Deutsches Archiv

für Erforschung des Mittelalters

Jahrgang 54. 1998, Heft 1

Gesamtindex NA 47-50, DA 51-53

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DA 51.1995, Heft 1 -

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Inhalt

1. Allgemeines 171

2. Hilfswissenschaften und Quellenkunde 191

3. Politische und Kirchengeschichte des Mittelalters 287

4. Rechts- und Verfassungsgeschichte 329

5. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 343

6. Landesgeschichte 354

7. Kultur- und Geistesgeschichte 410

1. Allgemeines

1. Festschriften und Sammelwerke S. 171. 2. Forschungsberichte S. 186. 3. Wissenschaftsgeschichte S. 186. 4. Allgemeine Nachschlagewerke S. 188.

[1], S. 171

Iconologia sacra. Mythos, Bildkunst und Dichtung in der Religions- und Sozialgeschichte Alteuropas. Festschrift für Karl Hauck zum 75. Geburtstag, hg. von Hagen Keller und Nikolaus Staubach (Arbeiten zur Frühmittelalterforschung 23) Berlin u. a. 1994, de Gruyter, XII u. 667 S., zahlreiche Abb., ISBN 3-11-013255-9, DEM 488.  --  Entsprechend dem Forschungsschwerpunkt des Jubilars ist ein Teil der Beiträge der Brakteatenforschung und der frühma. Sachkultur gewidmet: Elisabeth Alföldi-Rosenbaum, A Gold 'Bracteate' in the Cabinet des Médailles in Paris (Abb. 6-19) (S. 81-90).  --  Edgar C. Polomé, Brakteaten und die germanische Religionsgeschichte - Probleme einer wechselseitigen Interpretation (S. 91-102).  --  Birgit Arrhenius - Henri Freij, The Laser scanner, a useful tool for visualizing hidden pictures (Abb. 20-22) (S. 103-105).  --  Henrik Thrane, Goldene Schwertteile der Völkerwanderungszeit aus Gudme auf Fünen, Dänemark (Abb. 23-37) (S. 106-117).  --  Jan Peder Lamm, Der Ring der Götter (Abb. 38-45) (S. 118-123).  --  Detlev Ellmers, Germanischer Runenzauber mit der Darstellung eines römischen Handelsschiffes (Abb. 46-49) (S. 124-131).  --  Charlotte Fabech, Society and landscape. From collective manifestations to ceremonies of a new ruling class (Abb. 50-59) (S. 132-143).  --  Morten Axboe, Goldbrakteaten und Dänenkönige (Abb. 60-67) (S. 144-155).  --  Charlotte Behr, Das kentische Königtum im frühen 6. Jahrhundert (S. 156-165), schließt aus Brakteatenfunden auf die Existenz eines königlichen Zentrums in Finglesham {172} (Ostkent) in der ersten Hälfte des 6. Jh.  --  Torsten Capelle, Vollplastische Tierstile im frühen Mittelalter (Abb. 68-73) (S. 166-170).  --  Jutta Schmidt-Lornsen, Die Bildwelt des Mähnenstuhlpaares aus S#.ollested (Abb. 74-80) (S. 171-178).  --  Ferner sei kurz auf folgende, für unser Arbeitsgebiet einschlägige Ausführungen hingewiesen: Arnold Angenendt, In porticu ecclesiae sepultus. Ein Beispiel von himmlisch-irdischer Spiegelung (S. 68-80), zeigt, wie stark die durch Augustin geprägten Vorstellungen vom Wartestand der Verstorbenen in den Vorhöfen und Toren des himmlischen Jerusalem die Auswahl der Begräbnisplätze vor und in den Kirchen bestimmte.  --  Reinhard Wenskus, Religion abâtardie. Materialien zum Synkretismus in der vorchristlichen politischen Theologie der Franken (S. 179-248): Aus der Fülle des schwer durchschaubaren Materials ergeben sich für W. "vielfach miteinander vernetzte Vorstellungskomplexe einheimischer und von außen entlehnter Motive, die durch partielle Parallelen zu Identifizierungen ursprünglich verschiedener mythologischer Figuren geführt haben" (S. 247).  --  Ruth Schmidt-Wiegand, Spuren paganer Religiosität in den frühmittelalterlichen Leges (S. 249-262), zeigt an Nachrichten über Opferbräuche in den Leges, daß Spuren heidnischer Religiosität nur im Zusammenhang mit der Christianisierung der Stämme zu erfassen sind. Um die Denkmodelle, die hinter diesen Riten stehen, zu erfassen, sei die Heranziehung altnordischer Quellen unerläßlich.  --  Reinhold Kaiser, War der Ring des Graifarius der Siegelring des Vaefarius dux Francorum? (Abb. 81-82) (S. 263-282), fügt den zahlreichen, im Überblick dargestellten Forschungen zu dem Ring eine weitere hinzu: das auf der Ringplatte abgebildete Profil hat verblüffende Ähnlichkeit mit einem Münzbild des Merowingerkönigs Gunthram I., in dessen Reich ein dux Vaefarius († 573) bezeugt ist. K. faßt den Ring als Geschenk auf, mit dem der Dux stärker an den König gebunden werden sollte.  --  Jörg Jarnut, Münzbilder als Zeugnisse langobardischer Herrschaftsvorstellungen (S. 283-290), skizziert, wie sich die Emanzipation des Langobardenreiches von Byzanz seit Ende des 7. Jh. auf den Münzen manifestiert, indem auf der Schauseite Bild, Name und Funktion des Langobardenkönigs und auf der Rückseite der Erzengel Michael statt der römischen Victoria angebracht wurden.  --  Lutz E. von Padberg, Christen und Heiden. Zur Sicht des Heidentums in ausgewählter angelsächsischer und fränkischer Überlieferung des 7. und 8. Jahrhunderts (S. 291-312), befaßt sich mit der Missionierung Englands und der Sachsen, von der die Quellen nur einseitig vom christlichen Standpunkt aus berichten.  --  Knut Schäferdiek, Kilian von Würzburg. Gestalt und Gestaltung eines Heiligen (S. 313-340), untersucht die Quellen der älteren Kilianspassio.  --  Hilde Claussen - Nikolaus Staubach, Odysseus und Herkules in der karolingischen Kunst (Abb. 83-105): I. Hilde Claussen, Odysseus und 'das grausige Meer dieser Welt': Zur ikonographischen Tradition der karolingischen Wandmalerei in Corvey (S. 341-382), ordnet die Darstellung des Odysseus als Skyllakämpfer in die christliche Allegorese ein, die seit dem 4. Jh. Odysseus als Tugendhelden und Skylla und die Sirenen als Ausdruck der Anfechtungen der Welt verstand; II. Nikolaus Staubach, Herkules an der 'Cathedra Petri' (S. 383-402), schließt eine negative Bedeutung der Herkules-Tafeln des Papstthrones aus und setzt seine überaus tiefsinnige Deutung dagegen: "Im kosmisch-mythologischen Cathedra-Programm verbinden sich profane Triumphalthematik mit allegorischer Signifikanz zu einer Aussage über den moralischen und politischen Doppelcharakter der Rolle des rex christianus, über {173} irdischen Herrschaftserfolg und himmlischen Tugendlohn" (S. 399).  --  Bruno Reudenbach, Die Lorscher Elfenbeintafeln. Zur Aufnahme spätantiker Herrscherikonographie in karolingischer Kunst (Abb. 106-116) (S. 403-416), betont, daß bei der Christusdarstellung der Tafeln auf einen "Christustyp zurückgegriffen wird, dem imperiale Konnotationen eigen sind, der seine Entstehung auch Verbindungen zur antiken Triumphalikonographie verdankt" (S. 408).  --  Hagen Keller, Machabaeorum pugnae. Zum Stellenwert eines biblischen Vorbilds in Widukinds Deutung der ottonischen Königsherrschaft (S. 417-437), hält Widukinds Geschichtsbild dort, wo es um die sächsische Dynastie geht, für biblisch geprägt. Viele vermeintliche Anklänge an Sallust ließen sich leichter durch Bibelzitate, besonders aus den Makkabäern, erklären und das in dem Bibelbuch dargestellte Geschehen habe die Deutung der von Widukind erlebten Ereignisse beeinflußt.  --  Gerd Althoff, Verformungen durch mündliche Tradition: Geschichten über Erzbischof Hatto von Mainz (S. 438-450), befaßt sich mit der Rolle Hattos von Mainz bei der Hinrichtung des Babenbergers Adalbert und bei einem Anschlag auf den Sachsenherzog Heinrich und zeigt, daß sich hinter diesen Geschichten, die Widukind als unverbürgt berichtet, wohl hochpolitische Vorgänge verbargen.  --  Joachim Wollasch, Heiligenbilder in der Liturgie Clunys. Kritische Randbemerkungen (S. 451-460), stellt die Nachrichten vom 10. bis 14. Jh. über die imago sancti Petri, Clunys berühmtestes Heiligenbild, zusammen.  --  Karl Schmid, Die Salier als Kaiserdynastie. Zugleich ein Beitrag zur Bildausstattung der Chroniken Frutolfs und Ekkehards (Abb. 117-124) (S. 461-495), fragt nach der Eigenart der salischen Dynastie, die er anhand der Genealogien in den Chroniken Frutolfs und Ekkehards erläutert.  --  Ute Schwab, Die Zweikämpfer von Monkwearmouth (Abb. 125-144) (S. 496-518), glaubt, daß mit der auf dem Steinrelief dargestellten Szene Bestimmungen des Zweikampf-Ordals erneuert oder genauer gefaßt werden sollen.  --  Heinrich Beck, Saxland = Húnaland? (S. 519-528), diskutiert die verschiedenen Hypothesen, die von der Forschung zur Lokalisierung angeboten wurden.  --  Klaus Düwel, Die 'Visio Tundali'. Bearbeitungstendenzen und Wirkungsabsichten volkssprachiger Fassungen im 12. und 13. Jahrhundert (S. 529-545), behandelt deutsche, norwegische und isländische Übersetzungen der Visio, die sich an ein ritterliches Laienpublikum mit der Absicht moralischer Erbauung wandten.  --  Friedrich Ohly, Neue Zeugen des 'Buchs der Natur' aus dem Mittelalter (S. 546-568), sind Johannes Chrysostomus († 407), der spanische Dichter und Philosoph Salomo Ibn Gabirol († um 1070), der Becket-Biograph Herbert von Bosham (12. Jh.) und der spanische Dominikaner Luis von Granada († 1588).  --  Die übrigen Beiträge der Festschrift befassen sich mit Themen der neueren Geschichte; Karl Heinrich Krüger und Lutz E. von Padberg haben die Veröffentlichungen des Geehrten zusammengestellt (S. 651-667). Leider fehlen dem Band Register, die man bei einem solchen Preis wohl hätte erwarten könnte.

Detlev Jasper


[2], S. 173

Studien zum 15. Jahrhundert. Festschrift für Erich Meuthen, hg. von Johannes Helmrath und Heribert Müller in Zusammenarbeit mit Helmut Wolff, 2 Bde., München 1994, Oldenbourg, XII bzw. X u. 1156 S., ISBN 3-486-56078-6, DEM 238.  --  Die umfangreiche und gehaltvolle Festschrift, die dem Jubilar anläßlich seines 65. Geburtstages gewidmet wurde, orientiert sich thematisch an dessen Hauptarbeitsgebiet, dem 15. Jh. Die über 50 Beiträge wurden von {174} den Hg. in sechs Gruppen eingeteilt (Die Konzilien von Konstanz und Basel und ihr theologisches Umfeld, S. 13-290; Nikolaus von Kues, S. 293-412; Frömmigkeit, Bildung und Kultur, S. 415-605; Renaissance und Humanismus, S. 609-735; Reich und Europa, S. 739-953; Stadtgeschichte - Köln: Kirche und Gemeinde, S. 958-1100). Den Anfang bildet ein Text besonderer Art: Hermann Heimpel (†), Sitzordnung und Rangstreit auf dem Basler Konzil. Skizze eines Themas (S. 1-9), ist der von Johannes Helmrath hg. Druck des letzten Vortrages, den der große Historiker 1987 gehalten hat; der Vf. erläutert in seiner "unnachahmlichen Eigenwüchsigkeit" die "drei trivialen Grundregeln" ma. Sitzordnung und veranschaulicht an Hand einer noch ungedruckten Rede, die der kastilische Gesandte Cartagena in Basel gehalten hat, die immense Bedeutung des Sitzranges für die Zeitgenossen.  --  Jürgen Miethke, Kirchenreform auf den Konzilien des 15. Jahrhunderts, Motive - Methoden - Wirkungen (S. 13-42), untersucht, ausgehend von dem Traktat De squaloribus curiae Romanae des Matthaeus von Krakau, die Breitenwirkung der ausufernden Reformdiskussion.  --  Herbert Lepper, Aquensia zum Konzil von Konstanz (S. 43-64), ediert und kommentiert vier bislang unbekannte Aachener Gesandtenberichte vom Konstanzer Konzil, die einige bemerkenswerte Detailinformationen liefern.  --  Morimichi Watanabe, Henry Beaufort, Cardinal of England, and Anglo-papal Relations (S. 65-76).  --  Antony Black, Diplomacy, Doctrine and the Disintegration of an Idea into Politics (S. 77-85), geht der Frage nach, warum das Basler Konzil gescheitert ist.  --  Johannes Helmrath, Capitula. Provinzialkapitel und Bullen des Basler Konzils für die Reform des Benediktinerordens im Reich. Mit einer Konkordanz und ausgewählten Texten (S. 87-121), zeigt nach eingehender Analyse einiger Reformtexte an der Provenienz der Hss., daß die Bemühungen des Basler Konzils um eine Erneuerung des Benediktinerordens auf die Provinzen der natio Germanica beschränkt waren, und ediert im Anhang nach drei Hss. die Konzilsbulle Inter curas innumeras aus dem Jahre 1439.  --  Hermann Josef Sieben, Non solum papa definiebat nec solus ipse decretis et statutibus vigorem praestabat. Johannes von Ragusas Idee eines römischen Patriarchalkonzils (S. 123-143), deutet Ragusas Plan für eine römische Patriarchalsynode im Kontext der Unionsverhandlungen mit der griechischen Kirche.  --  Johannes Laudage, Certum est quod papa potest errare. Johannes von Ragusa und das Problem der Unfehlbarkeit (S. 145-167), behandelt die Diskussion der Infallibilität in Ragusas großem Spätwerk, dem 1443 abgeschlossenen Tractatus de ecclesia; er versucht dabei zu zeigen, daß der Dominikaner im Vergleich zu Nikolaus von Kues bei der Aufarbeitung der Quellen weitgehend unselbständig war und die ekklesiologischen Schriften aus der Zeit des Investiturstreits kaum kannte. Dem Vf. ist leider der in DA 46, 535 erbrachte Nachweis entgangen, daß Ragusa in der Regensburger Dombibliothek den Liber contra Wibertum des Anselm von Lucca entdeckte und für sich kopieren ließ und selbst aus einem so selten überlieferten Text wie der Vita Gregorii VII des Paul von Bernried zitieren konnte (RTA 13 [1925] S. 284).  --  Ulrich Horst, Nova Opinio und Novelli Doctores. Johannes de Montenigro, Johannes Torquemada und Raphael de Pornassio als Gegner der Immaculata Conceptio (S. 169-191).  --  Remigius Bäumer, Die Entscheidung des Basler Konzils über die Unbefleckte Empfängnis Mariens und ihre Nachwirkungen in der Theologie des 15. und 16. Jahrhunderts (S. 193-206).  --  Walter Brandmüller, Siena und das Basler Konzil - die Legation des Battista Bellanti (S. 207-229), {175} ediert 13 im Archivio di Stato di Siena überlieferte Aktenstücke, in denen das Projekt einer Verlegung des Konzils von Basel nach Siena sondiert wird.  --  Heribert Müller, Cum res ageretur inter tantos principes: Der Streit um das Bistum Tournai (1433-1438). Zu einem Kapitel französisch-burgundischer Beziehungen aus der Zeit des Konzils von Basel (S. 231-253), zeichnet die sich über mehrere Jahre hinziehenden Auseinandersetzungen um die Wiederbesetzung des Bischofsstuhles von Tournai nach, bei denen sich nach einigem Hin und Her der von Eugen IV. unterstützte Kandidat Philipps des Guten gegen den vom Basler Konzil und vom französischen König geförderten Anwärter durchsetzen konnte.  --  Jürgen Petersohn, Bischof, Konzil und Stiftsstadt. Die Bischöfe von Kammin und die Hansestadt Kolberg im Obedienzkampf zwischen Basel und Rom (S. 255-268), kann durch Auswertung vatikanischer Archivalien herausarbeiten, daß der anfangs mit dem Basler Konzil sympathisierende Bischof Hennig Iwen bereits 1447 den römischen Papst anerkennen mußte, um sich im Streit mit Kolberg behaupten zu können.  --  Alexander Patschovsky, Nikolaus von Buldesdorf. Zu einer Ketzerverbrennung auf dem Basler Konzil im Jahre 1446 (S. 269-290), ediert erstmals eine in vier Hss. überlieferte Sentenz des Basler Konzils, durch die der joachimitische Endzeiterwartungen vertretende Nikolaus von Buldesdorf der Häresie für schuldig befunden wurde. Bei der Suche nach dem Herkunftsort des Verurteilten sollte man den im Bairischen üblichen B/W-Wechsel berücksichtigen, so daß auch Wallersdorf oder Wullendorf, beide im Regensburger Sprengel und im Bereich des Emmeramskultes gelegen, zu erwägen sind; auch das niederösterreichische Wullersdorf käme in Frage, zumal ein Nicolaus de Wldersdorf 1401 in der Wiener Universitätsmatrikel bezeugt ist.  --  Rudolf Haubst (†), Nikolaus von Kues im Dialog (S. 293-309).  --  Hans Gerhard Senger, Metaphysischer Atomismus. Zur Transformation eines Denkmodells durch Nikolaus von Kues (S. 311-329).  --  Karl Bormann, Die Randnoten des Nikolaus von Kues zur lateinischen Übersetzung des platonischen 'Parmenides' in der Handschrift Volterra, Biblioteca Guarnacci, 6201 (S. 331-340).  --  Rudolf Schieffer, Nikolaus von Kues als Leser Hinkmars von Reims (S. 341-354), erörtert und ediert die im Cod. Cus. 52 überlieferten Randnotizen des Cusanus zu Hinkmars 55-Kapitel-Werk.  --  Jan-Louis van Dieten, Nikolaus von Kues, Markos Eugenikos und die Nicht-Koinzidenz von Gegensätzen (S. 354-379).  --  Hermann Josef Hallauer, Bruneck 1460. Nikolaus von Kues - der Bischof scheitert an der weltlichen Macht (S. 381-412), behandelt auf Grund weitgehend ungedruckten Quellenmaterials die Schlußphase des Streites zwischen Cusanus und Sigismund von Tirol, der in einer völligen Niederlage des Brixener Bischof endete.  --  Klaus Schreiner, Von dem lieben herrn sant Jheronimo: wie er geschlagen ward von dem engel. Frömmigkeit und Bildung im Spiegel der Auslegungsgeschichte eines Exempels (S. 415-443), erläutert verschiedene Erklärungsversuche des berühmten 'Prügeltraumes' im spätma. Schrifttum.  --  Rudolf Th. M. van Dijk, Die Wochenpläne in einer unbekannten Handschrift von 'De spiritualibus ascensionibus' des Gerhard Zerbolt von Zutphen (S. 445-455).  --  Uwe Neddermeyer, Radix Studii et Speculum Vitae. Verbreitung und Rezeption der 'Imitatio Christi' in Handschriften und Drucken bis zur Reformation (S. 457-481).  --  Dirk Wassermann, Wissenschaft und Bildung in der Erfurter Kartause im 15. Jahrhundert. Ein anonymer Kommentar aus dem Bibliothekskatalog von St. Salvatorberg (S. 483-503).  --  Matthias Werner, Johannes {176} Kapistran in Jena (S. 505-520), beschreibt detailliert die Begegnung des Bußpredigers mit Herzog Wilhelm III. von Sachsen im September 1452.  --  Peter Moraw, Die Hohe Schule in Krakau und das europäische Universitätssystem um 1400 (S. 521-539), legt dar, daß die Anfänge der 1364 gegründeten Universität eher bescheiden waren; erst nach 1400 ist ein gewisser Aufschwung zu verzeichnen.  --  Agostino Sottili, Die theologische Fakultät der Universität Pavia in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die gescheiterte Berufung des Theologen Thomas Penketh und die Einrichtung der 'Lectura Thomae' (S. 541-564), erstellt eine Liste von 80 theologischen Promotionen, die in Pavia zwischen 1455 und 1498 stattfanden, und ediert unbekannte Aktenstücke aus dem Mailänder Staatsarchiv, die die Besetzung einer theologischen Professur erhellen.  --  Anna-Dorothee v. den Brincken, Occeani Angustior Latitudo. Die Ökumene auf der Klimatenkarte des Pierre d' Ailly (S. 565-581), befaßt sich mit dem 1483 im Druck erschienenen Kartenwerk des Pierre d'Ailly, das Kolumbus vor 1492 glossiert hat.  --  Hans-Jörg Gilomen, Der Traktat 'De emptione et venditione unius pro viginti' des Magisters Felix Hemmerlin (S. 583-605), analysiert den bislang kaum beachteten Traktat über die Zulässigkeit von ablösbaren Renten, den der streitbare Zürcher Chorherr nach 1454 in Luzerner Klosterhaft verfaßt hat.  --  August Buck, Säkularisierende Grundtendenzen der italienischen Renaissance (S. 609-622).  --  Peter Schreiner, Giovanni Aurispa in Konstantinopel. Schicksale griechischer Handschriften im 15. Jahrhundert (S. 623-633), erörtert die in der Korrespondenz des Giovanni Aurispa († 1459) enthaltenen Nachrichten über den Erwerb und Tausch griechischer Hss.  --  Thomas Schuld, Bienen und Ameisen. Zu einer Stelle in den 'Elegantiae' Lorenzo Vallas (S. 635-642).  --  Werner Beierwaltes, Plotin und Ficino: Der Selbstbezug des Denkens (S. 643-666).  --  Götz-Rüdiger Tewes, Frühhumanismus in Köln. Neue Beobachtungen zu dem thomistischen Theologen Johannes Tinctoris von Tournai (S. 667-695), ediert einen bislang unbekannten Brief des Engelbert Schut von Leiden an den Kölner Thomisten Johannes Tinctoris († 1469) und deutet den Fund als Beleg für frühhumanistische Bestrebungen in Köln.  --  Franz Josef Worstbrock, Hartmann Schedels 'Index Librorum'. Wissenschaftssystem und Humanismus um 1500 (S. 697-715), kann zeigen, daß die Büchereinteilung in Schedels Bibliothekskatalogen der Fakultätsordnung der spätma. Universität entspricht.  --  Heiko A. Oberman, Gansfort, Reuchlin and the 'Obscure Men': First Fissures in the Foundations of Faith (S. 717-735).  --  Franz-Reiner Erkens, ... Und wil ein grosse Reise do tun. Überlegungen zur Balkan- und Orientpolitik Sigismunds von Luxemburg (S. 739-762), erläutert die Grundlinien von Sigismunds Balkanpolitik und sieht - im Gegensatz zu Gustav Beckmann - das Hauptmotiv für sein Engagement in der Türkenabwehr eher in der Verteidigung des Königreiches Ungarn als in der Kreuzzugsidee.  --  Odilo Engels, Albert von Siegburg oder Albert Stuten? Beobachtungen zu einer Weltchronik des 15. Jahrhunderts (S. 763-779), kann nachweisen, daß der Kölner Notar Albert Stuten nicht der Vf. der ihm zeitweise zugeschriebenen Weltchronik (MGH SS rer. Germ. N. S. 17, 1994) ist.  --  Konrad Repgen, Antimanifest und Kriegsmanifest. Die Benutzung der neuen Drucktechnik bei der Mainzer Stiftsfehde 1461/63 durch die Erzbischöfe Adolf von Nassau und Dieter von Isenburg (S. 781-803), setzt den undatierten Einblattdruck, mit dem Adolf die Vorwürfe seines Rivalen zurückweist, noch in das Jahr 1461.  --  Helmut Wolff, Und er was frolich und {177} wolgemut ... Zum Aufenthalt Kaiser Friedrichs III. 1471 in Nürnberg (S. 805-820), zeichnet, auf der Grundlage des von ihm für den Druck vorbereiteten Bandes 22, 2 der Deutschen Reichstagsakten, farbig und detailliert 24 Tage im Leben Friedrichs III. nach, der nach dem anstrengenden Regensburger "Großen Christen Tag" in Nürnberg und Bamberg Erholung fand.  --  Maximilian Lanzinner, Reichssteuern in Bayern im 15. und 16. Jahrhundert (S. 821-843).  --  Brigide Schwarz, Statuta sacri causarum apostolici palacii auditorum et notariorum. Eine neue Quelle zur Geschichte der Rota Romana im späten Mittelalter (S. 845-867), veröffentlicht aus Clm 379 (15. Jh.) bislang unbeachtete Statuten für Rotarichter und Rotanotare, die eine "vielfach überarbeitete Version" der Konstitution Ratio juris Johannes' XXII. aus dem Jahre 1331 darstellen und nach 1380 verfaßt wurden.  --  Arnold Esch, Im Heiligen Jahr am römischen Zoll. Importe nach Rom um 1475 (S. 869-901), gibt eine lebendige Anschauung des als schlecht besucht geltenden Anno Santo und weist durch Auswertung der römischen Zollregister den Anstieg der Massenkonsumgüter nach, wobei die hier nicht verzeichneten "zollfreien" Einfuhren und deren Vermarktung durch die Kurie selbst als beträchtlich eingestuft werden.  --  Werner Paravicini, Fürschrifften und Testimonia. Der Dokumentationskreislauf der spätmittelalterlichen Adelsreise am Beispiel des kastilischen Ritters Alfonso Mudarra (1411-1412) (S. 903-926), ediert neun im Kronarchiv zu Barcelona überlieferte Schriftstücke, welche diese über Litauen nach Jerusalem führende Adelsreise dokumentieren.  --  Ludwig Vones, Vom Pogrom zur Vertreibung. Die Entwicklung des jüdisch-christlichen Verhältnisses in den Kronen Kastilien und Aragon von 1391 bis 1492 (S. 927-953), betont die Rolle der "conversos" in den christlich-jüdischen Auseinandersetzungen.  --  Hartmut Boockmann, Deutsche Städte um 1500 in den Augen von Zeitgenossen (S. 957-970), wertet italienische Reiseberichte, Städtechroniken und Tafelbilder aus, um deutlich zu machen, was den Zeitgenossen - im Gegensatz zum modernen Betrachter - in den deutschen Städten als charakteristisch erschien.  --  Manfred Groten, Devotio Moderna in Köln (S. 971-987), kann vor allem durch die Untersuchung der im Gedächtnisbuch des Fraterhauses Weidenbach eingetragenen Stifter darlegen, daß der Einfluß der Devotio moderna auf die Kölner Ratsherren in der Literatur überschätzt wurde.  --  Wilhelm Janssen, Eine Vereinbarung über die Bischofswahl zwischen dem Kölner Domkapitel und den Landständen aus der Zeit des Erzbischofs Dietrich von Moers (S. 989-1004), publiziert den nie in Kraft getretenen Entwurf einer Wahlvereinbarung, die um 1435/37 als "praxisbezogene" Auslegung des Basler Reformdekrets 'De electionibus' entstanden ist und den kölnischen Ständen ein Mitspracherecht bei der Bischofswahl einräumt.  --  Christiane Neuhausen, Köln und der Kirchenbau: Beispiele zur Instrumentalisierung des Ablaßwesens (S. 1005-1015), vergleicht die Kosten, die die Stadt Köln 1394 und 1478/80 für den Erwerb eines Plenarablasses an der Kurie aufbringen mußte; in beiden Fällen dürfte sich die Investition für die Stadt gelohnt haben.  --  Josef van Elten, Die Inkorporation der Pfarrei Widdersdorf in die Abtei Brauweiler (S. 1017-1023), untersucht die Vorgeschichte der 1494 von Alexander VI. vollzogenen Inkorporation.  --  Hugo Stehkämper, Gemeinde in Köln im Mittelalter (S. 1025-1100), verfolgt die Entwicklung der Kölner Stadtgemeinde vom 12. bis ins beginnende 16. Jh.  --  Ein Schriftenverzeichnis des Jubilars und ein sorgfältiges Orts- und Personenregister beschließen die gelungene Festschrift.

Franz Fuchs {177}


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[3], S. 178

Aus südwestdeutscher Geschichte. Festschrift für Hans-Martin Maurer. Dem Archivar und Historiker zum 65. Geburtstag. Im Auftrag des Württembergischen Geschichts- und Altertumsvereins und der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg hg. von Wolfgang Schmierer, Günter Cordes, Rudolf Kiess und Gerhard Taddey, Stuttgart 1994, Kohlhammer, 812 S., zahlreiche Abb., Karten, ISBN 3-17-013158-3, DEM 69.  --  Aus der Festschrift für den ehemaligen Leiter des Stuttgarter Hauptstaatsarchivs sind folgende Aufsätze anzuzeigen: Hansmartin Schwarzmaier, Baden und Württemberg. Von den Anfängen zweier Familien und ihrer Herrschaft in Nachbarschaft und Konkurrenz (S. 15-24), beschreibt die nicht bis ins letzte klaren Anfänge der Markgrafen von Baden und der Grafen von Württemberg im 11. Jh.  --  Sönke Lorenz, Oferdingen und Altenburg am Neckar (Reutlingen) - ein befestigter Königshof und Aufenthaltsort König Konrads I. (S. 25-43), stellt die Geschichte dieses Güterkomplexes, der häufig den Besitzer wechselte, bis zum Ende des MA dar.  --  Stephan Molitor, Zu den Urkundeninsertionen in Ortliebs "Zwiefalter Chronik" (S. 44-57), betont den selbstbewußten Umgang Ortliebs mit seinen Vorlagen, deren Angaben er aufgrund eigenen besseren Wissens manchmal abänderte.  --  Rolf Götz, Aldingen oder Adingen - wo wurde im Jahre 917 der Schwabenherzog Erchanger hingerichtet? (S. 58-72), beantwortet seine Frage: in Aldingen bei Spaichingen (Kreis Tuttlingen).  --  Immo Eberl, Kloster Ellwangen im Umkreis seiner Gründer (S. 73-80), befaßt sich mit der Gründerfamilie des Klosters, bei der Verbindungen nach Bayern und in den mittelrheinischen Raum möglich sind.  --  Peter Schiffer, Möhringen und die Territorialpolitik der Pfalzgrafen von Tübingen. Zur Ursache der Tübinger Fehde (1164-1166) (S. 81-104), sieht die Tübinger Fehde durch die Hinrichtung mehrerer Ministerialen der welfischen Grafschaft Möhringen durch den Tübinger Pfalzgrafen Hugo ausgelöst. Die zahlenmäßig umfangreiche Koalition schwäbischer Adeliger und süddeutscher Bischöfe, die sich nach diesem Vorfall unter Führung Welfs VI. bildete, habe die aggressive Territorialpolitik der Tübinger Grafen eindämmen wollen.  --  Gerhard Baaken, Die Erhebung Heinrichs, Herzogs von Schwaben, zum Rex Romanorum (1220/1222) (S. 105-120), stellt den Ablauf der Erhebung Heinrichs (VII.) erneut dar und betont, daß Friedrich II. die von ihm beherrschten Gebiete immer als ein einziges Erbreich angesehen habe, wie aus seinen Testamenten hervorgehe.  --  Meinrad Schaab, Zur Frage der runden Bergfriede nach ober- und mittelrheinischen Beispielen (S. 121-138), weist nach, daß auf Sandstein der eckige, auf kristallinem Fels und Schiefergestein der runde Bergfried vorherrschte, dessen Vorbilder noch ins 12. Jh. reichen.  --  Hermann Grees, Spuren abgegangener Burgen in Quellen des Klosters Ochsenhausen (S. 139-150), nennt einige Beispiele untergegangener Burgen, auf deren ehemalige Existenz am ehesten alte Flurnamen hinweisen.  --  Eberhard Gönner, Reitersiegel in Südwestdeutschland (S. 151-167), gibt einen Überblick über den Gebrauch der Reitersiegel von der Mitte des 12. bis zur Mitte des 14. Jh., das auf hochadelige Familien beschränkt blieb und am häufigsten von den Pfalzgrafen von Tübingen verwendet wurde.  --  Wilfried Schöntag, Ein in Konstanz Ende des 13. Jahrhunderts gefälschtes Reitersiegel Pfalzgraf Hugos II. von Tübingen († 1182) (S. 168-178), ordnet die Siegelfälschung einer Fälschungsaktion des Bischofs von Konstanz und des Klosters Marchtal zu, mit der angeblich alte Rechte des Klosters gegenüber den Habsburgern verteidigt werden sollten.  --  Bernhard Theil, {179} Stift Buchau am Federsee und seine Pfarreien. Beobachtungen zur Besetzung der Pfarrstellen im Mittelalter unter besonderer Berücksichtigung der Stifte (S. 179-193), zeigt, daß die Besetzungspraxis des Stifts Buchau nicht vom allgemein Üblichen abwich.  --  Rainer Jooss, Gemeinde und Pfarreien in Metzingen vor der Reformation (S. 194-206).  --  Hans Pfeifer, Das Chorherrnstift Ellwangen in seinen Anfangsjahren (S. 207-218): Die Umwandlung der Abtei Ellwangen in ein Chorherrenstift 1460 führte auf den Gebieten der Verwaltung, der Rechtsprechung, der Bautätigkeit und des künstlerischen Lebens zu einem bemerkenswerten Aufschwung, der in erster Linie einer Reihe tüchtiger Stiftsherren zu verdanken war.  --  Robert Kretzschmar, "Hans Gesell ist hinweg geloffen". Ellwanger Leibeigenenverzeichnisse des Spätmittelalters (S. 219-237), untersucht die verschiedenen Schichten des Ellwanger Leibbuchs, das in den ersten drei Jahrzehnten des 15. Jh. geführt wurde und ein Zeugnis dafür ist, wie schwer es dieser Zeit fiel, einen Personenkreis, der sehr mobil war, über einen längeren Zeitraum systematisch zu erfassen.  --  Volker Trugenberger, Württemberg und die Feme (S. 238-263), behandelt ein Dutzend Rechtsfälle des 15. Jh., in denen Femegerichte angerufen und wirksam wurden, und die Bemühungen der Grafen von Württemberg ab 1440, den Einfluß dieser Gerichte in ihrem Territorium einzudämmen.  --  Eckhart G. Franz, Vergeblicher Liebeszauber. Die Ehe der Anna von Württemberg mit Graf Philipp d. Ä. von Katzenelnbogen (S. 264-272), schildert die unglückliche Ehe, die nach 35 Jahren 1457 von Papst Calixt III. getrennt wurde.  --  Kurt Andermann, Der Überfall im württembergischen Geleit bei Markgröningen im Jahre 1459 - ein klassischer Fall von Straßenraub? (S. 273-286), legt dar, daß der Überfall auf Frankfurter Kaufleute Weihnachten 1459 auf den ersten Blick wie ein simpler Raubüberfall aussieht, bei Berücksichtigung der zeitgeschichtlichen Hintergründe sich aber als hochpolitische Angelegenheit und Teil der Auseinandersetzungen zwischen der Kurpfalz und den Württemberger Grafen erweist.  --  Walter Wannenwetsch, Die Burg der Herren von Urbach - ihre Zerstörung durch Graf Eberhard im Bart 1493 eine Legende? (S. 287-295), kann keinen Hinweis auf eine Strafaktion des Grafen gegen die Burg finden, deren Herr 1495 der Reichsacht verfiel.  --  Adolf Laufs, Johannes Reuchlin - Rat und Richter. Erste Bausteine für eine juristische Biographie (S. 296-306), weist auf Reuchlins juristische Ausbildung in Frankreich und Deutschland, seine Tätigkeit als Rat Graf Eberhards von Württemberg und Kaiser Maximilians und sein Wirken als Richter des Schwäbischen Bundes hin, die gegenüber seinen Leistungen als Philologe und Dichter zu wenig berücksichtigt würden.  --  Dieter Mertens, Bebels Einstand (S. 307-324), würdigt die Carmina des Humanisten Heinrich Bebel, die er 1496 quasi als Visitenkarte bei Berufung auf die Humanistenlektur der Universität Tübingen vorlegte.  --  Am Schluß werden ausgewählte Veröffentlichungen des Geehrten verzeichnet.

Detlev Jasper


[4], S. 179

Cristianità ed Europa. Miscellanea di studi in onore di Luigi Prosdocimi, Vol. I a cura di Cesare Alzati, Roma u. a. 1994, Herder, 851 S., zahlreiche Abb., ISBN 88-85876-23-4, ITL 120.000.  --  Im Mittelpunkt der umfangreichen Festschrift für den Mailänder Kirchenhistoriker und Kanonisten stehen Beiträge zur Geschichte der ma. Christenheit, die unter drei Kapitel (Teil-Bd. 1: La Cristianità medievale: a. Strutture istituzionali, b. Esperienza religiosa ed elaborazione {180} culturale S. 47-353; Teil-Bd. 2: Il diritto nella Cristianità medievale S. 357-648 und La Cristianità oltre l'Europa, S. 651-718) zusammengefaßt wurden. Im einzelnen seien genannt: Gerd Tellenbach, Papatus (S. 47-58), stellt Belege für die Verwendung des Begriffs zusammen, der seit Mitte des 11. Jh. zumeist in rein historischen Mitteilungen auftaucht und die kirchliche Obrigkeit bezeichnet. Für seine Verbreitung ließen sich keine religiösen oder ekklesiologischen Konzepte namhaft machen.  --  Jean Gaudemet, La Primauté pontificale dans les Collections canoniques grégoriennes (S. 59-90), zeigt an acht italienischen Kanonessammlungen der zweiten Hälfte des 11. Jh., daß zur Begründung des päpstlichen Primats hauptsächlich Texte Pseudoisidors und echte Dekretalen des 4. und 5. Jh. herangezogen wurden.  --  Giuseppe Fornasari, Urbano II e la riforma della Chiesa nel secolo XI ovvero la riforma nella dispensatio (S. 91-110), setzt sich kritisch mit der neueren Literatur über Urban II. auseinander und betont die Wichtigkeit seines Pontifikats für den Fortgang der Kirchenreform.  --  Edith Pasztor, Onus Apostolicae Sedis. Per la storia del papato nel secolo XIII (S. 111-129), beschreibt anhand der Registerbriefe, wie Clemens IV. sein Amt auffaßte und wie er seine Möglichkeiten als Staats- und Kirchenmann einschätzte.  --  Peter Herde, Die Wahl Bonifaz' VIII. (24. Dezember 1294) (S. 131-153), ist davon überzeugt, daß Bonifaz im ersten Wahlgang des Konklaves gewählt wurde und der Führer der Orsini, Matteo Rosso, sich nicht zur Wahl stellte, weil ein Erreichen einer Zweidrittelmehrheit für ihn aussichtslos war.  --  Giovanni Tabacco, Papa Giovanni XXII e il cardinale Napoleone Orsini di fronte alla Cristianità europea (S. 155-173), versucht die politischen und religiösen Grundgedanken der beiden nachzuzeichnen.  --  Reinhard Elze, Ordines für die Königskrönung in Mailand (S. 175-189), zählt die Krönungen fränkischer und deutscher Herrscher zum König des Regnum Italiae von der Karolingerzeit bis ins 16. Jh. auf, die nur zum Teil in Mailand stattfanden, bespricht die dazu gehörenden Ordines und ediert einen "Ordo von 1431", dessen Vorbild ein Ordo für die Kaiserkrönung war.  --  Cinzio Violante, Un beneficio vassallitico istaurato con una carta di livello (Cremona 8 novembre 1036) (S. 191-200), ordnet die Urkunde, mit der sich der Graf Arduin in die Vasallität des Bischofs von Cremona begab, in einen größeren Zusammenhang ein.  --  Pierre Racine, Aux origines de l'esprit laic: l'exemple des communes italiennes (S. 201-219), ist ein Überblick über die Entwicklung der Kommunen in der Lombardei und der Emilia vom 10. bis 13. Jh. mit Schwerpunkt auf Piacenza.  --  Jean-Marie Martin, Quelques remarques sur le culte des images en Italie méridionale pendant le haut Moyen Age (S. 223-236), stellt die erstaunlich zahlreichen, besonders in Urkunden anzutreffenden Erwähnungen von Ikonen in Mittelitalien und dem Fürstentum Neapel aus dem 11./12. Jh. zusammen, die sich zum Teil durch die zahlreichen griechischen Theologen und Klöster in Süditalien erklären ließen.  --  Walter Berschin, I traduttori d'Amalfi nell'XI secolo (S. 237-243), ist die Zusammenfassung eines Abschnittes aus seinem Griechisch-lateinisches MA (vgl. DA 38, 693) S. 253 ff.  --  Francesco Giunta, Santità ed eremitismo nella Sicilia normanna (S. 245-248), sieht das starke Streben nach heiligmäßigem Leben und Eremitendasein im Sizilien des 12. Jh. durch Einflüsse der griechischen und lateinischen Theologie gefördert.  --  Giles Constable, The Letter of Hugh of Soissons to the Premonstratensian Abbots (S. 249-263), ediert den Brief (nach 1134) aus der einzig bekannten Überlieferung Paris, BN lat. 2842, fol. 141v-144v, eruiert die wenigen {181} Nachrichten über seinen Autor Hugo Farsitus und versucht, ihn und andere Träger dieses Namens aus der ersten Hälfte des 12. Jh. auseinanderzuhalten.  --  Edmond-René Labande, Qu'est-ce qu'un pèlerin vicaire? (S. 265-272), stellt Beispiele aus dem Spät-MA für Auftragspilger zusammen, deren Leistungen und Entlohnungen oft testamentarisch oder auch notariell festgelegt wurden.  --  Bernhard Schimmelpfennig, "Guide di Roma" im Mittelalter (S. 273-288), zählt Typen von Romführern vom 7. bis zum 15. Jh. auf: in den Führern des 7./8. und 14. Jh. habe die religiöse Komponente überwogen, in denen des 12./13. und 15. Jh. sei die Antikenrezeption stärker zum Zuge gekommen.  --  Franco Cardini, La memoria di Gerusalemme. Riflessioni sul Diario di un pellegrino da Firenze al Santo Sepolcro (1384-85) (S. 289-296), vergleicht den Reisebericht des Lionardo di Niccolò Frescobaldi ins Heilige Land mit anderen Berichten über dieselbe Reise und kommt zu dem Schluß, daß bei Frescobaldi religiöse und militärische Interessen dominierten.  --  Giuseppe Cremascoli, "Theologia" nel "Catholicon" di Giovanni Balbi (S. 297-312), betont das Bestreben des Johannes von Genua († um 1298), Theologie als rational begründbare Wissenschaft darzustellen.  --  Roberto Rusconi, I "falsi credentes" nell'iconografia della predicazione (Secoli XIII-XV) (S. 313-337), interpretiert achtzehn Bilder, auf denen neben Ungläubigen auch Häretikern gepredigt wird.  --  Ernst Werner, Eucharistie und Wortverkündigung im Reformationsverständnis von Jan Hus (ca. 1370-1415) (S. 339-353), sieht das Zentrum von Hus' Theologie in der Botschaft der Evangelien und der Wortkirche, in der der Laienkelch oder die Transsubstantiation nur Randerscheinungen sind.  --  Karol Rebro, La Grande Moravia. Gli inizi del Cristianesimo e dell'ordine giuridico (S. 357-368), befaßt sich mit Kanonessammlungen wie der Dionysio-Hadriana, einer Übersetzung des Nomokanon oder den Gesetzen für das Volk (Zakon sudnyj ljudem), die im Gefolge der Mission Konstantins und Methods ins Großmährische Reich gelangt sein können.  --  Gábor Hamza, Les sources des Décrets de Saint Étienne (S. 369-375), sind Beschlüsse der Mainzer Konzilien von 847 und 853, Volksrechte und die Responsa Nikolaus' I. an die Bulgaren.  --  John Gilchrist, The Collectio canonum of Bishop Anselm II of Lucca (d. 1086): Recension B of Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Cod. 597 (S. 377-403), verzeichnet die Auslassungen und zusätzlichen Kapitel der Rezension gegenüber der von Thaner gedruckten Version A. Den Anlaß für dieses Unternehmen sieht G. in dem Bemühen, Anselms Sammlung zu ergänzen und stärker auf praktische Fragen auszurichten.  --  Robert Somerville, A Textual Link between Canterbury and Lucca in the Early Twelfth Century? (S. 405-415), hält einen Zusammenhang zwischen der Ivo-Hs. Cambridge Corpus Christi College MS 19 aus Canterbury und dem Luccheser Codex Vatikan Barb. lat. 535 der Kanonessammlung Anselms von Lucca wegen einer Sequenz nur selten überlieferter Kanones für wahrscheinlich, zumal sich Ende des 11. Jh. engere Beziehungen zwischen Lucca und Bury St. Edmund's nachweisen lassen.  --  Charles Duggan, Italian Marriage Decretals in English Collections: With Special Reference to the Peterhouse Collection (S. 417-451), beschäftigt sich mit den 34 Dekretalen zum Eherecht in der Collectio Petrihusensis (Ende 12. Jh.), die zumeist von Alexander III. stammen und überwiegend englische Adressaten haben. Einige an Italiener gerichtete Dekretalen der Sammlung werden ediert und ihre Aufnahme in andere Dekretalensammlungen nachgewiesen.  --  Peter Landau, Die Eheschließung von Freien mit {182} Unfreien bei Burchard von Worms und Gratian. Ein Beitrag zur Textkritik der Quellen des kanonischen Rechts und zur Geschichte christlicher Umformung des Eherechts (S. 453-461), untersucht die Texteingriffe Burchards in Decr. 9, 18, 26 und 27 und Gratians in C. 29 q. 2 c. 1 und 2, in denen das Prinzip der Gotteskindschaft aller Menschen, Freier und Unfreier, in den Vordergrund gestellt wird, das zu einer Umgestaltung des Eherechts geführt hat.  --  Juan Fornés, Notas sobre el Duo sunt genera Christianorum del Decreto de Graciano (S. 463-484), bietet eine Übersicht über die Auslegung des bei Gratian C. 12 q. 1 c. 7 Hieronymus zugeschriebenen Textes seit dem 6. Jh.  --  André Gouron, Observations sur le Stemma Bulgaricum (S. 485-495), bekräftigt die von Hermann Kantorowicz vorgeschlagene Datierung der Schrift ins zweite Viertel des 12. Jh. und weist als Schreiber der disputationes reportatae Giraudus, den Vf. der Summa Trecensis, nach.  --  Aryeh Graboïs, Une approche canonistique au XIIe siècle à l'égard des alieni dans la societas christiana: Rufin (S. 497-509), zeigt, daß Rufinus in seiner Summe mit den alieni in der Christenheit die Juden meinte, womit der Weg zu ihrer rechtlich abgesicherten Diskriminierung freigemacht worden sei.  --  Rudolf Weigand, Die Dekretabbreviatio "Exceptiones ecclesiasticarum regularum" und ihre Glossen (S. 511-529), analysiert die in acht Hss. überlieferte Abbreviatio und vergleicht sie mit fünf anderen Dekretabbreviationen.  --  Gérard Fransen, Quaestiones Mediolanenses. Examen du manuscrit Bibl. Ambros. H. 128 inf. et édition de 12 questions (S. 531-548): Die Quaestionen stammen aus den 80er Jahren des 12. Jh.  --  JiKejr, Princivalli Mediolanensis Lectura super Decretum (S. 549-560), trägt die wenigen Nachrichten vom Ende des 13. Jh. über das Leben des in Padua lehrenden Kanonisten zusammen, informiert über vier erhaltene Codices und eine verlorene Hs. der Lectura, ihren Aufbau und über ihre wahrscheinliche Benutzung durch Guido de Baysio († 1313).  --  Pier Giovanni Caron, Il Cardinale Ostiense artefice dell'"utrumque ius" nella prospettiva europea della canonistica medievale (S. 561-582), befaßt sich mit den Bemühungen des Hostiensis († 1270) um eine Verschmelzung kanonischen und römischen Rechts zu einem ius commune für die christliche Welt.  --  Giovanni Santini, La riscoperta del pensiero giuridico di Guido da Suzzara nel quadro del diritto comune dell'Europa medievale (S. 583-589), skizziert in dieser Notiz, mit der S. schon 1987 die Präsentation eines Buches über Guido da Suzzara († 1293) einleitete, Leben und Wirken des Bologneser Juristen.  --  James A. Brundage, The Lawyer as his Client's Judge: The Medieval Advocate's Duty to the Court (S. 591-607), befaßt sich mit der Anwendung des Kalumnieneides.  --  Paolo Nardi, Note sui rapporti tra studia e pubblici poteri nei secoli XII-XIII (S. 609-633), skizziert Einflüsse weltlicher und geistlicher Mächte auf die Entwicklung des Studiums vom Scholarenprivileg 1155 bis Anfang des 14. Jh.  --  Kenneth Pennington, The Pazzi Conspiracy and the Jurists (S. 635-648), behandelt die Gutachten mehrerer Juristen, die sich gegen die von Sixtus IV. verhängte Exkommunikation Lorenzo de' Medicis nach der Pazzi-Verschwörung (1478) aussprechen und sie wegen gravierender juristischer Verfahrensfehler für nichtig erklären.  --  Bernard Guillemain, Le pape Benoît XII (1334-1342) et l'élargissement du monde (S. 651-660): Während man Griechen und Armeniern mit dogmatischer Härte begegnete, sah der Papst die Missionsanfänge in Asien durch die Brille der missionierenden Orden zu positiv.  --  Die verbleibenden elf Beiträge dieser Festschrift behandeln Themen, die außerhalb unseres Arbeitsgebietes {183} liegen. Es ist bedauerlich, daß die über fünfzig facettenreichen Arbeiten der beiden Bände dem Leser ohne jedes Register angeboten werden.

Detlev Jasper


[5], S. 183

Mittelalter und Moderne. Entdeckung und Rekonstruktion der mittelalterlichen Welt (Kongreßakten des 6. Symposiums des Mediävistenverbandes in Bayreuth 1995), hg. von Peter Segl, Sigmaringen 1997, Jan Thorbecke Verlag, XI u. 396 S., ISBN 3-7995-5405-X, DEM 98.  --  Insgesamt 24 Kongreßbeiträge werden hier präsentiert, die sich auf vier Sektionen verteilen. Sektion I mit dem Titel "Wandel von Weltbildern und kulturellen Praktiken in Mittelalter und Früher Neuzeit" stand unter der Leitung von Werner Röcke, dessen Einführung "Weltbilder - Mentalitäten - kulturelle Praxis. Perspektiven einer interdisziplinären Mediävistik" (S. 3-13), eine Kurzfassung des im Mittellateinischen Jb. 31,2 (1996) S. 21-37 erschienenen Aufsatzes (vgl. DA 53, 240) darstellt.  --  Bernhard Jussen, Zwischen Römischem Reich und Merowingern. Herrschaft legitimieren ohne Kaiser und König (S. 15-29), beschäftigt sich mit dem Funktionswandel des Bischofsamtes in der Spätantike und im frühen MA und hat sich im übrigen schon anderenorts (vgl. DA 51, 627 f.) mit diesem Themenkreis befaßt.  --  Christian Kiening, Aspekte einer Geschichte der Trauer in Mittelalter und früher Neuzeit (S. 31-53).  --  Norbert Schindler, Willkommene Besucher und ungebetene Gäste - Besuchspraktiken im Karneval des 15. und 16. Jahrhunderts (S. 55-76).  --  Peter von Moos, Heloise und Abaelard. Eine Liebesgeschichte vom 13. zum 20. Jahrhundert (S. 77-90), geht der Rezeptionsgeschichte von vier Stellen in Heloises Briefen nach, die ihren Mythos als 'Heilige der Liebe' begründeten, und spricht die Hoffnung aus, "daß wir Heloises Briefe heute endlich in dem etwas humaneren und toleranteren Horizont lesen können, in dem sie im 13. Jahrhundert als Klosterlektüre bereitgestellt wurden" (S. 90).  --  Uta Lindgren, Anfänge moderner Naturwissenschaft im Mittelalter (S. 93-94), führt in die von ihr geleitete gleichnamige Sektion II ein, die sich darum bemühte, mit einigen auch unter heutigen Mediävisten noch verbreiteten Vorurteilen aufzuräumen: August Nitschke, Der Wandel des Denkens bei den Naturwissenschaftlern im Hohen und Späten Mittelalter (S. 94-107), illustriert durch Beispiele aus Wilhelm von Conches und Albertus Magnus den Wandel wichtiger Parameter 'naturwissenschaftlichen' Weltverständnisses und versucht, deren Auswirkungen auf "die politische Argumentation und Formen der Sozialisation" (S. 98) darzustellen.  --  Wolfgang Kokott, Kometenbeobachtungen im Spätmittelalter (S. 109-120), analysiert in seinem - mit Verlaub - für Laien nicht gerade selbsterklärenden Aufsatz Kometenbeschreibungen vom 13. bis 15. Jh. und kommt zu der Schlußfolgerung, daß "der Übergang vom Mittelalter zur Moderne im Fall der Kometen ... volle vier Jahrhunderte gedauert (hat)" (S. 120).  --  Anne Tihon, L'astronomie byzantine au tournant du Moyen Age et de la Renaissance (de 1352 à 1490) (S. 121-129), gibt einen kurzgefaßten Überblick über den Stand der astronomischen Wissenschaft im Byzanz des 14. und 15. Jh. (ausführlicher und mit detaillierten Belegen unter dem Titel L'astronomie byzantine à l'aube de la Renaissance de 1352 à la fin du XVe siècle, in: Byzantion 66, 1996, S. 244-280).  --  Claus Priesner, Alchemische Labortechnik im Mittelalter (S. 131-137), beschreibt vornehmlich auf Grund der Summa perfectionis des Geber (vermutlich 2. Hälfte 13. Jh.) die Techniken der Sublimation und der Destillation.  --  Rudolf Simek, Die Form der Erde im Mittelalter und die Erfinder der Scheibengestalt (S. 139-147, {184} 5 Abb.), sieht in Kosmas Indikopleustes den Hauptschuldigen für den neuzeitlichen Irrtum, im MA habe man sich die Erde als Scheibe vorgestellt. Mitgespielt habe auch ein engeres, am klassischen Latein orientiertes Verständnis von orbis (= Scheibe).  --  Kristian Bosselmann-Cyran, Gynäkologische und sexualkundliche Fachterminologie im 15. Jahrhundert. Deutsch als Wissenschaftssprache in einer Tabuzone (S. 149-160), sieht in einem Sexualaufklärungsbedarf spätma. städtischer Oberschichten und in dem Wunsch, praktikable Verständigungsinstrumente zwischen Arzt und Patientin, aber auch Arzt und Hebamme herzustellen, ein wesentliches Motiv für die Übersetzung einschlägiger Werke in die Volkssprache und untersucht die von Johannes Hartlieb und in einer weiteren oberdeutschen Übersetzung der Secreta mulierum benutzten Wortfelder für (männliche und weibliche) Geschlechtsorgane, den Geschlechtsverkehr und die Menstruation.  --  Hans-Werner Goetz, Das Problem der Epochengrenzen und die Epoche des Mittelalters (S. 163-172), erörtert in seinem gedankenreichen Essay einige grundlegende Periodisierungsprobleme und den Zusammenhang von Epochengrenzen und Epochencharakter und umreißt so das Thema der Sektion III ("Langes Mittelalter und die Anfänge der Moderne"), die fünf, an Ertrag weit hinter das Einleitungs-Statement zurückfallende Beiträge umfaßt: Ingrid Baumgärtner, Kontinuität und Wandel in Literatur und Praxis des gelehrten römischen Rechts (S. 173-186), sieht in Tradition und Gebrauch des Ius commune ein epochenübergreifendes Kontinuitätselement vom 11./12. bis zum 17./18. Jh.  --  Wendelin Knoch, Nikolaus von Kues: ein Grenzgänger zwischen mittelalterlicher Glaubensreflexion und neuzeitlich-philosophischem Denken (S. 187-196).  --  Alessandro Nova, Konservative Theorie und innovative Praxis: Die Franziskaner-Observanten und die Kunst (S. 197-206), erörtert die Funktion von Bildern in Franziskanerkirchen.  --  Tomas Tomasek, Kontinuität und Wandel literarischer Kleinstformen zwischen Mittelalter und Neuzeit (am Beispiel einiger Pointetypen) (S. 207-219), beschreibt die Zeit um 1500 als eine Zäsur im Verständnis literarischer Kleinstformen ("eine Wende mit paradigmatischem Charakter", S. 218). Im übrigen kann man lernen, daß "ein Rätsel, aus heutiger Sicht, eine irreguläre Prüfungsfrage" ist (S. 209 Anm. 12) und daß manche Fragestellungen von vornherein wenig Aussicht auf ertragreiche Antworten bieten.  --  Dietz-Rüdiger Moser, Mittelalter als Wissenschaftskonstruktion und Fiktion der Moderne (S. 223-227), thematisiert einige Grundprobleme der von ihm geleiteten, gleichnamigen Sektion IV: Friedrich Wolfzettel, Die antiquités gauloises und die humanistische Konstruktion des Mittelalters im französischen 16. Jahrhundert (S. 229-241).  --  Wilhelm G. Busse, Jacob Grimms Konstruktion des Mittelalters (S. 243-251), beschreibt die Grimmsche Mittelalterkonstruktion mit drei Thesen als pan-germanisch, ahistorisch und pagan und sieht "die Prinzipien dieser Konstruktion noch mitten unter uns".  --  Helmut G. Walther, Abschied von der Geschichte und Mythenzauber. Das Mittelalter des 19. Jahrhunderts in Richard Wagners "Ring des Nibelungen" (S. 253-278), erweist den Wagnerschen Mythos eines fiktiven Mittelalters "als besondere Form utopischen Denkens des 19. Jahrhunderts" (S. 276).  --  Hans Holländer, Kunsthistorische Mittelaltervorstellungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts (S. 279-288), schildert vor allem die kunsthistorischen Barrieren beim Blick auf das MA, die wesentlich durch normative Ästhetikvorstellungen bedingt waren.  --  Max Kerner, Das Mittelalter als "Kindheit Europas". Zu den Geschichtsromanen Umberto Ecos (S. 289-304), {185} widmet sich den Romanen "Der Name der Rose" und "Das Foucaultsche Pendel" ("einer Art geschichtlicher Enzyklopädie des Okkulten", S. 297).  --  Unter einer eigenen Rubrik steht die über einen Aufsatz weit hinausgehende Abhandlung von Otto Gerhard Oexle, Die Moderne und ihr Mittelalter. Eine folgenreiche Problemgeschichte (S. 307-364), deren Inhalt sich einer knappen Zusammenfassung entzieht: Die Konzeption des MA durch das Denken der Moderne wird von Novalis bis an die Grenzen der Gegenwart verfolgt, und der Autor plädiert nachdrücklich dafür, allen Versuchungen zur Selbstgenügsamkeit zu widerstehen: "Mehr als bisher müssen Mediävisten sich in Zukunft auf mehr verstehen als nur auf das Mittelalter. Sie müssen auch sagen können, was das Mittelalter mit der Moderne zu tun hat, zum Beispiel: welches die mittelalterlichen Bedingungen der Moderne sind, in der wir selbst leben". Dem ist nichts hinzuzufügen.

Gerhard Schmitz


[6], S. 185

Peter Herde, Gesammelte Abhandlungen und Aufsätze, Bd. 1: Von Dante zum Risorgimento. Studien zur Geistes- und Sozialgeschichte Italiens, Stuttgart 1997, Hiersemann, IX u. 419 S., ISBN 3-7772-9713-5, DEM 260.  --  Insgesamt sechs, teilweise sehr umfangreiche und an etwas entlegener Stelle publizierte Studien werden hier in einem ersten Band von H. selbst in überarbeiteter Form herausgegeben und durch ein Register erschlossen. Es handelt sich um: Dante als Florentiner Politiker (S. 1-54; zuerst 1976, vgl. DA 35, 688); Dante als Sozialphilosoph (S. 55-73; zuerst 1990); Humanism in Italy (S. 75-90; zuerst 1973); Politik und Rhetorik in Florenz am Vorabend der Renaissance. Die ideologische Rechtfertigung der Florentiner Außenpolitik durch Coluccio Salutati (S. 91-159; zuerst 1965); Politische Verhaltensweisen der Florentiner Oligarchie 1382-1402 (S. 259-398); Guelfen und Neoguelfen. Zur Geschichte einer nationalen Ideologie vom Mittelalter zum Risorgimento (S. 259-398; zuerst 1986, vgl. DA 45, 328).

Martina Stratmann


[7], S. 185

Karl Leyser (†), Communications and power in the middle ages. [1]: The Carolingian and Ottonian centuries; 2: The Gregorian revolution and beyond, edited by Timothy Reuter, London 1994, The Hambledon Press, XVII u. 244 S. bzw. XXV u. 214 S., ISBN 1-85285-013-2 bzw. 1-85285-113-9, jeweils GBP 35.  --  Der 1992 verstorbene Oxforder Mediävist hinterließ eine Reihe unvollendeter Aufsätze, die R. einheitlich redigiert und ggf. mit Anm. versehen hat; der zweite Band enthält auch eine kurze Würdigung L.s als Historiker (S. IX-XV).  --  Im einzelnen enthält Bd. 1 folgende Beiträge: Concepts of Europe in the early and high middle ages (S. 1-18).  --  Three historians (S. 19-28).  --  Early medieval warfare (S. 29-50).  --  Early medieval canon law and the beginnings of knighthood (S. 51-71; 1984; vgl. DA 43, 205).  --  The Ottonians and Wessex (S. 73-104; 1983.  --  The Anglo-Saxons 'at home' (S. 105-110; 1979).  --  Liudprand of Cremona: preacher and homilist (S. 111-124; 1984; vgl. DA 43, 242).  --  Ends and means in Liudprand of Cremona (S. 125-142; 1988).  --  Theophanu divina gratia imperatrix augusta: western and eastern emperorship in the later tenth century (S. 143-164).  --  987: the Ottonian connection (S. 165-179).  --  Maternal kin in early medieval Germany (S. 181-188; 1969).  --  Ritual, ceremony and gesture: Ottonian Germany (S. 189-213).  --  The ascent of Latin Europe (S. 215-232; 1986; vgl. DA 46, 204).  --  Der zweite Band betrifft vor allem das 11. und 12. Jh.: On the eve of the first {186} European revolution (S. 1-19).  --  The crisis of medieval Germany (S. 21-49; 1983; vgl. DA 41, 638).  --  From Saxon freedoms to the freedom of Saxony: the crisis of the eleventh century (S. 51-67; 1991).  --  Gregory VII and the Saxons (S. 69-75; 1985; vgl. DA 48, 752).  --  Money and supplies on the First Crusade (S. 77-95).  --  The Anglo-Norman succession 1120-25 (S. 97-114; 1992; vgl. DA 52, 364).  --  Frederick Barbarossa and the Hohenstaufen polity (S. 115-142; 1988; vgl. DA 44, 642).  --  Frederick Barbarossa: court and country (S. 143-155; 1992; vgl. DA 53, 701).  --  The Angevin kings and the holy man (S. 157-175; 1987; vgl. DA 43, 668).  --  A recent view of the German college of electors (S. 177-188; 1954).  --  Warfare in the western European middle ages: the moral debate (S. 189-203).

Timothy Reuter (Selbstanzeige)


[8], S. 186

Vito Fumagalli, Scrivere la storia. Riflessioni di un medievista, Bari 1995, Laterza, 109 S., ISBN 88-420-4635-3, ITL 24.000.  --  F. (1938-1997) hat in diesem kleinen Band sechs Aufsätze aus den Jahren seit 1975 zusammengestellt, von denen "Immagini del Medioevo dal Settecento ad oggi" (S. 35-46) hier zum ersten Mal publiziert ist. Die anderen sind: "Scrivere la storia, ovvero l'uso delle fonti" (S. 3-19), "Ombre e luci nel Medioevo di Ludovico Antonio Muratori" (S. 21-33), "Medievisti italiani" (S. 47-62), "Storici delle campagne" (S. 63-86), "Storia generale, storia locale" (S. 87-102). Das sind lesenswerte Nebenprodukte eines umfangreichen Lebenswerks, das hierzulande vor allem durch die Übersetzung einiger Bücher bekannt und geschätzt ist: "Wenn der Himmel sich verdunkelt. Lebensgefühl im Mittelalter" (1988; vgl. DA 45, 750); "Der lebende Stein. Stadt und Natur im Mittelalter" (1989); "Mensch und Umwelt" (1992). In Italien war F. nicht nur wegen seiner Veröffentlichungen bekannt, sondern vor allem auch als erfolgreicher Lehrer (in Bologna seit 1970/71).

Reinhard Elze


[9], S. 186

Gregorio Penco, Monasteri e comuni cittadini: Un tema storiografico, Benedictina 43 (1996) S. 117-133, bietet einen Forschungsüberblick jüngerer einschlägiger Arbeiten zum italienischen Hoch-MA.

Christian Lohmer


[10], S. 186

Lutz Raphael, Die Erben von Bloch und Febvre. "Annales"-Geschichtsschreibung und "nouvelle histoire" in Frankreich 1945-1980, Stuttgart 1994, Klett-Cotta, ISBN 3-608-91304-1, DEM 128.  --  R.s Darmstädter Habilitationsschrift hat den Aufstieg der um die "Annales. Economies. Sociétés. Civilisations" sich gruppierenden Forscher zur führenden Schule der Neuzeit-Historiker in Frankreich zum Thema. Nach der "Häresie" von Marc Bloch und Lucien Febvre gegen die positivistische, nationalgeschichtliche Geschichtswissenschaft etablierte sich die "Annales"-Schule nach 1945 unter den "Schulhäuptern" Fernand Braudel und Ernest Labrousse mit den Methoden der "histoire quantitative" und der Erforschung der "longue durée". In den 1970er Jahren mündete eine quantitativ betriebene Sozialgeschichte in eine Erforschung von "Mentalitäten", "eine unterirdische Suche nach namenlosen Weisheiten" (Ph. Ariès). R. analysiert eine Fülle von Haupt- und Nebenwerken der "Annales"-Historiker nach ihrem methodischen {187} Vorgehen, zeigt, wie hochfahrende Programme oft ins hergebrachte Handwerk des Historikers münden, und macht die Aporien einer auf Statik und generalisierenden Aussagen ruhenden Historie deutlich, der sich die Mediävistik weitgehend entzogen hat: Emmanuel Le Roy Ladurie, dessen Montaillou-Buch mit 300 000 Exemplaren in Frankreich der Kassenschlager der Geschichtswissenschaft wurde, und Georges Duby werden als distanzierte, problembewußte Außenseiter der Bewegung nuanciert. Der Vf. dieses gedanken- und perspektivenreichen Buches gibt - trotz bisweilen ermüdender Wortkaskaden - auch faszinierende Einblicke in die Durchsetzungsstrategien der Bewegung im Kampf um Lehrstühle und Institutionen; die Erfolgsrezepte zur Selbst-Kanonisierung hatte schon L. Febvre skizziert: "Uns zitieren, keine Gelegenheit auslassen, uns zu zitieren."

Markus Wesche {187}


[11], S. 187

Westfälische Forschungen 46 (1996).  --  Der Band vereinigt unter dem Thema "Regionale Historiographie im Spannungsfeld von Politik und Wissenschaft" zahlreiche Einzeluntersuchungen. Die Aufsätze, die unter diesem Gesichtspunkt auch die Mediävistik am Beispiel einzelner Forscher betreffen, seien hier angezeigt: Willi Oberkrome, Probleme deutscher Landesgeschichtsschreibung im 20. Jahrhundert. Regionale Historiographie im Spannungsfeld von Politik und Wissenschaft (S. 1-32).  --  Ernst Pitz, Zur Historiographie der Landesgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Herausbildung von Historischen Kommissionen (S. 33-48).  --  Esther Ludwig, "Ein sonniges Neuland" oder der Historiker als "Diagnostiker am Leibe des Volkes". Zum Verhältnis von politischem Legitimationsbedarf und wissenschaftlichem Erkenntnisinteresse anhand der Kontroverse der "Kötzschke-Schule" mit Adolf Helboks Volkstumsgeschichte (S. 49-72).  --  Karl Ditt, Die Kulturraumforschung zwischen Wissenschaft und Politik. Das Beispiel Franz Petri (1903-1993), (S. 73-176, mit 3 Abb.), verdient besondere Beachtung, weil der Vf. den wissenschaftlichen Lebenslauf von Franz Petri als Beispiel verständig und kritisch würdigt und weil Petri auf seinem langen Lebensweg vor und auch nach 1945 vielen anderen Historikern begegnet ist.  --  Franziska Wein, Der Rhein in der Landesgeschichte. Deutscher Strom oder europäische Achse? (S. 177-185).  --  Aram Mattioli, Geschichte als nationale Legitimationswissenschaft. Der schweizerisch-deutsche Gelehrtenstreit um die Hochrheingrenze (S. 186-209), widmet aus seiner Sicht einen eigenen Abschnitt (siehe S. 198-203) dem "repräsentativen Gelehrten" (S. 201) Friedrich Metz (1890-1969).  --  Jörg Hackmann, "An einem neuen Anfang der Ostforschung". Bruch und Kontinuität in der ostdeutschen Landeshistorie nach dem Zweiten Weltkrieg (S. 232-258), gelangt zu dem Ergebnis, daß die "wissenschaftsgeschichtliche Kontinuität" (S. 251) stärker war als das Interesse an einem konzeptionellen Wandel.

Goswin Spreckelmeyer {187}


[12], S. 187

Brygida Kürbis, W stulecie monachijskiej filologii lacinskiej sredhniowiecza [Im Jahrhundert der Münchner lateinischen Philologie des MA], Studia Zdrodloznawcze 36 (1997) S. 73-83, erweist mit einem (auch bebilderten) biographischen Überblick zu den Gelehrten von Ludwig Traube bis Bernhard Bischoff dem "langen 19. Jh. " der ma. philologischen Quellenkritik ihre Reverenz (ebd. S. 167-170 auch ein Nachruf auf B. Bischoff von derselben Vf.).

Thomas Wünsch {187}


{188}

[13], S. 188

Ansgar Frenken, Die Erforschung des Konstanzer Konzils (1414-1418) in den letzten 100 Jahren (= Annuarium Historiae Conciliorum 25 [1993] S. 5-512) Paderborn 1995, Ferdinand Schöningh, ISBN 3-506-59462-1, DEM 154.  --  Die vorliegende Kölner Diss. erreicht nicht ganz das Niveau der vergleichbaren Diss. von J. Helmrath zum Basler Konzil von 1987, ist aber eine tüchtige, fleißige Bestandsaufnahme, die sich das Ziel gesetzt hat, "einschlägige Forschungsinteressen nachzuweisen und deren Stellenwert im Gesamtzusammenhang der Konstanz-Rezeption zu analysieren", um so einen "Baustein für eine noch zu schreibende umfassende Forschungs- und Rezeptionsgeschichte des Konstanzer Konzils" zu liefern (S. 11). Die Untersuchung schildert zunächst (S. 17-89) eingehend die Bemühungen Heinrich Finkes und seiner zahlreichen Schüler - unter Heranziehung auch archivalischer Quellen (vgl. S. 419 f.) -, wirft ferner einen relativ knappen Blick auf die französische (vor allem Noël Valois) und spanische Forschung (S. 91-118), um dann ausführlich die Problemgeschichte der "Verhandlungsgegenstände" anzupacken: die drei "causae", die "causa unionis" (S. 119-178), die "causa fidei" mit den drei Prozeßkomplexen, die freilich nicht chronologisch, sondern in einer sachlichen Ordnung vorgeführt werden (Petit-Prozeß S. 181-205; Falkenberg S. 207-244; Hus-Prozeß S. 245-297), die "causa reformationis" (S. 299-357; die Studie von P. H. Stump, vgl. DA 50, 322 f., konnte noch keine Berücksichtigung finden). Ein weiterer Abschnitt stellt die zentralen Probleme einer theologischen Rezeption vor, vor allem die Dekrete "Haec sancta" und "Frequens" betreffend (S. 359-399). Schließlich werden die Linien der Nachkriegsforschung bis zum krönenden Schlußstein, der Geschichte des Konstanzer Konzils von Walter Brandmüller (vgl. DA 47, 692-695) ausgezogen (S. 391-417). Die Berichterstattung ist nüchtern, die ins Auge gefaßten Themen werden umsichtig mit breiter Literaturkenntnis präsentiert. Wichtige Fragen freilich, wie etwa die persönliche Zusammensetzung, die Rolle König Siegmunds und die Bedeutung der deutschen Politik bleiben unterbelichtet, andere, wie die Geschäftsordnung (von der nur die "Konzilsnationen" Aufmerksamkeit finden, nicht dagegen Abstimmungsmodi, Ausschüsse, Organe) sind weitgehend ausgeblendet. Was "Konziliarismus" heißt, wird in einer verengten Definition (S. 146 ff.) im Sinne der gegenwärtig herrschenden Meinung verharmlost. Aus den sorgfältig referierten Positionen der internationalen Forschung ergibt sich jedoch bei richtigem Gebrauch im einzelnen hoher Gewinn. Die Studie bietet eine rasche und solide Orientierung im Urwald der Literatur und dürfte ihren Wert als vorsichtig kritische Bestandsaufnahme noch einige Zeit behalten. Die ungewöhnliche Form ihrer Publikation in einem Zeitschriftenband, der ein fiktives Datum trägt, das vor dem Termin des Rigorosums liegt, sollte freilich besser keine Schule machen.

Jürgen Miethke {188}


[14], S. 188

Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hg. von Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck. Bd. 8 in zwei Teilbänden: Register, bearb. u. hg. von Reinhart Koselleck und Rudolf Walther, Stuttgart 1997, Klett-Cotta, XII u. 984 S. bzw. VIII u. S. 985-2116, ISBN 3-12-903911-2, zus. DEM 398.  --  Das Erscheinen des mächtigen Register-Doppelbandes gibt Anlaß, auch im mediävistischen {189} Rahmen auf den glücklichen Abschluß dieses einzigartigen, 1972 begonnenen Nachschlagewerks (vgl. DA 31, 234; 32, 591) in sieben Bänden (bis 1992) hinzuweisen, zumal sich bei der Bearbeitung der Lemmata zunehmend herausgestellt hat, daß die ursprünglich intendierte Konzentration auf die Zeit seit 1700 nicht aufrechtzuerhalten war und durch eine viel weiter zurückgreifende Blickrichtung ersetzt werden mußte. So ist eine ganze Anzahl von ausführlichen Artikeln entstanden, die auch Sprachgebrauch und Begriffsinhalte des MA einbeziehen, z. B. unter den Stichwörtern Feudalismus, Friede, Geschichte, Herrschaft, Krieg, Monarchie, Reich, Revolution, Stand/Klasse, Toleranz, Verwaltung/Amt, Volk/ Nation, Wirtschaft. Die Stoffülle von fast 7 000 Textseiten wird nun durch ein ausführliches Register der verwendeten Begriffe und Wortbelege in deutscher und in fremden Sprachen erschlossen, worunter das "Lateinische Register" (S. 1443-1636) für unsere Arbeit wohl den fruchtbarsten Einstieg bietet. Gesondert erfaßt sind zudem die angeführten Rechtsquellen und Bibelstellen, die in Zitaten auftauchenden Personennamen sowie die Autoren der wiedergegebenen Quellen.

Rudolf Schieffer


[15], S. 189

Gerhard Köbler, Lexikon der europäischen Rechtsgeschichte, München 1997, C. H. Beck, XVIII u. 657 S., ISBN 3-406-42796-0, DEM 98.  --  Rund 6 000 Stichworte enthält dieses Werk, das sich an Juristen ebenso wendet wie an historisch interessierte Leser und das "eine kurze und klare Übersicht über die wichtigsten allgemeinen Erscheinungen der geschichtlichen Grundlagen des geltenden Rechts" (S. VII) sein will, zurückreichend bis "zu den Ausläufern der Steinzeit", mit "der unmittelbaren Gegenwart" endend und geographisch die "westliche Halbinsel des eurasischen Kontinents" abdeckend. Für einen einzelnen Vf. ist dies eine Herkulesaufgabe, sie kann kaum gutgehen, und so wird, wer Freude daran hat, nach Herzenslust meckern können. In der Tat weiß man nicht recht, was man mit einem Stichwort wie "dare (lat.) geben" oder "Unrecht Gut gedeiht nicht", unter dem sich keinerlei Erläuterung, sondern nur der Hinweis auf R. Schmidt-Wiegand, Deutsche Rechtsregeln (DA 52, 659 f.) findet, anfangen soll. Selbstverständlich war es auch nicht möglich, alle Gebiete in gleicher Dichte und Zuverlässigkeit aufzunehmen (so findet man unter "Poenitentiale" den Verweis auf "Paenitentiale", dort aber nur das "Paenitentiale (N.) Theoderi (!) (lat.)" und weder hier noch dort den Hinweis auf "Bußbuch", in dem Theodor noch einmal genannt wird), und der Zwang zur Kürze führt nicht immer zu einem Gewinn an Präzision, er kann auch reichlich nichtssagend werden ("Klasse (F.) Gruppe"). Der Fachmann wird sich also, wenn er sich anders zu helfen weiß, anders helfen, als erste Anlaufstation für Laien kann man das Lexikon gelten lassen. Eine seiner Zielsetzungen ("die Rechtstreue der Allgemeinheit fördern und schützen und zugleich heilend und vorbeugend gegen die Rechtsfeindschaft von Rechtsbrechern, Lügnern, Schmierern, Hochstaplern und inzüchtigen Selbstbedienern wirken", S. IX f.) kann man wohl nur unterstützen.

Gerhard Schmitz


[16], S. 189

Die deutschen Königspfalzen. Repertorium der Pfalzen, Königshöfe und übrigen Aufenthaltsorte der Könige im deutschen Reich des Mittelalters, hg. vom Max-Planck-Institut für Geschichte. Redaktion Lutz Fenske, Thomas Zotz, Bd. 3: Baden-Württemberg, 2. Lieferung: Esslingen (Schluß) - Kirchen (Anfang), bearbeitet von Helmut Maurer, 3. Lieferung: Kirchen (Schluß) - Langenau, {190} bearbeitet von Helmut Maurer, Göttingen 1993 bzw. 1997, Vandenhoeck & Ruprecht, S. 113-240 bzw. 241-367, ISBN 3-525-36508-X bzw. 3-525-36510-1, DEM 38 bzw. DEM 34.  --  Als ein grundlegendes mediävistisches Arbeitsmittel wird das Repertorium regelmäßig im DA angezeigt. Es braucht hier nicht mehr in seiner Anlage vorgestellt zu werden, vielmehr ist nur auf das weitere Fortschreiten hinzuweisen. 16 Orte sind in den beiden Lieferungen erfaßt. Am Beispiel von Langenau, dem letzten Artikel, lassen sich Forschungsaufwand und Präzision des Unternehmens am leichtesten verdeutlichen. Nur ein Königsaufenthalt ist an diesem Ort nachzuweisen: am 24. September 1150 hielt Konrad III. hier einen Hoftag, der allein aus der Dokumentation eines Tauschgeschäftes zwischen den Klöstern Elchingen und St. Blasien bekannt ist (die Existenz einer königlichen curtis ist aus DH. II. 55 belegt); auf 12 Seiten (S. 355-367) zeichnet M. ein Bild von dem so schmal überlieferten Königshof. Im Mittelpunkt der beiden Lieferungen steht der Artikel über Konstanz (S. 263-331). 34 Königsaufenthalte von Karl dem Großen (780) bis Konradin (1267) werden vorgestellt, bei denen der Herrscher jeweils vom Bischof beherbergt wurde. Nur ein Teil der Aufenthalte wird damit erfaßt, denn M. führt S. 325 f. noch eine Liste mit Königsaufenthalten auf der Reichenau, in Bodman, St. Gallen und Überlingen an und vermutet wohl zu recht, daß diese jeweils mit einem Besuch des Herrschers in Konstanz zu verbinden sind. Kleinigkeiten sind bei der Durchsicht aufgefallen: S. 226 wäre der Tod Adelheids, der Frau Rudolfs von Rheinfelden, 1079 auf dem Hohentwiel in das Regest aufzunehmen (so S. 232 lokalisiert) und nicht nur ihr Aufenthalt dort zu erwähnen. Bei dem wichtigen Aufenthalt Kaiser Karls III. in Kirchen vom Mai/Juni 887 wäre nicht nur im Regest, sondern auch unter der Rubrik "anwesend" die Kaiserin Richardis zu nennen, die sich von hier nach der Trennung ihrer Ehe in das Kloster Andlau zurückzog (S. 241 f.; so wird S. 244 Oda unter dieser Rubrik genannt, die 894 in Kirchen mit ihrem Gemahl König Arnulf zusammengetroffen ist). S. 156 ist ein möglicher Aufenthalt Ludwigs des Deutschen in Heilbronn (874) ungünstig im Kleingedruckten versteckt, ähnlich ist S. 205 ein möglicher Besuch Heinrichs IV. in Hirsau erwähnt. Es wäre wohl günstiger, derartige unsichere Königsaufenthalte mit einem eigenen Regest zu versehen (um statistische Auswertungen nicht zu stören, am besten als a-Nummer?), denn die vorzügliche Aufbereitung des Quellenmaterials verführt den nicht lokalgeschichtlich interessierten Benutzer dazu, die Regesten der Königsaufenthalte zur Grundlage seiner Arbeit zu machen. Das hervorragende Arbeitsmittel verträgt sicher auch eine geradezu kleinkarierte Ausstellung: S. 190 ist im Kommentar zu V. 1 Nr. 1 "Bischofsweihe" statt "Abtsweihe" zu lesen.

Ernst-Dieter Hehl


{191}

2. Hilfswissenschaften und Quellenkunde

1. Allgemeines, Methode S. 191. 2. Bibliographien S. 194. 3. Archive, Archivgeschichte S. 195. 4. Bibliotheken, Bibliotheksgeschichte S. 196. 5. Urkunden, Traditionen, Regesten, Register S. 200. 6. Diplomatik S. 210. 7. Staatsschriften, Denkschriften, Fürstenspiegel S. 215. 8. Rechtsquellen: a) weltliches Recht, b) kirchliches Recht, c) Stadtrecht S. 215. 9. Wirtschaftsgeschichtliche Quellen, Urbare, Rechnungsbücher S. 226. 10. Briefe, Formularbücher, Ars dictandi, Rhetorik S. 227. 11. Chronikalische Quellen S. 229. 12. Hagiographie S. 240. 13. Bibel, liturgische Quellen, Nekrologe S. 246. 14. Patristik, Theologie, Philosophie, Predigten S. 252. 15. Naturwissenschaften, Medizin, Enzyklopädie S. 258. 16. Literarische Texte S. 263. 17. Philologie, Sprach-, Namen-, Ortsnamenkunde S. 269. 18. Paläographie, Handschriftenkunde, Frühdruck S. 274. 19. Chronologie S. 280. 20. Historische Geographie S. 280. 21. Genealogie S. 280. 22. Siegelkunde, Münzkunde, Heraldik, Inschriften S. 281. 23. Staatssymbolik S. 284. 24. Archäologie S. 285.

[17], S. 191

Elisa Occhipinti, Che cosa è il Medioevo. Percorsi storiografici tra quattro e ottocento. Bologna 1994, Cisalpino, Istituto Editoriale Universitario - Manduzzi Editore, 286 S., ISBN 88-205-0755-2, ITL 42.000.  --  Das Buch besteht aus zwei Teilen. Im ersten wird die schrittweise Herausformung des Mittelalterbegriffs in der historischen wie der geschichtsphilosophischen Literatur vom 15. Jh. bis in unser Jahrhundert verfolgt. Das Buch ist zwar als Handreichung für Studenten gedacht, genügt aber durchaus auch höheren Orientierungsansprüchen. Am Ende jedes Kapitels findet sich in Form einer bibliographie raisonnée eine Besprechung der angeführten Werke, von Petrarca bis Braudel. In einem zweiten Teil werden Textauszüge geboten, darunter solche von Croce, Barraclough, Esch und Koselleck.

Horst Fuhrmann


[18], S. 191

R. C. Van Caenegem avec la collaboration de F. L. Ganshof, Introduction aux Sources de l'Histoire Médiévale, nouvelle édition mise à jour par L. Jocqué, traduction de l'anglais par B. Van den Abeele (CC Cont. Med.) Turnholti 1997, Brepols, 649 S., ISBN 2-503-50596-1 (relié) bzw. 2-503-50597-X (broché), BEF 7.000 bzw. 1.200.  --  Das 1962 erstmals auf Niederländisch erschienene und seither in mehrere Sprachen übersetzte und aktualisierte Standardwerk, das in dieser Zs. damals nicht angezeigt wurde, wird hier, wie der Umfang von 649 Seiten gleich signalisiert, in erheblich erweiterter Neuauflage geboten. Die zuletzt berücksichtigte Literatur datiert von 1996, und ein abschließendes größeres Kapitel ist berechtigterweise den neuen Medien gewidmet. Die im Aufbau strikte Orientierung an den früheren Auflagen ist vermutlich der Grund dafür, daß z.B. die in den vergangenen Jahrzehnten stärker beachteten Quellengattungen der liturgischen Ordines und der Capitula episcoporum gar nicht erwähnt werden. Ansonsten ist aber die bibliographische Leistung bei den behandelten Quellen und Fragestellungen von sehr hohem Niveau, so daß man nicht nur Proseminaristen das Werk uneingeschränkt empfehlen kann.

Martina Stratmann


[19], S. 191

Richard Sharpe, A Handlist of the Latin Writers of Great Britain and Ireland before 1540 (Publications of the Journal of Medieval Latin 1) Turnhout 1997, Brepols, 913 S., ISBN 2-503-50575-9, BEF 3.500.  --  Dieses dickleibige Werk stellt sich bewußt in die Tradition der sog. 'Tudor antiquarians' John Bale und {192} John Leland, die angesichts der Auflösung der kirchlichen Bibliotheken unter Heinrich VIII. versuchten, alle Informationen über ma. Quellen in England zusammenzutragen und sie so vor dem spurlosen Untergang zu bewahren. In alphabetischer Reihenfolge behandelt S. über 2 000 lateinische Autoren des 5. bis 16. Jh. aus England, Irland, Schottland und Wales, zu denen jeweils die Stellenangabe in den Werken von Bale und Leland geboten wird. Ihre Schriften sind mit Edition einzeln aufgeführt; bei schlechter Editionslage folgt auch eine Aufzählung von Hss. des Textes. Bei berühmten 'Engländern' wie z. B. Alcuin kommt da natürlich eine lange Liste mit Codices in vielen europäischen Bibliotheken zusammen, denn die Auswahl ist nicht, was ja auch denkbar gewesen wäre, auf die Inseln beschränkt. Es versteht sich fast von selbst, daß bei einem solchen Verfahren kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden kann; so verhilft, um nur ein Beispiel anzuführen, die S. 421 zitierte Ausgabe von E. Revell, The Late Letters of Peter of Blois (1993) auch zu einer weiteren Überlieferung von Peters Traktat Quales sunt (Erfurt, Amplonianus F 71, Revell S. XX), von dem hier nur zwei Oxforder Codices genannt sind und der immer noch nach Migne zu benutzen ist. Der Hg. macht diese Problematik bereits im Vorwort deutlich, und es ist ihm zuzustimmen, daß die Fülle des Gebotenen gelegentliche Auslassungen leicht aufwiegt.

Martina Stratmann


[20], S. 192

La critica del testo mediolatino. Atti del Convegno (Firenze 6-8 dicembre 1990), a cura di Claudio Leonardi (Biblioteca di "Medioevo Latino" 5) Spoleto 1994, Centro italiano di studi sull'alto medioevo, VIII u. 455 S., ISBN 88-7988-454-9, ITL 80.000.  --  Die unter der Ägide von C. Leonardi rührige S. I. S. M. E. L. nahm das 10-Jahre-Jubiläum ihres bibliographischen Organs Medioevo latino zum Anlaß, einen Kongreß über die Editionsprobleme mittellateinischer Texte zu veranstalten und legt mit diesem Band die Ergebnisse vor: Horst Fuhrmann, Il nuovo mondo degli editori. Una lettera invece di un saggio (S. 3-9), reflektiert über die rasanten Veränderungen des Edierens nach Quantität und Technik, nicht ohne skeptische Einsprengsel ("Che mi importa di Agostino o di Gregorio Magno se il CD-ROM mi fornisce le indicazioni necessarie?", S. 8), aber ohne Resignation ("Verso nuove sponde..." S. 9).  --  Claudio Leonardi, La filologia mediolatina (S. 11-27), ist ein korrigierter Wiederabdruck eines Beitrags in der Enciclopedia Italiana, Appendice V (1992), der ein Gesamtbild des Fachs seit den Bollandisten gibt, in dem auch die Rolle der MGH gebührend berücksichtigt wird und Umfang, Probleme, Reihen und Hilfsmittel vorgestellt werden.  --  Unter dem ersten Generalthema "Il metodo" liest man: Louis Holtz, La recherche des témoins (S. 31-59), gibt wertvolle Hinweise zur Heuristik der Originalüberlieferung auch über die bloßen Hss.-Kataloge hinaus, benennt besondere Schwierigkeiten und spart nicht mit praktischen Hinweisen etwa zu den Hilfmitteln des Institut de recherche et d'histoire des textes und zum Medioevo latino.  --  Enrico Menestò, La 'Recensio' (S. 61-77), grenzt die Lachmannsche Methode als "ricostruzione meccanica" auf die Fälle eines mindestens dreiteiligen, nicht korrumpierten Stemmas ein und verfolgt auf hohem theoretischen Niveau die Verfeinerungen der weiteren Diskussion, insbesondere die Rolle von Irrtümern und Varianten im Verlauf der Textüberlieferung bei der "Suche nach dem rechten Text".  --  Giovanni Orlandi, Pluralità di redazioni e testo critico (S. 79-115), untersucht die gar nicht so seltenen Spezialfälle ursprünglicher, vom Autor selbst vorgenommener {193} Veränderungen (Fehler, Redaktionen) mit konkreten Beispielen (Leo Marsicanus, Abaelard, Leon Battista Alberti, Metellus von Tegernsee, Radulfus Glaber, Petrarca, Scotus Eriugena u. a.).  --  John Barri Hall, L'emendatio: il caso del "Metalogicon" di Giovanni di Salisbury (S. 117-126), spart als Hg. des angesprochenen Textes (CC 1991; vgl. DA 49, 290) nicht mit Kritik an seinem Vorgänger C. Webb ("un'edizione la peggiore possibile", S. 119) wie auch an der editorischen Grundentscheidung der Toronto Medieval Latin Texts ("uso perverso", S. 118), kalkuliert aber auch ein, bei seiner eigenen Edition manchmal den Autor selbst korrigiert zu haben (und hofft dafür auf Vergebung).  --  Enzo Cecchini, La congettura: esperienze e riflessioni (S. 127-145), demonstriert an Beispielen des 14. Jh. (Boccaccio, Giovanni del Virgilio), wie Kenntnis der verwendeten Quellen oder auch nur Textanklänge ("intertestualità") Entscheidungshilfen bei der Textkonstitution abgeben können, und schlägt als Ausweg aus der unbefriedigenden Aufarbeitung des mittellateinischen Wortschatzes vorläufige Abhilfe mit der EDV vor.  --  Peter Christian Jacobsen, Prosodie und Metrik als Mittel der Textkritik (S. 147-171), zeigt im Vorgriff auf seine Sammlung authentischer Regelverstöße in der Prosodie, wieviel Freiheiten sich die spätantik-karolingischen Dichter bei der Silbenmessung nahmen, wofür sie im Hoch-MA getadelt wurden. Die Versschemata waren fester fixiert, weshalb dann auch am Beispiel des Martinus-Hymnus aus der Feder Odos von Cluny, der am Schluß ediert wird, die authentischen von den späteren Zusätzen unterschieden werden können.  --  Dag Norberg, Le vers térentianéen (S. 173-184), sieht diese Versform besonders in den Fällen verwendet, "où les poèmes n'ont pour but que de relever le sentiment" (S. 179) und in liturgischen Dichtungen (Ermenrich von Ellwangen endete allerdings nicht als "évêque de Padoue", S. 180, sondern als Bischof von Passau).  --  "I generi letterari" ist das zweite Generalthema: Giovanni Polara, Storia della trasmissione dei testi grammaticali (S. 187-201), beschränkt sich auf die Grammatiker bis zur Karolingerzeit und weist auf die besonderen Schwierigkeiten der Textkonstitution gerade in diesem sensiblen literarischen Genus hin, in dem es auf allerhöchste Präzision etwa in der Orthographie ankommt.  --  Giuseppe Cremascoli, Tra i monstra della lessicografia medievale (S. 203-214), demonstriert in allerlei Beispielen Sprachwandel und gesuchte Etymologie in ma. Lexika, wobei nicht immer leicht zu entscheiden ist, was gewollte Setzung und was Abschreibefehler ist.  --  Paul Gerhard Schmidt, Zur Überlieferung mittellateinischer Dichtung (S. 215-224), betont die "Fluidität" gerade poetischer Texte, die wegen vielfältiger Kontamination (und eventueller Trunkenheit der Schreiber!) kaum nach der Lachmannschen Methode ediert werden können, und druckt 34 Verse eines Carmen de scriptoribus aus dem Anhang zu den Revelationes des Richalm von Schöntal (Innsbruck, Univ.-Bibl., Cod. 36) mit der ernüchternden Botschaft: Heu vos scriptores, libros corrumpitis omnes! - Ferruccio Bertini, A che punto è oggi l'edizione critica delle commedie elegiache (S. 225-235; 2 Taf.), berichtet über einige Mißverständnisse, die sich aus dem Gebrauch bloßer Mikrofilme von Hss. oder auf Grund der heterogenen Überlieferung ergaben, und weist auf einige Fehler bisheriger Editionen, u. a. im Corpus von G. Cohen (Paris 1931) und bei E. Franceschini hin.  --  Michael Lapidge, Editing Hagiography (S. 239-258), macht auf Grund seiner eigenen Arbeit an angelsächsischer Hagiographie darauf aufmerksam, daß Viten eine Charakteränderung mitmachten von "fixed texts" zu "fluid texts": bis ins 10. Jh. wurden sie meist in einzelnen libelli {194} relativ stabil überliefert, dann aber verändert, als sie mehr und mehr als Lesungen innerhalb der Nokturnen in der Tagzeitenliturgie Verwendung fanden und innerhalb von Passionaren oder Lektionaren überliefert wurden - mit entsprechenden Editionsschwierigkeiten, von denen im Anhang ein konkretes Beispiel geboten wird.  --  Herbert Schneider, Die Edition liturgischer Texte. Das Beispiel der "Ordines de celebrando concilio" (S. 259-276), will an ausgewählten Problemen (der 1996 innerhalb der MGH erschienenen Edition) die besonderen Schwierigkeiten aufweisen, die sich aus dem Charakter der liturgischen Texte als "textes vivants" (M. Andrieu) ergeben (Selbstanzeige).  --  Francesco Del Punta, Per una tipologia della tradizione dei testi filosofico-teologici nei secoli XIII e XIV (S. 277-298), teilt zunächst die Überlieferung ein in die universitäre (auf der Basis von exemplar und Pecien) bzw. nicht-universitäre (auf der Basis der reportatio oder ordinatio) und kommt dann zu verschiedenen systematischen Untergruppen.  --  Unter dem Thema "Gli esempi" stehen folgende kürzere Beiträge zu einzelnen Werken in der Art von Werkstattberichten: Lucia Benassai, Intertestualità tra fonti e testo: Alcuni problemi di ricezione del testo di Plinio, "Naturalis Historia", nelle mediolatine "Curae ex animalibus" (S. 301-312).  --  Sandra Bruni, Le due versioni del "De orthographia" di Alcuino e il Codex Vindobonensis 795 (S. 313-321), listet die gesamte hsl. Überlieferung des Traktats auf und weist die Randkorrekturen im Wiener Kodex der Benutzung einer zweiten Version des Werkes zu.  --  Paolo Chiesa, Testi provvisori, varianti d'autore, copie individuali. Il caso dell'Antapodosis di Liutprando (S. 323-337), greift mit der Antapodosis das Beispiel eines über längere Zeit hin und an mehreren Orten entstandenen Werkes auf mit entsprechenden redaktionellen Eingriffen des Autors selbst.  --  Edoardo D'Angelo, Memoria culturale e trascrizione dei testi. Su due lectiones singulares della tradizione manoscritta del "Waltharius" (S. 339-349).  --  Anna Maria Giannella, Un carme epitaffico romano dell'XI secolo (S. 351-362), interpretiert ein Grabgedicht von 1028 für einen Verstorbenen der Familie der Creszenzier.  --  Giovanni Paolo Maggioni, Diverse redazioni della "Legenda aurea". Particolarità e problemi testuali (S. 365-380), weist nach, daß die von ihm "erweitert" genannte Rezension auf den Autor selbst zurückzuführen ist, und macht weitere Beobachtungen zum komplizierten Entstehungsprozeß des Werkes.  --  Concetta Luna, Osservazioni sulla Reportatio monacense del commento di Egidio Romano sul libro II delle Sentenze (S. 381-414), präsentiert einige paläographische und kodikologische Beobachtungen zum clm 8005, der allein den gesamten Sentenzenkommentar überliefert, und einige Textbeobachtungen zu Buch II, sowie die Liste der 91 Quaestionen der Reportatio.  --  Vincenzo Fera, Il trionfo di Scipione (S. 415-430), versucht die quellenbelegten Anteile von den phantasierten bei der Schilderung des römischen Triumphzuges bei Petrarca zu scheiden.  --  Der Inhalt des Bandes wird von einem Index der zitierten Hss. und Autoren (auch der modernen) erschlossen.

