikologische, ikonographische und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung und plädiert unter Einbeziehung zahlreicher Vergleichs-Hss. für eine Herkunft des "alten" Teils der Hs. aus Mercia, zunächst ohne Bezug zum Kloster Cerne, aber möglicherweise eines solchen zu Worcester, aus der Zeit ca. 820-840. Nicht sicher zu entscheiden ist nach wie vor, ob der in einem Akrostichon genannte Bischof Aedeluald von Lichfield aus dieser Zeit war.

Herbert Schneider


[167], S. 685

Sirka Heyne, Studien zur Mainzer und Fuldaer Liturgiegeschichte (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte 73) Mainz 1996, Selbstverlag der Gesellschaft für mittelrheinische Kirchengeschichte, VIII u. 348 S., 4 Taf., ISBN 3-929135-05-1, DEM 82.  --  Präziser hätte diese Göttinger Diss. überschrieben werden können mit "Studien zur Mainzer und Fuldaer Heiligenverehrung im früheren Mittelalter". In ihrem ersten Teil werden die Kalender von mehreren einschlägigen liturgischen Hss. ediert: 4 für Mainz und 8 für Fulda. Auf dieser Basis werden dann die jeweiligen Abweichungen ermittelt, synoptisch dargestellt und mittels weiterer Nachrichten und Quellen dann nochmals Hs. für Hs. interpretiert, was nicht ohne Doppelungen abgeht. Das "Ergebnis" für Mainz ist mager: Nur Pal. lat. 1448 und Mainz, Domschatz, Kautzsch 4, bleiben als vollständige Mainzer Kalendarien des 9. und 10. Jh. bestehen und lassen keine schlüssige Entwicklung erkennen. Günstiger fällt das Urteil über Fulda aus, weil dafür auch umfangreiche Auslassungen des Hrabanus Maurus herangezogen werden können. Eine stringente Entwicklung des Heiligenkalenders einer Kirche zu bieten, ist zugegebenermaßen nicht einfach. Aber eines ist die Schwierigkeit des Stoffes, ein anderes seine verwirrende Darstellung und die häufig widersprüchlich oder sprunghafte Argumentation der Arbeit. Wie soll man z. B. damit zurechtkommen, daß die Hs. Oxford, Bodleian, Auct. D I 20 zunächst ganz unverfänglich unter den Mainzer Liturgiezeugen präsentiert und ediert wird (S. 25 ff.), im interpretativen Teil dann aber Mainz wieder abgesprochen wird - oder doch nicht? Vgl. S. 246 f.: "Die Auswertung dürfte gezeigt haben, daß der Codex Oxford, Auct. D I 20 ... keinen Mainzer Kalender enthält. Da aber die Dedicatio S. Albani verzeichnet ist, muß der Kalender im näheren Umkreis von Mainz bzw. Fulda zu suchen sein. Ob es sich um einen Fuldaer Kalender handelt, ist mit Gewißheit nicht zu sagen, aber doch immerhin recht wahrscheinlich. Möglicherweise hat eine Mainzer Hand das Festverzeichnis nach {686} fuldischer Vorlage geschrieben." Außerdem ließe sich die Quellenbasis zum Thema sicher erweitern. So könnte etwa die aus Mainz stammende Regino-Hs. Wien, ÖNB, Cod. 694 (um 1000) mit ihren Auszügen aus einem Heiligen-Legendar den Weg zu einer nicht beachteten Quellengattung weisen.

Herbert Schneider


[168], S. 686

Elmar Hochholzer, Überlegungen zum Amorbacher "Reformkalender" des 11. Jahrhunderts und zum ordo Amerbacensium auf dem Michelsberg/Bamberg, StMGBO 108 (1997) S. 112-150, 4 Abb., untersucht und ediert das nach 1039 entstandene, fragmentarisch erhaltene Amorbacher Kalendar. Seine Festtage sind nicht durch die Gorzer Reform, sondern durch Amorbacher "Patrozinien und Reliquienbesitz" und die "Bindung an die [Würzburger] Kathedralkirche" bestimmt. Der Vf. vermutet, das Kloster Michelsberg bei Bamberg habe sich bei seiner Gründung (vor 1018) monastisch an Amorbach orientiert.

Klaus Naß


[169], S. 686

Lori Kruckenberg, Zur Rekonstruktion des Hirsauer Sequentiars, Revue Bénédictine 109 (1999) S. 186-207, kann, aufbauend auf den Arbeiten von F. Heinzer (vgl. DA 49, 283), die Frage nach der Herkunft, den Vorlagen und der Anordnung der Texte des Hirsauer Sequentiars nicht eindeutig beantworten. Beziehungen zum Kloster Einsiedeln, von dem aus Hirsau 1065 wieder besiedelt wurde, seien wahrscheinlich.

Detlev Jasper


[170], S. 686

Alois Haidinger, Beobachtungen zum Festkalender des Stiftes Kremsmünster, StMGBO 109 (1998) S. 27-67, erstellt aus 11 Hss. (11.-15. Jh.) des Klosters Kremsmünster und aus 5 Kalendaren (12.-13. Jh.) benachbarter Benediktinerklöster eine Synopse der ma. Festtage.

Klaus Naß


[171], S. 686

Miquel-S. Gros, El Liber consuetudinum Vicensis ecclesie del Canonge Andreu Salmúnia - Vic, Museu Episcopal, MS. 134 (LXXXIV), Miscel·lània litúrgica Catalana 7 (1996) S. 175-294 (2 Textabb., 1 Karte).  --  Der katalanische Liturgiespezialist veröffentlicht erstmals vollständig einen liturgischen Leitfaden für die Kathedrale Vic, eine Zusammenstellung der Gottesdienste und Heiligenfeste des Kirchenjahres durch den Kanoniker Andreu Salmúnia, der sich im Incipit selbst nennt. Aus inneren Kriterien dürfte der Text zwischen 1190 und 1228 geschrieben worden sein, ein späterer Zusatz über die liturgischen Dienste der Kanoniker zwischen 1246 und 1248. Die Kathedralliturgie, deren Besonderheiten in der Einleitung dargelegt werden, nahm Rücksicht auf die Topographie von Vic; dies wird anhand eines Plans der Stadt im 14. Jh. gut verdeutlicht, bevor dann der eigentliche Text in 702 Nummern ediert wird. In den Anmerkungen finden sich lediglich die hsl. Zusätze oder Veränderungen, keine Nachweise der eventuell verwendeten Quellen. Diese findet man allerdings über das Register, in welchem die Texte nach den einzelnen Gattungen aufgeführt sind (Alleluja-Verse, Antiphonen, Capitula, Hymnen, Invitatorien, Kyrie-Rufe, biblische Lesungen, Introiten, Orationen usw.), ebenso die hagiographischen oder liturgischen Stichwörter und ein topographisch-onomastisches Verzeichnis.

Herbert Schneider


[172], S. 686

JiKozina - Markéta Kozinová, Svatováclavské mesní officium u tepelskych premonstráů v pozdním stredoveku [mit Zusammenfassung: Sankt-Wenzel-Messe bei den Prämonstratensern in Teplá (Tepl) im Spätmittelalter], Hudební {687} veda 35 (1998), S. 46-67.  --  Aufgrund von mehr als 40 Hss. in böhmischen Bibliotheken analysieren die Autoren Reimoffizien des 14. und 15. Jh. zum Fest des hl. Wenzel und drucken mehrere Texte ab.

Ivan Hlavácek {687}


[173], S. 687

Mariano Dell'Omo, Per la storia di Montecassino in Abruzzo. Chiese, arredi liturgici, libri e utensili in due inventari tardomedievali di S. Liberatore alla Maiella, Benedictina 44 (1997) S. 277-328, publiziert und analysiert ausführlichst zwei Verzeichnisse von 1366 und 1485. Register sind beigefügt.

Christian Lohmer


[174], S. 687

Ferdinand Opll, Heiligenfest und Feiertag. Untersuchungen zum Stellenwert und zur Bedeutung der Tage im Jahreszyklus des spätmittelalterlichen Wien, Jb. des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 54 (1998) S. 127-214, wertet das Wiener Heil(ig)tumbuch von 1502 und 1514 mit seinen Verzeichnissen der Reliquien der Stephanskirche, der Feiertage und der zu erwerbenden Ablässe unter verschiedenen Gesichtspunkten statistisch aus und ediert sein Kalendarium.

Herwig Weigl {687}


[175], S. 687

M. Gorman, Bede's VIII Quaestiones and Carolingian Biblical Scholarship, Revue Bénédictine 109 (1999) S. 32-74, bringt eine kritische Ausgabe der acht Erörterungen zu schwierigen Stellen des Alten und Neuen Testaments, die sich auf drei der neun seit 1943 durch Laistners Katalog der Beda-Hss. bekannten Codices stützt, aber außer dem Nachweis einiger Bibelzitate keinerlei Sachkommentar bietet. In der Einleitung, die G. zu einem nicht ganz begreiflichen Rundumschlag gegen die bisherige Bedaforschung benutzt, erörtert er die hsl. Überlieferung, die Drucke des Werks und ausführlich die Zuschreibung der VIII quaestiones an Beda, die zwar in seinem Schriftenkatalog fehlen, ihm aber nach einer glänzenden Untersuchung P. Lehmanns (1919) von der Forschung durchweg zugeschrieben werden.

Detlev Jasper


[176], S. 687

Paul-Irénée Fransen, Notes marginales de Florus dans un manuscrit de Cluny, Revue Bénédictine 109 (1999) S. 148-153, veröffentlicht Randbemerkungen des Florus von Lyon (#[86] um 860) zu Schriften des Hilarius von Poitiers (#[86] 367/68), die in der Hs. Paris, Bibl. Nat. nouv. acq. lat. 1454 (10. Jh.) überliefert sind.

Detlev Jasper


[177], S. 687

Sedulii Scotti Collectaneum in Apostolum I: In epistolam Ad Romanos; II: In epistolas Ad Corinthios usque Ad Hebraeos, eingeleitet und hg. von Hermann Josef Frede und Herbert Stanjek (Vetus latina. Aus der Geschichte der lateinischen Bibel 31-32) Freiburg 1996 bzw. 1997, Herder, 57* u. 862 S., ISBN 3-451-21952-2 bzw. 3-451-21953-0, DEM 420.  --  Der Paulinen-Kommentar des irischstämmigen Theologen und Grammatikers aus der Mitte des 9. Jh., in Migne PL 103 "amorph und durch eine Menge von Redaktions- und Druckfehlern verunstaltet" (S. 9*), war wohl Bestandteil eines geplanten, aber nie abgeschlossenen Gemeinschaftsunternehmens unter Ludwig dem Frommen, das letztlich eine gigantische Bibelkatene ergeben sollte. Auf Interesse stieß der Kommentar bisher hauptsächlich wegen der Aufnahme zahlreicher Pelagius-Zitate, die zudem von {688} späteren Bearbeitern am Rand der Hss. als solche gekennzeichnet wurden, wie die anderen Quellen zumeist auch. Es ist bemerkenswert, daß diese abgekürzten Quellenangaben den (gewöhnungsbedürftigen) Autoren-Siglen der Beuroner Vetus Latina so ähnlich sind, daß die Hg. sich zu der Aufklärung veranlaßt sehen: "GEN bezeichnet nicht etwa, wie man vermuten könnte, den Autor Gennadius als Quelle, sondern verweist schlicht auf das Genesiszitat" (S. 38*). Der Benützer wird gut daran tun, die auf die Edition bezüglichen Passagen der Einleitung (S. 55* ff.) zu lesen, um die hier gebotenen Informationen in vollem Umfang auszuschöpfen. Dies gilt insbesondere für die griechischen, meist grammatischen Termini, die Sedulius in seinen Kommentar eingeflochten hatte: Sie sind erstmals in einem Druck wiedergegeben, da sie im Laufe der hs. Überlieferung an den Rand der Abschriften geraten waren und später oft mit lateinischer Transkription überschrieben wurden. Die monumentale Edition dieses exzerpierenden Kommentars ist ein eindrucksvolles Denkmal (unter vielen) für den am 29.5.1998 verstorbenen Hermann Josef Frede, der als Nachfolger von Bonifatius Fischer seit 1972 das Vetus-Latina-Institut in Beuron umsichtig und gelehrt geleitet hat.

Gabriel Silagi


[178], S. 688

Maria Antonietta Chirico, Il sacramentum conjugii in Ugo di San Vittore, Benedictina 44 (1997) S. 5-38, analysiert den komplizierten Argumentationsstrang in De sacramentis christianae fidei, cap. 11 De sacramento conjugii aus der Feder des einflußreichen Scholastikers.

Christian Lohmer


[179], S. 688

Hugo ze Svatého Viktora, De tribus diebus. O trech dnech. Preklad, úvod a poznámky [Einleitung, Übersetzung und Anmerkungsapparat] Lena Karfíková (Knihovna stredoveké tradice 1) Praha 1997, Ed. OIKOYMENH, 183 S., ISBN 80-86005-61-5.  --  Der Abdruck des Textes folgt Migne PL 176 S. 811-838 (mit Emendationen von R. Berndt nach Troyes, Hs. 301) und wird von einer ausführlichen Einleitung (S. 7-50) über den Autor, seine geistige Umwelt und das edierte Werk begleitet, die umfangreiche Literatur verwertet. Eine Falttafel mit Schemata zu einzelnen in dem Traktat besprochenen Grundbegriffen schließt das Buch ab.

Ivan Hlavácek {688}


[180], S. 688

Hildegardis Bingensis Liber divinorum operum, cura et studio A. Derolez et P. Dronke (CC Cont. Med. 92) Turnholti 1996, Brepols, CXX u. 502 S., 15 Taf., ISBN 2-503-03921-9 (relié) bzw. 2-503-03922-7 (broché), EUR 219 bzw. 207.  --  Die ca. 1174 vollendete kosmologische Visionsschilderung war nach Hildegards eigener Meinung der Höhepunkt ihres Lebenswerkes. Die beiden Editoren beschreiben ihre Arbeitsteilung dergestalt, daß Derolez für Textherstellung, kritischen Apparat und Hss.-Beschreibungen verantwortlich zeichnet, während Dronke die Quellennachweise und das interpretatorische Rankenwerk verdankt werden, wobei Dronke betont (S. XXXV), daß er mit "cfr." oder "u." nicht auf Vorlagen verweist, sondern sprachliche Auffälligkeiten hervorhebt, wie z. B. eine Wendung, die sich sonst nur bei Catull nachweisen lasse. In einem langen Kapitel (S. XXXV-LXXXI!) paraphrasiert Dronke die zehn auf drei Bücher verteilten Visionen, wonach man der Wertung von Alois Dempf kaum zustimmen wird, Hildegard wäre nur mit Dante vergleichbar. Die Hss.-Untersuchung von Derolez bestätigt die prominente Stellung des Genter "Arbeitsexemplars" {689} (UB 241) mit seinen Korrekturen von mehreren zeitgenössischen Händen sicher unter der Aufsicht der Autorin, wovon sich der Leser auf fünf der beigegebenen Tafeln ein Bild machen kann. Die übrigen zehn Tafeln bringen Farbreproduktionen von Miniaturen der Hs. Lucca 1942 aus der ersten Hälfte des 13. Jh., die vermutlich zur Beförderung des Kanonisationsprozesses angefertigt wurde. Die lobenswerte Wiedergabe der Orthographie der Hs. mit allen ma. Freiheiten und die Druckanordnung mit drei Apparaten zeugen von hohem verlegerischen Niveau. Die extensive Anführung von sprachlichen Besonderheiten bei Autoren, mit denen ein Zusammenhang ausgeschlossen ist (Arbeo, Aethicus Ister) wird durch die oben angeführte salvatorische Klausel erklärt und spiegelt, wenn schon nicht die Belesenheit Hildegards, so doch die Dronkes wider.

Gabriel Silagi


[181], S. 689

Ludger Tewes, Der Dialogus Miraculorum des Caesarius von Heisterbach. Beobachtungen zum Gliederungs- und Werkcharakter, AKG 79 (1997) S. 13-30, gibt einen Abriß der Forschungsgeschichte und untersucht den inneren Aufbau und die nicht bruchlose Themenreihung dieses "zisterziensisch-christlichen Lehrprogramms", in dem wundersame Begebenheiten (visiones und miracula) meist aus der Welt des Zisterzienserordens gesammelt und für die Nachwelt aufbewahrt wurden.

Klaus Naß


[182], S. 689

Stella clericorum. Edited from Wavreumont (Stavelot), Monastère St-Rémacle, MS. s. n., by Eric H. Reiter (Toronto Medieval Latin Texts 23) Toronto 1997, Pontifical Institute of Mediaeval Studies, 56 S., ISBN 0-88844-473-7, USD 6,75.  --  Der typisch ma. "Kleriker-Spiegel", ein moralisierender Traktat, ist zusammengesetzt aus Bibelstellen und vielen Väterzitaten, die zum großen Teil aber nicht identifizierbar sind. Ein Autor ist nicht bekannt, der Hg. möchte aber auf Grund innerer Kriterien (Verwendung des Begriffes purgatorium, keine Begrifflichkeit der Transsubstantiationslehre usw.) als Entstehungszeit den Beginn des 13. Jh. vorschlagen, "outside the schools". Gemäß der Entscheidung der Hgg. der gesamten Reihe basiert die Edition im wesentlichen nur auf der im Titel angegebenen frühen Hs. Das mag man gerade bei einem so wirkungsvollen Text bedauern. Immerhin helfen vereinzelt Lesarten aus dem Kodex Vorau, Stiftsbibl., ms. 354 bzw. dem Frühdruck von Johann Bämler, Augsburg, 1485(?), zum besseren Verständnis, z. B. bei der in 12,15 bzw. 17,9 unsinnigen Quellenangabe Genesis statt Gregorius, was zwar auch nicht zu einer Identifizierung führt, aber noch eher verständlich ist. Manche editorische Entscheidung könnte man auch anders fällen, etwa 10,2, wo der biblisch eindeutig negative Begriff des mercenarius nicht notwendigerweise abschwächend "in the neutral sense of 'hired servant'" gebraucht werden müßte, sondern bei anderer Kommata-Setzung durchaus in seinem negativen Sinn belassen werden könnte, oder bei manchem nicht-identifizierten Zitat der Glossa ordinaria (siehe 17,20). Dennoch ist es das Verdienst der vorliegenden kleinen Edition, einen in über 450 noch erhaltenen und in über 60 erschließbaren Hss. überlieferten Text bekannt zu machen. Vor dem letzten Druck im Jahre 1559 brachte er es übrigens zu über 80 Ausgaben. Umso erstaunlicher das lange Desinteresse der Neuzeit, das sich allerdings aus der typisch ma. Machart des Traktats erklären könnte.

Herbert Schneider


{690}

[183], S. 690

Ludger Honnefelder, Mechthild Dreyer (Hg.), Albertus Magnus und die Editio Coloniensis (Lectio Albertina 1) Münster 1999, Aschendorff, 38 S., ISBN 3-402-04890-6, DEM 18.  --  Neben Grußworten enthält das vom Bonner Albertus-Magnus-Institut publizierte Heft: Mechthild Dreyer, Die Editio Coloniensis im Kontext der philosophischen und theologischen Mittelalterforschung des 20. Jahrhunderts (S. 9-22), resümiert Voraussetzungen und Entwicklung der 1931 begonnenen historisch-kritischen Gesamtausgabe der Werke Alberts, von deren 41 geplanten Bänden seit 1951 insgesamt 14 (in 24 Teilen) erschienen sind.  --  Ludger Honnefelder, Albertus Magnus und die Aktualität der mittelalterlichen Philosophie (S. 23-38).

Rudolf Schieffer


[184], S. 690

Louis-Jacques Bataillon, Les sermons de Jean d'Opreno, Prieur de Milan, Archivum Fratrum Praedicatorum 68 (1998) S. 135-163, ediert und kommentiert sechs exemplarisch ausgewählte Predigten des in der Mitte des 13. Jh. nachgewiesenen Dominikaners, von dem bisher fast nichts bekannt war. Die Authentizität der ausgewählten Texte ist jedoch nicht immer vorbehaltlos gesichert.

Christian Lohmer


[185], S. 690

Siegfried Wenzel, A Dominican preacher's book from Oxford, Archivum Fratrum Praedicatorum 68 (1998) S. 177-203, ediert und kommentiert zwei exemplarisch ausgewählte Predigten über den hl. Dominikus nach Oxford, New College MS 88. Es handelt sich bei den anonymen Texten eines Predigthandbuchs vom Ende des 13. Jh. aus Oxford um seltene frühe Zeugnisse der Ordensaktivitäten in England.

Christian Lohmer


[186], S. 690

Kurt Ruh, Geschichte der abendländischen Mystik, Bd. 3: Die Mystik des deutschen Predigerordens und ihre Grundlegung durch die Hochscholastik, München 1996, Beck, 534 S., 10 Abb., ISBN 3-406-34500-X, DEM 118.  --  Nach der Darstellung der franziskanischen Mystik im 2. Band seines Werkes (vgl. DA 50, 329) wendet sich R. nun der Mystik der Dominikaner zu, die ja den Inbegriff der deutschen Mystik bezeichnet und deren Spiritualität auch die deutsche Sprache befruchtet hat. War die Mystik der Frauen und der Franziskaner fast nur christologisch geprägt, so stand das 14. Jh. im Zeichen einer spekulativen Mystik, die auf der Metaphysik der Hochscholastik beruhte: christlicher Aristotelismus, ergänzt und durchdrungen vom Platonismus. Dementsprechend behandelt R. zunächst neuplatonische Quellenschriften wie den Liber de causis, den Dux neutrorum des Maimonides und das Corpus Dionysiacum bei Thomas Gallus, Robert Grosseteste und Hugo von Balma sowie die Ansätze zu einer mystischen Theologie bei Albertus Magnus und Thomas von Aquin. Nach einem Einschub über die Kartäuser-Mystik des späten 13. Jh. folgt noch ein Kapitel über Dietrich von Freiberg, der eine erst neuerdings erkannte wichtige Rolle als Weiterdenker Alberts und philosophischer Vorläufer Meister Eckharts gespielt hat. Im 2. Teil (Mystik des deutschen Predigerordens) liegt der Schwerpunkt natürlich auf Eckhart, über den R. die heute maßgebende Monographie geschrieben hat (vgl. DA 43, 339 f., 21989). Er legt dar, was wir nach dem derzeitigen Forschungsstand über Eckharts Leben, besonders auch seinen Prozeß, und seine Werke wissen, würdigt ihn als Prediger und Theologen und vertritt gewiß mit Recht die Auffassung, daß der Meister eigene mystische Erfahrungen gehabt hat. Weitere {691} Kapitel gelten den scholastischen Nachfolgern Eckharts im frühen 14. Jh., die sich mit dem Meister auseinandergesetzt haben, und den zahlreichen dominikanischen Predigern im Umkreis Eckharts. Der Band schließt mit glänzenden Ausführungen über Heinrich Seuse und Johannes Tauler als den wichtigsten Vertretern der deutschen Mystik nach Meister Eckhart, die eine breite und langandauernde Nachwirkung gehabt haben.  --  Ein Druckfehler: S. 247 und im Personenregister muß es Innozenz III. heißen.

Hans Martin Schaller


[187], S. 691

Antonio Ciceri, Pietro di Giovanni Olivi: censimento-inventario dei manoscritti, Archivum Franciscanum Historicum 90 (1997) S. 3-83, Sylvain Piron, Compléments à l'inventaire des manuscrits d'Olivi, ebd. S. 591-596, bieten mit dieser Hss.übersicht eine grundlegende Basis für die weitere Forschung zum Wirken des berühmten Spiritualen.

Christian Lohmer


[188], S. 691

Cesare Cenci, Sermoni anonimi già attribuiti a Pietro di Giovanni Olivi, Antonianum 73 (1998) S. 43-77, sieht als Vf. der 29 Sermones aus Cod. Vat. Borghes. 54 und 69 vielmehr einen anonymen Franziskaner, der diese im Jahre 1291 in der Kirche Santa Croce zu Florenz in toskanischem Italienisch verkündigt hat. In drei Appendices wird der zeitliche Zusammenhang vertieft: eine Predigt zum Feste des Ordensgründers, eine als Kreuzzugsaufruf und die Bulle Nikolaus' IV. "Illuminet super vos" (1291 Aug. 1 - Bullarium Romanum IV, 111-115, n. XI) zum selben Thema.

Christian Lohmer


[189], S. 691

Peregrini de Opole, Sermones de tempore et de sanctis, e codicibus manu scriptis primum edidit Richardus Tatarzynski (Studia "Przegladu Tomistycznego" 1) Warszawa 1997, Instytut Tomistyczny OO. Dominikanów, CXIII u. 629 u. 31* S., ISBN 83-7033-101-7.  --  Die Beschäftigung mit den beiden Predigtreihen des Dominikaners Peregrinus von Oppeln (ca. 1260 bis nach 1333) war bis zum Erscheinen dieser Edition unverhältnismäßig erschwert: Nicht allein, daß um die 350 Hss. mit dem Gesamtwerk bzw. einzelnen Teilen überliefert sind; es gab bislang auch noch keinen Versuch einer Ausgabe dieser Predigten. Dabei sind die Vorzüge der Predigtsammlung des als Hofprediger am Hof Herzog Przemysls von Ratibor wirkenden Peregrinus längst bekannt: Es handelt sich eben nicht bloß um die gewöhnlichen scholastischen Standardreihen jener Zeit, sondern um Texte, die wegen ihres Reichtums an Predigtexempla, wegen ihrer spezifischen Spiritualität und wegen ihres Beitrags zur monastischen Kultur im polnisch-deutschen Mischraum Oberschlesien von singulärer Bedeutung sind. Die vorliegende Edition bietet nun die Möglichkeit, diese kulturgeschichtliche Dimension der Peregrinus-Predigten intensiver zu verfolgen; dazu fordert die Nachbarschaft einerseits zur Volkspredigt eines Berthold von Regensburg und andererseits zu inner-dominikanischen Alternativen wie Jakob von Voragine geradezu heraus. Die Edition bietet erstmals einen brauchbaren Text der zwischen 1297 und 1304 datierten Predigten, d. h. 57/65 und 63 Einzeltexte in den beiden Reihen; sie beruht dabei auf Hss., die in der Umgebung der Wirkungsstätte Peregrins angefertigt wurden und damit auch die sprachlichen Eigenheiten bis zu einem gewissen Grad zu spiegeln vermögen; sie kombiniert in glücklicher Weise zwei Vollversionen (Prag, UB VII E 12 fol. 146va-231ra für die Sermones de tempore und Vatikan, Pal. lat. 465 fol. 91ra-197vb für die Sermones de sanctis) mit Auszügen {692} aus zwei polnischen Kodices, welche die mentalitätsgeschichtlich so wichtigen Predigten zu den slawischen und dominikanischen "modernen" Heiligen enthalten (Krakau, Bibl. Jagiellonska 1617 und Gnesen, Kapitelbibl. Ms. 24). Ein Wermutstropfen bleibt: Selbst wenn angesichts der erdrückenden Hss.-Fülle eine textkritische Edition kaum erwartet werden kann, hätte doch die Auswahl der herangezogenen Hss. begründet werden müssen; auch hätte wenigstens ansatzweise zum Problem der Hss.-Überlieferung Stellung genommen werden sollen, denn immerhin bestehen hier in wichtigen Datierungsfragen divergierende Forschungsmeinungen (v. a. zwischen Jerzy Wolny und Franz Josef Worstbrock, vgl. Vorwort S. LII). Dennoch: Der mit einigen Textvarianten und Sachanmerkungen angereicherte Text, die begrüßenswerte Offenlegung der Editionsprinzipien (Einleitung auch in deutscher Sprache: XLI-LXXII) und nicht zuletzt eine Reihe von Registern (besonders der Bibelstellen, Namen, Initien) ermöglichen es zukünftigen Forschern, bei Bedarf nachzutragen. Die Edition könnte den Peregrinus-Texten zu einer Einbeziehung in die moderne Forschung verhelfen, die sie aus ihrer (unverdienten) Rolle als bloße Fundgrube erbaulicher Predigtmärlein befreit.

Thomas Wünsch {692}


[190], S. 692

Frater Colda ordinis praedicatorum, Tractatus mystici: De strenuo milite. De mansionibus celestibus = Mystické traktáty. O statecném rytíri. O nebeskych príbytcích. Edidit et traduxit Dana Martínková (Fontes latini Bohemorum 2) Pragae 1997, Oikoumené, 91 S., 8 Farbtaf., ISBN 80-86005-55-0.  --  Aus dem Codex unicus, dem berühmten Passionale der Äbtissin Kunigunde, Tochter des Königs Premysl Otokar II. und Vorsteherin des ältesten böhmischen Klosters zum hl. Georg auf der Prager Burg, bietet die Hg. neben dem Originaltext auch die tschechische Übersetzung der beiden im Titel genannten Werke aus dem Beginn des 14. Jh. Eine historisch-literarische Einleitung (auch in Englisch) von Pavel Spunar führt ein in die geistige Welt der Äbtissin und ihrer Umgebung.

Ivan Hlavácek {692}


[191], S. 692

Neil Kartlidge, Misogyny in a Medieval University? The 'Hoc contra malos' Commentary on Walter Map's Dissuasio Valerii, The Journal of Medieval Latin 8 (1998) S. 156-191, beantwortet seine rhetorische Frage mit Hilfe des Kontextes, in dem die beiden Cambrigder Hss. (St. John's College E 12 und Clare College N. 2.5) des frühen 14. Jh. den Kommentar überliefern. Er steht - ebenso wie die Dissuasio - inmitten einer Reihe von polemischen und satirisch-ironischen Werken der Spätantike und des MA. Die subtile Ironie, der rhetorische Prunk und die hohen stilistischen Qualitäten der im MA weit verbreiteten Dissuasio (vielfach separat tradierter Teil des in nur einer Hs. überlieferten Hauptwerkes Walter Maps De nugis curialium) veranlaßte den anonymen Autor, den zahlreichen schon vorhandenen Kommentaren zu diesem Werk einen weiteren hinzuzufügen. Der Vf. ediert den Text (S. 163-191) und weist die vielen Anspielungen und Zitate (Hieronymus, Augustinus, Cassiodor, Boethius, Vitae Patrum, Gratian, Rhabanus Maurus, Thomas v. Aquin, Albertus Magnus und viele Zeitgenossen) sorgfältig nach.

Peter Dinter {692}


[192], S. 692

Eric H. Reiter, A late fourteenth-century Dominican defense of Mendicant confessional authority: The Super Clementinam of "Magister Maximus", {693} Archivum Fratrum Praedicatorum 67 (1997) S. 61-112, ediert und kommentiert nach der einzigen Überlieferung in clm 14698 einen apologetischen Traktat über die Erlaubnis für die Bettelorden, die Beichte zu hören. Der Text ist wahrscheinlich von einem uns nicht näher bekannten Gelehrten aus Freiburg im Breisgau abgefaßt und steht in der Tradition der Kontroverse um die Beichtgewalt der Mendikanten, die von Richard FitzRalph, dem Erzbischof von Armagh, zugunsten des Weltklerus in Frage gestellt wurde.

Christian Lohmer


[193], S. 693

Wladyslaw Senko, Piotr Wysz z Radolina (ok. * 1354-#[86] 1414) i jego dzielo "Speculum aureum" [Petrus Wysz von Radolin und sein Werk "Speculum aureum"] (Studia "Przeglàdu Tomistycznego" 2) Warszawa 1995, Instytut Tomistyczny Ojców Dominikanów w Warszawie, 347 S., ISBN 83-905171-0-8.  --  Mit der Edition des Speculum aureum de titulis beneficiorum ecclesiasticorum aus dem Jahr 1404 liegt einer der wichtigsten Traktate zur Frage der Kirchenreform jetzt in einer brauchbaren Textgestalt vor (S. 73-169). Die Edition basiert auf der Hs. Darmstadt, Hessische Landesbibliothek, Ms. 797 fol. 175r-218r (15. Jh.), zu der zusätzlich fünf weitere Hss. herangezogen wurden (Wien, Bonn, zweimal Basel, Dresden). Aus einem Fundus von insgesamt 31 bekannten Hss. hat der Hg. damit diejenigen ausgewählt, die dem verlorenen Archetyp am nächsten stehen und gleichzeitig den am ehesten vollständigen Text bieten. Die Edition verzeichnet die Varianten dieser Hss.; der Hg. begründet in einer (auch deutsch übersetzten) Einleitung seine ratio editionis ausführlich und ordnet die bekannten Abschriften in ein Stemma ein (S. 60). Mit der Beschreibung der Hss. kann er zusätzlich höchst interessante Kombinationen in den jeweiligen Codices offenbaren; es wird deutlich, daß das Speculum häufig in einem Kontext überliefert ist, der kirchenreformerische, konziliaristische und hussitische Akzente aufweist. Skeptisch wird man dagegen der mit Aplomb vorgetragenen Zuweisung dieser Schrift gegenüberstehen müssen: Aus einer Gruppe von in den Hss. genannten und erschlossenen Verfassern, unter denen lange Zeit der Krakauer Gelehrte und (damals) Bakkalaureus des Rechts, Paulus Wladimiri, favorisiert wurde, versucht S. nun, den Krakauer Bischof und Doktor beider Rechte, Petrus Wysz, als Autor plausibel zu machen. Diese These fand seit 1980 bereits in Zenon Kaluza und Mieczyslaw Markowski zwei engagierte Befürworter, doch ein stringenter Beweis ist aufgrund der lückenhaften Überlieferung einfach nicht zu führen. Selbst wenn man die Konstruktion des (bisher nur als Politiker und Organisator bekannten) Petrus Wysz zum Autor nicht nachvollziehen will, wird man den Anhang dankbar annehmen: Der Editor bietet darin Ausgaben des Brief-Formulars von Wysz (S. 173-246), einer Quaestionen-Sammlung zu überwiegend theologischen Problemen (S. 247-250), eines kurzen Reformkatalogs aus dem Umkreis des Pisaner Konzils (S. 251-253), des Epitaphs für die 1400 verstorbene polnische Königin Jadwiga (S. 254 f.) sowie mehrerer Wysz gewidmeter Reden, von denen die des Bartholomäus von Jaslo und des Stanislaus von Skarbimierz (S. 258-279) die wichtigsten sind. Höchst nützlich ist schließlich ein Kalendarium zur Vita des Petrus Wysz, das die entsprechenden Belegstellen aus den Quellen gleich mitliefert (S. 287-321). Der aufwendige Apparat von Indices (und die deutsche Zusammenfassung) machen das wichtige Buch gut benutzbar.

Thomas Wünsch {693}


{694}

[194], S. 694

Stefan Kwiatkowski, Zakon niemiecki w Prusach a umyslowosc sredniowieczna. Scholastyczne rozumienie prawa natury i religijna swiadomosc Krzyzaków do okolo 1420 [Der Deutsche Orden in Preußen und die mittelalterliche Gedankenwelt. Scholastische Auffassung des Naturgesetzes und das ethische und religiöse Bewußtsein der Deutschordensbrüder bis ca. 1420], Torun 1998, Wydawnictwo Uniwersytetu Mikolaja Kopernika, 161 S., ISBN 83-231-1013-1, PLN 20.  --  Das Buch besteht aus sechs kurzen Kapiteln über das Naturgesetz, über den ma. Augustinismus und den Deutschen Orden. Nach der Bestimmung des thomistischen Verständnisses des Naturgesetzes innerhalb des Deutschen Ordens wird die Bedeutung des Scotismus und Nominalismus in der polnisch-deutschen Polemik auf dem Konzil in Konstanz besprochen. Das nächste Kapitel, gestützt auf die Chronik Peters von Dusburg, soll anhand der Quellen das besondere Profil des Deutschen Ordens beweisen. Dusburg dient auch als Quelle bei der Suche nach den Einflüssen der Lehre von Duns Scotus. Nach der Besprechung der geistlichen Gründe der religiösen Krise des Deutschen Ordens in Preußen im Spät-MA untersucht der Vf. das Problem des Krieges in der Polemik zwischen den Gesandten Wladislaus Jagiellos und denen des Deutschen Ordens auf dem Konzil in Konstanz. Das Buch endet mit einem dem Begriff des Friedens in der Konzilpolemik gewidmeten Kapitel. Es gibt eine Zusammenfassung in deutscher Sprache.

Jaroslaw Wenta {694}


[195], S. 694

Peter J. Lucas, From author to audience. John Capgrave and medieval publication, Dublin 1997, University College Press, XVII u. 333 S., Abb., ISBN 1-900621-05-3, GBP 45.  --  Leider wissen wir nur selten Genaueres darüber, wie ein literarisches Werk im MA entstand. Grundlegende Fragen lassen sich oft nur schwer beantworten: Ist die vorliegende Hs. ein Autograph, hat der Autor den Text diktiert, die Abschrift bzw. Mitschrift kontrolliert oder handelt es sich um eine spätere "unautorisierte" Kopie? Benutzte er Notizen oder gar ein "Manuskript" im modernen Sinne als Vorlage? Wer finanzierte das teuere Schreibmaterial? Wie wörtlich sind Widmungen an bedeutende Gönner oder gar der Hinweis auf einen konkreten Auftraggeber zu nehmen? Antworten sucht P. L. im Werk des englischen Theologen und Historikers John Capgrave (1393-1464), seit etwa 1440 Prior in Lynn (OESA). Eindrucksvoll ist die detektivische Suche nach Hinweisen auf die genaue Entstehungsgeschichte verschiedener Manuskripte, bei denen nicht immer unbestritten ist, ob es sich um Autographen oder zumindest um korrigierte Kopien handelt, die unter Aufsicht des Vf. entstanden. Im Mittelpunkt steht ein wahrscheinlich für König Eduard IV. gedachter Autograph mit der Abbreviacion of Chronicles (Cambridge UL, MS Gg 4.12., a. 1461-1464). Des weiteren befaßt sich L. mit verschiedenen Eigenarten Capgraves und seiner Schreiber bis hin zu spezielleren philologischen Problemen, etwa der Orthographie, der Interpunktion und der Nutzung besonderer Marginalien.  --  Der vorliegende Band setzt sich aus 12 zum Teil entlegenen Publikationen der Jahre 1969 bis 1995 zusammen, die nur punktuell durch Überleitungen und Überarbeitungen aktualisiert wurden. Leider fehlt die eigentlich wünschenswerte Geschlossenheit: Mehrfach wiederholen sich innerhalb weniger Seiten (z. B. S. 78 u. S. 90, S. 279 und S. 287) auch längere Zitate, Auflistungen und die oft breiten einführenden Erläuterungen. Auch Widersprüche fallen auf, so hebt L. einmal den Reichtum (?) der Überlieferung der Werke Capgraves hervor, fragt an anderer {695} Stelle dann aber nach Gründen für die geringe Zahl der Kopien: Von den 12 erhaltenen lateinischen und englischen Werken existiert meist nur noch eine einzelne Hs., ebenso viele Werke sind verschollen. L. interpretiert Capgraves geringe Wirkung als eine Konsequenz der Gutenbergschen Erfindung, aber von anderen Texten wurden in dieser Zeit noch recht zahlreiche Abschriften angefertigt. Leichter - mit der deutlichen Verspätung, in der sich ein eigenständiges und leistungsfähiges englisches Druckgewerbe entwickelte - läßt sich erklären, warum Capgraves Werke nicht publiziert wurden. Wahrscheinlich noch nicht einmal am Rande beteiligt war C. übrigens laut L. an der Abfassung der ihm oft zugeschriebenen "Nova legenda Anglie", die als einzige in der frühen Neuzeit (1516) gedruckt wurde.

Uwe Neddermeyer {695}


[196], S. 695

The Old English illustrated Pharmacopoeia. British Library Cotton Vitellius C III, edited by M. A. D'Aronco, M. L. Cameron (Early English manuscripts in facsimile 27) Copenhagen 1998, Rosenkilde and Bagger, 64 S., 166 Taf., ISBN 87-423-0527-6 (paperbound) bzw. 87-423-0529-2 (leatherbond).  --  Diese aus dem 11. Jh. stammende Hs. verbindet zwei karolingische Schriften, den sog. Herbarius Apuleii mit der sogenannten Medicina de quadrupedibus, in altenglischer Übertragung. Es handelt sich um das einzige illuminierte Exemplar. Der Kommentar beschäftigt sich ausführlich mit der Paläographie (S. 20-25), den Pflanzen- und Tierdarstellungen (S. 26-43) sowie der Identifikation der Kräuter (S. 44-60). Paläographische Studien werden erleichtert, da die schwarz-weißen Taf. IX-XXIV mit Beispielen verwandter Hss. lose beiliegen und somit unmittelbar neben die Reproduktionen aus Cotton Vitellius C III gelegt werden können.

Arno Mentzel-Reuters


[197], S. 695

Gerold Hayer, Konrad von Megenberg >Das Buch der Natur<. Untersuchungen zu seiner Text- und Überlieferungsgeschichte (Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters 110) Tübingen 1998, Max Niemeyer Verlag, VIII u. 533 S., 19 Abb., ISBN 3-484-89110-6, DEM 156.  --  Daß das Eigenleben der Überlieferungs- und Textgeschichte von Konrads von Megenberg Buch der Natur (BdN) in so aufwendiger (d. h. aller 175 Textzeugen) und - wie gleich hinzugefügt sei - ertragreicher Weise studiert und dargeboten wird, verdanken wir dem Umstand, daß an zwei Orten gleichzeitig - in Eichstätt von Walter Buckl, in Salzburg von Gerold Hayer - an der Vorbereitung der Edition gearbeitet wurde. Buckl gelang in seiner 1993 gedruckten Diss. (Megenberg aus zweiter Hand. Überlieferungsgeschichtliche Studien zur Redaktion B des Buches von den natürlichen Dingen, Germanistische Texte und Studien 42, Olms, X u. 392 S.) der Nachweis, daß in der Herzog Rudolf IV. von Österreich gewidmeten Fassung des BdN alle Hinweise auf den Vf. getilgt waren, und er schloß daraus, daß diese Redaktion samt ihrem dreiteiligen Vorspann ('Athanasianum', Engellehre, Von der sel; vgl. G. Steer, Konrad von Megenberg, Von der sel, Kl. dt. Prosadenkmäler des MA 2, 1966) nicht mehr von Konrad selbst, sondern einem Plagiator stammte. H. hingegen hält in seiner hier zu besprechenden Habilitationsschrift an der Autorschaft Konrads fest (S. 9-30 "Die beiden Autorenfassungen"). Weitere Kontroversen betreffen den Entstehungsort {696} (Schwerpunkt Wien [Buckl], Regensburg [Hayer]) und die von Konrad ursprünglich ins Auge gefaßten Adressaten und späteren Rezipienten (hier H. besonders gegen T.-M. Nischiks [vgl. DA 44, S. 253 f.] These vom BdN als 'Handbuch für Prediger'). Gegenüber Buckls Kurzfassungen kommt H.s überaus sorgfältige und eingehende Bearbeitung der einzelnen Textzeugen und deren Auswertung in mehreren Schlußkapiteln den Interessen des Historikers besonders entgegen. Als Rezipienten (und Rezipientinnen!, zu Frauen S. 434 f.) macht H. "Hochadel, hohe und niedere Ministerialität, Stadtpatriziat und Bürgertum" (S. 436 f.) aus, während das BdN "in den Kreisen des weltlichen Klerus, auch im monastischen Bereich ... kaum rezipiert wurde" (S. 441).  --  Zum Schluß sei der Rezensentin ein Vorschlag zur Lösung der Kontroverse um die Autorschaft der Widmungsfassung erlaubt. Die Anonymisierung des Textes ist zweifellos ungewöhnlich auch in einer Zeit, die den Begriff des Urheberrechts nicht kannte und mit dem geistigen Eigentum auch von Zeitgenossen einigermaßen unbefangen umging. Vielleicht gibt uns aber Konrad selbst einen Hinweis darauf, was passiert ist. In dem Kapitel über die Verbene (Pfeiffer S. 424) lesen wir einen Text, der nach heutigem Forschungsstand (Buckl S. 297) keine Vorlage hat (das BdN ist bekanntlich im Kern eine Übersetzung der 3. nicht mehr von ihm selbst stammenden Redaktion des Liber de natura rerum des Thomas von Cantimpré, an dessen Edition ebenfalls z. Zt. noch gearbeitet wird): man hât mir das kint verstoln, ê daz ez volporn würde, darumb muoz ich im diu klaider dester kürzer schrôten. Vielleicht ist unter diesem gestohlenen Kind eine Konzept-Hs. des BdN zu verstehen? Denn schon einmal hatte Konrad - und vermutlich auch vom BdN - gesagt: ein puch, das ligt noch in der wigen. Ein gemeiner Dieb, nicht ein Plagiator, hatte allen Anlaß, den Namen des wahren Vf. zu beseitigen, ohne den eigenen an seine Stelle zu setzen, drohte ihm doch einerseits der Galgen, wenn er erwischt wurde, andererseits reicher Gewinn, denn für eine volkssprachliche naturwissenschaftliche Enzyklopädie gab es in der zweiten Hälfte des 14. Jh. schon einen 'Markt'. Er muß die Kleider kürzen, d. h. aus welchen Gründen auch immer die dreiteilige Einleitung fortlassen. Konzeptfassung (ê daz ez volporn würde), nicht Epitomefassung. Das würde eine frühe Entstehungszeit (1349?) nahelegen und damit eine weitere Unstimmigkeit beseitigen: 1348 widmet Konrad dem 9jährigen Rudolf IV. von Österreich seine Monastik - schwere Kost selbst für einen aufgeweckten Jungen. Zehn Jahre später soll er dem Erwachsenen das populärwissenschaftliche BdN gewidmet haben. Es ist viel wahrscheinlicher, daß der erfahrene Pädagoge plante, der unverdaulichen Morallehre alsbald ein Buch folgen zu lassen, das den jungen Fürsten wirklich interessierte. Auch den einzigen anderen Laien unter den Einzelpersonen, denen Konrad Schriften widmete, Karl IV., bedachte er innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums mit zwei Werken (De translacione; Contra Occam).  --  Daß mein Vorschlag vielfältige Konsequenzen hätte für die künftige Edition, ist klar, doch wäre er vielleicht des Erwägens wert.

Sabine Krüger {696}


[198], S. 696

Paulerinus (Pavel Zídek), Liber viginti arcium (ff. 185ra-190rb). Edidit Alena Hadravová (Clavis monumentorum litterarum. Regnum Bohemiae 3 = Fontes 2) Pragae 1997, Institutum studiis classicis promovendis, 90 S., 5 Abb., ISBN 80-85917-21-1.  --  Ohne auf die Lebensgeschichte des berühmten hussitischen Doppelkonvertiten einzugehen (Jude - Hussit - Katholik, 1413-1471), der auch {697} eine Regierungsanweisung für den böhmischen König Georg von Podiebrad aus katholischer Sicht verfaßte, widmet sich die Editorin seiner großangelegten enzyklopädischen Schrift, die das Wissen der Zeit darzustellen versuchte. Da das Ganze in absehbarer Zeit kaum zu edieren ist, wählte die Editorin den Teilabschnitt über die einzelnen Handwerkergruppen aus. Der Text ist lateinisch, die Stichwortglossen tschechisch, so daß das Werk zugleich ein wichtiges Denkmal der tschechischen Sprache darstelllt. Jedoch wird dabei auch der lateinische Wortschatz bereichert, vornehmlich die Umgangsprache. Im Gesamtwerk erfährt man tiefe Einblicke in das Alltagsleben des Spät-MA, was auch dieser kleine Ausschnitt beweist.

Ivan Hlavácek {697}


[199], S. 697

W. S. Watt, Notes on Sidonius Apollinaris, Revue Bénédictine 109 (1999) S. 5-16, stellt eine Reihe von Konjekturen zu den Gedichten und Briefen des spätantiken Schriftstellers (MGH Auct. ant. 8) zur Diskussion.

Detlev Jasper


[200], S. 697

Wilhelm Hentze (Hg.), De Karolo rege et Leone papa. Der Bericht über die Zusammenkunft Karls des Großen mit Papst Leo III. in Paderborn 799 in einem Epos für Karl den Kaiser. Mit vollständiger Farbreproduktion nach der Handschrift der Zentralbibliothek Zürich, Ms. C 78, und Beiträgen von Lutz E. v. Padberg, Johannes Schwind und Hans-Walter Stork, mit Beiheft: De Karolo rege et Leone papa. Hg. u. übers. von Franz Brunhölzl (Studien und Quellen zur westfälischen Geschichte 36) Paderborn 1999, Bonifatius Verlag, 157 S., 22 Abb. bzw. 48 S. [Beiheft], ISBN 3-89710-064-9, DEM 78.  --  Aus aktuellem Jubiläumsanlaß tritt diese Publikation an die Stelle des seit langem vergriffenen Bandes von 1966 (vgl. DA 23, 582). Nicht nur die lateinische und die deutsche Bezeichnung des im Mittelpunkt stehenden Gedichts (MGH Poetae 1 S. 366-379) auf dem Titelblatt haben sich im Lichte neuerer Erkenntnisse gewandelt, auch sonst zeigen sich die Beiträge auf der Höhe der heutigen Forschung. Von zentraler Bedeutung ist Lutz E. von Padberg, Das Paderborner Treffen von 799 im Kontext der Geschichte Karls des Großen (S. 9-104, 3 Abb.), eine nüchtern abwägende Synthese der Entwicklung seit 772 samt einer quellenkundlichen Einschätzung des Gedichts im Sinne von D. Schaller (vgl. DA 33, 257), beides mit reicher bibliographischer Fundierung.  --  Hans-Walter Stork, Die Sammelhandschrift Zürich, Zentralbibliothek, C 78 (S. 105-118), bietet eine eingehende Beschreibung auf der Basis des Katalogs von L. C. Mohlberg (vgl. DA 11, 249) und leitet über zum qualitätvollen Faksimile von fol. 104r-114v, der einzigen Überlieferung, auf S. 121-142.  --  Johannes Schwind, Similienapparat zum Text von "De Karolo rege et Leone papa" (S. 143-155), bietet in eindrucksvoller Dichte, weit über Dümmler in MGH Poetae hinaus, das inzwischen aufgespürte Vergleichsmaterial mit älterer lateinischer Dichtung.  --  Als "Beiheft" mit gesonderter Paginierung beigegeben ist ein Nachdruck des Beitrags von Franz Brunhölzl aus dem Band von 1966 (dort S. 55-97) mit einem gegenüber Dümmler leicht modifizierten Editionstext und einer deutschen Übersetzung. Vorangestellt ist eine Vorbemerkung, in der sich B. von der in dem neuen Band vertretenen {698} Einschätzung des Gedichts distanziert, einen ungenannten Iren am Hofe Karls als Verfasser postuliert und für beides eine Begründung an anderer Stelle in Aussicht stellt.

Rudolf Schieffer


[201], S. 698

Christine Ratkowitsch, Karoli vestigia magna secutus. Die Rezeption des "Aachener Karlsepos" in der Carlias des Ugolino Verino (Wiener Studien, Beiheft 25) Wien 1999, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 114 S., ISBN 3-7001-2809-6, ATS 467 bzw. DEM 64.  --  Das Buch beruht auf der Entdeckung einer literarischen Beziehung zwischen dem früher sog. Paderborner Epos (vgl. die vorige Anzeige) und einer heroisch-panegyrischen Dichtung auf Karl den Großen in 15 Büchern, die in mehreren Fassungen von 1465 bis spätestens 1506 entstand und erst kürzlich nach dem für König Karl VIII. von Frankreich bestimmten Widmungsexemplar von 1489 im Druck zugänglich geworden ist (hg. von Nikolaus Thurn, München 1995). Auf S. 15-51 kann die Vf. zeigen, daß vornehmlich in der Frühfassung des Cod. Magliabecchianus II, II, 94 der Nationalbibl. in Florenz, eines Autographs von 1480, anzutreffende Entsprechungen in einzelnen Worten und Wortverbindungen, aber auch ganze nachempfundene Szenen nur zu erklären sind, wenn man über die gemeinsame, auf Vergil fußende literarische Tradition hinaus eine unmittelbare Kenntnis des karolingischen Gedichts bei Ugolino Verino unterstellt. Da als Grundlage kaum die heute in Zürich aufbewahrte St. Galler Hs. in Betracht kommt, rechnet die Vf. mit einer weiteren, verlorenen Abschrift, die im Sinne der Überlegungen von D. Schaller (vgl. DA 33, 257) den vollen Umfang des Karlsepos in vier Büchern geboten haben könnte und von der Vf., recht mutig, auf ein in Rom aufbewahrtes Exemplar Leos III. (S. 12, 52) zurückgeführt wird. Vor diesem Hintergrund unternimmt sie S. 52-102 den erklärtermaßen hypothetischen Versuch, aus der Interpretation der humanistischen Carlias Ausdrucksformen der verlorenen Teile des Karlsepos, zumal der für das vierte Buch postulierten Darstellung der Kaiserkrönung von 800, zu rekonstruieren. Am ehesten überzeugt dabei die Argumentation mit Similien, die der Carlias und dem Ludwig-Epos des Ermoldus Nigellus gemeinsam sind, denn dessen Anregung durch das Karlsepos steht fest.

Rudolf Schieffer


[202], S. 698

L'évasion d'un prisonnier. Ecbasis cuiusdam captivi. Introduction, traduction, commentaire et tables par Charles Munier (Sources d'histoire médiévale 32) Turnhout - Paris 1998, Brepols - CNRS Editions, 231 S., ISBN 2-503-50747-6 bzw. 2-271-05509-1, EUR 44.  --  Bei unveränderter Überlieferungslage unterscheidet sich diese mit einer französischen Übersetzung ausgestattete Edition der Ecbasis captivi nur an wenigen Textstellen (aufgezählt S. 45) von der Ausgabe K. Streckers in MGH SS rer. Germ. (1935), auf die für Hss.-beschreibungen und Variantenapparat gleich ganz verwiesen wird. Dagegen weicht sie erheblich in der quellenkundlichen Einschätzung ab, indem sie sich die zuerst von H. Thomas, DA 20, 130 ff. vertretene und seither mehrfach (vgl. DA 23, 312 ff.; 33, 631) verteidigte Datierung ins ausgehende 11. Jh. mit Deutung der beiden genannten Herrscher Heinrich und Konrad als Kaiser Heinrich IV. und seinen Sohn Konrad zu eigen macht und durch einige rechtsgeschichtliche Beobachtungen, insbesondere Sachparallelen zu Synodalentscheidungen der 1090er Jahre, zu stützen sucht, die jedoch für sich genommen kaum die Beweislast zu tragen vermögen; vgl. {699} dazu ausführlicher Charles Munier, Ecbasis cuiusdam captivi et Droit canonique médiéval, ZRG Kan. 83 (1997) S. 187-197. Da außerdem kürzlich K. F. Werner mit einer Einordnung des rätselvollen Tierepos in die Auseinandersetzungen nach dem Tode Graf Odos II. von Blois-Champagne (1037) hervorgetreten ist (vgl. DA 54, 266), wogegen sich M. außerhalb seiner Ausgabe in einem weiteren Aufsatz gewandt hat: Nouvelles recherches sur l'Ecbasis cuiusdam captivi, Revue des sciences religieuses 73 (1999) S. 21-41, scheint die Debatte wieder voll entbrannt zu sein.

Rudolf Schieffer


[203], S. 699

Petri Blesensis Carmina, cura et studio C. Wollin (CC Cont. Med. 128) Turnholti 1998, Brepols, 714 S. u. 1 Beilage, ISBN 2-503-03281-8 (relié) bzw. 2-503-03282-6 (broché), EUR 238 bzw. 225.  --  Wer geglaubt hat, eine Ahnung vom ungefähren Umfang der Dichtungen des Prinzenerziehers, Sekretärs mehrerer englischer Bischöfe und Archidiakons Petrus von Blois (#[86] 1211/12) zu haben, wird vom Umfang dieser dickleibeigen Ausgabe zunächst überrascht sein, aber schnell konstatieren, daß der eigentliche Editionsteil erst S. 211 beginnt und in äußerst luftiger Druckanordnung durchgeführt ist. "Das Druckbild folgt der Ausgabe der Carmina Burana" (S. 213) wäre also durch ein "mit großem Abstand" zu ergänzen. Erstmalig sind hier die verstreuten, meist satirischen oder amourösen Dichtungen vereinigt, wobei die Einteilung in fünf Abteilungen die absteigende Wahrscheinlichkeit der Zuschreibung widerspiegeln will: 1. Die authentischen Gedichte. 2. Die Gedichte aus O und Cb. 3. Die Liebesgedichte der Arundelsammlung. 4. Die Gedichte zweifelhafter Authentizität. 5. Die Sammlung X. Von Fleiß zeugt die Liste mit Sekundärliteratur auf den eng bedruckten Seiten 180-209, wobei freilich auch sehr allgemeine Werke und Lexikonartikel ohne eigenständigen Wert Aufnahme gefunden haben. Gegenüber dem von Peter Dronke publizierten Verzeichnis der Dichtungen Peters (The Medieval Poet and his World, 1984, S. 314-333) sind mehrere Stücke hinzugekommen, dazu sind thematisch einschlägige Verse aus zwei Artes Dictandi nach der Edition von Martin Camargo von 1995 (vgl. DA 53, 636) beigegeben. Zu der detaillierten Beschreibung der Hss. und Drucke mit Erörterung der Zuschreibungen wäre zu ergänzen, daß das S. 136 f. angeführte Werk mit dem Titel Verbiginale seit 1990 in einer sorgfältigen Edition vorliegt (El Verbiginale. Una gramática castellana del siglo XIII, hg. Estrella Pérez Rodriguez), wo der Eintrag mit der Zuweisung an "Magister Petrus Blasensis" auf Tafel 4 wiedergegeben ist. Die zahlreichen Vacat-Seiten und solche mit nur wenigen Zeilen im Editionsteil wieder könnten als Anregung für den Benützer gedacht sein, die stellenweise ziemlich magere Kommentierung eigenhändig nachzutragen, wie S. 550 Strophe 26, zu der nichts gesagt wird, so daß sich der Eindruck aufdrängt, der Hg. habe das frivole Wortspiel mit testes und testiculi nicht verstanden und deshalb die Strophe umgestellt, obwohl sie an ihrem ursprünglichen Platz als Nr. 14 zu den Vorwürfen der Fornicatio thematisch besser gepaßt hätte. Bei der Bemühung, die Orthographie der Hss. getreu wiederzugeben (also racio, sicio) ist der Hg. auch mal über das Ziel hinausgeschossen: Die Anfangszeile Vacillantis trucine, leider auch als Kolumnentitel (S. 474-481) erscheint ausgesprochen unglücklich. Der Hg. bezeichnet selbst das Buch als "Arbeitsedition" (S. 7), und dazu paßt auch gut, daß er für die Darstellung der rhythmischen Strophenformen (S. 144-151) die totgeglaubten "Bauformeln" von Dieter Schaller heranzieht (vgl. {700} DA 37, 366), in die man sich jedesmal neu einarbeiten muß - der Vorteil der Platzersparnis dürfte an dieser Stelle keine Rolle gespielt haben. Ihr Erfinder bestreitet gerade auch unter Bezug auf diese Edition die Beobachtung, sein Notationssystem habe sich nicht durchgesetzt: Dieter Schaller, Nochmals zu den Bauformeln für akzentrhythmische Verse und Strophen, Mittellat. Jb. 34 (1999) S. 171-174.

Gabriel Silagi


[204], S. 700

Concordantia in Carmina Burana, curavit Manfred Wacht adiuvante Benedikt Vollmann (Alpha-Omega. Reihe B 12) Hildesheim u. a. 1996, Olms-Weidmann, X u. 887 S., ISBN 3-387-10253-6, DEM 278.  --  Einfacher als gedruckte Bücher sind Datenbanken herzustellen; wenn hier - zur Freude konservativer, gerätescheuer Forscher - eine Konkordanz in gedruckter Form vorgelegt wird, so muß zum einen hervorgehoben werden, daß über die bloße maschinelle Erfassung des Textes hinaus die geistige Arbeit geleistet wurde, die Wortformen zu lemmatisieren - wer nicht nur Stellen sucht, sondern sich für den Inhalt des Textes interessiert, wird das als Vorteil empfinden. Zum anderen wird der Benutzer durch die notwendig gewordenen interpretatorischen Entscheidungen des Vf. möglicherweise auf Verständniswege gewiesen, die er von selbst nicht eingeschlagen hätte (und vielleicht auch jetzt nicht einschlagen will), wie an folgendem Beispiel zu beobachten: Unter letum findet sich der Verweis auf CB 92,46,2 ecce Phyllis possidet illum leto fine. Wer die Übersetzung des Adjutors der Konkordanz Vollmann von 1987 (vgl. DA 45, 669 ff.) zur Hand nimmt, findet die Worte mit "zu guter Letzt" wiedergegeben, und demzufolge wäre die Stelle unter "laetus" einzuordnen. Die Zuordnung zu "letum" weist auf die Übersetzung durch Carl Fischer von 1974 (vgl. DA 31, 266), wo es heißt "bis zum Tod" (und "fine" augenscheinlich als eine Art Präposition verstanden ist). Laut Vorwort zeichnet Vollmann freilich nur für die romanischen und mitteldeutschen Texte verantwortlich, und offenbar war die Aufgabenteilung sehr strikt. Das Frequenzwörterbuch (S. 861-887) bietet Erkenntnisse der Art, daß "quam" beim Vergleich in den CB 44mal vorkommt und damit eine relative Häufigkeit von 0,098 hat, als Fragepronomen jedoch nur 38mal (mit einer relativen Häfigkeit von 0,084 - es scheint sich um Zehntel Promille zu handeln). Dagegen muß man selbst extrapolieren, daß unter den 976 Stellen von "qui" nicht weniger als 70mal "quam" erscheint und die beiden anderen weit in den Schatten stellt. Das häufigste Lexem ist jedoch "et" (1437mal absolut, 3,191 rel.), und der Einwand, bei einer heterogenen Sammlung wie den CB wären Statistiken noch weniger sinnvoll als sonst, läßt sich spielend widerlegen: Zeigt sich hier doch die parataktische, also gleichsam demokratisch-fortschrittliche Denkart der ma. Vaganten, und es wäre dringend erforderlich, zu prüfen ob sie nicht im Laufe ihrer Karrieren (eventuell böte sich das Decretum Gratiani zum Vergleich) einer mehr hypotaktischen Weltanschauung Platz macht. Textmüden Sprachsoziologen des Faches sei hiermit ein neues Betätigungsfeld eröffnet.

Gabriel Silagi


[205], S. 700

Luigi Giovanni Giuseppe Ricci, Problemi sintattici nelle opere di Liutprando di Cremona (Biblioteca di Medioevo Latino 20) Spoleto 1996, Centro italiano di studi sull'alto medioevo, XXI u. 216 S., ISBN 88-7898-469-7, ITL 50.000.  --  Kurz {701} vor Erscheinen der neuen, von P. Chiesa besorgten Liutprand-Edition (vgl. oben S. 663), aber schon im Kontakt mit deren Hg., legt der Vf. seine überarbeitete Diss. vor, die über das Interesse an Liutprand hinaus einen wertvollen Beitrag zu einer Grammatik des ma. Latein darstellt und folgerichtig von P. Stotz in dem 1998 erschienen Band des Handbuchs zur lateinischen Sprache des MA (vgl. oben S. 275 f.) eingearbeitet worden ist. Die Struktur der beiden sehr unterschiedlichen Werke ist im übrigen so ähnlich, daß man - trotz des Fehlens von Registern bei Stotz - die von R. dargestellten sprachlichen Erscheinungen ohne Mühe im Handbuch in einen größeren Zusammenhang einordnen kann, wie sich auch umgekehrt die bei Stotz allgemein beobachteten Phänomene auf ihr Vorkommen bei Liutprand hin nachkontrollieren lassen. Allerdings wäre dies erleichtert worden (und das Buch hätte an bleibendem Wert gewonnen), hätte R. statt auf Seite und Zeile von Beckers Edition in den MGH auf Buch und Kapitel der Werke verwiesen, da in der neuen Edition eine Konkordanztabelle fehlt. Wie viele Abweichungen vom schulmäßigen klassischen Latein Liutprand mit der Spätantike gemeinsam hat, zeigen die vielen Verweise auf die Grammatik von Hofman-Szantyr, während es bei stärkeren Abweichungen durchaus verschiedene Möglichkeiten der Einordnung gibt. Um nur ein Beispiel zu demonstrieren: Als passiven Gebrauch eines Participium praesentis führt R. Antapodosis 1,13 (Becker: 15,20; Chiesa: 17,430) an, terris inhabitantibus solitudinem, caeca ambitio paras. Hier ließe sich das bei Becker und Chiesa fehlende Komma hinter ambitio einsetzen, vor allem aber auch inhabitantes als Bewohner übersetzen, wovon der Dativ terris etwa analog zu inesse abhängig sein könnte. Besonders bei sonst nicht nachweisbaren Anomalien ist Vorsicht angebracht. Einen Fehler hat R. vermieden: Das Literaturverzeichnis weist nicht weniger als 34 Titel von Bengt Löfstedt auf (S. XIV-XVI), so daß von dieser Seite die üblichen Beanstandungen nicht zu erwarten sind.

Gabriel Silagi


[206], S. 701

Francesco Bausi, Nec rhetor neque philosophus. Fonti, lingua e stile nelle prime opere latine di Giovanni Pico della Mirandola (1484-87) (Studi Pichiani 3) Firenze 1996, Olschki, 213 S., ISBN 88-222-4426-5, ITL 48.000, widmet den beiden Briefen an Lorenzo de' Medici und Ermolao Barbaro (1484 und 1485) sowie dem wohl bekanntesten Werk Picos, der Oratio de hominis dignitate (1486), eine minutiöse Analyse. Vokabular und Stil können in allen drei Werken als äußerst gesucht bezeichnet werden. Inhaltlich sieht B. in den beiden Briefen bereits eine gewisse Spaltung Picos zwischen dem Ideal des Philosophen und dem des Humanisten durchscheinen. Die Behandlung der Oratio beginnt mit einer Darlegung der Überlieferungsproblematik, die zu dem Schluß führt, daß mindestens drei Redaktionen vorliegen, wovon die editio princeps die dritte Fassung wiedergibt. Die Syntax ist wiederum vorwiegend klassisch, das Vokabular wird aus der frühchristlichen und ma. Literatur angereichert. Mit diesen Stilmitteln verleiht Pico nach Auffassung des Vf. der Grundidee der Oratio - der "Unbestimmtheit" des Menschen, worin seine Würde besteht - einen sinnfälligen Ausdruck. Am Ende steht ein kurzer Vergleich mit dem ganz anders gearteten Stil der Conclusiones und der Apologia (1486/87), deren Entstehung mit der dritten Redaktionsphase der Oratio zusammenfällt. Während der erste Teil der Apologia dem höchsten humanistischen Standard entspricht, nähert sich Pico in ihrem zweiten Teil wie in den Conclusiones dem "scholastischen" Latein der {702} Universitätsgelehrten; die beiden Werke stehen in der stilistischen Entwicklung Picos auf halbem Weg zwischen dem "eleganten" Stil der ersten und dem gewollt nüchternen Stil der letzten Werke. Der Stil des früh Verstorbenen ist nämlich nach B. im Gegensatz zu neueren Thesen nicht in erster Linie von den behandelten Inhalten bestimmt, was bedeuten würde, daß verschiedene Stilhöhen gleichsam koexistieren können, sondern die diachron zu beobachtende Evolution des Stils ist vielmehr äußerer Ausdruck der inneren Entwicklung des Autors, wobei die Apologia mit ihrem "geteilten" Stil einen Krisen- und Wendepunkt markiert.

Claudia Märtl


[207], S. 702

L'anthroponymie. Document de l'histoire sociale des mondes méditerranéens médiévaux. Actes du colloque international organisé par l'École française de Rome avec le concours du GDR 955 du C.N.R.S. "Genèse médiévale de l'anthroponymie moderne" (Rome 6-8 octobre 1994), recueillis par Monique Bourin, Jean-Marie Martin et François Menant (Collection de l'École française de Rome 226) Rome 1996, École française de Rome, 502 S., Abb., Karten, ISBN 2-7283-0361-4, ITL 128.000.  --  Dieser umfangreiche Band enthält 27 Aufsätze samt einem kurzen als Einführung geltenden Beitrag. Er ist aus einem Kongreß entstanden, der über die rege Arbeit der Historiker informieren wollte, die seit 1985 an der Universität Tours die ma. Personennamen und die Gebräuche ma. Namengebung hauptsächlich des westlichen Europa nach einem sehr klaren Plan und mit einer strengen Methodologie untersuchen. Da der Blickwinkel hier aber auf das ganze ma. Mittelmeer erweitert worden ist, werden auch andere Wissenschaftler herangezogen, die über die byzantinische, armenische, georgische, arabische Anthroponymie und besonders über die der Juden berichten. Wie schon im Titel angedeutet, liegt der Schwerpunkt aller Aufsätze auf der Sozialgeschichte des Mittelmeeres hauptsächlich im 11. - 13. Jh., jener Periode also, die vom nomen unicum zum Doppelnamen überging. Jeder Beitrag bringt Neues zu den Veränderungen der Namengebung in dieser Zeit; zu den Fragen der örtlichen und zeitlichen Staffelung, des Verhältnisses innerhalb der Familie, des Drucks des Lehenswesens, der Unterschiede unter den Ständen, usw. Denn der Übergang vom nomen unicum zum Doppelnamen erfolgte nicht überall gleichzeitig (z. B. früher in Portugal - schon vor dem Jahre 1000 - als in Süditalien); jede Gegend bevorzugte Eigennamen, die anderswo weniger in Gebrauch waren, z. B. germanische Namen in Frankreich, griechische Namen in Neapel; auch das zweite Element des Doppelnamens hatte nicht überall dieselbe Herkunft: bei Adeligen und besonders in Nordfrankreich war es häufig von Ortsnamen abgeleitet, die das Zentrum eines Lehens sein konnten, in der Toskana war es nicht selten ein sehr interessanter Spitzname; die Christianisierung der Anthroponymie setzte sich in Westeuropa nicht so frühzeitig durch, wie man bisher dachte, sondern hing von päpstlichen Richtlinien ab; die zunehmende Anwendung des Doppelnamens hing zum großen Teil von fiskalischen Kontrollen ab. Ohne Übertreibung darf man konstatieren, daß dieser reiche und informative Band als ein auf den neuesten Stand gebrachtes Handbuch gelten kann; unter diesem Gesichtspunkt wäre eine gemeinsame Bibliographie wirklich sehr von Nutzen gewesen. Einige Druckfehler und auch einige wenige linguistische Fehler (z. B. ist Lapo keine Ableitung von Jacobus!) beeinträchtigen nur ganz unwesentlich den Nutzen des Werkes.

Maria Giovanna Arcamone {702}


{703}

[208], S. 703

Hermann Weisert, Seit wann spricht man von Deutschen?, BDLG 133 (1997) S. 131-168, gibt eine Belegsammlung von Bezeichnungen für das fränkische und römisch-deutsche Gesamtreich und seine Teile von der merowingischen bis in die staufische Zeit und befaßt sich ausführlicher mit den Bezeichnungen Francia, Germania, Teutonicae partes / terrae, Alemannia und Romanum imperium. Der Vf. betont die zunächst fränkische, dann ab 2. Hälfte des 11. Jh. römische Komponente im Herrschertitel und Reichsnamen und mißt der Bezeichnung regnum Teutonicum nur eine geringe Bedeutung zu.

Klaus Naß


[209], S. 703

Karl Löffler - Wolfgang Milde, Einführung in die Handschriftenkunde. Neu bearb. von Wolfgang Milde (Bibliothek des Buchwesens 11) Stuttgart 1997, Hiersemann, XII u. 179 S., 26 Abb., ISBN 3-7772-9723-2, DEM 96.  --  Die Neubearbeitung dieses bei seiner Erstveröffentlichung (1929) verdienstvollen Buches besteht aus einer neuen Einleitung über allgemeine und spezielle Handschriftenkunde, aus sachlichen und bibliographischen Aktualisierungen und aus mäßigen Abbildungen von Hss. der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Die Einleitung ist wenig konzis; auf S. 17 wird z. B. die simple Tatsache, daß Kopisten und Leser einen ma. Text verändern konnten, durch ein Schaubild unnötig kompliziert dargestellt. Die sachlichen und bibliographischen Aktualisierungen sind unsystematisch und zufällig. Wer sich über ma. Hss. unterrichten will, der greife auch weiterhin zu B. Bischoffs Paläographie und O. Mazals Lehrbuch der Handschriftenkunde, die faktenreicher und billiger sind.

Klaus Naß


[210], S. 703

Album. I luoghi dove si accumulano i segni (dal manoscritto alle reti telematiche). Atti del Convegno di studio della Fondazione Ezio Franceschini e della Fondazione IBM Italia, Certosa del Galluzzo, 20-21 ottobre 1995, a cura di Claudio Leonardi, Marcello Morelli e Francesco Santi (Quaderni di cultura mediolatina 14) Spoleto 1996, Centro italiano di Studi sull'Alto Medioevo, XII u. 251 S., 17 Taf., ISBN 88-7988-630-7, ITL 60.000.  --  Diachronisch angeordnet behandelt der Sammelband Schrift und Schriftträger, von der griechischen Antike bis zum modernen Buchdruck und dessen Ersetzung durch Datenträger. Aus dem Themenbereich MA sind anzuzeigen: Claudio Leonardi, Autografie. La persona come ambiente della scrittura (S. 15-23), hebt Beispiele aus der Tagung in Erice von 1990 über Autographe heraus (vgl. DA 52, 708).  --  Donatella Frioli, Tabulae, quaterni disligati, scartafacci (S. 52-74), bringt in einem höchst informativen Beitrag neue Erkenntnisse über die ungebundenen Vorformen des Buches (schedula, quaternio), die - oft später zusammen- oder an andere Bücher angebunden  --  Aufschlüsse zu Text- und Bildungsgeschichte vermitteln, und führt Beispiele für absichtlich ungebunden gelassene Werke an, die ohne Buchdeckel leichter zu transportieren waren. Die Fülle des hier mitgeteilten Materials und die gelehrte Aufarbeitung heben den Beitrag nicht nur quantitativ über das in derartigen Sammelbänden Übliche hinaus.  --  Francesco Santi, L'album del Dio corridore. Tempo, spazio e velocità nella scrittura mistica della fine del Medioevo (S. 75-90), handelt von Gott als Ausdruck höchster Geschwindigkeit (omnibus mobilibus mobilior) und irgendwie auch Inbegriff von "brevitas", dem in der Exegese das Tetragrammaton entspreche, und zieht zur Vertiefung Belege von Wilhelm von {704} St-Thierry, Arnaldus von Villanova, Raimundus Lullus und Nikolaus von Kues heran.  --  Michael Camille, The Discourse of Images in Philosophical Manuscripts of the Late Middle Ages: Aristoteles Illuminatus (S. 93-110), bringt amüsante Beispiele für Randzeichnungen und figürlich ausgeschmückte Initialen mit Bezug zum Text.  --  Paolo Galluzzi, Immagine e scrittura nella tradizione tecnica del Quattrocento (S. 111-126), befaßt sich (aus Mangel an Zeugnissen aus dem 15. Jh.?) vornehmlich mit Leonardo da Vinci.  --  Die in den folgenden Beiträgen vorgetragenen, vor einem Lustrum formulierten Gedanken zum Computer-Einsatz, sind erwartungsgemäß ephemer.

Gabriel Silagi


[211], S. 704

Augustín Millares Carlo, Corpus de códices visigóticos. Edición preparada por M. C. Díaz y Díaz, A. M. Mundó, J. M. Ruiz Asencio, B. Casado Quintanilla y E. Lecuona Ribot, I: Estudio; II: Album, Las Palmas de Gran Canaria 1999, Universidad de Educación a Distancia, 251 S. bzw. 320 S., 295 Abb., ISBN 84-923422-1-8, EUR 150,25.  --  Der kanarische Archivar und Paläograph Millares Carlo (1893-1980) hatte sich ein halbes Jh. lang mit spanischen Hss. befaßt, auch in Mexiko und Venezuela, wo er 1938-1976 im Exil lebte. Sein dreibändiger Tratado de Paleografía Española (1929, 21932, ³1983) hatte die visigotischen Schriften im Zusammenhang auch mit der übrigen spanischen Überlieferung behandelt und ihn als ausgezeichneten Kenner der Urkundenschriften ausgewiesen. Bei einer Gedenkveranstaltung anläßlich seines 100. Geburtstages wurde aus seinem Nachlaß das hier veröffentlichte Material vorgestellt, zu dessen Betreuung sich die im Titel angeführte Arbeitsgruppe konstituierte. Im Oktober 1996 übernahm das "Comité international de Paléographie latine" ein "moralisches Patronat" (patrocinio moral), vermutlich eine Umschreibung für materielle Abstinenz. Das Ergebnis ist die bisher umfassendste Sammlung von visigotischen Hss. aus dem 8. bis 12. Jh., 352 Nummern nach Bibliotheksorten geordnet. Nur etwa zwanzig Prozent dieser Hss. haben außerhalb der iberischen Halbinsel eine Heimat gefunden, davon die meisten (34) in Paris (Madrid verzeichnet an die hundert). Im Tafelteil sind die Hss. mit wenigen Ausnahmen abgebildet, die Qualität der durchwegs farbigen Tafeln ist beeindruckend. Das paläographische Sammelwerk wird zu einem durchaus angemessenen Preis angeboten und ergänzt für das 9. Jh. Bernhard Bischoffs Katalog der festländischen Hss., der ausdrücklich "mit Ausnahme der wisigotischen" konzipiert ist und leider keine Abbildungen bietet.

Gabriel Silagi


[212], S. 704

Jürgen Römer, Geschichte der Kürzungen. Abbreviaturen in deutschsprachigen Texten des Mittelalters und der Frühen Neuzeit (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 645) Göppingen 1997, Kümmerle, 237 S., 327 Abb., 31 Grafiken, 17 Tabellen, ISBN 3-87452-891-X, DEM 98.  --  Die Marburger Diss. untersucht die Kürzungen in ca. 1500-2000 deutschsprachigen Texten aus dem Corpus der altdeutschen Originalurkunden, aus dem Lichtbildarchiv älterer Originalurkunden in Marburg und aus Tafel- und Abbildungswerken. Systematisch erfaßt und statistisch interpretiert werden die Kürzungsarten und -zeichen. Der Vf. zeigt, wie lateinische Kürzungen allmählich auch für deutsche Texte gebraucht wurden und wie sie sich zusammen mit den Schriftformen im Laufe der Zeit wandelten. Dabei kann man Regionen konservativen und fortschrittlichen Kürzungsgebrauchs unterscheiden. Unterschiedliche Kürzungsweisen gab es offenbar auch {705} bei verschiedenen Textgattungen und bei geistlichen oder laikal-städtischen Schreibern. Gekürzt wurde hauptsächlich, um Zeit und Schriftraum zu sparen, daneben auch um den Text überschaubarer zu machen, den Schriftraum zu verzieren und Reverenz zu signalisieren.

Klaus Naß


[213], S. 705

Laura Capone, Ein illuminiertes Andachtsbuch in Würzburg (Studien zu M. p. th. q. 50, Hildebert von Lavardin, De mysterio missae, der Würzburger UB), Würzburger Diözesangeschichtsblätter 60 (1998) S. 93-194, liefert eine eingehende kunsthistorische Analyse und Einordnung der reich bebilderten Hs., die ihre Entstehung der Passionsfrömmigkeit des 12. Jh. verdankt. Aufgrund ihrer Stilanalysen befürwortet die Vf. eine Herkunft des Codex aus dem "Nordosten Frankreichs" (Datierung: "Ende 3. Viertel 12. Jh.").

Stefan Beulertz {705}


[214], S. 705

Andreas Gestrich / Marita Krauss (Hg.), Migration und Grenze (Stuttgarter Beiträge zur historischen Migrationsforschung 4) Stuttgart 1998, Franz Steiner, 167 S., Abb., ISBN 3-515-07224-1, DEM 68.  --  Drei der neun Studien dieses Sammelbandes betreffen das MA: Folker Reichert, Grenzen in der Kartographie des Mittelalters (S. 15-39, 15 Abb.), konzentriert sich auf das 14./15. Jh. und beleuchtet die Funktion von Karten in rechtlichen und politischen Streitigkeiten wie auch für das allgemeine Weltverständnis.  --  Harald Kleinschmidt, Überlegungen zur Entstehung von Siedlungsraumgrenzen am Beispiel des frühmittelalterlichen Sussex (S. 83-102), betrifft die Zeit vom 4. bis zum 9. Jh.  --  Eberhard Kaiser, Wikingereinfälle und Grenzveränderung im frühmittelalterlichen England (S. 103-123), handelt in einem guten historischen Überblick weit mehr von den Wikingern als von veränderten Grenzen.

Rudolf Schieffer


[215], S. 705

Felix Fabri, Die Sionpilger, hg. von Wieland Carls (Texte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit 39) Berlin 1998, ESV, 596 S., ISBN 3-503-03799-3, DEM 98.  --  Das aus seinen lateinischen Pilgerschriften kompilierte volkssprachliche Werk des bedeutenden spätma. Ulmer Dominikaners wird hier erstmals herausgegeben. Es werden Hinweise für Jerusalem-, Rom- und Santiagofahrten gegeben. Warum C. allerdings den Titel der eindeutig an ein weibliches Publikum gerichteten Schrift vom bisherigen "Die Sionpilgerin" (vgl. VL2 2,685) ins Maskulinum verwandelte, bleibt sein Geheimnis.

Arno Mentzel-Reuters


[216], S. 705

Albrecht Berger, Jonathan Bardill, The Representations of Constantinople in Hartmann Schedel's World Chronicle, and Related Pictures, Byzantine and Modern Greek Studies 22 (1998) S. 2-37.  --  Unter den qualitätvollen Holzschnitten, mit denen der 1493 im Druck erschienene Liber chronicarum des Nürnberger Humanisten ausgestattet ist, finden sich auch zwei Darstellungen Konstantinopels, von denen die erste, ein Panorama der Stadt, mit unbedeutenden Varianten an vier Stellen der Chronik, die zweite, eine Teilansicht der östlichen Altstadt mit der Hagia Sophia, nur einmal (auf fol. 257r) Verwendung findet. Während sich für das Panorama Vorlagen verifizieren lassen, ist die Ostansicht von allen bekannten zeitgenössischen Abbildungen Konstantinopels unabhängig und {706} als selbständige topographische Quelle von besonderem Wert. Eine Darstellung Konstantinopels scheint ferner bei einem Holzschnitt Pate gestanden zu haben, der fünfmal vorkommt und je nach Bedarf die Städte Trier, Padua, Marseille, Metz und Nikaia darstellen soll.

Franz Tinnefeld {706}


[217], S. 706

Detlev Schwennicke, Europäische Stammtafeln. Neue Folge, Bd. I, 1: Die fränkischen Könige und die Könige und Kaiser, Stammesherzoge, Kurfürsten, Markgrafen und Herzoge des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Frankfurt am Main 1998, Klostermann, 220 S., ISBN 3-465-02743-4, DEM 240.  --  Seitdem W. K. Prinz von Isenburg im Jahre 1935 begann, "Europäische Stammtafeln" vorzulegen, die in zwei Bänden den "Deutschen Staaten" und den "Außerdeutschen Staaten" gewidmet waren, und nachdem 1955 und 1957 f. Baron Freytag von Loringhoven diesem Tafelwerk zwei weitere stattliche Bände zu den deutschen und österreichisch-ungarischen Hochadelsfamilien hinzugefügt hatte, jedoch über der Weiterführung verstorben war, unternimmt es D. Schwennicke, in Neubearbeitungen und Ergänzungen die genealogisch interessierte Fachwelt mit weiteren Tafelbänden auszustatten, so daß jetzt eine Reihe von 17 Bänden (dabei einige mit Teilbänden) vorliegt und Band 18 schon angekündigt ist.  --  Der hier anzuzeigende Band will - wie schon mit dem geänderten Titel (vgl. die nachstehende Rezension) zum Ausdruck kommt - eine "völlig neue" Erarbeitung der Tafeln des alten "Isenburg" bieten. Auf 184 Tafeln werden die Königs- und Kaiserdynastien von den Merowingern bis zu den Habsburgern in MA und Neuzeit sowie die wichtigsten Hochadelsgeschlechter des Alten Reiches tafelmäßig aufgelistet. Als "Literaturverzeichnis" gekennzeichnete Hinweise auf die jeweils benutzte Literatur stehen den Tafeln voran, und ein Register zu den genannten Familien sowie - als Annex - ein nützliches "Gesamt-Register der in den bisher erschienenen Bänden der Neuen Folge der Europäischen Stammtafeln" behandelten Familien beschließen den Band.  --  Natürlich können in einem solchen Werk - speziell für das MA - nicht neue Forschungsergebnisse vorgelegt werden, sondern kann nur kompilatorisch zusammengefaßt sein, was in immens vielen Einzelarbeiten anderer zu den Geschlechterfolgen und verwandtschaftlichen Verknüpfungen in den ma. und neuzeitlichen Führungsschichten bisher ermittelt worden ist. Und es ist auch nicht zu erwarten, daß die für einen so weit gespannten Rahmen schier unüberschaubare Literatur lückenlos erfaßt und immer korrekt berücksichtigt werden konnte. Kleinere Versehen und Unstimmigkeiten sollen also hier auch nicht moniert werden. Bei aller gern gezollten Hochachtung vor dem enormen Arbeitsaufwand, der in dieser Kompilationsleistung (neben manchen eigenen Archivnachforschungen für einige Spät-MA- und Neuzeittafeln) steckt, ist aber eine Beobachtung, die zu grundsätzlichem Bedenken Anlaß gibt, nicht zu verschweigen. Wer die Taf. 8-9 über die Konradiner aufschlägt, wird - sofern er in die Diskussionen der letzten zwei Jahrzehnte über diese Familie eingeweiht ist - sehen, daß hier eine bestimmte Sicht der Zusammenhänge dargeboten ist, nämlich die von Armin Wolf, von dem im Vorwort dankend vermerkt ist, daß er "sichtbar in die Gestaltung einzelner Tafeln ... eingewirkt hat", und daß bei den Literaturangaben zu diesen beiden Tafeln jeder Hinweis auf eine seit 1980 entwickelte Gegenposition (vgl. DA 37, {707} 870 und DA 50, 301) fehlt, dafür aber Wolfs Abhandlungen, in denen er lediglich seine widerlegten Ansichten wiederholt und zu verteidigen versucht, ausführlich angeführt sind. Dies hat Auswirkungen auf Eintragungen auch anderer Tafeln, so bei Tafel 10 (Liudolfinger-Ottonen), 17 (Ältere Welfen), 86 A (Grafen von Dießen und Wolfratshausen) usw. Deshalb muß hier wiederholt werden, was K. Reindel in DA 10, 548 bei der Anzeige der 2. verb. Aufl. des "Isenburg" bemerkte: "Die Isenburg'schen Stammtafeln sind ein Standardwerk, dem als Nachschlageband an Schulen, Universitäten und Instituten so etwas wie eine autoritative Bedeutung zukommt. Was hier steht, soll gesichertes Ergebnis der Forschung ... sein. Neue, in diesem Fall sogar nur angebliche, genealogische Erkenntnisse ... müssen sich daher in der Kritik bewährt haben, ehe sie für würdig befunden werden, an dieser maßgeblichen Stelle gleichsam kanonische Geltung zu erhalten". Angesichts dieses selbstverständlichen Erfordernisses wäre doch wenigstens ein Hinweis auf die Kontroverse erforderlich gewesen. Man merkt die Absicht (oder auch nur die kritiklose Gutgläubigkeit) - und ist verstimmt.

Eduard Hlawitschka {707}


[218], S. 707

Europäische Stammtafeln. Stammtafeln zur Geschichte der europäischen Staaten, begründet von Wilhelm Karl Prinz zu Isenburg, fortgef. von F. Baron Freytag von Loringhoven. Neue Folge, hg. von Detlev Schwennicke, Bd. 16: Bayern und Franken, Berlin 1995, J. A. Stargardt, 228 S., ISBN 3-465-02741-8, DEM 240.  --  Detlev Schwennicke, Europäische Stammtafeln. Neue Folge, Bd. 17: Hessen und das Stammesherzogtum Sachsen, Frankfurt am Main 1998, Klostermann, 220 S., ISBN 3-465-02983-6, DEM 240.  --  In diesen beiden für reichs- wie vor allem für landesgeschichtliche Arbeiten gleichermaßen hilfreichen Bänden werden Stammtafeln nicht allein für Grafen- und Herrenfamilien aus den heute mit Bayern, Franken, Hessen und Sachsen bezeichneten Gebieten gegeben, sondern - da die Reichweite der ma. Stammesherzogtümer zugrunde gelegt ist - Stammtafeln für Adels- und Herrengeschlechter geboten, deren jeweilige Verankerung von Verona über Nieder- und Oberösterreich bis ins fränkisch-thüringische Grenzgebiet um die Burg Henneberg (b. Meiningen) und Schmalkalden bzw. vom Hohenlohischen über den Hunsrück bis nach Utrecht wie auch nach Thüringen reicht. So findet der Mediävist unter den jeweils 163 Tafeln der beiden Bände solche etwa zu den Scaligeri, den Grafen von Eppan und Ulten, den Kuenringern, den Grafen von Lambach und Formbach, den Pilgrimiden, den Babonen, den Grafen von Sulzbach und von Kastl, den Landgrafen von Leuchtenberg, den Grafen von Oettingen und den Grafen von Henneberg etc. bzw. zu den Grafen von Hohenlohe, den Grafen und Fürsten zu Solms wie auch denen zu Ysenburg, den Grafen von Everstein, von Dassel, von Beichlingen, von Wernigerode, von Caverlage usw.  --  Literaturverzeichnisse (für Filiationen in Spät-MA und Neuzeit auch Archivangaben aufweisend) und Register sind den Bänden beigegeben.

Eduard Hlawitschka {707}


[219], S. 707

Andreas Thiele, Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte, Bd. 4: Die Britische Peerage, ein Auszug, Frankfurt am Main 1996, R. G. Fischer Verlag, VII u. 424 S., ISBN 3-89501-450-8, DEM 120.  --  Mit diesem Band legt der Vf. den letzten Teil des in DA 53, 306 f., angezeigten kompilatorischen Werkes vor. Er entspricht in Zielsetzung und Gestaltung den Vorgängerbänden. {708} Die auf 315 genealogischen Tafeln und zahlreichen Ergänzungstafeln (auch zu den früheren Bänden) zusammengepreßten Kurzartikel über englische Adlige vom Hoch-MA bis zur Gegenwart widmen sich besonders den herzoglichen Familien und solchen, die in enger verwandtschaftlicher Beziehung zum Königshaus standen.

Eduard Hlawitschka {708}


[220], S. 708

P. D. A. Harvey - Andrew McGuinness, A Guide to British Medieval Seals, London 1996, The British Library, VI u. 133 S., 109 Abb., ISBN 0-7123-0410-X, GBP 25.  --  Der schmale Band bietet einen nützlichen Überblick über das ma. Siegelwesen in England und Schottland. Die Einleitung informiert über die Anfänge der Siegel auf der Insel und über die Siegeltechnik. In jeweils eigenen Kapiteln abgehandelt werden dann Königssiegel, Adels- und Wappensiegel, Siegel des Weltklerus, Persönliche Siegel ohne Wappen, Siegel von geistlichen und weltlichen Körperschaften und deren Amtsträgern. Als Anhang sind Umschriften solcher persönlichen Siegel alphabetisch zusammengestellt, die mehr als nur den Namen des Siegelführers nennen. Eine Auswahlbibliographie und ein Index beschließen den Band. Die Siegelabbildungen sind von guter Qualität; angegeben werden dankenswerterweise auch die Maße und Aufbewahrungsorte.

Klaus Naß


[221], S. 708

Wolfhard Vahl, Fränkische Rittersiegel und Regensburger Bürgersiegel im 13. und 14. Jahrhundert - ein Vergleich, AfD 44 (1998) S. 377-443, vergleicht die Siegel des fränkischen Niederadels und des Regensburger Bürgertums nach Gestalt, Größe, Bild und Umschrift. Spezifische Besonderheiten der Bürgersiegel sind Berufsnamen als Zunamen in der Umschrift und der Typus des Hausmarken- und Initialensiegels.

Klaus Naß


[222], S. 708

Heinrich Meyer zu Ermgassen, Ein Siegelverruf in Fulda, AfD 43 (1997) S. 317-353, behandelt den Wechsel des großen Fuldaer Konventssiegels zwischen 1406 und 1407, nachdem oppositionelle Mönche den Siegelstempel gewaltsam in ihre Hand gebracht hatten, und druckt die Verrufsurkunde vom 11. Januar 1407 ab.

Klaus Naß


[223], S. 708

Oldrich Pakosta, Erbovní vyzdoba arcibiskupskych a biskupskych pecetí v ceskych zemích za vlády lucemburské dynastie [Heraldische Elemente in den erzbischöflichen und bischöflichen Siegeln während der Zeit der Luxemburgischen Herrscher], Vlastivedny sborník Ustí nad Orlicí 8 (1997) S. 34-46, und Typologické srovnání pecetí arcibiskupů prazskych, biskupů olomouckych, litomyslskych a vratislavskych z let 1344-1421, s důrazem na ikonografii [Typologischer Vergleich der Siegel der Prager Erzbischöfe und Bischöfe von Olmütz, Leitomischl und Breslau aus den Jahren 1344-1421 mit Nachdruck auf Ikonographie], Vychodocesky sborník historicky 6 (1997) S. 139-164 (S. 161-4 4 vyobr.).  --  Zwei Kapitel einer größeren ungedruckten Arbeit behandeln einzelne äußere Merkmale der genannten Siegelgruppen auf nicht ganz vollständiger Literaturbasis.

Ivan Hlavácek {708}


{709}

[224], S. 709

Pavel Sedlácek, Pecet frankenstejnského hejtmanství [mit Zusammenfassung: Siegel der Herrschaft Frankenstein], Paginae historiae. Sborník Státního ústredního archivu v Praze 5 (1997) S. 26-38 mit 2 Beilagen, skizziert den Siegelgebrauch der böhmischen Hauptmannschaft in einem Teil des schlesischen Herzogtums Münsterberg und seine Entwicklung im 14. und 15. Jh.

Ivan Hlavácek {709}


[225], S. 709

Karel Maráz, K problematice padelání pecetí na sklonku stredoveku. Sfragisticky prípevek k falzům Oldricha z Rozmberka [mit Zusammenfassung: Zur Problematik der Fälschung der Siegel am Ende des Mittelalters. Sphragistischer Beitrag zu den Fälschungen Ulrichs II. von Rosenberg], Sborník archivních prací 48 (1998) S. 49-103 mit 16 Abb.  --  Der größte böhmische Magnat des 15. Jh., Urfeind der Hussiten, der eigene intensive internationale Kontakte pflegte, Ulrich II. von Rosenberg (#[86] 1462), ist wohl auch der größte Urkundenfälscher des böhmischen MA gewesen. Diese Tätigkeit sollte seiner Familie den Rechtsschutz für die während der Hussitenzeit gewaltsam okkupierten, vorher vornehmlich geistlichen Besitzungen und verschiedene Vorrechte sichern. Seine Fälschungen sind zum Teil in Scheinoriginalen, zum Teil in beglaubigten Abschriften erhalten. Bei den Scheinoriginalen hat man bisher geglaubt, daß die noch erhaltenen Siegel, vornehmlich solche der Luxemburger, Originalabdrucke der kassierten Stücke seien. In mühsamer Kleinarbeit zeigt M., daß auch diese Siegel meist als Abdrucke gefälschter Typare gelten müssen, obwohl die Unterschiede zu den Originalen erst bei ganz genauem Vergleich festzustellen sind.

Ivan Hlavácek {709}


[226], S. 709

Kings, Currency, and Alliances: History and Coinage of Southern England in the Ninth Century. Ed. by Mark A. S. Blackburn and David N. Dumville (Studies in Anglo-Saxon History 9) Woodbridge u. a. 1998, Boydell Press, X u. 259 S., 11 Taf., ISBN 0-85115-598-7, GBP 55 bzw. USD 99.  --  Dieser Sammelband vereint neun Einzelstudien zur Frage, inwieweit Münzfunde Rückschlüsse auf die wechselseitigen Beziehungen der angelsächsischen Fürstentümer zulassen: Simon Keynes, King Alfred and the Mercians (S. 1-45), untersucht die Beziehungen zwischen Ælfreds Königreich Wessex und verschiedenen Herrschern von Mercia (Burgred, Ceolwulf und Æthelred), die sich auch an Gemeinsamkeiten der Münzprägung festmachen lassen: Z. B. ist in mehreren Fällen nachweisbar, daß Fachpersonal aus Wessex nach Mercia geschickt wurde, um dort technische Unterstützung zu geben. Einige Münzen lassen - nach dem Tod Ceolwulfs - sogar eine weitgehende Suprematie von Wessex über Mercia annehmen, was durch die Betitelung Æthelreds als Ealdorman im Anglo-Saxon Chronicle weiter bestätigt wird.  --  Thomas Charles-Edwards, Alliances, Godfathers, Treaties and Boundaries (S. 47-62), erläutert kurz die Bedeutung der Friedensverträge zwischen Ælfred von Wessex und dem Dänenkönig Guthrum auch für die kontinentaleuropäische Politik: Die Wikingerangriffe der Jahre 878/79 auf Westfranken und die Belagerung von Paris 879 waren erst möglich, nachdem Ælfred als Taufpate Guthrums mit den Dänen Frieden geschlossen und damit den Wikingern den Rücken freigemacht hatte.  --  James Booth, Monetary Alliance or Technical Co-Operation? The Coinage of Berhtwulf of Mercia (840-852) (S. 63-103), kommt zwar einer Antwort auf die Titelfrage nicht näher, {710} erläutert aber, u. a. mit ausführlichen Tabellen und Grafiken, die exakte Zusammensetzung der hierfür relevanten Münzschatzfunde und die enge Symbolverwandtschaft zwischen den Münzprägungen von Wessex und Mercia in beispielhaft gründlicher Weise.  --  Mark Blackburn, The London Mint in the Reign of Alfred (S. 105-123), untersucht für die Regierungszeit Ælfreds charakteristische Veränderungen der in London geprägten Münztypen und kommt zu folgendem Schluß: "To sum up, the coinage was one of the first arms of government to attract the attention of Alfred. Within the first ten years of his reign he had undertaken two major recoinages and monetary reforms and had started expanding the network of mints... Unfortunately, it is from the critical period of these reforms that the surviving material is thinnest, and yet the coinage has most to offer the political historian" (S. 122).  --  Mark Blackburn und Simon Keynes, A Corpus of the Cross-and-Lozenge and related Coinages of Alfred, Ceolwulf II and Archbishop Æthelred (S. 125-150), geben eine genaue Typisierung aller erhaltenen Münzen aus der sog. "middle phase of Alfred's coinage" (S. 125), die sie für die genauere Erforschung der Münz- und Finanzgeschichte Englands im 9. Jh. für wichtig erachten.  --  Lord Stewartby, Moneyers in the Written Records (S. 151-153), gibt Namen und, soweit gesichert, Lebensdaten der bekannten Münzmeister an.  --  Paul Bibire, Moneyers' Names on Ninth-Century Southumbrian Coins: Philological Approaches to some Historical Questions (S. 155-166), untersucht die Namen der uns bekannten Münzmeister auf Merkmale, die eine eindeutige Zuordnung zu bestimmten angelsächsischen Dialekten oder skandinavischen Sprachen ermöglichen. Er kommt zu dem Ergebnis, daß manche Namen offenbar allen Hauptdialekten des Angelsächsischen gemein waren und daß andere häufig dem Kentischen oder Westsächsischen entstammen, was wohl der Tatsache Rechnung trägt, daß diese beiden Dialekte sehr weit verbreitet waren und auch als Schrift- und Verwaltungssprachen Verwendung fanden.  --  D. Michael Metcalf, The Monetary Economy of Ninth-Century England South of the Humber: A Topographical Analysis (S. 167-197), entwirft anhand vieler Karten und Tabellen ein Gesamtbild der Geldwirtschaft Südenglands, das vor allem auf der Topographie der Münzfunde basiert. Er bearbeitet dabei nicht nur englische Prägungen, sondern auch die im Untersuchungsgebiet gefundenen Münzen anderer Provenienz, unter denen sich neben karolingischen Gold- und Silbermünzen auch dänische und islamische Prägungen finden.  --  Michael Bonser, Single Finds of Ninth-Century Coins from Southern England: A Listing (S. 199-240), gibt alle Einzelfunde südenglischer Münzen des 9. Jh. in einer detaillierten und mit Karten ergänzten Liste an.  --  Eine vierzehnseitige Bibliographie und ein sehr knappes Register runden den Band ab.

Elmar W. Eggerer {710}


[227], S. 710

Helmut Rizzolli, Die wenig beachtete Bedeutung der Tiroler Mittelalter-Numismatik für die anderen historischen Wissenschaften, Der Schlern 72 (1998) S. 665-671, verweist anhand einiger konkreter Beispiele auf die notwendige Zusammenarbeit der Fach- und Kunsthistoriker mit den Münzspezialisten und Heraldikern, um etwa Datierungen von Fresken abzusichern.

Josef Riedmann {710}


{711}

[228], S. 711

La Corona Ferrea nell'Europa degli Imperi, Vol. 1: La Corona, il Regno e l'Impero: un millennio di storia, a cura di Graziella Buccellati, direzione scientifica Annamaria Ambrosioni; Vol. 2: Alla scoperta del prezioso oggetto, T. 1: Arte e Culto; T. 2: Scienza e Tecnica; [T. 3]: Tavole, Milano 1995 bzw. 1998, Giorgio Mondadori, XXXVI u. 427 S., zahlreiche Abb., Karten bzw. XXXII u. 204 S., überwiegend Abb. bzw. 385 S., zahlreiche Abb. bzw. 15 Falttaf., keine ISBN.  --  Das ungemein aufwendige und gewichtige Werk (die vier Bände kommen auf annährend 12 Kilo) wurde aus Anlaß der 1400jährigen Gründungsfeier des Domes von Monza von der Società di Studi Monzesi angeregt und durch eine Firma für technische Gase (SOL, Monza) finanziert. Deren Munifizenz machte für "Kunden und Freunde" aus dem Werk repräsentative Geschenkbände zu ma. Kunst und neuzeitlichen Darstellungen der Geschichte von Monza.  --  Reinhard Elze, Monza und die Eiserne Krone im Mittelalter (I, S. 45-59), weist nach, daß die heute als Reliquie verehrte Eiserne Krone erst seit etwa 1450 mit der Vorschrift in Zusammenhang gebracht wurde, daß jeder italienische König mit ihr in Monza gekrönt werden müsse. So kann man den Rest des Werkes einerseits als reich bebilderte Darstellung einer Legende ansehen, andererseits wird man darin auch fündig werden, wenn man eine besonders prächtige Abbildung der Cathedra Petri sucht, Figuren vom Karlsschrein oder eine farbige bebilderte Zusammenstellung von 23 wichtigen Kronen vom Schatz des Priamus bis Rudolf II., die Krönung Kaiser Sigismunds auf den Bronzetüren von St. Peter oder Napoleonische Medaillen. Ausgewiesene Fachleute konnten für die konzisen, aber gut fundierten Beiträge gewonnen werden, die nicht-italienischen Artikel werden zusätzlich auch in italienischer Übersetzung geboten, und eine Ausgabe des Werkes in englischer Übersetzung ist in Vorbereitung. Eine Übersicht über mediävistische Beiträge bietet Annamaria Ambrosioni, La corona ferrea e le incoronazioni: certezze e ipotesi (I, XIX-XXXVI), die nicht versäumt, auch auf Widersprüche zwischen den Beiträgen hinzuweisen. Bd. 2 ist ganz der Eisernen Krone als reales Kunstwerk und Kultobjekt gewidmet, in dem seit dem 16. Jh. ein Nagel vom wahren Kreuz verehrt wird. Davon ausgehend finden sich im Band - wiederum aufwendig illustriert - Abhandlungen über Reliquiare im allgemeinen und besonders solche mit Kreuzesnägeln, Dornen aus der Krone und Stücken der Geißelsäule - die Tafeln präsentieren eine eindrucksvolle Auswahl künstlerischer Spitzenleistungen. Man wird bedauern, daß außerhalb Italiens Steuergesetze und wirtschaftliche Strukturen keine vergleichbaren Ergebnisse zeitigen; doch gibt die gegenwärtige Entwicklung Anlaß zu dem Hinweis, daß ein Werk wie dieses ein hinreichender Grund wäre, den Energieversorger zu wechseln.

Gabriel Silagi


[229], S. 711

Victor H. Elbern, Neue Forschungen zur Reichskrone - Signum ottonischer Herrschaftsauffassung?, AfD 43 (1997) S. 15-21, nimmt als Kunsthistoriker Stellung zur Frühdatierung der Reichskrone (965/67) und weist nachdrücklich auf die methodischen Unsicherheiten hin.

Klaus Naß


[230], S. 711

Gerrit Jasper Schenk, Der Einzug des Herrschers. 'Idealschema' und Fal■studie zum Aventuszeremoniell für römisch-deutsche Herrscher in spätmittelalterlichen italienischen Städten zwischen Zeremoniell, Diplomatie und Politik (Edition Wissenschaft. Reihe Geschichte 13) Marburg 1996 (Mikroficheausgabe), {712} Tectum-Verlag, 193 S., ISBN 3-89608-563-3, DEM 68.  --  Die Studie ist eine in wenigen Punkten überarbeitete Magisterarbeit, die 1995 in Heidelberg entstand. Das in hellenistischer Zeit wurzelnde, um alt- und neutestamentarische Zutaten bereicherte und im MA weit verbreitete Adventuszeremoniell ist eine jener hochsymbolischen Inszenierungen, in denen Herrschaftsverhältnisse und Hierarchien gleichsam wie in einem Brennglas einer 'Öffentlichkeit' präsentiert werden. Unter diesem Gesichtspunkt untersucht der Vf. die vier Adventus, die Siena Karl IV. anläßlich seiner beiden Romzüge 1355 und 1368 bei Hin- und Rückreise bot. Er mißt sie an einem zuvor auf über 60 S. entwickelten 'Idealschema' aus sechs Phasen und beobachtet, wie sich das Verhältnis Karls zu Siena nicht nur zeichenhaft widerspiegelt, sondern wie gerade die Abweichungen vom Ideal zur Beurteilung der politischen Verhältnisse zwischen Einziehenden und Empfangenden herangezogen werden können. Die exzellente Studie ordnet sich damit sowohl in die Aufmerksamkeit ein, die das Spät-MA schon seit längerem verstärkt auf sich zieht, als auch in jene Ansätze, die politische Herrschaft als ein 'Theater der Macht' deuten. Schade nur, daß die Arbeit durch ihre Publikation als Mikrofiche von einem Teil der am Thema interessierten Wissenschaftler sicherlich 'übersehen' werden wird.

Olaf B. Rader {712}


[231], S. 712

Burchard Brentjes, Castel del Monte - ein Zahlensymbol im Dienste staufischer Repräsentation?, AfD 44 (1998) S. 7-12, sieht in der apulischen Burg Friedrichs II. "einen Bau der dreifachen Acht", der des Kaisers "Identität mit der von Christus gewollten Herrschaft des Hauses David" demonstrieren sollte.

Klaus Naß


[232], S. 712

Magister Theodoricus. Dvorní malír císare Karla IV. Umelecká vyzdoba posvátnych prostor hradu Karlstejna [Magister Theodoricus. Hofmaler Kaiser Karls IV. Die künstlerische Ausstattung der heiligen Räume der Burg Karlstein], hg. von JiFajt, Praha 1997, Národní galerie, 621 S., 293 Abb., ISBN 80-7035-142-X.  --  Eine der wichtigsten Burgen des Spät-MA in ganz Mitteleuropa ist in den letzten Jahrzehnten zum Objekt komplexer historischer, baugeschichtlicher sowie vornehmlich kunstgeschichtlicher Forschungen geworden, da diese durch Karl IV. in der Nähe von Prag gegründete Burg, nach ihrem Gründer benannt, mit ihrem Prunk und staatssymbolischer Funktion in Karls IV. Staatskonzeption sowohl im böhmischen Königreich als auch im Reich eine Schlüsselfunktion besaß. Den Anlaß zu diesem prächtig ausgestatteten Werk gab die großzügige Ausstellung anläßlich der Restaurierung der 129 Tafelbilder der Kreuzkapelle im Großen Burgturm. So widmet sich Frantisek Kavka der Urfunktion der Burg und Libor Gottfried bearbeitet das diesbezügliche chronikalische bzw. urkundliche Material des 14. Jh. zur Burg und zu Theodoricus. Aber auch andere, ausgesprochen kunsthistorische Partien sind für den Historiker lesenswert, besonders die baugeschichtlichen (Tomás Durdík) und die, die der Ausstattung des kaiserlichen Palastes und der beiden Türme (die Sakralfunktion hatten) gelten (Jaromír Homolka und JiFajt mit Jan Royt). Auch der ausführliche Katalog aller erhaltenen Tafeln spricht den Historiker an. Die beigegebene quellenkundliche Dokumentation ist ergänzungs- und korrekturbedürftig.  --  Nachträglich ist auch die in ein paar Einzelheiten korrigierte englische Fassung der Werkes erschienen: Magister Theodoricus. Court painter to emperor Charles IV. The {713} pictorial decoration of the shrines at Karlstejn castle, ed. JiFajt, Prague 1998, 549 S., ISBN 80-7035-160-8.

Ivan Hlavácek {713}


[233], S. 713

Gordon Kipling, Enter the King. Theatre, Liturgy and Ritual in the Medieval Civic Triumph, Oxford u. a. 1998, Clarendon Press, XVI u. 393 S., 50 Abb., ISBN 0-19-811761-2, GBP 45.  --  Fachübergreifende Untersuchungen haben ihren eigenen Reiz. Dies trifft auch auf dieses Werk des Literaturwissenschaftlers Gordon Kipling zu, das sich mit einem bisher nur bruchstückhaft untersuchten Thema der spätma. Geschichte auseinandersetzt: dem zeremoniellen Einzug eines regierenden Fürsten in eine Stadt. Viele der bisherigen - meist von ausgewiesenen Historikern erarbeiteten - Studien tendieren dazu, solche feierlichen Ereignisse rein deskriptiv zu behandeln und dabei einen engen Zusammenhang zwischen den jährlich wiederkehrenden, von Gilden und Zünften getragenen Prozessionen an kirchlichen und weltlichen Festtagen und den königlichen Einzügen herzustellen. Die Übereinstimmung vieler Elemente beider Zeremonien legt dies nahe: Im Ablauf der "Civic Triumphs" tauchen oft theologisch motivierte Pantomimen auf, die zum normalen Prozessionsrepertoire der städtischen Korporationen gehörten. K. negiert diese Ansätze nicht. Aber er tritt mit einem streng literaturwissenschaftlichen Ansatz an sein Thema heran, der zumindest ungewöhnlich ist. De facto behandelt er nämlich nur diejenigen "royal entries", die es ihm ermöglichen, eine genaue Parallele zur Adventstheologie des MA und zur entsprechenden kirchlichen Liturgie zu ziehen. Das Inhaltsverzeichnis trägt dem Rechnung  --  die Hauptkapitel tragen folgende Überschriften: "The Christmas King - The Civic Triumph as Royal Epiphany - Third Advent: Grace in his Life and Afterward Glory - Fourth Advent: The Civic Triumph as Royal Apocalypse - The Queen's Advent". Innerhalb dieses relativ engen Bereichs geht K. der inneren Motivation allegorischer Elemente der behandelten Prozessionen mit Akribie und Originalität nach. Allerdings ist auch hier der Literaturwissenschaftler in ihm spürbar, der die genauen Abläufe der studierten "royal entries" meistens als bekannt voraussetzt und sich mit großem Enthusiasmus in die Symbolanalyse kleiner Einzelheiten stürzt, um dabei sehr tief in die zeitgenössische Theologie und Philosophie einzudringen (z. B. S. 95). Viele der hierbei gezogenen Parallelen sind schlüssig, wirken aber ein wenig aufgesetzt. Man fragt sich, ob die Menschen, die die "royal entries" planten und durchführten, sich wirklich aller Symbolismen ihrer Zeremonien bewußt waren. Insgesamt ein interessantes Werk, das die vorhandene Literatur zu diesem Themenkomplex um wichtige Aspekte erweitert, aber keineswegs die Vollständigkeit der Betrachtung bietet, die der Titel suggeriert.

Elmar W. Eggerer {713}


[234], S. 713

Rom und Byzanz im Norden. Mission und Glaubenswechsel im Ostseeraum während des 8.-14. Jahrhunderts. Internationale Fachkonferenz der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Verbindung mit der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Kiel, 18.-25. September 1994, hg. von Michael Müller-Wille, Bd. 2 (Abh. Akad. Mainz, Jg. 1997 Nr. 3,2) Stuttgart 1998, Franz Steiner, 411 S., ISBN 3-515-07498-8, DEM 89.  --  Im zweiten Band des Tagungsberichts (zum ersten vgl. oben S. 289 f.) kommen nun v. a. die Archäologen der {714} baltischen und slawischen Länder zu Wort, deren Forschungen hier z. T. erstmals auch einem westlichen Publikum bekannt gemacht werden.  --  Toomas Tamla, Bronzeschalen. Zeugnis der Christianisierung Estlands im 13. Jahrhundert? (S. 9-36), interpretiert seine Objekte, darunter eine mit der Darstellung eines Königs Otto (Otto I. ?), als Taufschalen, die bei Massentaufen durch dänische Missionare angewendet worden sind.  --  Heiki Valk, Christianization and Changes in Faith in the Burial Traditions of Estonia in the 11th-17th Centuries AD (S. 37-55), konstatiert aufgrund fortgesetzter Bestattungen außerhalb kirchlicher Friedhöfe und mit Hilfe von drei Deperdita Innozenz' III. eine gewisse Toleranz gegenüber heidnischen Begräbnisformen.  --  Enn Tarvel, Mission und Glaubenswechsel in Estland und Livland im 11.-13. Jahrhundert aufgrund sprachlicher Quellen (S. 57-67), sieht den religiösen Wortschatz des Estnischen eher westlich-katholisch als östlich-orthodox beeinflußt.  --  Andris Caune, Christentum und heidnischer Volksglaube in Lettland während des 13.-14. Jahrhunderts im Spiegel archäologischer Quellen (S. 69-80), zählt verschiedenste Grabbeigaben auf, darunter auch Münzen, die den hl. Petrus zur Öffnung der Himmelstür bewegen sollten.  --  Ēvalds Mugurēvics, Die Verbreitung des Christentums in Lettland vom 11. Jahrhundert bis zum Anfang des 13. Jahrhunderts (S. 81-96), verzeichnet auf 11 Karten Funde von Kreuzanhängern, obwohl er sie nicht unbedingt als Zeugnisse christlichen Glaubens betrachten will.  --  Guntis Zemītis, Christliche und heidnische Symbole aus Burgen des 9.-12. Jahrhunderts in Zentrallettland (Daugmale, Talsi, Mezotne) (S. 97-113), nennt Funde von Anhängern in Form von Kreuzen, Pferden, Vögeln und Äxten.  --  Alvydas Nikzentaitis, Die litauische Gesellschaft der vorchristlichen Zeit (13.-14. Jahrhundert) zwischen Rom und Byzanz (S. 115-130), stellt bei diesem erst 1387 zum Christentum übergetretenen, politisch zwischen östlichen und westlichen Nachbarn lavierenden Volk westlichen Kultureinfluß vor allem auf den Adel fest.  --  Saule Urbanaviciene, Survivals of Paganism in 14th-17th-Century Graves in Lithuania (S. 131-142), beschreibt vielmehr Kleidungsstücke aus Grabfunden, unter denen sich früher als im übrigen Europa auch Unterhemden befinden.  --  Vladas Zulkus, Heidentum und Christentum in Litauen im 10.-16. Jahrhundert (S. 143-161), findet bis zum Ende des Betrachtungszeitraums "nur kleine christliche Inseln im Ozean des Heidentums" (S. 155).  --  Lech Leciejewicz, Die sozialen und politischen Voraussetzungen des Glaubenswechsels in Pommern (S. 163-176), betont den Zusammenhang der Christianisierung mit der staatlichen Konsolidierung des Landes.  --  Leszek Pawel Slupecki, Einflüsse des Christentums auf die heidnische Religion der Ostseeslawen im 8.-12. Jahrhundert: Tempel - Götterbilder - Kult (S. 177-189), setzt diese Einflüsse als gering bis nicht vorhanden an.  --  Jerzy Strzelczyk, Probleme der Christianisierung in Polen (S. 191-214), lehnt eine "methodianische Vorgeschichte" des polnischen Christentums im 9. Jh. ab und nennt als Motiv für die Taufe Mieszkos I. 966 vor allem die politische Annäherung an die westlichen Nachbarn Deutschland und Böhmen.  --  Von grundsätzlicher Bedeutung für das Verständnis ma. Ethnogenese ist der Beitrag von Michal Parczewski, Die Teilung des Ost- und Westslawentums als Ergebnis staatlicher und ideologischer Trennung im 10. und 11. Jahrhundert (S. 215-226).  --  Helena Zoll-Adamikowa, Zum Beginn der Körperbestattungen bei den Westslawen (S. 227-238), führt diesen teils auf die Einführung des Christentums als Staatsreligion (Polen), teils auf die Nachahmung christlicher Gebräuche (Pomoranen, {715} Wilzen) zurück.  --  Petr P. Tolocko, Rom und Byzanz in der Kiever Rus' im 10.-11. Jahrhundert (S. 239-246), konstatiert einen häufigen Gesandtenaustausch mit dem Westen in ottonischer Zeit mit dem vagen Hinweis auf "deutsche Chroniken" und "Schriftquellen".  --  Vladimir Ya. Petrukhin und Tamara A. Pushkina, Old Russia: the Earliest Stages of Christianization (S. 247-258), Nikolaj Makarov, Far Northern Parts of Ancient Russia on their Way to Christianity (S. 259-273), Alexandr Musin, Two Churches or two Traditions: Common Traits and Peculiarities in Northern and Russian Christianity before and after 1054 AD through the Archeological Evidence. A View from the East (S. 275-295): Diese drei Beiträge beschränken sich darauf, Kreuzanhänger und ähnliche christlich anmutende Grabfunde zu verzeichnen.  --  Oleg Ioannisyan, Between Byzantium and the Romanesque West: The Architecture of Old Rus' in the 10th-13th Centuries (S. 297-323), sieht bei grundsätzlich byzantinischem Stil auch einzelne romanisch-westliche Elemente, ohne deren Herkunft erklären zu können.  --  Mats Roslund, Brosamen vom Tisch der Reichen. Byzantinische Funde aus Lund und Sigtuna (ca. 980-1250) (S. 325-388), bringt den Fundschwerpunkt der verschiedenen Objekte (v. a. Elfenbeinkämme und Amphoren) im 12. Jh. mit einem Aufschwung der byzantinischen Exportproduktion, ihr Verschwinden im 13. Jh. mit der Verlagerung der Handelszentren nach Westen und Norden in Verbindung.  --  Michael Müller-Wille, Zusammenfassung und Ausblick (S. 389-402), hat die Arbeit des Rezensenten teilweise vorweggenommen und weist abschließend auf andere aktuelle Tagungen und Forschungsprojekte zum Thema sowie deren Publikationen hin.  --  Ein Ortsregister erschließt beide Tagungsbände, die aufgrund zahlreicher Abbildungen vor allem Liebhabern von Kreuzanhängern Freude bereiten werden.

Roman Deutinger {715}


[235], S. 715

Wolfgang Frontzek - Torsten Memmert - Martin Möhle, Das Goslarer Kaiserhaus. Eine baugeschichtliche Untersuchung (Goslarer Fundus 2) Hildesheim u. a. 1996, Olms, VIII u. 219 S., 100 Abb., 4 Pläne im Schuber, ISBN 3-487-10032-0, DEM 78.  --  Der Band vereinigt vier Beiträge zur baugeschichtlichen Bestandsaufnahme und Untersuchung des Goslarer Pfalzpalas, die 1992-1993 durchgeführt wurden. Torsten Memmert, Die Geschichte der Pfalz Goslar nach der schriftlichen Überlieferung (S. 7-80), bietet eine Zusammenstellung und Interpretation der Quellennachrichten. Die Zitate, meist aus überholten Editionen oder aus zweiter Hand, sind mehrmals fehlerhaft und falsch abgegrenzt. Wolfhere wird mit Thangmar verwechselt (S. 17); hinter dem "Pfalzenverzeichnis" (S. 43) verbirgt sich das berühmte Tafelgüterverzeichnis, das nicht um 1065, sondern vermutlich in frühstaufischer Zeit entstanden ist. Der Vf. vermutet mit Hinweis auf unpublizierte Grabungsergebnisse eine kontinuierliche Bebauung des Liebfrauenbergs seit Heinrich I. und will die Architektur auf fol. 3r und 3v des Bremer Perikopenbuchs von 1039-1043 mit dem Palas der Goslarer Pfalz identifizieren.  --  Martin Möhle, Die mittelalterliche Königspfalz. Bauphasen und Datierung nach kunstgeschichtlichen Kriterien (S. 81-130), ermittelt starke Bauaktivitäten vielleicht schon unter Konrad III., besonders aber unter Friedrich I. und versucht, die architektonischen Gemeinsamkeiten des Palas mit der Burg Dankwarderode in Braunschweig mit dem Verhältnis zwischen Barbarossa und Heinrich dem Löwen zu erklären.  --  Mit der neueren Baugeschichte befassen sich {716} Martin Möhle, Verfall und Wiederaufbau. Die Geschichte des Goslarer Kaiserhauses im 19. Jahrhundert (S. 131-181), und Wolfgang Frontzek - Martin Möhle, Das Kaiserhaus im 20. Jahrhundert (S. 182-209).

Klaus Naß


[236], S. 716

Libor Jan, Dejiny kapituly, in: Libor Jan - Rudolf Procházka - Bohumil Samek, Sedem set let brnenské kapituly, Brno 1996, Peltan, ISBN 80-902253-1-4, S. 41-106.  --  Der Sammelband publiziert Ergebnisse archäologischer und baugeschichtlicher Untersuchungen aus den Jahren 1991 bis 1995. Die Stiftskirche St. Peter und Paul auf dem Petersberg in Brünn entstand danach erst Ende des 12. Jh. und hat nichts zu tun mit dem Herrensitz premyslidischer Teilfürsten auf dem Gelände des heutigen Altbrünn. J. gibt einen gut belegten, aus ungedruckten Quellen geschöpften Überblick über die Geschichte des Stifts, das im späteren MA politisch und kulturell in den Ländern der Wenzelskrone eine wichtige Rolle spielte (Verhältnis zum Kloster Tisnov, die Pröpste Hermann von Thüringen unter Kaiser Karl IV. und Protasius von Boskovice, später Bischof von Olmütz, unter König Georg von Podiebrad) und darüber hinaus häufig Verbindungen zur römischen Kurie pflegte (z. B. Propst Petrus Angelerius von Pontecorvo 1296-1305; dazu Liste der Pröpste S. 127).

Karl Borchardt {716}


3. Politische und Kirchengeschichte des Mittelalters

1. Allgemeine Geschichte des Mittelalters S. 716. 2. Frühes Mittelalter (bis 911) S. 717. 3. Hohes Mittelalter (911-1250) S. 732. 4. Spätes Mittelalter S. 744. 5. Mönchtum, religiöse und häretische Bewegungen S. 751.

[237], S. 716

Peter Brown, Die Entstehung des christlichen Europa. Aus dem Englischen übersetzt von Peter Hahlbrock (Europa bauen) München 1996, Beck, 404 S., 4 Karten, ISBN 3-406-40519-3, DEM 48.  --  Mit diesem Buch will der Vf. "die Geschichte der Rolle des Christentums während der letzten Jahrhunderte des römischen Reiches, seiner Anpassung in Westeuropa an das postimperiale Zeitalter und der Ausbildung einer eigentümlichen westlichen Christenheit durch die allmähliche Verbindung der ehemaligen Herzländer des weströmischen Reichs mit den nichtrömischen Gebieten des nordwestlichen Europa, Deutschlands und Skandinaviens" (S. 9) beleuchten. Das geschieht in 17 chronologisch geordneten, inhaltlich aber nur locker zusammenhängenden Skizzen über christliche und heidnische Befindlichkeiten, deren geographischen Rahmen B. im Osten von Edessa bis nach China, im Westen und Norden von Irland bis nach Grönland und Amerika ausdehnt, so daß der Eindruck entsteht, das christliche Europa sei eigentlich von Vorgängen an seinen Rändern geprägt worden. Im wesentlichen sieht der Vf. die Christianisierung Europas als einen Prozeß intensiver Aneignung und Umformung heidnischer Elemente über Jahrhunderte hinweg, der schließlich zu der christlichen Gewißheit geführt habe, die nicht mehr heidnische, aber zutiefst profane Welt beherrschen zu können: Männer wie Bonifatius, {717} Theodulf von Orléans und Agobard von Lyon seien als "Repräsentanten einer neuen Managerelite" berufen gewesen, "das erste Imperium des Westens seit dem Untergang des römischen zu regieren" (S. 369). Die deutsche Übersetzung behauptet, auf eine englische Originalausgabe mit dem Titel Divergent Christendoms: The Emergence of a Christian Europe, 200-1000 A. D., Oxford 1995, zurückzugehen, eine rätselhafte Angabe, denn die englische Publikation der Reihe trägt den Titel The Rise of Western Christendom. Triumph and Diversity AD 200-1000 und ist 1996 in Oxford (Blackwell) erschienen (XVII u. 353 S., ISBN 1-55786-1366, GBP 30). Der Text beider Ausgaben ist identisch, während die Bibliographie der deutschen Fassung etwas sparsamer ausfiel, und das umfangreiche Namens- und Sachregister des Originals zu einem bloßen Personenverzeichnis verkümmerte.

Detlev Jasper


[238], S. 717

Máximo Diago Hernando, El Imperio en la Europa Medieval (Cuadernos de Historia 2) Madrid 1996, Arco Libros, 76 S., ISBN 84-7635-190-9, ESP 650, bietet einen essayartigen Überblick über die Entwicklung von Kaisertum und Kaiseridee von Karl d. Gr. bis Maximilian I., dem sechs kurze Auszüge aus nicht gerade unbekannten Quellen des 9.-13. Jh. beigegeben sind, wobei entgegen dem sonst konsequent geübten Verzicht auf jegliche Nachweise die für die Übersetzung ins Spanische benützten Editionen angegeben sind. Über die Herkunft der beiden Karten über den Umfang des Imperiums im Jahre 1000 (S. 69) bzw. im 14. Jh. (S. 70) erfährt man nichts, die beigegebene kommentierte Bibliographie mit 13 Titeln mag als Erstinformation für spanische Leser durchaus von Nutzen sein.

Peter Segl {717}


[239], S. 717

Strategies of distinction: the construction of the ethnic communities, 300-800, edited by Walter Pohl with Helmut Reimitz (The transformation of the Roman world 2) Leiden u. a. 1998, Brill, VII u. 347 S., 15 Abb., 18 Taf., ISBN 90-04-10846-7, NLG 195 bzw. USD 115.  --  Die 15 Beiträge dieses Sammelbandes umkreisen das Problem des ethnischen Bewußtseins und Selbstverständnisses, des Gentilismus und der Alterität im Übergang von der Spätantike zum frühen MA. Einleitend bestimmt Walter Pohl (S. 1-15) Ethnizität als Integrations- und Abgrenzungsfaktor.  --  Walter Pohl, Telling the difference: Signs of ethnic identity (S. 17-69), entwertet Sprache, Waffen, Kleidung und Haartracht, die in der antiken und modernen Ethnographie oft als Unterscheidungsmerkmale herangezogen werden, und betont ihre Vieldeutigkeit und Unbestimmtheit; allenfalls könnten sie im regionalen und lokalen Rahmen zur (sozialen) Abgrenzung dienen.  --  Falko Daim, Archaeology, ethnicity and the structures of identification: The example of the Avars, Carantanians and Moravians in the eighth century (S. 71-93), betrachtet das ethnische Bewußtsein als eine sozialpsychologische Erscheinung, über welche die archäologischen Befunde allenfalls durch Dekodierung des Symbolgehalts der Fundobjekte Auskunft geben können.  --  Peter Heather, Disappearing and reappearing tribes (S. 95-111), unterstreicht die Dauerhaftigkeit des ethnischen Bewußtseins selbst bei Völkern, die für Jahrzehnte oder Jahrhunderte aus dem Blickfeld der Quellen verschwinden, sich freiwillig anderen Völkern unterstellt haben (Rugier) oder ihnen unterworfen {718} waren (Goten im Hunnenreich), auch wenn sich in dieser Phase ihre politische und soziale Ordnung wandelte.  --  Jörg Jarnut, Nomen et gens: Political and linguistic aspects of personal names between the third and the eighth century (S. 113-116), stellt ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zur Erfassung und Analyse des Personennamenmaterials der germanischen gentes zwischen dem 3. und dem 8. Jh. vor, das die Frage der ethnischen, regionalen, verwandtschaftlichen und sozialen Herkunft der Namensträger verläßlich beantworten soll.  --  Dietrich Claude, Remarks about relations between Visigoths and Hispano-Romans in the seventh century (S. 117-130), skizziert den Prozeß der gotischen Integration in einer hispano-romanischen Umwelt, der größtenteils schon im Verlauf des 6. Jh. zum Abschluß gekommen ist.  --  Wolf Liebeschuetz, Citizen status and law in the Roman Empire and the Visigothic kingdom (S. 131-152), betont mit Hinweis auf die Parallele des römischen Bürgerrechts und des Peregrinenrechtes vor 212, daß der Rechtsdualismus im westgotischen Reich wohl weniger ausgeprägt war als gemeinhin angenommen und daß die Assimilation trotz des zeitweiligen connubium-Verbots stark und im 7. Jh. praktisch abgeschlossen war.  --  Gisela Ripoll López, The arrival of the Visigoths in Hispania: Population problems and the process of acculturation (S. 153-187), untersucht Anzahl und Verbreitung der verschiedenen Bevölkerungselemente der iberischen Halbinsel in spätantik-frühma. Zeit, geht auch auf demographische Schätzungen ein und kommt bei der Untersuchung des archäologischen Befundes des Reihengräberfeldes von El Carpio de Tajo westlich von Toledo zum Ergebnis, daß trotz des connubium-Verbots von einer gemischten, westgotisch-romanischen Bevölkerung auszugehen ist.  --  Hagith Sivan, The appropriation of Roman law in barbarian hands: "Roman-barbarian" marriage in Visigothic Gaul and Spain (S. 189-203), betont den zeitbedingten Kontext und temporären Charakter der connubium-Verbote Valentinians I. von 373 und Alarichs II. von 506 und erweist die Aufhebung des Mischehenverbots durch Leovigild 580 als Mißverständnis des Breviarium Alarici und als antikatholische Maßnahme gleichsam zur zivilrechtlichen Aufhebung des konfessionellen connubium-Verbots und zur Verstärkung der politischen Einheit des westgotischen Reiches und der bestehenden sozialen Schichtung.  --  Brigitte Pohl-Resl, Legal practice and ethnic identity in Lombard Italy (S. 205-219), untersucht die ethnischen Beziehungen und Rechtsbekenntnisse in den Gesetzen und Urkunden des Langobardenreiches und stellt den wechselseitigen Austausch von langobardischen und römischen Rechtsvorstellungen fest.  --  Michel Kazanski, Le royaume de Vinitharius: Le récit de Jordanès et les données archéologiques (S. 221-240), verknüpft die archäologischen Zeugnisse der Cernjachov-Kultur nördlich des Schwarzen Meeres mit den Ostgoten unter hunnischer Herrschaft (ca. 375-456/57) und betrachtet das Gebiet links des unteren Dnjeprs wegen der Präsenz von "Fürstengräbern" als ihren politischen Kernraum.  --  Dick Harrison, Political rhetoric and political ideology in Lombard Italy (S. 241-254), verfolgt anhand der Prologe der langobardischen Rechte, der Urkunden, der Münzen, Insignien, Herrschaftszeichen und der weiter benutzten Herrschaftsstätten den frühzeitig einsetzenden römischen und den seit dem 8. Jh. stärker werdenden christlichen Einfluß auf das politische Selbstverständnis des langobardischen Königtums.  --  Matthias Hardt, Royal treasures and representation in the early middle ages (S. 255-280), untersucht Inhalt, Funktion und politisch-soziale Bedeutung der frühma. Königsschätze anhand der Schriftquellen {719} und ergänzt diese um Zeugnisse der Archäologie.  --  Michael Schmauder, Imperial representation or barbaric imitation? The imperial brooches (Kaiserfibeln) (S. 281-296), analysiert vier spätantike, im Karpatengürtel gefundene Kaiserfibeln, darunter eine eindeutig außerhalb des Imperiums hergestellte Nachbildung (Pietroasa), und interpretiert sie als ornamenta palatii bzw. imitatio imperii.  --  Abschließend betont Ian Wood, Strategies of distinction (S. 297-303), nochmals den Bedeutungswandel der ethnischen Bezeichnungen, die Mehrdeutigkeit des archäologischen Fundstoffs und den Einfluß der mythischen und religiösen Elemente auf das ethnische Bewußtsein.  --  Ein für alle Beiträge geltendes Quellen- und Literaturverzeichnis und ein nützliches Register beschließen den Band.

Reinhold Kaiser {719}


[240], S. 719

Christopher A. Snyder, An age of tyrants. Britain and the Britons, A. D. 400-600, Stroud 1998, Sutton Publishing, XIX u. 403 S., Abb., Karten, ISBN 0-7509-1929-9 (pbk.) bzw. 0-7509-1928-0 (cased), GBP 14,99.  --  Die vorliegende Monographie basiert auf einer Diss. der Emory University von 1994. Sie stellt sich die ehrgeizige und begrüßenswerte Aufgabe, die zwei Jahrhunderte nach Ende der römischen Herrschaft in Britannien (410) und vor dem Beginn der Mission der Angelsachsen aus Rom (597) in ihrer Eigenwertigkeit vorzustellen, als Jahrhunderte der Briten ('this murky era', S. 127 u. ö.). Der Hauptteil behandelt die politische Begrifflichkeit der verfügbaren lateinischen Quellen (S. 29-127) sowie die archäologischen Befunde vor allem hinsichtlich der Frage der Kontinuität römischer Einrichtungen (S. 131-221). Die erste Thematik ist dadurch gekennzeichnet, daß die Autoren der nachrömischen Zeit (besonders Patrick und Gildas) Latein als Fremdsprache benutzten. Dieser wichtige Aspekt wird nicht berücksichtigt, die Lateinkenntnisse des Vf. lassen zu wünschen übrig (was, etwa, sind die unkommentierten multi genti, S. 61, scripti, S. 63, reges iniquus, S. 86?). Das gilt erst recht für das Altwalisische und Altirische, die gelegentlich auch benutzt werden (Armes Prydein Fawr, nicht Vawr, vgl. Register). Erkennbar stärker hingegen ist der archäologische Teil mit zahlreichen Abbildungen von z. T. sehr schlechter Qualität (etwa Fig. 20, 26). Das Leitthema ist hier Kontinuität in stärkerem Ausmaß als bisher in der historischen Literatur erkennbar. Die gründliche Zusammenschau der vorhandenen Literatur ist beachtlich. Überhaupt ist die wissenschaftliche Ausstattung breit (Anmerkungen 89 Seiten, Bibliographie 34 Seiten), auch wenn man in vielen Einzelheiten nicht zustimmen möchte. Das Besondere des Buches ist ein Zustandsbericht statt einer Beschreibung historischer Entwicklungen, die nur sehr unvollkommen geleistet werden könnte und bereits mehrfach versucht wurde. Hier liegt indessen auch seine Schwäche. Es wird nicht deutlich, daß genau in diesen Zeitraum die Ausbreitung der Sachsen fällt, die die britische Sprache in weiten Teilen der Insel dauerhaft verdrängten (Diskontinuität!). Die Sachsen leisteten hier etwas, was den Römern nicht gelungen war, und dies wird nur ganz am Rande erwähnt, ist aber von zentraler Bedeutung. Überhaupt sind wesentliche sprachgeschichtliche Aspekte dem Vf. unklar: "It is unlikely that the Celtic-speaking peoples in Britain before the Roman conquest would have identified themselves as Britons" (S. 252). Die Absurdität dieser Formulierung wird jedem klar, der Kenneth Jacksons Language and history in early Britain (1953), das der Vf. öfter zitiert, ganz gelesen hat. Der Vf. berichtet ferner von "the dialects of Old Irish spoken in Western Scotland" {720} (S. 251), obwohl Altirisch bekanntlich keine Dialekte aufweist (nach der weiterhin einschlägigen Grammatik des Altirischen von Rudolf Thurneysen von 1909, die in englischer Übersetzung weit verbreitet ist, aber vom Vf. gar nicht erwähnt wird). Am spürbarsten vermißt man die Benutzung des wichtigen Literaturberichts von D. A. Binchy, Patrick and his biographers, ancient and modern (1962). So bleibt es trotz des verdienstvollen Ansatzes doch bei einer teilweise sehr unbefriedigenden Ausführung.

Michael Richter {720}


[241], S. 720

Christian Y. M. Kerboul, Les royaumes brittoniques au Très Haut Moyen Age (Bretagne insulaire et armoricaine) Sautron - Spézet 1997, Éditions du Pontig - Coop Breizh, 256 S., 3 Karten, ISBN 2-9510310-3-3 bzw. 2-84346-030-1, FRF 135.  --  Das Buch beschäftigt sich mit der politischen und kulturellen Entwicklung der Bretagne und Englands vom Ende des 5. bis etwa zur Mitte des 8. Jh. Nach einer Einleitung, in der der Artussage größere historische Realität eingeräumt wird als allgemein üblich, folgen Abschnitte über die Kleinkönige in England und der Bretagne im 6. und über deren Beziehungen zu den Merowingern im 7. Jh. mit Ausblicken auf die Sagenwelt und einige literarische Erzeugnisse der Bretagne unter einem typisch französischen Titel: "Les bases identitaires d'une nation millénaire" (S. 207-241). Die hier vorgetragene Darstellung wird durch knappe Anmerkungen gestützt; gegenüber dem Buch von Léon Fleuriot, Les origines de la Bretagne (Paris 1982), das Vf. als sein großes Vorbild hinstellt, lassen sich keine neuen Erkenntnisse ausmachen.

Detlev Jasper


[242], S. 720

Die Franken und die Alemannen bis zur "Schlacht bei Zülpich" (496/97), hg. von Dieter Geuenich (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 19) Berlin u. a. 1998, de Gruyter, XIV u. 690 S., Abb., Karten, ISBN 3-11-015826-4, DEM 348.  --  Der Sammelband behandelt, wie das Kolloquium auf Burg Langendorf bei Zülpich (25.-29.9.1996), aus dem er hervorgegangen ist, im Dialog von Historikern, Archäologen und Sprachwissenschaftlern die Vorgeschichte der Schlacht bei Zülpich, womit das Ereignis selbst, das sich wie sein Datum (496/97) oder der Ort Zülpich als Schlachtort nicht zweifelsfrei sichern läßt, bewußt in den Hintergrund gerückt wird.  --  Eugen Ewig, Troiamythos und fränkische Frühgeschichte (S. 1-30), behandelt mögliche Quellen, Anregungen und Verknüpfungen des Sagenstoffes um die Herkunft der Franken.  --  Horst Wolfgang Böhme, Franken und Romanen im Spiegel spätrömischer Grabfunde im nördlichen Gallien (S. 31-58), betont aus archäologischer Sicht, daß keinerlei Indizien für eine unkontrollierte Einwanderung oder gar Invasion durch die Franken sprechen.  --  Patrick Périn, La progression des Francs en Gaule du Nord au Ve siècle. Histoire et archéologie (S. 59-81), versucht, den fränkischen Vorstoß ins Seinebecken in einem Vergleich von archäologischen und literarischen Quellen nachzuzeichnen, wobei vor allem der Vita S. Genovevae, die sich einer neuen Wertschätzung erfreut, wertvolle Hinweise zu entnehmen sind.  --  Ulrich Nonn, Zur Verwaltungsorganisation in der nördlichen Galloromania (S. 82-94), fragt, ausgehend von Bedeutung und Bedeutungswandel spätrömischer Ämterbezeichnungen, nach der hinter dieser Begrifflichkeit stehenden zivilen und militärischen Organisation.  --  Karl Ferdinand Werner, Die {721} "Franken". Staat oder Volk? (S. 95-101), betont gegenüber der gelegentlich in der französischen Forschung geäußerten Behauptung, die Franken hätten keinen "Staatssinn", deren Vertrautheit mit der römischen Verwaltungspraxis.  --  Das Tagungsthema aus onomastischer Sicht beleuchten: Wolfgang Haubrichs, Fränkische Lehnwörter, Ortsnamen und Personennamen im Nordosten der Gallia. Die "Germania submersa" als Quelle der Sprach- und Siedlungsgeschichte (S. 102-129), Wolfgang Kleiber, Mosella Romana. Hydronymie, Toponymie und Reliktwortdistribution (S. 130-155), und Elmar Neuss, Sprachraumbildung am Niederrhein und die Franken. Anmerkungen zu Verfahren der Sprachgeschichtsschreibung (S. 156-192).  --  Michael Dodt, Frühfränkische Funde aus Zülpich (S. 193-199), macht deutlich, "daß die Übertragung der Militärbesatzung Zülpichs an fränkische Foederaten ... auch archäologisch nachweisbar ist" (S. 198).  --  Matthias Springer, Riparii - Ribuarier - Rheinfranken nebst einigen Bemerkungen zum Geographen von Ravenna (S. 200-269), bestreitet die Zweiteilung der Franken in Salier und Nichtsalier und spricht dem Völkernamen Rheinfranken für die Völkerwanderungs- und frühe Merowingerzeit jede Berechtigung ab.  --  Fragen zur Frühgeschichte der Alemannen behandeln aus archäologischer Sicht Heiko Steuer, Theorien zur Herkunft und Entstehung der Alemannen. Archäologische Forschungsansätze (S. 270-324), und Michael Hoeper, Die Höhensiedlungen der Alemannen und ihre Deutungsmöglichkeiten zwischen Fürstensitz, Heerlager, Rückzugsraum und Kultplatz (S. 325-348), während Helmut Castritius, Semnonen - Juthungen - Alemannen. Neues (und Altes) zur Herkunft und Ethnogenese der Alemannen (S. 349-366), sich demselben Problem von den inschriftlichen und literarischen Quellen her nähert.  --  Hans-Ulrich Nuber, Zur Entstehung des Stammes der Alamanni aus römischer Sicht (S. 367-383), unterstreicht die dauernde Präsenz germanischer Bevölkerung im Limesbereich bereits ab der Mitte des 3. Jh. und betont, daß aufgrund der heutigen Erkenntnisse Fundmünzen in römischen Villen auch von germanischer Bevölkerung stammen können.  --  Thomas Zotz, Die Alemannen um die Mitte des 4. Jh. nach dem Zeugnis des Ammianus Marcellinus (S. 384-406), erweist die alemannischen optimates als den handlungsfähigen Kern des vielgliedrigen Völkerverbandes.  --  Max Martin, Alemannen im römischen Heer - eine verpaßte Integration und ihre Folgen (S. 407-422), fragt nach den Konsequenzen der Ausschaltung alemannischer Offiziere aus dem römischen Heer nach 364.  --  Dieter Geuenich, Chlodwigs Alemannenschlacht(en) und Taufe (S. 423-437), stellt den von Gregor von Tours geschaffenen Zusammenhang zwischen Alemannenschlacht und der Taufe Chlodwigs und die oft betonte "Endgültigkeit" jenes Sieges zur Diskussion und sieht eine "weltgeschichtliche Bedeutung" weniger in der Taufe des Merowingerkönigs als in der grundsätzlichen Entscheidung für das katholische Christentum, welche lange vor dem Taufakt durch die Taufe der Chlodwigsöhne Ingomer und Chlodomer gefallen sei.  --  Patrick Geary, Die Bedeutung von Religion und Bekehrung im Frühmittelalter (S. 438-450), erblickt Parallelen zwischen den Bekehrungsvorgängen im christlichen und im islamischen Bereich im "Verschwimmen zwischen Bekehrung und Unterwerfung" (S. 445). Ein "ausgefeiltes ideologisches Schema" (S. 448) der Bekehrungspropaganda und -rhetorik habe im christlichen Bereich dafür gesorgt, einen inneren Wandel anzunehmen, wo in Wahrheit Gewalt, Unterwerfung oder der Wunsch nach Statusverbesserung zur Konversion geführt habe.  --  Alain Dierkens, Christianisme {722} et "paganisme" dans la Gaule septentrionale aux Ve et VIe siècles (S. 451-474), warnt vor voreiligen Rückschlüssen aus spätantiken und frühma. Fundgegenständen auf das religiöse Bekenntnis des einstigen Besitzers und beurteilt skeptisch die Möglichkeiten, Aussagen über das Weiterleben von Gebräuchen zu machen, die nicht nur uns, sondern auch den Zeitgenossen als heidnisch erscheinen mußten.  --  Heinrich Beck, Probleme der völkerwanderungszeitlichen Religionsgeschichte (S. 475-488), diskutiert Abstammungsmythen, Synkretismus und Polytheismus bei den germanischen Völkern.  --  Karl Hauck, Der Kollierfund vom fünischen Gudme und das Mythenwissen skandinavischer Führungsschichten in der Mitte des ersten Jahrtausends, mit zwei runologischen Beiträgen von Wilhelm Heizmann (S. 489-544), gewinnt aus den Pektorale-Brakteaten von Gudme Rückschlüsse auf die Rituale und mythischen Festnormen auf Fünen.  --  Ruth Schmidt-Wiegand, Rechtsvorstellungen bei den Franken und Alemannen vor 500 (S. 545-557), untersucht die in den volkssprachlichen Glossen aufscheinenden und teilweise bis ins spätere MA weitergetragenen nicht kodifizierten Rechtsbräuche und weist nach, daß sich die scheinbar ins Leere gehenden Binnenverweise (vom Typ sicut lex habet) in den Leges auf das nur mündlich überlieferte Gewohnheitsrecht beziehen.  --  Frank Siegmund, Alemannen und Franken. Archäologische Überlegungen zu ethnischen Strukturen in der zweiten Hälfte des 5. Jh. (S. 558-580), entwickelt anhand der Analysen von Grabbeigaben ein archäologisches Ethnoskonzept, auf dessen Grundlage sich das alemannische Siedlungsgebiet um 500 abstecken läßt.  --  Hagen Keller, Strukturveränderungen in der westgermanischen Welt am Vorabend der fränkischen Großreichsbildung. Fragen, Suchbilder, Hypothesen (S. 581-607), fragt auf der Basis neuerer archäologischer und historischer Forschungen nach den gesellschaftspolitischen Umbrüchen im 5. und 6. Jh. und möchte die Separierung reicher Gräber auf eigenen Bestattungsplätzen einem - allerdings nicht "rechtsständisch" definierten - Adel zuordnen.  --  Herwig Wolfram, Typen der Ethnogenese. Ein Versuch (S. 608-627), beschreibt Kristallisationsfaktoren und vier Typen der Ethnogenese: Für den ersten steht das Beispiel der Franken, für den zweiten das der Goten, Vandalen und Langobarden, für den dritten das der donaugotischen Terwingen, und den vierten Typ sieht der Vf. bei den Slawen, Balten und (mit Einschränkungen) bei den Skandinaviern.  --  Helmuth Roth, Bemerkungen und Notizen zur "Ethnogenese" von "Franken" und "Alemannen" (S. 628-635), fragt nach den theoretischen Grundlagen häufig verwendeter Fachtermini und moniert die mangelnde Einbeziehung der (Kultur-)Soziologie in der archäologisch-historischen Forschung, während Walter Pohl, Alemannen und Franken (S. 636-651), in seinen Schlußbetrachtungen aus historischer Sicht Kontroverses, Konsensfähiges und Offenes absteckt und Heinrich Tiefenbach, Sprachliche Aspekte des Problems Franken - Alemannen um 500 (S. 652-655), in seinem Fazit der Tagung die Frage des angemessenen Sprachraummodells als grundlegendes, noch der Lösung harrendes Problem herausschält.  --  Ingo Runde, Die Franken und Alemannen vor 500. Ein chronologischer Überblick (S. 656-682), bietet eine wertvolle Orientierungshilfe in Form eines mit reichen Quellenhinweisen versehenen ereignisgeschichtlichen Abrisses. Die Ausstattung vor allem der archäologischen Beiträge mit reichem Karten- und Illustrationsmaterial (Abb. 15, S. 573 ist seitenverkehrt gedruckt!) versteht sich von selbst, das Fehlen eines Registers schon weniger.

Hannes Steiner


{723}

[243], S. 723

Francis Dallais, Clovis ou le Combat de la gloire, La Roche Rigault 1996, PSR éditions, 382 S., Abb., ISBN 2-908571-10-2, FRF 220.  --  Nach einem Überblick über die Entwicklung Galliens seit dem späten 4. Jh. und einem Kapitel über Childerich (mit Darstellung der 1983-86 ausgegrabenen Nekropole mit 21 Pferdebestattungen) folgt eine im wesentlichen chronologische Schilderung von Chlodwigs Leben, wobei die Frage der Taufe und ihrer Auswirkungen im Mittelpunkt steht; nützlich sind die anschließenden Ausführungen über Aufkommen und Entwicklung der Tradition der "sainte ampoule" bis zu ihrer Aufnahme in den Salbungs-Ordo um 1230 und über die Auseinandersetzungen der Erzbischöfe von Reims und Sens und der Mönche von Saint-Denis um die Vorrechte bei der Salbung und Krönung. Seit dem Kapetinger Philipp I. (1060-1108) ist die Gabe der Könige, Skrofeln durch Handauflegung zu heilen, bezeugt; D. verfolgt "le prestige thaumaturgique", das seit dem 14. Jh. zunehmend verkirchlicht wurde. Karl V. stellte in einer Urkunde 1380 erstmals die Verbindung Taufe Chlodwigs - sainte ampoule - Königssalbung - Heilungsgabe heraus, die Papst Paul III. 1547 in seiner Gründungsbulle für die Universität Reims sanktionierte. Seit dem 12. Jh. beanspruchten die Kapetinger das Liliensymbol für ihre Herrschaft; D. untersucht ausführlich die Herkunft in der Heraldik und im kirchlichen Bereich (Mariensymbol) und verfolgt das Aufkommen der Legende, die seit dem 13. Jh. die drei Lilien mit Chlodwig in Verbindung bringt. Bereits seit dem späten 14. Jh. mehren sich die Zeugnisse für eine - von der Kirche nie offiziell anerkannte - Verehrung Chlodwigs als Heiliger, denen sich D. dann zuwendet. Im Schlußkapitel "Le royaume et le roi très chrétien" verfolgt D. noch einmal den langen Weg vom historischen Ereignis der Taufe Chlodwigs über die Sakralisierung des Herrschers seit dem 11. Jh. bis zur Monopolisierung des rex christianissimus-Titels unter Karl V. (1364-1380).  --  In seinem Geleitwort hat J.-P. Brancourt D.s Buch charakterisiert als "une histoire de Clovis fondée sur des études et un appareil scientifique sérieux, et, en même temps, accessible à un public non spécialisé" (S. 10). Letzteres wird man dem mit zahlreichen Abb., Vignetten und Spitzmarken lesefreundlich gestalteten Werk zubilligen; ersteres gilt nur mit Einschränkungen: Deutsche Titel sind so gut wie gar nicht benutzt, und wenn, werden die Namen verunstaltet (z. B. durchgehend Br. "Krush"; W. Sauerländer als "Sauerlaüder"); Quellen werden fast nur aus zweiter Hand zitiert, dabei unterschiedlich korrekt und meist in Übersetzung - wenn im Original, dann recht chaotisch (vgl. z. B. S. 135 Anm. 18 das zweizeilige Hinkmar-Zitat mit 5 Fehlern!); dazu zahlreiche Fehler und Ungenauigkeiten im Text (Aëtius und Valentinian III. #[86] nicht 453, sondern 454 und 455; Gregor v. Tours war kein "annaliste"; Zülpich liegt nicht "sur le Rhin" usw.). Leider fehlt ein Register.

Ulrich Nonn {723}


[244], S. 723

Ivan Gorry, Les premiers rois de France. La dynastie des Mérovingiens (Documents d'Histoire) Paris 1998, Tallandier, 428 S., Abb., ISBN 2-235-02171-9, FRF 135.  --  Das Buch ist der späte Ausläufer jener Springflut, die den französischen Buchmarkt mit Publikationen zum Chlodwig-Jahr 1996 und insbesondere zur 1500-Jahr-Feier der Taufe in Reims überschwemmt hat. Nach einem kurzen Rückblick auf die Frühgeschichte der Franken wird hier nach Gregor von Tours, Fredegar, dem Liber historiae Francorum und einigen Heiligenleben in der Manier von Augustin Thierry's Récits des temps mérovingiens (1840) in paraphrasierender {724} und moralisierender Wiedergabe der Quellen die Ereignisgeschichte nacherzählt, wobei der Vf. selbst vor dramatisierenden Einlagen in direkter Rede nicht zurückschreckt. Das Bemühen um Vergegenwärtigung und Anschaulichkeit läßt ihn die Grenze des Fiktionalen häufig überschreiten. Klio dichtet hier entschieden zu viel! Chlodwig und seine Franken als Begründer der territorialen und ethnischen Einheit der französischen Nation und als Werkmeister der Versöhnung von Staat und Kirche zu erweisen (S. 83) ist das Ziel dieser apologetischen Geschichtsschreibung. Sehr erstaunlich ist der Rückgriff auf die Literatur des Ancien Régime und des 19. Jh. Neuere Forschungsansätze sowie der Beitrag der Archäologie zur "question franque" werden gar nicht zur Kenntnis genommen.

Reinhold Kaiser {724}


[245], S. 724

Christof Geisel, Die Juden im Frankenreich. Von den Merowingern bis zum Tode Ludwigs des Frommen (Freiburger Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte 10) Frankfurt am Main u. a. 1998, Peter Lang, XXVIII u. 766 S., ISBN 3-631-32967-9, DEM 148.  --  Dies ist, um es vorweg zu sagen, eine ungemein ärgerliche Arbeit. Nicht allein die schwülstige, unklare, wortspielerische, hochmütig und unnötigerweise gegen alles und jedes polemisierende Ausdrucksweise verleidet die Lektüre, ärgerlich ist auch jene grundsätzliche Blöße, die immer noch nicht wenigen deutschen Arbeiten zur Geschichte der Juden anhaftet. Es geht nicht an, über "Die Juden im Frankenreich" zu schreiben, ohne sich minimale Kenntnisse über Juden und Judentum anzueignen. Die 65 Titel umfassende Liste der benutzten Sekundärliteratur enthält genau 8 Werke, die sich mit den Juden selbst befassen, größerenteils gänzlich veraltete und/oder populäre Darstellungen. Der Rest behandelt, wie üblich, die Stellung des Christentums und der christlichen Gesellschaft zu den Juden. Diese ist eben nicht mit einer Geschichte der Juden identisch. Wie kann man es wagen, in einer 50 Seiten langen "Einführung: Determinanten jüdischen Lebens im frühmittelalterlichen Westeuropa" mit keinem Wort auf die Ausbildung der Diaspora und die Wanderungsbewegungen, die talmudische Revolution, die jüdische Stellung zum Christentum einzugehen? Kann die Nichtexistenz hebräischer Quellen aus der Frankenzeit tatsächlich als "relativer Tiefstand autochthonen jüdisch(-fränkisch)en Geisteslebens" (S. XV) wegerklärt werden? Alternativ wird sie auch mit dem Gegenteil dazu gedeutet, nämlich mit einer "auffallenden und weitreichenden Integration der Juden in die Lebenswelten des merowingischen Galliens" (S. 357), als ob aus lauter Zufriedenheit mit ihrem Los Juden keinen Grund für eine eigenständige schriftliche Tätigkeit gehabt hätten. Wäre es nicht angebracht gewesen, mindestens die (sehr spärlichen) Zeugnisse der jüdischen Siedlungsgeschichte systematisch zusammenzustellen und damit die Untersuchung auf den konkreten Rahmen des Mittelmeerraums zu begrenzen? Dann hätte sich ergeben, daß es, mit Ausnahme dieses Raumes, bis in die ausgehende Karolingerzeit im sonstigen Frankenreich eben so gut wie keine Juden gab. Damit entfällt der Anspruch, über ein als real existierend postuliertes, aber nicht belegbares Judentum zu schreiben. So läßt sich mit den Ausführungen des Vf. nicht viel Staat machen. Genügt etwa für den Nachweis einer "beginnenden Herausbildung beruflicher Charakteristika" der Juden zu Beginn des 6. Jh. (S. 328-340) ein allgemeines Spekulieren über "Barbarisierungstendenzen", gestützt auf ein noch allgemeineres Rekapitulieren der Anschauung Pirennes vom schrumpfenden Warenaustausch? Ist Pirenne das letzte {725} Wort, gibt es nicht etwa die "Untersuchungen zu Handel und Verkehr der vor- und frühgeschichtlichen Zeit in Mittel- und Nordeuropa" oder die Arbeiten von A. Citarella, M. Rouche und J. P. Devroey, die einer solchen simplifizierenden Sicht schon längst den Boden entzogen haben? Noch schlimmer wird es bei der Behandlung der jüdischen Wirtschaftstätigkeit in der Karolingerzeit. Die Behauptung einer "enormen wirtschaftlichen Bedeutung" und einer "dominierenden Stellung im Fernhandel" (S. 404) wird zum Ausgangspunkt für eine sich selbst bestätigende Quellenexegese. Es beginnt mit einem Verbot der Beschäftigung christlicher Knechte an Sonntagen, woraus die quellenkundliche Bestätigung der Ausmerzung einer nirgends direkt belegbaren jüdischen Latifundienwirtschaft gewonnen wird (S. 413 f.). Werden Sklaven oder Knechte nur auf Latifundien beschäftigt? Eine Quelle, die Juden die Geldmünzung in Privathäusern verbietet (S. 434), soll die These von "deren Überrepräsentanz im Münzwesen" stützen (S. 437). Das steigert sich dann auf der nächsten Seite zu "jüdischen Münzmeistern und Hofkaufleuten", zu einer "überdurchschnittlichen monetären Kompetenz und Finanzkraft" (S. 441), zur "Handelstätigkeit, zu der die jüdische Bevölkerungsgruppe des Frankenreichs prädestiniert war" (S. 442), zum, wie kann es anders sein, "Geldleiher" (ebd.). All das auf der Grundlage von drei Quellenstücken. Ein enormer Arbeitsaufwand hat kein nennenswertes Ergebnis, keine längst notwendige Erweiterung unseres Wissens um die frühma. Juden im Frankenreich ergeben. Vielmehr legt das Buch jene neuralgischen Schwachstellen offen, um die keine künftige Behandlung der Geschichte der Juden herumkommen wird.

Michael Toch {725}


[246], S. 725

Jean Verseuil, Les rois fainéants de Dagobert à Pépin le Bref, 629-751, Paris 1996, Critérion, 255 S., Abb., ISBN 2-7413-0136-0, FRF 98.  --  Ein Arzt und Medizinhistoriker, begeistert für das französische MA, legt eine Darstellung der späten Merowingerzeit vor mit dem Ziel einer Ehrenrettung der sog. rois fainéants; ohne wissenschaftlichen Apparat, mit einem nicht fehlerfreien Literaturverzeichnis (die konsequente Zitierung der MGH als "Monumenta Germaniae Historiae" schmerzt schon arg): der Rezensent beginnt skeptisch die Lektüre. Diese Skepsis weicht aber zunehmend einer Anerkennung dieser Leistung: hier wird quellennah und aus guter Kenntnis auch neuerer Forschung (auch deutscher!) nicht nur eine solide chronologische Darstellung der Geschichte des merowingischen Königtums seit dem frühen 7. Jh. geboten, sondern es finden sich auch immer wieder eingestreut systematische Darlegungen zu den verschiedensten Sachbereichen: so z. B. S. 27 ff. eine genaue Analyse und Bewertung des Pariser Edikts von 614 (gute Frage S. 26: warum nicht bei Fredegar erwähnt?); S. 43 ff. bei der Schilderung des Lebens des jungen Dagobert im Kreis gleichaltriger Adliger am Hof (seiner späteren Ratgeber) allgemeine Aussagen zu Kindheit und Jugend in merowingischer Zeit; S. 73 ff. ein guter Überblick über die Entwicklung von Paris seit dem 5. Jh. unter Einbeziehung neuerer archäologischer Ergebnisse - mit hilfreichen modernen Ortsangaben für den heutigen Paris-Besucher); im Kapitel "Le royaume des saints" (S. 125-141) ein quellennahes Bild der führenden kirchlichen Persönlichkeiten Desiderius, Eligius, Audoin u. a. und ihrer Klostergründungen; im Kapitel "Origines d'une légende" (S. 143-151) - ausgehend von Tod und Bestattung Dagoberts - das Aufkommen und die weitere Entwicklung der Dionysius-Legende bis zu Suger von Saint-Denis u. a. m. An {726} verschiedenen Stellen eingestreut werden nützliche Bemerkungen zur merowingischen Zivilisation. Den Schwerpunkt des Buches bildet - auch vom Umfang her (mehr als die Hälfte) - "le bon roi Dagobert", dessen Herrschaft genau untersucht wird, wobei V. besonderen Wert auf die gute 'Personalpolitik' des Königs legt. Im Schlußkapitel "Fainéants, incapables ou perdants?" (S. 227-238) faßt V. noch einmal seine Argumente für eine Ehrenrettung der späten Merowingerzeit zusammen. Besonders die kirchliche Blütezeit mit den zahllosen Klostergründungen macht für ihn das Jh. zu einem "siècle des saints" (S. 231). In der Gesamtbeurteilung wird man V. weitgehend zustimmen: die zahlreichen Kinder auf dem Thron, die für ein Großreich noch allzu zerbrechlichen Strukturen der Verwaltung, die merowingische Auffassung vom regnum nicht als "une entité administrative, mais un bien privé": das sind wirkliche Gründe für ihren Untergang; "l'impotence des derniers Mérovingiens n'avait rien à voir avec une quelconque sottise ni avec une fainéantise de fin de race" (S. 227 f.). Die uns im Deutschen vertrautere Bezeichnung "Schattenkönige" ist wohl doch passender.  --  Trotz zahlreicher kleiner Fehler (z. B. S. 20 "wehrgeld" (sic!) falsch definiert; S. 46 Ripuarier nicht nur rechtsrheinisch; S. 47 unkorrekte Etymologie der germ. Hausämter; S. 198 Childebrand nicht Sohn der Chalpaida; S. 200 Titel major palatini nicht bei Fredegar; S. 215 Titel vice-regulus nicht im Codex Carolinus; S. 221 nicht 745, sondern 747 Rückzug Karlmanns) ist das in farbenprächtigem Stil geschriebene Buch lesenswert: der Nichtfachmann wird reich belehrt, der Kenner wird angeregt, manchen Sachverhalt neu zu durchdenken.