Herbert Schneider


[21], S. 194

Guido Hendrix, Conspectus bibliographicus sancti Bernardi ultimi patrum 1989-1993. Deuxième édition augmentée (Recherches de Théologie ancienne et médiévale. Supplementa 2) Leuven 1995, Peeters, IX u. 258 S., ISBN 90-6831-696-9 bzw. 2-87723-256-5, BEF 2.000, erfaßt die nahezu unzähligen Arbeiten {195} anläßlich der 900. Wiederkehr der Geburt des Kirchenlehrers in alphabetischer Reihenfolge der Vf. Sieben Indices erschließen das nützliche Kompendium.

Christian Lohmer


[22], S. 195

Olivier Guyotjeannin, Les méthodes de travail des archivistes du roi de France (XIIIe-début XVIe siècle), AfD 42 (1996) S. 295-373, legt dar, wie die Erschließungstechnik der Archivalien verfeinert wurde, und dokumentiert in vier Anhängen die verschiedenen Typen von Inventaren und Repertorien.

Klaus Naß


[23], S. 195

Die Bestände des Sächsischen Hauptstaatsarchivs und seiner Außenstellen Bautzen, Chemnitz und Freiberg, Bd. 1, 1-2. Bearbeitet von Bärbel Förster, Reiner Groß und Michael Merchel (Quellen und Forschungen zur Sächsischen Geschichte 12, 1-2) Leipzig 1994, Universitätsverlag, XXXVII u. 454 S. bzw. XII u. S. 455-814, ISBN 3-929031-56-6, DEM 98.  --  Zuletzt wurden die Bestände dieser Einrichtung (ab 1945: Sächsisches Landeshauptarchiv; ab 1965: Staatsarchiv Dresden; ab 1993 wieder: Sächsisches Hauptstaatsarchiv) im Jahre 1955 in knapper Form der Öffentlichkeit bekanntgemacht. Damals konnten die Zuwächse aus den Jahren 1945/52 nicht vollständig aufgenommen werden. Diese und das bis zum Ende 1993 hinzugekommene Material sind in die vorliegende Bestandsübersicht eingegangen. Der Band beinhaltet lediglich die in Dresden verwahrten Archivalien. Für das in den Außenstellen Bautzen, Chemnitz (vormals Karl-Marx-Stadt), das einen Teil der 1994 geschlossenen Außenstelle Glauchau übernommen hat, und Freiberg liegende Archivgut sind die in Vorbereitung befindlichen Bände 2-4 vorgesehen. Das Dresdner Hauptstaatsarchiv ist für den Mediävisten von besonderem Interesse, weil es gemeinsam mit dem Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar einen großen Teil des schriftlichen Nachlasses der Wettiner aufbewahrt. Dazu kommen große Teile des Archivs der Herzöge von Sachsen-Wittenberg aus askanischem Hause, welches 1423 mit der sächsischen Herzogswürde an die Wettiner fiel, die bis dahin schon - zum Teil nur zeitweilig  --  Markgrafen von Meißen und der Ostmark/Lausitz/Landsberg, Landgrafen von Thüringen und Pfalzgrafen von Sachsen waren, um zumindest die sächsischen Fahnlehen in wettinischer Hand zu nennen. Andere wichtige Bestände können nur in Auswahl genannt werden: Unter den Kopialen befindet sich ein größeres Fragment aus den Kanzleiregistern Kaiser Karls IV., das letztmalig von A. F. Glafey im Jahre 1734 herausgegeben worden ist. In den Nachlässen sind u. a. wissenschaftliche Materialsammlungen namhafter sächsischer Archivare (z. B. Hans Beschorner, Carl von Posern-Klett, Otto Posse) zum Teil mit Vorarbeiten zu Editionen enthalten, darunter auch von Mitarbeitern, die zeitweilig an MGH-Vorhaben tätig waren (Woldemar Lippert). Alle diese Details sind aber durch einen beigegebenen Index für den Leser erschlossen. Außerdem enthalten die Bände einen Bildteil, der Baulichkeiten des Archivs und Ausgewähltes aus den Beständen (S. XXXIV: Abbildung der Urkunde König Sigismunds vom 6. Januar 1423 über die Belehnung Markgraf Friedrichs IV. von Meißen mit der sächsischen Kur- und Herzogswürde; Reg. Imp. 11 Nr. 5430) des Archivs veranschaulicht.

Michael Lindner {195}


{196}

[24], S. 196

Christoph Haidacher, Zwischen zentralem Reichsarchiv und Provinzialregistratur. Das wechselvolle Schicksal des Innsbrucker Archivs gezeigt am Beispiel seiner Erwerbungen und Extraditionen, MIÖG 105 (1997) S. 156-169, gibt einen Überblick der Tiroler Archivgeschichte vom späten 13. Jh. bis zur Gegenwart.

Rudolf Schieffer


[25], S. 196

Guida degli Archivi diocesani d'Italia 2, a cura di Vincenzo Monachino, Emanuele Boaga, Luciano Osbat, Salvatore Palese (Pubblicazioni degli Archivi di Stato. Quaderni della Rassegna degli Archivi di Stato 74 = Archiva Ecclesiae 36-37) Roma 1994, Ministero per i beni culturali e ambientali, Ufficio centrale per i beni archivistici, 310 S., ISBN 88-7125-081-8, ITL 20.000.  --  In Italien bilden die Archivare kirchlicher Institutionen seit 1956 einen eigenen Archivarverband mit eigenen Archivtagen und einer eigenen Zs.: Archiva Ecclesiae. Nach mehreren Anläufen wurde auf dem 15. Archivtag 1984 der sehr begrüßenswerte Beschluß gefaßt, die Bestände der Diözesanarchive Italiens, deren Zahl im Jahr 1986 von 325 auf 219 reduziert wurde, in summarischer Form zu publizieren und damit in den Dienst der Forschung zu stellen. Von den insgesamt 3 vorgesehenen Bänden liegen inzwischen die Bände 1 (erschienen 1990) und 2 vor. In alphabetischer Reihenfolge werden jeweils 80 Archive (Bd. 1: Acireale-Verona; Bd. 2: Acerra-Volterra) verzeichnet, wobei die Bearbeiter folgendes Schema zugrundelegten: Adresse, Öffnungszeiten, Benutzungsmöglichkeiten, Abriß der Geschichte des Archivs, Beständeübersicht, bibliographische Angaben.

Alfred Gawlik


[26], S. 196

Rassegna degli Archivi di Stato 56,2 (1996).  --  Der Band enthält neben den üblichen Berichten über die Aktivitäten der einzelnen Archive vor allem die Beiträge eines Studientages, veranstaltet im römischen zentralen Staatsarchiv am 25. Januar 1996 anläßlich der Publikation des 4. und letzten Bandes des Führers durch die italienischen Staatsarchive (vgl. DA 53, 602); Thema der Tagung: "La Guida generale degli Archivi di Stato italiani e la ricerca storica". Der hier vor allem interessierende Beitrag von Dino Puncuh, Le fonti per la storia medievale negli Archivi di Stato italiani (S. 392-397), bedauert die unzulängliche Aufbereitung der mediävistischen Archivbestände in diesem Werk und ungenügende, oft völlig fehlende Informationen über etliche historische Archive des Landes.  --  Beigebunden ist dem Band das Gesamtverzeichnis der Publikationen der Staatsarchive.

Marlene Polock


[27], S. 196

Gioacchino F. D'Andrea, L'Archivio storico della Provincia napoletana del SS. Cuore di Gesù, Archivum Franciscanum Historicum 89 (1996) S. 537-560, bietet einen kursorischen Überblick über bisher unerschlossenes Quellenmaterial, gibt aber leider keine konkreten Hinweise zum heutigen Aufbewahrungsort der Archivalien.

Christian Lohmer


[28], S. 196

Helmut Gneuss, Books and libraries in early England (Collected Studies Series 558) Aldershot 1996, Variorum, X u. 308 S., ISBN 0-86078-602-1, GBP 52,50.  --  Der Band vereinigt elf Beiträge der Jahre 1957 bis 1993, vor allem {197} aus Festschriften und der Zs. Anglia. Als wichtige Zutat ist der Index of manuscripts zu nennen (nach Beitrag XI, S. 1-4).

Arno Mentzel-Reuters


[29], S. 197

G. N. M. Vis, In het spoor van Egbert. Aartsbisschop Egbert van Trier, de bibliotheek en geschiedschrijving van het klooster Egmond (Egmondse Studiën 3) Hilversum 1997, Verloren, 191 S., 11 Abb., ISBN 90-6550-289-0, GBP 39.  --  Der dritte Band der Egmonder Studien ist der Bedeutung Egberts von Trier († 993) für die Bibliothek und die Historiographie des Klosters seiner Heimat gewidmet. Er enthält folgende, wichtige Beiträge : S. Flesch, Egbert, Trier, Gent und Egmond (S. 13-24), schlägt vor, erstens den Hauptvf. der Vita sancti Adalberti, Ruopert von Mettlach, mit dem Stifter des Egbert-Psalters, Ruodpreht, und mit dem Elekt von Toul, Robert, gleichzusetzen, und zweitens in dem anonymen Mitvf. der genannten Vita den englischen Mönch aus Sankt-Peter zu Gent und späteren Abt von Mettlach, Lioffin, zu erkennen.  --  J. P. Gumbert, Egberts geschenken aan Egmond (S. 25-43), interpretiert die Bücherschenkungen Egberts an das Kloster Egmond, wie sie in der Hs. Leiden UB Ltk. 611, f. 144 (Abb. S. 40) und in anderen Quellen bewahrt sind, als Stiftungsgeschenke, und rückt das Stiftungsdatum des Klosters, das bis jetzt um 950 angesetzt wurde, in die Jahre 976 bis 980.  --  R. H. F. Hofman, Onderwijs in middeleeuws Egmond (S. 45-63), evaluiert den in Egmond zwischen ca. 975 und ca. 1130 erteilten Unterricht anhand der Egmonder Bücherliste und kommt zu dem Ergebnis, daß die Voraussetzungen für eine gute Allgemeinbildung vorhanden waren.  --  J. W. J. Burgers, Allinus, grafelijke kapelaan en Egmondse geschiedschrijver (S. 65-149), rekonstruiert Leben und Werk des Egmonder Mönchs und gräflichen Kaplans Allinus Van Haarlem (um 1150 - nach 1222). Dieser hat nicht nur in den Jahren 1198-1203 und 1214-1222 die Kanzlei der Grafen von Holland geleitet, sondern auch in den Jahren 1204-1205 den Schlußteil der Annales Egmundenses verfaßt. Der Aufsatz schließt mit einer neuen kritischen Ausgabe und Übersetzung der Egmonder Annalen für die Jahre 1190-1205, für deren Anfertigung Allinus als Kopist und Korrektor bzw. Autor in der Original-Hs. London, BL, Cotton Tib. C. xi, verantwortlich war.  --  J. P. Gumbert, De Egmondse boekenlijst (S. 151-179), legt eine neue, kommentierte Ausgabe der Egmonder Bücherliste aus der Hs. Leiden UB, Ltk. 611, f. 144-148, vor; sie ersetzt die älteren von H. G. Kleyn (1887) und W. Lampen (1942 und 1950) besorgten Editionen.  --  H. G. E. Rose, Een 'nieuw' handschrift voor de Egmondse abdij. Een Egmonds Paulushs. in de Utrechtse Universiteitsbibliotheek (S. 181-188), zeigt, daß die Hs. Utrecht UB 34 Anfang des 12. Jh. im Egmonder Skriptorium entstanden ist und in der Egmonder Bücherliste unter dem Eintrag 108 Item epistulas pauli non glosatas erwähnt wird.

Rita Beyers {197}


[30], S. 197

Die Dombibliothek Hildesheim. Bücherschicksale. Im Auftrag der Dombibliothek Hildesheim und des Vereins für Geschichte und Kunst im Bistum Hildesheim hg. von Jochen Bepler und Thomas Scharf-Wrede, Hildesheim 1996, Bernward bei Don Bosco, XVI u. 512 S., Abb., ISBN 3-7698-0882-7, DEM 108.  --  Anläßlich der Einweihung eines neuen Bibliotheksgebäudes im Mai 1996 versucht diese Aufsatzsammlung nach den Worten der Hgg. "Facetten der Bibliothek, ihres Bestandes, ihrer Geschichte und ihrer Möglichkeiten aufzuzeigen" (S. XV). Von den 22 Aufsätzen seien folgende Titel hervorgehoben: Bernhard {198} Gallistl, Die Dombibliothek zu Hildesheim und ihre Geschichte (S. 59-90).  --  Heinrich Schipperges, Im "Haus der Heilkunde" bei Bruno von Hildesheim (S. 91-106), handelt von einer Bücherstiftung des Hildesheimer Bischofs Bruno im Jahre 1161.  --  Michael Brandt, Eine Hildesheimer Handschrift des 12. Jahrhunderts. Überlegungen zum Evangeliar Hs. 688e (S. 243-253).  --  Tietjen Wright, Fabule utilitatem in se continentes. Der kommentierte Äsop der Handschrift St. God. 27 (S. 255-270).  --  Fidel Rädle, Der heilige Benno von Meißen und Hildesheim. Texte aus der Handschrift Dombibliothek Hs. 123b (S. 271-304).  --  Enno Bünz, Unbekannte Profeßurkunden aus Benediktbeuern. Zeugnisse der spätmittelalterlichen Melker Klosterreform in der Dombibliothek Hildesheim (S. 305-352).  --  Erich Meuthen, Cusanus in Hildesheim (S. 387-414).  --  Helmar Härtel, Mittelalterliche Handschriften aus England in Hildesheimer Bibliotheken (S. 415-424), stellt einen Psalter des 12., eine Bibel des 13. und eine Practica Chirurgiae des 14. Jh. vor.

Arno Mentzel-Reuters


[31], S. 198

Martina Backes, Heldendichtung am Passauer Bischofshof: Zum Bücherverzeichnis Ottos von Lonsdorf († 1265), Literaturwissenschaftliches Jb. 36 (1995) S. 347-353, erinnert daran, daß in der zuletzt von Ch. E. Ineichen-Eder (vgl. DA 34, 586 f.) gedruckten Liste der dem Bischof vorbehaltenen Bücher die literaturgeschichtlich bemerkenswerten Eintragungen Item Attilam versifice ... Item cronica Karoli. Item libellus in Gallica lingua de Artusio begegnen, weiß dafür aber keine eindeutigen Bestimmungen zu geben.

Rudolf Schieffer


[32], S. 198

Anette Haucap-Nass, Der Braunschweiger Stadtschreiber Gerwin von Hameln und seine Bibliothek (Wolfenbütteler Mittelalter-Studien 8) Wiesbaden 1995, Harrassowitz Verlag, VII u. 376 S., 15 Abb., ISBN 3-447-03754-7, DEM 138.  --  Im Jahre 1935 wies Paul Lehmann in einem Aufsatz auf die bedeutende Büchersammlung hin, die der Kleriker, Notar und Stadtschreiber Gerwin von Hameln (ca. 1415-1496) zusammengetragen und der 'Liberey' von St. Andreas in Braunschweig vermacht hatte, insgesamt 336 Bände an Hss. und Inkunabeln und damit schon rein zahlenmäßig eine der bedeutendsten Privatbibliotheken des ausgehenden 15. Jh. Während Lehmann 104 Bände der Gerwinschen Sammlung namhaft machte, hat die Vf. dieser Göttinger Diss. nun 137 Bände ausfindig machen können; das entspricht knapp 41 % des Gesamtbestands. Am Anfang der Arbeit steht zunächst ein Lebenslauf Gerwins, der auch einen interessanten Einblick in das Amt des Stadtschreibers in dieser Zeit gewährt (S. 4-48); sodann wird seine Büchersammlung mit den Quellenaussagen über ihre Aufstellung, die Einbände, Besitzerzeichen, Schreiber etc. erschöpfend behandelt und im Anschluß daran das Themenspektrum der von Gerwin gesammelten Texte, das ihn als vielseitig interessiert ausweist. Besonders instruktiv sind die Vergleiche der Vf. mit anderen Privatbibliotheken des ausgehenden MA, die sie zu dem Urteil führen, daß "keine der bekannten Bibliotheken von Stadtschreibern aus dem 15. und frühen 16. Jh. ... mit der Büchersammlung Gerwins von Hameln vergleichbar" ist (S. 157). Von großem Wert ist auch der dann folgende Katalog mit den minutiösen Beschreibungen der jetzt bekannten 'Gerwin-Hss. (und -Drucke)', die heute nur noch zum Teil in Braunschweig liegen. Neben Wolfenbüttel sind Göttingen, Karlsruhe und Stuttgart heutige Bibliotheksorte, wohin sie {199} z. T. über den Nachlaß des bedeutenden Konzilien-Hg. Hermann von der Hardt (1660-1746) gelangt sind. In diesem Zusammenhang konnte die Vf. auch die bislang verschollen geglaubte Vorlage v. d. Hardts für die Confutatio primatus papae des Matthias Döring (ca. 1390-1469) wieder auffinden. Es handelt sich um die Hs. Stuttgart, Württemberg. LB, Cod. theol. et phil. 2#.* 85 fol. 368-373, die im VL2 fehlt. Ein Editionsanhang mit Testamenten und Stiftungen der Familie von Hameln rundet diese hochinteressante Studie ab, die man sich in der Form auch für andere Büchersammlungen der Zeit wünschen würde. An dieser Stelle sei noch hingewiesen auf: Gerwin von Hameln, Braunschweiger Büchersammler im späten Mittelalter. Katalog anläßlich der Ausstellung im Städtischen Museum Braunschweig vom 5. September 1996 bis 27. Oktober 1996, hg. von Anette Haucap-Nass, Hans-Joachim Behr u. a. (Braunschweiger Werkstücke. Reihe A, Bd. 43) Braunschweig 1996, 106 S., zahlreiche Abb., ISBN 3-87884-049-7. Der Katalog, der in Kurzfassung und für ein größeres Publikum den Stoff aufbereitet, stellt eine schöne Ergänzung zum Buch dar.

Martina Stratmann


[33], S. 199

Stanislav Petr, Soupis rukopis%*u zámecké knihovny v Mikulove [mit Zusammenfassung: Handschriften der Schloßbibliothek Nikolsburg], Sborník Národního muzea v Praze. Reihe C 39-40 (1994-95) S. 27-77.  --  Die Dietrichsteiner besaßen in Nikolsburg zwei wertvolle Bibliotheken. Die erste fiel im Dreißigjährigen Krieg den Schweden in die Hände, die zweite wurde in der Zwischenkriegszeit in Auktionen verstreut. Überraschenderweise findet man unter den 59 in Nikolsburg verbliebenen Hss. noch 15 vom Spät-MA, die vornehmlich theologisches Gut beinhalten und meist bohemikalen Ursprungs sind. 27 Wiegendrucke derselben Bibliothek werden ebenda verzeichnet durch Petr Masek und Zdena Wiendlová: Prvotisky ze zámecké knihovny Mikulov [mit Zusammenfassung: Wiegendrucke der Schloßbibliothek Nikolsburg] (S. 111-138).

Ivan Hlavácek {199}


[34], S. 199

Ivo Korán, Knihovna Mistra Jeronyma Prazského [mit Zusammenfassung: Die Bibliothek Magisters Hieronymus von Prag], Cesky casopis historicky 94 (1996) S. 590-600.  --  Das längst bekannte Bibliotheksverzeichnis von 1470 im Eigentum des Wischegrader Kollegiatkapitels wird durch den Autor gedruckt und genau kommentiert. Dabei kommt K. zum ziemlich überzeugenden Schluß, daß der ursprüngliche Bibliotheksinhaber Hussens enger Gefährte Hieronymus von Prag war.

Ivan Hlavácek {199}


[35], S. 199

Hermann-Josef Schmalor, Die Bibliothek der ehemaligen Reichsabtei Corvey, Westfälische Zs. 147 (1997) S. 251-269, zeichnet die wechselvolle Corveyer Bibliotheksgeschichte bis zur Durchführung der Säkularisation von 1803 nach und weist besonders auf den "Bestand Corvey" von rund 2500 Bänden hin, der heute in der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek Paderborn aufgestellt ist.

Goswin Spreckelmeyer {199}


[36], S. 199

Christine Mortiaux-Denoël, Étienne Guillaume, Le fonds des manuscrits de l'abbaye Saint-Jacques de Liège. II. Dispersion et localisation actuelle, Revue Bénédictine 107 (1997) S. 352-380, verzeichnen etwa 250 Hss., die bis zum Verkauf der Bibliothek von Sankt Jakob (1788) dem Kloster gehörten und heute {200} zum großen Teil in Darmstadt liegen. Der Verbleib von rund 350 Codices, die die Kataloge des Klosters nennen, ist nicht zu klären.

Detlev Jasper


[37], S. 200

Michael Reker, Die Bücher des Scholaren Martinus Giessen am Ende des 15. Jahrhunderts. Die Kölner "Studienbibliothek" eines bislang unbekannten gelehrten Mönches im Benediktinerkloster Abdinghof in Paderborn (mit 7 Abb.), Westfälische Zs. 146 (1996) S. 223-243, gelangt, ausgehend vom "Paderborner Inkunabelkatalog" (erschienen 1993), zu weiterführenden personenbezogenen Ergebnissen, die allgemein die Buch- und Bildungsgeschichte betreffen.  --  Die Transkription des mit Hilfe von Abb. 7 überprüfbaren Textes ist allerdings nicht fehlerfrei (S. 243 und S. 229).

Goswin Spreckelmeyer {200}


[38], S. 200

Lieselott Enders, Zur Frühgeschichte des Bistums Havelberg, Jb. für Berlin-Brandenburgische KG 61 (1997) S. 38-60, weist durch eine Prüfung der Voraussetzungen und des Inhalts der nur in neuzeitlichen Abschriften überlieferten Gründungsurkunde DO. I 76 zum wiederholten Male die Fälschungsvorwürfe von F. Curschmann und W. Schlesinger zurück (vgl. dagegen die folgende Anzeige).

Wolfgang Eggert {200}


[39], S. 200

Clemens Bergstedt, Die Havelberger Stiftungsurkunde und die Datierung der Gründung des Bistums Havelberg. Eine quellenkritische Bestandsaufnahme, Jb. für Berlin-Brandenburgische KG 61 (1997) S. 61-88, stellt ausführlich sieben Argumente vor, die gegen die Echtheit des genannten Diploms sprechen, und will die Einrichtung der Diözese - allerdings unter Verwendung recht zweifelhafter Indizien - erst in die Jahre 965 bis 968 setzen (vgl. dagegen die vorige Anzeige).

Wolfgang Eggert {200}


[40], S. 200

Die Ostarrichi-Urkunde. Faksimile im Originalformat der Urkunde aus dem Besitz des Bayerischen Hauptstaatsarchivs, München, Kaiserselekt 859. Einleitung, Transkription und Übersetzung: Adam Wandruszka, Graz 1995, Akademische Druck- u. Verlagsanstalt, 23 S., ISBN 3-201-01163-0, DEM 74.  --  Es handelt sich um einen unveränderten Nachdruck der DA 38, 594 angezeigten Ausgabe von 1981, was bedeutet, daß die zahlreichen Fehler in der Transkription stehengelassen worden sind. Einen zuverlässigen Text bietet noch immer die Diplomata-Ausgabe (DO. III. 232).

Alfred Gawlik


[41], S. 200

Friedrich Pfeiffer, Die Schenkung des Zolls Esserden durch Heinrich IV. an den Kölner Erzbischof Anno II. (1062). Quellenkritische Überlegungen zu D H V 86 (RhUB II 236) und D H IV 87, Rheinische Vierteljahrsblätter 61 (1997) S. 34-49: Der Zoll ist, wie die Überlieferung von DH. IV. 86 zeigt, in den Besitz der Bischofskirche von Utrecht gelangt und dann nach Schmitthausen verlegt worden. Vor Anno sei der Billunger Ordulf/Otto in seinem Besitz gewesen, mit DH. IV. 87 habe er ihn gegen Ratzeburg getauscht, doch hätten die Billunger Ratzeburg wieder an den König zurückgeben müssen. Aus diesem Grund sei DH. IV. 87 nach Speyer gelangt. Billunger Interessen und Engagement am Niederrhein sind in der ersten Hälfte des 11. Jh. belegt.

Ernst-Dieter Hehl


{201}

[42], S. 201

Thomas Ertl, Ein unbekanntes Urkundenfragment Heinrichs VI. Ergänzende Studien zum Fälschungskomplex von Trapani, Sizilien, MIÖG 105 (1997) S. 472-476, macht aus dem Stadtrechtsbuch von Trapani das dort im 15. Jh. abschnittweise eingetragene, bisher als verschollen betrachtete Spurium Reg. Imp. 4/3 Nr. 721 bekannt, das erwartungsgemäß stark von dem echten Diplom Heinrichs VI. für Messina (Reg. Imp. 4/3 Nr. 592) beeinflußt ist.

Rudolf Schieffer


[43], S. 201

Mary Cheney, A privilege of Pope Innocent III for Kingswood abbey, Journal of Ecclesiastical History 45 (1994) S. 460-464, druckt nach einer Abschrift des 17. Jh. den Text des bisher unbekannten Privilegs (1203 XI 20) für die westenglische Zisterzienserabtei.

Timothy Reuter


[44], S. 201

Otto P. Clavadetscher, Eine neue Quelle zur Geschichte des Streits um den Churer Bischofsstuhl im 13. Jahrhundert, Montfort 49 (1997) S. 230-235, ediert und kommentiert eine im Einband der St. Galler Hs. Ms. 294 aufgefundene Littera Papst Innozenz' IV. vom 11. Oktober 1248, mit der dem umstrittenen Bischof Volkard von Chur durch das Zugeständnis der weiteren Ausübung der Pontifikalrechte der Rücktritt erleichtert werden sollte und die sich offenbar der Abt von St. Gallen als präsumptiver Nachfolger besorgte.

Herwig Weigl {201}


[45], S. 201

Hermann Hold, Leben in einer Welt der (sic!) Ansehens: Das spätmittelalterliche Pontifikalien-Recht der Klosterneuburger Pröpste, Jb. des Stiftes Klosterneuburg NF 16 (1997) S. 57-65, diskutiert die einschlägigen "Privilegien" (Gratialbriefe) Innozenz' VI. und die Relevanz der Auszeichnung.

Herwig Weigl {201}


[46], S. 201

Mariano Dell'Omo, Un'aggiunta autografa per la cronologia di Arechisi iudex cibitatis capuane, Benedictina 43 (1996) S. 259-268 (mit 5 Abb.), ediert und kommentiert eine Rechtsbestätigung aus dem Jahre 936 mit der Unterschrift des capuanischen Richters, der bereits als ein Unterzeichner der ersten italienischen Urkunde in volgare von 960 bekannt ist.

Christian Lohmer


[47], S. 201

Ulrich Hussong, Das älteste Privileg der Stadt Duderstadt (1247), AfD 42 (1996) S. 225-294, untersucht und ediert auf erweiterter Textgrundlage die nur kopial überlieferte Urkunde Herzog Ottos des Kindes und liefert Argumente für die Echtheit des Stückes.

Klaus Naß


[48], S. 201

Costin Fene%;san und Christine M. Gigler, Eine Kärntner Urkunde im Nationalarchiv Bukarest, Carinthia I 187 (1997) S. 213-220, edieren eine der Ausfertigungen des Privilegs Herzog Rudolfs IV. von Österreich von 1361 für seinen Kanzler Bischof Johann (von Platzheim bzw. Lenzburg) und das Bistum Gurk, das weitgehende Steuerfreiheit erhielt.

Herwig Weigl {201}


[49], S. 201

Walter Brunner, Zwei Nachträge zum älteren Gallenberger Urkundenarchiv, Mitteilungen des Steiermärkischen Landesarchivs 47 (1997) S. 79-82, fügt seiner Edition (vgl. DA 52, 664) einen Lehenbrief Herzog Rudolfs IV. von Österreich und eine Besitzverschreibung unter Adeligen, beide von 1361 und Krain betreffend, an.

Herwig Weigl {201}


{202}

[50], S. 202

Sebastian Hölzl, Ein unbekanntes Diplom Herzog Rudolfs IV. für Imst (1363), Tiroler Heimat 61 (1997) S. 77-100, ediert die in Privatbesitz aufgetauchte Bestätigung des Mauerbau- (1312) und die des Markt-Privilegs (1282) für die kleine Tiroler Stadt durch den neuen habsburgischen Landesherrn und umreißt die politischen Zusammenhänge.

Herwig Weigl {202}


[51], S. 202

Paul Uiblein, Zur ersten Dotation der Universität Wien, Jb. des Stiftes Klosterneuburg NF 16 (1997) S. 353-367, ediert und kommentiert die von ihm aufgefundene Urkunde, mit der die österreichischen Herzöge 1396 die testamentarische Stiftung des 1395 verstorbenen Herzogs Albrecht III. an die bis dahin schwach dotierte Universität vollzogen und Regelungen über die Lehrenden trafen, und bietet eine Fülle von Informationen zu Personal und inneren Verhältnissen in der Zeit Heinrichs von Langenstein wie auch zu den Beziehungen der Universität zum Stift Klosterneuburg im 15. Jh.

Herwig Weigl {202}


[52], S. 202

Urkundenbuch des Bürgerspitals Würzburg 1300-1499, bearb. von Ekhard Schöffler, unter Mitwirkung von Hans-Peter Baum und Sybille Grübel (Fontes Herbipolenses 7) Würzburg 1994, Verlag Ferdinand Schöningh, XX u. 445 S., 8 Abb., ISBN 3-87717-776-X, DEM 98.  --  Die im MA meist Neues Spital genannte Einrichtung, die später den Namen Bürgerspital erhielt, unter dem sie noch heute besteht, ist seit 1319 eine eigenständige Körperschaft. Anläßlich der 675. Wiederkehr dieses Datums wurde das vorliegende Quellenwerk der Öffentlichkeit vorgelegt. Der umfangreiche Band gibt Zeugnis von der reichhaltigen Geschichte eines der ältesten Spitäler Süddeutschlands. Er vereinigt die im Archiv des Spitals, das sich heute im Stadtarchiv Würzburg befindet, erhaltenen Urkunden von den Anfängen bis zum Jahr 1499, außerdem auch mehrere im dortigen Staatsarchiv aufbewahrte Stücke, die ursprünglich aus dem Spitalarchiv stammen. Insgesamt wurden 370 Urkunden aufgenommen: 164 aus dem 14. und 206 aus dem 15. Jh. 278 wurden nach den Originalen bearbeitet. Die Erschließung erfolgt durch ausführliche Regesten, bei wichtigeren Stücken wie z. B. der Schutzurkunde Kaiser Ludwigs des Bayern (Nr. 48) in Form eines Vollabdrucks. Den einzelnen Texten ist ein Apparat mit Hinweisen auf die Überlieferung, Besiegelung, Dorsalnotizen, Drucke und Regesten angefügt. Neben Registern der Orts- und Personennamen erschließt ein Register der wichtigsten Sachbegriffe das Material, das auch eine Fundgrube für die weitere Erforschung der Rechts-, Verwaltungs-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Stadt Würzburg und ihres Umlandes darstellt.

Alfred Gawlik


[53], S. 202

Christian Fornwagner, Die Tirol betreffenden Bestände des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Wien, Tiroler Heimat 61 (1997) S. 215-225, stellt knappe Regesten aus der institutseigenen Sammlung von Privat- und einigen späten Papsturkunden von 1283 bis 1870 und Listen von Nachlässen und 73 ungedruckten Prüfungsarbeiten zusammen.

Herwig Weigl {202}


[54], S. 202

Hannes Obermair und Martin Bitschnau, Die Traditionsnotizen des Augustinerchorherrenstiftes St. Michael a. d. Etsch (San Michele all'Adige). Vorarbeiten zum "Tiroler Urkundenbuch", MIÖG 105 (1997) S. 263-329, 3 Abb., erörtern und edieren aus Prozeßakten von 1664/65 eine 1174 beglaubigte urbariale {203} Aufzeichnung samt 13 Traditionsnotizen der Zeit von 1174 bis bald nach 1189, womit das 1144/45 als Gründung des Grafen von Eppan entstandene Chorherrenstift nördlich von Trient offenbar erstmals seinen Besitzstand in rechtserheblicher Form schriftlich fixieren wollte. Bemerkenswert ist die Verknüpfung der in Süddeutschland gebräuchlichen Traditionsnotizen mit der italienischen Notariatspraxis. In Anhängen werden eine quellenmäßig unterbaute Liste der Pröpste bis 1298 sowie ein Orts- und Personennamenregister zu den edierten Texten geboten.

Rudolf Schieffer


[55], S. 203

Carte medievali di Villafalletto: secoli XII-XIV, a cura di Marisa Bosco (Fonti 2) Cuneo 1994, Società per gli Studi Storici, Archeologici ed Artistici della Provincia di Cuneo, 159 S., keine ISBN.  --  Die Hg. hat in dem vorliegenden Band 104 Dokumente zur Geschichte des Ortes Villafalletto ("Villa") aus verschiedener Provenienz (z. B. Turin: Archivio di Stato, Archivio Arcivescovile und Archivio storico dell'Ordine Mauriziano; Verzuolo, Archivio Comunale und verschiedene Privatarchive) zusammengestellt. Der zeitliche Rahmen erstreckt sich von der ersten urkundlichen Erwähnung von "Villa" im Jahr 1159 bis zur Belehnung der Familie Falletti durch die Grafen von Savoyen mit diesem Ort im Jahr 1372. Ein kombinierter Eigen- und Ortsnamenindex beschließt den Band.

Markus Brantl {203}


[56], S. 203

Le pergamene degli archivi di Bergamo aa. 1002-1058, a cura di Mariarosa Cortesi e Alessandro Pratesi, edizione critica di Cristina Carbonetti Vendittelli, Rita Cosma, Marco Vendittelli (Fonti per lo studio del territorio bergamasco 12 = Carte medievali bergamasche 2, 1) Bergamo 1995, Provincia di Bergamo - Assessorato alla Cultura, Centro Documentazione Beni Culturali, XVIII u. 617 S., 288 Taf., ISBN 88-86536-09-7, ITL 250.000.  --  In zügigem Fortschreiten hat dieses "progetto di grande prestigio e di grande rilievo culturale" (Vorwort) nunmehr das 11. Jh. erreicht (zu Bd. 1 vgl. DA 47, 219). Wegen der Materialfülle hat man sich entschlossen, den 2. Band zu teilen: der vorliegende Teil 1 führt bis 1058, dem Todesjahr Bischof Ambrosius' II. von Bergamo, Teil 2, der sich bereits in der Vorbereitungsphase befindet, wird die Urkunden bis zum Ende des Jh. enthalten. Ein Wechsel in der Herausgeberschaft, für die jetzt A. Pratesi verantwortlich zeichnet, brachte einige Neuerungen mit sich, neben leicht modifizierten Richtlinien für die Textgestaltung vor allem die, daß das Material von nun an auch durch ein Sachregister erschlossen wird. Der Teilband umfaßt 288 Dokumente, die fast ausnahmslos im Original auf uns gekommen sind und bisher vielfach ungedruckt, ansonsten nur im Auszug bei Lupo bekannt waren. Von jedem Stück ist wie beim 1. Bd. ein Faksimile beigegeben. Den größten Posten mit 254 Nummern steuerte wiederum das Archivio Capitolare bei, gefolgt von der Biblioteca Civica Angelo Mai (Nr. 259-284) und dem Archivio Generale, Mensa (Nr. 255-258). In einem Anhang werden 4 Nachträge zu Bd. 1 verzeichnet. Zahlreich vertreten sind die im Auftrag der Bischöfe ergangenen Urkunden, was ihrer dominierenden Stellung in der bergamasker Geschichte entspricht. Wie Bd. 1 enthält der vorliegende Teil auch eine Reihe von Königs- und Kaiserurkunden: DH. II. 254 (Nr. 261, Original und zwei weitere Abschriften des 12. und 16. Jh.); DH. II. 293 (Nr. 255, Original und eine weitere Abschrift des 15. Jh.); DH. II. 495 (Nr. 264, hier nach dem Original {204} ediert, das von den Bearbeitern der Diplomata-Ausgabe nicht aufgefunden werden konnte, so daß sie den Druck von Lupo zugrundelegen mußten), das wohl als Entwurf einzustufen ist und - dies sei ergänzend hinzugefügt - dem Schreiber des DKo. II. 90 als Vorlage diente; DKo. II. 56 (Nr. 267); DKo. II. 61 (Nr. 266; zum Ausstellungsort und zur Originalität vgl. Bresslau in NA 34 [1909] S. 72); DKo. II. 90 (Nr. 268, siehe oben); DH. III. 200 (Nr. 258); DH. III. 387 (Nr. 274, angebliches Original, außerdem zwei Nachzeichnungen aus dem 12. und zwei Abschriften aus dem 14. bzw. 16. Jh.).

Alfred Gawlik


[57], S. 204

Le carte di San Colombano di Bardolino (1134-1205), a cura di Andrea Piazza (Fonti per la storia della terraferma veneta 8) Padova 1994, Antenore, LXII u. 230 S., keine ISBN, ITL 80.000.  --  Die vorliegende Edition ist eine Ergänzung des Codice diplomatico del monastero di San Colombano di Bobbio (hg. von G. Buzzi und C. Cipolla), der 1918 erschienen ist (vgl. NA 44, 411). Inzwischen ist im Staatsarchiv Turin weiteres, damals unbeachtet gebliebenes Material entdeckt worden, so daß man jetzt aufgrund eines Vergleichs mit alten Inventaren sicher sein kann, alle Urkunden zur Verfügung zu haben, die bei der Aufhebung des Klosters 1802 vorgefunden wurden. Es handelt sich um insgesamt 87 Urkunden, von denen 75 (aus der Zeit von 1134-1205) Besitzungen des am Ostufer des Gardasees gelegenen Bobbieser Priorats San Colombano di Bardolino, das 1737 in den Besitz der Camaldulenser von S. Giorgio überging, die restlichen (von 1069-1206) dagegen solche in der näheren Umgebung des Mutterklosters betreffen. Der überwiegende Teil der Urkunden liegt noch im Original vor, dagegen sind von 6 Stücken nur kurze Regesten auf uns gekommen. Ergänzt wird dieses Material um ein detailliertes Güterverzeichnis aus dem 12. Jh., das heute im Staatsarchiv Verona aufbewahrt wird. In der ausführlichen Einleitung, die eine Analyse der Texte unter wirtschaftsgeschichtlichen Aspekten darstellt, konnte sich der Bearbeiter auf Ergebnisse seiner bei G. Picasso in Mailand entstandenen Diss. stützen. Der sorgfältig gearbeitete Band ist mit verschiedenen Indices ausgestattet.

Alfred Gawlik


[58], S. 204

I Documenti del processo di Oderzo del 1285, a cura di Dario Canzian con una nota giuridica di Isidoro Soffietti (Fonti per la storia della terraferma Veneta 9) Padova 1995, Antenore, LIII u. 246 S., 2 Abb., 2 Karten, keine ISBN, ITL 80.000, ist eine kritische Edition der erhaltenen Akten des Prozesses von 1285, in dem der lange Streitfall zwischen den Herren des bedeutenden Kastells Oderzo am Piave und der Kommune Treviso um die Jurisdiktion über das castrum Opitergii schließlich gipfelte. Der Prozeß endete ohne Gerichtsurteil, wurde aber wohl letztlich außergerichtlich beigelegt und zeichnete sich durch ein unterschiedliches Rechtsverständnis der Streitparteien aus: Während sich die Herren von Oderzo auf das feudale dominium und das Erbrecht beriefen, bestand die Kommune auf dem moderneren Rechtsbegriff von proprietas et possessio und der vollen Jurisdiktion und Kontrolle über den gesamten Contado mit allen seinen Castra. Die Einführung beschreibt die Vorgeschichte des Streits, die komplizierte Überlieferungslage der in der Kapitelbibliothek von Treviso (Biblioteca Capitolare, Scatola 20) aufbewahrten und für die Edition mühsam geordneten, numerierten und in einer tabellarischen Übersicht mit kurzen Regesten versehenen Akten und schließt mit einer zusätzlichen kurzen Skizzierung des {205} Rechtsinhalts von S. Ein Namen- und Ortsindex beschließt die über die Lokalgeschichte hinaus interessante und sorgfältige Publikation.

Marlene Polock


[59], S. 205

Regesta Chartarum Pistoriensium: Abbazia di Fontana Taona 1201-1237, [bearbeitet von] Aitanga Petrucciani, Ivana Giacomelli, Nicola Bottavi Scarfantoni, Bollettino storico pistoiese 3. Serie 29 (1994) S. 183-192, 30 (1995) S. 183-194, 31 (1996) S. 199-212: Der erhaltene Urkundenbestand des ehemaligen, seit dem 11. Jh. den Vallumbrosanern zugehörigen Pistoieser Apenninenklosters (vgl. It. Pont. 3, 133 f.) befindet sich noch unbearbeitet im Staatsarchiv Pistoia. Mit dieser, nicht als kritisch zu verstehenden und nur das erste Drittel des Jh. umfassenden Regestenpublikation soll ein erster Überblick über die vorhandenen Dokumente gegeben werden.

Marlene Polock


[60], S. 205

Enrico Coturri, Rapporti tra Lucca e Pistoia dal carteggio degli Anziani di Lucca. Seconda parte (1357-1397), Bollettino storico pistoiese 3. Serie 30 (1995) S. 173-182, ist der 2. Teil der Regestenedition aus der Serie der "Carteggi degli Anziani" des Staatsarchivs Lucca, die Ein- und Ausgänge der Korrespondenz dieses Amtes der Luccheser Stadtverwaltung mit der Kommune Pistoia betreffend. Der 1. Teil der Edition erschien bereits 1993 in Bd. 28 der 3. Reihe der gleichen Zs. (S. 143-150) und wurde hier nicht angezeigt.

Marlene Polock


[61], S. 205

Un notaio romano del Trecento. Il protocollo di Francesco di Stefano de Caputgallis (1374-1386), a cura di Renzo Mosti, Roma 1994, Viella, L u. 660 S., ISBN 88-85669-29-8, ITL 140.000.  --  M. setzt seine in den letzten Jahren erarbeiteten Editionen  von Protokollen römischer Notare des 14. Jh. fort (siehe im Text S. V, Anm. 1 sowie DA 44, 220, 47, 228, 49, 248 f., 53, 252). Der Band umfaßt 723 erhaltene Aktenstücke des mit der Qualifikation imperiali auctoritate (Dok. 149, nicht 150) amtierenden Notars, die in den Codices 475 und 476 des Fondo Collegio Notai Capitolini des römischen Staatsarchivs überliefert sind. Der Inhalt der Topographie und Toponomastik, Bevölkerungs- Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Roms bereichernden Dokumente wird durch die historische Einleitung und mehrere Spezialindizes erschlossen, darunter einen der supranomina der im Text benannten Personen.

Marlene Polock


[62], S. 205

Carmela Buonaguro, Documenti per la storia di Nola (secoli XII-XIV). Introduzione di Giovanni Vitolo (Fonti per la storia del mezzogiorno medievale 14) Salerno 1997, Carlone Ed., XXII u. 195 S., ISBN 88-86854-08-0, ITL 40.000, ist eine kritische Regestenedition von 430 zu diesem Zweck erstmals systematisch geordneten Dokumenten des 12.-14. Jh. aus dem Archivio storico diocesano in Nola (Kampanien). In der Einleitung gibt V. hauptsächlich einen Überblick über die städtischen religiösen Institutionen der Epoche, indem er aus den vorliegenden Quellen neu zu gewinnende Daten erhebt. Das Editionsmaterial wird abschließend durch mehrere Indizes erschlossen.

Marlene Polock


[63], S. 205

Jean-Marie Martin, Les actes de l'abbaye de Cava concernant le Gargano (1086-1370) (Codice diplomatico Pugliese 32) Bari 1994, Società di Storia Patria per la Puglia, 306 S., keine ISBN.  --  Die hier in extenso edierten Urkunden aus dem 11.-14. Jh. (90 Nummern) stammen allesamt aus dem Archiv der Abtei {206} Cava. Sie sind nahezu ausnahmslos im Original auf uns gekommen und betreffen Besitzungen der Abtei am Gargano, wo auch zahlreiche andere Klöster begütert waren. Der Gewinn für die Forschung ist schon daran zu erkennen, daß nur zwei Urkunden bisher vollständig gedruckt vorlagen. Zu dem noch ungedruckten Material gehört auch ein Mandat Karls I. von Anjou (Nr. 74). Eröffnet wird die Reihe der Texte mit drei Urkunden des normannischen Grafen Einricus Montis Gargani, der Cava, dem er offensichtlich sehr nahestand, mit großzügigen Schenkungen bedachte. Das 12. Jh. ist mit 58 Urkunden vertreten, das 13. Jh. mit 22 und das 14. Jh. mit 7. Die letzte Urkunde der Reihe stammt aus dem Jahr 1370. Danach scheint das Interesse des Klosters am Gargano für längere Zeit erloschen zu sein (die nächste einschlägige Urkunde datiert erst wieder von 1453). Die Publikation ist mit einer ausführlichen Einleitung versehen, welche die Geschichte des Klosters sowie Fragen der Überlieferung und Auswertung des Materials behandelt. Der schöne Band wird von einem Index général (Namen und Sachen) abgeschlossen.

Alfred Gawlik


[64], S. 206

Armando Petrucci, I più antichi documenti originali del comune di Lucera (1232-1496). Con la collaborazione di Franca Petrucci Nardelli (Codice diplomatico pugliese 33) Bari 1994, Società di storia patria per la Puglia, XXVIII u. 286 S., Abb., keine ISBN, ITL 100.000.  --  Der vor allem durch sein Kastell bekannte Ort Lucera besitzt zwei gut erhaltene Archive: Das Kapitelarchiv und das in der Biblioteca Comunale "Ruggero Bonghi" verwahrte Stadtarchiv. Aus dem Bestand des letztgenannten Archivs werden in dem vorliegenden Band die ältesten, original erhaltenen Urkunden erstmals in einem Komplex ediert. Bis auf ein Notariatsinstrument des 13. Jh. gehören die anderen 66 Editionsnummern fast zu gleichen Teilen dem 14. und 15. Jh. an. Bemerkenswert ist die hohe Anzahl königlicher Diplome aus angevinischer und aragonesischer Zeit (36 Nummern). Diese Zahl war, wie aus dem ebenfalls im Stadtarchiv verwahrten "Liber Privilegiorum" hervorgeht, urspünglich noch höher. Eine kurze Einleitung zur Geschichte des Archivs, seiner Bestände und Anmerkungen zu den einzelnen Urkunden, sowie ein Orts- und Personennamen-Register beschließen den Band. Lobenswert ist die Beigabe von 12 Voll-Faksimilia königlicher Urkunden (1302-1470).

Markus Brantl {206}


[65], S. 206

Michele Rizzo, Mellili ed il Privilegio di re Alfonso, Archivio storico siracusano 10 (1996) S. 41-54, ediert mit italienischer Übersetzung eine im Juni 1452 in Neapel in feierlicher Form ausgestellte Urkunde Alfons I. von Aragon, die typische Herrschaftstechniken dieses Königs von Neapel-Sizilien beleuchtet, der hier entgegen überkommenen Prinzipien (legibus non submissae supplemus...) und mit weitreichenden Privilegien einen seiner Barone, dem er verpflichtet ist, mit Demanialbesitz großen Umfangs in der sizilischen Grafschaft Augusta dotiert. Der Edition liegt eine Abschrift im Staatsarchiv Syrakus zugrunde (ASS, Fondo archivistico Gaetani-Specchi, 23,1), die den beglaubigten Privilegieneintrag im Register der königlichen Kanzlei in Palermo vom Dezember 1452 wiederholt.

Marlene Polock


[66], S. 206

Aldo Sparti, De Fundatione, Dotatione et Dedicatione Ecclesie Sancte Marie de Spanò, Archivio storico messinese N. S. 60 (1995) S. 57-75, ediert aus dem Fonds {207} "Messina" des Archivs der Herzöge von Medinaceli zwei Urkunden von 1263 und 1310 - Arch. Duchi Medinaceli n. (provv.) 390 und 370 -, die die Gründung und Ausstattung von Kirche und Zisterzienserkonvent Spanò im Bistum Messina betreffen sowie die spätere Vergabe an die Abtei S. Maria di Novara. Die Dokumente beleuchten bisher weitgehend unbekannte Zusammenhänge zur Geschichte monastischer Institutionen im staufischen Sizilien und wurden hier ediert als Vorgriff auf eine geplante Gesamtedition des Messina-Fonds im bisher immer noch kaum zugänglichen Privatarchiv der Medinaceli in Sevilla und Toledo. Eine Vorarbeit für diese Edition wird ein mit kritischem Apparat und Einleitung versehenes Inventar der Dokumente sein, das S. zur Zeit erarbeitet. Gelegenheit dazu gab die Präsentation des Fonds anläßlich der Ausstellung "Messina, il ritorno della memoria" 1994 in Palermo und anschließend in Rom, deren Katalogband S. 118-127 den folgenden Beitrag des Autors enthält: A. Sparti, Il fondo Messina dell'Archivio Ducale Medinaceli di Siviglia.

Marlene Polock


[67], S. 207

Angel Vaca Lorenzo, Diplomatario del Archivo de la Universidad de Salamanca. La documentación privada de época medieval (Acta Salmanticensia. Historia de la Universidad 56) Salamanca 1996, Ediciones Universidad de Salamanca, 1704 (Bildschirm-)Seiten, Beiheftchen mit 22 (unpaginierten) Seiten, 2 Disketten, ISBN 84-7481-983-0, ESP 2.900.  --  Für Freunde der Geschichte der Universität Salamanca von Bedeutung ist diese Diskettenpublikation, die 167 Urkunden privatrechtlichen Charakters ("de naturaleza privada") aus dem Universitätsarchiv bekannt macht. Das früheste Zeugnis datiert in das Jahr 1388 und steht fürs erste ziemlich allein, denn es geht erst 1415, also nach einer 27jährigen Überlieferungslücke, weiter. Das letzte Stück stammt aus dem Jahr 1500/01. Das Retrieval-Programm ist unter Windows leicht zu installieren und bietet neben einem "Indice", von dem aus man jede Urkunde direkt anklicken kann, alles, was man von einer gedruckten Edition erwarten würde: Vorwort, Einführung, Abkürzungsverzeichnis und Editionsteil, ferner ausführliche Orts- und Personennamenregister. Ein Sachindex fehlt, aber dafür ist eine Volltextsuche möglich. Die Edition präsentiert das jeweilige Stück mit einem Kopfregest (Datum, Ausstellungsort, Aussteller, Art des Rechtsgeschäfts, Angaben zur Überlieferung, Art, Zustand und Maße des Überlieferungsträgers usw.), dem der vollständig transkribierte Text der Urkunde folgt. Fußnoten erscheinen in einem eigenen Fenster, ein weiteres ermöglicht es dem Leser, sich eigene Notizen zu machen ("Notas de Lector"). Insgesamt ist hier ein Buch in elektronischer Form "abgebildet" worden, das Erscheinungsbild ist mithin sehr vertraut, die medienspezifischen Möglichkeiten der elektronischen Publikation sind aber nur in relativ bescheidenem Umfang genutzt.

Gerhard Schmitz


[68], S. 207

Charters and Custumals of the Abbey of Holy Trinity, Caen, Part 2: The French Estates. Edited by John Walmsley (Records of Social and Economic History N. S. 22) Oxford u. a. 1994, Oxford University Press, XII u. 160 S., 1 Abb., 1 Karte, ISBN 0-19-726137-X, GBP 25.  --  Der vorliegende Band setzt die von M. Chibnall begonnene Edition (vgl. DA 40, 649) mit Dokumenten zu den festländischen Besitzungen der Abtei (im heutigen Département Calvados) fort. Die Quellengrundlage bilden zunächst die urbariellen Aufzeichnungen aus dem 12. Jh. (S. 53-111), sodann zwei Chartulare aus dem 12./13. bzw. 14. Jh. {208} (S. 112-137, Nr. 1-27) und schließlich eine Reihe von in der Mitte des 12. Jh. einsetzenden Originalurkunden (S. 35-52, Nr. 1-21; Nr. 5: Lucius III. JL 15325), deren zwei älteste von der Abtei selbst ausgestellt wurden (Nr. 1 hat der Bearbeiter an mehreren Stellen fehlerhaft transkribiert, wie ein Vergleich mit der beigegebenen Abb. zeigt). Insgesamt ist das publizierte Material aufschlußreich für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Klosters, darüber hinaus aber auch interessant für die Namenforschung. Addenda und Corrigenda zu Bd. 1 sowie ein Index der Personen- und Ortsnamen schließen den Band ab.

Alfred Gawlik


[69], S. 208

Charters of the Medieval Hospitals of Bury St. Edmunds. Edited by Christopher Harper-Bill (Suffolk Charters Series 14) Suffolk 1994, The Boydell Press, XV u. 193 S., ISBN 0-85115-558-8, GBP 19,50.  --  In der Reihe "Suffolk Charters" (vgl. zuletzt DA 53, 615) ist dies der erste Band mit Urkunden aus dem unmittelbaren Umkreis des ehemaligen Benediktinerklosters Bury St. Edmunds (östlich von Cambridge), das zu den wohlhabendsten Klöstern in England gehörte. Geplant ist ein weiterer Band, in welchem die Besitzungen der Abtei in der gleichnamigen Stadt dokumentiert werden sollen. Das hier vorgelegte Material bezieht sich auf vier in Bury St. Edmunds gelegene Hospitäler, die alle in einem bestimmten Abhängigkeitsverhältnis zum Kloster standen: St John's, St Nicholas, St Peter's und St Saviour. Jede dieser Institutionen wird zunächst in einem geschichtlichen Abriß vorgestellt. St Peter's war die älteste Gründung (1121/1148), St John's die jüngste (1248/1252). Die daran anschließende Edition basiert sowohl auf originaler (St Nicholas, St Peter's) als auch auf Chartularüberlieferung des 14. bzw. 15. Jh., wobei das "domus Dei"-Chartular von St John's den Kern der Dokumentation ausmacht. Zusammen mit einigen ergänzenden Texten aus der Registerüberlieferung der Abtei umfaßt der Band insgesamt 256 Nummern für den Zeitraum von 1186 (Urban III.) bis 1525, wobei der Schwerpunkt auf dem 13. Jh. liegt. Die Urkunden beziehen sich in der Regel auf Stiftungsgut, darüber hinaus bieten sie aber auch Einblick in die Verwaltung der Hospitäler. Indices der Namen und Sachen beschließen den Band.

Alfred Gawlik


[70], S. 208

Julia Hörmann, Das Spezialkanzleibuch Ludwigs von Brandenburg HHStA, Codex blau 128, MIÖG 105 (1997) S. 74-103, bestimmt den Codex als thematisch gegliederte Sammlung von 41 Einlaufstücken, die nach den Orginalen von der tirolischen Kanzlei mit Hinblick auf politische Ereignisse der Jahre 1347 bis 1352 angelegt wurde. Den Hintergrund bilden der gescheiterte Feldzug Karls IV. nach Tirol und die anschließende Festigung der Herrschaft des Brandenburgers, dessen Statthalter Herzog Konrad von Teck die Veranlassung zu der Dokumentation gegeben haben dürfte. Der Studie beigegeben ist ein genaues Verzeichnis der Urkunden (S. 94-103).

Rudolf Schieffer


[71], S. 208

Das Reichenbacher Schenkungsbuch, bearb. von Stephan Molitor (Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Reihe A: Quellen, Bd. 40) Stuttgart 1997, W. Kohlhammer, XXVI u. 269 S., 2 Abb., 1 Karte, ISBN 3-17-013148-6, DEM 48.  --  Die als Teil einer von J. Autenrieth betreuten Freiburger Diss. entstandene Edition dieses Schenkungsbuches aus dem Hirsauer Priorat Reichenbach in seiner (älteren) St. Pauler und (jüngeren) Stuttgarter Fassung ersetzt die unbefriedigende, ja irreführende Textwiedergabe {209} im Wirtembergischen UB II. Wichtige Resultate aus seiner Beschäftigung mit den beiden Hss. hatte der Vf. in AfD 36 (1991) S. 61-92, vorgestellt. Man vermag seine bereits in dieser Studie geäußerten Vorbehalte gegenüber der sog. protokollarischen Führungsweise - Direkteinträge in Traditionsbücher sind nach M.s Beobachtungen eher die Ausnahme als die Regel - zumindest am nun vorgelegten Material nachzuvollziehen. Im textkritischen Teil weist der Vf. überzeugend nach, daß die in der Gründungsnarratio behauptete Rodungssituation der ersten Niederlassung keinen Glauben verdient: Dahinter standen wohl  --  neben dem Topos des Rückzugs in die Wildnis - handfeste besitzsichernde Interessen, was durch den archäologischen Nachweis einer Besiedlung des Tales schon vor der Klostergründung gestützt wird. Funktion und Gebrauch des Schenkungsbuches werden detailliert und in Auseinandersetzung mit älteren Forschungsmeinungen untersucht. Administrative Gründe im Sinne der Wirtschaftsverwaltung sowie historiographische Motive ("Gütergeschichte"), die bisher für die Anlage des Schenkungsbuches geltend gemacht worden sind, treten gegenüber dem juristischen Aspekt der Besitzstandsicherung und dem sakralen der Memoria für die Schenker eindeutig in den Hintergrund. Die in der Edition gebotene Textgestalt (nach dem älteren wird auch das jüngere Schenkungsbuch vollständig abgedruckt, wobei die Übernahmen durch serifenlose Typen gekennzeichnet sind) und ihre Begründung überzeugt. Für seinen Entscheid, die Einzelteile in der Reihenfolge der Hss. zu bieten und auf eine chronologische Ordnung (oder die Fiktion derselben) zu verzichten, kann man den Vf. nur beglückwünschen. Insgesamt liegt so eine kompetent kommentierte, einfach zu benutzende, durch Register gut erschlossene Edition in einer grafisch ansprechenden Aufmachung vor. Am Rande sei ein archivalisches Skandalon vermerkt, das durch die Neuedition aufgedeckt worden ist: Der Vf. war nämlich nicht mehr in der Lage, die Vorlage des ersten Drucks von 1756 - eine Abschrift der Stuttgarter Fassung in einer Papier-Hs. des 16. Jh. mit offenbar wertvollen, aber erst teilweise erschlossenen Marginalien - zu benutzen, da diese umfangreiche Reichenbacher Dokumenten- und Abschriftensammlung, "die doch alle Wirren von Reformation und Dreißigjährigem Krieg bis über den Zweiten Weltkrieg überstanden hatte" (S. 61), nach 1963 aus den Beständen des katholischen Pfarramtes Ulm-Wiblingen verschwand und seither verschollen blieb.

Hannes Steiner


[72], S. 209

Antonio Romiti, L'armarium comunis della Camara Actorum di Bologna. L'inventariazione archivistica nel XIII secolo (Pubblicazioni degli Archivi di Stato. Fonti 19) Roma 1994, Ministero per i beni culturali e ambientali, CCCXLVIII u. 410 S., 14 Abb., ISBN 88-7125-076-1, ITL 79.000.  --  Die Sorge um die Sammlung und Verwaltung des kommunalen Schriftguts veranlaßte im Verlauf des 13. Jh. eine Reihe von italienischen Städten, eigene Archive einzurichten. Im Fall von Bologna, wo das Schriftgut riesenhafte Ausmaße angenommen hatte, ist als Aufbewahrungsort ein "armarium comunis" bzw. "armarium populi" sowie eine eigene "camera actorum" belegt. Zwei aus der Mitte der 50er bzw. 80er Jahre des 13. Jh. stammende Inventarfragmente wurden 1935 von G. Cencetti bzw. 1933 G. Fasoli ediert. Ein nahezu vollständiges Inventar liegt aus dem Jahr 1290 vor. Es verzeichnet 1252 Einheiten von Schriftgut in Buchform, die ihrerseits jeweils mehrere Einzelregister umfaßten, und zerfällt in zwei Teile: das "memoriale" des Notars Henrigiptus Pacis de Brayna {210} sowie die anläßlich der Aushändigung von Schriftstücken oder Büchern angefertigten Protokolle. Dieses Inventar, von dem bisher nur eine Teiledition von G. Fasoli vorlag, wird in dem vorliegenden Band vollständig herausgegeben, einschließlich der am Rande zur Kontrolle angebrachten Zeichen und/oder Buchstaben, die nach einem komplizierten System zusammengesetzt sind und in der ausführlichen Einleitung, die auch archivtechnische Vorgänge behandelt, gründlich analysiert werden. Die beigegebenen Tafeln vermitteln einen Eindruck von der ungemeinen Schwierigkeit des Editionsunternehmens, das zweifellos hohe Anerkennung verdient, auch wenn man gegen die mitunter unübersichtliche Darbietung des Textes (z. B. keine Kolumnentitel, Seitenwechsel der Hs. innerhalb des Textes und nicht am Rand ausgewiesen) Einwände erheben könnte.

Alfred Gawlik


[73], S. 210

Franco Bartoloni, Scritti, a cura di Vittorio de Donato e Alessandro Pratesi (Collectanea 6) Spoleto 1995, Centro italiano di studi sull'alto medioevo, XV u. 582 S., zahlreiche Abb., ISBN 88-7988-205-8, ITL 150.000.  --  Aus dem reichen Schaffen des früh verstorbenen Professors für Paläographie und Diplomatik und Direktors des Instituts für Geschichtliche Hilfswissenschaften an der Universität Rom (1914-1956), der sich über die Grenzen Italiens hinaus mit dem internationalen Forschungsunternehmen "Censimento Bartoloni" einen Namen gemacht hat, haben die Hg. für einen photomechanischen Nachdruck folgende Beiträge ausgewählt: Paleografia e diplomatica: conquiste di ieri, prospettive per il domani (S. 37; zuerst 1953); Documenti inediti dei "Magistri aedificiorum Urbis" (secoli XIII e XIV) (S. 41-80; 1937); Preparazione del "Codice Diplomatico del Senato Romano nel medio evo" (1144-1347) (S. 81-88; 1942); Intorno a un diploma principesco beneventano del secolo IX (S. 89-98; 1944); Per la storia del Senato Romano nei secoli XII e XIII (S. 99-206; 1946); Un trattato d'alleanza del secolo XIII tra Roma e Alatri (S. 207-243; 1949; vgl. DA 9, 214); Note di diplomatica vescovile beneventana. Parte I. Vescovi e arcivescovi di Benevento (secoli VIII-XIII) (S. 245-269; 1950); Aggiunte ai "Regesta Imperii, V" (S. 271-278; 1952); Problemi di diplomatica longobarda (S. 279-286; 1952); I diplomi dei principi longobardi di Benevento, di Capua e di Salerno nella tradizione beneventana (S. 287-301; 1953; vgl. DA 14, 506); Additiones Kehrianae (S. 303-336; 1954; vgl. DA 12, 559); Una denunzia in materia di Inquisizione tra la fine del secolo XIII e l'inizio del XIV (S. 337-374; 1954; vgl. DA 11, 600); Due documenti per la storia della Terra Santa (S. 375-389; 1955); Per un censimento dei documenti pontifici da Innocenzo III a Martino V (escluso) (S. 391-424; 1957); La data del portale di Bonanno nel duomo di Monreale (S. 425-427; 1956); Le antiche carte dell'abbazia della Sambucina (S. 429-435; 1957); Notarelle paleografiche. Semicorsiva o precarolina? (S. 439-446; 1943); Note paleografiche. Ancora sulle scritture precaroline (S. 447-465; 1950; vgl. DA 10, 236); Paleografia e critica testuale.  --  I cataloghi delle biblioteche medioevali.  --  La nomenclatura delle scritture documentarie (S. 467-487; 1955); Corsi di aggiornamento per bibliotecari (S. 491-498; 1956); Gli archivi ecclesiastici (S. 499-512; 1952).  --  Der Band enthält außerdem den Nachruf auf Vincenzo Federici (S. 577-582), der neben Pietro Fedele Bartolonis Lehrer war, sowie ein Schriftenverzeichnis (S. XIII-XV).

Alfred Gawlik


{211}

[74], S. 211

Gianfranco Orlandelli, Scritti di Paleografia e Diplomatica, a cura di R. Ferrara e G. Feo (Opere dei Maestri 7) Bologna 1994, Istituto per la storia dell'Università di Bologna, XXI u. 576 S., zahlreiche Abb., keine ISBN, ITL 95.000.  --  Der Band enthält folgende photomechanisch nachgedruckte Beiträge aus dem Œuvre des 1991 verstorbenen Bologneser Archivars und Ordinarius für Paläographie und Diplomatik, dem nach den einleitenden Worten von Ovidio Capitani (S. III-XVI) "una curiosità orientata in molteplici direzioni" eigen war (S. VIII): I. Archivi e istituzioni: Considerazioni sui capitoli di Nicolò V coi bolognesi (S. 3-24; zuerst 1949); La partecipazione dei Bentivoglio (S. 25-51; 1952); L'autorità del Signore in un decreto di Taddeo Pepoli sulla formula di deroga (S. 53-75; 1963); I Memoriali bolognesi come fonte per la storia dei tempi di Dante (S. 77-91; 1967).  --  II. Paleografia e Diplomatica: Ricerche sulla origine della 'littera bononiensis': scritture documentarie bolognesi del secolo XII (S. 95-144; 1956-57); Osservazioni sulla scrittura mercantesca nei secoli XIV e XV (S. 145-178; 1958-59; vgl. DA 16, 558); Il contratto di scrittura nella dottrina notarile bolognese (S. 179-209; 1959); 'Littera nova' e 'Littera antiqua' fra glossatori e umanisti (S. 211-236; 1965); Osservazioni archivistiche e paleografiche sui papiri di Dura-Europos (S. 237-245; 1979); Origini del gotico e scritture scolastiche (S. 247-254; 1981); Considerazioni paleografiche sulle più antiche carte del monastero bolognese di S. Stefano (S. 255-271; 1984); Le note dorsali nelle antiche carte bolognesi (S. 273-294; 1988); Il codice scolastico bolognese (S. 295-324; 1987; vgl. DA 45, 363); I testi manoscritti (S. 325-341; 1988).  --  III. Diplomatica speciale. Scuola e maestri di notariato: Appunti sulla scuola bolognese di notariato per una edizione della 'Ars Notarie' di Salatiele (S. 345-398; 1961); Introduzione all'edizione dell' Ars notariae di Salatiele (S. 399-425; 1961; vgl. DA 18, 570); Genesi dell'ars notariae nel secolo XIII (S. 427-466; 1965; vgl. DA 23, 263); 'Ars notariae' e critica del testo (S. 467-484; 1967); Sulla produzione libraria bolognese e parigina nel secolo XIII e sulla data di edizione dell''Aurora' di Rolandino (S. 485-492; 1982); Irnerio e la teorica dei quattro istrumenti (S. 493-507; 1973); 'Petitionibus emphyteucariis annuendo'. Irnerio e l'interpretazione della legge Iubemus (C. 1.2.14) (S. 509-526; 1984); Documento e formulari bolognesi da Irnerio alla 'Collectio contractuum' di Rolandino (S. 527-556; 1986).  --  IV. Ricordi di un maestro: Giorgio Cencetti (S. 559-573; 1971).  --  Die Sammlung wird durch eine Bibliographie des Gelehrten (S. XVII-XXI) abgerundet.

Alfred Gawlik


[75], S. 211

Thomas Vogtherr, Ein "Atelier für kreative Diplomatik". Zu einigen Veröffentlichungen des Rechtshistorikers Hans Constantin Faußner, Archiv für Kulturgeschichte 78 (1996) S. 483-497, referiert die tollkühnen diplomatischen Thesen Faußners, demonstriert an Urkundenbeispielen aus Freising und Moosburg ihre Haltlosigkeit und stellt sie in die Tradition methodisch irregeleiteter "Fundamentalisten" des 17.-20. Jh.

Klaus Naß


[76], S. 211

Simon Keynes, The West Saxon charters of King Æthelwulf and his sons, English Historical Review 109 (1994) S. 1109-1149, macht entgegen der allgemeinen Annahme von Empfängerausfertigungen sehr plausibel, daß im 9. Jh. Königsurkunden in einem westsächsischen königlichen 'writing office' gefertigt wurden.

Timothy Reuter


{212}

[77], S. 212

Simon Keynes, The 'Dunstan B' charters, Anglo-Saxon England 23 (1994) S. 165-193: 'the output of a single agency which produced charters on the king's behalf on various occasions between 951 and 975', wahrscheinlich in Glastonbury.

Timothy Reuter


[78], S. 212

Stefan Dohmen, Exemplarische Untersuchungen zur Rechtskraft des Privilegs. Die gerichtliche Handhabung von Privilegienurkunden in England von König Stefan bis König Johann, AfD 42 (1996) S. 33-224, ist eine Berliner Diss. und fragt nach der Drittwirkung und Geltungsdauer beurkundeter Einzelvergünstigungen. Untersucht werden fünf gut dokumentierte englische Streitfälle aus dem 12. und frühen 13. Jh. Der Vf. betont die Geltungsschwäche und mangelnde Drittwirkung des Privilegs und begründet sie mit der Art der Privilegienerwirkung, die falsche oder unvollständige Sachangaben der Impetranten nicht ausschließen und dadurch Rechte Dritter berühren konnte.

Klaus Naß


[79], S. 212

Rudolf Gamper, Studien zu den schriftlichen Quellen des Klosters Allerheiligen von 1050 bis 1150, Schaffhauser Beiträge zur Geschichte 71 (1994) S. 7-41, ergänzt die urkundliche und chronikalische Überlieferung durch Beobachtungen, die er bei der Untersuchung des Skriptoriums und der Bibliothek von Allerheiligen (heute Ministerialbibliothek Schaffhausen) anläßlich der Neukatalogisierung (vgl. DA 53, 188 f.) gewonnen hat. Die Traditionsurkunden der 1090er Jahre markieren, ausgelöst durch den langwierigen Streit des Klosters mit Tuoto von Wagenhausen, den Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit in Rechtsgeschäften. Das Formular der Traditionsurkunden lehnte sich an Muster der Formulae Sangallenses (MGH Formulae S. 378-390) an, die wahrscheinlich in der Rheinauer Hs. Rh. 131 vorgelegen hatten. Aus der Untersuchung des Autographs der Chronik Bernolds von Konstanz (Clm 432) ergibt sich als genaues Datum für Bernolds Übersiedlung von St. Blasien nach Schaffhausen das Frühjahr 1092. Die drei von Pertz als "Annales Scaphusenses" bezeichneten Notizen zu 1009, 1052 und 1064 (MGH SS 5, S. 388) wurden Anfang des 12. Jh. in die Chronik Bernolds eingefügt. Das Stifterbuch von Allerheiligen darf künftig nicht mehr, wie noch jüngst angenommen wurde, als zuverlässige Quelle über die Anfangszeit gelten. Es ist eine um 1360/80 entstandene "Sammlung von Wundererzählungen, in die die Klostergründung eingebettet ist" (S. 32 f.), und diente der Abtei als historische Argumentationshilfe im Streit um die Kontrolle über das Frauenkloster St. Agnes. Wo dem Stifterbuch nicht schriftliche Quellen des 11./12. Jh. und Grabinschriften vorlagen, zog es mündliche Traditionen heran und behalf sich mit eigenen Kombinationen.

Ernst Tremp {212}


[80], S. 212

Cristina Carbonetti Venditelli, Documenti su libro. L'Attività documentaria del Comune di Viterbo nel Duecento (Fonti per la storia dell'Italia medievale. Subsidia 4) Roma 1996, Istituto storico italiano per il Medio Evo, 254 S., ISSN 0392-1832.  --  Die Vf. behandelt in einer theoretischen Einleitung und 5 Kapiteln (1. I codici delle Margherite.  --  2. I fascicoli perduti.  --  3. La "messa a registro" dei documenti del comune di Viterbo.  --  4. La redazione dei "fascicoli-dossier".  --  5. Autenticità e sistemi di autenticazione dei documenti a registro) Entstehung, Überlieferung und Inhalt der sechs Libri iurium (Margaritae) und Liber memorie betitelten Registerwerke, in denen die kommunalen Behörden {213} Viterbos ab dem 13. Jh. von ihren Notaren ihren Akten- und Dokumentenbestand sichten und ordnen ließen (vgl. DA 49, 252 f. u. hier S. 222 f.). In mehreren Tabellen wird der Dokumentenbestand der einzelnen Register in der originalen Reihenfolge numeriert, mit Angabe des Austellungs- bzw. Kopierdatums, der Überlieferungsform und des Namens und gegebenenfalls der Qualifikation des Redaktors, darunter eine so seltene wie magnifice et inclite civitatis Viterbii pro sancta Romana Ecclesia et sanctissimo domino nostro papa cancellarius et publicus imperiali auctoritate notarius (1469). Eine umfangreiche synoptische Tabelle, die alle erhaltenen Exemplare eines Dokuments in seinen einzelnen Überlieferungsformen und -orten angibt, ein Abkürzungs- und Literaturverzeichnis sowie zwei Spezialindizes runden die informative und präzise Studie ab.

Marlene Polock


[81], S. 213

Hans Budde, Die Transfixe der Schöffen von Kempen im Jahre 1348. Eine diplomatische Studie, AfD 42 (1996) S. 375-393, behandelt die Urkunden und Siegel der Kempener Schöffen, besonders 31 Bestätigungsurkunden von 1348, die an ältere Schöffenurkunden angeheftet wurden. Der konkrete Anlaß für diese "ihresgleichen suchende Maßnahme" ist unklar.

Klaus Naß


[82], S. 213

Christian Lackner, Diplomatische Bemerkungen zum Privileg Herzog Albrechts III. für die Universität Wien vom Jahre 1384, MIÖG 105 (1997) S. 114-129, 3 Abb., untersucht u. a. Zeitraum und Reihenfolge der Besiegelungen der undatierten Urkunde, bestimmt Magister Paul von Geldern als ihren Schreiber und weist das inhaltliche Konzept Magister Heinrich von Langenstein zu.

Rudolf Schieffer


[83], S. 213

Kaiser, Reich und Region. Studien und Texte aus der Arbeit an den Constitutiones des 14. Jahrhunderts und zur Geschichte der Monumenta Germaniae Historica, hg. von Michael Lindner, Eckhard Müller-Mertens und Olaf B. Rader unter Mitarbeit von Mathias Lawo (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Berichte und Abhandlungen. Sonderband 2) Berlin 1997, Akademie Verlag, XVI u. 350 S., 1 Farbtafel, ISBN 3-05-003179-4, DEM 148.  --  Aus Anlaß der 650. Wiederkehr von Wahl und Krönung Kaiser Karls IV. zum römisch-deutschen König veranstaltete die Arbeitsstelle "Monumenta Germaniae Historica" der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im Dezember 1996 eine Arbeitstagung, deren Beiträge nunmehr im Druck vorliegen: Eckhard Müller-Mertens, Constitutiones et acta publica - Paradigmenwechsel und Gestaltungsfragen einer Monumenta-Reihe (S. 1-59), verfolgt die Entwicklung von der Aufnahme der Kaisergesetze/Constitutiones in das Unternehmen der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde im Spannungsbogen von zunehmender Materialfülle, Kürzungsplänen und Gliederungskonzepten wie auch im Wandel verfassungsgeschichtlicher Leitideen bis zum gegenwärtigen Standard der Reihe (vgl. hierzu DA 50, 615-630) als Mischung aus UB und Regestenwerk, sozusagen als Diplomata-Ersatz für das 14. Jh.  --  Peter Moraw, Vom Raumgefüge einer spätmittelalterlichen Königsherrschaft: Karl IV. im nordalpinen Reich (S. 61-81), gliedert das untersuchte Gebiet in vierzehn "weithin selbsttragende" Landschaften und zeigt anhand der regionalen Verteilung der Herrscherurkunden, daß bei einem insgesamt im Reich zu beobachtenden zivilisatorischen Gefälle von Westen nach Osten bzw. von Süden nach Norden keineswegs die {214} höchstqualifizierten Landschaften (etwa der Niederrhein) besonders königsnah waren, sondern eher kleinteilige Gebilde "von einer durchaus ambivalenten Modernität" (Franken, Schwaben, Mittelrhein). "Weniger als ein Prozent der Urkunden befaßten sich mit Tatbeständen, die man gesamtdeutsch nennen kann, in erster Linie mit kirchlichen Angelegenheiten." - Michael Lindner, Kaiser Karl IV. und Mitteldeutschland (mit einem Urkundenanhang) (S. 83-180), befragt die Gattung Urkunde vor allem nach ihrer Aussagefähigkeit für das Verhältnis Karls IV. zum mitteldeutschen Raum. Er weist die historische Existenz von "Mitteldeutschland" aus dem Handeln der Vormächte und dem zeitgenössischen Bewußtsein nach und untersucht das Kräftespiel der vier Führungskräfte unter karolinischer Hegemonie: der Erzbischöfe von Magdeburg, der askanischen Herzöge von Sachsen-Wittenberg, der Markgrafen von Brandenburg und der wettinischen Markgrafen von Meißen.  --  Harriet M. Harnisch, Königs- und Reichsnähe thüringischer Grafenfamilien im Zeitalter Karls IV. (mit einem Urkundenanhang) (S. 181-212), stellt Abstufungen und qualitative Unterschiede der Königsnähe bei den Grafen von Schwarzburg - vor allem der Blankenburger Linie dieses Hauses und ungeachtet des Gegenkönigtums Graf Günthers XXI. (1349) -, den Grafen von Honstein, von Henneberg und von Gleichen heraus.  --  Ulrike Hohensee, Zur Erwerbung der Lausitz und Brandenburgs durch Kaiser Karl IV. (S. 213-243), interpretiert die Ereignisfolge, die nach dem Willen Karls IV. zu einer dauerhaften Anbindung der Mark Brandenburg und der damit verbundenen Kurstimme an das luxemburgische Haus führen sollte, jedoch nicht wie bei der Niederlausitz zur förmlichen Inkorporation in das Königreich Böhmen.  --  Olaf B. Rader, Zwischen Friedberg und Eco. Die Interpretation von Urkundentexten Karls IV. oder Vom Gang durch die Säle der Erkenntnis (S. 245-293), nähert sich ausgewählten Urkunden aus Archiven Bayerns und Sachsen-Anhalts unter sprachwissenschaftlichem, semiotischem, soziologischem und erkenntnistheoretischem Blickwinkel und stellt "die Inszenierungen von Information ... sowie die graphische Herrschaftsrepräsentation der karolinischen Urkunden" in den größeren Zusammenhang von Karls Konzept eines hegemonialen Königtums.  --  Wolfgang Eggert, Bemerkungen zur Intitulatio in den Urkunden Karls IV. (S. 295-311), verfolgt Karls IV. Herrscherintitulation ins Früh-MA zurück und erweist, daß sie fest in der Reichstradition steht.  --  Hartmut Boockmann faßt in seinem Nachwort (S. 313-323) die Tagungsergebnisse zusammen, stellt ihnen eigene wissenschaftsgeschichtliche Beobachtungen an die Seite und zieht daraus seine Schlüsse u. a. in bezug auf die Leistungsfähigkeit von Langzeitvorhaben. Erschlossen wird der Band durch ausführliche Personen-, Orts- und Sachregister (S. 325-350).

Mathias Lawo {214}


[84], S. 214

Othmar Hageneder, Kanonisches Recht, Papsturkunde und Herrscherurkunde. Überlegungen zu einer vergleichenden Diplomatik am Beispiel der Urkunden Friedrichs III., AfD 42 (1996) S. 419-443, zeigt an bestimmten Bedingungs- und Bekräftigungsformeln (z. B. ex certa scientia, plenitudine potestatis, motu proprio, non obstantibus) den Einfluß von Kirchenrecht und Papsturkunde auf das spätma. Kaiserprivileg und -mandat und fordert für weitere Untersuchungen, diese Formeln bei der Regestierung stärker zu beachten.

Klaus Naß


{215}

[85], S. 215

Hans Hubert Anton, Die Synode von Sutri, ihr zeitgeschichtlicher Kontext und Nachklang, ZRG Kan. 83 (1997) S. 576-584, ist eine ausführliche und kritische Besprechung von Erwin Frauenknecht, Der Traktat De ordinando pontifice (MGH Studien und Texte 5, 1992), in die auch die ältere Forschung zu dem Traktat einbezogen wurde.

Detlev Jasper


[86], S. 215

Thomas Martin Buck, Admonitio und Praedicatio. Zur religiös-pastoralen Dimension von Kapitularien und kapitulariennahen Texten (507-814) (Freiburger Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte. Studien und Texte 9) Frankfurt am Main u. a. 1997, Peter Lang, XLV u. 427 S., ISBN 3-631-31293-8, DEM 118.  --  Nach der Arbeit von I. Woll über die merowingischen Kapitularien (vgl. DA 52, 227 f.) ist hier schon die zweite Diss. aus dem Kreis der von Hubert Mordek dirigierten Freiburger Kapitularienforscher anzuzeigen. Grundsätzlich geht es B. darum, "die religiös-pastorale Dimension" der Kapitularien und dabei den "Zusammenhang von Recht und Religion" darzustellen. Die mehrfache Beteuerung (z. B. S. 379, 395 u. ö.), damit würden Fragen an ein Textgenre gestellt, das "von Hause aus durchaus der religiös-theologischen Dimension" entbehre (S. 395), ist allerdings - das zeigt ja auch das Resultat - zumindest überspitzt: Kapitularien sind nämlich entweder nicht rein rechtlicher Natur (im eher heutigen Sinn von "Recht") oder die Karolinger hatten ein viel weiteres und umfassenderes Verständnis von dem, was sich unter "Recht" subsumieren ließ, als wir es heute haben. Es ist deshalb die Bemerkung S. 395 f., Kapitularien "ausschließlich administrativ oder legislativ verstehen zu wollen", verkürze deren Charakter, nur kräftig zu unterstreichen. B. hat seine Arbeit in sechs Abschnitte gegliedert, die miteinander verzahnt sind, sich aber wegen ihres weitgehend in sich abgeschlossenen Charakters auch separat lesen lassen: Die Abschnitte I-III bieten einen Überblick über die Kapitularienforschung und eine sorgsame, methodisch hochgerüstete und bisweilen fast etwas zu skrupulöse Abwägung von Möglichkeiten und Grenzen der Erkenntnis aufgrund der Überlieferungssituation. Teil IV ist ein sehr gelungener Essay über die von Karl d. Gr. benutzte Formel: secundum Dei voluntatem et iussionem nostram. Den subtilen Darlegungen B.s, denen zufolge hier die Ableitung des menschlichen Wortes aus Gottes Wort zum Ausdruck kommt - das Herrscherwort folgt dem Gotteswort - möchte man hinzufügen, daß sich in dieser Formulierung umgekehrt auch ein ungemein kräftiges Selbstbewußtsein, ja eine Selbstgewißheit des Herrschers manifestiert. Im Hauptabschnitt V ("Zur religiös-pastoralen Dimension von Kapitularien und kapitulariennahen Texten") steht neben Kapitular Nr. 21 (in der Zählung von Boretius) zunächst Nr. 22 (die "Admonitio generalis") im Mittelpunkt. Gliederung, Überlieferung und Editionsgeschichte der Admonitio (nach B. für Karls Zeit "das Reformgesetz schlechthin", S. 135) werden ausführlich und präzise dargestellt, zudem werden die Begriffe admonitio und praedicatio (als spezielle Form der admonitio) entwickelt (in dieser Hinsicht geht die Arbeit über Kapitularienspezifisches weit hinaus). Im Mittelpunkt aber steht das bei Boretius unter dem Titel "Missi cuiusdam admonitio" als Nr. 121 gedruckte Stück. Dessen Textprobleme sind präzise und einleuchtend geschildert, und neben manchem anderen {216} ist der Nachweis gut gelungen, daß Ammonitionem domni Caroli imperatori keineswegs das Akkusativ-Objekt zu dem nachfolgenden audite (so die Edition von Boretius) darstellt, sondern eine sprachlich durchaus mögliche und außerdem spätere Inskription. Das vierte Unterkapitel dieses Abschnitts behandelt die causa fidei in den Kapitularien seit Chlodwig, wobei als eines der wichtigeren Ergebnisse festgehalten werden darf, daß dieses Thema nach der Kaiserkrönung - der Vf. plädiert ohnehin für die Eigenwertigkeit der "Kaiserkapitularien" - nachdrücklicher und eindringlicher behandelt wird als vorher. An Einzelstücken werden behandelt die Nrn. 35-38, 60 und 116-120, wobei anzumerken ist, daß die Nrn. 116, 117, 119 und 120 in MGH Capit. episc. 3 (1995) neu ediert worden sind, was dem Vf. nicht unbekannt ist (vgl. S. 359 Anm. 615), sich aber bedauerlicherweise in der Argumentation nicht niedergeschlagen hat. Es empfiehlt sich daher, zu diesen Stücken die jeweiligen Einleitungen in der jüngsten Edition zusätzlich zu konsultieren. Den Abschluß bilden eine Interpretation von Nr. 121 und eine äußerst knapp gehaltene "Schlußbetrachtung" (S. 395 f.). Der Text der "Missi cuiusdam admonitio" (Nr. 121) wird nach der (fragmentarischen) Überlieferung von Cod. Par. lat. 4613 und dem Cod. Cavensis 4 abgedruckt. Sorgfältig gearbeitete Register erschließen den Band.

Gerhard Schmitz


[87], S. 216

Jean Imbert, Les références au droit romain sous les Carolingiens, Revue historique de droit français et étranger 73 (1995) S. 163-174, beschränkt sich auf Kapitularien und Synodaltexte (nicht immer nach neuestem Editionsstand) und betont die Vielfalt der Rechtsfragen, zu denen Reminiszenzen vornehmlich an das Breviarium Alarici oder die Epitome Iuliani begegnen.

Rudolf Schieffer


[88], S. 216

Marie-Adélaïde Nielen-Vandervoorde, Un livre méconnue des Assises de Jérusalem: Les Lignages d'Outremer, BECh 153 (1995) S. 103-130.  --  Die "Lignages" sind ein Bestandteil der Assisen von Jerusalem. Obwohl sie eine Fülle von Informationen zu adeligen Familien der Königreiche Zypern und Jerusalem bieten, haben sie bisher nicht die gebührende Aufmerksamkeit gefunden. Die Vf. unterstreicht den hohen Quellenwert des Textes und läßt die insgesamt 12 Hss., welche ihn überliefern, Revue passieren. Den Autor der "Lignages" vermutet sie im Schülerkreis des Johann von Ibelin.

Alfred Gawlik


[89], S. 216

Wolfgang Stürner, Eine wiedergefundene Handschrift mit der italienischen Kurzfassung der Konstitutionen Friedrichs II. für das Königreich Sizilien, ZRG Kan. 83 (1997) S. 585-588, bespricht Domenico Maffei, Un'epitome in volgare del "Liber Augustalis". Il testo quattrocentesco ritrovato (Fonti e studi = Centro europeo di studi normanni 2) Roma 1995, Laterza, 185 u. 114 S., Abb., ISBN 88-420-4809-7, ITL 24.000.  --  St. identifiziert die von Maffei edierte Hs. Peralada, Biblioteca del Palacio Nr. 35870 (Ende 15. Jh.) mit dem seit den 1960er Jahren verschollenen Codex Valencia, Universidad, Biblioteca General M 814 (die Hs. Sv der Edition MGH Const. 2 Supp., 1996) und ordnet sie den vier anderen bekannten Kurzfassungen der Konstitutionen zu. Wie die Hs. von Valencia nach Peralada gekommen sein könnte, bleibt ungeklärt.

Detlev Jasper


{217}

[90], S. 217

Ulrich-Dieter Oppitz, Ergänzungen zu "Deutsche Rechtsbücher des Mittelalters und ihre Handschriften", ZRG Germ. 114 (1997) S. 444-453 (1 Abb.), setzt mit Neufunden und Korrekturen seinen ersten Bericht (vgl. DA 53, 260) fort.

Gerhard Schmitz


[91], S. 217

Die ältesten Lehnsbücher der Grafen von Henneberg, bearb. von Johannes Mötsch und Katharina Witter (Veröffentlichungen aus Thüringischen Staatsarchiven 2) Weimar 1996, Hermann Böhlaus Nachfolger, 367 S., 1 Abb., ISBN 3-7400-1013-4, DEM 52.  --  Mit der pünktlich zum Jubiläum anläßlich der Ersterwähnung von 1096 "900 Jahre Henneberg" vorgelegten Edition der drei ältesten Lehnsbücher der Grafen von Henneberg aus dem 14. Jh.  --  der ersten größeren ma. Quellenedition aus thüringischen Archiven seit Jahrzehnten - entsprechen die Hg. einem alten und dringenden Desiderat thüringisch-fränkischer Landesgeschichtsforschung. Die Edition enthält das erste, unter dem territorial überaus erfolgreichen Grafen Berthold VII. von Henneberg (1284-1340) angelegte, 1791 unzureichend edierte Lehnsbuch von 1332/40 (A) und die beiden in der Phase territorialen und politischen Niedergangs unter Bertholds Enkeln Heinrich X. († 1405) und Berthold XII. († 1416) entstandenen, noch unedierten Lehnsbücher aus dem Ende des 14. Jh. (B) bzw. der Zeit vor 1370 und dem Anfang des 15. Jh. (C). Zugrundeliegen die im Staatsarchiv Meiningen befindlichen Originalhss., deren Textwiedergabe nach den Richtlinien des Gesamtvereins der Deutschen Geschichts- und Altertumsvereine für die Edition ma. Amtsbücher erfolgt (S. 33-168). Erschlossen werden die Texte durch eine knappe historische und überlieferungsgeschichtliche Einleitung (S. 9-29), einen umfangreichen, auf die Edition folgenden Kommentar, der neben einer regestenartigen Übersetzung und den nicht immer leicht zu ermittelnden Ortsnamensidentifizierungen vor allem Querverweise innerhalb der drei Lehnsbücher und Angaben zur archivalischen Überlieferung der jeweiligen Lehnsvorgänge (S. 171-316) enthält, sowie durch das sehr detaillierte Orts- und Personennamenregister (S. 323-367). Die über 1 500 Einzeleinträge der drei Lehnsbücher bieten reichstes Material zur Territorial- und Besitzgeschichte der Grafschaft Henneberg im 14. Jh., ihrer inneren Organisation und ihren personellen Grundlagen und enthalten darüber hinaus zahlreiche Informationen zur politischen Geschichte der Grafen von Henneberg. Mit der sorgfältigen, gut erläuterten und leicht benutzbaren Edition dieser zentralen Quellen haben die Hg. eine empfindliche Lücke geschlossen und einen wichtigen Beitrag zur Landesgeschichte des im Hoch- und Spät-MA von der Grafschaft Henneberg geprägten, im Schnittpunkt zahlreicher territorialer Interessen stehenden nordfränkisch-südthüringischen Raums geleistet.

Matthias Werner {217}


[92], S. 217

Najstarszy Zwód Prawa Polskiego. Das älteste polnische Gewohnheitsrechtsbuch, hg. von Józef Matuszewski und Jacek Matuszewski, Lódz 1995, Wydawnictwo Uniwersytetu Lódzkiego, 167 S., 1 Diskette, ISBN 83-7016-815-9, PLN 8.  --  Die in dem Codex Neumannius (benannt nach dem Elbinger Apotheker Ferdinand Neumann) enthaltene älteste Sammlung des für Polen so wichtigen Gewohnheitsrechts liegt nun in einer leicht erreichbaren Ausgabe vor. Editorisch bietet sie gegenüber der maßgeblichen Ausgabe 1959 (ebenfalls von Józef M.) wenig Neues; doch weist sie zwei bedeutsame Zusätze auf: Zum einen informiert {218} eine ausführliche, polnisch und deutsch (S. 26-49) verfaßte Einleitung unter Einbeziehung der neuesten Literatur über Entstehung, Verbreitung, Charakteristika und bisherige Ausgaben der wohl zwischen 1253 und 1320 verfaßten und für die Praxis der Ordensgerichte in Preußen bestimmten deutschsprachigen Quelle. Zum zweiten fußt die Ausgabe nun auf jenen bereits vor 1918 gemachten Lichtbildern des Codex Neumannius (dazu auch die Diskette), die lange Zeit als verschollen galten, sich tatsächlich aber im Besitz des Historikers Stanislaw Estreicher († 1939) befanden und aus seinem Nachlaß 1987 in die Hände Józef M.s gelangten. Wenn auch das Original weiterhin verloren bleibt, wird mit vorliegender Ausgabe doch der Zugriff auf die besterhaltene Dokumentation der über hundert Jahre jüngeren, von Neumann 1825 entdeckten Abschrift möglich. Erleichtert wird dies durch die Beifügung des Faksimile (S. 109-157), während das Sachregister sich nur auf die parallel gedruckte polnische Übersetzung bezieht; für den Quellenteil muß deshalb auf das Register der vorangegangenen Edition zurückgegriffen werden. Insgesamt besteht damit eine solide Basis für inhaltliche Untersuchungen, besonders zum Rechtswortschatz.

Thomas Wünsch {218}


[93], S. 218

Johannes Mötsch, Das Weistum des Kröver Reiches von 1399. Edition und Datierung, Rheinische Vierteljahrsblätter 61 (1997) S. 96-134: Die vorgeschlagene Datierung des S. 112-134 edierten Textes ergibt sich aus inneren Merkmalen und der Geschichte des Kröver Reichs, dessen Vogtei 1398 das Erzstift Trier auf Dauer übernommen hat.

Ernst-Dieter Hehl


[94], S. 218

Ländliche Rechtsquellen aus den kurmainzischen Ämtern Olm und Algesheim, bearbeitet von Sigrid Schmitt (Geschichtliche Landeskunde 44) Stuttgart 1996, Steiner, XIX u. 671 S., ISBN 3-515-06786-8, DEM 168.  --  Etwas mehr als 20 der 101 hier edierten Quellenstücke sind vor 1500 entstanden, aber natürlich bedeutet dieses Jahr keinen sachlichen Einschnitt für die Entwicklung des ländlichen Lebens. Die Quellen zu den beiden Ämtern und 24 Orten sind mit einer knappen Schilderung zur Grund- und Ortsherrschaft sowie zu den kirchlichen Verhältnissen im betreffenden Ort eingeleitet; der Edition ist nicht nur das übliche Personen- und Ortsregister beigegeben, sondern S. 635-671 auch das hier unentbehrliche Sachregister. Die Edition geht von einem weiten Begriff von ländlichen Rechtsquellen aus. Sie enthält nicht nur Weistümer, sondern auch Verträge und Gerichtsurteile, die die örtlichen Verhältnisse regeln, sowie mit "Kundschaften" gezielte Anfragen und Auskünfte. Dorfbeschreibungen und -ordnungen sind erst seit der zweiten Hälfte des 16. Jh. überliefert.  --  Eine Auswertung hat die Bearbeiterin gegeben in: Landesgeschichte und Reichsgeschichte. Festschrift für Alois Gerlich (1995) (vgl. DA 53, 760 f.).

Ernst-Dieter Hehl


[95], S. 218

The Etablissements de Saint Louis. Thirteenth-Century Law Texts from Tours, Orléans and Paris, translated and with an introduction by F. R. P. Akehurst (Middle Ages Series) Philadelphia 1996, University of Pennsylvania Press, XLIV u. 177 S., ISBN 0-8122-3350-6, GBP 30,50.  --  Anzuzeigen ist eine moderne Übersetzung der unter Ludwig IX. erfolgten Aufzeichnung des Gewohnheitsrechts der an die Île de France anschließenden Gegenden, eines für die europäische Rechtsgeschichte wichtigen Werkes. Der schmale Band des Professors für französische Sprache A., der auch schon durch die Übersetzung der Coutumes de {219} Beauvaisis Philipp Beaumanoirs mit einem vergleichbaren Projekt hervorgetreten ist, stützt sich auf Band 2 der Edition von Paul Viollet (1886 ff.), von dem auch die Hinweise auf Parallelen in anderen Coutumes und dem römischen Recht übernommen werden. Eine Einführung in das kontinentaleuropäische Rechtssystem des 13. Jh. erhöht ebenso wie die Hinweise im Text auf altfranzösische Wendungen den Wert das Bandes für den Unterricht.