Ulrich Nonn {726}


[247], S. 726

Josef Semmler, Per Iussorium Gloriosi Principis Childerici Regis, MIÖG 107 (1999) S. 12-49, besteht aus drei separaten Miszellen: I. Eine Reliquientranslation im spätmerowingischen Trier (S. 12-18), bemüht sich um Identifizierung von drei in der Vita s. Maximini c. 2 (AASS Maii 7, 23) genannten, nicht-trierischen Bischöfen, die wohl zwischen 675 und 692 eine Translation des Heiligen veranlaßten; II. Die Königin Balthildis und ihre Nachfolger (S. 18-41), behandelt die wechselvolle innere Geschichte des Merowingerreiches zwischen 657 und 675, mit besonderer Berücksichtigung kirchlicher Entwicklungen; III. Herzog Theodo und die Anfänge der bayerischen Herzogskirche (S. 41-49), äußert sich zum Auftreten Ruperts von Salzburg sowie Erhards und Emmerams von Regensburg und den damit verbundenen Datierungsproblemen.

Rudolf Schieffer


[248], S. 726

Gunther G. Wolf, Das sogenannte "Blutgericht" von Cannstatt 746, AfD 44 (1998) S. 1-5, relativiert die Zahl der Hingerichteten bei Karlmanns Strafgericht über die Alemannen, das zur Beseitigung ihres Herzogtums führte.

Klaus Naß


[249], S. 726

Janet L. Nelson, Bad Kingship in the Earlier Middle Ages, The Haskins Society Journal. Studies in Medieval History 8 (1996) S. 1-26, befaßt sich mit dem Merowinger Childerich III. als Beispiel für einen unnützen, weil machtlosen König, mit dem Schicksal karolingischer Kinderkönige (Pippin II. von Aquitanien, Karl das Kind, Karl von der Provence) und mit der Kritik an einzelnen Karolingern im 9. Jh., denen man persönliche Fehler und öffentliches Versagen vorwarf.

Klaus Naß


{727}

[250], S. 727

Alexander Pierre Bronisch, Asturien und das Frankenreich zur Zeit Karls des Großen, HJb 119 (1999) S. 1-40, stellt das Verhalten der Könige Mauregato (783-788) und Alfons II. (791-842) einleuchtend als Bemühen um Selbstbehauptung gegenüber Cordoba und Aachen, kirchlich gegenüber dem Metropoliten von Toledo und der fränkischen Reichskirche dar. Vor diesem Hintergrund werden sowohl der Verlauf des adoptianistischen Streits wie auch das älteste Zeugnis des spanischen Jakobuskults gedeutet und die Nachricht von der Erstürmung Lissabons durch Alfons II. 798 als "bewußte Desinformation der Franken durch den asturischen König" (S. 31) verstanden. Die Studie hat den Vorzug, viel spanische Spezialliteratur zu vermitteln, aber den Nachteil, alle Editionsfortschritte der MGH seit über hundert Jahren zu ignorieren, indem sie das fränkische Echo konsequent nach MGH SS 1 und 2 nachweist.

Rudolf Schieffer


[251], S. 727

Eduard Hlawitschka, Ratold, Bischof von Verona und Begründer von Radolfzell, Hegau 54/55 (1997/98) S. 5-44, 23 Abb., gibt ein detailliertes Lebensbild des vornehmen Alemannen und treuen Gefolgsmanns Karls des Großen und Ludwigs des Frommen, mit einigen neuen Akzenten (Bischofsweihe am 26.9.801, Tod wohl bereits am 13.9.844/45).

Rudolf Schieffer


[252], S. 727

Johannes Fried, Bardowick, Sachsen und Karl der Große, Lüneburger Blätter 30 (1998) S. 61-84, leitet aus dem Chron. Moissiacense ad a. 785 (MGH SS 1 S. 297) einen bislang kaum beachteten ersten Aufenthalt Karls an dem Ort, "einem der wichtigsten Zentren sächsischer Opposition" (S. 79), ab, dem weitere 795 und 798 folgten, bevor Bardowick 805 im Kapitular von Diedenhofen als Fernhandelsplatz an der nördlichen Reichsgrenze erscheint. Kirchlich stand der Ort anfangs im Bannkreis Willehads von Bremen, dessen Schüler die (schlecht bezeugten) lokalen Martyrer Marian und Egistius gewesen zu sein scheinen.

Rudolf Schieffer


[253], S. 727

Régine Le Jan (ed.), La royauté et les élites dans l'Europe Carolingienne (début IXe aux environs de 920) (Centre d'Histoire de l'Europe du Nord-Ouest 17) Villeneuve-d'Ascq 1998, Université Charles-de-Gaulle, 530 S., ISBN 2-905637-22-6, FRF 195.  --  Abgesehen von der Einführung aus der Feder der Hg. und der Zusammenfassung von Pierre Toubert sind 24 Beiträge in diesem Band vereinigt: Bruno Judic, La tradition de Grégoire le Grand dans l'idéologie politique carolingienne (S. 17-57), macht zwei "Gregor-Konjunkturen" aus: eine am Ende des 8. Jh. und vornehmlich von Paulus Diaconus, Hadrian I. und Alkuin getragene, und eine zweite, wesentlich von Hinkmar geprägte nach 860.  --  Rosamond McKitterick, L'idéologie politique dans l'historiographie carolingienne (S. 60-70), geht von dem in Cod. Wien, ÖNB 473 (aus St. Amand) tradierten Ensemble historischer Texte aus, das in dieser Form keineswegs zufällig zustande gekommen sei, sondern den Franken des 9. Jh. ein Bild des ruhmreichen 8., "l'Âge d'Or de la domination carolingienne" (S. 70), vermitteln sollte.  --  Außerordentlich anregend und thesenfreudig ist Johannes Fried, Elite und Ideologie oder Die Nachfolgeordnung Karls des Großen vom Jahre 813 (S. 71-109), der die gegen Ende der Regierungszeit Karls d. Gr. verstärkten Appelle um Einheit und Frieden als politisch instrumentalisierte Moral im Dienste einer vom Kaiser 813 getroffenen Nachfolgeordnung interpretiert, die insbesondere die Stellung Bernhards {728} von Italien aufwertet und die Ordinatio imperii von 817 geradezu zu einer Gegenreaktion Ludwigs degradiert. Dazu muß freilich an der Verläßlichkeit der erzählenden Quellen mächtig gerüttelt werden: "Wir fassen in den einschlägigen Werken nicht im entferntesten ein sich um Faktizität, gar Objektivität bemühendes Erinnern, vielmehr die Manifestation einer gewünschten und bis in die Fakten hinein den Bedürfnissen des Herrschers angepaßten Traditionsbildung" (S. 103): teilweise ins Grundsätzliche zielende Thesen, die ohne Zweifel erhebliche Diskussionslust erzeugen werden.  --  Ernst Tremp, Zwischen stabilitas und mutatio regni. Herrschafts- und Staatsauffassungen im Umkreis Ludwigs des Frommen (S. 111-127), arbeitet, von seiner Editionserfahrung ausgehend, die 'Staatsauffassung' der beiden Ludwigsbiographen, Thegans und des sog. Astronomus, heraus, wobei ersterer den Denkweisen der fränkischen Adelselite verhaftet war, während letzterer "die dem Volk ... ziemlich entrückte geistlichgeistige Elite" (S. 127) verkörperte.  --  Stuart Airlie, Semper fideles? Loyauté envers les Carolingiens comme constituant de l'identité aristocratique (S. 129-143), schildert Verhaltensformen des Adels zwischen Treubindung und Widerstand zum Königtum. Für beide galt: "La haute noblesse et le roi carolingien sont des frères siamois" (S. 135).  --  Stefano Gasparri, Les relations de fidélité dans le royaume d'Italie au IXe siècle (S. 145-157), beschäftigt sich mit dem Vordringen von vasallitischen Treueverhältnissen (etwa zu Ungunsten von solchen aufgrund eines Gasindus-Status) und bezweifelt, daß dies etwas mit ethnischen Verhältnissen zu tun habe.  --  Dominique Barthélemy, La chevalerie carolingienne: prélude au XIe siècle (S. 159-175), spürt den karolingischen Vorläufern des hochma. Rittertums nach, die er u. a. in der "théorie des deux milices" findet.  --  Janet L. Nelson, La cour impériale de Charlemagne (S. 177-191), entwirft ein recht lebendiges Bild vom Leben und Treiben am Aachener Hofe, wobei freilich le "pouvoir féminin" vielleicht doch etwas zu hoch eingeschätzt wird: "En tout cas, avertissement: 'Women at work'" (S. 190).  --  Roger Collins, Charlemagne and his Critics 814-829 (S. 193-211), weist auf kritische Stimmen hinsichtlich des moralischen Lebenswandels des großen Karl hin (u. a. Visionen), sieht aber auch in etlichen Maßnahmen Ludwigs im- und explizite, gezielt eingesetzte Kritik an seinem Vater. Der Umschwung vollzog sich um 833: Karl wurde zum "model secular ruler" (S. 210).  --  Philippe Depreux, Lieux de rencontre, temps de négociation: Quelques observations sur les plaids généraux sous le règne de Louis le Pieux (S. 213-231), interessiert sich weniger für die (oft hinlänglich bekannten) Themen, sondern mehr für die (oft unbekannten) Menschen, die an den Reichsversammlungen teilnahmen. Soweit ermittelbar, ergibt sich ein stimmiges Bild: Manch einer wurde vom Kaiser seiner Kompetenz oder seines Sachverstandes wegen einberufen oder weil er besonders betroffen war, andere kamen, weil sie anderes im Sinne hatten: Allzuviel wissen wir darüber aber nicht! - Thomas Zotz, Le palais et les élites dans le royaume de Germanie (S. 233-247), untersucht die zentrale Rolle des königlichen Hofes im Ostreich anhand dokumentarischer und erzählender Quellen mit Schwerpunkt auf den in palatio ministrantes und deren Beziehungen zu den übrigen Großen.  --  François Bougard, La cour et le gouvernement de Louis II (840-875) (S. 249-267), behandelt den Hof Ludwigs II., der nach 844 allmählich Konturen gewinnt.  --  Cristina La Rocca, La reine et ses liens avec les monastères dans le royaume d'Italie (S. 269-284), unterscheidet zwischen der öffentlichen und privaten Rolle der Königinnen und sieht {729} beides in den Beziehungen zu Klöstern (insbes. zum Salvatorkloster in Brescia) zum Ausdruck gebracht.  --  Anne-Marie Helvétius, L'abbatiat laïque comme relais du pouvoir royal aux frontières du royaume: le cas du nord de la Neustrie au IXe siècle (S. 285-299), beleuchtet den Weg vom Königs- zum Grafenkloster, wobei die Vergabepraxis Karls des Kahlen eine wichtige Rolle spielte, und findet in den Grafen von Flandern ein treffliches Beispiel.  --  Matthew Innes, Kings, Monks and Patrons: Political Identities and the Abbey of Lorsch (S. 301-324), läßt die Geschichte des Klosters Lorsch von der Gründung bis zum Ende des 9. Jh. Revue passieren und zeigt dabei Typisches und weniger Typisches auf.  --  Laurent Feller, Aristocratie, monde monastique et pouvoir en Italie centrale au IXe siècle (S. 325-345), untersucht anhand der gut bezeugten Frühgeschichte die Beziehungen des von Ludwig II. gegründeten Klosters Casauria zum Adel.  --  Geneviève Bührer-Thierry, L'épiscopat en France orientale et occidentale à la fin du IXe siècle: substitut ou soutien du pouvoir royal? (S. 347-364), entwickelt vor allem am Untersuchungsfeld "Raub von Kirchengütern" und "Verschwörung gegen den König" die These, daß die ostfränkischen Bischöfe die Verteidigung von Kirchengut in höherem Maße als "ressort du roi" (S. 353) geachtet hätten, wobei die geringere Verbreitung Pseudoisidors und der Falschen Kapitularien Benedictus Levitas eine Rolle gespielt haben könnte. Ein Annex beschäftigt sich mit Herkunft und Bedeutung des Wortes bastonicum (Ben. Lev. 2, 97 und 2, 383), das sie auf den Ort Bastogne zurückführt (weshalb in den Editionen ein großes 'B' zu verwenden sei).  --  Franz Staab, Jugement moral et propagande. Boson de Vienne vu par les élites du royaume de l'Est (S. 365-382; 1 Karte, 2 Stammtaf.), beschäftigt sich (gegen Poupardin) mit der Identität Bosos und verweist auf das negative Urteil der Annales Vedastini und Fuldenses, während Regino ein positiveres Bild des Königs zeichnet.  --  Guido Castelnuovo, Les élites des royaumes de Bourgogne (milieu IXe - milieu Xe siècle) (S. 383-408), betont die anfangs recht geringe Verwurzelung der burgundischen Könige und des karolingischen Adels im Lande und beschreibt dann langsam einsetzende Territorialisierungsprozesse und Dynastiebildungen, die allerdings nicht notwendigerweise parallel gehen.  --  Christian Lauranson-Rosaz, Le roi et les grands dans l'Aquitaine carolingienne (S. 409-436, 1 Karte, 1 Stammtafel), gibt einen gerafften Überblick über die Beziehungen zwischen Aquitanien bzw. den aquitanischen Großen und der 'Zentrale' bis zum Herzogtum Wilhelms des Frommen.  --  Claudie Duhamel-Amado - Aymat Catafau, Fidèles et aprisionnaires en réseaux dans la Gothie des IXe et Xe siècles. Le mariage et l'aprision au service de la noblesse méridionale (S. 437-465, 2 Karten, 1 Stammtafel), rücken die Bedeutung von aprisio (Rodungsfreiheit) und Heirat für die Ausbildung einer regionalen Adelswelt in den Blick.  --  Martin Aurell, Pouvoir et parenté des comtes de la marche hispanique (801-911) (S. 467-485, 1 Karte, 4 Stammtaf.), beschäftigt sich primär mit den Nachfahren Wilhelms von Gellone und den hier sogenannten Belloniden (zurückgeführt auf Bello, Graf von Carcassonne).  --  Noël-Yves Tonnerre, L'aristocratie du royaume breton (S. 487-504, 3 Karten), betont Kontinuitätslinien im Adel der Bretagne.  --  Veronica Ortenberg, Aux périphéries du monde carolingien: Liens dynastiques et nouvelles fidélités dans le royaume anglo-saxon (S. 505-517, 1 Stammtafel), bietet einen Überblick über die Beziehungen zwischen der englischen und der karolingischen (und teilweise auch: postkarolingischen) Adelswelt und macht sich Gedanken über gegenseitige {730} Beeinflussungen, betont aber zugleich die englische Eigenständigkeit.  --  In einer "Conclusion" (S. 519-526) zieht Pierre Toubert ein Resümee jenes Kolloquiums, dessen Datum hier nachgetragen sei, weil man es weder aus Vor- oder Nachwort noch vom Titelblatt erfährt: Es hat vom 20. bis 22. März 1997 in Lille stattgefunden.

Gerhard Schmitz


[254], S. 730

Klaus Herbers, Leo IV. und das Papsttum in der Mitte des 9. Jahrhunderts. Möglichkeiten und Grenzen päpstlicher Herrschaft in der späten Karolingerzeit (Päpste und Papsttum 27) Stuttgart 1996, Hiersemann, XI u. 580 S., 2 Karten, 2 Abb., ISBN 3-7772-9601-5, DEM 390.  --  Der Umfang dieser Tübinger Habilitationsschrift, die erwachsen ist aus der Bearbeitung der Papstregesten für 844-911, verwundert zunächst, behandelt sie doch einen Papst, dessen Pontifikat nur 8 Jahre währte (847-855) und der angesichts von Nachfolgern wie Nikolaus I. oder Johannes VIII. nie als bedeutend galt. In einem ersten Teil analysiert H. zunächst die Quellenlage (Vita Leonis im Liber Pontificalis, die sog. Collectio Britannica u. a.) (S. 11-94). Herkunft, Werdegang und Papsterhebung sind mangels Quellen nur kurz abzuhandeln (S. 95-104), bevor der Vf. sich ausgiebig mit Leo und seinem Wirken in und für die Stadt Rom auseinandersetzt, den Papst als Feldherrn im Kampf gegen die Sarazenen zeigt (S. 105-198). Hier kann H. die "Möglichkeiten und Grenzen päpstlicher Herrschaft" verdeutlichen und beispielsweise zeigen, wie die gerade mit diesem Papst verbundenen Baumaßnahmen in der Ewigen Stadt Herrschaftsdemonstration und Herrschaftssicherung zugleich waren. Die Beziehungen Leos zu den Karolingern als Kaisern und damit Schutzherren der Stadt, zum römischen Adel sowie zum gesamten Orbis Romanus (S. 199-353) zeigen, daß dieser Papst sich zwar bemühte, die (Welt-)geltung der cathedra Petri auszubauen und beispielsweise die kaiserliche Macht zurückzudrängen, daß er im Grunde aber eher reagierte als aktiv handelte. Sein Eingehen auf Anfragen und Appellationen (etwa aus dem Westfrankenreich und Reims) zeigt dies deutlich. Schließlich nimmt H. das römische Reliquienwesen zur Zeit Leos in den Blick (S. 354-414), das den Ruhm der Stadt und die Rombindung des orbis Christianus förderte und letztlich dem Papsttum und seiner Weltgeltung nutzte. Dem Nachleben Leos IV., d. h. seiner Verehrung als Heiliger seit dem 13. Jh. wegen seiner Bautätigkeit und Fürsorge für die Stadt Rom ist das letzte kurze Kapitel gewidmet (S. 420-425). Ein Anhang (S. 433-496), der sich z. B. mit auf Leo gefälschten Urkunden auseinandersetzt, Urkunden und Brieffragmente von ihm (Collectio Britannica) ediert, die Struktur der Leovita im Liber Pontificalis darstellt oder die Schenkungen des Papstes an die verschiedenen Kirchen und Klöster, rundet den stattlichen Band ab, durch den nicht nur der Pontifikat Leos IV. selbst Kontur gewonnen hat, sondern die Voraussetzungen klarer erkennbar geworden sind, auf denen seine bedeutenden Nachfolger aufbauen konnten. Zumal für die karolingische Geschichte und die Geschichte Roms in der Mitte des 9. Jh. liegt somit eine gründlich gearbeitete Monographie vor, die allerdings bisweilen dem Leser geduldige Lektüre abverlangt.

Martina Hartmann


[255], S. 730

Ruggero Benericetti, La cronologia dei papi del secolo IX e le carte di Ravenna, AHP 36 (1998) S. 49-58, kann anhand der Datierungen von Ravennater Urkunden des 9. Jh., die teils unveröffentlicht sind, die Sedenzzeiten und Weihedaten {731} der Päpste von Gregor IV. (827-844) bis Johannes IX. (898-899) bestätigen oder geringfügig korrigieren.

Detlev Jasper


[256], S. 731

Franz-Reiner Erkens, Einheit und Unteilbarkeit. Bemerkungen zu einem vielerörterten Problem der frühmittelalterlichen Geschichte, AKG 80 (1998) S. 269-295, untersucht die Durchsetzung des Unteilbarkeitsprinzips in der Thronfolge des ostfränkisch-ottonischen Reiches. Während ein "reichsumspannendes Netzwerk zwischen Herrscher und Bischöfen" die Einheit des ostfränkischen regnum gesichert habe, sei die Unteilbarkeit der Herrschaft "wohl zu einem nicht unerheblichen Teil dem Zufall zu verdanken".

Klaus Naß


[257], S. 731

Matthias Becher, Rex, Dux und Gens. Untersuchungen zur Entstehung des sächsischen Herzogtums im 9. und 10. Jahrhundert (Historische Studien 444) Husum 1996, Matthiesen, 373 S., ISBN 3-7868-1444-9, DEM 98.  --  Die Paderborner Habilitationsschrift befaßt sich im einzelnen mit dem Selbstverständnis und Rang der sächsischen gens und der Liudolfinger vor 919, mit der Verwaltung und politischen Stellung der Saxonia im Frankenreich und mit "Sachsen unter den liudolfingischen Königen und Hermann Billungs Aufstieg zum Herzog". Sie kommt - stark verkürzt - zu folgendem Ergebnis: Nach ihrer Eingliederung in das fränkische Reich besaßen die Sachsen kein politisch eigenständiges Bewußtsein mehr, ihr politischer Repräsentant war der rex Francorum. Erst die Königserhebung Heinrichs I. verschaffte der gens ein politisches Selbstwertgefühl und bedeutete den "Beginn einer neuen sächsischen Ethnogenese". Die Liudolfinger besaßen keine herzogliche Stellung in Sachsen, sie waren im fränkischen Reichsdienst aufgestiegen und kämpften mit Babenbergern und Konradinern um die Vorherrschaft im 865 geschaffenen regnum Francorum et Saxonum. Während sich Heinrich I. meist in Sachsen aufhielt, schuf erst Otto I. durch seine lange Abwesenheit und die Ernennung von Stellvertretern die Voraussetzungen für das sächsische Herzogtum. So wurde Hermann Billung vermutlich 953 zum ständigen vizeköniglichen Herzog für Sachsen ernannt. Der Vf. behandelt ein Thema aus quellenarmer Zeit und kann daher häufig nur zu hypothetischen Schlüssen kommen, die nicht immer überzeugen. Falsch interpretiert ist die Translatio s. Alexandri c. 6 (S. 29 "faktische Schlechterstellung" angeblich "Oppositioneller"), zumindest einseitig Widukind I 14 (kausale Verknüpfung von fränkischer perfidia und sächsischem Heidentum). Die Sachsen erscheinen nur schemenhaft und seltsam passiv, wobei die scharfe Trennung zwischen gentilem und politischem Bewußtsein der Sache und den Quellen nach wenig sinnvoll ist. Welche politischen Verwicklungen etwa das sächsische Recht verursachen konnte, zeigen der Fall Gottschalks des Sachsen (Migne PL 107 Sp. 431 f.) und der Stellinga-Aufstand. Die Arbeit bietet bedenkenswerte Argumente gegen die Lehre vom sächsischen Stammesherzogtum der Liudolfinger, ohne aber alle Quellenbelege zwanglos in diesem Sinne interpretieren zu können: etwa die dux-Belege für Otto den Erlauchten und seinen Sohn Heinrich in den Annales Alamannici, im Hersfelder Zehntverzeichnis und bei Gobelinus Person (aus einer verlorenen Fuldaer Annalenkompilation von 906/15) sowie die Synode von Hohenaltheim. Daß mit dem Königtum Heinrichs I. eine neue "sächsische Ethnogenese" eingesetzt habe, ist eine zumindest mißverständliche Formulierung. Überzeugender ist die Erklärung des billungischen Herzogtums. Was in diesem Zusammenhang über den {732} Annalista Saxo gesagt wird (S. 272 f., 289), gilt für dessen Vorlage, die verlorene Halberstädter Bischofschronik aus der ersten Hälfte des 12. Jh.

Klaus Naß


[258], S. 732

Herrschaftsrepräsentation im ottonischen Sachsen, hg. von Gerd Althoff und Ernst Schubert (Vorträge und Forschungen 46) Sigmaringen 1998, Thorbecke, 459 S., Abb., ISBN 3-7995-6646-5, DEM 136.  --  Der Band beruht auf einer Reichenau-Tagung vom Frühjahr 1994, die sich dem Austausch zwischen Historikern und Kunsthistorikern widmete, und enthält: Ernst Schubert, Imperiale Spolien im Magdeburger Dom (S. 9-32, 16 Abb.), befaßt sich vor allem mit der Frage, inwiefern die heutige Kathedrale (des frühen 13. Jh.) den bald nach 955 begonnenen, aber offenbar nicht vor Ottos Italienzug von 951/52 konzipierten ersten Dombau widerspiegelt, den Sch. deutlicher als bisher von dem voraufgegangenen Moritzkloster abhebt.  --  Gerhard Leopold, Archäologische Ausgrabungen an Stätten der ottonischen Herrscher (Quedlinburg, Memleben, Magdeburg) (S. 34-76, 36 Abb.), berichtet zusammenfassend über Befunde der letzten Jahrzehnte an den drei Orten, aber auch in Gernrode und Halberstadt.  --  Uwe Lobbedey, Ottonische Krypten. Bemerkungen zum Forschungsstand an Hand ausgewählter Beispiele (S. 77-102, 21 Abb.), sieht den Übergang vom älteren Typus der "Gangkrypta" zur ottonischen "Hallenkrypta" durch das Bedürfnis nach gleichzeitiger Verehrung einer Vielzahl von Reliquien bedingt und betont die Bedeutung königsnaher Anlagen des 10. Jh. in Sachsen für diesen Wandel.  --  Matthias Exner, Ottonische Herrscher als Auftraggeber im Bereich der Wandmalerei (S. 103-135, 20 Abb.), geht hauptsächlich auf die von der anonymen Vita Balderichs von Lüttich bezeugte, jedoch verlorene Ausmalung der Westempore des Aachener Münsters im Auftrag Ottos III. durch einen italienischen Künstler namens Johannes ein, die 997 geschaffen worden sein dürfte.  --  Ulrich Kuder, Die Ottonen in der ottonischen Buchmalerei. Identifikation und Ikonographie (S. 137-234, 30 Abb.), mustert im Umfang eines kleinen Buches die Mehrzahl der insgesamt 23 Denkmäler mit Darstellungen der drei Ottonen sowie Heinrichs II. (Liste S. 138 ff.) und bezieht pointiert Stellung zum jeweiligen Forschungsstand. Breiten Raum nimmt das Aachener Liuthar-Evangeliar ein, das nun doch wieder um 990 anzusetzen sein soll (S. 162 ff.); Bedenken weckt aber zumal der erneute Versuch, den Titel augustus ohne weiteres auch mit rex gleichzusetzen. Bemerkenswert ist ferner, daß das berühmte Herrscherbild des Clm 4453 ebenso wie die Bamberger Apokalypse (Staatsbibl., Bibl. 140) Heinrich II. und nicht Otto III. zugewiesen werden.  --  Joachim Ehlers, Heinrich I. in Quedlinburg (S. 235-266), beleuchtet die Bedeutung des Ortes für den König zu Lebzeiten wie nach dem Tode als Exempel für den "Zusammenhang von Zentralort und Lebenswerk, Repräsentation und Herrschaft, Totengedenken und Kontinuität, adliger Familie und königlicher Dynastie" (S. 238). Die letzten Seiten handeln von Lokalisierung und späteren Schicksalen der Grabstätte im Lichte der neueren Ausgrabungen.  --  Gerd Althoff, Magdeburg - Halberstadt - Merseburg. Bischöfliche Repräsentation und Interessenvertretung im ottonischen Sachsen (S. 267-293), stützt sich auf den Antagonismus zwichen Thietmars Chronik und der von ihm benutzten (von K. U. Jäschke erschlossenen) Erstfassung der Gesta episcoporum Halberstadensium, um die Auseinandersetzungen um den Bestand der 968 geschaffenen Bistumsorganisation {733} bis 1004 im Lichte der "Spielregeln der politischen Kommunikation in der Ottonenzeit" (S. 289) zu deuten.  --  Ernst-Dieter Hehl, Der widerspenstige Bischof. Bischöfliche Zustimmung und bischöflicher Protest in der ottonischen Reichskirche (S. 295-344), greift dieselbe Thematik und dazu den Gandersheimer Streit sowie die Bamberger Bistumsgründung unter dem Aspekt auf, daß der Konsens auch des benachteiligten Bischofs und eine daraus erwachsende Solidarität des Reichsepiskopats eine kaum zu überwindende Schranke der Königsautorität darstellten.  --  Rudolf Schieffer, Mediator cleri et plebis. Zum geistlichen Einfluß auf Verständnis und Darstellung des ottonischen Königtums (S. 345-361), lenkt den Blick auf theologische Herrscherparänese, Urkundenarengen, Krönungsordines, Herrschaftszeichen, Dedikationsbilder und die Spiegelung in der Historiographie (Selbstanzeige).  --  Timothy Reuter, Regemque, quem in Francia pene perdidit, in patria magnifice recepit: Ottonian ruler representation in synchronic and diachronic comparison (S. 363-380), nimmt eine Bemerkung Widukinds (Res gestae 3,14) über Otto I. im Liudolf-Aufstand zum Motto einer weitgespannten Reflexion über die historische Spezifik der ottonischen Selbstdarstellung im Zusammenspiel mit geistlichen und weltlichen Großen.  --  Knut Görich, Otto III. öffnet das Karlsgrab in Aachen. Überlegungen zu Heiligenverehrung, Heiligsprechung und Traditionsbildung (S. 381-430, 8 Abb.), interpretiert die Quellen in der Weise, daß Otto "Karl den Großen wie einen Heiligen ... behandelte" (S. 405), sich die sofortige Etablierung eines förmlichen Kultes aber nicht zutraute und durch seinen eigenen baldigen Tod auch Heinrich II. Bemühungen in dieser Richtung versperrte; vgl. dazu inzwischen auch Ludwig Falkenstein, Otto III. und Aachen (MGH Studien und Texte 22, 1998) S. 160 ff.  --  Hagen Keller, Herrschaftsrepräsentation im ottonischen Sachsen. Ergebnisse und Fragen (S. 431-452), bezieht in seinen Rückblick auch einen anderweitig erschienenen Beitrag von H. Fillitz über die Wiener Reichskrone ein (vgl. DA 51, 274 f.).

Rudolf Schieffer


[259], S. 733

Gunther G. Wolf, Nochmals zum Krönungstag und Krönungsort König Ottos I. (936), AfD 43 (1997) S. 1-9, hält Widukinds Bericht über Ottos Aachener Krönung im August 936 für glaubwürdig.

Klaus Naß


[260], S. 733

Krijnje N. Ciggaar, Western Travellers to Constantinople. The West and Byzantium, 962-1204: Cultural and Political Relations (The Medieval Mediterranean 10) Leiden u. a. 1996, Brill, X u. 396 S., 30 Abb. auf 24 Taf., 3 Karten, ISBN 90-04-10637-5, NLG 238,50 bzw. USD 157,50.  --  "Relations between the West and Byzantium and their cultural and political consequences form the subject of this book" (S. 1), in der Zeitspanne von den Ottonen bis zum Vierten Kreuzzug, während derer "people became more and more aware of the differences between the Western and Eastern halves of Europe" (S. IX). Der Schwerpunkt liegt auf den Einflüssen in ost-westlicher Richtung, zu denen weit reichere Quellenzeugnisse als für den umgekehrten Weg vorliegen, denn "the group of Byzantines who were willing to accept Western features was rather small" (S. 13). Das Material, das die Vf. in bewundernswerter Fülle gesammelt hat, wird in Kapiteln vorgelegt, die sich auf die folgenden Regionen Westeuropas beziehen: die nordischen Länder, Britannien, Frankreich, das Heilige Römische Reich, Italien und die Iberische Halbinsel. Am Anfang stehen drei Kapitel mit generellen {734} Beobachtungen, ein erstes über die Kategorien der Byzanzreisenden (staatliche und kirchliche Gesandte, Pilger, Flüchtlinge, Verbannte und Emigranten, Söldner, Kaufleute, Literaten, Künstler, Gelehrte und Kreuzfahrer) und die Reiseumstände, ein zweites über die "Attraktionen" Konstantinopels (seine Bedeutung als internationale Großstadt, Sitz des Kaiserhofes und Bildungszentrum; seine Kirchen mit ihren Reliquienschätzen und der orthodoxen Liturgie) und ein drittes über Byzanz als politisch-kulturelle Autorität und über die Vorstellungen von der verschiedenartigen "Translation" bzw. Rückkehr dieser Autorität in den Westen, die im 12. Jh. ihren Höhepunkt erreichten. Hier und da wird der Text durch Verweis auf eine der nach S. 354 eingefügten Illustrationen ergänzt. Ein zusammenfassendes Kapitel "Byzantium: fountain of life and learning: Western conformity and confrontation", eine Bibliographie sowie ein Index der Namen und Sachen beschließen den Band, der neue Wege zur Erforschung der Ost-West-Beziehungen eröffnet.

Franz Tinnefeld {734}


[261], S. 734

Egon Boshof, Mainz, Böhmen und das Reich im Früh- und Hochmittelalter, Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 50 (1998) S. 11-40, legt einen Schwerpunkt auf die Gründung des Bistums Prag und seiner Zuordnung zur Mainzer Kirchenprovinz, die er in die kirchliche Neuorganisation des ostmitteleuropäischen Raumes seit der zweiten Hälfte des 10. Jh. einordnet, und die böhmischen Versuche, Prag zum Erzbistum zu erheben in der Mitte des 11. und an der Wende vom 12. zum 13. Jh.; daneben steht wachsender päpstlicher Einfluß (teilweise in Zusammenspiel mit dem böhmischen Herzog bzw. König) auf die böhmische Kirche.

Ernst-Dieter Hehl


[262], S. 734

Johannes Fried, Der hl. Adalbert und Gnesen, Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 50 (1998) S. 41-70, stellt den spezifischen Kaisertitel Ottos III. während dessen Gnesenfahrt in das Zentrum seiner Interpretation, speziell dessen Schluß imperator augustus secundum voluntatem Dei salvatoris nostrique liberatoris. Die Fügung salvator und liberator ist alttestamentlich, bedeutungsvoll in Jesaias 19, 20 und Daniel 6, 26-28. Die Stellen verkünden die Ausbreitung des Glaubens und Friedens im Zeichen von "Weltherrschaft", die Exegese seit Hieronymus betont das. Das Gottesknechtprädikat, das Otto III. ebenfalls in seinem Titel führte, hat seinen Ursprung nicht allein bei Paulus, sondern auch wiederum bei Jesaias, wo zudem das Motiv der Namengebung und des Namenswechsels als Zeichen der Bekehrung eine große Rolle spielt (so auch die Exegese des Hieronymus). Um 1000 erscheint erstmals der Name Poloni/Polonia, gerade in auf Adalbert bezogenen Quellen. Damit ergibt sich ein exegetischer Kontext für Ottos III. Gnesenfahrt, der nicht außer Acht gelassen werden darf, zumal Otto III. Hss. mit den Kommentaren des Hieronymus zu Jesaias und Daniel besaß. So besitzt der Aufsatz auch große Bedeutung für eine aktuelle Diskussion der deutschen Mediävistik, ob man nämlich von Konzeptionen im herrscherlichen Handeln sprechen dürfe oder ob nicht das meiste Reaktion im Rahmen eines althergebrachten Rollenverständnisses sei.

Ernst-Dieter Hehl


[263], S. 734

Franz-Reiner Erkens, Mirabilia mundi. Ein kritischer Versuch über ein methodisches Problem und eine neue Deutung der Herrschaft Ottos III., AKG 79 (1997) S. 485-498, setzt sich mit G. Althoffs Buch über Otto III. (1996) {735} auseinander, relativiert die Verbindlichkeit der Althoffschen "Spielregeln" herrscherlichen Handelns und erörtert, wie man aus Ereignissen mit methodischer Umsicht doch auf politische Konzepte schließen könne.

Klaus Naß


[264], S. 735

Autour de Gerbert d'Aurillac, le pape de l'an mil. Album de documents commentés. Réunis sous la direction d'Olivier Guyotjeannin et Emmanuel Poulle (Matériaux pour l'histoire 1) Paris 1996, École des Chartes (Diffusion: Librairie Droz), X u. 371 S., Abb., ISBN 2-900791-18-9, FRF 171.  --  In fünf Sektionen gegliedert werden 55 Dokumente zur Geschichte Gerberts, seinem politischen und geistigen Umfeld sowie seinem Nachleben vorgestellt. Die herangezogene Überlieferung wird als Photo wiedergegeben, es folgen eine Transkription, eine annotierte Übersetzung sowie ein Kommentar. Jedes Dokument ist mit einer speziellen Bibliographie versehen sowie einer allgemeineren, die z. B. auf die Quellengattung zielt oder auf die historischen Zusammenhänge, in denen der Text steht. Außer der Abteilung über Gerberts Memoria führt die vierte Sektion "La quiétude des bibliothèques" besonders nahe an Gerberts Person. Zwölf Dokumente lassen seine geistige Prägung hervortreten: Richers Bericht über seine Reimser Lehrtätigkeit, der Erlanger Codex 380 mit Ciceros Orator und der Abacus des Ps.-Boethius der gleichen Bibliothek (Cod. 379) mit den arabischen Ziffern seien wenigstens genannt. Unter den vielen Versuchen, die ma. Geschichte für ein weiteres Publikum zu erschließen, hat der vorliegende Band einen überzeugenden Weg gefunden.

Ernst-Dieter Hehl


[265], S. 735

Sylvain Gouguenheim, Les fausses terreurs de l'an Mil. Attente de la fin des temps ou approfondissement de la foi?, Paris 1999, Picard, 231 S., Karten, ISBN 2-7084-0566-7, FRF 240.  --  Rechtzeitig zum Ende des zweiten Millenniums nach Christus erscheint diese vornehmlich wissenschaftsgeschichtliche Studie. G. analysiert scharfsinnig und rhetorisch brillant die allmähliche Herausbildung eines historischen Mythos, der durch die drei bereits bekannten und in der einschlägigen Literatur breit diskutierten Einzelzeugnisse im Laufe der Jahrhunderte erst begründet wurde, nämlich von Abbo von Fleury, Adémar von Chabannes und Radulf Glaber. Die Hintergründe werden genau beleuchtet und die Vorstellung einer kollektiven Angst um die erste Jahrtausendwende überzeugend zurückgewiesen. Auch die von der Legendenbildung nach Glaber strapazierte Massenwallfahrt nach Jerusalem zum 1 000. Todestag Jesu wird als geistreiche Konstruktion entlarvt. Bereits Sigebert von Gembloux setzte ein Jh. später den Grundstein für eine phantasievolle Ausschmückung des ersten Jahrtausendwechsels. Methodisch hätte G. in diesem Zusammenhang die Frage mündlicher Überlieferung thematisieren müssen. Dieser Einwand gilt nicht mehr für die weiteren von ihm zitierten Zeugnisse. Eindrucksvoll setzt sich G. mit den eine Endzeitstimmung um das Jahr 1000 eher bejahenden Arbeiten von G. Duby, J. Fried und R. Landes auseinander. Unter Einbeziehung aller bekannten Quellenzeugnisse und Katastrophen (eine sehr nützliche Tabelle zum Zeitraum 868-1098 findet sich auf S. 117-122) kommt G. zu der Einsicht, daß sowohl eine spezifische Jahrtausend-Angst nicht nachgewiesen werden kann, als auch der Begriff Millennium wegen seiner neuzeitlichen Entstehung abzulehnen ist (S. 73). Der kritische Blick auf ein breites Spektrum gesellschaftlicher Strömungen, nämlich Cluny, Eremitentum, Gottesfrieden, Wallfahrten etc. kann nach G. das {736} Bewußtsein einer eschatologisch präsenten Katastophenstimmung nicht belegen. Im Anhang werden weitere eschatologische "Problemfälle" angesprochen, die zwar nicht mit dem Jahr 1000, wohl aber mit den historischen Ängsten vor dem Weltuntergang in Verbindung gebracht wurden: Chlodwigs Taufe, das Jahr 800 und echte und unechte Bedatexte. Kurzum: Vom 12. bis zum 19. Jh. und wiederum im 20. Jh. wehte der Schleier eines "fantôme". Nur die oftmals geschmähten Positivisten unter den Forschern waren schon früher skeptisch (S. 39 ff.). Was bleibt, ist Ernüchterung.

Christian Lohmer


[266], S. 736

Otto III.  --  Heinrich II. Eine Wende?, hg. von Bernd Schneidmüller und Stefan Weinfurter (Mittelalter-Forschungen 1) Sigmaringen 1997, Thorbecke, 438 S., 10 Abb., 14 Farbtaf., 1 Karte, ISBN 3-7995-4251-5, DEM 98.  --  Der Band enthält die folgenden Beiträge zum Bamberger Symposion vom Juni 1996: Bernd Schneidmüller, Otto III.  --  Heinrich II. Wende der Königsherrschaft oder Wende der Mediaevistik? (S. 9-46), stellt die Leitfrage der Tagung und erörtert Elemente der Kontinuität und Diskontinuität vor dem Hintergrund schwankender methodischer Ansätze.  --  Joachim Ehlers, Magdeburg - Rom - Aachen - Bamberg. Grablege des Königs und Herrschaftsverständnis in ottonischer Zeit (S. 47-76), betont, daß sich die zufälligen oder nicht sicher vorherbestimmten Bestattungsorte Ottos II. und Ottos III. anders als bei ihren Vorgängern und Nachfolgern nicht als Ausdruck eines bestimmten Herrschaftsverständnisses deuten lassen.  --  Gerd Althoff, Otto III. und Heinrich II. in Konflikten (S. 77-94), entwirft eine "Modellvorstellung vom Regelwerk ma. Konfliktführung" und meint, Heinrich II. habe seltener als seine Vorgänger herrscherliche clementia geübt.  --  Knut Görich, Eine Wende im Osten: Heinrich II. und Boleslaw Chrobry (S. 95-167), erklärt Heinrichs Polenpolitik mit "politischen Bindungen und Traditionen aus seiner Zeit als Bayernherzog" und mit dem Zwang, die Anerkennung des königlichen honor durchzusetzen.  --  Ernst-Dieter Hehl, Herrscher, Kirche und Kirchenrecht im spätottonischen Reich (S. 169-203), befaßt sich mit der Wiederherstellung des Bistums Merseburg 1004, dem Gandersheimer Streit 1006/07, mit der bedrohten Stellung Erzbischof Willigis' von Mainz als päpstlicher Vikar und stellt die These auf, Otto III. habe seit 997 Aachen zum Bischofssitz erheben wollen und dadurch indirekt den Mainzer Domneubau als Krönungskirche veranlaßt.  --  Hubertus Seibert, Herrscher und Mönchtum im spätottonischen Reich. Vorstellung - Funktion - Interaktion (S. 205-266), arbeitet das unterschiedliche, persönlich und herrschaftlich geprägte Verhältnis Ottos III. und Heinrichs II. zu Mönchtum und Klosterreform heraus.  --  Odilo Engels, Überlegungen zur ottonischen Herrschaftsstruktur (S. 267-325), behandelt die Aufstände im Herrscherhaus und Fragen der ottonischen Italienpolitik und betont den "Unterschied zwischen territorialem Herrschaftsbezug und personaler Herrschaftsausübung".  --  John W. Bernhardt, Der Herrscher im Spiegel der Urkunden: Otto III. und Heinrich II. im Vergleich (S. 327-348), konstatiert sowohl Kontinuität als auch Wandel in der Herrschaftspraxis, -struktur und -konzeption der beiden Ottonen.  --  Thomas Zotz, Die Gegenwart des Königs. Zur Herrschaftspraxis Ottos III. und Heinrichs II. (S. 349-386), analysiert das Itinerar, die Orte der Herrschaftsausübung, die Teilnahme der Herrscher an kirchlichen Feiern und stellt fest, daß sich seit der Jahrtausendwende die Gegenwart des Herrschers im Reich nördlich der Alpen {737} erweitert und intensiviert habe.  --  Stefan Weinfurter, Otto III. und Heinrich II. im Vergleich. Ein Resümee (S. 387-413), sieht nach dem Herrscherwechsel von 1002 keinen programmatischen Neuansatz, wohl aber einen Wandel im Verhältnis zur Reichskirche und im Herrschaftsstil.  --  Ein Handschriften- und Namenregister erschließt den Inhalt des Bandes.

Klaus Naß


[267], S. 737

Werner Freitag, Heinrich II.  --  ein Kaiser der letzten Tage? Ein Beitrag zur politischen Anthropologie, Historische Anthropologie 6 (1998) S. 217-241, will darauf hinaus, daß sich die Frömmigkeit Heinrichs aus der Auseinandersetzung mit der Johannes-Apokalypse herleite und eine Sorge vor dem Weltende begründete, die ihn zu energischer Kirchen- und Rechtspolitik antrieb. Neben Schriftzeugnissen nehmen dabei die bekannten Bildquellen breiten Raum ein.

Rudolf Schieffer


[268], S. 737

Tuomas Heikkilä, Das Kloster Fulda und der Goslarer Rangstreit (Annales Academiae Scientiarum Fennicae. Humaniora 298) Helsinki 1998, Academia Scientiae Fennica, 222 S., Abb., ISBN 951-41-0856-6, FIM 120.  --  Die finnische Diss. in flüssiger deutscher Übersetzung behandelt Hintergründe, Verlauf und Folgen des sog. Goslarer Sesselstreits zwischen Bischof Hezilo von Hildesheim (1054-1079) und Abt Widerad von Fulda (1060-1075), wobei dem Reichskloster Fulda und der Rechtsstellung seines Abtes besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Überzeugend arbeitet H. die Bedeutung des unterschiedlichen Rahmens beider Zusammenkünfte und der politischen Verhältnisse im Reich für den Verlauf und den Ausgang des in zwei Etappen ausgetragenen Streits heraus. Der Zwist entzündete sich Weihnachten 1062 im Stift St. Simon und Juda auf einer Synode der Mainzer Kirchenprovinz unter Leitung Siegfrieds I. von Mainz, der den Anspruch seines Verwandten und Nachfolgers als Abt von Fulda auf einen Ehrenplatz zur Machtdemonstration gegenüber Hezilo wie gegenüber der Partei Erzbischof Annos II. von Köln benutzte, welcher der Hildesheimer Bischof nahe stand. Primär Siegfrieds Einfluß verdankte Widerad offenbar die Bevorzugung, ohne daß sich ein klares Bild über seine hier als Fuldaer Abt geltend gemachten Sonderrechte gewinnen ließe. Als sich auf einer Zusammenkunft am selben Ort zu Pfingsten 1063 die Rangfrage zwischen beiden Prälaten erneut stellte, standen Hezilos Erfolgsaussichten besser als im Vorjahr, weil es sich diesmal um einen Hoftag handelte. Der zuständige Diözesanbischof und einstige Propst des Versammlungsortes verfügte einerseits über gute Kontakte zum Königshof, zum anderen zählte Anno von Köln zu seinen Fürsprechern, vormals ebenfalls Propst von St. Simon und Juda sowie beherrschende Figur der Regentschaft für Heinrich IV., dem die Zerschlagung der Opposition um Siegfried von Mainz inzwischen gelungen war. Diese Machtkonstellation erklärt, warum der zu Pfingsten in Gegenwart des minderjährigen Königs bis zur Anwendung von Waffengewalt in der Kirche mit Todesopfern eskalierte Streit für Hezilo ohne nennenswerte Konsequenzen blieb, während sich Widerad als Hauptschuldiger verantworten und der drohenden Amtsenthebung durch Freikauf zuvorkommen mußte. Für sein Kloster, wo kurz darauf ein im Schlußkapitel analysierter Aufstand der Mönche losbrach, leitete er damit den wirtschaftlichen Niedergang ein. Die Chance, an das untersuchte Beispiel grundsätzliche Überlegungen über Rangstreitigkeiten zu knüpfen, hat H. leider ebenso ungenutzt verstreichen lassen wie {738} die Möglichkeit, die "zahlreichen Auseinandersetzungen um die Sitzordnung, in die der Abt von Fulda im 11. und 12. Jahrhundert verwickelt war" (S. 13), breiter als auf zwei Seiten (S. 25 f.) einzubeziehen. Entgangen ist ihm die einschlägige Diss. von T. Struve (vgl. DA 27, 224 f.). Ärgerlicher als terminologische Unschärfen (selbst im Register begegnen die im Text synonym verwendeten Bezeichnungen "Deutsches Reich", "Deutschland", "Germanien" und "Heiliges Römisches Reich deutscher Nation" parallel) ist die häufige Benutzung veralteter Editionen. Das gilt auch für den Liber de unitate ecclesiae conservanda, neben Lamperts Annalen Hauptquelle für den Goslarer Zwischenfall.

Martina Giese


[269], S. 738

Didier Panfili, Fulco Simonis (1055-1063): l'évêque, la société aristocratique et la réforme grégorienne en Bas-Quercy, Bulletin de la Société des Études littéraires, scientifiques et artistiques du Lot 118 (1997) S. 1-20, skizziert am Beispiel des wegen Simonie abgesetzten Bischofs Fulko von Cahors die Auswirkungen der Kirchenreform auf regionaler Ebene.

Rolf Große {738}


[270], S. 738

Rudolf Schieffer, "The Papal Revolution in Law"? Rückfragen an Harold J. Berman, Bulletin of Medieval Canon Law N. S. 22 (1998) S. 19-30, setzt sich in Vortragsform mit den mediävistischen Aspekten von B.s Werk (vgl. DA 48, 335) auseinander und stellt dabei grundsätzlich den Wert des Deutungsmusters "Revolution" für das 11./12. Jh. in Frage.

Rudolf Schieffer (Selbstanzeige)


[271], S. 738

Henrik Janson, Templum nobilissimum. Adam av Bremen, Uppsalatemplet och konfliktlinjerna i Europa kring år 1075 (Avhandlingar från Historiska institutionen i Göteborg 21) Göteborg 1998, Historiska institutionen, Göteborgs universitet, 353 S., ISBN 91-88614-26-3, SEK 345.  --  Im Widerspruch zum Titel spielt der berühmte Heidentempel in Uppsala, den Adam von Bremen in seiner Hamburgischen Kirchengeschichte (IV, 26 f.) beschreibt, in dieser Göteborger Diss. nur eine Nebenrolle; im Mittelpunkt steht die Haltung des Bremer Erzbistums im Investiturstreit und die Folgen daraus für die Einschätzung von Adams 1075/76 verfaßtem Werk. Erzbischof Liemar, dem Adam seine Gesta widmete, wird als radikaler Antigregorianer präsentiert und in diesem Zusammenhang die herrschende, von B. Schmeidler 1912 auf wackliger Quellenbasis begründete Auffassung, Liemar habe 1075 eine Versöhnungsreise nach Rom unternommen, schlüssig widerlegt. Es folgt eine Darstellung der miteinander konkurrierenden Missionsinitiativen in Schweden im 11. Jh. Dabei wird ein Bischof Acelinus von Skara, ehemals Dompropst in Köln und zeitweilig Besucher in Gorze und Brauweiler, der lothringischen Ezzonidensippe bzw. ihrem Umkreis zugeordnet, ein Wanderbischof Osmund über seinen Konsekrator, den wenig faßbaren Erzbischof Aron von Krakau, der lothringischen, progregorianischen Klosterreform, wodurch sowohl die merkwürdige Formulierung Papst Gregors VII., der von einer Mission in Schweden durch die Gallicana ecclesia (Reg. VIII, 11) spricht, als auch Adams Abneigung gegen diese Personen verständlich werden könnte. Die folgenden Kapitel, ausführliche Schilderungen des sächsischen Aufstandes gegen Heinrich IV. und des Verhältnisses zwischen Gregor VII. und den osteuropäischen Königen, gehen dann kaum über Bekanntes hinaus; immerhin wird nebenbei das Todesjahr des Herzogs Bernhard von Sachsen auf 1060 korrigiert (S. 182 Anm. 622). Weil das Erzbistum Bremen in {739} allen Konflikten auf Seiten des Kaisers stand, habe Adam, wie umgekehrt Gregor VII. (z. B. Reg. II, 75), alle Gegner der Salier und der Bremer Kirche als pagani charakterisiert und der idolatria bezichtigt. Seine Beschreibung des Tempels in Uppsala mit seinen Götterstatuen handele folglich nicht von einer wirklich heidnischen Kultstätte, sondern sei eine Satire auf die Gregorianer, die avaritia, furor und Mars zu ihren Götzen erkoren hätten. Während dieses letzte Kapitel wegen seines hemmungslosen Jonglierens mit Begriffen, Bedeutungen und angeblichen Zitaten (u. a. aus dem Dictatus papae!) äußerste Skepsis verdient und auch die anderen faszinierenden Thesen des Vf. erst noch überprüft werden müssen, bleibt es doch seine wesentliche Leistung, die kirchlichen Verhältnisse im Schweden des 11. Jh. erstmals aus ihrem europäischen Kontext heraus gedeutet und damit besser begreifbar gemacht zu haben, was aus der englischen Zusammenfassung (S. 327-335) leider zuwenig deutlich wird.

Roman Deutinger {739}


[272], S. 739

Jacques Clémens, Signification du voyage d'Urbain II pour l'espace agenais en 1096, Revue de l'Agenais 124 (1997) S. 291-297, vermutet, der Papst habe diese Region im Südwesten Frankreichs besucht, um die Idee der Reconquista zu stärken.

Rolf Große {739}


[273], S. 739

Juden und Christen zur Zeit der Kreuzzüge, hg. von Alfred Haverkamp (Vorträge und Forschungen 47) Sigmaringen 1999, Thorbecke, XX u. 371 S., 14 Abb., ISBN 3-7995-6647-3, DEM 89, sammelt die Referate der Frühjahrstagung 1996 des Konstanzer Arbeitskreises für ma. Geschichte und befaßt sich hauptsächlich mit den drei hebräischen Chroniken zu den rheinischen Judenverfolgungen des Jahres 1096. Aus dem Inhalt: Jeremy Cohen, The Hebrew Crusade Chronicles in their Christian Cultural Context (S. 17-34), zeigt, daß die soziale Logik der drei Berichte die der Überlebenden ist, die sich mittels einer (meist temporären) Konversion gerettet hatten, und setzt sich dafür ein, in diesen Schriften nicht nur die Ereignisgeschichte, sondern auch den historischen Kontext des Zeitalters zu erforschen.  --  Eva Haverkamp, "Persecutio" und "Gezerah" in Trier während des Ersten Kreuzzuges (S. 35-71), geht in einer an sich sehr beschlagenen Arbeit gegen eine Hauptmeinung der neueren Forschung an, wonach die drei Berichte erst etwa 50 Jahre nach den Ereignissen fertig vorlagen und tendenziösen Charakter hätten, und bricht eine Lanze dafür, daß in dem Trier behandelnden Bericht des Salomon bar Simson eine hebräische Quelle verwendet wurde, die wesentlich ereignisnäher war und schon bald nach 1096 entstand. Man würde sich allerdings mehr Beweise wünschen als die vorgeführten Punkte.  --  Avraham Grossman, The Cultural and Social Background of Jewish Martyrdom in Germany in 1096 (S. 73-86), untersucht, ob und warum sich in den jüdischen Gemeinden am Rhein die Auffassung vom Martyrium geändert hatte, so daß es zu jenen Selbstmordaktionen kommen konnte, die für 1096 bezeugt sind. Dabei spielen besonders die "Pijjutim" eine Rolle, allerdings hätte ich gern gewußt, was das eigentlich ist, denn erklärt wird es nirgends. Anscheinend handelt es sich um ein literarisches Genre.  --  Israel Jacob Yuval, Christliche Symbolik und jüdische Martyrologie zur Zeit der Kreuzzüge (S. 87-106), zeigt, daß und wie sich die Juden christlicher Symbole für ihre Zwecke bedienten.  --  Friedrich Lotter, "Tod oder Taufe". Das Problem der Zwangstaufen {740} während des Ersten Kreuzzuges (S. 107-152), studiert mit großer Sachkenntnis Verlaufsformen der rheinischen Judenverfolgungen. Wesentliches Ergebnis ist, daß für die bischöflichen Stadtherren nach den Massakern die kirchenrechtlich unzulässige Taufe mit Anwendung unmittelbaren Zwangs das einzige Mittel war, dem Morden der Christen einerseits, dem rituellen Selbstopfer der Juden andererseits zu steuern, wobei klar war, daß es sich um Scheintaufen handelte, die denn auch von Heinrich IV., wiederum in Verstoß gegen das Kichenrecht, pauschal für ungültig erklärt wurden.  --  Rudolf Hiestand, Juden und Christen in der Kreuzzugspropaganda und bei den Kreuzzugspredigern (S. 153-208), geht in einer weit ausholenden Arbeit auf christlicher Seite der Frage nach, wie es zu den Verfolgungen der Juden 1096 und 1146/1147 kam. Festzuhalten ist, daß kirchlicherseits niemand je zum Judenmord aufrief. Die kirchliche Lehre blieb unverändert beim Verbot von Tötung und Zwangstaufe. Vielmehr waren hier überwiegend einzelne Namenlose am Werk, die den Kreuzzug vor dem Hintergrund der im 11. Jh. immer wichtiger werdenden religiösen Identität vulgarisierten, eine parallele Entwicklung zur Wandlung des päpstlichen Kreuzzugsplans durch die "Menschenfischer" der volkstümlichen Prediger.  --  Robert C. Stacey, Crusades, Martyrdoms and the Jews of Norman England, 1096-1190 (S. 233-251), untersucht vor allem die Pogrome der Frühzeit Richards I. in England. Wenn Richards Reputation nicht darunter litt, so deshalb weil für die Öffentlichkeit nicht er, sondern sein Kanzler Wilhelm von Longchamps direkt handelnd auftrat und verantwortlich gemacht wurde.  --  Michael Toch, Wirtschaft und Verfolgung: die Bedeutung der Ökonomie für die Kreuzzugspogrome des 11. und 12. Jahrhunderts (S. 253-285), zeigt deutlich, daß die Verlagerung vom Handel zur Geldleihe bei den Juden erst im Laufe des 12. Jh. erfolgte und sich auch dann noch auf die Oberschichten beschränkte, so daß hierin kein Motiv für die Pogrome von 1096 gesehen werden kann. In einem Anhang trägt er bemerkenswerte Argumente vor gegen Verlindens These von einem jüdischen Sklavenhandel im 10. und 11. Jh., ohne jedoch alle Belege Verlindens entkräften zu können.  --  Gerd Mentgen, Kreuzzugsmentalität bei antijüdischen Aktionen nach 1190 (S. 287-326), ist ein sehr kenntnisreicher Aufsatz, in dem den sich immer wiederholenden Pogromen bis ins 15. Jh. nachgegangen wird, wie sie sich besonders schlimm in Frankreich 1236 mit etwa 2500 Opfern ereigneten. Dabei kann ein Zusammenhang mit Kreuzzugsmentalität jeweils durchaus aufgezeigt werden, doch scheint es mir über das Ziel hinauszuschießen, wenn dies durchgehend mittels des kollektiven Gedächtnisses von Juden und Christen mit den Pogromen von 1096 in einen quasi ursächlichen Zusammenhang gestellt wird. Der Vf. trägt dafür auf jüdischer Seite nur eine Belegstelle aus St. Goar vor, wo 1096 selbstverständlich unvergessen war.  --  Alexander Patschovsky, Feindbilder der Kirche: Juden und Ketzer im Vergleich (11.-13. Jahrhundert) (S. 327-357), zeigt auf breiter Grundlage und mit gewohnter Sachkenntnis, wie leicht Juden und Ketzer in einen Topf geworfen und die gegenüber einer Gruppe entwickelten Verhaltensmuster mühelos auf die andere übertragen wurden. Begreiflicherweise war dies in Zeiten religiöser Erregung den Juden keine Hilfe, im Gegenteil.

Hans Eberhard Mayer


[274], S. 740

Giosuè Musca, Il vangelo e la torah. Cristiani ed Ebrei nella prima crociata (Nuova Biblioteca Dedalo. Serie "Nuovi Saggi" 213) Bari 1999, Edizioni Dedalo, 128 S., 1 Karte, ISBN 88-220-6213-2, ITL 18.000.  --  Der Vf. hat seinen in den {741} Quaderni medievali 45 (Juni 1998) S. 68-128 unter dem gleichen Titel veröffentlichten Aufsatz überarbeitet und durch eine Bibliographie und zwei Indices ergänzt. In engem Anschluß an die hebräischen und lateinischen Quellen schildert er die Verfolgungen der Juden in Deutschland und die der Juden (und Muslime) im Heiligen Land.

Reinhard Elze


[275], S. 741

Cavalieri alla conquista del Sud. Studi sull'Italia normanna in memoria di Léon-Robert Ménager, a cura di Errico Cuozzo e Jean-Marie Martin (Collana di fonti e studi 4) Bari 1997, Laterza, VIII u. 451 S., Abb., ISBN 88-420-5395-3, ITL 50.000.  --  Die zum 70. Geburtstag von L.-R. Ménager (1925-1993) geplante Festschrift konnte nur als Gedächtnisschrift veröffentlicht werden. Sie enthält eine kurze biographische Notiz (S. 3 f.) und ein Schriftenverzeichnis (S. 4-7). Die unvollendete "Lettre à un ami" (S. 8-20) ist ein Zeugnis für die Persönlichkeit des Geehrten und seine wissenschaftlichen Pläne. Die Beiträge sind in drei Abteilungen geordnet: 1) La conquista: Normandia e Italia meridionale: Annie Renoux, Palais princiers, royaux et épiscopaux normanno-angevins (Xe-XIIIe siècle). Approche comparative (S. 23-56); Huguette Taviani-Carozzi, Le mythe de la conquête normande en Italie (S. 57-89); Ghislaine Noyé, La Calabre entre Byzantins, Sarrasins et Normands (S. 90-116); André Jacob, Le ciborium du prêtre Taphouros à Sainte-Marie de Cerrate et sa dedicace (S. 117-133); Henri Bresc et Annelise Nef, Les Mozarabes de Sicile (1100-1300) (S. 134-156); Salvatore Tramontana, Il mito della terra assetata. Per una storia delle mutazioni climatiche e della distribuzione idrica nella Sicilia normanna (S. 157-168).  --  2) Feudalesimo e Chiesa: Errico Cuozzo, Intorno alla prima contea normanna nell'Italia meridionale (S. 171-193); Laurent Feller, Le développement des institutions féodales dans les Abruzzes adriatiques et l'épiscopat de Raynulf de Chieti (1087-1105) (S. 194-215); Andrea Romano, Successioni "mortis causa" e patrimoni familiari nel "Regnum Siciliae" (S. 216-262); Alessandro Clementi, Una abbazia normanna nel cuore del Gran Sasso (S. 263-282); Graham A. Loud, Politics, Piety and Ecclesiastical Patronage in Twelfth-Century Benevento (S. 283-312).  --  3) La monarchia di Sicilia: Reinhard Elze, Der normannische Festkrönungsordo aus Sizilien (S. 315-327); Herbert Zielinski, Die Kanzlei Tankreds und Wilhelms III. von Sizilien (1190-1194). Mit Ausblicken auf die Kanzlei der Kaiserin Konstanze (S. 328-343); Ortensio Zecchino, I reverberi delle costituzioni di Federico II nell'Italia dei comuni (S. 344-362); Mario Caravale, Giustizia regia nel secolo XX in Inghilterra e in Sicilia (S. 363-400); Jean-Marie Martin, Le domaine royal de Mesagne aux XIIe et XIIIe siècles (S. 401-421); Vincenzo D'Alessandro, Metodo comparativo e relativismo storiografico. Il regno normanno di Sicilia (S. 422-446).

Reinhard Elze


[276], S. 741

Agostino Paravicini Bagliani, Il trono di Pietro. L'universalità del papato da Alessandro III a Bonifacio VIII (Studi Superiori NIS. Argomenti di Storia medievale 229) Roma 1996, La Nuova Italia Scientifica, 301 S., ISBN 88-430-0457-3, ITL 35.000.  --  Der ausgewiesene Kenner der Geschichte des Papsttums vornehmlich im 13. Jh. (vgl. u. a. DA 52, 714; 53, 735) reiht sich in den seit nunmehr zehn Jahren anhaltenden Trend ein, besonders die hochma. Geschichte des Papsttums monographisch darzustellen (vgl. etwa C. Morris über die Zeit von 1050-1250; DA 50, 713 f., und I. S. Robinson über die Jahre von 1073-1198; {742} DA 50, 714 f., die allerdings beide bei P. B. keine Berücksichtigung finden). Unter dem Schlagwort der Universalität des Papsttums wählt er den Zeitabschnitt von 1159 bis 1304, hält sich jedoch im Verlauf der in zehn Hauptabschnitte unterteilten Darstellung allenfalls locker an diesen Rahmen; vielmehr wird dem Gegenstand der einzelnen Kapitel gemäß der Bogen über längere oder kürzere Zeiträume geschlagen. Von der Besteigung des Petersthrons ausgehend faßt P. B. die ekklesiologische Debatte über die Person des Papstes, die Entwicklung des Kardinalskollegiums und die mit Innozenz III. aufkommende organologische Vorstellung von den Kardinälen als Gliedern des päpstlichen Körpers bis hin zur administrativen Seite der Kurie in den Blick. Das Referat über die Ausgestaltung des päpstlichen Souveränitätsanspruchs mit allen rechtlichen und organisatorischen Facetten mündet in einen Abschnitt über die Unterstützung der Mendikanten, die Anfänge der Inquisition und das Verhältnis zu den Juden. In einem gesonderten Kapitel werden die allgemeinen Konzilien des 12. und 13. Jh. im Lateran und in Lyon gewürdigt, bevor eigens auf die Beziehungen zur weltlichen Macht, v. a. zu Friedrich II., eingegangen wird. Dem kulturgeschichtlichen Streifzug durch Papsttum und Wissen(schaft) im 13. Jh. folgen abschließende Äußerungen über die päpstlichen Vorstellungen von der Christenheit in Europa, deren Ausdehnung mittels Kreuzzügen und Mission sowie deren Verteidigung gegen die Bedrohung durch die Mongolen. Bei der Fülle des Stoffes sind eingehende Erörterungen von vornherein nicht zu erwarten. Stattdessen sind der punktuellen Präsentation des einschlägigen Materials jeweils kommentierte bibliographische Angaben beigegeben, welche den raschen Zugriff auf weiterführende Literatur ermöglichen. Neben einer Aufstellung der Amtsdaten von Alexander III. bis zu Bonifaz VIII. bietet der Vf. eine Tabelle über die Ab- bzw. Anwesenheitsdauer des päpstlichen Hofs von Rom bzw. im Kirchenstaat, allerdings erst ab 1198. Wenn man an diesem auf Zusammenfassung angelegten Buch etwas bemängeln will, dann die fehlende Begründung, warum die Zeit von 1159 bis 1304 als Zeitalter der päpstlichen Universalität bezeichnet wird.

Claudia Zey {742}


[277], S. 742

Federico II e Bologna (Deputazione di storia patria per le province di Romagna. Documenti e studi 27) Bologna 1996, Deputazione di storia patria, 301 S., 14 Abb., keine ISBN, ITL 60.000.  --  Der Band enthält Vorträge, die am 18. März 1995 in Bologna anläßlich der 800-Jahr-Feier des Geburtstages Friedrichs II. gehalten wurden.  --  Ovidio Capitani, Federico II nella storiografia dei contemporanei (S. 7-26): Die Chronisten aus der Emilia und Romagna sehen in der Zeit Friedrichs II. einen epochalen Wandel wegen der Zersplitterung der Christenheit, an der freilich die Päpste mitschuldig seien. Im übrigen würdigen sie den Staufer, trotz ihrer antistaufischen Tendenz, als Gesetzgeber und Förderer von Literatur und Wissenschaft.  --  Antonio Ivan Pini, Federico II, lo Studio di Bologna e il "falso Teodosiano" (S. 27-60): Im Streit mit der Stadt und den Magistern wollten die Bologneser Studenten 1224 nach Neapel auswandern, woraus sich Friedrichs II. Aufhebungsdekret der Universität vom April 1225 ebenso erklärt wie das von einem Diktator der Kommune gefälschte Universitätsprivileg Kaiser Theodosius' II.  --  Giovanni Santini, I Domini Legum di Bologna dell'età di Federico II. Tendenze di scuola e diaspora bolognese nello specchio dei Libri Magistrorum (S. 61-81): In der ersten Hälfte des 13. Jh. gab es unter den Juristen {743} in Bologna zwei sich befehdende Richtungen; die herrschende beschränkte sich auf die reine Exegese des justinianischen Corpus, die andere interpretierte dieses auch mit Hilfe späterer Rechtsbücher. Die Dissidenten, darunter Roffred von Benevent und Friedrichs II. Freund Jacobus Balduini, waren gezwungen, an andere hohe Schulen zu gehen. Erst im 14. Jh. siegte in Bologna die alternative Lehrmethode.  --  Giorgio Tamba, Il notariato a Bologna nell'età di Federico II (S. 83-105): Seit 1221 wurden in Bologna nur noch von den Behörden geprüfte Personen als Notare zugelassen; ein kaiserliches Privileg genügte nicht mehr. Dadurch entstanden Notariatsschulen. Die Urkunden und Protokolle der Notare besaßen öffentliche Glaubwürdigkeit. Im Reich Friedrichs II. durfte nur die königliche Kurie Notare prüfen und ernennen; ihre Urkunden waren nur mit Unterschriften von Zeugen oder eines vom König ernannten Richters gültig.  --  Luciano Formisano, Aspetti della cultura letteraria a Bologna al tempo di Federico II (S. 107-138), schildert die vielfältigen Komponenten der literarischen Kultur der Stadt: lateinisch die Dichtung des Heinrich von Settimello, die Prosa Boncompagnos und die Übersetzung des Falknereibuches des Moamin für Enzo; Volgare in den Traktaten des Guido Faba und in der sizilianischen Dichterschule; provenzalische Dichtung vermittelt durch Rambertino Buvalelli.  --  Paola Foschi, Le fortificazioni di Bologna in età federiciana dalla cerchia dei Torresotti alla Circla del 1236 (S. 139-162).  --  Carlo De Angelis, Le fortificazioni di Bologna in età federiciana dal palancato alle mura (S. 162-181, 10 Abb.).  --  Augusto Vasina, Bologna e la IIa lega lombarda (S. 183-201): Im zweiten, 1226 gegründeten lombardischen Städtebund spielte Bologna die führende Rolle. Der Bund hat beigetragen zum Untergang der Staufer, aber auch zur Stärkung des Kirchenstaates und zur Entstehung der Signorien. Der wichtige Beitrag von E. Voltmer (vgl. DA 46, 683) ist dem Vf. entgangen.  --  Anna Laura Trombetti Pudriesi, La figura di Re Enzo (S. 203-240), ist eine sorgfältig gearbeitete, auf umfassender Kenntnis der Quellen und der Literatur beruhende Biographie des unglücklichen Kaisersohns.  --  Armando Antonelli - Riccardo Petrini, Appunti su Re Enzo nella cronachistica bolognese tra il XIII ed il XVI secolo (S. 241-294, 4 Abb.): Die Gestalt Enzos, zunächst umstritten zwischen Guelfen und Ghibellinen, dann dem Ruhm Bolognas dienend, wurde schließlich zum Mythos von der vergangenen Macht und Freiheit der Stadt.  --  Franco Ber\gonzoni, Il palazzo di Re Enzo in Bologna (S. 295-301, 1 Abb.).

Hans Martin Schaller


[278], S. 743

Peter Thorau, König Heinrich (VII.), das Reich und die Territorien. Untersuchungen zur Phase der Minderjährigkeit und der "Regentschaften" Erzbischof Engelberts I. von Köln und Herzog Ludwigs I. von Bayern (1211) 1220-1228 (Jahrbücher der Deutschen Geschichte = Jahrbücher des Deutschen Reichs unter Heinrich [VII.] 1) Berlin 1998, Duncker & Humblot, XII u. 463 S., ISBN 3-428-09384-4, DEM 168.  --  Nach fast einem halben Jh. ist wieder ein Band der "Jahrbücher der Deutschen Geschichte" erschienen. Die Abhandlung über die ersten Jahre des Staufers Heinrich (VII.) - zugleich eine Saarbrücker Habilitationsschrift von 1996 - steht damit in einer langen Tradition, die im Sinne einer modernisierenden Straffung der Konzeption abgeändert wird. Th.s Band, dessen Untertitel die Hauptprobleme der verfassungsgeschichtlichen Analyse präzise umschreibt, gliedert sich in drei nicht ganz gleichgewichtige Teile: "Friedrich II. in Deutschland 1212-1220" (S. 6-93) behandelt die Kindheit Heinrichs bis zu seiner Königswahl {744} auf Betreiben des Vaters, "Erzbischof Engelbert von Köln als Gubernator und Provisor des Reichs" (S. 94-273) die ersten Jahre des Kindkönigs bis zu Engelberts Ermordung 1225, "Die 'Regentschaft' Herzog Ludwigs I. von Bayern" (S. 277-353) schließlich die Jahre bis zur endgültigen Emanzipation Heinrichs 1228. In einer Folge von chronologisch-narrativen und sachlich-analysierenden Kapiteln werden historische Ereignisse dieser Jahre dargestellt und Strukturen untersucht. Insbesondere die außenpolitischen Kapitel zu Frankreich, England und Dänemark zeigen die europaweite Verflochtenheit auch der königlich-staufischen Politik dieser Zeit. Die Beschreibung der inneren Entwicklung muß sich im Kern mit der verfassungsrechtlich kaum greifbaren und nicht auf den Begriff zu bringenden Rolle des Erzbischofs und des Herzogs gegenüber dem minderjährigen König auseinandersetzen.  --  Es liegt im Charakter der "Jahrbücher", nicht eben eine Spielwiese stilistisch hochstehender Biographik sein zu sollen. Insofern ist der Band ein typischer Vertreter dieses Konzeptes. Freilich machte es bisher den Charakter der "Jahrbücher" ebenso aus, quellenkritische Darlegungen und Analysen zu enthalten, die in ihrer Breite und Tiefe oftmals den Rückgriff auf die Quellen geradezu entbehrlich erscheinen lassen mochten. Dieser Tradition folgt Th. nur selten, und man mag das bedauern. Urkundliche wie historiographische Quellen hätten Gegenstand genug dafür geboten. Auch manche modernen Fragestellungen vermißt man zum Schaden des Informationswertes, etwa Auseinandersetzungen mit Ansätzen der modernen Hofforschung, die das personelle Geflecht des königlichen Hofes plastischer hätten werden lassen. Dennoch wird man den Band - dem ein weiterer über die im Grunde "interessanteren" Jahre Heinrichs bald folgen sollte - dankbar begrüßen, vor allem aber gerne benutzen. Dabei muß man sich freilich gelegentlich über ein Literaturverzeichnis wundern, in dem der Bearbeiter auf Kriegsfuß mit Verfassernamen zu stehen schien (im Extrem: aus richtig "Garzmann" wird S. 432 "Waarzmann").

Thomas Vogtherr {744}


[279], S. 744

Jean Dunbabin, Charles I of Anjou. Power, Kingship and State-Making in Thirteenth Century Europe (The Medieval World) London u. a. 1998, Longman, XII u. 252 S., Karten, ISBN 0-582-25371-3 CSD bzw. 0-582-25370-5 PPR, GBP 42.  --  Es handelt sich um einen "Reader" vor allem für den englischsprachigen Studenten (obwohl dies nicht explizit zum Ausdruck gebracht wird), der deshalb vor allem der Zusammenfassung des Forschungsstandes dienen soll, ohne zu tieferschürfenden neuen Erkenntnissen anhand archivalischer Forschung gelangen zu wollen. Trotz gravierender kartographischer Fehler ist positiv die Gliederung unter systematischen Gesichtspunkten hervorzuheben, die es dem Leser leicht macht, sich in der komplexen Situation angiovinischer Politik in der zweiten Hälfte des 13. Jh., die faktisch den gesamten Mittelmeerraum umfaßte, zurechtzufinden. Hier ist besonders das Kapitel über Karls Politik in den beiden Erbapanagen Anjou und Maine zu nennen, die in der Regel in der Literatur über Karl I. sträflich vernachlässigt wurde. Weitgehend gelungen ist auch das Kapitel über die Verwaltung und Innenpolitik im Königreich Sizilien. Die griechische Politik des Angiovinen, die den Schlüssel zum Verständnis seiner gesamten mediterranen Politik bildet, wird hingegen viel zu knapp behandelt. Einige der {745} Schlußfolgerungen von D. sind jedoch zumindest anfechtbar und teilweise auch falsch. Nicht überzeugen kann die Behauptung, die provenzalische Politik sei Karls I. "greatest success story" (S. 54) gewesen und Saba Malaspinas Behauptung, die Provenzalen seien über Karls I. Herrschaft ähnlich verbittert gewesen wie die Sizilianer, somit erfunden. Die Generalenquête, die Karl II. nach seiner Regierungsübernahme 1289-1290 in der Grafschaft durchführen ließ, beweist hingegen nachdrücklich das Gegenteil und untermauert die Feststellung Malaspinas, da sogar Amtsträger Karls I. offen mit oppositionellen Kräften sympathisierten und allerorten Kritik an der Herrschaftspraxis des Angiovinen geäußert wurde. Viel zu positiv wird auch die Wirtschaftspolitik des Königs (S. 155-165) dargestellt, wo z. B. die Privilegien, die die Städte Marseille und Nizza im Regno erhielten, maßlos übertrieben werden. Wenig schlüssig ist ferner die Behauptung, Karl I. sei es bis zu einem gewissen Grade gelungen, seinen mediterranen Besitz (Königreich Sizilien, Grafschaft Provence, Fürstentum Achaia, albanische Küstenstädte und Königreich Jerusalem) zu einem Wirtschaftsraum zusammenzufassen. Gerade ein solches Unterfangen war zwangsläufig zum Scheitern verurteilt, da sämtliche Herrschaftsgebiete des Königs rein agrarisch strukturiert waren und ein aktiver Warenaustausch somit überhaupt nicht stattfinden konnte. Die Besitzungen Karls im östlichen Becken des Mittelmeers erwiesen sich vielmehr als reine Passivposten, da sie kontinuierlich mit Getreide und Lebensmitteln versorgt werden mußten. Bei der Wiedergabe der Eigennamen hätte etwas mehr Sorgfalt erwartet werden können, da gerade italienische Namen häufig falsch geschrieben werden (z. B. immer wieder Catanzero an Stelle des richtigen Catanzaro). Ähnliches gilt auch für die bisweilen nicht korrekte Zitierweise von Quellen und Literatur. Wenig sinnvoll ist schließlich, ma. Quellen lediglich nach dem Namen des Hg. zu zitieren, ohne den ma. Chronisten an sich kenntlich zu machen.

Andreas Kiesewetter {745}


[280], S. 745

Anke Krüger, Das "Baphomet-Idol". Ein Beitrag zur Provenienz der Hauptvorwürfe gegen den Templerorden, HJb 119 (1999) S. 120-133, leitet die ersten 1307 global erhobenen Beschuldigungen (Kreuzschändung, Homosexualität, Götzendienst) aus volkssprachig vermittelter antiislamischer Polemik her und erklärt den Namen des angeblichen Idols als okzitanische Bezeichnung Mohammeds.

Rudolf Schieffer


[281], S. 745

Frantisek Kavka, Karel IV. Historie zivota velkého vladare [Lebensgeschichte des großen Herrschers], Praha 1998, Mladá fronta, 361 S., Karten, ISBN 80-204-0753-7.  --  Einer der besten Kenner des luxemburgischen Zeitalters bietet eine komprimierte Lebensgeschichte Karls IV. in populärer, aber dennoch wissenschaftlicher Art. In 26 im Grunde chronologisch konzipierten Kapiteln behandelt er vor allem die politische und familiäre Geschichte und ihre gegenseitige Verzahnung sowie Karls persönlichen Anteil am europäischen Geschehen.