Jörg Müller {219}


[96], S. 219

Cyrille Vogel, En rémission des péchés. Recherches sur les systèmes pénitentiels dans l'Église latine. Edité par Alexandre Faivre (Variorum Collected Studies Series, CS 450) Aldershot 1994, Variorum, X u. 354 S., ISBN 0-86078-439-8, GBP 55, versammelt in der üblichen Manier dieser Reihe die elf wichtigsten Arbeiten des Straßburger Liturgiewissenschaftlers zum Thema zwischen 1952 und 1982, seinem Todesjahr, vermehrt um die als Einführung gedachten und postum 1983 erschienenen "Réflexions de l'histoire sur la discipline pénitentielle dans l'Église latine".

Herbert Schneider


[97], S. 219

Detlev Jasper, Die Canones synodi Romanorum ad Gallos episcopos - die älteste Dekretale?, ZKG 107 (1996) S. 319-326, kommt unter Heranziehung erst neuerdings analysierter frühma. Rechtssammlungen mit neuen Argumenten zum Urteil, daß die angesprochenen Canones wohl doch nicht Papst Damasus zuzusprechen sind und es dabei bleibt, daß die "älteste päpstliche Dekretale" jenes Schreiben des Siricius an Bischof Himerius von Tarragona von 385 (JK 255) sein dürfte.

Herbert Schneider


[98], S. 219

Elena Vannucchi, Tradizione ed uso della Institutio canonicorum Aquisgranensis a Pistoia, Bollettino storico pistoiese 3. Serie 31 (1996) S. 5-24, untersucht Entstehungsgründe und Rezeptionsweisen der besonderen Pistoieser Redaktion der Aachener Synodalbschlüsse von 816 in der Hs. 115 des dortigen Kapitelarchivs (s. auch S. 252).

Marlene Polock


[99], S. 219

Robert Somerville, Pope Nicholas I and John Scottus Eriugena: JE 2833, ZRG Kan. 83 (1997) S. 67-85, ediert das Brieffragment, dessen Echtheit nicht unbestritten war, erneut auf einer breiteren hsl. Basis. Bisher war der Text nur aus dem Dekret Ivos von Chartres bekannt, und S. kann sich auf etwas ältere Überlieferungen im Breviar des Kardinals Atto von San Marco und der Hs. Paris, Bibl. de l'Arsenal 713 stützen.

Detlev Jasper


[100], S. 219

Hubert Mordek, Ein exemplarischer Rechtsstreit: Hinkmar von Reims und das Landgut Neuilly-Saint-Front, ZRG Kan. 83 (1997) S. 86-112, interpretiert und ediert (S. 100-107) die Gesta de villa Noviliaco des Reimser Erzbischofs (Schrörs Reg. Nr. 388; bislang MGH SS 15, 2 S. 1167-1169 und NA 23 S. 196-198) neu und zeigt, daß Hinkmar zur Revindikation von Neuilly nicht nur dieses opusculum verfaßte, sondern auch eine kleine Kanonessammlung zusammenstellte (Beschreibung S. 107-112), was bislang übersehen worden war. Die Quelle selbst wird minutiös analysiert und interpretiert.

Martina Stratmann


[101], S. 219

Michael Kulikowski, An English abridgement of the Hispana of Autun at Antwerp, ZRG Kan. 83 (1997) S. 198-208, bestimmt das Exzerpt der Collectio {220} Hispana in der Hs. Antwerpen, Museum Plantin Moretus M 227 fol. 1-63 (12./13. Jh.) als Abschrift des Codex Eton, College Library 97, der als Konzilienteil die Hispana Gallica Augustodunensis in der zweiten Redaktion überliefert.

Detlev Jasper


[102], S. 220

Abigail Firey, The Canon Law Book of Jerome, Bishop of Belley, A. D. 933, Revue Bénédictine 107 (1997) S. 88-129, beschreibt ausführlich den Codex Troyes, Bibl. Mun. 1064 und veröffentlicht einige Texte aus dieser mit der Collectio Trecensis (Troyes 1406) verwandten Rechts-Hs.

Detlev Jasper


[103], S. 220

Roberto Bellini, Un abrégé del Decreto di Burcardo di Worms: la Collezione Canonica in 20 libri (Ms. Vat. Lat. 1350), Apollinaris 69 (1996) S. 119-195, analysiert die nach 1139 geschriebene Florentiner Hs., deren hauptsächlich auf Burchards Dekret beruhende Sammlung zeitgleich mit der Kanonessammlung Anselms von Lucca (um 1086) entstanden sein dürfte. In vier umfangreichen Anhängen sind die aus Burchards Dekret stammenden Kapitel verzeichnet, die aus anderen Quellen entnommenen Kapitel werden als Incipit-Explicit-Texte aufgeführt und die nicht identifizierten Kapitel als Volltexte ediert. Den Schluß bildet ein Initienverzeichnis der gesamten Sammlung.

Detlev Jasper


[104], S. 220

Giuseppe Motta und Giorgio Picasso, Un Florilegio Patristico tra Teologia e Canonistica. Cava dei Tirreni, Bibl. della Badia, ms. 3, ZRG Kan. 83 (1997) S. 113-145, veröffentlichen eine Incipit-Explicit-Liste der 369 Kanones, die zu zwei Dritteln aus Schriften Isidors von Sevilla und Augustins stammen. Einflüsse der Reform auf diese Ende des 11. Jh. niedergeschriebene Sammlung lassen sich nicht nachweisen.

Detlev Jasper


[105], S. 220

Robert Somerville, Pope Urban II and the Canons of St.-Jean-des-Vignes at Soissons, in: From Byzantium to Iran: in Honour of Nina Garsoïan, Atlanta 1996, S. 229-242, publiziert JL 5729 nach der Überlieferung ex registro Urbani pape im vatikanischen Cod. Reg. lat. 566 und erörtert die Abweichungen von der bisher gedruckten Textgestalt (u. a. Migne PL 151 Sp. 524 f.).

Rudolf Schieffer


[106], S. 220

Anders Winroth, The Two Recensions of Gratian's Decretum, ZRG Kan. 83 (1997) S. 22-31, stellt die Ergebnisse seiner Diss. vor, welche die Textgeschichte des Decretum Gratiani auf eine völlig neue Grundlage stellen. Für die Beschreibung einer ersten Rezension des Dekrets stützt sich W. auf drei, bisher als Kurzformen des Dekrets bewertete Hss. aus Admont, Stiftsbibl. 23 und 43, Barcelona, Archivo de la Corona de Aragón, Ripoll 78 und Florenz, Bibl. Naz. Conv. soppr. A 1.402, die etwa die Hälfte der Kanones des Friedbergschen Drucks umfassen. Diese Rezension des Dekrets ist durch die sukzessive Ausbeutung einzelner Kanonessammlungen wie der Panormie Ivos von Chartres (um 1095) oder des Polycarpus Gregors von San Grisogono (um 1104/10) entstanden. Sie wurde durch die Kanones hauptsächlich der norditalienischen Sammlung in drei Büchern und der weitverbreiteten und Ivo von Chartres zugeschriebenen Collectio Tripartita zur zweiten Rezension angereichert, wie der Vf. unter Weiterführung der Ergebnisse T. Lenherrs (siehe DA 46, 589 f.) überzeugend ausführt. Die erste Rezension enthielt offensichtlich den größten Teil der dicta {221} Gratiani, und aus ihren Hss. geht hervor, daß die späteren Ergänzungen auf den Rändern oder auf gesonderten Blättern eingetragen wurden. Das habe bei späterer Abschrift oft zu falscher Zuordnung der Kanones geführt und daraus erkläre sich wohl zum großen Teil die häufig beklagte mangelnde Stringenz in der Beweisführung Gratians. Für die Entstehung der ersten Rezension des Dekrets nimmt W. die Jahre zwischen 1139 und 1150 an, denkt an Bologna als Entstehungsort und nimmt Gratian als Autor in Anspruch, während die zweite und wirksam gewordene Rezension wohl kaum einem einzigen Vf. zugeschrieben werden kann, sondern ihr Aussehen eher von kodikologischen Zufällen abhängig sein dürfte.

Detlev Jasper


[107], S. 221

Rudolf Weigand, Zur künftigen Edition des Dekrets Gratians, ZRG Kan. 83 (1997) S. 32-51, gibt einen Überblick über Arbeiten des letzten Jahrzehnts, in denen versucht wurde, eine solide Basis für eine Neuedition des Dekret Gratians zu ermitteln, und vertieft die Ergebnisse Winroths (siehe die vorige Anzeige) zur ersten Redaktion des Dekrets durch eine Reihe von Beispielen. Die Crux liegt in der Hss.-Auswahl für eine Neuedition der allein wirksam gewordenen zweiten Redaktion, von der bis jetzt über 160 Codices des 12. und frühen 13. Jh. bekannt sind. Hier sei die Forschung noch nicht so weit, um allseitig abgesicherte Aussagen machen zu können. Eine Leiths. für den Text gebe es sicher nicht, wahrscheinlicher sei eine "Leithandschriftengruppe" von etwa einem Dutzend Codices, aus der ein Text erstellt werden könnte (S. 51).

Detlev Jasper


[108], S. 221

Herbert Kalb, Non adversi sed diversi. Konfligierende Rechtsquellen und die Dekretistik am Beispiel Stephans von Tournai, MIÖG 105 (1997) S. 346-360, kommentiert die rechtstheoretischen Vorstellungen im Prolog der zwischen 1166 und 1169 entstandenen Dekretsumme.

Rudolf Schieffer


[109], S. 221

André Gouron, Le manuscrit de Prague, Metr. Knih. J. 74: à la recherche du plus ancien décrétiste à l'Ouest des Alpes, ZRG Kan. 83 (1997) S. 223-248, bringt die Hs. mit dem Glossator Cardinalis (= Raimundus de Arenis, † 1177/78) in Verbindung.

Detlev Jasper


[110], S. 221

Rudolf Weigand, Die Glossen des Johannes Faventinus zum Wahl- und Weiherecht und ihre Rezeption in den westlichen Schulen, Archiv für katholisches Kirchenrecht 164 (1995) S. 54-75, veröffentlicht die Glossen des Dekretisten († nach 1187) zu Gratian D. 54 (Weihe von Unfreien) und D. 61-63 (Wahlrecht), klassifiziert die etwa fünfzig Hss. und kann eine besondere französische Überlieferung und eine anglonormannische Glossenkomposition feststellen.

Detlev Jasper


[111], S. 221

Annalisa Belloni, Azzone e il diritto canonico. La collezione Azo A: 13 e 17, ZRG Kan. 83 (1997) S. 249-271, ediert die beiden consilia des Juristen Azo († 1229/30), in denen Zehntfragen und ein Bischofsprozeß behandelt werden.

Detlev Jasper


[112], S. 221

Martha G. Newman, Stephen Harding and the Creation of the Cistercian Community, Revue Bénédictine 107 (1997) S. 307-329, beschreibt die engere {222} Bindung des Abtes an die Mönche eines Zisterzienserklosters, wie sie vom dritten Abt von Cîteaux (1109-1134) in der Charta caritatis festgelegt wurde.

Detlev Jasper


[113], S. 222

Peter Hoheisel, Die erste Paderborner Wahlkapitulation. Das Paderborner Domkapitel in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, Westfälische Zs. 147 (1997) S. 271-290 (mit 4 Abb.), datiert die von Roger Wilmans bisher dem Jahr 1242 zugeordnete Wahlkapitulation Westf. UB IV, 2 Nr. 386 (StA Münster, Fstm. Paderborn Urk. 168) nun mit erwägenswerten Überlegungen in die Zeit zwischen 1228 und 1231. "Damit gehört die Paderborner Wahlkapitulation zu den ersten bekannten Schriftstücken dieser Art" (S. 287).

Goswin Spreckelmeyer {222}


[114], S. 222

Péter Erdö, Polnische Quellen des großen Synodalbuchs von Esztergom (1382), ZRG Kan. 83 (1997) S. 377-391, erweist als wichtigste Quelle der Esztergomer Synodalstatuten das Krakauer Synodalbuch des Bischofs Nanker von 1320.

Detlev Jasper


[115], S. 222

Anke Krüger, Schuld oder Präjudizierung? Die Protokolle des Templerprozesses im Textvergleich (1307-1312), HJb 117 (1997) S. 340-377, zielt auf einen Nachweis der Unschuld der einzelnen Templer sowie des gesamten Ordens ab, indem sie detailliert dartut, daß sachliche Übereinstimmung der Geständnisse vornehmlich in den Niederschriften derselben Verhöre zutage tritt, kaum dagegen beim Vergleich der zu unterschiedlichen Zeitpunkten herbeigeführten Aussagen von Templern, die vom selben Rezeptor aufgenommen worden waren oder denselben Häusern angehört hatten.

Rudolf Schieffer


[116], S. 222

André Gouron, Sur les plus anciennes rédactions coutumières du Midi: les "chartes" consulaires d'Arles et d'Avignon, Annales du Midi 109 (1997) S. 189-200, behandelt die 1156 und 1158 verfaßten Konsulatsstatuten von Arles und Avignon.

Rolf Große {222}


[117], S. 222

Cristina Carbonetti Venditelli, Margheritella. Il più antico liber iurium del Comune di Viterbo (Fonti per la storia dell'Italia medievale. Antiquitates 6) Roma 1997, Istituto storico italiano per il Medio Evo, XLIII u. 118 S., ISSN 0392-1832.  --  Nach der Edition des Liber Memorie ...communis Viterbii von 1283 (vgl. DA 49, 252 f.) legt die Autorin hier mit der von ihr gewohnten Perfektion und Sachkenntnis die erste der versprochenen kritischen Editionen der Libri iurium (Margaritae; Biblioteca comunale degli Ardenti) der Kommune Viterbo vor, den ältesten, Margheritella genannten, in dem die Stadt im 13. Jh. abschriftlich den für sie rechtsrelevanten Aktenbestand der Jahre 1170-1240 erfassen ließ. Der erhaltene Inhalt umfaßt 35 Stücke, darunter zwei Urkunden Erzbischof Christians von Mainz von 1172 und 1175 (Originale ACV, perg. 11 u. 13), das Münzprivileg K. Friedrichs II. für Viterbo von 1240 (Original ACV, perg. 55) sowie acht von den ehemals neun Mandaten Innozenz' IV., die bekannten Ereignisse um die Belagerung Viterbos durch Friedrich II. 1243/44 betreffend, die ebenso wie die meisten anderen Stücke der Margheritella in Originalüberlieferung nicht mehr existieren und von denen bisher nur zwei andernorts publiziert waren. Der einleitende Kommentar beschränkt sich auf eine kurze {223} Beschreibung der Quelle, da sie bereits ausführlich in der Spezialstudie der Vf. über die Registrierungstätigkeit der Kommune während des 13. Jh. (vgl. S. 212) behandelt ist, geht aber ausführlich auf die Überlieferungsformen der erhaltenen Dokumente ein und registriert sie in chronologischer Reihenfolge. Beschlossen wird die Einleitung mit Abkürzungs- und Literaturverzeichnis, die Edition, deren kritischer Apparat sämtliche Textvarianten des Liber memorie und der übrigen Libri iurium angibt und auch sonst allen Anforderungen entspricht, mit einem präzisen Personen-, Orts- und Sachregister.

Marlene Polock


[118], S. 223

Thomas Scharff, Häretikerverfolgung und Schriftlichkeit. Die Wirkung der Ketzergesetze auf die oberitalienischen Kommunalstatuten im 13. Jahrhundert (Gesellschaft, Kultur und Schrift 4) Frankfurt am Main u. a. 1996, Peter Lang, 327 S., ISBN 3-631-31414-0, DEM 89.  --  In dieser von Hagen Keller betreuten Münsteraner Diss. von 1992 wird ein Aspekt untersucht, der bisher weder in den Arbeiten zur Ketzerverfolgung noch in denen zu den Kommunalstatuten eine Rolle gespielt hat. Die Häretikergesetzgebung war keine genuin städtische Angelegenheit, vielmehr handelte es sich um die Aufnahme von zunächst päpstlichen und dann kaiserlichen Erlassen in die urbane Gesetzgebung. Bevor dieser Vorgang genauer untersucht wird, stellt S. die fünf wichtigsten päpstlichen Verordnungen gegen Ketzer vom dritten Lateranense (1179) bis zur Bulle Innozenz' IV. von 1252 (Ad exstirpanda) sowie die entsprechenden kaiserlichen Gebote Friedrichs II. vor. Inhaltlich geht es neben der Bestrafung der religiösen Abweichler selbst vor allem um deren Isolation durch die Inkriminierung ihres Umfelds. In formaler Hinsicht sind die Bestimmungen von Mal zu Mal mehr an die städtischen Normen angelehnt, um die möglichst wörtliche Übernahme in die Statutensammlungen zu garantieren. Nur dann bestand augenscheinlich die Hoffnung auf tatsächliche Anwendung der Gesetze. In vier weiteren Kapiteln zeigt S., daß in dieser Hinsicht die Effektivität schriftlicher Aufforderungen der Päpste an die Kommunen sowie die Versuche päpstlicher Legaten, darunter Hugos von Ostia, des späteren Papstes Gregor IX., weit hinter den Maßnahmen der Mendikanten zurückblieben, die im Rahmen der "Devotio" von 1233 erste Erfolge hatten und bald die organisierte Inquisition übernahmen. Mit der abschließenden Neuformulierung der Ketzergesetze durch Innozenz IV. fiel auch die Aufteilung der Inquisitionsbezirke zwischen Dominikanern im nördlichen und Franziskanern in südlichen Teil Oberitaliens zusammen. Die Bettelmönche sorgten dafür, daß um 1300 alle kommunalen Verfassungen Ketzererlasse enthielten. Der pragmatische Umgang mit den Häretikergesetzen durch Aktualisierung und Neuredaktion sowie die damit einhergehenden Veränderungen des Gesamtgefüges der Statutencodices werden in einem gesonderten Kapitel behandelt. Die Ergebnisse sind stark überlieferungsabhängig und auch bei ähnlichen Überlieferungsbedingungen von Kommune zu Kommune verschieden. Widerstände richteten sich meist gegen die Inquisitoren, nicht gegen die Weisungen selbst. Insgesamt, so demonstriert S. im abschließenden Kapitel seiner interessanten Arbeit, kam die institutionalisierte und auf schriftlich fixierten Normen basierende Ketzerverfolgung der Tendenz innerhalb der Kommunen zur Bestrafung und Ausgrenzung von Abweichlern nicht nur religiöser Art entgegen. Hinzu trat die ungenaue Definition der Begriffe Häretiker und Häresie, die man im Kampf gegen innerstädtische Konkurrenten gerne anwandte. Die einzelnen Häretikerstatuten hat S. in den {224} Anmerkungen ausführlich zitiert und den schnellen Zugriff auf die Texte durch entsprechende Verweise in drei Überblickstabellen im Anhang erleichtert. Davor sind die Ergebnisse in italienischer Sprache zusammengefaßt. Unter den Quellen sind die Statuten gesondert zusammengestellt, auf Literaturverzeichnis und Namenregister folgt ein sehr detailliertes Sachregister mit zahlreichen Begriffen aus den Quellen.

Claudia Zey {224}


[119], S. 224

Mindener Stadtrecht. 12. Jahrhundert bis 1540. Bearbeitet von Johann Karl von Schroeder (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen 8 = Rechtsquellen A: Westfälische Stadtrechte 2) Münster 1997, Aschendorff, XI u. 358 S., ISBN 3-402-06709-9, DEM 89.  --  Der Hg. legt die wichtigsten Quellentexte zum Mindener Stadtrecht bis zur Einführung der Reformation in Minden im Jahre 1540 vor. Der Teil A enthält die bisher bekannt gewordenen Stadtbücher und Mindener Rechtsweisungen; Teil B bietet eine Auswahl von Urkunden und anderen Quellen, "die für die Rechts- und Verfassungsgeschichte der Stadt besonders bedeutsam erscheinen" (S. VII). Der Bearbeiter will ausdrücklich einer "Auswertung und Einbettung in die Forschung" (S. VII) nicht vorgreifen. Die Editionsgrundsätze sind jeweils in der Einleitung zu den einzelnen Stücken vermerkt. Der Teil A beginnt mit dem "Mindener Stadtbuch von 1318" (S. 3-78), das 1931 zum ersten Mal von Martin Krieg ediert worden ist. Es folgen das Stadtbuch von 1376 (S. 79-111) und das Stadtbuch von 1527 (S. 113-116), von dem sich nur einzelne Exzerpte erhalten haben. Hinzugefügt sind in Auszügen "Der Fischerstadt Gerechtigkeit Buch" von 1647 (S. 117-144) und Mindener Rechtsweisungen "Aus der Hannoverschen Stadtrechtshandschrift (Stadtarchiv Hannover B 8234 m)" (S. 145-177). Teil B (S. 179-331) setzt ein mit dem Regest einer Urkunde von Bischof Thietmar von Minden (1185-1206) und endet mit einer Urkunde von Bürgermeister und Rat der Stadt Minden vom 5. April 1540. Ein "Index der Orts- und Personennamen" (S. 332-358), in dem die Identifizierung einzelner Personen nicht angestrebt worden ist, beschließt diesen für die spätma. Geschichte Mindens wichtigen Band, der eine breite und sichere Basis für weitere Forschungen bietet.

Goswin Spreckelmeyer {224}


[120], S. 224

Acta iudiciaria civitatis Cassoviensis 1393-1405. Das älteste Kaschauer Stadtbuch, bearbeitet von Ondrej R. Halaga (Buchreihe der Südostdeutschen Historischen Kommission 34) München 1994, Oldenbourg, XVI u. 468 S., 3 Karten, ISBN 3-486-55942-7, DEM 148.  --  Das Stadtbuch enthält in mehr als 6 200 Einträgen Gerichtsprotokolle von 1393-1405. Es handelt sich im wesentlichen um Schuldsachen, weswegen auch zahllose Personennamen aufgelistet sind - für die Prosopographie wie die Migrationsforschung reiches Material mit deutschen, slawischen, magyarischen Namen. Für die Wirtschafts-, Sozial- und Stadtgeschichte des oberungarischen Raumes, wie auch für die Geschichte der Deutschen in Südosteuropa liegt hier ein reiches Material für eine wissenschaftliche Bearbeitung vor.

Lothar Kolmer {224}


[121], S. 224

Wiener Neustädter Handwerksordnungen (1432 bis Mitte des 16. Jahrhunderts), hg. von Martin Scheutz, Kurt Schmutzer, Stefan Spevak, Gabriele Stöger, mit einer Einleitung von Albert Müller (Fontes Rerum Austriacarum, 3. Abt.: Fontes iuris 13) Wien u. a. 1997, Böhlau, 176 S., ISBN 3-205-98719-5, {225} ATS 476 bzw. DEM 68.  --  Die gut gearbeitete Edition enthält 46 Ordnungen aus der südlich von Wien gelegenen, von Friedrich III. bevorzugten Stadt von sehr unterschiedlicher Ausführlichkeit. Sie sind zum Großteil in den beiden umfangreichen Ratsbüchern aus dem 15. und 16. Jh. überliefert, während die originalen Ausfertigungen nur selten erhalten blieben. Aussteller sind der Bürgermeister und der Rat, welche die Ordnungen, auch wenn sie vom Handwerk eingereicht wurden, "setzten" oder ältere bestätigten und sich ihre Änderung vorbehielten. Außer der Siegelankündigung wurde regelmäßig auch die Eintragung ins "Stadtbuch" festgehalten, dem man in manchen Fällen auch den zu bestätigenden Text entnahm. Die Stücke enthalten die gebräuchlichen rechtlichen, organisatorischen, wirtschaftlichen und religiösen Bestimmungen und betreffen nicht nur Handwerker: Auch die Armen und Bettler hatten ihre Bruderschaft an der Pfarrkirche und unterlagen dem obrigkeitlichen Kontroll- und Regulierungsbedürfnis (1478). Auf Möglichkeiten der Auswertung weist die knappe Einleitung hin.

Herwig Weigl {225}


[122], S. 225

Friedrich-Wilhelm Hemann, Das Rietberger Stadtbuch. Edition, Einleitung, Typologie. Ein Beitrag zur Erforschung von Klein- und Residenzstädten sowie zur Frage der Schriftlichkeit in frühneuzeitlichen Städten Westfalens (Beiträge und Quellen zur Stadtgeschichte Niederdeutschlands 3) Warendorf 1994, Fahlbusch Verlag, VII u. 513 S., Abb., 4 Karten, ISBN 3-925522-12-3, DEM 120.  --  Für die westfälische Kleinstadt Rietberg, südöstlich von Wiedenbrück gelegen, ist aus dem 16. Jh. ein Stadtbuch überliefert (Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Niederrheinisch-Westfälischer Kreis, Akten IX, Nr. 29). Das bleibende Verdienst dieser von P. Johanek betreuten Münsteraner Diss. ist in der Edition des Rietberger Stadtbuches zu sehen (S. 258-365). Dieses wohl zwischen 1546 und 1550 neu angelegte Stadtbuch dokumentiert die Zeit vom 14. Juli 1500 bis zum 15. Dezember 1568; zu fünf älteren Stücken vgl. S. 272 u. 288. Inhaltlich belegt das Stadtbuch, das zum Typus des Mischbuches gehört, vor allem Bürgeraufnahmen, Schlichtungen von Streitfällen, die Ratsgerichtsbarkeit, Auflassungen von Gütern und andere stadtrechtliche Regelungen; auch Abschriften von Freibriefen und Privilegien sind enthalten. Der Hg. hat den Text des Stadtbuches in 100 Stücke eingeteilt und zur bequemeren Benutzung der eigentlichen Edition 100 Regesten vorangestellt (S. 279-287). Diese Edition bildet für den Hg. die Grundlage für die Untersuchung der Geschichte Rietbergs als kleiner Residenzstadt im 16. Jh., auf die hier nur kurz hingewiesen werden soll. Der Vf. setzt ein mit der Gründung Rietbergs und der Stadtrechtsverleihung um 1240, erörtert dann die Geschichte der Stadt im MA und ferner die Geschichte von Stadt und Grafschaft unter wechselnden Herren bis 1568. Unter den Gesichtspunkten von Recht und Verfassung, Bevölkerung sowie Hude und Trift wird dann in exemplarischer Weise das Rietberger Stadtbuch als Quelle ausgewertet. Durch die umfassende Erschließung dieser "archaische(n) Form schriftlicher Verwaltung" (S. 4) gelingt auch eine stärkere Berücksichtigung des Alltagslebens in der Stadt. Problemorientiert wird hier ein Zugang zum Typ der "Minderstadt" gefunden und als Beispiel für den "bisher vernachlässigten Typ der Kleinstresidenz" (S. 256) dargestellt. Die Einwohnerzahl lag im Spät-MA und auch noch im 16. Jh. unter 1 000 Personen. Rietberg stellt so "einen Typ von Kleinstadt dar, dessen relativ breite {226} rechtliche Ausstattung im wesentlichen auf der frühen Gründung basiert, ohne daß die wirtschaftliche Stärke damit korrespondiert" (S. 257).

Goswin Spreckelmeyer {226}


[123], S. 226

Ludolf Kuchenbuch, Die Achtung vor dem alten Buch und die Furcht vor dem neuen. Cesarius von Milendonk erstellt 1222 eine Abschrift des Prümer Urbars von 893, Historische Anthropologie 3 (1995) S. 175-202, erörtert sehr anschaulich Entstehung und Anlage der Abschrift, die eine kommentierte Neufassung mit dem Ziel größerer Übersichtlichkeit war, und erkennt darin die "Übersetzung frühscholastischer Schriftpraxis und Auslegungstechnik ins grundherrlich-bäuerliche Handlungsfeld" (S. 198).

Rudolf Schieffer


[124], S. 226

Andreas U. Friedmann, Bisher unedierte Quellen aus der Frühzeit des Zisterzienserklosters Otterberg, Rheinische Vierteljahrsblätter 61 (1997) S. 298-302: Auf der Rückseite einer undatierten Urkunde Bischof Konrads I. von Worms (1150-1171?) für Otterberg sind Abgabenverpflichtungen des Klosters verzeichnet sowie eine Notiz über den in vielen Geschäftsschritten erfolgten Erwerb der heutigen Wüstung Maßerbach.

Ernst-Dieter Hehl


[125], S. 226

Susanne Fritsch, Wallfahrtsort oder politischer Treffpunkt? Zur Bedeutung des Stiftes Klosterneuburg unter Propst Stephan von Sierndorf (1317-1335), Jb. des Stiftes Klosterneuburg NF 16 (1997) S. 47-55, weist auf die Klosterneuburger Küchenrechnungen als Quellen für die Besucherfrequenz im Stift hin und kündigt eine Edition an.

Herwig Weigl {226}


[126], S. 226

Die klevischen Hofordnungen, bearbeitet von Klaus Flink unter Mitwirkung von Bert Thissen (Rechtsgeschichtliche Schriften 9) Köln u. a. 1997, Böhlau, XXXIV u. 163 S., Abb., Karten, ISBN 3-412-17896-9, DEM 58.  --  Im vorliegenden Band werden die im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf und im Staatsarchiv Münster überlieferten Quellen zur Hofhaltung der Grafen und Herzöge von Kleve bis zum Jahre 1521, dem Zeitpunkt der Vereinigung der Herzogtümer Kleve-Mark und Jülich-Berg, erstmals geschlossen ediert und damit der Forschung, welche sich mit diesen Quellen bislang nur wenig auseinandergesetzt hat, zur weiteren Auswertung zur Verfügung gestellt. Die Edition versteht sich als Ergänzung und Abschluß der bisher von Klaus Flink herausgegebenen Rechtsquellen der Grafen und Herzöge von Kleve, nämlich der Stadtprivilegien und der Stadtrechte welche in der Schriftenreihe "Klever Archiv", Bd. 8 (1989), 10 (1990), 11 (1991) und 15 (1994) erschienen sind. Insgesamt kommen 19 Texte aus der Zeit von 1411 bis 1515 zum Abdruck (vgl. DA 47, 236; 48, 246 und 52, 239 und Klever Archiv 10, 1990): Kostlisten, Haus- und Hofordinantien und Regiments-Ordnungen. Die Kostlisten entstanden zu bestimmten Anlässen und geben einen Überblick über die Zahl derjenigen Personen des Hausgesindes, welche aufgrund ihrer Amtsbriefe kostberechtigt waren. Sie vermitteln zugleich einen Eindruck von der großen Fluktuation bei Hofe. Bei den Hofordinantien handelt es sich um Anweisungen, die sich vor allem auf Küche, Bottelrie, Back- und Brauhaus {227} und die Türwärter beziehen. Sie spiegeln zugleich die wesentlichen Charakterzüge des jeweiligen Herzogs wider, so etwa die Sparsamkeit Herzog Adolfs (1411-1448). Die Regimentsordnungen stammen vor allem aus der Zeit Herzog Johanns II. (1481-1515) und sind unter maßgeblichem Einfluß der Landstände entstanden, welche ihrer massiven Kritik an der Regierung und Hofhaltung Johanns II. das Bild eines idealen Landesherren, Hofes und "Staates" gegenüberstellen.  --  In der Einführung zur Überlieferung und zum Charakter der Texte hebt F. vor allem die Bedeutung der Hofordnungen für die Topographie der Burg Kleve hervor. Auch kommt er zu dem Ergebnis, daß auf der Burg täglich durchschnittlich 250 Personen, mit Spitzen bis zu 400 Personen, beköstigt wurden. Interessant ist ferner, daß das Hofgesinde zu Zeiten Herzog Adolfs vom Hofmeister bis zum Stallknecht die Mahlzeiten gemeinsam im Palas der Burg einnahm, während es unter dem von burgundischen Hofsitten beeinflußten Herzog Johann I. (1448-1481) seit ca. 1470 eine deutliche Differenzierung in der Verabfolgung der Speisen nach dem Rang gab. Burgundisches Etikettedenken konnte sich allerdings, wie F. betont, entgegen der in der Literatur vielfach geäußerten Meinung, nicht lange halten, weil es "dem Naturell des klevischen Landadels zutiefst zuwider" (S. XXXIV) gewesen sei.

Thomas Kraus {227}


[127], S. 227

Dieter Heckmann, Das Wortzinsverzeichnis der Stadt Königsberg-Kneiphof von um 1455, ZRG Germ. 114 (1997) S. 318-351 (2 Abb.), publiziert das im Ordensbriefarchiv des Historischen Staatsarchivs Königsberg (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, XX. HA Nr. 28150) erhalten gebliebene Dokument, das außer einer lokalen auch eine gewisse Bedeutung für die Finanzverwaltung des Deutschen Ordens hat.

Gerhard Schmitz


[128], S. 227

Michael W. Herren, Latin Letters in Early Christian Ireland (Collected Studies Series CS 527) Aldershot u. a. 1996, Variorum, XII u. 348 S., ISBN 0-86078-581-5, GBP 55.  --  Der vorliegende Band der hier schon oft angezeigten Reihe bietet insgesamt 18 Studien des bekannten Früh-MA-Forschers aus den Jahren 1976-1994 und erschließt sie durch mehrere Register.

Martina Stratmann


[129], S. 227

John O. Ward, Ciceronian Rhetoric in Treatise, Scholion and Commentary (Typologie des sources du moyen âge occidental 58) Turnhout 1995, Brepols, 373 S., ISBN 2-503-36058-0 bzw. 2-503-36000-9, BEF 3.500.  --  Gegenstand dieses Buches sind Traktate, Kommentare, Glossen, Paraphrasierungen und ma. Übersetzungen ins Französische oder Italienische zu Cicero, De inventione und Pseudo-Cicero, Ad Herennium. Nicht berücksichtigt sind einschlägige Texte in der Ars dictandi, poetriae und praedicandi sowie in juristischen Werken. Der Vf. skizziert zunächst die Geschichte der Forschung seit dem frühen 19. Jh. und versucht eine m. E. gelegentlich zu weit getriebene Klassifikation des sehr verschiedenartigen Materials. Sodann schildert er ausführlich die Entwicklung dieser literarischen Gattung von Victorinus und Augustin bis zu den Humanisten. Im 11. und 12. Jh. erreicht das Interesse an der antiken Rhetoriktheorie seinen Höhepunkt, was auf den politischen und theologischen Kontroversen jener Zeit beruhen dürfte. In der Renaissancezeit sieht W. in bezug auf das Studium der {228} Rhetorik keinen Bruch mit dem MA und auch keine Wiederbelebung der antiken Redekunst. In den letzten Kapiteln geht der Vf. auf grundsätzliche Probleme des Genus ein: Ermittlung der Vf., Datierung, Lokalisierung, hsl. Überlieferung, sprachliche Form der Glossen, verlorene Werke und Vorschläge für künftige Editionen, und würdigt die Kommentare und Glossen als Quellen für die Kultur- und Bildungsgeschichte.  --  Für jemanden, der sich schon mit der ma. Rhetorik beschäftigt hat, ist das Buch eine wahre Fundgrube; er muß es allerdings Seite für Seite lesen, denn der General Index erfaßt den reichen Inhalt nur teilweise, und der Index of Manuscripts verweist lästigerweise vielfach auf Kapitel und Anmerkungen statt auf Seitenzahlen. Als rasche Orientierungshilfe ist das Buch also wenig geeignet, zumal die Darstellung den Stand von 1987 wiedergibt und Berichtigungen und Ergänzungen nachträglich (S. 308-348) hinzugefügt wurden. Dadurch hat das Buch auch zwei Bibliographien, und so liest man etwa auf S. 90-100 eine Überlieferungsgeschichte von Ad Herennium, die durch die Arbeit von Hafner und die Edition von Achard weithin überholt ist, was aber in den Ergänzungen nicht recht klar wird.

Hans Martin Schaller


[130], S. 228

Martina Stratmann, Karls des Kahlen Auseinandersetzung mit dem Klerus von Ravenna (875) - Ein Briefwechsel, ZKG 105 (1994) S. 329-343, macht den verloren geglaubten Brief des Ravennater Klerus von 875 (noch an "König" Karl gerichtet) aus dem Druck bei Flacius Illyricus bekannt, sowie die Antwort Karls (aus der Feder Hinkmars von Reims?), soweit sie sich aus den Magdeburger Centurien und einem verstreuten Hinweis bei François Pithou fragmentarisch rekonstruieren läßt. Inhaltlich drehte sich der Briefwechsel um Vorwürfe Karls, die in Ravenna aus dem Mönchsstand in die kirchliche Hierarchie Aufgestiegenen trügen nicht mehr die vollständige Ordenstracht.

Herbert Schneider


[131], S. 228

Natale Rauty, Rapporti di Atto, vescovo di Pistoia, con il clero e le istituzioni ecclesiastiche lombarde, Bollettino storico pistoiese 3. Serie 30 (1995) S. 3-26, wertet den vielseitigen Inhalt zweier wenig bekannter, an geistliche Adressaten in Mailand gerichteter Briefe des Vallumbrosaners Atto aus, der von 1133-1153 Bischof von Pistoia war. Im Anhang sind beide Briefe noch einmal ediert, der erste aus dem Original (Mailand, Arch. cap. di S. Ambrogio, Pergamene, sec. XII, n. 224), der zweite aus einer Kopie des 12. Jh. (Mailand, Bibl. Ambrosiana, Reparto Manoscritti, Omeliario, D. 22 Inf.).

Marlene Polock


[132], S. 228

Patrick J. Geary and John B. Freed, Literacy and violence in twelfth-century Bavaria: the "murder letter" of Count Siboto IV, Viator 25 (1994) S. 115-129, untersuchen aufs Neue den bekannten Brief Sibotos: Leider läßt sich schlechthin nicht bestimmen, ob der Brief echt oder fingiert, ebensowenig, ob die darin ausgedrückte Mordabsicht wörtlich oder als Täuschungsmanöver zu verstehen ist.

Timothy Reuter


[133], S. 228

Anne J. Duggan, The deposition of Abbot Ernis of Saint-Victor: a new letter?, Journal of Ecclesiastical History 45 (1994) S. 642-660, macht sehr wahrscheinlich, daß ein im Corpus der Becketbriefe enthaltenes Schreiben mit dem Becketstreit nichts zu tun hat, sondern mit der Absetzung des Abtes Ernis 1172 wegen Betrugs und anderer Verfehlungen.

Timothy Reuter


{229}

[134], S. 229

Grazyna Klimecka, Z historii tworzenia jezyka dokumentu polskiego wieków srednich. Formularz ciechanowski [Aus der Geschichte der Entstehung der Sprache der polnischen ma. Urkunden. Das Formelbuch von Ciechanów] Warszawa 1997, Biblioteka Narodowa, 109 S., Abb., ISBN 83-7009-191-1, PLN 20,30.  --  Das Formelbuch (Warschau, Nationalbibliothek, 5 BOZ 61) entstand im Jahre 1440 und enthält 44 Briefe und Urkunden des Königs Wladislaus Jagiello, der Königin Anna und Herzog Siemowits IV. von Masovien aus den Jahren 1410-1415. K. möchte es Jan von Gostynin zuschreiben, der in Krakau studierte und später Schreiber in Ciechanów war.

Jaroslaw Wenta {229}


[135], S. 229

Historiographie im frühen Mittelalter, hg. von Anton Scharer und Georg Scheibelreiter (Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 32) Wien u. a. 1994, Oldenbourg, 544 S., ISBN 3-486-64832-2, DEM 160.  --  Dieser Band vereinigt weitgehend Beiträge eines Symposions in Zwettl vom 22. bis 24. März 1993. Nach einer von den Hg. verfaßten Vorbemerkung, die wesentlich auf heutige Gefährdungen der Forschung über frühmittelalterliche Geschichtsschreibung abhebt (S. 7-9), stellt Herwig Wolfram, Einleitung oder Lügen mit der Wahrheit - Ein historiographisches Dilemma (S. 11-25), die memoria als eigentlich motivierendes, weil identitätsstiftendes Element der Geschichte heraus.  --  Georg Scheibelreiter, Vom Mythos zur Geschichte. Überlegungen zu den Formen der Bewahrung von Vergangenheit im Frühmittelalter (S. 26-40), zeigt, daß die von den Griechen und Römern herkommende Geschichtsschreibung im Früh-MA mit der mythischen Tradition ihre Schwierigkeiten hatte, nicht zuletzt weil die germanische Welt, die barbarisch und heidnisch war, mit antik-christlichem Verstehen bewältigt werden mußte, was erst im Werk des Fredegar und im Liber historiae Francorum in etwa gelang.  --  Arnold Angenendt, 'Gesta Dei' - 'gesta hominum'. Religions- und theologiegeschichtliche Anmerkungen (S. 41-68), zeichnet nicht nur hinsichtlich der Historiographie den Weg vom erstgenannten, das MA wesentlich bestimmenden Handeln Gottes in der Geschichte zu der neuzeitlichen Auffassung, in der dann die autonome Persönlichkeit und die Eigengesetzlichkeit der Welt Geschichtsfaktoren wurden, mit seinen besonders im Hoch-MA sichtbaren Übergängen.  --  Brigitte Merta, Recht und Propaganda in Narrationes karolingischer Herrscherurkunden (S. 141-157), zeigt anhand einer nicht-historiographischen Quellengattung, daß "die Erzählung der Begleitumstände der Entstehung einer Urkunde größere Rechtssicherheit bot" (S. 156) und der Aussteller hier auch seine (nicht immer zutreffende) Sicht der Dinge plazieren konnte.  --  Hans-Werner Goetz, Historiographisches Zeitbewußtsein im frühen Mittelalter. Zum Umgang mit der Zeit in der karolingischen Geschichtsschreibung (S. 158-178), behandelt Zeit- und Epochenbegriff, das zeitliche Ordnungsgefüge und Zeitangaben in dieser Historiographie; er macht hier ein Zeitbewußtsein aus, das sich aber oft auf einen relativen Zeitbezug (ein Ereignis hinter oder vor einem anderen) beschränkte und auf absolute Genauigkeit nur in bestimmten Zusammenhängen Wert legte.  --  Christian Hannick, Liturgie und Geschichtsschreibung (S. 179-185), behandelt den orthodoxen Bereich und hier vornehmlich Homiliarien, Synaxarien und {230} Typika.  --  Fritz Losek, Die Spinne in der Kirchendecke - Eine St. Galler Klostergeschichte (Notker, Gesta Karoli 1,32) (S. 253-261), will solche Histörchen mit aller Vorsicht als Anekdoten werten, deren Aufarbeitung, auch in Hinsicht auf das in ihnen vielleicht verborgene reale Geschehen, noch umfassend vorgenommen werden muß.  --  Hans-Hubert Anton, Origo gentis - Volksgeschichte. Zur Auseinandersetzung mit Walter Goffarts Werk "The Narrators of Barbarian History" (S. 262-307), sucht den genannten Autor (vgl. DA 45, 647 f.) besonders durch ein erneutes Eingehen auf Jordanes' "Romana" und "Getica" zu widerlegen.  --  Martin Heinzelmann, Die Franken und die fränkische Geschichte in der Perspektive der Historiographie Gregors von Tours (S. 326-344), zeigt, daß dieser Autor, der sich weit mehr als bisher gesehen "an von der Patristik entwickelter Textexegese oder Typologie orientiert" (S. 330) und ein festes, an Christus orientiertes Konzept für sein Werk besaß, die Franken besonders in seinem zweiten, deren König Chlodwig gewidmetem Buch in einem mehr spirituellen als historischen Zusammenhang erscheinen läßt.  --  Ian N. Wood, Fredegar's Fables (S. 359-366), kennzeichnet das Werk dieses 659 oder kurz zuvor schreibenden Autors als "a pièce d'occasion" (S. 366); wie man seiner Ausrichtung leicht entnehmen könne, war es nicht zuletzt in Hinsicht auf die Pippiniden konzipiert.  --  Janet L. Nelson, History-writing at the courts of Louis the Pious and Charles the Bald (S. 435-442), macht darauf aufmerksam, daß die dortige Historiographie "contemporary history" war und wesentliche Werke zur Prinzenerziehung dienten (etwa Einhard und der Astronomus, Lupus und Walahfried); sie beschäftigt sich wesentlich mit Nithard und den Annales Bertiniani, unzweifelhaft Hauptwerke für ihr Thema, wobei sie Hinkmars Kritik an Karl dem Kahlen, die er in den Annalen und anderswo übt, herausstellt.  --  Wilfried Hartmann, Konzilien und Geschichtsschreibung in karolingischer Zeit (S. 481-498), stellt die Belege zusammen, in denen über kirchliche Versammlungen in den erzählenden Quellen (hauptsächlich Annalistik, Weltchronistik und Hagiographie) berichtet wird, wobei er besonders Hinkmars Ausführungen in den späten Annales Bertiniani Aufmerksamkeit widmet.  --  Hans-Henning Kortüm, Weltgeschichte am Ausgang der Karolingerzeit: Regino von Prüm (S. 499-513), rechnet diesen Autor nicht der Weltchronistik, sondern der Zeitgeschichtsschreibung zu, attestiert ihm ein stark säkular ausgerichtetes Geschichtsverständnis und zählt zu seinen geistigen Wurzeln die "Consolatio philosophiae" des Boethius.  --  Wolfgang Eggert, "Franken und Sachsen" bei Notker, Widukind und anderen. Zu einem Aufsatz von Josef Semmler (S. 514-530), zeigt unter anderem, daß der genannte Begriff (vgl. DA 46, 337 ff.) in der spätkarolingischen Zeit noch nicht begegnet, sondern wohl erst "offizielle" Terminologie in den Urkunden Ottos I. ist und bei Widukind zu einem zentralen, das gesamte Ostreich umfassenden Terminus wird, wie früher schon oft angenommen (Selbstanzeige).  --  Zu nennen sind noch folgende Beiträge: Giselle de Nie, Gregory of Tours' smile: spiritual reality, imagination and earthly events in the "Histories" (S. 68-95).  --  Rosamond McKitterick, The audience for Latin historiography in the early middle ages: text transmission and manuscript dissemination (S. 96-114).  --  Andreas Schwarcz, Bedeutung und Textüberlieferung der Historia persecutionis Africanae provinciae des Victor von Vita (S. 115-140).  --  Walter Berschin, Personenbeschreibung in der Biographie des frühen Mittelalters (S. 186-193).  --  Marc Van Uytfanghe, Die Vita im Spannungsfeld von Legende, Biographik {231} und Geschichte (mit Anwendung auf einen Abschnitt aus der Vita Amandi prima) (S. 194-221).  --  Rajko Bratoz, Der "heilige Mann" und seine Biographie (unter besonderer Berücksichtigung von: Eugippius, Leben des heiligen Severin) (S. 222-252).  --  Johann Weißensteiner, Cassiodor/Jordanes als Geschichtsschreiber (S. 308-325).  --  Roger Collins, Isidore, Maximus and the Historia Gothorum (S. 345-358).  --  Henry Mayr-Harting, Bede's patristic thinking as an historian (S. 367-374).  --  Walter Pohl, Paulus Diaconus und die "Historia Langobardorum": Text und Tradition (S. 375-405).  --  David N. Dumville, Historia Brittonum: an Insular History from the Carolingian Age (S. 406-434).  --  Anton Scharer, König Alfreds Hof und die Geschichtsschreibung. Einige Überlegungen zur Angelsachsenchronik und zu Assers De rebus gestis Aelfredi (S. 443-458).  --  Reinhold Kaiser, Die Gesta episcoporum als Genus der Geschichtsschreibung (S. 459-480).  --  Birgit Sawyer, Saxo Grammaticus and Gesta Danorum (S. 531-538).  --  Endlich gab Patrick J. Geary unter dem Titel "Frühmittelalterliche Historiographie" eine Zusammenfassung des Tagungsverlaufs (S. 539-542), in der er etwas süffisant eine Unzahl der behandelten Themen, Thesen, Problembegriffe und Quisquilien aufzählte, aber auch auf Nichtbehandeltes, wie "the liturgical nature of early medieval society" oder das Problem der oralen Überlieferung, hinwies.

Wolfgang Eggert {231}


[136], S. 231

Deborah Mauskopf Deliyannis, A Biblical Model for Serial Biography: The Books of Kings and the Roman Liber Pontificalis, Revue Bénédictine 107 (1997) S. 15-23, deutet die Lebensbeschreibungen der Könige Israels und Judas in den biblischen Büchern der Könige als literarisches Muster für die Papstbiographien der ersten Rezension des Liber Pontificalis. Getreu dieser Vorlage seien die ersten Viten der Päpste unpersönlich und formelhaft, und in der zunehmenden Erwähnung von Kirchenbauten und Schenkungen ab der Vita Silvesters sieht D. eine Parallele zur Schilderung des salomonischen Tempelbaus in den biblischen Büchern. Nach Meinung von D. sollen dadurch die Kirchen Roms mit dem salomonischen Tempel gleichgesetzt werden. Vielleicht kann man diese häufigeren Berichte des Liber Pontificalis über Kirchenausstattungen und die gesteigerte Bautätigkeit der Päpste aber auch viel banaler auf die seit Anfang des 4. Jh. gewandelten politischen Verhältnisse zurückführen.

Detlev Jasper


[137], S. 231

Ruggero Benericetti, Il Pontificale di Ravenna. Studio critico, Faenza 1994, Biblioteca Cardinale Gaetano Cicognani, Seminario Vescovile Pio XII, 206 S., keine ISBN.  --  Die vorbereitende Studie zu Überlieferung, Datierung und Quellen der berühmten Reihe von 46 Ravennater Bischofsbiographien aus der Feder des Priesters Andreas Agnellus (MGH SS rer. Langob. S. 265-391) legt den Grund für eine kritische Neuedition. Der überlieferungsgeschichtliche Gewinn ergibt sich aus der Einbeziehung von 30 teils bisher unbeachteten Teilüberlieferungen (meist hagiographischer Art). Durch die Datierung in die Anfänge des Pontifikats des Erzbischofs Georg (837-846) gewinnt die Quelle eine neue Bedeutung: die Legitimation der umstrittenen Erhebung dieses Nachfolgers des Hl. Apollinaris. Gegen Holder-Egger wird der Wert der umfangreichsten Hs. in Modena, Bibl. Estense, Cod. Lat. 371 betont.

Herbert Schneider


{232}

[138], S. 232

Jason Glenn, The composition of Richer's autograph manuscript, Revue d'histoire des textes 27 (1997) S. 151-189, unterscheidet im Autograph der Historien Richers von Reims (Bamberg, Hist. 5) drei Entstehungsschichten: zuerst habe Richer die heutige zweite Hälfte, dann die heutige erste Hälfte und schließlich durch Überarbeitung eine dritte Version geschaffen; die letzte Arbeitsphase zeuge von einer Hinwendung zu Erzbischof Arnulf von Reims, dem Gegner Gerberts. Dieses Ergebnis leitet G. aus einer kodikologischen Analyse ab, in der vor allem Tintenunterschiede und eingeschobene Blätter wichtig sind. Wie er selber zugibt, ist die Beweisführung "highly speculative". Ganz unwahrscheinlich ist G.s Meinung, daß Richer zu guter Letzt eine gerbertfeindliche Fassung hergestellt habe, denn über Gerbert fällt in dem ganzen Codex Hist. 5 kein böses Wort und über Arnulf kaum ein gutes. Zu diesem Problem kündigt G. einen weiteren Aufsatz an.

Hartmut Hoffmann {232}


[139], S. 232

Patrick J. Geary, Phantoms of Remembrance. Memory and Oblivion at the End of the First Millennium, Princeton, N.J. 1994, Princeton University Press, XIV u. 248 S., 14 Abb., Karten, ISBN 0-691-03422-2, USD 29,95.  --  Der Vf. geht von der These aus, daß die Vergangenheit nicht in der Erinnerung aufbewahrt und daher als etwas Abgeschlossen-Feststehendes abrufbar ist, sondern daß sie erschaffen wird, wobei die mentalen und sozialen Strukturen der jeweiligen Gegenwart als Wahrnehmungsfilter wirken. An fünf Themenbereichen aus den drei Bezugsregionen Neustrien, Bayern und dem Rhoneraum will er zeigen, wie Individuen und Gruppen erinnerten und vergaßen und wie die um die Jahrtausendwende verbreitete Vorstellung, in einer neuen, von der fränkisch-karolingischen Zeit durch einen Bruch getrennten Zeit zu leben, die Vergangenheit mit neuen Augen sehen ließ und daher der Konstruktion neuer Sinnzusammenhänge bedurfte. Nicht gelehrtes Erinnern in Gestalt monumentaler Chroniken habe damals im Vordergrund gestanden, sondern praxisrelevantes Erinnern (practical memory), nämlich das, woraus sich das Referenzsystem normaler Menschen zur Einordnung ihrer Erfahrungen speist. So stellt der Vf. eine Beziehung zwischen den Zuständigkeiten für die Memoria und der großen Bedeutung her, die Frauen in der deutschen Geschichtsschreibung des 11. Jh. im Unterschied zur französischen zugeschrieben wird: "for political and ideological reasons, reformed monks in the West ... presented themselves as superior to women as guardians of memoria while portraying women as dangerous threats to social and political stability unless they accepted a passive role in commemoration and in public life in general" (S. 80). Sodann arbeitet er die vielfältigen Gründe heraus, die zur Herstellung von Chartularen und Traditionsbüchern führten, und zeigt, wie diese Gründe Inhalt und Form beeinflußten. Trotz dieser umständebedingten Prägungen legten sie auf Dauer die Erinnerung an die frühe Geschichte der Klöster fest, so wie sie sie durch Auswahl und Anordnung des ihnen zugänglichen Materials erschaffen hatten. In ähnlicher Weise normierend wirkten die Chroniken von Novalese und Benediktbeuern. Der Vf. versteht die vielfach verworren wirkenden Texte als Mittel im Kampf um die Unabhängigkeit beider Klöster, in dem die aus unzusammenhängenden Erinnerungsstücken konstruierte glorreiche Vergangenheit beispielhaftes Vorbild für die Akteure der Gegenwart sein sollte. Daß Memoria an politischen Erfolg gebunden war, zeigt er am Beispiel des Hugo von Arles. Hugo scheiterte mit seinem Versuch, das alte karolingische Mittelreich {233} durch seine Familie zu festigen; neue regionalisierte Herrschaftsstrukturen traten an die Stelle der alten Ordnung. Niemand war da, um Hugos Memoria zu pflegen, und so verschwamm die Erinnerung an ihn, genau so wie die an König Karl "den Einfältigen" und an den Bayernherzog Arnulf "den Bösen". In einem Schlußkapitel geht es um die Erinnerungen des Mönchs Arnold von Regensburg. Genauso wie der Drache, der ihm erschienen war, in der Erinnerung umso konkretere Gestalt annahm, je mehr Arnold ihn mit biblischen Ungeheuern konfrontierte, waren seine hagiographischen und archivalischen Arbeiten Produkte "kreativen Erinnerns".  --  G. hat ein faszinierendes Buch geschrieben, voller gedankenreicher Beobachtungen und grundsätzlicher methodischer Einsichten nicht zuletzt zum Verhältnis von mündlicher und schriftlicher Erinnerung. Die dargestellten Fälle haben exemplarischen Charakter, so daß sich eine intensive Lektüre auch für diejenigen lohnt, die in anderen Gebieten arbeiten. Der Autor verlangt seinen Lesern einiges ab, denn in dem schmalen Band ist eine Fülle prosopographischen Materials verarbeitet, das zwar zur Untermauerung der Thesen unverzichtbar ist, die Lektüre aber erschwert. Dennoch dürfte dieses hochreflektierte Werk in den aktuellen Diskussionen um die Wahrnehmung von Vergangenheit einen herausragenden Platz einnehmen.

Hanna Vollrath {233}


[140], S. 233

Jean Blacker, The Faces of Time. Portrayal of the Past in Old French and Latin Historical Narrative of the Anglo-Norman Regnum, Austin 1994, University of Texas Press, XV u. 263 S., ISBN 0-292-70808-4, USD 40.  --  Die Vf. ist Romanistin und will im Grunde die volkssprachlichen, der anglo-normannischen Welt verbundenen Verschroniken des 12. Jh. (Gaimar, Wace, Benoît de Sainte-Maure) nach Intention, Form und sozialer Verknüpfung analysieren und einordnen. Vergleichend werden lateinische Geschichtswerke (Wilhelm von Malmesbury, Ordericus Vitalis, Galfrid von Monmouth) danebengestellt. B. thematisiert für alle Texte das Bild der Könige, wobei sich - vielleicht nicht überraschenderweise - ergibt, daß die Charaktere an den unantastbaren Kategorien von Gut und Böse gemessen und in Anlehnung an ältere historische Gestalten idealisiert werden. Die Versgeschichten sind an der Chronologie orientiert. Sie wollen Verkürzungen lateinischer Vorlagen sein und gesellschaftliche Bedürfnisse abdecken, denen die Historiographie sonst nicht gerecht wird. Die gelehrten Chronisten nehmen - bei allen Unterschieden im einzelnen - dokumentarische, edukative und legitimierende Funktionen wahr. Solche Ansätze finden sich bei den Poeten weniger, doch sind ihre Werke nicht grundsätzlich anders angelegt. Die beiden Textgruppen haben mehr gemein, als man bisher annahm. Freilich bleiben Fragen, z. B. hinsichtlich des Publikums. Es mag sein, daß die Dichtungen nicht nur für Frauen, sondern allgemein für des Lateins unkundige Laien gedacht waren, wie Wace für sein Werk angibt. Immerhin wurden diese Texte aber meist Frauen gewidmet. Und: wenn in manchen Fällen auch Geistliche beim Vortrag der Gedichte anwesend waren, ist dies doch kein Beweis dafür, daß sie neben den Laien als Adressaten vorgesehen waren. Die Vf. erstrebt sichere Erkenntnisse, doch die Quellen ergeben hier kein deutliches Bild.

Karl Schnith {233}


[141], S. 233

Galbertus notarius Brugensis, De multro, traditione et occisione gloriosi Karoli comitis Flandriarum, cura et studio Jeff Rider (CC Cont. Med. 131) {234} Turnholti 1994, Brepols, LXIV u. 224 S., ISBN 2-503-04312-7, BEF 3.900.  --  Der Bericht über die Ermordung des Grafen Karl von Flandern 1127 (das "multrum" im Titel ist murdrum, Mord, und soll vermutlich die Findigkeit des Benutzers prüfen), verfaßt von einem sonst unbekannten Augenzeugen Galbert von Brügge (BHL 1574, aus den AASS nachgedruckt MGH SS 12, 561-619) ist nur in drei Hss. des 16. und 17. Jh. erhalten, eine weitere Hs. bietet eine französische Teilübersetzung aus dem 15. Jh. Dieser französische Text wird hier ebenso beigegeben wie mehrere auf Brügge bezügliche Zeichnungen und Genealogien, und so ist diese Edition von eher beschränktem, Brügger Lokalinteresse, doch sei auf eine umfangreiche, methodisch bemerkenswerte kritische Rezension zu dem Text verwiesen: Georges Declercq, Galbert van Brugge en de verraderlijke moord op Karel de Goede. Beschouwingen over tekst en auteur naar aanleiding van en nieuwe uitgave, Handelingen der Maatschappij voor Geschiedenis en Oudheidkunde te Gent, Nieuwe Reeks 43 (1995) S. 71-117, macht vor allem Beobachtungen zu der Problematik von historischen Namen in solchen Quellen, die nur in erheblich späteren Abschriften überliefert sind.

Gabriel Silagi


[142], S. 234

Beate Schuster, Das Treffen von St. Jean de Losne im Widerstreit der Meinungen. Zur Freiheit der Geschichtsschreibung im 12. Jahrhundert, Zs. für Geschichtswissenschaft 43 (1995) S. 211-245, nimmt die stark divergierenden Berichte über die Begegnung von 1162 in den Annales Cameracenses (MGH SS 16 S. 534 f.), in der Kölner Königschronik (hg. v. Waitz S. 112 f.), bei Hugo von Poitiers (Bouquet 12 S. 329 ff.) und in Kardinal Bosos Vita Alexandri III (Le Liber Pontificalis, hg. v. Duchesne, 2 S. 405 ff.) als Basis ganz grundsätzlicher Reflexionen über die Aussageabsichten, die Verständnisvoraussetzungen und die Gestaltungsspielräume dieser und weiterer zeitgenössischer Historiographen.

Rudolf Schieffer


[143], S. 234

Loren J. Weber, The historical importance of Godfrey of Viterbo, Viator 25 (1994) S. 153-195, ist eine sehr sorgfältige Untersuchung der Biographie Gottfrieds sowie der komplizierten Überlieferungsgeschichte seiner Werke. Daraus ergibt sich, daß Gottfried weder in der Kanzlei noch sonst am staufischen Hof eine bedeutende Stellung hatte; seine Werke sind nicht als Träger einer staufischen Ideologie zu verstehen.

Timothy Reuter


[144], S. 234

Francis Ingelow, The Book of Troy and the genealogical construction of history: the case of Geoffrey of Monmouth's Historia regum Britanniae, Speculum 69 (1994) S. 665-704, untersucht die sehr einflußreiche Rezeption der Historia und weist auf die Bedeutung des Werkes dafür hin, daß im englischen Bewußtsein das von Beda gelieferte biblisch-heilsgeschichtliche Verständnis der eigenen Herkunft zugunsten eines eher antikisierenden und weltlichen verdrängt wurde.

Timothy Reuter


[145], S. 234

Manfred Groten, Klösterliche Geschichtsschreibung: Siegburg und die Kölner Königschronik, Rheinische Vierteljahrsblätter 61 (1997) S. 50-78, erörtert zunächst die Einteilung der Kölner Königschronik in einen ursprünglichen Teil, selbständig für die Jahre 1145-1174 (die Angaben zum letzten Berichtsjahr in der ältesten Hs. A 1 auf S. 51 sind hier durcheinandergeraten), und drei Fortsetzungen {235} und bringt beachtliche Gründe vor, daß die Chronik im Kloster Siegburg entstanden sei, wo sich z. B. eine Materialsammlung für die Chronik befunden haben muß (vor allem Briefe aus dem Umfeld des Abtes Nikolaus). Zum Siegburger Reformkreis gehörte auch das Kölner Pantaleon-Kloster; hier entstand eine bis 1237 reichende Weltchronik (überliefert in den Hss. B1 und C1 der Waitzschen Ausgabe der Königschronik, MGH SS rer. Germ. [18]), die sich auffallend intensiv um die Geschehnisse in der vom Bürgertum her verstandenen Stadt und im Kloster kümmert. Die beiden übrigen in Köln, im weiteren Verlauf des 13. Jh. entstandenen Geschichtswerke zeigen eine deutliche Schrumpfung des Berichthorizonts.

Ernst-Dieter Hehl


[146], S. 235

Rolf Sprandel, Möglichkeiten der Weltgeschichtsschreibung im spätmittelalterlichen Deutschland, Saeculum 48 (1997) S. 275-297, entwirft in fünf zeitlichen Querschnitten eine vergleichende Typologie einschlägiger Werke von Johann von Viktring bis Hartmann Schedel.

Rudolf Schieffer


[147], S. 235

Winfried Stelzer, Auf der Suche nach verschollenen Klosterneuburger Überlieferungen österreichischer Geschichtsquellen des Spätmittelalters, Jb. des Stiftes Klosterneuburg NF 16 (1997) S. 331-344, entdeckt als Druckvorlage für den 1853 von H. Zeibig edierten Text des "Streits zu Mühldorf" (1327/28) eine Abschrift des 18. Jh. in der Sammlung des kaiserlichen Hausarchivars F. von Freisleben in Klosterneuburg, die auch weitere interessante Texte enthält.

Herwig Weigl {235}


[148], S. 235

Georg Schrott, Mittelalterliche Geschichtsschreibung und ihre neuzeitliche Rezeption im Kloster Waldsassen, StMGBO 107 (1996) S. 397-425, behandelt die lateinische Fundatio (MGH SS 15, 2, 1088 ff.), ihre deutsche Versfassung, die Series et chronica abbatum Waldsassensium und eine Mirakelsammlung und geht der Wirkungsgeschichte vornehmlich im 18. Jh. nach.

Klaus Naß


[149], S. 235

Marian Plezia, Kodeks Mikolaja z Rogalina plebana z Sielec [Der Kodex des Nikolaus von Rogalin, Pfarrer aus Sielce], Studia Zdródloznawcze 36 (1997) S. 85-88, versucht mit stilistischen Vergleichen eine Lösung der Frage, ob der in Wien (ÖNB Lat. 480) befindliche Kodex, der die älteste Hs. der Chronik des Vinzenz Kadlubek enthält, von Nikolaus selbst stammt oder eine Zwischenstufe darstellt.

Thomas Wünsch {235}


[150], S. 235

Wolfgang Rohde, Der voetlude banner. Über älteste oldenburgische Chronistik mit Edition eines Rasteder Fragments, Oldenburger Jb. 97 (1997) S. 67-81, publiziert einen mittelniederdeutschen Auszug (Berichtszeit bis 1427) aus der Rasteder Klosterchronik.

Ulrich Schwarz {235}


[151], S. 235

Karl J. Kuepper, Prätext und Subtext: Beobachtungen zu Form und Funktion spätmittelalterlicher städtischer Berichttexte, Zs. für deutsche Philologie 116 (1997) S. 370-387, untersucht an kurzen Ausschnitten aus spätma. Kölner Geschichtsquellen, wie gleiche Geschehnisse der Zweckbestimmung bzw. beabsichtigten, meist rechtlichen Wirkung entsprechend in den verschiedenen Berichttexten unterschiedlich dargestellt wurden.

Ulrich Montag {235}


{236}

[152], S. 236

Monika Fehse, Dortmunder Stadtchroniken als Quellen für Alltagsgeschichte, Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark 87 (1996) S. 79-95, gelangt in einer methodisch anregenden Untersuchung der Chroniken des Johann Kerkhörde (15. Jh.) und des Dietrich Westhoff (16. Jh.) zu dem Ergebnis, "daß die Chroniken über die Lebenswelt in ihren strukturellen Bezügen Aufschlüsse geben können" (S. 95) (vgl. DA 53, 276).

Goswin Spreckelmeyer {236}


[153], S. 236

Emilio Panella, Cronica di Santa Catarina in Pisa. Copisti autori modelli, Memorie Domenicane 113 = N. S. 27 (1996) S. 211-291 (mit Abb.), zieht alle Register der "äußeren" wie auch "inneren Quellenkritik" bei seiner akribischen Analyse der von F. Bonaini im Archivio storico italiano, I ser., 6/II (1845) S. 399-593, edierten lokal- und ordensgeschichtlichen Quelle mit dem Umfang von 40 Folien und gibt eine moderne wissenschaftliche Probeedition des Prologs auf fol. 1r-v. Die namentlich nachweisbaren Chronisten begannen ihre Tätigkeit zu Beginn des 14. Jh. und setzten ihre Aufzeichnungen bis in die Mitte des 15. Jh. fort.

Christian Lohmer


[154], S. 236

Pii Secundi Pontificis Maximi Commentarii, Textum recensuerunt atque explicationibus, apparatu critico indiceque nominum ornaverunt Ibolya Bellus et Iván Boronkai, 2 Bde., Budapest 1993 bzw. 1994, Balassi Kiadó, 647 bzw. 225 S., ISBN 963-7873-53-8 (Gesamtwerk) bzw. 963-7873-85-6 (Textband) bzw. 963-7873-86-4 (Kommentarband).  --  Die Commentarii Papst Pius' II., die 1584 in einer purifizierten Ausgabe erschienen, wurden 1984 in zwei voneinander unabhängigen kritischen Editionen gedruckt (vgl. DA 44, 600 f.). Ein Jahrzehnt später folgt die anzuzeigende dritte kritische Ausgabe, die von zwei ungarischen Philologen gestaltet und in Rom unter Mitwirkung des ungarischen Botschafters im Rahmen eines kleinen Kolloquiums vorgestellt wurde (vgl. die Beiträge in der Zs. RR. Roma nel Rinascimento, 1995). Der Obertext im 1. Bd. orientiert sich weitgehend am Corsinianus 147, gewissermaßen der Fassung letzter Hand, wobei aus dem Reginensis latinus 1995, einem partiellen Autograph des Papstes, das unvollendete "13. Buch" sowie aus den Commentarii des Jacopo Ammanati Piccolomini der Abschnitt über die letzten Tage Pius' beigegeben wurden. Schon im 1. Bd. werden gewisse Veränderungen des Texts, wie etwa die Auslassungen der editio princeps, durch ein Klammersystem angedeutet, das in Bd. 2 S. 7 f. erläutert wird, und der in diesem Band gebotene Variantenapparat ist besonders darauf angelegt, Stadien der Textgestaltung sichtbar zu machen, so die Verschreibungen und Korrekturen des Autors im Reg. lat. 1995. In dem Bestreben, das "Leben" des Texts in den beiden zugrunde gelegten Hss. abzubilden, kommt diese Edition über die beiden älteren kritischen Ausgaben gewiß hinaus, ebenso in den Nachweisen von Anklängen und Zitaten zumal klassischer Autoren. Der eigentlich historische Kommentar ist sehr knapp gehalten und lehnt sich stark an die Ausgabe Totaros an, so daß in dieser Hinsicht noch ein gewisses Forschungsdesiderat bleibt, doch ist darauf hinzuweisen, daß hier Personen und Orte nützlicherweise im Register konsequent identifiziert werden. Abschließend sei betont, daß die sorgfältig aufgemachten Bände mit umgerechnet etwa 130 DEM wirklich preiswert sind, was in Zeiten sinkender Bibliotheksetats nicht gleichgültig sein dürfte.

Claudia Märtl


{237}

[155], S. 237

Ulrike Stein, Die Überlieferungsgeschichte der Chroniken des Johannes Nuhn von Hersfeld. Ein Beitrag zur Hessischen Historiographie (Europäische Hochschulschriften. Reihe 3: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften 596) Frankfurt am Main u. a. 1994, Lang, 323 S., ISBN 3-631-46970-5, DEM 89.  --  Die Münsteraner Diss. widmet sich Johannes Nuhn (1442-1523), dem nach Wigand Gerstenberg wichtigsten Vertreter der spätma. Landeschronistik in Hessen, der 1475-1506 im Dienste der Landgrafen von Hessen stand und nach 1506 als Weltgeistlicher in Hersfeld drei Chroniken verfaßte. Angesichts des weitgehenden Fehlens von Vorarbeiten beschränkt sie sich allerdings auf den Teilaspekt der Überlieferungsgeschichte. Nach einer knappen, vorwiegend biographischen Einleitung (S. 9-25) zeigt die Vf. auf der Grundlage eines von ihr nach den DFG-Richtlinien erstellten Katalogs aller bislang bekannten und von ihr ermittelten 45 Hss. (S. 27-138) und einer Analyse der mitüberlieferten historiographischen Texte (S. 139-162), daß die von Nuhn als "Hofhistoriograph" verfaßten, vorwiegend der hessischen Geschichte von 1450-1520 geltenden Landeschroniken "Chronik und altes Herkommen" (für sie kann die Vf. Nuhn definitiv als Autor sichern) und "Hessische Chronik" zunächst im Umkreis des landgräflichen Hofes des 16. Jh. rezipiert, nach 1600 aber bis zum Erscheinen des ersten Drucks 1735 fast ausschließlich von den gelehrten Landesgeschichtsschreibern an den Universitäten Marburg und Gießen verbreitet wurden (S. 163-250). Eine Sonderstellung nimmt hingegen Nuhns welt- und landesgeschichtliches Kompendium "Chronologia" ein, für dessen einzige, im Stadtarchiv Mühlhausen befindliche Hs. die Vf. eine Beteiligung des Autors vermutet und deren Weg von Hersfeld über den seit 1518 auf der Wartburg amtierenden Amtmann Hans von Berlepsch 1525 nach Mühlhausen sie minutiös rekonstruiert (S. 251-282). Die gelegentlich etwas weitschweifige Arbeit bildet mit ihrer Auswertung der Überlieferungsgeschichte vor allem einen Beitrag zum Übergang von der hofgebundenen Landeschronistik zur universitären wissenschaftlichen Landesgeschichtsschreibung in Hessen im 16.-18. Jh.; für das noch dringlichere Anliegen einer quellenkritisch-historiographischen Analyse und einer kritischen Edition der Werke Nuhns stellt sie mit ihrem sorgfältigen Handschriftenkatalog und der Klassifizierung der Überlieferungsstränge eine hilfreiche Vorarbeit dar, die hoffentlich recht bald den Anstoß zu eingehenderer Beschäftigung mit den Chroniken selbst und deren Edition geben möge.

Matthias Werner {237}


[156], S. 237

Aegidius Tschudi, Chronicon Helveticum, bearb. von Bernhard Stettler, 9. Teil bzw. 10. Teil bzw. 11. Teil bzw. 3. Registerband zum 6.-8. Teil (sog. Urschrift von 1371 bis 1418) (Quellen zur Schweizer Geschichte. N. F., 1. Abt.: Chroniken, Bd. 7 bzw. R 3) Basel 1992 bzw. 1994 bzw. 1996, Kommissionsverlag G. Krebs, 170* u. 269 S. bzw. 72* u. 370 S. bzw. 99* u. 448 S. bzw. 173 S., ISBN 3-85513-113-2 bzw. 3-85513-115-5 bzw. 3-85513-116-3 bzw. 3-85513-114-4, CHF 150 bzw. 155 bzw. 180 bzw. 95.  --  Trotz der Emeritierung des Editors und der dadurch erzwungenen Dislozierung seines Instituts erscheinen die Bände in derselben vorbildlichen Gestalt wie seit je. Der Text der drei Bände beruht nach wie vor auf der Urschrift (siehe DA 48, 258 und 43, 625), deren Beschreibung in Bd. 9 ergänzt wird. Hierbei fallen die Urkundenabschriften fremder Hände auf, die in das Konvolut eingeschoben sind. Die Darstellung des Alten Zürichkrieges (ab Bd 10) ragt hingegen als ein "in endgültige Form gebrachtes geschlossenes {238} Ganzes" aus der Textmasse heraus.  --  Zeitlich führen die Bände in diese Zerreißprobe für die Alte Eidgenossenschaft hinein. Bd. 9 (1418-1434) ist noch in ihrem Vorfeld angesiedelt. T. führt früher aufgenommene Themen fort wie den Raronhandel, die Ennetbirgischen Unternehmungen, die Appenzeller Händel und anderes, dem er Lokalnachrichten beimischt wie die Ankunft der Zigeuner oder den Baubeginn des Berner Münsters. Bedeutsam sind aber die neu angeschlagenen Themen: Der Erwerb der Herrschaft Kiburg durch Zürich, der Streit Zürichs mit Konstanz, die Münzordnung der sieben alten Orte von 1425, die Übertragung der Kastvogtei über Einsiedeln an Schwyz. Nur unterschwellig läßt T. in seiner nüchternen, aktenreichen Schilderung durchblicken, welcher Belastung die Eidgenossenschaft durch die inneren Spannungen ausgesetzt war. So verbindet er die Niederlage von Luzern, Uri, Zug und Unterwalden gegen Mailand bei Arbedo 1422 mit der exemplarischen Mahnung zu eidgenössischer Solidarität und beweist ihren Nutzen mit dem Sieg bei Domodossola im folgenden Jahr. Bd. 10 (1435-1441) behandelt die erste Phase des Alten Zürichkrieges, der mit dem Streit zwischen Zürich und Schwyz um das Erbe des Grafen Friedrich VII. von Toggenburg beginnt und nach einem für Zürich unannehmbaren Kompromißvorschlag zum Krieg zwischen der Stadt und ihren Verbündeten führt. Nach der Niederlage büßt Zürich im Frieden von 1440 sämtliche territorialen Erwerbungen ein. Bd. 11 (1441-1446) enthält die Erneuerung des Krieges. Sie wird eröffnet durch die Verbindung der Stadt mit Friedrich III. und dem süddeutschen Adel 1442 um einen hohen Preis, nämlich die Rückgabe der Pfandschaft Kiburg an das Haus Österreich. Trotz dieser Unterstützung kann Zürich seine militärische Unterlegenheit nicht wettmachen, wie die Niederlagen bei St. Jakob an der Sihl (wo Bürgermeister Stüssi fällt, der für T. der maßgebliche Gegner der Eidgenossen ist) und bei Greifensee belegen. Erst die eidgenössische Niederlage bei St. Jakob an der Birs vor Basel gegen die Armagnaken des Dauphin 1444, die Zürich entlasten sollten, schafft ein gewisses militärisches Gleichgewicht, das zur Aufsplitterung des Kriegsgeschehens in kleinere Aktionen führt. T.s Einstellung ist proeidgenössisch, auch wenn er den Zürcher Standpunkt referiert. In Bd. 9 übt er große Zurückhaltung und begnügt sich streckenweise mit einer Aneinanderreihung von Dokumenten, um der Notwendigkeit zu entgehen, ein Urteil zu fällen. In den Bänden 10 und 11 wird er aber deutlicher: der Alte Zürichkrieg ist ein inner hußkrieg, ein Sezessionskrieg der Zürcher, und Zürichs Wendung zu Österreich ist mit den eidgenössischen Bünden nicht vereinbar und für die Bundesgenossen existenzgefährdend. Darin folgt T. seiner darstellenden Hauptquelle, dem Schwyzer Landschreiber Hans Fründ. Seine harmonisierende Tendenz behält er jedoch bei: Schuld ist nicht einfach Zürich, sondern eine Gruppe um den Bürgermeister Stüssi und den Stadtschreiber Michael Stebler. Auch die Schilderung der rohen Kriegführung wird geglättet, die Drastik Fründs gemildert, und nötigenfalls werden Episoden des Ausgleichs erfunden. Die Einleitungen des Editors bringen an diesem Bild T.s beträchtliche Korrekturen an. Insbesondere machen sie klar, daß dieser Konflikt nicht einfach auf einen innereidgenössischen Bürgerkrieg reduziert werden kann, sondern noch weitere Dimensionen hat und im Rahmen der Territorialbildung und Ordnungspolitik im süddeutschen Raum beurteilt werden muß. 'Die Zwanziger Jahre des 15. Jahrhunderts.  --  Einzelörtische Konsolidierung und eidgenössische Solidarität im Widerstreit' (Bd 9) verfolgt die Entwicklung Zürichs, das sein Territorium beträchtlich erweitert und {239} gleichzeitig dessen herrschaftliche Erfassung intensiviert. Dies und der Griff nach der Führungsrolle innerhalb einer zu modernisierenden Eidgenossenschaft als eines konstitutiven Teils des Reiches lösen in und außerhalb Zürichs Widerstände aus. Die Einführung in Bd. 10: 'Der Zürcher Standpunkt im Jahre 1439' macht anhand des Zürcher Kommentars zur eidgenössischen Nottel von 1438 die Grundsatzfrage klar. Für Zürich ist die Eidgenossenschaft eine rechtlich eingeschränkt wirksame Vertragsgemeinschaft, die durch kaiserliches Recht legitimiert ist und der Reichsstadt ihre Handlungsfreiheit beläßt. Die Schwyzer jedoch - und mit ihnen die übrigen Orte - erblickten in der Eidgenossenschaft einen autonomen verfassungsrechtlichen Sonderraum; die Verpflichtungen der Bünde gehen allen anderen vor und erlauben es keinem Mitglied, an andere Instanzen zu appellieren. So interpretiert Stettler den zürcherisch-schwyzerischen Konflikt als Zusammenprall zweier Rechtskulturen, der fortschrittlicheren Zürichs, das sich am römischen Recht orientiert, und der primitiv-pragmatischen von Schwyz, das sich schließlich durchsetzt. Dennoch führt das keinesfalls zur modernen Staatlichkeit. Die innere Verfestigung der Eidgenossenschaft ist nicht mit der Intensivierung innerörtischer Herrschaft zu vergleichen. 'Das Ausscheren Zürichs aus der Eidgenossenschaft im Jahr 1442 - Erwartungen und Wirklichkeit' (Einleitung Bd. 11) untersucht die Gründe für Zürichs politische Reaktion und weist nach, daß sie weder unüberlegt noch verwerflich war, wie T. meinte, sondern die Suche nach einer Alternative zur Eingliederung in ein Bündnissystem, das die eigene Entfaltung zu blockieren drohte. Zürichs Bemühen um Handlungsfreiheit scheiterte aber an der Aggressivität von Schwyz und an der Unnachgiebigkeit der österreichischen Revindikationsforderung. Damit war auch das Schicksal des Zürcher Modells einer mit Österreich kooperierenden Eidgenossenschaft zugunsten des Schwyzer Modells der Ausgrenzung besiegelt. Trotz der Rehabilitierung der Zürcher Politik bleibt der Eindruck eines riskanten und manchmal zwiespältigen Verhaltens, das die Stadt in eine subalterne Bindung an das Haus Österreich führte und sie von allen früheren Verbündeten isolierte.  --  Eduard Fueter, von der Brillanz der italienischen und französischen Geschichtsschreibung verwöhnt, sah in T.s Chronik bloß ein 'unlesbares Regestenwerk' von zweifelhafter Zuverlässigkeit. Damit wird er ihm sicher nicht ganz gerecht. Mit der urkunden- und aktengesättigten Darstellung verfolgt T. die Absicht, das Handeln der eidgenössischen Akteure als rechtskonform zu erweisen. Zugleich ist er als Politiker bemüht, den Konflikt zu glätten und dessen moralische Wertung zum Appell an die eidgenössische Solidarität auszunutzen, die nach der Reformation erneut gefährdet war. T.s Bedeutung liegt aber letztlich darin, daß er in einer Weise, die den Durchschnitt der zeitgenössischen Historiographie überragt, den mühsamen und komplizierten Integrationsprozess der Eidgenossenschaft aus der Perspektive des 16. Jh. beschreibt. Es ist Stettlers Verdienst, daß er mit seiner Edition unmittelbaren Einblick in T.s Werk ermöglicht und es mit seinen Einführungen und dem umfangreichen Kommentar analytisch erschlossen hat.  --  Der Registerband erschließt die Hauptbände 6-8 über ein Namenregister, das von Stettlers Mitarbeitern Annamaria Deplazes, Christof Koch und Christian Sieber erarbeitet wurde.

Walter Koller {239}


[157], S. 239

Carmelo Turano, Il Chronicon Saraceno-calabrum di Arnolfo da Calabria, Historica. Rivista trimestrale di cultura (Reggio Calabria) 50,4 (1997) S. 196-201, {240} gibt einen amüsanten Einblick in Geschichte und Rezeption einer Quelle, die Ereignisse in Kalabrien zwischen 903 und 945 nach der Eroberung von Squillace durch die Araber beschreibt und angeblich im 10. Jh. von einem Kalabreser Mönch Arnulfus verfaßt wurde. Tatsächlich ist die Chronik, wie lange erkannt, das Produkt ihres ersten Hg. Giovanni Bernardino Tafuri, der eine Fälscherwerkstatt für alte Dokumente in Nardò unterhielt und sie 1748 in seine "Istoria degli Scrittori del Regno di Napoli" inserierte. Zusammen mit weiteren Apokryphen, vermehrt durch Einleitung und kritischen Apparat und angeblich kollationiert mit einer zweiten Hs., nahm Francesco Maria Pratilli sie in seine Neuedition (Neapel 1749-1754) der "Historia Principum Langobardorum" des Camillo Pellegrino (Neapel 1643) auf.

Marlene Polock


[158], S. 240

Hagiographies. Histoire internationale de la littérature hagiographique latine et vernaculaire en Occident des origines à 1550, sous la direction de Guy Philippart, 2 Bde. (CC Hagiographies) Brepols 1994 bzw. 1996, 512 bzw. 557 S., zahlreiche Abb., ISBN 2-503-50408-6 (relié) bzw. 2-503-50409-4 (broché) bzw. 2-503-50471-X (relié) bzw. 2-503-50472-8 (broché), je BEF 6.750.  --  Was man gelegentlich Hgg. von Sammelbänden bösartig unterstellt, ist hier Buch geworden: Nach der Konstituierung eines Generalplanes für das geographisch gegliederte Werk hat man den Posteingang abgewartet und nahm den Druck in Angriff, sobald genug Material für einen Band vorlag. So werden die Lücken des Gesamtplanes zwar erst im vierten Band geschlossen sein, aber bis dahin kann sich der Leser schon gleichsam auf lokal und zeitlich verstreuten hagiographischen Inseln informieren und sich an Hand der Übersicht auch ein Bild von den säumigen Beiträgern machen. Den einzelnen Artikeln ist jeweils eine Karte beigegeben, die über die Lage der im Text erwähnten Orte informiert, eine genauere Untersuchung im Sinne einer "hagio-géographie" ist für den letzten Textband vorgesehen, der auch ein alphabetisches Verzeichnis der Heiligen enthalten soll.  --  G. Philippart, Introduction (S. 9-24), schildert die Genese des Unternehmens aus der Arbeit an einzelnen Faszikeln der Typologie des sources du Moyen Âge Occidental, bei der sich ein Manko an literarhistorischer Behandlung der Hagiographie herausgestellt habe. Folgende Beiträge - alle mit eigener Bibliographie - liegen bisher vor: (Bd. 1) V. Saxer, Afrique latine (S. 25-95).  --  A. A. R. Bastiaensen, Jérôme hagiographe (S. 97-123).  --  P. Golinelli, Italia Settentrionale (1130-1220) (S. 125-153).  --  D. de Courcelles, Espagne de 1450 à 1550 (S. 155-188).  --  J. Richard, L'Orient latin et le monde des missions (S. 189-198).  --  M. Rener, Lateinische Hagiographie im deutschsprachigen Raum von 1200-1450 (S. 198-265).  --  W. Williams-Krapp, Deutschsprachige Hagiographie von ca. 1350 bis ca. 1550 (S. 267-288).  --  P. Bonnassie - P.-A. Sigal - D. Iogna-Prat, La Gallia du Sud, 930-1130 (S. 289-344), daraus eigens behandelt: Th. Head, The Diocese of Orléans, 950-1150 (S. 345-357).  --  S. Bledniak, L'hagiographie imprimée: oeuvres en français, 1476-1550 (S. 359-405).  --  M. Thiry-Stassin, L'hagiographie en Anglo-Norman (S. 407-428).  --  M. Görlach, Middle English Legends, 1220-1530 (S. 429-485).  --  A. Macquarrie, Medieval Scotland (S. 487-501).  --  Zu Beginn des 2. Bandes konstatiert der Hg., daß der Eingang der Manuskripte zentripetal in konzentrischen Kreisen vor sich gehe {241} (Portugal - Schweden - Ungarn) und begründet die Entscheidung, nicht auf die Ablieferung der letzten Beiträge zu warten, mit der großen Zahl von gut sechzig Mitarbeitern, die zudem sehr unterschiedliche Mengen an Material zu bearbeiten hätten. Im einzelnen enthält Band 2: O. Limone, Italia meridionale (950-1220) (S. 11-60).  --  S. Spanó Martinelli, Italia fra il 1450 e il 1550 (S. 61-82).  --  J. Mattoso, Le Portugal de 950 à 1550 (S. 83-102) - G. Klaniczay - E. Madas, La Hongrie (S. 103-160).  --  Th. Klüppel, Die Germania (750-950) (S. 161-209).  --  K. Kunze, Deutschsprachige Hagiographie von den Anfängen bis 1350 (S. 211-238).  --  I. van 't Spijker, Gallia du Nord et de l'Ouest. Les provinces ecclésiastiques de Tours, Rouen, Reims (950-1130) (S. 239-290).  --  G. Brunel-Lobrichon, A.-F. Leurquin-Labie, M. Thiry-Stassin, L'hagiographie de langue française sur le Continent IXe-XVe siècle (S. 291-371).  --  M. Carasso-Kok, Le diocèse d'Utrecht, 900-1200 (S. 373-411).  --  J. E. Cross, English Vernacular Saints' Lives Before 1000 A. D. (S. 413-427).  --  E. G. Whatley, Late Old English Hagiography, ca. 950-1150 (S. 429-499).  --  B. Carlé - A. Fröjmark, Danemark - Suède - Finlande (S. 501-545).

Gabriel Silagi


[159], S. 241

Hagiographica. Rivista di agiografia e biografia della Società internazionale per lo studio del Medio Evo latino Bd. 1, Turnhout 1994, Brepols, 386 S., BEF 1.900.  --  Die Analecta Bollandiana haben Konkurrenz! Die neu von der rührigen SISMEL ins Leben gerufene Zs. will aber im Unterschied zu der ehrwürdigen bollandistischen Institution das Phänomen "Hagiographie", der lateinischen wie volkssprachlichen von der Antike bis zum Tridentinum, in einem geweiteten kulturellen Zugriff mit Hilfe aller möglichen Disziplinen (von der Anthropologie, der Literaturwissenschaft über die Philologie bis zur Kodikologie) erfassen. Guy Philippart, Hagiographes et hagiographie, hagiologes et hagiologie: des mots et des concepts (S. 1-16), gruppiert die semantischen Felder der genannten Wörter um drei Zentren: bestimmte Bücher des Alten Testaments (als Übersetzung der ketubim der hebräischen Bibel), das im "klassischen" Sinne auf die Heiligen bezogene Schrifttum (erst ab dem 11. Jh.) und die spätma. oder neuzeitlichen Neologismen hagiologium u. ä.  --  Friedrich Prinz, Hagiographische Texte über Kult- und Wallfahrtsorte: Auftragsarbeit für Kultpropaganda, persönliche Motivation, Rolle der Mönche (S. 17-42), geht auf zwei herausragende Beispiele spätantiken Heiligenkults ein (Martin von Tours als Werk der "Bischofs-Familie" des Perpetuus sowie Felix von Nola), auf die literarische Kultpropaganda für Wallfahrtsorte am Beispiel des Wallfahrtsberichts des Hl. Willibald von Eichstätt ins Hl. Land aus der Feder der Hugeburc von Heidenheim, sowie die fast markttechnische 'Werbung' für die Hl. Fides von Conques in dem Mirakelbuch des Bernhard von Angers.  --  Francesca Vitrone, Hugeburc di Heidenheim e le Vitae Willibaldi et Wynnebaldi (S. 43-79), untersucht beide Texte, deren Einheit betont wird und die zum großen Teil auf der Bonifatius-Vita des Willibald von Mainz und dem Carmen paschale des Sedulius Scotus beruhen, nach stilistischen, linguistischen und allgemein kulturellen (auch frauengeschichtlichen) Kriterien.  --  Franca Ela Consolino, L'invenzione di una biografia: Almanno di Hautvillers e la vita di sant'Elena (S. 81-100), weist u. a. nach, wie der 'Biograph' seine Heilige nach dem Modell der Braut im Hohenlied stilisierte.  --  Mauro Donnini, Riecheggiamenti virgiliani nella Vita sancti Marini (S. 101-115), sichtet Spuren des großen römischen Dichters, die teilweise sogar {242} zur Textkonstitution der Vita hilfreich sind.  --  Stephanie Haarländer, Die Reliquien der Bischöfe. Kirchliche Amtsträger und Kultpraxis in hagiographischen Quellen des Hochmittelalters (S. 117-158), wächst sich nach allgemeinen Überlegungen zur 'kirchlichen Kultur' und 'Volkskultur', Magie und Aberglauben zu einem kleinen, instruktiven, theologiegeschichtlichen Traktat zum ma. Reliquienwesen aus. Die Unterscheidung in 'gebildeten Klerus' einerseits und 'abergläubisches Volk' andererseits wird dabei zu Recht abgelehnt.  --  Paolo Golinelli, Antichi e nuovi culti cittadini al sorgere dei Comuni nel nord-Italia (S. 159-180), geht aus von der einigenden Bedeutung der Gründer-Bischöfe für das Identitätsgefühl der italienischen Städte beim Übergang zum Früh-MA, verschweigt auch nicht die gegenteiligen Fälle, wo um den Reliquienbesitz eines hl. Bischofs kommunaler Streit entstand (so im Falle des Hl. Prosper in Reggio Emilia oder des Hl. Apollinaris in Ravenna) und sieht in der Schisma-Politik der Barbarossa-Zeit eine deutliche Veränderung: die traditionelle 'Trinität' "città-vescovo-santo patrono" verändert sich, neue Kulte um 'politische' Bischöfe der eigenen Zeit entstehen, konterkariert allerdings durch neue laikale Heilige.  --  Stefano Maria Cingolani, I tre più antichi poemetti francesi su sant'Alessio, ovvero: le metamorfosi di un santo circondato di cavalieri (S. 181-205).  --  Roberto Paciocco, Una coscienza tra scelta di vita e fama di santità. Francesco d'Assisi frater e sanctus (S. 207-226), beschreibt die Spannung zwischen der Gewissensentscheidung des Franziskus (vivere secundum formam sancti Evangelii) und der Institutionalisierung seiner Verehrung mit der Kanonisierung.  --  Jean Leclercq (†), Sainte Claire et la spiritualité nuptiale (S. 227-234), arbeitet neue Züge in der Vorstellung der geistlichen Ehe mit Christus in den Briefen der Hl. Klara an Agnes von Böhmen heraus: die Armut des "Bräutigams" Christus und die Passionsfrömmmigkeit, Züge, die auch die sonstigen, vor allem dynastischen Heiligen der Zeit kennzeichnen, unter ihnen Agnes selbst.  --  Cécile Caby, La sainteté féminine camaldule au Moyen Age: autour de la b. Gherardesca de Pise (S. 235-269), stellt in den Mittelpunkt der Überlegungen zu den (wenigen) weiblichen Heiligen des Camaldulenser-Ordens die (lückenhafte) Vita der im Jahre 1269 zeitweise sogar verheirateten und zeitweise sogar exkommunizierten Visionärin Gherardesca (AASS Maii 7 S. 161 ff.) - in hauptsächlichem Vergleich mit der Vita einer ähnlichen Heiligen des 14. Jh., der Hl. Paola (BHL 6547 g).  --  Marina Montesano, La memoria dell'esperienza di Bernardino da Siena nell'agiografia del XV secolo (S. 271-286), entdeckt drei Phasen: zunächst die wenig systematisierten Viten unter dem frischen Eindruck der Evangelisation des Heiligen, dann reflektierte Viten unter dem Einfluß des Kanonisationsprozesses des 15. Jh. mit Betonung des tugendhaften Lebens, schließlich die Viten, in denen das Wunderbare und Außergewöhnliche wieder stärker hervortrat.  --  Cristina Papa, "... l'avrebbe adorata come Dio, se la fede cristiana non l'avesse trattenuto". La Vita Christi di Isabel de Villena (S. 287-314), kreist um die in Katalanisch verfaßte Schrift der 1490 gestorbenen Äbtissin, in deren Zentrum die Rolle der Frauen in der Heilsgeschichte steht und in der ausdrücklich "una superiorità del sesso femminile" und Maria als eine Art Mit-Erlöserin erklärt wird (deswegen auch der Titel des Aufsatzes).  --  Jean-Michel Sallmann, L'édition hagiographique au lendemain du Concile de Trente (S. 315-326).  --  Paolo Chiesa, Verona, Biblioteca Comunale, ms. 575-78. Una scheda (S. 327-336), beschreibt eine kaum beachtete Zusammenstellung von teilweise selten überlieferten Viten in der wohl {243} in San Zeno verfertigten Hs. der Mitte des 15. Jh.  --  Unter der Rubrik: Pour une "Biblioteca agiografica italiana" (S. 337-359) stellen Jacques Dalarun (De la Bibliotheca hagiographica latina à la Biblioteca agiografica italiana. Quelques points de méthode, S. 350-359), Claudio Leonardi (L'agiografia in Italia, S. 340 f.) und François Dolbeau (Le leggende in italiano: una fonte problematica, S. 341-350) ein gemeinsames Projekt der Ecole française de Rome und der Fondazione Ezio Franceschini vor, das italienisch-sprachliche Viten systematisch erfassen will. Als Pendant zur BHL jetzt also eine BAI (Leonardi zöge die Zitation "B. H. Ital." vor). Ähnliche Überlegungen für Deutschland (vgl. Konrad Kunze in den Analecta Bollandiana 90, 1972, S. 299-322, oder die Microfiches der französisch-sprachlichen Hagiographie beim Institut de Recherche et d'Histoire des Textes in Paris) sind leider noch nicht so weit gediehen, so daß den Italienern aus ganzem Herzen "tanti auguri" gebühren.

Herbert Schneider


[160], S. 243

Felice Lifshitz, Beyond positivism and genre: "hagiographical" texts as historical narrative, Viator 25 (1994) S. 95-113, plädiert in einem methodologisch bedeutenden Aufsatz gegen die Vorstellung, Hagiographie sei als eigenständiges Genre zu betrachten. Die Trennung Hagiographie/Historiographie sei eine Erfindung der positivistischen Quellenkritik des 19. Jh., die insbesondere auf die erzählenden Quellen der karolingischen und nachkarolingischen Zeit nicht angewendet werden sollte.

Timothy Reuter


[161], S. 243

José C. Martín, Una revisión de la tradición textual de la Vita Desiderii de Siseboto, Emerita 64 (1996) S. 239-248, untersucht als erster alle sechs Hss., die den hagiographischen Text (BHL 2148) des frühen 7. Jh. überliefern. B. Krusch hatte seiner Edition (MGH SS rer. Merov. 3 S. 630-637) vier Hss. zugrundegelegt, J. Gil (1972, 21991) berücksichtigte eine weitere. Der Vf. gewinnt bei genauer Textanalyse neue Gesichtspunkte für die Zuordnung der von Gil (und Krusch) vernachlässigten Hs. J (Madrid BN 590, 17. Jh.) und stellt sie in seinem revidierten Stemma in nähere Position zur Hs. T und zum Codex Ovetensis (deperditus) des 12. Jh.

Peter Dinter {243}


[162], S. 243

David F. Appleby, Spiritual Progress in Carolingian Saxony: A Case from Ninth-Century Corvey, The Catholic Historical Review 82 (1996) S. 599-613, befaßt sich mit der Funktion der Wunder in der Translatio sancti Viti (Mitte des 9. Jh.) und in dem etwas später verfaßten Bericht über die Translation der heiligen Pusinna nach Herford. Die offenbare Gleichgültigkeit gegenüber Wundererscheinungen in dem jüngeren Translationsbericht führt A. auf die zwischenzeitlich fortgeschrittene Christianisierung Sachsens zurück.

Detlev Jasper


[163], S. 243

Alfred P. Smyth, King Alfred the Great, Oxford 1995, Oxford University Press, XXV u. 744 S., Abb., ISBN 0-19-822989-5, GBP 25.  --  Der Vf. hat seine Gegner fest im Blick: es ist die "Achse Stenton/Whitelock", die eine Art Frageverbot über die Authentizität von Assers Vita Alfredi verhängt und in Orientierung an dieser dubiosen Quelle ein ganz und gar falsches Bild von Alfred, "England's darling", konserviert habe. Der 1. Teil (S. 3-146) ist ein ereignisgeschichtlicher Überblick über Alfreds Leben und Königsherrschaft, die der Vf. ohne Rekurs auf Asser darstellen will. Im 2. Teil geht es unter der Überschrift {244} "A Thousand Years of Deceit" (S. 149-367) im eigentlichen Sinne um die Echtheitsfrage. Da die Hs. von Assers Vita Alfredi wie so viele andere dem großen Feuer von 1703 zum Opfer fiel, bleibt nur die Überprüfung der Echtheit nach inneren Kriterien, die für den Vf. in Konsistenz und Plausibilität (S. 169) bestehen. Plausibel heißt für ihn faktenmäßig richtig. Schon im ersten Abschnitt über die Kindheit Alfreds muß er feststellen, daß es damit bei Asser nicht weit her ist, denn weder sei Alfred immer siegreich gewesen, wie da großsprecherisch behauptet wird, noch könne der berühmte Lesewettstreit zwischen Alfred und seinen Brüdern mit den Lebensdaten der Beteiligten in Einklang gebracht werden. Noch viel weniger sei das Assersche Bild des "invaliden und neurotischen" Königs glaubwürdig, der in einer merkwürdigen Art von Frömmigkeit ("outlandish piety") Gott um körperliche Leiden gebeten habe, um das Fleisch abzutöten, denn wie hätte ein solcher König die großen Taten vollbringen können, die Alfred zu recht zugeschrieben werden? Die Vita, so lautet sein Fazit, ist keine zeitgenössische Darstellung von Ereignissen, sondern im wesentlichen hagiographisch und didaktisch angelegt und kann folglich nicht von einem Vertrauten des Königs geschrieben worden sein, denn der hätte sich ja erkundigen und folglich die Wahrheit schreiben können. Das Königsideal, das Alfred verkörpere, weise vielmehr so viele Parallelen mit der Vita des Grafen Gerald von Aurillac aus der Feder Odos von Cluny auf, daß eine Entstehung im reformmonastischen Milieu um die Jahrtausendwende anzunehmen sei: "Alfred super-king would be transformed into Alfred super-saint" (S. 213), und zwar, so vermutet der Vf., durch jemanden aus der Umgebung des Byrhtferth von Ramsey, in dessen Schriften er Vorstellungen und auch fehlerhafte Annahmen entdeckt, die mit denen Assers übereinstimmen.  --  Nachdem Asser dergestalt als Pseudo-Asser entlarvt ist, geht der Vf. in den Teilen 3 und 4 (S. 371-602) daran, ein neues Bild des Königs vor allem anhand der Urkunden und der Metaphern in seinen Übersetzungen zu zeichnen, das eines intellektuell und emotional starken Mannes von großer physischer Kraft, das genaue Gegenteil des "sickly saint", den Asser präsentiert.  --  Das voluminöse Werk hinterläßt einen zwiespältigen Eindruck. Die Abhängigkeit der Vita Alfredi von Einhards Vita Karoli Magni bis hin zu wörtlichen Übernahmen ist seit langem bekannt. Schon diese Tatsache sollte es eigentlich verbieten, Assers Vita als Tatsachenbericht zu lesen. Dennoch ist genau dies immer wieder geschehen. Es ist das Verdienst des Vf., hier auf Widersprüche und Ungereimtheiten aufmerksam gemacht zu haben. Andererseits fehlt jede Reflexion auf die Spezifika ma. Geschichtsschreibung, auf die Verwendung von Topoi etwa, die zur Vorsicht bei der Feststellung direkter Abhängigkeiten eines Werkes von einem anderen mahnt. S. geht davon aus, daß ein Zeitgenosse Alfreds einen soliden Tatsachenbericht geschrieben hätte. Daß ein "Biograph" des früheren MA seine Aufgabe ganz anders verstanden haben könnte, kommt ihm nicht in den Sinn. Im Vertrauen auf seinen gesunden Menschenverstand urteilt er forsch und zuversichtlich. Ob seine Schlußfolgerungen angesichts sich aufdrängender methodischer Bedenken Bestand haben werden, müssen die Diskussionen zeigen, die sein Buch auslösen dürfte.

Hanna Vollrath {244}


[164], S. 244

Gunther Wolf, "Sanctae feminae venerabiles" der Ottonen, ZKG 106 (1995) S. 222-230, scheint irgendwie darauf hinarbeiten zu wollen, daß eine baldige {245} Heiligsprechung per viam cultus bzw. durch Nachweis des guten Rufes der beiden Ottonen-Frauen Eadgyth († 946) und Theophano († 991) "rechtens und tunlich sei" (S. 225).

Herbert Schneider


[165], S. 245

Angelika Häse, Fortunatus - ein Unbekannter in der Ulrichsvita Gerhards von Augsburg. Mit einem Anhang: Die Dichtungen des Johannes Molitoris († 1482), Zs. des Historischen Vereins für Schwaben 88 (1995) S. 21-55, 5 Abb., bezieht sich auf den Visionsbericht im 1. Kapitel der Vita (MGH SS 4,388; vgl. die neue Edition von Berschin/Häse, wie DA 51, 599, dort S. 102) und den dort ohne nähere Kennzeichnung genannten Fortunatus, aus dem bei ma. Rezipienten meist ein (sonst unbekannter) bischöflicher Vorgänger Ulrichs, bei Gelehrten seit dem 16. Jh. vielfach Venantius Fortunatus wurde. Die Vf. möchte ihn am ehesten für eine Lesefrucht aus den in der Vita genannten Dialogi Gregors d. Gr. und damit einen Bischof von Todi im 6. Jh. halten. Die im Anhang edierten Texte eines Augsburger Stadtpfarrers sind eine Sequenz über die Heiligen von St. Ulrich und Afra in Augsburg sowie ein etwas unbeholfener Rhythmus über das Leiden Christi.

Rudolf Schieffer


[166], S. 245

Gregor von Kalabrien. Die beiden mittelalterlichen Lebensbeschreibungen des Gründers der Abtei Burtscheid. Vitae Gregorii abbatis Porcetensis prior et posterior. Lateinisch-Deutsch. Übersetzung und Einleitung von Helmut Deutz (Gesellschaft Burtscheid für Geschichte und Gegenwart. Schriften, Bd. 7) Aachen 1997, Einhard Verlag, 144 S., Abb., Karten, ISBN 3-930701-40-5, DEM 24,80.  --  Das 1997 in Burtscheid/Aachen gefeierte Millennium lenkte die Aufmerksamkeit zurecht auf eine Person, die als Gründungsabt des von Otto III. errichteten Reichsklosters am Anfang seiner Geschichte steht: Gregor, Abt von Cerchiara/ Kalabrien. Über Leben und Wirken dieses nach den Regeln des hl. Basilius lebenden griechischen Asketen, der nach seiner Vertreibung durch die Sarazenen (986/87?), über die Zwischenstation Rom (u. a. in St. Alexius u. Bonifatius, 990?), auf Vermittlung Kaiserin Theophanus (?) und Ottos III. in den Raum Aachen gelangte, berichten nur die zwei erstmals von O. Holder-Egger 1888 bekanntgemachten Viten. Während die historisch hoch einzuschätzende, vermutlich bald nach Gregors Tod († 4. November 999) entstandene Vita prior (MGH SS 15, 2 S. 1187-1190) mit seiner Flucht aus Unteritalien abbricht, werden die dort überlieferten Ereignisse und Personen in der 1180/90 in Burtscheid abgefaßten Vita posterior (ebda., S. 1191-1199) völlig verändert. Aus dem Sohn adliger Eltern wird ein griechischer Königssohn und Bruder Theophanus. In einer ausführlichen Einleitung (S. 16-38) informiert der Übersetzer über den Quellenwert der beiden Viten, Gregors Lebensstationen, die basilianische Spiritualität und die hagiographischen Intentionen der Viten. Deren primäres Anliegen sei nicht die historische Darstellung; vielmehr versuchten beide auf je eigene Weise, seine Heiligkeit durch die Gnade Gottes sichtbar zu machen. Die Übersetzung (S. 45-73 u. 75-143) gibt den lateinischen Wortlaut treffend wieder. Mehrere Karten und Abb. illustrieren das dem Anlaß angemessene Bändchen.

Hubertus Seibert {245}


[167], S. 245

Marie-Luise Heckmann, Pater pauperum Christi. Das Bild Bischof Ottos von Bamberg bei den Michelsberger Mönchen im 12. Jahrhundert, Wichmann-Jb. {246} des Diözesangeschichtsvereins Berlin N. F. 3 (1994/95) S. 37-59, kennzeichnet die Caritas als durchgängiges Motiv im Bamberger Schrifttum über den hl. Bischof von der Relatio de piis operibus Ottonis von 1139 (MGH SS 15/2, 1151-1166) bis zu den Miracula sancti Ottonis von 1190/91 (MGH SS 12, 911-916).

Rudolf Schieffer


[168], S. 246

Kaspar Elm, Nec minori celebritate a catholicis cultoribus observatur et colitur. Zwei Berichte über die 1119/20 erfolgte Auffindung und Erhebung der Gebeine der Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob, Zs. für Religions- und Geistesgeschichte 49 (1997) S. 318-344, stellt ein Zitat Alberts von Aachen (über die gleichartige Verehrung der Patriarchengräber von Hebron durch Christen, Juden und Muslime) an die Spitze einer vergleichenden Untersuchung des Tractatus de inventione sanctorum patriarcharum Abraham, Ysaac et Iacob (Recueil des historiens des croisades, Hist. occ. 5/1, S. 411-421), der in den 1130er Jahren zum höheren Ruhme des 1168 schließlich zum Bischofssitz erhobenen Chorherrenstifts St. Abraham in Hebron verfaßt wurde, und der anscheinend zwischen 1168 und 1187 im Abendland geschriebenen Translatio beatorum patriarcharum Abrahe, Ysaac et Iacob (ed. Ch. Kohler, Revue de l'Orient latin 4, 1896, S. 477-502).

Rudolf Schieffer


[169], S. 246

Thomas O'Loughlin, Tyconius' Use of the Canonical Gospels, Revue Bénédictine 106 (1996) S. 229-233, bewertet die überproportionale Benutzung des Matthäusevangeliums nicht als Bevorzugung dieses Evangelisten, vielmehr habe Tyconius († vor 400) im ersten Evangelium die meisten Daten über das Leben Jesu gefunden, die er nötigenfalls durch Angaben der anderen Evangelien ergänzte.

Detlev Jasper


[170], S. 246

Thomas O'Loughlin, Isidore's Use of Gregory the Great in the Exegesis of Genesis, Revue Bénédictine 107 (1997) S. 263-269, vermutet, daß Isidor von Sevilla in seinem Genesiskommentar Gregors des Großen Moralia und Regula pastoralis über die Exzerpte des Paterius benutzte.

Detlev Jasper


[171], S. 246

Adalbert de Vogüé, L'auteur du commentaire des Rois attribué à Saint Grégoire: un moine de Cava?, Revue Bénédictine 106 (1996) S. 319-331, sieht in dem Abt Petrus II. von Venosa (1141-1156) den Autor des Kommentars zu 1. Reg., als dessen Vf. bisher unbestritten Gregor der Große galt (CPL Nr. 1719). Die Gründe sind überzeugend: Die einzige Hs. des 12. Jh. stammt aus dem Venosa benachbarten Kloster La Cava, aus dem Abt Petrus kam; vor dem 12. Jh. wird der Kommentar nie zitiert; die sprachlichen Unterschiede zwischen diesem Kommentar und den übrigen Werken Papst Gregors sind mit etwa 200 Worten und Wendungen beträchtlich, und seine Zuschreibung an den Papst läßt sich nur bis zum Erstdruck von 1537 zurückverfolgen.

Detlev Jasper


[172], S. 246

Michael Gorman, The Commentary on the Pentateuch Attributed to Bede in PL 91.189-394 (Second Part), Revue Bénédictine 106 (1996) S. 255-307: Die {247} Fortsetzung der Studien über den Pentateuchkommentar (vgl. DA 52, 695) besteht zum größten Teil aus drei Appendices, in denen der Vf. die Erläuterung zu Gen. 1-3 in der bei Migne gedruckten Version kritisch ediert (S. 267-299), die ältesten Hss. der Kommentare Isidors von Sevilla zum Alten Testament zusammenstellt (S. 299-302) und die Hss. und drei Rezensionen von Bedas Genesiskommentar bespricht (S. 303-307). Den bei Migne PL 91 abgedruckten Pentateuchkommentar hält er für das Werk eines Spaniers vom Ende des 7. Jh., das in zwei Rezensionen vorliegt, aus deren Vergleich man das Aussehen des ursprünglichen Werks rekonstruieren könne.

Detlev Jasper


[173], S. 247

Michael Gorman, Wigbod and Biblical Studies under Charlemagne, Revue Bénédictine 107 (1997) S. 40-76, befaßt sich in Fortsetzung seiner Wigbod-Studien (vgl. DA 52, 252) mit den Kommentaren des Priesters und Abtes zum Octateuch und zu den Evangelien. Der Vf. überprüft die Aussagen der Forschung über die Persönlichkeit Wigbods, über die nur wenig bekannt ist, auf ihre Stichhaltigkeit und kommt zu dem Ergebnis, daß zwei Personen mit dem Namen Wigbod aus Karls des Großen Umgebung zu unterscheiden seien: einmal der Bibelkommentator Wigbod und zum anderen ein Wigbod, comes in Périgueux, der aus der Vita Ludwigs des Frommen des Astronomus bekannt ist. Der Exeget Wigbod habe enge Beziehungen zu Lorsch und Trier unterhalten, ohne daß er mit Richbod, Abt von Lorsch und Erzbischof von Trier († 804), gleichgesetzt werden könnte (was R. Peiper MGH Auct. ant. 6,2 vorschlug). Für seine Kommentierung habe er zumeist Exzerptsammlungen und Kompendien von Väterschriften, nicht mehr ihre Werke selber benutzt, und aus Überlieferungen aus Regensburg (Clm 14854) und Trier (Paris, BN nouv. acq. lat. 762) gehe hervor, daß die Kompilation Wigbods im 9. Jh. noch weiter exzerpiert wurde. Gleichzeitig sei aber eine neue Praxis der Exegese aufgekommen, die wieder auf den Bibeltext selbst und die Kommentare der Kirchenväter zurückgegriffen habe, wofür Claudius von Turin († 827) ein Beispiel biete. Angemerkt sei, daß die Hs. Wolfenbüttel Helmst. 454 (488), die in G.s Argumentation eine erhebliche Rolle spielt, nicht aus Trier (so die ältere Forschung), sondern aus Hildesheim stammt.

Detlev Jasper


[174], S. 247

Paul-Irénée Fransen, La discipline de l'Église dans un commentaire anonyme au Deutéronome écrit à Lyon au IXe siècle, ZRG Kan. 83 (1997) S. 52-66, ediert die Randnotizen zum 5. Buch Mose in der Hs. Paris, BN nouv. acq. lat. 1740, für die der unbekannte Autor aus Lyon vielleicht den Kommentar des Hrabanus Maurus benutzte.

Detlev Jasper


[175], S. 247

Arno Mentzel-Reuters, Bibeldichtung und Deutscher Orden. Studien zur Judith und zu Heinrichs von Hesler Apokalypse, Daphnis 26 (1997) S. 209-261.  --  Die Untersuchung der beiden mitteldeutschen Versbearbeitungen ergibt, daß von einer zusammenhängenden Bibelübersetzung im Umfeld des Deutschen Ordens keine Rede sein kann. Die Judith-Paraphrase entspringt katechetischen Bedürfnissen, und der große Apokalypsenkommentar Heinrichs von Hesler (über 30 000 Verse) ist sicher nicht im Deutschen Orden entstanden, sondern geht unmittelbar auf franziskanisches Gedankengut zurück und rezipiert vornehmlich Bonaventura, aber auch Joachim von Fiore; die eingeschobene Kaiserprophetie hingegen scheint auf staufische Propaganda zurückzugreifen. Erst in der Illumination {248} dieser Prophetie hat der Deutsche Orden - in einer Hs. unter direkter Nachahmung des Siegels des Obersten Marschalls - sich die Dichtung zu eigen gemacht.

Arno Mentzel-Reuters (Selbstanzeige)


[176], S. 248

Julie Ann Smith, The Earliest Queen-Making Rites, Church History 66 (1997) S. 18-35, analysiert Sprache und Aufbau der Krönungsordines für Königin Judith von Wessex (856) und Karls des Kahlen Gemahlin Irmintrud (866). Mehr als der Wunsch nach Nachkommenschaft sei die politische Zielsetzung dieser Ordines zu betonen: mit der Salbung und Krönung solle die Stellung der Königinnen innerhalb des politischen Gefüges gestärkt werden. Es sei kein Zufall, daß diese frühesten Ordines zur Zeit des Lotharschen Ehestreits entstanden seien.

Detlev Jasper


[177], S. 248

K. D. Hartzell, An Early Missal Fragment in the British Library, Revue Bénédictine 106 (1996) S. 308-318, ediert den Missaltext eines Doppelblattes, das in der Hs. London, BL Royal 4 A. XIV als Vorsatzblatt dient. Die Schrift wird auf das Ende des 9. Jh. datiert, und als Heimat scheint dem Vf. Worcester nicht ausgeschlossen.

Detlev Jasper


[178], S. 248

Stephan Waldhoff, Memoria im privaten Beten des frühen Mittelalters. Anhand der Gebetstexte der Handschrift Paris, Bibl. Mazarine, ms. 512, Archiv für Liturgiewissenschaft 38/39 (1996/97) S. 173-250, richtet den Blick auf das sonst schon reichlich traktierte Memorialwesen aus der 'privaten' Perspektive auf Grund der Gebete in der genannten Hs. aus dem späten 9. Jh. Sie dürfte von einem Mönch benutzt worden sein, der zusätzlich zu seinem Morgengebet im Konvent und (im zweiten Teil, fol. 75v-84v) zu nicht weiter gekennzeichneten Anlässen Gebete für Vater, Mutter, König, aber auch Feinde usw. sprach und so seine reichen sozialen Beziehungen aus den Lebensbereichen Kloster und Familie widerspiegelt. Die Texte werden nach einer instruktiven Einführung und Erklärung als Anhang gedruckt (S. 236 ff.).

Herbert Schneider


[179], S. 248

Daniel S. Taylor, An Early Liturgical Compilation of Bernold of Constance? A Comparative Analysis of Codex Stuttgart, Württembergische Landesbibliothek HB VI 107 and Bernold's Micrologus, Sacris Erudiri 37 (1997) S. 163-183, befaßt sich mit der liturgischen Partie der Hs. (fol. 97-111), in der die Ordines Romani L, I und X stark verkürzt, aber auch durch andere Texte ergänzt überliefert werden. Die Parallelen zu Bernolds Micrologus sind auffallend, und vermutlich hat Bernold bei der Abfassung dieses Werks auf die in der Stuttgarter Hs. überlieferte Sammlung zurückgegriffen.

Detlev Jasper


[180], S. 248

Guillelmi Duranti Rationale divinorum officiorum I-IV, ediderunt A. Davril et T. M. Thibodeau (CC Cont. Med. 140) Turnholti 1995, Brepols, XXV u. 601 S., ISBN 2-503-04401-8 (geb.) bzw. 2-503-04402-6 (brosch.), BEF 8.900 (geb.).  --  94 Druckauflagen bis 1893, 199 vollständige und 95 unvollständige bis heute bekannte Hss., Übersetzungen in die Volkssprachen noch im MA - kein Wunder, daß die Liturgiewissenschaftler erst mal lang Atem geholt haben. Jetzt aber wird eine kritische Ausgabe auf der Basis von 8 Hss. dieser Liturgieerklärung des als Jurist, Theologe und Liturgiker äußerst wirkungsvollen Bischofs von {249} Mende (ca. 1230-1296; vgl. zu ihm den Kongreß von 1990, siehe DA 51, 657) vorgelegt - zu einem ersten Teil. Anerkennenswert ist die zustandegebrachte Leistung, die den Text nach einer kurzen Einführung mit bemerkenswert schlankem Apparat konstituiert, durch einen ausgereiften Sachkommentar erschließt und die von Duranti selbst beigesteuerten Marginalia in einem eigenen Apparat verzeichnet. Außerdem werden gegebenenfalls Abweichungen der beiden Redaktionen (von 1286/1291 bzw. 1295/96) durch Spaltendruck kenntlich gemacht, so daß eigentlich nur noch der Wunsch nach der Edition der restlichen Bücher übrig bleibt. Mit dem Essen kommt der Appetit!

Herbert Schneider


[181], S. 249

Andreas Odenthal, Der älteste Liber ordinarius der Stiftskirche St. Aposteln in Köln. Untersuchungen zur Liturgie eines mittelalterlichen kölnischen Stifts (Studien zur Kölner Kirchengeschichte 28) Siegburg 1994, Verlag Franz Schmitt, 338 S., ISBN 3-87710-160-7, DEM 58.  --  Nur 46 Seiten stark ist die Edition der bislang unbeachteten Quelle (eines liturgischen "Regiebuchs"), alles andere ist der reiche Kommentar dieser Kölner Diss., der nichts weniger versucht, als die ma. Liturgie von St. Aposteln zu rekonstruieren. Der in einem Nekrolog versteckte Text (Köln, HAStK GA 18) wurde vor 1276 von Winricus (de Ripa) verfaßt und wirkte über zwei jüngere Libri ordinarii bis in die Neuzeit. Die vielfältigen Ergebnisse zum ausgebauten Prozessionswesen im ma. Köln, der "theologischen" Nutzung des Kirchenraums mit seinen vielen Altären und Patrozinien und zum Festzyklus wie auch Meß- und Tagzeitenliturgie der Stiftsgemeinde können hier nicht annähernd referiert werden; mit am bedeutungsvollsten scheinen mir aber die Erkenntnisse zu sein, die zum kölnischen System der Stationsgottesdienste nach dem Vorbild von Metz bzw. Rom gewonnen werden, wobei St. Aposteln die Funktion der Basilika St. Paul vor den Mauern zugedacht war.

Herbert Schneider


[182], S. 249

Giampaolo Mele, Psalterium-Hymnarium arborense. Il manoscritto P. XIII della cattedrale di Oristano (secolo XIV/XV). Studio codicologico, paleografico, testuale, storico, liturgico, gregoriano. Transcrizioni, Vol. 1: Hymni (Quaderni di "Studi gregoriani" 3) Roma 1994, Torre d'Orfeo, 401 S., zahlreiche Abb., ISBN 88-85147-39-9, ITL 45.000.  --  Es ist nicht ganz einfach, sich über die Ortsangabe im Titel des vorliegenden Buches klar zu werden. Im Zweifelsfall tut hier ein guter Atlas brauchbare Dienste: Arborea ist eine Region im Westen Sardiniens mit dem Zentrum Oristano, dessen Kathedrale das Psalterium-Hymnarium aus der Zeit des späten 14. oder frühen 15. Jh. gehört. M. hat im ersten Teil der Studie die Hs. kodikologisch und paläographisch untersucht und versucht sie historisch und liturgisch einzuordnen. Im zweiten Teil sind die Hymnentexte kritisch ediert sowie die Melodien in diplomatischer Nachschrift des Originals wiedergegeben. Eine ausführliche Bibliographie, Photoreproduktionen ausgewählter Seiten sowie Aufnahmen der Gesamtansicht des Codex und ausführlich gegliederte Register vervollständigen den Band. Gerade diese Register suggerieren eine außerordentliche Gründlichkeit, da M. sich die Mühe gemacht hat, in einem 61 Seiten (S. 331-392) zählenden Index jedes einzelne Wort der Hymnen nachzuweisen. So belanglos dies bei den Erscheinungsformen des Namens Christi oder bei "omnes" anmutet, so wertvoll kann es bei Wörtern wie "Chorus", "canamus" oder "Machina" für weitere Studien sein.  --  Als Herkunft des Manuskriptes {250} vermutet M.  --  vor allem wegen der Zierinitialen - das mittlere Italien mit den Regionen Umbrien, Toskana oder Latium, obwohl sich Sardinien selbst oder sogar Katalonien bzw. Aragonien nicht ausschließen läßt. Immerhin gehörte die Insel zur Zeit der Entstehung der Hs. (zwischen 1350 und 1438) zum Königreich Aragonien. Trotz Vergleichen mit anderen Hymnaren aus Italien und Katalonien gelang es nicht, die Herkunft präziser zu bestimmen. Für die Frage nach dem Rang eines solchen Psalteriums und Hymnariums wäre dies natürlich interessant gewesen. Insgesamt ist M. bei aller Sorgfalt sehr zurückhaltend mit dem Herausstellen von Ergebnissen, die man manchmal etwas suchen muß. Dennoch dürfte die Studie gerade für die hymnologische Forschung eine Bereicherung darstellen.

Franz Körndle {250}


[183], S. 250

Marcel Metzger, Les sacramentaires (Typologie des sources du moyen âge occidental, fasc. 70) Turnhout 1994, Brepols, 138 S., ISBN 2-503-36000-9, BEF 1.350.  --  Durch den Urwald der Sakramentarforschung wird mit diesem Bändchen eine Schneise geschlagen, durch die man sich hinfort einigermaßen sicher auf dem schwierigen Gelände wird bewegen können. Der Vf. hängt weitgehend von den Forschungen von A. Chavasse ab, dementsprechend ist nun das frühere "Sacramentarium Leonianum" nicht nur - wie schon länger - Papst Leo I. abgesprochen, sondern sogar als Sakramentar endgültig entthront und nur noch ein "recueil occasionnel", wenngleich mit einigen auf einen Papst und vielleicht sogar einen konkreten: Johannes III. (561-574), bezogenen Texten. Auch hinsichtlich mancher Fragen zum Gregorianum hat die "französische" Richtung der Sakramentarforschung (mit Chavasse, Deshusses, Barré u. a.) einen klaren k.o.-Sieg über gegenteilige Interpretationsversuche errungen (etwa von K. Gamber, der zwar in der Bibliographie zitiert, im Corpus der Arbeit dann aber souverän ignoriert wird - übrigens wohl nicht zum Schaden der Sache, wohl aber zum Schaden der forschungsgeschichtlichen Orientierung des Lesers). Kleinere Ausstellungen sollen nicht die Qualität des Ganzen schmälern, aber die Arbeit von Th. Klauser, Das römische Capitulare Evangeliorum, liegt in einer überarbeiteten Auflage von 1972 vor, die Liturgiewissenschaftlichen Quellen und Forschungen sind bei Aschendorff und nicht "Aschaffendorf" verlegt, das Sakramentar von Trient (S. 57) hat doch eine Signatur: ms. 1590, u. a.

Herbert Schneider


[184], S. 250

Le culte et ses rites: des témoins manuscrits aux expressions de la dévotion populaire. Actes du Colloque international d'Aoste (2 et 3 avril 1993) réunis par Maria Costa, Aoste 1994, Région autonome Vallée d'Aoste, Assessorat de l'Instruction Publique, Archives Historiques Régionales et Services Culturels, 234 S., zahlreiche farbige Abb., keine ISBN.  --  Zum Abschluß der Inventarisierung liturgischer Hss. des von einer eigenen Liturgie geprägten Aosta-Tales wurde ein Kongreß veranstaltet, dessen Beiträge nun vorliegen: Maria Costa, Aperçu historique sur les volumes de la collection "Monumenta Liturgica Ecclesiae Augustanae" (S. 15-22), führt in das zuletzt in DA 50, 281 f. angezeigte Unternehmen ein.  --  Lin Colliard, Robert Amiet: l'homme et le liturgiste (S. 23-33), zeichnet ein freundschaftliches Profil des Mannes, dem das ganze Unternehmen hauptsächlich zu verdanken ist.  --  Robert Amiet, La liturgie valdôtaine (S. 35-48), deutet charakterisierende Züge der von den umgebenden Ländern beeinflußten Liturgie des Aosta-Tales im Kalender, dem Meßordinarium, {251} 2. Februar, Palmsonntag und den Bittprozessionen.  --  Ferdinando Dell'Oro, Liturgia e pietà popolare: un singolare connubio testimoniato dalle fonti principali dell'antico rito valdostano (S. 53-93), illustriert wiederum hauptsächlich am reichen Prozessionswesen, den Votivmessen und dem Totenkult die gegenseitige Durchdringung beider Bereiche.  --  André Vauchez, Iconographie et histoire de la sainteté: Le culte de la B. Panesi/Panacea dans le diocèse de Novare de la fin du XIVe au milieu du XVIe siècle (S. 95-108; 8 farbige Abb.), macht auf den im MA spärlich verbreiteten, dann aber in der Gegenreformation favorisierten Kult des angeblich 1383 von der Stiefmutter erschlagenen Hirtenmädchens aufmerksam. Vor allem an dem Freskenzyklus in der Kirche San Pantaleone von 1476 lassen sich populäre Züge der Verehrung feststellen.  --  Roger Devos, Le culte populaire de Saint Grat dans l'ancien diocèse de Genève-Annecy (S. 109-120), weist auf die frühneuzeitliche Ausstrahlung des Kults um den ersten Bischof von Aosta aus dem 5. Jh. hin, von dem man historisch nicht viel weiß, der es aber zu einiger Bedeutung als Helfer gegen die Rattenplage brachte und auf den in dieser Funktion eigens eine beliebte Wasserweihe veranstaltet wurde.  --  Joseph-Gabriel Rivolin, Quelques remarques sur le culte des saints en Vallée d'Aoste, au moyen âge (S. 121-137), sichtet die ersten Spuren einer Heiligenverehrung schon um 448 und gibt Hinweise auf einige später herausragende Gestalten (Hl. Gratus, Hl. Urs u. a.).  --  Jean-Paul Bouhot, Le rituel baptismal: de la réforme carolingienne aux traditions populaires modernes (S. 139-145), benennt drei im Laufe der Zeit entwickelte Eigenheiten der (sonst kaum variierenden) Taufliturgie in Aosta: einen Dialog zwischen Priester und Tauffamilie am Beginn der Feier, eine kurze Katechese nach den Exorzismen und eine Erklärung der Bedeutung dieses Sakraments am Ende.  --  Enrico Mazza, "Vere dignum" e "Te igitur". Libro liturgico e devozione alla luce dei commenti medievali alla liturgia (S. 147-167; 7 Abb.), macht auf die zwei auch ikonographisch in den Hss. hervorgehobenen Initialen im Meßformular aufmerksam (Beginn der Präfation und des Kanons) und stellt die diesen Tatbestand allegorisierenden Theologen des Hoch-MA zusammen (Innozenz III., Johannes Beleth, Sicard von Cremona, Hugo von St. Victor).  --  Gianni Mombello, Analyse philologique d'un Noël conservé dans deux manuscrits du Grand Séminaire d'Aoste (S. 169-213), bezieht sich auf einen tropierten Gesang zu Weihnachten in einer Mischsprache (lateinisch, franko-provenzalisch): Fulget hodie - de l'espina la flour.  --  Marina Regni, Giampiero Bozzacchi, Realizzazione nel medioevo di un codice membranaceo in area latina, con esemplificazioni tratte dal patrimonio valdostano (S. 215-232; 16 farbige Abb.), beleuchten die technische Seite der Hss., zunächst generell, dann anhand von zwei Codices (Aosta, Bibl. del Seminario Maggiore, Cod. 2, 12. Jh.; Aosta, Bibl. Capitolare, Cod. 55, 15. Jh.).

Herbert Schneider


[185], S. 251

The Liber vitae of the New Minster and Hyde Abbey Winchester. British Library Stowe 944 together with leaves from British Library Cotton Vespasian A. VIII and British Library Cotton Titus D. XXVII. Ed. by Simon Keynes (Early English manuscripts in facsimile 26) Copenhagen 1996, Rosenkilde and Bagger, 132 S., 21 Abb., DKK 9.250 (pbk.) bzw. 10.450 (hbk.).  --  In der bewährten Qualität dieser Reihe wird eine weitere illuminierte angelsächsische Hs. des 10. Jh. teilweise faksimiliert und durch Abbildungen aus parallelen Hss. ergänzt. Die Kommemorationen gelten angelsächsischen Königen und Bischöfen und den {252} Confratres des Münsters bzw. der Abtei; außerdem werden verschiedene englische Königsbriefe, Heiligenlisten und chronologische Notizen mitgeteilt. Eine Appendix (S. 11-123) widmet sich dem sog. "Aelfrics Prayerbook" (BL, Cotton Vespasian A. VIII und Cotton Titus D. XXVII), das neben Gebeten auch komputistische Texte überliefert.

Arno Mentzel-Reuters


[186], S. 252

Elena Vannucchi, Note patrimoniali e culto del ricordo in un codice dell'archivio capitolare di Pistoia, Bollettino storico pistoiese 3. Serie 30 (1995) S. 27-39, untersucht und ediert die als Listen A und B bezeichneten und sich auf die Zeit zwischen 1070 und 1143 beziehenden Einträge in die Sammelhs. 115 (früher Ms. 432) des Kapitelarchivs von Pistoia, deren Hauptteil die - nach der Vf. entgegen der etablierten Forschungsmeinung - wohl um 1100 entstandene Pistoieser Redaktion der Institutio canonicorum Aquisgranensis von 816 ist. Darüber hinaus versucht V. auch eine Neudatierung des Kodex in der bestehenden Form und nimmt nach genauer Untersuchung an, daß er diese bereits in der 1. Hälfte des 12. Jh. hatte (vgl. auch hier S. 219).

Marlene Polock


[187], S. 252

Michal Dragoun, Církevní kalendár premyslovskych Cech a nekteré aspekty jeho vlivu na zivot soudobé spolecnosti [mit Zusammenfassung: The Church Calender of the Premyslid Bohemia and Some Aspects of its Influence on the Life of the Contemporary Society], in: Historie 1995, Celostátní studentská vedecká konference Ostrava, 27.-29.11.1995, vydal Ivo Bartecek, Ostrava 1996, S. 27-43.  --  Aufgrund mehrerer Kalendarien böhmischer Herkunft des 12. und 13. Jh. wird versucht, den böhmischen Kalender der damaligen Zeit zu rekonstruieren, die Festtage der Ablaßerteilungen festzustellen und auch zum politischen Festkreis Stellung zu nehmen.

Ivan Hlavácek {252}


[188], S. 252

Hana Pátková, Stredoveká bratrstva v katedrále sv. Víta v Praze [mit Zusammenfassung: Mittelalterliche Bruderschaften im Sankt-Veits-Dom in Prag], Sborník archivních prací 47 (1997) S. 3-73.  --  Die Autorin behandelt zwei Bruderschaften am Prager Dom (eine der bepfründeten Domherren und eine der Domdienerschaft), die beide wohl in den 20er Jahren des 14. Jh. entstanden, wahrscheinlich als Reaktion auf die jahrelange Absenz des Prager Bischofs von seinem Bistum, mit dem Ergebnis, daß beide vornehmlich die Begräbnisfeierlichkeiten ihrer Mitglieder durchzuführen hatten. Als Anhang wird, zum Teil regestenartig, das Bruderschaftsbuch der zweiten Bruderschaft aus den Anfangsjahren des 15. Jh. samt dem nicht allzu ergiebigen Nekrolog ediert.

Ivan Hlavácek {252}


[189], S. 252

François Dolbeau, Sur deux sermonnaires latins, jadis conservés à Lorsch, Revue Bénédictine 107 (1997) S. 270-279: Der älteste Bibliothekskatalog des Klosters Lorsch von etwa 830 nennt zwei heute verschollene Predigtsammlungen Augustins, die D. aufgrund der Inhaltsangaben des Katalogs näher zu bestimmen sucht. Die eine Sammlung sieht D. im Kreis des Caesarius von Arles († 542) entstanden, die andere hält er für eine pseudoaugustinische Sammlung, die wohl für katechetische Zwecke zusammengestellt wurde und der Sermonessammlung des Pseudo-Fulgentius von Ruspe verwandt war.

Detlev Jasper


{253}

[190], S. 253

Eugene D. Dukes, Magic and Witchcraft in the Dark Ages, Lanham, Maryland u. a. 1996, University Press of America, XI u. 307 S., ISBN 0-7618-0147-2 (hbk.) bzw. 0-7618-0148-0 (pbk.), USD 44.  --  Das vorliegende Buch ist keine Geschichte der Magie und Hexerei, auch wenn der Titel das vermuten läßt. Der Vf., der sich als konservativer Katholik zu erkennen gibt, stellt nur zahlreiche Äußerungen der Kirchenväter und anderer christlicher Autoren bis etwa zum Jahre 1000 zusammen, die sich mit magischen Praktiken ihrer Zeit auseinandersetzen, und verteidigt sie gegen die Kritik moderner Aufklärer und Rationalisten, sie hätten nur Wahnideen und populären Aberglauben bekämpft. Zauberei und Hexenwesen seien vielmehr in der antiken Welt ebenso wie bei den Kelten und den germanischen Völkern tatsächlich existent gewesen, wofür auch anthropologische und ethnologische Erkenntnisse sprächen.  --  Der wissenschaftliche Wert des Buches leidet freilich darunter, daß der Vf. nicht aus den Originaltexten, sondern fast nur aus englischen Übersetzungen zitiert. Außerdem scheint ihm nicht klar zu sein, daß viele seiner Quellen einschließlich mancher Bußbücher und Kanonessammlungen sicher nicht auf Erfahrung beruhen, sondern nur traditionelles Buchwissen wiedergeben. Eine Bibliographie und ein Register sind beigegeben.

Hans Martin Schaller


[191], S. 253

Clare Woods, Six new Sermons by Hrabanus Maurus on the Virtues and Vices, Revue Bénédictine 107 (1997) S. 280-306, schreibt sechs anonyme Predigten, die im Codex München 28459 (um 1400) zusammen mit Sermones des Hrabanus Maurus überliefert werden, ebenfalls dem Fuldaer Abt zu. Das Ergebnis ist überzeugend, denn stilistisch, von der Art der Quellenbenutzung und thematisch passen sie zu der zwischen 822 und 825 entstandenen Sermonessammlung des Hrabanus Maurus. Da sie ursprünglich 70 Predigten umfaßte, ihre heute bekannten Hss. aber nur 64 Stücke überliefern, dürfte mit diesen anonymen Predigten der bisher fehlende Schluß der Sammlung gefunden sein.

Detlev Jasper


[192], S. 253

Klaus Zechiel-Eckes, Sur la tradition manuscrite des Capitula ... de coertione Iudeorum ou Florus de Lyon au travail, Revue Bénédictine 107 (1997) S. 77-87, ediert die ersten fünf Kapitel des Textes erneut nach den Hss. Troyes, Bibl. Mun. 1406 und Berlin, Staatsbibl. Phill. 1745, weil die Hs. aus Troyes und auch die verlorene Vorlage der Erstausgabe D'Acherys die Capitula unvollständig überliefern: in ihnen sind die cc. 2 und 3 durch Augensprung des Abschreibers ausgefallen.

Detlev Jasper


[193], S. 253

Jay T. Lees, Charity and enmity in the writings of Anselm of Havelberg, Viator 25 (1994) S. 53-62, datiert die Epistola apologetica zu ca. 1140 und somit zehn Jahre vor der Entstehung von De unitate fidei.

Timothy Reuter


[194], S. 253

Christoph Egger, Dignitas und Miseria. Überlegungen zu Menschenbild und Selbstverständnis Papst Innocenz' III., MIÖG 105 (1997) S. 330-345, rekonstruiert aus dem Schrifttum des Papstes Leitgedanken für das offenbar unausgeführt gebliebene Werk über die dignitas humane nature, das dieser noch als Kardinal Lothar 1194/95 in der Widmung von De miseria humane condicionis als Ergänzung in Aussicht gestellt hatte.

Rudolf Schieffer


{254}

[195], S. 254

Kurt Villads Jensen, War against Muslims according to Benedict of Aliagno, OFM, Archivum Franciscanum Historicum 89 (1996) S. 181-195, ediert und kommentiert einen bisher ungedruckten Auszug aus De summa Trinitate et fide catholica nach Paris, Bibl. Nat., lat. 4224, fol. 389v-392va. Darin vertritt der Bischof von Marseille († 1268) eine extreme Position, die vornehmlich auf die Ausrottung der häretischen und heidnischen Sarazenen abzielt: ... nullatenus crescere sinendi sunt sed eradicandi, et hoc per corporalem mortem, quando aliter eradicari non possunt incorrigibiles et contumaces, et ideo sunt necessario occidendi. Konversion wird nur dann als Ausnahmemöglichkeit zugestanden, wenn auch sicher eine Aussicht auf Erfolg besteht: ... ne, dum uana spe paucis parcitur, per eos perdatur fidelium multitudo.

Christian Lohmer


[196], S. 254

Carlos Martínez Ruiz, Ubertino de Casale, autor de dos versiones del Arbor Vitae, Archivum Franciscanum Historicum 89 (1996) S. 447-468, analysiert die hsl. Überlieferung des Gesamtwerkes und seiner Ableitungen und weist zwei jüngere Redaktionen des Arbor Vite Crucifixe Iesu dem Vf. des ursprünglichen Werkes († nach 1328) zu. Damit folgt er einer bereits 1976 von Bertrand G. Guyot formulierten These, die allerdings von Gian Luca Potestà 1980 und 1994 relativiert wurde. Kurzum: Das letzte Wort scheint in dieser Frage noch nicht gesprochen zu sein.

Christian Lohmer


[197], S. 254

Arne Jönsson, St. Bridget's Revelations to the Popes. An edition of the so-called Tractatus de summis pontificibus (Studia graeca et latina Lundensia 6) Lund 1997, Lund University Press, 71 S., ISBN 91-7966-399-0 bzw. 0-86238-470-2.  --  Die komplizierte Überlieferungslage der Visionen der schwedischen Heiligen führt immer wieder zu neuen Interpretationen. Wesentliche Diskussionspunkte sind die Fragen nach der ursprünglichen Textgestalt und der Rolle der "Redakteure", allen voran des Beichtvaters Alfonso Pecha von Jaén. J. postuliert nun im Gegensatz zu Aili (vgl. DA 51, 608), daß der kurze Text mit dem späteren Titel T. d. s. p., in dem vier Avignoneser Päpste zur Rückkehr nach Rom aufgefordert werden, als separate Sammlung überliefert wurde und nicht wie in der Edition von Aili Teil des IV. Buches (Kapp. 132-144) der Revelationes sei. Daher wird eine Edition mit modifizierter Hss.-Grundlage erstellt. Ein abschließendes Wort sei den schwedischen Spezialisten vorbehalten.

Christian Lohmer


[198], S. 254

Helena Krmícková, Studie a texty k pocátk%*um kalicha v Cechách [mit Zusammenfassung: Studien und Texte zu den Anfängen des Laienkelches in Böhmen] (Opera Universitatis Masarykianae Brunensis. Facultas philosophica, Bd. 310) Brno 1997, Masarykova Univerzita, XXV u. 214 S., ISBN 80-210-1533-0.  --  Obwohl der Laienkelch im vorhussitischen und hussitischen Böhmen seit Jahrzehnten als vornehmer Forschungsgegenstand sowohl der Historiker als auch der Theologen gilt, machen es doch neue Quellenfunde, vornehmlich die der Schriften des wichtigsten Theologen des Utraquismus - Jakobellus von Mies - erforderlich, diese Problematik erneut zu untersuchen. Da die Autorin zugleich Editorin ist, hat sie sich die Aufgabe erweitert, d. h. neben den Studien über verschiedene Spezialfragen des Themas zugleich vier bisher ungedruckte Quellentexte ediert, die von verschiedenen Streitrichtungen herrühren und sich vornehmlich in das zweite Jahrzehnt des 15. Jh. einreihen lassen. Es handelt sich um {255} folgende Texte: Jakobellus von Mies, De Magna cena (da wiederholt und vertieft zugleich die Autorin ihren älteren Beitrag zum Thema, vgl. DA 52, 700), den antiutraquistischen Traktat von Hussens Anhänger und Fortsetzer in der Bethlehemskapelle Havlík Gallus asserunt quidam, Petrus Paynes, Quia nostri temporis homines und Nikolaus von Dresden, Contra Gallum, gegen den eben erwähnten Havlík. Die Editionen, die auf Grund aller bisher bekannten Hss. vorbereitet wurden, werden durch eine zwölfseitige Bibliographie des Themas und eine mehr als 120 Seiten zählende Analyse eingeleitet. Diese Analyse widmet sich freilich einem breiteren Spektrum der Probleme und bildet zusammen mit der Edition einen wichtigen Beitrag zur nie endenden Diskussion über dieses Grundthema der hussitischen Lehre.

Ivan Hlavácek {255}


[199], S. 255

Helena Krmícková, Gallus asserunt quidam. Rozbor textu a edice [mit deutscher Zusammenfassung], Sborník prací Filozofické fakulty brnenské univerzity, rada historická C 42 (1995) S. 51-69.  --  Auf Grund von drei Hss. (zwei aus der Bibl. des Prager Kapitels und eine aus der alten Nikolsburger Bibl.) kommentiert und ediert die Autorin einen Traktat des unbekannten hussitisch orientierten Autors, der sich gegen die Kommunion sub utraque specie wandte. Dabei wird die ältere These von F. M. Bartos, der den Priester in der Bethlehemskapelle Havlík für den Vf. hielt, bestritten.

Ivan Hlavácek {255}


[200], S. 255

Nicolai de Cusa Opera omnia, iussu et auctoritate Academiae litterarum Heidelbergensis ad codicum fidem edita, Bd. 10: Opuscula II, Fasc. 2a: De theologicis complementis, edd. Adelaida Dorothea Riemann et Carolus Bormann, Hamburg 1994, Felix Meiner Verlag, XXXII u. 136 S., ISBN 3-7873-1075-4, DEM 178.  --  Dieser Faszikel der seit 1932 erscheinenden Ausgabe enthält zwei kleinere Werke des Nikolaus von Kues, deren Gemeinsamkeit in dem Versuch besteht, Prinzipien der Mathematik für theologische Erkenntnis fruchtbar zu machen. Die hier nach 9 Hss. und 2 Frühdrucken edierte Schrift De theologicis complementis entstand innerhalb weniger Wochen im Spätherbst 1453 und bildet eine Vorstufe zu De visione Dei; ihr folgt der auf der Grundlage dreier Hss. erstellte Text des theologischen Teils der 1450 verfaßten Arbeit De circuli quadratura. Die Texte sind mit einem dreifachen Apparat versehen, der Lesarten, Quellen (in erster Linie solche theologisch-philosophischer Art, mathematische Nachweise wurden bewußt zurückgestellt) und Parallelen in anderen Werken des Cusanus bietet. Die Edition, die im Vergleich zu älteren Faszikeln (vgl. DA 40, 665 f.) etwas benutzerfreundlicher erscheint, ist durch Indices der zitierten Autoren, Hss. und Wörter erschlossen.

Claudia Märtl


[201], S. 255

Johannes Reuchlin, De verbo mirifico. Das wundertätige Wort (1494), hg. von Widu-Wolfgang Ehlers, Lothar Mundt, Hans-Gert Roloff, Peter Schäfer unter Mitwirkung von Benedikt Sommer (Sämtliche Werke I, 1) Stuttgart 1996, Frommann-Holzboog, XV u. 447 S., ISBN 3-7728-1771-8, DEM 510.  --  Reuchlin zeichnet in diesem bislang nicht edierten Dialog eine christologisch durchgeführte Synthese der drei monotheistischen Religionen, die die gesamte Breite des spätma. geistlichen und sprachphilosophischen Schrifttums ausschöpft und darum nicht nur vorausweisend auf die Reformation gelesen werden sollte. Der kritische Apparat wird leider nur im Anhang geboten (S. 420-425), zum {256} Text werden nur die Bibelstellen und Klassikerzitate ausgeworfen. Letztere sind wiederum im Register (S. 427-441) erschlossen. Es handelt sich um den ersten einer auf elf Bände angelegten Gesamtausgabe.

Arno Mentzel-Reuters


[202], S. 256

Martine de Reu, La parole du Seigneur. Moines et chanoines médiévaux prêchant l'Ascension et le Royaume des Cieux (Institut historique Belge de Rome. Bibliothèque 43) Bruxelles u. a. 1996, Brepols, 419 S., ISBN 90-74461-22-0.  --  Die Genter Diss. befaßt sich mit einem wichtigen Thema der ma. Geistesgeschichte, nämlich den Fragen nach den Attributen des Himmels und dem Weg ins himmlische Jenseits. Zugrundegelegt werden als Quellen datierte lateinische Predigten von Caesarius von Arles († 542) bis zu Stefan von Tournai († 1203), die sich mit dem Thema Simile est regnum caelorum (Mt. 13,44-52, 20,1-16) und der Himmelfahrt befassen. Seit 1150 ist die Quellengrundlage legitimerweise auf den nordwesteuropäischen Raum verengt. Die Arbeit gliedert sich in drei Teile unterschiedlichen Gewichtes. Teil I ist am wenigsten geglückt. Statt einer methodischen Hinführung zum Thema werden eine banale Aufzählung der zumeist französischen Literatur und ein Referat über die Probleme (wohl der Autorin) mit den für die Quellenlektüre vorauszusetzenden theologischen Kenntnissen geboten. Vieles ist hier überflüssig, selbstverständlich und führt als Vorüberlegung nicht weiter. In Teil II, der eigentlichen Untersuchung, geht es erheblich tiefgründiger zur Sache. In drei chronologischen Abschnitten (500-900, 900-1100, 12. Jh.) wird die Materie in jeweils gleichen Schritten erarbeitet. Zunächst geht es um die dogmatischen Strömungen und den Bildungshintergrund der Zeit. Dann wendet sich die Untersuchung den Quellentexten selbst zu. Hier ist die Darstellung am ausführlichsten und hat auch ihre stärksten Seiten. Der Umgang der einzelnen Predigtautoren mit ihren Vorlagen, mit der Bibel, mit den sprachlichen Metaphern und den exegetischen Möglichkeiten, alles zugespitzt auf das Thema des Himmelreiches und des Weges dorthin, findet eine erschöpfende und bereichernde Analyse. Danach werden die Predigerpersönlichkeiten in den Blick genommen und schließlich das jeweilige, zumeist klösterliche Publikum. Die gleichen, klar gegliederten Durchgänge durch die drei nicht weiter begründeten chronologischen Abschnitte sind erhellend und ergeben überzeugend konturierte Entwicklungslinien. Naturgemäß werden die Differenzierungen gegen Ende der Untersuchungszeit immer bunter und aussagekräftiger. Für das 12. Jh. sind dabei noch die Ordensprovenienzen der Predigten berücksichtigt. Teil III ist sprachlichen Aspekten gewidmet. Die Untersuchung der Wort- und Begriffsfrequenzen führt zu wertvollen Ergebnissen. So ist beim Benediktinerorden bis zum 12. Jh. Christus als die Rettergestalt für das Jenseits vorherrschend, danach ist es der Christus triumphans, in dessen Nachfolge man den Himmel erreicht. Auch schlägt der Sprachduktus im 12. Jh. von der Anlehnung an die biblische Perikope ins Raisonnement um. Die Entwicklung insgesamt ist von dem Übergang zu immer persönlicher werdenden Buß- und Bekenntnisvorstellungen als Wegen zum Himmel gekennzeichnet. Eine Identifikationsliste der Predigten, Auflistungen der verwendeten Bibel- und patristischen Stellen sowie der Metaphern schließen nebst einem Namenregister den Band ab.

Michael Menzel {256}


[203], S. 256

Models of holiness in medieval sermons. Proceedings of the International symposion (Kalamazoo, 4-7 May 1995), edited by Beverly Mayne Kienzle, {257} Edith Wilks Dolnikowski, Rosemary Drage Hale, Darleen Pryds, Anne T. Thayer (Textes et études du moyen âge 5) Louvain-la-Neuve 1996, Fédération internationale des instituts d'études médiévales, XX u. 402 S., keine ISBN, BEF 1.750.  --  Der Band trägt die breit gestreuten Ergebnisse der Tagung der International medieval sermon studies society, die 1995 an der Michigan University stattfand, zusammen: P. B. Roberts, Thomas Becket: the construction and deconstruction of a saint from the middle ages to the reformation (S. 1-22), widmet sich dem Becketkult bis 1538 und stellt die Gestalt des guten Hirten und nicht des Märtyrers heraus.  --  Th. L. Amos, Early medieval sermons and the holy (S. 23-34), geht der Frage nach, wie Heilige als Verhaltensmuster und Vorbilder benutzt werden.  --  M. Swan, Holiness remodelled: theme and technique in old english composite homilies (S. 35-46), bespricht Aelfrics "Catholic homilies" hinsichtlich ihrer Darstellungsart und Rezeption.  --  L. T. Martin - Th. N. Hall, The enumeration of laws motif in the middle english homily An Bispel (S. 47-65), vergleichen Geschichtsperiodisierungen der Hs. Cotton Vespasian A XXII mit anderen irischen Sammlungen des 9. Jh.  --  C. M. Kudera, Models of monastic devotion in Peter of Celle's sermons for the feast of Mary Magdalene (S. 67-84), stellt die Frauengestalt in ihrer Bedeutung als gefallene Natur für die Mönche heraus.  --  C. Muessig, Paradigms of sanctity for thirteenth-century women (S. 85-102), skizziert Eva und Maria als Ikonen der Weiblichkeit für Beginen in den Sermones de sanctis des Jakob von Vitry.  --  G. Ferzoco, Sermon literatures concerning late medieval saints (S. 103-125), wendet sich der Typologie in der Predigtliteratur zu, die Heiligenkulte verbreiten oder Kanonisationen herbeiführen will.  --  J. Hamesse, The image of sanctity in medieval preaching as a means of sanctification (S. 127-139), untersucht die Entwicklung der Wortbedeutung von "sanctus", "religiosus" und "beatus" von der Antike bis ins 14. Jh.  --  D. Pryds, Monarchs, lawyers, and saints: juridical preaching on holiness (S. 141-156), stellt die fünf juristischen Standespredigten des Albertanus von Brescia (Mitte 13. Jh.) den 300 dynastisch orientierten Bibelpredigten König Roberts von Neapel gegenüber.  --  M. Saperstein, The preaching of repentance and the reforms in Toledo of 1281 (S. 157-174), kontrastiert zitatenreich die Abgrenzungen zu heidnischen Frauen, Kaufleuten und Dienern bei zwei jüdischen Predigern unter dem toleranten Alfons X. von Kastilien und unter dem radikalen König Sancho.  --  C. Horowitz, Rhetoric reality and aspirations to holiness in 14th century jewish preaching (S. 175-192), stellt das jüdisch-biblische Gemeindemodell am Beispiel der sozialen und intellektuellen Konflikte von Tudela in Navarra im 14. Jh. vor.  --  E. W. Dolnikowski, The encouragement of lay preaching as an ecclesiastical critique in Wyclif's latin sermons (S. 193-209), thematisiert die Bibelorientierung und die favorisierte Laienpredigt aus De veritate sacrae scripturae und den lateinischen Predigten des englischen Reformators.  --  L. Carruthers, In pursuit of holiness outside the cloister: religion of the heart in The abbey of the holy ghost (S. 211-227), stellt einen englischen Text aus der ersten Hälfte des 14. Jh. vor, der trotz monastischer Inszenierung auf der Heiligkeit auch von Laien insistiert.  --  V. M. O'Mara, The "hallowyng of #.pe tabernakyll of owre sawle" according to the preacher of the middle english sermons in BL Ms Harley 2268 (S. 229-242), beschreibt eine Predigtsammlung des 15. Jh. mit ihren biblischen Exempeln, denen die Lollarden als Antiexempel gegenübergestellt werden.  --  E. Moores, 'Fle from the love of the thinges create': {258} patterns of holiness in The dialoges of creatures moralysed (S. 243-258), untersucht die englische Übersetzung einer Anfang des 14. Jh. vielleicht für die Visconti geschriebenen Fabelsammlung vor allem in Hinblick auf das Thema Enthaltsamkeit.  --  B. Beattie, Lawyers, law and sanctity in sermons from papal Avignon (S. 259-282), zeichnet aus einer Predigtsammlung der avignonesischen Kurie das Idealbild des kirchlichen Gesetzgebers und Richters nach, das vor allem in Warnungen vor der realen Praxis entworfen wird.  --  D. L. Stoudt, Holy figures and the mystical experience in medieval german sermons (S. 283-300), hebt die Exemplifikationsarmut der Mystikerpredigten hervor.  --  J. W. Dahmus, Dormi secure: the lazy preacher's model of holiness for his flock (S. 301-316), vergleicht den liberaleren Johannes von Werden mit seinen Zeitgenossen Johannes Nider und Johannes Herolt hinsichtlich ihrer Ratschläge für das Laienpublikum.  --  E. L. Saak, Quilibet christianus: saints in society in the sermons of Jordan of Quedlinburg, OESA (S. 317-338), thematisiert Jordans Vorstellungen über die Transformierbarkeit der anachoretischen und coenobitischen Heiligkeitsvorstellungen Augustins im Leben eines jeden Christen.  --  A. T. Thayer, Intercessors, examples and rewards: the roles of the saints in the penitential themes of representative late medieval sermon collections (S. 339-354), geht der Frage nach, welche Heiligenmodelle in Editionen von 1450 bis 1520 speziell für die Buße im Vordergrund stehen.  --  P. Howard, The preacher and the holy in the renaissance Florence (S. 355-370), widmet sich der Wirkung von Lokalheiligen im Werk des Antoninus von Florenz.  --  E. W. Dolnikowski, Summary of roundtable and other conference discussion (S. 371-380). Verzeichnisse der Handschriften (S. 381 f.), der wissenschaftlichen Autoren (S. 383-391) und ein thematischer Index (S. 393-402), der allerdings nur auf die Aufsätze als Ganze verweist, beschließen den Band.

Michael Menzel {258}


[204], S. 258

Jussi Hanska - Antti Ruotsala, Berthold von Regensburg, OFM, and the Mongols. Medieval sermon as a historical source, Archivum Franciscanum Historicum 89 (1996) S. 425-445, untersuchen Bertholds Informationsquellen und erkennen andererseits den populären Prediger als Nachrichtenlieferanten in der Frage der Mongolenbedrohung. Daneben wird über die theologische, gesellschaftliche und psychologische Funktion der Predigten und ihrer Inhalte reflektiert.

Christian Lohmer


[205], S. 258

Maria Blaziak, 'De magna strage' kazaniem bernardynskim czy uniwersyteckim? [Minoriten- oder Universitätspredigt?], Studia Zdródloznawcze 36 (1997) S. 65-71, spricht sich für einen Ursprung der Predigt über die (siegreiche) Schlacht von Tannenberg 1410 im Milieu der Universität Krakau aus aufgrund von darin enthaltenen Auszügen aus Universitätskommentaren zu chronikalischen Werken.

Thomas Wünsch {258}


[206], S. 258

Marina Smyth, Understanding the universe in seventh-century Ireland (Studies in Celtic history 15) Woodbridge u. a. 1996, Boydell & Brewer, 341 S., ISBN 0-85115-313-5, GBP 35.  --  Diese überarbeitete Diss. der University of Notre Dame entstand 1984. Sie untersucht mehrere anonyme Schriften des 7. Jh.: den {259} pseudo-augustinischen Traktat De mirabilibus sacrae scripturae (Migne PL 35), den Liber de ordine creaturarum und die Hisperica Famina (die beiden zuletzt genannten Texte sind neben den jeweiligen Editionen auch als Volltext im "Archive of Anglo-Celtic Literature" des Brepols-Verlages zugänglich). Das Buch ist nach den kosmologischen Bereichen geordnet und steigt von der Schöpfung über die Himmel zur Erde. Die Autorin verwendet große Sorgfalt auf Ableitung der von den drei Traktaten geäußerten Thesen aus der patristischen bzw. spätantiken Literatur.

Arno Mentzel-Reuters


[207], S. 259

Popular and Practical Science of Medieval England. Edited by Lister M. Matheson (Medieval texts and studies 11) East Lansing 1994, Colleagues Press, XIII u. 425 S., Abb., ISBN 0-937191-30-2, GBP 49,50.  --  In den zwölf Kapiteln des Bandes werden mittelenglische Texte aus dem 14.-16. Jh. ediert und kommentiert, die sich mit wissenschaftlichen Themen aus der Praxis beschäftigen. Es handelt sich teils um Übersetzungen aus dem Lateinischen, teils um populäre Darstellungen von Stoffen aus dem Universitätsunterricht. Neun der zwölf Kapitel enthalten Editionen von bisher unveröffentlichten Texten; die übrigen drei präsentieren Ausgaben, die auf besseren oder früheren Hss. beruhen als die bisherigen Editionen. Die abgedruckten Texte behandeln Astrologie, Prognostik, Medizin, Gartenbau und Navigation: Peter Brown, The seven planets (S. 3-21), stellt einen Text über den Einfluß der sieben Planeten auf die Menschen vor (London, BL, Sloane 1315).  --  Lister M. Matheson - Ann Shannon, A treatise on the elections of times (S. 23-59), haben eine ähnliche Abhandlung über die passende Zeit für das Verrichten von Arbeiten nach sechs Hss. herausgegeben.  --  Laurel Means, A translation of Martin of Spain's De Geomancia (S. 61-121), ediert die englische Übersetzung der Geomancia von Martinus Hispanus (nach Oxford, Bodleian Libr., Ashmole 360).  --  Linda Ehrsam Voigts, The golden table of Pythagoras (S. 123-139), geht allgemein auf die für Vorhersagen benutzten kreisförmigen Diagramme ein, die zumeist nach Pythagoras benannt sind, und ediert die sog. "Golden table of Pythagoras" nach sieben Hss.  --  Über Voraussagen mit Hilfe der Hand (Chiromantie; engl.: palmistry) sind drei mittelenglische Texte bekannt; einen davon haben Paul Acker und Eriko Amino, The book of palmistry (S. 141-183), ediert (New York, Columbia University, Plimpton 260).  --  Ralph Hanna III, Henry Daniel's Liber Uricrisiarum, Book I, Chapters 1-3 (S. 185-218), legt aus dem weitverbreiteten Liber uricrisiarum (1376-79), mit dem Henry Daniel medizinisches Wissen popularisieren wollte, Auszüge vor.  --  George R. Keiser, Epilepsy: the falling evil (S. 219-244), geht auf die Behandlung der Epilepsie im englischen Liber de diversis medicinis ein und ediert die entsprechenden Teile.  --  Linne R. Mooney, Diet and bloodletting: A monthly regimen (S. 245-261), stellt verschiedene Versionen einer englischen Abhandlung über Diätetik und Aderlassen vor.  --  Joseph P. Pickett, A translation of the "Canutus" plague treatise (S. 263-282), ediert die englische Übersetzung eines lateinischen Pesttraktats (nach London, BL, Sloane 404).  --  Irma Taavitsainen, A zodiacal lunary for medical professionals (S. 283-300), analysiert und ediert den Abschnitt über die Vorhersagen, die aufgrund des Mondlaufs durch den Tierkreis möglich sind, nach dem Zunftbuch der Barbiere und Chirurgen von York (jetzt London, BL, Egerton 2572).  --  David G. Cylkowski, A middle English treatise on horticulture: Godfridus super Palladium (S. 301-329), {260} ediert die englische Fassung einer verbreiteten Schrift über den Gartenbau (nach Oxford, Bodleian Libr., e Musaeo 116).  --  Geoffrey A. Lester, The earliest English sailing directions (S. 330-367), hat die ältesten bekannten englischen Anleitungen über das Segeln in den englischen und westeuropäischen Gewässern unter Benutzung von vier Hss. herausgegeben.  --  Ein Glossar der mittelenglischen Ausdrücke sowie Register der Namen und Hss. beschließen den auch drucktechnisch hervorragend ausgestatteten Band. Zusätzlich gibt es am Ende der Kapitel 7 bzw. 12 Glossare der botanischen bzw. medizinischen Namen.

Menso Folkerts {260}


[208], S. 260

Ana Isabel Martín Ferreira, Tratado Médico de Constantino el Africano: Constantini Liber de Elephancia (Lingüística y Filología 26) Valladolid 1996, Secretariado de Publicaciones, Universidad de Valladolid, 135 S., ISBN 84-7762-656-1.  --  Eine Forschergruppe des Departamento de Filología Latina der Universität Valladolid bemüht sich unter der Leitung von Enrique Montero Cartelle in verdienstvoller Weise um die kritische Herausgabe von medizinischen Texten des MA und der Renaissance. Der hier anzuzeigende schmale Band bietet die erste Einzeledition des Lepra-Traktates in der straffenden und interpretierenden lateinischen Übersetzung durch Constantinus Africanus, die dieser nach dem arabischen Original des Ali Abbas (wohl um 1080) als Laienbruder der Abtei Montecassino verfaßte. Das Werk ist in acht Hss. des 12. bis 15. Jh. und in zwei Frühdrucken überliefert. In der ausführlichen Einleitung stellt die Hg. den in groben Zügen aus der Chronik von Montecassino (MGH SS 34, 411 f.) bekannten Mitbegründer der medizinischen Schule von Salerno (vgl. DA 49, 676) in das Umfeld seiner Zeitgenossen; man vermißt allerdings an dieser Stelle einen Hinweis auf die Bedeutung Garioponts für die Frühzeit der Ärzteschule. Es folgt eine überzeugende Darlegung der Autorschaft des Constantinus, der sich in seinem Werk beim Titel und in der Fachterminologie an Galen orientiert. Die Lepra wird im europäischen Raum seit dem 5./6. Jh. als endemisch auftretende Krankheit genannt, bekannt ist sie vorwiegend aus der Bibel. In der hsl. Überlieferung erscheint der Lepra-Traktat oft anonym oder er wird mit anderen großen Namen in Verbindung gebracht, ebenso in den Drucken des 16. Jh. (Isaac Israeli, Abulcasis). Die Textedition weist einen umfangreichen Varianten-Apparat und einen knappen Kommentar auf, der durch die sorgfältige Übersetzung ins Spanische ergänzt wird. Wie bei den medizinhistorischen Texten dieser Editionsreihe üblich, schließt sich ein nützliches Glossar der (ma.) pharmakologischen und medizinischen Begriffe an, in dem deren Vorkommen bei antiken und zeitgenössischen Autoren und Texten dokumentiert wird. Ein knapper lexikalischer Index und eine bis 1990 reichende Bibliographie schließen sich an.  --  Mit dem Liber de Elephancia steht Medizinhistorikern und Philologen ein weiteres Teilstück des constantinischen Gesamtwerkes in vorbildlicher Edition zur Verfügung.

Peter Dinter {260}


[209], S. 260

Annette Müller, Krankheitsbilder im Liber de plantis der Hildegard von Bingen (1098-1179) und im Speyerer Kräuterbuch (1456) Ein Beitrag zur medizinisch-pharmazeutischen Terminologie im Mittelalter, 1: Textband, 2: Indexband (Schriften zur Wissenschaftsgeschichte 17-18) Hürtgenwald 1997, Pressler Verlag, 239 S. bzw. XVII u. 557 S., ISBN 3-37646-083-2 bzw. 3-87646-084-0, DEM 380. {261} - Gegenstand vorliegender detaillierter Untersuchung ist die medizinische Terminologie des Hoch- und Spät-MA im Vergleich zweier repräsentativer Textgattungen. Während der Liber de Plantis, Teil von Hildegards Physica, noch einer kritischen Edition harrt, konnte das Speyerer Kräuterbuch 1994 von Barbara Fehringer in einer mustergültigen Ausgabe herausgebracht werden. Bei diesem Kräuterbuch (Herbarius) handelt es sich um ein zeittypisches Kompilat aus mehreren Quellen: dem lateinischen Macer floridus, dem Älteren deutschen Macer sowie dem Salernitanischen Circa instans, dem Standardwerk ma. Drogenkunde. Der Hauptteil entstammt jedoch einer Übersetzung aus Hildegards Physica, was für die immer noch umstrittene Quellenfrage der naturkundlichen Schriften Hildegards von besonderer Bedeutung ist.  --  Im Mittelpunkt der aufwendigen Analyse stehen die Krankheitsbilder, klassifiziert nach dem antiken Topos "De capite ad calcem", vom Scheitel bis zur Sohle, im einzelnen: die Beschreibung der Symptome, ihre Benennungen und Varianten wie auch die Wirkungen der Heilmittel. Ein alphabetisches Stichwortverzeichnis (Indexband) ermöglicht es, den vielfältigen Beziehungen und Vernetzungen der Krankheitssymptome nachzugehen und gestattet so einen aufschlußreichen Einblick in die 2 498 Pflanzen mit insgesamt 6 395 Indikationen. Angesichts der immer noch ungeklärten Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte der naturkundlichen Schriften Hildegards und deren unkritischer Verwertung und Vermarktung durch die sog. "Hildegard-Medizin" kommt somit vorliegender Analyse eine aktuelle Bedeutung zu. Zeigt sich doch hier besonders eindrucksvoll, wie ein ma. Kräuterbuch im Laufe der Zeit umgemodelt, verkürzt und erweitert, jedenfalls zerstückelt und verzerrt werden konnte. Bereichert wird das umfangreiche Werk durch 778 erläuternde und weiterweisende Fußnoten, durch eine umfassende Drogenliste sowie durch ein die Problematik vertiefendes und die Forschung weiterführendes Literaturverzeichnis.

Heinrich Schipperges {261}


[210], S. 261

The Berlin Commentary on Martianus Capella's De nuptiis philologiae et Mercurii, Book I, edited by Hajo Jan Westra, with the assistance of Christian Vester; Book II, edited by Hajo Jan Westra and Tanja Kupke with the assistance of Benjamin Garstad (Mittellateinische Studien und Texte 20 und 23) Leiden u. a. 1994 bzw. 1998, E. J. Brill, XLII u. 362 S. bzw. XVII u. 194 S., ISBN 90-04-10170-5 bzw. 90-04-10968-4, NLG 165 bzw. 138.  --  Die Berliner Hs. Lat. fol. 25 aus dem 15. Jh. enthält u. a. Martianus Capella mit einem Randkommentar, der vom 2. Drittel an auch in Zwettl, Stiftsbibliothek 313 (2. Hälfte des 12. Jh.), dort fortlaufend geschrieben, überliefert ist. Man hätte angesichts der übersichtlichen Texttradition gern je eine Textseite der beiden Hss. gesehen, wofür im 2. Band noch gut Platz gewesen wäre. Obwohl die Zwetteler Hs. den besseren Text liefert, nimmt der Hg. den Berliner Codex zur Grundlage der Edition, da dieser den gesamten Kommentar biete, und gibt nur bei offensichtlichen Fehlern dem Zwetteler den Vorzug. Der Hg. hatte schon 1986 einen ähnlichen Kommentar zu Martianus Capella vorgelegt, der Bernardus Silvestris zugeschrieben wird (vgl. DA 43, 642), dessen beherrschender Einfluß hier aus dem etwas unglücklich kargen Kommentar nicht recht deutlich wird. Deutlich wird dagegen ein Niedergang der typographischen Kunst in den letzten Jahren: Jene Edition hatte noch Variante und Erläuterungen getrennt in zwei Kommentaren, in durchlaufenden Zeilen gesetzt und auf die Zeilenzählung des Textes {262} bezogen, während hier Varianten und Anmerkungen in einem Fußnotenapparat vereinigt je Band durchnumeriert sind (im ersten Band bis Anm. 2873, dort ist auch die Paginierung immer am rechten Rand) und je Nummer eine ganze Zeile beanspruchen, so daß der handgestrickte Eindruck des Textbildes einen merkwürdigen Kontrast zum seriösen Leineneinband mit Goldschrift bietet. Der zweite, sorgfältiger gearbeitete Band enthält außer dem Schluß des Textes (S. 1-143) zwei Appendices: Tanja Kupke, Wissenssystematisierung als enzyklopädische Intertextualität bei Martianus Capella (S. 145-160), was anders ausgedrückt bedeuten soll, "daß der Referenztext weder affirmierend das Sinnpotential des manifesten Textes auffüllt noch aber durch Diskrepanz zum manifesten Text dessen Aussage subervertiert" (S. 149). Vielleicht könnte man aber auch sagen, daß der Kommentar weder Neues bringt noch dem Text widerspricht.  --  Benjamin Garstad, The Interpretation of Ganymede (S. 161-167) weist auf den Einfluß von Laktanz und Fulgentius hin.  --  Seit der aufsehenerregenden Entdeckung von Claudia Villa, daß Botticellis "Primavera" in Wirklichkeit eine Darstellung der Rhetorik (mit Merkur und Philologie) nach Martianus Capella ist, könnten der seltsame Autor und seine Kommentare auch für Kreise an Interesse gewinnen, die ihm bisher eher fern gestanden haben.

Gabriel Silagi


[211], S. 262

L'enciclopedismo medievale. A cura di Michelangelo Picone (Memoria del tempo 1) Ravenna 1994, Longo editore, 422 S., ISBN 88-8063-003-2, ITL 65.000.  --  Der Band sammelt die Akten einer 1992 in San Gimignano organisierten Tagung über die Enzyklopädien im lateinischen, arabischen und romanischen MA. Jacques Le Goff, Pourquoi le XIIIe siècle a-t-il été plus particulièrement un siècle d'encyclopédisme (S. 23-40) charakterisiert einführend das 13. Jh. als das "Jahrhundert der Enzyklopädik".  --  Es folgen monographische Beiträge zu den wichtigsten Denkmälern dieser Gattung: Véronique Frandon, Les saisons et leurs représentations dans les encyclopédies du Moyen Age: l'exemple du De universo de Raban Maur (1022-1023) (S. 55-78), schreibt über die Darstellung der Jahreszeiten in Hrabanus Maurus' illuminierter Hs. von De universo, Montecassino Nr. 132.  --  Laurence Moulinier, Une encyclopédiste sans précédent? Le cas d'Hildegarde de Bingen (S. 119-134), will die Aufmerksamkeit der Forschung auf den Liber subtilitatum rerum naturalium, die sog. Physica Hildegards von Bingen, lenken.  --  Benedikt K. Vollmann, La vitalità delle enciclopedie di scienza naturale: Isidoro di Siviglia, Tommaso di Cantimpré, e le redazioni del cosiddetto "Tommaso III" (S. 135-145), berichtet über die noch unedierte 3. Fassung von De natura rerum des Thomas Cantimpratensis.  --  Monique Paulmier-Foucart, Une des tâches de l'encyclopédiste: intituler. Les titres des chapitres du Speculum naturale de Vincent de Beauvais (S. 147-162), untersucht die Form und die Bedeutung der Kapitelüberschriften im Speculum naturale.  --  Jacques Berlioz und Marie-Anne Polo de Beaulieu, Les recueils d'Exempla et la diffusion de l'encyclopédisme médiéval (S. 179-212), schreiben über die Wechselwirkungen zwischen Exempelsammlungen und Enzyklopädien.  --  Massimo Oldoni, Giovanni da San Gimignano (S. 213-228), stellt das Monumentalwerk des toskanischen Dominikaners, den Liber de exemplis, vor.  --  Marie-Hélène Tesnière, Le Reductorium morale de Pierre Bersuire (S. 229-249), faßt den heutigen Wissensstand über Petrus Berchorius zusammen.  --  Zwei Aufsätze in diesem ersten, der mittellateinischen Enzyklopädik gewidmeten Teil gehen quer {263} durch die Quellen: Corinne Beck, Approches du traitement de l'animal chez les Encyclopédistes du XIIIe siècle. L'exemple de l'ours (S. 163-178), über den Bären in den Enzyklopädien, und Marcello Ciccuto, Le meraviglie d'Oriente nelle enciclopedie illustrate del medioevo (S. 79-116), eine hervorragend dokumentierte Studie über die Literatur über den Orient und seine Wunder.  --  Die Geschichte von Tawaddud aus "Tausendundeinernacht" bieten Claude Bremond und Bernard Darbord, Tawaddud et Teodor: les enjeux ludiques du savoir (S. 253-273), mit einer Darstellung der Entwicklungen der arabischen und spanischen Wissensliteratur des MA.  --  Der letzte Teil des Bandes enthält Aufsätze zu romanischen Texten und Autoren.

Loris Sturlese {263}


[212], S. 263

Media Latinitas. A collection of essays to mark the occasion of the retirement of L. J. Engels, edited by R. I. A. Nip, H. van Dijk, E. M. C. van Houts, C. H. Kneepkens and G. A. A. Kortekaas (Instrumenta Patristica 28) Steenbrugis - Turnhout 1996, Abbatia S. Petri - Brepols Publishers, XII u. 408 S., ISBN 2-503-50478-7, BEF 2.950.  --  Die 1994 gehaltene Abschiedsvorlesung des Groninger Mittellateiners Lodewijk Jozef Engels, Van den vos Reynaerde and Reynardus Vulpes: a Middle Dutch source text and its Latin version, and vice versa (S. 1-28), erwägt in grundsätzlicher Art textkritische Fragen bei lateinischen Fassungen von volkssprachlichen Vorlagen.  --  Von den im Anschluß gehaltenen und zu demselben Anlaß eingereichten Arbeiten dieses Bandes gehen über die Grenzen rein niederländischer Interessen hinaus: Martin Gosman, 'A chaque nation sa langue' ou le triomphe du vulgaire (S. 59-73), stellt frühe Äußerungen zum wachsenden Selbstbewußtsein der Anwender der Volkssprachen zusammen.  --  Elisabeth van Houts, Medieval Latin and Historical Narrative (S. 75-87), macht sich Gedanken über das Verhältnis von Autorentexten zu Schreiberversionen.  --  C. H. Kneepkens, There is more in a Biblical quotation than meets the eye: On Peter the Venerable's letter of consolation to Heloise (S. 89-100), ist überzeugt, daß bei der Verwendung von Bibelzitaten in literarischen Werken auch die dazugehörige Exegese (Augustin, Hieronymus, Gregor d. Gr.) mitverstanden werden müsse.  --  David Luscombe, Peter Abelard and the Arts of Language (S. 101-116), erörtert rhetorische und dialektische Elemente in Abaelards Bibelexegese und geht dabei von der Echtheit des Briefwechsels mit Heloise aus.  --  Giovanni Orlandi, Some Afterthoughts on the Carmen de Hastingae Proelio (S. 117-127), schlägt neue Emendationen vor und widerruft andere.  --  L. M. de Rijk, The Key Role of the Latin Language in Medieval Philosophical Thought (S. 129-145), skizziert die ma. Bemühungen, neben den beiden natürlichen Seinsbegriffen (esse actualis existentiae und esse in anima) eine Umschreibung für die Existenz Gottes zu finden, und zeigt an einigen Beispielen die Abhängigkeit (und Beschränkung) philosophischen Denkens von den Eigenarten des Lateinischen.  --  Paul Gerhard Schmidt, Zur Geschichte der mittellateinischen Philologie (S. 147-157), erwähnt den antiken Grammatiker Domitius, der den Beinamen "Insanus" führte, und meint, "die mittellateinische Philologie (habe) in ihrer kurzen Geschichte mit Domitius vergleichbare Personen nicht aufzuweisen." - Peter Binkley, Tractatus Novarum Decretalium: Verses on the Liber Extra (S. 187-191), druckt mnemotechnische Verse - der Titel ist nicht belegt -, als {264} deren Autor er Heinrich von Avranches in Erwägung zieht.  --  E. Dekkers, Saint Barnabé dans la tradition médiolatine (S. 199-203), weist Einflüsse und Spuren des sog. Barnabas-Briefes nach.  --  Bunna Ebels-Hoving, William of Tyre and his patria (S. 211-216), sieht als Motiv für die Abfassung der Kreuzzugschronik Jerusalemer Lokalpatriotismus.  --  Mayke de Jong, The Emperor Lothar and his Bibliotheca Historiarum (S. 229-235), denkt an eine Sammlung von biblischen Büchern, die sie mit Historikern wie Orosius oder den Reichsannalen vereinigt sehen will.  --  F. A. van Liere, Andrew of St Victor and the Gloss on Samuel and Kings (S. 249-253), beweist die Benutzung der Glossa Ordinaria zur Bibel durch Andreas von St. Victor und bestätigt die von Margaret Gibson vorgeschlagene Zuschreibung der Glossa an Gilbert von Poitiers.  --  Renée Nip, The Dispute of Hariulf of Oudenburg and the Abbey of Saint Médard: A Convenient Confusion of Names (S. 275-280), ordnet die Aktivitäten um die Erhaltung der Selbständigkeit von Oudenburg (vgl. NA 48,97-115) unter die Fälschungen ein, die zum Nachweis einer höheren Wahrheit getätigt wurden.  --  Kees van der Ploeg, The altar and the column: Symbolism in St. Michael's church at Hildesheim (S. 309-316), bringt die Deponierung von Reliquien in Säulenkapitellen durch Bernward in Verbindung mit der neuartigen Ausformung der kissenförmigen Würfelkapitelle mit Kämpfer.  --  Bert Roest, Divination, visions and prophecy according to Albert the Great (S. 323-328), verzeichnet unterschiedliche Auffassungen in Alberts Quaestio disputata de prophetia und in desselben Schrift De somno et vigilia (Kap. 43 f.).  --  L. M. de Ruiter, An indispensable manuscript for the reconstruction of the textual tradition of Hugh of Fleury's Historia Ecclesiastica: MS Vat. Reg. lat. 545 (S. 329-333), beschreibt das Autorenexemplar des Werkes, dessen Edition er vorbereitet.  --  Arjo Vanderjagt, Bernard of Clairvaux (1090-1153) and Aelred of Rievaulx (1100-1167) on kissing (S. 339-343), schildert die bemühten allegorischen Interpretationen von Cant. 1,1.  --  J. B. Voorbij - M. M. Woesthuis, Editing the 'Chronicon' of Helinand of Froidmont: the use of textual witnesses (S. 345-354), stehen bei ihrem Vorhaben vor der nicht ganz neuartigen Aufgabe zu entscheiden, in welchem Umfang spätere Exzerpte (u. a. durch Vinzenz von Beauvais) zur Verbesserung des ursprünglichen Textes herangezogen werden können.  --  W. C. M. Wüstefeld, A medieval combination: an unpublished fragment of the Geta by Vitalis of Blois and Maximian's Elegies and its place in the text tradition (Utrecht, Museum Catharijneconvent, ms. BMH Warm h fragm 234G10) (S. 365-375), enthält die Verse Geta 473-532 (Schluß) und den Beginn von Maximian bis I, 28, und der Vf. sieht sich veranlaßt, zu weiterer Untersuchung des sozio-kulturellen Kontextes dieser Stücke aufzurufen.

Gabriel Silagi


[213], S. 264

Literatur: Geschichte und Verstehen. Festschrift für Ulrich Mölk zum 60. Geburtstag, hg. von Hinrich Hudde und Udo Schöning in Verbindung mit Friedrich Wolfzettel (Studia Romanica 87) Heidelberg 1997, Universitätsverlag C. Winter, 555 S., ISBN 3-8253-0507-4, DEM 128.  --  Aus der Festschrift für den Göttinger Romanisten betreffen unser Arbeitsgebiet: Fidel Rädle, "Transeundo ad terminos grammaticales": Zur allegorischen und metaphorischen Funktionalisierung der Grammatik im Mittelalter (S. 3-12), behandelt neben anderen Beispielen zumal Alanus, De planctu naturae, und einen darauf bezogenen Kommentar in einer Trierer Hs., aus dem auch das titelgebende Zitat stammt. {265}  --  Dieter Schaller, Ein unbekanntes burleskes Streitgedicht des IX. Jahrhunderts (S. 13-30), stellt in einer kommentierten Editio princeps einen im Karlsruher Codex Augiensis CXCV durch eine Hand des mittleren 9. Jh. überlieferten Text aus 15 sechszeiligen rhythmischen Adonierstrophen vor, in denen ein Bobarrus die frommen Mahnungen eines Benivolus ins Lächerliche zieht.  --  Paul Gerhard Schmidt, Historia Karoli Magni metrice (S. 31-35), kommt auf den von ihm jüngst edierten "Karolellus" zurück (vgl. DA 53, 293) und erläutert die Arbeitsweise des unbekannten Autors.  --  Reinhilt Richter-Bergmeier, Zu Organisation und Ausstattung der Hs. Vat. lat. 1529 (Petrus de Crescentiis, Ruralia commoda) (S. 36-60, 16 Abb.).

Rudolf Schieffer


[214], S. 265

Martin Irvine, The Making of Textual Culture. 'Grammatica' and Literary Theory, 350-1100 (Cambridge Studies in Medieval Literature 19) Cambridge 1994, Cambridge University Press, XIX u. 604 S., ISBN 0-521-41447-4, GBP 45.  --  Die eher banale Erkenntnis, daß die ma. lateinischen Grammatiken ständig auf literarische Texte Bezug nehmen (S. 107), ermöglicht dem Vf. einen Übergang von der Betrachtung von Grammatiken zu Kommentaren und weiter zu literarischen Gattungen wie Rätsel oder Bibelepos, wobei - nicht leicht zu erkennen - als roter Faden der Begriff der "textuality" zu dienen scheint, und so sind volkssprachliche Werke, die auf Lateinisches Bezug nehmen, in die Kategorie der "hybrid textuality" einzuordnen. Hier sei nur referiert, daß das Buch informative Abschnitte über Bibeldichtung enthält, über heidnische Beinamen für den christlichen Gott (tonans) ebenso handelt wie über die didaktischen Schriften von Isidor, Beda und Bonifatius oder über Cassiodors Psalmenkommentar und eine Liste von 109 Hss. großenteils grammatischen Inhalts bietet. Der Leser bleibt angesichts der Vielfalt der Mitteilungen etwas ratlos, auch wenn sie im einzelnen durchaus richtig und interessant sind. Eine kleine Lebenshilfe bietet der Klappentext, aus dem die Absicht des Buches hervorgeht: zu zeigen, daß die Erlernung der Sprache vermittels der Grammatik für weitere Disziplinen eine konstitutive Rolle spielt, und das stimmt ja auch.

Gabriel Silagi


[215], S. 265

Christine Ratkowitsch, Karolus Magnus - alter Aeneas, alter Martinus, alter Iustinus. Zu Intention und Datierung des "Aachener Karlsepos" (Wiener Studien. Beiheft 24 = Arbeiten zur mittel- und neulateinischen Philologie 4) Wien 1997, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 92 S., ISBN 3-7001-2635-2, DEM 49.  --  Die Studie fußt auf D. Schallers Nachweis, daß das bekannte Epos (MGH Poetae 1 S. 366-379) Überrest einer größeren Karlsdichtung und erst nach 800 wahrscheinlich in Aachen entstanden ist (vgl. DA 33, 257; 34, 269), und zeigt den beträchtlichen Einfluß auf, den das in Aachen vorauszusetzende panegyrische Epos des Corippus In laudem Iustini augusti - neben Vergils Aeneis und der Vita Martini des Venantius Fortunatus - auf Konzeption und Ausgestaltung des Karlsepos hatte. Das führt zu der These, es sei dem Dichter darauf angekommen, Karls Unübertrefflichkeit auch im Verhältnis zu einem gerühmten römischen Kaiser darzustellen. Zur Datierung des Werkes plädiert die Vf. für eine Abhängigkeit von Modoins Eklogen (MGH Poetae 1 S. 384-391), die ihrerseits jedoch nicht erst nach Alkuins Tod (804) entstanden zu sein brauchten. In einem Exkurs wird vorgeschlagen, in Modoins 1. Ekloge die Verse 24-27 nach Vers 39 zu plazieren.

Rudolf Schieffer


{266}

[216], S. 266

Monique Goullet, Les drames de Hrotsvita de Gandersheim: Une réécriture dramatique de récits hagiographiques. Approche d'une technique de composition littéraire, Archivum Latinitatis Medii Aevi 54 (1996) S. 105-130, ergänzt und präzisiert die gängige Beurteilung (vgl. F. Rädle, Verfasserlexikon, Bd. 4, 1983, Sp. 203-206) der sechs in bewußter Terenz-Nachfolge stehenden Dramen (MGH SS rer. Germ. [34] S. 109-198). Die Vf. stellt die vor allem thematischen und technischen Entlehnungen beim antiken Vorbild heraus, betont die geringe Präsenz Vergils in den Dramen und hebt die weniger formale als vielmehr funktionale Bedeutung des Prudentius für die Dichterin hervor. Den Einfluß des boethianischen Werkes in Hrotsvits Dramen reduziert die Vf. auf das allgemein übliche Maß seiner Allgegenwart im Hoch-MA: "Son utilisation de Boèce est le produit de l'enseignement qu'elle a reçu plus que d'une lecture personnelle de son œuvre" (S. 126). Während die Vf. Hrotsvits Wortschatz von der Vulgata und den Kirchenvätern geprägt sieht, erblickt sie in der Art der Entlehnung und des textuellen 'Einsatzes' eine bewußte Verfremdung des biblischen Kontextes, die als stilistisches Überraschungsmoment den Leser bzw. Hörer aufmerken lassen soll.

Peter Dinter {266}


[217], S. 266

Irene Frings, "Sancta Maria, quid est?" ... Hymnus, Herrscherlob und Ikonenkult im Rom der Jahrtausendwende, Analecta Cisterciensia 52 (1996) S. 224-250, interpretiert den anonymen römischen Prozessionshymnus MGH Poetae 5, 465-468, der mit Segenswünschen für Otto III. endet.

Klaus Naß


[218], S. 266

Michael Lapidge - Peter S. Baker, More Acrostic Verse by Abbo of Fleury, The Journal of Medieval Latin 7 (1997) S. 1-27, edieren, interpretieren und übersetzen vier weitere Figurengedichte Abbos (vgl. DA 51, 266) und die vom Autor stammenden Erklärungen. Die Texte waren bisher ungedruckt oder unzulänglich ediert.

Peter Dinter {266}


[219], S. 266

Karl Ferdinand Werner, Politische und kirchliche Konflikte in Lotharingien und Burgund im Spiegel des lateinischen Tierepos (10.-11. Jahrhundert), Rheinische Vierteljahrsblätter 61 (1997) S. 1-33, sieht in der Ecbasis captivi einen literarischen Reflex der Niederlage und des Todes des Grafen Odo II. von Blois-Champagne bei Nancy (1037), vgl. dazu auch die Überlegungen des Vf., Reineke Fuchs. Burgundischer Ursprung eines europäischen Tierepos, Zs. für deutsches Altertum und deutsche Literatur 124 (1995) S. 375-435.

Ernst-Dieter Hehl


[220], S. 266

Mercè Puig Rodríguez-Escalona, Poesía misógina en la Edad Media latina (ss. XI-XIII) (Aurea Saecula 12) Barcelona 1995, Universitat de Barcelona, 270 S., ISBN 84-475-1249-5, ESP 1.800.  --  Die ansprechende Anthologie von zwei Dutzend meist bekannten misogynen Dichtungen ist alphabetisch nach Initien angeordnet und umgeht so das (vielfach unlösbare) Problem einer chronologischen Bestimmung. Die sorgfältig zusammengestellte Bibliographie (S. 257-264) bietet einen allgemeinen Zugang zum Thema, weniger Einzelinformationen zu den Texten, und für Fragen der Überlieferung wird man auf die Diss. der Vf. hingewiesen, deren Vorhandensein offenbar allerorten vorausgesetzt wird. Die Nr. XIV läßt sich immerhin als Walther, Initien 12392 identifizieren, wogegen {267} Nr. XVI (zu welcher, ebenso wie bei XIV, keine Literaturangaben geboten werden) in Walthers Proverbia großenteils in Einzelverse aufgeschlüsselt ist; hier ist bei den inkriminierten Frauennamen (Katherina, Clara, Bela, Kunigunde, Gertrudis, Hilla) sicher nicht an konkrete Personen zu denken, vielmehr handelt es sich um Reimspielereien mit Frauennamen (Alphabetum puellarum), wie sie z. B. bei Walther, Initien im Register unter "Misogynica" zu finden sind. Eine Gruppe solcher Anwürfe, z. T. mit denselben Frauennamen, sind in der Festschrift Bernhard Bischoff (1971) S. 433 f. vom Rezensenten bekannt gemacht worden (vgl. DA 28, 560). Daß die Vf. allerdings selbst auch ihre eigene Publikation nicht zur Kenntnis nimmt, ist doch etwas überraschend: Die Nr. XV (S. 141-149) druckt sie nochmals in den Studi Medievali 3a serie 37 (1996) S. 954-961 ("O mulier initium". Un poema bilingüe medieval) mit der Bemerkung, die einzige Publikation des Gedichtes stamme aus dem vorigen Jh.

Gabriel Silagi


[221], S. 267

Petrus de Ebulo, Liber ad honorem Augusti sive de rebus Siculis. Codex 120 II der Burgerbibliothek Bern. Eine Bilderchronik der Stauferzeit, hg. von Theo Kölzer und Marlis Stähli, Textrevision und Übersetzung von Gereon Becht-Jördens, Sigmaringen 1994, Jan Thorbecke Verlag, 304 S., ISBN 3-7995-4245-0, DEM 168.  --  Das vom Salernitaner Dichter und Arzt Petrus von Eboli zwischen 1195 und 1197 geschaffene Werk ist nicht nur eine der kostbarsten Zimelien der Burgerbibliothek Bern, sondern auch eine der berühmtesten Hss. der Stauferzeit. Das panegyrische Epos über den sizilianischen Erbfolgekrieg zwischen Tankred und Konstanze bzw. Heinrich VI. (Buch 1 und 2) und über den Triumph des Kaisers von 1194 (Buch 3) ist in jeweils auf einer Verso-Seite stehende "particulae" eingeteilt, die durch eine gegenüberliegende Bildseite illustriert und ergänzt werden; das Werk stellt gewissermaßen das früheste erhaltene Beispiel zeitgenössischer Bildberichterstattung dar. Die Bildfolge von insgesamt 53 ganzseitigen kolorierten Federzeichnungen ist ihrerseits von hohem kulturgeschichtlichem Wert. Dem spezifischen Doppelcharakter des Werkes und dem engen Text-Bild-Bezug haben die Hgg. auf adäquate Weise Rechnung getragen, indem sie zwischen die in Originalgröße und vorzüglicher Bildqualität wiedergegebenen Seiten der Hs. jeweils eine Doppelseite mit der Textausgabe und einer deutschen Übersetzung bzw. mit dem Bildkommentar (spiegelnd zur entsprechenden Seite der Hs.) einschoben. Diese funktionale Präsentation kommt dem Leser und auch den Bedürfnissen der Forschung weit mehr entgegen als die heute üblichen teuren und exklusiven Vollfaksimilierungen. Die von G. Becht-Jördens revidierte Textausgabe bietet einen zuverlässigen Lesetext des Epos; vom gleichen Vf. stammt auch die erstmals unternommene präzise und dennoch gut lesbare deutsche Übersetzung, während K. die Bildkommentare beigesteuert hat. Die Ausgabe wird durch verschiedene Beiträge ergänzt: K. situiert das Werk in seinem biographischen und historischen Kontext, B.-J. befaßt sich mit den literarischen Aspekten der Dichtung, St. rekonstruiert mittels codicologischer Analyse die ursprüngliche Blattfolge. Stählis Einsichten in den komplizierten Entstehungsprozeß der Hs. werden durch Material- und maltechnische Analysen (R. Fuchs, R. Mrusek, D. Oltrogge) vertieft. Demnach fand nach Abschluß der ersten beiden Bücher (Teil I) ein "Mäzenenwechsel" von Konstanze zum Kanzler Konrad von Querfurt statt, der als Auftraggeber des dritten Buches (Teil II: {268} Apotheose Heinrichs VI.), als Vermittler und Schenker des Epos an den Kaiser fungierte; das Autorenexemplar wurde dabei durch Umarbeitung von Teil I und Hinzufügung von repräsentativerer Ausstattung zu dem Heinrich VI. überreichten Widmungsexemplar.