Ivan Hlavácek {745}


[282], S. 745

Wilhelm Baum, Rudolf IV. der Stifter. Seine Welt und seine Zeit, Graz u. a. 1996, Styria, 399 S., Abb., ISBN 3-222-12422-1, DEM 58.  --  Erstmals seit sechs Jahrzehnten unternimmt es wieder ein Autor, Leben und Wirken Rudolfs IV. (1339-1365), des habsburgischen Herzogs von Österreich mit dem Beinamen der {746} Stifter, monographisch darzustellen. Diesem Unterfangen stellen sich einige Schwierigkeiten entgegen: Da die Regesta Habsburgica die Zeit Rudolfs IV. nicht erreicht haben, ist das diplomatische Material nicht aufgearbeitet. Die Geschichtsschreibung der habsburgischen Lande ist in der zweiten Hälfte des 14. Jh. nicht gerade blühend. Das wenige, was entstand, nimmt von Rudolf kaum Notiz. Das änderte sich grundlegend erst im 15. Jh. mit Thomas Ebendorfer. Rudolf wurde nur 26 Jahre alt, seine Herrschaft dauerte ganze sieben Jahre. Alles Wesentliche, was er begann, mußten andere fortsetzen und vollenden. Die Würdigung seiner Leistungen und deren Nachwirken wird dadurch nicht gerade erleichtert. Der Vf. stellte sich den Problemen der Überlieferung, indem er ausgiebig Archivstudien betrieb. Doch dem geringen Interesse, das die zeitgenössische Historiographie dem Herzog entgegenbrachte, war so nicht beizukommen: Ein Gesamtbild Rudolfs ließ sich nicht gewinnen. Rudolf IV. war ein Mann, der alles wollte, und er wollte es sofort. Er gründete die Wiener Universität und forcierte den gotischen Ausbau des Stephansdomes, an dem er auch ein Kollegiatstift einrichtete. Er engagierte sich stark in Italien. Den Wittelsbachern entriß er 1363 Tirol, was erbitterte Feindschaft und jahrelange kriegerische Auseinandersetzungen hervorrief. Zur Aufwertung seiner nichtkurfürstlichen Stellung ließ er die unter der Bezeichnung Privilegium maius zusammengefaßten Falsifikate herstellen, erdachte sich Titel und königsähnliche Insignien. Mit seinem Schwiegervater, Kaiser Karl IV., geriet er in einen Konflikt, in dem er vollständig unterlag. Die wenigen Jahre seiner Regierung waren angefüllt mit rastloser Aktivität. B. sieht in Rudolf IV. den "Wegbereiter des heutigen österreichischen Staates schlechthin", mit dem die "Säkularisierung der Gesellschaft begann" (S. 8). Rudolf sei "ein weitblickender und schöpferischer Politiker", ein "Gestalter der Geschichte" von "prometheusartige[r] Tatkraft und Entschlossenheit", aber auch "ein einsamer Einzelgänger" gewesen, der unverstanden blieb (S. 337 ff.) - Urteile zur sieben Jahre dauernden Herrschaft eines Zwanzigjährigen, die Skepsis hervorrufen. Dem Band beigegeben sind eine Zeittafel (S. 372-377), ein Itinerarkalender Rudolfs IV. (S. 378-383) und die üblichen Verzeichnisse.

Michael Lindner {746}


[283], S. 746

Der Stralsunder Frieden von 1370. Prosopographische Studien. Hg. von Nils Jörn, Ralf-Gunnar Werlich und Horst Wernicke (Quellen und Darstellungen zur hansischen Geschichte N. F. 46) Köln u. a. 1998, Böhlau, XII u. 405 S., ISBN 3-412-07798-4, DEM 88.  --  Der Band enthält die Beiträge einer vom Lehrstuhl für Mittelalterliche und Hansegeschichte der Universität Greifswald und dem Kulturamt der Hansestadt Stralsund in beiden Städten vom 24.-28. Mai 1995 veranstalteten Tagung zum 625. Jahrestag des Stralsunder Friedens. Ihr Ziel war die Betrachtung möglichst aller auf dänischer wie auf hansischer Seite an den Vertragsverhandlungen beteiligten Personengruppen. König Waldemar IV. von Dänemark blieb - unter Verweis auf einen Beitrag Erich Hoffmanns auf der Greifswalder Hansetagung 1992 - unberücksichtigt (Vorwort S. XI). Horst Wernicke, Der Stralsunder Frieden von 1370. Höhepunkt hansischer Machtentfaltung oder ein Ereignis unter vielen? (S. 1-16), sieht die Bedeutung des Friedensschlusses vor allem darin, "daß ein König sich einer städtischen Interessenkoalition beugen mußte", deren Ziel die "Sicherung eines friedlichen, profitablen Handels" (S. 15) und nicht ein Eingriff in die innerdänischen politischen Verhältnisse {747} gewesen sei, doch habe der Stralsunder Friede nicht zäsurbildend in der Hansegeschichte gewirkt.  --  Hans-Joachim Hacker, Die Hansestadt Stralsund um 1370 (S. 17-25), gibt anhand der Bereiche Bebauung, Zünfte (Ämter), Handelsrouten, Rat und Verwaltung sowie Kriegskosten einen knappen Überblick über das städtische Leben Stralsunds.  --  Es folgen sechs prosopographische Beiträge über Akteure auf seiten der Hanse und drei weitere über die auf dänischer Seite: Dieter Seifert, Die holländischen und seeländischen Teilnehmer (S. 27-45), geht von den vier Bevollmächtigten aus Brielle, Zierikzee, Dordrecht und Amsterdam und den Handelsinteressen ihrer Städte aus, um dann die Stellung der holländischen und seeländischen Städte zur Hanse zu diskutieren. Er sieht die Hanse um 1370 als "vielschichtige Interessengemeinschaft unterschiedlichster Städte" (S. 43), deren Kaufleute das deutsche Recht im Ausland nutzten und die im konkreten Fall interessengleiche Städte zu integrieren vermochte.  --  Ernst Münch, Zwischen Hanse und Herzog. Bürgermeister Rostocks und Wismars als hansische Ratssendeboten und Untertanen Herzog Albrechts II. von Mecklenburg (S. 47-66), arbeitet die Verwurzelung der Bürgermeister im jeweiligen Patriziat sowie ihr gutes, jedoch keineswegs abhängiges Verhältnis zum Landesherrn heraus.  --  Zenon Hubert Nowak, Die Ratssendeboten der Hansestädte Kulm und Thorn (S. 67-79), und Joachim Zdrenka, Die Abgesandten der Hansestädte Danzig und Elbing (S. 81-91), betrachten jeweils die Tätigkeit der betreffenden Städtevertreter in den Jahren 1361-1376/77 und ihre Biographien.  --  Nils Jörn, Die Repräsentanten der livländischen Interessen beim Stralsunder Friedensschluß (S. 93-110), betont, daß die livländischen Städte angesichts gleichzeitiger kriegerischer Auseinandersetzungen mit Rußland weder die diplomatische noch finanzielle und militärische Kraft besessen hätten, um ihre Teilnahme am dänischen Krieg zum Erzwingen von handelspolitischen Vorteilen in den Kontoren von Novgorod und Brügge zu nutzen.  --  Anders Bøgh, Umb de Iuten de der Holsten heren hulpre sint. Die dänischen Alliierten der Kölner Konföderation: Die Opposition unter dem jütischen Adel (S. 111-149), untersucht Grundeigentum, soziale und politische Stellung, verwandtschaftliche Beziehungen und die Motive der 18 Führer des Aufruhrs jütischer Adliger der Jahre 1368-1373. Als Hauptmotiv für ihre Auflehnung gegen Waldemar stellt er dessen Gutspolitik heraus, die in der Regierungszeit Waldemars und Margarethes zu einer annähernden Verdoppelung des königlichen Krongutes auf Kosten adligen Grundbesitzes führte.  --  Ralf-Gunnar Werlich, Henning von Putbus - des dänischen Reiches Hauptmann und Drost (S. 151-205), gelingt eine umfassende Würdigung des politischen Wirkens jenes Mannes, der als einflußreichster Ratgeber König Waldemars nicht nur die dänischen Vertreter bei den Stralsunder Friedensverhandlungen anführte, sondern sich auch nach Waldemars Tod in Zusammenhang mit der Königswahl Olafs und der Ausgestaltung der Position Margarethes als Regentin Dänemarks herausragende Verdienste um die Stabilisierung der Königsmacht erwarb.  --  Jens E. Olesen, Der dänische Reichsrat: Die hohe Geistlichkeit (S. 207-213), verweist angesichts der Tatsache, daß zwei der drei beim Friedensschluß in Stralsund auftretenden geistlichen Reichsräte zuvor königliche Kapläne gewesen waren, auf den großen Einfluß König Waldemars auf die Vergabe von Bischofsämtern.  --  Thomas Riis, Die weltlichen Räte König Waldemars (S. 215-222), vergleicht die Zusammensetzung der dänischen Delegationen vom November 1369 und Mai 1370 und stellt eine Zunahme von Männern aus der engeren Umgebung des {748} Königs bzw. von im Krieg gegen die Hanse bewährten Personen fest.  --  Die folgenden Beiträge wenden sich dem weiteren Umfeld des Stralsunder Friedens zu: Erich Hoffmann, Das Verhältnis der mecklenburgischen Herzöge Albrecht II. und Albrecht III. zu den skandinavischen Staaten (S. 223-248), beschreibt das Streben der mecklenburgischen Herzöge nach der schwedischen und dänischen Krone für ihr Haus bis zum endgültigen Scheitern Albrechts III. im Jahre 1405 und setzt es zu Expansionsversuchen anderer Herrscherhäuser der Zeit in Beziehung.  --  Birgitta Fritz, Deutsche in Schweden und Schweden in Deutschland um 1370 (S. 249-259), betrachtet die Abrechnungen des mecklenburgischen Ritters Raven van Barnekow von 1365-67 aus dem Mecklenburgischen Landeshauptarchiv Schwerin über seine Verwaltung der Burg Nyköping südlich von Stockholm, eines Pfandlehens Herzog Albrechts von Mecklenburg, gibt dann einen Überblick über Urkunden des Jahres 1370, die deutschen Einfluß auf Handel, Stadtentwicklung und Bergbau in Schweden belegen, und weist auf die Existenz einer bedeutenden deutschsprachigen Bevölkerungsgruppe in den schwedischen Städten hin, die sich in einem nachhaltigen Einfluß des Mittelniederdeutschen auf das Altschwedische niederschlug.  --  Heidelore Böcker, Suppliken des Königs. Politisches Werkzeug oder christliche Normalität? Zur Beförderung Geistlicher im Vorfeld des Stralsunder Friedens (S. 261-286), betrachtet Herkunft, Stellung zum König und wissenschaftliche Ausbildung der von Waldemar in seinen Suppliken aus dem ersten Halbjahr 1364 empfohlenen Geistlichen, die er bevorzugt in den Diözesen Lübeck, Schwerin und Kammin unterzubringen suchte. Sie konstatiert in den meisten Fällen deutsche Abstammung und vermutet, daß Waldemar über solcherart geförderte Geistliche Kontakte zu führenden Ratsfamilien Rostocks und Lübecks herstellen wollte.  --  Thomas Behrmann, Vor Stralsund (1370) und Wordingborg (1435). Gesandtschaftsverkehr und Königsverhalten im Verlauf zweier dänisch-hansestädtischer Konflikte (S. 287-306), stellt anhand von Ortswahl und Ablauf der Treffen hansestädtischer Ratssendboten mit den dänischen Königen eine mit der Zeit zunehmende Distanz des Königs zu seinen bürgerlichen Kontrahenten fest, was durch die Erschwerung des direkten Zuganges zum Herrscher einen größeren Handlungsspielraum für die königlichen Räte mit sich brachte.  --  Volker Henn, Zur Haltung der binnenländischen Hansestädte in der hansisch-dänischen Auseinandersetzung 1367/1370 (S. 307-322), verweist auf die - trotz ihrer Beteiligung am Rußland- und Livlandhandel - überwiegende wirtschaftliche Orientierung der genannten Städte nach Westen, die sie der Kölner Konföderation fernbleiben ließ. Anstatt "ein gewisses Maß an gesamthansischer Solidarität" (S. 317) zu unterstellen, müsse die Sicht der einzelnen Städte und ihrer Ratsherren auf die Hanse untersucht werden.  --  Thomas Hill, Bremen, die Hanse und der Stralsunder Frieden (S. 323-340), gibt einen Überblick über Bremens Politik gegenüber Dänemark und der entstehenden Hanse seit dem 13. Jh. und bewertet das Verhalten der Stadt nach ihrem Hansebeitritt 1358 in den beiden Kriegen gegen Waldemar IV. als in sich folgerichtig. Trotz deren u. a. innerstädtischen Konflikten geschuldeten Verzichts auf eine aktive Kriegsteilnahme 1368 habe die Kölner Konföderation Bremens Haltung als kooperativ anerkannt und mit der Einbeziehung der Stadt in den Stralsunder Friedensschluß honoriert.  --  Dick E. H. de Boer, Goetscalc quam uyt Lieflant in enen nuwen cogghe. Neue Quellen zu prosopographischen Fragen (S. 341-362), illustriert anhand von Wunderbeschreibungen {749} aus den Jahren 1382-1385 im Mirakelbuch von Den Bosch, die sich auf Rettung aus Seenot beziehen und konkrete Aussagen über Schiffe, Besatzung, Ladung und Routen machen, die Bedeutung dieser Quellengattung für eine detailliertere Kenntnis der Seefahrt der Zeit. Für den September 1383 kann er einen bisher unbekannten Beleg für eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen Holländern und Dänen nahe Schonen bei Dragör beibringen.  --  Jeroen Benders, Die Verschriftlichung der Stadtverwaltung in Deventer und Zutphen im Spiegel ihrer Beziehungen zur Hanse (S. 363-377), belegt anhand von Beispielen aus der Zeit um 1440/50 die Aussagekraft städtischer gerichtlicher Register zu Reichweite, Warenspektrum und finanziellem Umfang von Handelsgeschäften einzelner Bürger und plädiert für eine systematische Durchsicht dieser Quellengruppe.  --  Den Band schließt ein Orts- und Personennamenverzeichnis ab, in dem die Seitenzahlen jedoch versehentlich um jeweils zehn zu hoch angegeben wurden.

Ulrike Hohensee {749}


[284], S. 749

Jörg K. Hoensch, Kaiser Sigismund. Herrscher an der Schwelle zur Neuzeit. 1368-1437, München 1996, Beck, 652 S., ISBN 3-406-411193, DEM 86.  --  Das vorzüglich ausgestattete Buch ist eine wissenschaftlich fundierte, wohlgelungene Kaiserbiographie. Sigismund von Luxemburg, der seit 1387 in Ungarn, seit 1410/11 im römisch-deutschen Reich und seit 1420 zumindest nominell auch in Böhmen regierte, war eine wahrhaft europäische Herrschergestalt; sein Itinerar erstreckte sich vom Schwarzen Meer bis England und von Aragon bis Polen. Nach einem Einleitungskapitel über "Zeit und Raum" (S. 13-31), das die Grundlinien der europäischen Geschichte im späten 14. und frühen 15. Jh. absteckt, verfolgt der Vf. seinen Protagonisten in 17 Kapiteln von der Prager Kindheit "im goldenen Käfig" bis zu seinem Ableben auf der Znaimer Burg, wo der Kaiser, nachdem er noch selbst den Ablauf der eigenen Totenfeier geregelt hatte, am 9. Dezember 1437 verstarb. Die drei abschließenden Kapitel handeln über die "Mitarbeiter und Freunde" des Kaisers (S. 465-488) sowie über den "Menschen" (S. 482-502) und den "Herrscher" (S. 503-525) Sigismund. Besonders hervorzuheben ist die "Bibliographie raisonnée", die einen souveränen Überblick zur Sigismund-Forschung seit 1945 bietet und vor allem auch die schwer zugängliche slawischsprachige und ungarische Literatur entsprechend würdigt. Der Vf. schildert detailliert und anschaulich Persönlichkeit und Herrschaftspraxis des letzten Luxemburger Kaisers auf dem römisch-deutschen Thron, den ein "geradezu überwältigender politischer Ideenreichtum" und ein "außerordentliches Verhandlungsgeschick" (S. 524) auszeichneten, und der es zudem vorzüglich verstand, seine Herrscherauftritte glanzvoll zu inszenieren. Sigismunds schon von den Zeitgenossen beobachtete Sprunghaftigkeit wird dabei keineswegs geleugnet, kann aber nicht selten als Folge eines politischen Pragmatismus gedeutet werden. Die kenntnisreiche und umsichtige Darstellung ist eine solide Basis für künftige Forschungen.

Claudia Märtl


[285], S. 749

Ansgar Frenken, Nürnberg, König Sigmund und das Reich. Die städtischen Ratsgesandten Sebolt Pfintzing und Petrus Volkmer in der Reichspolitik, Jb. für fränkische Landesforschung 58 (1998) S. 97-165, 1 Anlage, hebt die besondere Stellung der Nürnberger Räte am Hof des Luxemburgers hervor, die sie in der {750} Reichspolitik Sigmunds Einfluß gewinnen ließ und nicht zuletzt Nürnberg die bekannten, die Aufbewahrung der Reichsinsignien betreffenden Privilegien verschaffte.

Stefan Beulertz {750}


[286], S. 750

Andreas Sohn, Deutsche Prokuratoren an der römischen Kurie in der Frührenaissance (1431-1474) (Norm und Struktur 8) Köln u. a. 1997, Böhlau, X u. 432 S., ISBN 3-412-03797-4, DEM 98.  --  Diese Münsteraner Habilitationsschrift greift ein dringliches Problem auf, da die Rolle der Prokuratoren an der Kurie bislang nur für einzelne Personen oder Institutionen, aber nicht in einer umfassenden Monographie untersucht wurde. Die Arbeit behandelt die allgemeinen Prokuratorentätigkeiten (S. 83-120), die "Beziehungsnetze der Kurienprokuratoren" (S. 121-127) und vor allem prosopographische Aspekte (S. 128-293). S. zählt in dem behandelten Zeitraum 236 Kurienprokuratoren, zehn behandelt er in ausführlichen "Profilen". Er stützt sich dabei jedoch vornehmlich auf römische Register (S. 42-55); daher wurden etwa für den Bereich des Deutschen Ordens die erhaltenen Quellen nicht einmal annähernd ausgeschöpft, selbst wo sie gedruckt vorliegen. Überhaupt vermißt man eine Differenzierung hinsichtlich der Auftraggeber, da ein gelegentlich von einer Reichsstadt beauftragter Prokurator nicht ohne weiteres mit dem Prokurator des Deutschen Ordens - der dem Orden unmittelbar angehörte - gleich zu stellen sein dürfte. Im Anhang findet sich eine "Mitteilung unedierter Quellen", deren Auswahl recht eigenwillig ausfällt.

Arno Mentzel-Reuters


[287], S. 750

Casimiro Bonfigli, Niccolò V. Papa della rinascenza, Roma 1997, Edizioni Anicia, 184 S., zahlreiche Abb., keine ISBN, ITL 30.000, gibt ein für ein breiteres Publikum gedachtes Lebensbild, das sich im großen und ganzen auf der Linie der bekannten Papstgeschichte L. von Pastors bewegt.

Claudia Märtl


[288], S. 750

Christina Göbel, Der Reichstag von Worms 1495. Zwischen Wandel und Beharrung. Eine verfassungs- und institutionengeschichtliche Ortsbestimmung (Edition Wissenschaft. Reihe Geschichte 18) Marburg 1996, Tectum Verlag, 5 Mikrofiches (406 S.), ISBN 3-89608-568-7.  --  Die epochale Bedeutung des Wormser Reichstags, vor allem der vier am 7. August 1495 erlassenen Wormser Gesetze (Landfriedensordnung, Kammergerichtsordnung, Handhabung Friedens und Rechtens und Ordnung des Gemeinen Pfennigs) für die deutsche Verfassungsentwicklung in der Neuzeit steht seit langem außer Frage. Ziel der anzuzeigenden 1992 eingereichten Gießener Diss. ist es, den Wormser Tag in die "Entwicklung vom Hof- zum Reichstag" einzuordnen und seine Bedeutung für die "Entstehung der Institution Reichstag" herauszuarbeiten. In einem ersten Kapitel versucht die Vf., die Ereignisse der fast sechs Monate tagenden Versammlung möglichst lückenlos zu rekonstruieren. Dazu wird das von Heinz Angermeier und seinen Mitarbeitern nach Sachkriterien angeordnete Quellenmaterial (RTA Mittlere Reihe 5, 1 und 2, vgl. DA 40, 255) in chronologischen Kurzregesten wiedergegeben, nach deren Numerierung die Aktenstücke im weiteren Verlauf der Arbeit zitiert werden. Der Sinn dieses Verfahrens ist nicht recht einzusehen, da das Aktenverzeichnis in den RTA bereits den chronologischen Zugriff ermöglicht. Im zweiten Abschnitt werden die Teilnehmer des Reichstags nach ihrer geographischen Herkunft und ihrem sozialen Rang untersucht und die in Worms {751} üblichen Beratungsformen analysiert. Im dritten Teil wird das Ringen Maximilians mit den Ständen unter der Führung des Mainzer Erzbischofs Berthold von Henneberg um einen Interessensausgleich dargestellt. Das Ergebnis dieser komplizierten Auseinandersetzungen war ein "Kompromißwerk", das den Finanzbedarf des Königs und den Anspruch der Stände auf Mitregierung auf einen Nenner brachte und letztlich zur dualistischen Verfassungsentwicklung der Neuzeit führte. Die reiche Literatur, die das Jubiläumsjahr 1995 zum Wormser Reichstag hervorbrachte, wurde nicht mehr eingearbeitet.

Franz Fuchs {751}


[289], S. 751

Le vie Europee dei monaci. L'Europa: "Mucchio di frante immagini su cui batte il sole" (T. S. Eliot). Atti del IV convegno del "Centro di Studi Farfensi", Santa Vittoria in Matenano, 9-12 Settembre 1993 (Scuola di Memoria Storica 4) San Pietro in Cariano (Verona) 1996, Il Segno dei Gabrielli Editori, 345 S., 106 Abb., ISBN 88-86043-21-X, ITL 38.000.  --  An dem Tagungsband fällt zunächst der seltsame Untertitel, ein Zitat von T. S. Eliot, auf, das freilich nirgendwo näher erläutert wird, auch nicht im Einleitungsbeitrag von Emilio Gabrielli, Il monachesimo e il sistema linfatico della nuova Europa (S. 13-24). Somit bleibt der Zusammenhang von Untertitel und Inhalt leider vage, ebenso wie das erklärte Ziel des Bandes, durch die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Bedeutung von Mönchtum und monastischem Leben im christlichen Abendland eine "leuchtende Fackel" und "Hoffnung" für die Zukunft der Menschen von heute zu gewähren (S. 13). Die Beiträge beschäftigen sich mit ausgewählten Aspekten des früh- und hochma. Mönchtums, wobei die Mischung von Studien zur Gesamtentwicklung des Mönchtums und zu Einzelfragen offensichtlich bewußt angestrebt wurde.  --  Elisa Anti, I grandi fondatori e riformatori del monachesimo occidentale. Benedetto d'Aniane (S. 25-43), geht nach einleitenden Bemerkungen zu Benedikt von Nursia und Columban vor allem auf die Person Benedikts von Aniane und seine Bedeutung für das karolingische Mönchtum ein, beschränkt sich dabei aber weitgehend auf eine Nacherzählung seiner Vita sowie eine Auseinandersetzung mit den biographischen Studien von R. Grégoire.  --  Marco Serra, I grandi fondatori e riformatori del monachesimo occidentale. Il monachesimo tra principi e realtà (S. 45-54), beschäftigt sich ebenfalls mit der Kirchen- und Klosterpolitik Karls des Großen und Ludwigs des Frommen.  --  Dario Cervato, Raterio, monaco e vescovo itinerante: di luogo, di mansioni e di animo (S. 55-83), porträtiert die Person des Rather (um 887-976), der als Benediktinermönch gegen das Gebot der stabilitas loci ständig unterwegs war und zahlreiche Ämter bekleidete (Bischof von Verona und Lüttich, Abt von Lobbes, Gelehrter am Hof Ottos I., etc.).  --  Pietro Spinucci, Il monachesimo e il teatro medievale inglese (S. 85-95), eine Einführung in monastische Elemente in lateinischen Dramen aus dem hochma. England, wirkt sowohl thematisch als auch örtlich wie ein erratischer Block.  --  Monica Debbia, Gli scriptoria monastica e l'Europa. L'orientamento culturale dell'abbazia di San Silvestro di Nonantola nei secoli VIII-XII: la formazione dello scrittorio, l'agiografia e le principali vicende politiche del monastero (S. 97-124), zeigt exemplarisch anhand der Geschichte von Nonantola die kulturelle und politische Bedeutung von Klöstern für ihre Umgebung auf.  --  Die übrigen Beiträge des Bandes sind vornehmlich {752} architekturgeschichtlich ausgerichtet und beschäftigen sich mit zumeist weniger bekannten Kirchen- und Klosterbauten in Mittelitalien: Emma Simi Varanelli, Architetture monastiche alto-medievali nelle Marche (S. 125-194), geht in ihrer reich bebilderten Analyse u. a. auf die hochma. Kirchenbauten in Pesaro (S. Decenzio), Mondolfo (S. Gervasio), Pievetorina (S. Angelo in Prefoglio), Plestia (S. Maria), Elcito (S. Maria di Valfucina), Pollenza (S. Maria di Rambona) und S. Elpidio a Mare (S. Croce al Chienti) ein.  --  Maria Silvia Nocelli, Le vicende edilizie del monastero Farfense di Santa Vittoria in Matenano e l'opera di promozione culturale dei Farfensi nel Piceno (S. 195-210), widmet sich anhand der schriftlichen und baulichen Quellen dem von Farfa gegründeten Kloster und Kastell Santa Vittoria in Matenano, das auch den Ort der Tagung bildete.  --  Furio Cappelli, Aspetti e influssi dell'architettura monastica nel territorio Piceno (secoli VIII/XIII) (S. 215-330), stellt detailliert zahlreiche Kirchenbauten im Piceno vor: Stella di Monsampolo (SS. Benedetto e Mauro sul fiume Tronto), Ascoli Piceno (S. Ilario, S. Salvatore di sotto, SS. Matteo ed Antonio), Pedara di Roccafluvione (SS. Ippolito e Cassiano), San Vito di Valle Castellana (chiesa parocchiale), Colle San Marco (eremo di S. Lorenzo in Carpineto), Lisciano (S. Michele arcangelo).  --  Die Beiträge bilden in der Tat einen "bunten Haufen" ("mucchio"). Vielleicht wäre es daher zielführender gewesen, sich inhaltlich auf die Studien zur mittelitalienischen Kirchen- und Klosterarchitektur zu beschränken. Die in Mitteleuropa weitgehend unbekannten architektonischen Kostbarkeiten der Regionen Emilia-Romagna und Marche vorzustellen, macht das hauptsächliche Verdienst des Sammelbandes aus.

Christian Rohr {752}


[290], S. 752

Vom Kloster zum Klosterverband. Das Werkzeug der Schriftlichkeit, Akten des Internationalen Kolloquiums des Projekts L2 im SFB 231 (22.-23. Februar 1996). Hg. von Hagen Keller und Franz Neiske (Münstersche Mittelalter-Schriften 74) München 1997, Wilhelm Fink, VI u. 486 S., Abb., ISBN 3-7705-3222-8, DEM 98.  --  18 Beiträge zu allgemeinen oder speziellen Problemfeldern sind das abschließende Resümee des im Titel genannten Projekts. Im einzelnen sind anzuzeigen: Hagen Keller, Zur Einführung: Formen des Schriftgebrauchs im Zusammenschluß geistlicher Gemeinschaften (S. 1-6).  --  Arnold Angenendt, Kloster und Klosterverband zwischen Benedikt von Nursia und Benedikt von Aniane (S. 7-35) .  --  Clemens Kasper, Von der exhortatio zur regula. Von mündlicher Regelung zu schriftlicher Regel im Mönchtum von Lérins (S. 36-55).  --  Tomas Lehmann, Martinus und Paulinus in Primuliacum (Gallien). Zu den frühesten nachweisbaren Mönchsbildnissen (um 400) in einem Kirchenkomplex (S. 56-67).  --  Barbara H. Rosenwein, Association through Exemption: St. Denis, Salonnes, and Metz (S. 68-87).  --  Veronika von Büren, Vom Nutzen literarischer Handschriften als historische Quellen. Das Beispiel der Solintradition im 9. Jahrhundert (S. 88-99).  --  Alfons Zettler, Fraternitas und Verwandtschaft. Verbindungslinien und Wirkkräfte des Austauschs zwischen frühmittelalterlichen Klöstern (S. 100-117).  --  Eef Overgaauw, Die ältesten Martyrologien der Diözese Hildesheim (S. 118-146).  --  Maria Hillebrandt, Abt und Gemeinschaft in Cluny (10.-11. Jahrhundert) (S. 147-172).  --  Burkhardt Tutsch, Texttradition und Praxis von consuetudines und statuta in der Cluniacensis ecclesia (10.-12. Jahrhundert) (S. 173-205).  --  Andreas Sohn, Vom Kanonikerstift zum Kloster und Klosterverband. Saint-Martin-des-Champs in Paris (S. 206-238). {753}  --  Cosimo Damiano Fonseca, Constat ... monasterium esse tam canonicorum quam et monachorum. Le influenze monastiche sulle strutture istituzionali delle Canoniche e delle Congregazioni canonicali (S. 239-251).  --  Franz Neiske, Papsttum und Klosterverband (S. 252-276).  --  Franz J. Felten, Verbandsbildung von Frauenklöstern. Le Paraclet, Prémy, Fontevraud mit einem Ausblick auf Cluny, Sempringham und Tart (S. 277-341).  --  Gert Melville, Von der Regula regularum zur Stephansregel. Der normative Sonderweg der Grandmontenser bei der Auffächerung der vita religiosa im 12. Jahrhundert (S. 342-363).  --  Jutta Maria Berger, Gastfreundschaft und Gastrecht in hochmittelalterlichen Orden (S. 364-405).  --  Michel Petitjean, Conflits de justice entre l'abbaye Saint-Bénigne et la mairie de Dijon aux XIVe et XVe siècles (S. 406-422).  --  Dietrich W. Poeck, Klöster und Bürger. Eine Fallstudie zu Lübeck (1225-1531) (S. 423-451).  --  Ein Verzeichnis der Publikationen von Joachim Wollasch ist beigefügt (S. 452-462). Erfreulich und leider keineswegs selbstverständlich bei Kongreßakten sind die Register der Personen- und Ortsnamen.

Christian Lohmer


[291], S. 753

The vocation of Service to God and Neighbour. Essays on the interests, involvements and problems of religious communities and their members in medieval society. Selected Proceedings of the International Medieval Congress - University of Leeds 14-17 July 1997, ed. by Joan Greatrex (International Medieval Research 5) Turnhout 1998, Brepols, XIV u. 144 S., ISBN 2-503-50741-7, BEF 1.125.  --  Anhand von 9 Fallbeispielen stellen in der Mehrzahl Nachwuchswissenschaftler Schicksale und Initiativen von ma. Seelsorgern vor. Die Arbeiten veranschaulichen, wie die Beziehungen zum eigenen, aber auch zu rivalisierenden Orden, ferner wie gesellschaftliche Erwartungen und Zwänge, hierarchische Bindungen, intellektuelle Neuerungen das Schaffen in der vita activa bestimmten. Im einzelnen ist vorzustellen: James Clark, Monachi and Magistri: The Context and Culture of Learning at Late Medieval St Albans (S. 1-23).  --  Peter Cunich, Dissolution and De-Conversion: Institutional Change and Individual Response in the 1530s (S. 25-42).  --  Margaret Goodrich, Westwood, a Rural English Nunnery with its Local and French Connections (S. 43-57).  --  Nicholas Heale, John Lydgate, Monk of Bury St Edmunds, as Spiritual Director (S. 59-71).  --  Anthony Marett-Crosby, The Influence of Humanism in the Monasticism of Robert Joseph, Monk of Evesham (S. 73-85).  --  Marilyn Oliva, Unsafe Passage: The State of the Nuns at the Dissolution and their Conversion to Secular Life (S. 87-104).  --  Michael Robson, Benedictine and Franciscan Cloisters: Partnership and Rivalry in the Thirteenth Century (S. 105-120).  --  Walter Senner, Rhineland Dominicans, Meister Eckhart and the Sect of the Free Spirit (S. 121-133).  --  Thomas Sullivan, Merit Ranking, the Religious Orders, and the Parisian Faculty of Theology in the Later Middle Ages (S. 135-144). Da die Arbeiten weniger Grundsätzliches als vielmehr individuelle Fälle behandeln, ist der Verzicht auf ein Register zu verschmerzen.

Christian Lohmer


[292], S. 753

Joachim Wollasch, Traditionen in der Vita Benedictina, die nicht in der Regula gründen, StMGBO 109 (1998) S. 7-26, untersucht folgende ma. Traditionen der "benediktinischen Lebensregel": die Auffassung, "Norm und Ursprung" des Mönchtums seien "im Leben der Urkirche" nach der Apostelgeschichte vorgebildet; die stabilitas loci und Mehrfachprofeß; das liturgische Gedenken für {754} Lebende und Tote. Der Vf. betont den Einfluß der Reformbewegungen auf diese unabhängig von der Regula Benedicti entstandenen Traditionen.

Klaus Naß


[293], S. 754

Scott G. Bruce, "Lurking with Spiritual Intent": A Note on the Origin and Functions of the Monastic Roundsman (Circator), Revue Bénédictine 109 (1999) S. 75-89, beschreibt die Aufgaben des Aufsehers in Klöstern, wie sie in den Consuetudines dargestellt werden. Das Amt ist seit dem 8. Jh. faßbar und im Hoch-MA lag eine Hauptbeschäftigung der circatores in der Überwachung des Schweigegebots.

Detlev Jasper


[294], S. 754

Christopher M. Bellitto, The Spirituality of Reform in the Late Medieval Church: The Example of Nicolas de Clamanges, Church History 68 (1999), S. 1-13, interpretiert die Schrift De prosperitate adversitatis des Sekretärs Benedikts XIII. Nikolaus de Clamanges (#[86] 1437), in der er unter dem Einfluß der Devotio moderna fordert, daß eine Kirchenreform nicht am Haupt, sondern an den Gliedern beginnen müsse.

Detlev Jasper


[295], S. 754

Yitzhak Hen, Milites Christi utriusque sexus. Gender and the Politics of Conversion in the Circle of Boniface, Revue Bénédictine 109 (1999) S. 17-31, betont die gegenüber der Merowingerzeit gestiegene Bedeutung der Nonnenklöster im Missionskonzept des Bonifatius (#[86] 754) und versucht seine These durch die Lioba-Vita Rudolfs von Fulda zu belegen: Aus ihr gehe hervor, daß die Nonnen der Bonifatiuszeit einen viel intensiveren Umgang mit der Außenwelt gepflegt und daher größeren Einfluß gehabt hätten als zur Zeit der Merowinger.

Detlev Jasper


[296], S. 754

Paul Amargier, Une Église du renouveau. Réformes et réformateurs de Charlemagne à Jean Hus, 750-1415. Préface par le cardinal Robert Coffy (Cerf-Histoire) Paris 1998, Les Éditions du Cerf, 301 S., ISBN 2-204-05724-4, FRF 195.  --  Das Buch, ohne wissenschaftlichen Apparat, ohne Bibliographie und ohne Register für ein breiteres Publikum geschrieben, zerfällt in einen darstellenden Teil (S. 11-159) und einen noch umfangreicheren mit "Documents" betitelten Quellenabschnitt von 40 ins Französische übersetzten Texten (S. 161-298). Die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils haben den Vf. veranlaßt, über Reformen und Reformansätze des MA zu referieren. Er beginnt mit Bonifatius und der Karolingerzeit, und es folgen Ausführungen über die Mönchsreformen von Benedikt von Aniane bis zu den Zisterziensern, die Gregorianische Reform, über die Bettelorden und häretische Bewegungen. Das letzte Kapitel handelt über die Konzilien von Basel und Konstanz und schließt mit einigen Bemerkungen zu Nikolaus von Kues. Was im sogenannten Quellenteil geboten wird, stammt zumeist aus Sekundärliteratur, und offenbart durchweg, daß die neuere Forschung den Vf. nicht erreicht hat, was übrigens auch für die Darstellung zutrifft und oft zu grausamen chronologischen Fehlern führte. Wer etwas über Reformen im MA wissen will, erfährt aus diesem Band kaum Belehrung.

Detlev Jasper


[297], S. 754

Dietrich W. Poeck, Cluniacensis Ecclesia. Der cluniazensische Klosterverband (10.-12. Jahrhundert) (Münstersche Mittelalter-Schriften 71) München 1998, Wilhelm Fink, X u. 619 S., Karten, ISBN 3-7705-2991-X, DEM 128.  --  Die {755} Erforschung des cluniazensischen Klosterverbandes nimmt immer klarere Konturen an - nicht zuletzt dank der vorliegenden brillanten Habilitationsschrift. In ihr werden der Entstehungsprozeß der Ecclesia Cluniacensis von einem lockeren Netz der Anfangszeit zu einem Corpus nachvollzogen und die differenzierten juristischen Strukturen rekonstruiert. Neben der Analyse des Verbandes - der Begriff Orden ist für Cluny im Untersuchungszeitraum abzulehnen - werden exemplarische Schlüsselereignisse vorgeführt und Zusammenhänge zu sozialgeschichtlichen Fragen hergestellt. Als drei Hauptpunkte kommen die päpstlichen Privilegierungen, die Herausbildung des Klosterverbands in Fallbeispielen und die Frage nach dem Wesen eines cluniazensischen Gemeinschaftsbewußtseins zur Sprache. In einem 200 Seiten umfassenden verdienstvollen Corpus listet P. die einzelnen Gründungen in alphabetischer Reihe auf und aktualisiert damit frühere Aufzählungen. Neben den allgemeinen geographischen Angaben liegt der Schwerpunkt auf den päpstlichen Bestätigungen, den Stiftern, der Beschreibung der Schenkungen, der Art des Gebetsgedenkens und den Visitationen. Ausführliche Register bestätigen den hohen Wert der Arbeit, die Grundlagenforschung mit Analyse vereint.

Christian Lohmer


[298], S. 755

Dominique Iogna-Prat, Ordonner et exclure. Cluny et la société chrétienne face à l'hérésie, au judaïsme et à l'islam 1000-1150 (Collection historique) Paris 1998, Aubier 1998, 508 S., ISBN 2-7007-2287-6, FRF 160.  --  Der ma. Ordnungsgedanke hat schon immer das wissenschaftliche Werk des ausgewiesenen Cluniazenserspezialisten bestimmt. Hier wird der Modellcharakter des ordo-Modells unter der Fragestellung präzisiert, wie sich die christliche Gesellschaft in ihren Binnen- und Außenbeziehungen durch den Filter des cluniazensischen Mönchtums präsentiert. Gewissermaßen Katalysator dieser Thematik ist das literarische Schaffen des Petrus Venerabilis, exemplifiziert in den Schriften Aduersus Iudaeorum inueteratam duritiem, Contra Petrobrusianos hereticos und Contra sectam Sarracenorum. Dem Gedanken der "Reinigung" folgt eine Analyse der rhetorischen Techniken und Argumentationsmuster. Danach wird I.-P. grundsätzlich, geht es doch um Taufe und Kultort. Natürlich muß auch der Opfertod Christi, die Beziehung der Lebenden zu den Toten und die soziologische Rolle der Ausgeschlossenen mit einbezogen werden. Grundsätzliche anthropologische Probleme folgen in der Frage nach dem Wechselspiel von Juden und Moslems im Rahmen der menschlichen Gesellschaft: Sind sie gefährliche Repräsentanten des Antichrist oder einfach lächerliche, kaum ernst zu nehmende Randphänomene? Die inspirierte Arbeit strotzt geradezu von neuen Ideen, so daß selbst der Vf. weder Intention noch Essenz seiner Reflexionen auch nur ansatzweise verdichten kann. Vielmehr muß sich der interessierte Leser auf die komplette Lektüre einlassen, was sich angesichts der ausgegliederten 100 Seiten Anmerkungen und Literatur äußerst anspruchsvoll gestaltet. Sicherlich ein Werk, das die Forschung noch lange nachhaltig beschäftigen wird.

Christian Lohmer


[299], S. 755

Christendom and its discontents. Exclusion, persecution, and rebellion, 1000-1500, ed. by Scott L. Waugh and Peter D. Diehl, Cambridge 1996, Cambridge University Press, 376 S., ISBN 0-521-47183-4, GBP 35.  --  Der aus einer Tagung von 1991 an der University of California in Los Angeles hervorgegangene Band präsentiert seine insgesamt 16 Beiträge in vier Abteilungen: Teil I {756} ist überschrieben "Heterodoxy, dissemination, and repression" (S. 17-147), Teil II "Women's religious aspirations" (S. 149-203), Teil III "Non-Christian minorities within medieval Christendom" (S. 205-284), Teil IV "Christendom and its discontents: rethinking the boundaries" (S. 287-362). Nach einer die einzelnen Aufsätze in den Forschungsstand einordnenden Einleitung (S. 1-15) gelangen zum Abdruck: R. I. Moore, Heresy, repression and social change in the age of Gregorian reform (S. 19-46), basiert auf seinen Büchern "The Origins of European Dissent" (vgl. DA 38, 282 f.) und "The Formation of a Persecuting Society" (vgl. DA 43, 675 f.).  --  Peter D. Diehl, Overcoming reluctance to prosecute heresy in thirteenth-century Italy (S. 47-66), beleuchtet die Ambivalenz, mit der man im Italien des 13. Jh. zur Verfolgung eigener politischer Ziele der Häresie gegenüberstehen konnte.  --  James Given, Social stress, social strain, and the inquisitors of Medieval Languedoc (S. 67-85), verfolgt ähnliche Fragestellungen für das Languedoc und weist auf die Anpassung der (erfolgreichen) Inquisitoren an die lokalen Gegebenheiten hin.  --  Mary A. Rouse and Richard H. Rouse, The schools and the Waldensians: a new work by Durand of Huesca (S. 86-111), liefern eine Sensation: den Hinweis auf die bisher unbekannte Bearbeitung des Alphabetum in artem sermocinandi Peters von Capua (#[86] 1214) durch Durandus von Huesca, einen der wenigen namentlich bekannten Anhänger des Valdes.  --  Clifford R. Backman, The reception of Arnau de Vilanova's religious ideas (S. 112-131), skizziert die Befassung der Päpste Bonifaz VIII., Benedikt XI. und Clemens V. mit den der Häresie gefährlich nahekommenden Ideen des katalanischen Arztes und Laientheologen.  --  Anne Hudson, "Springing cockel in our clene corn": Lollard preaching in England around 1400 (S. 132-147), stellt die Predigt als Medium zur Verbreitung von Häresie sowie Instrument zu deren Bekämpfung dar.  --  Anne L. Clark, Repression or collaboration? The case of Elisabeth and Ekbert of Schönau (S. 151-167), geht der komplexen Beziehung zwischen den beiden Geschwistern vor dem Hintergrund traditioneller Misogynie nach und macht Ekberts Anteil an dem Offenbarwerden von Elisabeths visionärer Spiritualität deutlich.  --  E. Anne Matter, Prophetic patronage as repression: Lucia Brocadelli da Narni and Ercole d'Este (S. 168-176), beschäftigt sich mit der "asymmetrical relationship" zwischen Herzog Ercole von Ferrara (#[86] 1505) und der stigmatisierten Lucia von Narni (#[86] 1544).  --  Katherine Gill, Scandala: controversies concerning clausura and women's religious communities in late medieval Italy (S. 177-203), widerlegt quellennah die von der Forschung vielfach behauptete Verschärfung der Klausurbestimmungen für Frauen im 14. u. 15. Jh.  --  Carlo Ginzburg, The conversion of Minorcan Jews (417-418): an experiment in history of historiography (S. 207-219), interpretiert in Auseinandersetzung mit Peter Brown's "The Cult of the Saints" (vgl. DA 41, 287) den im Jahre 418 geschriebenen Brief des Bischofs Severus von Menorca (Migne PL 20, 731-746) über die im Anschluß an die Ankunft der Reliquien des hl. Stephanus in der Stadt Mahon erzwungene Konversion der Juden im Kontext jüdischer und christlicher Martyrerverehrung neu und anders als Brown.  --  Robert Chazan, The deteriorating image of the Jews - twelfth and thirteenth centuries (S. 220-233), bringt auszugsweise einen Vorabdruck aus seiner Studie "Medieval Stereotypes and Modern Antisemitism" (1997).  --  David Abulafia, Monarchs and minorities in the Christian western Mediterranean around 1300: Lucera and its analogues (S. 234-263), analysiert den zwischen 1287 und 1306 voranschreitenden {757} Prozeß der Dämonisierung sowohl von Juden wie von Muslimen und weist auf die Konsequenzen für die Rechtstellung der Juden hin, die durch die Rezeption des römischen Rechtes am Hof von Neapel bewirkt wurden.  --  Olivia Remie Constable, Muslim Spain and Mediterranean slavery: the medieval slave trade as an aspect of Muslim-Christian relations (S. 264-284), wertet für ihre Untersuchung des "enslavement of Christians by Muslims, and Muslims by Christians" nicht nur gedruckte (auch arabisch geschriebene!), sondern auch archivalische Quellen aus.  --  Gavin I. Langmuir, The tortures of the body of Christ (S. 287-309), zeigt die den Hostienfrevelanschuldigungen zugrunde liegenden theologischen Vorstellungen auf und sieht in den bekannten Vorgängen 1290 in Paris "the turning point" (S. 299), ab dem unterstellte Hostienattacken für Juden, vor allem in Deutschland, tödlich endeten, wofür die Massaker von 1298 und 1335-1338 als Beispiele dienen.  --  Richard Kieckhefer, The holy and the unholy: sainthood, witchcraft and magic in late medieval Europe (S. 310-337), erhellt die spätma. "flirtation between heaven and hell" (S. 334) und macht neugierig auf die von ihm angekündigte Edition des Picatrix-Materials im Clm 849 der Bayerischen Staatsbibliothek.  --  Edward M. Peter, Transgressing the limits set by the fathers: authority and impious exegesis in medieval thought (S. 338-362), nimmt den gesamten Zeitraum von der Spätantike (Tertullian) bis zur Reformation (Calvin) in den Blick, um zu erläutern, nach welchen Kriterien und von wem im MA die Grenze zwischen Orthodoxie und Heterodoxie bestimmt wurde.  --  Jedem der Beiträge, auch der Einleitung, sind eigene Literaturlisten beigegeben; ein kombiniertes Ort-, Personen- und Sachregister komplettiert den materialreichen und anregenden Band.

Peter Segl {757}


[300], S. 757

Gioacchino Volpe, Movimenti religiosi e sette ereticali nella società medievale italiana (secoli XI-XIV). Introduzione di Cinzio Violante, Roma 1997, Donzelli editore, L u. 267 S., ISBN 88-7989-324-6, ITL 50.000.  --  Das vorliegende Buch ist die Neuauflage eines Werkes zu den religiösen Bewegungen, das erstmals 1907 erschienen ist und dann 1912, 1922 und 1961 weitere Auflagen erfuhr. Der Autor und sein grundlegendes Werk wird zunächst von Violante in einer ausführlichen Einleitung gewürdigt.

Martina Hartmann


[301], S. 757

Ursula Vones-Liebenstein, Saint-Ruf und Spanien. Studien zur Verbreitung und zum Wirken der Regularkanoniker von Saint-Ruf in Avignon auf der Iberischen Halbinsel (11. und 12. Jahrhundert), Bd. 1: Studien, Bd. 2: Regesten und Anhang (Bibliotheca Victorina 6) Turnhout 1996, Brepols, 949 S., Abb., Karten, ISBN 2-503-50505-8, BEF 5.500.  --  Auf diese Kölner Diss. von 1992 aus der ruhmreichen Schule von Odilo Engels hat die Zunft schon seit Jahren gewartet, ist ihre Vf. doch bereits durch zahlreiche kleinere Arbeiten als eine der besten Kennerinnen des spanischen MA bekannt, die schon so manchem Mitforscher mit Auskünften und hilfreichem Rat zur Seite gestanden hat, nicht zuletzt durch Einsichtgewährung in ihre Diss., was diese schon vor ihrem Erscheinen zu einem häufig zitierten Werk gemacht hat. In drei Teile hat die Vf., einen landesgeschichtlichen Ansatz zugrundelegend, ihre auf denkbar breitester Quellen- und Literaturbasis durchgeführten Untersuchungen gegliedert: Nach den politischen und kirchenpolitischen Hintergründen dafür, daß Saint-Ruf um die Wende des 12. Jh. einen Reformkreis in Katalonien bildete (S. 49-231), werden die Entfaltung {758} des Ordens im Einflußbereich der Kronen Kastilien und Aragón um die Mitte des 12. Jh. sowie die Verfestigung seiner Strukturen durch das Eingreifen Papst Hadrians IV., des früheren Abtes Nikolaus (Breakspear) von St.-Ruf, dargestellt (S. 233-484). Nach einer sehr konzentrierten Schlußbetrachtung (S. 485-495) schließen sich als dritter Teil die Regesten der spanischen Priorate der Avignoneser Kanonie an (S. 501-722), die freilich weit mehr bieten als bloß Regesten, sondern abgeschlossene, höchst informative Klösterprofile entwerfen, eingeleitet jeweils mit einer detaillierten Archivgeschichte, wie sie für keines der sieben behandelten Priorate in vergleichbarer Güte bisher vorlag. Vorgestellt werden nach dem jeweils gleichem Schema: Quellenlage - Geographische Lage, Besitzungen und Rechte - Liste der Prioren - Regesten, nur die auch rechtlich von Saint-Ruf abhängigen Klöster Santa Maria in Besalú (S. 508-581), Santa Maria in Terrassa (S. 583-660), Sant Ruf in Lérida (S. 661-685), San Miguel de Escalada (S. 687-704), Santa Maria de Sant-Feliu d'Amont (S. 705-710), Sant Pere de Castellnou (S. 711-716) und Sant Miquel de Marmellar (S. 717-722). Mit Recht hat die Vf. primär diese Priorate zum Gegenstand ihrer Untersuchungen gemacht, da nur so Aufschluß über den tatsächlich ausgeübten Einfluß der Sanrufianer Kanoniker gewonnen und dessen bisherige Überschätzung in der Literatur berichtigt werden konnte. Darüber hinaus hat sie ihr Augenmerk aber auch auf solche Gemeinschaften gerichtet, die, wie etwa Sant Joan de les Abadesses in der Grafschaft Besalú und Santa Cruz in Coimbra oder wie die Kathedralkapitel von Vic, Tortosa und Tarragona, sich zwar nicht dem Verband anschlossen, wohl aber die Consuetudines von Saint-Ruf übernahmen, wodurch die auch sonst in der Arbeit aufgezeigte Ähnlichkeit des Sanrufianer Einflusses in Spanien mit jenem von Cluny besonders augenfällig wird. In summa: ein großes Buch!

Peter Segl {758}


[302], S. 758

Bruno Rieder, Deus locum dabit. Studien zur Theologie des Kartäuserpriors Guigo I. (1083-1136) (Münchener Universitäts-Schriften. Veröffentlichungen des Grabmann-Institutes N. F. 42) Paderborn u. a. 1997, Ferdinand Schöningh, XXXVI u. 335 S., ISBN 3-506-79442-6, DEM 68.  --  Die einfühlsame und dennoch auch wissenschaftlich distanzierte Studie erschließt erstmals in aller Ausführlichkeit Person und Bezugsfeld Guigos. Unter diesem fünften Ordensvorsteher wurde die eigentliche Identität des Ordens in den Meditationes, Consuetudines, Briefen und vermutlich weiteren Werken schriftlich begründet. Den Ausgangspunkt der umfassenden Studie bildet die Analyse der Rahmenbedingungen, des Eremitismus im allgemeinen, mittelitalienischer Sonderformen und ordenseigener Wurzeln. Danach werden vor allem theologische Fragen behandelt: "Christologie, Vermittlungen, Leiblichkeit und Raum, Askese und Gnade". Nur die Frage, die den Rezensenten mit am meisten bewegt, nämlich die nach den direkten Vorlagen, der Beeinflussung durch Schriften oder Leben der Vorbilder, bleibt unbeantwortet. R. beschränkt sich auf die werkimmanente Analyse der Schriften Guigos, bietet auch stets Parallelen, doch die Frage nach Originalität oder Übernahme von Vorgedachtem und -gelebtem bleibt offen, wohl weil sie auch gar nicht so klar zu beantworten ist. Mit der Studie wird das Wesen des Kartäuserordens in vielen Aspekten deutlicher, auch wenn manche Fragen ungeklärt bleiben (müssen). Vieles scheint wohl eremitsches bzw. monastisches Gemeingut gewesen zu sein, und vielleicht geht auch die Frage des Rezensenten an der {759} eigentlichen Sache vorbei. Gerade in Fragen der Spiritualität stoßen historisch wissenschaftliche Ansprüche doch schnell an ihre Grenzen.

Christian Lohmer


[303], S. 759

David H. Williams, The Cistercians in the early Middle Ages. Written to Commemorate the Nine Hundredth Anniversary of Foundation of the Order at Cîteaux in 1098. Under the Patronage of Blessed Vincent Kadlubek, Bishop of Kraków (1208-18), Monk of Jedrzejów (1218-1223) Leominster 1998, Gracewing, X u. 479 S., Abb., Karte, ISBN 0-85244-350-1, GBP 60.  --  Der Mut, die ersten 250 Jahre des Ordens in einer europäischen Gesamtschau für ein breiteres Publikum zusammenzutragen, verdient Bewunderung. Doch auch der anspruchsvollere Leser kommt auf seine Kosten: Nahezu jeder Satz ist mit einer Fußnote belegt. Inhaltlich werden Informationen aus allen Bereichen der Ordensgeschichte zusammengetragen, "nationale" Spannungen oder Apostasie haben genauso ihren Platz wie Torfstechen oder künstliche Bewässerung. Der Vf. ist bemüht, bei der stets gelungenen Suche nach Anschaulichkeit alle bekannten Klöster des gesamten Ordens einzubeziehen. So ist es erstaunlich, welche Aspekte man der Rekonstruktion historischen Lebens abgewinnen kann. Die Register sind dementsprechend überwältigend. Zur Illustration sind nicht nur Diagramme, Pläne und Karten beigegeben; die Fotos lassen leider oftmals gemessen an heutigen Ansprüchen stark zu wünschen übrig, sind allerdings auch Ausdruck der offensichtlich regen Forschungsreisetätigkeit des Vf. Deutlich wird die gesamteuropäische Dimension des Ordens innerhalb weniger Jahrzehnte, und darin liegt auch die Modernität des Werkes. Was allerdings zu kurz kommt, ist die wissenschaftliche Diskussion; trotz der unermeßlich ausführlichen Bibliographie entsteht der Eindruck, alles sei geklärt. Die Beurteilung muß daher auch ambivalent ausfallen: Wer Fakten zu allen nur denkbaren Formen des Ordens sucht, ist bestens informiert, wer jedoch theologische, philosophische oder einfach nur kritische Wissenschaft erwartet, sollte vom Kauf Abstand nehmen.

Christian Lohmer


[304], S. 759

Andreas E. Kovács, Die Prämonstratenser in Ungarn und ihre kulturellen Leistungen, Analecta Praemonstratensia 74 (1998) S. 41-48, macht in einer losen Aneinanderreihung einige Neuentdeckungen bekannt. Für den Mediävisten sind die Hinweise zu sieben liturgischen Kodizes (S. 44) von Interesse.

Christian Lohmer


[305], S. 759

Kaspar Elm, Umbilicus Mundi. Beiträge zur Geschichte Jerusalems, der Kreuzzüge, des Kapitels vom Hlg. Grab in Jerusalem und der Ritterorden (Instrumenta canonissarum regularium Sancti Sepulcri 7) Sint-Kruis (Brugge) 1998, Sint-Trudo-Abdij, IV u. 566 S., ISBN 90-5746-002-5.  --  Der Sammelband bietet 15 ausgewählte Studien des Berliner Mediävisten, die zwischen 1976 und 1998 zu den im Untertitel genannten Themenfeldern erstmals erschienen, darunter je einen in Italienisch, Spanisch, Französisch und Niederländisch. Allein zehn betreffen das Kapitel und den Orden vom Hl. Grab. Zu beachten ist eine S. 561 ff. beigegebene Liste mit zahlreichen weiteren einschlägigen Publikationen des Autors.

Rudolf Schieffer


[306], S. 759

Militia Sancti Sepulcri. Idea e istituzioni. Atti del colloquio internazionale tenuto presso la Pontificia Università del Laterano 10-12 aprile 1996, a cura di Kaspar Elm e Cosimo Damiano Fonseca (Hierosolimitana: Acta et Monumenta) {760} Città del Vaticano 1998, Gran Magistro dell'Ordine Equestre del Santo Sepolcro di Gerusalemme, 521 S., Abb., keine ISBN, ITL 60.000.  --  Mit dem Kongreßband macht der Ritterorden vom Hl. Grab den begrüßenswerten Versuch, seine eigene Vergangenheit in seriöser Weise besser als bisher zu erforschen und die Resultate einem weiteren Publikum zugänglich zu machen. Neben weniger wichtigen Beiträgen klammere ich hier diejenigen aus, die sich mit den neuzeitlichen Einschnitten in der Ordensgeschichte von 1847 und 1868 und danach befassen: Kaspar Elm, Militia Sancti Sepulcri: idea e istituzioni (S. 13-22), begründet in seinem Eröffnungsvortrag die Notwendigkeit weiterer Forschungen zur Geschichte des Ordens, der in einer Fülle unkritischer Literatur lange mit allen möglichen anderen Institutionen am Hl. Grab durcheinandergeworfen wurde.  --  Franco Cardini, Militia Christi e crociate nei secoli XI-XIII (S. 25-58), geht den Umformungen des alten Begriffes militia Christi in der Kreuzzugszeit nach.  --  Jean Flori, La chevalerie: est-elle une manière de vivre? (S. 59-75), beschäftigt sich mit dem allgemeinen Bedeutungswandel von miles von berittenem Krieger ohne strikt definierten Sozialstatus zu einer ständisch exklusiven Adelsschicht.  --  Anthony Luttrell, The Military Orders: Some Definitions (S. 77-88), gelangt zu folgender Definition: Kampf gegen die Ungläubigen, die drei Gelübde für Vollmitglieder und ein gemeinsames liturgisches Leben nach einer vom Papst approbierten Regel, dies waren im wesentlichen die verbindenden Rechtsformen. Mönche waren sie keine, Ritter nicht immer und Kreuzfahrer nie, weil ihnen das Ablegen anderer Gelübde, also auch des Kreuzzugsgelübdes, untersagt war und sie dem Heidenkampf ohnehin verpflichtet waren.  --  Andreas Ranft, Ritterorden und Rittergesellschaften im Spätmittelalter. Zu Formen der Regulierung und Internationalisierung ritterlich-höfischen Lebens in Europa (S. 89-110), zeigt mit umfassender Kenntnis der Materie auf, was die spätma. Rittergesellschaften von den Ritterorden schied, hauptsächlich nämlich, daß sie die jeweilige weltliche Macht stützen und höfisch repräsentieren sollten.  --  Angelika Neuwirth, The Significance of Jerusalem in Islam (S. 141-159), widmet sich in profunder Weise einem außer bei Heribert Busse etwas vernachlässigten Thema, dessen Bearbeitung um so notwendiger ist, als die Bedeutung Jerusalems für den Islam in der Vorkreuzzugszeit selbst in der Encyclopaedia of Islam heruntergespielt wurde.  --  Giorgio Fedalto, Il patriarcato latino di Gerusalemme 1099-1187 (S. 179-201), skizziert dessen Geschichte vor allem zu Beginn der Kreuzfahrerzeit.  --  Kaspar Elm, Das Kapitel der regulierten Chorherren vom Heiligen Grab in Jerusalem (S. 203-222), gehört zu den besten Arbeiten im Band. Mit unübertrefflicher Expertise geht der Vf. der Entwicklung der Chorherren vom Hl. Grab und ihrer vor allem nach 1291 sehr wechselvollen Geschichte nach und arbeitet ihre Theorie von der Idealpräsenz der heiligen Stätten Jerusalems dort, wo sie selbst residierten (Perugia), eindrucksvoll heraus.  --  Ignazio Mancini, La custodia di Terra Santa e l'investitura dei cavalieri del Santo Sepolcro (S. 289-303), untersucht den Ritterschlag am Hl. Grab durch den franziskanischen Kustos der Terra Santa, der gewissen festgelegten Ritualen folgte, aber von Rom nie expressis verbis zugewiesen worden war, insbesondere nicht durch Alexander VI., dem man dies zugeschrieben hat.  --  Jean-Pierre Comte de Gennes, L'ordre de la chevalerie du Saint-Sépulcre de Jérusalem (XIV-XIX siècles) (S. 311-326), faßt hier die detaillierten Forschungen aus seinem großen Werk Les chevaliers du St.-Sépulcre (1995) zusammen: Die bis in die {761} jüngste Zeit wiederholten Ordenstraditionen über eine Gründung durch Gottfried von Bouillon oder Balduin I. von Jerusalem sind legendär, die angeblich untermauernden Urkunden moderne Fälschungen, deren Genese aufgezeigt wird. Die wahre Geschichte der Institution beginnt ohne förmliche Gründung um 1335 mit dem Ritterschlag am Hl. Grab, der kurz nach 1500 in die Hand des franziskanischen Kustos der Terra Sancta kam, wofür man sich auf mündliche Autorisation durch die Päpste berief. Eine Verbindung zu den Hl. Grab-Kanonikern und ihrem Orden bestand nie.  --  Johannes Pahlitzsch, Symeon II. und die Errichtung der Kirche von Jerusalem durch die Kreuzfahrer (S. 341-360), hat mit dem Rahmenthema nichts zu tun, ist aber ein sehr ernstzunehmender Beitrag zur Geschichte des 1099 amtierenden orthodoxen Patriarchen von Jersualem, hauptsächlich in Auseinandersetzung mit den Ansichten von Albrecht Noth und Peter Plank.  --  Giuseppe Ligato, Baldovino I, re di Gerusalemme, "dominici sepulcri vexillifer" (S. 361-380), beschäftigt sich weit ausholend mit diesem in einem Panegyricus des 12. Jh. bezeugten Titel und mit der Rolle der Kreuzesreliquie im Königreich Jerusalem.  --  Nikolaus Jaspert, Die Ritterorden und der Orden vom Hl. Grab auf der iberischen Halbinsel (S. 381-410), ist ein mit stupender Literaturkenntnis gearbeiteter, hochwillkommener Überblick über die kaum noch zu überblickende Forschung auf einem wichtigen Gebiet der spanischen Geschichte, die deutschen Mediävisten ja traditionell eher fern steht.  --  Francesco Tommasi, Fondi documentari ultramarini in Italia: L'archivio del Santo Sepolcro da Acri a Perugia (S. 419-436), faßt die bisherigen Forschungen über die Wanderungen des Zentralarchivs der Hl. Grab-Kanoniker und ihres Ordens, aber auch anderer geistlicher Korporationen des Hl. Landes in Italien nach 1291 zusammen.  --  Philip Daniel, Le origini dell'ordine del Santo Sepolcro: Le tesi di Monsieur de Gennes e qualche osservazione (S. 459-461), kämpft tapfer, aber auf verlorenem Posten, wenn er gegen alle Evidenz neuerlich einen institutionellen Zusammenhang zwischen den Heiliggrabkanonikern und dem Ritterorden vom Hl. Grab konstruieren will.

Hans Eberhard Mayer


[307], S. 761

Bianca Capone Ferrari, Quando in Italia c'erano i templari. Italia settentrionale, Torino 1996, Edizioni Federico Capone, 251 S., zahlreiche Abb., Karten, keine ISBN, ITL 38.000.  --  Es handelt sich um die Neubearbeitung der ersten Auflage aus dem Jahre 1981 durch die Libera Associazione Ricercatori Templari Italiani, deren Präsidentin Frau Ferrari ist. Geboten wird eine Zusammenstellung und Beschreibung aller aus den Quellen ersichtlichen Niederlassungen der Templer in Norditalien.

Roland Pauler {761}


[308], S. 761

Kay Peter Jankrift, Leprose als Streiter Gottes. Institutionalisierung und Organisation des Ordens vom Heiligen Lazarus zu Jerusalem von seinen Anfängen bis zum Jahre 1350 (Vita regularis 4) Münster 1996, LIT-Verlag, 262 S., ISBN 3-8258-2589-2, DEM 58,80.  --  Der Orden vom Heiligen Lazarus nimmt in der Geschichte der Ritterorden eine einzigartige Stellung ein, da in ihm leprose und gesunde Ritter unter einem aussätzigen Meister kämpften. Während jedoch die Literatur zu den großen Ritterorden der Templer, Johanniter und des Deutschen Ordens kaum mehr überschaubar ist, fehlte bisher eine modernen wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Darstellung der Lazariten. Die liegt nun von den Anfängen bis zur Mitte des 14. Jh. vor. In der bei Gert Melville gefertigten {762} Diss. skizziert der Autor in der Einführung zunächst das Krankheitsbild der Lepra sowie die Stellung der Leprosen in der ma. Gesellschaft und zeichnet dann kurz die Geschichte des Ordens vom hl. Lazarus und die seiner Erforschung. In minutiöser Auswertung der kärglichen Quellen schildert er den Ursprung des Ordens (vor 1142) in Jerusalem, seine institutionelle Etablierung, den Alltag in den Ordenshäusern und schließlich den Wandel zum Ritterorden. Der Ausbildung eines Netzes von Niederlassungen im Abendland, der Regel und den Statuten des Ordens, der Ordenshierarchie wie ihrem Funktionieren sind weitere Abschnitte gewidmet. Der Autor zeigt weiter die hospitalische Versorgung, die militärische Aufgabe und die wirtschaftliche Tätigkeit. Sorgfältige Analyse und Auswertung der Quellen und ständiger Vergleich mit anderen Ritter- und Spitalorden lassen ein plastisches Bild dieser Ausnahmeerscheinung auf dem Gebiet der ma. Caritas entstehen. Eine Liste der lazaritischen Meister und Würdenträger (-1350) und eine ausführliche Bibliographie - ein Register fehlt leider - runden das gelungene Werk ab, dessen Autor wirklich eine Forschungslücke geschlossen und unser Wissen über die Kreuzfahrerstaaten um eine wichtige Facette bereichert hat.

Adalbert Mischlewski {762}


[309], S. 762

Il papato duecentesco e gli ordini Mendicanti. Atti del XXV Convegno internazionale, Assisi, 13-14 febbraio 1998 (Atti dei Convegni della Società internazionale di studi francescani e del Centro interuniversitario di studi francescani N. S. 8) Spoleto 1998, Centro italiano di studi sull'alto medioevo, X u. 377 S., ISBN 88-7988-922-2, ITL 75.000.  --  Wie in der Vergangenheit wiederholt gezeigt, werden bei dem jährlichen Franziskanerkongreß in Assisi die bewährten Pfade betreten. Es ist erstaunlich, daß die traditionellen Themen in regelmäßiger Abfolge aus dem Munde der ausgewiesenen Experten neue Einsichten versprechen. Natürlich hat das Kongreßthema eine immanente Bedeutung, geschah es doch erstmals in der Ordensgeschichte, daß eine explizite Obödienzerklärung gegenüber dem Papst abgegeben wurde (Regula non bullata wie auch Regula bullata c. 1). Von grundsätzlicher Natur sind somit die Beiträge zum Wesen der Bettelorden, zu den Anfängen, den Universitäten, der Inquisition, den Frauenbewegungen und den Kanonisationsverfahren. Im einzelnen sind anzuzeigen: Kaspar Elm, Gli ordini mendicanti: un ceto di vita religiosa (S. 3-22), stellt die Bewegung der Minoriten in den Zusammenhang der zeitlich parallelen Ordensströmungen.  --  Werner Maleczek, Franziskus, Innocenz III., Honorius III. und die Anfänge des Minoritenordens. Ein neuer Versuch zu einem alten Problem (S. 23-80), betont die Rolle des in diesen Fragen bisher eher unterbewerteten Honorius, aber auch die der Kurie, was nach M. zur Folge hat, daß die Funktion des Kardinalprotektors (wie es die Quellen auch nahelegen) immer im Auge behalten werden muß.  --  Giulia Barone, Il Papato e i Domenicani nel Duecento (S. 81-103), bemüht sich erfolgreich um eine Synthese des modernen Forschungsstandes.  --  Franco A. Dal Pino, Papato e ordini mendicanti-apostolici "minori" nel Duecento (S. 105-159), erschlägt den ehrlich bemühten Leser mit seiner gelehrten Rhetorik: So teilt er S. 108 f. in einem Satz von 29 (!) Zeilen mit, daß er neben den Karmeliten und Augustinereremiten die Servi di santa Maria fiorentini und die provençalischen Sackbrüder behandeln wird. Im nächsten Satz erfährt der dadurch bereits eingeschüchterte Leser, daß auch noch andere regionale {763} Bewegungen Berücksichtigung finden werden.  --  Carla Frova, Papato, università, frati (S. 161-175), untersucht den Modellcharakter italienischer Universitätsgründungen.  --  Lorenzo Paolini, Papato, inquisizione, frati (S. 177-204), resümiert den Entstehungsprozeß der Inquisition.  --  Maria Pia Alberzoni, Papato e nuovi Ordini religiosi femminili (S. 205-261), spannt einen breiten Rahmen um die vielseitigen Bewegungen.  --  Roberto Paciocco, Il Papato e i santi canonizzati degli Ordini mendicanti. Significati, osservazioni e linee di ricerca (1198-1303) (S. 263-341), breitet Grundprobleme der Ordensidentität aus und stellt Bezüge zu Kult und Ablaßwesen heraus.  --  André Vauchez, Conclusion (S. 343-353), verleiht dem Band mit seinen tiefgründigen Reflexionen die höheren Weihen. Ein Namenregister ist beigefügt.

Christian Lohmer


[310], S. 763

Giorgio Picasso, Papato e nuovi ordini religiosi nel secolo XIII, AHP 36 (1998) S. 19-32, beschäftigt sich in seinem Überblicksartikel vornehmlich mit einschlägigen Äußerungen Innozenz' III. und Bonifaz' VIII.

Detlev Jasper


[311], S. 763

Anthony Lappin, On the family and early years of St Dominic of Caleruega, Archivum Fratrum Praedicatorum 67 (1997) S. 5-26, räumt mit mancherlei Legenden auf, u. a. zur Hungersnot in Palencia am Ende des 12. Jh.

Christian Lohmer


[312], S. 763

Raoul Manselli, Da Gioacchino da Fiore a Cristoforo Colombo. Studi sul francescanesimo spirituale, sull'ecclesiologia e sull'escatologismo bassomedievali. Introduzione e cura di Paolo Vian (Nuovi studi storici 36) Roma 1997, Istituto storico italiano per il medio evo, C u. 749 S., keine ISBN, ITL 150.000.  --  Eindrucksvoll voluminös präsentiert sich die Sammlung der 45, meist im DA angezeigten Aufsätze zu den genannten Themenkreisen aus den Jahren von 1959 bis zu Mansellis unerwartetem Tod 1984. Wie sich zeigt, lag das Hauptinteresse des großen italienischen Mediävisten nach der Entdeckung "seines" Themas im Kontakt mit Raffaelo Morghen nicht so sehr in der Häresiologie als vielmehr in der ma. Endzeiterwartung. Dies rückt ins rechte Licht die sachkundige Einleitung von P. Vian (S. V-XLIII), die auch eingeht auf die Veränderungen und Konstanten im Denken Mansellis, die Beziehung zur deutschen Forschung (Herbert Grundmann, Ernst Benz, Alois Dempf) und den "späten Manselli" mit seiner Franziskus-Interpretation. Die Aufsätze wurden neu gesetzt und formal leicht egalisiert; die originale Seitenzählung ist am Rande ausgewiesen. Indices der Personen, Orte und Titel (darunter mit den meisten Nennungen neben "Gesù di Nazareth, detto il Cristo" Manselli selbst), der Stichwörter, Hss. und Bibelzitate erschließen das Ganze leicht.

Herbert Schneider


[313], S. 763

Ronald G. Musto, Franciscan Joachimism at the Court of Naples, 1309-1345: A New Appraisal, Archivum Franciscanum Historicum 90 (1997) S. 419-486, geht Fragen der Rezeption bei der politischen Elite im westlichen Mittelmeer nach, und kommt zu dem Ergebnis, daß eine große Offenheit für mystische Spekulationen bestand: Der neapolitanische Hof sah sich selbst als "Neues, reformiertes irdisches Jerusalem", nicht aber als das "Himmlische Jerusalem", das am Ende der Zeiten vom Himmel herabkommen sollte. Im Anhang wird Predigt 19 König Roberts des Weisen über den hl. Franziskus nach Rom, Bibl. Angelica, MS 150, f. 98vb-101ra ediert.

Christian Lohmer


{764}

[314], S. 764

Gregorio Penco, I Celestini nella storia religiosa del Trecento, Benedictina 44 (1997) S. 345-377, ergänzt seine allgemeinen, zusammenfassenden Bemerkungen durch Beobachtungen zu den Regesten, speziell zu Wohltaten gegenüber dem Orden, seien es Schenkungen aus privater oder adeliger Hand, seien es päpstliche Privilegien wie Immunitätsverleihungen und Ablässe. Die Regesten sind übrigens im letzten Jh. von der zentralen Abtei der Kongregation, S. Spirito di Sulmona nach Montecassino gelangt, wo sie von Tommaso Leccisotti als 3. Bd. der Regesti dell'archivio der Abbazia di Montecassino 1966 ediert wurden. Leider macht der ausgewiesene Gelehrte einen großen Bogen um die gesamte deutschsprachige Forschung zu diesem Thema.

Christian Lohmer


[315], S. 764

Philippe Racinet, Crises et renouveaux. Les monastères clunisiens à la fin du Moyen âge (XIIIe-XVIe siècles). De la Flandre au Berry et comparaisons méridionales (Collection "Histoire") Arras 1997, Artois Presses Université, 524 S., 42 Karten, ISBN 2-910663-13-2, FRF 170.  --  Klöster als "milieux de vie" - unter diesem methodisch modernen Blickwinkel stehen sozio-ökonomische und materielle Aspekte im Mittelpunkt dieser Thèse d'Etat. Demgemäß öffnet sich auch der Behandlungszeitraum über die Grenzen des traditionellen Periodisierungsschemas hinaus. Grundlage der Untersuchungen ist eine historisch gewachsene und sich weiter entwickelnde äußerst differenzierte Organisationsform im Wechselspiel mit den äußeren Einflüssen und inneren Spannungen. Am Anfang des Untersuchungszeitraumes steht der Einfluß zisterziensischer Ideologien: 1200 wird erstmals ein Generalkapitel erwähnt, die Provinzialstrukturen wurden verändert, und Definitoren wie Visitationen waren Ausdruck neuer Kontrollmechanismen. Neben Cluny bildeten innerhalb des Verbandes die zwei Zentren Saint-Martin-des-Champs und La Charité-sur-Loire eigene Netze aus. Anhand dieser Ausgangsbasis werden mit Hilfe einer eindrucksvollen Liste von Archivalien und ungedruckten Hss. sowie von einschlägigen Forschungen die Belastungen und Gefährdungen der cluniazensischen Idee analysiert und in ordenshistorischen Perioden zusammengefaßt. 1450-1550 griffen endlich ökonomische, strukturelle, materielle und religiöse Reformen und sicherten so den Fortbestand des Ordens. Die sehr differenzierte Studie bringt viele Neuansätze zur Erforschung einer bisher vernachlässigten, komplexen Periode der französischen Geschichte. Topographische, archäologische, strukturelle Karten, Diagramme, Listen sowie Tabellen illustrieren und reflektieren den Argumentationsgang.

Christian Lohmer


[316], S. 764

Grado Giovanni Merlo, Contro gli eretici. La coercizione all'ortodossia prima dell'Inquisizione (Saggi 443) Bologna 1996, Il Mulino, 159 S., ISBN 88-15-05243-7, ITL 20.000.  --  Nahezu zeitgleich mit ihrer Erstveröffentlichung in Zss. oder Sammelbänden bzw. nur wenige Jahre danach oder kurz vorher hat der den Lesern des DA als Häresiologe bestens bekannte Vf. (vgl. DA 41, 655; 51, 636 f., 648; 52, 742; 53, 321) fünf seiner jüngsten Aufsätze über Ketzer und Ketzerbekämpfung im Italien des 12. und frühen 13. Jh. erneut vermarktet: I. "Militare per Cristo" contro gli eretici (S. 7-49; ersch. 1992); II. "Membra Diaboli": demoni ed eretici medievali (S. 51-73; ersch. 1988); III. La santità antiereticale di frate Antonio da Padova (S. 75-97; ersch. 1997); IV. Federico II, gli eretici, i frati (S. 99-123; ersch. 1995); V. Coscienza storica della presenza ereticale e della {765} sconfitta degli eretici (S. 125-152; ersch. 1995). Erschlossen wird das Bändchen durch ein nützliches Namen- und Ortsregister.

Peter Segl {765}


[317], S. 765

Robert Kalivoda, Husitské myslení [Das hussitische Denken] (Studie a prameny k dejinám myslení v ceskych zemích 3) Praha 1997, 367 S., ISBN 80-7007-098-6.  --  Das 1961 erschienene einflußreiche, aber in seiner deutschen Übersetzung auch heftig kritiserte Werk (vgl. DA 35, 648 f. u. H. Kaminsky in Speculum 53, 1978, S. 386-389) erscheint hier in verkürzter und teilweise veränderter Form, an der K. bis zu seinem Tode gearbeitet hat (#[86] 1989). Anders als der deutschen Fassung ist ein Personennamenregister beigegeben.

Ivan Hlavácek {765}


[318], S. 765

Eduard Maur, Príspevky k prosopografii táborského kléru [mit Zusammenfassung: Beiträge zur Prosopographie des Taborer Klerus], in: Vindemia. Sborník k 60. narozeninám Ivana Martinovského, Ustí n. Labem 1997, Albis international, ISBN 80-86067-14-9, S. 17-32.  --  Es werden die Quellenaussagen zu drei Vertretern des Klerus der hussitischen Taboriten geprüft und mehrere unhaltbare Vermutungen korrigiert. Es handelt sich um Prokop d. Großen (=Kahlen), Peter Kánis und Nikolaus aus Ujezdec.

Ivan Hlavácek {765}


[319], S. 765

Thomas Vogtherr, Kloster Pegau und die Bursfelder Kongregation, StMGBO 109 (1998) S. 211-228, behandelt die Aufnahme des Klosters in die Bursfelder Kongregation 1485, die Teilnahme der Äbte an den Generalkapiteln, die Visitationen und das Memorialwesen des Klosters.

Klaus Naß


[320], S. 765

Ulrich Köpf und Sönke Lorenz (Hg.), Gabriel Biel und die Brüder vom gemeinsamen Leben. Beiträge aus Anlaß des 500. Todestages des Tübinger Theologen (Contubernium 47) Stuttgart 1998, Franz Steiner, 199 S., ISBN 3-515-07377-9, DEM 78.  --  In dem Band werden die Vorträge eines Symposions vom 7. Dezember 1995, dem 500. Todestag Biels, vermehrt durch drei weitere Untersuchungen abgedruckt. Zu nennen sind: Irene Crusius, Gabriel Biel - eine Karriere zwischen vita contemplativa und vita activa (S. 1-23), skizziert die theologische Laufbahn Biels und seine vergeblichen Versuche, eine vita contemplativa zu führen.  --  Wilfrid Werbeck, Gabriel Biel als spätmittelalterlicher Theologe (S. 25-34), betont Biels theologische Prägung durch okhamistische sowie franziskanisch-skotistische Lehren und durch seine praktischen Erfahrungen als Prediger.  --  Franz Joseph Burkard, Das Verständnis von Wissen und Wissenschaft im Sentenzenkommentar Gabriel Biels (S. 35-53).  --  Detlef Metz, Gabriel Biel und die Mystik (S. 55-91), sieht Biel an Fragen der Mystik interessiert, ohne ihn als Theologen der Mystik einzuordnen.  --  Wilfrid Werbeck, Gabriel Biels fünfter Predigtjahrgang (1463/64). Ein Bericht über die Gießener Hs. 838 (S. 93-135), analysiert die 63 zumeist ungedruckten Mainzer Predigten Biels.  --  Wilfrid Werbeck, Gabriel Biels Tractatus de communi vita clericorum (S. 137-154), bietet eine Neuausgabe des Traktats, bei der besonderes Gewicht auf den Nachweis der benutzten Quellen gelegt wurde.  --  Wilfried Schöntag, Gabriel Biel als Organisator. Der Auf- und Ausbau der württembergischen Stifte der Kanoniker vom gemeinsamen Leben, unter besonderer Berücksichtigung des Stifts Tachenhausen (S. 155-177), behandelt neben Tachenhausen die Stifte {766} Urach, Herrenberg und St. Peter im Einsiedel bei Tübingen, deren eigentümliche Organisation nach dem Tod Biels und Graf Eberhards im Bart (1495/96) nicht aufrecht erhalten wurde, worauf der Beitrag von Stephan Molitor, Dann der kapennherrn hat niemands nutz oder frucht ... Ein wiederentdecktes Dokument zur Situation von St. Peter im Einsiedel und anderer Stifte und Häuser der Kanoniker vom gemeinsamen Leben in Württemberg nach dem Tode Gabriel Biels (S. 179-193), besonders eingeht.  --  Dem Band ist ein Orts- und Namenregister beigegeben. Die verwendeten Abkürzungen sind nicht aufgelöst, so daß der Nichttheologe bisweilen seine Schwierigkeiten mit der Verifizierung haben dürfte.