Ernst Tremp {268}


[222], S. 268

Il Petrarca latino e le origini dell'umanesimo. Atti del Convegno internazionale Firenze 19-22 maggio 1991, 2 Bde. (Quaderni petrarcheschi 9-10) Firenze 1996, Casa Editrice Le Lettere, VIII u. 365 S., 57 Taf. bzw. S. 367-789, 8 Taf., ISSN 1120-2467, ITL 200.000.  --  Von den zahlreichen Beiträgen der beiden Bände, die auch manch Neues zur Erforschung des deutschen Frühhumanismus enthalten, können wir hier nur die Titel angeben: Eugenio Garin, Petrarca latino (S. 1-9).  --  J. B. Trapp, The Iconography of Petrarch in the age of humanism (S. 11-73, 54 Taf.).  --  Cesare Vasoli, Petrarca e i filosofi del suo tempo (S. 75-92).  --  Clemens Zintzen, Il platonismo del Petrarca (S. 93-113).  --  Michele Feo, Politicità del Petrarca (S. 115-128).  --  Sebastiano Gentile, Le postille del Petrarca al "Timeo" latino (S. 129-139, 2 Taf.).  --  Giuliano Tanturli, Il Petrarca e Firenze: due definizioni della poesia (S. 141-163).  --  Francisco Rico, "Ubi puer, ibi senex". Un libro de Hans Baron y el Secretum de 1353 (S. 165-238).  --  Agostino Sottili, Il Petrarca e l'Umanesimo tedesco (S. 239-291).  --  Concetta Bianca, Nascita del mito dell'umanista nei compianti in morte del Petrarca (S. 293-313).  --  Maria Assunta Vinchesi, L'inedita ecloga Parnasus di G. de Bonis in morte del Petrarca (S. 315-331).  --  Michael D. Reeve, Recovering annotations by Petrarch (S. 333-348, 1 Taf.).  --  Silvia Rizzo, Il latino del Petrarca e il latino dell'Umanesimo (S. 349-365).  --  Vincenzo Fera, La filologia del Petrarca e i fondamenti della filologia umanistica (S. 367-391).  --  Elena Giannarelli, Petrarca e i Padri della Chiesa (S. 393-412).  --  Donatella Coppini, Don Giuseppe De Luca e l'incompiuta edizione dei Salmi penitenziali del Petrarca (S. 413-435).  --  Augusto Campana, Epigrafi metriche del Petrarca (S. 437-442).  --  Peter Lebrecht Schmidt, Petrarca und Horaz (S. 443-457).  --  Daniela Goldin Folena, Petrarca e il Medioevo latino (S. 459-487).  --  Giovanni Cipriani, Petrarca e i ritratti degli uomini illustri (S. 489-511).  --  Nicholas Mann, Il Bucolicum carmen e la sua eredità (S. 513-535).  --  Francesco Tateo, Il dialogo da Petrarca agli umanisti (S. 537-554).  --  Claudia Villa, Successi e sfortune della Vita Terrentii nell'umanesimo (S. 555-569).  --  Gabriella Albanese, Fortuna umanistica della Griselda (S. 571-627, 1 Taf.).  --  Rossella Bessi, Note sul volgarizzamento del De remediis utriusque fortune (S. 629-639).  --  Mario Martelli, Petrarca epistolografo: le Senili (S. 641-667).  --  Gian Carlo Garfagnini, Note sull'uso degli "auctores" nelle Seniles (S. 669-682).  --  Adelia Noferi, La Senile IV 5: crisi dell'allegoria e produzione del senso (S. 683-695).  --  Rosanna Bettarini, Classicità del Canzoniere (S. 697-715).  --  Petrarca e l''aura' della poesia. Conversazione con Giovanni Giudici - Mario Luzi - Giovanni Raboni. A cura di Stefano Mecatti (S. 717-726).  --  Michele Feo, Cronaca del Convegno (S. 727-732).  --  Michele Feo, Petrarca ritorna a Firenze (S. 733-744, 8 Taf.).  --  Der reiche Inhalt der beiden Bände ist erschlossen durch drei Register: Namen und Sachen, Werke Petrarcas, Handschriften.

Hans Martin Schaller


{269}

[223], S. 269

Mélanges François Kerlouégan, édités par Danièle Conso, Nicole Fick, et Bruno Poulle, Besançon 1994, Institut Felix Gaffiot, 701 S., ISBN 2-251-60515-0.  --  Die Festschrift anläßlich der Emeritierung des in Dijon und Besançon tätigen Keltologen, dem u. a. die Untersuchung der Latinität von Gildas' De excidio Britanniae verdankt wird, enthält eine Anzahl hier einschlägiger Beiträge: Pierre Bouet, La "Mesnie Hellequin" dans l'Historia Ecclesiastica d'Ordéric Vital (S. 61-78), behandelt eine auf das Jahr 1091 datierte Vision eines Priesters, dem eine nächtliche Wilde Jagd von Verdammten erschien.  --  Danièle Conso, Sur les noms latins des phases de la lune (S. 127-141), verfolgt die Termini (luna nova, sectilis, dimidia u. ä.) von Plinius bis Isidor.  --  Michael W. Herren, Aethicus Ister and Virgil the Grammarian (S. 283-288), meint, daß sich Anspielungen auf einen Estrius bei Virgil auf Aethicus Ister bezögen, dessen 1993 bei den MGH erschienene Edition er freilich nicht mehr eingearbeitet hat.  --  Pierre Yves Lambert, Deux notes sur Virgile le Grammairien (S. 309-319), will bessu hoc est more feritatis mit dem altirischen "bés" (Gewohnheit) erklären und bestreitet den Zusammenhang mit Bessorum feritas bei Hieronymus (Ep. 60,4, CSEL 54), was als versuchter Beweis für die irische Herkunft eher mißlungen scheint.  --  Marc Simon, Létald de Micy, Histoire ou fantaisie (S. 569-577), konstatiert wenig originell, daß diese Alternative in der Hagiographie schwerer zu entscheiden sei als für die Dichtung Letalds vom Fischer "Within" mit dem Jonas-Motiv (vgl. DA 53, 671).  --  Bernard Tanguy, La cloche de Paul-Aurélien (S. 611-621), behandelt die seit dem 9. Jh. nachweisbaren, bretonischen Heiligen zugeschriebenen Handglöckchen, die auf das Haupt von Gläubigen aufgelegt gegen Kopfschmerzen und Taubheit wirkten, in Einzelfällen auch Tote erwecken konnten.  --  Michael Winterbottom, Conjectures on Some Insular Texts (S. 667-672), macht Textvorschläge zu Aldhelm, Bedas Vita Cuthberti, Johannes von Salisbury und den Scholia Bernensia zu Virgils Hirtengedichten.

Gabriel Silagi


[224], S. 269

Jean-Marie Moeglin, Harmiscara - harmschar - hachée. Le dossier des rituels d'humiliation et de soumission au Moyen Âge, Archivum Latinitatis Medii Aevi 54 (1996) S. 11-65, bietet einen umfassenden Überblick zu Begriffsentwicklung und Interpretationsgeschichte der 'Harmschar'. Der Vf. geht dem Rechtsinhalt des vieldiskutierten Ritus von seinem ersten Auftreten im Capitulare Wormatiense von 829 (MGH Capit. 2 S. 12,21) bis zur letzten von ihm nachgewiesenen Erwähnung im Jahre 1423 nach. Er sieht darin den - zumeist außergerichtlichen - Versuch, das in irgendeiner Weise gestörte Friedensverhältnis zweier oder mehrerer Einzelpersonen wiederherzustellen, und zwar durch das 'ehrenrührige' öffentliche Tragen eines dem sozialen Stand entsprechenden Gegenstandes: "Chaque état social a sa forme d'harmiscara, chacun le portera 'selon son droit'" (S. 38); das wird für die verschiedenen Berufs- und Standesgruppen in Einzelbeispielen deutlich gemacht.

Peter Dinter {269}


[225], S. 269

Teja Erb, Mittellateinisch -Parius, Archivum Latinitatis Medii Aevi 54 (1996) S. 67-76, untersucht die im MA häufigen handwerklichen Berufsbezeichnungen mit den deverbalen Suffixen -par, -para, -parius und (fraglichem) -parus. Der Vf. erkennt darin "eine Herleitung vom Verbalstamm -par, wie er in parere und parare vorliegt" (S. 72). Abschließend werden in alphabetischer und chronologischer {270} Reihe die vom Vf. aus den bisher erschienenen mittellateinischen Lexika und ihren Zettelmaterialien gesammelten Berufsbezeichnungen dargeboten.

Peter Dinter {270}


[226], S. 270

Courtney M. Booker, Latin Terms for Damming and Deverting Water, Archivum Latinitatis Medii Aevi 54 (1996) S. 93-98, nennt die aus der klassischen und spätantiken Latinität bekannten termini technici (avertere, derivare/derivatio) mit einigen Belegen und verweist dann auf das erstmals bei Gregor von Tours in seinen Vitae patrum 18,2 verwendete Substantiv exclusa (MGH SS rer. Merov. 1/2 S. 735), das im MA (auch in den Formen clusa, sclusa) einige Verbreitung fand. Dagegen finden sich Belege für das Substantiv levata (vgl. auch Novum Glossarium, Bd. L, S. 99) in der genannten Bedeutung offenbar nur im romanischen Sprachraum. Das bisher in diesem Sinne nicht belegte Verbum weist die Vf. im Codice diplomatico Longobardo 4,1 (hg. v. C. Brühl, 1981, S. 88) nach.  --  Das Zettelmaterial des MLW verzeichnet keinen weiteren Beleg für eine Verwendung von levare in der Bedeutung von "stauen" oder "ableiten".

Peter Dinter {270}


[227], S. 270

Giles Constable, The language of preaching in the twelfth century, Viator 25 (1994) S. 131-152, zeigt, daß sowohl für den Klerus wie für die Laien bestimmte Sermones häufig in einer Mischung aus Latein und Volkssprache gehalten wurden; Zuhörer haben Predigten keineswegs immer sprachlich verstehen können.

Timothy Reuter


[228], S. 270

Milena Minkova, Specimen vocis 'ratio' lexicis Latinis Medii Aevi ad res philosophicas pertinentibus aptum, Archivum Latinitatis Medii Aevi 54 (1996) S. 77-92, legt ihrer semasiologischen Untersuchung von ratio 35 philosophische und theologische Texte englischer und französischer Autoren vorwiegend des 12. Jh. zugrunde und stellt das Ergebnis in der Form eines Lexikon-Artikels vor. Die Vf. bringt ihr reiches Belegmaterial in sechzehn Bedeutungsgruppen (mathematisch, logisch, psychologisch, theologisch usw.) unter und bietet bei jedem sensus eine Interpretation zu den sorgfältig ausgewählten Textstellen.

Peter Dinter {270}


[229], S. 270

Vocabulary of Teaching and Research Between Middle Ages and Renaissance. Proceedings of the Colloquium London, Warburg Institute, 11-12 March 1994, edited by Olga Weijers (Civicima. Etudes sur le vocabulaire intellectuel du Moyen Age 8) Turnhout 1995, 256 S., Brepols, ISBN 2-503-37008-X.  --  Wie die vorausgegangenen Tagungsbände (vgl. zuletzt DA 51, 714) widmet sich der vorliegende ausgewählten Termini, deren Gebrauch hier jedoch bis zu den Humanisten verfolgt wird, wobei einmal mehr die Kontinuität von ma. zu humanistischen Lehrbüchern deutlich wird, in denen zwar der Einfluß der spekulativen Grammatik zurückgedrängt, aber nichts grundlegend Neues geboten wird. Aus dem Rahmen der thematisch mehr punktuellen Beiträge heben sich heraus: Silvia Rizzo, Sulla terminologia dell'insegnamento grammaticale nelle scuole umanistiche (S. 29-44), die in einem Dutzend humanistischer Grammatiken ma. Termini nachweist, wobei sich der mißverständliche Ausdruck über Aldus Manutius "la coppia a fronte e a tergo" (S. 37) auf dieses Begriffspaar {271} bezieht.  --  Vivian Nutton, The Changing Language of Medicine, 1450-1550 (S. 184-198), erörtert die noch heute spürbaren Auswirkungen der vordringenden griechischen Medizin auf die Fachterminologie.  --  Charles Burnett, The Institutional Context of Arabic-Latin Translations of the Middle Ages: A Reassessment of the "School of Toledo" (S. 214-235), entwirft ein lebendiges Bild von der Aktivität des Kreises um Gerhard von Cremona bis Hermannus Alemannus, die neben ihrer Übersetzungstätigkeit auch öffentliche Vorträge hielten.  --  Colette Sirat, Deux mots de philosophie juive au destin divergent (S. 236-251), behandelt das hebräische Wort hokhma, das für "Weisheit" wie für "spezielle Fertigkeiten" gesetzt werden kann und im jiddischen Fremdwort chochem "Besserwisser" weiterlebt.

Gabriel Silagi


[230], S. 271

Rudolf Steffens, Historische Weinbauterminologie in den spätmittelalterlichen Mainzer Rechnungen aus Oberlahnstein, Rheinische Vierteljahrsblätter 61 (1997) S. 225-270, stellt die auch wirtschaftsgeschichtlich interessanten Begriffe lexikographisch und in systematischer Gruppierung vor.

Ernst-Dieter Hehl


[231], S. 271

Michel Hébert, Latin et vernaculaire: quelles langues écrit-on en Provence à la fin du Moyen Age?, Provence historique 47 (1997) S. 281-299, gelangt zu dem Ergebnis, daß auch im 14./15. Jh. Latein die maßgebliche Verwaltungssprache der Provence war.

Rolf Große {271}


[232], S. 271

Firmini Verris Dictionarius. Dictionnaire latin-français de Firmin Le Ver, édité par Brian Merrilees et William Edwards (CC Cont. Med. Series in-4#.*. I. Lexica Latina Medii Aevi. Nouveau Recueil des Lexiques latin-français du Moyen Age 1) Turnhout 1994, Brepols, XXXV u. 545 S., ISBN 2-503-50363-2, BEF 9.500.  --  Firmin Le Ver († 1444) schuf mit dem Dictionarius, dessen Erstausgabe (nach der Hs. Paris B. N. nouv. acq. fr. 1120) hier anzuzeigen ist, eines der großen lateinisch-französischen Lexika des 15. Jh.; obwohl eine direkte Wirkung nur in Spuren nachweisbar ist, beeinflußte es durch seine Ausstrahlung auf das bedeutende Glossarium gallico-latinum (der Hs. Paris B. N. lat. 7684) nachhaltig die nun einsetzende Entwicklung der französisch-lateinischen Lexikographie. Ungeachtet der zahllosen französischen Interpretamente ist der Dictionarius doch ein Repräsentant der lateinischen lexikographischen Tradition (vgl. die beinahe rein lateinischen Großartikel zu Verben wie do, eo, fero) und bereichert sie um eine neuartige Systematik der Präsentation. Das Grundkonzept, die alphabetische Anordnung der Lexikoneinträge nach einem Hauptlemma, dem sich nicht selten Ergänzungen nach Art der Derivationstraktate zuordnen, stammt aus der Hauptquelle, dem Catholicon des Johannes Balbi (1286). Die Weiterentwicklung und Verfeinerung dieses Konzeptes zugunsten der Übersichtlichkeit und leichteren Benutzbarkeit des Dictionarius erläutern die Hgg. in der Einleitung sehr anschaulich. Ebenfalls ausführlich und übersichtlich behandeln sie die Quellenlage des französischen Wortbestandes (Dialekt, Phonologie, Morphologie) und dessen späteren Niederschlag im Glossarium gallico-latinum. Neben den einleitenden Bemerkungen zu den lateinischen Quellen des Dictionarius, einem Abriß der lateinischen Lexikographie im MA, wirkt die Hss.-Beschreibung eher karg; hier hätte man gerne auch etwas über die Schreiberhände erfahren bzw. ob es sich wirklich um das Autograph des Firmin Le Ver handelt, {272} wie verstreute Formulierungen nahelegen. Eine gute Vorstellung vom Erscheinungsbild des Textes in der Hs. vermittelt das Druckbild; die Similien und editorischen Notizen am Kolumnenende stören dabei nicht. Elektronische Indices sollen bald den gesamten lateinischen Wortschatz erschließen (also auch den nicht lemmatisierten und die lexikographische Metasprache) und - vor allem - das französiche Wortmaterial systematisch zugänglich machen. Die Liste französischer Erstbelege und hapax legomena aus dem Buchstaben A (S. XXVII f.) läßt reichen lexikographischen Ertrag erwarten.

Franz-J. Konstanciak {272}


[233], S. 272

Eberhard Nellmann, Quellenverzeichnis zu den mittelhochdeutschen Wörterbüchern. Ein kommentiertes Register zum 'Benecke/Müller/Zarncke' und zum 'Lexer', Stuttgart u. a. 1997, Hirzel, 212 S., ISBN 3-7776-0791-6, DEM 36.  --  Die bereits im Titel genannten Wörterbücher müssen zur Erkundung der mittelhochdeutschen Sprache nebeneinander benutzt werden und sind aufgrund ihres ehrwürdigen Alters in der Dokumentation ihrer Quellen nicht mit der Genauigkeit ausgestattet worden, die der moderne Benutzer erwartet. Vor allem die Siglenverzeichnisse lassen ganz erheblich zu wünschen übrig. Warum allerdings zu den zeitgenössischen Werkausgaben noch neuere Literatur (z. B. Werner Schröders erste Versuche an einer Neuausgabe Heinrichs von dem Türlin aus dem Jahre 1996 auf S. 94) angegeben werden und statt dessen bei Inkunabeln auf die GW- bzw. Hain-Nummer verzichtet wird, bleibt Geheimnis des Bearbeiters. Ein willkommenes Hilfsmittel wird das Bändchen dennoch darstellen.

Arno Mentzel-Reuters


[234], S. 272

Stefan Sonderegger, Althochdeutsch als Anfang deutscher Sprachkultur (Wolfgang Stammler Gastprofessur für Germanische Philologie. Vorträge, Heft 2) Freiburg/Schweiz 1997, Universitätsverlag, 91 S., ISBN 3-7278-1060-2, DEM 34.  --  Das Bändchen ist die Publikation einer Gastvorlesung an der Universität Freiburg in der Schweiz. Einer der am besten ausgewiesenen Kenner des Althochdeutschen gibt einen kurzen, aber dennoch instruktiven Überblick über die geistes- und literaturgeschichtlichen Zusammenhänge, in denen die uns erhaltenen Zeugnisse volkssprachlicher Schriftlichkeit vom 8. bis zum 11. Jh. zu sehen und zu verstehen sind. Thematisiert sind die Stellung des Althochdeutschen innerhalb der germanischen Sprachfamilie, althochdeutsche Literatur und christlich-antikes Bildungserbe, Entwicklung der lingua theodisca zur Buchsprache, Bedingungen der Kodifizierung volkssprachlicher Dichtung, das Fortleben des alliterierenden Prinzips in Endreimdichtung, Prosa und sogar Übersetzungsliteratur, Entstehung einer deutschen Kirchen- und Bildungssprache, Vereinheitlichungstendenzen zwischen den einzelnen althochdeutschen Dialekten infolge karolingischer und ottonischer Reichspolitik. Skizziert werden auch wesentliche Elemente der sprachlichen Physiognomie des Althochdeutschen: Worin unterscheidet sich das älteste "Deutsch" grammatisch - vor allem phonetisch - vom zeitlich vorausliegenden Germanischen, worin von den germanischen Nachbarsprachen? - Daß sich viel Wohlbekanntes (auch aus Sondereggers eigenem umfangreichem Œuvre) findet, liegt in der Natur der Gattung "Vorlesung". Das Buch sei jedem an althochdeutscher Sprache und Literatur interessierten Nichtgermanisten als kenntnisreiche und gut lesbare Darstellung des Gegenstandsbereichs zur Lektüre empfohlen.

Hans Ulrich Schmid {272}


{273}

[235], S. 273

Die lateinisch-althochdeutsche Benediktinerregel Stiftsbibliothek St. Gallen Cod. 916, hg. von Achim Masser (Studien zum Althochdeutschen 33) Göttingen 1997, Vandenhoeck & Ruprecht, 382 S., 4 Abb., ISBN 3-525-20348-9, DEM 96.  --  Diese Edition der althochdeutschen Interlinearglossierung der Benediktregel - es ist die sechste seit 1728 - ist im Umkreis des von R. Schützeichel vorangetriebenen Althochdeutschen Wörterbuches entstanden und möchte diesem Unternehmen nützlich sein. Zu den Resultaten, die sich teilweise auf die Vorarbeiten von W. T. Whobrey und Stefan Sonderegger stützen, gehört die Einsicht, daß die Hs. Ende 8./Anfang 9. Jh. von drei Schreibern mit althochdeutschen Glossen versehen worden ist, und dies doch wohl eher in St. Gallen als auf der Reichenau. Neue und plausible Erkenntnisse legt der Hg. zu den Vorlagen, Textvorstufen und Korrekturvorgängen der Hs. vor, wobei er als Vorlage für den systematischen Korrekturdurchgang des lateinischen Grundtextes Cod. Sang. 915 namhaft machen kann. Die komplizierte Schichtung des mehrfach korrigierten Textes wird mittels grafischer Signale und unter Zuhilfenahme eines ausgedehnten Apparates sichtbar gemacht. Dies wie auch die Übernahme von Interpunktion und Zeilenfall des Originals bringt im Vergleich zu früheren Ausgaben ohne merkliche Einbußen bei der Lesbarkeit Erkenntnisgewinne. Daß hingegen die oft sehr ausgefallenen Kürzungen nicht aufgelöst, sondern im modernen Schriftbild nachempfunden werden, dürfte Leser aus nichtgermanistischen Disziplinen doch eher von der Benutzung dieser Edition abhalten. Ein besonderes Anliegen des Hg. war es, "die genaue Positionierung der althochdeutschen Glossierungen im Verhältnis zu ihrem lateinischen Basistext zu spiegeln" (S. 13) und insbesondere die unterschiedliche Raumverteilung zwischen den Lettern durch Spationierung nachzuvollziehen. Ob solche Spiegelungen des paläographischen Befundes für die Erschließung des Textes relevant und - wenn ja - auch noch so präzise sind, daß sie den Griff zur Hs. erübrigen, sei dahingestellt. Zitieren läßt sich jedenfalls nach dieser Edition nicht, so daß die älteren Ausgaben von Steinmeyer und von Daab ergänzend ihren Wert behalten dürften.

Hannes Steiner


[236], S. 273

John M. Clifton-Everest, Slawisches Schrifttum im 10. und 11. Jahrhundert in Böhmen, Bohemia 37 (1996) S. 259-270.  --  Ein australischer Germanist weist hier auf die noch nicht genügend untersuchte Benutzung des Kirchenslawischen im Rahmen der Messe hin, wobei er zwischen dem eucharistischen und dem Lesungsteil unterscheidet. Der Aufsatz ist zugleich eine Art Forschungsbericht über die allgemeine Rolle des Kirchenslawischen im frühma. Böhmen.

Ivan Hlavácek {273}


[237], S. 273

Historisch-philologische Ortsnamenbücher. Regensburger Symposion, 4. u. 5. Oktober 1994, hg. von Heinrich Tiefenbach (Beiträge zur Namenforschung. Beihefte N. F. 46) Heidelberg 1996, Universitätsverlag C. Winter, 314 S., Abb., Karten, ISBN 3-8253-0411-6, DEM 98.  --  Der Band vereinigt Beiträge zu den theoretischen Grundlagen der Ortsnamenbücher, forschungsgeschichtliche und vergleichende Arbeiten und (schwergewichtig) Berichte von geplanten, im Gang befindlichen oder abgeschlossenen Namenbüchern aus Deutschland, England, Österreich, der Schweiz und dem Fürstentum Liechtenstein. Gerade diese Werkstattberichte dokumentieren ein breites Spektrum der Gattung in methodischer und systematischer Hinsicht.

Hannes Steiner


{274}

[238], S. 274

Historisches Ortslexikon für Brandenburg, Teil 1: Prignitz, bearbeitet von Liselott Enders, 2., überarbeitete u. wesentlich erweiterte Aufl. (Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs, Bd. 3) Weimar 1997, Hermann Böhlaus Nachfolger, XVII u. 1123 S., Karten, ISBN 3-7400-1016-9, DEM 128.  --  Ein unentbehrliches Hilfsmittel landesgeschichtlich-geographischer Forschungen über die Mark Brandenburg ist das zehn Teile umfassende 'Historische Ortslexikon für Brandenburg'. Es stellt der Geschichtsschreibung Faktenmaterial bereit, das sowohl aus der Literatur, aber auch zu erheblichen Teilen aus ungedruckten Quellen ausgewählt worden ist. Das mittlerweile fast vollständig publizierte Gesamtwerk entstand unter der bewährten Obhut von Friedrich Beck, der über Jahrzehnte das Brandenburgischen Landeshauptarchiv leitete. Der erstmalig 1962 erschienene erste Teil, nun aktualisiert und zugleich stark erweitert, verzeichnet sämtliche Ortschaften und Wohnplätze der Prignitz mit eigenem Namen, die seit der hochma. Kolonialzeit jemals bestanden haben und sich in schriftlichen Quellen nachweisen lassen. Archäologische Forschungsergebnisse wurden hingegen nur zur Ergänzung oder Bestätigung sonst unsicherer Tatsachen herangezogen. Die statistischen Datenmengen, die die jeweilige Ortsgeschichte illustrieren, wurden nach einem Zehn-Punkte-Schema gegliedert: 1. Art und Verfassung der Siedlung, 2. Gemarkungsgröße, 3. Siedlungsform, 4. erste schriftliche Erwähnung, 5. Gerichtszugehörigkeit, 6. Herrschaftszugehörigkeit, 7. Wirtschafts- und Sozialstruktur, 8. kirchliche Verfassung, 9. Baudenkmale, 10. Bevölkerungszahlen. Umfangreiche Register sowie thematische Quellen- und Literaturverzeichnisse erleichtern die Arbeit mit dem Werk.

Olaf B. Rader {274}


[239], S. 274

Jacques Stiennon, L'écriture (Typologie des sources du Moyen Age occidental 72) Turnhout 1995, Brepols, 132 S., 5 Taf., ISBN 2-503-36000-9, BEF 1.400.  --  Die konzise Übersicht über alle äußerlichen Aspekte des ma. Schreibens bietet auch dem Kenner der Materie überraschende und nützliche Informationen über die grundlegende Unterrichtung hinaus, die alles Notwendige zu den materiellen Grundlagen (Beschreibstoffe, Schreibwerkzeuge, Unterricht) anführt. Mit reichen Literaturangaben belegt werden auch die physiologischen Vorgänge beim Schreiben (Sehen, Hören) abgehandelt, Schreibgewohnheiten in Relation zum Lebensalter untersucht und die Frage erörtert, wie weit ma. Schreiber sich zu Eingriffen berechtigt fühlten ("Le scribe - un simple exécutant?" S. 95 f.). Von großem Interesse ist eine Zusammenstellung der Nachrichten über Linkshänder, die Rolle der linken Hand und des "Sinistren" überhaupt. Hier unterläuft dem Vf. zudem ein Irrtum von erheblichem Unterhaltungswert: Er führt die notorische obszöne Stelle aus der Chronik des Domdechanten Cosmas von Prag an, die den Unwillen der Mathilde von Tuszien über die Impotenz des Bayernherzogs Welf zum Inhalt hat (Buch 2,22; in den Übersetzungen wird die Stelle übergangen) und bemerkt (S. 81): "Elle lui inflige l'affront supplémentaire de saisir le corps du delit de la main gauche" obwohl Mathilde bei Cosmas nur Welfs Hinterkopf (anticaput) gepackt hat, um ihn mit der Rechten wirkungsvoller ohrfeigen zu können. Bei der Vielfalt der von St. behandelten Themen vermißt man allenfalls die Behandlung der optischen Lesehilfen (vgl. Bischoff, Paläographie 21986 S. 35), {275} wogegen die derzeit - besonders in der italienischen Paläographie - entbrannte Diskussion über "Sehen oder messen" schon angedeutet ist (S. 98 f.), wie sie in den neueren Heften der Zs. Scrittura e civiltà geführt wird. Im Kapitel über Autographe (S. 16; statt "manhafter" lies "namhafter Schriftsteller") ist inzwischen ein umfassender Sammelband von Paolo Chiesa (vgl. DA 52, 708) nachzutragen.

Gabriel Silagi


[240], S. 275

Françoise Gasparri, Introduction à l'histoire de l'écriture (Reference works for the study of mediaeval civilization) Turnhout 1994, Brepols, 238 S., 70 Taf., ISBN 2-503-5039402-2, BEF 1.550.  --  Nicht ohne selbstkritische Einsicht beginnt die Vf. ihr Vorwort mit dem Ausruf "Encore un ouvrage sur l'écriture ...", um dann aber, zunächst durchaus einleuchtend, ihre besondere Zielsetzung zu erklären: Das Buch wende sich nicht an den Spezialisten der Paläographie, sondern an Forscher, die sich für den Inhalt verschiedenartiger schriftlicher Quellen interessieren und besonders für "les plus sataniques" aus dem produktiven 16. und 17. Jh. (S. 7). Es scheint jedoch, daß diese Einleitung für ein anderes Buch bestimmt war (dessen Erscheinen dankbar zur Kenntnis genommen würde), wogegen hier über den ma. Schreibunterricht, über Karolingische Minuskel, gotische und humanistische Schrift gehandelt wird, und das ganz im herkömmlichen Rahmen, so daß man nur der negativen Definition im ersten Teil der Zielsetzung wird zustimmen können; daß unter den 70 Schriftbeispielen vom 8. bis zum 15. Jh. auch sechs Urkunden gezeigt werden (davon drei einigermaßen kenntlich) macht noch kein "instrument pratique - sorte de vademecum" aus dem Buch, dessen Vf.  --  als Paläographin hinreichend ausgewiesen - mit den Titelangaben deutschsprachiger Literatur ziemliche Schwierigkeiten hatte.

Gabriel Silagi


[241], S. 275

Anna Maria Luiselli Fadda, Tradizioni manoscritte e critica del testo nel Medioevo germanico (Manuali Laterza 52) Roma 1994, Editori Laterza, XII u. 323 S., 16 Abb., ISBN 88-420-4484-9, ITL 38.000.  --  In einem handlichen Paperback wird hier eine Einführung in die Handschriftenkunde und die Methoden der Textkritik und -herausgabe des "germanischen Mittelalters" geboten. Die Vf. lehrt germanistische Philologie in Rom und ist durch mehrere kritische Editionen altenglischer Texte hervorgetreten: Die allgemeinen Ausführungen und besonders die den theoretischen Teil illustrierenden Beispiele beziehen sich denn auch in erster Linie auf die angelsächsische Germanistik. Die Darlegungen zur Paläographie, Kodikologie und Textkritik haben einführenden Charakter, stützen sich weitgehend auf die entsprechenden einschlägigen Lehrbücher von B. Bischoff, J. Stiennon und P. Maas und dürften einem historisch-philologischen Proseminar gute Dienste leisten. Die propädeutische Ebene wird bisweilen zugunsten längerer Exkurse verlassen, die den instruktiven Teil des Buches in oft sehr oberflächlicher und beim genaueren Hinsehen auch ungenauer Weise "anreichern". Zwei Beispiele aus einem einzigen Unterkapitel (3.5), die sich leicht erweitern ließen: Daß Notker Labeo "conoscitore dell'ebraico, del greco e del latino" (S. 81) gewesen sei, stimmt wohl im vollen Wortsinn nur für das Latein, während Griechisch- und Hebräischkenntnisse quellenmäßig nicht nachzuweisen sind und im übrigen von der an dieser Stelle angeführten Sekundärliteratur auch nie behauptet wurde. Cod. Sang. 615 von ca. 1200 ist auch nicht - wie S. 82 {276} behauptet - der "più antico codice esistente del Casus S. Galli (opera iniziata da Ratpert ...)", sondern lediglich der zweitälteste, aber der erste, der Ekkehards Fortsetzung enthält. (Die Casus S. Galli des Ratpert sind erstmals in Cod. Sang. 614 aus dem Ende des 9. oder dem Beginn des 10. Jh. überliefert.)

Hannes Steiner


[242], S. 276

Emma Condello, Una scrittura e un territorio. L'onciale dei secoli V-VIII nell'Italia meridionale (Biblioteca di "Medioevo Latino" 12) Spoleto 1994, Centro italiano di studi sull'alto medioevo, XIV u. 162 S., 36 Taf., ISBN 88-7988-461-1, ITL 50.000.  --  Die Vf. stellt zu Recht fest, daß Arbeiten zur Unziale in Italien bisher hauptsächlich den Norden und die Mitte des Landes betrafen, während speziellere Studien zum Süden fehlten. Diesem Mangel soll die vorliegende, gut bebilderte Publikation Abhilfe schaffen. In einer paläographisch-kodikologischen Untersuchung der einschlägigen hsl. Produktion mit ihrem kulturell-sozialen Umfeld in den vier, für Fragen der Kontinuität wichtigen Jahrhunderten wird die Entstehung einer Reihe von Codices in unzialer Schrift für den Süden der Apenninenhalbinsel gesichert oder zumindest vermutet.

Walter Koch {276}


[243], S. 276

Édouard Jeauneau & Paul Edward Dutton, The Autograph of Eriugena (CC Autographa Medii Aevi 3) Turnholti 1996, Brepols, 123 S., 99 Taf., ISBN 2-503-50542-2, BEF 3.250.  --  Seit Ludwig Traube 1906 Randnotizen in irischer Schrift als Autographe des Johannes Scotus erkannt und sein Schüler E. K. Rand diese zwei verschiedenen Schreibern - i1 und i2 - zugewiesen hat, wechseln die Urteile der Paläographen, zumal schon die Unterscheidung der beiden Hände nicht unproblematisch ist ("no single characteristic of either script can guide the paleographer confidently towards the separation of the two scripts" S. 50). Der Forschungsbericht zu dieser Frage (S. 16-33) bildet die Einleitung des Bandes und kommt zu dem durchaus akzeptablen Schluß, daß i1 die Hand Eriugenas sei, da die Zusätze in dieser Schrift auf Grund ihres inhaltlichen Gewichtes vom Vf. des glossierten Werkes stammen müßten. Während die Darstellung gut lesbar und durch den reichen Tafelteil ausreichend illustriert ist, wird umgekehrt die Benützung der Tafeln in überflüssiger Weise erschwert: Es fehlen bei den Tafeln die Signaturen, die zwar immerhin aufwendig über eine Liste S. 119-123 erschlossen werden können, doch fehlt dann immer noch jeder Hinweis, wo zu der betreffenden Tafel etwas gesagt wird. Hier sollten die verantwortlichen Hg. der Reihe für die künftigen Bände ein Verweissystem in Erwägung ziehen.

Gabriel Silagi


[244], S. 276

David N. Dumville, English Square minuscule script: the mid-century phases, Anglo-Saxon England 23 (1994) S. 133-164: Da Änderungen im Schriftstil mit den Regierungswechseln im 10 Jh. zusammenzufallen scheinen, liege die Annahme nahe, daß neue Schrifttypen in der Kanzlei entwickelt und von dort in anderen Skriptorien verbreitet wurden.

Timothy Reuter


[245], S. 276

James P. Carley, More pre-Conquest manuscripts from Glastonbury abbey, Anglo-Saxon England 23 (1994) S. 265-281: Cambridge, Corpus Christi College 430 und London, British Library, Harley 3020 ("from"' bedeutet hier Bibliotheksheimat, nicht Provenienz).

Timothy Reuter


{277}

[246], S. 277

Robert Will, Découvertes récentes de copies de miniatures de l'Hortus deliciarum, Revue d'Alsace 122 (1996) S. 29-38, weist auf Faksimiles von Miniaturen (19. Jh.) dieser 1870 verbrannten Hs. hin.

Rolf Große {277}


[247], S. 277

Civiltà del Mezzogiorno d'Italia. Libro, scrittura, documento in età normanno-sveva. Atti del Convegno dell'Associazione Italiana dei Paleografi e Diplomatisti (Napoli-Badia di Cava dei Tirreni, 14-18 ottobre 1991), a cura di Filippo D'Oria (Cultura scritta e memoria storica. Studi di Paleografia Diplomatica Archivistica 1) Salerno 1994, Carlon Editore, 463 S., zahlreiche Abb., keine ISBN, ITL 100.000.  --  Die Erforschung der Schriftkultur (in einem weiteren Sinne verstanden) des italienischen Mezzogiorno hat in den letzten Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht, v. a. dank der Arbeiten von A. Pratesi, A. Petrucci, G. Cavallo und ihrer Schüler. Der anzuzeigende Kongreßband versucht eine erste Zwischenbilanz für die normannisch-staufische Zeit, bedauerlicherweise ohne Register. Die beiden ersten Beiträge ergänzen einander: Vincenzo D'Alessandro, Circoli e centri di potere nel Meridione normanno e svevo (S. 9-28), beleuchtet die Ablösung der Städte als politische Zentren in normannischer Zeit, und Errico Cuozzo, Salerno e la ribellione contro re Guglielmo d'Altavilla nel 1160/62. La versione delle fonti narrative e la testimonianza di quelle documentarie (S. 29-40), zeigt, daß der Aufstand von 1160/62 v. a. von Salernitaner Adligen langobardischen Ursprungs getragen wurde, die in dem bürokratischen Staat der Normannen ihren Einfluß schwinden sahen.  --  Das Phänomen des "multigrafismo" (Petrucci) Unteritaliens beleuchten die folgenden Beiträge: Maria Bianca Foti, Cultura e scrittura nelle chiese e nei monasteri italo-greci (S. 41-76), sucht paläographische Kriterien im Umkreis ausgewählter monastischer Zentren zu bestimmen (S. Salvatore in Messina, Carrà, S. Maria del Patir, Carbone, S. Nicola di Casole) und mustert die Werke vornehmlich hagiographischen Inhalts. Auf die Kritik von A. Jacob an einer früheren Fassung des Beitrags geht sie abschließend ein (S. 70 f.).  --  Filippo D'Oria, Tipologie grafiche dei documenti notarili greci (S. 77-113), zeigt aufgrund eingehender Analysen ausgewählter Urkunden, wie sich die griechische Notarsschrift allmählich der lateinischen annäherte und ihren signifikanten Charakter verlor.  --  Fabio Troncarelli, Tra beneventana e gotica: manoscritti e multigrafismo nell'Italia meridionale e nella Calabria normanno-sveva (S. 115-167), geht von sicher datierten Zeugnissen, v. a. aus dem Archiv von Sambucina, aus und gelangt so zu präziseren Datierungen.  --  Francesco Magistrale, Fasi e alternanze grafiche nella scrittura documentaria: i casi di Salerno, Troia e Bari (S. 169-196), beleuchtet dieses Problem anhand von Urkundenschriften in verschiedenartigen Städten und zeigt, daß sich der "multigrafismo" erst in der zweiten Hälfte des 13. Jh. verflüchtigt, v. a. unter dem Einfluß des Notariats.  --  Giovanni Vitolo, Tra Cava e Salerno: cultura e scrittura in età normanno-sveva (S. 227-239), konstatiert im Süden eine "multipolarità culturale" und betrachtet näher Salerno mit seiner Medizin-Schule sowie Cava, von dessen Schriftzeugnissen her er eine klare Trennung der Beneventana als gehobener Buchschrift von der "Carolina" als Gebrauchsschrift bestreitet.  --  Giulia Orofino, La decorazione del libro di storia tra età normanna ed età sveva: epos, cronaca e manifesto (S. 197-226), behandelt die Buchillustration, insbesondere das Werk des Petrus von Eboli, das sie weniger von den Exultet-Rollen, als vielmehr von byzantinischem Vorbild (Johannes Skylitzes) beeinflußt {278} sieht. Im Hinblick auf die kunstgeschichtliche und inhaltliche Analyse dürfte das letzte Wort noch nicht gesprochen sein (eine Berner Diss. ist in Arbeit); statt der meist seitenverkehrten Abb. sollte die kommentierte Neuausgabe von 1994 (vgl. oben S. 267 f.) herangezogen werden.  --  Die restlichen Beiträge sind diplomatischen Fragen gewidmet: Vera von Falkenhausen, L'atto notarile greco in epoca normanno-sveva (S. 241-270), bietet einen magistralen Überblick über griechische Notarsurkunden mit differenzierenden Beobachtungen zur Überlieferung, zum (byzantinischen) Formular und zu den Notaren selbst, deren Organisation gleichfalls byzantinischem Vorbild folgt.  --  Alessandro Pratesi, L'eredità longobarda nel documento latino di età normanno-sveva (S. 271-278), faßt frühere eigene Forschungen zusammen, analysiert typologisch die lateinischen "Privaturkunden" und deren Transformation im Übergang zur Normannenzeit und betont die fortdauernde Bedeutung der langobardischen Tradition bis zur Gesetzgebung Friedrichs II., die Mario Caravale, Notaio e documento notarile nella legislazione normanno-sveva (S. 333-358), und Mario Amelotti, Il giudice ai contratti (S. 359-367), in bezug auf die Stellung der Notare und iudices analysieren.  --  Maria Galante, Un esempio di diplomatica signorile: i documenti dei Sanseverino (S. 279-331), bietet erste diplomatische Sondierungen bezüglich der frühen, in Cava aufbewahrten Urkunden (1081-1119) der Herren von Sanseverino (Prov. Salerno), kommt aber bezüglich der Echtheitsfrage nicht zu abschließenden Ergebnissen.  --  Carlrichard Brühl, Die normannische Königsurkunde (S. 369-382), liefert vornehmlich statistische Beobachtungen aufgrund des Materials des "Codex diplomaticus regni Siciliae", während Walter Koch, Das staufische Diplom. Prolegomena zu einer Geschichte des Urkundenwesens Kaiser Friedrichs II. (S. 383-424), einen ersten Eindruck vom äußeren Erscheinungsbild der Urkunden Friedrichs II. vermittelt, deren Edition er für die MGH vorbereitet.  --  Marcello Gigante, La poesia in lingua greca in Sicilia e in Puglia nell'età normanno-sveva (S. 425-440), bietet einen kursorischen Überblick über die griechische Poesie und Übersetzungsliteratur Unteritaliens. Nicht recht deutlich wird die Aussage des abschließenden geistreichen Essays von Massimo Oldoni, Oltre il Medioevo cassinese (S. 441-448), "come sempre in modo personalissimo" (Fonseca, S. 454), über die Rolle der Intellektuellen, während Cosimo Damiano Fonseca die schwierige Aufgabe einer zusammenfassenden Schlußbilanz in gewohnt souveräner Weise meistert (S. 449-461).  --  Als bleibender Eindruck drängt sich auf, daß es für eine differenzierende Erhellung der heterogenen Schriftkultur Unteritaliens trotz aller Anstrengungen weithin noch an verläßlichen paläographisch-diplomatischen Parametern mangelt. Diese Kärrnerarbeit werde, so befürchtet M. Galante (S. 300), "anni di paziente ricerca" erfordern. So ist es, coraggio!

Theo Kölzer {278}


[248], S. 278

Studie o rukopisech 31 (1995-1996), Praha 1997, Ceskoslovenska akadmie ved, 259 S.  --  Das neueste Heft des Jahrbuches bringt eine Reihe quellenkundlich wichtiger kodikologischer Aufsätze, die wenigstens bibliographisch erfaßt seien: Anezka Vidmanová, Ke staroboleslavskému husitskému kodexu [mit Zusammenfassung: A propos du manuscrit hussite de Stará Boleslav] (S. 7-25), hat die für verschollen gehaltene Hs. mit mehreren Werken von Hus wieder wieder entdeckt.  --  Frantisek Hoffmann, Vzorník gotického písma z 15. století [mit Zusammenfassung: La carte de l'écriture gothique du 15e siècle] (S. 27-34). {279}  --  Zdenka Hledíková, Rukopis vatikánské knihovny Chigi Q. II. 51 [mit Zusammenfassung: Le manuscrit de la Bibliothèque Vaticane Chigi Q. II. 51) (S. 35-44): Obwohl die Hs. schon zum 16. Jh. gehört, spiegelt ihr Inhalt großenteils das 15. Jh. in Schlesien und Böhmen wider.  --  Thomas Krzenck, Die Bautzener Hussitica der ehemaligen Gersdorfschen Bibliothek (S. 153-178).  --  Josef Tska, Husovo a slezská kázání na Povysení sv. Kze [mit Zusammenfassung: Iohannis Hus et Silesiorum Sermones in Exaltatione sanctae Crucis] (S. 179-194).

Ivan Hlavácek {279}


[249], S. 279

Wolfgang Oeser, Raoulet d'Orléans und Henri du Trévou, zwei französische Berufsschreiber des 14. Jahrhunderts und ihre Schrift, AfD 42 (1996) S. 395-418, analysiert die Schriftzeugnisse zweier Pariser Schreiber, die auch für den französischen Hof arbeiteten, und untersucht ihr Verhältnis zu den genormten Schriften. Beide Schreiber bieten nur geringe Variationen gegenüber den "traditionellen Grundstrukturen der Textura".

Klaus Naß


[250], S. 279

Elisabeth Hemfort, Illuminierte Kreuzherrenhandschriften aus Düsseldorf. Beobachtungen zur Stilkonvention monastischer Buchausstattung im ausgehenden 15. Jahrhundert am Niederrhein (mit 26 Abb.), Westfalen 73 (1995) S. 187-211, kann für bestimmte Einzelblätter (Westfälisches Landesmuseum Münster, Inv.-Nr. KdZ 2814 WKV, KdZ 2815 WKV und KdZ 2816 WKV) einleuchtend die Herkunft aus einem verlorengegangenen Chorbuch nachweisen, "das im Skriptorium der Düsseldorfer Kreuzbrüder im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts geschrieben und ausgestattet wurde" (S. 208/210). Beachtung verdienen die Hinweise auf die Zusammenhänge zwischen der Buchgestaltung und der Devotio moderna (S. 211).

Goswin Spreckelmeyer {279}


[251], S. 279

Gerhard Piccard, Wasserzeichen, Findbuch 17: Wasserzeichen Hand und Handschuh (Veröffentlichungen der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg. Sonderreihe: Die Wasserzeichenkartei Piccard im Hauptstaatsarchiv Stuttgart. Findbuch 17) Stuttgart 1997, Kohlhammer, 272 S., zahlreiche Abb., ISBN 3-17-009167-0, DEM 202.  --  Mit diesem Band schließt die Edition der weltweit umfangreichsten Sammlung von Wasserzeichen. Wenn auch der bedingungslose Optimismus, der die Wasserzeichenforschung in ihren Anfängen trug, sich als trügerisch herausstellte (es wurden viel zu viele Urkunden auf Material niedergeschrieben, das aus alten Codices herausgetrennt war, als daß eine wirklich zwingende Verbindung von Schriftdatierung und Papierdatierung möglich wäre), so hat doch dieser junge Zweig der historischen Hilfswissenschaften bedeutende Hinweise zur Einordnung spätma. Schriftgutes geliefert. Dabei kommt der Piccard'schen Sammlung der wichtigste Platz zu, da sie zumindest ihrer Zielsetzung nach die gesamten Handelswege zwischen Italien und dem Baltikum abdeckt und weit über den deutschen Raum hinaus Material erfaßt. Dem Stuttgarter Archiv ist für die Beharrlichkeit zu danken, mit dem es sein sprödes Material in vorbildlicher Qualität und nachvollziehbarer Anordnung herausgebracht hat.

Arno Mentzel-Reuters


[252], S. 279

Marcas de agua en documentos de los archivios de Galicia hasta 1600, Coordinador: José Luis Basanta Campos, 2 Bde., La Coruña 1996, Fundación Pedro {280} Berrié de la Maza, Conde de Fenosa, 505 S. bzw. 511 S., zahlreiche Abb., ISBN 84-87819-94-X (Gesamtwerk) bzw. ISBN 84-87819-95-8 (Bd. 1) bzw. 84-87819-96-6 (Bd. 2), ESP 11.400.  --  Briquets großes Repertorium von Wasserzeichen erschien 1923 in 2. Aufl.; die seither gemachten Erfahrungen hätten eigentlich hinreichen sollen, um ein Werk mit einer Anlage wie das hier zu besprechende zu verhindern. Basanta Campos ordnet die Wasserzeichen nach den besitzenden Archiven und erst darin nach einer von ihm selbst festgelegten Typologie (I, S. 11), deren Lemmata natürlich spanisch sind. Die Erläuterungen zu den Wasserzeichen finden sich dann gesondert hinter jedem Bestand. Da die überwiegende Zahl der nachgewiesenen Wasserzeichen dem 16. Jh. angehören, wird dieser schwerwiegende Fehler in der Anlage für den Mediävisten zu verschmerzen sein.

Arno Mentzel-Reuters


[253], S. 280

Jennifer Moreton, John of Sacrobosco and the calendar, Viator 25 (1994) S. 229-244, klärt Inhalt und Bedeutung der Schriften des Komputisten, der die Zeiteinteilung in Minuten und Sekunden erfunden hat. Im Anhang (S. 240-244) bietet M. eine Teiledition des Compotus ecclesiasticus.

Timothy Reuter


[254], S. 280

Mark Mersiowsky, Aus den Anfängen der Kartographie in Westfalen. Die Mühlen bei Lippstadt (1473), Westfälische Zs. 147 (1997) S. 9-18 (mit 2 Abb.), macht auf eine Karte aus dem Staatsarchiv Münster (Kleve-Märkische Regierung, Landessache, Nr. 538, f. 89v-90r) aufmerksam und interpretiert diese 1473 im Rahmen einer Rechtsstreitigkeit entstandene "Skizze der Mühlenplätze an der Lippe vor Lippstadt" (S. 18) als "pragmatische Bildlichkeit" (S. 18).

Goswin Spreckelmeyer {280}


[255], S. 280

Armin Wolf, Die Herkunft der Grafen von Northeim aus dem Hause Luxemburg und der Mord am Königskandidaten Ekkehard von Meißen 1002, Niedersächsisches Jb. für LG 69 (1997) S. 427-440, macht wahrscheinlich, daß der 1004 gestorbene Graf Siegfried von Northeim ein Bruder Königin Kunigundes war und daß dessen Söhne Siegfried und Benno den Markgrafen von Meißen erschlugen, um Heinrich von Bayern und Kunigunde den Weg zum Thron zu ebnen.

Ulrich Schwarz {280}


[256], S. 280

Das Haus Württemberg. Ein biographisches Lexikon, hg. von Sönke Lorenz, Dieter Mertens und Volker Press (†) in Zusammenarbeit mit Christoph Eberlein, Andreas Schmauder und Harald Schukraft und dem Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, Stuttgart 1997, Kohlhammer, XXVI u. 502 S., 204 Abb., ISBN 3-17-013605-4, DEM 89.  --  Nach dem Habsburger-Lexikon von B. Hamann (1988) liegt hiermit für ein zweites bedeutendes, noch heute existierendes {281} Adelshaus ein biographisches Handbuch vor, das alle, auch die angeheirateten, volljährigen Angehörigen des Hauses Württemberg von 1092 (erste Nennung eines Conradus de Wirtinisberk) bis heute in Biogrammen präsentiert. Den nach historischen Epochen und genealogischen Zusammenhängen angeordneten Artikeln sind jeweils kurze Einleitungen vorangestellt, die die für den jeweiligen Zeitabschnitt prägenden Vorgänge (Besitzerwerbung, Heirat, Politik) im Haus Württemberg vor dem Hintergrund landes- und reichsgeschichtlicher Entwicklungen und Auswirkungen thematisieren. Von den insgesamt sieben Kapiteln behandeln drei vorrangig das MA: die Anfänge als Verwandte der salischen Könige im 11. Jh. bis ca. 1230/50, die für die territoriale Formation der Herrschaft Württemberg (Residenz Stuttgart) entscheidende Phase von 1238 bis 1417 und die in der Erhebung Graf Eberhards V. im Bart zum Herzog und Reichsfürst gipfelnde Entwicklung ausgangs des MA, die die lange Zeit gefährdete Einheit des Landes Württemberg (Landesteilung 1442!) sicherte und dessen Aufstieg zur politischen Vormacht im Südwesten des Reiches förderte. Neben der Hauptlinie finden auch die Seitenlinien angemessene Berücksichtigung, deren älteste, Grüningen-Landau, von 1239 bis 1437 bestand. Die den reichhaltigen Biogrammen im Anhang beigefügten wichtigsten Quellen- und Literaturhinweise sowie zahlreiche Stammtafeln und Abbildungen erhöhen die wissenschaftliche Benutzbarkeit. Es bleibt zu hoffen, daß dieses nützliche Hilfsmittel entsprechende Vorhaben über die Häuser Baden und Wittelsbach nach sich zieht!

Hubertus Seibert {281}


[257], S. 281

Reinhard Neumann, Jordanus von Padberg. Anmerkungen zum vermeintlichen zweiten Generaloberen des Dominikanerordens, Westfälische Zs. 146 (1996) S. 215-221, weist darauf hin, daß der Dominikaner Jordan von Sachsen († 1237) nicht als Angehöriger des Hauses der Herren von Padberg nachgewiesen werden kann und daß er auch nicht mit dem Mathematiker Jordanus Nemorarius identifiziert werden darf.

Goswin Spreckelmeyer {281}


[258], S. 281

Wolfhard Vahl, Beschreibung und Auswertung mittelalterlicher Siegel, AfD 42 (1996) S. 489-523, unterscheidet 40 Siegelbildtypen und legt ein sehr detailliertes Schema für Siegelbeschreibungen vor, das aus Piktogrammen besteht und Katalogisierungen vereinheitlichen soll. Die erläuternden Beispiele stammen aus der Diss. des Vf. (Die Siegel des niederen fränkischen Adels im 13. und 14. Jh., Erlangen 1993 Mikrofiche).

Klaus Naß


[259], S. 281

Marcel Thomann, Recherches sur les monuments de l'art roman et le système carolingien des mesures et des monnaies, Revue d'Alsace 122 (1996) S. 39-60, geht Fragen des karolingischen Maß- und Münzsystems nach.

Rolf Große {281}


[260], S. 281

Wolfgang Hahn, König Arnulf und das Regnum Italiae (888-896). Eine numismatische Spurensuche, Mitteilungen der Österrreichischen Numismatischen Gesellschaft 37 (1997) S. 116-124, geht dem Münztyp nach, der die Namen Arnulfs und Berengars trägt, und versucht seine Einordnung in die politischen Zusammenhänge.

Herwig Weigl {281}


{282}

[261], S. 282

Oliver Volckart, Die Münzpolitik im Ordensland und Herzogtum Preußen von 1370 bis 1550 (Deutsches Historisches Institut Warschau. Quellen und Studien 4) Wiesbaden 1996, Harrassowitz, XI u. 476 S., Abb., Karten, ISBN 3-447-03841-1, DEM 104.  --  Der Vf. geht dem Zusammenhang zwischen "Münzpolitik und dem Wandel staatlicher Strukturen" (S. 8) nach. In dem die Ordenszeit (und mithin das MA) betreffenden Teil (S. 21-238) bedeutet dies eine Differenzierung zwischen einem durch Intensivierung der Schillingprägung bekämpften "Kleingeldproblem" vor 1410, das durch die katastrophalen Folgen des Ersten Thorner Friedens und eine sich bis 1435 hinziehende Reform (Schlagwort "Pfennigprägung") abgelöst wurde. Eine Silberteuerung und der Dreizehnjährige Krieg bestimmten die letzten Abschnitte der ma. preußischen Münzgeschichte. Mit der Scoterprägung des Hochmeisters Johann von Tiefen unter Friedrich von Sachsen-Meißen analog geht zur allgemeinen Umstrukturierung der Verwaltung auch die Geldpolitik in frühneuzeitliche Formen über.

Arno Mentzel-Reuters


[262], S. 282

Héraldique et emblématique de la Maison de Savoie (XIe-XVIe s.), Études publiées par Bernard Andenmatten, Agostino Paravicini Bagliani, Annick Vadon (Cahiers Lausannois d'histoire médiévale 10) Lausanne 1994, Université de Lausanne, Section d'histoire Faculté des Lettres, 231 S., 29 Abb., ISBN 2-940110-01-8, CHF 55.  --  Der Band enthält die Akten einer Tagung an der Universität Lausanne im November 1992: Michel Pastoureau, L'emblématique princière à la fin du Moyen Age. Essai de lexique et de typologie (S. 11-43), klärt anhand savoyischer Beispiele die Entstehung und Geschichte von 25 alphabetisch geordneten heraldisch-emblematischen Begriffen und Gegenständen.  --  Laurent Ripart, L'anneau de saint Maurice (S. 45-91), verfolgt in einer anregenden Studie die Geschichte des legendären Rings des hl. Mauritius, der 1250 Peter II. übertragen worden sein soll, als Legitimationsträger und Staatssymbol mit wechselnder Bedeutung und als thaumaturgische Reliquie des savoyischen Hausheiligen bis 1790 von den Fürsten tradiert wurde und nach seinem Verschwinden durch eine Kopie (heute im Besitz des italienischen Thronanwärters) ersetzt wurde. Ansprechend ist die Annahme, es habe sich beim Saphir mit der Reiterdarstellung um die Gemme des Siegelrings des burgundischen Königs Sigismund (in St-Maurice bestattet) gehandelt, und mit diesem Ring habe Heinrich IV. 1076 bei der Überquerung der Alpen die Humbertiner mit der Abtei investiert.  --  Christian de Mérindol, La "camera domini" du Château de Chillon. Monuments et stratégies iconographiques vers la fin du Moyen Age (S. 93-116), vergleicht die Tierdarstellungen in der von Graf Aymo 1336-1343 in Chillon eingerichteten "camera domini" mit den zur gleichen Zeit unter Clemens VI. entstandenen Jagdszenen der "chambre des cerfs" im Papstpalast von Avignon.  --  Jean-Luc Rouiller, Les habits du héraut. Le testament de Jean Piat, dit Genève, serviteur d'Amédée VIII (1413) (S. 116-136), untersucht Rang, Funktionen und Kleidung eines Herolds unter Amadeus VIII. aufgrund eines Testamentes, das er ediert.  --  Annick Vadon, Les Heures du duc Louis de Savoie (1413-1465). Héraldique, emblématique et datation (S. 137-151), beschreibt das Stundenbuch Herzog Ludwigs (Paris, BN lat. 9473) und datiert, gestützt auf den heraldischen Schmuck, dessen Entstehung auf 1444/46.  --  Alessandro Barbero, La cour de Charles II, duc de Savoie {283} (1504-1553) (S. 153-168).  --  Jean-Marie Moeglin, "Memoria" et conscience dynastique. La représentation monumentale de la généalogie princière dans les principautés allemandes (XIVe-XVe s.) (S. 169-205), zeigt an Beispielen der wichtigsten deutschen Fürstenhäuser den Zusammenhang zwischen liturgischem Totengedenken, Ahnenmemoria, Grabmonument und der Entwicklung genealogischer Darstellungen auf.  --  Jacques Chiffoleau, L'emblématique entre le jeu et l'obsession (S. 207-221).  --  Ein Namenregister beschließt den Band.

Ernst Tremp {283}


[263], S. 283

Gustav Pfeifer, Liechtenstein-Karneid, Liechtenstein-Nikolsburg und Li(e)chtenstein. Probleme der genealogisch-heraldischen Abgrenzung in Tirol (14.-16. Jahrhundert), Adler. Zs. für Genealogie und Heraldik 19 (XXXIII) (1997) S. 105-117, trennt die Belege für die gleichzeitig in Tirol tätigen Angehörigen der gleichnamigen Familien aus Südtirol, Österreich und Franken und geht v. a. auf die Siegel der Tiroler ein.

Herwig Weigl {283}


[264], S. 283

Corpus des inscriptions de la France médiévale, Vol. 17: Ain, Isère (sauf Vienne), Rhône, Savoie, Haute-Savoie, Vol. 18: Allier, Cantal, Loire, Haute-Loire, Puy-de-Dôme. Textes établis et presentés par Robert Favreau, Jean Michaud et Bernadette Mora, Paris 1994 bzw. 1995, CNRS Éditions, VIII u. 187 S., 62 Abb., Karten bzw. VIII u. 279 S., 142 Abb., Karten, ISBN 2-271-05221-1 bzw. 2-271-05329-3, FRF 250 bzw. 300.  --  Die beiden Bände erfassen die Inschriften von zehn Departements bis zum Jahr 1300 und vervollständigen somit die vom "Centre d'études supérieures de civilisation médiévale" in Poitiers noch unbearbeiteten französischen Inschriftenlandschaften südlich der Achse Poitiers-Genfer See. Von den insgesamt über 350 Katalognummern konzentrieren sich die Inschriften auf die Departements Puy de Dôme (91), Rhône (80) und Haute-Loire (55), wobei für Isère nur mehr 29 Katalognummern vorliegen, da die 143 Inschriften der Bischofsstadt und ehemaligen Königsresidenz Vienne bereits im 15. Bd. des Inschriftenunternehmens bearbeitet wurden (vgl. DA 49, 305 f.). Die 14 ältesten Inschriften entstammen dem 8.-10. Jh., wovon fünf in originaler Überlieferung vorliegen. Bei der ältesten Originalüberlieferung handelt es sich um eine in das Jahr 885 zu datierende Grabinschrift eines Bischofs (CIFM 17, S. 4), geschrieben in einer mit Nexus litterarum und Enklaven durchsetzten Kapitalis, die ausschließlich die Tagesdatierung nach römischem Kalender und das Jahr der Indiktion nennt. Erst mit dem Beginn des 12. Jh. tritt uns eine Jahresdatierung in Form des Inkarnationsjahres entgegen. Auffällig ist, daß der für das ausgehende 12. Jh. bis über die Mitte des 13. Jh. hinausreichende, in der Metropole Vienne ausgeprägte und reich verzierte Schriftstil keinen Niederschlag in den angrenzenden Regionen finden konnte.

Franz A. Bornschlegel {283}


[265], S. 283

Maria Glaser - Franz-Albrecht Bornschlegel, Datierungen in mittelalterlichen Inschriften des deutschen Sprachraumes. Ein Zwischenbericht, AfD 42 (1996) S. 525-556, berichten über die Formen der Tages- und Jahresdatierung und ihre statistische Auswertung.

Klaus Naß


[266], S. 283

Peter Wallmann, Lapis vivus. Die Adalwig-Inschrift (11. Jh.) aus der Abteikirche Essen-Werden, Westfälische Zs. 146 (1996) S. 25-38, gelangt mit Bezug {284} auf 1. Petr. 2,4-6 und Apoc. 3,12 zu einer neuen und im ganzen überzeugenden Interpretation und Übersetzung der genannten Stifterinschrift.

Goswin Spreckelmeyer {284}


[267], S. 284

Die Inschriften der Stadt Regensburg, I: Minoritenkirche, gesammelt und bearbeitet von Walburga Knorr und Gerhard Zipp unter Mitarbeit von Beate Meier (Die Deutschen Inschriften 40 = Münchener Reihe 8) Wiesbaden 1995, Reichert, XXXVIII u. 178 S., 54 Abb., 1 Karte, ISBN 3-88226-856-5, DEM 79.  --  Die heute dem Museum der Stadt Regensburg inkorporierte ehemalige Minoritenkirche bildete neben dem Dom und St. Emmeram die beliebteste und inschriftenreichste Begräbnisstätte in Regensburg, die auch dem Bürgertum offenstand. Obgleich Säkularisierung, Profanierung und zahlreichen Umbauten die ursprüngliche Anzahl und Lage der Inschriftenobjekte kaum mehr erkennen lassen, konnten anhand kopialer Überlieferungen die Standorte präzise rekonstruiert werden. Bis zum Jahr 1600, der unteren Zeitgrenze des Bearbeitungsraums, ließen sich 227 Inschriften, in der Mehrzahl Grab- und Gedenkinschriften, nachweisen. 97 haben sich im Original erhalten. Die älteste Inschrift ziert die Grabplatte des 1272 verstorbenen Minoritenpredigers Berthold, die, nach der Säkularisation der Kirche versteigert, zwischenzeitlich als Pflasterstein diente und auf Umwegen an ihren Ursprungsort zurückgelangte. Die im Zuge der letztjährigen Renovierungsarbeiten freigelegten gotischen Wandgemälde mit Inschriften konnten noch in den Katalog eingearbeitet werden. Mit 53 Abbildungen werden die Inschriften von 1272 bis zum Jahre 1450 vollständig und danach in repräsentativer Auswahl dokumentiert.

Franz A. Bornschlegel {284}


[268], S. 284

Rainer Schraml, Beispiele gotischer Majuskel in zwei Bezirken Oberösterreichs, MIÖG 105 (1997) S. 104-113, 5 Abb., erörtert epigraphisch vier Grabsteine des mittleren 14. Jh. in Schlägl, Pulgarn und Altenfelden.

Rudolf Schieffer


[269], S. 284

Die Reichskleinodien. Herrschaftszeichen des Heiligen Römischen Reiches (Schriften zur staufischen Geschichte und Kunst 16) Göppingen 1997, Gesellschaft für staufische Geschichte, 254 S., ISBN 3-929776-08-1, DEM 48.  --  Der vorzüglich ausgestattete Sammelband gibt die Vorträge der 17. Göppinger Staufertage im November 1996 wieder: Helmut Trnek, Die Insignien des Heiligen Römischen Reiches in der Schatzkammer in der Wiener Hofburg (S. 10-29, 8 Abb.), gibt einleitend eine Bestandsaufnahme der acht Objekte.  --  Gerhard Rösch, Die Herrschaftszeichen Kaiser Friedrichs II. (S. 30-57, 2 Abb.), erläutert den kontroversen und lückenhaften Forschungsstand, indem er vor allem auf die Bestandteile des Krönungsornats von 1220 eingeht und dann den sonstigen Kronengebrauch sowie weitere Herrschaftszeichen des Staufers behandelt.  --  Hans Martin Schaller, Die Wiener Reichskrone - entstanden unter König Konrad III. (S. 58-105, 4 Abb.), hält die verbreitete Datierung in die zweite Hälfte des 10. Jh. (vgl. zuletzt DA 51, 274 f.) für unbewiesen und mit Schriftzeugnissen auch für unbeweisbar; vorzuziehen sei die zuerst von H. C. Faußner (vgl. DA 44, 197 f.) vorgetragene Hypothese einer Anfertigung für Konrad III., näherhin für dessen geplante Kaiserkrönung nach 1138, unter Einfluß Wibalds von Stablo, {285} wofür weitere epigraphische und geistesgeschichtliche Argumente vorgetragen werden.  --  Mechthild Schulze-Dörrlamm, Das Reichsschwert - neue Untersuchungen zu Alter und Herkunft (S. 106-129, 6 Abb.), faßt ihr Buch von 1995 zusammen (vgl. DA 52, 266 f.).  --  Gunther Wolf, Prolegomena zur Erforschung der Heiligen Lanze (S. 130-145), tritt für die Vereinbarkeit der in Wien aufbewahrten Reliquie mit den (allerdings ziemlich fehlerhaft wiedergegebenen) Angaben Liudprands von Cremona ein.  --  Hans-Jürgen Becker, Die Symbolik der Reichskleinodien (S. 146-161), zeichnet den Weg der rechtshistorischen Forschung seit Jacob Grimm nach.  --  Jürgen Petersohn, Die Reichsinsignien im Herrscherzeremoniell und Herrschaftsdenken des Mittelalters (S. 162-183), gibt eine systematische Übersicht über Bestand und Eigenart, Gebrauch und Funktion sowie die rechtlichen Wirkungen von Herrschaftszeichen der römisch-deutschen Könige und Kaiser und leitet daraus eine (relativ späte) Entwicklung von den Insignien der einzelnen Herrscher zu überpersönlichen Reichsinsignien ab.  --  Dankwart Leistikow, Die Aufbewahrungsorte der Reichskleinodien - vom Trifels bis Nürnberg (S. 184-213, 17 Abb.), mustert allerhand Thesen und Hypothesen, "um zumindest ein tragfähiges Gerüst glaubwürdiger Vorstellungen und begründeter Annahmen zu gewinnen" (S. 185).  --  Außerhalb des thematischen Gesamtrahmens steht, als Vortrag zum Dank für den zuvor verliehenen "wissenschaftlichen Stauferpreis", Matthias Thumser, Der König und sein Chronist. Manfred von Sizilien in der Chronik des sogenannten Nikolaus von Jamsilla (S. 222-242, 2 Abb.), der eine quellenkundliche Einordnung der anonymen "Gesta Manfredi" der Jahre 1250-1258 vornimmt.

Rudolf Schieffer


[270], S. 285

Robert T. Ingoglia, The kissing of the pope's knee. Prehistory and Medieval Liturgical Practica of a Little Known Gesture, Archiv für Liturgiewissenschaft 38/39 (1996/97) S. 251-272, sichtet die Spuren des kaum untersuchten, aber vielfältig in erzählenden und normativen liturgischen Quellen festgehaltenen Gestus zur Begrüßung, Bitte und Ehrerbietung von der Antike bis zum Spät-MA.

Herbert Schneider


[271], S. 285

Günther Binding, Deutsche Königspfalzen von Karl dem Großen bis Friedrich II. (765-1240), Darmstadt 1996, Primus Verlag, 398 S., zahlreiche Abb., Karten, ISBN 3-89678-016-6, DEM 88.  --  Das Buch ist kein knapper Katalog der bekannten Königspfalzen, sondern will die "baulichen Zeugnisse" (S. 6) darstellen und ist somit von dem jeweiligen Erhaltungszustand und dem Stand der Grabungen abhängig. Nach einer allgemeinen Einleitung u. a. zur Erforschung und Funktion der Königspfalzen stellt B. in zwei chronologischen Abschnitten die karolingisch-ottonischen und dann die salisch-staufischen Pfalzen vor; aus der Einleitung zu letzterem ist besonders auf das Kapitel über die "Aufbewahrungsorte der Reichskleinodien" (S. 218 ff.) aufmerksam zu machen. Man kann es als baugeschichtliche Bestätigung der Kritik lesen, die Jürgen Petersohn 1993 an dem "Forschungsstereotyp" echte-falsche Insignien geübt hat (vgl. DA 50, 303), denn spezielle Bauten zur Aufbewahrung der Insignien wurden nicht errichtet. B.s Hauptaugenmerk gilt der möglichst präzisen Baubeschreibung und Darstellung des Grabungsbefundes (hier kann schon jetzt ergänzt werden, daß die Grabungen {286} in Ingelheim 1993 wiederaufgenommen wurden und die geplante Publikation auch die unzureichend dokumentierten Altgrabungen aufnehmen soll). Für die vorliegenden Teile des Pfalzenrepertoriums weist B. darauf hin (S. 138), daß dort bei Bodman (Baden-Württemberg) die Grundrisse vertauscht sind. Überraschend, aber gut begründet ist die Aufnahme von Broich in Mülheim an der Ruhr in das Buch. Die Burg Broich ist historisch nicht erwähnt; B. vermutet, daß 923 hier Heinrich I. und der westfränkische König Robert I. zusammentrafen, die sich nach den Annalen Flodoards in pagum Ribuarium super fluvium Ruram begeben haben. Die Burg Elten findet Aufnahme, weil hier Otto I. 944 eine Urkunde ausgestellt hat (DO. I. 59) und als Beleg dafür, "daß von der baulichen Ausstattung in karolingischer Zeit zwischen kleineren Pfalzen und Territorialburgen keine Unterschiede festzustellen sind" (S. 71). Außerordentlich entschieden behandelt B. die jeweiligen Datierungsfragen, besonders bei Gelnhausen, wo er sich selbst maßgeblich an der Diskussion beteiligt hat. Angesichts derartiger Entschiedenheit stört es ein wenig, daß B. auf S. 46 das Tafelgüterverzeichnis auf 1064 bzw. das ausgehende 12. Jh. datiert, ohne wenigstens die Edition von C. Brühl und Th. Kölzer (1979, statt dessen wird NA 41 [1919] zitiert) und deren Datierungsvorschlag (um 1152/53) zur Kenntnis zu nehmen; der S. 38 für das 12. Jh. insinuierte Wechsel des Titels archicapellanus zu archicancellarius erfolgte bereits im elften. Doch alles in allem: Als Übersicht über die Königspfalzen im nordalpinen Reich ist das Buch hochwillkommen, auch als kundiger Führer vor Ort.

Ernst-Dieter Hehl


[272], S. 286

Staufische Pfalzen. Mit Beiträgen von Walter Bernhardt, Frantisek Kub%*u, Sönke Lorenz, Wilfried Pfefferkorn, Charles-Laurent Salch, Fred Schwind und Thomas Zotz. Hg.: Gesellschaft für staufische Geschichte (Schriften zur staufischen Geschichte und Kunst 14) Göppingen 1994, Gesellschaft für staufische Geschichte e. V., 189 S., ISBN 3-929776-06-5, DEM 40.  --  Thomas Zotz, Die mittelalterliche Königspfalz. Erscheinungsformen und Funktionen (S. 9-24), verweist darauf, daß erst in staufischer Zeit die Junktur palatium imperiale (statt p. regium) häufiger begegnet, als Beispiele staufischer Pfalzen werden Hagenau und Wimpfen (für das er eine erste Bauphase unter Barbarossa oder Heinrich VI. annimmt) ausführlicher behandelt.  --  Walter Bernhardt, Die Pfalz in Esslingen (S. 25-47), sammelt (vor allem topographische) Indizien, um die Existenz einer staufischen Pfalz zu beweisen, deren Reste im heutigen Salemer Pfleghof erhalten seien. Nach der Erhebung Esslingens zur Stadt hätten die Staufer die Pfalz aufgeben können.  --  Frantisek Kub%*u, Die staufische Pfalz Eger an der Grenze zwischen Böhmen und Reich (S. 48-66).  --  Fred Schwind, Gelnhausen. Königspfalz und Pfalzstadt in der staufischen Wetterau (S. 67-98), verdeutlicht, daß es für Barbarossa "von Anfang an eine Gesamtkonzeption für Stadt und Pfalz gegeben" (S. 70) habe. In DF. I. 572 sieht er einen Geleitzettel/Passierschein für die Gelnhäusener Kaufleute. Unter Barbarossa und Heinrich VI. war die Pfalz eine "Stätte wichtiger, mit vorausschauender Planung angesetzter Regierungshandlungen" (S. 76), deren Reihe 1180 mit dem Hoftag zur Aufteilung des sächsischen Herzogtums an die Gegner Heinrichs des Löwen beginnt; damals dürfte der Bau der Pfalz beendet gewesen sein.  --  Sönke Lorenz, Kaiserswerth. Stauferzentrum am Niederrhein (S. 99-117), beruht auf seiner Monographie "Kaiserswerth im Mittelalter" (vgl. DA 53, 766).  --  Charles-Laurent Salch, Die {287} Burg als Symbol der Macht. Ottrott und die Burgen und Pfalzen der Staufer im Elsaß (S. 118-159), gibt eine ikonographische Studie, nach der runde Türme Jerusalem, achteckige Aachen symbolisieren sollen.  --  Wilfried Pfefferkorn, Über den baulichen Umgang mit stauferzeitlichen Bauten am Beispiel von Burgen (S. 151-178), behandelt Restaurierungs- und Sicherungsprobleme.

Ernst-Dieter Hehl


3. Politische und Kirchengeschichte des Mittelalters

1. Allgemeine Geschichte des Mittelalters S. 287. 2. Frühes Mittelalter (bis 911) S. 291. 3. Hohes Mittelalter (911-1250) S. 302. 4. Spätes Mittelalter S. 313. 5. Mönchtum, religiöse und häretische Bewegungen S. 319.

[273], S. 287

Storia d'Europa, 3: Il Medioevo. Secoli V-XV. A cura di Gherardo Ortalli, Torino 1994, G. Einaudi ed., XX u. 1267 S., Abb., Karten, ISBN 88-06-13438-8, ITL 140.000.  --  Der 3. von insgesamt 5 Bänden dieser Geschichte Europas ist in 6 Hauptteile mit Einzelbeiträgen namhafter Autoren und Autorinnen, u. a. des kürzlich überraschend verstorbenen italienischen Kollegen Vito Fumagalli gegliedert: Parte prima: Il quadro: articolazioni, presupposti, ipotesi unificanti: Gherardo Ortalli, Scenari e proposte per un Medioevo europeo (S. 5-40).  --  Lech Leciejewicz, Il barbaricum: presupposti dell'evoluzione altomedievale (S. 41-83).  --  Günter Holtus - Johannes Kramer, L'articolazione linguistica medievale (S. 85-168).  --  Sofia Boesch Gajano, Pratiche e culture religiose (S. 169-216).  --  Parte seconda: Alternative per un'Europa possibile: Jadran Ferluga, Bisanzio (S. 219-294).  --  Pierre Guichard, L'Islam e l'Europa (S. 295-340).  --  Vito Fumagalli, Ad Occidente, l"entità" Europa nell'alto Medioevo (S. 341-412).  --  Parte terza: Verso assetti consolidati: tra nuovi centri e periferie: Donald J. A. Matthew, L'"entità" Europa nel basso Medioevo (S. 415-537).  --  Sima Circovic, Gli Slavi occidentali e meridionali e l'area balcanica (S. 539-597).  --  Frank Kämpfer, Russi e Slavi orientali (S. 599-651).  --  Eric Christiansen, L'europeizzazione dell'area baltica e nordorientale (S. 653-718).  --  Parte quarta: I grandi sistemi ordinatori: Carlos Petit - Jesús Vallejo, La categoria giuridica nella cultura europea del Medioevo (S. 721-760).  --  Judith Herrin, Le istituzioni ecclesiastiche (S. 761-817).  --  Agostino Paravicini Bagliani, Il papato medievale e il concetto di Europa (S. 819-845).  --  Stanislaw Suchodolski, La moneta (S. 847-894).  --  Jean-Claude Hocquet, Pesi e misure (S. 895-931).  --  Parte quinta: L'Europa attraversata: culture, riti, condizioni: Attilio Bartoli Langeli, Scritture e libri da Alcuino a Gutenberg (S. 935-982).  --  Diane Owen Hughes, Riti di passaggio nell'Occidente medievale (S. 985-1037).  --  Shulamit Shahar, Condizione e ruolo della donna (S. 1039-1101).  --  Jean Wirth, L'immagine (S. 1003-1140), mit 33, auch farbigen Abb.  --  Parte sesta: Frontiere ed aree economiche: David Jacoby, Nuovi e mutevoli orizzonti: verso ed oltre l'Oriente mediterraneo (S. 1143-1192).  --  Henryk {288} Samsonowicz, Il tardo Medioevo: sviluppo e sottosviluppo (S. 1193-1217).  --  Ein Namen- und Ortsindex (S. 1221-1267) erschließt den komplexen Inhalt.

Marlene Polock


[274], S. 288

Peuples du Moyen Age - Problèmes d'identification. Séminaire Sociétés, Idéologies et Croyances au Moyen Age, dirigé par Claude Carozzi et Huguette Taviani-Carozzi, Aix-en-Provence 1996, Publications de l'Université de Provence, 213 S., 6 Karten, ISBN 2-85399-373-6, FRF 140.  --  Der Sammelband enthält folgende Beiträge: Claude Carozzi, Des Daces aux Normands. Le mythe et l'identification d'un peuple chez Dudon de Saint-Quentin (S. 7-25), zeigt, wie Dudo in De moribus et actis primorum Normanniae ducum (aus dem ersten Viertel des 11. Jh.) aus Rollo einen neuen Aeneas macht, der in die ihm von Gott selbst gewiesene patria kommt; es handelt sich dabei um ein "montage littéraire savant", dessen Ziel die Legitimierung des Platzes der Normannen und ihrer Herzöge im Regnum Francorum ist.  --  Philippe Contamine, Qu'est-ce qu'un "étranger" pour un Français de la fin du Moyen Age? Contribution à l'histoire de l'identité française (S. 27-43), unternimmt eine lexikalische Analyse des Wortes estranger in England und Frankreich am Ende des MA; in England hat das Wort schon Anfang des 14. Jh. seinen modernen Sinn; die Entwicklung in Frankreich ist langsamer und vor allem nicht so geradlinig wie in England, geht aber, an der Praxis der königlichen Verwaltung sich orientierend, eindeutig in die gleiche Richtung.  --  Errico Cuozzo, A propos de la coexistence entre Normands et Lombards dans le Royaume de Sicile. La révolte féodale de 1160-1162 (S. 45-56), will beweisen, daß die Rolle des salernitanischen Adels im Aufstand gegen König Wilhelm ihre Erklärung in der langobardischen Abstammung der meisten Teilnehmer am Aufstand hat.  --  Thomas Granier, Le peuple devant les saints: La cité et le peuple de Naples dans les textes hagiographiques, fin IXe-début Xe s. (S. 57-76), versucht anhand hagiographischer Texte zu zeigen, wie die Beziehung zu den heiligen Patronen Severin und Sossius gegen 900 eine neapolitanische Identität schafft.  --  Michel Parisse, Le peuple, l'évêque et le roi. A propos de l'élection épiscopale de Léon IX (S. 77-95), behandelt die Wahl Brunos von Egisheim (später Papst Leo IX.) als Bischof von Toul im Jahre 1026; nach dem Bericht der Vita Leonis noni wäre sie ein Fall von freier Wahl durch den populus der Stadt, ohne Eingreifen König Konrads II. Dieser Bericht entspricht aber sicher nicht den wirklichen Umständen der Wahl und dürfte erst nach Brunos päpstlicher Wahl im Jahr 1049 geschrieben worden sein, im Licht und als zusätzliche Rechtfertigung der neuen antisimonistischen Politik des Papstes.  --  Jacques Paul, Pays et peuples dans la correspondance d'Alcuin (S. 97-130), und Pierre Riché, Expression du sentiment national dans la correspondance de Gerbert d'Aurillac et dans l'Histoire de Richer de Reims (S. 131-143), machen Bemerkungen zu dem von den zitierten Autoren gewählten Vokabular für Länder und Völker.  --  Louis Stouff, Identité de la Provence médiévale (S. 145-168), untersucht die eher mageren Spuren einer regionalen Identität in der ma. Provence; am deutlichsten erscheinen Ausdrücke aus dem 14. Jh. wie nos Provinciales oder Patria Provincie.  --  Jean Subrenat, Les peuples en conflit dans les guerres carolingiennes. Le point de vue des chansons de geste aux XIIe et XIIIe siècles (S. 169-180).  --  Huguette Taviani-Carozzi, Une bataille franco-allemande en Italie: Civitate (1053) (S. 181-211), zeigt, wie in den Berichten der Chronisten der {289} zweiten Hälfte des 11. Jh. die Schlacht bei Civitate am 18. Juni 1053, wo Papst Leo IX. von den süditalienischen Normannen gefangengenommen wurde, zuerst als ein Sieg der Normanni über die Teutonici dargestellt wird, um dann bei Wilhelm von Apulien am Ende des 11. Jh. als ein Sieg der Francigenae oder Galli, womit wiederum die Normannen gemeint sind, über die Teutonici zu erscheinen. Wilhelms Chronik war nämlich im Auftrag Papst Urbans II. im Kontext des Kampfes des legitimen "französischen" (natione gallus) Papstes gegen den vom deutschen Kaiser unterstützten Gegenpapst Clemens III. geschrieben worden.

Jean-Marie Moeglin {289}


[275], S. 289

Bernd Schneidmüller, Die mittelalterlichen Konstruktionen Europas. Konvergenz und Differenzierung, in: "Europäische Geschichte" als historiographisches Problem, hg. von Heinz Duchhardt und Andreas Kunz, Mainz 1997, Verlag Philipp von Zabern, ISBN 3-8053-1974-6, S. 5-24, eröffnet einen vorwiegend der Neuzeit gewidmeten Sammelband mit Betrachtungen über den eher sporadisch gebrauchten "Abrufbegriff" Europa im MA sowie über lohnende Perspektiven einer gesamthaften Erforschung und Darstellung europäischer Geschichte des MA, worunter er die vergleichende "Beschreibung der politischen Verbands- und mentalen Identitätsbildungen" (S. 21) besonders empfiehlt.

Rudolf Schieffer


[276], S. 289

Kommunikation und Mobilität im Mittelalter. Begegnungen zwischen dem Süden und der Mitte Europas (11.-14. Jahrhundert), hg. von Siegfried de Rachewiltz und Josef Riedmann, Sigmaringen 1995, Jan Thorbecke Verlag, 336 S., ISBN 3-7995-5480-7, DEM 78.  --  Der Bd. ist das Ergebnis einer Tagung, die in Vorbereitung eines Ausstellungsprojekts zur Region Tirol unter Graf Meinhard II. (1271-1295) im Mai 1994 veranstaltet worden war. Der regionale Bezug spielt bei den meisten Beiträgen aber keine Rolle.  --  Nach einem kurzen Referat von Helmut Stempfer, Kunst in Tirol um 1300 im Spannungsfeld zwischen Nord und Süd (S. 9-14 mit 15 Abb.), geht Ernst Voltmer, Deutsche Herrscher in Italien. Kontinuität und Wandel vom 11. bis zum 14. Jahrhundert (S. 15-26), auf die politischen Rahmenbedingungen ein und bewertet sie.  --  Andrea Castagnetti, Immigrati nordici, potere politico e rapporti con la società longobarda (S. 27-60), untersucht verschiedene Aspekte der Beziehungen zwischen Langobarden und Einwanderern nach der fränkischen Eroberung.  --  Josef Riedmann, Verkehrswege, Verkehrsmittel (S. 61-75), durchforstet bekannte Quellenzeugnisse des 11.-13. Jh. nach Hinweisen auf die stetig steigende Frequenz von Alpenübergängen mit dem Ergebnis, daß seit 1200 die vie publice, deren Infrastruktur von den Landesherrn ständig verbessert wurde, zentrale Bedeutung erlangten.  --  Werner Maleczek, Deutsche Studenten an Universitäten in Italien (S. 77-96), weist an zahlreichen Einzelfällen nach, daß das italienische Rechtsstudium für deutsche Kleriker im 14. und 15. Jh. den Aufstieg in die höchsten Ränge der kirchlichen Hierarchie entscheidend förderte und seinen Absolventen am deutschen Königshof und den Höfen deutscher Territorialfürsten erheblichen Einfluß verschaffte.  --  Ludwig Schmugge, "Deutsche Pilger in Italien" (S. 97-113), zeigt vornehmlich an Rom und Venedig im Spät-MA, wie durch das Bedürfnis nach landsmannschaftlicher Kommunikation nationale Vorurteile noch verfestigt wurden.  --  Knut Schulz, Deutsche Handwerker in Italien (S. 115-133), sieht in {290} der Ausbildung des Gesellenstandes, den Möglichkeiten, im Ausland an schon bestehende Niederlassungen anknüpfen zu können, sowie den profanen Motiven der Abenteuerlust und Horizonterweiterung bei weitgehender materieller Sicherheit die Gründe für das Aufkommen und die Ausweitung der Gesellen- und Handwerkerwanderung.  --  Wolfgang von Stromer, Binationale deutsch-italienische Handelsgesellschaften im Mittelalter (S. 135-158), skizziert ausgehend von politischen Entwicklungen den Weg einiger dieser Unternehmen.  --  Gian Maria Varanini, Mercenari tedeschi in Italia nel Trecento: problemi e linee di ricerca (S. 159-178): Forschungsproblem sind u. a. die disparate Quellenlage und die Schwierigkeit, unter den pauschal genannten deutschen Söldnern einzelne oder wenigstens Gruppen zu identifizieren. Mit besonderem Interesse wird die Rolle der deutschen Söldner in den Auseinandersetzungen zwischen den oberitalienischen Kommunen betrachtet.  --  Hartmut Boockmann, Der Deutsche Orden in der Kommunikation zwischen Nord und Süd (S. 179-189), markiert die Marienburg und die Niederlassung des Generalprokurators in Rom als Hauptkommunikationsstrang zwischen den Balleien nördlich und südlich der Alpen.  --  Helmut Rizzolli, Südliche Einflüsse auf das Münz- und Bankwesen Tirols zur Zeit Meinhards II. und seiner Söhne (S. 191-202 mit 9 Abb.) sieht solche v. a. durch die Verpachtung oder Verpfändung der gräflichen Münzstätten an erfahrene Wechsler oder Pfandleiher aus der Toskana, meist Florenz.  --  Leander Petzoldt, Populäre Erzählstoffe aus der Romania in der Germania (S. 203-219 mit 3 Abb.), demonstriert an drei Beispielen aus der Antike (der Zauberer Virgilius), dem MA (die getreue Griseldis aus Boccaccios Decamerone) und der Neuzeit (Don Juan und der tote Gast), wie die Erzählstoffe zunächst über literarische Vermittlung in den germanischen Sprachraum gelangten und dort adaptiert wurden.  --  Otto P. Clavadetscher, Die Notariatsurkunde auf dem Weg vom Süden nach dem Norden (S. 221-229), beantwortet die Frage, ob mit dem weit verbreiteten Urkundentypus auch die italienische Institution des öffentlichen Notariats in die an Oberitalien angrenzenden Gebiete Einzug hielt, nur für wenige Regionen, darunter Oberengadin und Vinschgau, positiv.  --  Winfried Stelzer, Die Rezeption des gelehrten Rechts nördlich der Alpen (S. 231-247), behandelt das 12. bis 14. Jh. nach geographischen und institutionellen Unterschieden und macht auf das methodische Problem aufmerksam, die Studienorte der Rechtskundigen ermitteln zu können, bevor geeignete Materialien, wie die Akten der deutschen Nation an der Universität von Bologna, für prosopographische Untersuchungen zur Verfügung stehen.  --  Othmar Hageneder, Die Übernahme kanonistischer Rechtsformen im Norden (S. 249-260), sichtet im 13. Jh. eine Veränderung des Prozeßwesens hin zu kundiger Spezialisierung, weg von der Urteilsfindung in der Gerichtsgemeinde sowie der weltlichen Rechtskodifikation als Reaktion auf die Zusammenstellung des Kirchenrechts durch Gregor IX. im Liber Extra.  --  Christiane Schuchard, Päpstliche Legaten und Kollektoren nördlich der Alpen (S. 261-275, 1 Karte), faßt bezüglich des Oberthemas die bisherige Erforschung des päpstlichen Legatenwesens für das 12. und 13. Jh. zusammen und skizziert das Wirken der päpstlichen Geldeintreiber in Deutschland im 14. Jh., deren Amt im Zuge der immer straffer organisierten päpstlichen Finanzverwaltung aus den Aufgaben der Legaten und Nuntien ausgegliedert worden war.  --  Guido Castelnuovo, Lo spazio sabaudo fra nord e sud delle Alpi: specificità e confronti (X-XV secolo) (S. 277-289), geht auf die Divergenz {291} zwischen kultureller und institutioneller Prägung der burgundischen wie piemontesischen Regionen und dem politischen Willen der Grafen und Herzöge von Savoyen ein.  --  Reinhard Härtel, Friaul als Brücke zwischen Nord und Süd (S. 291-304), nimmt in erster Linie strukturgeschichtliche Probleme einer Region in den Blick, die politisch nahezu deckungsgleich mit dem Patriarchat von Aquileja und daher - die Patriarchen waren deutscher Herkunft - anders als die umliegenden Kommunen bis zur Mitte des 13. Jh. transalpinen Einflüssen ausgesetzt war.  --  Ivan Hlavácek, Das Königreich Böhmen, die Luxemburger und Italien (S. 305-317), nennt Anhaltspunkte für den steigenden italienischen Einfluß am böhmischen Hof unter Johann von Böhmen und Karl IV., während dessen Sohn Wenzel in dieser Hinsicht nicht sonderlich hervorgetreten ist.  --  Orts- und Personenregister (S. 319-336) schließen diesen Bd. ab, dessen vielfältige Beiträge dem komplexen und modernen Thema gerecht werden.

Claudia Zey {291}


[277], S. 291

Frauen des Mittelalters in Lebensbildern, hg. von Karl Rudolf Schnith, Graz u. a. 1997, Verlag Styria, 504 S., Abb., ISBN 3-222-12467-1, DEM 68.  --  Das Pendant zu den vom gleichen Hg. stammenden Bänden "Mittelalterliche Herrscher in Lebensbildern" (1990; vgl. DA 47, 673) und "Die Kaiser: 1200 Jahre europäischer Geschichte" (1996) stellt das vorliegende Buch dar, wobei "Frauen" von wenigen Ausnahmen wie Elisabeth von Thüringen, Hedwig von Schlesien und Margarete Maultasch abgesehen die Königinnen und Kaiserinnen des 10. bis 15. Jh. meint. Den insgesamt 20 Portraits sind in einem Anhang bibliographische Angaben zu Quellen und Literatur beigefügt; außerdem beschließt ein Personenregister den Band, das Mitarbeiterverzeichnis (S. 6) ist allerdings fehlerhaft. Auch wäre es ansprechender gewesen, die die Beiträge 'einleitenden' Portraits immer auf einer rechten Seite zu plazieren.

Martina Stratmann


[278], S. 291

Dietrich Claude, Niedergang, Renaissance und Ende der Praefekturverwaltung im Westen des römischen Reiches (5.-8. Jh.), ZRG Germ. 114 (1997) S. 352-379, geht den wechselvollen Schicksalen der italischen, afrikanischen und gallischen Praefekturen nach, deren Fortbestand bzw. Neueinrichtung "einer auf bewährter Tradition beruhenden Vorstellung von römischer Ordnung" (S. 378) entsprochen habe. Die gallische Praefektur fand ihr Ende erst in karolingischer Zeit: Der von Karl Martell als patricius eingesetzte Abbo starb 751.

Gerhard Schmitz


[279], S. 291

Patrick Amory, Names, ethnic identity, and community in fifth- and sixth-century Burgundy, Viator 25 (1994) S. 1-30: Sowohl die Träger 'römischer' wie auch 'burgundischer' Namen lassen ihre Namen keineswegs als Merkmal ethnischer Identität erkennen, und die Kultur der Oberschicht sollte man eher als spätantik-provinziell denn als 'römisch' bzw. 'germanisch' bezeichnen.

Timothy Reuter


[280], S. 291

Teoderico e i Goti tra Oriente e Occidente, a cura di Antonio Carile, Ravenna 1995, Longo Editore, 422 S., Abb., ISBN 88-8063-057-1, ITL 60.000.  --  Den Anspruch, anders als andere Tagungen auch wirklich Fortschritte in der {292} Geschichtswissenschaft zu erzielen (S. 21), löste der hier dokumentierte Kongreß nur zum Teil ein. Er beschäftigte sich mit einer Fülle disparater Aspekte, die auf sehr unterschiedlichem Niveau behandelt wurden; ein durchgehendes Manko fast aller Beiträge ist dabei, daß die deutsche und die wichtige englische Literatur zum behandelten Themenkreis nur wenig berücksichtigt wurde. Nach Thema und Durchführung sind für uns folgende Beiträge von Interesse: An erster Stelle zu nennen ist Valerio Neri, La legittimità politica del regno teodericiano nell' Anonymi Valesiani Pars Posterior (S. 313-340), der hinter dem Titel eine herausragend gut fundierte Einordnung des Anonymus Valesianus in den Kreis der mit Theoderich lange zusammenarbeitenden Römer um Albinus und Boethius verbirgt und sein Werk in die Zeit der byzantinischen Eroberung Roms datiert, als die Frage nach der Legitimität von Theoderichs Herrschaft konkret zur Debatte stand.  --  Antonio Garzya, Teoderico a Bisanzio (S. 341-351), untersucht die Darstellung Theoderichs bei byzantinischen Geschichtsschreibern bis zum 12. Jh. Dabei gibt er den offenbar zählebigen Irrtum von Theoderichs Analphabetismus wieder, der von Wilhelm Enßlin bereits 1940 aufgeklärt wurde (HJb 60).  --  Giovanni Polara arbeitet einige Züge der "Letteratura in Italia nell'età di Teoderico" heraus (S. 353-366).  --  Sandro Leanza, Cassiodoro esegeta: l'interpretazione dei libri salomonici (S. 373-390), untersucht die exegetischen Techniken Cassiodors und betont dessen Wichtigkeit für die Übermittlung von Hieronymus' sonst verlorener Revision des Hohen Liedes und der Weisheitsbücher nach der hexaplarischen Ausgabe des Origenes.  --  Nach Jean Irigoin, Les textes grecs circulant dans le Nord de l'Italie aux Ve et VIe siècle. Attestations littéraires et témoignages paléographiques (S. 391-400), gingen die Griechischkenntnisse in Italien seit dem 4. Jh. stark zurück, wobei vor allem fachspezifische - in erster Linie medizinische und logische - Texte in Griechisch geschrieben wurden.  --  Joachim Szidat, Le forme d'insediamento dei barbari in Italia nel V e VI secolo: sviluppi e conseguenze sociali e politiche (S. 67-78), arbeitet sehr klar die Unterschiede zwischen der sozial leichter integrierbaren Ansiedlungsform der Colonen und Laeten und der der Föderaten heraus, die ihre eigenen Sozialstrukturen beibehielten, schon durch ihre geringe Anzahl aber die Strukturen des spätrömischen Staates nicht gefährdeten. Dieser bemühte sich bis zuletzt um eine Rechtsform für die Ansiedlung von Barbaren, um die sich erst die Langobarden nicht mehr kümmerten.  --  Marc Reydellet, Théoderic et la civilitas (S. 285-296), erklärt, ebenso wie zuletzt B. Saitta (DA 52, 716 f.) und A. Stüven (DA 52, 747), die civilitas Theoderichs als Rechtsstaatlichkeit, äußert aber Zweifel an ihrer tatsächlichen Verwirklichung.  --  Alberto Somekh, Teoderico e gli Ebrei di Ravenna (S. 137-149), stellt, ausgehend von einer - freilich schwer verständlichen  --  Stelle im Anonymus Valesianus (c. 82), Theoderichs Verhalten zu den Juden in die Tradition der römischen Kaiser.  --  Walter Emil Kaegi jr., The Capability of the Byzantine Army for Military Operations in Italy (S. 79-99), stellt geistvolle Überlegungen über die - für beide Seiten eher ungünstige - militärische Ausgangssituation von Goten und Byzantinern vor dem Beginn des Gotenkrieges an.  --  Letizia Pani Ermini, Forma urbis e renovatio murorum in età teodericiana (S. 171-225), versucht vor allem anhand archäologischer Quellen, den städtebaulichen Zustand der Stadt Rom und die baulichen Maßnahmen zur Zeit Theoderichs zu klären. Dabei sieht sie wohl nicht ganz zu Recht Theoderich vorwiegend als Restaurator des Alten.  --  Maria Grazia Maioli, Rapporti commerciali e {293} materiali di Ravenna e Classe in epoca teodericiana (S. 227-236), zeigt die wirtschaftliche Bedeutung des Ravennater Hafens von Classe für Theoderich und schildert die Ergebnisse der dortigen Grabungen.  --  Arnaldo Roncuzzi, Fortificazioni di Eruli e Goti nell'assedio di Ravenna (S. 237-250), legt die historische Topographie der Küste vor Ravenna sowie Ergebnisse seiner Grabungen dar.  --  Omeljan Pritsak, The Goths and the Huns (S. 25-37), weist auf gleichförmige Erscheinungsbilder in der Geschichte von Nomadenvölkern hin.  --  Marc G. Kramarovsky - Mark B. Shchukin, Nomads on their Way to Europe (S. 161-170), geben einen Überblick über die ausgebreiteten Kontakte der Nomadenvölker zu den angrenzenden seßhaften Kulturen.  --  Sergej P. Karpov, Il Mar Nero come carrefour di culture nel Medio Evo (S. 39-52), legt den Schwerpunkt seines illustrativen Überblicks auf Zusammenleben, Organisation und Handelsbeziehungen von Lateinern, Griechen und Armeniern im späten MA.