Detlev Jasper


4. Rechts- und Verfassungsgeschichte

1. Allgemeines S. 766. 2. Weltliches Recht S. 770. 3. Kirchliches Recht S. 773. 4. Städteverfassung, Stadtrecht S. 780.

[321], S. 766

Wirkungen europäischer Rechtskultur. Festschrift für Karl Kroeschell zum 70. Geburtstag. Hg. von Gerhard Köbler und Hermann Nehlsen, München 1997, Beck, XVII u. 1580 S., Abb., Karten, ISBN 3-406-42994-7, DEM 288.  --  Von den über siebzig Beiträgen, die alphabetisch nach Autoren geordnet in dieser mächtigen Festschrift vereinigt sind, beschäftigt sich eine größere, hier zu nennende Anzahl mit ma. Themen.  --  Raoul C. Van Caenegem, Notes on twelfth-century English criminal law (S. 99-112), behandelt etwa ein Dutzend englischer Prozesse über Diebstahl, Mord, Münz- und Siegelfälschung, die in aller Regel mit Verstümmelungs- oder Todesstrafen endeten.  --  Albrecht Cordes, Gewinnteilungsprinzipien im hansischen und oberitalienischen Gesellschaftshandel des Spätmittelalters (S. 135-149), weist auf prinzipielle Unterschiede zwischen genuesischen und lübischen Seehandelsgesellschaften bei der Gewinnteilung hin, die der These von der Universalität des ma. Kaufmannsrecht widersprechen.  --  Bernhard Diestelkamp, Königsferne Regionen und Königsgerichtsbarkeit im 15. Jahrhundert (S. 151-162), zeigt an vielen Beispielen die enge Bindung niederdeutscher und preußischer Hansestädte an das königliche Gericht, wobei die großen Entfernungen zum Königshof offenbar keine Rolle spielten.  --  Rudolf Gmür, Lehenprozesse im bernischen Gebiet (S. 275-292), behandelt in seinem hier gedruckten Vortrag von 1953 Fälle des 15. und 16. Jh., in denen es vorwiegend um Neuverleihungen oder die Möglichkeit weiblicher Erbfolge ging.  --  Takeshi Ishikawa, Das Gericht im Sachsenspiegel (S. 441-465), untersucht nicht ganz überzeugend die Bedeutung der Begriffe gerichte, richten und ungerichte und ihre Verwendung im Prolog des Landrechts.  --  Günter Jerouschek, Geburt und Wiedergeburt des peinlichen Strafrechts im Mittelalter (S. 497-509), nimmt die Regelung der Abtreibung in den Volksrechten als Beispiel, um die These G. Radbruchs zu bekräftigen, Strafe sei aus dem Stand der Unfreiheit entstanden und als Ehrbeschädigung aufzufassen, und sieht die Wiedergeburt der peinlichen Strafen im {767} 12. Jh. durch die Einführung des Inquisitionsprozesses und theologische Begründungen gefördert. Die hier ausgebreiteten komplizierten Sachverhalte spiegeln sich in der ebenso komplizierten Diktion des Vf. wider, wie der Satz: "Eine eine Abtreibung mittels eines Tranks zu bewirken trachtende Freie ging dementsprechend ihrer Personenwürde verlustig" (S. 504) beispielhaft zeigt.  --  Gerhard Köbler, Wirkungen europäischer Rechtskultur (S. 511-532), ist eine Zusammenstellung von Juristen, Studierenden der Rechtswissenschaften und Gerichten vom MA bis in die Gegenwart, aus der hervorgeht, daß in Europa eine weitgehend gleichartige Rechtskultur bestand, die weite Teile der übrigen Welt maßgeblich beeinflußt hat.  --  Gernot Kocher, Europäische Dimensionen des prozeßrechtsgeschichtlichen Bildes (S. 533-544), zeigt an Bildern unterschiedlicher Quellengattungen wie den Bild-Hss. des Sachsenspiegels, eines niederländischen Bibelcodex, des Hamburger Stadtrechts von 1497 oder der Luzerner Chronik des Diebold Schilling, daß in ihnen prozessuale Vorgänge sehr ähnlich dargestellt wurden.  --  Janez Kranjc, Die Einflüsse des römischen Rechts auf das Statut von Ptuj (Pettau) (S. 545-575), weist in mehreren Kapiteln des Stadtrechts von Pettau (1376) römischrechtliche Gedankengänge nach, von denen aber nicht zu ermitteln ist, ob sie durch direkte Benutzung des Codex in die Statuten aufgenommen wurden.  --  Götz Landwehr, Prinzipien der Risikotragung beim Seefrachtvertrag - Rechtsverhältnisse bei Haverei und Schiffbruch in der Nord- und Ostseeschiffahrt vom 13. bis zum 17. Jahrhundert (S. 595-615): bei Havereischäden (Seewurf, Kappen von Mast, Takel und Tauen zur Rettung von Schiff und Gut) entwickelte sich ab dem 13. Jh. eine Gefahrengemeinschaft sämtlicher Beteiligter, während sich für die durch Schiffbruch eingetretenen Verluste eine an Einzelinteressen ausgerichtete Risikoaufteilung ausbildete.  --  Detlef Liebs, Römische Juristen der Merowinger (S. 635-666), behandelt die Karrieren von zwölf Persönlichkeiten des 6. und 7. Jh., für die die Wissenschaft eine Ausbildung im römischen Recht annimmt, und kommt zu dem Ergebnis, daß bei dem gallischen Senator Parthenius (Mitte des 6. Jh.), dem Dichter Venantius Fortunatus (#[86] um 600) und dem Bischof Leodegar von Autun (#[86] 677) eine juristische Ausbildung nicht zu belegen sei.  --  Wieslaw Litewski, Mündliche Klage und Klageschrift in den ältesten ordines iudiciarii (S. 667-686), nennt Ausnahmen vom Klageschriftzwang, die besonders im Prozeß vor einem Bischof, bei Bagatellfällen oder wenn sich das Verfahren nach örtlichen Gewohnheiten richtete, vorkamen.  --  Karin Nehlsen-von Stryk, Das sächsisch-magdeburgische Recht in der Spruchtätigkeit des Oberhofs des deutschen Rechts auf der Burg zu Krakau (S. 829-850), wertet die Sprüche des von der Verfasserin hg. ersten Bandes der Acta decretorum des Krakauer Appellationsgerichts von 1456 bis 1481 aus (vgl. DA 52, 231).  --  Paul L. Nève, (Europäisches) Ius Commune und (nationales) gemeines Recht: Verwechslung von Begriffen? (S. 871-884), möchte mit dem Begriff ius commune drei verschiedene Bedeutungen verbinden: 1. Das kanonische Recht der ma. Kirche, 2. das justinianisch-römische Recht der Glossatoren- und Kommentatorenzeit und 3. die hauptsächlich auf dem justinianischen Recht begründete mitteleuropäische Rechtswissenschaft des 16. bis 18. Jh.  --  Ulrich-Dietrich Oppitz, Zum Meißner Rechtsbuch (S. 907-914), macht auf die Schwierigkeiten aufmerksam, mit denen eine kritische Edition des weit verbreiteten Rechtsbuches zu kämpfen hat.  --  Karl Otto Scherner, Fiducia Germanorum. Johannes Heumann und die Erfindung der Treuhand in der deutschen Rechtsgeschichte (S. 973-998): {768} Aus Heumanns Commentatio de Salmannis (1740) kann die Treuhand als spezifisch deutsches Institut, wie es die Lehrbuchliteratur des 19. und 20. Jh. häufig behauptete, nicht abgeleitet werden.  --  Wolfgang Schild, Missetäter und Wolf (S. 999-1031), befaßt sich mit dem Phänomen des Werwolfs und den Spekulationen darüber im MA und in der Neuzeit.  --  Ruth Schmidt-Wiegand, Autor und Illustrator in den Bilderhandschriften des Sachsenspiegels (S. 1043-1064), behandelt die Darstellungen der Zweischwerterlehre und von Acht und Bann in den vier erhaltenen Bilder-Hss. des Sachsenspiegels, die alle auf einen Archetyp zurückgehen. Während durch die Bilder zur Zweischwerterlehre Eikes von Repgow (#[86] nach 1233) imperiale Auffassung des Vorgangs unterstützt werde, gingen die Darstellungen von Acht und Bann über die Vorstellungen des Autors hinaus.  --  Clausdieter Schott, "Die VII Churfürsten" - Rechtsgeschichte und Ortsnamenkunde (S. 1065-1092), führt die Benennung des Gebirgszuges am Walensee auf die reichsstiftische Herrschaft St. Gallens und die Auseinandersetzungen des Klosters mit dem nach Autonomie strebenden Toggenburg zurück.  --  Thomas Simon, Krise oder Wachstum? Erklärungsversuche zum Aufkommen territorialer Gesetzgebung am Ausgang des Mittelalters (S. 1201-1217), sieht als wichtigste Voraussetzungen territorialer Gesetzgebung einen strukturellen Verdichtungsprozeß, "der das soziale System so komplex und damit auch störungsanfällig macht, daß ein entsprechend gesteigerter Steuerungsbedarf aufkommt" (S. 1217), sowie die nachlassende Ordnungskraft der Kirche und anderer genossenschaftlich strukturierter politischer Gebilde.  --  Stefan Sonderegger, Tradition und Erneuerung der germanischen Rechtssprache aus der Sicht des Gotischen (S. 1219-1243), untersucht den gotischen Rechtswortschatz (Recht, Gerechtigkeit, Gebot, Gesetz, Gericht, Richter und richten), der als früheste genauer faßbare Fachsprache des Germanischen zu verstehen ist.  --  Dieter Strauch, Schwedisches Landschaftsrecht und frühes Recht der Rus' (S. 1275-1304), befaßt sich mit dem Einfluß des schwedischen Landschaftsrechts auf das in drei Redaktionen überlieferte frühe russische Recht: die erste Fassung aus dem 11. Jh. sei parallel zum schwedischen Recht entstanden, die späteren Redaktionen des 12. und 13. Jh. wiesen Übernahmen aus dem schwedischen Recht auf, die zum Teil auf die intensiveren Handelsbeziehungen zurückgehen dürften.  --  Rudolf Weigand, Das kirchliche Wahlrecht im Dekret Gratians (S. 1331-1345), teilt den Text der Distinktionen 62 und 63 aus der ersten Redaktion des Dekrets mit, der schon alle Dicta der Endfassung enthielt.  --  Dietmar Willoweit, Fürstentum und Landesherrschaft im Konflikt - Die Schriftsätze der Hochstifte Würzburg und Bamberg 1462/63 (S. 1389-1402), betont das hohe juristische Niveau der Schriftsätze, mit denen der Würzburger Bischof Ansprüche gegen das Bistum Bamberg durchzusetzen versuchte.  --  Thomas Zotz, Ludwig der Fromme, Alemannien und die Genese eines neuen Regnum (S. 1481-1499), sichtet die wenigen Quellen über das neue, Alemannien, Elsaß, Rätien und einen Teil Burgunds umfassende Reich, das 829 für Karl den Kahlen geschaffen wurde.  --  Die letzten Seiten der Festschrift füllen das Schriftenverzeichnis des Jubilars (278 Nummern) und ein zweispaltiges "Stichwortverzeichnis" (S. 1527-1580), worunter ein ausführliches Personen-, Orts- und Sachregister zu verstehen ist.

Detlev Jasper


[322], S. 768

Esther Pascua Echegaray, Guerra y pacto en el siglo XII. La consolidación de un sistema de reinos en Europa Occidental (Biblioteca de Historia 31) {769} Madrid 1996, Consejo Superior de Investigaciones Científicas, XXVIII u. 385 S., ISBN 84-00-07600-1, ESP 5.000.  --  Der Entstehungsprozeß der feudalen Monarchien im Laufe des 12. Jh. wird in dieser Monographie mit den methodischen Ansätzen der Politologie analysiert, indem die Autorin Beziehungen zwischen den politischen Kräften, die sog. "interfeudalen" Beziehungen, untersucht. In den verschiedenen Formen, Krieg zu führen oder zu vermeiden und Frieden zu schließen, beobachtet die Vf., wie die Position des Königs (als Garant des Landfriedens und als Schlichter in Streitfällen) gegenüber den Feudalherren allmählich stärker wird. Auch die gegenseitige Anerkennung und die Abkommen unter den Königen festigen ihre Position. Das Papsttum trägt ebenfalls zu diesem Prozeß bei, indem es versucht, durch die Kräftigung der neuen Regional-Monarchien das Kaiserreich zu schwächen. Die Entwicklung einer Verwaltung integriert den Adel in die neuen Strukturen. Nachdem im ersten Teil der Arbeit diese Aspekte in allgemeiner Form untersucht worden sind, werden im zweiten Teil die unterschiedlichen Entwicklungen in Frankreich, England, im Reich und in den iberischen Königreichen nachgezeichnet, und zwar unter dem doppelten Blickwinkel der Beziehungen des jeweiligen Herrschers zu den politischen Kräften des eigenen Landes und derjenigen zu den anderen westeuropäischen Königreichen.

Carmen Cardelle de Hartmann {769}


[323], S. 769

Legislation and Justice, ed. by Antonio Padoa-Schioppa (The Origins of the modern State in Europe, 13th to 18th centuries. Theme C) Oxford u. a. 1997, Clarendon Press, XIX u. 432 S., ISBN 0-19-820546-5, GBP 50.  --  Anzuzeigen ist aus einer sieben Titel umfassenden, die Entstehung des modernen Staates verfolgenden Reihe der dritte, Gesetzgebung, Justiz und Verwaltung gewidmete Band, zu dem 16 Wissenschaftler verschiedener europäischer Länder 1988-92 ihren Beitrag leisteten sowie der Hg. ein umfassendes Resümee beisteuerte. Hier wird von der European Science Foundation der interessante Versuch unternommen, die interdisziplinären und supranationalen Arbeitsmethoden der Naturwissenschaften auf die Historiographie zu übertragen. Über die einzelnen Beiträge hinaus liegt genau darin das Besprechenswerte: Denn vor der Methodenfrage liegt die Sprache - oder sollte allein schon Sprache Methode sein? Mit dem erklärten Ziel: "contribute to the introduction of a more generally consistent terminology" wurden die Beiträge konsequent ins Englische übertragen - obwohl die Reihenhgg. bereits in ihrem Vorwort die Probleme eines solchen Vorgehens im Bereich der Geschichtswissenschaft erkennen. Diese Schwierigkeiten nehmen im Fall der Rechtsgeschichte deutlich zu, da hier eine kontinentaleuropäische einer angelsächsischen Tradition gegenübersteht - auch wenn neuere Forschungen zu Recht mehr die Gemeinsamkeiten betonen. Als Beispiele mag sich der Leser um eine kurze Übersetzung solcher Spezifika wie "due process" oder "Schöffen" (nicht Geschworene!) in eine andere aktuelle (!) westeuropäische Sprache bemühen. Da fast alle Beiträge nicht im Englischen und häufig unter Berücksichtigung des 'nationalen' wissenschaftlichen Diskurses - sowohl Sender- als auch Empfängerhorizont - verfaßt wurden, stellt sich das Ergebnis für den Rezensenten - soweit es ihm möglich war, anhand des in den Fußnoten ausgebreiteten Dialogs auf das ursprünglich Intendierte rückzuschließen - als eine 'Verflachung' dar. Diese wäre bei ähnlichen Versuchen sorgfältig mit einer vermeintlich größeren Zugänglichkeit oder leichteren Verständlichkeit zu verrechnen.  --  Das Spektrum {770} der Beiträge reicht vom Heiligen Römischen Reich über die Nationalstaaten bzw. deren einzelne Institutionen bis hin zu den Territorien. Nur zwei Beiträge seien daher eigens erwähnt - ohne damit den Wert der anderen mindern zu wollen: Antonio Padoa-Schioppa, Hierarchy and Jurisdiction: Models in Medieval Canon Law (S. 1-15), macht auf die häufig dem Weltlichen vorangehenden Entwicklungen innerhalb des kanonischen Rechts aufmerksam, ein Aspekt, den Udo Wolter, The officium in Medieval Ecclesiastical Law as a Prototype of modern Administration (S. 17-36), in Thesen weiter präzisiert.  --  Ungeachtet der generellen Einwände des Rezensenten erhält man eine vergleichende Einführung, die sich durchaus für eine Orientierung in entsprechend breit angelegten Seminaren oder Forschungsvorhaben eignet, wozu auch eine 49 Seiten umfassende, den Stand von ca. 1992 reflektierende Bibliographie beiträgt.

Jörg Müller {770}


[324], S. 770

Der Mainzer Kurfürst als Reichserzkanzler. Funktionen, Aktivitäten, Ansprüche und Bedeutung des zweiten Mannes im alten Reich, hg. von Peter Claus Hartmann (Geschichtliche Landeskunde 45) Stuttgart 1997, Franz Steiner, 229 S., Abb., ISBN 4-515-06919-4, DEM 68.  --  Nur die ersten Aufsätze des Sammelbandes betreffen das MA: Verena Kessel, Sepulkralpolitik. Die Krönungsgrabsteine im Mainzer Dom und die Auseinandersetzung um die Führungsposition im Reich (S. 9-34, mit 13 Abb.), bespricht in dem methodisch und sachlich wichtigen Beitrag die Krönungsdarstellungen auf den Grabdenkmälern der Erzbischöfe Siegfried III. von Eppstein (#[86] 1249), Peter von Aspelt (#[86] 1320) und (fragmentarisch erhalten und deshalb nur wahrscheinlich) Gerhard II. von Eppstein (#[86] 1305). Die Errichtung des Grabsteins für Peter von Aspelt schreibt sie Balduin von Trier zu, der 1328-1337 auch als Erzbischof von Mainz amtierte. Die drei Grabdenkmäler gehören in die Auseinandersetzungen zwischen Mainz und Köln, welche Rolle ihre Erzbischöfe bei der Erhebung des Königs spielten, wer der eigentliche Königsmacher sei. K. konzentriert sich dabei auf die Krönung, doch scheint mir die "Mainzer Theorie" auf die Wahl abgehoben zu haben; dafür spricht die Taube als Symbol des bei der Königswahl angerufenen Hl. Geists auf der Mitra Gerhards, und um die Bedeutung der Wahl kreiste auch die Diskussion im Umfeld Balduins und Ludwigs des Bayern.  --  Georg May, Der Erzbischof von Mainz als Primas (S. 35-76): vgl. DA 54, 337.  --  Ernst Schubert, Der Mainzer Kurfürst als Erzkanzler im Spätmittelalter (S. 77-97), beschreibt den Wandel des Erzkanzleramtes vom Hofamt zur Reichsdignität und stellt heraus, daß die Mainzer Erzkanzler anders als ihre Kollegen in Köln und Trier die Bindung an den Königshof suchten.  --  Bernhard Diestelkamp, Der Reichserzkanzler und das Reichskammergericht (S. 99-110), geht auch knapp auf die Kanzlei für das Hofgericht und das Kammergericht vor 1495 ein.

Ernst-Dieter Hehl


[325], S. 770

Antonia Fiori, La "Collectio Britannica" e la riemersione del Digesto, Rivista Internazionale di Diritto Comune 9 (1998) S. 81-121, untersucht erneut die Digestenauszüge in den Varien der Collectio Britannica und kommt zu dem gut begründeten Ergebnis, daß der Kompilator der Britannica keine bekannte Hs. der Digestenüberlieferung benutzte, sondern vermutlich in Rom einen Codex ausgeschrieben habe, der von der Florentiner Hs. und der Littera Bononiensis unabhängig {771} war. In einem Anhang wird für den Brief Urbans II. JL 5382 die Verwendung des Codex 9,13,1 vermutet.

Detlev Jasper


[326], S. 771

Tilman Struve, Die Salier und das römische Recht. Ansätze zur Entwicklung einer säkularen Herrschaftstheorie in der Zeit des Investiturstreites (Abh. Akad. Mainz, Jg. 1999 Nr. 5) Mainz - Stuttgart 1999, Akademie der Wissenschaften und der Literatur - Franz Steiner, 89 S., ISBN 3-515-07533-X, DEM 42.  --  Die Studie gilt den "ersten Berührungen" mit dem römischen Recht "im Umkreis des salischen Königtums" und unterscheidet dabei zwischen 1. urkundlichen Betonungen der herrscherlichen Majestät und Gesetzgebungsbefugnis (schon seit Konrad II.), 2. literarischen Ausdrucksformen des Kaisergedankens, 3. der Gerichtspraxis in Italien und den Spuren der frühesten namentlich bezeugten Juristen sowie 4. dem bewußten Einsatz römischrechtlicher Begriffe und Argumente in Publizistik und Politik, kennzeichnet aber auch dies letztlich als "noch vorwissenschaftlich" (S. 52). Im Anhang (S. 67 f.) werden Zweifel in neuerer Literatur an der Authentizität des Namens Petrus Crassus, Verfasser der Defensio Heinrici IV. regis (MGH Ldl 1 S. 432-453), zurückgewiesen.

Rudolf Schieffer


[327], S. 771

Kenneth Pennington, Baldus de Ubaldis, Rivista Internazionale di Diritto Comune 8 (1997) S. 35-61, informiert über die Vita des großen Rechtsgelehrten (#[86] 1400), seine zivilistischen und kanonistischen Werke, seine Kommentare zu den Libri feudorum und zum Konstanzer Frieden von 1183 sowie über seine Consilia, deren Drucke und Editionen.

Detlev Jasper


[328], S. 771

Christoph Bachmann, Öffnungsrecht und herzogliche Burgenpolitik in Bayern im späten Mittelalter (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 106) München 1997, Beck, XXVI u. 257 S., ISBN 3-406-10687-0, DEM 48.  --  "Das Öffnungsrecht an Burgen beinhaltet die Pflicht des Burgbesitzers, die Truppen seines Herrn ... unentgeltlich in seiner Burg aufzunehmen (S. 17)". Die Diss. behandelt somit ein zentrales, bisher in vielen Fragen ungeklärtes Phänomen des Lehn- und Landrechts, nämlich die administrative wie rechtliche Ausprägung des Öffnungsrechts der Wittelsbacher als auch dessen politische, militärische und finanzielle Umsetzung. Aus ähnlich ausgerichteten anderen territorialgeschichtlichen Untersuchungen zeichnet sich ab, daß das im 11. Jh. vermutlich aus der ligischen Treue entstandene Recht sich schnell zu einem heterogenen Rechtsinstitut im deutschen Reich entwickelte, das von 1330 bis in das beginnende 17. Jh. in Bayern Geltung hatte. Neben den militärischen Anlässen ist eine wichtige Bedeutung des Öffnungsrechts in der Wahrung des Landfriedens festzuhalten. Abzugrenzen davon ist das Geleitrecht, das mit dem Zollrecht eine enge Verbindung einging. Der Wert der vorliegenden landesgeschichtlichen Studie liegt vor allem darin, daß anhand ungedruckter Archivalien eine moderne, klare Systematisierung vorliegt, die 169 näher beschriebene und über 260 allgemein nachgewiesene Festen umfaßt.

Christian Lohmer


[329], S. 771

Helmut Martin, Verbrechen und Strafe in der spätmittelalterlichen Chronistik Nürnbergs (Konflikt, Verbrechen und Sanktion in der Gesellschaft Alteuropas. Fallstudien 1) Köln u. a. 1996, Böhlau, 293 S., ISBN 3-412-12196-7, DEM 78.  --  Die anzuzeigende, von Rolf Sprandel betreute Würzburger Diss. {772} entstand im Rahmen eines von der DFG geförderten Forschungsprojektes "Die Entstehung des öffentlichen Strafrechts im Spiegel der spätmittelalterlichen Chronistik Deutschlands". Der Vf. geht darin der Frage nach, ob die vielen in der Nürnberger Chronistik des 15. und 16. Jh. erwähnten Strafrechtsfälle Aussagen über die Anfänge des öffentlichen Strafrechts ermöglichen und ob das Strafrecht in Nürnberg "schichtenspezifisch" angewandt wurde. Nach einleitenden Kapiteln über die Verfassungs- und die Sozialstruktur der Stadt Nürnberg werden die in den Chroniken geschilderten Verbrechen und Bestrafungen der Delinquenten analysiert. Die wichtigste Quelle ist dabei die Chronik des Bierbrauers Heinrich Deichsler (#[86] 1506/1507), die allein über 500 strafrechtlich relevante Fälle überliefert. Als das "erstaunlichste Ergebnis" der Untersuchung wird herausgestellt, daß "sich ein das Bewußtsein besetzender Problemdruck, bedingt durch eine unerträgliche Steigerung der Kriminalitätsrate im Spiegel der spätmittelalterlichen Chronistik Nürnbergs, nicht nachweisen läßt" (S. 244). Das Buch schließt mit der Feststellung, daß die untersuchten Chroniken schon "jenseits der Schwelle vom alten zum neuen Recht" (S. 250) standen und daß das "öffentliche Strafrecht ... im Nürnberg des späten Mittelalters bereits entstanden" war (S. 251).

Franz Fuchs {772}


[330], S. 772

Heiner Lück, Die kursächsische Gerichtsverfassung 1423-1550 (Forschungen zur Deutschen Rechtsgeschichte 17) Köln u. a. 1997, Böhlau, XLIII u. 296 S., Karten, ISBN 3-412-12296-3, DEM 112.  --  Die Untersuchung behandelt Entwicklung, Aufbau und Funktionsweise der kursächsischen Gerichtsverfassung am Übergang vom späten MA zur frühen Neuzeit. Die Verhältnisse der vorhergehenden v. a. markgräflich-meißnischen Zeit kommen nur ganz am Rande zur Sprache. Den territorialen Rahmen bildet die Ausdehnung des albertinischen Kurfürstentums von 1547/48 (vgl. Karte nach S. 296). In der ma. Gerichtsverfassung sieht der Vf. "in erster Linie ein[en] Komplex von Institutionen [...], die sich durch eine bestimmte Organisationsform und Arbeitsweise auszeichnen (Richter und Beisitzer bzw. Einzelrichter, bestimmtes Verfahren, Verbindlichkeit der Entscheidungen und Kompetenz zu deren Durchsetzbarkeit)" (S. 12). Haupt-, aber nicht einziger Bestandteil der Gerichtsverfassung sind die Gerichte. Ihren besonderen Wert gewinnt die Arbeit durch das in ihr breit verarbeitete ungedruckte Material aus dem Sächsischen HStA Dresden und dem LHA Magdeburg, das noch ergänzt wird durch Archivalien aus dem Thüringischen HStA Weimar und dem Stadtarchiv Wittenberg. Dabei sind es hauptsächlich Amtserbbücher und Gerichtsbücher, die noch vor den Urkunden, Kopialbüchern und Akten Informationen zum Gegenstand der Arbeit liefern. In ihrer Mehrzahl sind diese Amtserb- und Gerichtsbücher im Untersuchungsraum erst in der Mitte des 16. Jh. entstanden. Laut Vf. spiegeln sie jedoch Verhältnisse wider, die "im wesentlichen schon im 15. Jh. vorhanden waren" (S. 31). Bei ihrer Auswertung wurden folgende Hauptergebnisse gewonnen: Der Ausbau der landesherrlichen Gerichtsverfassung vollzog sich parallel zur Zurückdrängung konkurrierender Gewalten. Ein letzter entscheidender Schritt in diesem Zusammenhang wurde in der Reformation mit der Beseitigung der geistlichen Gerichtsbarkeit getan. Auch danach blieb die Gerichtsverfassung des frühneuzeitlichen Territorialstaates in sachlicher, räumlicher und personeller Hinsicht aufgesplittert. In Ausdifferenzierung des landesherrlichen Hofes entwickelten und profilierten sich seit Mitte des {773} 15. Jh. Gerichtsbehörden (z. B. Oberhof- und Appellationsgerichte), in denen akademisch gebildete Juristen eine wachsende Rolle spielten. Zwischen den einzelnen Behörden gab es keine exakte Kompetenzabgrenzung, und über ihnen blieb der Landesherr immer letzte Entscheidungsinstanz.

Michael Lindner {773}


[331], S. 773

Proceedings of the Ninth International Congress of Medieval Canon Law Munich, 13-18 July 1992. Edited by Peter Landau and Joerg Müller (Monumenta Iuris Canonici. Series C: Subsidia 10) Città del Vaticano 1997, Biblioteca Apostolica Vaticana, XXXV u. 1188 S., 27 Abb., ISBN 88-210-0675-1.  --  Die in diesem Band gedruckten Vorträge des ersten in Deutschland abgehaltenen internationalen Kanonistenkongresses behandelten das ma. Kirchenrecht unter fünf Schwerpunkten. Die ersten beiden Sektionen waren der Quellen- und Literaturgeschichte (S. 1-255) und der Stellung der Konzilien (S. 257-416) gewidmet, die dritte befaßte sich mit der Ausbildung des kanonischen Rechts und mit einzelnen Rechtsinstituten (S. 417-637); dem Ordensrecht und partikularen Rechtsbildungen war die vierte Sektion gewidmet (S. 639-870), und in der letzten Sektion kreisten die Beiträge um die Verflechtung von Kanonistik, Theologie und politischer Theorie (S. 871-1165). Im einzelnen: Gérard Fransen, Sources et Littérature du Droit Canonique classique (S. 3-19), gibt eine Übersicht über den Stand kanonistischer Arbeiten und noch anstehender Aufgaben auf dem Gebiet der Editionen und der Textinterpretationen.  --  Roger E. Reynolds, Canonistica Beneventana (S. 21-40), verzeichnet 28 Kanonessammlungen vom 8. bis 13. Jh. in beneventanischer und westgotischer Schrift.  --  Herbert Schneider, Vorgratianische Kanonessammlungen und ihre Synodalordines (S. 41-61), beschreibt die Verbindung von Kirchenrecht und Synodalliturgie, die Typen der Überlieferung in einzelnen Sammlungen und das Auseinanderfallen von Kanonistik und Liturgie, das schon in der Karolingerzeit einsetzte.  --  Bruce Brasington, Studies in the Nachleben of Ivo of Chartres: The Influence of his Prologue on Several Panormia-Derivative Collections (S. 63-85), zeigt an drei Kanonessammlungen des 12. Jh., welchen Einfluß die Kirchenrechtswerke des Bischofs von Chartres ausübten; im Anhang sind die Prologe der Summa Haimonis (1130/35) ediert.  --  Regula Gujer, Zur Überlieferung des Decretum Gratiani (S. 87-104), versucht am Beispiel von Distinctio 16 chronologische Schichten in ausgewählten Dekret-Hss. festzustellen, um zu einem verläßlichen Text zu gelangen, ein Versuch, der an den Forschungen Winroths (vgl. DA 54, 220 f.) überprüft werden muß.  --  Robert C. Figueira, Auctoritates in the Casus decretalium of Ricardus de Mores (S. 105-116), weist auf die sparsame Benutzung der Bibel, des kanonischen und römischen Rechts durch den englischen Kanonisten (#[86] 1242) hin.  --  Tilmann Schmidt, Frühe Anwendungen des Liber Sextus Papst Bonifaz' VIII. (S. 117-134), kann die unverzügliche Anwendung des Liber Sextus nach seiner Promulgierung 1298 in fast allen Rechtsbereichen nachweisen, die durch eine umgehende Kommentierung durch Johannes Monachus an der Kurie und Johannes Andreae in Bologna unterstützt wurde.  --  Augustine Thompson, Misreading and Rereading Patristic Texts: The Prohibition of Hunting by the Decretals (S. 135-147), skizziert die Auslegung von Gratians Distinctio 84 über die Bewertung der Jagd durch die französischen und italienischen Dekretisten in der zweiten Hälfte des 12. Jh.: hier {774} sei Huggucios Interpretation mit ihrem positiven Urteil über diese Tätigkeit zukunftweisend gewesen.  --  Martin Brett, The sources and influence of Paris, Bibliothèque de l'Arsenal MS 713 (S. 149-167), analysiert den Zusammenhang zwischen den kanonistischen Werken Ivos von Chartres und der Sammlung der Hs. Arsenal 713, die offenbar umfangreichere und teilweise textlich eigenständige Arbeitsmaterialien Ivos überliefert; eine der Sammlung verwandte Hs. muß der Collectio Caesaraugustana als Vorlage gedient haben.  --  Robert Somerville, Papal Excerpts in Arsenal MS 713B: Alexander II. and Urban II. (S. 169-184), kann anhand der Briefexzerpte zeigen, daß der Kompilator von Arsenal 713 eine Sammlung benutzte, die der Collectio Britannica sehr ähnlich war, aber vollständigere Inskriptionen und bessere Texte enthielt; im Anhang sind die 32 Auszüge aus Briefen Alexanders II. aufgeführt.  --  Ludwig Falkenstein, Die beiden Versionen der Littera Alexanders III. JL 12116 (1171-1172) Sept. 9 (S. 185-255), ediert die unveröffentlichte Dekretale, von der bisher nur eine abweichende Delegatenausfertigung gedruckt vorlag, und ordnet die beiden, ganz unterschiedlich überlieferten Fassungen dem historischen Geschehen, einem Rechtsstreit eines Priesters Daniel mit seinem Nachfolger Walter an der Kirche Sint-Jans in Gent und seinem Diözesanbischof Walter von Tournai, zu.  --  Wilfried Hartmann, Die Konzilien in der vorgratianischen Zeit des Kirchenrechts (S. 259-286), befaßt sich neben einem Referat des Forschungsstandes mit dem Einfluß der Konzilien auf die Entwicklung des Kirchenrechts, der im Lauf der Zeit zugunsten des Papstrechts abnahm, der verschieden eingeschätzten Autorität der konziliaren Gesetzgebung und ihrem Anteil an der Ausbildung von Rechtsinstituten.  --  Antonio García y García, Asambleas Episcopales (S. 287-304), weist auf viele Bischofsversammlungen besonders des Spät-MA, bei denen sich der konziliare Charakter nicht auf Anhieb erkennen läßt, und auf die dabei verabschiedeten Texte und benutzten Bücher hin.  --  Hans-Joachim Schmidt, Reichs- und Nationalkonzilien. Die Kontroverse über ihre Existenzberechtigung (S. 305-338), ist (anders als man es vom Titel her erwarten würde) eine bis ins 4. Jh. zurückgreifende, das ganze MA umfassende Übersicht über die Abgrenzung von Provinzialsynoden und allgemeinen Konzilien, wobei sich der Vf. besonders um die Definition der Legatensynode kümmert.  --  Franz Felten, Konzilsakten als Quellen für die Gesellschaftsgeschichte des westfränkischen Reiches um die Mitte des 9. Jahrhunderts (S. 339-356), ist eine Kurzform seines Beitrags zur Festschrift F. Prinz (vgl. DA 51, 216).  --  Uta-Renate Blumenthal, Conciliar Canons and Manuscripts: the Implications of Their Transmission in the Eleventh Century (S. 357-379), skizziert die Überlieferung der Reformkonzilien und ihren Stellenwert in der päpstlichen Gesetzgebung von Leo IX. bis Paschal II.  --  Lotte Kéry, Die Verhandlungen über die Errichtung des Bistums Arras auf der Provinzialsynode in Reims (20. März 1093) (S. 381-398), würdigt die historischen und kirchenrechtlichen Argumente in dem Plädoyer eines Anonymus der Kirche von Arras zugunsten der Bistumserrichtung.  --  Joseph Avril, Deux codifications synodales du XIIIe siècle: Angers et Cambrai. Etude comparative (S. 399-416), vergleicht die Synodalstatuten der Diözesen Cambrai und Angers zwischen 1260 und 1314 bzw. 1317, an denen auffällt, daß die Synodalgesetzgebung in Angers erheblich umfangreicher in der Zahl als auch in der Begründung der einzelnen Maßnahmen ausfiel.  --  Antonio Padoa-Schioppa, Il diritto canonico come scienza nella prospettiva storica: alcune riflessioni (S. 419-444), betont den {775} interdisziplinären Charakter des kanonischen Rechts, der große Bedeutung für die Ausbildung politischer und juristischer Theorien im Abendland hatte.  --  Rudolf Weigand, Die ersten Jahrzehnte der Schule von Bologna: Wechselwirkungen von Summen und Glossen (S. 445-465), stellt an neun Autoren von Paucapalea (vor 1148) bis Huguccio (um 1188) fest, daß die zeitliche Folge von ihren Glossen und Summen zum Dekret Gratians selten zu klären ist.  --  Waltraud Kozur, Die Quaestionensumme des Honorius und die Summen im Clm 16083 (S. 467-501), weist nach, daß die Folien 62-73 des Münchner Codex in Form und Inhalt von der Quaestionensumme des Honorius abhängen, während die Blätter 52-62 eine anonyme Quaestionensumme zum Dekret Gratians überliefern, die in ihrer Naturrechtslehre auf die Summe des Huguccio zurückgeht; der Text des Clm dürfte um 1190 geschrieben worden sein.  --  Maximilian Kerner, Johannes von Salisbury und das gelehrte Recht (S. 503-521), zeigt, daß sowohl im Policraticus als auch in seinen späteren Schriften rechtliche Überlegungen nicht im Vordergrund standen.  --  Dieter Girgensohn, Anleitungen zum Studium der Jurisprudenz an den Universitäten des späteren Mittelalters (S. 523-552), bespricht ein gutes Dutzend von Studienanleitungen von der Mitte des 13. bis Ende des 15. Jh., in denen neben Ratschlägen für die Studenten nachdrücklich die Lehrbefähigung der Dozenten gefordert wurde.  --  Harry Dondorp, Zum Begriff Ius ad rem bei Innocenz IV. (S. 553-574), behandelt die häufigen Stellungnahmen des Papstes in seinem Kommentar zum Liber Extra zu dieser schwierigen Frage des Pfründenbesitzes.  --  Anne Lefebvre-Teillard, Mulieri asserenti se ex operibus alicuius praegnantem, an credi debeat, etiamsi hoc medio affirmet iuramento? Les origines d'une célèbre 'decisio' de N. Boerius (S. 575-589), benennt die kanonistischen und legistischen Quellen der Decisio 299 über den Vaterschaftsnachweis des Parlamentspräsidenten von Bordeaux Nicolas Bohier (#[86] 1539), die bis zum Ende des Ancien Régime in Frankreich grundlegend war.  --  Emanuele Conte, Coloni e manentes tra servitù e libertà. Spunti canonistici (S. 591-637), analysiert die Kommentare der Dekretisten über ascripticii und originarii in Gratians D. 54.  --  R. H. Helmholz, The Universal and the Particular in Medieval Canon Law (S. 641-659), ist ein Aufruf zu mehr vergleichenden Studien, durch die länderübergreifende Gemeinsamkeiten und Besonderheiten einzelner Regionen deutlicher zutage treten würden.  --  Brian Ferme, The tendency to Roman Law in English Fifteenth Century Law: Lyndwood's Provinciale re-examined (S. 661-675), beschäftigt sich mit Lyndwoods (#[86] 1446) Glossierung des Provinciale, dessen Stil auffällige Parallelen zur Argumentationsweise im römischen Recht zeige.  --  Lucy Freeman Sandler, Illustrations of Canon Law in the "Omne bonum", an English Encyclopedia of the Fourteenth Century (S. 675-689), interpretiert einige der über 650 Illustrationen der unvollendet gebliebenen, 1 100 Folien umfassenden und alphabetisch geordneten Enzyklopädie, die der am Exchequer beschäftigte James le Palmer zwischen 1360 und 1375 verfaßte.  --  Gert Melville, Ordensstatuten und allgemeines Kirchenrecht. Eine Skizze zum 12./13. Jahrhundert (S. 691-712), meint, daß die neuen Orden zwar grundsätzlich dem ius commune unterworfen waren, mit ihren Statuten und Generalkapiteln aber "eigenständig einen Rechtsbestand, der auf abstrakt formulierten Normen fußte" (S. 711), schufen.  --  Heinz-Meinolf Stamm, Strafrechtliche Bestimmungen in der Gesetzgebung des Minderbrüderordens bis Anfang des 15. Jahrhunderts (S. 713-722), informiert über Straftaten, das Strafmaß und den {776} Strafvollzug in der Regel und den Generalkonstitutionen des Ordens.  --  Paul Freedman, Jurisdictional Disputes Over Sant Pere d'Àger (Catalonia) in Light of New Papal Documents (S. 723-755), skizziert den jahrzehntelang dauernden Streit zwischen Sankt Peter in Àger und der Kathedralkirche von Urgell um die päpstliche Exemtion des Klosters, dessen Dokumentation der Vf. durch die Edition von zwei bisher unbekannten Briefen Hadrians IV. (1156) und Alexanders III. (1166/67) vervollständigt.  --  Péter Erdö, Partikulare Kirchenrechtsquellen in Ungarn (S. 757-770), stellt fest, daß die kirchliche Gesetzgebung im ma. Ungarn nicht besonders intensiv war.  --  Magnús Stefánsson, Isländisches Eigenkirchenwesen (S. 771-792), gibt einen Überblick über die Geschichte des isländischen Eigenkirchenwesens, das sich bis Ende des 13. Jh. hielt.  --  James A. Brundage, The Calumny Oath and Ethical Ideals of Canonical Advocates (S. 793-805), befaßt sich mit der Wiedereinführung des Kalumnieneides, der im 11. Jh. sporadisch und im 12./13. Jh. allgemein von Juristen gefordert wurde.  --  Gero Dolezalek, Kanonistische Zitate im römisch-holländischen Recht (S. 807-828): sie kommen in Abhandlungen holländischer Juristen des 16. bis 18. Jh. vor.  --  Hans Constantin Faussner, Rechtswandel von Vogtei und Reichskirchengut durch das Wormser Konkordat (S. 829-847), sieht als entscheidende Bestimmung des Wormser Konkordats die Unterteilung des bis dahin rechtlich einheitlichen Kirchenguts in bona ecclesiastica und bona saecularia, was zum Verlust der bedeutsamen Stellung des Kirchenvogts geführt habe.  --  Franz Kerff, "Altare" und "ecclesia". Zur Frühgeschichte des "beneficium ecclesiasticum" (S. 849-870), kann durch einige Beispiele zeigen, dass mit dem Begriff altare schon Ende des 10. Jh. im Gebiet der Gallia ein genau festgelegtes Sondervermögen zur Sicherung des Lebensunterhaltes eines kirchlichen Amtsträgers an einer mit Pfarreirechten ausgestatteten Niederkirche bezeichnet wurde.  --  John Van Engen, From Practical Theology to Divine Law: The Work and Mind of Medieval Canonists (S. 873-896), beschäftigt sich mit der Wechselwirkung zwischen Theologie und Kanonistik in der "klassischen Zeit" (1140-1378).  --  Giuseppe Fornasari, Sicut quedam sunt que nulla possunt ratione conuelli ... Aspetti e problemi della fortuna di una Praefatio leonina. Una premessa di metodo (S. 897-921), untersucht die Rezeption eines Passus aus der Einleitung Leos I. in seinem Brief an Bischof Rusticus von Narbonne (JK 544).  --  Arturo Bernal Palacios, La redacción breve del c. "In die resurrectionis" en las colecciones canónicas pregracianas (S. 923-952), stellt die breite Überlieferung des Gregor VII. zugeschriebenen Kanons zusammen und widmet sich speziell (leider nicht ganz zutreffend) der Kurzform des Textes in der Appendix Seguntina, einem Anhang von Kanones zu Ivo von Chartres Panormie, der in drei Hss. aus Sigüenza und Burgo de Osma steht.  --  Herbert Kalb, Die Wechselwirkung von Theologie und Kanonistik am Beispiel der laesio enormis (S. 953-974), zeigt, wie in der kanonistischen Diskussion der laesio enormis seit dem Ende des 12. Jh. mit der Übernahme des legistischen Konzepts gegenseitiger Übervorteilung und der moraltheologischen Position von der Sündhaftigkeit jeglichen Übervorteilungsversuchs zwei inkompatible Elemente miteinander verbunden wurden, die je nach ihre Gewichtung zu ganz unterschiedlichen Lösungen führten.  --  Peter Diehl, Heresy as Grounds for Divorce (S. 975-996), ediert und interpretiert aus Huguccios Summa decretorum (um 1188) seinen Kommentar zu Gratians C. 28 q. 2.  --  P. V. Aimone, Il Purgatorio nella decretistica (S. 997-1009), betont {777} in Auseinandersetzung mit J. Le Goff (vgl. DA 41, 327 f.) den nicht zu unterschätzenden Beitrag der Kanonistik zur Ausbildung der Theorie des Fegefeuers.  --  George Conklin, Stephen of Tournai, Law, and Reform in the Later Twelfth Century (S. 1011-1022), befaßt sich mit der Stellungnahme Stephans von Tournai zu den Auseinandersetzungen zwischen clerici und laici in der Klostergemeinschaft von Grandmont 1185/87.  --  Jürgen Miethke, Kanonistik, Ekklesiologie und politische Theorie: Die Rolle des Kirchenrechts in der politischen Theorie des Spätmittelalters (S. 1023-1051), unterstreicht die Bedeutung der kanonistischen und legistischen Tradition für die Entstehung, Weiterentwicklung und Emanzipation des politischen Denkens im Spät-MA.  --  Edward Peters, Non legitur in historia francorum: Stephen of Tournai, the Last Merovingians, and the Capetian Dynasty (S. 1053-1078), versucht vergeblich die Quellen aufzudecken, die Stephan von Tournai in seiner Summe bei der Kommentierung von Gratians C. 15 q. 6 c. 3 für seinen Bericht von der Absetzung des letzten Merowingerkönigs benutzte.  --  Klaus Schreiner, Dispens vom Gelübde der Keuschheit in der Kanonistik des späten Mittelalters: Zur normverändernden und rechtsbildenden Kraft politischer und gesellschaftlicher Interessen (S. 1079-1100), kann zwar keine konkreten Situationen nennen, durch welche die Diskussion über die Entbindung vom Gelübde der Keuschheit unter den Kanonisten seit dem 13. Jh. veranlaßt wurde, möchte sie aber auch nicht als bloße Gedankenspielerei abtun.  --  John McIntyre, Aquinas, Gratian, and the Mendicant Controversy (S. 1101-1135), behandelt die Benutzung des Gratianschen Dekrets durch Thomas von Aquin in seinen apologetischen Schriften Contra impugnantes (1256), De perfectione vitae spiritualis (1270) und Contra doctrinam retrahentium a religione (1271).  --  Marco Cavina, 'Paterfamilias' - 'Princeps' nella tradizione teologica e giuridica bassomedievale. Alcuni sondaggi nelle fonti e nella storiografia (S. 1137-1153), bietet einige Interpretationen spätma. Quellen und der modernen Forschung.  --  James Muldoon, Hugo Grotius, Medieval Canon Law and the Creation of Modern International Law (S. 1155-1165), betont die Beschränkung der päpstlichen Macht auf die geistliche Sphäre durch Grotius (#[86] 1645).  --  Den Schluß des Bandes bildet ein Verzeichnis der zitierten Hss. (S. 1167-1188).

Detlev Jasper


[332], S. 777

Enrique De León, La "cognatio spiritualis" según Graciano (Pontificio Ateneo della Santa Croce 11) Mailand 1996, Giuffrè Editore, XIV u. 310 S., ISBN 88-14-05665-X, ITL 40.000.  --  Die Studie beschäftigt sich mit Gratians C. 30 q. 1, 3 und 4, in denen Ehehindernisse erörtert werden, die sich aus der geistlichen Verwandtschaft ergeben. In einem ersten Kapitel bespricht der Vf. Quellen, angefangen mit Texten der Bibel, über Äußerungen des Codex Justinianus, Konzilsbeschlüsse, päpstliche Stellungnahmen von Zacharias (741-752, JE 2307) bis Paschal II. (1099-1118, JL 6436) sowie Nachrichten über sein Thema in chronikalischen Werken (S. 12-69), woran sich eine systematische Erörterung über die cognatio spiritualis im ersten Jahrtausend knüpft (S. 70-104). Das zweite Kapitel (S. 105-232) bietet eine Neuedition der oben genannten Gratiantexte auf der Grundlage von einem guten Dutzend Hss. und den Versuch, die unmittelbaren kanonistischen Vorlagen Gratians herauszufinden. Ob die grundlegenden Ergebnisse Winroths über die Rezensionen des Gratianschen Dekrets (vgl. DA 54, 220 f.), die der Vf. noch nicht in seine Studien einbeziehen konnte, zu einem {778} anderen Ergebnis über die Entstehung des Textes von Causa 30 und die von Gratian benutzten Quellen geführt hätten, muß offen bleiben. Der letzte Abschnitt (S. 233-295) entfaltet die Lehre Gratians und ihre Kommentierung in frühen Dekretsummen (1140-1180). Die solide Arbeit beschließen ein Hss.- und Literaturverzeichnis.

Detlev Jasper


[333], S. 778

André Gouron, Sur les gloses siglées d et p dans les manuscrits du XIIe siècle, Rivista Internazionale di Diritto Comune 8 (1997) S. 21-34, bringt die Siglen mit den provencalischen Kanonisten Raymond d'Arènes (d) und Elzéar de Sauve (p), die Mitte des 12. Jh. tätig waren, in Verbindung.

Detlev Jasper


[334], S. 778

Filippo Liotta, I Papi anagnini e lo sviluppo del diritto canonico classico: tratti salienti, AHP 36 (1998) S. 33-47, betont in seiner Skizze die fortschreitende Systematisierung und Abstraktion des Kirchenrechts in den offiziösen Dekretalensammlungen zwischen der Compilatio III (1210) und dem Liber Sextus (1298) Bonifaz' VIII.

Detlev Jasper


[335], S. 778

Giulio Battelli, I notai pubblici di nomina papale nel Duecento. Proposta di una ricerca d'interesse europeo, AHP 36 (1998) S. 59-106, hat aus den vatikanischen Registern die im päpstlichen Auftrag in Europa tätigen Notare von Innozenz III. (1198-1216) bis Bonifaz VIII. (1294-1303) zusammengestellt.

Detlev Jasper


[336], S. 778

Timothy M. Thibodeau, Canon Law and Liturgical Exposition in Durand's Rationale, BMCL 22 (1998) S. 41-52, zeigt an einigen Beispielen den starken Einfluß des kanonischen Rechts, besonders des Decretum Gratiani und des Liber Extra, auf die Ausführungen zur Liturgie in Wilhelm Durantis Rationale divinorum officiorum (1294/96).

Detlev Jasper


[337], S. 778

Thomas M. Izbicki, Friars and Jurists. Selected Studies (Bibliotheca Eruditorum 20) Goldbach 1997, Keip, XX* u. 438* S., ISBN 3-8051-0293-3, DEM 158.  --  Der Band enthält 29 Arbeiten Izbickis, die unter drei Themen (I. Friars, II. Jurists, III. Manuscripts and Editions) zusammengefaßt sind. In der ersten Abteilung stehen die Dominikaner und ihre Auseinandersetzung mit der papalistischen Polemik gegen sie im Zentrum, das zweite Kapitel geht besonders der Frage nach, welche Wirkung der Pontifikat Bonifaz' VIII. auf das Kirchenrecht hatte, und der dritte Abschnitt ist ekklesiologischen und polemischen Texten aus der Vaticana, aus der Ambrosiana in Mailand und aus amerikanischen Bibliotheken gewidmet. Die Arbeiten sind nach Bedarf auf den neuesten Stand gebracht, durch ein knappes Register erschlossen, und Leser mit wenig Zeit werden durch 29 Abstracts der Aufsätze (S. IX*-XX*) bedient.

Detlev Jasper


[338], S. 778

Mariano d'Alatri, L'inquisizione francescana nell'Italia centrale del Duecento. Con il testo del "Liber inquisitionis" di Orvieto trascritto da Egidio Bonanno (Bibliotheca Seraphico-Capuccina 49) Roma 1996, Istituto storico dei Cappuccini, 388 S., keine ISBN, ITL 40.000.  --  Zehn Jahre nach der 1986 erschienenen zweibändigen Ausgabe seiner Aufsätze (vgl. DA 44, 656) hat der um die Erforschung von Häresie und Inquisition in Mittelitalien hochverdiente Kapuziner nun seinen wissenschaftlichen Erstling erneut vorgelegt, der als 1950 {779} von der Università Gregoriana angenommene Diss. bereits 1952/53 in den Collectanea franciscana und 1954 in Rom als Separatausgabe gedruckt worden ist. Da dieser Sonderdruck längst vergriffen und schwer zugänglich ist, wird man dem Autor für die Neuausgabe dankbar sein, auch wenn die Forschung in der einen oder anderen Detailfrage inzwischen weiter vorangekommen ist und sich der Niederschlag dieser Forschungsfortschritte im vorliegenden Text durchaus in Grenzen hält. Entschädigt wird man jedoch durch den umfangreichen Quellenanhang (S. 159-338) mit nicht weniger als 111 Dokumenten, darunter allein 59 aus der Zeit vom 14. Mai 1268 bis zum 22. Januar 1269, die Egidio Bonanno im Staatsarchiv von Orvieto (Fondo Comunale, Matricola 861) aus dem dortigen Liber sententiarum hereticorum comunis Urbisveteris transkribiert hat und die, da schließt sich der Rezensent der Meinung Pater Marianos gerne an, "La novità piú rilevante del volume" (S. 6) ausmachen.

Peter Segl {779}


[339], S. 779

Orazio Condorelli, Giuristi vescovi nell'Italia del Trecento. Le "quaestiones disputatae" di Bonaccorso da Firenze e Giovanni Acciaiuoli, Rivista Internazionale di Diritto Comune 9 (1998) S. 197-261, stellt die Nachrichten über die Herkunft der beiden, ihr Studium, ihre Lehrtätigkeit in Bologna, ihre geistlichen Karrieren in Ferrara und Cesena und ihren frühen Tod zusammen und ediert die von ihnen erhaltenen Quaestionen.

Detlev Jasper


[340], S. 779

Elizabeth Makowski, Mulieres Religiosae, Strictly Speaking: some Fourteenth-Century Canonical Opinions, The Catholic Historical Review 85 (1999) S. 1-14, untersucht die negative Beurteilung, die Johannes Andreae (#[86] 1348) und Francesco Zabarella (#[86] 1417) in ihren Kommentaren zu den Clementinen den Kanonissen angedeihen ließen, während einige juristische Stellungnahmen dieser Zeit von dem strengen Urteil der Kanonisten abwichen.

Detlev Jasper


[341], S. 779

J. H. Baker, Monuments of Endlesse Labours. English Canonists and their work, 1300-1900, London u. a. 1998, Hambledon Press, XX u. 188 S., Abb., ISBN 1-85285-167-8, GBP 25.  --  Wurde im Zusammenhang mit der Entwicklung und Verdichtung des common law in England das learned law, das gelehrte römische Recht, nur noch von den civilians betrieben, so macht der Vf. dankenswerterweise auch auf den zweiten Teil des ius commune, das kanonische Recht, und seine englischen Vertreter in 14 kurzen Biografien, nebst Einleitungs- und Schlußkapitel aufmerksam. Für die ma. Phase sind dabei William Paull, William Bateman und John Ayton erwähnt, den Übergang markiert William Lyndwood (zu ihm ferner B. Ferme, vgl. oben S. 775). Über die Auswahl und damit verbunden den zeitlichen Rahmen läßt sich selbstverständlich streiten, jedoch bedeutet, die Darstellung erst mit den Anfängen der Kanonistik an englischen Universitäten zu beginnen, zugleich den Verzicht auf die Darlegung der Einbindung Englands in die vorangehende Entwicklung; z. B. auf Lanfranc von Bec, die Collectio Lanfranci, das "anglonormannische Kirchensystem"; oder auf die intensive Teilnahme englischer oder in England bepfründeter Kleriker (z. B. Hostiensis) an der frühen klassischen Kanonistik. Was wären unsere Kenntnisse der Dekretalensammlungen ohne die englische Tradition? Diese gerade 'nicht-insulare' Phase kommt aus der Sicht des Rezensenten entschieden zu kurz. Jedoch als Gelehrtengeschichte im engeren Sinne und mit dem Schwerpunkt in der Neuzeit {780} ist dieses schmale, aber gehaltvolle Bändchen zugleich eine bemerkenswerte Einführung in englisches Rechtsdenken und englische Rechtspraxis.

Jörg Müller {780}


[342], S. 780

Thomas Schoene, Das Soester Stadtrecht vom 12. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts. Zugleich ein Beitrag zur Entwicklung deutscher Stadtrechte im hohen und späten Mittelalter (Studien und Quellen zur westfälischen Geschichte 34) Paderborn 1998, Bonifatius Verlag, LXI u. 264 S., ISBN 3-89710-016-9, DEM 98.  --  Die Arbeit liefert den bislang fehlenden Überblick über die Soester Rechtsentwicklung des obigen Zeitraums; neben den Rechtsquellen erscheint eine umfangreiche und weit ausgreifende Sekundärliteratur unter Rückgriff auf die älteren Standardwerke. Zu räumlich oder inhaltlich benachbarten Stadtrechten werden Vergleiche gezogen; die nach modernen Kategorien ordnende, übersichtliche Darstellung erlaubt dies zusätzlich für andere Stadtrechte. Der Themasetzung entsprechend, wird der normative Charakter der Texte herausgehoben und nicht besonders auf die Rechtswirklichkeit eingegangen. Vielleicht hätte sich damit die Frage lösen lassen, ob in Soest Delinquenten in Wasser, Wein, Öl - oder ob sie überhaupt gesotten wurden.

Lothar Kolmer {780}


[343], S. 780

Roswitha Rogge, Zwischen Moral und Handelsgeist. Weibliche Handlungsräume und Geschlechterbeziehungen im Spiegel des hamburgischen Stadtrechts vom 13. bis zum 16. Jahrhundert (Ius Commune. Sonderhefte 109) Frankfurt am Main 1998, Klostermann, IX u. 282 S., 12 Abb., ISBN 3-465-02749-3, DEM 98.  --  Diese Hamburger Diss., betreut von Gerhard Theuerkauf und Claudia Opitz, versteht sich als Beitrag zur feministisch orientierten, historisch-anthropologischen Geschlechterforschung auf dem Gebiet des Rechts. Recht wird dabei als Mittel zur Gestaltung sozialer Wirklichkeiten verstanden. Vor dem Hintergrunde dieser Axiome werden für die Zeit von der ersten Fixierung des Hamburger Stadtrechtes 1270 bis zu seiner wiederholten Neukodifikation 1603/05 u. a. folgende Themen behandelt: Eheschließungen und deren Vorbereitung sowie die materielle Ausstattung der Bräute und deren Verfügungsfähigkeit über die Mitgift, die Rechts-, Geschäfts- und Testierfähigkeit verheirateter Frauen und Witwen, die Bedeutung der Frauenkleidung als Gradmesser für die Ehre von Mann und Frau, die Regelung innerehelicher Konflikte sowie der weite Bereich sexueller Fehltritte von Männern und Frauen und deren Sanktionierung. Kernthese der Arbeit ist es, daß die Einschränkung rechtlicher Handlungsräume für Frauen im MA primär ökonomisch bedingt gewesen sei, während die relative Verschärfung der Sexualgesetzgebung seit dem ausgehenden 15. Jh. auf interne Legitimationsprobleme der städtischen Obrigkeit zurückgehe. Die Quellen der Arbeit sind einerseits normativer Natur (v. a. Stadtrechtsaufzeichnungen), entstammen andererseits Prozeßaufzeichnungen. Deswegen nimmt die Anschaulichkeit der Beweisführung im 16. Jh. deutlich zu, während für das MA vielfach nur trümmerhafte Überlieferungsreste einen Blick in die rechtliche Praxis der Stadt erlauben. Die Einbettung der hamburgischen Verhältnisse in den überregionalen Forschungsstand macht die Arbeit auch in vergleichender Hinsicht interessant.

Thomas Vogtherr {780}


{781}

[344], S. 781

JiKejr, Vznik mestského zrízení v ceskych zemích [mit ausführlicher Zusammenfassung: Die Entstehung der Stadtverfassung in den böhmischen Ländern], Praha 1998, Karolinum, 347 S., ISBN 80-7184-515-9.  --  Nach langjährigen Vorbereitungsarbeiten (die z. T. auch im DA referiert wurden), legt K. seine breit gefaßte und ausführlich belegte Geschichte der böhmisch-mährischen Stadtentwicklung in der Zeit der Premyslidenkönige vor. Nach einleitenden Kapiteln über den Forschungsstand, die Quellenlage und Terminologie folgt die eigentliche Darstellung: der Gründungsakt, das Stadtrecht, Wirtschaftsprivilegien, der Markt, die Verwaltung, das Gericht, die Bettelorden und das Bürgertum. Eine knappe Zusammenfassung, ein Literaturverzeichnis sowie ein Namen- und Sachregister schließen die Arbeit ab.

Ivan Hlavácek {781}


5. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte

1. Allgemeines S. 781. 2. Siedlungsgeschichte S. 787. 3. Stadtgeschichte S. 788.

[345], S. 781

Sebastiano Maggio, Le assoziazioni professionali nell'alto medioevo. Artigiani e commercianti in Italia dal VI all'XI secolo, Catania 1996, CUECM, 241 S., keine ISBN, ITL 25.000.  --  Erklärtes Ziel dieser vor allem wissenschaftsgeschichtlich ausgerichteten Studie ist es, den engen Zusammenhang zwischen der historischen Forschung über die Zünfte und verwandte korporative Berufsverbände im Bereich des Handwerks und des Handels mit den jeweiligen Zeitumständen herauszuarbeiten, unter denen diese Forschungen entstanden sind. M. will also die - vor allem ideologisch verstandene - Zeitgebundenheit der Geschichtswissenschaft auf einem bestimmten Forschungsfeld untersuchen. Dabei stellt er fest, daß die Studien über die Zünfte in den beiden Jahrzehnten zwischen 1890 und 1910, als Italien Agrar- und Industriekrisen erschütterten, und in den 1930er Jahren, als sich der faschistische Staat korporativ konstituierte, besonders zahlreich und besonders fruchtbar waren. In einem Eingangskapitel gibt M. einen Überblick der Forschungen über die antiken Korporationen. Dann stellt er die Forschungsgeschichte der frühma. Zünfte und anderen Berufsvereinigungen bis in die Gegenwart dar, wobei sein Hauptaugenmerk der Frage nach der Kontinuität zwischen Antike und MA und nach dem Charakter dieser Assoziationen gilt, ob sie also freiwillige oder erzwungene Berufsvereinigungen waren. Besonders intensiv wendet er sich dabei Arrigo Solmi zu, dessen Opportunismus er ebenso herausstellt wie die Wichtigkeit seiner Forschungen für dieses Arbeitsfeld. Ein weiteres Kapitel ist den "magistri commacini" gewidmet, die er sprachlich nicht mit der Stadt Como, sondern mit "macchina" (Maschine) in Verbindung bringt. Ein anderer thematisch bestimmter Abschnitt beschäftigt sich mit der komplizierten Geschichte der Erforschung der Honorantie civitatis Papie.  --  Insgesamt bietet das Buch einen interessanten Überblick über die Forschungsgeschichte der frühma. Berufsvereinigungen, der allerdings etwas darunter leidet, daß er sich fast ausschließlich auf die italienische Forschung beschränkt, ohne deren europäischen {782} Kontext ausreichend zu berücksichtigen. Zudem hätte eine intensivere Auswertung der zahlreichen guten Stadtgeschichten, die seit den 1970er Jahren entstanden sind, weitere Gesichtspunkte für die Thematik liefern können.

Jörg Jarnut {782}


[346], S. 782

Karl Schmid, Geblüt, Herrschaft, Geschlechterbewußtsein. Grundfragen zum Verständnis des Adels im Mittelalter, aus dem Nachlaß hg. und eingeleitet von Dieter Mertens und Thomas Zotz (Vorträge und Forschungen 44) Sigmaringen 1998, Thorbecke, XXXIII u. 217 S., 2 Abb., ISBN 3-7995-6644-9, DEM 78.  --  Postum erscheint hier die 1961 vorgelegte Freiburger Habilitationsschrift Schmids (1923-1993) auf der Basis einer leicht modifizierten Fassung der späten 70er Jahre und mit wenigen, eigens gekennzeichneten Varianten aus einer Phase der Druckvorbereitung in Schmids letzten Jahren. Obgleich unpubliziert, hat sie doch nicht wenige zitierende Leser gefunden und zusammen mit den vorangegangenen Aufsätzen von 1957 und 1959 die internationale Fachdiskussion über den Strukturwandel der Adelsherrschaft vom Früh- und zum Hoch-MA nachhaltig beeinflußt. Daß sie nach Jahrzehnten nun allgemein zugänglich wird, ist daher nicht nur um des Inhalts willen, sondern auch zum besseren Verständnis der Wissenschaftsentwicklung sehr zu begrüßen und legt im übrigen auch Grundlinien von Schmids weiterem #[8C]uvre offen. Die beiden Hgg. haben eine Einleitung vorangestellt, die neben einem biographischen Rückblick auch wichtige Bemerkungen zur Resonanz des Werkes enthält. Beigegeben sind ferner Personen- und Ortsregister.

Rudolf Schieffer


[347], S. 782

Jean-Louis Paul, L'automne de la féodalité. Essai sur la formation du monde étatique-marchand (XIe-XVIe) siècle, Coeuvres-et-Valsery 1997, Ressouvenances, 224 S., ISBN 2-904429-85-9, FRF 120.  --  Der Autor vertritt die Meinung, der Zeitraum zwischen dem 11. und dem 13. Jh. bildete nicht "l'apogée féodal", wie in der Literatur gewöhnlich vertreten, sondern das Gegenteil - damals sei der Einbruch der Moderne, des Kapitalismus, in einer "révolution bourgeoise" erfolgt. Das in den Köpfen herrschende Bild des spätma. Feudalismus diene den Macht- und Geldeliten dazu, die Transformationsvorgänge zu verschleiern und erweise ein "falsches historisches Bewußtsein". Das Buch erinnert nicht von ungefähr an die marxistische Geschichtsschreibung der DDR mit den vielen Marx/Engelszitaten. Einmal abgesehen von einem minimalen Literaturverzeichnis (dann alle ma. Quellen, aber auch Marx nur in französischer Übersetzung), wenigen summarischen Anmerkungen und der Textkompilation überhaupt, fragt es sich, ob eine derartige monokausale Analyse auf der Basis des dialektischen Materialismus heute noch zureichende Erklärungen und Erkenntnisse liefern kann. Die vorliegende Arbeit mutet doch sehr verspätet an.

Lothar Kolmer {782}


[348], S. 782

Werner Rösener, Adelsherrschaft als kulturhistorisches Phänomen. Paternalismus, Herrschaftssymbolik und Adelskritik, HZ 268 (1999) S. 1-33, sieht in der Adelsherrschaft nicht bloß ein ökonomisch und politisch bedingtes "Zwangssystem", sondern betrachtet, vornehmlich gestützt auf südwestdeutsche Quellenbefunde des Spät-MA und der frühen Neuzeit, als tiefere Gründe ihrer Stabilität die Kraft des paternalistischen Gedankens der "Wechselseitigkeit von Schutz und {783} Hilfe in der Beziehung zwischen Grundherrn und Bauern" (S. 18) sowie "die kulturelle Hegemonie des Adels mit ihren Herrschaftssymbolen und rituellen Handlungen" (S. 30).

Rudolf Schieffer


[349], S. 783

Detlef Kattinger, Die Gotländische Genossenschaft. Der frühhansisch-gotländische Handel in Nord- und Westeuropa (Quellen und Darstellungen zur hansischen Geschichte N. F. 47) Köln u. a. 1999, Böhlau, X u. 529 S., ISBN 3-412-10698-4, DEM 128.  --  Diese 1994 abgeschlossene Greifswalder Diss. hat sich nichts weniger zum Ziel gesetzt, als "eine Gesamtsicht auf die Geschichte der 'Gotländischen Genossenschaft', ihre organisatorischen Strukturen und ihre Stellung innerhalb der Handelskommunikation Nordost- und Westeuropas zu versuchen" (S. 4), d. h. im Klartext eine Handelsgeschichte Nordeuropas vom beginnenden 12. bis zum ausgehenden 13. Jh. zu schreiben, ohne freilich ein besonderes Erkenntnisinteresse zu formulieren. Das weitgespannte Thema und die oft undurchsichtige Argumentation des Vf. bringen es mit sich, daß der Leser die Leitgedanken dieser Arbeit mit ihren 8 Haupt- und 60 Unterkapiteln nur mühevoll erschließen kann; erst die Zusammenfassung (S. 449-475) schafft etwas mehr Klarheit. Demnach hat es schon zu Beginn des 12. Jh. in Alt-Lübeck genossenschaftliche Zusammenschlüsse der Kaufleute gegeben. Für die Folgezeit hat man von einer Gemengelage mehrerer unterschiedlich straff organisierter und miteinander konkurrierender, teils ethnisch gemischter Kaufleutevereinigungen auszugehen, die lediglich in der Außensicht Englands und Novgorods mitunter auch als zusammengehörig betrachtet und unter dem Begriff universitas mercatorum zusammengefaßt werden konnten. Die 1252 erstmals so genannte universitas mercatorum Romani imperii Gotlandiam frequentantium mit Sitz in Visby war entgegen vielfach geäußerter Ansicht also keine Gesamtorganisation der deutschen Kaufleute im Norden, sondern nur eine Genossenschaft unter anderen, wenngleich zumindest im früheren 13. Jh. wohl die bedeutendste davon. In der zweiten Hälfte des 13. Jh. wurden ihre Funktionen jedoch immer mehr von städtischen Gremien, besonders Lübecks, übernommen, so daß am Ende des Jh. die Gotländische Genossenschaft faktisch aufgehört hatte zu existieren und die entstehende Städtehanse ihre Rolle als Interessenvertretung der Kaufleute einnehmen konnte. Das Vertrauen in diese an sich sehr beachtlichen Ergebnisse wird freilich gemindert durch die mangelnde Vertrautheit des Vf. mit der lateinischen Sprache, die auf fast jeder Seite zutage tritt; bedenklich ist dieser Mangel, weil gerade Fragen der Quellenterminologie eine entscheidende Rolle spielen und feinsten sprachlichen Nuancen noch eine besondere Bedeutung zugemessen wird. Seit dem Abschluß 1994 wurde der Text nicht mehr aktualisiert, weshalb die Arbeit in manchen Aspekten schon jetzt überholt ist (vgl. DA 54, 815 ff. oder DA 54, 807). Trotz der fünfjährigen Drucklegungszeit wurde der Text übrigens nur sehr schlecht lektoriert.

Roman Deutinger {783}


[350], S. 783

Philippe Contamine, La noblesse au royaume de France. De Philippe le Bel à Louis XII. Essai de synthèse (Moyen Age) Paris 1997, Presses Universitaires de France, 385 S., ISBN 2-13-048763-7, FRF 148.  --  Zu dieser durch Materialdichte, Klarheit der Formulierung und ebenso umsichtigen wie differenzierten Aufbau ausgezeichneten Studie, die den Lebensformen des französischen Adels von 1285 {784} bis 1515 nachgeht, sei hier nur verwiesen auf die Bemerkungen von Werner Paravicini, Adel im spätmittelalterlichen Frankreich. Zu Philippe Contamines neuestem Buch, Francia 25/1 (1998) S. 259-270.

Claudia Märtl


[351], S. 784

E. B. Fryde, Peasants and landlords in later medieval England c. 1380- c. 1525, Phoenix Mill u. a. 1996, Sutton u. a., XI u. 371 S., 68 Abb., Karten, ISBN 0-86299-866-2, GBP 25.  --  Ein Altmeister der englischen Agrargeschichte (vgl. DA 49, 363) hat nunmehr seine quellenmäßig fundierte Interpretation zu den wichtigsten strittigen Fragen des Faches zur Diskussion gestellt. In einer Reihe von Untersuchungen bekräftigt er seine Anschauung, daß das Spät-MA auch für den englischen Bauern keineswegs ein goldenes Zeitalter, vielmehr eine Periode schwerer demographischer, sozialer und wirtschaftlicher Krisen war. Diesem Grundthema geht F. in einer Reihe von Fallstudien nach; andere Aufsätze sind Zusammenfassungen der reichen Literatur. Die Problemstellungen sind aus den Titeln der einzelnen Kapitel zu ersehen: Kap. 1: Einführung (S. 1-7); Kap. 2: Social and Economic Background to the Great Revolt of 1381, I: Serfdom and the Economic Condition of Servile Peasants (S. 8-28); Kap. 3: Social and Economic Background to the Great Revolt of 1381, II: 1349-81 (S. 29-53); Kap. 4: The West Midlands before the Peasants' Revolt: the Estates of the Bishops of Worcester and of Coventry and Lichfield (S. 54-75); Kap. 5: Some Examples of the Early Leasing of Demesnes (S. 76-86); Kap. 6: Sheep and Wool of the Cotswolds (S. 87-104); Kap. 7: Sheep and Wool of Central and Western Counties of Southern England (S. 105-112); Kap. 8: After the Peasants' Revolt: General Trends, c. 1381-c. 1430 (S. 113-134); Kap. 9: The Estates of the Bishops of Worcester, c. 1395-1436 (S. 135-144); Kap. 10: Crisis: Economic Depression, c. 1430-c. 1470 (S. 145-168); Kap. 11: A Case Study of the Depression of the Mid-Fifteenth Century: the Estates of the Bishops of Worcester, 1436-76 (S. 169-184); Kap. 12: Depopulation and Evictions: the Midlands, c. 1440-c. 1520 (S. 185-208); Kap. 13: South-Western and South-Central Shires: a Region of Conservative and Oppressive Lordships (S. 209-219); Kap. 14: Some Evidence of the Effects of Warfare on Particular Regions or Estates (S. 220-226); Kap. 15: Legal Aspects of Tenurial Changes (S. 227-241); Kap. 16: Oppression and Injustice on the Estates of Some Major Lay Landlords (S. 242-255); Kap. 17: Towards Economic Revival, c. 1470-c. 1525 (S. 256-278). Gründliche Register erschließen den schön mit Plänen, Photos und zeitgenössischen Illuminationen ausgestatteten Band.

Michael Toch {784}


[352], S. 784

Weinbau zwischen Maas und Rhein in der Antike und im Mittelalter. Hg. von Michael Matheus unter Mitarbeit von Lukas Clemens und Brigitte Flug (Trierer historische Forschungen 23) Mainz 1998, von Zabern, VII u. 542 S., ISBN 3-8053-1956-8, DEM 125.  --  Politisch wie wissenschaftlich grenzüberschreitend wird eine zentraleuropäische Region erforscht, in der der Weinbau in früheren Zeiten einen weitaus höheren Stellenwert besaß. Archäologie, Botanik, Wirtschafts-, Agrar- und Rechtsgeschichte bestimmen die einzelnen Fallbeispiele, die erst in der Gesamtschau eine ehemalige Blütezeit wiederaufleben lassen. Es scheint derzeit, daß nur das Moselgebiet seinen ma. Stellenwert als Produktionsstätte des Rebensaftes bis heute behalten konnte. Im einzelnen sind mitzuteilen: Karl-Josef Gilles, Der moselländische Weinbau zur Römerzeit unter besonderer {785} Berücksichtigung der Weinkeltern (S. 7-51).  --  Margarethe König, Pflanzenfunde aus den römerzeitlichen Kelteranlagen in Brauneberg und Piesport-Müstert (S. 53-83).  --  Lukas Clemens, Weinwirtschaft im hohen und späten Mittelalter: Das Beispiel Trier (S. 85-106).  --  Frank (G.) Hirschmann, Verduner Weinbau im hohen Mittelalter (S. 107-138).  --  Gerold Bönnen, Der mittelalterliche Weinbau in der Bischofsstadt Toul und ihrem Umland (S. 139-170).  --  Martine Maguin, Structures viticoles en Lorraine médiane: XIVe-XVe siècles (S. 171-183).  --  Jocelyne Barthel, Omniprésence de la réglementation municipale: le cas du vignoble messin (XIVe-XVIIIe siècles) (S. 185-197).  --  Michel Pauly, Luxemburg als Zentrum für Weinhandel und Weinkonsum in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts (S. 199-224).  --  Henri Trauffler, Weinbau und Weinhandel in der Abteistadt Echternach: 13.-15. Jahrhundert (S. 225-250).  --  Klaus Petry, Die Geschichte des Weinbaus einer kurtrierischen Landstadt: Das Beispiel Wittlich (S. 251-269).  --  Dieter Kerber, Der Weinbau im mittelalterlichen Koblenz (S. 271-292).  --  Klaus van Eickels, Weinbau und Weinhandel der Deutschordensballei Koblenz im Spätmittelalter (S. 293-304).  --  Ursula Braasch-Schwersmann, Rebgewächs und Hopfenbau: Wein und Bier in der spätmittelalterlichen Agrargeschichte der Deutschordensballei Hessen (S. 305-363).  --  Michael Rothmann, Die Frankfurter Messe als Weinhandelsplatz im Mittelalter (S. 365-419).  --  Wolfgang Herborn und Jutta Koster, Vineae infra muros: Zur Topographie und Größe stadtkölnischer Weingärten (S. 421-479).  --  Kurt Andermann, Wein- und Fruchtpreise in Steinbach bei Baden-Baden 1484-1803 (S. 481-502).  --  Michael Matheus, Der Weinbau zwischen Maas und Rhein: Grundlagen, Konstanten und Wandlungen (S. 503-532).  --  Bedauerlicherweise wurde auf ein Register verzichtet.

Christian Lohmer


[353], S. 785

Weinwirtschaft im Mittelalter. Zur Verbreitung, Regionalisierung und wirtschaftlichen Nutzung einer Sonderkultur aus der Römerzeit. Vorträge des gleichnamigen Symposiums vom 21. bis 24. März 1996 in Heilbronn, hg. von Christhard Schrenk und Hubert Weckbach (Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Heilbronn 9) Heilbronn 1997, Stadtarchiv Heilbronn, 430 S., Abb., Karten, ISBN 3-928990-62-4, DEM 48.  --  Unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Dr. M. Weinmann wurde ein international besetztes Symposium abgehalten, dessen Ernte binnen Jahresfrist in schriftlicher Form kredenzt werden konnte. Die Beiträge beweisen, daß die kurze Reifezeit der wissenschaftlichen Qualität keinen Abbruch getan hat. Grundlage der Forschungen sind weniger bisher unbekannte Archivalien als vielmehr gedruckte Quellen. Nur in der erheblich erweiterten Fassung von K.-U. Jäschke werden 11 Rechnungstexte in Auszügen erstmals präsentiert. Im einzelnen sind anzuzeigen: Gerhard Götz, Weinbauern im Unterland - Erben des Mittelalters? Gegenwärtige Situation und Fragen an die Forschung (S. 9-28).  --  Franz Staab, Weinwirtschaft im früheren Mittelalter, insbesondere im Frankenreich und unter den Ottonen (S. 29-76).  --  Christina Jacob, Nachweise von Weinbau, Weinhandel und Weinverbrauch im Unterland in Römerzeit und Mittelalter aus archäologischer Sicht (S. 77-84).  --  Helmut Bernhard, Belege für Weinbau, Weinhandel und Weinverbrauch in der Pfalz bis 1100 (S. 85-91).  --  Sigrid Schmitt, Mittelalterlicher Weinbau am Neckar (S. 93-121).  --  Kurt Wesoly, Handwerke in Weinbaugebieten während des Mittelalters - unter Berücksichtigung des schwäbischen {786} Unterlandes (S. 123-137).  --  Bettina Pferschy-Maleczek, Weinfälschung und Weinbehandlung in Franken und Schwaben im Mittelalter (S. 139-178).  --  Horst Kreiskott, Mittelalterliche Kräuter- und Arzneiweine und ihre Wirkungen (S. 179-191).  --  Josef Nössing, Die Bedeutung der Tiroler Weine im Mittelalter (S. 193-203).  --  Jean Richard, Burgunds Weine im Mittelalter (S. 205-219).  --  Fritz Schumann, Rebsorten und Weinarten im mittelalterlichen Deutschland (S. 221-254).  --  Kurt-Ulrich Jäschke, Englands Weinwirtschaft in Antike und Mittelalter (S. 256-388).  --  Ein Register mit Schwerpunkt auf den Sachbezügen erschließt den gelungenen Tagungsband.

Christian Lohmer


[354], S. 786

Andreas Otto Weber, Studien zum Weinbau der altbayerischen Klöster im Mittelalter. Altbayern - österreichischer Donauraum - Südtirol (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beihefte 141) Stuttgart 1999, Franz Steiner, 447 S., 20 Karten, 14 Abb., ISBN 3-515-07290-X, DEM 164.  --  Umfassend sammelte der Vf. dieser Diss. seine Textzeugnisse; geradezu erschlagend ist der Detailreichtum des Werkes, das zweifellos in großen Partien eher die Funktion eines Nachschlagewerkes hat. Diese Annahme wird auch durch das kleingliedrige Inhaltsverzeichnis bestätigt, das Strukturelemente mit Ortsnamen und Regionen vereint. So folgt im Hauptteil 2 auf das Bild der Quellen im 12. Jh. der österreichische Donauraum, speziell die Wachau und dazu unter 2.6.2.2.1. das Bergrecht. Sicherlich gibt es gute Gründe für eine derartige Darstellungsweise, doch der Leser orientiert sich geschickter im ausführlichen Register, bei dem die Seitenangaben auch stimmen. Anders ist dies in der bereits kritisierten Gliederung. Schon ab S. 40 stimmen die Seitenangaben im Inhaltsverzeichnis und in der Darstellung nicht mehr überein, die Differenz steigert sich allmählich auf 6 Seiten. Das Grundgerüst der Arbeit ist zunächst chronologisch, dann regional ausgerichtet. Einen weiteren sinnvollen Akzent setzen die Fallbeispiele und begrüßenswerten Quellenauszüge. Nützlich ist die metrologische Übersicht (S. 416, nicht 422!). Der Wert der Studie liegt zweifellos in der Detailfülle und der fleißigen Aufarbeitung von ungedruckten und gedruckten Archivalien.