Bettina Pferschy-Maleczek {293}


[281], S. 293

Reinhold Kaiser, Die Franken: Roms Erben und Wegbereiter Europas? (Historisches Seminar N. F. 10) Idstein 1997, Schulz-Kirchner Verlag, 187 S., 9 Abb., 12 Karten, ISBN 3-8248-0030-6, DEM 35,80.  --  Der Reihe entsprechend ist dies ein Studienbuch für den praktischen Gebrauch in Schule und Hochschule. Nach einer kompakten Einführung in Gang und Stand der Forschung über die frühen Franken und das Merowingerreich (fußend auf K.s früherem Buch, vgl. DA 50, 710) findet man 26 ausgewählte Quellenstellen, zeitlich gestreut von den Panegyrici Latini (um 300) bis zum Liber Historiae Francorum (726/27), jeweils im Originaltext (soweit lateinisch und nicht griechisch) sowie in einer deutschen Übersetzung. Beigefügt sind außerdem Auszüge aus neueren Forschungsbeiträgen von W. Goffart, M. Rouche, K. F. Werner, H.-W. Böhme und W. Haubrichs sowie ein üppiges Quellen- und Literaturverzeichnis. Einige der Karten und Abbildungen werden durch das Taschenbuchformat beeinträchtigt, doch dürfte das Büchlein im übrigen seinem Zweck voll gerecht werden.

Rudolf Schieffer


[282], S. 293

Ian Wood, The Merovingian Kingdoms 450-751, London u. a. 1994, Longman, XII u. 395 S., 4 Karten, ISBN 0-582-49372-2, GBP 40.  --  Durch zahlreiche Untersuchungen zu verschiedensten Aspekten der Merowingerzeit als Spezialkenner ausgewiesen (vgl. im Literaturverzeichnis S. 340 f.), legt W. nun eine umfassende Gesamtdarstellung der Epoche in einem weitgespannten Rahmen vor: vom spätantiken Gallien und der Konstituierung germanischer Reiche bis zum frühkarolingischen regnum Francorum Pippins d. J. Das in erster Linie für Studenten gedachte Buch ist in chronologische Kapitel gegliedert, zwischen die immer wieder systematische Abschnitte eingeschoben werden (zu Bischofskirchen, Rechtswesen, Frauen, Klöstern, Wirtschaft, Schriftkultur, Münzwesen, Mission). Das hat Vor- und Nachteile: der Student, der sich rasch einen Überblick über die politische Geschichte in zeitlicher Abfolge verschaffen will, kann die Kapitel 3, 6, 9, 13, 15 und 16 hintereinander lesen; andererseits werden in den übrigen Kapiteln - notwendigerweise - häufig politische Fakten wieder aufgegriffen, was zu nicht wenigen Wiederholungen führt. Der Fachmann wird gerade in den systematischen Kapiteln zahlreiche offene Forschungsfragen diskutiert finden, besonders solche, die W. selbst behandelt hat - seine eigenen Arbeiten tauchen {294} denn auch bevorzugt in den Fußnoten auf, die sonst fast nur Quellenstellen verzeichnen. W.s Quellenkenntnis ist beeindruckend, und die quellennahe Darstellung erhöht den Reiz der Lektüre. Allerdings steht er vielen Quellen - sei es Gregor von Tours oder die Fredegar-Fortsetzungen, seien es einzelne Heiligenviten oder die Bonifatius-Briefe - durchweg sehr, zuweilen allzu skeptisch gegenüber; in solchen Passagen hätte man sich dann doch eine Auseinandersetzung mit der - auch nicht-englischen! - Forschungsliteratur gewünscht. So scheinen mir z. B. seine Zweifel an der Abkunft Pippins II. von Arnulf von Metz übertrieben (S. 259 f.). Oder ein anderes Beispiel: gegen die angeblich falsche Datierung der Schlacht bei Poitiers auf 732 beim Fredegar-Fortsetzer führt er die mozarabische Chronik von 754 an, erwähnt aber mit keinem Wort die kleinen Annalen (die alle 732 bezeugen). Kann man aber solche strittigen Fragen ohne die neuere Literatur diskutieren (im ersten Fall wird kein Autor, im zweiten nur R. Collins angeführt)? Einleitend zu seinem Literaturverzeichnis (S. 325) betont W., daß er "largely at students" weitgehend nur englische Arbeiten aufführt; "only occasionally, when there is no English alternative or where the work in question is fundamental, have I referred to works in French or German". Aber kann man - um nur einige Beispiele zu nennen - eingehend das Berthram-Testament behandeln, ohne auf M. Weidemanns Buch einzugehen (S. 207-210), oder die Glaubwürdigkeit der Annales Mettenses priores ohne Heranziehung der Arbeit von I. Haselbach diskutieren (S. 257-259) oder "the crisis of 714-717" ohne den Aufsatz von J. Semmler analysieren (S. 267 f.)? - In der Gesamtwertung des Merowingerreichs neigt W. zu einer Ehrenrettung auch der Spätzeit, zumindest bis 719: "few dynasties had been so powerful for so long" (S. 322); auch im kulturellen Bereich gesteht er den Merowingern "a significant role to play in the transmission of culture from the late Roman through to the Carolingian period" zu (S. 323). Ob unsere traditionelle Sicht vom stetigen Niedergang des Merowingerreichs nach Dagoberts I. Tod (638/39) nur durch die verzerrende Darstellung der karolingerfreundlichen Quellen bedingt ist, wäre zu diskutieren. Anregend ist die Lektüre des gut geschriebenen Buches allemal.

Ulrich Nonn {294}


[283], S. 294

William M. Daly, Clovis: How barbaric, how pagan?, Speculum 69 (1994) S. 619-664: nicht sehr, eher spätrömisch.

Timothy Reuter


[284], S. 294

Claudio Azzara, "Pater vester, clementissimus imperator". Le relazioni tra i Franchi e Bisanzio nella prospettiva del papato del VI secolo, Studi medievali, 3a serie, 36 (1995) S. 303-320, entwickelt anhand der Korrespondenz des Papstes Pelagius I. mit dem Merowinger Childebert das politische Konzept einer in der gemeinsamen Rechtgläubigkeit begründeten Gemeinsamkeit der westlichen und östlichen Herrscher (bei Überordnung des Kaisers als pater), das andernorts schon einen Namen bekommen hat: die Familie der Könige. Das Konzept bekam aus päpstlicher Sicht nach dem Langobardeneinfall eine stärkere Zuspitzung auf den Schutz Roms hin.

Herbert Schneider


[285], S. 294

Peter Bruns, Zwischen Rom und Byzanz. Die Haltung des Facundus von Hermiane und der nordafrikanischen Kirche während des Drei-Kapitel-Streits (553), ZKG 106 (1995) S. 151-178, veröffentlicht etwas erweitert seine Bochumer Antrittsvorlesung über den nordafrikanischen Bischof, der rasch zum führenden {295} Kopf des nordafrikanischen Widerstands gegen die Religionspolitik Justinians (und dann auch des Papstes Vigilius) aufgestiegen war. Seine gesamte uns bekannte literarische Produktion war der Verteidigung der Drei Kapitel und damit der Autorität des Konzils von Chalkedon gewidmet.

Herbert Schneider


[286], S. 295

Bernard S. Bachrach, The anatomy of a little war. A diplomatic and military history of the Gundovald affair (568-586) (History and warfare), Boulder u. a. 1994, Westview Press, XX u. 283 S., Abb., genealogische Taf., ISBN 0-8133-1492-5, USD 49,85.  --  Gundowald, der angebliche oder wirkliche Sohn Chlothars I. († 561), war eine wichtige Schachfigur in den schweren innermerowingischen Auseinandersetzungen zur Zeit der Chlodwig-Enkel. Der söhnelose Childebert I. († 558) hatte ihn zunächst anerkannt, Chlothar dagegen bestritt die Vaterschaft. Von Charibert († 567) aufgenommen, von Sigibert I. († 575) nach Köln verbannt, floh Gundowald nach Italien zu Narses und weiter an den byzantinischen Kaiserhof. Nach bewährtem Muster wurde der potentielle Thronanwärter hier als diplomatischer Spielball benutzt. Von Kaiser Tiberios I. (578-582) reich ausgestattet, folgte er 582 der Einladung einer austrasischen Gesandtschaft und landete im Herbst in Marseille, wurde aber von dem durchtriebenen dux Gunthram Boso kaltgestellt und zog sich auf eine provençalische Insel zurück. Die Ermordung Chilperichs I. im Herbst 584 veränderte die Situation völlig, sein Teilreich "brach wie ein Kartenhaus zusammen" (E. Ewig). Die Austrasier riefen Gundowald nach Aquitanien; im Dezember 584 wurde er in Brives-la-Gaillarde (Limousin) durch Schilderhebung zum König proklamiert (wobei er nach Hist. Fr. VII, 10 beim dritten Rundgang herabgefallen sein soll - erstes Vorzeichen für seinen baldigen Untergang). Durch die neuerliche Annäherung Gunthrams († 592) und Childeberts II. († 596) geriet er zunehmend in Isolation und wurde Anfang 585 in Comminges (dép. Haute-Garonne) in einen Hinterhalt gelockt und grausam getötet. Soweit die Fakten, fast ausschließlich durch Gregor von Tours bezeugt, als "Gundowald-Affaire" seit langem Gemeingut der Forschung. B. untersucht in seinem Buch umfassend die Vorgeschichte, analysiert die diplomatischen Verwicklungen (Franken, Westgoten, Langobarden, Byzantiner, Awaren) und rekonstruiert minutiös die Ereigniskette. In der Streitfrage: angeblicher oder wirklicher Sohn Chlothars I.? bringt er eine Fülle von überzeugenden Argumenten für die königliche Sohnschaft. Aufschlußreich sind die sehr konkreten Erörterungen zum diplomatischen Verkehr; wir erhalten ein plastisches Bild der Reiserouten, der Transportmittel, der benötigten Zeiten, der Form der Botschaften. Ganz besonders aber interessieren B., den derzeit wohl besten Kenner des frühma. Militärwesens, die Einzelheiten der Kriegstechnik, die er noch weitgehend spätantik geprägt sieht. Über die Formen des Aufgebots, die Truppenstärken, die genauen Abläufe und das Tempo der Heeresbewegungen, das Aussehen der Belagerungsmaschinen usw. werden wir genauestens informiert. Und das 5. Kapitel "The siege of Convenae" läßt den letzten Akt des Dramas "The little war" - die Belagerung Gundowalds, den Verrat, seine Ermordung und die Verstümmelung seiner Leiche - anhand des ausführlichen, farbigen Berichts Gregors, ergänzt durch B.s Recherchen am Tatort (mit instruktiven Plänen und Abbildungen) wie einen dramatischen Film vor dem Leser ablaufen. Nach gespannter Lektüre fühlt sich der Leser über alle Einzelheiten der Affaire bestens informiert - aber ist dieses Bild so sicher? Darf man Gregors Schilderungen eine {296} so weitgehende Faktizität unterstellen? Gerade neuere Untersuchungen (W. Goffart 1988 [vgl. DA 45, 647 f.], M. Heinzelmann 1994, A. H. B. Breukelaar 1994 [vgl. DA 52, 243 ff.]) mahnen hier zur Skepsis. Diese Einschränkung soll aber nicht den generellen Wert des Bandes - grundlegende Einsichten in Diplomatie und Kriegswesen der merowingischen Epoche, basierend auf genauester Quellenanalyse und Diskussion einer Unmenge von Forschungsliteratur - schmälern.

Ulrich Nonn {296}


[287], S. 296

Wolfgang Fritze, Untersuchungen zur frühslawischen und frühfränkischen Geschichte bis ins 7. Jahrhundert. Zum Druck befördert sowie durch ein Nachwort, einen Nachruf und durch ein Verzeichnis der Veröffentlichungen von Wolfgang H. Fritze ergänzt durch Dietrich Kurze, Winfried Schich und Reinhard Schneider (Europäische Hochschulschriften, Reihe 3: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften 581) Frankfurt am Main u. a. 1994, Lang, XXVI u. 460 S., ISBN 3-631-46669-2, DEM 118.  --  Mit dieser Diss. wurde der Autor 1952 in Marburg promoviert; nachdem die maschinenschriftliche Fassung immer wieder zitiert worden war, erfolgte nun ein postumer Druck. Im Zentrum des Buches steht die sog. Fredegarchronik als wichtigste Quelle "für den tatsächlichen Verlauf der fränkischen Südostpolitik im 7. Jh., so auch für ihre Motive und letzten Ziele" (S. 111). Einleitend gilt ein nützlicher Überblick der Herkunft der Slawen und den altslawischen Verhältnissen (Politik, Sprache, Wirtschaft, Kultur), gefolgt von sechs Exkursen zu Spezialfragen (u. a. zu den Slawen am Obermain, zu den Namen "Anten" und "Sklawenen", zum sog. Bayerischen Geographen und zur Stammesverfassung der Abodriten). Das erste Kapitel verfolgt die Slawen in der fränkischen Ostpolitik von ihrem ersten Auftreten in den fränkischen Quellen, dem Sieg Tassilos von Bayern über die Slawen im Pustertal um 589/95, bis zum Samo-Reich und der Niederlage Dagoberts I. 632 bei Wogastisburg (an der Eger). In den folgenden beiden Kapiteln geht es um "die fränkische Auseinandersetzung mit dem oströmisch-byzantinischen Universalismus", zunächst nach Fredegar. Im Verhältnis zum Imperium Romanum zeigt dieser eine sehr selbstbewußte Haltung; der fränkische König erscheint als gleichgestellter Vetragspartner des Kaisers, "die fränkische Herrschaft ist 'romfrei'" (S. 152). Die anschließende Untersuchung in früheren Quellen - für die Zeit Chlodwigs, Theudeberts I. und Childeberts II.  --  ergibt, "daß Ps.-Fredegar mit seiner Auffassung vom fränkisch-byzantinischen Verhältnis am Ende einer langen Entwicklungsreihe steht, die kontinuierlich auf ihn zuführt" (S. 222). Das letzte Kapitel leitet wieder zur Ausgangsfrage, der "Stellung der Slawen in der gentilen Welt" zurück, geht aber weit darüber hinaus: F. untersucht minutiös Fredegars Verwendung der Begriffe gens, natio und regnum, die Stellung der gens Francorum im regnum und ihr Verhältnis zu den übrigen gentes des Reiches.  --  F. hat sein 1952 sicher noch heikles Thema in großer Toleranzbreite untersucht, "ohne daß die reichlich vorhandene Emotionalität der frühen Nachkriegsjahre erkennbar würde" (wie R. Schneider im Nachwort S. 430 betont); das Buch schließt mit dem Satz: "Der erste europäische Beobachter des slawischen Problems [Fredegar] hat damit bereits den einzigen Weg beschritten, der zu einer Lösung dieser Frage führen konnte: die gleichberechtigte Aufnahme der Slawen in die europäische Völkerfamilie" (S. 285). Weit über das engere Thema hinaus behält das Buch seinen Wert durch die minutiösen Analysen der Begrifflichkeit der Quellen; F.s {297} von seinem Doktorvater E. E. Stengel hervorgehobene "besondere Begabung für die kritische Erschließung der politischen Begriffe des Frühmittelalters" (S. 431) kann auch der heutige Leser nur bestätigen - der späte Druck hat sich gelohnt.

Ulrich Nonn {297}


[288], S. 297

Rob Meens, A background to Augustine's mission to Anglo-Saxon England, Anglo-Saxon England 23 (1994) S. 5-17, macht auf Anzeichen einer früheren Missionierung der Angeln und Sachsen durch den einheimischen britischen Klerus aufmerksam.

Timothy Reuter


[289], S. 297

Lutz E. von Padberg, Mission und Christianisierung: Formen und Folgen bei Angelsachsen und Franken im 7. und 8. Jahrhundert, Stuttgart 1995, Steiner, 419 S., 1 Frontispiz, ISBN 3-515-06737-X, DEM 136.  --  In diesem Buch, seiner Habilitationsschrift von der Universität Paderborn aus dem Jahre 1993, greift der Vf. in breiterer Weise das Thema seiner Diss. (vgl. DA 40, 274 f.) noch einmal auf. Zweifellos ist dieses Thema wichtig und interessant und bisher in der Forschung nur sehr unzureichend behandelt. Als Ausgangspunkte dienen P. die Forschungen seines Lehrers Karl Hauck und die von Arnold Angenendt, wobei er vor allem drei Problemfelder behandelt: die ethnische Verbundenheit von Heiden und Glaubensboten, die eine Mischkultur hervorbrachte; die Tatsache, daß unsere Quellen keine Aussagen über die Motive für den Glaubenswechsel machen und daß daher die Frage nach den Ursachen der Bekehrung "falsch gestellt ist"; endlich müsse man erkennen, daß sich das Geschehen der conversio dem wissenschaftlichen Zugriff entzieht. Diese Fragen werden in zwei großen Abschnitten "Funktionsanalyse der Mission" und "Veränderungspotentiale der Christianisierung" abgehandelt. Dabei bildet zwar den Schwerpunkt die Christianisierung der Angelsachsen und die angelsächsische Mission auf dem Festland in der ersten Hälfte des 8. Jh., aber in den nicht immer einleuchtend gegliederten Kapiteln und Unterabschnitten werden vielerlei weitere Fragen abgehandelt und reichlich Literatur herangezogen, die der Vf. oft auch kritisch diskutiert. Dadurch wird es aber dem Leser erschwert, dem Argumentationsgang der Untersuchung zu folgen; zuweilen verliert er den Faden sogar völlig. Letztlich gelangt die Arbeit nicht über die Erkenntnisse Angenendts oder - für das Wirken des Bonifatius - Theodor Schieffers hinaus. Nur gelegentlich werden die von P. durchaus berücksichtigten Ergebnisse der Archäologie für seine Fragestellung tatsächlich fruchtbar gemacht. Vielfach bleiben die Aussagen zu unentschieden, so daß auch zentrale Probleme der hier behandelten Thematik wie die Einordnung des Indiculus enttäuschend unklar bleiben. Man könnte diese Unklarheit auch positiv zu bewerten suchen und argumentieren, bei vorsichtiger Beachtung aller Einschränkungen könnten eben keine sicheren Aussagen gemacht werden: aber worin besteht dann die Bedeutung dieses Buches?

Wilfried Hartmann


[290], S. 297

Knut Schäferdiek, Der Schwarze und der Weiße Hewald. Der erste Versuch einer Sachsenmission, Westfälische Zs. 146 (1996) S. 9-24, interpretiert mit sorgfältiger Berücksichtigung der hagiographischen Topik die von Beda Venerabilis überlieferte Passio der beiden, nach ihrer Haarfarbe unterschiedenen angelsächsischen Priestermönche Hewald. Diese in den Quellen faßbare früheste und {298} von einer Klostergemeinschaft vorbereitete Sachsenmission fand bald nach 690 ein schnelles Ende mit dem Martyrium der beiden Hewalde.

Goswin Spreckelmeyer {298}


[291], S. 298

Stefan Schipperges, Bonifatius ac socii eius. Eine sozialgeschichtliche Untersuchung des Winfrid-Bonifatius und seines Umfeldes (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte, Bd. 79) Mainz 1996, Selbstverlag der Gesellschaft für mittelrheinische Kirchengeschichte, IX u. 438 S., ISBN 3-929135-11-6, DEM 82.  --  Mit Berufung auf N. Elias unternimmt es diese Freiburger Diss., "die Verbindungslinien zwischen den Handlungen und Leistungen einer historisch bekannten Einzelgestalt und der sie umgebenden Gesellschaft exemplarisch aufzuzeigen" (S. 379). Auf der Basis der bekannten Quellen, vor allem also der Bonifatius-Briefe und der ältesten Vita Bonifatii, wird zunächst ein sorgfältiger und daher nützlicher prosopographischer Katalog der 154 Personen erstellt, die in quellenmäßig faßbarer Weise mit dem Angelsachsen in Beziehung standen. Dann werden daraus "Sozialkategorien" abgeleitet, d. h. gleichartige soziale Merkmale, Verhaltensweisen und Vorstellungen (wie angelsächsische Herkunft, geistliche Lebensform, Romfahrten, Bildungsstreben, eherechtliche Grundsätze usw.), die mehrere Personen zu "potentiellen Gruppen" verbinden. Als "soziale Gruppen" im eigentlichen Sinne kristallisieren sich jedoch nur "angelsächsische Geistliche", "fränkische Adlige" und "die Missionsgruppe" heraus, wobei Sch. die Erkenntnis als "grundlegend" bezeichnet, daß Bonifatius selbst der ersten wie der dritten Gruppe zuzurechnen sei. Schließlich wird derselbe Stoff auch noch chronologisch aufbereitet, um zu zeigen, "wann und in welchem geschichtlichen Kontext die jeweiligen Personen mit Bonifatius in Kontakt standen" (S. 295), was zu dem nicht unerwarteten Ergebnis führt, daß entscheidende Begegnungen bereits in die ersten vierzig Lebensjahre vor dem Aufbruch zum Kontinent fielen. Am Ende erfährt man, daß "die Einbettung der Person des Bonifatius in sein soziales Umfeld die notwendige Voraussetzung dafür (war), daß seine Person als individuelle Gestalt sich von seinem Umfeld abzuheben und als außerordentlicher Akteur in die Geschichtsforschung einzugehen vermag" (S. 383). Gewiß, aber war das nicht seit jeher klar?

Rudolf Schieffer


[292], S. 298

The new Cambridge Medieval History, Vol. 2: c. 700 - c. 900, edited by Rosamond McKitterick, Cambridge u. a. 1995, Cambridge University Press, XXXI u. 1082 S., ISBN 0-521-36292-X, GPB 65.  --  Der hier vorzustellende Band ist der erste Band der neuen Cambridge Medieval History, der erschienen ist. In 30 Kapiteln wird die europäische Geschichte im karolingischen Zeitalter behandelt, wobei England ca. 90, das Frankenreich 80, Italien ca. 60 und das Byzantinische Reich in seinen Beziehungen zum Westen 35 Seiten erhielt. Kleinere Kapitel gelten Skandinavien, den Normannen, Slaven und Bulgaren sowie Spanien und den Muslimen. Mit diesen Kapiteln zur allgemeinen Geschichte ist aber noch deutlich weniger als die Hälfte des Bandes gefüllt; weitere große Teile gelten einer strukturellen Darstellung von Regierung, Gesellschaft und Wirtschaft (S. 383-559), Kirche und Gesellschaft (S. 563-678), Kultur und intellektueller Entwicklung (S. 681-844). Während die Kapitel zur allgemeinen Geschichte eher knapp gehalten sind, gab die Hg. in den strukturellen Abschnitten ihren Mitautoren recht viel Raum, so daß etwa Janet Nelson auf fast 50 Seiten über {299} "Kingship and royal government" schreiben konnte, auch das Kapitel über das Mönchtum (von Mayke de Jong) ist recht umfangreich ausgefallen. Die Vorliebe der Hg. zeigt sich dann in den großen Kapiteln über Erziehung und literarische Kultur (von John J. Contreni, 50 Seiten) und von David Ganz über Buchproduktion und die Ausbreitung der karolingischen Minuskel (S. 786-808). Dieser Teil wird durch ein Kapitel über "Art and architecture" von Lawrence Nees abgeschlossen. Man hätte sich gewünscht, eine ausführliche Conclusion zu erhalten, in der versucht wird (ähnlich wie in der Einleitung über die Quellen), die zum Teil recht disparaten Kapitel zum Einklang zu bringen. Man wird auch Themen vermissen, deren Behandlung in einem solchen Band erwünscht gewesen wäre, und in diesem Fall kann man nur bedauern, daß die wichtige Thematik "Recht und Gerichtsbarkeit" nicht in einem eigenen Abschnitt ihrer Bedeutung gemäß dargestellt wurde. Bei der Besprechung eines Handbuchs ist es vielleicht erlaubt, die Bibliographie etwas näher zu betrachten. Eine einheitliche Bibliographie gibt es nur für Primärquellen, die in etwas merkwürdiger Weise behandelt sind (z. B. werden einzelne Kapitularien oder Konzilien und ihre - nicht immer die neuesten - Druckorte angeführt); hier sind auch eine ganze Reihe von Fehlern unterlaufen. Ansonsten wurden anscheinend die Literaturangaben der Einzelautoren übernommen, was zu manchen Ungleichmäßigkeiten geführt hat. So ist es sicher unangemessen, zu dem 20 Seiten umfassenden Kapitel über Slaven und Bulgaren 21 Seiten Literatur zu nennen (das ist der umfangreichste Literaturteil im ganzen Band!).

Wilfried Hartmann


[293], S. 299

Janet Nelson, The Frankish World 750-900, London u. a. 1996, The Hambledon Press, XXXII u. 256 S., ISBN 1-85285-105-8, GBP 37,50.  --  In einer Einleitung (S. XIII-XXXI) skizziert N. etwas impressionistisch und phantasievoll die politische und kulturelle Situation im Karolingerreich. Von den anschließenden 13 Aufsätzen sind sieben schon anläßlich ihres Erstdrucks im DA angezeigt worden. Nicht besprochen waren bislang die folgenden sechs (die gleichfalls hier bereits ein zweites Mal veröffentlicht werden): Dispute Settlement in Carolingian West Francia (S. 51-74), bespricht 3 Urkunden bzw. Notitiae von 828, 875 und 857, mit denen Streitigkeiten um Abgaben und Grundstücke geschlichtet worden sind; betroffen sind vor allem Saint-Martin de Tours und Erzbischof Wulfad von Bourges.  --  Translating Images of Authority: The Christian Roman Emperors in the Carolingian World (S. 89-98): Karl der Kahle habe sich schon vor der Kaiserkrönung von 875 die spätantiken christlichen Kaiser zum Vorbild genommen; das zeige vor allem das Edikt von Pîtres (864), das an den Codex Theodosianus anknüpfe.  --  Making Ends Meet: Wealth and Poverty in the Carolingian Church (S. 145-153): Die einfachen Priester waren infolge ihrer Armut häufigen Versuchungen ausgesetzt (wie illegalem Landerwerb, Trinkgelagen, Umgang mit Frauen); die Bischöfe versuchten, dem durch Konzilsgesetze und Capitula episcoporum (unsere Hauptquellen für diese Fragen) entgegenzuwirken.  --  Rewriting the History of the Franks (S. 169-181) ist eine Sammelbesprechung dreier 'textbooks' von P. Riché (Les Carolingiens: une famille qui fit l'Europe, 1983; vgl. DA 44, 273), R. McKitterick (The Frankish Kingdoms under the Carolingians, 1983; vgl. DA 41, 273) und E. James (The Origins of France: From Clovis to the Capetians, 1982); der Wiederabdruck dürfte kaum einem Desiderat entsprechen.  --  Gender and Genre in Women Historians of the Early Middle Ages {300} (S. 183-197), verficht die These, daß die Annales Mettenses priores, die Vita Mathildis antiquior und der Liber historiae Francorum von Frauen verfaßt worden seien.  --  Women at the Court of Charlemagne: A Case of Monstrous Regiment? (S. 223-242), macht sich Gedanken über den Einfluß, den Karls des Großen Schwester, Frauen und Töchter ausgeübt haben, fragt, ob der Kaiser mit seinen Töchtern Inzest getrieben hat, und meint, er habe in seinen letzten Jahren 'ihre politische Hilfe im Haushalt und am Hof benötigt'.  --  Das Buch wird durch einen Index erschlossen.

Hartmut Hoffmann {300}


[294], S. 300

Philippe Depreux, Tassilon III et le roi des Francs: examen d'une vassalité controversée, Revue historique 293 (1995) S. 23-73, zeigt sich im Gegensatz zu M. Becher (vgl. DA 49, 709 f.) geneigt, der rückblickenden Darstellung der Reichsannalen von den Rechtsbeziehungen Tassilos zu den Karolingern, insbesondere auch der (schon von P. Classen, vgl. DA 35, 677, bezweifelten) Kommendation von 757, grundsätzlichen Glauben zu schenken, möchte dabei aber die einzelnen Akte noch nicht im präzisen lehnrechtlichen Sinne späterer Zeiten verstanden wissen.

Rudolf Schieffer


[295], S. 300

Philippe Depreux, Prosopographie de l'entourage de Louis le Pieux (781-840) (Instrumenta 1) Sigmaringen 1997, Jan Thorbecke Verlag, 496 S., ISBN 3-7995-7265-1, DEM 168.  --  Mit dieser ursprünglich Pariser Diss. ist nicht nur ein nützliches Nachschlagewerk entstanden für alle, die sich mit dieser Zeit beschäftigen, sondern auch eine wichtige Vorarbeit für die noch ausstehende Edition der Urkunden Ludwigs des Frommen geleistet worden. Nach einer Einleitung (S. 1-64), die sich mit der Hofkapelle und der Umgebung des Kaisers, d. h. der Zusammensetzung dieses Kreises und den Kommunikationsstrukturen befaßt, enthält das Kernstück der Arbeit 280 Artikel zu geistlichen und weltlichen Personen, die in erzählenden wie dokumentarischen Quellen als 'entourage' Ludwigs faßbar sind. Die kleingedruckten Fußnoten machen schnell deutlich, welche große Fülle an Quellen und Literatur D. für dieses Opus durchgearbeitet hat. Ein Anhang enthält außerdem Personen, die zwar bekannt sind, aber wohl nicht zur Umgebung des Kaisers gehört zu haben scheinen wie erstaunlicherweise Agobard von Lyon, Jesse von Amiens oder Waltcaud von Lüttich. Auf Details kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden, es sei nur erwähnt, daß D. eine Identifizierung des sog. Astronomus mit dem Iren Dicuil vorschlägt (S. 113 f. und S. 159 f.). D. hat allerdings die - vielleicht gerade während der Drucklegung der Prosopographie (?) - erschienene Edition der beiden Ludwigsviten durch E. Tremp (MGH SS rer. Germ. 64, 1995) nicht berücksichtigt, die letztlich keine Hypothese zur Identifizierung des Anonymus vornimmt. Desgleichen nicht zitiert sind der Band über "Schriftkultur und Reichsverwaltung unter den Karolingern" (1996; vgl. DA 53, 315 f.) und die Edition der Kapitulariensammlung des Ansegis von G. Schmitz (MGH Capit. N. S. 1, 1996). Der Traktat De ministris Remensium ecclesiae Ebos von Reims wurde von der Rezensentin ediert in der Festschrift für Raymund Kottje (1992; vgl. DA 49, 615 f.) und die Gesta de villa Noviliaco Hinkmars von Reims erst kürzlich von H. Mordek (ZRG Kan. 1997; siehe oben S. 219 f.). Auf S. 371 ist der Beleg aus Flodoards Historia Remensis ecclesiae, der sich sowohl zu Rothad I. als auch zu Rothad II. von Soissons findet, für ersteren zu streichen. Aber diese Quisquilien seien nur am Rand {301} erwähnt; insgesamt ist das Buch eine beeindruckende Leistung und ein willkommenes Hilfsmittel, wie man es sich auch für andere karolingische Herrscher wünschen würde.

Martina Stratmann


[296], S. 301

Johannes Heil, Claudius von Turin - eine Fallstudie zur Geschichte der Karolingerzeit, Zs. für Geschichtswissenschaft 45 (1997) S. 389-412, sucht die Anfeindungen gegen den Exegeten und Bischof († um 827; vgl. MGH Epp. 4 S. 586-613) in eine "Kontroverse zwischen Theologen aquitanisch-westgotischer Provenienz auf der einen und Theologen insularer Herkunft auf der anderen Seite" einzuordnen, was jedoch im einzelnen recht hypothetisch bleibt.

Rudolf Schieffer


[297], S. 301

Karl Heidecker, Kerk, huwelijk en politieke machte. De zaak Lotharius II 855-869, Amsterdam 1997, 270 S., keine ISBN.  --  Diese Amsterdamer Diss. über "Kirche, Ehe und politische Macht", die dankenswerterweise über eine deutsche Zusammenfassung verfügt (S. 260-266), interpretiert und diskutiert erneut die berühmte Eheangelegenheit Lothars II., die vor allem durch die 1992 von L. Böhringer vorgelegte Edition von Hinkmars Schrift De divortio Lotharii regis et Theutbergae reginae mit ihrer konzisen Einleitung (MGH Conc. 4 Suppl. 1) und die Ausgabe der einschlägigen Konzilstexte durch W. Hartmann (MGH Conc. 4, 1998) wieder in den Mittelpunkt des Interesses rückt. Beide Quellenausgaben wurden von H. benutzt. Auch er sieht in der Affäre nicht mehr, wie die ältere Forschung das tat, das ausschließlich durch persönliche Zuneigung und Abneigung bestimmte Drama der drei Beteiligten Lothar, Theutberga und Waldrada. Genau wie Böhringer betont H. die Bedeutung übergeordneter Interessen und untersucht die Rolle der Bischöfe, allen voran Hinkmar von Reims, und der Päpste, Nikolaus I. und Hadrian II. Besonderes Gewicht legt der Autor weniger auf die Fragestellung, warum Lothar sich scheiden lassen wollte, sondern darauf, ob die Verbindung Lothars mit Waldrada eine vollgültige Ehe war, und hier findet sich die eigentlich neue These des Buches: Besonders unter Berufung auf die Studie von Else Ebel, die die Existenz einer Friedelehe in Island (!) abgelehnt hat (Festschrift für Paul Mikat 1989; vgl. DA 47, 196) bezeichnet H. diese Institution als "Erfindung moderner Historiker" (S. 249-242, das Zitat S. 264) und sieht Lothars Verbindung mit Waldrada als vollgültige Ehe an. Diese These wird also möglicherweise Anlaß zu einer Diskussion über die Einschätzung der Eheangelegenheit geben. Ansonsten werden die Quellen ausführlich untersucht und die beteiligten Personen und ihre Motive analysiert.

Martina Stratmann


[298], S. 301

Martin Eggers, Das Erzbistum des Method. Lage, Wirkung und Nachleben der kyrillomethodianischen Mission (Slavistische Beiträge 339) München 1996, Otto Sagner Verlag, 176 S., 5 Abb., 10 Karten, ISBN 3-87690-649-0, DEM 40.  --  Das zweite, bescheidenere, jedoch wohl nicht letzte Buch von E. zum Thema des "Großmährischen Reiches" (vgl. DA 52, 275 f.; das archäologische Buch ist angekündigt) beschäftigt sich nochmals mit der Lage des Metropolitansitzes Methods, um die Theorie der Situierung von "Großmähren" in der Theißebene zu erhärten. Es sei auf weitere ausgewählte, inzwischen erschienene Stimmen zum Problem hingewiesen, die so gut wie ausnahmslos auf die Ergebnisse von E. mit großer Zurückhaltung reagieren: Eduard Mühle, Altmähren oder Moravia? {302} Neue Beiträge zur geographischen Lage einer frühmittelalterlichen Herrschaftsbildung im östlichen Europa, Zs. für Ostmitteleuropa-Forschung 46 (1997) S. 205-223; Ján Steinhübel, Die großmährischen Bistümer zur Zeit Mojmírs II., Bohemia 36 (1996) S. 2-22 und Markus Osterrieder, Das Großmährische Reich. Zwei neue Studien, Bohemia 37 (1997) S. 112-119.

Ivan Hlavácek {302}


[299], S. 302

Carlrichard Brühl/Bernd Schneidmüller (Hg.), Beiträge zur mittelalterlichen Reichs- und Nationsbildung in Deutschland und Frankreich (HZ Beihefte N. F. 24) München 1997, Oldenbourg, IX u. 111 S., ISBN 3-486-64422-X, DEM 58.  --  Als "Dokumentation des aktuellen Forschungsstandes" (S. IX) gibt der Band die teilweise überarbeiteten Referate auf einer Sektion des Hannoveraner Historikertages von 1992 wieder, die sich auf Anregung von C. Brühl mit kontroversen Aspekten von dessen Buch "Deutschland-Frankreich" (vgl. DA 52, 276 f.) befaßte: Joachim Ehlers, Methodische Überlegungen zur Entstehung des deutschen Reiches im Mittelalter und zur nachwanderzeitlichen Nationenbildung (S. 1-13), rückt die Problematik einleitend in den weiteren Horizont der Ethnogenese-Forschung und ihrer Einsichten über das Werden der frühma. Großverbände.  --  Karl Ferdinand Werner, Völker und Regna (S. 15-43), leitet aus einer thesenhaften Analyse von Integration und Desintegration des merowingischen und des karolingischen Frankenreiches die Veranlassung ab, "den Prozeß hin zu 'Frankreich' und 'Deutschland' als noch früher begonnen und noch später vollendet anzusehen, als Carlrichard Brühl es vorgeschlagen hat" (S. 42 f.).  --  Eckhard Müller-Mertens, Frankenreich oder Nicht-Frankenreich? Überlegungen zum Reich der Ottonen anhand des Herrschertitels und der politischen Struktur des Reiches (S. 45-52), möchte die Kennzeichnung "nicht mehr fränkisch und noch nicht deutsch" eher auf das Reich des 10. als des 11. Jh. beziehen und beruft sich auf den offiziellen Gebrauch des Frankennamens, der der Intitulatio der westfränkischen Herrscher überlassen, zumindest gelegentlich aber im Verhältnis zu Italien in Anspruch genommen wurde.  --  Eduard Hlawitschka, Vom Ausklingen der fränkischen und Einsetzen der deutschen Geschichte. Ein Abwägen von Kriterien (S. 53-81): vgl. DA 53, 316.  --  Bernd Schneidmüller, Widukind von Corvey, Richer von Reims und der Wandel politischen Bewußtseins im 10. Jahrhundert (S. 83-102), betont gegen C. Brühl den heuristischen Wert der Historiographie für das Verständnis der Nationsbildung und sieht ihn bei den beiden genannten Autoren in der Vermittlung des Eindrucks, daß "in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts aus dem alten Frankenreich eigenständige fränkisch-sächsische und fränkisch-gallische Gebilde erwachsen waren" (S. 101).  --  Francis Rapp, Nationalbewußtsein und Religion im Spätmittelalter. Ein Vergleich zwischen Frankreich und Deutschland (S. 103-110), erörtert Entsprechungen und Unterschiede politischer Religiosität vor dem Hintergrund der staatlichen Entwicklung im 14./15. Jh.

Rudolf Schieffer


[300], S. 302

Gert Haendler, Von der Reichskirche Ottos I. zur Papstherrschaft Gregors VII. (Kirchengeschichte in Einzeldarstellungen I, 9) Leipzig 1994, Evangelische Verlagsanstalt, 176 S., ISBN 3-374-00017-7, DEM 21,50, wendet sich gemäß der Zielsetzung der Reihe in erster Linie an Studenten der Theologie, bei denen {303} ausgeprägte kirchengeschichtliche Kenntnisse zumeist nicht vorhanden sind. Der für die Darstellung der zweihundert Jahre von 900 bis zum Tod Gregors VII. (1085) knapp bemessene Raum konzentriert sich auf die politische Entwicklung mit einem Schwerpunkt auf der Missionsgeschichte im östlichen Mitteleuropa und die Papstgeschichte. Den Band mit dem Tod Gregors VII. zu beenden, dürfte nicht ungeteilte Zustimmung finden, denn die weitere Entwicklung und die gefundenen Lösungen des sog. Investiturstreits werden in dem Folgeband "Die Kirche im Zeitalter der Kreuzzüge" (vgl. DA 51, 635) kaum erwähnt.

Detlev Jasper


[301], S. 303

Ibrahim Ibn Yacqub at-Turtushi, Christianity, Islam and Judaism Meet in East-Central Europe c. 800-1300 A. D. Proceedings in the International Colloque 25-29 April 1994, ed. by Petr Charvát and JiProsecky, Praha 1996, Oriental Institute of the Academy of the Czech Republic, 219 S., 34 Taf., ISBN 80-85425-20-3.  --  Die interessante Gestalt des jüdisch-arabischen Kaufmanns aus dem spanischen Tortosa, der in den 60er Jahren des 10. Jh. eine "diplomatische Handelsreise" nach Mitteleuropa unternahm und dessen "Reisebericht" sich in verstümmelter Form erhielt, gab Anlaß zu einer Tagung. Es seien im folgenden nur die quellenkundlichen und rein historischen Titel erwähnt, ohne auch auf die archäologischen, philologischen und numismatischen einzugehen. Nach Petr Charváts einleitender Zusammenfassung handelt es sich um: Jarmila Justová-Princová, Die Christianisierung der Slawnikendomäne (S. 37-51).  --  Lubos Kropácek, Ibrahim ibn Yacqub (S. 52-64), resümiert die weitverzweigten älteren, meist tschechischen Forschungen Ivan Hrbeks zum Thema.  --  Jarmila Ciháková  --  Jan Zavrel, Das Itinerar Ibrahim ibn Jakubs und die neuen archäologischen Entdeckungen auf der Kleinseite (S. 65-71).  --  Ludvík Kalus, Sources arabes et persannes pour l'étude de l'histoire médiévale du monde slave occidental (S. 126-139).  --  Andreas Kaplony, Routen, Anschlußrouten, Handelshorizonte im Brief von Hasday b. Saprut an den hazarischen König (S. 140-168).  --  Gabriel Martinez, La shucubiya andalouse: Les Slaves contre les Arabes (S. 176-190).  --  Gérard Nahon, Isaac b. Dorbelo et le Mahzor Vitry (S. 191-206), interpretiert die Reisebeschreibung eines französischen Juden des 12. Jh.  --  Jirina Sedinová, Life and language in Bohemia as reflected in the works of the Prague Jewish school in the 12th and 13th centuries (S. 207-216).

Ivan Hlavácek {303}


[302], S. 303

Christian Lübke, Zwischen Triglav und Christus. Die Anfänge der Christianisierung des Havellandes, Wichmann-Jb. des Diözesangeschichtsvereins Berlin N. F. 3 (1994/95) S. 15-35, lenkt in einem weitgespannten Vortrag den Blick auf Indizien für eine gewisse Kontinuität des Christentums bei der Führungsschicht der Heveller nach dem Lutizenaufstand von 983.

Rudolf Schieffer


[303], S. 303

The reign of Cnut: king of England, Denmark and Norway, edited by Alexander R. Rumble, London 1994, Leicester University Press, XVII u. 341 S., ISBN 0-8386-3605-5, GBP 42,50.  --  Den Kern dieses Sammelbandes bilden mehrere Vorträge einer Tagung in Manchester 1990; weitere Aufsätze und ein bedeutender Editionsanhang sind hinzugekommen: Alexander R. Rumble, Introduction: Cnut in Context (S. 1-10), skizziert ein künftiges Forschungsprogramm.  --  Peter Sawyer, Cnut's Scandinavian empire (S. 10-21): Im Gegensatz zu seinem {304} Vater und Großvater, war Knut vor allem als englischer Herrscher reich und mächtig; seinem skandinavischen Großreich hat er verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit geschenkt.  --  Birgit Sawyer, Appendix: the evidence of Scandinavian runic inscriptions (S. 22-26).  --  Niels Lund, Cnut's Danish kingdom (S. 27-42), stellt das Wenige, das wir über dieses Thema wissen, zusammen: interessant ist die Hypothese, K. habe eine unabhängige dänische Kirche mit Zentrum Roskilde angestrebt.  --  Simon Keynes, Cnut's earls (S. 43-88), bietet eine sorgfältige Prosopographie der englischen Oberschicht unter Knut sowie eine Analyse des Wandels im Amte des ealdorman/earl/jarl und in den Adelsfaktionen unter Knut.  --  Nicholas Hooper, Military developments in the reign of Cnut (S. 89-100), versucht, seine Interpretation der huscarles (eher Königsgefolgschaft als Berufsheer) gegen die Einwände Campbells und Lawsons zu verteidigen.  --  David Hill, An urban policy for Cnut? (S. 101-106): vielleicht, aber am ehesten in Dänemark.  --  Roberta Frank, King Cnut in the verse of his skalds (S. 106-124), zeichnet das Bild eines 'modernen', christlichen Herrschers, der durch seine Hofdichter das Element der Kontinuität mit älteren Kriegertraditionen betonen ließ.  --  Gillian Fellows-Jensen, Danish place-names and personal names in England: the influence of Cnut? (S. 125-140): Der Einfluß war gering, aber trotzdem (durch die Ortsnamenwechsel infolge der Besitzänderungen nach 1016-1017) spürbar.  --  Michael K. Lawson, Archbishop Wulfstan and the homiletic element in the laws of Æthelred II and Cnut (S. 141-164): Die Gesetzestexte Wulfstans seien weniger als objektive Widerspiegelung der Verwaltungswirklichkeit denn als paränetische, vor allem für den Herrscher selbst bestimmte Schriften zu betrachten.  --  John Crook, 'A worthy antiquity': the movement of King Cnut's bones in Winchester Cathedral (S. 165-192).  --  Das für die spätere angelsächsische Geschichte sehr wichtige Münzwesen wird von Kenneth Jonsson, The coinage of Cnut (S. 193-230) sowie von Michael Dennis O'Hara, An iron reverse die of the reign of Cnut (S. 231-282), mit mehreren Anhängen, behandelt.  --  Alexander R. Rumble and Rosemary Morris, Translatio Sancti Ælfegi Cantuariensis archiepiscopi et martyris (BHL 2519): Osbern's account of the translation of St Ælfheah's relics from London to Canterbury, 8-11 June 1023 (S. 283-315), bieten eine Neuausgabe mit flotter englischer Übersetzung des interessanten, im späten 11. Jh. verfaßten Textes nach der Überlieferung des Canterbury Passionale aus dem 12. Jh.

Timothy Reuter


[304], S. 304

Ernst-Dieter Hehl, Maria und das ottonisch-salische Königtum. Urkunden  --  Liturgie - Bilder, HJb 117 (1997) S. 271-310: Konrad II. ließ sich 1024 am Tag von Mariä Geburt (8. Sept.) zum König krönen und hatte sich bereits vor seiner Wahl mit einer Schenkung an die Speyrer Bischofskirche der Gottesmutter verpflichtet (DKo. II. 4). Da das Evangelium des Tages der Liber generationis (Matth. 1,1 ff.) war, wird gleichzeitig eine sakrale Herrschervorstellung evoziert, wie sie spätottonische Evangelienhss. spiegeln, in denen Herrschermedaillons auf der Seite mit dem Beginn des Liber generationis angebracht waren. Die Vorstellung von Maria als einer Heiligen, die dem Herrscher zugeordnet war, dürfte über Theophanu von Byzanz in den Westen gekommen sein; hier galt Maria gleichzeitig als Patronin für die Sohnesfolge im Königshaus und erscheint als solche im Apsisfresko des Domes von Aquileia und in dem Speyrer Goldenen Evangeliar.

Ernst-Dieter Hehl (Selbstanzeige)


{305}

[305], S. 305

Ingrid Baumgärtner (Hg.), Kunigunde - eine Kaiserin an der Jahrtausendwende, Kassel 1997, Furore Verlag, 224 S., 70 Abb., ISBN 3-927327-41-7, DEM 36,80.  --  Nach einer Einführung der Hg. enthält der gut ausgestattete Band folgende Beiträge: Ingrid Baumgärtner, Kunigunde. Politische Handlungsspielräume einer Kaiserin (S. 11-46), skizziert ein Lebensbild, in dem die familiäre Herkunft Kunigundes, ihre Teilhabe an der Herrschaft und ihre Stiftungen betont werden.  --  Daniela Göbel, Reisewege und Aufenthalte der Kaiserin Kunigunde (1002-1024) (S. 47-76), konzentriert sich auf den Zeitraum 1002-1004 und bespricht dann spätere Fälle, in denen Thietmar von einer räumlichen Trennung des Herrscherpaars berichtet.  --  Petra Brödner, Eck kan mek nycht toffrede geven, eck mot to Koffungen. Kloster und Damenstift Kaufungen im Mittelalter (S. 77-112), handelt von dem 1017 als Kloster eingerichteten Witwensitz der Kaiserin, seiner Verfassungsentwicklung und seiner Besitzgeschichte.  --  Raffaella Camilot-Oswald, Die sogenannten Gebetbücher der Kaiserin Kunigunde in Bamberg und Kassel (S. 113-156).  --  Annegret Wenz-Haubfleisch, Der Kult der hl. Kunigunde an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert im Spiegel ihrer Mirakelsammlung (S. 157-186), legt die nur auszugsweise MGH SS 4 S. 824-828 gedruckte Sammlung einer systematischen Auswertung zugrunde.  --  Tanja Michalsky, Imperatrix gloriosa - humilitatis et castitatis exemplum. Das Bild der hl. Kunigunde (S. 187-222), bespricht die ikonographische Entwicklung vom Basler Antependium bis Tilman Riemenschneider.

Rudolf Schieffer


[306], S. 305

Gunther G. Wolf, Zur richtigen Datierung der Brautwerbung Kaiser Konrads II. für seinen Sohn Heinrich (III.) (RI 116b), AfD 42 (1996) S. 1-5, datiert die Brautwerbungsgesandtschaft an den byzantinischen Hof auf "etwa Frühjahr/ Frühsommer 1028 bis Frühjahr/Sommer 1029".

Klaus Naß


[307], S. 305

Pierre Racine, Le concile de Plaisance (1095) et la croisade, Revue d'Alsace 122 (1996) S. 19-28, betont, daß es in Piacenza um abendländische Byzanzhilfe, nicht aber um die Befreiung der heiligen Stätten ging.

Rolf Große {305}


[308], S. 305

Hansmartin Schwarzmaier, Abt Rupert von Ottobeuren (1102-1145) und seine Zeit, StMGBO 107 (1996) S. 299-317, beschreibt das nur bruchstückhaft rekonstruierbare Leben des Reformers und Heiligen vor dem Hintergrund von Investiturstreit und Klosterreform.

Klaus Naß


[309], S. 305

Wilfried Marcel Grauwen, Nam Norbert deel aan de Rometocht van 1110-1111?, Analecta Praemonstratensia 72 (1996) S. 12-32: Obwohl die diplomatischen wie narrativen Quellen bis auf eine Ausnahme zu der angesprochenen Frage schweigen, besteht dennoch die hypothetische Möglichkeit, daß Norbert durch Erlebnisse anläßlich der Ereignisse von Ponte Mammolo 1111 in seinen Reformintentionen bekräftigt wurde, wie es ausschließlich von Hermann von Tournai, Historia restaurationis abbatiae Tornacensis (MGH SS 12, 662 bzw. SS 14, 315; bei G. Anm. 1 wohl irrtümlich verkürzt zitiert) angedeutet wird.

Christian Lohmer


[310], S. 305

Bernhard Schimmelpfennig, Könige und Fürsten, Kaiser und Papst nach dem Wormser Konkordat (Enzyklopädie Deutscher Geschichte 37) München {306} 1996, Oldenbourg Verlag, XI u. 157 S., ISBN 3-486-55034-9 bzw. 3-486-55033-0, DEM 68.  --  Der vorliegende Band der inzwischen etablierten Reihe schließt in ereignisgeschichtlicher Hinsicht an den Investiturstreitband von W. Hartmann an (1993; vgl. DA 50, 314) und bildet in theoretischer Ausrichtung das Bindeglied zwischen den Bänden von E. Boshof über Königtum und Königsherrschaft im 10. und 11. Jh. (1993; vgl. DA 50, 313) und K. F. Krieger über König, Reich und Reichsreform im Spät-MA (1992; vgl. DA 50, 319 f.). Nach dem bekannten Aufbau der Bände bietet der 1. Teil (S. 1-65) einen notwendigerweise knappen Überblick über die Ereignisgeschichte von der Wahl Lothars III. bis zum Tode Heinrichs VI., der 2. Teil (S. 67-117) gilt den "Grundproblemen und Tendenzen der Forschung". Aufgrund des gut lesbaren Stils und der Beschränkung auf das Wesentliche wird hier den Studenten eine verläßliche Einführung in die Hand gegeben, die in ihrem 2. Teil die einschlägige Literatur bis zum Schluß verarbeitet hat. Jüngst erschienen ist die ebenfalls ausführlich behandelte Habilitationsschrift von J. Laudage über Alexander III. und Friedrich Barbarossa von 1989 (siehe unten S. 308). Zu streichen ist inzwischen lediglich der Hinweise auf die von R. L. Benson angekündigte Studie über Barbarossa, da Benson Anfang 1996 verstarb. Das insgesamt 335 Titel enthaltende Quellen- und Literaturverzeichnis dürfte für den Einstieg in das vertiefte Studium dieser Zeit gute Dienste leisten!

Martina Stratmann


[311], S. 306

Gerhard Baaken, Imperium und Papsttum. Zur Geschichte des 12. und 13. Jahrhunderts. Festschrift zum 70. Geburtstag. Hg. von Karl-Augustin Frech und Ulrich Schmidt, Köln u. a. 1997, Böhlau Verlag, VIII u. 357 S., Abb., ISBN 3-412-01997-6, DEM 98.  --  Der Band enthält elf Arbeiten des Tübinger Mediävisten zur staufischen Geschichte aus den Jahren 1968 bis 1995, die entweder im DA erschienen sind oder in ihm angezeigt wurden. Sie sind neu gesetzt, aber unverändert und ohne Nachträge geblieben; der Inhalt wird durch ein Register der Orts- und Personennamen aufgeschlüsselt.

Detlev Jasper


[312], S. 306

Gerhard Lubich, Beobachtungen zur Wahl Konrads III. und ihrem Umfeld, HJb 117 (1997) S. 311-339, sieht Konrad 1138 im Vorteil gegenüber seinem älteren Bruder Friedrich, weil er seit 1136 und zumal auf dem Italienzug näheren Zugang zu Lothar III. gefunden hatte und Rückhalt nicht allein bei der Kurie, sondern auch bei einer bestimmten Gruppe im Episkopat fand. Eher seine Person als das Haus der Staufer im ganzen wurde von der Situation begünstigt.

Rudolf Schieffer


[313], S. 306

Jonathan Phillips, St. Bernard of Clairvaux, the Low Countries and the Lisbon Letter of the Second Crusade, Journal of Ecclesiastical History 48 (1997) S. 485-497, tritt dafür ein, daß die Eroberung Lissabons 1147 nicht zufällig zustande kam, sondern von vornherein von Bernhard von Clairvaux aufgrund eines Hilfsersuchens des Königs von Portugal geplant war, wofür Bernhard in den Niederlanden rekrutiert habe. Die Interpretation ist möglich, bleibt aber spekulativ.

Hans Eberhard Mayer


[314], S. 306

Joachim Ehlers, Heinrich der Löwe. Europäisches Fürstentum im Hochmittelalter (Persönlichkeit und Geschichte 154/155) Göttingen u. a. 1997, Muster-Schmidt {307} Verlag, 140 S., 11 Taf., ISBN 3-7881-0149-0, DEM 20,80.  --  Achtzehn Jahre nach dem bekannten Buch von Karl Jordan (Heinrich der Löwe, München 1979, 21980) liegt hier im Umfang eines Taschenbuchs eine neue Biographie vor, die schon im Untertitel ihre veränderte Akzentsetzung signalisiert. E. sieht den Doppelherzog "in großer europäischer Perspektive", weil er durch seine dynastischen Verbindungen, durch den räumlichen Radius seines "königsähnlichen" Machtanspruchs und durch seine Kraft zur Rezeption der "anglonormannischen Zivilisation" weit über den Rahmen des frühstaufischen Reiches hinausragte. Nach einer Einführung in die Entwicklung des Geschichtsbildes ist die Darstellung dreigeteilt, da in die Verlaufsschilderung etwa um 1170 ein breiter Mittelteil zu strukturellen Themen ("Dienstleute und Panzerreiter", "Notare, Magister, Scholaren", "Der Hof", "Städte, Bürger, Herrschaftszentren") eingeschoben wird, der dem Buch ein besonderes Profil verleiht. Insgesamt gibt E. in konzentrierter Diktion eine kritische Zusammenschau zahlreicher neuerer Forschungen, die durch die eingestreuten (und S. 133-137 erläuterten) Abbildungen bestens unterstützt wird.

Rudolf Schieffer


[315], S. 307

Michael Lindner, Friedrich Barbarossa, Heinrich der Löwe und die ostsächsischen Fürsten auf dem Merseburger Pfingsthoftag des Jahres 1152. Mit der Neuedition einer Urkunde Heinrichs des Löwen nach dem wiederaufgefundenen Original sowie einem Hinweis auf ein Deperditum Kaiser Friedrichs I., Zs. für Geschichtswissenschaft 43 (1995) S. 197-209, stellt vor allem Überlegungen zum Teilnehmerkreis des Hoftages und dessen regionalgeschichtlichem Hintergrund an. Im Anhang wird die damals ausgestellte Urk. Nr. 18 Heinrichs des Löwen (MGH Laienfürsten- und Dynastenurkk. 1 S. 26 f.) nach dem in Prag liegenden Original (vgl. bereits DA 36, 221) abgedruckt und ein verlorenes Barbarossa-Diplom für den Grafen Dedo von Groitzsch von 1156/57 nachgewiesen.

Rudolf Schieffer


[316], S. 307

Hubert Houben, Roger II. von Sizilien. Herrscher zwischen Orient und Okzident, Darmstadt 1997, Primus, X u. 235 S., 10 Abb., 2 Taf., 2 Karten, ISBN 3-89678-024-7, DEM 58.  --  H. folgt in den drei ersten Teilen seiner Herrscherbiographie einem chronologischen Gerüst, das auch die normannische Eroberung unter Roger I. und die lückenhaft dokumentierte Zeit unter der Regentin Adelheid, in der Roger II. heranwuchs, in die Darstellung miteinbezieht, und in einem fünften, mit "Zukunftsperspektiven" betitelten Teil einen Ausblick auf die Regierungszeit der frühverstorbenen Nachfolger und das Ende der normannischen Dynastie bietet. Im Mittelpunkt steht neben der Begründung, der Verwaltung und der politisch-militärischen Behauptung von Rogers II. Königreich im komplizierten mittelmeerischen Kräftefeld des 12. Jh. (Teile II und III) der strukturgeschichtlich aufgebaute Teil IV. Mit rund einem Drittel des Textaufwandes ist er auch quantitativ der gewichtigste und spiegelt ein nuancenreiches Bild des administrativen und wirtschaftlich-fiskalischen Aufbaus und der materiellen und geistigen Kultur dieses Reiches "zwischen Orient und Okzident". Die eigenartige und für moderne Betrachter immer wieder faszinierende Synthese arabisch-islamischer, griechisch-byzantinischer, normannischer und lateinischer Kultureinflüsse wird vom Vf. auch in ihrer Brüchigkeit und vorwiegend pragmatischen Begründung (islamische Truppen lassen sich besser gegen den Papst {308} führen als christliche) gezeigt und so auf den nüchternen Boden der Quellen, die immer wieder neu in den Blick genommen werden, zurückgeholt. Daß Roger II. auch als Herrscher über eine ethnisch und religiös gemischte Bevölkerung nie einen Zweifel an der christlichen Ausrichtung von König und Reich gelassen hat, dokumentieren gerade die Inschriften in arabischer und hebräischer Schrift. Aus der Vielfalt der schriftlichen Zeugnisse, unter denen die kontrovers ausgerichteten chronikalischen Quellen eine herausgehobene Rolle spielen, meißelt der Vf. ein Profil des normannischen Herrschers mit individuellen Zügen. Die neueste Forschung ist stets miteinbezogen, noch offene Kontroversen werden angesprochen, aber nicht in extenso ausgebreitet, so daß das materialreiche Buch auch hinsichtlich seiner Lesbarkeit den Vergleich mit dem seinerzeit bahnbrechenden Werk von Erich Caspar (erschienen 1904) nicht zu scheuen braucht.

Hannes Steiner


[317], S. 308

Giovanni Tessitore, Ruggero II (Siciliana 9) Palermo 1995, S. F. Flaccovio Editore, 204 S., ISBN 88-7804-121-1, ITL 22.000.  --  Das kleine Buch erhebt keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Der Vf., Ricercatore an der juristischen Fakultät der Universität Palermo, möchte nur den seiner Meinung nach in Italien zu wenig gewürdigten Roger II. (1095-1154) breiteren Kreisen bekanntmachen. Nach einem Überblick über die Geschichte der Normannen in Italien erzählt er leicht lesbar und mit warmer Anteilnahme, wenn auch bisweilen lückenhaft und nicht frei von Fehlern, das bewegte Leben des sizilianischen Normannenkönigs, in dem er vor allem einen Vorläufer des modernen Staates sieht, und schildert ausführlich die reiche und vielfältige Kultur am Hofe zu Palermo. Im letzten Kapitel behandelt er die Nachfolger Rogers, das Ende des Hauses Hauteville und die Geschicke Siziliens unter Heinrich VI. und Friedrich II., der im Gefolge von A. Marongiu und D. Abulafia nur als Epigone seines normannischen Großvaters erscheint.  --  Der Vf. betrachtet die Ereignisse nur aus der Sicht eines Sizilianers. Er verklärt die neuerdings doch relativierte Regierungszeit Rogers II. und beklagt den Niedergang Siziliens innerhalb des europäischen Mächtesystems. Leider sind dem Buch weder eine Stammtafel noch ein Literaturverzeichnis beigegeben.

Hans Martin Schaller


[318], S. 308

Johannes Laudage, Alexander III. und Friedrich Barbarossa (Forschungen zur Kaiser- und Papstgeschichte des Mittelalters. Beihefte zu J. F. Böhmer, Reg. Imp. 16) Köln u. a. 1997, Böhlau, VIII u. 324 S., ISBN 3-412-15495-4, DEM 98.  --  Ziel dieser Kölner Habilitationsschrift ist es, "durch eine Verbindung von Fragestellungen der modernen Rechts- und Verfassungsgeschichte mit solchen der politischen Geschichte näheren Aufschluß darüber zu gewinnen, von welchen Faktoren die große Auseinandersetzung zwischen Papsttum und Kaisertum in den Jahren 1159-1177 maßgeblich bestimmt wurde" (S. 239). Dazu bietet L. zunächst eine Erörterung der Beziehungen Barbarossas zur Kurie von 1153 bis 1159, wobei gewiß mit Recht das päpstliche Streben nach Sicherung der eigenen Besitzungen, der sog. Petrusregalien, vor jeder Beeinträchtigung durch die staufische Revindikationspolitik in Italien als entzweiend hervorgehoben wird. Dies dient dazu, das anschließend geschilderte, 1159 ausgebrochene Schisma verständlicher zu machen, in dessen ersten Jahren jedoch eher die kanonistische Argumentation der beiden Rivalen ins Blickfeld rückt. Nach 1162 betrachtet L. wieder den {309} Streit um die weltliche Hoheit über Rom und den Kirchenstaat als den "geheimen Leitfaden" (S. 250), an dem entlang er das Auf und Ab bis zum Frieden von Venedig verfolgt, um schließlich auch noch die letzten Jahre Alexanders († 1181) mit der erneuten Stabilisierung des Kirchenstaates und dem Dritten Laterankonzil zu betrachten. Natürlich war bei einem so vielfältig traktierten Stoff, wie L. gegen Ende eingesteht, von vornherein nicht mit einem neuen Gesamtbild zu rechnen, und mit manchen seiner nachdrücklichen Urteile rennt er offene Türen ein (so etwa S. 169 über die vom Kaiser 1165 veranlaßte Kanonisation Karls des Großen: "Nichts wäre also falscher als die Vorstellung, daß es sich bei der Aachener Schreinlegung um einen rein religiösen Akt ohne kirchenpolitischen Hintergrund gehandelt habe"). So wird man das Verdienst des Buches mehr in der umsichtigen Aufarbeitung des komplexen Forschungsstandes und in kritischen Einzelergebnissen erblicken, z. B. der Umdatierung der Gesandtschaft des Abtes Theobald zu Alexander vom Juni/Juli in den April 1162 (S. 134 ff.), der Neubewertung des Verhältnisses der beiden Fassungen des Briefes eines anonymen Alexandriners über die Würzburger Vorgänge von 1165 (S. 160 ff.) oder der Umkehr der Reihenfolge zwischen dem Frieden von Montebello 1175 (DF. I 638) und der Petitio der Lombarden (MGH Const. 1 Nr. 244) (S. 195 ff.). Weniger überzeugend sind die Versuche, in den Dokumenten über die Doppelwahl von 1159 die Benutzung des Papstwahldekrets von 1059 (S. 105 ff.) oder im Vorfrieden von Anagni 1176 den Einfluß des Wormser Konkordats von 1122 (S. 207 f.) zu erweisen. Merkwürdig ist angesichts der Reihe, in der das Buch erschien, die fast völlige Ignorierung der bis 1167 vorliegenden Reg. Imp. 4/2.

Rudolf Schieffer


[319], S. 309

Die Staufer im Süden. Sizilien und das Reich, hg. von Theo Kölzer, Sigmaringen 1996, Jan Thorbecke Verlag, 293 S., 20 Taf. mit 25 Abb., ISBN 3-7995-4249-3, DEM 96.  --  Der Band enthält einen Teil der Vorträge, die 1994 zum Gedenken an die Eroberung Siziliens durch Heinrich VI. und die Geburt Friedrichs II. auf einem Kongreß in Erice gehalten wurden und deren Ertrag K. in der Einleitung (S. 9-12) zusammenfaßt.  --  Hermann Jakobs, Weltherrschaft oder Endkaiser? - Ziele staufischer Politik im ausgehenden 12. Jahrhundert (S. 13-28): Friedrich I. und Heinrich VI. erstrebten "Weltherrschaft" nur im Sinne einer Erneuerung des antiken römischen Imperiums. Bei dem Versuch, das Königreich Jerusalem zu gewinnen, spielte auch die Idee eine Rolle, daß der Kaiser die Ankunft des Antichrist aufhalten müsse.  --  Werner Maleczek, Ecclesiae patrimonium speciale. Sizilien in der päpstlichen Politik des ausgehenden 12. Jahrhunderts (S. 29-42), schildert die Bemühungen Clemens' III., Coelestins III. und vor allem Innozenz' III., Sizilien an den Papst als Oberlehnsherrn zu binden und die kirchenpolitischen Vorrechte des Herrschers zu beseitigen, was freilich auf Dauer nicht gelang. S. 39 Z. 8 ist Capua in Gaeta zu verbessern.  --  Timothy Reuter, Vom Parvenü zum Bündnispartner: das Königreich Sizilien in der abendländischen Politik des 12. Jahrhunderts (S. 43-56): Die "normative Kraft des Faktischen" führte seit etwa 1160 zur internationalen Anerkennung des normannischen Königreichs. Von diplomatischen Beziehungen im modernen Sinne kann allerdings im "Staatensystem" des 12. Jh. noch keine Rede sein.  --  Bruno Galland, Les relations entre la France et l'Empire au XIIe siècle (S. 57-82): Zwischen Franzosen und Deutschen bestand schon im 12. Jh. ein durch verschiedene {310} Sprache und Lebensart bedingter tiefer Gegensatz, der sich verschärfte durch die Konflikte Heinrichs V. und Friedrichs I. mit dem Papsttum, während deren die französischen Könige als Schutzherren der Päpste auftraten und dadurch ihre Macht im Inneren stärkten und nach außen internationales Ansehen gewannen.  --  Peter Csendes, Heinrich VI. im Urteil der Zeitgenossen und der Nachwelt (S. 83-92): Auch wenn die Quellen kein Psychogramm des Kaisers ermöglichen, spiegeln sie doch das Zwiespältige in dessen Persönlichkeit wider: hohe Bildung und Begabung einerseits, Hochmut und Rücksichtslosigkeit andererseits. Vor allem die negativen Urteile des MA haben die neuzeitliche Geschichtsschreibung beeinflußt.  --  Werner Goez, Möglichkeiten und Grenzen des Herrschens aus der Ferne in Deutschland und Reichsitalien (1152-1220) (S. 92-111): Regierung aus der Ferne durch Legaten und andere Bevollmächtigte gab es in Deutschland, von Friedrich II. abgesehen, nicht, wohl aber in Reichsitalien. Dafür gibt es reiche, noch lange nicht ausgeschöpfte Quellen, aus denen der Vf. Beispiele bringt.  --  Jean-Marie Martin, L'administration du Royaume entre Normands et Souabes (S. 113-140): Nach 1198 brach die zentralistische Verwaltung der Normannenzeit zusammen. Dafür entwickelten sich vor allem in Süditalien alte und neue Grafschaften zu eigenen Territorien, in denen die Machthaber neue Justiz- und Finanzverwaltungen schufen, aber die alte bürokratische Struktur mit Justitiaren und Kämmerern beibehielten. Daran konnte dann Friedrich II. nach 1220 wieder anknüpfen.  --  Norbert Kamp, Die deutsche Präsenz im Königreich Sizilien (1194-1266) (S. 141-185): Gegenstand dieser auf einem breiten, vielfach ungedruckten Quellenmaterial beruhenden Arbeit sind diejenigen Deutschen, die Ämter oder Lehen innehatten und/oder sich langfristig ansiedelten und durch Heirat mit dem einheimischen Adel verbanden. Aus diesem Kreis macht K. zahlreiche Personen und Familien namhaft und stellt auch ihre Tätigkeit in der Verwaltung und im Militärwesen dar. Die deutsche Präsenz war freilich weit schwächer als der Zustrom der Normannen im 12. und der Franzosen im späteren 13. Jh.  --  Hubert Houben, Das Mönchtum im staufischen Unteritalien (1194-1266) (S. 187-209), behandelt die Beziehungen des Königtums zu den Klöstern in politischer, religiöser, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht.  --  Marlis Stähli, Liber ad honorem Augusti sive de rebus Siculis - die Bilderchronik des Petrus de Ebulo, Cod. 120 II der Burgerbibliothek Bern, als Spiegel der Unio regni ad imperium (S. 211-220, 16 Taf.), informiert sehr anschaulich über Inhalt, Bebilderung, Gliederung und Lagenschema des berühmten, von ihr 1994 mitherausgegebenen Codex (vgl. oben S. 267 f.).  --  Valentino Pace, Arte federiciana - arte per l'imperatore (S. 221-228, 4 Taf.), betont die Bedeutung Friedrichs II. als Auftraggeber von Werken der bildenden Kunst, bestreitet aber mit Recht die Existenz von realistischen Porträts des Herrschers und vermutet, daß die in den letzten Jahrzehnten als solche betrachteten, stilistisch sehr verschiedenartigen Werke auf den Wunsch des Kaisers zurückgehen, eine Skulpturensammlung zu besitzen.  --  Enrico Pispisa, Gli Svevi nel Sud. Un bilancio dal punto di vista italiano (S. 229-238), legt dar, daß sich eine sachliche, von Ressentiments und Ideologien freie Beurteilung der Staufer in ihrem Südreich durch die italienische Mediävistik erst seit den fünfziger Jahren durchgesetzt hat, und skizziert sodann vorwiegend seine persönliche Sicht, in der Heinrich VI. und Manfred positiver, Friedrich II. dagegen negativer als bisher erscheinen.  --  Theo Kölzer, Die Staufer im Süden - eine Bilanz aus deutscher Sicht (S. 239-262), ist der anregende, bereits {311} in dem Sammelband "Das Staunen der Welt" (siehe DA 53, 702 f.) veröffentlichte Vortrag, hier jedoch mit erheblich erweitertem Anmerkungsapparat.  --  Salvatore Fodale, Ricordo di Francesco Giunta (S. 263-268), gibt einen Überblick über das Lebenswerk des 1994 verstorbenen, auch um die Erforschung des normannisch-staufischen Siziliens verdienten Palermitaner Mediävisten.  --  Ein von Barbara Klose bearbeitetes Orts- und Personenverzeichnis erschließt den inhaltsreichen Band.

Hans Martin Schaller


[320], S. 311

Archivio Storico Siciliano, Serie IV, Vol. 21-22, Fasc. 1 (1995-1996).  --  Der Band enthält u. a. die Beiträge einer Vortragsreihe, die die Società Siciliana per la Storia Patria in Palermo veranstaltet hat, anläßlich des Gedenkjahres 1994/95 für den Stauferkaiser Friedrich II.: Salvatore Tramontana, I cronisti e il senso della politica e della storia alla Corte Sveva di Sicilia (S. 5-17).  --  Vincenzo D'Alessandro, "Velut Nostri Membra Regiminis". Sulla formazione e la composizione dell'apparato di Governo federiciano (S. 19-29).  --  Enrico Mazzarese Fardella, La condizione giuridica della donna nel "Liber Augustalis" (S. 31-44).  --  Salvatore Fodale, Federico II nella concezione storiografica di Antonio De Stefano (S. 45-59).  --  Giuseppe Bellafiore, Sulle nuove fondazioni urbane nel Regno di Sicilia in età sveva (S. 61-73).  --  Arcangelo Leone De Castris, Il progetto culturale di Federico II (S. 75-87). Leider wurden nicht alle Beiträge für die schriftliche Fassung mit Anmerkungen versehen.

Marlene Polock


[321], S. 311

Rainer Murauer, Priusquam litteras aperiret, ... ad sedem apostolicam appellavit. Zu den Zusammenhängen von Exkommunikation, Appellation und (ad cautelam-)Absolution, MIÖG 105 (1997) S. 393-415, erörtert juristische Praktiken, die aus den Loyalitätskonflikten stauferfreundlicher Reichsbischöfe im Thronstreit von 1198 bis 1208 erwuchsen: vorbeugende Appellationen nach Rom gegen drohende Strafmaßnahmen päpstlicher Legaten, vorsorgliche Absolution bei angeblich oder tatsächlich ungewisser Rechtslage, pauschale Gehorsamseide ohne sonderliche praktische Wirkung u. ä., worin sich immer wieder ein "Auseinanderklaffen von Anspruch und Realität in der päpstlichen Politik" (S. 407) spiegelt.

Rudolf Schieffer


[322], S. 311

Gary Dickson, La genèse de la croisade des enfants (1212), BECh 153 (1995) S. 53-102, kommt nach Analyse der einschlägigen Quellen zu dem Ergebnis, daß das Unternehmen allem Anschein nach seinen Ursprung in Frankreich hatte und aus den Prozessionen hervorging, die im Zusammenhang mit dem von der Kirche propagierten Kreuzzug gegen das islamische Spanien abgehalten wurden. Die Bewegung, an deren Spitze sich später Stephan aus dem Vendômois und Nikolaus aus Köln stellten, entglitt immer mehr der kirchlichen Kontrolle und gewann einen eigenständigen Charakter.

Alfred Gawlik


[323], S. 311

Benjamin Z. Kedar und Etan Kohlberg, The Intercultural Career of Theodore of Antioch, Mediterranean Historical Review 10 (1995) S. 164-176: Herkunft und Bildung des Magister Theodor von Antiochia, der als Gelehrter am Hofe Friedrichs II. eine bedeutende Rolle gespielt hat, lagen bisher im Dunkeln. Die beiden Vf. liefern nun eine wichtige Ergänzung zur Biographie Theodors durch die Auswertung einer zwar schon seit 1886 bekannten, aber falsch {312} interpretierten und daher unbeachteten längeren Notiz in einem Werk des Syrers Gregorius Bar-Hebraeus (1225-1286). Danach war Theodor ein Jakobit aus Antiochia. Dort studierte er Syrisch, Latein und antike Autoren, in Mossul und Bagdad Philosophie, Mathematik, Astronomie und Medizin, und ging, nach Aufenthalten bei arabischen Fürsten, wohl 1225 an den Kaiserhof. Ergänzend sei bemerkt, daß Theodor erstmals am 3. Oktober 1237 als Arzt im Dienst des Kaisers erwähnt wird: siehe DA 19, 419. Als er aus Heimweh in den Orient zurückkehren wollte und dies mißlang, vergiftete er sich (vor November 1250).

Hans Martin Schaller


[324], S. 312

Martin Kaufhold, Norwegen, das Papsttum und Europa im 13. Jahrhundert. Mechanismen der Integration, HZ 265 (1997) S. 309-342, schildert die zunehmenden Kontakte Norwegens zum mittleren und südlichen Europa unter König Håkon IV. (1217-1263) - gipfelnd in dessen Krönung durch einen päpstlichen Legaten 1247 und dem Angebot der Kaiserkrone - und deutet den Befund als Ausdruck dafür, daß es dem nordischen Reich damals auch in den Augen seiner Besucher gelungen war, Anschluß an die gesamteuropäische Entwicklung von Kirche und Kultur zu finden.

Rudolf Schieffer


[325], S. 312

Peter Halfter, Das Papsttum und die Armenier im frühen und hohen Mittelalter. Von den ersten Kontakten bis zur Fixierung der Kirchenunion im Jahre 1198 (Forschungen zur Kaiser- und Papstgeschichte des Mittelalters. Beihefte zu J. F. Böhmer Reg. Imp. 15) Köln u. a. 1996, Böhlau, 361 S., ISBN 3-412-15395-8, DEM 118.  --  Am 6. Januar 1198 wurde Leon II. im Auftrag Kaiser Heinrichs VI. und Papst Coelestins III. in Tarsus von Konrad von Wittelsbach zum König des kleinarmenischen Reiches in Kilikien gekrönt. An diesen Vorgang gekoppelt war die Fixierung der Kirchenunion zwischen dem Papsttum und der armenischen Christenheit unter deren Oberhaupt, dem Katholikos Gregor VI. Abirad. In seiner Tübinger Diss. dokumentiert H. auf der Basis eingehender Analysen der lateinischen und armenischen Quellen zunächst die sporadischen Kontakte bis zum Ende des 11. Jh. zwischen dem apostolischen Stuhl und der autokephalen Nationalkirche, die durch Ablehnung der Konzilsbeschlüsse von Chalkedon (451) außerhalb der griechischen Kirchengemeinschaft geblieben war. Wie Briefe der Päpste Innozenz II. (JL-), Lucius III. (in JL 15340 erwähnt) und Clemens III. (JL 16461-16463) zeigen, war man in Rom zwar bereit, den Armeniern Rechtgläubigkeit zu bescheinigen, verband damit aber die Forderung nach Angleichung wichtiger liturgischer Bräuche an die westlichen Gewohnheiten. Zu den besonderen Verdiensten H.s gehört es, die insgesamt fünf Schreiben der erwähnten Päpste des 12. Jh., die nur noch in armenischen Übersetzungen erhalten geblieben und an entlegenen Stellen in lateinischer oder deutscher Rückübersetzung publiziert sind, geprüft und bezüglich ihrer Datierung und ihres Inhalts neu interpretiert zu haben. Dabei weist er auf das grundsätzliche Mißverständnis hin, daß die armenischen Herrscher in der römischen Kirche eher einen politischen Bündnispartner suchten, während die Päpste ihre Jurisdiktion und den apostolischen Primat akzeptiert glaubten und organisatorisch umsetzen wollten. So war es nur folgerichtig, daß Coelestin III. seine Beteiligung an der gewünschten Rangerhöhung Leons II. von der Einwilligung des zukünftigen Königs, des Katholikos und der armenischen Bischöfe in die Kirchenunion, d. h. {313} die Unterstellung unter die römische Kirche, abhängig machte. Ausführlich geht H. auf die Bedeutung des Mainzer Erzbischofs und römischen Kardinals Konrad von Wittelsbach bei diesem Prozeß ein. Dabei berücksichtigt er erstaunlicherweise nicht die entsprechenden Passagen der Habilitationsschrift (masch.) von Rudolf Hiestand über die päpstlichen Legaten auf den Kreuzzügen und in den Kreuzfahrerstaaten (1972, S. 304-318), der von Unterschieden im Detail abgesehen die Rolle Konrads wie auch die Beweggründe der drei beteiligten Mächte bereits treffend charakterisiert hat. Die oft geäußerte Vermutung, daß die Kirchenunion auch eine Lehnsbindung Armeniens an den Hl. Stuhl zur Folge hatte, modifiziert H. anhand von bis in die 1220er Jahre reichenden Indizien dahingehend, daß dem neuen Königreich der päpstliche Schutz gewährt wurde. Mit einem Ausblick auf die nicht immer ungetrübten Beziehungen in der zweiten Hälfte des 13. Jh. endet diese Untersuchung. Neben dem systematischen und nach Provenienz geordneten Quellenverzeichnis, dem Literaturverzeichnis sowie dem Personen- und Ortsregister vermißt man lediglich eine Karte zur besseren Einschätzung der geographischen Gegebenheiten, da die herkömmlichen Geschichtsatlanten bezüglich der armenischen Reiche nicht sehr aussagekräftig sind.

Claudia Zey {313}


[326], S. 313

Klaus Bergdolt, Der schwarze Tod in Europa. Die Große Pest und das Ende des Mittelalters, München 1994, C. H. Beck, 266 S., Abb., ISBN 3-406-38064-6, DEM 58.  --  Die gut lesbare Darstellung gewinnt ihren Reiz aus der Fülle der (in deutscher Übersetzung) enthaltenen Berichte von Zeitgenossen. Nachdem der Autor bereits 1989 eine Quellensammlung zur Pest 1348 in Italien (vgl. DA 46, 576) vorgelegt hat, wendet er sich nun dieser ersten großen europaweiten Pestwelle 1347-1351 als Ganzes und ihren Folgen für die spätma. Gesellschaft zu. Nach Erläuterung des klinischen Erscheinungsbildes und einem Überblick über zeitgenössische Pesttheorien und Therapieversuche folgt er dem Pestzug vom Schwarzen Meer aus über Italien bis nach West-, Mittel- und Nordeuropa, wobei sein besonderes Augenmerk den mentalen Auswirkungen des von den Zeitgenossen als unabwendbar erlebten Sterbens gilt. Exemplarisch untersucht er das Verhalten von Klerus und Ärzten sowie die Versuche städtischer Behörden, die Extremsituation zu bewältigen. Die Betrachtung von Geißlerzügen und Judenverfolgungen als Begleitphänomenen der Pest leitet schließlich über zu recht knapp gehaltenen Erwägungen über eine "Mentalitätskrise der vierziger Jahre" (S. 151 ff.) und die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pestepidemie (Vermögensumschichtungen, Bevölkerungsverlust von durchschnittlich einem Drittel), ohne damit den Untertitel des Bandes recht ausfüllen zu können.

Ulrike Hohensee {313}


[327], S. 313

Europa und die osmanische Expansion im ausgehenden Mittelalter, hg. von Franz-Reiner Erkens (Zs. für historische Forschung. Beiheft 20) Berlin 1997, Duncker & Humblot, 125 S., ISBN 3-428-09180-9, DEM 48.  --  Der Band stellt mit einiger Verzögerung hauptsächlich die Beiträge einer Sektion des 39. Historikertags 1992 in Hannover vor. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie der Druck der osmanischen Expansion half, einem europäischen Selbstverständnis Kontur {314} zu verleihen. Die Beiträge: Claudius Sieber-Lehmann, Der türkische Sultan Mehmed II. und Karl der Kühne, der "Türk im Occident" (S. 13-38, neu aufgenommen), beschreibt anhand der Ende des 15. Jh. verwendeten Stereotypen in den Quellen eine Parallelität der öffentlichen Meinung im süddeutschen Raum gegenüber Mehmed II. und Karl dem Kühnen. Beide voll von Hochmut und Ehrgeiz, trachteten unter reichlichen Strömen von Christenblut nach der Weltherrschaft, wie einst Alexander der Große. Und gegen beide, den 'Türk im Occident' und den 'Türk im Orient' tritt die teutsche nation an. Ein argumentatives Monopol der Kirche, den effusor sanguinis Christiani allein bei den Heiden zu suchen, war nun gebrochen.  --  Dieter Mertens, "Europa, id est patria, domus propria, sedes nostra ...". Zu Funktionen und Überlieferung lateinischer Türkenreden im 15. Jahrhundert (S. 39-57), stellt dar, wie durch die "Türkenreden" des Enea Silvio Piccolomini noch sehr indifferente Konsistenz besitzende Begriffe wie eben "Europa", politisch-moralisch aufgeladen wurden.  --  Matthias Thumser, Türkenfrage und öffentliche Meinung. Zeitgenössische Zeugnisse nach dem Fall von Konstantinopel (1453) (S. 59-78, neu aufgenommen), stellt einige Textzeugnisse vor, die entgegen der weitverbreiteten Hysterie in der Publizistik nach dem Drama am Bosporus zu moderateren Urteilen über die Türken kamen.  --  Ebenfalls mit zeitgenössischen Zeugnissen beschreibt in einem herausragenden Aufsatz Gert Melville, Die Wahrheit des Eigenen und die Wirklichkeit des Fremden. Über frühe Augenzeugen des osmanischen Reiches (S. 79-101), das Spannungsfeld innerhalb der Publizistik und ihrer Rezeption.  --  Thomas Vogtherr, "Wenn hinten, weit, in der Türkei ...". Die Türken in der spätmittelalterlichen Stadtchronistik Norddeutschlands (S. 103-125), stellt fest, daß im Grunde nur in Lübeck eine kontinuierliche Beschäftigung mit der osmanischen Expansion ihren Niederschlag fand.  --  Der Beitrag von Franz-Rainer Erkens in der Sektion des Historikertages über die Balkan- und Orientpolitik Sigismund von Luxemburg wurde inzwischen in der Festschrift E. Meuthen (vgl. oben S. 173 ff.) publiziert.

Olaf B. Rader {314}


[328], S. 314

Thomas A. Brady Jr., Heiko A. Oberman, James D. Tracy, Handbook of European History 1400-1600. Late Middle Ages, Renaissance and Reformation, Vol. I: Structures and Assertions, Vol. II: Visions, Programs and Outcome, Leiden u.a. 1994-1995, E. J. Brill, XXIV u. 709 bzw. XXIII u. 722 S., ISBN 90-04-9760-0 (Vol. 1) bzw. 90-04-09761-9 (Vol. 2) bzw. 90-04-09762-7 (Gesamtwerk), USD 100 (Vol. 1) bzw. NLG 87,50 (Vol. 2).  --  Dieses beeindruckende Handbuch umfaßt insgesamt 40 Beiträge, wobei jedem der beiden Bände eine zusammenfassende Einführung vorangestellt ist, in der die wissenschaftsgeschichtlichen Voraussetzungen des vom Verlag angeregten internationalen Unternehmens erläutert werden. Der auf J. Burckhardt zurückgeführten "modernity thesis", einer "confessional canonization" der Reformation oder einem nationalen Determinismus à la Treitschke wird hier wie überhaupt jedem Versuch, nur bestimmte Stränge der Geschichte für relevant zu erklären, eine klare Absage erteilt. Demgegenüber soll das Handbuch eine Darstellung bieten, die auf der Grundlage des heutigen Kenntnisstandes und Methodenbewußtseins die Geschichte zweier zentraler Jahrhunderte der europäischen Geschichte aus möglichst vielfältigen Perspektiven beleuchtet. Der erste Band befaßt sich schwerpunktmäßig mit alltagsgeschichtlichen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen; der {315} zweite Band ist dem großen Thema der Reformation bzw. Gegenreformation, ihren Wurzeln und Ergebnissen gewidmet. Jeder Beitrag ist mit den wichtigsten weiterführenden Literaturangaben versehen; von den beigegebenen Karten, Tabellen und Anhängen sei als besonders hilfreich die Übersicht zu den europäischen Währungseinheiten um 1500 hervorgehoben (Bd. 1 S. 674 ff., Bd. 2 S. 686 ff.). Daß bei einem derart offen angelegten Ansatz sich im Endergebnis noch gewisse Unausgewogenheiten bemerkbar machen, etwa eine Bevorzugung Mittel- und Westeuropas im politisch-wirtschaftlichen Teil oder protestantischer Bewegungen im religionsgeschichtlichen Bereich wie auch umgekehrt das Fehlen von Beiträgen zur Kultur der Eliten oder zu den Geschlechterbeziehungen, ist nicht zu vermeiden; die von den Hgg. in sympathischer Bescheidenheit konstatierte Bilanz von Erfolg und Mißerfolg des Konzepts neigt sich eindeutig der positiven Seite zu. Es ist ein grundlegendes Nachschlagewerk entstanden, dessen Verdienst nicht zuletzt darin besteht, durch das gebotene Panorama die noch bestehenden Lücken bewußt zu machen und Wege zu weisen, auf denen "the mythological year 1500" (Bd. 2 S. XX) als angebliche Grenzscheide zwischen dem finsteren MA und der Neuzeit weiter zu entmythisieren ist.

C.M. {315}


[329], S. 315

Erich Meuthen, Reiche, Kirchen und Kurie im späteren Mittelalter, HZ 265 (1997) S. 597-637, betont vor dem Hintergrund der nachfolgenden Reformation die fortschreitende Distanz der deutschen Kirche, gemessen an anderen Nationen, von Papsttum und Kurie im 15. Jh., was u. a. sichtbar werde an der eher spärlichen Vergabe von Pfründen an Ortsfremde, zumal Ausländer, an der ganz sporadischen Berücksichtigung bei Kardinalserhebungen oder auch am rückläufigen Anteil Deutscher unter dem kurialen Personal.

Rudolf Schieffer


[330], S. 315

Firenze e il concilio del 1439. Convegno di Studi, Firenze 29 novembre - 2 dicembre 1989 a cura di Paolo Viti, 2 Bde. (Biblioteca storica toscana. Ser. 1, 29) Firenze 1994, Leo S. Olschki, XX u. 1013 S., ISBN 88-222-4162-2, ITL 180.000.  --  Der 550. Jahrestag der Eröffnung des Konzils von Florenz bot Anlaß zu einem internationalen Kongreß, der es sich zum Ziel machte, einmal nicht den am Unionskonzil diskutierten theologischen und ekklesiologischen Fragen an sich nachzugehen, sondern die wechselseitigen Wirkeinflüsse zwischen dem Konzil und seiner Gastgeberstadt zu reflektieren. Es ging darum, das Konzil als ein zentrales Moment in der florentinischen Geschichte zu erkennen und zu verstehen. Der Fülle und Vielfältigkeit der 33 Artikel wegen sei es erlaubt, die Hauptzüge des Inhalts anhand einiger ausgewählter Aufsätze aufzuzeigen. Mit dem Themenbereich "Religion, Politik und Ökonomie" befassen sich u. a.: Riccardo Fubini, Problemi di politica fiorentina all'epoca del concilio (S. 27-57), stellt in seinem Übersichtsartikel die florentinische Politik als stark von den beiden Familien der Medici und der Sforza bestimmt dar.  --  Anthony Molho, Fisco ed economia a Firenze alla vigilia del concilio (S. 59-94), beleuchtet die für die Verlegung des Konzils von Ferrara nach Florenz nicht unerhebliche ökonomische Seite des reichen Stadtstaates.  --  Raffaella Maria Zaccaria, Documenti e testimonianze inedite sul concilio: linee per una ricerca (S. 95-108), liefert einen nützlichen Zugang zu den hauptsächlich im Archivio di Stato di Firenze liegenden einschlägigen Aktenbeständen.  --  Concetta Bianca, I cardinali al concilio di Firenze (S. 147-173), untersucht die am 18. Dezember 1439 von Eugen IV. {316} vollzogene Ernennung von 17 Kardinälen und vergleicht sie mit der papalen und konziliaren Kardinalatspolitik seit dem Konstanzer Konzil.  --  Mario Tubbini, Il Collegio Eugeniano e il concilio del 1439 (S. 175-189), untersucht die beiden Papstbullen Ad providentiam vom 4. Oktober 1441 und Ad exsequendum vom 23. März 1435, mit welchen in Florenz ein eugenianisches Domkapitel geschaffen wurde.  --  Konrad Eisenbichler, Le confraternite laicali al tempo del concilio (S. 221-241), stellt den Reichtum von Florenz an religiösen Laienbruderschaften vor; zählte man zu Beginn des Jahrhunderts gut 50, so erbrachte die Konzilszeit mit rund 100 Kompagnien "una vera fioritura di confraternite".  --  Ikonographische, kostümhistorische, zeremonien- und repräsentationsgeschichtliche Gesichtspunkte werden u. a. in folgenden Beiträgen hervorgehoben: Patrizia Castelli, "Veni creator spiritus". Da San Giorgio a Santa Maria Novella: immagini conciliari (S. 289-316).  --  Eugenio Marino, Il "Diluvio" di Paolo Uccello nel chiostro di S. Maria Novella e suoi (possibili) rapporti con il concilio di Firenze (S. 317-387).  --  Giovanna Lazzi, Novità e persistenze nelle tipologie vestimentarie al tempo del concilio: dalla moda "alla franciosa" a quella "all'orientale" (S. 389-407).  --  Paola Ventrone, L'eccezione e la regola: le rappresentazioni del 1439 nella tradizione fiorentina delle feste di quartiere (S. 410-435).  --  Ilaria Ciseri, Spiritualità e spettacolo nella Firenze del concilio: Cerimoniale diplomatico e sacre rappresentazioni (S. 437-455).  --  Aspekte des lateinischen Humanismus kommen ebenfalls zur Sprache: Paolo Viti, Leonardo Bruni e il Concilio del 1439 (S. 509-575), analysiert fünf vom berühmten Humanisten und florentinischen Staatskanzler zwischen den Sommern 1436 und 1437 zugunsten der künftigen Konzilsstadt Florenz geschriebene Briefe und vergleicht deren Inhalt mit anderen Schriften Brunis, namentlich mit der einige Jahrzehnte früher entstandenen Laudatio Florentinae urbis.  --  Ida Giovanna Rao, Ambrogio Traversari al concilio di Firenze (S. 577-597), skizziert anhand des noch vorhandenen umfangreichen Briefcorpus die Aktivitäten des Camaldulenser-Generals am Konzil in der Zeit zwischen März und Juli 1439.  --  Lidia Caciolli, Codici di Giovanni Aurispa e di Ambrogio Traversari negli anni del concilio di Firenze (S. 599-647).  --  Antonio Manfredi, Per la biblioteca di Tommaso Parentucelli negli anni del concilio fiorentino (S. 649-712), geht dem hochgelehrten Humanisten nach, der seine Konzilspräsenz in Florenz nicht nur als treuer Anhänger Eugens IV. zubrachte, was ihm später dazu mitverhalf, als Nikolaus V. auf den Papstthron gewählt zu werden, sondern auch zum regen und systematischen Sammeln von lateinischen und griechischen Hss. nutzte, und beschreibt die verschiedenen Teile der parentucellischen Bibliothek, die gemeinsam mit den Büchern Eugens IV. zum "primo nucleo" der späteren Vaticana wurde.  --  Prägenden Charakter für Florenz und sein Konzil hatte die griechisch-orthodoxe Präsenz rund um die Unionsverhandlungen. Diesem Gesichtspunkt widmen sich u. a. folgende Aufsätze: Anna Pontani, Firenze nelle fonti greche del concilio (S. 753-812), befaßt sich mit dem Reflex, den Florenz und sein Konzil in den griechischen Quellen geworfen hat, und veröffentlicht die Edition (mit Übersetzung) eines griechischen Textes über die Johannesfeierlichkeiten in Florenz am 23. Juni 1439 und die Übersetzung des 23. Kapitels aus Simeons von Thessalonike Dialogus contra haereses (PG 155, 112 A ff.).  --  Sebastiano Gentile, Giorgio Gemisto Pletone e la sua influenza sull'umanesimo fiorentino (S. 813-832), zeigt den Einfluß des großen Platokenners und einzigen Laien unter den offiziellen Rednern der {317} griechischen Konzilsdelegation auf das kulturelle Leben der Stadt und diskutiert die Glaubwürdigkeit der von Marsilio Ficino kolportierten Begegnung zwischen Pleton und Cosimo Medici, die direkt zur Gründung der Accademia geführt haben soll.  --  John Monfasani, Pletone, Bessarione e la processione dello Spirito Santo: un testo inedito e un falso (S. 833-859), liefert einen Beitrag zur Auseinandersetzung zwischen Pleton und Bessarion in der am Konzil heftig diskutierten Frage des "Filioque", ediert einen bislang fälschlicherweise Pleton zugeschriebenen Traktat zu diesem Thema (Rom, Vallicelliana, cod. Allacci CX) und veröffentlicht die Standpunkte Bessarions im cod. 56,18 der Bibl. Laurenziana.  --  Zwei Führer von Paolo Viti und Paolo Pastori durch die gleichzeitig zum Kongreß gezeigten Ausstellungen "Documenti sul concilio di Firenze" (S. 935-947) und "Le edizioni a stampa degli atti del concilio di Firenze del 1439" (S. 949-970) sowie die zur Erschließung des Inhalts unentbehrlichen Indices (Hss., Orts- und Personennamen) runden die beiden Bände ab.