Christian Lohmer


[355], S. 786

Gli Orizzonti aperti. Profili del mercante medievale. A cura di Gabriella Airaldi (I florilegi 10) Torino 1997, Scriptorium, 237 S., ISBN 88-455-6123-2, ITL 28.000, publiziert zehn Aufsätze bekannter Mediävisten, die z. T. schon vor Jahrzehnten erschienen, bis heute aber zum Thema einschlägig geblieben sind. Sie sind hier alle auf Italienisch übersetzt. In der einleitenden Fragestellung zeigt die Hg. das Spannungsfeld zwischen der Welt der Händler-Bankiers und der politischen, vor allem auch der kirchlichen Welt. Ins Zentrum dieser Problematik trifft Jacques Le Goff, Nel medioevo: tempo della chiesa e tempo del mercante (S. 13-28; urspr. 1960), der die Frage nach dem Verhältnis des Zeitbegriffes bei Oxforder und Pariser Lehrern und den Unternehmern und Händlern aus Genua oder Venedig stellt.  --  Roberto S. Lopez, Le influenze orientali e il risveglio economico dell' occidente (S. 29-56; 1954), hält fest, daß von einseitiger positiver Beeinflussung keine Rede sein könne, sondern daß der Westen nicht blind die fortschrittlichen Techniken des Orients übernahm, sie aber als Zünder zur eigenen Entwicklung nutzte.  --  Während Nicolas Oikonomides, L'uomo d'affari (S. 113-138; 1992), die verschiedenen Typen von Kaufleuten in Byzanz vom 11. {787} bis zum 14. Jh. analysiert, stellt Eliyahu Ashtor, Gli ebrei nel commercio mediterraneo nell'alto medioevo (sec. X-XI) (S. 57-98; 1980), die fortschreitend kleiner werdende Rolle der jüdischen Händler im Mittelmeer vom 8. bis zum 10. Jh. fest und führt sie auf die Konkurrenz zu italienischen Kaufleuten aus gesellschaftlich besser gestellten Schichten und auf das - aus religiösen Gründen  --  Abseitsstehen der Juden bei kollektiven Unternehmungen zurück.  --  Die persönlichen Beziehungen, die im ganzen MA in der arabischen Welt das Kreditwesen erleichterten, verhinderten paradoxerweise dessen Entwicklung zu breiteren und kohärenten Strukturen und somit zu einem Bankenwesen im westlichen Sinne, folgert Abraham L. Udovitch, Banchieri senza banche: commercio, attività bancarie e società nel mondo islamico del medioevo (S. 99-112; 1982).  --  Ausgehend von Handelsbüchern, die Einblick in die mathematischen Kenntnisse der Kaufleute des MA bieten, untersucht Armando Sapori, La cultura del mercante medievale italiano (S. 139-173; 1937), woher und wie sie sich diese aneigneten und welche Hilfsmittel benutzt wurden, um festzustellen, daß man sich in oberitalienischen Städten eine beträchtliche professionelle und eine breite allgemeine Bildung aneignen konnte. Im Anhang ediert S. den Brief eines sienesischen Kaufmannes von 1260.  --  David Abulafia, Gli italiani fuori d'Italia (S. 175-198; 1990), zeigt verschiedene Typen italienischer Emigration rund um das Mittelmeer, in Flandern und England, die hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen erfolgte, während Gabriella Airaldi, Modelli coloniali e modelli culturali dal Mediterraneo all'Atlantico (S. 199-206; 1994), die Expansionspolitik der spanischen Krone in den Osten des Mittelmeeres mit derjenigen Portugals über den Atlantik hinweg vergleicht. Sie stützt sich dazu vor allem auf italienische Handelshandbücher ("Pratiche della mercatura") und das Tagebuch Alvaro Velhos über die Reise Vasco da Gamas (1497-1499).  --  Den Einfluß des Großkapitals auf die Entdeckungsreisen schildert Jacques Heers, Il ruolo dei capitali internazionali nei viaggi di scoperta nei secoli XV e XVI (S. 207-224; 1968), als vorhanden, aber immer im Hintergrund bleibend und nicht als Organisator oder gar Promotor auftretend.  --  Abschließend blickt Gabriella Airaldi, L'eco della scoperta dell'America: uomini d'affari italiani, qualità e rapidità dell'informazione (S. 225-237; 1994), auf die verschiedenen Reaktionen in den italienischen Stadtstaaten gegenüber der Entdeckung Amerikas - ein Thema, das in den Quellen noch einiges an Erkenntnis verbirgt.

Doris Stöckly {787}


[356], S. 787

"L'Incastellamento". Actes des Rencontres de Gérone (26-27 Novembre 1992) et de Rome (5-6 Mai 1994), publiés sous la direction de Miquel Barceló et de Pierre Toubert (Collection de L'École Française de Rome 241) Roma 1998, École Française de Rome, XVII u. 350 S., Karten, Abb., ISBN 2-7283-0394-0, ITL 158.900 (Bezug in Italien: L'Erma di Bretschneider; Bezug in Frankreich: Diffusion de Boccard).  --  Der Begriff "Incastellament(um)o" wurde von der italienischen Forschung geprägt und ist seit Pierre Toubert (vgl. DA 33, 315) in die Fachterminologie eingegangen und zu einem Schlüsselbegriff der ma. Siedlungs- und Sozialgeschichte des mediterranen Europa geworden. Er bezeichnet nicht nur die weitgehende Ablösung der offenen Siedlungsweise durch befestigte Siedlungen auf dem Lande, sondern auch tiefgreifende soziale, wirtschaftliche und {788} rechtliche Veränderungen. Mit regionalen Unterschieden und Ähnlichkeiten dieses Prozesses im mediterranen Europa befaßte sich ein international und interdiszipliär besetzter Kongreß 1992 im katalanischen Girona und 1994 in Rom, der zugleich eine Hommage für das Werk von Toubert sein wollte. Teil I (S. 3-49) unter dem Titel "L'"Incastellamento" vint anys després història i arqueologia del feudalisme (Girona, 26 i 27 de novembre de 1992)" enthält: Miquel Barceló, Adreça inaugural (S. 3-5).  --  José Ma Mínguez, El incastellamento, veinte años después (S. 7-12).  --  Riccardo Francovich, L'incastellamento e prima dell'incastellamento (S. 13-20).  --  Richard Hodges, At the frontier of history: the archeology of San Vincenzo al Volturno and its terra (S. 21-30).  --  Chris Wickham, A che serve l'incastellamento? (S. 31-41).  --  Javier Faci, Algunas observaciones sobre la obra de Pierre Toubert (S. 43-49).  --  Es folgt (S. 53-304) unter dem Titel "L'"Incastellamento": Confronto fra società feudale e non feudale nel Mediterraneo occidentale (Roma, 5-7 maggio 1994)" Teil II: Miquel Barceló, Discorso inaugural (S. 53-55).  --  Amancio Isla Frez, Aspectos de la organización del espacio en Galicia: el alto Tambre, siglos IX-XI (S. 57-70).  --  Elena Barrena Osoro, La impronta feudal en una sociedad pastoril: el Pirineo occidental (S. 71-84).  --  Jaume Portella Comas, Cómo se exporta el feudalismo: el caso de Mallorca (S. 85-98).  --  Antoni Virgili, "...Ad detrimendum Yspanie...". La cruzada de Tursa y la feudalización de la región de Tortosa (1148-1200) (S. 99-121).  --  Philippe Sénac, Châteaux et peuplement en Aragon du VIIIe au XIe siècle (S. 123-140).  --  Fèlix Retramero Serralvo, Tādmekka, los taifas y los feudales. De nuevo sobre la moneda fiscal y la moneda feudal (S. 141-155).  --  Eduardo Manzano Moreno, Arabes, bereberes y indígenas: al-Andalus e su primer período de formación (S. 157-177).  --  André Bazzana, Hisn et territoire dans l'organisation du peuplement islamique dans al-Andalus (S. 179-204).  --  Carmen Navarro, Fortificaciones y asentamientos andalusíes en la actual provincia de Albacete: un al-Andalus textualmente casi invisible (S. 205-231).  --  Patrice Cressier, Remarques sur la fonction du château islamique dans l'actuelle province d'Alméria, a partir des textes et de l'archéologie (S. 233-248).  --  Helena Kirchner, Husūn y alquerías campesinas en las islas orientales de al-Andalus (S. 249-269).  --  Alessandra Molinari, L'incastellamento in Sicilia in epoca normanno-sveva: il caso di Segesta (S. 271-290).  --  Manuel Acién Almansa, El final de los elementos feudales en al-Andalus: fracaso del "incastellamento" e imposición de la sociedad islámica (S. 291-305).  --  Pierre Guichard, Château tribal, château féodal: la Méditerranée occidentale entre deux mondes (S. 307-316).  --  Reyna Pastor, Problemas casi nuevos. L'"incastellamento" en sociedades "no feudales" del Mediterraneo occidental (S. 317-331).  --  Pierre Toubert, L'Incastellamento aujourd'hui: Quelques réflexions en marge de deux colloques (S. XI-XVIII), bilanziert die Arbeit des Kongresses, dessen Beiträge am Schluß des Bandes einzeln resümiert werden. Unter ihnen führt derjenige von Chris Wickham am besten in die Gesamtproblematik ein und berücksichtigt dabei auch die Situation im restlichen Europa.

Marlene Polock


[357], S. 788

Die Frühgeschichte der europäischen Stadt im 11. Jahrhundert, hg. von Jörg Jarnut und Peter Johanek (Städteforschung. Reihe A: Darstellungen 43) Köln {789} u. a. 1998, Böhlau, XIV u. 386 S., Karten u. 1 Karten-Beilage, ISBN 3-412-06796-2, DEM 98.  --  Der vorliegende Band sammelt die meisten der Vorträge eines im Dezember 1989 in Paderborn veranstalteten Symposiums. Die lange Verzögerung der Drucklegung hat dazu geführt, daß jüngere Forschungsergebnisse nur mehr in Form von ergänzenden Literaturhinweisen berücksichtigt werden konnten. Die 21 Beiträge führen den Leser von León bis Kiew und von Kells bis Byzanz. Dabei fällt in methodischer Hinsicht eine eigentümliche Zweiteilung auf. Während die Autoren, die sich mit der Stadtentwicklung in der europäischen Peripherie beschäftigen, neben den spärlichen chronikalischen oder urkundlichen Quellen konsequent die Ergebnisse archäologischer Forschungen heranziehen, konzentrieren sich insbesondere die Beiträge, die sich mit den deutschen und italienischen Kommunen befassen, überwiegend auf archivalische Überlieferungen. Meist werden Quellen herangezogen, die seit vielen Jahren bekannt sind. Wenn man, wie beispielsweise Hagen Keller, Mailand im 11. Jahrhundert. Das Exemplarische an seinem Sonderfall (S. 81-104), an einem solchen hinlänglich bekannten Beispiel grundsätzliche methodische Fragen diskutiert, dann ist das durchaus hilfreich. In einigen anderen Fällen fragt sich der Rezensent allerdings, ob der Erkenntnisfortschritt durch die Verknüpfung mit der gerade in Deutschland fortgeschrittenen archäologischen Forschung nicht doch größer gewesen wäre. Die von Schadek und Zotz herausgegebenen neuen Forschungen zur Geschichte Freiburgs (vgl. DA 52, 770) bieten ein gutes Beispiel für eine derartige Kooperation. Im Rahmen dieser Besprechung ist es leider nicht möglich, jeden Beitrag gesondert vorzustellen. Auf zwei Aufsätze sei dennoch etwas näher eingegangen. Vor allem in methodischer Hinsicht ist die Arbeit von Jean-Luc Fray, Metz et les villes entre Meuse et Rhin au XIe siècle. Aux origines d'un réseau urbain (S. 157-168), von Interesse. Mit Hilfe eines Kriterienbündels (Siedlungskontinuität, politische, kirchliche und wirtschaftliche Faktoren) entwickelt der Vf. eine Hierarchie von untereinander abhängigen Orten und rekonstruiert auf der auf W. Christaller zurückgehenden theoretischen Basis der Zentralität die Entstehung des Städtenetzes im Osten Frankreichs.  --  Ähnlich anregend liest sich der Aufsatz von Susan Reynolds, English Towns in a European Context (S. 207-218), die überzeugend darlegt, daß die Urbanisierung Englands nicht von den Normannen initiiert wurde, sondern bereits vorher in einer Weise in Gang gekommen war, die mit der Entwicklung im übrigen Europa durchaus vergleichbar erscheint. Gerade der hier angesprochene länderübergreifende Vergleich ist bei der Erforschung der europäischen Stadtentwicklung bislang noch nicht im wünschenswerten Maße angestellt worden. Die Stärke des Bandes liegt darin, hierzu wertvolle Anregungen geliefert zu haben.

Peer Frieß {789}


[358], S. 789

Staufische Stadtgründungen am Oberrhein, hg. v. Eugen Reinhard u. Peter Rückert (Oberrheinische Studien 15) Sigmaringen 1998, Thorbecke, 282 S., zahlreiche Abb., Karten, ISBN 3-7995-7815-3, DEM 64.  --  Die Stadtgründungen und Stadterhebungen des 12. Jh. stehen seit jeher im Zentrum allgemeiner Überlegungen zur Ausprägung der Stadt als ma. Siedlungsform und zur Rolle planmäßig angelegter Städte im Rahmen des Landesausbaus durch den Adel. Beiden Aspekten gilt der aus einer Tagung der Arbeitsgemeinschaft für geschichtliche Landeskunde am Oberrhein zum 800-Jahr-Jubiläum der ersten urkundlichen {790} Nennung der Stadt Durlach 1996 hervorgegangene Sammelband. Eugen Reinhard, Der Wandel der oberrheinischen Kulturlandschaft durch die staufischen Stadtgründungen (S. 11-51; zahlreiche Abb.), vertritt die These, daß staufische Stadtgründungen zwar durch funktionale Gemeinsamkeiten bestimmt sind, jedoch ebensowenig wie die 'Zähringerstädte' einen siedlungsgeographischen Typ darstellen.  --  Den Ordnungsvorstellungen und Maßnahmen der Staufer zum Fortbestand ihres Hauses und zum Ausbau ihrer Herrschaft, kurz den Grundlagen einer Erfolgsgeschichte, widmet sich Hansmartin Schwarzmaier, Die neue Ordnung im staufischen Hause (S. 53-72).  --  In der Tradition älterer Ansätze zu Anlageprinzipien ma. Gründungsstädte untersucht Hans-Jürgen Nitz, Ettlingen  --  Eppingen - Durlach - Sinsheim. Planungs- und Vermessungsprinzipien staufischer Stadtgründungen im Oberrheingebiet unter Heinrich VI. Ihre Rekonstruktion mit metrologischen Methoden (S. 73-110), und kommt - leider nur aufgrund einer Analyse neuzeitlicher Katasterpläne - zum Schluß, die staufischen Städte seien einheitlich als verschieden große Eingassenanlagen angelegt worden.  --  Nach Dietrich Lutz, Archäologische Befunde zur Stadtentwicklung von Durlach im Vergleich zu Bruchsal, Ettlingen und Pforzheim (S. 111-148), ermöglichen die bisher nur punktuell durchgeführten archäologischen Untersuchungen in den Städten kein schlüssiges Bild von einem Gründungsplan, lassen aber immerhin erkennen, daß sich im 12. und 13. Jh. eine städtebauliche Neuordnung vollzog, die ältere Siedlungsstrukturen überformte.  --  Rüdiger Stenzel, Verschiedene Wurzeln staufischer Städte: Ettlingen und Durlach, ein Vergleich (S. 149-164), hebt für die beiden Städte die verschiedenartigen Voraussetzungen für ihre Siedlungsgeschichte, für ihre Einbindung in die Herrschaftspolitik und für ihre Funktion im Umland sowie mithin auch für ihre bauliche Ausprägung hervor.  --  Olivia Hochstrasser, Zur Frühgeschichte der Stadt Durlach (S. 165-184), stellt fest, daß die Gründung von Durlach um 1196 auf die Verlegung eines Herrschaftsschwerpunkts an einen verkehrstechnisch günstigeren Ort und konkurrierende Herrschaftsverhältnisse zurückgeht und daß es offenbar bereits im ersten Drittel des 13. Jh. städtische Qualitäten besaß.  --  Meinrad Schaab, Die Anfänge Heidelbergs. Alte Zeugnisse und neue Befunde im Rahmen der stauferzeitlichen Stadtgenese in Südwestdeutschland (S. 185-212), differenziert Vorstellungen von einer parallelen Genese Heidelbergs und Durlachs. Darin werden nicht nur Unterschiede in den Verfassungsverhältnissen, in der Stadtfläche oder in der Bedeutung der beiden Städte als zentraler Orte herausgearbeitet, sondern auch methodische Probleme der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Archäologen und Historikern erörtert.  --  Bernhard Metz, Hagenau als staufische Stadtgründung (S. 213-234), schildert die zügige Entwicklung des auf staufischem Eigen gegründeten Hagenau, das sich bereits zu Ende der Stauferzeit als Verwaltungssitz und Markt etabliert hatte.  --  Sönke Lorenz, Staufische Stadtgründungen in Südwestdeutschland. Aktuelle Aspekte, Tendenzen und Perspektiven in der Stadtgeschichtsforschung (S. 235-272), setzt sich schließlich mit Fragen der Forschung um die Fortschrittlichkeit von Stadtgründungen innerhalb der vielschichtigen Umwälzungsprozesse des 11. und 12. Jh. auseinander, begreift die Gründungen als neuartige rechtliche Gebilde im Rahmen der kommunalen Bewegung und deutet den problematischen Begriff der 'Städtepolitik' für die Staufer vorsichtig als von Fall zu Fall immer wieder neu zu beurteilendes Bemühen um den Auf- und Ausbau von Siedlungen urbaner Prägung {791} und Versuch, Einfluß in den alten Bischofsstädten zu gewinnen.  --  Die sich thematisch teilweise überlappenden Beiträge lassen erkennen, wie problematisch es ist, auf der Basis einer wenig dichten und für die einzelnen Städte partiell ungleichzeitigen schriftlichen Überlieferung sowie einer begrenzten Anzahl archäologischer Ausgrabungen zu einer verbindlichen Bewertung der Anlage und Instrumentalisierung von Stadtgründungen durch die staufische Herrschaft zu kommen. Der Band läßt aber gleichermaßen deutlich werden, inwiefern neue Fragestellungen und Methoden der Annäherung eine alte Auseinandersetzung wiederzubeleben vermögen.

Martina Stercken {791}


[359], S. 791

Les élites urbaines au Moyen Âge. XXVIIe Congrès de la S. H. M. E. S. (Rome, mai 1996) (Série histoire ancienne et médiévale 46 = Collection de l'École Française de Rome 238) Paris - Roma 1997, Publications de la Sorbonne  --  École française de Rome, 461 S., ISBN 2-85944-329-0 bzw. 2-7283-0390-8, FRF 220.  --  Der Tagungsband der Société des Historiens Médiévistes de l'Enseignement Supérieur Public faßt 21 Beiträge zusammen, die sich überwiegend mit Fragen zur Geschichte der städtischen Eliten in Frankreich und Italien beschäftigen. Einleitend erarbeiten Elisabeth Crouzet-Pavan, Les élites urbaines: aperçus problématiques [France, Angleterre, Italie] (S. 9-28), und Philippe Braunstein, Pour une histoire des élites urbaines: vocabulaire, réalités et représentations (S. 29-38), die notwendigen methodischen und begrifflichen Grundlagen. Danach werden die urbanen Führungsschichten aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. In einer ersten Gruppe von Beiträgen steht die Rolle des niederen Adels, der milites oder Ritter - je nach Terminologie - in verschiedenen Regionen im Mittelpunkt der Untersuchung. Dabei kommen Byzanz (Alain Ducellier - Thierry Ganchou, Les élites urbaines dans l'Empire d'Orient à la fin du Moyen Age: Noblesse de service ou groupes de pression? [S. 39-54]), Okzitanien (Martin Aurell, La chevalerie urbaine en Occitanie (fin Xe-début XIIIe siècle) [S. 71-118]), Flandern und Artois (Alain Derville, Les élites urbaines en Flandre et en Artois [S. 119-135]) sowie Italien (Pierre Racine, Noblesse et chevalerie dans les sociétés communales italiennes [S. 137-151]) in den Blick.  --  Besonders aufschlußreich erscheint der Beitrag von Stefano Gasparri, Les "milites" dans les villes de la Marche de Trévise (XIe-XIIIe siècle) (S. 55-69), der sich mit den Forschungen Hagen Kellers zur Adelsherrschaft auseinandersetzt. In seinem Fazit betont er, daß die Aristokratie der milites sich im Untersuchungszeitraum dynamisch mit den urbanen Entwicklungen auseinandersetzte ("confrontation dynamique avec les forces populaires", S. 69) und sich bei allem adeligen Standesbewußtsein nie gesellschaftlich völlig abschloß.  --  Die folgenden Aufsätze konzentrieren sich überwiegend auf einzelne Städte und untersuchen verschiedene Formen von "Eliten" und ihre soziologische Kategorisierung. Dazu gehören, um nur einige Ansätze zu erwähnen, die Frage nach der Solidarität der Familien und der Kaufleute in Venedig (Jean-Claude Hocquet, Solidarités familiales et solidarités marchandes à Venise au XIVe siècle [S. 227-255]) oder die Rolle der Handwerkereliten in Rouen und in Paris (Paul Benoit - Philippe Lardin, Les élites artisanales au service de la ville. Les cas de Paris et de Rouen à la fin du Moyen Age [S. 287-304]).  --  Von besonderem Interesse für den deutschen Leser ist der Beitrag von Jean-Marie Moeglin, Les élites urbaines et l'histoire de leur ville en Allmagne (XIVe-XVe siècle) (S. 351-383). Der Vf. {792} untersucht darin insbesondere die spätma. Chronistik. Dabei stellt er fest, daß sie, abgesehen von den stereotypen Versuchen, legendenhafte und mythische Ursprungslegenden an den Anfang zu stellen, um die Dignität der Stadt zu betonen, die Geschichte der Kommune in der Regel kaum darstellen. Berichtet wird, obwohl ein größeres Wissen vorhanden gewesen sein muß, überwiegend von der Gegenwart. Am Beispiel Augsburgs, das näher untersucht wird, versucht M. deutlich zu machen, daß es aktuelle innenpolitische Konflikte der städtischen Eliten waren, die Einzelne, in diesem Fall Peter Egen und Sigismund Gossembrot, dazu veranlaßten, eine Geschichte der Stadt in Auftrag zu geben. Daß dadurch die eigene Position gestärkt werden sollte, leuchtet durchaus ein. Ob der Mangel einer kontinuierlichen Stadtgeschichte, wie sie beispielsweise Machiavelli für Florenz geschrieben hat, nur auf das deutlich spätere Einsetzen schriftlicher Überlieferungen in Deutschland zurückzuführen ist oder tiefergehende Gründe hat und eine grundlegend andere Selbstsicht ausdrückt, sei dahingestellt.  --  Abgeschlossen wird der Band mit einem essayistischen Resümee von Jacques Le Goff, Tentative de conclusions (S. 443-456), der wesentliche Thesen der einzelnen Beiträge zusammenfaßt.

Peer Frieß {792}


[360], S. 792

The Church in the Medieval Town. Ed. by T. R. Slater and Gervase Rosser, Aldershot u. a. 1998, Ashgate, XIV u. 307 S., 42 Abb., Karten, ISBN 1-84014-213-8, GBP 49,65.  --  Die vorliegende Sammlung vereint eine Auswahl von Studien, die im Rahmen des Forschungsprojekts "English Medieval Towns and the Church" der Universität Birmingham entstanden. Auf die Einleitung der beiden Hgg., die im wesentlichen die Zweiteilung der Themen in eine wirtschafts- und sozialgeschichtliche und eine kunst- und architekturhistorische Hälfte erläutert (S. 1-8), folgt zunächst Rodney Hilton, Status and Class in the Medieval Town (S. 9-19), der das bekannte Drei-Stände-Schema als weitgehend theoretisch und für die englischen Städte unpassend ablehnt. Vielmehr postuliert er für die Realität des hohen und späten MA eine Zweiteilung in Vertreter des produzierenden Gewerbes und des Handels, wobei Kirche und Adel zwar eine Rolle innerhalb der Städte spielten, aber ihrem Wesen nach nicht städtische Kräfte waren.  --  Gervase Rosser, Conflict and Political Community in the Medieval Town: Disputes between Clergy and Laity in Hereford (S. 20-42), untersucht - wohl als Nebenprodukt seiner seit langem angekündigten, aber bis heute nicht erschienenen Arbeit über religiöse und weltliche Gilden in Englands Städten - am Beispiel der Zollordnung von Hereford die lokale Anwendung bekannter Rechtsprinzipien; außerdem ergibt sich, daß vom 13. zum 15. Jh. gelegentlich Beleidigungen und Tätlichkeiten gegenüber kirchlichen Würdenträgern aktenkundig wurden und daß Miet- und Pachtangelegenheiten auch im englischen Spät-MA prozeßträchtig waren.  --  John Edwards, The Church and the Jews in English Medieval Towns (S. 43-54), faßt die englische Judenverfolgung des Hoch-MA und speziell die Märtyrerverehrung nach vermuteten jüdischen Ritualmorden zusammen.  --  Christopher Dyer, Trade, Towns and the Church: Ecclesiastical Consumers and the Urban Economy of the West Midlands, 1290-1540 (S. 55-75), begründet zuerst die Auswahl der Region mit der guten Quellenlage und mit der großen Bandbreite sowohl der städtischen Siedlungen als auch der kirchlichen Einrichtungen, die einen guten Überblick erlaubten. {793} Danach geht er detailgenau auf Einzelphänomene und allgemeinen Charakter kirchlichen Konsums ein, wobei er zusammenfassend feststellt, daß die meisten Kirchen und Klöster nach Möglichkeit auf Autarkie bedacht waren, zusätzliche Bedürfnisse aber auf dem freien Markt befriedigten und dabei meist darauf achteten, die eigene Finanzkraft nicht zu überfordern.  --  Jens Röhrkasten, The Origin and Early Development of the London Mendicant Houses (S. 76-99), faßt einen nicht allzu häufig beachteten Teil englischer Ordensgeschichte zusammen und kann auch einige Fragen nach Gründung und Frühgeschichte kleinerer Häuser beantworten.  --  R. N. Swanson, Urban Rectories and Urban Fortunes in Late Medieval England: the Evidence from Bishop's Lynn (S. 100-130), bearbeitet zuerst verschiedene Typen städtischer Pfarrorganisation, um dann in einer Detailstudie am Beispiel der Stadt Bishop's Lynn den Zusammenhang zwischen Pfarreinkünften und allgemeinem Wohlstand des Gemeinwesens zu untersuchen. Dabei weist er nach, daß die meist gut dokumentierten Pfarreinkünfte durchaus als Indiz für die wirtschaftliche Situation des betreffenden Ortes eingesetzt werden können - wenn die Komplexität der Pfarrfinanzen berücksichtigt wird.  --  B. J. Graham, The Town and the Monastery: Early Medieval Urbanization in Ireland, AD 800-1150 (S. 131-154), untersucht die Morphologie der aus Klostersiedlungen entstandenen städtischen Gemeinschaften, kann aber keine für Irland spezifischen Entwicklungsmuster nachweisen, wie der Vergleich mit Städten des europäischen Festlandes ergibt.  --  T. R. Slater, Benedictine Town Planning in Medieval England: Evidence from St. Albans (S. 155-176), stellt zuerst fest, daß die Zusammenhänge zwischen Klostergründungen und der Entwicklung städtischer Siedlungen bisher kaum erforscht sind und daß vor allem die Frage, ob Klöster Nuclei für Städte waren oder die Klöster in bereits bestehende Siedlungen hineingesetzt wurden, für das frühe MA meist nicht mit Exaktheit beantwortet werden kann. Auch für St. Albans kann S. nur feststellen, der vor der Ansiedlung eines benediktinischen Reformklosters bestehende Ort "was perhaps proto-urban (though with a large number of central-place functions)" (S. 171) und entwickelte sich unter dem Einfluß des Klosters in eine städtische Siedlung.  --  Keith D. Lilley, Trading Places: Monastic Initiative and the Development of High-Medieval Coventry (S. 177-208), verfolgt die Rivalitäten, die um die Frage der Kontrolle innerstädtischer Grundstücke - v. a. der Handelsplätze - zwischen städtischen Eliten entstanden und kommt dabei zu interessanten Rückschlüssen.  --  Nigel Baker - Richard Holt, The Origins of Urban Parish Boundaries (S. 209-235), gehen der Frage nach, inwieweit städtische Pfarrgrenzen nach ähnlichen Mustern entstanden wie ländliche, die aus den Zehntbezirken von Eigenkirchen des frühen MA erwuchsen. Die Autoren kommen nach detaillierter Studie mehrerer Beispielstädte zu dem Schluß, daß vielfältige lokale Faktoren die Grenzziehung beeinflußten und die Grenzen über die Jahrhunderte hinweg einer ständigen, wenn auch meist geringfügigen, Anpassung an veränderte topographische und bauliche Gegebenheiten unterlagen. Hervorzuheben ist eine Grafik, die diesen Prozeß anschaulich und doch exakt verdeutlicht (S. 231).  --  Tim Tatton-Brown, Medieval Parishes and Parish Churches in Canterbury (S. 236-271), beschreibt anhand detaillierter Pläne und mehrerer Abbildungen Entstehung, Architektur und Entwicklung der Pfarrkirchen von Canterbury.  --  John Blair, Clerical Communities and Parochial Space: the Planning of Urban Mother Churches in the Twelfth and Thirteenth Centuries {794} (S. 274-294), befaßt sich vor allem mit jenen städtischen Kirchen, die zwar nicht zu einer monastischen Einrichtung gehörten, aber trotzdem nicht von einem einzelnen Priester betreut wurden. Er stellt die Theorie auf, solche Kollegiatkirchen und, wie er es nennt, "crypto-collegiate churches" (z. B. S. 277) seien heute noch anhand ihrer charakteristischen Architektur - besonders an dem im 12. Jh. noch nicht allgemein üblichen Chor - erkennbar; allerdings sind die Beweise hierfür nicht allzu schlagkräftig.  --  Der Band wird von einem 13seitigen Register erschlossen, dessen Ordnungsprinzipien einige Gewöhnung verlangen.

Elmar W. Eggerer {794}


[361], S. 794

La ciudad medieval. Aspectos de la vida urbana en la Castilla Bajomedieval. Coordinador: Juan Antonio Bonachía Hernando (Estudios de historia medieval 4) Valladolid 1996, Universidad de Valladolid, Secretariado de Publicaciones e Intercambio científico, 317 S., ISBN 84-7762-677-4.  --  Das schmale Bändchen bietet einen Überblick über Fragestellungen und Methoden, mit denen eine jüngere Generation von Historikerinnen und Historikern die große Tradition spanischer Stadtgeschichtsforschung am Beispiel des spätma. Kastilien fortzusetzen versucht: Beatriz Arizaga Bolumburu, La recuperación del paisaje urbano medieval: propuesta metodológica (S. 13-33), betrachtet die gesamte Stadt als historisches Dokument und plädiert für den konsequenten Einsatz auch archäologischer Methoden bei dessen Erforschung.  --  A. Luis Molina Molina, Territorio, espacio y ciudad en la Edad Media (S. 35-52), bemüht sich um die begriffliche Klärung seiner drei Titelwörter und trägt Beispiele für die ma. Einschätzung von urbanitas und rusticitas zusammen.  --  Emilio Olmos Herguedas, Urbanística medieval en una villa de la Cuenca del Duero: Cuéllar durante la Baja Edad Media (S. 53-81), verdeutlicht die Charakteristika der ma. Stadt (Mauern, Tore, Straßen, Plätze, Kirchen etc.) sowie die Dynamik und wechselweise Transformation von Stadt und Umland am Beispiel der kastilischen Kleinstadt Cuéllar.  --  Antonio Collantes de Teran Sanchez, Interrelaciones entre espacio urbano y actividades artesanales: algunas consideraciones a partir de la imagen que ofrece la Sevilla bajomedieval (S. 83-106), illustriert seine Ausführungen über die verschiedenen Handwerkerviertel Sevillas mit zwei Kartenskizzen.  --  Daniel Baloup, Le thème du libre arbitre dans la prédication castillane de Vincent Ferrer (S. 107-129), analysiert die Themen der Predigten des valencianischen Dominikaners während seiner kastilischen Kampagne der Jahre 1411 und 1412.  --  Ma Asunción Esteban Recio y Ma Jesús Izquierdo Garcia, Pecado y marginación. Mujeres públicas en Valladolid y Palencia durante los siglos XV y XVI (S. 131-168), gewähren Einblick in die Welt der städtischen Prostitution und widmen auch den Konkubinen der Kleriker ein eigenes Kapitel.  --  Juan A. Bonachía Hernando, "Más honrada que ciudad de mis reinos ... ". La nobleza y el honor en el imaginario urbano (Burgos en la Baja Edad Media) (S. 169-212), beleuchtet Idee und Konzept der "ciudad bella y honrada" und zeigt die Komponenten des städtischen honor am Beispiel von Burgos auf.  --  Ma Isabel Del Val Valdivieso, Aspiraciones y actitudes socio-políticas. Una aproximación a la sociedad urbana de la Castilla bajomedieval (S. 213-254), beschäftigt sich mit den innerstädtischen Konflikten vornehmlich des 15. Jh.  --  Juan Carlos Martin Cea, Poderes públicos y sociabilidad local en la villa de Paredes de Nava en el "Cuatrocientos" (S. 255-316), untersucht die jeweiligen Anteile von Königtum, {795} Ortsadel, Stadtrat und Klerus am "clima de convivencia en Paredes" (S. 315) während des 15. Jh.  --  Literaturverzeichnis und Register fehlen.

Peter Segl {795}


[362], S. 795

Ospedali e città. L'Italia del Centro-Nord, XIII-XVI secolo. Atti del Convegno Internazionale di Studio tenuto dall'Istituto degli Innocenti e Villa i Tatti (The Harvard University Center for Italian Renaissance Studies), Firenze 27-28 aprile 1995, a cura di Allen J. Grieco e Lucia Sandri (Medicina e storia) Firenze 1997, Le Lettere, 283 S., Abb., ISBN 88-7166-325-X, ITL 50.000.  --  Der Sammelband geht aus einer Tagung anläßlich des 550jährigen Bestehens des Ospedale degli Innocenti (1445-1995) in Florenz hervor. Die Untersuchungen zu städtischen Hospitälern Norditaliens streben bewußt keinen vergleichenden Aspekt an. Doch gerade diese scheinbare Ziellosigkeit ermöglicht es, die jeweiligen Spitäler in ihrem besonderen Ambiente darzustellen. So gelingt es diesem Band, die unterschiedliche Bedingtheit und Entwicklung dieser Spitäler kaleidoskopartig sichtbar zu machen.  --  Der erfahrene Kenner florentinischer Spitäler, John Henderson, 'Splendide case di cura'. Spedali, medicina ed assistenza a Firenze nel Trecento (S. 15-50), erklärt die steigende Nachfrage nach jenen Einrichtungen und ihre zunehmende Spezialisierung ca. fünfzig Jahre vor der Pest damit, daß sie auch von vermögenden gesellschaftlichen Schichten genutzt wurden.  --  Lucia Sandri, La specializzazione ospedaliera fiorentina: gli Innocenti e l'assistenza all'infanzia (XV-XVI secolo) (S. 51-65), konstatiert, daß die Bereitschaft der Florentiner Spitäler zur Aufnahme von Findelkindern zurückging, um den Mißbrauch vieler Eltern, die eigene Kinder aussetzten und fremde Kinder aus Findelhäusern gegen Geld aufnahmen, entgegenzuwirken.  --  Casimira Grandi, L'assistenza all'infanzia abbandonata veneziana: i "fantolini della pietade" (1346-1548) (S. 67-106), leistet in ihrem Aufsatz einen wichtigen Beitrag insbesondere bezüglich der Ursachen, die zur Gründung des Findelhauses S. Maria della Pietà in dem von der Pest weitgehend entvölkerten Venedig führten.  --  Interessanterweise kann Gian Maria Varanini, Per la storia delle istituzioni ospedaliere nelle città della Terraferma veneta nel Quattrocento (S. 107-155), nachweisen, daß sich im Quattrocento die Spitäler von Treviso, Padua, Vicenza und Verona im Unterschied zu den anderen Spitälern im Veneto nicht am neuen Typus des Großhospitals wie in Mailand oder Florenz orientierten.  --  Giuliana Albini, La gestione dell'Ospedale Maggiore di Milano nel Quattrocento: un esempio di concentrazione ospedaliera (S. 157-178), zeigt die Krisen und Reformbemühungen Mailänder Spitäler um 1400 auf, die schließlich zu einer vereinigten Verwaltung aller Spitäler und deren Konsolidierung führten.  --  Von ihrer Fragestellung her ist die subtile Darstellung von Marina Gazzini, L'esempio di una "quasi-città": gli ospedali di Monza e i loro rapporti con Milano (secoli XIII-XV) (S. 179-207), einmalig: sie zeichnet die Vielschichtigkeit der personellen und organisatorischen Beziehungen von Spitälern in Monza zu Spitälern in Mailand nach.  --  Nicholas Terpstra, Ospedali e bambini abbandonati a Bologna nel Rinascimento (S. 209-232), weist das in Bologna im Jahre 1494 von der Kommune angeordnete Aufgehen der fünf Waisen- und Findelhäuser im sog. "Ospedale degli Esposti" nach.  --  Während in Rom im Hoch-MA die scole für die Pilger vorherrschten, sieht Anna Esposito, Gli ospedali romani tra iniziative laicali e politica pontificia (secc. XIII-XV) (S. 233-251), für die Folgezeit, wie unter einer Vielzahl von Spitälern zwei Spitäler den Konflikt zwischen päpstlicher und {796} kommunaler Einrichtung widerspiegeln: das im Jahre 1204 von Papst Innozenz III. gegründete Heilig-Geist-Spital (ospedale di S. Spirito in Sassia) und das im gleichen Zeitraum von der Familie Colonna im Kern gegründete Ospedale di S. Giovanni in Laterano.  --  Ansatzweise versucht die Zusammenfassung von Charles Marie de la Roncière, Città e ospedali: bilancio di un convegno (S. 255-272), einen Städtevergleich bezüglich dem Aufkommen der Spitäler und ihrer Verdichtung im 13. Jh. anzustellen, einen "Krisenbegriff" bezüglich der Spital-Landschaft im 14. Jh. zu diskutieren, und auf die Neuorganisation von Spitälern im 15. Jh. einzugehen.

Gisela Drossbach {796}


[363], S. 796

Principi e città alla fine del medioevo, a cura di Sergio Gensini (Pubblicazioni degli Archivi di Stato. Saggi 41 = Collana di Studi e Ricerche 6) Pisa - San Miniato 1996, Pacini - Ministero per i beni culturali e ambientali, IX u. 474 S., keine ISBN, ITL 65.000.  --  Der Band umfaßt aus der Reihe der in zweijährigem Turnus zu Fragen des Spätma. abgehaltenen Convegni die Beiträge der fünften Tagung, die 1994 in San Miniato stattfand. Das Thema "Fürsten und Städte" sollte, wie der Hg. in der Presentazione (S. VII-IX) bemerkt, aus möglichst vielfältigen geographischen Blickwinkeln vor dem Hintergrund politischer, sozialer und kultureller Entwicklungen behandelt werden. Die überwiegend mit umfänglichen Belegen und weiterführenden Literaturhinweisen versehenen Aufsätze können hier nur knapp angezeigt werden: Diego Quaglioni, La legislazione dei principi e gli statuti urbani nell'Italia del Quattrocento (S. 1-16), gibt einen Überblick zu neueren Forschungstendenzen und geht auf legistische Kommentare des 14. und 15. Jh. ein (Alberico da Rosciate, Baldo, Giason del Maino), die sich zum Verhältnis fürstliche/städtische Gesetzgebung äußern.  --  Jean-Marie Cauchies, Potere cittadino e interventi principeschi nei Paesi Bassi del Quattrocento (S. 17-39), untersucht die Eingriffe der Herzöge aus dem Hause Valois in das Leben der Städte im nördlichen Teil des Herzogtums Burgund in fünf Bereichen (Gesetzgebung, Finanz- und Steuerwesen, Rechtsprechung, Städtebau/Verwaltung/Verteidigung, Wirtschaft, politische und soziale Verfassung) und schließt mit einem Blick auf Philipp den Schönen (#[86] 1506).  --  Henryk Samsonowicz, Les villes en Europe centre-orientale (S. 41-52), bietet einen Überblick vom 8. bis zum 15. Jh.  --  Bernard Chevalier, Pouvoir central et pouvoirs des bonnes villes en France, aux XIVe-XVe siècles (S. 53-75), betont die Bedeutung, welche die französischen Städte für das Königtum während des Hundertjährigen Krieges gewannen, als die Könige Grund hatten, den Druck des durch eine frühe Zentralisierung erstarkten Paris zu fürchten.  --  Guido Castelnuovo, Principi e città negli stati sabaudi (S. 77-93), zeigt nach einer Typologie der savoyischen Städte im Spätma. die Tendenzen fürstlicher Einwirkung auf.  --  Gian Maria Varanini, Governi principeschi e modello cittadino di organizzazione del territorio nell'Italia del Quattrocento (S. 95-127), geht vom 13. bis zum 15. Jh.  --  Helmut G. Walther, Le città imperiali tedesche nel Quattrocento: Il loro ruolo ed importanza nella formula "Kaiser und Reich" (S. 129-149), beginnt mit einem Überblick zur zahlenmäßigen Entwicklung der Reichsstädte und zu ihrer Stellung in der Verfassung des Reichs, um sich dann auf Basel, Lübeck, Nürnberg und ihre Beziehungen zum Kaisertum des 15. Jh. zu konzentrieren.  --  Sandro Carocci, Governo papale e città nello Stato della Chiesa. Ricerche sul Quattrocento (S. 151-224), bemüht sich auf umfassender, z. T. ungedruckter Quellenbasis {797} um die Darstellung des "disciplinamento delle autonomie cittadine" (S. 219) von seiten der Päpste, wobei er einen deutlichen Unterschied zwischen der krisengeschüttelten ersten Hälfte und den stabilisierten Verhältnissen in der zweiten Hälfte des 15. Jh. sieht.  --  Giuseppe Galasso, Sovrani e città nel Mezzogiorno tardo-medievale (S. 225-247).  --  Salvatore Tramontana, Monarchia e città in Sicilia (S. 249-271).  --  Giuseppe Felloni, Il principe ed il credito in Italia tra medioevo ed età moderna (S. 273-293), geht den Gründen für den enormen Anstieg der "Staatsverschuldung" im 15. Jh. nach und erörtert die verschiedenen Möglichkeiten der Kreditaufnahme.  --  Vanessa Harding, The King and the City in the fifteenth-century England (S. 295-314), konzentriert sich vor allem auf die Bedeutung der englischen Städte für das königliche Einkommen.  --  Massimo Miglio, L'immagine del principe e l'immagine della città (S. 315-332), stellt die städtebaulichen Maßnahmen der Päpste, speziell Nikolaus V., in Rom in das Zentrum seiner Erwägungen und schließt sich den Skeptikern an, die einen Einfluß L. B. Albertis für wenig wahrscheinlich halten; am Ende steht ein Abschnitt zur Rolle der italienischen Städte als "Festkulisse" im 15. Jh.  --  Carme Batlle Gallart - Joan J. Busqueta Riu, Príncipe y ciudades en la Corona de Aragón en el siglo XV (S. 333-355).  --  Miguel-Angel Ladero Quesada, Monarquía y ciudades de realengo en Castilla. Siglos XII a XV (S. 357-412).  --  Giorgio Chittolini, Alcune note sul ducato di Milano nel Quattrocento (S. 413-431).  --  Wim Blockmans, La manipulation du consensus. Systèmes de pouvoir à la fin du moyen-âge (S. 433-447), konstatiert "un manque de clarté conceptuelle parmi les historiens" (S. 433), den er der regionalen Ausrichtung der einschlägigen Studien zuschreibt, die zur Verwendung einer äußerst unterschiedlichen Terminologie führe, und versucht, einige Entwicklungslinien auf europäischer Ebene herauszuarbeiten.  --  Der Band wird durch Indices der Personen- und Ortsnamen erschlossen.

Franz Fuchs {797}


6. Landesgeschichte

1. Franken, Hessen S. 797. 2. Lothringen, Rheinlande, Pfalz S. 800. 3. Alemannien, Schwaben, Schweiz, Elsaß S. 805. 4. Bayern, Tirol, Österreich S. 808. 5. Böhmen S. 817. 6. Westfalen, Niedersachsen, Bremen und Hamburg, Schleswig-Holstein S. 821. 7. Sachsen, Thüringen S. 823. 8. Mecklenburg, Brandenburg, Pommern S. 824. 9. Polen, Schlesien S. 824. 10. Ordensland S. 825. 11. Italien, Sizilien S. 825. 12. Spanien, Portugal S. 839. 13. Frankreich, Belgien, Niederlande, England, Irland S. 843. 14. Skandinavien S. 849. 15. Byzanz, Osteuropa, Südosteuropa S. 849. 16. Kreuzfahrerstaaten S. 851.

[364], S. 797

Alfred Wendehorst (Hg.), Das Land zwischen Main und Steigerwald im Mittelalter. Die auf dem Symposion in Castell vom 5. bis 7. September 1996 gehaltenen Vorträge (Erlanger Forschungen. Reihe A: Geisteswissenschaften, Bd. 79) Erlangen 1998, Universitätsbibliothek, 302 S., Abb., Karten, 1 lose Karte, ISBN 3-930357-17-8, DEM 58.  --  Der Sammelband vereinigt drei historische, {798} einen namenkundlichen, einen geographischen und zwei archäologische Beiträge. Ihre Publikation rahmen eine Einleitung von Albrecht Fürst zu Castell-Castell (S. 5-7) und ein Schlußwort von Alfred Wendehorst (S. 285-287) ein; erschlossen wird sie durch ein Register der Orte und Personen (S. 289-302).  --  Alfred Wendehorst, Das Land zwischen Main und Steigerwald im Mittelalter (S. 9-20), arbeitet grundsätzlich die Möglichkeiten und Schwierigkeiten heraus, welche sich konkret bei der interdisziplinären Zusammenarbeit von Geschichte, Archäologie, Geographie und Namenkunde ergeben.  --  Robert Schuh, Frühmittelalterliche Ortsnamen zwischen Main und Steigerwald (S. 21-67), erörtert 52 Ortsnamen und nimmt ausführlich zur ethnischen Zuweisung und historischen Zuordnung Stellung: -leben an Thüringer, -heim an Franken mit Einschränkungen, aber nicht -ingen an Alemannen.  --  Helmut Jäger, Die mittelalterliche Kulturlandschaft zwischen Main und Steigerwald (S. 69-97), ergänzt diese Befunde durch eine ebenso kritische Sichtung und Bestandsaufnahme der Siedlungen, Fluren und Waldungen, die er rückschreitend aus frühneuzeitlichen Quellen gewinnt.  --  Peter Ettel, Die Burgen zu Castell und ihre Bewertung im Rahmen des frühmittelalterlichen Burgenbaus in Franken (S. 99-145), sowie ders. u. a., Die Grabung 1996 auf dem Herrenberg zu Castell (S. 147-184), legen die ständigen Veränderungen an den Befestigungen zu Castell vom frühen bis zum späten MA dar.  --  Franziskus Büll, Die Grafen von Castell - Nachkommen der Mattonen? (S. 185-232), diskutiert und ediert neu die um 1320 in einem Kopialbuch aus St. Stephan zu Würzburg überlieferte Urkunde, mit der Graf Megingaud und seine Gemahlin Imma 816 das Kloster Megingaudeshausen stifteten. Den dort genannten Ort Castell identifiziert er mit dem Kropfsberg in der Gemarkung von Oberlaimbach, was archäologisch noch zu prüfen wäre, nicht wie bisher üblich mit Castell östlich von Kitzingen. Anhand der Besitzgeschichte von Deutenheim und Gerlachshausen sowie, weniger überzeugend, anhand des Rufnamens Markward, macht er dennoch einen genealogischen Zusammenhang der vom 8. bis 10. Jh. belegten Mattonen mit den seit dem 11. Jh. bezeugten Dynasten von Castell wahrscheinlich.  --  Erwin Riedenauer, Frühe Herrschaftsbildung der Herren und Grafen von Castell zwischen Main und Steigerwald (S. 233-283, mit beigelegter Karte), stellt Besitzungen und Rechte der Herren von Castell anhand von Urkunden und Lehenbüchern des 13. und 14. Jh. zusammen (S. 257, 281 Steinsfeld jedoch nicht bei Schweinfurt, sondern bei Rothenburg); um Herkunft und Herrschaftsgrundlagen der sich seit 1205 Grafen und seit 1228 von Gottes Gnaden nennenden Dynasten zu klären, verweist er neben der Ausstattung von Megingaudeshausen 816 und der Dotierung von Schwarzach durch Bischof Dracholf von Freising 912 (MGH DK. I 9) auf fuldischen Besitz, den Mattonen geschenkt hatten, und Vogteirechte darüber als mögliche Grundlage der castellschen Landesherrschaft.  --  Über die engere Regionalgeschichte hinaus machen die Beiträge aus den Nachbardisziplinen den Sammelband für die Geschichtswissenschaft methodisch außerordentlich informativ und anregend. Wünschenswert wäre zur Abrundung ein Blick auf die von regional einflußreichen Klöstern wie auch von den Castell selbst initiierte spätma.-frühneuzeitliche Historiographie, welche ein Gegenbild zur würzburgischen Geschichtsschreibung zeichnete (S. 209 Anm. 100 Paulus Papius, Casteller Chronik von 1605, gegen Lorenz Fries, Geschichte der Bischöfe von Würzburg).

Karl Borchardt {798}


{799}

[365], S. 799

Gerhard Lubich, Auf dem Weg zur "Güldenen Freiheit". Herrschaft und Raum in der Francia orientalis von der Karolinger- zur Stauferzeit (Historische Studien 449) Husum 1996, Matthiesen, 308 S., ISBN 3-7868-1449-X, DEM 89.  --  Die Kölner Diss. liefert eine Gesamtschau der Entwicklung der Francia orientalis, also Rhein- und Mainfrankens, deren Erforschung bisher - mehr als diejenige anderer Teile des ma. Reiches - von landeshistorischer Zersplitterung geprägt gewesen ist. Nach begrifflicher und methodischer Klärung (Kap. I) umspannt die Untersuchung in sieben Kapiteln den Zeitraum vom 8. Jh. bis zur Barbarossa-Zeit. In allen Teilen macht L. sehr umsichtig Gebrauch von Quellen und Literatur, ohne dabei die Darstellung ausufern zu lassen, was angesichts der Länge des behandelten Zeitraums und der Bedeutung der fränkischen Herrschaften und Territorien nur zu leicht möglich gewesen wäre. Für die Gesamtentwicklung betont L. vor allem folgende Akzente: Die vor allem in nördlichen Teilen des Gebietes von Karl d. Gr. etablierte Königspräsenz ließ im 9. Jh. spürbar nach. Im "Durchgangsland" Franken verfestigten sich in der Folge "regional wirksame Adelsherrschaften". Dem Tod des Konradiners Eberhard (939) folgte die Entstehung getrennter Herrschaftszonen in Rhein- bzw. Ostfranken. Im Osten, auf dessen Entwicklung sich L. im Laufe der Darstellung mehr und mehr konzentriert, verstärkte das Bistum Würzburg schließlich seine Position unter königlicher Mithilfe, bis Heinrich II.  --  nach dem Ende der Schweinfurter - mit dem Bistum Bamberg ein weiteres Zentrum bildete, "um das sich Herrschaftsträger gruppierten". Das 11. Jh. bedeutete einen Umbruch in der Adelslandschaft, in dem Würzburg eine "unklar definierte, nicht institutionalisierte Vorrangstellung" (S. 241) zu behaupten suchte. Das "unzeitgemäße" Herzogtum des Staufers Konrad (1116) gefährdete die Würzburger Stellung; die folgende Aussöhnung Bischof Erlungs mit Heinrich V. dokumentierte die erstmalige schriftliche Fixierung der Würzburger Vorrechte als dignitas iudiciaria. Der Antagonismus Würzburgs zu den Staufern lebte in den folgenden Jahrzehnten fort; die Teilung in eine südliche und nördliche Herrschaftszone verfestigte sich weiter. "Die güldene Freiheit" (DF. I 546 von 1168) "war schließlich nicht mehr als die Fixierung eines Zustandes, wie er sich seit der Karolingerzeit entwickelt hatte." (S. 243) - Das wesentliche allgemeine Ergebnis der Untersuchung L.s besteht in der Feststellung, daß Franken nicht zureichend als eine "Königsprovinz, die bis ins 12. Jh. bestanden hätte'“ beschrieben werden kann. Differenzierte Betrachtung läßt stattdessen im "komplexen Zusammenspiel von König, Kirche und Adel" vor allem die zunehmende Regionalisierung der Herrschaftsausübung hervortreten.  --  Die zahlreichen kleineren Beobachtungen und Einsichten der Arbeit können hier nicht aufgeführt werden. Erwähnt sei immerhin die exkursweise angefügte Untersuchung des als "Rotes Buch" bekannten Kopials des Klosters Lorch (HSTA Stuttgart, H 14, Nr. 175, entstanden kurz nach 1500) (S. 246-272). Nach eingehender Prüfung hält L. es für unwahrscheinlich, daß der - durch Kriegsschäden entstellte - Codex in den verlorenen Partien wertvolles Textmaterial zur staufischen Geschichte enthalten haben könnte.

Stefan Beulertz {799}


[366], S. 799

Hillay Zmora, State and nobility in early modern Germany. The knightly feud in Franconia, 1440-1567 (Cambridge studies in early modern history) Cambridge 1997, Cambridge University Press, XIII u. 232 S., Karten, ISBN 0-521-56179-5, GBP 35.  --  Wie der einleitende Forschungsüberblick herausarbeitet, {800} galt die Fehde lange als spätma. Krisenerscheinung, als Folge einer wirtschaftlichen Krise der "Raubritter", was neuerdings bezweifelt wird, aber auch, was Z. nicht thematisiert, als Ausdruck rückwärtsgewandter Abwehr gegenüber dem römischen Recht. Sein Buch will vielmehr anhand fränkischer Niederadeliger die These untermauern, die spätma. Fehden würden nicht auf zunehmende Verarmung und gesellschaftliche Marginalisierung des Niederadels antworten, sondern seien Ausdruck eines Konkurrenzkampfes um Einfluß auf die werdenden Fürstenstaaten der Frühneuzeit. Mehrere Beispiele werden ausführlich vorgestellt: Veit von Vestenberg, der sich 1473 nach vergeblicher Fehde dem Markgrafen Albrecht Achilles unterwerfen mußte, dann aber in dessen Dienst Karriere machte und die Unterstützung der Zollern in Streitigkeiten mit seinen Verwandten genoß; Konrad Schott, ein Diener der Pfalzgrafen bei Rhein, der zusammen mit Christoph von Giech 1498 gegen die Reichsstadt Nürnberg in eine aufsehenerregende Fehde geriet, welche den Interessen des Markgrafen Friedrich von Ansbach diente, und Christoph Fuchs, der vor dem Hintergrund eines Konflikts zwischen den Bischöfen von Bamberg und Würzburg 1462 in eine Fehde über Weiderechte für Schafe verwickelt wurde. Solche und andere Beispiele illustrieren, wie fränkische Niederadelige zwischen Fürsten bzw. zwischen Fürsten und Reichsstädten lavierend ihre Positionen ausbauten. Die Hauptthese, daß von einer Krise des Niederadels keine Rede sein könne, möchte Z. belegen durch Zusammenstellungen über Tätigkeiten von Niederadeligen als fürstliche Räte, über Kreditgewährung Niederadeliger an Fürsten sowie über Heiraten von Niederadeligen, die sich, wie das Beispiel der den Zollern nahestehenden Eyb und Seckendorff zeigt, im engsten Kreise bewegten. Die statistischen Auswertungen beruhen auf mehr oder weniger zufälligen Informationen, ersetzen also keineswegs die noch zu leistende Personen- und Besitzgeschichte der fränkischen Ritterschaft, sind jedoch mit Überlegung interpretiert und liefern daher wichtige Richtlinien für die Aufbereitung personen- und besitzgeschichtlicher Informationen. So wird zu Recht herausgestellt, daß die Position einzelner Fehdeführer nicht allein aus dem Status ihrer Familie, sondern auch aus ihrer Stellung innerhalb ihrer Familie resultiert. Daß keine generelle Krise des Niederadels in der zweiten Hälfte des 15. und zu Beginn des 16. Jh. bestand, unterstreicht die profitable, von den Niederadeligen ständig intensivierte Schafzucht in Franken (S. 56 f.); daneben wäre an die Beteiligung Niederadeliger am Bergbau und an anderen Wachstumsbranchen der Zeit zu denken. Die Frage, warum die Ritterschaft in Franken, wie in Schwaben und den Rheinlanden, im 16. Jh. reichsunmittelbar und nicht landsässig wurde, beantwortet Z. damit, an die Stelle der Konflikte zwischen Fürsten, welche der Niederadel bis daher ausgenutzt habe, seien nun die Konflikte zwischen Kaiser und Fürsten getreten, welche der Ritterschaft einen reichsunmittelbaren Status ermöglicht hätten. Insgesamt hat sich der Autor gut in die aktuelle Forschungsdiskussion über spätma. Führungsschichten und ihre Rolle bei der Entstehung des frühmodernen Staates eingearbeitet und vermittelt zahlreiche Anregungen.

Karl Borchardt {800}


[367], S. 800

Mainz. Die Geschichte der Stadt, hg. im Auftrag der Stadt Mainz von Franz Dumont, Ferdinand Scherf, Friedrich Schütz, Mainz 1998, von Zabern, XVII {801} u. 1342 S., 672 Abb., 37 Farbtaf., ISBN 3-8053-2000-0, DEM 128.  --  Der gefällig ausgestattete Band wird in der Einführung als "wissenschaftlich fundierte und zugleich populäre Stadtgeschichte" (S. XIV) vorgestellt, was heißen soll, daß hier keine handbuchartige, auf möglichste Vollständigkeit bedachte Gesamtdarstellung vorliegt, sondern ein Gemeinschaftswerk von 37 Autoren, die in 54 Beiträgen sehr ungleichen Umfangs die verschiedensten Seiten des großen Themas beleuchten. In einer ersten Sequenz von 14 diachronischen Überblicken findet das MA folgendermaßen Berücksichtigung: Franz Staab, Mainz vom 5. Jahrhundert bis zum Tod des Erzbischofs Willigis (407-1011) (S. 71-107).  --  Ludwig Falck, Die erzbischöfliche Metropole 1011-1244 (S. 111-137).  --  Ders., Die Freie Stadt in ihrer Blütezeit 1244-1328 (S. 143-170).  --  Michael Matheus, Vom Bistumsstreit zur Mainzer Stiftsfehde: Zur Geschichte der Stadt Mainz 1328-1459 (S. 171-204).  --  Kai-Michael Sprenger, Die Mainzer Stiftsfehde 1459-1463 (S. 205-225).  --  Wolfgang Dobras, Die kurfürstliche Stadt bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges (1462-1648) (S. 227-263).  --  Aus der Abteilung "Längsschnitte" sind zu nennen: Heiner Stauder, Die linksrheinischen Vororte vom Frühmittelalter bis zum 19. Jahrhundert (S. 581-628).  --  Rolf Dörrlamm/Helmut Wirth, Das rechtrheinische Mainz (S. 629-647).  --  Friedrich Schütz, Magenza, das jüdische Mainz (S. 679-702).  --  Schließlich kommen auch noch "Einzelaspekte" zur Sprache, darunter aus dem MA: Ernst-Dieter Hehl, Goldenes Mainz und Heiliger Stuhl. Die Stadt und ihre Erzbischöfe im Mittelalter (S. 839-857).  --  Stephan Füssel, Johannes Gutenberg (1400-1468) (S. 859-875).  --  Joachim Glatz, Romanik und Gotik in Mainz (S. 1059-1095).  --  Beigegeben sind eine Zeittafel, eine Auswahlbibliographie sowie mehrere Register, deren Benutzung freilich einige Umsicht verlangt, denn "Albrecht I." erscheint zugleich als "Albrecht von Habsburg", Erzbischof "Arnold von Selenhofen" auch gesondert unter bloßem "Arnold", und ausgesprochen kurios ist die Prägung "Zwentibold von Kärnten" (offenbar weil der Vater ein gewisser "Arnulf von Kärnten" war).

Rudolf Schieffer


[368], S. 801

Josef Semmler, Series episcoporum Moguntinorum. Die vorbonifatianischen Bischöfe, Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 50 (1998) S. 423-434, skizziert das Wirken der zehn Bischöfe, deren Namen überliefert sind, und rekonstruiert die Chronologie. Das ist ein schwieriges Unterfangen, wie seine Ausführungen über den nur schattenhaft belegten Raobardus/Ruthardus S. 426 zeigen.

Ernst-Dieter Hehl


[369], S. 801

Trier im Mittelalter, hg. von Hans Hubert Anton und Alfred Haverkamp (2000 Jahre Trier 2) Trier 1996, Spee Verlag, XII u. 679 S., zahlreiche Abb., 1 Karte, ISBN 3-87760-066-2, DEM 78.  --  Mit diesem Band findet die Geschichte der Stadt Trier ihren Abschluß, nachdem Bd. 1 für die Antike 1985 und Bd. 3 1988 erschienen sind. Der Mittelalterband vereinigt - wie Äußerlichkeiten zeigen  --  in einem Einband zwei getrennte Bücher: S. XI f. schreiben A. und H. jeweils ein Vorwort zu den von ihnen verantworteten Teilen des Bandes - A. für die Zeit von der Spätantike bis zur ausgehenden Karolingerzeit, H. für die Zeit des hohen und späten MA -, S. 589 ff. folgt eine ausführliche Zeittafel zu Teil I, S. 593 ff. steht die knappe zu Teil II, nach einem gemeinsamen Abkürzungsverzeichnis gibt es dann nach Teilen getrennte Literaturhinweise, danach aber - zum Glück möchte man sagen - ein gemeinsames Register, die Abbildungsnachweise {802} sind am Schluß wieder nach Teilen geordnet, was das Inhaltsverzeichnis jedoch verschweigt. Die Normannenstürme mit den Zerstörungen Triers am Ende des 9. Jh. zeitigen anscheinend buchorganisatorische Wirkung - manchmal mit störendem Ergebnis: Boshofs Trier-Band der Germania Pontificia ist nur bei der Literatur für Teil I, nicht aber für Teil II verzeichnet, mit den älteren mittelrheinischen Regesten von Goerz verhält es sich genau umgekehrt. Interessanter ist es, die darstellerischen Unterschiede mit ihren Konsequenzen in diesem "doppelten" Buch zu beobachten. A. hat die Darstellung für seinen Teil fast vollständig selbst geschrieben, nur das letzte Großkapitel stammt aufgrund seiner speziellen Thematik aus fremder Feder: Bernd Bienert, Zur frühmittelalterlichen Besiedlung Triers und des Trierer Landes (S. 119-159). So entsteht eine geschlossene Darstellung der Trierer Geschichte in der frühma. Epoche, für die A. schon 1987 eine aus einer Frühform seines Beitrags hervorgegangene Fassung vorgelegt hat (vgl. DA 45, 305 f.) und die sich naturgemäß auf die Geschichte der Trierer Bischofskirche konzentriert: Es ist eine Synthese, die gleichzeitig in ihrem Anmerkungsapparat auf offene und kontroverse Probleme der Forschung hinweist.  --  H. hat die Darstellung der hoch- und spätma. Geschichte hingegen mehreren Autoren anvertraut und dabei einen chronologischen Durchgang (Gerold Bönnen, Marianne Pundt und Friedhelm Burgard) durch systematische Kapitel ergänzt: Frank G. Hirschmann zum religiösen Leben im hoch- und spätmittelalterlichen Trier (S. 399-476), H. selbst zu den Juden (S. 477-499), Lukas Clemens zusammen mit Michael Matheus zu Wirtschaft und Gewerbe (S. 501-529), Michael Matheus alleine (S. 531-552) zur 1473 eröffneten Trierer Universität (bildungsgeschichtliche Fragen für das 15. Jh. hat bereits Burgard S. 378 ff. in dem chronologischen Abschnitt angesprochen) und abschließend eine Darstellung "Trier zur Reformationszeit" aus der Feder von Gunther Franz (S. 553-588, die bis zum Reformationsversuch von 1559 geführt ist). Franz behandelt dabei auch die Trierer Stadtansichten von 1474 bis 1550. Den Fragen der äußeren Gestalt Triers ist Lukas Clemens bereits zu Beginn des Hoch- und Spätmittelalterteils mit einem Abschnitt "Zum Umgang mit der Antike im hochmittelalterlichen Trier" (S. 167-202) nachgegangen. Er führt seine Darstellung bis in das 13. Jh., leider wird sie nicht systematisch fortgesetzt. Gerade dieses Kapitel bezeugt auch die Vorzüge der von H. gewählten Verteilung des Stoffes auf mehrere Autoren: Sie erlaubt die systematische Darstellung von Problemen, die sich kaum in eine chronologische Schilderung einreihen lassen, ohne deren Proportionen zu zerstören. So stehen in diesem Buch zwei unterschiedliche Zugriffsweisen für eine Stadtgeschichte nebeneinander, die jeweils überzeugend und anregend durchgeführt sind. Dieser Gesamteindruck lenkt zu den organisatorischen Mängeln des Bandes zurück. Allein dem Inhaltsverzeichnis läßt sich entnehmen, wer welchen Abschnitt verfaßt hat; die Namen der Autoren sind im Textteil nicht mehr genannt: weder nach der Überschrift ihres Kapitels noch in einer Kopfzeile, auf die ohnehin verzichtet wurde - die Autoren dieser "Zwei Bücher Trierer Geschichte" haben solche Mißachtung nicht verdient.

Ernst-Dieter Hehl


[370], S. 802

Die Benediktinerabtei St. Eucharius-St. Matthias vor Trier. Im Auftrage des Max-Planck-Instituts für Geschichte bearb. von Petrus Becker (Germania Sacra N. F. 34: Die Bistümer der Kirchenprovinz Trier. Das Erzbistum Trier 8) Berlin {803} u. a. 1996, de Gruyter, XVI u. 930 S., 7 Abb., ISBN 3-11-015023-9, DEM 450.  --  Obwohl St. Matthias als Entstehungsort der Gesta Treverorum ein Interesse an Geschichte nicht abgesprochen werden kann, ist eine zusammenhängende Darstellung der eigenen Klostergeschichte aus der ma. Zeit nicht vorhanden. Ein historisches Interesse daran erwacht erst im 17. Jh., das sich in Chroniken niederschlägt, von denen einige im Druck erschienen sind. Mit der vorliegenden Monographie aus der Feder des wohl besten Kenners der Materie, dessen Name sich im Literaturverzeichnis über zweieinhalb Seiten (!) erstreckt, ist ein grundlegendes Werk anzuzeigen, das der Vf. allzu bescheiden "eine Arbeit im Fragment" nennt. Gemeint ist damit die Materialfülle, die zu bewältigen war, weshalb "manches nur wenig behandelt wird und anderes gar nicht erscheint". Das Vorhandene, auf nahezu tausend Seiten dargeboten, ist, um es gleich vorwegzunehmen, beeindruckend genug. Die Ursprünge der nach St. Maximin zweitwichtigsten Trierer Abtei reichen in die Spätantike zurück. Spätestens seit dem 5. Jh. ist mit einer wie auch immer gearteten geistlichen Gemeinschaft an der von Bischof Cyrillus auf dem südlichen Trierer Gräberfeld errichteten Cömiterialkirche zu rechnen. Von Anfang an war der Konvent dem Bischof unterstellt und blieb es auch nach seiner im 10. Jh. erfolgten Umwandlung in ein Benediktinerkloster bis zur 1802 erfolgten Auflösung in der Säkularisation (1922 wurde St. Matthias neu errichtet). Eine engere Bindung zum Reich bestand nie, und auch die Beziehungen zur Römischen Kurie waren nicht sonderlich ausgeprägt. Im 12. Jh. erlebte die Abtei im Zuge der hirsauischen Reform und der beginnenden Matthiasverehrung einen Höhepunkt in ihrer Geschichte. Nach einer Phase des Niedergangs gelang St. Matthias im 15. Jh. unter den Äbten Johannes II. von Rode und Johannes III. von Vorst ein neuer Aufschwung, der dazu führte, daß das Kloster zu einem Mittelpunkt der monastischen Erneuerung im Erzbistum Trier und darüber hinaus wurde. Zwischen 1455 und 1458 schloß sich die Abtei der Bursfelder Kongregation an. Die Förderung des Konvents durch Erzbischof Egbert brachte ein Aufblühen des geistigen Lebens in der Abtei mit sich. Ein Skriptorium ist bereits für das 10. Jh. nachgewiesen. Es ist später auch namentlich zu fassen und läßt sich bis in das 13. Jh. verfolgen. Zeugnisse für die Bibliothek sind in beeindruckender Fülle überliefert. Durch einen neuerlichen Vergleich zwischen dem alten Katalog aus der Zeit um 1530 und den heute noch vorhandenen Codices hat B. das von J. Montabaur gezeichnete Bild der Bibliothek (vgl. NA 49, 561) beträchtlich ergänzen und verbessern können. Alles in allem hat er mit seiner Studie eine breite und zuverlässige Basis für weitere Forschungen geschaffen. Das Register (Personen- und Ortsnamen sowie Sachbegriffe) wurde von Uwe Israel beigesteuert.

Alfred Gawlik


[371], S. 803

Dombau und Theologie im mittelalterlichen Köln. Festschrift zur 750-Jahr-Feier der Grundsteinlegung des Kölner Domes und zum 65. Geburtstag von Joachim Kardinal Meisner 1998, hg. im Auftrag des Metropolitankapitels von Ludger Honnefelder, Norbert Trippen und Arnold Wolff (Studien zum Kölner Dom 6) Köln 1998, Verlag Kölner Dom, 455 S., zahlreiche Abb., 1 Taf., ISBN 3-922442-27-7, DEM 98.  --  Unter den 19 Beiträgen, die vorwiegend die Kunst- und die Theologiegeschichte betreffen, sind aus unserem Arbeitsgebiet die folgenden hervorzuheben: Wolfgang Georgi, Die Grablegen der Erzbischöfe von Köln im Mittelalter (S. 233-265, 13 Abb.), unterscheidet drei Phasen der {804} Entwicklung: die (lückenhaft überlieferten) Bestattungen der Spätantike und des Früh-MA an suburbanen Grabplätzen (tatsächlicher oder vermeintlicher Martyrer), die mit Willibert (#[86] 889) einsetzenden, keineswegs regelmäßigen, sondern auf individuellen Motiven beruhenden Beisetzungen im Dom und schließlich die mit dem gotischen Neubau ab 1248 verbundene "Konzeption einer Amtsgrablege" im Dom, die jedoch zeitweilig zugunsten des Cassiusstifts in Bonn unterbrochen wurde.  --  Odilo Engels, Metropolit oder Erzbischof? Zur Rivalität der Erzstühle von Köln, Mainz und Trier bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts (S. 267-294), beleuchtet die bekannte, mit mancherlei Fälschungsfragen behaftete Problematik unter dem Aspekt, daß bis 1046 die in sich widersprüchlichen päpstlichen Privilegierungen "einen mit verschiedenen Titeln gehäuften, bewußt unscharfen und letztlich wenig verbindlichen Vorzug zum Ausdruck bringen sollten" (S. 278) und erst mit Clemens II. und Leo IX. das Bedürfnis nach durchdacht gestaltender Normsetzung hervortritt.  --  Arnold Angenendt, Die Reliquien und ihre Verehrung im Mittelalter (S. 309-332); vgl. DA 53, 387 f.  --  Gisbert Knopp, "Thesaurus SS. Reliquiarum" - Die Reliquienschreine der heiligen Kölner Bischöfe (S. 323-348, 19 Abb.).

Rudolf Schieffer


[372], S. 804

Hugo Stehkämper, Kaiser Friedrich Barbarossa: nur Wirtschaftsförderer oder zugleich auch Machtpolitiker? Eine Forschungskontroverse, HJb 119 (1999) S. 65-83, rechtfertigt seine These von einer gegen Köln (Erzbischof und Stadt) gerichteten Handels- und Münzpolitik Barbarossas im Nordwesten des Reiches (vgl. DA 52, 644) gegen die inzwischen erhobenen Einwände F. Irsiglers (vgl. DA 53, 336).

Rudolf Schieffer


[373], S. 804

Eduard Hegel, St. Kolumba in Köln. Eine mittelalterliche Großstadtpfarrei in ihrem Werden und Vergehen (Studien zur Kölner Kirchengeschichte 30) Siegburg 1996, Franz Schmitt, 334 S., Abb., ISBN 3-87710-177-1.  --  St. Kolumba ist die älteste Kölner Pfarrkirche und blieb als solche dem Dom zugeordnet, sein Pfarrbezirk war der bevölkerungsreichste und flächenmäßig größte. Allein schon diese Gründe machen Hegels Buch zu einem wichtigen Beitrag der Kölner Kirchengeschichte. Es läßt sich als Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte einer Pfarrkirche und Pfarrei lesen (angereichert durch eine Darstellung der baulichen Entwicklung). Deren Verknüpfung mit der städtischen Umwelt wird besonders deutlich in dem Kapitel über das Pfarrerwahlrecht (S. 53 ff.), das nach einem Kompromiß zwischen Gemeinde und Dompropst von 1212 abschließend 1420 und 1425 in zwei Bullen Papst Martins V. geregelt wurde. Ab 1426 ist die Liste der Pfarrer von St. Kolumba lückenlos überliefert, auch weil seit 1442 die Pfarrer aus den Reihen der Kölner Universitätslehrer genommen werden; mit knappem Kommentar wird sie im Anhang vorgestellt. Beigegeben ist der bis zur Gegenwart geführten Darstellung auch eine Edition der Inschriften in St. Kolumba, einschließlich der Altarinschriften.

Ernst-Dieter Hehl


[374], S. 804

Jan Gerchow (Hg.), Das Jahrtausend der Mönche. Kloster Welt Werden 799-1803, Köln 1999, Wienand, 560 S., zahlreiche Abb., Karten, ISBN 3-87909-643-0, DEM 88.  --  Von der Zeit der Karolinger bis zur Säkularisation gehörten die Ludgerusabteien in Werden an der Ruhr und die damit in Personalunion verbundene in Helmstedt zu den bedeutendsten Kulturträgern im Reich. Der {805} Begleitband zur Essener und Werdener Ausstellung mit 37 knapp gehaltenen Aufsätzen behandelt den allgemeinen Stellenwert des benediktinischen Mönchtums in der Geschichte und die spezifische Rolle der späteren Reichsabtei und ihrer Tochter in den Bereichen Wirtschafts-, Sozial- und Kunstgeschichte. Gemäß der geschichtlichen Bedeutung der beiden Klöster, die sich der Bursfelder Reform anschlossen und im Zeitalter der Glaubensspaltung ein katholisches Bollwerk bildeten, liegt der Schwerpunkt der Ausführungen im MA. Die zweite Hälfte des herrlich bebilderten Bandes ist dem Katalogteil überlassen, der vor allem kulturgeschichtliche Exponate präsentiert. Ein ausführliches Register ist beigefügt.

Christian Lohmer


[375], S. 805

René Bornert, L'église octogonale d'Ottmarsheim et l'évêque Werner 1er de Strasbourg (1001-1028). Certitudes et hypothèses, Revue d'Alsace 124 (1998) S. 7-22, vermutet, daß Bischof Werner I. von Straßburg die Idee zum Bau der Kirche geliefert hat (siehe auch die folgende Anzeige).

Rolf Große {805}


[376], S. 805

Rollins Guild - Suzanne Braun, La datation de l'abbatiale d'Ottmarsheim, Revue d'Alsace 124 (1998) S. 23-34, gelangen zu dem Ergebnis, daß die Kirche (eine Nachbildung des Aachener Oktogons) zwischen 1040 und 1055 erbaut wurde (siehe auch die vorige Anzeige).

Rolf Große {805}


[377], S. 805

Nicolas Mengus, Les sires d'Andlau au Moyen Age (fin XIIe siècle - début XVIe siècle), Revue d'Alsace 124 (1998) S. 251-258, ist die Zusammenfassung einer Straßburger Thèse de Doctorat über die aus der Ministerialität in den Adel aufgestiegenen Herren von Andlau.

Rolf Große {805}


[378], S. 805

Martin Gabathuler, Die Kanoniker am Großmünster und Fraumünster in Zürich. Eine Prosopographie von den Anfängen bis 1316 (Europäische Hochschulschriften. Reihe 3: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften 774) Bern u. a. 1998, Lang, 395 S., ISBN 3-906759-91-1, CHF 79.  --  Die materialreiche Untersuchung steht konzeptionell im Umfeld früherer personengeschichtlich ausgerichteter Zürcher Diss. zu schweizerischen Klöstern und Stiften, sprengt aber in wohltuender Weise das enge Korsett von "Klerikerkarrieren" und nimmt die prosopographischen Bemühungen zum Anlaß erweiterter Fragestellungen und Abklärungen: Erwähnung verdienen besonders die Kapitel über die frühen in Zürich nachweisbaren Erzpriester sowie die Untersuchung eines mit Zürcher Namenseinträgen versehenen Martyrologiums in der Hs. Car. C 176 der Zentralbibliothek Zürich. Diese 1866 publizierten Zusätze - in der Hauptsache Nekrologeinträge - hat G. erstmals im Zusammenhang mit der späteren und teilweise nur bruchstückhaft erhaltenen Zürcher Anniversarüberlieferung untersucht und in einer Synopse mit dieser neu ediert. Wenngleich die vom ersten Editor Büdinger übernommenen Datierungsansätze noch immer einer zusätzlichen paläographischen Überprüfung harren, so kann G. doch in plausibler Weise die Zusammenhänge zwischen den vier verschiedenen Hss. sichtbar machen. Die Resultate dieser Abklärungen entziehen außerdem den Versuchen aus den 1940er Jahren, die erwähnte älteste Hs. dem Großmünster abzusprechen und {806} mit dem Fraumünster in Verbindung zu bringen, jede Grundlage. Diese und weitere Forschungsergebnisse in den Kommentarteilen bringen Licht in eine durch mancherlei Verwerfungen komplizierte schriftliche Überlieferung, in die seelsorgerische und kirchenpolitische Funktion und den inneren Aufbau der untersuchten Körperschaften, während die 357 mit den entsprechenden Quellen- und Literaturhinweisen aufgelisteten Kurzbiographien von Zürcher Klerikern zum willkommenen, zuverlässigen Nachschlagewerk für die kirchen- und stadtgeschichtliche Forschung werden dürften. Die Auswertung des prosopographischen Teils konzentriert sich auf familiäre Herkunft und soziale Zusammensetzung der Stifte. Dabei ergibt sich der nicht unerwartete, aber hier erstmals en detail belegte Befund, daß sich das Kapitel am Großmünster mehrheitlich aus bürgerlichen Klerikern - mit einem gewichtigen Anteil der Pfründner aus Ratsfamilien - zusammensetzte, während am Fraumünster die Ritteradligen überwogen.

Hannes Steiner


[379], S. 806

Peter Blickle, Libertà come elemento dell'invenzione della tradizione politica nella Confederazione elvetica nel XV secolo, Annali dell'Istituto storico italo-germanico in Trento - Jb. des italienisch-deutschen historischen Instituts in Trient 23 (1997) S. 11-28, betont, daß die insbesondere im Weißen Buch von Sarnen so stark herausgearbeitete Freiheitsidee am Beginn der Schweizer Eidgenossenschaft nicht den wahren Verhältnissen des 13. Jh. entspricht, sondern daß diese Vorstellung auf eine spätma. Umdeutung der coniuratio des Jahres 1291 hinausläuft.