Rolf De Kegel {317}


[331], S. 317

Nikolaus von Kues. Kirche und Respublica Christiana. Konkordanz, Repräsentanz und Konsens. Akten des Symposions in Trier vom 22. bis 24. April 1993, hg. von Klaus Kremer und Klaus Reinhardt (Mitteilungen und Forschungsberichte der Cusanus-Gesellschaft 21) Trier 1994, Paulinus Verlag, XV u. 354 S., ISBN 3-7902-1362-4, DEM 78.  --  Von den Beiträgen des Tagungsbandes sind für diese Zs. einschlägig: Erich Meuthen, Nikolaus von Kues und die deutsche Kirche am Vorabend der Reformation (S. 39-77, Diskussion S. 77-85), stellt in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen den in der Hs. Salzburg, St. Peter Stiftsarchiv Hs. a 203 fol. 51-59 überlieferten Statutenentwurf des Cusanus für ein Provinzialkonzil, der deutlich seinen Willen zur Reform der deutschen Kirche erkennen läßt.  --  Joachim W. Stieber, Der Kirchenbegriff des Cusanus vor dem Hintergrund der kirchenpolitischen Entwicklungen und kirchentheoretischen Vorstellungen seiner Zeit (S. 87-156, Diskussion S. 156-162), befaßt sich mit der 'alten Frage', warum der Cusanus zunächst Befürworter des Konzils von Basel war und dann zu einem der stärksten Förderer Eugens IV. wurde.  --  Hermann J. Hallauer, Nikolaus von Kues als Bischof und Landesfürst (S. 275-311, Diskussion S. 312-315), zeichnet ein lebendiges und differenziertes Bild des engagierten, aber auch strengen und undiplomatischen Bischofs von Brixen und beleuchtet die geschickte Finanzpolitik des Kaufmannssohnes, der z. B. den Bergbau förderte (dazu ein Editionsanhang). Die Gründe für sein Scheitern in Brixen werden einleuchtend dargestellt.

Martina Stratmann


[332], S. 317

Italia e Ungheria all'epoca dell'Umanesimo Corviniano, a cura di Sante Graciotti e Cesare Vasoli (Civiltà Veneziana. Studi 45) Firenze 1994, Leo S. Olschki, 236 S., ISBN 88-222-4203-8, ITL 49.000.  --  Zum 500. Todestag von König Matthias Corvinus 1990 widmete die Fondazione Giorgio Cini in Venedig den ungarisch-italienischen Beziehungen eine Vortragsreihe, die - auch angesichts des wenig späteren Todes von Lorenzo il Magnifico (1492) - politische und kulturelle Parallelen im Umkreis dieser beiden hervorragenden Persönlichkeiten aufzeigen sollte. Es mag ungerecht erscheinen, daß zwar die ungarischen Teilnehmer auch die italienische Forschung berücksichtigen konnten, den italienischen dagegen das Ungarische verschlossen blieb, was aber wenigstens die (italienische) Druckerei durch Mißhandlung ungarischer Ausdrücke etwas kompensierte. {318} Ungalant ist die Änderung von Eigennamen von Autorinnen wie "Zsuzsanna" zu "Szuzsanna" oder "Agnes" zu "Agnés", aber zum Ausgleich finden sich auch in deutschen Ausdrücken Verballhornungen wie "Wassen und Kostümkunde" (S. 40) oder "Radkersurg" (S. 49), und es ist fast poetische Gerechtigkeit, daß auch im Italienischen der Druckfehlerteufel zuschlägt, so bei "teorizzare gli infedeli" (S. 50). Am Wert der einzelnen Beiträge ändern solche Kleinigkeiten natürlich nichts: Magda Jászay, Venezia e Mattia Corvino (S. 3-17) und Zsuzsanna Teke, Rapporti diplomatici tra Mattia Corvino e gli Stati Italiani (S. 19-36), beschreiben die seit der Thronbesteigung 1458 intensivierten Beziehungen im Spannungsfeld einerseits der inneritalienischen Rivalitäten und andererseits der Türkengefahr.  --  Franco Cardini, Pippo Spano nell'Ungheria umanistica (S. 37-50), skizziert die diplomatische Karriere des Florentiners Filippo Scolari im Dienst von Kaiser Sigismund, erfolgreich als Heerführer gegen die Türken, weniger erfolgreich gegen die Hussiten unter Zizka.  --  Béla Köpeczi, L'origine degli Hunyadi nella coscienza storica Ungherese e Rumena (S. 51-59), lehnt es als Anachronismus ab, die Familie des Matthias Corvinus für eine der beiden Nationalitäten reklamieren zu wollen.  --  Agnes Ritoók-Szalay, Peregrinazioni erudite nel regno di Mattia Corvino (S. 61-69), behandelt die Dominikaner Leonard Huntpichler (aus Wien, antihussitisch tätig) und Petrus Niger (aus Deutschland, Regens des Ordens-Studiums in Buda) sowie Erzbischof Johannes Vitéz, den Begründer des Ordens-Studiums in Buda, und dessen Neffen, den begabten Dichter Janus Pannonius.  --  Donatella Coppini, La scimmia di Marziale. "Veteres" e "Novi" nella poesia di Giano Pannonio (S. 71-88), stellt dichterische Äußerungen zusammen, die das Selbstbewußtsein eines Humanisten bei der Benützung klassischer Modelle illustrieren.  --  Sebastiano Gentile, Marsilio Ficino e l'Ungheria di Mattia Corvino (S. 89-110), resümiert die Auswirkungen von gegenseitigen Besuchsreisen und regem Briefwechsel zwischen Florenz und Buda auf die Entwicklung einer Art von Platonismus in Ungarn.  --  Cesare Vasoli, Brevi considerazioni su Sebastiano Salvini (S. 111-132) und Alessandro D'Alessandro, Astrologia, religione e scienza nella cultura medica e filosofica di Galeotto Marzio (S. 133-177), befassen sich mit den italienischen Gelehrten, die längere oder kürzere Zeit am ungarischen Hof weilten.  --  Klára Pajorin, La rinascita del simposio antico e la corte di Mattia Corvino (S. 179-228), dokumentiert die Einführung des gesellschaftlichen Ereignisses und der literarischen Gattung des Symposion ("convivium") durch Johannes Vitéz, an dem König Matthias und - als Berichterstatter - Galeotto Marzio teilnehmen, wobei vor allem die Frage der Keuschheit und ihr wertemäßiges Verhältnis zum Eheleben ein beliebter Gesprächsstoff war.

Gabriel Silagi


[333], S. 318

Uwe Israel, Johannes Geiler von Kaysersberg (1445-1510). Der Straßburger Münsterprediger als Rechtsreformer (Berliner Historische Studien 27) Berlin 1997, Duncker & Humblot, IX u. 439 S., zahlreiche Abb., ISBN 3-428-09060-8, DEM 142.  --  Die bei H. Boockmann angefertigte Berliner Diss. zeichnet zunächst mit klarem Blick und Urteilsvermögen das Leben des wortgewaltigen Predigers und Doktors der Theologie nach (S. 1-177), der bald nach seinem Tod von Luther, Flacius und später dann von Ullmann u. a. als 'Reformator vor der Reformation' vereinnahmt wurde. I. kann zeigen, wie sehr dies bis in dieses Jahrhundert die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem bedeutenden Mann {319} beeinträchtigt hat, genau wie die politische Situation seiner Heimat als Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich. Der zweite Teil der Arbeit (S. 178-267) gilt dann dem weitblickenden Rechtsreformer, der die Probleme und Mißstände seiner Zeit deutlich wahrnahm und 1501 dem Rat der Stadt Straßburg 21 Artikel vorlegte, in denen es um Ungerechtigkeiten im Erbrecht von Geistlichen und Laien ging, um die Gewerbeordnung und die 'Guten Sitten', die Beseitigung von Glücksspiel, die Krankenfürsorge (insbesondere für die, die an der kurz zuvor nach Europa eingeschleppten Syphilis erkrankt waren) sowie um die Behandlung der zum Tode Verurteilten, denen beispielsweise Beichte, Kommunion und ein christliches Begräbnis verweigert wurden. Der Vf. interpretiert nicht nur Geilers Anliegen, sondern konfrontiert sie mit Parallelquellen und zeigt auf, was aus den Reformforderungen wurde. Auch seine Pläne und Vorstellungen zu einer Bildungsreform werden knapp behandelt (S. 268-283). Deutlich wird dabei, wie wenig man den tiefreligiösen, aber auch den Mißständen seiner Zeit kritisch gegenüberstehenden Münsterprediger als Vorreformator in Anspruch nehmen darf. Ein Anhang (S. 296-427) mit edierten Texten (besonders zur Einrichtung der Prädikatur für Geiler) sowie ein Werk- und Predigtverzeichnis als auch ein Briefverzeichnis (einschließlich Rekonstruktion verlorener Briefwechsel) runden diese Diss. ab, die nicht nur durch die Fülle des zusammengetragenen Materials besticht, sondern auch durch ihre gute Lesbarkeit. Es entsteht nämlich sowohl ein lebendiges Portrait dieses gebildeten und kritischen Menschen am Ende des MA als auch ein plastisches Bild der Stadt Straßburg um 1500.

Martina Stratmann


[334], S. 319

René Bornert, Pour une histoire concrète de la vie quotidienne dans les monastères d'Alsace au Moyen Age, Revue d'Alsace 122 (1996) S. 61-81, beschreibt auf der Grundlage von Consuetudines, Heiligenviten, Visitationsprotokollen u. a. das Alltagsleben der Mönche und Nonnen in den elsässischen Benediktiner- und Zisterzienserklöstern (7.-15. Jh.).

Rolf Große {319}


[335], S. 319

Gregorio Penco, Rapporti tra gli ambienti monastici e il mondo arabo nel medio evo, Benedictina 43 (1996) S. 269-278, berichtet anhand von einzelnen Beispielen von einer schillernden Bandbreite der Beziehungen, die von der Verfolgung der Mönche bis zum Nachweis von christlichen Arabern als Mönche nach griechischem Ritus in Messina reichte.

Christian Lohmer


[336], S. 319

David C. Van Meter, Count Baldwin IV, Richard of Saint-Vanne, and the Inception of Monastic Reform in Eleventh-Century Flanders, Revue Bénédictine 107 (1997) S. 130-148, befaßt sich mit der Reform des Klosters Saint-Vaast durch Abt Richard von St. Vanne 1008-1013 und mit dem Einfluß, den der Abt und auch die wechselvolle politische Situation auf die Reformgesinnung Graf Balduins IV. († 1035) ausübten.

Detlev Jasper


[337], S. 319

Michael Frassetto, Reaction and Reform: Reception of Heresy in Arras and Aquitaine in the Early Eleventh Century, The Catholic Historical Review 83 (1997) S. 385-400, vergleicht die sehr ähnlichen Aussagen, die Bischof Gerhard von Cambrai in den Acta synodi Atrebatensis in Manichaeos von 1025 und {320} Ademar von Chabannes in seinen noch unedierten Sermones bei ihren Auseinandersetzungen mit häretischen Strömungen zu Eucharistie und Priesterstand treffen. Die Bedeutung dieser häretischen Bewegungen im frühen 11. Jh. sieht F. darin, daß sie die Kirche zwangen, schon früh zu Themen Stellung zu nehmen, die in der Reform des 11. Jh. eine entscheidende Rolle spielten.

Detlev Jasper


[338], S. 320

John Howe, Peter Damian and Monte Cassino, Revue Bénédictine 107 (1997) S. 330-351, beschreibt die Kontakte des Petrus Damiani zu der Abtei, die auf der Freundschaft zwischen ihm und dem Abt und Kardinalpriester Desiderius (später Viktor III.) beruhten.

Detlev Jasper


[339], S. 320

Ulrich Andermann, Die unsittlichen und disziplinlosen Kanonissen. Ein Topos und seine Hintergründe, aufgezeigt an Beispielen sächsischer Frauenstifte (11.-13. Jh.), Westfälische Zs. 146 (1996) S. 39-63, weist zunächst auf die der christlichen Anthropologie entsprechende mindere Wertschätzung von Frauen hin und versucht dann an Beispielen nachzuweisen, daß die abwertenden Beurteilungen einzelner Kanonissenstifte als Topoi nur bedingt "die historische Realität widerspiegeln" (S. 43), daß sie vielmehr z. B. von Bischöfen verwendet worden sind, um durchaus eigennütziges Handeln scheinbar argumentativ moralisch zu rechtfertigen.

Goswin Spreckelmeyer {320}


[340], S. 320

Dieter Pötschke (Hg.), Geschichte und Recht der Zisterzienser (Studien zur Geschichte, Kunst und Kultur der Zisterzienser, Bd. 2) Berlin 1997, Lukas Verlag, 228 S., Abb., Karten, ISBN 3-931836-05-3, DEM 29,80.  --  Band zwei der neuen Reihe (vgl. DA 53, 784) präsentiert eine Sammlung von Aufsätzen, die ihren Ursprung in Fachtagungen (Zisterziensertagung, Lehnin, Juni 1996; Roland und Recht im Mittelalter, Belgern, Juni 1986; Jubiläumsfeier für Kloster Neuenkamp, 1981) haben oder für den Band selbst verfaßt worden sind. Thematisch sind die Beiträge vier Schwerpunkten zugeordnet: 1. Wirtschaft der Zisterzienser im nordostdeutschen Raum, 2. Verhältnis der Zisterzienser zu Landesherrschaft und Recht, 3. Religiöse Praxis, Kultur und Architektur der Zisterzienser und 4. Zisterzienserforschung und moderne Medien.  --  Die Aufsätze: Stephan Warnatsch, Wirtschaftliche Faktoren der Gründung des Klosters Lehnin (S. 10-36).  --  Uta und Klaus Puls, Gartenbau bei den Zisterziensern (S. 37-52).  --  Dieter Pötschke, Eine Stadt in Klosterbesitz - Kloster Buch, die Stadt Belgern und ihr Roland (S. 53-63).  --  Helmut Assing, Wer holte Kloster Zinna in den heutigen Barnim? (S. 64-77).  --  Sven Wichert, Sachsen gegen Wenden. Das Zisterzienserkloster Doberan in einer Krise (S. 78-123).  --  Dieter Pötschke, Kloster Neuenkamp in seinem Verhältnis zu Rügenfürsten und Pommernherzögen (S. 124-139).  --  Ders., Zisterzienserklöster und Rechtsbücher im Bereich des sächsischen Rechts (S. 140-153).  --  Kazimierz Bobowski, Armen- und Krankenpflege in den schlesischen Zisterzienserklöstern bis zur Säkularisation (S. 154-161).  --  Winfried Töpler, Der Konvent des Zisterzienserklosters Neuzelle (S. 162-167).  --  Fred Sobik, Heiliges Grab und Wunderblut - die Wallfahrt im Zisterzienserinnenkloster Heiligengrabe (S. 168-177).  --  Dieter Pötschke, Beiträge zur Geschichte des Heiligenblutklosters Wasserleben (S. 178-188).  --  Gunther Nisch, Die Restaurierung der Klosterkirche Lehnin im 19. Jahrhundert (S. 189-204).  --  Wolfgang Roehrig, Die Internet-Anbindung des Deutschen Historischen Museums (DHM) {321} - Nutzen und Perspektiven (S. 205-209).  --  Oliver H. Schmidt, Multimediale Findbücher für Klöster (S. 210-218).  --  Jürgen Feuerstake, Wege zu den Zisterziensern - ein Multimediaprojekt (S. 219-227).  --  Alles in allem eine Aufsatzsammlung sehr unterschiedlicher wissenschaftlicher Tiefe, die bei einigen Beiträgen die Einbettung in allgemeinere Zusammenhänge vermissen läßt. Dessen ungeachtet seien die löblichen Überlegungen besonders hervorgehoben, der Zisterzienserforschung auch die neuen Kommunikationsmöglichkeiten nutzbar zu machen.

Olaf B. Rader {321}


[341], S. 321

Die Männer- und Frauenklöster der Zisterzienser in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg. Bearb. von Ulrich Faust (Germania Benedictina, Bd. 12 = Veröffentlichungen des Internationalen Forschungszentrums für Grundfragen der Wissenschaften Salzburg. N. F. 57) St. Ottilien 1994, Eos Verlag, 912 S., 1 Abb., 2 Karten, ISBN 3-88096-612-5, DEM 98.  --  Nachdem Bd. 6 und 11 der Reihe ausführlich die Klöster der Benediktiner Norddeutschlands dargestellt haben, werden hier die 32 Zisterzienserklöster behandelt, von denen mehr als die Hälfte Frauenkonvente waren. Diese Nonnen lebten zwar nach den Consuetudines von Cîteaux und trugen Ordenstracht, waren aber den Zisterziensern nicht inkorporiert. Die ersten Gründungen gehen mit Walkenried als Männerkloster (1129) und Wöltingerode als Frauenkonvent (vor 1188) ins 12. Jh. zurück, und viele von ihnen leben heute als evangelische Damenstifte, teilweise mit einer Äbtissin, oder als evangelische Prälaturen weiter, was ihnen in aller Regel ihre Bausubstanz bewahrt hat. Die einzelnen Artikel informieren umfassend entsprechend dem der Reihe zugrunde liegenden Schema (vgl. DA 41, 312). Der Inhalt ist durch ein ausführliches Register (S. 835-912) gut erschlossen, und von Ulrich Faust stammt die instruktive Einleitung: Zisterzienser in Norddeutschland (S. 15-28).

Detlev Jasper


[342], S. 321

Cîteaux 47 (1996).  --  Der Band behandelt das Thema "Zentrum und Peripherie. Die Zisterzienser im mittelalterlichen Staat Böhmen" und enthält die folgenden Vorträge eines Kolloquiums, das 1992 in Kutná Hora abgehalten wurde : Jaroslav Cechura, Les monastères cisterciens en Bohême du XIIe au XVe siècle (S. 35-40), konstatiert drei Gründungswellen und beschreibt die Beziehungen der Klöster zu Königtum und Adel.  --  Zdenka Hledíková, Das Bistum Prag und die Zisterzienser (S. 43-55), untersucht besonders die Konflikte zwischen dem Bischof von Prag und den Mönchen im 14. Jh.  --  JiSpevácek, The Cistercians, Princess Elizabeth, and the Establishment of the Luxembourg Dynasty in the Lands of Bohemia (S. 59-66), beschreibt die Rolle, die böhmische Zisterzienseräbte bei der Eheschließung Johanns von Luxemburg mit der Premyslidin Elisabeth spielten.  --  Helena Stroblová, Kutná Hora (Kuttenberg) und die Abtei Sedlec (S. 69-75), behandelt die Konflikte zwischen der Bergwerkstadt und dem Kloster.  --  Frantisek Kub%*u, Das Kloster Waldsassen und Böhmen (S. 79-87), untersucht die politischen und besitzrechtlichen Beziehungen des Klosters zu den böhmischen Ländern.  --  Heinrich Grüger, Der Zisterzienserorden in Schlesien bis zum Tode Ludwigs II. von Ungarn und Böhmen (1526) (S. 91-102), beschreibt die Zisterzienser als wichtigsten Orden in Schlesien und ihr Verhältnis zu den böhmischen {322} Nachbarn.  --  Zdenek Bohác, Die Zisterzienserklöster in der Lausitz und ihre Beziehung zu den Böhmischen Ländern (S. 105-112), gibt einen Überblick vom 12. Jh. bis in die Gegenwart.  --  Bozena Kopicková, Laien als Wohltäter der Zisterzienserinnen in Böhmen und Mähren im Licht der Urkunden (S. 115-132), untersucht die soziale Stellung der (meist adligen) Wohltäter vom 13.-15. Jh. und zieht daraus Rückschlüsse auf die Zusammensetzung der Konvente.  --  Helena Krmícková, Le Malogranatum et la question de la communion fréquente (S. 135-142), untersucht die spirituellen Vorlagen des Erbauungsbuches und vermutet den Königsaaler Abt Johann von Frankenstein (1340-1348) als Vf.  --  Milan Hlinomaz, Les monuments funéraires dans les monastères de Bohême et de Moravie. Évaluation d'un essai d'étude interdisciplinaire (S. 145-153), entwickelt an konkreten Beispielen Kategorien für eine Typologie der Grabdenkmäler.  --  Miloslav Pojsl, Velehrad. Lieu de rencontre des traditions spirituelles de l'Est et de l'Ouest (S. 155-167), betont die Bedeutung des Klosters für die Bewahrung und Verbreitung der cyrillomethodischen Tradition.  --  Joël Regnard, Spiritualité et économie cisterciennes: Éclairages théologiques (S. 171-179), erklärt den wirtschaftlichen Erfolg des Ordens mit der Verknüpfung von geistlicher und weltlicher Sphäre, seinen Niedergang mit sozialen und politischen Gründen.  --  Katerina Charvátová, The Economy of the Cistercians in Bohemia (S. 183-191), untersucht die Wirtschaftsweise der Mönche von 1142-1420, die stärker von einheimischen Traditionen als von den Normen des Ordens geprägt war.  --  Petr Meduna, Archäologische Forschung im Raum des Klosterbesitzes von Ossegg (S. 192-202), erörtert die Siedlungsstruktur und -entwicklung des Klosterbesitzes und berichtet über die Freilegung einer Grangie.  --  Tomás Velímsky, Die Entstehung des Besitzes in Mastov (Nordwestböhmen) und die Umstände seiner Schenkung an die Zisterzienserabtei Waldsassen (S. 205-213), rekonstruiert aus Urkunden des 12. Jh. Umfang und Geschichte eines Güterkomplexes.  --  Dobroslav Líbal, Les transformations de l'architecture cistercienne en Europe au Moyen Âge et leur influence dans les ouvrages de l'Ordre en Bohême et en Moravie (S. 217-227), unterscheidet drei Phasen der Zisterzienserarchitektur und betont die Bedeutung des Ordens für die Entwicklung der Gotik in West- und Mitteleuropa.  --  Klára Benesovská, Aula Regia près de Prague et Mons Regalis près de Paris (S. 231-243), vergleicht die Funktion und Architektur der Zisterzienserklöster Royaumont und Zbraslav (Königsaal).  --  Marian Kutzner, Die mittelalterliche Architektur der Zisterzienserklöster in Schlesien (S. 247-259), betont den Einfluß der Stifter auf die Architektur der Klöster.  --  Heinrich Magirius, Architektur der Zisterzienserklöster in der Lausitz (S. 263-282), weist architektonische Zusammenhänge "auf verschiedenen Ebenen des Zeitstils" bei vier Klöstern nach.  --  Zuzana Vstecková, The Cistercian Origin of the Osek Lectionary and the Mural Paintings in the Royal Chapel of the Cistercian Monastery of Plasy (S. 285-298), sieht das Lektionar von Ossegg unter zisterziensischem Einfluß entstanden.  --  J. Hana Hlavácková, A Thirteenth-Century Antiphonary from Sedlec Abbey (S. 301-311), widmet sich dem byzantinisch beeinflußten Buchschmuck und sucht den Ursprung des Antiphonars im Umkreis der Zisterzienser.  --  Pavel Kalina, Mater et Sponsa. Einige Bemerkungen zur Kunst der Zisterzienser in Böhmen (S. 313-325), macht mit Hilfe eines ikonographischen Details den Königsaaler Abt Peter von Zittau († 1339) als Auftraggeber einer Marienstatue wahrscheinlich.  --  Duna Stehlíková, Cistercian {323} Seals in Bohemia and Moravia from 1220 to 1520 (S. 329-341), ist eine Bestandsaufnahme mit Abbildungen und Beschreibungen der Abts- und Konventssiegel.

Klaus Naß


[343], S. 323

Wilfried Marcel Grauwen, De regelkeuze en de eerste professie te Prémontré, Analecta Praemonstratensia 72 (1996) S. 33-52, diskutiert erneut die ersten Anfänge des Ordens 1120/21 im Hinblick auf die Frage der Ordensregel.

Christian Lohmer


[344], S. 323

Colin Morris, San Ranieri of Pisa: the power and limitations of sanctity in twelfth-century Italy, Journal of Ecclesiastical History 45 (1994) S. 588-599, untersucht Leben und Wirken des 1160 verstorbenen charismatischen Laienpredigers, dessen Kultus in Pisa selbst schnell Boden gewonnen hat, obwohl er außerhalb der Stadt fast gänzlich unbekannt blieb: "campanilismo on a grand scale".

Timothy Reuter


[345], S. 323

Cándido Aniz Iriarte, Luis V. Díaz Martín (Coordinadores), Santo Domingo de Caleruega en su contexto socio-político, 1170-1221. Jornadas de estudios medievales, Caleruega 1992-1993 (Monumenta Histórica Iberoamericana de la Orden de Predicadores 5) Salamanca 1994, Editorial San Esteban, 347 S., zahlreiche Abb., ISBN 84-87557-77-5, ESP 2.800.  --  Anläßlich der Jubiläumsfeierlichkeiten am Geburtsort des Heiligen Dominikus (vgl. DA 53, 375 f.) hat die von den spanischen Dominikanern getragene "Fundación Caleruega" zwei wissenschaftliche Tagungen veranstaltet, deren Referate jetzt in ihrer Mehrzahl gedruckt vorliegen. Sie sind für ihre Publikation zu drei Gruppen zusammengestellt worden. Die erste nimmt Dominikus und sein soziales und politisches Umfeld in den Blick: Cándido Aniz Iriarte, Retrato de un hombre de Castilla: Domingo de Caleruega (o de Guzmán) (S. 15-28), Vicente Angel Alvarez Palenzuela, Problemas internos de Castilla en torno al año 1200 (S. 29-46), Luis Vicente Díaz Martín, Panorama de la Europa cristiana en la época de Santo Domingo de Guzmán, 1170-1221 (S. 47-66), José Antonio Martín Fuertes, La documentación Castellana en la época de Santo Domingo. Consideraciones sobre su naturaleza y tipología (S. 67-80), und Félix Martínez Llorente, Poder político y repoblación en la Castilla del Duero medieval: Alfoces y tenencias (siglos X-XIII) (S. 81-124). Der zweite Schwerpunkt liegt auf den Familien der Azas und Guzmanes in Caleruega - mit Beiträgen von Teófilo Portillo Capilla, Identidad Hispana de Santo Domingo de Guzmán (S. 127-148), Vito T. Gómez García, Caleruega en la documentación primitiva Dominicana (S. 149-172), Gonzalo Martínez Díez, Orígenes familiares de Santo Domingo. Los linajes de Aza y Guzmán (S. 173-228), und Carmen González González, Señorío de Caleruega: I. Presencia y continuidad de Azas y Guzmanes. II. Alfonso X el Sabio: Restauración del señorío y su donación al real monasterio de Santo Domingo (S. 229-274). Die dritte Gruppe enthält drei Studien zur Jugend des Dominikus und den dabei wichtigen Beziehungen Caleruegas zu Gumiel: Pedro Ontoria Oquillas, El arcipreste de Gumiel, Don Gonzalo García de Aza, tutor de Santo Domingo de Guzmán (S. 277-298), María Cruz Rodríguez Rodríguez, El monasterio de San Pedro de Gumiel de Hizán. Notas históricas (siglos XII-XIII) (S. 299-324), und Lorenzo Galmés Mas, Juana de Aza y Domingo {324} de Guzmán (S. 325-339). Alle Beiträge sind gut dokumentiert, gelegentlich sogar mit Archivmaterial, und bereichern unsere Kenntnisse über Caleruega und seinen großen Sohn. Leider wird der reiche Inhalt des Bandes durch keinerlei Register erschlossen, auch ein Literaturverzeichnis fehlt.

Peter Segl {324}


[346], S. 324

Andrea Boni, Obbligatorietà del noviziato nell'ordine dei frati minori, Antonianum 71 (1996) S. 211-264, relativiert in einer subtilen ordensrechtlichen Studie die bisher geltende Meinung, daß 1220 von Honorius III. für die Mendikanten und 1244 von Innozenz IV. für diese und auch für die Predigermönche das Noviziat verbindlich festgelegt worden sei. Vielmehr ist bis zum Konzil von Trient, das für alle Orden das Noviziat festschrieb, von einem gewissen Ermessensspielraum der Ordensoberen in dieser Frage auszugehen.

Christian Lohmer


[347], S. 324

Thomas Berger, Die Bettelorden in der Erzdiözese Mainz und in den Diözesen Speyer und Worms im 13. Jahrhundert. Ausbreitung, Förderung und Funktion (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte 69) Mainz 1994, Selbstverlag der Gesellschaft für mittelrheinische Kirchengeschichte, VI u. 423 S., ISBN 3-929135-01-9, DEM 148.  --  Die Arbeit läßt sich am besten als eine regestenartige Untersuchung charakterisieren. In ihrem Mittelpunkt steht S. 39-183 eine alphabetische Liste der 38 Orte, an denen sich die Bettelorden in den drei Diözesen während des 13. Jh. niederließen: neben den großen Orden der Franziskaner (25 Konvente) und Dominikaner (15 Konv.) die Augustinereremiten (15 Konv.), Karmeliten (7 Konv.) und der Ordo de Poenitentia Jesu Christi/Sackbrüder (2 Konv.); die Frauenkonvente werden nicht bearbeitet. Jeder Ortsartikel ist nach dem gleichen Schema gegliedert, das sowohl die Struktur des Ortes selbst (Stadtherrschaft, weitere Klöster, Pfarrkirchen usw.) als auch der Ordensniederlassung erfaßt. Für letztere hat der Vf. 11 Kategorien (mit weiterer Untergliederung) gebildet; das Verhältnis des Konventes zur Orts- und Gesamtkirche, zur Stadt und zur Stadtbevölkerung wird hier z. B. mit Einzelbelegen aufgeschlüsselt. Den systematischen Auswertungen dieses "statistischen" Teils sind häufig tabellarische Übersichten vorangestellt oder folgen ihnen als Zusammenfassung. Für die Auswertung selbst spielt die Frage nach der Förderung und Indienstnahme der Mendikanten durch das Papsttum bzw. durch den bischöflichen Ordinarius eine zentrale Rolle. Die Dominikaner erwiesen sich hier als besonders brauchbar, Ursache dafür ist die Klerikalisierung gerade dieser Gemeinschaft, was auf der anderen Seite eine stärkere Konkurrenz zu dem städtischen Klerus nach sich zog. So gab es in den Bischofsstädten Speyer und Worms denn auch von Anfang an Verträge zwischen den Dominikanern und dem städtischen Klerus, um strittige Seelsorgefragen zu klären, aber keine derartigen Vereinbarungen in Bezug auf die Franziskaner. Ebenso ließen sich die Dominikaner ihre päpstlichen Privilegien von einer in der jeweiligen Diözese wichtigen Einrichtung (Dt. Orden oder auch Bischöfliches Gericht) bestätigen, während die Franziskaner darauf verzichteten. Aus solchen Beobachtungen zur konkreten Verflechtung der einzelnen Niederlassung mit ihrer Umwelt gewinnt der Vf. wichtige Rückschlüsse für die Position des jeweiligen Ordens innerhalb der Mendikanten. Generell zeigt sich, daß nicht allein deren Predigttätigkeit ein besonderes Leistungsangebot für die städtische Umwelt darstellte, sondern daß die Niederlassungen der Mendikanten auf vielfältige Weise in das städtische {325} Leben einbezogen waren: sei es als Begräbnisstätte, sei es als Teil der Stadtbefestigung, indem sie oft direkt an oder nahe bei der Stadtmauer errichtet wurden. Die systematische Erschließung dieser Vielfalt macht den besonderen Wert des Buches aus.

Ernst-Dieter Hehl


[348], S. 325

Mario Sensi, Chiara d'Assisi nell'Umbria del Quattrocento, Collectanea Franciscana 64 (1994) S. 215-239, führt die Untersuchung von Giovanna Casagrande, Presenza di Chiara in Umbria nei secoli XIII-XIV. Spunti e appunti, Collectanea Franciscana 62 (1992) S. 481-505 bis zum Ende des MA fort. Es bestätigt sich die Erkenntnis, daß der Frauenzweig des Minoritenordens von den Richtungskämpfen der Spiritualen, Konventualen und Observanten nicht unberührt blieb und ähnlich dem Männerorden einem stetigen Wandel bei der Suche nach einer zeitgemäßen Spiritualität unterzogen war. Hervorzuheben ist ferner, daß ab dem 15. Jh. Klara eine neue Funktion als depulsor et defensor pestilitatis zumindest in Assisi übernahm.

Christian Lohmer


[349], S. 325

Giovanni Vitolo, Religiosità delle opere e monachesimo verginiano nell'età di Federico II, Benedictina 43 (1996) S. 135-150, sucht in gedruckten Quellen, und zwar vornehmlich in testamentarischen Übertragungen, Gründe für die damalige Popularität von Montevergine.

Christian Lohmer


[350], S. 325

Mario Sensi, Storie di bizzoche tra Umbria e Marche. Prefazione di Romana Guarnieri (Storia e letteratura 192) Roma 1995, Edizioni di storia e letteratura, XVII u. 511 S., keine ISBN, ITL 100.000.  --  Eine bizzoca, bizzocca, bizzochera, pinzochera, pinzoca ist, wie der Vf. seinen eigenen Landsleuten zu verstehen gibt, zunächst eine incarcerata, encarcerata, reclusa (S. XIII), also im Extremfall eine Jungfrau oder Witwe, die sich freiwillig in oder bei einem Kloster oder oftmals auch bei einer Kirche einsperrte oder einmauern ließ und in Belangen der Ver- und Entsorgung ganz von ihrer Umwelt abhängig war. Diese frühchristliche Form der rigiden Askese erlebte eine erneute Blüte im 13. und 14. Jh. in ganz Europa und mündete entweder in häresieverdächtige Strömungen oder in die Laienbewegungen der neuen Orden als Tertiarinnen. Dann allerdings - um die andere Seite des Spektrums anzusprechen - waren bizzoche Schwestern, die in eigenen Häusern klosterähnlich lebten und oftmals spirituelle oder karitative Aufgaben wahrnahmen - nördlich der Alpen als Beginen (bzw. für den männlichen Zweig als Begarden) bekannt. Von dieser vornehmlich weiblichen Massenbewegung, die in Italien im Umfeld von Franziskus und Klara im 13. Jh. einen ersten Höhepunkt erlebte, handelt die subtile Regionalstudie, die eine dichte Überlieferung aus den Archiven erstmals erschließt und in vielen Beispielen abdruckt. Durch den ständigen Bezug zu allgemein kirchenrechtlichen und sozialgeschichtlichen Entwicklungen bietet die umsichtige Arbeit für den an kirchlichen Laienbewegungen Interessierten beachtlichen Erkenntniszuwachs. Ausführliche Register erleichtern die Orientierung in der Fülle der Informationen.

Christian Lohmer


[351], S. 325

Die Antoniter, die Chorherren vom Heiligen Grab in Jerusalem und die Hospitaliter vom Heiligen Geist in der Schweiz, bearbeitet von Anne-Marie Courtieu-Capt, Kaspar Elm, Veronika Feller-Vest, Elisanne Gilomen-Schenkel, {326} Adalbert Mischlewski, Kathrin Utz Tremp, Josef Zwicker, redigiert von Elsanne Gilomen-Schenkel (Helvetia Sacra. Abt. 4, Bd. 4) Basel u. a. 1996, Verlag Helbing & Lichtenhahn, 333 S., ISBN 3-7190-1512-2, DEM 120.  --  Der dem Spitalorden gewidmete Band erscheint als erster in der Reihe IV ("Die Orden mit Augustinerregel") der Helvetia Sacra. Ein einleitender Forschungsbericht (S. 19-34) erläutert die Schwierigkeiten bei der Anwendung des redaktionellen Konzepts auf die Spitäler und Spitalkommunitäten der Schweiz, die dazu führten, daß die Tessiner Hospize im Humiliaten-Bd. IX/1 ausführlich dargestellt, durchaus vergleichbare Institutionen der übrigen Schweiz hingegen nur in einem noch unvollständigen alphabetischen Verzeichnis am Schluß des vorliegenden Bandes aufgeführt werden. Die drei Spitalorden und ihr Wirken im Gebiet der heutigen Schweiz werden - dem bewährten Konzept der Reihe folgend - zuerst in einleitenden Überblicksdarstellungen und darauf in speziellen Beiträgen zu den einzelnen Niederlassungen abgehandelt. Quellenlage und Forschungsstand sind umfassend dokumentiert und präsentieren sich bei den einzelnen Häusern ausgesprochen unterschiedlich, was sich in der Tiefenschärfe des vermittelten Bildes niederschlagen muß: Läßt bei den zwei Basler Niederlassungen der Antoniter die dürftige Überlieferung nur Streiflichter auf die Tätigkeit des Ordens in der Stadt zu, so sind sowohl die Berner als auch die Uznacher Antoniterpräzeptorei ungleich besser dokumentiert. Die Burgdorfer Präzeptorei wiederum ist stark auf die Berner Niederlassung und die Politik des Berner Rats bezogen und erscheint überlieferungsmäßig wie ein Annex zur Geschichte des Berner Hauses. Gut dokumentiert ist das einzige Spital, das die Chorherren vom Heiligen Grab in Rolle führten, während die Überlieferungslage bei den beiden Spitälern der Hospitaliter vom Heiligen Geist im Falle von Bern eine dichtere und ausführlichere Darstellung erlaubt als in jenem von Neuchâtel. Die einzelnen Beiträge des Bandes erweitern nicht nur die Kenntnisse über die Tätigkeit der Spitalorden in der ma. Schweiz, sie vermitteln ein instruktives und  --  wo es die Quellen erlauben - auch farbiges Bild der Krankenpflege und Armenfürsorge im konfliktreichen Spannungsfeld zwischen den religiösen Kommunitäten und den städtischen Institutionen.

Hannes Steiner


[352], S. 326

Crux et arma. Kruistochten, ridderorden en Duitse Orde (Bijdragen tot de geschiedenis van de Duitse Orde in de balije Biesen 4) Bilzen 1997, Historisch Studiecentrum Alden Biesen V. Z. W., 281 S., Abb., ISBN 90-802208-3-3.  --  Die 1989 abgehaltene Tagung, deren Beiträge hier publiziert werden, brachte deutsche, polnische und niederländische Forscher zusammen. Sämtliche Beiträge sind ins Niederländische übersetzt, was zumindest den polnischen Autoren eine größere Beachtung in Westeuropa sichern dürfte. Man kann den Band dennoch nur als Versuch eines Querschnitts durch die aktuelle Forschung verstehen; neue Ansätze finden sich selten. Vieles ist so oder geringfügig anders anderswo nicht bloß vorgetragen, sondern auch publiziert worden und veranlaßt den Rezensenten, auf eine Reihe von nicht eigens im DA besprochenen Sammelbänden hinzuweisen und das vorliegende Buch als Fall für einen noch zu gründenden "Verein zum Schutze der Forschung vor unnötigen Tagungsbänden" vorzumerken. Zuvor noch ein Wort zu den Abbildungen. Eine Ansicht eines frühneuzeitlichen herzoglichen Schloßflügels aus Königsberg (Abb. 18 vor S. 105) trägt wenig zum Verständnis der preußischen Ordensbaukunst bei, und die Burg des pomesanischen {327} Domkapitels zu Marienwerder, deren wichtigster Baukomplex der Dom ist, sollte nicht einfach als "Ordesburcht" tituliert werden (zu Abb. 22 vor S. 119). Nunmehr zu den Aufsätzen: Urbain Vermeulen, De confrontatie van de godsdiensten ten tijde van de kruistochten (S. 15-28), beschäftigt sich mit der Frage des Heiligen Kriegs im Christentum und im Islam.  --  Josef Fleckenstein, Miles en monachus. De fundamentele constellatie van de geestelijke ridderorden in de Middeleeuwen (S. 29-48), ist in deutscher Fassung in einem Sammelband von Aufsätzen des Vf. ("Vom Rittertum im Mittelalter", Goldbach 1997) nachzulesen. Der für das Thema unerläßliche Sammelband "Militia Christi e Crociata nei secoli XI-XIII" (vgl. DA 51, 635) konnte dabei offensichtlich nicht mehr berücksichtigt werden - eines der ärgerlichsten Phänomene bei der verzögerten Publikation von Tagungsbeiträgen.  --  Kaspar Elm, Universaliteit en particularisme van de middeleeuwse ridderorden (S. 49-70), ist hier im Status nascendi wiedergegeben und wurde überarbeitet und mit aktualisierten Literaturhinweisen in Militia sacra. Gli ordini militari tra Europa e Terrasanta, ed. Enzio Coli, Maria De Marco, Perugia 1994, S. Bevignate, 248 S., Abb., ITL 45.000, S. 9-28, veröffentlicht.  --  Henryk Samsonowicz, Oost-Europa en de kruistochten (S. 71-86), geht der Übertragung des Kreuzzugsgedankens auf die osteuropäische Mission nach.  --  Werner Paravicini, Pruisen en West-Europa. De West-Europese adel en zijn deelname aan de kruistochten van de Duitse Orde tegen Litouwen (S. 87-102), läßt uns einmal mehr in die Werkstatt der Erforschung der adligen Litauenfahrten blicken.  --  Marian Arszynsky, De oorsprong van de Ordesburcht als type in Pruisen. Status quaestionis van het bouwhistorisch onderzoek (S. 103-112), wiederholt mit geringfügigen Modifikationen einen Forschungsbericht, der 1994 in dem Sammelband Sztuka w kregu zakonu krzyzackiego w prusach i inflantach [Die Kunst um den Deutschen Orden in Preussen und Livland] (Studia Borussico-baltica Turunensia historiae artium 2) Torún 1995, Uniwersytet Mikolaja Kopernika, Stowarzyszenie Historyków Sztuki, 322 S., Abb., ISBN 83-231-0673-8, S. 111-121 in deutscher Sprache erschienen ist.  --  Marian Dygo, De sacrale betekenis van de burchten van de Duitse Orde in Pruisen in de 13de-14de eeuw (S. 113-121), zieht aus allgemeinen Aussagen der Chronik Peters von Dusberg bzw. ihrer deutschen Versbearbeitung durch Nicolaus von Jeroschin weitreichende Schlüsse auf die Symbolik der Bautätigkeit, wobei er jedoch wenig mehr als Allgemeinplätze wie "himmlisches Jerusalem", "Civitas Dei" und "Kloostersymboliek" zu bieten hat, was auch wenig verwundert, da aus der Frühzeit des Ordensstaates kaum Baukörper erhalten sind und die ausführliche Inventarisierung der Ordenshäuser erst am Ende des 14. Jh. einsetzt. 1995 haben sich zu diesem Komplex weit qualifizierter Bernhart Jähnig "Funktionsbereiche der Deutschordensburg" und Hartmut Boockmann "Die Bautätigkeit des Deutschen Ordens anhand des Tresslerbuches" geäußert (beide Beiträge in dem oben bereits erwähnten Sammelband Sztuka w kregu ..., S. 123-146).  --  Vera Matusowa, De Duitse Orde en Engeland (S. 123-138), greift ausnahmsweise ein wenig behandeltes Thema heraus. Der Orden hatte zwar keinen Grundbesitz auf den britischen Inseln, bezog aber seit dem 13. Jh. Geldzuwendungen von der englischen Krone (S. 124-127). Die Handelsbeziehungen zwischen Altpreußen und England stehen im Rahmen der Hanse; ein abschließendes Kapitel ist den englischen Preußenfahrten gewidmet.  --  Henryk Samsonowicz, De handel van de Pruisische Ordesstaat met West-Europa (S. 139-154), {328} behandelt die einzelnen europäischen Länder, darunter S. 149 f. nochmals die englische Frage, und den Einfluß der Hanse.  --  Udo Arnold, De Duitse Orde als economische factor in Noord-West-Europa tijdens de Middeleeuwen (S. 155-174), beschäftigt sich mit Grundbesitzstruktur und Handel an Nordsee und Rhein und betont die Rolle von Antwerpen und Mecheln (S. 168 f.).  --  Udo Arnold, De Duitse Orde in de partes inferiores. Ontwikkelingsstructuren en onderzoeksproblemen (S. 175-198), leitet die dem Gastgeberland gewidmeten Beiträge mit einer allgemeinen Übersicht über die Geschichte der Ballei ein, deren Landkomtur mit dem Titel Magister in partibus inferioribus zeitweilig eine besondere Selbständigkeit gegenüber dem Deutschmeister beanspruchen konnte.  --  Johannes Adriaan Mol, Vechten of verplegen? Ontstaan en begintijd van het huis en de balije Utrecht (S. 199-221), widmet sich der anderen großen niederländischen Ballei.  --  Drei kunstgeschichtliche Beiträge schließen den Band ab.

Arno Mentzel-Reuters


[353], S. 328

The Pilgrimage to Compostela in the Middle Ages. A Book of Essays. Ed. by Maryjane Dunn, Linda Kay Davidson (Garland Medieval Casebooks, Vol. 17 = Garland reference library of the humanities, Vol. 1829) New York u. a. 1996, Garland Publ., XLVIII u. 188 S., Abb., ISBN 0-8153-1638-0, USD 35.  --  Mit diesem Band will sich die Forschung der USA verstärkt an der Diskussion um die Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela beteiligen. Die Hgg. präsentieren nach einem Vorwort eine bibliographische Studie, Introduction: Bibliography of the Pilgrimage: The state of the art (S. XXIII-XLVIII), welche hauptsächlich den Anteil englischsprachiger Forschung vermittelt. In diesem Artikel sollte ebenso wie in die abschließenden Listen von ma. Santiagopilgern, Itinerarien und Reiseberichten die weitgehend ausgesparte deutschsprachige und osteuropäische Forschung eingearbeitet werden.  --  Im einzelnen enthält der Band folgende weitere Beiträge: Alberto Ferreiro, The cult of saints and divine patronage in Gallaecia before Santiago (S. 3-22), behandelt Beziehungen zwischen Martin von Tours und Martin von Braga im frühen MA und vermutet im zweiten Teil seiner Ausführungen, die Martinstraditionen seien im Karolingerreich in St-Denis fortgesetzt worden, im Nordwesten der Iberischen Halbinsel mit dem Jakobuskult.  --  Colin Smith, The geography and history of Iberia in the Liber Sancti Jacobi (S. 23-41), handelt von geographischen Fragen im Liber Sancti Jacobi und kontrastiert dabei Traditionen des Pseudo-Turpin mit der Überlieferung der epischen Dichtung.  --  Vicent Corrigan, Music and the pilgrimage (S. 43-67), stellt die musikalischen Teile der Musik im Liber Sancti Jacobi vor und verdeutlicht deren Sitz im liturgischen Leben.  --  Jeanne E. Krochalis, 1494: Hieronymus Münzer, Compostela, and the Codex Calixtinus (S. 69-96), weist nach, daß die Exzerpte aus dem Liber Sancti Jacobi, die der Nürnberger Humanist Hieronymus Münzer 1494 anfertigte, keine Kopien, sondern Adaptationen darstellen, und bietet eine englische Übersetzung der einschlägigen Passagen.  --  Connie L. Scarborough, The pilgrimage to Santiago de Compostela in the Cantigas de Santa Maria (S. 97-112), sichtet Jakobus-Traditionen in den Cantigas Alfons' des Weisen und folgt dabei der These von Keller, die Marienmirakel und die Marientradition in Villasirga del Camino seien vor allem als politische Reaktion Alfons' X. gegen Cluny zu interpretieren.  --  David M. Gitzlitz, The iconography of St. James in the Indianapolis Museum's fifteenth-century altarpiece (S. 113-130), beschreibt {329} ohne Berücksichtigung bisheriger Interpretationen den wohl flämischen Jakobus-Altar, der heute im Indianapolis-Museum steht.  --  Vicente Almazán, The Pilgrim-Shell in Denmark (S. 131-142), faßt aufgrund seiner bisherigen Studien zu Jakobustraditionen in Skandinavien Beobachtungen zur Pilgermuschel in Dänemark zusammen.  --  John Dagenais, A medieval pilgrimage to Santiago de Compostela on the information highway (S. 143-155), berichtet über seine positiven hochschuldidaktischen Erfahrungen mit dem Jakobsweg. Seine Erfahrungen sind teilweise auch im WWW abrufbar: Allerdings hat sich im Druckmedium (S. 145) leider ein Fehler eingeschlichen: www.humnet.ucla.edu/santiago/ iagohome.html ist die richtige "Adresse" für alle surfwilligen Pilger, um auf den Daten-Highway zu gelangen (es wird noch in Rom zu klären sein, inwieweit auch virtuelle Pilgerfahrten ablaßfähig sind).  --  Eine Gesamtbibliographie, die insgesamt verdeutlicht, wie vieles auch in englischer Sprache schon publiziert wurde, die andererseits aber auch zeigt, daß zentrale fremdsprachige Literatur nur von einigen der beteiligten Autoren rezipiert wurde, beschließt den Sammelband.

Klaus Herbers {329}


4. Rechts- und Verfassungsgeschichte

1. Allgemeines S. 329. 2. Weltliches Recht S. 331. 3. Kirchliches Recht S. 334. 4. Städteverfassung, Stadtrecht S. 341.

[354], S. 329

Jean Gaudemet, Morale, droit et histoire du droit, ZRG Kan. 83 (1997) S. 12-21, zeigt an einigen Beispielen aus dem römischen Recht und aus Gratians Dekret die gegenseitige Beeinflussung von moralischen und rechtlichen Normen.

Detlev Jasper


[355], S. 329

Geschichte der Zentraljustiz in Mitteleuropa. Festschrift für Bernhard Diestelkamp zum 65. Geburtstag. Hg. von Friedrich Battenberg und Filippo Ranieri, Weimar u. a. 1994, Böhlau Verlag, XIV u. 477 S., ISBN 3-412-09493-5, DEM 98.  --  In dem Band zu Ehren des Frankfurter Rechtshistorikers befassen sich folgende Aufsätze mit Themen der ma. Geschichte: Gerhard Dilcher, Der Gedanke der Rechtserneuerung im Mittelalter (S. 1-16), macht den Begriff der renovatio im Sinn von Verbesserung und Bekräftigung zum Angelpunkt seiner Überlegungen. Die Rechtserneuerung im weltlichen Bereich - nur er wird behandelt - stehe zwischen dem beharrenden Prinzip des guten alten Rechts und dem zuerst in der kirchlichen Gesetzgebung anklingenen Grundsatz der freien Schaffung neuen Rechts.  --  Ulrich Eisenhardt, Zu den historischen Wurzeln der Verfassungsgerichtsbarkeit in Deutschland (S. 17-38), läßt die Frage offen, ob die Anfänge der Verfassungsgerichtsbarkeit im MA liegen; man könne das königliche Hofgericht (1235) und das seit Ende des 15. Jh. existierende Reichskammergericht als Vorläufer einer Verfassungsgerichtsbarkeit auffassen, weil sie als Instanzen zur Lösung politischer Konflikte die Verfassungsentwicklung des {330} Deutschen Reiches beeinflußt hätten.  --  Ekkehart Rotter, Das königliche Hofgericht zwischen bischöflicher Stadtherrschaft und Coniuratio Communiae (11.-13. Jahrhundert) (S. 39-59), skizziert die Anfang des 13. Jh. besonders häufigen, zumeist noch vergeblichen Versuche der Bürgerschaft der Bischofsstädte am Westrand des Reiches, sich vor dem königlichen Gericht von der bischöflichen Stadtherrschaft zu befreien.  --  Friedrich Battenberg, Studien zum Personal des königlichen Hofgerichts im Mittelalter (S. 61-77), referiert den Stand der noch am Anfang stehenden Forschung und geht näher auf die Funktionen des Hofrichters und des Hofschreibers im Hofgericht ein.  --  Ronald Neumann, Herrscherliche Aufträge zur Streitentscheidung bis zum Tode Kaiser Karls IV. (S. 79-99), befaßt sich für die Zeit von Konrad I. (911) bis Karl IV. (1378) mit den zahlreichen Fällen, in denen die Herrscher Streitfälle zur Entscheidung an eigens beauftragte Kommissare delegierten. Zumeist handelte es sich um Konflikte zwischen Geistlichen und Weltlichen oder zwischen Klerikern und um Prozesse von minderer politischer Bedeutung, deren Delegierung häufig mit der Arbeitsüberlastung des Königs oder der weiten Entfernung vom Hofgericht begründet wurde.  --  Paul L. Nève, Das königliche Hofgericht, der Markgraf von Brandenburg und die Erbschaft des Lütticher Bischofs Johann VII. von Wallenrode (S. 101-118), schildert die jahrzehntelange, verwickelte und zum Schluß ohne greifbares Ergebnis gebliebene Auseinandersetzung zwischen Lüttich und dem Markgrafen von Brandenburg um das Erbe des Lütticher Bischofs Johann von Wallenrode († 1419).  --  Heinrich Koller, Zur Bedeutung der eigenhändigen Briefe Kaiser Friedrichs III. (S. 119-129), zeigt, daß Friedrich III. nicht nur der Phlegmatiker war, als der er zumeist angesehen wird, sondern in großem Engagement mit seinen Autographen schwebende Gerichtsverfahren massiv beeinflußte.  --  Bernd-Rüdiger Kern, Die Gerichtsbarkeit der Reichsvikare (S. 131-146), führt die Aufgabenfülle des Abwesenheitsvikariats und des Vikariats vacante imperio auf das personale Reichsverständnis des MA zurück.  --  Gernot Kocher, Ikonographische Aspekte der höchsten Gerichtsbarkeit im Reich (S. 147-160), interpretiert zehn ma. Darstellungen des Herrschers als obersten Richters.  --  Heiner Lück, Die Zurückdrängung der königlichen und kirchlichen Gerichtsbarkeit in Kursachsen während des 15. und 16. Jahrhunderts (S. 161-180), skizziert die allmähliche Emanzipation des Kurfürstentums von der Gerichtsbarkeit des Reiches durch Ausnutzung des privilegium de non evocando, die Zurückdrängung der Femegerichtsbarkeit und die Reduzierung des Einflusses kirchlicher Gerichte durch Betonung der kirchenrechtlich fixierten Zuständigkeiten.  --  Serge Dauchy, The cost of pleading in the Parlement of Paris in the Fifteenth Century (S. 181-193), weist an Prozessen flandrischer Städte durch alle Instanzen auf die enormen Kosten solcher Verfahren hin, die allerdings die Neigung der Prozeßparteien förderten, Vergleiche zu schließen. Privatpersonen konnten sich derart kostspielige Verfahren in aller Regel nicht leisten.  --  Am Schluß des Bandes steht das Schriftenverzeichnis des Jubilars (S. 465-473).

Detlev Jasper


[356], S. 330

Linda Fowler-Magerl, Ordines iudiciarii and Libelli de ordine iudiciorum. (From the Middle of the Twelfth to the End of the Fifteenth Century) (Typologie des Sources du Moyen Âge Occidental 63) Turnhout 1994, Brepols, 130 S., ISBN 2-503-36063-7, BEF 1.250.  --  Mit diesem Bändchen faßt F. die Ergebnisse {331} ihrer materialreichen Untersuchung über ma. Prozeßordnungen zusammen und ergänzt sie durch weitere Beobachtungen und Aspekte dieser Literaturgattung. Das Buch ist in sieben Kapitel eingeteilt, in denen über die Entstehung der Traktate aus kanonistischem (ordines iudiciarii) und römischem (ordines iudiciorum) Recht (Kap. 1), über die einzelnen Teile der Ordines (Kap. 2) und über ihre Entwicklung (Kap. 3) berichtet wird. Das vierte Kapitel handelt über die Verbreitung und Anwendung der Ordines, bei denen Italien und Frankreich weit vor den anderen Ländern rangieren. Es folgen Abschnitte über die historische Bedeutung der Ordines und praktische Hinweise für die Arbeit mit dieser Literaturgattung (Kap. 6 und 7). Gerade diesen Ausführungen kommt die gründliche Kenntnis der Hss. und Drucke der Ordines zugute, so daß derjenige, der sich in dieses unübersichtliche Gelände begeben muß, hier einen vorzüglichen Wegweiser findet. Register des Incipits, der Autoren und der Traktattitel stehen am Ende des Bandes.

Detlev Jasper


[357], S. 331

Alexander Callander Murray, Immunity, nobility and the Edict of Paris, Speculum 69 (1994) S. 17-39, versucht aufgrund cc. 14-15 des Edikts eine Neuinterpretation der frühen Immunität, wonach diese (im Sinne eines ausgeübten Polizeirechts) auch beim Adel sehr verbreitet gewesen sein soll. Leider hat M. den gerade hier sehr problematischen Textbefund nicht neu überprüft, sondern die Konjekturen von Pertz/Boretius (MGH Capit. 1 S. 22 f.) kommentarlos übernommen.

Timothy Reuter


[358], S. 331

Reinhard Schneider, Der rex Romanorum als gubernator oder administrator imperii, ZRG Germ. 114 (1997) S. 296-317: Nach einer 1290 faßbaren Auffassung der Bürger von Besançon durfte Rudolf von Habsburg kaiserliche Rechte nur auf Grund päpstlicher Autorisierung wahrnehmen - dem stand die Ansicht entgegen, dem römischen König fehle es allein an der Kaiserkrönung als zeremonieller Titelverleihung, nicht aber an materieller Rechtsgewalt. In einem bis in die fränkische Zeit zurückreichenden "retrospektiven Längsschnitt" wird hier der Bedeutung der Begriffe administrator bzw. gubernator nachgegangen und die These aufgestellt, daß die dem Begriff gubernare inhärente Bedeutung des "Ersitzens" von Eigentums- und damit Herrschaftsrechten Karl d. Gr. bekannt und von ihm bewußt in seinen "komplizierten" Kaisertitel eingebaut worden sei.

Gerhard Schmitz


[359], S. 331

Armin Wolf, Gesetzgebung in Europa 1100-1500. Zur Entstehung der Territorialstaaten, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage des Beitrags zu dem von Helmut Coing hg. "Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte", München 1996, C. H. Beck, XII u. 390 S., Karten, ISBN 3-406-40542-8, DEM 148.  --  Der Band löst sich von der Beschränkung auf die Privatrechtsgeschichte in "Coings blauem Handbuch", das seinerzeit sehr positiv aufgenommen wurde (vgl. DA 30, 601 ff.). Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Die Überarbeitung ist gelungen, ein sinnvolles Hilfsmittel, und ihr Erscheinen war notwendig. Wiederum ist das Werk in einen systematischen (66 S.) und einen historisch-geographischen (295 S.) Part geteilt, in dem dann die {332} einzelnen Gesetze, Sammlungen etc. aufgezählt, zum Teil kurz charakterisiert werden. Ein Register schließt sich an. Im Vergleich mit der Altauflage sind die Neuerungen teils als Ganzes kenntlich (Nachtrag zum Forschungsstand S. 14-7, 'Kleve' S. 115, 'Niederlande' S. 116, 'Trient' S. 117), teils stillschweigend eingearbeitet, bis hin zu Aktualisierungen der Fußnoten (z. B. S. 98 Anm. 17). Letzteres wurde jedoch nicht immer konsequent durchgeführt. Die Literatur ist vereinzelt bis 1996 eingearbeitet, wobei die Auswahlkriterien nicht immer deutlich sind.

Jörg Müller {332}


[360], S. 332

Rodolfo Del Gatta, Feudum a fidelitate. Esperienze feudali e scienza giuridica dal medioevo all'età moderna (Pubblicazioni del Seminario per le scienze giuridiche e politiche dell'Università di Pisa 29) Pisa 1994, ETS, 539 S., ISBN 88-7741-748-X, ITL 50.000.  --  Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich um eine systematisch-juristische Abhandlung über das im 12. und 13. Jh. in Oberitalien entstandene Lehnrecht der Libri (Consuetudines) Feudorum, das, aufgenommen in das Corpus Iuris Civilis, mit der Rezeption des römischen Rechts seit dem Spät-MA die lehnrechtliche Praxis auch in Deutschland erheblich beeinflußt hat. Der Autor, Jurist an der Universität Pisa, zeigt sich weniger an den Auswirkungen dieses Rechtssystems auf die ma.-frühneuzeitliche Herrschafts- und Sozialordnung oder an der Rezeptionsgeschichte selbst interessiert; für ihn stehen vielmehr rein rechtshistorische Fragestellungen, nämlich die sich aus der Kommentierung der einzelnen lehnrechtlichen Institutionen durch die gelehrte ma. und frühneuzeitliche Jurisprudenz ergebenden Rechtsprobleme und -grundsätze sowie deren Niederschlag in den normativen Quellen der (italienischen) Rechtspraxis im Zentrum des Erkenntnisinteresses. In einem 70 Seiten langen Abschnitt "Allgemeine Vorbemerkungen" bietet er einen Abriß über die Geschichte des Lehnrechts in Italien von den Anfängen bis in das 18. Jh. Im folgenden werden dann in vier Kapiteln (I. Die lehnrechtliche Treue, II. Der vassallitische Dienst, III. Die Investitur und Entfremdung des Lehens, IV. Die Übertragung [des Lehens]) die einzelnen lehnrechtlichen Institutionen der Libri Feudorum und ihre Kommentierung und Weiterentwicklung in der Jurisprudenz und den normativen Quellen der italienischen Stadtstaaten und der römischen Kurie im einzelnen analysiert. Die auf diese Weise entstandene "Institutionengeschichte" kommt zwar mehr juristischen Fragestellungen entgegen, bietet aber auch dem Historiker einen nützlichen Einblick in die Vielfalt der feudistischen Rechtsliteratur des MA und der frühen Neuzeit.

Karl-Friedrich Krieger {332}


[361], S. 332

S. D. B. Brown, Leavetaking: lordship and mobility in England and Normandy in the twelfth century, History 79 (1994) S. 199-215, untersucht in einem stoff- und gedankenreichen Aufsatz den rechtlichen und sozialen Hintergrund für die licentia abeundi (etwa im Falle eines Besuches beim König oder anderen großen Herrn).

Timothy Reuter


[362], S. 332

Guillaume Leyte, Domaine et domanialité publique dans la France médiévale (XIIe-XVe siècles). Préface d'Albert Rigaudière, Strasbourg 1996, Presses Universitaires de Strasbourg, 444 S., ISBN 2-86820-140-7, FRF 160.  --  Als König Karl IX. von Frankreich 1566 in der Ordonnance von Moulins die Unveräußerlichkeit der Krondomäne verfügte, schuf er kein völlig neues Recht, sondern {333} folgte einer Entwicklung, die sich über mehrere Jahrhunderte erstreckt hatte. Die theoretischen Grundlagen dieses Prozesses in den Traktaten ma. Juristen aufzuzeigen und sie mit der politischen Realität zu vergleichen, ist das anspruchsvolle Ziel der vorliegenden Arbeit, deren reicher Inhalt hier nur angedeutet werden kann. Es handelt sich um eine rechtsgeschichtliche Untersuchung, die sehr stark systematisiert und um Definitionen ringt, dabei aber den historischen Aspekt als Leitfaden nicht aus den Augen verliert. Im Mittelpunkt stehen die französischen Verhältnisse, doch werden auch andere Länder, wie das Reich, wiederholt zum Vergleich herangezogen. Die erste Hälfte des Buches geht Entstehung und Inhalt des Begriffs der "domaine public" nach und wertet hierzu zahlreiche Quellen aus, unter ihnen das Gesetzeswerk von Roncaglia (1158) (DF. I 237-240) und die Konstitutionen Friedrichs II. (1231). Bezogen auf die Domäne des französischen Königs, unter der man - vereinfacht ausgedrückt - die Gesamtheit all seiner Rechte, Einkünfte und Besitzungen versteht, wird deutlich, daß sie ihren patrimonialen Charakter mit der Ausbildung des transpersonalen Staatsgedankens verliert, der seit dem 12. Jh. in der Verwendung des Begriffs der "Krone" seinen Ausdruck findet. Und so spricht man im Spät-MA auch nicht mehr von der königlichen Domäne, sondern der "domaine de la Couronne de France"; der früheste Beleg dafür stammt aus dem Jahre 1343. Die zweite Hälfte des Buches entwickelt die juristischen und historischen Grundlagen der Unveräußerlichkeit der Krondomäne sowie des Revokationsrechts: Sobald die Domäne nicht mehr privaten, sondern öffentlichen Charakter besaß, durfte der König nicht mehr nach eigenem Gutdünken über sie verfügen; er war vielmehr verpflichtet, ihren Bestand zu erhalten und nach Möglichkeit zu vergrößern. Auf diese Verpflichtung pochten nicht zuletzt die Stände, da eine ertragreiche Domäne den König von der Notwendigkeit befreite, neue Steuern zu erheben.

Rolf Große {333}


[363], S. 333

Peter Landau, Die Testierfreiheit in der Geschichte des Deutschen Rechts im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit, ZRG Germ. 114 (1997) S. 56-72, gibt einen Überblick über die unterschiedlichen Formen des Testamentsrechts in spätma. Städten und Landrechten und hebt hervor, daß durch die Stadt- und Landrechtsreformationen seit dem Ende des 15. Jh. das römische Recht mit seinen Pflichtteilbestimmungen verstärkt Eingang in die Gesetzgebung fand.

Gerhard Schmitz


[364], S. 333

Bernd Schildt, "Die Tat tötet den Mann" - Die Überwindung eines Prinzips, ZRG Germ. 114 (1997) S. 380-397, geht vom Schuldbegriff des BGB aus und konstatiert: "Ausgehend von diesem modernen Schuldbegriff war das mittelalterliche Strafrecht zweifellos kein Schuldstrafrecht" (S. 386). Die sog. "Erfolgshaftung" sieht er erst "im Zeitalter von Reformation und Rezeption" (S. 392) überwunden, vorbereitet durch die Sündenlehre der Frühscholastik.

Gerhard Schmitz


[365], S. 333

Carlos Garriga, La audiencia y las chancillerías castellanas (1371-1525). Historia política, régimen jurídico y práctica institucional (Colección "Historia de la Sociedad Política") Madrid 1994, Centro de Estudios Constitucionales, 502 S., ISBN 84-259-0964-3, ESP 4.200.  --  Als Audiencia wird jenes Gerichtstribunal {334} bezeichnet, das König Heinrich II. von Kastilien (1369-1379) im Jahr 1371 auf den Cortes von Toro als ständige Rechtsprechungsinstanz am königlichen Hof einrichten ließ und das in unmittelbarem Kontakt mit der Kanzlei des Königreiches als oberste Jurisdiktionsinstitution der Krone fungierte, um schließlich nach verschiedenen Reformen mit der erwähnten Chancillería verbunden zu werden, gegen Ende des MA an deren institutioneller Entfaltung teilzuhaben und zu einer eigenständigen, nun vom königlichen Haushalt und Hof (Casa y Corte) getrennten Einrichtung mit Sitz in Valladolid, Ciudad Real bzw. Granada, Santiago de Compostela und Sevilla zu werden. Der zeitliche Rahmen der hier vorgelegten institutionen- und rechtsgeschichtlichen Untersuchung zur kastilischen Reichsverwaltung ist noch weiter gespannt, als der Titel vermuten läßt, da auch die Entwicklung entsprechender Vorformen der königlichen Hofgerichtsbarkeit seit den Zeiten Alfons' X., insbesondere seit dem bahnbrechenden Ordenamiento von Zamora 1274, mit berücksichtigt wird. Die chronologische Darbietung der jeweiligen Entwicklungsstufen, die bis zur umfassenden Verwaltungsreform unter Karl V. von 1525 im Anschluß an den Aufstand der Comunidades geführt wird, erfährt ihre sinnvolle Ergänzung durch umfangreiche systematische Teile, in denen in Form einer minutiösen Bestandsaufnahme die rechtlichen Grundlagen, die Amtshierarchie, die Funktionsweise und der Geltungsumfang der ausgeübten Jurisdiktion in Audiencia und Chancillerías eingehend beleuchtet werden. Obwohl sich gerade diese Teile durch die anscheinend unvermeidliche rechtshistorische Systematik oft reichlich spröde geben und gewiß keine leichte Lektüre bieten, kann dies nicht den Eindruck verwischen, hier ein wichtiges Werk zur spätma. Verfassungsgeschichte in Händen zu halten, zumal wenn man den Vergleich anderer Reiche mit den Verhältnissen auf der Iberischen Halbinsel sucht. Die Darstellung, eingeteilt in acht Großkapitel und insgesamt 90 fortlaufende Paragraphen, findet ihre Abrundung durch einen Dokumentenanhang, in dem 13 Instrumente zur Thematik für die Jahre 1475-1527 aus dem Archivo General de Simancas erstmals veröffentlicht sind. Noch schmerzlicher als ein zusammenhängendes und übersichtliches Quellen- und Literaturverzeichnis vermißt man allerdings ein kompetentes Sachregister.

Ludwig Vones {334}


[366], S. 334

Jean Gaudemet, Église et Cité. Histoire du droit canonique, Paris 1994, Éditions Montchrestien bzw. Édition du Cerf, X u. 740 S., ISBN 2-7076-000587-5 bzw. 2-204-05043-1, FRF 300.  --  Mit dieser Geschichte des kanonischen Rechts ergänzt G. seine beiden Bücher über die Kirchenrechtsquellen vom 2. bis zum 20. Jh. (vgl. DA 44, 590). Die Darstellung von den Anfängen bis in die Gegenwart ist vor dem Hintergrund der ständigen Spannung zwischen Kooperation und Abgrenzung der weltlichen und geistlichen Gewalt, angedeutet durch die beiden Begriffe "Église" und "Cité", konzipiert. In den Blick werden hauptsächlich die Institutionen der Kirche sowie Aspekte des religiösen Lebens genommen, wobei G. unter Kirche die Römische Kirche versteht, während die anderen Glaubensgemeinschaften der Neuzeit weitgehend unberücksichtigt bleiben. Den immensen Stoff hat G. auf vier Perioden verteilt. Die ersten beiden Abschnitte {335} ("Les cinq premiers siècles" und "Le haut Moyen Âge") reichen bis zur Mitte des 11. Jh. (S. 1-277), der dritte Teil ("La splendeur médiévale") umfaßt die Zeit von der gregorianischen Reform bis zum Ende des 14. Jh. Diese Jh. bildeten mit dem Dekret Gratians, den Dekretalensammlungen, dem Liber Extra Gregors IX. und den Extravagantes communes den Höhepunkt der ma. Kanonistik, und hier liegt auch der Schwerpunkt von G.s Darstellung (S. 287-610). Die Neuzeit ("Les temps moderne: XVIe-XXe siècles", S. 611-698) wird in drei Kapiteln (Der Papst; Verteidigung der Lehre; Die Kirche und die Staaten) kursorisch abgehandelt. Die einzelnen Perioden werden durch überaus knappe, daher oft vergröbernde allgemeinhistorische Abrisse der jeweils behandelten Zeit und bibliographische Hinweise eingeleitet; ihnen folgen Kapitel über die einzelnen Institutionen wie das Papsttum, die kirchliche Gesetzgebung, das Bischofsamt, die Gemeinde, den Kirchenbesitz usw. Dem stark aus den Quellen gearbeiteten Buch sind mehrere, nicht immer zuverlässige Register beigegeben, die den Zugriff auf das Gebotene erleichtern. Getrübt wird die Freude an der Lektüre allerdings durch eine über das normale Maß hinausgehende Fehlerhaftigkeit in den bibliographischen Angaben; in diesem Punkt hätte der Vf. wohl eine bessere Betreuung durch die doch renommierten Verlage verdient.

Detlev Jasper


[367], S. 335

Revue de droit canonique 47 (1997): En hommage à Jean Bernhard.  --  Der Bd. gibt die Vorträge eines Kolloquiums von 1996 zu Ehren des Straßburger Kanonisten wieder, von denen folgende genannt werden sollen: Jean Gaudemet, L'entrée du droit dans la vie de l'Église (S. 7-20), bietet einen knappen Überblick über die Kirchenrechtsquellen bis Mitte des 4. Jh.  --  Marcel Metzger, L'importance de l'histoire pour le canoniste (S. 21-39), betont die Notwendigkeit historischer Forschung zum richtigen Verständnis des kanonischen Rechts.  --  Jean Werckmeister, Le premier "canoniste": Yves de Chartres (S. 53-70), befaßt sich mit dem Prolog zu den kanonistischen Werken Ivos von Chartres († 1116) und der darin entfalteten Theorie von der Veränderbarkeit des Rechts.  --  Henri Hénaff, Les conservateurs apostoliques dans la seconde moitié du XIIIe siècle: les modalités de leur nomination et de l'exercice de leur fonction (S. 71-88), faßt seine zahlreichen Arbeiten über diese päpstlichen Sondergesandten zusammen (vgl. DA 50, 741).  --  Rik Torfs, Les écoles canoniques (S. 89-110), beschäftigt sich mit den Kanonistenschulen der Gegenwart und den Veränderungen, die das II. Vaticanum hervorgerufen hat: Statt einer regionalen Gliederung träten zunehmend Rechtsschulen in Erscheinung, deren Zusammenhalt sich aus der kanonistischen Stellungnahme zu theologischen Problemen ergäbe.

Detlev Jasper


[368], S. 335

Peter Landau, Kanones und Dekretalen. Beiträge zur Geschichte der Quellen des kanonischen Rechts (Bibliotheca Eruditorum. Internationale Bibliothek der Wissenschaften, Bd. 2) Goldbach 1997, Keip Verlag, XXII* u. 528* S., ISBN 3-8051-0200-3.  --  Der Bd. enthält siebzehn, hauptsächlich quellenkundlich ausgerichtete Aufsätze der Jahre 1979 bis 1991. Sie sind unter drei Themenbereiche zusammengefaßt. Die acht Untersuchungen zu vorgratianischen Kanonessammlungen und Gratian befassen sich mit den Kirchenrechtssammlungen Anselms von Lucca, Ivos von Chartres und den Quellen des Gratianischen Dekrets; der zweite Abschnitt über Dekretalensammlungen und kanonistische Wissenschaft ist der Entstehung und Glossierung der Sammlungen des 12. Jh. {336} gewidmet, und das dritte Kapitel (Regionale Entwicklungen) konzentriert sich auf kanonistische Aktivitäten in Bayern und Oberitalien. Die anastatisch nachgedruckten Arbeiten sind durch "Retractationes" S. 471*-484* auf den neuesten Stand gebracht und durch ein ausführliches Stellen- und Hs.-Verzeichnis aufgeschlüsselt.

Detlev Jasper


[369], S. 336

Michael M. Sheehan, Marriage, Family, and Law in Medieval Europe: Collected Studies, edited by James K. Farge. Introduction by Joel T. Rosenthal, Toronto 1996, XXXII u. 330 S., ISBN 0-8020-0709-0, USD 45 bzw. GBP 29.  --  Die sechzehn Artikel des im Sommer 1992 plötzlich verstorbenen Senior Fellow des Pontifical Institute of Mediaeval Studies in Toronto kreisen um das hauptsächlich an englischen Quellen demonstrierte Thema der letztwilligen Verfügung und der Entwicklung des Eherechts. Auf einige breiter angelegte Arbeiten sei besonders hingewiesen, wie Choice of Marriage Partner in the Middle Ages: Development and Mode of Application of a Theory of Marriage (S. 87-117; vgl. DA 37, 402); Theory and Practice: Marriage of the Unfree and the Poor in Medieval Society (S. 211-246; 1988); The European Family and Canon Law (S. 247-261; 1991) und Maritalis Affectio Revisited (S. 262-277; 1991). Da es sich quasi um eine Gedenkschrift handelt, wird der Bd. durch eine Würdigung der wissenschaftlichen Arbeit Sh.s eröffnet und mit seinem Schriftenverzeichnis abgeschlossen.

Detlev Jasper


[370], S. 336

Brigitte Basdevant-Gaudemet, Childebert et les évêques. Note sur une procédure de désignation épiscopale, Revue historique de droit français et étranger 74 (1996) S. 567-572, bewertet das in Kanon 10 des 5. Konzils von Orléans (549) festgelegte Bestätigungsrecht des Königs angesichts der übrigen merowingischen Konzilsgesetzgebung als bloße Formalität.

Detlev Jasper


[371], S. 336

Hubertus Lutterbach, Die Klosterbuße am Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter. Zugleich ein Beitrag zur iro-fränkischen 'Regula Mixta', ZKG 106 (1995) S. 56-69, ist die umgearbeitete Fassung seines Vortrags auf dem 8. Kongreß der Regulae Benedicti Studia von 1993 und interpretiert die Bußbestimmungen der Benediktsregel, der Regula Coenobialis Columbans, der Donatus- und Waldebert-Regel im Sinne der (antiken) Intentions- und der (irischen) Tathaftung bzw. einer Mischung von beidem.

Herbert Schneider


[372], S. 336

The Council in Trullo Revisited, ed. by George Nedungatt, Michael Featherstone (Kanonika 6) Roma 1995, Pontificio Istituto Orientale, 466 S., ISBN 88-7210-308-8, ITL 82.000.  --  Der Band beruht auf einer Tagung in Rom aus Anlaß des 1300. Jahrestages der Synode in Konstantinopel, die 692 in Ergänzung des 5. und 6. Konzils - und daher als Quinisextum - 102 für die griechische Kirche hochbedeutende Kanones in Kraft setzte. Nach einer historischen Einführung von Vittorio Peri (S. 15-39) werden die Kanones nach der kritischen Ausgabe von P.-P. Joannou (1962) samt moderner lateinischer und englischer Übertragung präsentiert. Unter den nachfolgenden Aufsätzen sind hier hervorzuheben: Spyros N. Troianos, The Canons of the Trullan Council in The Novels of Leo VI (S. 189-198).  --  Vittorio Peri, Le Chiese nell' Impero e le Chiese "tra i Barbari". La territorialità ecclesiale nella riforma canonica trullana {337} (S. 199-213), betont den gesamtkirchlichen Anspruch der Gesetzgebung trotz gelegentlicher Bezugnahmen auf den faktischen Unterschied zwischen Christenheit und Reichskirche.  --  Peter Landau, Überlieferung und Bedeutung der Kanones des Trullanischen Konzils im westlichen kanonischen Recht (S. 215-227), weist darauf hin, daß trotz der ausgebliebenen dauerhaften Anerkennung durch Rom immerhin 18 Kanones von Ivo von Chartres aufgenommen wurden und 16 davon bei Gratian wiederkehren.  --  Nicolae Dura, The Ecumenicity of the Council in Trullo: Witnesses of the Canonical Tradition in East and West (S. 229-262), betont etwas einseitig die Zeugnisse ausdrücklicher oder zumindest stillschweigender Zustimmung auch im Westen.  --  Heinz Ohme, Die sogenannten "antirömischen Kanones" des Concilium Quinisextum (692) - Vereinheitlichung als Gefahr für die Einheit der Kirche (S. 307-321), prüft erneut die Frage, welche Bestimmungen im Westen Unmut weckten und warum dies in Konstantinopel in Kauf genommen wurde.

Rudolf Schieffer


[373], S. 337

Georg May, Der Erzbischof von Mainz als Primas, Archiv für katholisches Kirchenrecht 164 (1995) S. 76-122, skizziert in seinem Überblicksartikel das Verhältnis von Primat, päpstlichem Vikariat und päpstlicher Legation von den Anfängen unter Bonifatius bis zum Ende des Alten Reiches und die vergeblichen Versuche der Mainzer Erzbischöfe, einen jurisdiktionell abgesicherten Primat in Mainz zu etablieren.

Detlev Jasper


[374], S. 337

Linda Fowler-Magerl, Fine Distinctions and the Transmission of Texts, ZRG Kan. 83 (1997) S. 146-186, behandelt in den fünf Kapiteln ihres Aufsatzes eine Fülle von Kanonessammlungen des 11. Jh. wie die 74-Titel-Sammlung und 4-Bücher-Sammlung, die Collectio Sinemuriensis oder die Sammlung in 17 Büchern (Berlin, Staatsbibl. 1778) und weist auf die außerordentliche Bedeutung hin, die der rheinischen Raum um Köln und Trier und das kanonistische Zentrum in Poitiers hatten. Eine eingehende Darstellung der hier vorgelegten Ergebnisse ist auf unserem knapp bemessenen Raum nicht möglich; sicherlich bedürfen diese "distinctions", die schon "very fine" sind, weiterer Nachprüfung, um Gemeingut kanonistischer Forschung zu werden.

Detlev Jasper


[375], S. 337

Joseph Avril, Sur l'emploi de jurisdictio au Moyen Age (XIIe-XIIIe s.), ZRG Kan. 83 (1997) S. 272-282, untersucht die verschiedenen Bedeutungen des Begriffs, der seit der zweiten Hälfte des 11. Jh. in päpstlichen Dokumenten vorkommt und dessen Verwendung von der Zeit Alexanders III. an erheblich zunimmt, mit einer deutlichen Scheidung zwischen Temporalien und Spiritualien.

Detlev Jasper


[376], S. 337

Peter Landau, Das "Dominium" der Laien an Kirchen im Decretum Gratiani und in vorgratianischen Kanonessammlungen der Reformzeit, ZRG Kan. 83 (1997) S. 209-222, untersucht die Quellen von C. 16 q. 7, in der Gratian den Laienbesitz an Kirchen zwar für illegitim erklärte, den Laien aber gewisse Rechte bei der Auswahl des Geistlichen und bei der Unterstützung des Kirchenherrn in Notfällen einräumte. Diese Kompromißlösung konnte Gratian weder Anselms noch Ivos Rechtssammlungen, seinen wichtigsten Quellen, entnehmen, sondern er fand sie in der einige Jahrzehnte jüngeren Sammlung in drei Büchern.

Detlev Jasper


{338}

[377], S. 338

Rudolf Weigand, Glossatoren des Dekrets Gratians (Bibliotheca Eruditorum, Bd. 18) Goldbach 1997, Keip Verlag, XIII* u. 453* S., ISBN 3-8051-0272-0, DEM 158.  --  Die vierzehn Aufsätze aus den Jahren 1976 bis 1994 sind überwiegend im Archiv für katholisches Kirchenrecht und der ZRG Kan. erschienen und behandeln grundsätzliche Aspekte der Glossen zu Gratians Dekret. Die anastatisch nachgedruckten Arbeiten sind auf den neuesten Stand gebracht (Addenda et corrigenda S. 425*-432*) und durch Register der Autoren, Glossenkompositionen und -apparate, der glossierten Gratiankapitel und der Hss. aufgeschlüsselt.

Detlev Jasper


[378], S. 338

John T. Noonan, Jr., Canons and Canonists in Context (Biliotheca Eruditorum, Bd. 16) Goldbach 1997, Keip Verlag, XV* u. 400* S., ISBN 3-8051-0270-4, DEM 138.  --  In diesem Band sind siebzehn Untersuchungen N.s aus den Jahren 1967 bis 1984 vereinigt, die auf vier Kapitel verteilt werden. Unter dem Titel "Authors" sind vier Arbeiten über den Magister Gratian und die Kanonisten Rolandus und Paucapalea vereinigt. Zehn Aufsätze behandeln Probleme des kanonischen Eherechts in dem zweiten Kapitel "Marriage Canons", und die letzten drei Arbeiten sind der ma. Prozeßpraxis und der Lage der Kanonistik in den USA 1970 gewidmet. Wie in der Reihe üblich stehen am Schluß Addenda et Corrigenda sowie Namen- und Sachregister, und für ganz eilige Leser hat man vor den Aufsätzen Abstracts (S. IX*-XV*) bereitgestellt.

Detlev Jasper


[379], S. 338

Wolfgang P. Müller, Huguccio. The Life, Works, and Thought of a Twelfth-Century Jurist (Studies in Medieval and Early Modern Canon Law 3) Washington, D. C. 1994, The Catholic University of America, XI u. 220 S., ISBN 0-8132-0787-8, GBP 59,95.  --  Das Buch über einen der berühmtesten Kanonisten und Bischof von Ferrara († 1210) ist in drei Kapitel, einen Epilog über den rigor Huguccionis, der den Zugang zu seinem Denken eröffnet, und drei Anhänge gegliedert. Im ersten Kapitel (S. 21-66) beschäftigt sich M. mit der Person Huguccios und identifiziert den Bischof von Ferrara mit dem Autor der Summe zum Dekret Gratians, nicht aber mit Huguccio da Pisa, dem Vf. der enorm verbreiteten Derivationes, ein Schluß, der sich aus einer erneuten Untersuchung der Agiographia, die sicher vom Dekretisten stammt, ergibt. Das zweite Kapitel (S. 67-108) ist der ungedruckten, 1188-90 verfaßten Dekretsumme gewidmet. In ihm hat M. übersichtlich und nach vier Entwicklungsstufen geordnet die 28 bis heute bekannten Hss. und die 14 Fragmente zusammengestellt. Zu beachten ist M.s schlechte Bewertung der immer wieder herangezogenen Summenhs. Vat. lat. 2280 gegenüber den Codices Clm 10247 oder Paris BN lat. 15396/97. Der dritte Abschnitt (Huguccio's Use of Roman Law, S. 109-135) ist Huguccios Anteil an der Kontroverse über das Verhältnis zwischen kanonischem und römischen Recht gewidmet, in der sich bei ihm leichte hierokratische Tendenzen feststellen ließen. Der im Epilog (S. 136-151) behandelte rigor Huguccionis - ein Ausdruck des Johannes Teutonicus († 1245/46) - beleuchtet die moralische Strenge Huguccios und seine Betonung persönlicher Verantwortung für alle rechtlichen Entscheidungen. Die Appendices bieten eine alphabetische Liste von Extravaganten, zumeist nachgratianische Dekretalen (S. 153-172), eine Untersuchung über die Rezensionen der sog. Continuatio prima der Summe (S. 173-183), die M. als opus {339} der Jahre 1185/86 nachweisen kann, und die Edition von Dissensiones dominorum der Summe (S. 184-189). Eine ausführliche Bibliographie, ein kanonistisches Stellenverzeichnis und ein Namen- und Sachregister stehen am Ende dieses an neuen Ergebnissen nicht gerade armen Buches.

Detlev Jasper


[380], S. 339

Ruggero Maceratini, Ricerche sullo status giuridico dell' eretico nel diritto romano-cristiano e nel diritto canonico classico (Da Graziano ad Uguccione) (Universita di Trento. Dipartimento di scienze giuridiche 19) Padova 1994, CEDAM, 882 S., ISBN 88-13-18830-7, ITL 80.000, ist eine monumentale Materialsammlung zu einem die ma. Welt bewegenden, von der Forschung erstaunlich wenig behandelten Thema, nämlich zur Rechtsstellung des Häretikers und zur den Tatbestand des Glaubensdelikts betreffenden römischrechtlichen und kanonischen Gesetzgebung und entsprechenden Rechtsdogmatik. Dazu werden die großen und kleinen, gedruckten und ungedruckten Rechtssammlungen und Kommentare bis zum Ende des 12. Jh. herangezogen, mit literarhistorischen und forschungsgeschichtlichen Bemerkungen und nicht selten mit abundanten Zitaten aus der Literatur vorgestellt und die einschlägigen Kapitel und Abschnitte der Quellensammlungen präsentiert und analysiert. Die Auswertung der Arbeit und die Formulierung eines Ergebnisses, das aus den zusammengestellten Informationen zu erzielen wäre, wird ausdrücklich dem Benutzer dieser stupenden Fleißarbeit überlassen.  --  Monströs sind Zahl und Art der Druckfehler.

Tilmann Schmidt {339}


[381], S. 339

Harry Dondorp, Rescripta contra ius: Die mittelalterliche Interpretation von C. 1,19,7, ZRG Kan. 83 (1997) S. 283-304, führt die Auslegung des Gratiankapitels durch Dekretisten und Glossatoren vor, die durchweg der Meinung waren, daß vom gemeinen Recht abweichende Reskripte und Privilegien dann gültig wären, wenn sie anderen nur geringfügig schadeten.

Detlev Jasper


[382], S. 339

Peter Linehan, Two marriage cases from medieval Iberia, ZRG Kan. 83 (1997) S. 333-341, zeigt an seinen Beispielen, welche Schwierigkeiten für den Kläger bestanden, Beweise für sein Begehren nach Ehetrennung beizubringen, und welche Mühe geistliche Institutionen hatten, ihre Entscheidungen zu vollstrecken.

Detlev Jasper


[383], S. 339

James A. Brundage, From Classroom to Courtroom: Parisian Canonists and Their Careers, ZRG Kan. 83 (1997) S. 342-361, betont in seinem Übersichtsartikel über die Laufbahnen Pariser Kanonisten im 13. und 14. Jh. die enge Verbindung zwischen Kanonistik und Legistik, besonders in Verfahrensfragen. Gehörige Kenntnis des römischen Rechts sei sowohl für geistliche als auch weltliche Karrieren unabdingbar gewesen.

Detlev Jasper


[384], S. 339

Werner Maleczek, Die Pieve Casorate im Streit mit der Zisterze Morimondo. Ein Beitrag zur päpstlichen delegierten Gerichtsbarkeit unter Innocenz III., MIÖG 105 (1997) S. 361-392, 1 Karte, publiziert aus dem Staatsarchiv Mailand zehn zumeist originale Dokumente der Jahre 1199 bis 1208 und erläutert an ihnen die Vorgeschichte, den Verlauf und die Verfahrensregeln eines Prozesses um Pfarr- und Zehntrechte.

Rudolf Schieffer


{340}

[385], S. 340

L'Église et le droit dans le Midi (XIIIe-XIVe s.) (Cahiers de Fanjeaux 29) Toulouse 1994, Éditions Privat, 448 S., zahlreiche Abb., ISBN 2-7089-3429-5, FRF 165.  --  Das Thema wurde auf einem Kolloquium 1993 unter drei Gesichtspunkten behandelt: 1. Les canonistes et leurs œuvres (S. 21-143); 2. Formation et diffusion de droit canonique dans l'Église méridionale (S. 147-289) und 3. L'application du droit canonique (S. 293-396). Im einzelnen: Gérard Fransen, Les gloses de Melendus et l'apparat d'Alain l'Anglais sur le Décret de Gratien (S. 21-35), analysiert Glossen des Kanonisten Melendus († 1225) aus den Hss. Seo de Urgel 2882 und Gnesen, Kapitelsbibl. 28, die teilweise auch in dem Glossenapparat Ius naturale des Alanus Anglicus vorkommen.  --  Martin Bertram, Pierre de Sampson et Bernard de Montmirart. Deux canonistes français du XIIIe siècle (S. 37-74): Von beiden Kanonisten existiert ein Kommentar zum Liber Extra und zu den Konstitutionen Innozenz' IV., dessen zahlreiche Hss. besprochen und geordnet werden.  --  Henri Gilles, Les moines juristes (S. 75-100), führt die Karrieren einiger im Midi zu Kanonisten ausgebildeter Mönche vor, die durchweg Äbte berühmter Klöster waren.  --  Jacques Krynen, L'Église dans la Lectura super Codice de Guillaume de Cunh (S. 101-116), analysiert die Aussagen zu Gerichtsbarkeit, Grundbesitz und Güterpolitik der Kirche, die der Rechtsprofessor aus Toulouse in seiner Lectura über die ersten vier Titel des Codex 1316/17 vortrug. Sie wurden nach den Auseinandersetzungen Philipps des Schönen mit Bonifaz VIII. besonders aufmerksam registriert und verhalfen dem Gelehrten zu einer einflußreichen kirchlichen Stellung.  --  Antonio García y García, La canonistique française méridionale et la péninsule ibérique (S. 117-143), weist auf die häufige Bearbeitung von kanonistischen Werken aus dem Midi durch spanische Kanonisten hin und bietet einen alphabetisch geordneten Autorenkatalog von über fünfzig, aus Frankreich stammenden kanonistischen Hss. in spanischen Bibliotheken.  --  Henri Vidal, Les conciles méridionaux aux XIIIe et XIVe siècles (S. 147-180), befaßt sich mit typischen Merkmalen der knapp dreißig Synoden und mit ihren Kanones, die selten theologische oder politische Fragen erörterten.  --  Jean-Louis Biget, La législation synodale: le cas d'Albi aux XIIIe et XIVe siècles (S. 181-213), schildert die allmähliche Ausbildung von Diözesanstatuten in Albi von 1230 bis 1340, die sehr stark durch die Statuten von Rodez (1289) beeinflußt wurden.  --  Joseph Avril, Sources et caractères du livre synodal de Raimond de Calmont d'Olt, évêque de Rodez (1289) (S. 215-248): Die Statuten von Rodez sind durch westfranzösische Synodalstatuten, die Statuten von Nîmes und die Synodalgesetzgebung Bischof Odos von Paris (1175) geprägt, während sie selbst Vorbild für die Statuten von Albi, Cahors und Tulle wurden und bis zum Ende des MA in Gebrauch blieben. Im Anhang werden die ältesten Synodalstatuten von Narbonne (um 1230) ediert und kommentiert (S. 237-248).  --  Jacques Verger, L'enseignement du droit canon dans les universités méridionales (XIIIe-XIVe siècles) (S. 249-265), informiert über Studiengänge, den Lehrbetrieb und Examen an den Universitäten Montpellier, Toulouse und Avignon, an denen die Kanonistik den größten Zulauf hatte, obwohl das römische Recht höheres Ansehen genoß.  --  Henri Gilles, Les professeurs de droit canonique à l'Université de Toulouse au XIVe siècle (S. 267-289), verzeichnet 54 Kanonisten der Universität.  --  Christiane Raynaud, Le recours à la juridiction de l'Eglise (ms. 659 de la Bibliothèque municipale d'Avignon) (S. 293-319), interpretiert die Miniaturen der aus Toulouse stammenden Gratian-Hs. (14. Jh.), an denen die herausragende Rolle {341} des geistlichen Richters im Midi deutlich wird.  --  Jean-Louis Gazzaniga, Droit et pratique: notes sur les décisions de la Chapelle toulousaine (S. 321-337), wertet die Decisiones Capellae tholosanae (Ende 14. Jh.) aus, in denen nicht nur Gerichtsentscheidungen enthalten sind, sondern auch Reflexionen über die Schwierigkeiten des Prozeßverlaufs und der Urteilsfindung.  --  Bernard Guillemain, Les tribunaux de la cour pontificale d'Avignon (S. 339-360), behandelt die zunehmende Zersplitterung der päpstlichen Gerichtsbarkeit in einzelne Kammern, besonders auf den Gebieten der Benefizien und Finanzen.  --  Jacques Paul, La procédure inquisitoriale à Carcassonne au milieu du XIIIe siècle (S. 361-396), betont den Unterschied im Inquisitionsverfahren in Carcassone zu den von Bernard Gui und Jacques Fournier in ihren Schriften festgehaltenen Methoden.  --  Den Band beschließt ein ausführliches Personen-, Orts- und Sachregister.