Josef Riedmann {806}


[380], S. 806

Les pays romands au Moyen Age, publié sous la direction de Agostino Paravicini Bagliani, Jean-Pierre Felber, Jean-Daniel Morerod et Véronique Pasche (Territoires) Lausanne 1997, Payot, 640 S., 24 Taf., zahlreiche Abb., ISBN 2-601-03190-5, FRF 294.  --  Weit ausholend und facettenreich - es haben insgesamt 43 Autoren in noch mehr Einzelbeiträgen mitgewirkt - präsentiert hier die Mediävistik der Romandie die Geschichte dieser Landschaft im MA in der Perspektive der "longue durée". Es ist die identitätsstiftende Funktion des Unternehmens, eine historische Landschaft in den Mittelpunkt zu rücken, die sich in Überwindung der aus Burgunderkriegen und Reformation resultierenden Zerstückelung mit Blick auf "Europa" wieder als Region profilieren möchte, welche dem Buch weit über die Fachwelt hinaus Resonanz verschafft hat. Die spezifischen Prägungen des Raumes in burgundischer und rudolfingischer Zeit, Einfluß und Ausstrahlung monastischer Zentren oder die herrschaftliche Erschließung weiter Teile der Romandie durch das Haus Savoyen im Spät-MA mit einer ausgeprägt auf die Schriftlichkeit aufbauenden Administration gewinnen in diesem Band entsprechend deutliche Konturen, ohne daß dabei die Einflüsse benachbarter Räume, zumal aus dem alemannischen Osten, übergangen würden. Durch fünf Themenbereiche wird sozusagen der Raster gelegt, in dem der besondere Weg der Romandie durchs MA sichtbar werden soll: Teil I ("Territoires") skizziert die historisch gewachsenen Gegebenheiten des Siedlungsraums, die Sprachgrenzen, Verkehrswege, städtische und ländliche Siedlungsformen; Teil II ("Seigneurs et pouvoirs") ist den politischen Mächten, weltlichen und geistlichen Herrschaften, gewidmet, wobei neben den Strukturen auch die ereignisgeschichtlichen Abläufe ins Blickfeld kommen; die Beiträge in Teil III {807} ("Encadrements") widmen sich dem organisatorischen Rahmen der religiösen Institutionen und der politischen Administration sowie den Rechtsformen, die das Leben der Bewohner prägten. In Teil IV ("Les structures de la vie sociale") geht es um spezifische Ausformungen des sozialen Lebens vom Handel über die Schriftlichkeit und das Pilgerwesen bis hin zu Bildung und Erziehung. Teil V ("Art et espace") umfaßt Beiträge zum Kunsthandwerk, zur Architektur und zur Malerei. Es kann nicht ausbleiben, daß es bei der großen Anzahl von Mitarbeitern und methodischen Ansätzen und den nicht immer klar zu ziehenden Grenzen zwischen den thematischen Teilen zu Überschneidungen kommt, was gelegentlich sogar als Gewinn zu Buche schlagen kann. Auch werden die einzelnen Räume und Epochen in unterschiedlicher Schärfe in den Blick genommen; handbuchartige Beiträge (v. a. in den Teilen I und II) stehen neben solchen eher essayistischen Zuschnitts (gehäuft im Teil IV). Im ganzen vermag das Konzept dennoch - gerade im Blick auf die Beschränkungen deutschschweizerischer Kantonsgeschichten durch anachronistische Grenzziehungen - zu überzeugen. Als Einblick in die aktuelle Mittelalterforschung der Westschweiz und Leitfaden durch die Fachliteratur wird das Buch jedem Mediävisten, der sich mit diesem Raum befaßt, unentbehrlich sein.

Hannes Steiner


[381], S. 807

Les chanoines réguliers de Saint-Augustin en Valais. Le Grand-Saint-Bernard, Saint-Maurice d'Agaune, les prieurés valaisans d'Abondance, par Gilbert Coutaz, Veronika Feller-Vest, Elsanne Gilomen-Schenkel, Germain Hausmann, Philipp Kalbermatter, Gregor Zenhäusern, Rédaction Brigitte Degler-Spengler et Elsanne Gilomen-Schenkel (Helvetia Sacra. Sect. 4: Les ordres suivant la règle de Saint-Augustin 1) Bâle u. a. 1997, Helbing & Lichtenhahn, 564 S., ISBN 3-7190-1595-5, CHF 180.  --  Der Band behandelt auf ungefähr der Hälfte des zur Verfügung stehenden Raumes die Geschichte der Kanoniker vom Großen Sankt Bernhard und ihres Hauptsitzes in Bourg-Saint-Pierre am Fuße des wichtigen Alpenüberganges zwischen dem Wallis und dem Aostatal. Die Gründungsgeschichte, in sorgfältig abwägender Diskussion der legendenumwobenen ältesten Berichte aufgearbeitet, ist eng mit dem Hospiz auf der Paßhöhe verknüpft. Dieses war vermutlich schon im 11. Jh. vom Archidiakon Bernhard von Aosta gegründet worden und bestimmte in der Folge den Tätigkeitsschwerpunkt des Hauses und seiner Niederlassungen: die Betreuung der Pilger und Reisenden. Etwa gleich viel Raum beansprucht die Abtei St-Maurice, gegründet 515 durch den Burgunderkönig Sigismund und ab 830 ein Stift von Regularkanonikern - ein die Geschichte der Westschweiz prägendes monastisches Zentrum mit einer reichen, wenn auch durch die Zeitläufe teilweise stark beeinträchtigten Überlieferung, einem einzigartigen Bestand an Kunstschätzen und einer großen Ausstrahlung im kultischen Bereich. Ein kurzer Anhang ist den Walliser Prioraten der in ihren Ursprüngen ebenfalls stark von St-Maurice aus bestimmten Abtei Abondance (südwestlich von Evian) gewidmet. Aufbau, Funktionsweise, geistiger und wirtschaftlicher Hintergrund der vorgestellten Institutionen und ihre wechselvolle Geschichte sind in der bewährten Tradition der Reihe so konzentriert wie möglich dargestellt und so umfassend wie nötig dokumentiert. Die Darstellungen werden abgerundet durch die personengeschichtlich überaus wertvollen Kurzbiographien der Pröpste (Großer Sankt Bernhard) resp. Äbte (St-Maurice).

Hannes Steiner


{808}

[382], S. 808

Ernst Tremp, Auf dem Weg in die Moderne: Peter II. von Savoyen und die Anfänge von Territorialstaatlichkeit im 13. Jahrhundert, ZHF 25 (1998) S. 481-507, geht sein Thema biographisch an, wobei er vier Aspekte betont: 1. die Ausbildung Peters im Domkapitel von Lausanne, dessen Propst Cono von Estavayer (#[86] 1243/44) gute Kenntnis von der französischen Verwaltung unter Philipp II. August hatte; 2. Peters Tätigkeit am Hof des englischen Königs Heinrich III.; 3. der Aufbau einer eigenen Herrschaft im Bereich des Genfer Sees, wobei Peter sich unter anderem des ligischen Lehnswesens bediente; 4. Peters Regierung als Graf von Savoyen (1260-1265) mit der Einrichtung zentraler Institutionen für Gericht und Finanzverwaltung sowie einer Statutengesetzgebung, die sich als Landrecht charakterisiert läßt.

Ernst-Dieter Hehl


[383], S. 808

Simon Teuscher, Bekannte - Klienten - Verwandte. Soziabilität und Politik in der Stadt Bern um 1500 (Norm und Struktur 9) Köln u. a. 1998, Böhlau, 640 S., zahlreiche Abb., Karten, ISBN 3-412-14397-9, DEM 88.  --  Die vorliegende Arbeit ist eine Sozialgeschichte der durch persönliche Beziehungen und Bindungen geprägten Gruppen, aufgezeigt am Beispiel Berns im Zeitraum von 1440-1530, und untersucht deren Bedeutung für das gesellschaftliche und politische Leben. In einer nützlichen Einführung in die Forschungsgeschichte des vom Vf. bevorzugten methodischen Zugriffs kann sich der Leser zugleich mit der besonderen Begrifflichkeit dieses Ansatzes vertraut machen. Das ausgewählte - außerordentlich vielseitige - Quellenkorpus, seine Besonderheiten und die Ergiebigkeit einzelner Textgattungen in bezug auf die Fragestellung werden sachkundig und nachvollziehbar diskutiert. Als besonders aufschlußreich erweist sich die Briefliteratur. Vor allem die erstmals systematisch erschlossene und ausgewertete Briefsammlung Peter Schopfers, 1440-1445 Schultheiß im bernischen Thun, erlaubt Einblicke in den Zusammenhalt und die Handlungsmotive von Familien, Verwandtschaftsgruppen und Klientelverbänden. Reiches Anschauungsmaterial vermag T. auch für die Darstellung von Eheschließungsvorgängen, besonders die Offenlegung der bei der Partnerwahl verfolgten Strategien und der sozialen und politischen Hintergründe solcher Verbindungen, beizuziehen und seiner Fragestellung nutzbar zu machen. Eine gesunde Portion Skepsis gegenüber den verschiedenen soziologischen Erklärungsmodellen bewahrt den Vf. vor Verallgemeinerungen und hält die präsentierten Fallstudien auch anderen Interpretationen offen. Dies gilt in unterschiedlichem Maße auch für die den Bereichen "Gevatterschaft", "Klientelbildung" und "Geselligkeit" (z. B. in Wirtshäusern) gewidmeten Kapitel. Die Tragfähigkeit vertikaler Beziehungen und schichtenübergreifender Solidarität wird dabei im Vergleich zur Intensität der Bindungen zwischen Personen mit ähnlichem sozialen Status in ihrer Bedeutung zwar zurückgestuft, bleibt aber ein Merkmal der vom Vf. untersuchten Gesellschaft und ihrer schriftlichen Überlieferung.

Hannes Steiner


[384], S. 808

Handbuch der bayerischen Kirchengeschichte, 1. Bd.: Von den Anfängen bis zur Schwelle der Neuzeit, hg. von Walter Brandmüller, St. Ottilien 1998, EOS-Verlag, LX u. 1367 S. in 2 Teilen, Karten, ISBN 3-88096-671-0, DEM 198.  --  Nach zwei früher erschienenen Bänden, die die Neuzeit betreffen, vollendet {809} dieser, wegen seines Umfangs zweigeteilte Band das Gesamtwerk. Räumlicher Bezugsrahmen ist das moderne Bayern, doch wird bis weit ins Spät-MA hinein auch das Gesamtgebiet des alten Stammesherzogtums bzw. der Kirchenprovinz Salzburg einbezogen. 26 Autoren haben sich den beträchtlichen Stoff in der Weise geteilt, daß zunächst die äußere Entfaltung der Kirche ("Kirche, Staat und Gesellschaft") im chronologischen Durchgang vorgestellt wird, bevor dann "Das kirchliche Leben" in systematischer Auffächerung zur Sprache kommt. Im ersten Teil liegt die Darstellung nur für die früheste Zeit bis zum ausgehenden 8. Jh. in einer Hand (Wilhelm Störmer, S. 1-93), während danach eine räumliche Aufteilung der gleichzeitigen Entwicklungen unter Altbayern, Schwaben und Franken vorherrscht: für die Zeit von 798 bis 1046 zwischen Egon Boshof (S. 95-132), Franz-Reiner Erkens (S. 133-186) und Dieter J. Weiss (S. 187-227), von 1046 bis 1215 zwischen Rudolf Schieffer (S. 229-269), Stefan Weinfurter (S. 271-328) und Wilhelm Störmer (S. 329-348), für die Phase 1215-1517 zwischen Karl Schnith (S. 349-435) und Franz Machilek (S. 437-533). Geht es hier durchweg um Ausschnitte und regionale Widerspiegelungen der oft beschriebenen allgemeinen Entwicklung, so macht der zweite Teil mit seinem Versuch einer Behandlung möglichst vieler Einzelzüge des kirchlichen Lebens zugleich den recht uneinheitlichen Stand der zu resümierenden Detailforschung bewußt. Dargestellt werden Klöster und Orden durch Ulrich Faust (S. 535-555), Isnard Frank (S. 557-597) und Dieter J. Weiss (S. 599-623), das geistige Leben in Gestalt von Theologie (Johannes Schneider, S. 625-753, mit Werkkatalogen und Hss.angaben) und Häresien (Alexander Patschovsky, S. 755-771), ferner die lateinische Literatur, aufgeteilt unter Walter Berschin (S. 773-787), Johannes Staub (S. 789-814), Günter Bernt (S. 815-823), Benedikt Konrad Vollmann (S. 823-829, 832-835) und Birgit Gansweidt (S. 829-832), ebenso wie die volkssprachige geistliche Literatur (Hans Pörnbacher, S. 837-851), sodann Bibliotheken (Fridolin Dressler, S. 853-879) und das kirchliche Unterrichtswesen (Helmut Flachenecker, S. 881-928, Eugen Paul, S. 929-975) sowie ein breites Spektrum von kirchlicher Musik (Hans Schmid, S. 977-994) über Volksfrömmigkeit (Walter Pötzl, S. 995-1078, sehr materialreich) bis zu Caritas und Fürsorge (Uta Lindgren, S. 1079-1107). Am Schluß stehen ein knapper Abschnitt von Ludwig Holzfurtner über die "Kirche als Grundherr" (S. 1109-1119) und eine weiter ausholende Erörterung von Walter Haas über "Kirchenbau und Kirchenausstattung" (S. 1121-1197). Beigegeben sind Verzeichnisse der Bischöfe, Weihbischöfe und Generalvikare der betreffenden Bistümer sowie ein kombiniertes Personen-, Orts- und Sachregister von allein 141 Seiten.

Rudolf Schieffer


[385], S. 809

Beiträge zur Eichstätter Geschichte. Brun Appell zum 65. Geburtstag, hg. von Helmut Flachenecker und Klaus Walter Littger (Sammelblätter des Historischen Vereins Eichstätt 92/93, 1999/2000) Eichstätt 1999, Historischer Verein Eichstätt, 644 S., Abb., ISBN 3-9805508-2-6.  --  Die diesmal als Festschrift gestalteten Sammelblätter enthalten u. a. folgende mediävistisch interessierenden Beiträge: Beda M. Sonnenberg, ... ad monasticum ordinem firmarent, tuerentur et stabilirent. Bischof Gebhard II. und die Klostergründung Plankstettens (S. 24-45).  --  Paul Mai, Die "Windesheimer" Augustinerchorherren im Bistum Regensburg - einst und heute (S. 46-95).  --  Hermann Flachenecker, Bonifatius und Willibald. Die Bischöfe von Eichstätt als Kanzler der Mainzer Kirche {810} (S. 150-164), verfolgt die Beziehungen der Bonifatius-Gründung Eichstätt zu Mainz vom 8. bis ins 15. Jh.  --  Harald Dickerhof, Kirche und Bildung. Zur Umstellungskrise im 12. und 13. Jahrhundert (S. 165-177), kontrastiert den Niedergang klerikaler Bildung in Domschulen und Klöstern im Hoch-MA mit den aufkommenden Bildungsaktivitäten und -erfolgen der Bettelorden (namentlich in Bayern).  --  Hans Josef Krey, Die Anfänge der Eichstätter Erwerbspolitik im Raum Abenberg, Wernfels und Spalt (S. 76-92).  --  Alois Schmid, Der Eichstätter Hof zu Regensburg (S. 233-245), stellt fest, daß sich das - vornehmlich zur Hoffahrt genutzte - Quartier des Eichstätter Bischofs in Regensburg von der Zeit Herzog Arnulfs bis ins 17. Jh. nachweisen läßt.  --  Siegfried Hofmann, Herrschaft unter Kirchenbann: Herzog Ludwig der Gebartete von Bayern-Ingolstadt. Von Kardinal Alexander Branda bis Nikolaus Cusanus (S. 246-279), untersucht bes. kirchenrechtliche Aspekte der 1420 zunächst auf Betreiben des Klosters Kaisheim erfolgten - und später mehrfach wiederholten - Exkommunikation des Herzogs.

Stefan Beulertz {810}


[386], S. 810

Berühmte Regensburger. Lebensbilder aus zwei Jahrtausenden, hg. von Karlheinz Dietz und Gerhard H. Waldherr, Regensburg 1997, Universitätsverlag, 335 S., zahlreiche Abb., ISBN 3-930480-67-0, DEM 39,80.  --  Erwachsen aus einem Kolloquium über "Persönlichkeiten der Stadtgeschichte", das im Herbst 1996 aus Anlaß des 70. Geburtstags von Adolf Lippold, dem langjährigen Regensburger Althistoriker, stattfand, werden hier insgesamt 38 Portraits geboten, die von der Antike bis in die Neuzeit reichen und durch Abbildungen sowie knappe Literaturangaben ergänzt werden. Für ein breiteres Publikum konzipiert, stammen die Kurzbiographien jedoch durchweg von Fachleuten. Unter anderen fanden folgende ma. Personen ihren Platz in dem Band: Tassilo III., Kaiser Arnulf, Arnold von Sankt Emmeram, Berthold und Andreas von Regensburg sowie Konrad von Megenberg und Johannes Aventinus.

Martina Hartmann


[387], S. 810

Richard Loibl, Der Herrschaftsraum der Grafen von Vornbach und ihrer Nachfolger. Studien zur Herrschaftsgeschichte Ostbayerns im hohen Mittelalter (Historischer Atlas von Bayern. Teil Altbayern. Reihe 2, H. 5) München 1997, Kommission für Bayerische Landesgeschichte, XXXII u. 445 S., 12 Kartenbeilagen im Schuber, ISBN 3-7696-9695-6, DEM 98.  --  Die Grafen von Vornbach (LKr. Passau) - hervorgegangen aus einer bis ins 9. Jh. zurückzuverfolgenden bayerischen Adelssippe mit dem Leitnamen Meginhard - verfügten bis zu ihrem Aussterben in männlicher Linie 1158 über eine mächtige Adelsherrschaft im Raum zwischen Isar und Hausruck, zwischen Rott und böhmischer Grenze. Die  --  bisher fehlende - wissenschaftliche Würdigung ihrer bedeutenden Stellung in der bayerischen und Reichsgeschichte bietet diese bei A. Kraus entstandene Diss. Ihr Schwergewicht liegt nicht auf der Geschichte des Adelsgeschlechts und der Verwandtschaft der Vornbacher (dazu S. 363-398), sondern auf der räumlichen Entwicklung und inneren Struktur ihrer Adelsherrschaft unter Einbeziehung ihrer territorialen Rechtsnachfolger im 12./13. Jh., der Grafen von Bogen und Ortenburg. Nach der organisatorischen und besitzmäßigen Vorstellung des Untersuchungsgebietes arbeitet der Vf. die Grundlagen vornbachischer Herrschaft heraus: die Gefolgsleute (ca. 120 Edelfreien- und Ministerialenfamilien), den ausgedehnten, zumeist auf Fiskal- oder Rodungsgut basierenden Grund- und {811} Waldbesitz, die Mautstätten (Vornbach, Suben) sowie die zahlreichen Vogteirechte (für die Bischofskirchen von Passau, Bamberg und Regensburg sowie für Niederaltaich und St. Nikola/Passau). Daß den Vornbachern trotz vielversprechender Ansätze die Ausbildung einer adligen Gebietsherrschaft verwehrt blieb, resultierte v. a. aus ihrer Parteinahme für Kirchenreform und antisalische Fürstenopposition seit 1077, in deren Folge sie viele Vogteien verloren und letztlich auf den Zentralraum am Inn beschränkt wurden. Ein Großteil ihrer Besitz- und Herrschaftsrechte fiel über den Rapotonen (!) Ulrich den Reichen (#[86] 1099) schließlich an die Grafen von Ortenburg. Diese - und nicht die Grafen von Andechs als Teilerben der Vornbacher - beherrschten nach 1208 den früheren vornbachischen Machtraum. Ungeachtet aller besitzrechtlichen Kontinuität gründeten sie ihre Herrschaft in diesem Gebiet dagegen vorrangig auf die Güter und Teilvogteien der Passauer Kirchen. Den einstigen vornbachischen Besitz östlich von Isar und Regen mit der Erbvogtei über Kloster Niederaltaich gliederten die Grafen von Bogen im Laufe des 12. Jh. in ihr expandierendes Herrschaftsgefüge ein. Die abschließende Untersuchung eines bislang ausgesparten, raumbildenden Faktors, der Grafschaft, unterstreicht den Strukturwandel, der sich hier in nach-vornbachischer Zeit vollzog. Während die Grafen von Bogen die im Donauraum usurpierten Grafenrechte auf ihre Funktion als Vögte zurückführten, stellte die Grafschaft der Ortenburger eine genuin neue, nach 1208 entstandene Einrichtung dar. Mehrere Anhänge (über die "in pago"-Nennungen und zur Besitzgeschichte der geistlichen Institutionen des Untersuchungsgebietes - Bamberg, Asbach, Vornbach - sowie zur Genealogie der Grafen von Vornbach), 12 Karten, ein Orts- und Personenregister runden die wichtige Arbeit ab, die einen störenden weißen Fleck in der Adelslandschaft Bayerns tilgt.

Hubertus Seibert {811}


[388], S. 811

Barbara Schock-Werner, Die Burg Kaiser Karls IV. in Lauf: Residenz eines neuen geplanten Territoriums?, Bohemia 39 (1998) S. 253-264 (mit 8 Abb).  --  Ohne die baugeschichtliche Arbeit von D. Menclová (postum 1985 ersch.) zu nennen, formuliert die Autorin aufgrund der architekturgeschichtlichen Analyse die naheliegende Vermutung, daß die Burg mit der berühmten Wappengalerie des böhmischen Adels (dazu ist nachzutragen: Vladimír zek, Ceská znaková galerie na hrade Laufu u Norimberka z roku 1361, Sborník archivních prací 38 [1998] S. 37-311) wohl zur Territorialresidenz des böhmischen Königs in der Oberpfalz ausgebaut werden sollte. Die Verlagerung der Interessen Karls IV. nach Brandenburg machte dieser Absicht ein Ende.

Ivan Hlavácek {811}


[389], S. 811

Andreas Boos, Burgen im Süden der Oberpfalz. Die früh- und hochmittelalterlichen Befestigungen des Regensburger Umlandes (Regensburger Studien und Quellen zur Kulturgeschichte 5) Regensburg 1998, Universitätsverlag Regensburg, 471 S., Abb., Karten, ISBN 3-930480-03-4, DEM 89.  --  Die landesgeschichtliche Diss. vereint Mittelalterarchäologie mit Vor- und Frühgeschichte, Kunstgeschichte, Militärgeschichte und Verwaltungsgeschichte. Neben den Bau- und Bodendenkmälern werden mit gleicher Sorgfalt die schriftlichen, kartographischen und topographischen Zeugnisse zu 79 Ortsbeschreibungen verarbeitet und daraus eine Typologie der Burgen und ihrer Funktion im Früh- und Hoch-MA entwickelt. {812} Dabei wird mehr Wert auf architektonische und naturräumliche Beschreibung gelegt, der politische Bezugsrahmen von Reichsstadt, geistlichen und weltlichen Herrschaftsbereichen und dem entstehenden Herzogtum kommt etwas zu kurz. Ausgeklammert ist das von der ma. Stadtmauer umschlossene Gebiet der Stadt Regensburg, was angesichts einer völlig anderen Situation und bereits vorliegender einschlägiger Forschungen legitim ist. Der Wert der Studie liegt in der sorgfältigen, vollständigen Erschließung eines umgrenzten Gebietes und ist als Ergebnis systematischer Grundlagenforschung und methodisch überzeugender Vorgehensweise von Vorbildcharakter. Leider fehlt ein Register.

Christian Lohmer


[390], S. 812

Stefan Rudolf Mayer, Das Ringen Bayerns und des Kaiserhofes um die Reichsstadt Regensburg 1486/92-1508 (Schriftenreihe zur Bayerischen Landesgeschichte 110) München 1996, Beck, XXXII u. 154 S., ISBN 3-406-10691-9, DEM 42.  --  Der Vf. dieser Münchener Diss. nimmt ein in der Literatur schon mehrfach behandeltes Thema wieder auf und schildert auf breiter archivalischer Grundlage die Auseinandersetzungen zwischen dem bayerischen Herzog Albrecht IV. und Kaiser Friedrich III. bzw. dessen Nachfolger Maximilian um die Stadt Regensburg. Die durch Mißwirtschaft angeblich vom finanziellen Ruin bedrohte Freistadt hatte sich 1486 der Landeshoheit des Münchner Herzogs unterworfen, eine Entscheidung, die vom Reichsoberhaupt nicht anerkannt, sondern als Verrat gewertet wurde. Nachdem Regensburg am 1. Oktober 1491 vom Kaiser persönlich in die Reichsacht erklärt worden war, wurde Herzog Albrecht durch das Eingreifen des Schwäbischen Bundes genötigt, im Augsburger Schied (1492) auf den Besitz Regensburgs zu verzichten, wobei allerdings zunächst noch viele strittige Fragen offen blieben. Erst im Straubinger Vertrag vom 23.8.1496 wurde das Verhältnis der Reichsstadt zum bayerischen Umland dauerhaft geregelt; dieser vom Vf. ausführlich erörterte Kompromiß wurde die "Grundlage der Beziehungen Bayerns zu Regensburg in der frühen Neuzeit". Die streng chronologisch aufgebaute Arbeit überzeugt durch ihre konzise Darstellung und ihr ausgewogenes Urteil. Störend wirkt allerdings die mangelnde Vertrautheit mit dem handelnden Personal. So wird Kurfürst Friedrich der Siegreiche (#[86] 1476) mit seinem Neffen und Adoptivsohn Philipp dem Aufrichtigen (#[86] 1508) verwechselt (S. 54), der bekannte Nürnberger Patriziersohn und Stiftspropst Lorenz Tucher (#[86] 1503) erscheint als Lorenz Düchers (S. 98) und der Regensburger Ratsherr Wilhelm Franck führt dank eines Lesefehlers als "Wilhelm Pranck" ein lustiges Doppelleben (S. 71 u. 76). Auch sollte der bedeutende Rat Herzog Albrechts, Johann Neuhauser (#[86] 1516), eine Schlüsselfigur im "Kampf um Regensburg", nicht mehr als unehelicher Wittelsbacher bezeichnet werden, da seine eheliche Geburt durch Papsturkunden bezeugt ist (Th. Scherg, Bavarica aus dem Vatikan [1932] S. 26: de militari genere ex utroque parente procreato) und zudem H. Stahleder erst kürzlich die Haltlosigkeit dieses vermeintlichen Geburtsmakels dargetan hat (Oberbayerisches Archiv 117/118 [1993/1994] S. 176 ff.). Bedauerlich ist ferner, daß dem Vf. die noch ungedruckten, recht umfangreichen Spruchdichtungen zu dem Thema "Regensburg, Bayern und das Reich" entgangen sind, die in einer Sammelhs. des Regensburger Augustinereremiten Hieronymus Streitl (#[86] nach 1532) überliefert sind (vgl. F. Schanze, in: VL 7 [21989] Sp. 1090-1092).

Franz Fuchs {812}


{813}

[391], S. 813

Lebensbilder Salzburger Erzbischöfe aus zwölf Jahrhunderten. 1200 Jahre Erzbistum Salzburg, hg. von Peter F. Kramml, Alfred Stefan Weiß (Salzburg Archiv 24) Salzburg 1998, Freunde der Salzburger Geschichte, 256 S., Abb., ISBN 3-9500712-0-2, ATS 250.  --  Bekanntlich wurde am 20. April 798 Bischof Arn von Salzburg zum Erzbischof und Metropoliten einer neu geschaffenen Kirchenprovinz im Südosten des Reiches erhoben. Dies war der Anlaß für 12 Lebensbilder, die die einzelnen Jh. besonders charakterisieren sollten, was auch durch die Untertitel deutlich wird. Aus dem Bereich des MA sind mitzuteilen: Herwig Wolfram, Arn von Salzburg (785/98-821). Salzburgs erster Erzbischof (S. 9-22).  --  Christian Rohr, Pilgrim I. von Salzburg (907-923). Zwischen Bayern und Ungarn (S. 23-40).  --  Heinz Dopsch, Gebhard (1060-1088). Weder Gregorianer noch Reformer (S. 41-62).  --  Birgit Wiedl, Konrad I. von Abenberg (1106-1147). Reformer im Erzstift (S. 63-82).  --  Birgit Wiedl, Friedrich II. von Walchen (1270-1284). Reichspolitik und Landesausbau (S. 83-100).  --  Peter F. Kramml, Pilgrim II. von Puchheim (1366-1396). Der Wolf Dietrich des Mittelalters (S. 101-122).  --  Friederike Zaisberger, Bernhard von Rohr (1466-1482/87) und Johann Beckenschlager (1482/87-1489). Im Kampf um das Erzstift (S. 123-136). Hilfreich ist der namentlich nicht bezeichnete Anhang mit einem Verzeichnis der Erzbischöfe und Bischöfe der Salzburger Kirchenprovinz (S. 243-255).

Christian Lohmer


[392], S. 813

Josef Riedmann, Geschichte des Tiroler Raumes 500-1250, Österreich in Geschichte und Literatur 42 (1998) S. 127-140, schildert die Zeit vor der Entstehung des Landes unter dem Aspekt der Wechselwirkungen mit den Nachbarräumen, da erst die Klostergründungen und die Verfestigung von Adelsherrrschaften im 12. Jh. "innere" Strukturen entstehen ließen.

Herwig Weigl {813}


[393], S. 813

Bruno Mahlknecht, Die Grafen von Eppan. Versuch einer Gesamtdarstellung, Der Schlern 72 (1998) S. 675-701, bemüht sich um eine umfassende Würdigung dieses bedeutenden Adelsgeschlechtes, das - verzweigt in mehreren Linien - seit dem 12. Jh. eine bedeutende Rolle im Bereich des heutigen Südtirol gespielt hat, bis es nach 1250 im Mannesstamm erlosch.

Josef Riedmann {813}


[394], S. 813

Martin Bitschnau, Der Todestag Graf Ulrichs von (Eppan-)Ulten, Der Schlern 72 (1998) S. 672-674, vermag mit Hilfe bisher nicht beachteter Urkunden das für die Entstehung des Territoriums von Tirol wichtige Datum mit dem 30. Juni 1253 zu fixieren.

Josef Riedmann {813}


[395], S. 813

Tarcisio Corradini, La decania di Castello di Fiemme. Castello-Caverlana: origini, Studi trentini di scienze storiche 77 (1998) S. 149-184, bietet eine gediegene, zum guten Teil auf urbariellen Aufzeichnungen des 13. Jh. aufbauende besiedlungs- und wirtschaftsgeschichtliche Studie eines kleinen Bezirks im heutigen östlichen Trentino.

Josef Riedmann {813}


[396], S. 813

1 000 Jahre Ostarrîchi. Seine christliche Vorgeschichte. Mission und Glaube im Austausch zwischen Orient und Okzident (Pro Oriente 19) Innsbruck u. a. 1997, Tyrolia-Verlag, 168 S., 23 Abb., ISBN 3-7022-2110-7, DEM 27.  --  Der Haupttitel führt in die Irre: Nicht die erstmalige Nennung von Ostarrîchi in {814} DO. III 232 oder die Geschichte des österreichischen Raumes seit 996 ist Thema dieses Tagungsbandes, sondern die Geschichte des Christentums im Ostalpenraum vom 2. bis zum 12. Jh. Die Beiträge dienen eher der Vergegenwärtigung des im Grunde Bekannten denn der Präsentation neuer Thesen und Forschungsergebnisse, so Peter Hofrichter, 1 000 Jahre Ostarrîchi. Seine christliche Vorgeschichte: Zum wissenschaftlichen Ertrag dieses Bandes (S. 13-15). Damit spricht er ein Grundproblem von Sammelbänden anläßlich von Jubiläen an. Die Beiträge weisen daher nur zum Teil wissenschaftliche Neuansätze auf: Hannsjörg Ubl, Das Regenwunder im Quadenland (S. 16-22), analysiert die erste Bezeugung christlichen Glaubens unter den Soldaten Mark Aurels im Krieg gegen Markomannen und Quaden anhand der Darstellung des Regenwunders auf der Mark-Aurel-Säule in Rom (Szene 16), sowie der Schilderungen bei Tertullian, Cassius Dio und Eusebius.  --  Rudolf Zinnhobler, Der heilige Florian und seine Gefährten (S. 23-30), geht auf die Probleme der erst seit dem 8. Jh. (Martyrologium Hieronymianum) bzw. 9./10. Jh. (Passio Floriani) überlieferte Florianslegende ein. Er plädiert u. a. aufgrund der exakten, in der antiken Form verwendeten Amtsbezeichnung für Florian für eine verlorene Urfassung aus dem 5. Jh., die aus Lorch stammen könnte.  --  Rajko Bratoz, Östliche und westliche Elemente im Mönchsideal Severins (S. 31-59), widmet sich den koinobitischen und eremitischen Elementen im Mönchtum Severins und stellt dabei Parallelen zu westlichen Asketenbischöfen wie Martin von Tours, aber auch zum Mönchtum im syrisch-palästinensischen Raum fest.  --  Peter Hofrichter, Erste Bischöfe und frühkirchliche Strukturen auf dem Gebiet des heutigen Österreich (S. 60-69), skizziert die nur lückenhaft rekonstruierbare Bistumsordnung des österreichischen Raumes. Während nördlich der Alpen nur Bischof Constantius von Lorch und ein Bischof Mamertinus, den H. in die civitas Favianis weist, namentlich bekannt sind, lassen sich die episkopalen Strukturen im Kärntner und im churrätischen Bereich etwas besser fassen.  --  Franz Glaser, Katholiken und Arianer (S. 70-87), geht ausführlicher und unter Heranziehung sehr anschaulicher Abbildungen auf die Doppelkirchen am Hemmaberg bei Globasnitz (Kärnten) ein. Dort konnte er mehrere Kirchengebäude aus der Zeit um 500/510 freilegen, jeweils zwei Kirchen für die Eucharistiefeier, zwei Baptisterien und zwei Märtyrergräber. Sie dienten nebeneinander der katholisch-romanischen und der arianisch-gotischen Bevölkerung als Pilgerstätten. Eine ähnliche Situation ist für Lavant, Oberlienz und Säben anzunehmen.  --  Heinz Dopsch, Rupert, Virgil und die Salzburger Slawenmission (S. 88-139), geht auf einige "klassische" Fragestellungen der Kirchengeschichte Salzburgs im Früh-MA ein: warum und wann Rupert nach Bayern kam, seine politische Mission, das zeitliche Verhältnis zur Mission Emmerams in Regensburg, Ruperts und Virgils Ansätze zur Slawenmission im inneralpinen Bereich.  --  Egon Boshof, Die Passauer Mission (S. 140-147), faßt zwei frühere Beiträge (vgl. DA 51, 557 f.; 54, 760) zusammen und plädiert dafür, die Rolle Passaus bei der Missionierung der Slawen als eher gering einzustufen.  --  Otto Kronsteiner, Die Übersetzungstätigkeit des hl. Method in der Salzburger Kirchenprovinz (S. 148-153), geht nicht nur auf die 882 abgeschlossene Bibelübersetzung des Method ins Altkirchenslawische ein, sondern skizziert auch am Beispiel von Kremsmünster (Gründungsurkunde, 777) und Neuhofen an der Ybbs die Geschichte slawischer Bevölkerungsteile im österreichischen Alpenvorland.  --  Peter Csendes, Heinrich Jasmirgott, Theodora und die Schotten (S. 154-159), analysiert {815} die Rolle des Babenbergers Heinrich Jasomirgott und seiner Gattin, der byzantinischen Prinzessin Theodora, bei der Ansiedelung irischer Benediktiner ("Schotten") in Wien.  --  Bemängelt werden muß allgemein die relativ große Zahl an Druckfehlern, z. B. fälschlich Martin, "Bishof von Tour" für Bischof von Tours (S. 62), "Sapianae/Pecs" für Sopianae/Pecs (S. 63) oder "Eugen Boshof" für Egon Boshof (S. 140, so auch in der Kopfzeile, nicht aber im Inhaltsverzeichnis), weiters das Fehlen jeglicher Akzentsetzung bei griechischen Wörtern im Text. Insgesamt bietet der Band aber einen interessanten Einblick in die Kirchengeschichte des österreichischen Raumes bis ins 12. Jh.

Christian Rohr {815}


[397], S. 815

Alois Niederstätter, Das Jahrhundert der Mitte. An der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit (Österreichische Geschichte 1400-1522) Wien 1996, Ueberreuter, 557 S., zahlreiche Abb., Karten, Stammtaf., ISBN 3-8000-3532-4, ATS 740.  --  Der fünfte Band der geplanten zehnbändigen Geschichte Österreichs in seinen heutigen Grenzen hat es zumindest in einem Punkt leichter als seine Vorgänger: im 15. Jh. stand der überwiegende Teil des modernen österreichischen Staatsgebietes unter habsburgischer Herrschaft oder lag zumindest im habsburgischen Einflußbereich. Die Grenzdaten für dieses gut lesbare und reich bebilderte Buch sind der Geschichte dieser Dynastie verpflichtet; um 1400 wurden die österreichischen Erblande unter drei Linien des Hauses Habsburg aufgeteilt, 1522 wurden im Brüsseler Vertrag die althabsburgischen Gebiete Erzherzog Ferdinand zugewiesen, dessen Heirat mit Anna von Ungarn zur "Grundsteinlegung der Donaumonarchie" werden sollte. In sechs ausführlichen Kapiteln wird der Leser über die demographische Entwicklung (S. 15-43), über die Gesellschaftsstruktur (S. 45-133), über "Dynastien, Dynasten und Territorien" (S. 135-214) sowie über "Fürst und Länder" (S. 215-268), über die 'staatlichen' Institutionen (S. 269-315) sowie über das Verhältnis des Hauses Österreich zu seinen Nachbarn (S. 317-373) informiert. Ein Schlußkapitel ist der "Kultur der Zeitenwende" (S. 375-431) gewidmet; hier wird neben dem literarischen Leben auch die bildende Kunst und die Architektur behandelt. Ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis und mehrere Anhänge und Register beschließen die quellennahe und detailreiche Darstellung, die einem breiten Leserkreis, vor allem auch historisch interessierten Laien, eine häufig vernachlässigte Epoche der österreichischen Geschichte nahebringen kann.

Franz Fuchs {815}


[398], S. 815

Peter Zauner, Zur Datierung der Absetzung des kaisertreuen Rates in Wien und zum Zug Kaiser Friedrichs III. in die Stadt im August 1462, Jb. des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 54 (1998) S. 247-270, rekonstruiert die im Kontext des Konflikts des Kaisers mit seinem Bruder Albrecht VI. stehenden Ereignisse im Detail.

Herwig Weigl {815}


[399], S. 815

Karantanien - Ostarrichi. 1001 Mythos. Hg./izdajatlj: Andreas Moritsch, red. Betreuung/uredil: Harald Krahwinkler (Unbegrenzte Geschichte - Zgodovina brez meja 5) Klagenfurt/Celovec u. a. 1997, Verlag Hermagoras/Mohorjeva, 200 S., 8 Abb., ISBN 3-85013-517-9, DEM 41.  --  Nicht von ungefähr ziert der Fürstenstein, ein umgedrehter antiker Säulenstumpf, auf dem sich die ma. Herzöge von Kärnten im Rahmen ihrer Einsetzung eines "Hearings" durch die freien Edlinger-Bauern in slawischer Sprache unterziehen mußten, das Titelbild dieses {816} Sammelbandes, in dem mehrere im Oktober 1996 im zweisprachigen Bildungshaus Tainach/Tinje (Kärnten) gehaltene Vorträge zusammengefaßt sind. Das Ostarrichi-Jubiläum bildete den Anlaß für eine nationalismuskritische Diskussion, zumal sowohl "Karantanien" als auch "Ostarrichi" viele Historiker des 19. und 20. Jh. zu nationalistisch verbrämten Interpretationen verleiteten, die wiederum Dichter, Komponisten, Maler und andere Kunstschaffende inspirierten. Auf diese Weise entstanden nationale Mythen, die bis heute das Geschichtsbewußtsein der breiten Bevölkerung beherrschen (Andreas Moritsch, Vorwort, S. 7).  --  Andreas Moritsch, "Aber schön wäre es schon, wenn es so gewesen wäre ..." (S. 11-23), zeigt auf, wie sehr das frühma. Karantanien bis in die heutige Zeit sowohl für die deutschsprachige Kärntner Landeshistorie als auch für die slowenische Mediävistik eine hohe national-konstitutive Funktion innehat. Zudem setzt sich M. kritisch mit slowenischsprachigen Publikationen auseinander, in denen das Slowenentum von den antiken Venetern (Jozef Savli, Matej Bor, Ivan Tomazic) oder den Etruskern (Anton Berlot, Ivan Rebec) hergeleitet wird.  --  Peter Stih, Avtohtonisticne in podobne teorije pri Slovencih in na Slovenskem (S. 25-46, mit deutscher Zusammenfassung: Autochthonistische und ähnliche Theorien bei den Slovenen und im slovenischen Siedlungsgebiet, S. 47-49), weist nach, daß sich autochthonistische Theorien zum Ursprung der Slowenen erstmals unter den slowenischen Protestanten des 16. Jh. finden. Sie werden bis heute zumeist von dilettierenden "Historikern" ins Spiel gebracht, verbreiten sich aber rasch im Volk. Historische, archäologische, linguistische und andere Gründe sprächen aber klar für die Unhaltbarkeit dieser Theorien.  --  Hans-Dietrich Kahl, Der Mythos vom Zollfeld/Gosposvetsko polje (S. 51-92), vertritt die Meinung, daß Kärnten nicht nach der Karnburg benannt sei, auf der im übrigen der Karantanenfürst gar nicht residiert habe. Zudem stellt er die Bedeutung des Ulrichsberges nördlich von Klagenfurt als uralten Kultorts in Frage. Vielmehr befänden sich die historischen Zentren Karantaniens nicht allein um das Zollfeld und Maria Saal, sondern auf mehrere Regionen Kärntens verteilt.  --  Igor Grdina, Der karantanische Mythos in der slovenischen Kultur (S. 93-118), zeigt auf, wie sehr der karantanische Mythos slowenische Poeten, Romanciers, Komponisten, Maler, aber auch Historiker beflügelte, nicht zuletzt auch den "Altmeister der slowenischen Mediävistik", Bogo Grafenauer, den G. auf eine Stufe mit dem von Nationalismen nicht unbefangenen Kärntner Landeshistoriker Martin Wutte stellt, da Grafenauer z. B. "die historische Debatte über die Kinderzeit der slovenischen Geschichte in den Bereich des staatstragenden Mythos" gehoben habe (S. 97 f.).  --  Franz Glaser, Archäologie und Ideologie (S. 119-136), analysiert vor allem Grabungen, bei denen je nach dem ideologischen Bedarf gesucht wurde, was man gerne finden wollte. So sollten die Archäologen in der NS-Zeit in Kärnten nur nichts Slawisches, dafür aber sehr wohl Germanisches oder zumindest Keltisches ans Tageslicht bringen. Ebenso standen schon zu Beginn des 19. Jh. Ausgrabungen im Lichte der Diskussion zwischen Katholiken und Protestanten um die Historizität von Heiligen.  --  Maurizio Buora, Neue archäologische Forschung im Alpen-Adria-Raum (S. 137-157), geht auf denselben Themenkomplex ein. Am Beispiel Aquileias demonstriert er, wie während der faschistischen Herrschaft nicht nur der Nachweis der romanità, sondern dadurch auch der italianità für den äußersten Nordosten Italiens erbracht werden sollte.  --  Harald Krahwinkler, Ostarrichi und seine Nachbarn: das östliche Mitteleuropa um das Jahr 1000 {817} (S. 159-180), zeichnet ein Bild Ostmitteleuropas um die Jahrtausendwende, orientiert sich mehrmals an namenkundlichen Fragestellungen und verschweigt für die Geschichte Böhmens auch einen arabischen Reisebericht nicht.  --  Günther Hödl, Kärnten und Österreich im Mittelalter. Eine politische Nachbarschaft (976-1335) (S. 181-200), geht vor allem auf den Übergang Kärntens an die Habsburger im Jahr 1335 ein, vergleicht die verzögerte und durch die besitzmäßige Zersplitterung unvollständige Landwerdung Kärntens im 13. Jh. mit der von Österreich und der Steiermark und skizziert die nachbarschaftlichen Verhältnisse dieser Länder.

Christian Rohr {817}


[400], S. 817

Norbert Weiss, Die Bürger von Marburg an der Drau bis 1600. Prosopographische Untersuchung, Bd. 10,1: Darstellungs-, Register- und Bildteil; Bd. 10,2: Katalogteil (Schriftenreihe des Instituts für Geschichte 10/1-2) Graz 1998, Edition styria Print, 314 S. bzw. 605 S., zahlreiche Abb., ISBN 3-901921-01-X bzw. 3-901921-02-8, ATS 350.  --  Die arbeitsaufwendige Grazer Diplomarbeit beruht auf einer möglichst vollständigen Erfassung aller Bürger und städtischen Funktionäre von Maribor/Marburg vom 13. Jh. bis 1600 anhand in Graz, Marburg und Wien liegender Archivalien und einschlägiger Quellenpublikationen, wobei das quantitative Hauptgewicht erwartungsgemäß gegen Ende des Untersuchungszeitraums liegt. Der gesamte zweite Band verzeichnet die Belege zu den einzelnen Personen in einem alphabetischen Katalog, der die Ämter, Titel, Familienverbindungen und wirtschaftlichen Aktivitäten aufschlüsselt. Der erste Band enthält neben den notwendigen Verzeichnissen und Indices auch Abbildungen sämtlicher bekannter Siegel und Petschaften der erfaßten Personen. Eine Auswertung, die die Materialfülle ordnend erschließt, enthält Beobachtungen und Darstellungen zur Namengebung, zu Bürgerbezeichnungen, Titeln und "Anreden", Ämtern, Zeugenschaften, den familiären Netzwerken, der horizontalen Mobilität, der sozialen Schichtung und der beruflichen Gliederung. Über das lokale Interesse hinaus macht die gründliche Arbeit das gut aufbereitete Material für überregionale Vergleiche bequem zugänglich.

Herwig Weigl {817}


[401], S. 817

Ludek Galuska, Christianity in Great Moravia and its Centre in Uherské Hradiste, Byzantinoslavica 59 (1998) S. 161-180.  --  Martin Eggers, "Moravia" oder "Großmähren"? Bohemia 39 (1998) S. 351-370: Während sich G. den Spezialproblemen der "altmährischen" Geschichte widmet, setzt sich E. mit den Kritikern seiner Auffassung über die geographische Lage des altmährischen Staates auseinander (vgl. DA 52, 275 f. und DA 54, 301 f.).

Ivan Hlavácek {817}


[402], S. 817

Michal Lutovsky, Bratrovrah a tvůrce státu. Zivot a doba knízete Boleslava I. [Der Brudermörder und Staatsschöpfer. Das Leben und die Zeit des Herzogs Boleslav I.], Praha 1998, Set out, 162 S., Abb., ISBN 80-902058-8-7.  --  Das böhmische "saeculum obscurum" erhält in dieser relativ schmalen Schrift aus der Feder eines historisch gut gebildeten Archäologen eine zwar vornehmlich populärwissenschaftliche Darstellung, doch wird auch die wissenschaftliche {818} Diskussion mit mehreren bemerkenswerten Argumenten weitergeführt (so z. B. über das umstrittene Datum der Ermordung des hl. Wenzel, über Boleslavs Reichspolitik u. a.).

Ivan Hlavácek {818}


[403], S. 818

Josef Zemlicka, Rod, rodina a príbuzenstvo Hroznaty Tepelského. K otázce fyzické kontinuity ceské slechty [mit Zusammenfassung: Geschlecht, Familie und Verwandschaft Hroznatas von Teplá. Zur Frage der physischen Kontinuität des böhmischen Adels] und Petr Kubín, Ucast bl. Hroznaty na kzovych vypravách a zalození klástera Teplá. Studie o zivotní etape ceského velmoze na konci 12. století [mit Zusammenfassung: Die Teilnahme des sel. Hroznata an den Kreuzzügen und die Gründung des Klosters Teplá-Tepl. Studie zu einer Lebensetappe des böhmischen Magnaten am Ende des 12. Jahrhunderts], Západocesky sborník historicky 4 (1998) S. 5-39 und S. 41-66.  --  Z. beleuchtet modellhaft an einem der wenigen, quellenmäßig relativ gut faßbaren böhmischen Adligen die genealogischen Verhältnisse des Adels am Ende des 12. Jh. Dazu wertet er hauptsächlich die Zeugenreihen der böhmischen Urkunden des 12. Jh. aus und rekonstruiert den Landbesitz und Hofdienst des verzweigten Geschlechts (Wappen: 3 Hirschgeweihe). K. dagegen widmet sich der wichtigen Lebensepisode des seligen Hroznata, der als Ersatz für das nicht erfüllte Versprechen, am Kreuzzug teilzunehmen, als Gründer des westböhmischen Prämonstratenserklosters Tepl gilt, dessen wirtschaftliche Aktivitäten er als Propst bis zu seinem gewaltsamen Tod im Jahr 1217 kontrollierte.

Ivan Hlavácek {818}


[404], S. 818

Zdenka Hledíková, Prag zwischen Mainz und Rom. Beziehungen des Bistums zu seiner Metropole und zum Papsttum, Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 50 (1998) S. 71-88, widmet sich der Zeit vom Ende des 12. Jh. bis zur Erhebung Prags zum Erzbistum. Einen wichtigen Einschnitt stellt der Übergang des Rechtes, den Prager Bischof zu investieren, vom deutschen auf den böhmischen König dar, denn danach verzichteten auch die Mainzer Erzbischöfe häufig darauf, persönlich ihren Suffragan zu weihen. 1244 ist ein Prager Bischof letztmals auf einer Provinzialsynode (Fritzlar) zugegen, doch blieben Bindungen an die Metropole durch Visitationen bestehen, die der Erzbischof durchführen ließ. Auch die ersten Provinzialstatuten des Prager Erzbischofs (1349) lassen solche geistlichen Bindungen noch erkennen: sie stehen in der Tradition der Mainzer Statuten Peters von Aspelt von 1310.

Ernst-Dieter Hehl


[405], S. 818

Böhmisch-österreichische Beziehungen im 13. Jahrhundert. Österreich (einschließlich Steiermark, Kärnten und Krain) im Großreichsprojekt Ottokars II. Premysl, König von Böhmen. Vorträge des internationalen Symposions vom 26. und 27. September 1996 in Znaim. Hg. von Marie Bláhová und Ivan Hlavácek unter Mitwirkung von Jan Hrdina und Petr Kubín, Prag 1998, Philosophische Fakultät der Karlsuniversität - Österr. Kulturinstitut Prag, 343 S., Abb., ISBN 80-85899-42-6.  --  Man findet 20 deutschsprachige Referate tschechischer und österreichischer Autoren, hauptsächlich über die Beziehung des Böhmenkönigs zu den einzelnen Teilen des modernen Österreich, aber auch zu historiographischen sowie kunst- und kulturgeschichtlichen Aspekten seiner Gestalt wie der seines Gegenspielers Rudolf von Habsburg.

Rudolf Schieffer


{819}

[406], S. 819

Josef Zemlicka, Století posledních Premyslovců [Das Jahrhundert der letzten Premysliden], Praha 1998 [2. Aufl.], Melantrich, 412 S., ISBN 80-7023-281-1.  --  Als Nachtrag zur Kurzanzeige der 1. Aufl. in DA 43, 316 ist mitzuteilen, daß die zweite Auflage bedeutend umgearbeitet und vornehmlich die Bibliographie um das Schrifttum des letzten Dezenniums erweitert wurde.

Ivan Hlavácek {819}


[407], S. 819

Josef Zemlicka, "Právo nucené smeny" pri zakládání stredovekych mest [mit Zusammenfassung: "Das Recht des Zwangaustausch(es)" bei der Gründung der mittelalterlichen Städte], Cesky casopis historicky 96 (1998) S. 502-531.  --  Am Beispiel der böhmischen Städte des 13. und der ersten Hälfte des 14. Jh. versucht der Autor der Beziehung Stadt und Land nachzugehen und verfolgt dabei besonders das politisch-ökonomische Handeln der Städtegründer, in erster Linie der Premyslidenkönige, bei diesem manchmal äußerst komplizierten besitzrechtlichen Verfahren.

Ivan Hlavácek {819}


[408], S. 819

Mediaevalia historica Bohemica 5, Praha 1998, Praha Historicky ústav AV CR, 259 S., ISBN 80-85268-66-3.  --  Das Jb. fühlte sich noch dem Jubiläum Johanns von Luxemburg (1296-1346) verpflichtet: Michel Margue, Jean de Luxembourg, prince idéal et chevalier parfait: aux origines d'un mythe (S. 11-26); Josef Zemlicka, Vztah Jana Lucemburského k mestům Ceského království. Nástin problému [mit Zusammenfassung: Die Städtepolitik Johanns von Luxemburg im Königreich Böhmen. Problemstellung] (S. 27-34); Zdenka Hledíková, Nekolik opominutych listin k politickému postupu a k zivotu Karla IV. [mit Zusammenfassung: Einige vergessene Urkunden zum politischen Fortgang und zum Leben von Karl IV.] (S. 35-48); Jaroslav Mezník, Markrabecí majetek na Morave za vlády Jana Jindricha [mit Zusammenfassung: Der markgräfliche Besitz in Mähren unter der Regierung Johann Heinrichs] (S. 49-66, mit Karte); Lenka Bobková, Budysínsko a Zhorelecko, soucást Ceské koruny v letech 1319-1396 [mit Zusammenfassung: Die Länder Bautzen und Görlitz als Bestandteil der Böhmischen Krone in den Jahren 1319-1396] (S. 67-90); Milada Ríhová, Regimina sanitatis jako pramen k poznání kazdodennosti dvou Lucemburků. Václav IV. a Zikmund v nauceních Mistra Albíka [mit Zusammenfassung: Regimina sanitatis als Quelle für die Erkenntnis des Alltags zweier Luxemburger. Wenzel IV. und Sigismund in der Lehre von Magister Albík] (S. 91-103); Robert Simůnek, Dedictví po Cenkovi z Vartenberka. K rozmbersko-vartenberskym vztahům v 1. polovine 15. století [mit Zusammenfassung: Das Erbe Ceneks von Wartenberg. Zu den rosenbergisch-wartenbergischen Beziehungen in der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts] (S. 105-118); John Klassen, Válcící dívky jako reflexe ceské stredoveké spolecnosti [mit Zusammenfassung: Kriegführende Mädchen als Reflektion der mittelalterlichen Gesellschaft Böhmens] (S. 119-134).

Ivan Hlavácek {819}


[409], S. 819

Dalibor Janis, Lenní systém olomouckého biskupství za episkopátu Detricha z Hradce (1281-1302). K problematice lenních a lokacních listin [mit Zusammenfassung: Das Lehenssystem des Olmützer Bistums unter dem Episkopat Dietrichs von Grätz (1281-1302). Zur Problematik der Lehens- und der Lokationsurkunden], Casopis Matice moravské 116 (1997), S. 325-346 (mit 6 Nachzeichnungen der Siegel von Lehensleuten).  --  Das einzig wirkungsvolle und ausgedehnte Lehnssystem {820} bauten in den Kernländern der böhmischen Krone die Bischöfe von Olmütz aus. Das Hauptverdienst gehört dabei dem unmittelbaren Vorgänger Dietrichs, Bruno von Schauenburg (1245-1281). Der Autor analysiert u. a. neun seiner Lehnsurkunden und einen erhaltenen Lehnsrevers sowie die Zeugenreihen der diesbezüglichen Urkunden, um die bischöfliche Umgebung zu rekonstruieren und das Funktionieren des ganzen Systems nachzuzeichnen.

Ivan Hlavácek {820}


[410], S. 820

Jana Konvicná, Opavsko a opavstí Premyslovci za vlády posledních Lucemburků [mit Zusammenfassung: Land Troppau und Przemysliden von Troppau unter der Regierung der letzten Luxemburger], Paginae historiae. Sborník Státního ústredního archivu v Praze 5 (1997) S. 5-25 (3 genealogische Taf.), schildert knapp die Geschichte und den Niedergang der Premyslidischen Nebenlinie vornehmlich in der Zeit der Regierung Wenzels und während der hussitischen Revolution.

Ivan Hlavácek {820}


[411], S. 820

Eduard Maur, Príspevek k biografii biskupa Alese z Brezí [Ein Beitrag zur Biographie des Bischofs Ales von Brezí], Táborsky archiv 8 (1997-1998) S. 11-35.  --  Ales, ein Höfling Wenzels IV., bemühte sich vergeblich um den Olmützer Bischofssitz, mußte sich aber schließlich mit dem unbedeutenderen Leitomischl begnügen. Der Vf. verfolgt die Peripetien der Wahl und der erfolgreicheren Gegenwahl seines Konkurrenten, Johanns des Eisernen, der zugleich ein energischer Feind des Hussitismus war. Ales dagegen war ein indifferenter Mann, vielleicht gar gemäßigter Hussit. Die Wählerkreise beider Protagonisten werden prosopographisch gemustert, ebenso das Geschlecht derer von Brezí, wobei die Möglichkeit der engen Verwandtschaft von Ales mit dem berühmten hussitischen pazifistischen Philosophen Peter von Chelcice nahegelegt wird, freilich unter der Voraussetzung, daß Peter Záhorka und Peter von Chelcice identisch sind, was nicht hundertprozentig bewiesen werden kann.

Ivan Hlavácek {820}


[412], S. 820

Jaroslav Cechura, Sekularizace církevních statků v západních Cechách v létech 1421-1454 [mit Zusammenfassung: Die Säkularisation der Kirchengüter in Westböhmen in den Jahren 1421-1454], Casopis Národního muzea 165 (1996) S. 1-16.  --  Der Autor kehrt zu dem mehrmals auch von ihm erörterten Problem zurück und untersucht durch neue Fragestellungen den politischen und wirtschaftlichen Aspekt dieser wichtigen Vorgänge.

Ivan Hlavácek {820}


[413], S. 820

JiJurok, Moravsky severovychod v epose husitské revoluce [Nordostmähren im Zeitalter der hussitischen Revolution], Novy Jicín 1998, Selbstverlag des Vf., 278 S., 30 Abb., ohne ISBN.  --  Die erste detaillierte Analyse der sozialen, kirchlichen, politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der vornehmlich ländlichen Gebiete Mährens ohne größere Städte, aber mit der Hauptdomäne der Herren von Krawarn, spannt den Bogen von der Quellenanalyse (14 tschechische und je eine deutsche und lateinische Urkunde, meist bisher unediert, werden im Anhang herausgegeben) über die Mitsiegler des Protestbriefes des böhmisch-mährischen Adels gegen die Verbrennung von Hus (1415) und die eigentliche hussitische Revolution bis zur Schilderung der Rolle dieses Territoriums im Königtum Georgs von Podiebrad. 7 Karten über die Entwicklung des Bodenbesitzes im 15. Jh. veranschaulichen das Gesamtbild.

Ivan Hlavácek {820}


{821}

[414], S. 821

Josef Macek, Jagellonsky vek v ceskych zemích. 3: Mesta [Das Jagellonische Zeitalter in den böhmischen Ländern. 3: Städte], Praha 1998, Academia, 387 S., ISBN 80-200-0629-X.  --  Das großangelegte, erst postum erscheinende Werk des berühmten Hussiten- und Renaissanceforschers nähert sich seinem Abschluß (vgl. DA 49, 328 und 51, 645). Treffend eingeführt durch Petr Cornej vermittelt M. nicht nur ein Leseerlebnis, sondern auch reiche Belehrung über die wichtigste wirtschaftliche und kulturelle Kraft des Landes: die Städte in der Zeit von 1471-1526. Daß die königlichen im Vordergrund stehen, kann nicht überraschen; doch wird sowohl den utraquistischen als auch katholischen (und damit im wesentlichen den tschechischen als auch deutschen) Städten Rechnung getragen. Auch wird versucht, die Proportionalität zwischen Böhmen und Mähren zu beachten. Auf der Basis vieler gedruckter Quellen fördert der Vf. wichtige Ergebnisse für alle Bereiche des städtischen Lebens zutage. Das Fehlen einer fremdsprachigen Zusammenfassung ist allerdings wegen der wünschenswerten Benutzbarkeit für ausländische Forscher sehr zu bedauern.

Ivan Hlavácek {821}


[415], S. 821

Jan Bazant, Karel IV., Staromestská mostecká vez a "pons animarum" [mit Zusammenfassung: Charles IV, Old Town Bridge and "pons animarum"], Listy filologické 120 (1997) S. 46-59.  --  Das fast unerschöpfliche Thema der Steinbrücke Karls IV. in Prag bzw. die Interpretation des rechtsmoldauischen (Altstädter) Brückenturmes erhält in diesem Beitrag eine Deutung, die ihre Rechtsbedeutung mit dem Nachdruck auf dem Jüngsten Gericht deutlicher als bisher herausarbeiten will.

Ivan Hlavácek {821}


[416], S. 821

Widukind. Forschungen zu einem Mythos, hg. von Stefan Brakensiek (Stadt Enger - Beiträge zur Stadtgeschichte 9) Bielefeld 1997, Verlag für Regionalgeschichte, 109 S., Abb., ISBN 3-89534-198-3, DEM 24,80.  --  Von den vier Aufsätzen ist als mediävistischer Beitrag nur Heinrich Rüthing, Zur Frühgeschichte des Kanonikerstifts in Enger (S. 9-20), anzuzeigen. Danach gründete Mathilde, die Witwe Heinrichs I., in Enger, einem Ort mit einer archäologisch nachgewiesenen älteren Kirche, 936/47 ein Kanonikerstift, um hier Heinrichs Memoria während des liudolfingischen Familienstreits und ihrer dadurch bedingten Abwesenheit von Quedlinburg zentral zu pflegen.

Klaus Naß


[417], S. 821

Bernhard Brockmann, Die Christianisierung des Oldenburger Münsterlandes. Abt Gerbert-Castus in seiner Zeit (Quellen und Beiträge zur Kirchengeschichte des Oldenburger Landes 1) Vechta 1996, Plaggenborg Verlag, 208 S., 7 Abb., ISBN 3-929358-51-4, DEM 32.  --  Das Buch befaßt sich mit Gerbert-Castus, dem zu 784 erstmals bezeugten Liudger-Schüler und späteren abba von Visbek, und will "anhand seiner Lebensgeschichte und seiner Missionstätigkeit ... die Christianisierung Südoldenburgs darstellen". Die Quellenarmut läßt dies aber nur sehr fragmentarisch zu und zwingt den Vf. zu allgemeinen Ausblicken auf die fränkische und sächsische Geschichte. Genauer untersucht werden die drei folgenden Urkunden, die der Vf. meist nach veralteten Editionen zitiert, aber neu übersetzt: Schenkungsurkunde für Werden von 796 (D. P. Blok Nr. 7); Diplom Ludwigs d. Fr. für Visbek von 819 (BM2 702); DLdD 73 für Corvey von {822} 855. Visbek soll schon um 780 als "Missionsstation" gegründet worden und Gerbert-Castus seit ca. 800 im Auftrag Karls des Großen "Leiter der Missionszentrale" und Abt eines Benediktinerklosters, einer "unabhängigen Abtei mit bischöflichen Rechten", gewesen sein. Das offenbar für einen größeren Leserkreis geschriebene Buch neigt sehr zu deduktiver Argumentation und hypothetischen Schlüssen. Die Schenkung von 796, bei der ein Castus diaconus als Zeuge auftrat, wurde übrigens nicht von "Graf Heinrich von der Ruhr" (S. 9 u. ö.) gemacht, sondern von einem Hemricus, der Besitz und Rechte an der Ruhr tradierte.

Klaus Naß


[418], S. 822

Ida-Christine Riggert, Die Lüneburger Frauenklöster (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen 37 = Quellen und Untersuchungen zur Geschichte Niedersachsens im Mittelalter 19) Hannover 1996, Hahn, 499 S., ISBN 3-7752-5845-0, DEM 74.  --  In dieser Göttinger Diss. werden die Geschichte und Verfassung der sechs benediktinischen und zisterziensischen Frauenklöster des ehemaligen Herzogtums Lüneburg in Ebstorf, Isenhagen, Lüne, Medingen, Walsrode und Wienhausen untersucht, deren Besonderheit darin liegt, dass sie weder durch die Reformation noch durch den Reichsdeputationshauptschluß von 1803 aufgehoben wurden, sondern bis heute als evangelische Damenstifte bestehen. Nach kurzem Überblick über die Geschichte der einzelnen Klöster werden ausführlich und im Vergleich die Beziehungen der Klöster zu ihren Orden, zu den Ortsbischöfen, zum Papst und auf weltlicher Seite zu den Herzögen von Braunschweig-Lüneburg als ihren Landesherren behandelt, deren Einfluß auf das Klosterleben im Lauf des MA immer stärker wurde und weit über bloß rechtliche Belange hinausging. In weiteren Kapiteln befaßt sich R. mit der Verfassung, der monastischen Lebensform und den geistlichen Aufgaben der Konvente, der sozialen Herkunft ihrer Nonnen und Laien und den engen und vielfältigen Beziehungen zwischen den Lüneburger Frauenklöstern. Abgeschlossen wird die Darstellung durch ein Kapitel über die Reform der Klöster durch die Bursfelder Kongregation Ende des 15. und den erzwungenen Übertritt zum Luthertum im 16. Jh. sowie einer Skizze über ihre Schicksale in der nachreformatorischen Zeit. Im Anhang sind die Amtsdaten der Pröpste, Priorinnen und Äbtissinnen der sechs Klöster zusammengestellt; das umfangreiche Quellen- und Literaturverzeichnis und ein Orts- und Personenregister beschließen die detailreiche Arbeit.

Detlev Jasper


[419], S. 822

Günther Bock, Studien zur Geschichte Stormarns im Mittelalter (Stormarner Hefte 19) Neumünster 1996, Wachholtz, 351 S., zahlreiche Abb., Karten, ISBN 3-529-07124-2, DEM 32.  --  Nach einem kurzen Abriß der ma. Geschichte Stormarns, einer holsteinischen Landschaft nordöstlich von Hamburg, untersucht der Vf. die folgenden Themen: 1. Verlauf des bei Adam von Bremen (II 18) beschriebenen limes Saxoniae zwischen Bille und Trave, wobei der Limes als bloße "juristische Grenzlinie" und "Niemandsland zwischen Sachsen und Slawen" gedeutet wird (S. 25-70); 2. Aufbau der Pfarrorganisation, deren älteste Kirchen schon ins 11. Jh. datiert werden und die Unterschiede zwischen Alt- und Neusiedelland aufweist (S. 71-142); 3. Ritter Heyno Scharpenberg, bezeugt 1311-1341, dem ein mitunter recht phantasievoller biographischer Versuch {823} gewidmet wird (S. 143-217); 4. "Die Vogtei Trittau - Lokale Administration im Stormarn des 14. bis 16. Jahrhunderts" (S. 218-311).

Klaus Naß


[420], S. 823

Landesgeschichte in Sachsen. Tradition und Innovation. Hg. von Rainer Aurig, Steffen Herzog und Simone Lässig (Studien zur Regionalgeschichte 10) Bielefeld 1997, Verlag für Regionalgeschichte, 360 S., Abb., 3 lose Karten, ISBN 3-89534-210-6, DEM 68.  --  Der Sammelband, aus Anlaß des 70. Geburtstags Karlheinz Blaschkes zusammengestellt, beginnt mit einer Würdigung des Jubilars durch die Hgg. unter dem Titel: Lebensmaxime und wissenschaftlicher Anspruch. Karlheinz Blaschke zum 70. Geburtstag (S. 9-13). Die folgenden 20 Beiträge entstammen den fünf Themenkreisen: Adel und Herrschaftsbildung, Altstraßen- und Altwegeforschung, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Politik- und Verwaltungsgeschichte, Traditionen - Projekte - Perspektiven. Darunter befinden sich die den Mediävisten unmittelbar ansprechenden Aufsätze von Maike Günther, Der Herrschaftsbereich Schellenberg. Herrschaftsbildung im Erzgebirge im hohen Mittelalter (S. 15-28).  --  Christine Klecker, Die Oberlausitzer Grenzurkunde. Landesausbau im Spannungsfeld von Landschaft und Herrschaftsbildung (S. 29-40).  --  André Thieme, Methoden und Aufgaben mittelalterlicher Siedlungsgeschichte. Ein Beitrag zur Erforschung von Landeserschließung und Landesausbau in Sachsen bis zum Abschluß der Hochkolonisation (S. 41-62).  --  Manfred Wilde, Agrarverfassung und Besiedlungsstruktur. Siedlungsgenese und Topographie ritterschaftlicher Herrensitze in Nordsachsen (S. 63-81).  --  Rainer Aurig, Namenkunde und Altstraßenforschung. Flur- und Siedlungsnamen zwischen Vogtland und Oberlausitz (S. 83-96).  --  Ingolf Grässler, Pässe über das Erzgebirge. Paßwege und Paßstraßen zwischen Freiberger und Zwickauer Mulde im Mittelalter (S. 97-108).  --  Steffen Herzog, "... die hohe und die niedere Landstraß aus Polen undt Schlesien". Augenschein-, Bild- und Streitkarten als Quellen der Altstraßenforschung (S. 109-128).  --  Uwe Schirmer, Ernährung im Erzgebirge im 15. und 16. Jahrhundert. Produktion, Handel und Verbrauch (S. 129-144). Am Ende des Bandes finden sich Verzeichnisse der Abkürzungen und der Autorinnen und Autoren sowie ein Orts- und Personenregister.

Michael Lindner {823}


[421], S. 823

Gabriele Rupp, Die Ekkehardiner, Markgrafen von Meißen, und ihre Beziehungen zum Reich und zu den Piasten (Europäische Hochschulschriften. Reihe 3: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften 691) Bern u. a. 1996, Lang, 282 S., 5 genealog. Taf., 2 Karten, ISBN 3-631-49868-3, DEM 84.  --  Die Münchener Diss. untersucht den Aufstieg des Adelsgeschlechts der Markgrafen von Meißen, den Wandel der Ekkehardiner "von reinen Amtsträgern des jeweiligen Herrschers zu einem bestimmenden Machtfaktor" im östlichen Grenzraum Sachsens. Behandelt werden: 1. Entstehung, Umfang und Verwaltung der Marken Merseburg, Zeitz und Meißen, 2. die ostthüringische Herkunft der Ekkehardiner, die mit E. Hlawitschka als Verwandte der Liudolfinger angesehen werden, ohne aber neue Argumente für diese umstrittene These beizubringen, 3. die Ekkehardiner von Gunther (#[86] 982) bis Ekkehard II. (#[86] 1046), 4. die Beziehungen der Ekkehardiner zum Reich, d. h. Stellung und Amtsgewalt der Markgrafen, das wechselvolle {824} Verhältnis zu den Herrschern und die Grundlagen der ekkehardinischen Macht (Besitz, Heiratspolitik), 5. das verwandtschaftlich abgesicherte politische Bündnis zwischen Ekkehardinern und Piasten, das nur zur Zeit Ekkehards I.  --  vor allem gegen die Premysliden - wirksam gewesen sei. Als Faktoren für den Aufstieg des Adelsgeschlechts werden genannt: die markgräfliche Machtstellung, die Schwächung des Königtums, die Heiratspolitik und "das geschickte Taktieren" der einzelnen Markgrafen. Ein genealogischer Exkurs behandelt die Familie Ekkehards I. und mögliche Familienangehörige der Ekkehardiner. Im Anhang werden einschlägige Stellen aus Memorial- und Naumburger Totenbüchern abgedruckt. Die Arbeit ist stark referierend angelegt und zieht nicht immer die besten Quellenausgaben heran.

Klaus Naß


[422], S. 824

Holger Kunde, Zur Geschichte des Benediktinerklosters St. Johannes Baptista in Reinsdorf bis zum Ausgang des 13. Jahrhunderts, StMGBO 108 (1997) S. 231-282, skizziert die Geschichte des zunächst adligen, dann bischöflich-bambergischen Eigenklosters in Thüringen von 1112 bis um 1300 und bietet im Anhang 43 Regesten und Volldrucke von Urkunden aus der Zeit von 1142-1291.

Klaus Naß


[423], S. 824

Fritz Wochnik, Die Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Nikolaus zu Wilsnack im späten Mittelalter, Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte 9 (1999) S. 1-31, beschäftigt sich - nach generellen Ausführungen über die Wallfahrten zum heiligen Blut in Wilsnack vom 14. bis 16. Jh.  --  mit Anlage und Ausführung des genannten Sakralbaus sowie mit dessen Geschichte, wobei er einige Bauphasen später ansetzt als die bisherige Forschung und dabei die Funktion des Gotteshauses als Pfarrkirche im Gegensatz zu früher stärker verdeutlicht.

Wolfgang Eggert {824}


[424], S. 824

Stanislaw Szczur, Annaty papieskie w Polsce w XIV wieku [Die päpstlichen Annaten in Polen im 14. Jh.], Kraków 1998, Wydawnictwo Uniwersytetu Jagiellonskiego, 182 S., ISBN 83-233-1095-5, PLN 16.  --  Die polnische Kirchenprovinz sowie Böhmen waren dem Vertreter der päpstlichen Kammer zugewiesen. Später erstreckte sich dieser Auftrag auf Polen und Ungarn, dazu schloß man auch die Bistümer Kammin und Lebus ein - mit wenig realem Erfolg. Die Annaten aus Polen haben niemals eine bedeutende Summe ergeben. Eine Pfarrkirche brachte 3 bis 10 Mark Silber, ein Kanonikat 5 bis 30 Mark; den Rechnungen aus den Jahren 1320-1375 zufolge hätte man insgesamt 5.346 Florin Einnahmen erwartet. In Wirklichkeit betrugen die jährlichen Einnahmen jedoch nur 2.000 Florin. Die Darlehen und Bankprovisionen verminderten diese Summe zusätzlich um etwa 25  ̇Während der Amtszeit des Papstes Johannes XXII. betrugen die jährlichen Einnahmen der päpstlichen Kammer etwa 228.000 Florin, wobei die päpstlichen Einkünfte aus Polen eher recht bescheiden waren. Außerdem wurden die Annaten seitens der Geistlichkeit scharf kritisiert.

Jaroslaw Wenta {824}


{825}

[425], S. 825

Dieter Heckmann, Zum Leben und Wirken des livländischen Meisters des Deutschen Ordens Dietrich Torck (1413-1415), BDLG 133 (1997) S. 169-198, befaßt sich mit dem Aufstieg des aus westfälischem Ministerialengeschlecht stammenden Torck, der es durch gezielte Geschenke zum Komtur von Fellin, dann zum Ordensmeister in Livland brachte und dort eine friedliche Ausgleichspolitik betrieb.

Klaus Naß


[426], S. 825

Giovanni Lunardi - Natalina Bartolomasi - Gianluca Popolla, La Abbazia di Novalesa (726-1996) (Studi Novalicensi 2) Pinerolo (Torino) 1998, Alzani Ed., 247 S., Abb., keine ISBN, ITL 28.000, beschreiben an Hand der historischen Dokumente in 15 Kapiteln, von denen acht das MA betreffen, Geschicke und handelnde Personen der Abtei am Mont-Cenis von deren Gründung bis in die Gegenwart. Im Anhang findet sich die Liste der Äbte und Prioren von Novalesa, erstellt von D. Maruzzo, eingangs eine Bibliographie. Geeignet für ein heimatkundlich interessiertes, nicht zu kritisches Leserpublikum.

Marlene Polock


[427], S. 825

Giorgio Chittolini, Città, comunità e feudi negli stati dell'Italia centro-settentrionale (XIV-XVI secolo) (Early Modern. Studi di storia europea protomoderna 6) Milano 1996, Unicopli, XXVIII u. 261 S., ISBN 88-400-0407-6, ITL 39.000.  --  12 Beiträge aus den Jahren 1978-1996 (zu Kapitel 6 vgl. DA 42, 248) gruppieren sich um das Generalthema der sogenannten "Regionalstaaten" des 14. und 15. Jh. in Mittel- und Norditalien mit den konstitutiven Elementen: Stadt, Landkommunen oder partikulare Herrschaften. Nach der Grundidee des Vf. waren diese Elemente nicht bloß passive Objekte einer staatlichen Zentralgewalt, sondern deren Partner, untereinander und mit dem Fürsten in gegenseitiger Abhängigkeit und Interaktion. Kap. 1 entwickelt eine Typologie und eine "geografia dei contadi" in den Regionen Poebene, östliches Veneto, Piemont, Marken und Toskana. Kap. 2 vergleicht die Städte Italiens mit dem übrigen Europa. Die folgenden Kapitel widmen sich hauptsächlich dem Dukat Mailand. Hier schwand mit der Herausbildung der Staatlichkeit keineswegs die charakteristische ältere Zentrierung der vorhergehenden politisch-administrativen Geographie auf die Stadt, es verschärften sich aber die Spannungen mit den ländlichen Kommunen, und es entwickelten sich kleinere Zentren ("quasi-città") mit einer beachtlichen Autonomie und Unabhängigkeit von der Stadt, in deren contado sie lagen. Diesen Bedingungen unterlagen auch die Alpenregion und die Ebene. Ab ca. 1400 schließlich anerkannte der Fürst in immer geregelterer und systematischerer Weise die Jurisdiktion der ländlichen Herrschaften in Form des Lehens, besonders in den Jahren 1466-1469 mit einer massenhaften Welle von Investituren und Veräußerungen (Kap. 8). Im Kampf um politische Autonomie spielten auch die lokalen Statuten eine Rolle, insofern sie ein Ausdruck des gesetzgeberischen und fiskalischen Willens waren (als Fallbeispiel dient die Ebene von Bergamo). Dem Dukat von Mailand gesellt sich in der Analyse der Dukat von Urbino zu, ein Dukat, der sich aus verschiedenen Teilen zusammensetzte und ohne starke, sich befehdende Städte war und vorsichtig von Federico da Montefeltro kontrolliert wurde (Kap. 10). In die Neuzeit, also die auf die Italienkriege {826} folgende Periode, führen die beiden letzten Beiträge. Der einheitliche Blickpunkt der einzelnen Kapitel läßt gut das Ganze der politischen und territorialen Organisation der italienischen Staaten des 15. und 16. Jh. erfassen. Gleichzeitig wird dazu angeregt, mittlerweile verfestigte Forschungstendenzen der Staats- und Stadtgeschichte im Licht neuerer Forschungsrichtungen wie etwa der Konfliktforschung oder der Erkundung der inneren Strukturen der einzelnen Kräfte selbst (Verwandtschaft, Nachbarschaft, Parteienbildung, Korporationen) zu überdenken, um die Formen der sozialen und politischen Interaktion recht zu verstehen.

Daniela Rando {826}


[428], S. 826

Hans-Jürgen Hübner, Quia bonum sit anticipare tempus. Die kommunale Versorgung Venedigs mit Brot und Getreide vom späten 12. bis ins 15. Jahrhundert (Europäische Hochschulschriften Reihe 3: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften 773) Frankfurt am Main u. a. 1998, Lang, 504 S., Abb., ISBN 3-631-32870-2, CHF 103.  --  Diese Hagener Diss. mit ausführlicher Bibliographie ist durchaus eine Bereicherung der Literatur zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Venedigs. Äußerst ausführlich werden zuerst die Magistraturen beschrieben, die in den Getreidehandel und Verkauf involviert waren, wobei Wert auf den Zusammenhang der Getreideversorgung mit der Institutionengeschichte gelegt wird. Einen weiteren Schwerpunkt stellt das Kapitel Geldbeschaffung und Konjunkturausgleich dar. Mit wirtschaftswissenschaftlicher Terminologie werden die münzpolitischen Rahmenbedingungen, die Manipulationen an Silbergrosso und Wechselkursen analysiert und das Kreditwesen durchleuchtet. Das dritte Kapitel wendet sich den Getreide liefernden Regionen zu und beschreibt sie einzeln zwischen Vertragssystemen und Eroberung durch die Serenissima. Weiter widmet der H. dem Transport ein Kapitel, das sich allerdings nicht immer auf die neueste Literatur stützt und deshalb wenig Neues liefert. Darin wird auch das Prämiensystem mit den Garantiepreisen für geliefertes Getreide beschrieben. Ein letzter Abschnitt widmet sich endlich dem Mahlen und Backen, dem Brot und seinem Preis, sowie der staatlichen Vorratshaltung. Die Arbeit beruht auf intensiver Quellenarbeit, was die zahlreichen Hinweise belegen. Die große Anzahl von Zitaten macht allerdings den Text zum Teil nur schwierig lesbar, vor allem da, wo ganze Satzteile unvermittelt in venezianischem Dialekt stehen und jegliche Übersetzung fehlt; auch bleiben Termini technici ohne genaue Definition von seiten des Autors. Das gilt insbesondere von der "Annona", die doch in der ganzen Arbeit eine eminent wichtige Rolle spielt. Die fraglos intensiv geführte Recherche liefert eine große Anzahl von Details, man vermißt aber über weite Strecken die Stringenz der Analyse. H. hat aber das Verdienst, sich auf solider Quellenbasis eines wichtigen Themas der venezianischen Geschichte angenommen zu haben, das schon lange hätte analysiert werden sollen. Dabei gelingt es ihm, sowohl bisher wenig beachtete Zusammenhänge aufzuzeigen (wie z. B. zwischen Garantiepreis und Angebot auf dem Markt) als auch bisher unbesehen akzeptierte (wie die Korrelation des Brot- mit dem Getreidepreis) zu relativieren. Gerade für Venedig gibt es auf diesem Gebiet noch einiges zu erforschen.

Doris Stöckly {826}


[429], S. 826

Victor Crescenzi, Esse de maiori consilio. Legittimità civile e legittimazione politica nella Repubblica di Venezia (secc. XIII-XVI) (Nuovi studi storici 34) {827} Roma 1996, Istituto storico italiano per il Medio Evo, XX u. 461 S., keine ISBN, ITL 80.000.  --  In Venedig waren seit dem späteren MA die Mitgliedschaft im Großen Rat und die Zugehörigkeit zum städtischen Adel gleichbedeutend; dennoch wurde das "Aufnahmeverfahren" vor allem in der frühen Neuzeit verfeinert und an formale Meldeverfahren geknüpft. Bei deren Vorgeschichte begibt sich der Vf. in einem umfangreichen Kapitel (S. 293-352) zurück in das MA, indem er die institutionelle Ausprägung des Venezianer Adels im 13. und die Entwicklung bis zum 15. Jh. darstellen will. Dabei fehlt es nicht an treffenden Einzelbeobachtungen, doch fällt schnell auf, daß wesentliche jüngere Literatur auf diesem Felde gar nicht vorkommt, vor allem - aber keineswegs nur - das eindringende Buch von Gerhard Rösch, Der venezianische Adel bis zur Schließung des Großen Rats (1989). Die Durchleuchtung jener so eigenartigen "herrschenden Schicht", der Adelsgesellschaft in einer höchst selbstbewußten Stadt, ist in den letzten Jahrzehnten vielfach in Angriff genommen worden, so daß sich eine Sichtung der Ergebnisse verschiedenartiger Bemühungen durchaus gelohnt hätte.

Dieter Girgensohn {827}


[430], S. 827

Benjamin G. Kohl, Padua under the Carrara, 1318-1405, Baltimore u. a. 1998, The John Hopkins University Press, XXVI u. 466 S., Abb., Karten, Stemmata, ISBN 0-8018-5703-1, USD 45 bzw. GBP 37.  --  Die Frucht langjähriger Archivstudien gibt uns intensive Einblicke in ein Jh. einer frühen norditalienischen Signorie. Zwar ist die Gliederung zunächst rein chronologisch, doch offenbaren sich bei der Lektüre detaillierte Informationen über Padua im Spannungsfeld von Venedig, dem deutschen Reich und dem Königreich Ungarn. Trotz der Bemühungen der Carrara, andere Familien in die Herrschaft zu integrieren, gewannen die Visconti schließlich die Oberhand. K. gelingt es, die komplizierten politischen Verflechtungen zu rekonstruieren und die wechselvolle Rolle der bedeutendsten Familien in Padua und seinem Contado anschaulich zu vermitteln. Der Wert des Buches liegt aber zweifellos darin, daß die Darstellung der politischen Verlaufsgeschichte durch weitere historische Strukturen unterfüttert wird: Eine Stadtrepublik des 14. Jh. mit einer Einwohnerschaft von ca. 30 000 innerhalb und ca. 63 000 außerhalb der Mauern wird dank der umsichtigen Archivrecherchen in ihren verwaltungs-, sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Dimensionen zum Leben erweckt. Eingehend behandelt werden Stoffverarbeitung und -handel, Münze und Steuerwesen. In diesem Sinne sind auch die Appendices von großem Wert für die Forschung: ausführliche Tabellen über Familiengrößen und die Anzahl der Familienmitglieder mit Bürgerrecht, Angaben über Herdfeuer, Listen von Podestà und Vikaren, eine Aufzählung der Besitzstandwechsel der Carrara im Jahre 1388 und metrologische Berechnungen im Vorwort. Die jahrzehntelang gereifte Studie liefert somit Erkenntnisse, die trotz ihrer Konzentration auf eine Stadt allgemeine Einblicke in die Geschichte Norditaliens ermöglichen.

Christian Lohmer


[431], S. 827

Isabella Lazzarini, Fra un principe e altri stati. Relazioni di potere e forme di servizio a Mantova nell'età di Ludovico Gonzaga (Nuovi studi storici 32) Roma 1996, Istituto storico italiano per il medio evo, XVI u. 519 S., keine ISBN, ITL 90.000.  --  Den Gonzaga gelang es, im 15. Jh. ihre Herrschaft über Mantua zu konsolidieren und trotz ihrer territorialen Unterlegenheit zwischen Mailand und {828} Venedig politisch zu überleben. Zentrale Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem zweiten Markgrafen, Ludovico III. Gonzaga (1444-1478), zu, der in der zweiten Hälfte seiner Regierungszeit die inneren und äußeren Verhältnisse seines Territoriums bemerkenswert stabilisieren konnte. Die Eigenart der Herrschaftsform der Gonzaga - und vielleicht das Geheimnis ihres Erfolgs - besteht, wie die vorliegende Studie deutlich macht, in der engen Symbiose des Geschlechts mit den führenden Familien der Stadt Mantua und in der großen Flexibilität, mit der institutionelle und persönliche Dienstverhältnisse ausgestaltet wurden. Daß am Ende der Regierung Ludovicos III. kirchliche und kommunale Herrschaftsträger zugunsten der Dynastie ausgeschaltet waren, war dem Pragmatismus dieses Markgrafen zu verdanken, der mit Menschen ganz unterschiedlicher sozialer Herkunft zusammenarbeitete. Zu seiner Zeit gab es keine strengen funktionalen oder ständischen Grenzen in der Mantuaner Gesellschaft, doch begann unter ihm eine Homogenisierung der Schicht, die um den "Hof" kreiste und sich nun zunehmend durch ihren Dienst für die Gonzaga definierte. Diesem Prozeß, der sich nach italienischem Verständnis zwischen den Polen "comune" und "signoria" bewegt, geht die Vf. in einer systematischen Auswertung aller verfügbaren Quellen nach, wobei sie die reichlich vorhandenen Archivalien immer wieder ergänzt durch die scharfsichtigen Beobachtungen des Mantuaners Andrea da Schivenoglia, der gerade in den entscheidenden Jahren 1460-70 seine teilweise noch ungedruckte Chronik verfaßte. Das Verdienst der Arbeit beschränkt sich nicht auf die prosopographische Untersuchung der im Dienst Ludovicos stehenden Personen, deren Beziehungsgeflecht immer wieder reflektiert wird, denn es ist erklärtes Ziel der Arbeit, auch die "poteri informali" sichtbar werden zu lassen. Statt der Aufzählung weiterer Ergebnisse sei nur darauf aufmerksam gemacht, daß die einleitenden Abschnitte zur Quellenlage, nicht zu Unrecht "Storia delle fonti e storia dello Stato" überschrieben (S. 1-88), zusammen mit der umfänglichen Bibliographie (S. 415-484) einen hervorragenden Einstieg in die Geschichte der Gonzaga im 14. und 15. Jh. sowie eine gute Anleitung zur Benutzung des Mantuaner Staatsarchivs bieten.

Claudia Märtl


[432], S. 828

Arthur Field, Leonardo Bruni, Florentine Traitor? Bruni, the Medici, and an Aretine Conspiracy of 1437, Renaissance Quarterly 51 (1998) S. 1109-1150, trägt aus ungedrucktem Material gewonnene Erwägungen zur Haltung des florentinischen Kanzlers gegenüber den Medici bei und publiziert ein Dokument (S. 1144 f.), in dem Bruni als Unterstützer einer antiflorentinischen Rebellion in Arezzo erwähnt wird, was älteren Thesen einer dezidiert republikanischen Einstellung des bedeutenden Humanisten neuen Rückhalt geben könnte.

Claudia Märtl


[433], S. 828

Francesco Salvestrini, Santa Maria di Vallombrosa. Patrimonio e vita economica di un grande monasterio medievale (Biblioteca storica toscana) Firenze 1998, Olschki, XIV u. 347 S., ISBN 88-222-4680-2, ITL 59.000.  --  Die anzuzeigende Arbeit schließt eine bekannte Forschungslücke, nämlich die Frage nach Produktionsformen und wirtschaftlicher Bedeutung des Ordenszentrums in der Nachbarschaft von Florenz. Schon der metrologische Vorspann schafft Vertrauen in die Souveränität der Analyse, die nicht den oftmals bekannten Gemeinplätzen folgt, sondern kritisch differenziert und mutig auf verbleibende offene Fragen {829} hinweist. Dies geschieht durch intensive Archivstudien im Staatsarchiv von Florenz, wo der Fondo 260 der "Corporazioni religiose soppresse dal Governo Francese" eine eindrucksvolle Fülle von ungedruckten Informationen bereithält und neben anderen Archivalien die Grundlage der Ausführungen bildet. Die Reformbenediktiner von V. bildeten schnell eine beachtliche Ordenskongregation, doch im Zentrum der Ausführungen steht "nur" das Wirtschaftsleben des Mutterklosters. Die Gliederung folgt teils chronologischen, teils systematischen Kriterien. Schwerpunkte sind die Herausbildung der Grundherrschaft, die Verwaltung der Liegenschaften und die Rechte der Beteiligten, aber auch die Organisation der Arbeitswelt in Feld und Wald wie auch die sozialen Beziehungen mit besonderem Blick auf die Konversen und kleinen Grundbesitzer. Konversen sind auch aus regional oder geistig benachbarten Reformorden der Zeit bekannt, sei es Camaldoli, Fonte Avellana oder Cîteaux, aber die Ursrpünge bleiben trotz der Bemühungen von S. weiterhin im dunkeln - wohl auch deshalb, weil in der Tat die Wirtschaftsstrukturen und nicht sozialgeschichtliche Fragen das Rückgrat der Arbeit bilden. Als einziger Kritikpunkt der soliden Arbeit ist anzuführen, daß nach italienischer Tradition ein Sachregister dem Leser vorenthalten wird.

Christian Lohmer


[434], S. 829

Debra J. Birch, Pilgrimage to Rome in the Middle Ages. Continuity and Change (Studies in the History of Medieval Religion 13) Woodbridge u. a. 1998, The Boydell Press, X u. 238 S., Abb., ISBN 0-85115-636-3, GBP 35.  --  Die auf eine Londoner Diss. von 1993 zurückgehende Studie befaßt sich mit dem Pilgerwesen nach Rom von der Spätantike bis zum Jubeljahr 1300. Mit Schwerpunkt auf dem Zeitraum 1099-1216, d. h. den Pontifikaten von Paschalis II. bis zu Innozenz III., untersucht B. auf breiter Quellenbasis zunächst Reisekosten, Schutz und rechtlichen Status der romipetae, ihre Motive, die von ihnen benutzten Routen und ihnen drohende Gefahren, um sich dann ihrem Aufenthalt am Zielort zuzuwenden, konkret der Unterbringung in Rom und den einzelnen "Besichtigungsstätten". In zwei abschließenden Kapiteln werden die Popularitätsschwankungen, denen Rom als Pilgerzentrum im 12. und 13. Jh. unterlag, mit anderen Wallfahrtsorten kontrastiert und nach Herkunftsländern der Pilger differenziert. Zwar nahm der Pilgerstrom ad limina apostolorum im 12. Jh. insgesamt ab, wozu die Eroberung Jerusalems 1099 und die Etablierung anderer Wallfahrtsorte ebenso beitrug wie die zeitweise chaotischen Zustände in Rom selbst, doch behauptete die Stadt ihre Spitzenstellung für Gläubige skandinavischer Provenienz. Mit Innozenz III. begannen die Päpste um die Gunst der Pilgerwilligen in Konkurrenz zu den "heiligen Rivalen" zu werben. Verstärkt durch äußere Faktoren wie die seit 1244 entfallende Alternative Jerusalem führten vor allem ihre Initiativen im Verlauf des 13. Jh. zu einem deutlichen Wiederanstieg der Pilgerzahlen bis zu einer Verzehnfachung im Jahr 1300. Die Freude über die termingerecht vor dem Millenniumsansturm auf die Ewige Stadt erschienene Monographie wird leider getrübt durch Forschungsleichen wie "Conrad of Ursperg, Chronicon (1609)" in der Bibliographie (so auch im Register und im Text S. 173).

Martina Giese


[435], S. 829

Andreas Rehberg, Familien aus Rom und die Colonna auf dem kurialen Pfründenmarkt (1278-1348/78). Teil I, QFIAB 78 (1998) S. 1-122, präsentiert {830} nach einleitenden Bemerkungen zum Erkenntnisziel und zur Quellenproblematik das prosopographische Material seiner Diss., das 80 Familien, die in Barone, Alte Aristokratie und Neue Aristokratie eingeteilt werden, behandeln und das weitgespannte Klientelgeflecht um die Colonna erhellen wird; es ist hier bis einschließlich Nr. 32 (Papazzurri) dargeboten; Teil II soll im nächsten Band der Zs. folgen.

Claudia Märtl


[436], S. 830

Anna Esposito, Der römische Karneval in Mittelalter und Renaissance, in: Michael Matheus (Hg.), Fastnacht/Karneval im europäischen Vergleich (Mainzer Vorträge 3) Stuttgart 1999, Franz Steiner, ISBN 3-515-07261-0, S. 11-30, 5 Abb., legt den Schwerpunkt auf die Quellen des 14.-16. Jh. für burleskes Brauchtum zumal am Testaccio und an der Piazza Navona, weist aber auch auf einzelne frühere, bis ins 10. Jh. zurückreichende Zeugnisse hin.

Rudolf Schieffer


[437], S. 830

André Vauchez, L'Eglise d'Anagni au XIIIe siècle: esquisse d'un bilan, AHP 36 (1998) S. 11-17, wertet die Arbeit von Pascal Montaubin, Entre gloire curiale et vie commune: le chapitre cathédral d'Anagni au XIIIe siècle, Mélanges de l'École française de Rome. Moyen Age 109 (1997) S. 303-442 aus und betont die besonders enge Bindung des Bistums an das Papsttum im 13. Jh., die sich in den langen Aufenthalten der Päpste in Anagni widerspiegele.

Detlev Jasper


[438], S. 830

Longobardia e longobardi nell'Italia meridionale. Le istituzioni ecclesiastiche. Atti del 2° Convegno internazionale di studi promosso dal Centro di Cultura dell'Università Cattolica del Sacro Cuore Benevento, 29-31 maggio 1992, a cura di Giancarlo Andenna e Giorgio Picasso (Bibliotheca erudita. Studi e Documenti di Storia e Filologia 11) Milano 1996, Vita e Pensiero, XI u. 404 S., Abb., Karten, ISBN 88-343-0493-4 (brossura) bzw. 88-343-0496-9 (rilegato), ITL 60.000.  --  Der vorliegende Band umfaßt (neben einer allgemeinen Einleitung: Giorgio Picasso, S. IX-XI) die 12 Beiträge eines internationalen Kongresses zur Frühgeschichte der "Longobardia minor". Das Unternehmen verstand sich als Fortführung und Intensivierung einer ungedruckt gebliebenen Vorgängerveranstaltung des Jahres 1985 und hatte zum Ziel, Veränderungen und Folgen nachzuspüren, die sich für die "Longobardia minor" aus der Christianisierung der Langobarden ergeben haben. Vor diesem Hintergrund zeichnet Cosimo Damiano Fonseca, Longobardia e longobardi nell'Italia meridionale: le istituzioni ecclesiastiche (S. 3-17), in großem Bogen die Etappen der Erforschung der kirchlichen Verfassungsgeschichte Italiens von den 60er bis zu den 90er Jahren nach und markiert so die methodische und thematische Ausgangsposition des Kongresses.  --  Die Einflüsse des römischen Bischofs auf die Ausbildung der Diözesen, vornehmlich die Besetzungen der Bischofsstühle, verfolgt Giovanni Spinelli, Il papato e la riorganizzazione ecclesiastica della Longobardia meridionale (S. 19-42). Besonderes Augenmerk wird dabei den Verbindungen Roms zu den Herrscherfamilien von Capua, Salerno und Benevent vornehmlich während des 9. u. 10. Jh. geschenkt.  --  Eine Rekonstruktion des Herrschaftsausbaues und des Herrschaftsgeflechtes im Umfeld der Herzöge, der Großen sowie der Bischöfe der "Longobardia minor" versucht Stefano Palmieri, Duchi, principi e vescovi nella Longobardia meridionale (S. 43-100). Als Komplikation erweist sich dabei {831} die Tatsache, daß die Mehrzahl der Bischöfe selbst Mitglieder der herrschaftstragenden Familien waren.  --  Giovanni Vitolo, L'organizzazione della cura d'anime nell'Italia meridionale longobarda (S. 101-147), zeichnet, vornehmlich auf synodalen Quellen fußend, unterhalb der Diözesanstruktur die Anfänge der Pfarrsprengel sowie die frühe Organisation der Seelsorge (bis zum 12. Jh.) nach. Besondere Berücksichtigung findet dabei das Phänomen der "pieve".  --  Herbert Zielinski, Fra "charta" e documento pubblico: gli atti dei vescovi della Longobardia meridionale (S. 149-175), untersucht die Bischofsurkunden zum einen aus der Perspektive des Diplomatikers, stellt sie aber auch in den weiteren historischen Kontext, indem er deren Funktion als Herrschaftsinstrumente betont.  --  Hubert Houben, Potere politico e istituzioni monastiche nella "Langobardia minor" (secoli VI-X) (S. 177-198), geht in profunder Kennerschaft der Geschichte der monastischen Gemeinschaften im langobardischen Süditalien von der zweiten Hälfte des 6. Jh. bis zu den Neuanfängen unter cluniazensischem Einfluß nach. Die Fragestellung bleibt allerdings - aus gebotener Rücksicht auf die spezielle Perspektive der Tagung - bewußt verkürzt auf die Rolle der Gemeinschaften als Subjekte bzw. Objekte von weltlicher Herrschaft. U. a. geht H. nochmals den unterschiedlichen Reaktionen nach, die sich in Montecassino und S. Vincenzo al Volturno infolge der fränkischen Eroberung des Langobardenreiches (seit 778) beobachten lassen.  --  Eine erste Gesamtübersicht über die beneventanische Hagiographie zwischen der zweiten Hälfte des 8. und dem zweiten Jahrzehnt des 12. Jh. versucht Antonio Vuolo, Agiografia beneventana (S. 199-237), und findet dabei u. a. zu zwei Hochphasen der Entwicklung: Mitte 8. Jh. bis drittes Jahrzehnt des 9. Jh.; zweite Hälfte 11. Jh. bis 2. Jahrzehnt 12. Jh. Den Löwenanteil der Texte machen allerdings schlichte "translationes" aus; das herausragende Dokument - auch hinsichtlich historischer und liturgiegeschichtlicher Auskünfte  --  bleibt die bekannte Vita Barbati, der einzige Fall einer Art "Biographie" unter allen Texten.  --  Der beneventanischen Liturgie, die sich offensichtlich durch archaische Substrate auszeichnet, widmet sich der Musikwissenschaftler Thomas Forrest Kelly, La liturgia beneventana e la sua musica come testimonianze della cultura longobarda (S. 239-254).  --  Federico Marazzi, L'abbazia di S. Vincenzo al Volturno e i rapporti con le sue proprietà fra VIII e X secolo. Direzioni di ricerca per la definizione di un paesaggio altomedievale (S. 255-273), geht den Eigeninitiativen und Spielräumen des Klosters beim Erwerb und Ausbau des großen Streubesitzes (neben den großen Königs- und Adelsschenkungen) nach und zeigt die innere Organisation dieses Systems bis hin zur Ausbildung einer wirklichen "terra di S. Vincenzo" im 10. Jh. auf.  --  Zwei Beiträge befassen sich mit archäologischen, baugeschichtlichen und restauratorischen Problemen: Marcello Rotili, Un inedito edificio della Longobardia minore: la chiesa madre di Frigento (Avellino) (S. 275-320); Luigi R. Cielo, Sulla fondazione di S. Salvatore ad curtem di Capua (S. 321-348).  --  Der Schlußbeitrag von Giancarlo Andenna, Contro la tesi storiografica delle due Italie. Discorso di chiusura (S. 349-365), versucht, den zentralen Ergebnissen des Kongresses ihren Stellenwert in der bisherigen Forschung zuzuweisen. Als allgemeines, aber markantes Ergebnis wurde schließlich die (erneut bestätigte) Tatsache unterstrichen, daß bei einem Vergleich zwischen der Langobardenherrschaft in der "Langobardia minor" einerseits und jener in Oberitalien andererseits eher Gemeinsamkeiten und Kontinuitäten als Unterschiede und Brüche sichtbar werden, womit der {832} Kongreß erneut die hartnäckige, offensichtlich aber doch falsche (eher ideologisch intendierte als historisch begründete) These widerlegt von der Ausbildung "zweier Italien" bereits im Früh-MA.

Georg Jenal {832}


[439], S. 832

Hubert Houben, Mezzogiorno normanno-svevo. Monasteri e castelli, ebrei e musulmani (Nuovo Medioevo 52) Napoli 1996, Liguori editore, X u. 525 S., ISBN 88-207-2624-6, ITL 45.000.  --  Der Sammelband vereinigt zwanzig Aufsätze des Vf., die zwischen 1989 und 1996 entstanden und bereits an verschiedenen, teilweise entlegenen, Orten publiziert worden sind oder noch werden. Drei sind aus dem Deutschen übersetzt. Der erste Teil, Il monachesimo benedettino tra Normanni e Svevi (S. 5-78), enthält die Aufsätze: 1. Il monachesimo cluniacense e i monasteri normanni dell'Italia meridionale (1992); 2. L'espansione del monachesimo latino in Lucania dopo l'avvento dei Normanni (1996); 3. Le istituzioni monastiche del Mezzogiorno all'epoca di Bernardo di Clairvaux (1994); 4. Sfruttatore o benefattore? Enrico VI e Montevergine (im Druck).  --  Es folgt der zweite Teil, Tra Nord e Sud: da Adelaide "del Vasto" a Federico II (S. 79-189), mit 1. Adelaide "del Vasto" nella storia del regno normanno di Sicilia (1990, 1992); 2. Urbano II e i Normanni (con un'appendice sull'itinerario del papa nel Sud) (im Druck); 3. La politica estera di Guglielmo II tra vocazione mediterranea e destino europeo (1992); 4. I castelli del Mezzogiorno normanno-svevo nelle fonti scritte (im Druck); 5. Tra Italia e Germania: elementi innovativi e aspetti tradizionali nella politica di Federico II (eine kritische Stellungnahme zu David Abulafia, Frederick II; vgl. DA 47, 290) (im Druck).  --  Der kurze dritte Teil bietet drei gewichtige Stücke: 1. Gli ebrei nell'Italia meridionale tra la metà dell'XI e l'inizio del XIII secolo (1992, 1996); 2. Possibilità e limiti della tolleranza religiosa nel Mezzogiorno normanno-svevo (dt. DA 50, 1994); 3. Nuove fonti per la storia degli ebrei e dei musulmani nel regno di Sicilia (1275-1280) (dt. QFIAB 74, 1994). Im vierten Teil, Spirito civico e religiosità dei laici, sind fünf Aufsätze untergebracht: 1. I Benedettini in città: il caso di Bari (sec. X-XIII) (1991); 2. Monachesimo e città nel Mezzogiorno normanno-svevo (im Druck); 3. Melfi e Venosa: due città sotto il dominio normanno-svevo (1993); 4. La predicazione nel Mezzogiorno normanno-svevo (1995); 5. Confraternite e religiosità dei laici nel Mezzogiorno medievale (sec. XII-XV) (1993). Der fünfte Teil, Itinerari di ricerca, umfaßt forschungsgeschichtliche Untersuchungen, zwei davon im Zusammenhang mit dem wieder aufgefundenen Nachlaß Sthamer: 1. Le ricerche di Eduard Sthamer sulla storia del regno di Sicilia (1996, Bibl. DHI Rom 85); 2. Il contributo tedesco alla ricerca interdisciplinare sui castelli nel regno di Sicilia nell'età di Federico II e di Carlo d'Angiò: bilancio e prospettive (dt. 1997); 3. Pietro Fedele, Benedetto Croce e la riapertura dell'Istituto Storico Germanico di Roma nel 1922 (1994).  --  Eine ausführliche Bibliographie (S. 437-499) und ein Namen- sowie Ortsregister beschließen den gehaltvollen Band.

Walter Koller {832}


[440], S. 832

Guido D'Agostino, Poteri, istituzioni e società nel Mezzogiorno medievale e moderno (Scienze storiche 6) Napoli 1996, Liguori editore, VIII u. 212 S., ISBN 88-207-2626-2, ITL 23.000.  --  Der Band dient dem Recycling älterer, anderweitig bereits publizierter Kongreßbeiträge und Kapitel in Sammelwerken zur {833} Geschichte Süditaliens. Die vorliegenden Essays sind synthetische Diskurse von hohem Reflexionsniveau zur politischen und sozio-ökonomischen Entwicklung des Mezzogiorno im Spät-MA und in der Frühen Neuzeit. Dem Rezensenten wurde der Zugang allerdings etwas erschwert durch den gequälten Stil der modernen Wissenschaftsprosa, die es u. a. möglich macht, einen Abschnitt mit einem einzigen Satz zu füllen. Den Mediävisten dürften interessieren: 1. Napoli e il Sud dagli Angioini agli Aragonesi (S. 31-63); 2. Capitale, Regione e Regno nei secoli XV e XVI (S. 65-92); 3. Gli Stati italiani e la Corona d'Aragona. Potere regio, istituzioni, assemblee rappresentative (S. 93-122); 4. Assemblee rappresentative di Sicilia, Sardegna e Napoli nell'età spagnola (S. 123-142); 8. Pozzuoli, la città flegrea (S. 177-212).

Walter Koller {833}


[441], S. 833

Andreas Kiesewetter, Das Itinerar König Karls II. von Anjou (1271-1309), AfD 43 (1997) S. 85-283, zeigt u. a., daß Neapel erst unter Karl II. zur Hauptstadt des gleichnamigen Königreiches wurde und die Grafschaft Provence mit ihrer neuen Residenz Marseille jetzt eine größere Rolle spielte, und untermauert seine Untersuchungen durch umfangreiche Itinerartabellen (S. 123-272).

Klaus Naß


[442], S. 833

Avignon & Naples. Italy in France - France in Italy in the fourteenth century, edited by Marianne Pade, Hannemarie Ragn Jensen und Lene Waage Petersen (Analecta Romana Instituti Danici. Supplementum 25) Roma 1997, "L'Erma" di Bretschneider, 190 S., Abb., ISBN 88-7062-995-3, ITL 200.000.  --  Im Januar 1995 hat das dänische Institut in Rom einen Kongreß veranstaltet, dessen "Atti" hier vorliegen. Von den vierzehn Beiträgen, die vor allem die "Kultur" (hier: Literatur und Kunst) behandeln, seien genannt: Giuseppe Billanovich, Codici francesi in Lombardia fra Tre e Quattrocento (S. 9-11), Birger Munk Olsen, L'étude des classiques à Avignon au XIVe siècle (S. 13-25), Alberto Varvaro, L'Italia meridionale nelle cronache di Jean Froissart (S. 131-139), Charmaine Lee, Avignon and Naples: an Italian Court in France, a French Court in Italy (S. 141-148).  --  Marc Laureys, Between Mirabilia and Roma Instaurata: Giovanni Cavallini's Polistoria (S. 110-115), charakterisiert den von ihm erstmals vollständig publizierten Text (Bibliotheca Teubneriana 1995) als Zeugnis des Frühhumanismus (Cavallini war seit 1325 päpstlicher Scriptor in Avignon, starb in Rom 1349), in dem die Tradition der römischen Pilgerführer durch die Ergebnisse intensiver Lektüre der antiken Autoren (bes. Livius) ergänzt und z. T. verändert wird.  --  Schade, daß die Hgg. des schönen Bandes keinen Mitarbeiter gefunden haben für Johannes XXII., der Kanzler des "modernen" Königreichs Neapel war, bevor er als Papst in Avignon die Kurie modernisiert hat.

Reinhard Elze


[443], S. 833

Maria Castellano, L'abate della SS. Trinità di Cava e la sua familia: Un esempio di organizzazione di una residenza monastica napoletana in età angioina, Medioevo. Saggi e rassegne 22 (1999) S. 173-217, wertet ein im Archiv der berühmten Abtei aufbewahrtes Rechnungsbuch von 1353 aus, das sich auf die Wirtschaftsführung im damaligen Hauptsitz des Abtes, dem Priorat S. Gregorio de Regionario in Neapel, bezieht; neben der Struktur der Klosterämter werden auch Aspekte des Alltagslebens beleuchtet, und man erfährt Näheres über Einkäufe {834} von Lebensmitteln und Stoffen, Ausgaben für Medizin und Bücher, Lohn der Dienerschaft und anderes mehr.

Claudia Märtl


[444], S. 834

Gunther G. Wolf, Überlegungen zum Gründungsdatum von Castel del Monte, AfD 44 (1998) S. 13-17, vermutet, Friedrich II. habe mit dem Bau der Burg 1235/40 begonnen, um dort die Reichsinsignien aufzubewahren.

Klaus Naß


[445], S. 834

Biagio Saitta, Catania medievale, Catania 1996, Cooperativa Universitaria Editrice Catanese di Magistero, 310 S., keine ISBN, ITL 30.000.  --  Im Vergleich mit Palermo und Messina ist Catania eine "città senza storia", dies insbesondere seit dem Brand des Palazzo pubblico bei den inneren Unruhen vom 14. Dezember 1944, der das Archivio del Comune vernichtete. Der Vf., seit 1978 bemüht, diesen Quellenverlust durch Forschungen im Archivo de la Corona de Aragòn in Barcelona so gut wie möglich wettzumachen, publiziert hier 107 (nicht wie nach der Zählung 106) Dokumente zur städtischen Verwaltungsgeschichte, von denen alle bis auf drei (zwei zu 1294, eines zu 1365) aus dem 15. Jh. stammen; davon sind bisher erst fünf gedruckt. Es handelt sich zumeist um königliche Briefe, Mandate usw., durchaus keine verstaubten Aktenstücke, sondern Quellen, die den lebendigen Alltag unmittelbar vergegenwärtigen, wie z. B. Nr. III, womit Eleonore von Aragon den Schuster (sutor, nicht sarto) Giletus zu ihrem domesticus et familiaris erhebt und ihm, dem nunmehrigen Hoflieferanten, das Privileg erteilt, bei Tag und Nacht und überall im Königreich ein Schwert zu tragen, wie es dem königlichen Gefolge zusteht. Dem Quellenteil sind drei Kapitel zur Stadtgeschichte vorgelagert: zwei bereits früher verfaßte Beiträge: 1. Catania nel "Registrum Epistolarum" di Gregorio Magno, und 2. Catania e Federico II, wofür der Vf. auf seinen Aufsatz in: Federico II e le città italiane (vgl. DA 54, 156 Anm. 29) zurückgreift (Antopi auf S. 52 ist kein Familienname, sondern wie in Messina die Bezeichnung für die städtische Oberschicht), sowie 3. Catania nei documenti dell'Archivio della Corona d'Aragona, ein umfangreicher Kommentar zu den nachfolgenden Quellen. Damit hat der Vf. seiner Heimatstadt mit geschickter Hand ein Stück der verlorenen Geschichte zurückgegeben.

Walter Koller {834}


[446], S. 834

XIV Congresso di storia della Corona d'Aragona (Sassari-Alghero, 19-24 maggio 1990): La Corona d'Aragona in Italia (secc. XIII-XVIII): 2. Presenza ed espansione della Corona d'Aragona in Italia (secc. XIII-XV); a cura di M. G. Meloni e O. Schena; Vol. 3: Comunicazioni, Sassari 1996, Carlo Delfino, 764 S., ISBN 88-7138-068-1.  --  Dieser Band vereinigt im Gegensatz zu den bisher erschienenen zwei Bänden (vgl. DA 52, 358 f. und DA 53, 371-374) allein 48 mediävistische Beiträge, die sich vor allem mit der politischen und wirtschaftlichen Expansion der Krone Aragóns in Italien im Spät-MA befassen, wobei der Schwerpunkt auf den wichtigsten Besitzungen der Krone - Sizilien und Sardinien - liegt. Angesichts dieser "Aufsatzfülle" stellt sich dem Rezensenten jedoch auch die Frage, warum einige Beiträge aufgenommen wurden, die mit dem Thema wenig zu tun haben. Dieser Sachverhalt wiegt umso mehr, da die Hgg. nicht versuchten, die Beiträge unter thematischen oder chronologischen Gesichtspunkten zu ordnen, was die Orientierung nicht gerade erleichtert.  --  Der Bereich "Sizilien" {835} wird in chronologischer Reihenfolge zunächst durch Iris Mirazita, I "Lombardi" di Corleone e il Vespro (S. 607-614), mit einem Beitrag über lombardische Exulanten in Corleone zur Zeit Friedrichs II. und Karls I. von Anjou behandelt, an welchen sich der Aufsatz von María Isabel Falcón Pérez, Un Aragonés embajador de Jaime II ante las cortes de Nápoles y Sicilia (S. 417-432), über die gescheiterte Friedensvermittlung des Pere Fernández de Híjar zwischen Robert von Anjou und Friedrich III. von Sizilien 1316 anschließt.  --  Ferner sind diesem Themenbereich gewidmet die biografische Skizze von Carme Batlle, Pere Marí, escrivà de la reina Constança i home de negocis a Sicília vers 1300 (S. 137-149), über den Kaufmann Pere Marí, der neben seiner wirtschaftlichen Aktivität auch mit diplomatischen Missionen betraut wurde, die Untersuchung eines der ersten Versuche (1377-1380), das Königreich Sizilien in die Krone Aragóns einzugliedern, durch Maria Rita Lo Forte Scirpo, Cronaca di un rapimento e di un riscatto (S. 545-555), sowie der Beitrag von Henri Bresc, Les Gascons en Sicile (1392-1460) (S. 165-186), über die wirtschaftlichen Aktivitäten der Gascogner in Sizilien, der wichtige Ergänzungen zu der alten Arbeit P. Durrieus (Les Gascons en Italie, Auch 1885) bietet.  --  Gleichfalls mit dem Verhältnis Siziliens zur Krone von Aragón beschäftigen sich die folgenden Untersuchungen: Maria Mercè Costa, El viatge de l'infant Joan (futur Joan II) a Sicília (1415) (S. 287-302), über eine Reise Johannes' II. nach Sizilien, die vor allem wegen einer möglichen Heirat mit Johanna II. von Neapel unternommen wurde, als sich die Herrscher der Krone Aragóns Hoffnungen auf die Nachfolge im Königreich Neapel machten; Stephan R. Epstein, Governo centrale e comunità locali nella Sicilia tardo-medievale: le fonti capitolari (1282-1499) (S. 383-415), über die Beziehungen zwischen Zentralgewalt und "Peripherie" auf der Insel vornehmlich anhand der Quellen in den sizilianischen Kapitelarchiven, die z. T. auf seinen Forschungen zur sizilischen Wirtschaftsgeschichte im Spät-MA aufbauen; Vicent Giménez Chornet, Gobierno y control de los oficiales de la Cámara de Sicilia (1424-1458) (S. 465-478), über die Kontrolle der Amtsträger der sizilianischen Kammer Mitte des 15. Jh. anhand der Dokumentation im Kronarchiv von Valencia, und Ricard Urgell Hernández, Relaciones entre el Reino de Sicilia y la Procuración Real de Mallorca durante la crisis catalana de 1462 a 1472 (S. 731-743).  --  Zwei Beiträge befassen sich hingegen speziell mit Syrakus: María Luisa Ribes Valiente, La renta de la reina María en la ciudad de Siracusa (1456-1457) (S. 667-684), stellt die Einkünfte der Königin Maria aus der Stadt zusammen, und Roser Salicrù i Lluch, Notes sobre el consolat de catalans de Siracusa (1319-1528) (S. 691-712), untersucht die Rolle und Bedeutung des katalanischen Konsulats in dem Hafen an der sizilianischen Ostküste.  --  Mit der Bedeutung des Hafens von Termini als Umschlagplatz zu Anfang des 15. Jh. befaßt sich hingegen Rosa Maria Dentici Buccellato, La "Rason del puerto de Termenes" (1407-1412) (S. 359-366).  --  Die Beziehungen zwischen den iberischen Besitzungen der Krone Aragóns und Sardinien werden hingegen zunächst durch zwei übergreifende Aufsätze behandelt: Maria Barceló Crespí, Relaciones comerciales entre Mallorca y Cerdeña (segunda mitad del siglo XV) (S. 101-121), über wirtschaftliche Kontakte zwischen Sardinien und Mallorca, und José Hinojosa Montalvo, Los contactos comerciales entre Valencia y Cerdeña durante el siglo XV (S. 503-526), über Handelsbeziehungen zwischen der Insel im tyrrhenischen Meer und Valencia im 15. Jh.  --  Mit der aragonischen Eroberung Sardiniens und {836} deren Konsequenzen befassen sich vor allem die Beiträge von Carmen Orcástegui Gros, Contribución económica de los aragoneses a las empresas de Cerdeña (siglo XIV) (S. 659-666), über den finanziellen Beitrag der aragonischen Städte zur Eroberung der Insel, und Esteban Sarasa Sánchez, Repercusiones político-sociales en el reino de Aragón de la intervención de la Corona en Cerdeña (siglo XIV) (S. 723-729), der knapp einige Auswirkungen der katalanisch-aragonischen Intervention in Sardinien vor allem auf das Verhältnis Peters IV. (III.) zum aragonischen Adel diskutiert.  --  Vertieft werden diese beiden Überblicke durch zahlreiche Spezialstudien zu den Beziehungen einzelner spanischer Städte und Regionen zu Sardinien: Maria Teresa Baqué, Personatges no historiats a la Sardenya en relació amb les terres de Lleida (S. 91-100), über die Rolle einiger Familien aus Lleida in der Verwaltung Sardiniens, und Elena Gonzalez Coso, L'aportació de la ciutat de Lleida en la guerra de Sardenya, a través dels documents de l'Arxio Municipal (S. 479-488), über den Beitrag der katalanischen Stadt zur Eroberung und Behauptung der Insel.  --  Jesus Massip i Fonollosa, La documentació sarda de l'Arxiu Històric de Tortosa (S. 595-605), und José Sánchez Adell, Ecos sardos en la documentación municipal de Castellón de la Plana (S. 713-722), behandeln und edieren hingegen die ma. Urkunden mit Bezug auf Sardinien aus den Kommunalarchiven von Tortosa und Castellón de la Plana, während Joan Cruz i Rodríguez, La revolta dels Doria a Sardenya el 1347: repercussions de la política italiana de Pere III en una petita vila de la Catalunya interior (S. 303-314), die Auswirkungen der Revolte der Familie Doria in Sardinien 1347 auf Katalonien am Beispiel des kleinen Ortes Igualada darstellt.  --  Ana Margarita Conde Riera - Laura Margarita Marcús Maimó, Notas referentes a Cerdeña de la serie "Lletres comunes" del Archivo del reino de Mallorca (1336-1387) (S. 271-286), erstellen schließlich 107 Regesten aus der Serie "Littere comunes" aus dem Archiv des ehemaligen Königreichs Mallorca für den Zeitraum 1341-1386 über die Beziehungen zwischen der Baleareninsel und der östlich gelegenen größeren Schwester (warum im Titel die Jahre 1336-1387 genannt werden, bleibt ein Geheimnis der Bearbeiter).  --  Mit dem Schicksal eines sardischen Gefangenen, der 1422 als servens in den Franziskanerkonvent von Vic gelangte, befaßt sich Jill Webster, La manumissió d'un captiu sard pels Franciscans de Vic (1422) (S. 757-764), während Alain Venturini, Les Etats Angevins et la conquête aragonaise de la Sardaigne: les réactions des Provençaux (1323-1382) (S. 745-756), die Konsequenzen der Unterwerfung Sardiniens durch Jakob II. für die Provence und den Seehandel von Marseille und Nizza bis zum Tode Johannas I. (1382) untersucht.  --  Einige Probleme der Grundherrschaft in Sardinien zu Beginn des 15. Jh. untersucht Juan Patricio Galiana Chacón, Notas sobre el régimen señorial en Cerdeña: las cartas pueblas de Villamassargia y Domusnovas (1421-1436) (S. 449-464).  --  Zwei Studien sind der sozialen Lage der Juden im aragonischen Sardinien gewidmet: David Romano, Ebrei di/in Sardegna (1335-1405). Note documentarie (S. 685-690), gibt einen knappen Überblick über den gegenwärtigen Forschungsstand und verweist auf die reichhaltige noch ungedruckte Quellenüberlieferung im Kronarchiv von Aragón, während Asunción Blasco Martínez, Aportación al estudio de los judíos de Cagliari (siglo XIV) (S. 151-164), sich vor allem mit sozialgeschichtlichen Fragestellungen befaßt.  --  Gleich acht Beiträge gehen auf die Beziehungen Aragón-Kataloniens zu den italienischen Seerepubliken Genua und Pisa ein: Robert I. {837} Burns, The della Volta: A Genoese Family in the Service of the Crown of Aragon (1140-1340) (S. 187-228), untersucht auf der Basis des reichhaltigen Quellenmaterials im Arxiu de la Corona d'Aragó die Rolle der Genueser Familie della Volta im Dienst der Könige von Aragón.  --  Josefa Mutgé i Vives, La contribució de les ciutats de Tortosa i de Girona a l'armada contra els genovesos durant el regnat d'Alfons el Benigne (1333) (S. 629-641), stellt hingegen am Beispiel der Städte Gerona und Tortosa die gewaltigen finanziellen Aufwendungen für das Flottenunternehmen Alfons' IV. gegen die ligurische Seerepublik 1333 dar.  --  Mit einer ähnlichen Thematik - wenn auch zeitlich mehr als 100 Jahre später - befaßt sich Anna Maria Adroer i Tasis, Organització d'una armada contra Genova (1458) (S. 11-18), die anhand der ungedruckten Dokumentation im Kronarchiv von Barcelona einige Probleme erläutert, die mit der Ausrüstung einer aragonesisch-katalanischen Flotte gegen Genua zu Anfang der Regierung Johannes' II. (1458) verbunden waren.  --  Enrico Basso, La Corona d'Aragona e la dominazione viscontea su Genova (1421-1435) (S. 123-135), untersucht hingegen vor allem die politischen Beziehungen Aragóns zu Genua während der Signorie der Visconti in der ligurischen Stadt, während Giustina Olgiati, La Repubblica di Genova nella guerra di successione al Regno di Napoli (1436-1442) (S. 643-657), chronologisch nahezu anschließend noch einmal die wichtige Rolle der Seerepublik im neapolitanischen Sukzessionskrieg (1436-1442) zwischen Alfonso "il Magnanimo" und René von Anjou anhand des Materials im Archivio di Stato di Genova herausarbeitet.  --  Silvana Fossati Raiteri, Genova nei trattati di pace con l'Aragona nella prima metà del secolo XV: aspetti politici ed economici (S. 433-447), greift zum Teil auf frühere Forschungen zurück und analysiert einige der politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen der Friedensverträge zwischen Aragón und der Georgsrepublik an der Wende vom 14. zum 15. Jh.  --  Mit der wirtschaftlichen Aktivität und Präsenz der Genuesen und Pisaner auf den Balearen noch vor der Eroberung durch Jakob I. befaßt sich Gary B. Doxey, Genovesos i Pisans a les illes Balears (1146-1229) (S. 367-381), der hier einige Ergebnisse seiner ungedruckten Ph.D.-Thesis zusammenfaßt.  --  Víctor Hurtado, Berenguer Morey, mercader de Barcelona i la seva activitat diplomàtica amb Pisa l'any 1387 (S. 527-544), untersucht hingegen die diplomatische Tätigkeit des Barceloniner Kaufmanns.  --  Die Geschichte der Stadt und des Königreichs Valencia und seiner Rolle im westlichen Mittelmeer steht vor allem in vier Beiträgen im Mittelpunkt: María José Carbonell Boria, El libro "lletres d'Italia" del Archivo Municipal de Valencia (S. 229-236), unterzieht den im Munizipalarchiv zu Valencia aufbewahrten Codex Lletres d'Italia einer knappen kodikologischen und paläographischen Untersuchung, während María Milagros Cárcel Ortí, Licencias concedidas a eclesiasticos de fuera de la diocesis de Valencia (siglos XIV y XV) (S. 237-255), anhand des reichen Materials im Diözesanarchiv von Valencia die Praxis des Pfründenerwerbs von Klerikern, die nicht aus Valencia stammten, innerhalb des Stadtgebiets während des 14. und 15. Jh. analysiert.  --  Diese beiden eher lokalgeschichtlich ausgerichteten Untersuchungen werden durch die Aufsätze von Virginia Cuñat Ciscar, Del Privilegio al Registro: la relación entre el "Consell" de Valencia y Cerdeña en tiempos de Jaime II y Alfonso IV, a través del Archivo Municipal de Valencia (S. 329-337), über wirtschaftliche Interessen, die Mitglieder des Rats der Stadt Valencia in Sardinien zu Beginn des 14. Jh. verfolgten, und Ma Rosa Muñoz {838} Pomer, Las Cortes valencianas y su participación en las empresas italianas (S. 615-628), über die Haltung der Cortes des Königreichs Valencia gegenüber der italienischen Expansion der Krone von Aragón ergänzt, wobei die Autorin des letzteren Beitrags zeigen kann, daß die Ständeversammlungen eine aktive Rolle spielten und die mediterrane Politik der Könige von Aragón und Valencia weitgehend unterstützten.  --  Vor allem Problemen der Finanzgeschichte widmen sich drei Beiträge: Coral Cuadrada, Crèdit i comerç a la Mediterrània occidental (primera meitat secle XIV) (S. 315-327), der einen knappen Überblick über die Entwicklung von Handel und Kreditgeschäften sowie ihrer Instrumentarien - wie Wechselbriefe - im westlichen Becken des Mittelmeers in der ersten Hälfte des 14. Jh. gibt; Rafael Conde y Delgado de Molina, La letra de cambio en el sistema financiero de Alfonso el Magnanimo (S. 257-269), der speziell die Wechselbriefe Alfons' V. und ihre Rolle für die Finanzverwaltung des Königs untersucht, und Carlos López Rodríguez, La estructura de los ingresos de la Tesorería General de Alfonso V el Magnánimo y la conquista de Nápoles (1424-1447) (S. 573-593), der hervorhebt, daß Reformen, die während der Jahre 1424-1447 vor allem in der "Tesorería General" durchgeführt wurden, eine effektivere Finanzverwaltung in den Ländern der Krone von Aragón zur Folge hatten und auch im Konflikt um die Krone Neapels zugunsten Alfons' V. gegenüber René von Anjou zumindest teilweise den Ausschlag gaben, da der "Magnanimo" letztlich über die größeren Finanzreserven verfügte.  --  Abgerundet wird der Band durch Beiträge über die Präsenz der Spanier vor allem innerhalb der städtischen Unterschicht im Rom des Quattrocento: Ivana Ait, Spagnoli e mercato del lavoro nella Roma del Quattrocento (S. 43-63), ein eher oberflächlicher Überblick über die Beziehungen zwischen Alfons V. und dem Papsttum, in welchem weder die reichhaltige Überlieferung im Vatikanischen Archiv noch im Kronarchiv von Aragón berücksichtigt wird; Vicente Angel Alvarez Palenzuela, Los intereses aragoneses en Italia: presiones de Alfonso V sobre el pontificado (S. 65-89), eine Zusammenfassung über die Entwicklung von Generalparlamenten und Ständeversammlungen in den drei italienischen Besitzungen Sizilien, Sardinien und Neapel der Krone von Aragón; Guido d'Agostino, Parlamenti e assemblee di stati nei territori italiani della Corona d'Aragona (secc. XIII-XVII). I casi della Sicilia, della Sardegna e di Napoli (S. 339-357); Enric Guinot Rodriguez, L'orde de Montesa a Itàlia en el segle XV (S. 489-502); M. Dolores López Pérez, Los operadores magrebíes en la Corona de Aragón a finales del trescientos y principios del cuatrocientos: las actividades mercantiles de judíos y musulmanes norteafricanos (S. 557-572), und eine Kritik an der häufig oberflächlichen, durch zahlreiche sachliche Fehler beeinträchtigten Darstellung der katalanisch-aragonischen Expansion in italienischen Schulbüchern: Carlo Agostini, L'insediamento catalano-aragonese in Italia e i manuali della scuola secondaria (S. 19-42).

Andreas Kiesewetter {838}


[447], S. 838

Roberto Bonfil, Tra due mondi. Cultura ebraica e cultura cristiana nel Medioevo (Nuovo Medioevo 47) Napoli 1996, Liguori editore, XII u. 308 S., ISBN 88-207-2436-7, ITL 48.000.  --  Die in diesem Buch gesammelten Essays wurden von B. während der letzten zwanzig Jahre geschrieben und in verschiedenen Zeitschriften und Sammelbänden auf Hebräisch, Englisch und Italienisch veröffentlicht. Die Sammlung ist in drei Teile geteilt: Kultur der Juden im früh- {839} und hochma. Süditalien; jüdische Präsenz in Mittel- und Oberitalien im Spät-MA; Kultur und Geschichte der Juden in Renaissance-Italien. Stets versucht der Autor, die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede jüdischer und christlicher Weltanschaung und Mentalität herauszuarbeiten und so das Bewußtsein für die Komplexität der Beziehungen zwischen Juden und Christen zu schärfen.  --  So unterstreicht er die Charakteristika jüdischer Raumwahrnehmung: Im Unterschied zu den Christen, war für die Juden der lokale Raum (die Stadt, das Viertel, die Nachbarschaft usw.) weniger wichtig. Die Möglichkeit, mit anderen Juden alltägliche und persönliche Kontakte zu pflegen, war auch äußerst beschränkt. Das hing ursächlich damit zusammen, daß im spätma. Mittel- und Oberitalien, die Mehrheit der jüdischen Niederlassungen sehr klein war: häufig nur die Mitglieder einer oder zweier Familien. Diese Vereinzelung war folgenreich, z. B. in der Entwicklung der schriftlichen Kommunikationsformen. Mit anderen Juden im Briefwechsel zu stehen, war nicht selten die einzige Möglichkeit, sich über weite Räume hinweg auszutauschen, ein kulturelles Leben zu haben, einen Ehepartner für die Kinder oder einen Paten für die Beschneidung eines Sohnes zu finden. Selbstverständlich leugnet der Autor nicht, daß die italienischen Juden in mancherlei Weise von ihren christlichen Nachbarn beeinflußt wurden. Trotzdem akzeptiert er nicht das "traditionelle" bzw. von C. Roth gezeichnete Bild, wonach die Juden der Renaissance in die christliche Gesellschaft integriert gewesen wären, nur weil sie oft wie Christen gekleidet waren, lateinische und volkssprachige Bücher gelesen haben oder mit Christen sexuelle Beziehungen hatten.

Alessandra Veronese {839}


[448], S. 839

Iberia and the Mediterranean world of the Middle Ages. Essays in Honor of Robert I. Burns, Vol. 2: Proceedings from 'Spain and the western Mediterranean'. A colloquium sponsored by The Center for Medieval and Renaissance Studies, University of California, Los Angeles October 26-27, 1992. Ed. by P. E. Chevedden, D. J. Kagay and P. G. Padilla (The medieval Mediterranean 8) Leiden u. a. 1996, Brill, XXXVII u. 464 S., Abb., Karten, ISBN 90-04-10573-5, NLG 270,50.  --  Erfreulich rasch ist dem 1995 erschienenen ersten Band der Festschrift für Robert I. Burns (vgl. DA 53, 227-229) der zweite gefolgt, der nun auch das dort vermißte Abkürzungsverzeichnis (S. XVII) sowie die komplette Bibliographie (S. 431-449) enthält. Vorangestellt sind ein von Paul G. Padilla besorgtes Schriftenverzeichnis des Geehrten (S. XIX-XXXVII) und eine die einzelnen Beiträge kurz charakterisierende Einleitung (S. 1-14). Die Aufsätze selbst sind zu fünf Gruppen zusammengestellt, von denen die erste Persönlichkeit und Werk des Jubilars gewidmet ist (S. 15-43), die zweite Kriegswesen und Diplomatie behandelt (S. 45-135), die dritte Spanien als Land dreier Religionen vorstellt (S. 137-206), die vierte "Lay and ecclesiastical interaction" überschrieben ist (S. 207-317), und die fünfte Städte und wirtschaftliche Entwicklung thematisiert (S. 319-430). Im Einzelnen handelt es sich um folgende Arbeiten: Lawrence J. McCrank, R. I. Burns as Ethnologist and Historian of the Old World and the New (S. 17-43).  --  Paul E. Chevedden, The Artillery of King James I the Conqueror (S. 47-94), enthält nach S. 94 fünfzehn vorzügliche Abb. zeitgenössischer Wurfmaschinen muslimischer und christlicher Heere.  --  Donald J. Kagay, {840} Army Mobilization, Royal Administration, and the Realm in the Thirteenth-Century Crown of Aragon (S. 95-115), stellt König Jakob I. von Aragón (1213-1276) als ebenso tapferen Kriegsmann wie fähigen Organisator seiner neunzehn Feldzüge heraus.  --  Joseph F. O'Callaghan, Kings and Lords in Conflict in Late Thirteenth-Century Castile and Aragon (S. 117-135), vergleicht die Konflikte König Alfons' X. von Kastilien (1252-1284) und seiner aragonesischen Kollegen Jakob I. und Peter III. (1276-1285) mit den Großen ihrer Länder mit ähnlichen Erscheinungen baronialen Widerstandes in England.  --  Norman Roth, The Civic Status of the Jew in Medieval Spain (S. 139-161), weist auf den privilegierten Status der Juden als servi camerae regis hin, der ihre persönlichen Freiheitsrechte und ihren "full and complete status of citizenship" (S. 161) nicht im geringsten beeinträchtigte.  --  Jill R. Webster, Conversion an Co-existence: The Franciscan Mission in the Crown of Aragon (S. 163-177), bietet einen durch häufige Verweise auf ungedruckte Quellen im Arxiu de la Corona d'Aragó in Barcelona besonders anregenden Überblick über die missionarischen Aktivitäten von Franziskanern in den Ländern der Krone Aragón während des 13. und 14. Jh.  --  Míkel de Epalza, Islamic Social Structures in Muslim and Christian Valencia (S. 179-190), macht auf Beispiele einer flexiblen Anpassung von muslimischen Institutionen in Valencia nach dessen Eroberung durch die Christen aufmerksam.  --  Thomas F. Glick, Berbers in Valencia: The Case of Irrigation (S. 191-206), wirft neues Licht auf die vieldiskutierte Frage nach der Organisation der Wasserverteilung in den ländlichen, von Berbern besiedelten Gebieten des Königreiches Valencia.  --  Theresa M. Vann, Lay and Ecclesiastical Encounters on the Medieval Castilian Frontier (S. 209-224), verfolgt ihre Fragestellung am Beispiel eines Rechtsstreites zwischen der kastilischen Stadt Ocaña und dem Orden von Santiago.  --  Linda A. McMillin, Sacred and Secular Politics: The Convent of Sant Pere de les Puel·les in Thirteenth-Century Barcelona (S. 225-237), beschreibt auf archivalischer Grundlage die (nicht immer harmonischen) Beziehungen des exemten Benediktinerinnenklosters Sant Pere de les Puel·les zu seiner geistlichen und weltlichen Umwelt.  --  James W. Brodman, Ransomers or Royal Agents: The Mercedarians and the Aragonese Crown in the Fourteenth Century (S. 239-251), führt seine früheren Forschungen (vgl. DA 47, 301) über den auf den Gefangenenloskauf von den Muslimen spezialisierten Orden der Mercedarier ergebnisreich weiter.  --  Elena Lourie, Conspiracy and Cover-up: The Order of Montesa on Trial (1352) (S. 253-317), untersucht auf breiter archivalischer Basis das Geflecht aus Intrigen, eigenem Versagen, königlicher Geldgier und päpstlichem Machtanspruch, das in den fünfziger Jahren des 14. Jh. unter Peter IV. von Aragón (1337-1378) beinahe zur Auflösung des erst 1317 gegründeten Ritterordens von Montesa geführt hätte.  --  Carmen Batlle, The Growth of the Cities of the Crown of Aragon in the Later Middle Ages (S. 321-343), skizziert den Aufschwung des Städtewesens in den Ländern der Krone Aragón im 14. und 15. Jh.  --  David Abulafia, Commerce and the Kingdom of Majorca, 1150-1450 (S. 345-377), benennt mit dem expandierenden Überseehandel eine der Hauptwurzeln für den Aufschwung des aragonesischen Städtewesens.  --  Paul G. Padilla, The Transport of Muslim Slaves in Fifteenth-Century Valencia (S. 379-393), interessiert sich neben den kommerziellen vor allem auch für die gesellschaftlichen Auswirkungen des beständigen Zustroms muslimischer Sklaven in das Königreich.  --  Barisa Krekic, Dubrovnik and Spain: {841} Commerce and Human Contacts, Fourteenth-Sixteenth Centuries (S. 395-405), weist für das 14. Jh. 73 Spanier in Dubrovnik nach, für das 15. dann 245, und erinnert an die Rolle, die im 16. Jh. Dubrovnik für Spanien und ganz Westeuropa als Informationszentrum für Nachrichten über das ottomanische Reich zukam.  --  William D. Phillips, Jr., The Spanish Kingdoms and the Wider World in the Later Middle Ages (S. 407-430), beschreibt die wirtschaftliche Verflechtung Granadas, Kastiliens, Portugals und Aragóns untereinander und mit dem Rest des westlichen Mittelmeerraumes am Ende des 15. Jh. und zeigt die Voraussetzungen für das Ausgreifen Kastiliens und Portugals nach Übersee auf.  --  Ein ausführliches Register (S. 451-464) erschließt den reichen Inhalt des gehaltvollen Bandes.

Peter Segl {841}


[449], S. 841

Maria Palmieri, Marca Hispanica: provincia incolta, Schede medievali 28-29 (1995) S. 22-44.  --  Ausgehend vom Adoptianismus des 8. Jh., der ersten faßbaren intellektuellen Auseinandersetzung in der sog. Spanischen Mark (hier die Regionen Urgell und Katalonien jenseits und Septimanien diesseits der Pyrenäen), geht die Autorin den Spuren literarischer und wissenschaftlicher Produktion der episkopalen und monastischen Zentren nach: Barcelona, Vich, Urgell, Ripoll, Gellone (= St. Guilelm le Desert), Aniane, mit dem wenig überraschenden Ergebnis, daß dieser multiethnische und multikulturelle Teil des fränkischen Reiches mit seinen vielfältigen Beziehungen zum mediterranen Raum und dem benachbarten islamischen Spanien keine wissenschaftlich und kulturell rückständige Provinz war. Dies hat bereits eindrucksvoll und differenzierter eine 1971 in den Spanischen Forschungen der Görresgesellschaft, Bd. 26, S. 152-200, erschienene Arbeit von Uta Lindgren ("Die Spanische Mark zwischen Orient und Occident. Studien zur kulturellen Situation der Spanischen Mark im 10. Jh.") gezeigt. Sie wird hier leider ebensowenig zitiert wie einige andere deutschsprachige Studien zum Thema.

Marlene Polock


[450], S. 841

Josep Maria Salrach, Il potere in Catalogna nei secoli IX-XI. Alle origini della Catalogna, Medioevo. Saggi e rassegne 22 (1999) S. 9-54, zeichnet die Entwicklung der katalanischen Grafschaften im Früh-MA nach: von der karolingischen Zeit über ihre Entfremdung vom westfränkischen Königtum, die Etablierung der Erblichkeit und die Hinwendung der Grafen zu Rom im 10. Jh. bis zur "Feudalisierung" des 11. Jh.

Claudia Märtl


[451], S. 841

José Luis Barreiro Rivas, La función política de los caminos de peregrinación en la Europa medieval: estudio del Camino de Santiago (Serie de Historia) Madrid 1997, Ed. Tecnos, 348 S., 12 Karten, ISBN 84-309-2972-X, ESP 2.600.  --  Ein ganz neues Erklärungsmodell für die Entstehung des Jakobsweges liege mit diesem Band vor, betont dessen Vf. Nicht etwa Frömmigkeit oder Religiosität habe an den Anfängen des bedeutendsten aller ma. Pilgerwege gestanden, sondern klar umrissene wirtschaftliche, politische und kulturelle Ziele. In der Tat förderten handfeste Interessen insbesondere der Asturisch-Leoneser Könige den Aufschwung des Camino de Santiago, wie spätestens seit den von Odilo Engels, Jan van Heerwarden, Robert Plötz und Klaus Herbers vorgelegten Studien bekannt sein sollte. B.s Thesen gehen aber noch weiter. Stets von der Wirkungskraft übergeordneter, von langfristigen Plänen, sogar von einer "intencionalidad {842} específica" (S. 20) geleiteter Entitäten und Mächte ausgehend, postuliert er eine spätestens seit Beginn des 9. Jh. bewußt und konsequent von "der christlichen Kirche", "dem feudalen System" oder "dem Karolingerreich" vorangetriebene Zentralisierung "del poder y del capital" (S. 21), die erst durch den Jakobsweg vollends zum Tragen gekommen sei. In Überschätzung der Bedeutung seines Forschungsgegenstandes nimmt der Vf. an, nur dank Compostela habe sich Rom als geistliches Zentrum gegenüber Konstantinopel durchsetzen können (S. 275-292), sie sei das Vehikel gewesen, mit dem bereits im 9. Jh. "los principios de la nueva organización europea" durchgesetzt worden seien (S. 310), erst sie habe gar dem Karolingerreich Form und Struktur gegeben (S. 212-251). Um der letztgenannten These eine vermeintliche Quellengrundlage zu geben, greift der Vf. auf die Historia Turpini des 12. Jh. zurück, in der er eine Spiegelung des in ihr beschriebenen 9. Jh. sieht. Überhaupt geht B. recht sorglos mit Zeit und Raum um, läßt seine Darstellung ohne einsichtige Gründe (die inkongruente Erklärung erfolgt auf S. 41 in einer Fußnote) im Jahre 1178 - also gerade zu der Zeit, in welcher der Jakobsweg tatsächlich zu einem Phänomen von beträchtlicher überregionaler Bedeutung wird - enden und projiziert wiederholt bestenfalls für das Hoch- und Spät-MA Gültiges auf die Anfangszeit des Jakobsweges zurück. Um schließlich die von ihm in Abrede gestellte Bedeutung der Religion, Frömmigkeit und Theologie mit seinen Befunden zu vereinbaren, redet er einer unklaren, flexibel für die verschiedensten Phänomene einsetzbaren "Kosmologie"/"Kosmogonie" das Wort, welche den ma. Menschen getrieben habe (S. 176-212 u. ö.); unglücklich nur, daß er - wie auch bei anderen Thesen zu beobachten - überzeugende Argumente und Belege gegen seine Behauptungen gleich mitliefert (S. 246-271, 314-315). Viele der Verzeichnungen und Fehlurteile dieses Werkes wären zu vermeiden gewesen, hätte sein Vf. die nicht unbedeutende deutschsprachige Forschung - neben den obengenannten Arbeiten etwa diejenigen Adalbert Hämels, Ludwig Vones', Hans-Wilhelm Kleins oder die seinem Werk thematisch nahestehende Studie von Friederike Hassauer - berücksichtigt; lediglich wenige, in spanischer Übersetzung vorliegende Beiträge wurden in Ansätzen zur Kenntnis genommen. Immerhin bietet der Band eine nützliche Übersicht auch ungedruckter Quellen mit jeweils eigener Bibliographie (S. 317-326).

Nikolas Jaspert {842}


[452], S. 842

Nikolas Jaspert, Stift und Stadt. Das Heiliggrabpriorat von Santa Anna und das Regularkanonikerstift Santa Eulàlia del Camp im mittelalterlichen Barcelona (1145-1423) (Berliner historische Studien 24 = Ordensstudien 10) Berlin 1996, Duncker & Humblot, 575 S., Karten, ISBN 3-428-08505-1, DEM 138.  --  Drei Ziele hat sich der Autor dieser von Kaspar Elm angeregten Berliner Diss. gesetzt: Auf der Grundlage des reichlich vorhandenen Archivmaterials - den spektakulären fons de Santa Anna im Diözesanarchiv von Barcelona mit nicht weniger als 3900 Pergamenturkunden aus der Zeit von 1145 bis 1423 hat J. für seine Studie erst einmal ordnen, klassifizieren und durchnumerieren müssen - sollte die Geschichte der beiden Barceloneser Regularkanonikerstifte Santa Anna und Santa Eulàlia del Camp von ihrer Gründung im Jahrzehnt zwischen 1145 und 1155 bis zu ihrer Fusion im Jahre 1423 geschrieben werden, wofür außer neun Archiven in Barcelona noch 11 weitere zwischen Calahorra (Archivo de la Catedral) und Tarazona (Archivo Histórico Diocesano) auszuwerten waren. Eines der beiden {843} Stifte, Santa Anna, sollte zudem in seiner Eigenschaft als Priorat des Kapitels der Jerusalemer Grabeskirche, als dessen bedeutendstes Tochterstift in ganz Katalonien, erfaßt werden. Und als Drittes hatte sich J. vorgenommen, die Beziehungen zwischen den beiden städtischen Chorherrenstiften und ihrem urbanen Umfeld darzustellen. Diese drei selbstgesteckten hohen Ziele hat der Vf. alle erreicht, wobei dem ihn jetzt rückschauend auf seinem Weg begleitenden Leser die Entscheidung schwerfällt, ob er mehr die ungewöhnlich gründliche und ergiebige Archivarbeit oder mehr die darstellerische Kraft bei der Durchdringung und Präsentation des riesigen Materials bewundern soll. Deutlich geworden sind durch J.s Untersuchungen nicht nur die treibenden Kräfte und die Beweggründe für die Ansiedlung der beiden Augustiner-Chorherrenstifte Barcelonas (S. 46-100), sondern ebenso die Unterschiede wie auch Übereinstimmungen zwischen ihnen in Selbstverständnis, geistlichem Wirken und Aufbau (S. 101-160). Als eines der wichtigsten Ergebnisse des dem Verhältnis der Stifte zur Stadt gewidmeten zentralen Teiles der Arbeit (S. 161-388) ist neben der Ermittlung und sozio-geographischen Verortung der den Kanonikern zugeordneten Personen vor allem die exakte Beschreibung ihres siedlungsaktivierenden Wirkens, zumal des Annenstiftes, herauszustellen, bei dem der Erbleihe eine weit über das Ökonomische hinausreichende Bedeutung zugekommen ist. Auf die prosopographischen Listen (S. 462-495) im Anhang dieses ungemein ergebnisreichen, methodisch vorbildlichen und dazu noch angenehm lesbaren Buches sei ausdrücklich hingewiesen.

Peter Segl {843}


[453], S. 843

Raoul de Blay, De la fondation en 819 de l'abbaye de Conques par Louis le Pieux roi d'Aquitaine à la translation des reliques de Sainte Foy d'Agen. Histoire et legendes, Revue de l'Agenais 124 (1997) S. 5-9, stützt seine Ausführungen u. a. auf Ermoldus Nigellus, In honorem Hludowici, lib. I (ed. E. Dümmler, MGH Poetae II, S. 7-13; ed. E. Faral, Paris 1932, S. 12-26).

Rolf Große {843}


[454], S. 843

Un monastère limousin. Le prieuré de Saint-Angel des moines noirs à la Congrégation de Saint-Maur (Mémoires & documents sur le Bas-Limousin 21) Ussel 1998, Musée du Pays d'Ussel u. a., 335 S., zahlreiche Abb., ISBN 2-903920-25-7.  --  Die Monografie über das dem Erzengel Michael geweihte Kloster mit Beiträgen mehrerer Autoren versteht sich als Bestandsaufnahme im Vorfeld angestrebter Restaurierungsmaßnahmen. Das castrum et monasterium Sancti Angeli wurde vermutlich bereits im 8. Jh. gegründet, im 9. oder 10. Jh. der Abtei Charroux geschenkt und als Priorat unterstellt, 1657 ging es in die Kongregation der Mauriner über und wurde 1791 als Kloster aufgelöst. Der Sammelband listet alle überlieferten Dokumente bezüglich Saint-Angel auf (neun ma. Urkunden werden im Anhang nochmals abgedruckt), nennt alle bekannten Namen von Vorstehern und Mönchen, verzeichnet Besitztum und Einkommen des Klosters. Ein umfangreiches Kapitel dokumentiert u. a. mit zahlreichen Fotografien den Baubestand, die Baugeschichte und die Ausstattung der Kirche, ein weiteres ist dem Kult des Erzengels Michael im Limousin gewidmet.

Isolde Schröder {843}


{844}

[455], S. 844

Raphaela Averkorn, Adel und Kirche in der Grafschaft Armagnac. Das cluniacensische Priorat Saint-Jean-Baptiste de Saint-Mont (1036-1130) (Europa in der Geschichte 1) Bochum 1997, Winkler, 439 S., Karten, ISBN 3-924517-73-8 (kart.) bzw. 3-924517-63-0 (geb.), DEM 150.  --  Der Titel als Auftakt einer Reihe "Europa in der Geschichte" verwirrt zunächst, doch kündigt der Hg. an, neben "europazentrierten" Themen u. a. auch historische Detailstudien aus einzelnen Regionen im europäischen Kontext aufzunehmen: Saint-Mont war das erste Priorat der Kirchenprovinz Auch und Mitglied der europäischen Cluniacensis ecclesia. Am Beispiel von Saint-Mont lassen sich Fragen erläutern, die im 11. Jh. im christlichen Europa von Bedeutung waren wie etwa die Durchsetzung von Reformen, die Laienfrömmigkeit, Pilgerfahrten, die Problematik der Friedenssicherung, Teilnahme an der Reconquista und den Kreuzzügen, der Aufbau der "société féodale". Der vorliegende Band ist die verkürzte Fassung einer Diss. von 1990, neuere Literatur bis 1994 wurde eingarbeitet. Als wichtigste Quellengrundlage dienen zwei Chartulare von Saint-Mont, deren Entstehung sich nur ungenau auf die zweite Hälfte des 11. Jh. datieren läßt und die sich heute in Privatbesitz befinden und nur als Mikrofilm eingesehen werden konnten. Neben einer ausführlichen Darstellung der Geschichte von Saint-Mont enthält die Studie detaillierte Auswertungen der Quellen in bezug auf die Mitglieder des Konvents, die Schenker und den Besitz - im Anhang nochmals durch zahlreiche Listen, Verzeichnisse, Konkordanzen, Register und Karten aufgeschlüsselt -, so daß ein umfassendes Bild der Gesellschaft im 11. Jh. nicht nur der Grafschaft Armagnac, sondern der gesamten Gascogne als europäischer Region entsteht.

Isolde Schröder {844}


[456], S. 844

Mireille Mousnier, La Gascogne toulousaine aux XIIe-XIIIe siècles. Une dynamique sociale et spatiale (Tempus) Toulouse 1997, Presses Universitaires du Mirail, 482 S., Abb., Karten, ISBN 2-85816-314-6, FRF 240.  --  Der Wandel einer Landschaft vom vernachlässigten "toten Winkel" zu einer prosperierenden und in das französische Königreich integrierten Region wird in dieser Studie anhand umfangreichen Archivmaterials detailliert beschrieben und durch zahlreiche Abbildungen und Grafiken veranschaulicht. Das Hauptaugenmerk liegt dabei zwar auf der demographischen, gesellschaftlichen und siedlungsgeschichtlichen Entwicklung, aber politische und wirtschaftliche Aspekte werden durchaus in die umfassende und vor allem gut lesbare Darstellung einbezogen, die zudem durch ein Sach- und Namenregister auch für Teilaspekte leicht zu erschließen und zu nutzen ist.

Isolde Schröder {844}


[457], S. 844

Christian Keck, Die Provence in der späteren Stauferzeit. Das Land an der Rhone im Spannungsfeld von gräflicher Territorialpolitik, Reichspolitik Friedrichs II. und französischer sowie päpstlicher Einflußnahme (Berichte aus der Geschichtswissenschaft) Aachen 1996, Shaker-Verlag, III u. 231 S., 3 Stammtaf., 1 Karte, ISBN 3-8265-2033-5, DEM 98.  --  Diese 1993 bei Peter Herde eingereichte Magisterarbeit schildert minutiös die politische Geschichte der Provence von den Auswirkungen der Albigenserkriege bis zur Herrschaft Karls I. von Anjou. Im Zentrum steht die Durchsetzung der Reichsgewalt in diesem Raum durch Friedrich II., der 1214 mit sporadischen Eingriffen beginnt und von 1226 bis 1239 seine Macht kontinuierlich ausbaut, erst gestützt auf den Episkopat, seit 1235/36 {845} in Verbindung mit Raimund VII. von Toulouse und den Kommunen Arles und Avignon, aber gegen die Bischöfe. Von 1239 an büßt Friedrich seinen Einfluß zugunsten des Grafen Raimund Berengar V., der - von Innozenz IV. und König Ludwig IX. gedeckt - ungeachtet des kaiserlichen Widerstandes seine Territorialherrschaft ausbaut, so völlig ein, daß er die Heirat Karls von Anjou mit der Erbtochter Beatrix und damit die Erweiterung des französischen Einflusses schließlich hinnehmen muß. Die ältere Forschung sah die Ursache für den Verlust der Provence in der zielstrebigen französischen Expansion. Der Vf. schreibt sie - sicher zu Recht - primär dem politischen Eingreifen der Päpste zu, vor allem nach Innozenz' IV. Übersiedlung nach Lyon. Die ganze Erklärung ist auch das wohl nicht, wie man aus der Darstellung indirekt herauslesen kann. Friedrich II. begnügte sich nämlich nicht wie sein Großvater mit der Rolle des Regenten und Schiedsrichters, sondern unterwarf die auf Unabhängigkeit bedachten kleineren Herren und Kommunen seinen energischen Forderungen nach Steuern, Truppen und Gehorsam, was dazu führte, daß er sich bald nur noch auf die unentwegten Anhänger stützen konnte, jene vor allem, die durch ihn nichts zu verlieren hatten. Der Vf., der das Ineinandergreifen von lokaler und großer Politik anschaulich schildert, unterschätzt wohl die Labilität der politischen Beziehungen, wenn er im Stil der älteren außenpolitischen Geschichte gerne von "Mächten", "Machtblöcken", "Kräftefeldern" usw. spricht. Obwohl die Ergebnisse diejenigen der älteren Autoren, Fournier, Sternfeld, Kienast, im großen Ganzen bestätigen, kann der Vf. im Einzelnen vieles präzisieren und differenzieren.

Walter Koller {845}


[458], S. 845

Norman Golb, The Jews in Medieval Normandy. A Social and Intellectual History, Cambridge u. a. 1998, Cambridge University Press, XXXII u. 621 S., 19 Karten, zahlreiche Abb., ISBN 0-521-58032-3, GBP 55.  --  Das umfangreiche Werk ist die Erweiterung eines Buches des Vf. über das jüdische Rouen im MA, das 1976 auf Hebräisch bzw. 1985 auf Französisch erschienen ist. Es beruht wie seine Vorgänger auf einer einzigen, wenn auch überaus bedeutsamen Neuerung: der korrekten Identifizierung des in zahlreichen Hss. und Frühdrucken verballhornten und in der Forschung nie klar erkannten hebräischen Ortsnamens "Radom" als Rouen. Damit gelang es G., nicht wenige jüdische Gelehrte des Hoch-MA als in der Normandie wirkend zu lokalisieren, fraglos eine Bereicherung unseres Wissens. Die Lesung war lange Zeit heftig umstritten, kann aber nunmehr als allgemein anerkannt gelten. Die Genugtuung darüber, in diesem Streit Recht behalten zu haben, ist ebenso verständlich wie der Wunsch, daraus die Grundlagen einer bisher unbekannten Blüte jüdischen Geisteslebens auf französischem Boden abzuleiten. Leider geschieht dies jedoch gegen sämtliche Regeln wissenschaftlicher Argumentation. G.s Grundprämisse ist eine Judenschaft in der Normandie schon längst vor dem 12. und 13. Jh., politisch potent, gesellschaftlich angesehen und wirtschaftlich fundiert, für die aber keinerlei hebräische oder sonstige Quellen vorliegen. Die "lengthy prehistory of Jewish settlement and legal rights" soll noch bis zu jüdischen Latifundienbesitzern der Römerzeit zurückreichen. Bezeichnend ist die Behandlung der jüdischen Siedlung in der Hauptstadt Rouen. Konkrete Angaben zu dem beim, z. T. auch im römischen Stadtkern liegenden Judenviertel sind ab dem 12. Jh. vorhanden. Die topographische Nähe genügt jedoch, um dessen Entstehung als römerzeitlich zu erklären. {846} Die angenommene Siedlungskontinuität wird kartographisch durch Nachzeichnung des Judenviertels auf dem Hintergrund des römischen Straßennetzes erst suggeriert, dann in der Kartenlegende ausdrücklich zum "ungefähren Ausmaß der städtisch-jüdischen Ansiedlung im ersten Jahrtausend" erklärt (S. 34). An anderem Ort (S. 145 f.) genügt zum Nachweis der römerzeitlichen Entstehung einer jüdischen Gemeinde die Tatsache, daß Judenfriedhöfe in ma. Quellen als mons Judaeorum bezeichnet werden, was zum Schluß führt, jede Gemeinde mit einem so bezeichneten Friedhof als antik zu deklarieren. Im übrigen basiert das siedlungsgeschichtliche Kapitel auf der Vorstellung, daß die in Katasterplänen und lokalantiquarischen Werken des 18. und 19. Jh., ja sogar noch in Aussagen von heute lebenden Ortsbewohnern überlieferten Bezeichnungen "rue des Juifs", "rue aux Juifs" in Städten, Dörfern und auf dem flachen Lande der Normandie ein Netz antiker jüdischer Landbesiedlung durch Latifundienbesitzer erkennen lasse (S. 108-110). Der zweite Teil ist der Darstellung des jüdischen Geisteslebens in der ma. Normandie gewidmet. Eine eingehende Kritik muß den Fachleuten der Religions- und Literaturgeschichte überlassen bleiben, doch im Grunde sind auch diese Kapitel nichts anderes als ein erneutes Durchexerzieren des bereits bekannten Vorgehens: die anhand der Lesung hebräischer Ortsnamen vorgenommene Enthüllung weiterer Gestalten des Geistes- und Religionslebens als vorübergehend oder dauernd in der Normandie ansässig. Zu ihrer Geschichte und Bedeutung selbst wird kaum Neues beigesteuert, dagegen wimmelt es von weiteren Beispielen spekulativer Argumentation. Wie bei der Siedlungsgeschichte hätte auch hier der Blick auf benachbarte jüdische Kulturkreise gezeigt, daß das angeblich normannisch-französisch Singuläre jüdisches Gemeingut war. Zu diesen schwerwiegenden Mängeln gesellt sich das Hinwegsehen über unerläßliche moderne Standardwerke zur französischen und englischen Geschichte der Juden; auch die moderne Forschung zur politischen und rechtlichen Geschichte Frankreichs und der Normandie fehlt. Immer wieder zeigt sich, daß der Weg zum Beweis einer Hypothese zuweilen sämtliche Mittel heiligt.

Michael Toch {846}


[459], S. 846

Alain Marchandisse, Entre défiance et amitié... Des relations politiques, diplomatiques et militaires tourmentées entre le roi de France et le prince-évêque de Liège au bas moyen âge (XIIIe-XVe s.), Bulletin de la Commission Royale d'Histoire 164 (1998) S. 31-127, konzentriert sich auf die Zeit von 1200 bis 1389 mit einem Schwerpunkt in den Jahrzehnten um die Mitte des 14. Jh.; im Anhang werden 25 Dokumente aus den Pariser Archives Nationales (Trésor des chartes, Mélanges, J 527) abgedruckt, die sich auf die "Außenpolitik" der Lütticher Fürstbischöfe gegenüber Frankreich beziehen.

Claudia Märtl


[460], S. 846

Marc Anthony Meyer, Queens Convents and Conversion in Early Anglo-Saxon England, Revue Bénédictine 109 (1999) S. 90-116, betont die politische Zielsetzung, die hinter der Leitung von Nonnen- oder Doppelklöstern durch weibliche Angehörige der königlichen Familie stand.

Detlev Jasper


[461], S. 846

Julia Crick, The Wealth, Patronage, and Connections of Women's Houses in Late Anglo-Saxon England, Revue Bénédictine 109 (1999) S. 154-185, setzt sich {847} kritisch mit den Arbeiten von M. A. Meyer (vgl. DA 38, 677 und die vorige Anzeige) auseinander, dessen These von der machtpolitische Bedeutung der königlichen Nonnenklöster sie nicht durch die Quellen bestätigt findet.

Detlev Jasper


[462], S. 847

Rodney M. Thomson, England and the 12th-Century Renaissance (Variorum Collected Studies Series CS620) Aldershot u. a. 1998, Ashgate Publishing, XIV u. 344 S., Abb., ISBN 0-86078-673-0, GBP 55.  --  Insgesamt 19 Aufsätze hat der bekannte englische Mediävist in diesem Band zusammengestellt. Sie betreffen ein breites Themenspektrum von der Buchproduktion im 12. Jh. in England über den Frieden von Venedig 1177 bis hin zur normannischen Eroberung und ihrem Einfluß auf die englischen Bibliotheken. Ergänzende Bemerkungen sowie mehrere Register runden das Buch ab.

Martina Hartmann


[463], S. 847

Marilyn Oliva, The Convent and the Community in Late Medieval England: Female Monasteries in the Diocese of Norwich, 1350-1540 (Studies in the History of Medieval Religion 12) Woodbridge u. a. 1998, Boydell Press, VIII u. 271 S., 22 Tabellen, 1 Karte, ISBN 0-85115-576-6, GBP 50 bzw. USD 90.  --  In der Einleitung dieses Werks gibt die Autorin sich bescheiden: Ihr Ziel ist "this more positive and nuanced view of English nuns and their communities in the later Middle Ages" (S. 10). Was ihr gelingt, ist eine ausgesprochen detaillierte Studie der Frauenklöster der Diözese Norwich, die nicht nur Entstehung, Rechtsstellung, wirtschaftlich-politische Rolle und schließlich die Aufhebung betrachtet, sondern vor allem auch den persö