Detlev Jasper


[386], S. 341

Gerhard Dilcher, Bürgerrecht und Stadtverfassung im europäischen Mittelalter, Köln u. a. 1996, Böhlau Verlag, XXXIX u. 369 S., ISBN 3-412-02696-4, DEM 78.  --  Dieser Band umfaßt zehn Beiträge zur städtischen Rechts- und Verfassungsgeschichte, die der Frankfurter Rechtshistoriker von 1973 bis 1997 sämtlich im Rahmen von größeren interdisziplinären Tagungen bereits publiziert oder als Vortrag präsentiert hat. Die Zusammenstellung ist einerseits thematisch auf die mitteleuropäisch-deutsche Stadt konzentriert und damit als Pendant zu den umfangreichen Forschungen D.s zur lombardischen Stadtkommune zu verstehen, andererseits eine Auseinandersetzung mit Max Webers Typus der okzidentalen Stadt. In einer umfangreichen Einleitung (S. XXI-XXXV) wird die Konzeption verdeutlicht und der Inhalt jeder einzelnen Studie knapp zusammengefaßt. Auf ein Register wurde zugunsten einer feinmaschigen Gliederung jedes einzelnen Aufsatzes verzichtet.  --  Marktrecht und Kaufmannsrecht im Frühmittelalter (S. 1-40, vgl. DA 44, 299).  --  Stadtherrschaft oder kommunale Freiheit - das 11. Jahrhundert ein Kreuzweg? (S. 41-65, Erstveröffentlichung).  --  Rechtshistorische Aspekte des Stadtbegriffs (S. 67-94, vgl. DA 31, 302).  --  Die mittelalterliche deutsche Stadt in ihrer Heraushebung aus der grundherrschaftlich-agrarischen Welt des Hochmittelalters (S. 95-113).  --  Zum Bürgerbegriff im späteren Mittelalter - Versuch einer Typologie am Beispiel von Frankfurt am Main (S. 115-182, vgl. DA 38, 665).  --  Die genossenschaftliche Struktur von Gilden und Zünften (S. 183-242, vgl. DA 44, 302).  --  "Hell, verständig, für die Gegenwart sorgend, die Zukunft bedenkend". Zur Stellung und Rolle der ma. deutschen Stadtrechte in einer europäischen Rechtsgeschichte (S. 243-279, zuerst ZRG Germ. 106, 1989, S. 12-45).  --  Oralität, die Verschriftlichung und Wandlungen der Normstruktur in den Stadtrechten des 12. und 13. Jahrhunderts (S. 281-300, vgl. DA 49, 623 f.).  --  Die städtische Kommune als Instanz des Europäischen Individualisierungsprozesses (S. 301-334, 1996 auf englisch erschienen).  --  Die Stadtbürgerschaft zwischen Widerstand und Repräsentation (S. 335-369, ebenfalls für eine englische Publikation geplant). Dieses Kompendium ist durch Auswahl und Zusammenstellung der Texte zu einer eigenständigen Monographie über die Entwicklungsgeschichte der nordalpinen Städte von den frühma. civitates zu den kommunalen Verbänden sowie deren Bedeutung für die Ausbildung des frühmodernen Staates geworden. Damit hat D. einen weiteren wichtigen Beitrag zur europäischen {342} Städteforschung vorgelegt und wird wie kaum ein anderer immer wieder dem Postulat disziplinübergreifender Forschungen gerecht. Für die Zukunft kündigt er eine umfassendere Darstellung der städtischen Rechts- und Verfassungsgeschichte an.

Claudia Zey {342}


[387], S. 342

Stadtregiment und Bürgerfreiheit. Handlungsspielräume in deutschen und in italienischen Städten des Späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit, hg. von Klaus Schreiner und Ulrich Meier (Bürgertum 7) Göttingen 1994, Vandenhoeck & Ruprecht, 321 S., ISBN 3-525-35672-2, DEM 76.  --  Darin: Ulrich Meier, Klaus Schreiner, Regimen civitatis. Zum Spannungsverhältnis von Freiheit und Ordnung in alteuropäischen Stadtgesellschaften (S. 11-34).  --  Ulrich Meier, Der falsche und der richtige Name der Freiheit. Zur Neuinterpretation eines Grundwertes der Florentiner Stadtgesellschaft (13.-16. Jahrhundert) (S. 37-83).  --  Gerd Schwerhoff, Die goldene Freiheit der Bürger: Zu den Bedeutungsebenen eines Grundwertes in der stadtkölnischen Geschichte (13.-17. Jahrhundert) (S. 84-119).  --  Uwe Heckert, "Im Zweifel für die Freiheit". Ein Mustergutachten Conrad Peutingers zu Bürgerrecht und Bürgeraufnahme im spätmittelalterlichen Augsburg (S. 120-144).  --  Ulrich Meier, Konsens und Kontrolle. Der Zusammenhang von Bürgerrecht und politischer Partizipation im spätmittelalterlichen Florenz (S. 147-187).  --  Jörg Rogge, Ir freye wale zu haben. Möglichkeiten, Probleme und Grenzen der politischen Partizipation in Augsburg zur Zeit der Zunftverfassung (1368-1548) (S. 244-277).  --  Valentin Groebner, Ratsinteressen, Familieninteressen. Patrizische Konflikte in Nürnberg um 1500 (S. 278-309).  --  Der Begriff "konsensgestützte Herrschaft" bildet das Leitmotiv der vorliegenden Untersuchungen, da er weit genug ist, um die politische Ordnung patrizisch regierter Städte in Nürnberg und zunftregierter wie Florenz, Augsburg oder Köln zu erfassen. Das Ziel der Bürger in den Kommunen bildete länderübergreifend die Selbstregierung - doch kaum erreicht, nahm jeweils eine kleine Gruppe die Geschicke in die Hand, die einzelnen Bürger sahen sich bald zur "politischen Einflußlosigkeit verdammt." Am ehesten blieb in Köln "die kooperative Partizipation bis zum Ende der reichsstädtischen Zeit" erhalten. In Augsburg besetzte eine kleine politische Elite in kontinuierlichem Wechsel die Ratsämter der Stadt, ähnlich die 40 ratsfähigen Familien in Nürnberg, einer "Stadt ohne Zünfte". Nur diese Schicht wurde zu "Trägern eines spezifisch, bürgerlichen Selbstverständnisses", wobei als Ausgrenzungskriterium die Handarbeit diente. Dafür spielte letztlich auch keine Rolle, ob wie in Florenz das Wahlmännergremium einen exklusiven Zirkel bildete, während alle Vollbürger im Prinzip gewählt werden konnten - oder umgekehrt, wie es nördlich der Alpen der Fall war.  --  Die Grundwerte der Kommunen bildeten Friede, Eintracht, Gemeinnutz, Gleichheit, Freiheit, wobei letztere, der "schillerndste all dieser Begriffe", persönliche Freiheit, Rechtssicherheit, das Recht auf politische Partizipation, ständische Privilegien im Sinne von iura et libertates oder die Autonomie eines Gemeinwesens bezeichnen konnte. In Italien meinte er schließlich bloß noch den "Schutz der Person, des Eigentums und des Handels" und bedeutete: Nach eigenem Willen und in Sicherheit leben. In Deutschland waren die "Freiheiten" zunächst Synonyme für einzelne Gerechtigkeiten und Privilegien, der Stadt von auswärtigen Herrschaftsträgern verliehen.  --  Die einzelnen Beiträge liefern wesentliche Aspekte für eine vergleichende Stadtgeschichte, wozu gerade die Beispiele aus italienischen {343} Städten erhellend für deutsche sein können - etwa die ungewöhnliche identische Zehnjahresfrist der Einbürgerung in Florenz und Regensburg.

Lothar Kolmer {343}


5. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte

1. Allgemeines S. 343. 2. Siedlungsgeschichte S. 350. 3. Stadtgeschichte S. 351.

[388], S. 343

Nobilitas. Funktion und Repräsentation des Adels in Alteuropa, hg. von Otto Gerhard Oexle und Werner Paravicini (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 133) Göttingen 1997, Vandenhoeck & Ruprecht, 464 S., ISBN 3-525-35448-7, DEM 98.  --  Aus Anlaß des 70. Geburtstages von Karl Ferdinand Werner am 21. Februar 1994 veranstalteten das Deutsche Historische Institut Paris und das Max-Planck-Institut für Geschichte auf Schloß Ringberg bei Rottach-Egern ein Kolloquium, dessen Thema Werner Paravicini, Interesse am Adel. Eine Einleitung (S. 9-25), konturiert.  --  Gerd Althoff, Das Privileg der 'Deditio'. Formen gütlicher Konfliktbeendigung in der mittelalterlichen Adelsgesellschaft (S. 27-52), schildert höchst anschaulich die deditio als dem Adel vorbehaltenen, inszenierten und rituellen Unterwerfungsakt zwecks Konfliktbeendigung, der seit der Zeit Ludwigs d. Fr. in "voll entwickelte(m) Ritual" faßbar ist. Zweifeln möchte der Rezensent aber an der These, daß es sich bei dem Tassilo-Schauspiel auf der Frankfurter Synode 794 bereits um einen Akt der deditio gehandelt hat, "bei dem beide Seiten Vorteile aus der Sache zogen" (S. 43), da nicht ersichtlich ist, welcher Vorteil dem abgesetzten Tassilo zuteil geworden sein sollte: Er verschwand nach seinem Auftritt doch wieder da, von wo er herbeigeschafft worden war: in Klosterhaft.  --  Jean Richard, La culture juridique de la noblesse aux XIe, XIIe et XIIIe siècles (S. 53-66).  --  Roger Sablonier, Schriftlichkeit, Adelsbesitz und adliges Handeln im 13. Jahrhundert (S. 67-100), kommt aufgrund des auch beim Ostschweizer Adel im 13. Jh. rasant zunehmenden Schriftgebrauchs und beherzigenswerten methodischen Überlegungen ("Unter Umsemiotisierung soll hier vereinfacht eine je nach kontextuellem Gebrauchszusammenhang unterschiedliche Aufladung von Schriftgut mit Sinn verstanden werden", S. 78) zu weitreichenden Folgerungen für die Adelsforschung.  --  Volkhard Huth, Bildliche Darstellungen von Adligen in liturgischen und historiographischen Handschriften des hohen Mittelalters (S. 101-176, 23 Abb.), behandelt vor allem den Donizo-Codex Vat. lat. 4922, die Fürstenbilder im hundert Jahre jüngeren "Landgrafenpsalter" (Stuttgart, Württ. Landesbibl. HB II 24, aus Erfurt?) und den aus St. Vinzenz zu Metz stammenden Clm 28565 (3. Viertel 12. Jh.), dessen Bildern z. T. ältere Vorlagen zugrunde liegen, so etwa das berühmte Bild eines königlichen Gesetzgebers in dem Kapitularien- und Ansegiscodex Par. lat. 9654 (Ende 10./Anfang 11. Jh.), der ebenfalls dem Metzer Vinzenz-Kloster gehörte. Möglicherweise stellt das fol. 1v abgebildete Paar Heinrich I. und Mathilde dar; die Bilderabfolge dieses Codex läßt sich als visuelle {344} Erzählung verstehen.  --  Jean Durliat, Les fonctions publiques de la noblesse gallo-franque (481-561) (S. 193-215), konstatiert für die fragliche Zeit das Nebeneinander von gallo-romanischem und fränkischem Adel und vergleicht beide miteinander. Erstere seien meist Kurialen und Bischöfe, letztere Militärführer gewesen.  --  Martin Heinzelmann, 'Adel' und 'Societas sanctorum': Soziale Ordnungen und christliches Weltbild von Augustinus bis zu Gregor von Tours (S. 216-256), deckt die historische und soziale Dimension von Augustinus' De civitate Dei und Parallelen bei Gregor von Tours auf, die sich in einer die conversio voraussetzenden christlichen Adelsvorstellung niederschlagen, die sich namentlich bei Bischöfen in der Kurzformel nobilis genere nobilior sanctitate fassen läßt.  --  Hagen Keller, Adel in den italienischen Kommunen (S. 257-272), zeigt das Weiterleben karolingischer Modelle, modifiziert durch "Denkhilfen aus dem Lehnrecht", und vertritt die These, daß die Kommune - ursprünglich eine Friedensgemeinschaft - den Adel gebraucht und sich "letztlich erst in der Gemeinschaft von Adel und Volk verwirklicht" habe (S. 271).  --  Adeline Rucquoi, Etre noble en Espagne aux XIVe-XVIe siècles (S. 273-298), entwirft ein Adelsbild, u. a. anhand der Schriften Doctrinal de caballeros des Alfonso de Cartagena (1386-1456) und Espejo de verdadera nobleza des Diego de Valera (1412-1488), und skizziert den Umbruch, der sich im 15. Jh. vollzog.  --  Philippe Contamine, Noblesse et service: l'idée et la réalité dans la France de la fin du Moyen Age (S. 299-311), stellt Funktion(är)s- und Geburtsadel idealtypisch einander gegenüber und zeigt, wie der spätma. französische Adel, der letzteres war, sich bei Hof und in der Armee in Pflicht nehmen ließ, was zu einer "aristocratisation des structures étatiques" beigetragen habe.  --  Joseph Morsel, Die Erfindung des Adels. Zur Soziogenese des Adels am Ende des Mittelalters - das Beispiel Frankens (S. 312-375), tut mit einigem Aufwand dar, daß in Franken der Begriff 'Adel' erst seit etwa 1440 als Bezeichnung für die "Gesamtheit der Adligen" verwendet wird, daß dazu der Gegensatz zu den Städten viel beigetragen hat und namentlich die Turniere ein Quell für adelige Selbstdefinition und -darstellung gewesen sind.  --  Klaus Schreiner, Religiöse, historische und rechtliche Legitimation spätmittelalterlicher Adelsherrschaft (S. 376-430): Die bloße Existenz von Adelsherrschaft verleiht ihr noch lange keine Legitimation. Von Max Webers Axiom ausgehend, daß jede Herrschaft "den Glauben an ihre 'Legitimität' zu erwecken und zu pflegen" trachte, untersucht Sch. einschlägige spätma. Argumentationsmuster: als wichtigsten Grund im religiösen Bereich nennt er den Adel Marias, auf historischem Felde sind es vor allem fiktive Genealogien, und rechtlich definiert sich Adelsherrschaft als vom Kaiser respektive Landesherren verliehene, mithin abgeleitete Qualität.  --  Einen gewagten Versuch unternimmt der Jubilar in seinem lesenswerten (schon deshalb, weil hier wenigstens angesprochen wird, was sonst im ganzen Buch nicht vorkommt: die adelige Frau) "Schlußwort" (S. 453-462): Selbst "auf die Gefahr hin, für etwas naiv gehalten zu werden ..., wage ich es, die Frage nach dem Adel zu stellen und als Antwort zu versuchen, sein Wesen zu skizzieren".

Gerhard Schmitz


[389], S. 344

Im Spannungsfeld von Recht und Ritual. Soziale Kommunikation in Mittelalter und Früher Neuzeit, hg. von Heinz Duchhardt und Gert Melville (Norm und Struktur 7) Köln u. a. 1997, Böhlau, X u. 500 S., ISBN 3-412-04597-7, DEM 138.  --  Dieser 18 Beiträge umfassende Band geht in der Substanz auf einen {345} "Workshop" der "International School of Ius Commune" (Erice) zurück, der im März 1994 stattgefunden hat. Bei einem Rahmenthema wie diesem lassen sich MA und Frühe Neuzeit kaum trennen (es ist von einem "langen Mittelalter" und auch von einer früh einsetzenden "Neuzeit" auszugehen). Daß hier gleichwohl nicht alle Titel angezeigt werden, liegt an der in dieser Zs. allgemein beachteten Zeitgrenze. Arnold Angenendt, Verschriftlichte Mündlichkeit - vermündlichte Schriftlichkeit. Der Prozeß des Mittelalters (S. 3-25), geht in seinem ebenso anregenden wie weitgespannten Aufsatz der Dialektik von Mündlichkeit und Schriftlichkeit auf den Feldern der Hagiographie, der "fundierenden" wie auch der "mitfließenden" Geschichte (demonstriert u. a. an genealogischen Konstruktionen und Ursprungsmythen, der Silvesterlegende und dem Constitutum Constantini), der Liturgie (Ritus und Ritualität) und der Orthodoxie nach.  --  Wolfgang Sellert, Gewohnheit, Formalismus und Rechtsritual im Verhältnis zur Steuerung sozialen Verhaltens durch gesatztes Recht (S. 29-47), stellt unter Beiziehung anschaulicher Beispiele die Entwicklung von der Formstrenge des stark ritualisierten frühen Rechts, bei dem der rechtliche Inhalt mit der äußeren Form meist eine Einheit bildete, über die Bereitstellung von Rechtsbegriffen bis hin zum Gesetz mit seinen abstrakten Regelungen als einen Prozeß der "Entformalisierung und Rationalisierung des Rechts" (S. 46) dar, den er für noch nicht abgeschlossen hält.  --  Francesco Migliorino, Kommunikationsprozesse und Formen sozialer Kontrolle im Zeitalter des Ius commune (S. 49-70), spricht die Bedeutung von Zeichen und Symbolen für ma. Kommunikationsprozesse an und wendet sich dann dem (auch monographisch bereits abgehandelten) Problem von "Ruhm und Schande" (fama und infamia, vgl. DA 42, 709) zu.  --  Christoph H. F. Meyer, Mittelalterliche Rechts- und Verfassungsgeschichte. Die Methodenfrage aus anthropologischer Sicht. Forschungserträge und Perspektiven (S. 71-102), skizziert einleitend die (keineswegs ersprießliche) Situation des Faches, das er als Teil der Geschichtswissenschaft versteht, und die methodische Entwicklung der Rechtsgeschichte in den letzten Jahrzehnten. Dabei wird die Fruchtbarkeit von Ethnologie und Anthropologie für zentrale Fragen hervorgehoben.  --  Anke Biendarra und Jörg Oberste, Der Prior bei den Cluniazensern. Soziale Kontrolle und Kommunikation im Wandel vom 11. bis zum 13. Jahrhundert (S. 139-171), schildern Amt und Aufgaben der cluniazensischen Prioren (des Großpriors und des Klaustralpriors [ursprünglich: decanus claustrensis]) und deren Wandel infolge der Verfassungsänderungen des Ordens seit dem 11. Jh., namentlich durch die Statuten des Abtes Hugo V.  --  Peter Moraw, Über Landesordnungen im deutschen Spätmittelalter (S. 187-201), dürfte durch die Beantwortung dreier Leitfragen (Wer waren "die Adressaten der Landesordnungen", wo liegen "Raum und Grenzen" und worin liegt "die Ganzheit des Phänomens"?) manche Illusion über die Breiten- und Dauerwirkung der (frühen) Landesordnungen zerstört haben.  --  Gert Melville, Rituelle Ostentation und pragmatische Inquisition. Zur Institutionalität des Ordens vom Goldenen Vließ (S. 215-271), versucht, "das Wesen" des 1430 von Herzog Philipp dem Guten gestifteten Ordens durch Zusammenführung zweier Deutungsebenen ("die institutionell-pragmatische und die transzendent-symbolische" [S. 219]) zu erschließen, und stellt die öffentlich inszenierten Ordensfeste den Vorgängen innerhalb des Ordenskapitels gegenüber: "Und aus dieser vordergründig organisationstechnischen Divergenz resultierte einerseits die Möglichkeit zur performativen Ostentation einer elitären Trägerschaft {346} ritterlicher Wertemuster, andererseits die Möglichkeit zur inquisitorischen Überprüfung jedes Einzelnen dieser Elite" (S. 267).  --  Philippe Contamine, Les rencontres au sommet dans la France du XVe siècle (S. 273-289), behandelt vornehmlich die 'Gipfeltreffen' zu Zeiten Karls VII. und Ludwigs XI.  --  Nach Armin Wolf, Die Vereinigung des Kurfürstenkollegs. Zur Reformacio sacri status imperii bei der Königserhebung Albrechts von Österreich im Jahre 1298 (S. 305-371), hat bei der Wahl Albrechts "die erste Vereinigung des siebenköpfigen Kurfürstenkollegs" (S. 306) stattgefunden, worauf - neben anderen Neuerungen - die aus dem Wahldekret (MGH Const. 4 Nr. 8 S. 7, 11 f.) gegriffene Formulierung, die Kurfürsten hätten pro salubri sacri status imperii reformacione gehandelt, gemünzt sei. Die gemeinsamen Interessen der nunmehr zum Kolleg zusammengeschlossenen Kurfürsten hätten sich bei den weltlichen Fürsten aus deren Verwandtschaft zu Rudolf von Habsburg (und damit erbrechtlichen Gesichtspunkten) ergeben.  --  Reinhard Butz, Ensifer ense potens. Die Übertragung der sächsischen Kur auf Friedrich den Streitbaren als Beispiel gestörter Kommunikation in Strukturen institutioneller Verdichtung (S. 373-400): Zwischen der Erhebung Friedrichs zum Kurfürsten 1423 und der feierlichen Belehnung 1425 liegen zwei Jahre, die für die Herstellung eines Minimalkonsenses zwischen allen Beteiligten notwendig waren. Die dabei zutage tretenden Kommunikationsstrukturen und -prozesse werden hier untersucht.  --  Dieter Mertens, Die Rede als institutionalisierte Kommunikation im Zeitalter des Humanismus (S. 401-421), behandelt Formen und Funktionen verschiedener Predigt- und Redearten, insbesondere die der von den Humanisten besonders geschätzten epideiktischen Rede.  --  Johannes Helmrath, Rhetorik und 'Akademisierung' auf den deutschen Reichstagen im 15. und 16. Jahrhundert (S. 423-446), nimmt die Rolle der Rede (treffliche Definition S. 427) auf den Reichstagen in den Blick und unterscheidet die scholastische Traktatsrede, die "Aktionsrede" (Türkenreichstage) und die in der "aetas Maximilianea" gehaltenen Reden.  --  Daß dem Band kein Index beigegeben ist, läßt sich vertreten, ein Abkürzungsverzeichnis, das die z. T. unorthodoxen Siglen aufzulösen hülfe, wäre aber zu wünschen gewesen.

Gerhard Schmitz


[390], S. 346

Timothy E. Powell, The 'three orders' of society in Anglo-Saxon England, Anglo-Saxon England 23 (1994) S. 103-132, untersucht das umfangreiche und von Mentalitätsforschern eher vernachlässigte englische Material für die Vorstellung einer funktionalen Dreiteilung der Gesellschaft, und plädiert dafür, diese nicht so sehr als Gedankenschema, sondern eher als flexibel anwendbaren Topos mit unterschiedlicher Zielrichtung zu verstehen.

Timothy Reuter


[391], S. 346

Thomas N. Bisson, The "feudal revolution", Past and Present 142 (1994) S. 5-42, vertritt (mit Duby, Fossier, Poly, Bournazel und anderen, aber mit anderer Begründung und Akzentsetzung) die These, es habe um die Jahrtausendwende einen soziopolitischen Wandel in Westeuropa gegeben. Der Aufsatz war der Auftakt für eine sehr lebendige Debatte: Dominique Barthélemy und Stephen D. White, Debate: the "feudal revolution" I-II, Past and Present 152 (1996) S. 196-223; Timothy Reuter und Chris Wickham, Debate: the "feudal {347} revolution" III-IV, ebenda 157 (1997) S. 177-208; Thomas N. Bisson, Reply, ebenda 157 (1997) S. 208-225.

Timothy Reuter


[392], S. 347

Untersuchungen zu Handel und Verkehr der vor- und frühgeschichtlichen Zeit in Mittel- und Nordeuropa. Register zu den Teilen I-VI, hg. von Herbert Jankuhn und Henning Seemann, bearbeitet von Günter Korbel (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen. Philologisch-historische Klasse, 3. Folge, Nr. 227) Göttingen 1997, Vandenhoeck & Ruprecht, 279 S., ISBN 3-525-82484-X, DEM 54.  --  Acht Jahre nach dem Erscheinen des letzten Textbandes (vgl. DA 46, 271) wird das große, von Herbert Jankuhn angeregte Unternehmen durch einen Registerband abgeschlossen und damit in vollem Umfang benutzbar gemacht. Geboten werden ein Schlagwort-Register der Sachbegriffe und geographischen Bezeichnungen (S. 1-191) sowie ein Namen-Register, das Autoren und historische Personen erfaßt (S. 193-279). Die EDV-gestützte Aufnahme der Lemmata führt dem Benutzer auf denkbar komfortable Weise vor Augen, an welch unterschiedlichen Stellen Informationen über einzelne Sachen, Orte und Personen zu finden sind. Sie ist freilich, was gar nicht anders denkbar ist, am Wortlaut der Lemmata im Text orientiert. Da mag es dann schon nötig sein, bei Fragen des Importes und Exportes von Waren und Gütern sowohl die Lemmata "Güteraustausch" als auch "Warenaustausch" und darüber hinaus viele der Komposita zu "Güter" und "Waren" zu konsultieren. Querverweise auf solche Fährten fehlen; sie hätten freilich einen uferlosen Umfang annehmen müssen. So bleibt die Freude darüber, nunmehr einen Wegweiser durch die 3 000 Textseiten der sechs Kolloquiumsbände zu besitzen, der bei umsichtiger Benutzung die inhaltliche Fülle zuverlässig erschließt.

Thomas Vogtherr {347}


[393], S. 347

Marco Tangheroni, Commercio e navigazione nel medioevo (Collezione storica) Roma u. a. 1996, Laterza, XII u. 499 S., zahlreiche Abb., ISBN 88-420-4959-X, ITL 70.000.  --  Das Handbuch beschäftigt sich mit einem Sektor der Mediävistik, der bisher deutlich von englischsprachigen Autoren dominiert wurde. Auch wenn sich der Autor mit dem bewußten Verzicht auf einen wissenschaftlichen Apparat, einer umfassenden Thematik und tendenziell populären Darstellungsweise angelsächsischem Stil nähert, verleihen doch die naturgemäß unterschiedliche Sichtweise und Quellenkenntnis des Pisaner Professors ebenso wie seine erfreulich quellennahen Ausführungen diesem Buch einen besonderen Wert, so daß es sicher die Aufmerksamkeit von mehr als den in der Einleitung erwünschten "vier oder fünf Kollegen" verdient.  --  In neun übersichtlich gegliederten Kapiteln wird die Geschichte von Seefahrt, Seehandel und Schiffbautechnik jeweils im Rahmen der allgemeinen wirtschaftlichen und technikhistorischen Entwicklung von der Spätantike bis zu den Entdeckungsfahrten der ersten Hälfte 15. Jh. materialreich nachgezeichnet. Besondere Schwerpunkte liegen auf der Schilderung der neuesten Erkenntnisse über die wirtschaftliche Kontraktion in Spätantike und Früh-MA (Kap. 1-3), wobei die Diskussion um die sogenannte Pirenne-These besondere Berücksichtigung findet, auf Seefahrt und Handel der Wikinger (Kap. 4), auf Ursprung, technische Aspekte, Umfang und Wirkung der sogenannten Kommerziellen Revolution (Kap. 5-7) sowie auf Struktur, Umfang und Modifikation des Seehandels im Hohen und Späten MA (Kap. 8-9), wobei den kritischen Bemerkungen gegen die sogenannte Katastrophentheorie für das {348} spätere 14. Jh. besondere Beachtung beizumessen ist. Auch wenn der Autor aufgrund seiner langjährigen Studien über den westlichen Mittelmeerraum natürlich vorwiegend Handel und Seefahrt um das Mittelmeer, dagegen weniger die hansische und nordische Seefahrt thematisiert, so bleibt doch die Arbeit angesichts der Vorreiterrolle Italiens und der Mittelmeeranrainer für die Handelsgeschichte von allgemeinem Interesse.  --  Gewisse Mängel in der Ausstattung des Buchs wie die eindeutig zu knapp geratene, sechsseitige "Bibliografia essenziale" oder fehlende Abbildungsverweise im Text sowie der teilweise komplexe Satzbau schmälern daher nicht den positiven Eindruck dieses Handbuchs.

Michael Matzke {348}


[394], S. 348

Die Erschließung des Alpenraums für den Verkehr im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. L'apertura dell'area alpina al traffico nel medioevo e nella prima era moderna, Historikertagung in Irsee, 13.-15.9.1993. Im Auftrag des Freistaats Bayern namens der Kommission für bayerische Landesgeschichte hg. von Erwin Riedenauer (Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft Alpenländer. Berichte der Historikertagungen, N. F. 7 = Collana della Communità di lavoro regioni alpine. Atti dei Convegni storici, N. S. 7) Bozen 1996, Verlagsanstalt Athesia, 368 S., 38 Abb., 7 Karten-Beilagen, ISBN 88-7014-870-X, DEM 26.  --  Von den 12 Referenten dieser auf die Ostalpen beschränkten, von Fachleuten aus Deutschland, Italien, Österreich und der Schweiz besuchten und neben der Erforschung auch der Sicherung und Erhaltung der historischen Verkehrswege gewidmeten Tagung gehen zwei den Methoden der Altstraßenforschung nach: Helmut Jäger, Geographische und historische Methoden der Altstraßenforschung (S. 39-59), im allgemeinen Überblick und Klaus Aerni, Ziele und Ergebnisse des Inventars der historischen Verkehrswege der Schweiz (S. 61-84), am konkreten Beispiel eines Projektes, auf das im Verlaufe der Tagung wiederholt Bezug genommen wurde.  --  Ein Überblick über die das MA betreffenden Themen: Peter Eitel, Die historische Verkehrsfunktion des Bodenseeraumes (S. 85-98), beleuchtet die von den natürlichen Konstanten begünstigte und den politischen Variablen zumeist beeinträchtigte Verkehrsfunktion des Bodenseeraumes.  --  Gian Maria Varanini, Itinerari commerciali secondari nel Trentino bassomedioevale (S. 101-128), und Franz-Heinz v. Hye, Mittelalterliche Sekundärverbindungen und Gebirgsübergänge in Tirol (S. 129-143), überprüfen die Bedeutung sekundärer Verkehrswege für die alpenquerende und die inneralpine Kommunikation.  --  Die alpinen Pilgerwege und Hospize stehen im Mittelpunkt der Untersuchung von Gioia Conta, Vie di pellegrinaggio nel Medioevo in area Alpina (S. 145-195).  --  Franz-Heinz v. Hye, Das Verhältnis Stadt und Straße in Tirol von den Anfängen bis in die frühe Neuzeit (S. 197-217), betont die Wechselbeziehung von Siedlungsentwicklung und Verkehr sowie das hohe Maß an Kontinuität in der Führung der Straßentrassen von der Antike bis in die frühe Neuzeit.  --  Gerda Leipold-Schneider, Schiffahrt auf dem Alpenrhein zwischen Chur und der Bodenseemündung (S. 219-244), erweist die Schiffahrt als eine wichtige und sich der fiskalischen Belastung oftmals entziehende voralpine Handelsverbindung, während umgekehrt Gianfranco Frigerio, L'Antica Strada Regina quale collegamento tra Como e le Alpi (S. 245-260), die Bedeutung des Comersees als Wasserstraße gegenüber dem viel wichtigeren Landtransport stark relativiert.  --  Giuseppe Chiesi, Manutenzione stradale nelle regioni ticinesi: aspetti organizzativi e {349} finanziari nel tardo Medioevo (S. 277-292), beleuchtet den baulichen Unterhalt und die Erneuerung der besonders erosionsexponierten Straßen des Alpenraumes und damit einen Aspekt, der auch im Vortrag von Ingrid Heike Ringel, Der Septimer, Zur verkehrsgerechten Erschließung einer Paßstraße im Mittelalter (S. 261-276), angesprochen wird. Die hier skizzierte Geschichte dieser direktesten Verbindung zwischen Boden- und Comersee, deren ma. Bedeutung in jüngerer Zeit eher unterschätzt wurde, ist zum Nachteil der vorgelegten Thesen nicht mit Quellennachweisen versehen.  --  Im übrigen aber ist dieser Band sehr gut dokumentiert: Das betrifft sowohl die unentbehrlichen Literatur- und Quellenangaben wie die beigefügten Abbildungen und Karten. Die Benützbarkeit des Bandes erhöht außerdem ein ausführliches Ortsnamenregister und Resümees der Einzelbeiträge in Deutsch respektive Italienisch.

Hannes Steiner


[395], S. 349

Reinhard Schneider, Vom Klosterhaushalt zum Stadt- und Staatshaushalt. Der zisterziensische Beitrag (Monographien zur Geschichte des Mittelalters 38) Stuttgart 1994, Anton Hiersemann, X u. 201 S., 12 Abb., 1 Karte, ISBN 3-7772-9406-3, DEM 180.  --  Ein weitgesteckter Rahmen, ein hohes Ziel, das sich der Vf. in dieser tiefgründigen Studie gesteckt hat. Neben ihrer Spiritualität haben die Zisterzienser besonders mit ihrer perfekten, effizienten Wirtschaftsordnung die Neugierde der Mittelalterforschung erweckt und auch in der heutigen Zeit nichts von der Relevanz des Modellcharakters eingebüßt. Aus exemplarischen Details werden vom Vf. Schlußfolgerungen abgeleitet, die durchaus Allgemeingültigkeit beanspruchen dürfen. So wird der Bogen von einer Einführung über öffentliche Finanzen im MA über zisterziensische Modellbeispiele der Wirtschaftsführung und der Kommunikation des Fachwissens durch "ausgeliehene Mönche" bis zur territorialen Haushaltsführung gespannt. Hauptquelle sind die Statuten des Generalkapitels, die dann am Modell der Wirtschaftsordnung von Savigny (1230) konkretes Leben erhalten. Im Verzicht auf redundante Anmerkungen schimmert der Arbeitsstil des durch die Schrift Geehrten, Reinhard Elzes, hindurch, was der Lesbarkeit der klugen Abhandlung dient. Wenn der abschreckende Preis nicht wäre, könnte man das Werk ruhigen Gewissens auch dem interessierten Laien anempfehlen.

C.L. {349}


[396], S. 349

Johannes Heil - Bernd Wacker (Hgg.), Shylock? Zinsverbot und Geldverleih in jüdischer und christlicher Tradition, München 1997, Wilhelm Fink Verlag, 304 S., ISBN 3-7705-3160-4, DEM 58.  --  Zins und Wucher gehören zu den wichtigsten Themen der ma. Wirtschaftsgeschichte und deshalb sei hier in aller Kürze auf diesen Band hingewiesen, der seine Entstehung indirekt einer Ausstellung der Stadt Frankfurt am Main aus Anlaß des 200. Geburtstages von Meyer Amschel Rothschild und direkt einer vom Jüdischen Museum und der katholischen Akademie Rabanus Maurus 1994 abgehaltenen Tagung in Wiesbaden verdankt. Nur drei Beiträge berühren das MA: Matthias Theodor Kloft, Das christliche Zinsverbot in der Entwicklung von der Alten Kirche zum Barock. Eine Skizze (S. 21-34), listet die biblischen Grundlagen auf und gibt einen kurzgefaßten Abriß der ma. Wucherlehre.  --  Johannes Heil, Das Geld und das Gold des Kalbes. Momente der Exodusdeutung zwischen Patristik und Neuzeit (S. 35-58), trägt Exegesen zu Exodus 32 "und überhaupt theologische Bewertungen von Geld und Gewinnstreben" (S. 36) zusammen.  --  Friedhelm Burgard, {350} Christlicher und jüdischer Geldhandel im Vergleich. Das Beispiel der geistlichen Herrschaft Trier (S. 59-80), untersucht die jüdischen Geldgeschäfte in Trier (und Koblenz) im 14. Jh., vornehmlich zur Zeit des Erzbischofs Balduin von Luxemburg (1307-1354), der zur Deckung des durch seine Territorialisierungspolitik bedingten enormen Finanzbedarfs sich in ganz besonderer Weise auf die Juden stützte.

Gerhard Schmitz


[397], S. 350

Paola Galetti, Abitare nel Medioevo. Forme e vicende dell'insediamento rurale nell'Italia altomedievale (Le vie della storia 29) Firenze 1997, Le Lettere, 144 S., 61 Abb., ISBN 88-7166-340-3, ITL 30.000.  --  Gegenstand der Studie sind die Formen der ländlichen Behausung, der Konstruktion und Ausstattung der Gebäude und schließlich die Konstanz beziehungsweise der Wandel im ländlichen Siedlungsbild und in der ruralen Wohnsituation. In einem zeitlichen und geographischen Überblick kristallisieren sich das langobardisch-fränkische Italien und die Zeit zwischen dem 8. und dem 11. Jh. als Untersuchungsfelder heraus. G. bespricht die Terminologie von Hausbau und Wohnsituation in den Quellen; herangezogen werden vor allem die Pertinenzaufzählungen in den Privaturkunden, entsprechende Ausführungen in den Gerichtsnotizen, Inventare, Urbare sowie einschlägige Bestimmungen in normativen Quellen. Pflanzliche Baumaterialien - Holz, Stroh, Rohr - dominieren lange den ländlichen Hausbau, und als Konstruktionstypen kann die Vf. im wesentlichen die auch nördlich der Alpen verbreiteten Muster nachweisen, was sich auch im beigegebenen Bildmaterial niederschlägt. Das handwerkliche Können im Umgang mit diesen Materialien ermöglichte es den Bewohnern, ihre Häuser weitgehend ohne Fremdhilfe zu bauen; die Leichtbauweise erlaubte auch in Italien eine relativ einfache Demontage der Häuser, den Transport der Bestandteile und den Wiederaufbau an anderer Stelle, kurz: eine gewisse Mobilität frühma. Siedlungen. Daneben ist auch eine stabile, ortsgebundene Bauweise in den ländlichen Zentren der Grundherrschaften nachweisbar; neben der Verwendung von Lehm und tonhaltigem Mörtel in den Wänden der Balkenkonstruktionen gewinnt der Einsatz von Ziegeln und der Steinbau (beschleunigt nach 1000) an Boden. Ein Ausblick auf die Entwicklung im späteren MA, gewonnen aus den Resultaten der Forschung, betont nochmals den von der Vf. herausgestrichenen qualitativen Wandel um die Jahrtausendwende. Die regional stark differenzierte Entwicklung führt zu unterschiedlichen Siedlungsformen: einerseits zur Konzentration der bäuerlichen Bevölkerung in kleinstädtischen Zentren oder (oft befestigten) grundherrschaftlichen Siedlungen wie den Grangien der Zisterzienser, andererseits (nach 1200) zu den isolierten Hofstellen der Halbpächter (mezzadri). In beiden Fällen wird der Hausbau komplexer und vergrößert den Bedarf an qualifizierten und spezialisierten Handwerkern. Wo archäologische Befunde das aus den Quellen und der historischen Forschung gewonnene Bild bestätigen oder ergänzen können, werden sie beigezogen und fachkundig referiert.

Hannes Steiner


[398], S. 350

Günter Mangelsdorf, Die Ortswüstungen des Havellandes. Ein Beitrag zur historisch-archäologischen Wüstungskunde der Mark Brandenburg (Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin 86) Berlin 1994, de Gruyter, XII {351} u. 324 S., 26 Abb., ISBN 3-11-014086-1, DEM 144.  --  Den Kern der bereits 1970-1974 entstandenen und seitdem ergänzten Arbeit bildet ein auf Vollständigkeit angelegtes Verzeichnis aller namentlich bekannten Ortswüstungen des Hoch- und Spät-MA im Havelland, d. h. der auf Dauer oder zeitweilig wüst gewordenen bzw. in anderen Orten aufgegangenen Dörfer, Einzelhöfe, Kirchen und Mühlen. Die Wüstungsliste erfaßt für 160 Plätze in alphabetischer Folge Lage, archäologische Funde, schriftliche Überlieferung, Angaben zur Feldmark, versucht eine Klassifizierung der Wüstung und nennt die einschlägige Literatur. Als Untersuchungsgebiet wurden die Kreise West- und Osthavelland und die Stadtkreise Brandenburg, Potsdam und Spandau in den Grenzen von 1900 gewählt. Allein durch archäologische Quellen belegte Siedlungen des 11./12. Jh. wurden nicht aufgenommen. Im zweiten Teil untersucht M. auf der gewonnenen Materialbasis Fragen des Wüstungsprozesses wie Ausmaß des ma. Wüstungsvorgangs (Wüstungsquotient), örtliche Verteilung, Wüstungsarten und diskutiert mögliche Wüstungsursachen, wobei in erster Linie ungünstige natürliche Bedingungen und zunehmende Siedlungskonzentration, nicht aber kriegerische Einwirkungen benannt werden. In Auswertung des archäologischen Fundmaterials, das hier präzisere Angaben als die schriftlichen Quellen ermöglicht, gewinnt M. eine zeitliche Gliederung des Wüstungsvorganges und kann damit die 60 als sicher eingestuften Wüstungen den einzelnen Jahrhunderten (12.-15.) zuweisen. Orts- und Personenregister erschließen den Band.

Ulrike Hohensee {351}


[399], S. 351

Jan Fridrich, Jan Klápste, Zdenek Smetánka, Petr Sommer (Hgg.), Ruralia I Conference Ruralia I - Prague, 8th-14th September 1995 (Památky archeologické Supplementum 5) Prague 1996, Institute of Archaelogy, 340 S., zahlreiche Abb., ISBN 80-901934-7-1.  --  Der Kongreßband vereinigt 36 Beiträge zur Problematik dörflicher Siedlungen vom Früh-MA bis zum Jahr 1500 von England und Norwegen im Norden und Nordwesten bis Zypern im Süden und Polen und Ungarn im Osten.

Ivan Hlavácek {351}


[400], S. 351

Stadtgrundriß und Stadtentwicklung. Forschungen zur Entstehung mitteleuropäischer Städte. Ausgewählte Aufsätze von Karlheinz Blaschke, unter Mitarbeit von Uwe John hg. von Peter Johanek (Städteforschung. Reihe A: Darstellungen, Bd. 44) Köln u. a. 1997, Böhlau Verlag, XIX u. 368 S., ISBN 3-412-06897-7, DEM 98.  --  Der vorliegende Band enthält ausgewählte Aufsätze dargebracht zum 70. Geburtstag von B., zurückreichend bis in die 60er Jahre und vermehrt um mehrere Erstveröffentlichungen. Unter dem ersten Schwerpunkt "Thema und Methode" geht es um allgemeine Probleme der Stadt- und Stadtkernforschung. Hierzu gehört auch der erstmals publizierte Beitrag Wie liest man einen Stadtplan? (S. 193-204), der an Beispielen demonstriert, wie man aus dem Grundriß einer Stadt Hinweise auf Frühgeschichte und weitere Entwicklung herauslesen kann. Teil II des Bandes ("Einzelfälle") enthält neben bekannten Aufsätzen drei neue: Die Anfänge der Stadt Görlitz (S. 329-341); Lommatzsch und Lausick. Zwei "Kirchenstädte" in Sachsen (S. 342-351); St. Nikolai in Göttingen. Eine Kaufmannskirche des 12. Jahrhunderts (S. 352-356). Teil III ("Ausblick") enthält den Beitrag Nikolaikirchen und Stadtentstehung in Europa. Ein {352} Zwischenbericht (S. 359-362). Der Geehrte selbst hat eine Vorbemerkung zu dem Buch beigesteuert, und ein Index der Ortsnamen schlüsselt den Inhalt auf.

Martina Stratmann


[401], S. 352

Antonio Ivan Pini, Città medievali e demografia storica. Bologna, Romagna, Italia (secc. XIII-XV) (Biblioteca di storia urbana medievale 10) Bologna 1996, Editrice CLUEB, 328 S., Karten, ISBN 88-8091-420-0, ITL 40.000.  --  Die in dem vorliegenden Band gesammelten Aufsätze sind anderweitig in den Jahren von 1976-1993 erschienen. Sie befassen sich mit der historischen Demographie von Bologna und der Romagna vom 13. bis zum 15. Jh. Dazu kommt ein, freilich auch schon älterer Artikel über die Quellen und die Methode der Disziplin und ein Forschungsüberblick über die demographische Entwicklung nach der Schwarzen Pest. Die Etikettierung dieser Disziplin als "giovane, avventurosa, ed anche un po' bizarra e presuntuosa" verdankt sich wohl eher der Rhetorik.

Lothar Kolmer {352}


[402], S. 352

Hansjürgen Brachmann - Jan Klápste (Hgg.), Hausbau und Raumstruktur früher Städte in Ostmitteleuropa (Památky archeologické. Supplementum 6) Praha 1996, Institute of Archaeology, 172 S., zahlreiche Abb., ISBN 80-901934-7-1.  --  Insgesamt 14 Beiträge namhafter Autoren aus Deutschland, der Tschechischen Republik, Polen, Ungarn und der Slowakei untersuchen archäologisch, siedlungs- und wirtschaftsgeschichtlich Marktsiedlungen und andere frühstädtische Siedlungsformen und die Hausbauentwicklung in Mitteleuropa im hohen und späten MA.

Ivan Hlavácek {352}


[403], S. 352

Spazio urbano e organizzazione economica nell'Europa medievale. Atti della Session C23, 11th International Economic History Congress (Milano, 12-16 settembre 1994), a cura di A. Grohmann (Annali della Facoltà di scienze politiche a. a. 1993-94, 29. Materiali di storia 14) Napoli 1994, Edizioni scientifiche italiane, 469 S., Abb., ISBN 88-7104-893-7, ITL 61.000.  --  Die verschiedenen Beiträge dieser Tagung decken mit lokalen Fallstudien die meisten historischen Räume des ma. Europa ab, wenngleich Italien nicht zufällig am gründlichsten behandelt wird. Auch Stadtregionen als solche finden nunmehr eine eigene Betrachtung, womit sich der Band den neueren Forschungstendenzen der Wirtschaftsgeschichte anschließt. Besonderes Gewicht wird auf die Anwesenheit fremder Kaufleute in den Städten gelegt, ein Phänomen, dessen direkte Bedeutung für das Konzept "städtischer Raum" nicht sofort augenfällig ist. Man vermißt ein Register. Anzukreiden ist auch die niedrige Qualität der Abbildungen, die offensichtlich über Kopiermaschine vervielfältigt wurden. Die Beiträge im einzelnen: Alberto Grohmann, Spazio urbano e organizzazione economica nell'Europa medievale. Introduzione e problemi di metodo (S. 7-35).  --  Gabriella Rossetti, Le Elites mercantili nell'Europa dei secoli XII-XVI: loro cultura e radicamento (S. 39-59).  --  Michael Bibikov, Urban Structure and Economic Activity in the Medieval Black Sea Ports (S. 61-78).  --  Renato Bordone, I Lombardi nelle città europee (S. 81-97).  --  Pierre Racine, Les marchands italiens dans le royaume de France (XIIe-XIVe siècles) (S. 99-126).  --  Henri Dubois, Espace de la foire et espace urbain dans les villes du royaume de France (XIIe-XVe siècles) (S. 127-141).  --  Giovanna Petti Balbi, Spazio urbano e presenza {353} genovese a Bruges (S. 143-161).  --  Wim P. Blockmans, Urban Space in the Low Countries, 13th-16th Centuries (S. 163-175).  --  Miguel Angel Ladero Quesada, Economía mercantil y espacio urbano: ciudades de la Corona de Castilla en los siglos XII a XV (S. 177-207).  --  Thomas Szabó, Wirtschaftliche Aktivitäten und bauliche Erscheinung der ma. Stadt [im Reich] (S. 209-240).  --  Enrica Salvatori, Spazi mercantili e commerciali a Milano nel Medioevo: la vocazione del centro (S. 243-266).  --  Anna Zaninoni, Piazze e mercati a Piacenza (secoli IX-XV) (S. 267-285).  --  Fabio Redi, Spazi e strutture mercantili-produttive a Pisa tra XI e XV secolo (S. 287-324).  --  Henri Bresc, Quartiers de marchands et quartiers de minorités en Sicile XIIIe-XV[hoch ein]e[hoch aus] siècles. L'exemple de Palerme (S.325-339).  --  Gian Maria Varanini, Trasformazioni economiche e modificazione dell'ambiente urbano: il caso di Verona fra commercio, industria tessile e rendita fondiaria (secoli XII-XVI) (S. 341-360).  --  Fabio Bettoni, Un'area di transito: l'Umbria fra XIII e XVI secolo (S. 363-389).  --  Paola Massa Piergiovanni, Genova: tra spazi commerciali e concentramento edilizio (secoli XIV-XVI) (S. 391-411).  --  Luciano Palermo, Sviluppo economico e organizzazione degli spazi urbani a Roma nel primo Rinascimento (S. 413-435).  --  Michele Cassandro, Ginevra e Lione tra XV e XVI secolo (S. 437-457).

Michael Toch {353}


[404], S. 353

Diana Webb, Patrons and Defenders. The Saints in the Italian City-states (International Library of Historical Studies 4) London u. a. 1996, I. B. Tauris, 343 S., ISBN 1- 86064-029-X, GBP 39,50.  --  Dieses Buch gilt einem wichtigen Aspekt der italienischen Stadtgeschichte in geographisch und chronologisch weitem Rahmen: vom ausgehenden 11. bis ins 15./16. Jh. für die Städte Mittel- und Norditaliens. Wer allerdings eine Synthese oder Überblicksdarstellung erwartet, zumal die Autorin nicht die erste ist, die sich mit dem Thema auseinandersetzt, wird enttäuscht. W. geht nach einem früheren Schwerpunkt ihrer Forschungen in der toskanischen Geschichtsschreibung im 15. Jh. besonders auf die Städte dieser Region ein, zumal auf Siena. Die in drei Teile mit insgesamt acht Kapiteln gegliederte Darstellung ist eher assoziativ und knüpft allgemeine und überleitende Beobachtungen an die ausführliche Wiedergabe von Quellenstellen aus Viten, Wunderberichten, Statuten, Städtechroniken, Urkunden und Akten, deren Auswahl teilweise zufällig wirkt. Nur die besonders ergiebigen Statutensammlungen erfahren auch eine quellenkundliche Thematisierung. Im ersten Teil geht es um die Anfänge der städtischen Heiligenverehrung im ausgehenden 11. und 12. Jh. sowie die wachsende Bedeutung der Laien. Unter der Überschrift "The Cult in Action" beschreibt W. im Hauptteil des Bd. zunächst, wie die Ausformung und Ausübung des Kults der Stadtpatrone in der statutarischen Gesetzgebung verankert wurde. Durch den Einfluß der Mendikanten auf die städtische Frömmigkeit weitete sich die Verehrung auf eine Reihe von 'Nebenheiligen' aus; es kam zur Ausbildung eines Pantheons von Stadtheiligen, das im ausklingenden 13. Jh. noch durch die zunehmende Zahl von Tagesheiligen vergrößert wurde. Mit ihnen verband sich das identitätsstiftende Gedenken an für die Stadt besonders wichtige Ereignisse. Heilige Bischöfe standen dabei im Vordergrund, von denen einige tatsächlich herausragende historische Gestalten waren. Schließlich dokumentiert W., daß Signori und republikanische Herrscher gleichermaßen im 14. und 15. Jh. den städtischen Heiligenkult immer mehr zur {354} Demonstration von eigener Macht und Stärke benutzten, nicht nur innerhalb ihrer Stadt, sondern auch gegenüber unterworfenen Städten und Ortschaften im Umland. Zur Förderung des Kults wurden Reliquien als Objekte besonderer Verehrung erworben und die Heiligen auf den städtischen Münzen abgebildet. Im dritten Teil werden die generalisierend herausgearbeiteten Ergebnisse am konkreten Fall Sienas überprüft, wo man gegen Ende des MA neben der Jungfrau Maria auch die hl. Katharina verehrte. Das Quellenverzeichnis führt die Statutensammlungen gesondert auf. Äußerst knapp gehalten ist das Literaturverzeichnis. Trotz der Ergänzung durch einmalig genannte Literatur in den Anmerkungen vermißt man etliche einschlägige Titel nicht nur zur Geschichte der italienischen Städte, sondern z. B. auch zur Quellengattung der Statutencodices. Im Index (Orte, Personen, Sachen) sind "saints and beati" zur besseren Benutzbarkeit des Buches extra rubriziert.

Claudia Zey {354}


[405], S. 354

Lothar Kolmer, Gewalttätige Öffentlichkeit und öffentliche Gewalt. Zur städtischen Kriminalität im späten Mittelalter, ZRG Germ. 114 (1997) S. 261-295, behandelt nach theoretischen Erwägungen zur Frage "Was ist Kriminalität und wie definiert sich kriminelles Verhalten?" Regensburger Quellen, u. a. das "Wundenbuch", das einen der Quantifizierung zugänglichen Überblick über ein Vierteljahrhundert (1325-1350) städtischer Kriminalität ermöglicht und dessen Neuedition in Aussicht gestellt wird (S. 276 Anm. 59).

Gerhard Schmitz


6. Landesgeschichte

1. Allgemeines S. 354. 2. Franken, Hessen S. 356. 3. Lothringen, Rheinlande, Pfalz S. 357. 4. Alemannien, Schwaben, Schweiz, Elsaß S. 361. 5. Bayern, Tirol, Österreich S. 366. 6. Böhmen S. 369. 7. Westfalen, Niedersachsen, Bremen und Hamburg, Schleswig-Holstein S. 372. 8. Sachsen, Thüringen S. 379. 9. Mecklenburg, Brandenburg, Pommern S. 381. 10. Polen, Schlesien S. 382. 11. Ordensland S. 385. 12. Italien, Sizilien S. 385. 13. Spanien, Portugal S. 391. 14. Frankreich, Belgien, Niederlande, England, Irland S. 395. 15. Skandinavien S. 408. 16. Byzanz, Osteuropa, Südosteuropa S. 409. 17. Kreuzfahrerstaaten S. 409.

[406], S. 354

L'organizzazione del territorio in Italia e Germania: secoli XIII-XIV. Atti della XXXV settimana di studio, 7-12 settembre 1992. A cura di Giorgio Chittolini e Dietmar Willoweit (Annali dell' Istituto storico italo-germanico. Quaderno 37) Bologna 1994, Il Mulino, 503 S., ISBN 88-15-04632-1, ITL 54.000.  --  Deutschsprachige Ausgabe: Hochmittelalterliche Territorialstrukturen in Deutschland und Italien. 35. Studienwoche, Hg. von Giorgio Chittolini und Dietmar Willoweit (Schriften des Italienisch-Deutschen Historischen Instituts in Trient 8) Berlin 1996, Duncker & Humblot, 368 S., ISBN 3-428-08683-X, DEM 134.  --  Der Sammelband setzt die 1989 (vgl. DA 49, 748) diskutierte Thematik "Statuten, Städte und Territorien zwischen Mittelalter und Neuzeit in Italien und Deutschland" mit der vergleichenden Betrachtung der spätma. Territorialstaatsbildung in beiden Ländern unter deutlicher Betonung der Verfassungs-, {355} Rechts- und Verwaltungsgeschichte fort. Auf die aus italienischer und deutscher Sicht in das Thema einführenden Beiträge von Giorgio Chittolini, Territoriale Organisation und Stadtbezirke im spätmittelalterlichen Italien (S. 7-21; italienische Ausgabe S. 7-26), und Dietmar Willoweit, Spätmittelalterliche Staatsbildung im Vergleich. Zur Erforschung der deutschen hoch- und spätmittelalterlichen Territorialstrukturen (S. 23-30; S. 27-37), folgt eine erste Aufsatzgruppe zum Alpenraum, die Wilhelm Brauneder, Die Territorialstrukturen im süddeutsch-österreichischen Raum (S. 31-51; S. 39-70), mit einem knappen, den Kategorien von O. Brunners "Land und Herrschaft" verpflichteten systematischen Überblick vorwiegend für das Gebiet des heutigen Österreich beginnt.  --  Den übergreifenden Essay von Paolo Cammarosano, Die Organisation der territorialen Mächte in den Alpen (S. 53-59; S. 71-80), vertieft für den nordwestlichen Alpenraum Guido Castelnuovo, Regionale Fürstentümer und territoriale Organisation in den Westalpen: Savoyen (frühes 13. bis frühes 15. Jahrhundert) (S. 61-70; S. 81-92).  --  Die zweite ausgewählten Regionen Italiens und Deutschlands geltende Aufsatzgruppe eröffnet Wilhelm Janssen, Territorialbildung und Territorialorganisation niederrheinisch-westfälischer Grafschaften bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts (S. 71-96; S. 93-131), der als wichtigsten Faktor weltlicher Landesorganisation am Niederrhein und in Westfalen die auf der Gerichtsorganisation basierende Ämterverfassung herausstellt.  --  Gian Maria Varanini, Die Organisation des städtischen Bezirks in der Poebene im 13. und 14. Jahrhundert (Mark Treviso, Lombardei, Emilia) (S. 97-171; S. 133-233), gibt für drei zentrale norditalienische Regionen einen detaillierten Überblick über die unterschiedliche Formierung und Organisation der Stadt-contado-Beziehungen bis ins frühe 16. Jh.  --  Günter Christ, Kräfte und Formen geistlicher Territorialität im Hoch- und Spätmittelalter (am Beispiel des Erzstifts Mainz) (S. 173-201; S. 235-277), schildert die von den Vitztumämtern über die Centen bis zu den Kameraldistrikten führende Herrschaftsintensivierung im Erzstift Mainz vom 12. bis zum 14. Jh. als ein exemplarisches Modell der Organisation geistlicher Landesherrschaft in Deutschland.  --  Andrea Zorzi, Die Organisation des Territoriums im florentinischen Gebiet im 13. und 14. Jahrhundert (S. 203-255; S. 279-349), analysiert die Strukturelemente und politisch-militärischen Konsolidierungsprozesse, die im 13./14. Jh. zur Ausbildung des florentinischen contado und zur Vorherrschaft von Florenz in Mittelitalien führten.  --  Rudolf Endres, Der Territorialaufbau und -ausbau in den Fürstentümern Ansbach und Bayreuth (S. 257-269; S. 351-371), untersucht die hohenzollerische Territorialbildung im mittleren und nordöstlichen Franken und fragt nach den Ursachen für die unterschiedliche Herrschaftsverdichtung und Geschlossenheit der beiden fränkischen Fürstentümer der Zollern.  --  Den von der langobardischen Landnahme bis zur aragonesischen Herrschaft reichenden "Historischen Abriß über die territoriale Struktur im mittelalterlichen Süditalien" von Bruno Figliulo (S. 271-286; S. 373-394), führen für Sizilien unter Rückgriff auf die normannischen und staufischen Grundlagen und mit Ausblick auf das 15. Jh. Pietro Corrao und Vincenzo D'Alessandro, Verwaltungsgeographie und territoriale Macht im spätmittelalterlichen Sizilien (13.-14. Jahrhundert) (S. 287-324; S. 395-444), näher aus.  --  In einem breiten, von der ottonischen Expansion bis zur Reformation reichenden Überblick stellt abschließend Thomas Klein, Die Bildung der Territorialstaaten in den Gebieten zwischen Elbe/Saale und Oder: Meißen/Sachsen, Brandenburg, {356} Mecklenburg (S. 325-358; S. 445-494), die Entwicklung von den hochma. Herrschaftsformen zum frühmodernen Staat in den von der deutschen Ostsiedlung erfaßten Regionen östlich der alten Reichsgrenze vergleichend vor.  --  Mit der Frage nach dem Prinzip der Territorialität und nach den von den Römern bis zu den Staufern geschaffenen Grundlagen territorialer Organisation in Italien faßt Cinzio Violante, Schlußbemerkungen (S. 359-365; S. 495-503), den Sammelband zusammen.  --  Eine vergleichende Auswertung der Fülle von interessanten Einzelbefunden für die ertragreiche Gesamtthematik wird nicht unternommen.

Matthias Werner {356}


[407], S. 356

Valentin Groebner, Ökonomie ohne Haus. Zum Wirtschaften armer Leute in Nürnberg am Ende des 15. Jahrhunderts (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 108) Göttingen 1993, Vandenhoeck & Ruprecht, 291 S., ISBN 3-525-35645-5, DEM 65.  --  Daß die spätma. Ökonomie der Masse der arbeitenden Stadtbevölkerung generell im Schatten blieb (S. 14), wird man für Nürnberg noch weniger als für andere Städte akzeptieren, denkt man nur an die umfangreichen Untersuchungen von Mummenhoff und Sachs vom Beginn dieses Jh. Trotzdem lohnt sich natürlich die Fragestellung des Autors nach dem wirtschaftlichen Verhalten der (auch von ihm nicht exakt zu definierenden) Armen Nürnbergs am Ende des 15. Jh. Und mit Recht betont der Vf. die gerade hier für diesen Zeitraum besonders günstige Quellenlage. Das ökonomische Milieu, d. h. Erwerbsmöglichkeiten, Löhne, Preise, Kaufkraft und der Umgang mit Geld sind das eine zentrale Thema der Arbeit, das zweite sind Mittel und Wege zum Überleben der Lohnarbeiterschaft in der ihnen vorgegebenen Situation. Überzeugend und detailreich weist der Vf. nach, daß das Kennzeichen der wirtschaftlich-gesellschaftlichen Lage Unsicherheit und Mangel sind, daß vom vielberufenen spätma. Überfluß und Luxusaufwand keine Rede sein kann, gerade auch im Hinblick auf höherwertige und längerlebige Konsumgüter wie Kleidung. Methodisch verzichtet der Vf. dabei auf lange Preisreihen und mehrjährige Durchschnittswerte, weil sie, wie er zu Recht herausstellt, die für das ausgehende 15. Jh. in Nürnberg wie andernorts so typischen kurzfristigen und abrupten Wechsellagen unkenntlich machen. Daß der Vf. allerdings zugunsten einer "dichten Erzählung" auf quantifizierende Methoden weitgehend verzichtet, wird man nicht von vornherein als wissenschaftlichen Fortschritt einstufen. Mehr aber als das sehr große Vertrauen in die eigene Arbeitsweise stören sachliche Irrtümer. So werden die im "fürding" bezahlten nominell höheren Handwerkerlöhne als "kein schlechter Zuverdienst" aus Sicht des Arbeiters positiv bewertet (S. 125 f.). In Wirklichkeit handelt es sich beim Fürding um einen Festbetrag für Arbeit und Material, bei dem sich nach allem, was wir wissen, der Arbeitgeber besser stellte als der Arbeitnehmer.  --  Alles in allem: G. hat die Lebenslage der unteren Schichten der Nürnberger Stadtbevölkerung anschaulich und detailreich geschildert. Seine gut lesbare Darstellung ist trotz der angedeuteten Mängel eine sicher anerkennenswerte Leistung.

Ulf Dirlmeier {356}


[408], S. 356

Karl Müssel, Bischof Otto II. von Bamberg († 1196) - Ein Lebensbild zum Gedenken an seinen Todestag vor 800 Jahren, Archiv für Geschichte von Oberfranken {357} 76 (1996) S. 7-42, 6 Abb., schildert Herkunft, Werdegang und Tätigkeit des ersten Andechs-Meraniers auf dem Bamberger Bischofsstuhl, der den Domneubau des 13. Jh. finanziell vorbereitete und 1189 die Heiligsprechung seines Vorgängers Otto I. erreichte.

Stefan Beulertz {357}


[409], S. 357

Hans-Bernd Spies, Die frühesten Erwähnungen des Aschaffenburger Stadtteiles Nilkheim in verschiedenen schriftlichen Quellen, Mitteilungen aus dem Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg 5 (1996-1998) S. 137-155, 3 Abb., behandelt vornehmlich die aus Drucken des 17./18. Jh. bekannte Nilkheimer Inschrift (MGH Poetae 6/1 S. 160 Nr. 2), deren Weihenachricht nicht exakt auf 711-716 zu beziehen, sondern vorsichtiger "mit Sicherheit vor 738, wahrscheinlich sogar vor 724" einzuordnen ist.

Rudolf Schieffer


[410], S. 357

Fred Schwind, 1389: Die Niederlage von Kronberg/Eschborn. Städtische Selbstbehauptung im dynastischen Umfeld, Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst 63 (1997) S. 15-42, sieht das Ereignis sowohl im Horizont der Frankfurter Stadtgeschichte als auch der regionalen Machtverhältnisse im näheren Umfeld wie schließlich als Symptom für das politische Schicksal der Städte unter König Wenzel.

Rudolf Schieffer


[411], S. 357

Wilhelm Janssen, Kleine rheinische Geschichte, Düsseldorf 1997, Patmos Verlag, 431 S., 70 Abb., ISBN 3-491-34232-5, DEM 39,80.  --  Für ein breiteres Publikum ohne Anmerkungen geschrieben, bietet der Band einen prägnant formulierten Überblick von der Vorgeschichte bis 1945, wobei der Zeit vor 1500 rund 40 Prozent des Umfangs zugemessen sind. Den räumlichen Rahmen gibt in etwa die preußische Rheinprovinz ab; inhaltlich steht die politische Entwicklung im Vordergrund. Strukturelle Aspekte von Wirtschaft, Gesellschaft, Kirche und Kultur werden im Teil über das MA vor allem an spätma. Gegebenheiten erläutert. Umgekehrt tritt vom 13. Jh. an die Reichsgeschichte stark zurück mit der Folge, daß z. B. das Königtum Wilhelms von Holland oder Richards von Cornwall gar keine Erwähnung findet. Glanzstücke sind hingegen die konzisen Ausführungen über landesherrliche Verwaltung und landständische Bewegung im 14./15. Jh.

Rudolf Schieffer


[412], S. 357

Rheinische Lebensbilder, Bd. 15 u. 16. Im Auftrag der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde hg. von Franz-Josef Heyen, Köln 1995 bzw. 1997, Rheinland-Verlag, 291 S. u. 14 Abb. bzw. 304 S. u. 15 Abb., ISBN 3-7927-1537-6 bzw. 3-7929-1609-7, jew. DEM 44,80.  --  Die Bände enthalten wiederum mehrere mediävistische Beiträge: Kaspar Elm, Norbert von Xanten (1080/85-1134) (Bd. 15 S. 7-21).  --  Michel Margue, Ermesinde Gräfin von Luxemburg (1186-1247) (Bd. 15 S. 23-41).  --  Enno Bünz, Winand von Steeg (1371-1453) (Bd. 15 S. 43-64).  --  Albrecht Brendler, Engelbert von Falkenburg (ca. 1225-1274) (Bd. 16 S. 7-31).  --  Dieter Kerber, Johann II. von Baden, Erzbischof und Kurfürst von Trier (1456-1503) (Bd. 16 S. 33-52).  --  Klaus Arnold, Johannes Trithemius (1462-1516) (Bd. 16 S. 53-64).  --  Bertram Resmini, Johann Butzbach (1477-1516/17) (Bd. 16 S. 65-80).

Rudolf Schieffer


{358}

[413], S. 358

Sven Schütte, Zur frühen Baugeschichte von St. Kunibert in Köln und zur Grablege des Bischofs Rudolf von Schleswig, Colonia Romanica. Jb. des Fördervereins Romanische Kirchen Köln 12 (1997) S. 9-16, 9 Abb.; Marianne Gechter, Die Grablege des Bischofs Rudolf von Schleswig in St. Kunibert, ebd. S. 17-20, 2 Abb., berichten vom kürzlichen Fund der Grabstätte, die dank einer darin entdeckten beschrifteten Bleitafel dem aus Köln stammenden siebten Bischof von Schleswig (1026-1047) zugewiesen werden kann. Er war vermutlich schon 1043 in seine Heimat zurückgekehrt und starb am 4.11.1047.

Rudolf Schieffer


[414], S. 358

Ulrike Höroldt, Studien zur politischen Stellung des Kölner Domkapitels zwischen Erzbischof, Stadt Köln und Territorialgewalten 1198-1332. Untersuchungen und Personallisten (Studien zur Kölner KG 27) Siegburg 1994, Franz Schmitt, 723 S., ISBN 3-87710-164-X, DEM 89.  --  Kölns Bistumsgeschichte ist von einer Besonderheit geprägt: von der Existenz eines Priorenkollegs. Dessen Einfluß und Rolle in der erzbischöflichen Politik hat 1980 Manfred Groten bis in die Anfänge des 13. Jh. dargestellt (vgl. DA 37, 901 f.). Die vorliegende Arbeit knüpft chronologisch daran an und analysiert, wie der Einfluß des Priorenkollegs allmählich von dem des Domkapitels zurückgedrängt wurde. Das war keine gradlinige Entwicklung. Das Domkapitel profitierte hierbei davon, daß der Erzbischof über die Besetzung der Dignitäten des Kapitels mit seinen Anhängern das Priorenkolleg gleichsam "unterwandern" konnte, daß die Interessen zwischen Stadt und Kapitel gerade bei einer Verschuldung des Erzbischofs gemeinsam waren und daß das Kapitel anders als das Priorenkolleg über ein Siegel verfügte. Der Pontifikat Erzbischof Engelberts von Valkenburg (1261-1274) hat die Zusammenarbeit zwischen Domkapitel und Erzbischof, die Konrads von Hochstaden Amtszeit bestimmt hatte, weitgehend beendet: die Konflikte des Erzbischofs mit seiner Domstadt, in denen er sich auch über vom Domkapitel garantierte Sühnen hinwegsetzte, wurden von diesem (wie auch von den Prioren) nicht mehr mitgetragen. Als nach der Niederlage von Worringen der Erzbischof nicht mehr dauernd in Köln residierte, steigerte sich die Entfremdung zwischen ihm und dem Kapitel. 1319 läßt sich unter Heinrich von Virneburg erstmals eine Parteibildung für oder gegen den Erzbischof im Domkapitel namentlich festmachen. Unter Heinrich von Virneburg erreichte das Domkapitel, daß ihm die Führungsrolle im Kölner Klerus zufiel, und während seiner Regierungszeit gelang es ihm, sich in die Einsetzung der erzbischöflichen Amtmänner einzuschalten. Überzeugend weist die Autorin darauf hin, daß man nicht von einem prinzipiellen Widerstand des Kapitels gegen eine zupackende erzbischöfliche Territorialpolitik ausgehen dürfe, kamen deren Erfolge doch auch ihm selbst zugute. Das liegt aber auch daran, daß sich das Kölner Kapitel (anders als die von Mainz oder Trier) zu einem bedeutenden Teil aus Familien rekrutierte, deren Herrschaftsbildung aufgrund räumlicher Entfernung nicht mit der Territorialpolitik des Erzbischofs konkurrierte, und aus solchen, die zu eigener Territorialpolitik nicht in der Lage waren. Der größere Rekrutierungsbereich des Domkapitels hat auch (ebenso wie die Konkurrenz zu dem Priorenkolleg) seine voranschreitende adelige Exklusivität gefördert. Das Material, aus dem die Autorin für ihre wichtige Arbeit geschöpft hat, wird abschließend (S. 395-652) zu Kurzbiographien der von ihr nachgewiesenen Domherren zuammengefaßt. Schon allein wegen dieses {359} Anhangs zählt die Arbeit zur Grundlagenliteratur für die spätma. KG Kölns und für die Sozialgeschichte der deutschen Domkapitel.

Ernst-Dieter Hehl


[415], S. 359

Joachim J. Halbekann, Die älteren Grafen von Sayn. Personen-, Verfassungs- und Besitzgeschichte eines rheinischen Grafengeschlechts 1139-1246/47 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau 61) Wiesbaden 1997, Historische Kommission für Nassau, IX u. 516 S., Abb., Karten, ISBN 3-930221-01-2, DEM 75.  --  Diese für den Druck leicht gekürzte Kölner Diss. erarbeitet zum ersten Mal ausführlich die frühe Geschichte der rheinischen Grafschaft und zwar in prosopograpischer (S. 7-151) und in "verfassungs-, besitz- und ereignisgeschichtlicher" Hinsicht (S. 152-402). Hinter dem weitschweifigen Namen des zweiten Abschnitts verbergen sich einzelne Studien vor allem orts- und klostergeschichtlicher Natur, aber auch zum Grafentitel und zu dem spektakulären Ketzerprozeß, den Konrad von Marburg 1233 gegen Heinrich III. von Sayn anstrengte.

Arno Mentzel-Reuters


[416], S. 359

Wilhelm Kossin, Die Herrschaft Rheineck. Wirtschaftliche Grundlagen einer Adelsfamilie im 15. Jahrhundert (Rheinisches Archiv 134) Köln u. a. 1995, Böhlau, XXII u. 161 S., genealogische Taf., ISBN 3-412-10994-0, DM 48.  --  Die Studie zu der um Bad Breisig gelegenen, von Köln lehnsabhängigen Herrschaft beruht auf der Auswertung (mittels zahlreicher tabellarischer Übersichten) zweier Quellen (beide im Landeshauptarchiv Koblenz): das "Braune Rheinecker Buch", das 1398 angelegt wurde und Lehns- und Allodverzeichnisse, Weistümer, Verträge usw. aus den Jahren 1378-1477 enthält, und das "Rote Rheinecker Buch", das 1494 begonnen wurde und Einnahmen der Rheinecker verzeichnet, zuletzt zu 1534. Die Burggrafen von Rheineck gehören zur vermögenderen Gruppe des niederen Adels. Dem Band ist eine Stammtafel (12.-16. Jh.) und eine Karte beigegeben.

Ernst-Dieter Hehl


[417], S. 359

Frank G. Hirschmann, Verdun im hohen Mittelalter. Eine lothringische Kathedralstadt und ihr Umland im Spiegel der geistlichen Institutionen (Trierer Historische Forschungen 27) Trier 1996, Verlag Trierer Historische Forschungen, 1027 S., 60 Karten in 3 Teilen, ISBN 3-923087-26-8, DEM 236.  --  Ähnlich dem DA 53, 762 f. angezeigten Buch von G. Bönnen über Toul unternimmt es auch diese Trierer Diss., ein fundiertes Bild der hochma. Geschichte einer ganzen Bischofsstadt zu zeichnen. Neben den Bischöfen, ihrem Domkapitel, ihren Funktionsträgern und der Kathedrale finden daher vor allem die übrigen geistlichen Institutionen reichliche Beachtung: das sehr alte Benediktinerkloster des hl. Vito (Saint-Vanne), die 971 gegründete Abtei St. Paul (seit 1135 Prämonstratenserstift), die vor 1025 entstandenen Frauenkonvente St. Maur (mit dem abhängigen Kanonikerstift Heiligkreuz) und St. Maria Magdalena sowie das 1037 hinzugekommene dritte Männerkloster des hl. Agerich (Saint-Airy), später noch das Chorherrenstift St. Nicolas-du-Pré (um 1220) samt den Niederlassungen der Bettelorden, neuen Frauengemeinschaften, Hospitälern und Leproserien. Sie alle werden in ihrem geistlichen Profil, ihren wechselseitigen Beziehungen und zumal ihren wirtschaftlichen Grundlagen und Aktivitäten behandelt, was zugleich vielfältigen Aufschluß über die Verduner Sakrallandschaft, die städtische Topographie, die Umlandbeziehungen und auch die Rahmenbedingungen für kommunale {360} Regungen seit dem frühen 12. Jh. (erstes Stadtsiegel vor 1144) erbringt. Gegliedert ist die Darstellung in drei Zeitabschnitte, deren erster (bis 1046) vor allem von Bischof Haimo (989-1025) und dem berühmten Abt Richard von Saint-Vanne (1004-1046) geprägt ist. Im zweiten Kapitel von der Mitte des 11. bis zur Mitte des 12. Jh. dominiert dann die Polarität zwischen den lange saliertreuen Bischöfen und der Abtei Saint-Vanne, der "Hochburg der Gregorianer in Verdun". Der dritte Teil verfolgt die Entwicklung bis ins frühe 14. Jh. und präpariert umsichtig die Symptome von Stagnation und Niedergang heraus, die durch den Aufstieg fremder Territorialmächte, die Entstehung konkurrierender Zentren und schwindende wirtschaftliche Dynamik bedingt waren. Insgesamt ein hervorragendes, mit nicht weniger als 60 Karten ausgestattetes Werk, dessen methodisches Konzept viele Nachahmer finden sollte.

Rudolf Schieffer


[418], S. 360

Palatia historica. Festschrift für Ludwig Anton Doll zum 75. Geburtstag, hg. von Pirmin Spiess (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen KG 75) Mainz 1994, Gesellschaft für mittelrheinische KG, XVI u. 768 S., Abb., Karten, ISBN 3-929135-07-8, DEM 125.  --  Die Beiträge der Festschrift widmen sich vor allem der Pfalz sowie Stadt und Bistum Speyer. Zehn der 21 Aufsätze betreffen das MA: Helmut Bernhard, Von der Spätantike zum frühen Mittelalter in Speyer. Bemerkungen zum Stand der archäologischen Forschung (S. 1-47), wertet die Grabungsergebnisse seit etwa 1979 aus und stellt das Weiterbestehen des romanischen Elements über die Mitte des 5. Jh. hinweg fest: "Die germanische Landnahme scheint keine sichtbaren Brüche verursacht zu haben" (S. 47).  --  Hansmartin Schwarzmaier, Mathilde von Tuszien und ihre Besitzungen in Deidesheim (S. 49-71), behandelt ein komplexes politisches Geschehen ausgehend von DH. IV. 385 (1086 Jan. 14), mit dem Heinrich IV. dem Speyrer Stift St. Guido Güter in Deidesheim schenkte, die er in einem Rechtsverfahren Mathilde hatte absprechen lassen (vgl. auch DH. IV. 379). Mathilde hat ihre pfälzischen Güter nicht ohne weiteres aufgegeben, sondern daraus selbst eine Schenkung an das Kloster St. Blasien gemacht, die Urban II. 1094 bestätigte (JL 5504), doch blieb Deidesheim bei Speyer.  --  Hans-Walter Herrmann, Bemerkungen zur Frühgeschichte der Stadt Hornbach anhand einer Urkunde des Jahres 1237 (S. 73-89), ediert die Urkunde, mit der die Rechte der Grafen von Zweibrücken und der Abtei im Ort voneinander abgegrenzt wurden.  --  Renate Engels, Die Nebenpfründen am Speyrer Domstift im 13. Jahrhundert (S. 91-138), beruht auf dem Seelbuch des Speyrer Domkapitels von 1273.  --  Andreas Urban Friedmann, Die Speyrer Prozeßordnung (S. 139-154), übersetzt als Vorbereitung für den folgenden Beitrag den Ordo iudiciarius antequam nach der in Speyer um 1260 vorgenommenen Überarbeitung (ed. Riedner 1915).  --  Pirmin Spieß, Ordo iudiciarius antequam (S. 155-226), listet mehr als 100 Hss. des Ordo auf, dazu die jeweils verschollene Vorlage der beiden Versionen (Speyer, Köln) der Frühdrucke; es folgt eine Art systematischer Inhaltsangabe, am Ende steht ein Abdruck des Ordo nach dem Speyrer Frühdruck von Peter Drach (1479). Das alles ist eine schwierige Materie, man wäre für eine kundige Führung dankbar und wird enttäuscht. Die Edition von Spieß hat 91 Paragraphen, die Übersetzung von Friedmann einen mehr und dazu eine bei Spieß fehlende Datierung der Abfassung des Ordo: 12. August 1260. Spieß signalisiert zwar die größeren Abweichungen seines Textes von der bei Friedmann übersetzten Edition Riedners {361} durch Kursivdruck, aber warum hält er den Frühdruck für besser als eine der Hss.? Die in den Ordo integrierten Mustertexte seines Frühdrucks lassen z. B. in §§ 83, 89, 90 den Dekan von St. Stephan in Mainz auftreten, bei Friedmann agiert hier der Dekan von S. Trinitas in Speyer. Bei Spieß ist auf Speyer verweisendes Formelgut in der Regel durch anderes ersetzt. Mit der Formelaufstellung S. 163 und den Angaben der Hss.-beschreibung kann man die konkrete Überlieferungssituation vermutlich herausfinden. Aber muß der ratlose Benutzer beider Aufsätze die Beziehungen zwischen der von Friedmann übersetzten und der von Spieß gedruckten Version mühsam selbst ermitteln, oder darf er das Gespann Friedmann/Spieß an den abschließenden § 92 der Übersetzung erinnern: "Jeder gute Gelehrte darf nicht nach Lob und eitel Ruhm streben, sondern nach dem Fortkommen derer, die er unterweist" (S. 154; überliefert in Hs. Nr. 70, 72, 79, 94)? - Johannes Mötsch, Jakob von Lachen. Aufstieg und Fall eines Pfälzer Adligen im Dienste des Grafen Johann V. von Sponheim (S. 227-235): Der spätestens 1418 in gräflichen Dienst getretene Jakob verlor 1430 seine Vertrauensstellung, vermutlich wegen zu enger Kontakte zu den Erben Johanns.  --  Gregor Richter, Die "Brettener Kirchenordnung" von 1435 als Ausfluß landesherrlicher Kirchenpolitik (S. 237-246), schildert das Zustandekommen der Kirchenordnung in Verhandlungen zwischen Pfalzgraf Ludwig III. und den Grafen von Württemberg.  --  Martin Armgart, Ein fehlgeschlagener Reformversuch des Speyrer Dominikanerinnen-Klosters im Jahre 1442 (S. 247-277), zeigt an diesem Beispiel gleichzeitig, aufgrund welchen Zusammenspiels kirchen-, territorial- und stadtpolitischer Kräfte eine Reform gelingen konnte; in Speyer war dies 1463 dann so weit.  --  Kurt Andermann, Die Jahrzeit Johann von Venningens († 1478). Zur Biographie des Speyrer Domdekans und Basler Bischofs (S. 279-286), erzählt eine romantische Geschichte: Johann hat in Speyer den 29. November als Tag seines Anniversars verfügt, wahrscheinlich in Erinnerung an seine Jugendliebe, für die er 1443 als Domdekan ein Jahresgedächtnis bestellt hatte. Johann hatte ungewöhnlich lange in Heidelberg studiert und dort anscheinend auch sein Herz verloren.

Ernst-Dieter Hehl


[419], S. 361

Forschungen zur bayerischen und schwäbischen Geschichte. Gesammelte Beiträge von Pankraz Fried. Zu seinem 65. Geburtstag hg. von Peter Fassl, Wilhelm Liebhart, Wolfgang Wüst. Redaktion: Doris Wüst (Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft, Schwäbische Forschungsstelle Augsburg der Kommission für bayerische LG, Sonderpublikation) Sigmaringen 1997, Thorbecke, XII u. 607 S., zahlreiche Abb., Karten, ISBN 3-7995-7507-3, DEM 92.  --  In den gut dreißig Aufsätzen dieses Bandes behandelt der ehemalige Augsburger Landeshistoriker Fragen der Herrschafts-, Verfassungs- und Kulturgeschichte Altbayerns und Schwabens sowie Themen aus dem bäuerlich-dörflichen Leben in diesen Regionen vom MA bis in das vorindustrielle 19. Jh. Die Aufsätze wurden neu gesetzt, und ein umfangreiches Personen- und Ortsregister (S. 581-607) erleichtert den Zugriff auf ihren vielfältigen Inhalt.

Detlev Jasper


[420], S. 361

Oskar Vasella, Geistliche und Bauern. Ausgewählte Aufsätze zu Spätmittelalter und Reformation in Graubünden und seinen Nachbargebieten, hg. von {362} Ursus Brunold und Werner Vogler, Chur 1996, Verlag Bündner Monatsblatt/Desertina AG, X u. 772 S., ISBN 3-905241-68-4, CHF 98 bzw. DEM 108.  --  Genau 30 Jahre nach dem Tod des bekannten Bündner Geschichtsforschers werden hier 20 seiner meist in der Zs. für Schweizerische Kirchengeschichte veröffentlichten Studien in anastatischem Nachdruck vorgelegt und durch Namen- sowie Sachregister benutzbar gemacht. Der Schwerpunkt liegt auf Beiträgen zur Geschichte von Chur.

Martina Stratmann


[421], S. 362

StMGBO 107 (1996).  --  Heft 1 des Bandes ist dem seligen Gregor gewidmet, dem dritten Abt des Klosters Einsiedeln (964-996), und enthält die folgenden Aufsätze : Daniel Rees, Abt Gregor von Einsiedeln. Ein Bindeglied zwischen der Schweiz und England (S. 13-27), befaßt sich mit Gregors Herkunft aus England, den politischen und religiösen Verhältnissen auf der Insel und weist darauf hin, daß Gregor als historische Persönlichkeit kaum zu fassen sei.  --  Georg Holzherr, Abt Gregor im Umfeld der monastischen Bewegung des 10. Jahrhunderts (S. 29-92), versucht, Einsiedelns Stellung in der Reformbewegung und seine monastische Eigenart zu bestimmen.  --  Matthias M. Tischler, Die ottonische Klosterschule in Einsiedeln zur Zeit Abt Gregors. Zum Bildungsprofil des hl. Wolfgang (S. 93-181), sucht nach Spuren von Wolfgangs Lehrtätigkeit in Einsiedeln (ca. 966-972), kann Wolfgangs Hand in Einsiedler Hss. wahrscheinlich machen und bringt eine Fülle neuer Beobachtungen zur Überlieferungskritik Reginos von Prüm, seines Fortsetzers und der Einsiedler Annalistik sowie zur frühottonischen Malschule des Klosters.  --  Anton von Euw, Die Einsiedler Buchmalerei zur Zeit des Abtes Gregor (964-996) (S. 183-241), dokumentiert mit vielen Abbildungen die Entwicklung der Malschule, die unter Gregor einen Höhepunkt erlebte.  --  Joachim Salzgeber, Landschenkungen an das Kloster Einsiedeln im 10. Jahrhundert (S. 243-266), referiert die Besitzübertragungen und stützt sich dabei hauptsächlich auf die zwanzig ottonischen Originaldiplome des Klosters.  --  Roman Bannwart, Abt Gregor und die Choralpraxis der Schola Einsidlensis (S. 267-274), gibt einen Überblick über die Choralhss. und die Praxis des Choralgesangs.  --  Odo Lang, Abt Gregor und die tausendjährige Buchkultur des Klosters Einsiedeln. Ein Spiegel geistigen Lebens (S. 275-298), skizziert Entwicklung und Bedeutung der Klosterbibliothek vom MA bis zur Gegenwart.

Klaus Naß


[422], S. 362

Martina Stercken, Weesen. Kommentar. Abbildungen (Historischer Städteatlas der Schweiz 3) Zürich 1997, Chronos Verlag, 9 S. (Kommentar), 10 S. (Abb.), 2 Taf., ISBN 3-905312-10-7, DEM 58.  --  Mit dem Faszikel Weesen dokumentiert die Vf. ein ebenso abwechslungs- wie aufschlußreiches Exempel schweizerischer Stadtgeschichte. Etwas abseits des schon karolingerzeitlich erwähnten Warenumschlagplatzes am Ausfluß der Maag aus dem Walensee entsteht als (wahrscheinlich kyburgische) Neugründung um die Mitte des 13. Jh. eine befestigte Stadt, die als habsburgischer Stützpunkt ab 1386 in die Kämpfe zwischen dem eidgenössischen Bund und den Herzögen von Österreich einbezogen und im Zuge dieser Auseinandersetzungen 1388 vollständig zerstört wird. Neben der Wüstung, auf dem Boden der ursprünglichen Siedlung, lebt Weesen in der Folge als Marktflecken weiter, dem die eidgenössischen Stände aber städtische Vorrechte, insbesondere die Befestigung durch Mauern und Graben, untersagen. Als {363} Handelsplatz und Verwaltungszentrum eines eigenen Amtes behält der Ort trotzdem als "offene Siedlung mit städtischer Prägung" seine Bedeutung. Der sorgfältige Kommentar versteht es, aus dem wechselvollen Geschick Weesens und seinem Niederschlag in den schriftlichen und archäologischen Quellen sowie den heute noch sichtbaren baulichen Strukturen das stadtgeschichtlich Beispielhafte wie das Außergewöhnliche herauszuschälen. Ein sauber gedruckter Abbildungsteil dokumentiert in Illustrationen aus spätma. Chroniken, alten Karten, Veduten und modernen Überblicksplänen das im Kommentar Ausgeführte.

Hannes Steiner


[423], S. 363

Konrad Wanner, Ratsherrschaft und Opposition. Zur Geschichte des Grossen Rates und der städtischen Gemeindeversammlung in Luzern (13. Jahrhundert bis ca. 1450), Jb. der Historischen Gesellschaft Luzern 15 (1997) S. 3-18, untersucht die in der Forschung bislang nur wenig beachtete Frage "nach den spätmittelalterlichen Vorläufern demokratischer Insititutionen" in den Schweizer Städten. Auf der reichen Quellengrundlage des vom Autor selbst bearbeiteten ersten Bandes über die luzernischen Stadtrechte werden die Etablierung des Grossen Rates und die für bürgerliches Selbstbewußtsein sprechende Aufrechterhaltung der städtischen Gemeindeversammlung als "tragende und charakteristische Elemente der 'Verfassung' der luzernischen Stadtstaates" nachgewiesen.

Rolf De Kegel {363}


[424], S. 363

Guido Castelnuovo, Ufficiali e gentiluomini. La società politica sabauda nel tardo medioevo (Collana del dipartimento di Storia dell'Università di Torino 297, 8) Milano 1994, Franco Angeli, 426 S., ISBN 88-204-8352-1, ITL 50.000.  --  Der Vf. geht in dieser Studie in breiterem Rahmen den politischen Führungsschichten im Fürstentum Savoyen nach und fragt nach deren Stellung und Funktion in der Gesellschaft. Nach seiner pragmatischen Definition gehörte zu ihr, wer ein höheres Amt im lokalen oder regionalen Bereich - Kastellan, Bailli  --  oder in der zentralen Verwaltung - in Rat, Rechnungskammer und Justiz - innehatte. Betrachtet wird der Zeitabschnitt zwischen der Mitte des 14. Jh., als sich die gesamtherrschaftlichen Institutionen herauszubilden begannen, und der Mitte des 15. Jh., als unter Herzog Ludwig der Wandel zum käuflichen Ämterwesen und zum Auseinanderfallen der "élites" in alte, territoriale Aristokratie und neue, sich durch Fürstendienst legitimierende "noblesse de robe" einsetzte, wodurch sich die Situation wieder entscheidend veränderte. In vielem stimmt die Entwicklung in Savoyen während dieser hundert Jahre, zwar oft zeitlich verzögert, mit den allgemeinen Zügen der Verwaltungsgeschichte überein, aber sie weist auch Besonderheiten auf. Personell bescheiden ausgestattet kannten die zentralen Institutionen eine nur schwache Hierarchisierung, wenig klare Kompetenzabgrenzungen, kaum Spezialistentum und keinen zwingenden "cursus honorum", was Wechsel hin und her erleichterte und individuell gestalteten Karrieren Raum bot. Fast überall und nebeneinander sind Amtsinhaber aus dem höheren, mittleren und niederen Adel, städtisch-adliger und städtisch-bürgerlicher Herkunft tätig. Am ehesten professionalisiert waren, nicht unerwartet, das Finanz- und das Gerichtswesen, aber trotz einiger interner familiärer Verbindungen gab es nie eine Tendenz, sich standesmässig abzuschließen, wie F. Autrand das für das Parlament in Paris gezeigt hat. Einer Tätigkeit auf lokaler Ebene konnte eine auf zentraler folgen, aber auch umgekehrt; es kam zu Ämterkumulationen, {364} bei denen z. B. Räte gleichzeitig noch eine oder mehrere Kastellaneien verwalteten. Baillis, vor allem aber die Kastellane bildeten das Scharnier zwischen den innerhalb des savoyischen Machtbereichs sehr unterschiedlichen örtlichen Gegebenheiten und der fürstlichen Herrschaft, was der Vf. am Beispiel des Pays de Vaud genauer untersucht. So heterogen zusammengesetzt die savoyischen Führungsschichten damals blieben, so gemeinsam war ihnen der Fürstendienst in Form einer Tätigkeit in der Verwaltung aus wohlverstandenem Eigeninteresse. Er war für sie unabdingbar geworden, für den hohen und mittleren Adel zur Sicherung des sozialen Status, für den niederen Adel, ob auf dem Land oder in der Stadt, und für aufstrebende Bürger als Weg zum sozialen Aufstieg und für den Grafen, bzw. den Herzog selbst als Mittel, um die Akzeptanz seiner Herrschaft in den neu erworbenen Gebieten - der Grafschaft Genf, in Piemont und Nizza  --  zu fördern und um sein Herrschaftenkonglomerat zu einem territorialen Fürstentum umzuformen.  --  Mehrere Karten ergänzen den Text, Namens- und Ortsindices erschließen ihn.

Katharina Koller-Weiss {364}


[425], S. 364

Eberhard und Mechthild. Untersuchungen zu Politik und Kultur im ausgehenden Mittelalter, hg. von Hans-Martin Maurer (Lebendige Vergangenheit 17) Stuttgart 1994, Kohlhammer Verlag, 172 S., 28 Abb., ISBN 3-17-013124-9, DEM 38.  --  Der dem Andenken von Volker Preß († 1993) gewidmete Sammelband enthält hauptsächlich die Vorträge einer die Ausstellung "Württemberg im Spätmittelalter" (Stuttgart 1985) begleitenden Veranstaltungsreihe: Volker Press (†), Eberhard im Bart von Württemberg als Graf und Fürst des Reiches (S. 9-34), würdigt Eberhard als einen der "bedeutendsten Territorialpolitiker" des 15. Jh. und bewertet dessen Herzogserhebung im Jahre 1495 als eine "dynastische Erhöhung, die gegen die Dynastie gerichtet war." - Dieter Mertens, Eberhard im Bart und der Humanismus (S. 35-81), kann durch einen Vergleich der südwestdeutschen Kulturlandschft um 1450 und um 1490 den Erfolg von Eberhards "Bildungspolitik" veranschaulichen und an vielen Einzelbeispielen eindrucksvoll die Wechselwirkung zwischen dem Fürsten, der kein Latein verstand, und den von ihm geförderten Humanisten aufzeigen. In einem Anhang listet der Vf. 63 Büchertitel auf, die einst zur Bibliothek Eberhards gehörten oder für diese indirekt bezeugt sind. Zu Nr. 22 (Erhardus O. P., Akten des Prozesses gegen die Juden von Trient) ist nachzutragen, daß der lange als verschollen geltende Codex im Jahre 1987 von der Yeshiva University in New York erworben wurde (vgl. den in DA 50, 327 angezeigten Aufsatz von R. Po-Chia-Hsia); diese Hs. dürfte übrigens mit dem in der Korrespondenz Eberhards mit der Reichsstadt Nürnberg im Jahre 1483 erwähnten buch den process das kindlein zu Trient und die Juden antreffent (StA Nürnberg, Rep. 61a, BB 38, fol. 197v) gleichzusetzen sein.  --  Ulrich Klein, Graf Eberhard im Bart als Münzsammler (S. 83-94), rekonstruiert an Hand von Eberhards eigenhändigem Inventar, das in einem Münchener Frühdruck von Rolevincks Fasciculus temporum erhalten geblieben ist, die Münzsammlung des ersten Württemberger Herzogs; die 45 nachgewiesenen Einzelstücke reichen von Brutus bis König Albrecht II.  --  Wilhelm Baum, Politische und literarische Beziehungen des Hofes Herzogs Sigmunds von Tirol zum Rottenburger Hof und den Grafen von Württemberg (S. 95-109), ist ein unveränderter Nachdruck des bereits in DA 48, 817 angezeigten Aufsatzes.  --  Joachim Fischer, Das Testament der Erzherzogin Mechthild von Österreich {365} vom 1. Oktober 1481 (S. 111-163), ediert erstmals das heute im Geheimen Hausarchiv in München aufbewahrte Testament von Eberhards Mutter, einer geborenen Pfalzgräfin bei Rhein; der bemerkenswerte Text wird durch einen ausführlichen Kommentar erschlossen.

Franz Fuchs {365}


[426], S. 365

Das (freiweltliche) Damenstift Buchau am Federsee. Im Auftrage des Max-Planck-Instituts für Geschichte bearb. von Bernhard Theil (Germania Sacra N. F. 32. Die Bistümer der Kirchenprovinz Mainz: Das Bistum Konstanz 4) Berlin u. a. 1994, Walter de Gruyter, XII u. 422 S., 4 Abb., ISBN 3-11-014214-7, DEM 220.  --  Das Damenstift Buchau, um 770 zunächst vielleicht als Benediktinerinnenkloster gegründet, bald darauf in ein Kanonissenstift umgewandelt, nimmt unter den geistlichen Institutionen im Südwesten des Alten Reichs insofern eine Sonderstellung ein, als seine Vorsteherin seit dem 14. Jh. zu den Fürstinnen bzw. seit dem 16. Jh. zu den Reichsfürstinnen zählte. Dieser Status blieb dem nur Angehörigen gräflicher und edelfreier Geschlechter zugänglichen Stift bis zur Säkularisation 1802 erhalten. Danach fiel es an das Haus Thurn und Taxis. Im vorliegenden Band erfährt die Geschichte Buchaus zum ersten Mal eine adäquate Gesamtdarstellung. Daß eine solche nicht bereits früher in Angriff genommen wurde, hängt wohl mit der Quellenlage zusammen, die besonders für die Frühzeit äußerst dürftig ist und sich erst im 13. Jh. allmählich bessert. Die ältesten Urkunden dürften bereits beim Brand von 1032 vernichtet worden sein - so etwa auch die ursprüngliche Fassung des Diploms Ludwigs des Frommen von 819 (BM2 695). Aus der Zeit davor ist nur eine Urkunde aus dem Stiftsarchiv erhalten: DO. III. 313 (der Bearbeiter zitiert hier wie auch bei weiteren Diplomen nur nach dem Wirtembergischen UB). Über die Gründungsausstattung sind nur Mutmaßungen möglich. Ludwig der Deutsche übergab das Kloster seiner Tochter Irmingard (DLD. 81), die als Äbtissin von Frauenchiemsee die Leitung beibehielt. Die Reihe der Äbtissinnen ist erst ab 1223 lückenlos belegt, im übrigen ist die weitere Geschichte des Stifts nur phasenweise von Auseinandersetzungen mit der Stadt, den Reichsinstitutionen, dem schwäbischen Grafenkollegium und dem Bischof von Konstanz gekennzeichnet. Einen ersten Überblick über den Stiftsbesitz erhalten wir in der zweiten Hälfte des 15. Jh., aus der die ersten Urbare stammen. Das kulturelle Leben des Stifts war eher bescheiden, eine bedeutende Bibliothek ist nicht überliefert. Immerhin besaß Buchau wahrscheinlich auch eine Turonische Bibel, von der heute nur mehr Fragmente erhalten sind.

Alfred Gawlik


[427], S. 365

Alois Niederstätter, Alamannen, Romanen, Ostgoten und Franken in der Bodenseeregion. Forschungsstand und neue Überlegungen zur ältesten Vorarlberger Landesgeschichte, Montfort 49 (1997) S. 207-224, gibt einen knappen Überblick zum 3. bis 8. Jh. aufgrund schriftlicher und archäologischer Quellen.

Herwig Weigl {365}


[428], S. 365

Karl Heinz Burmeister, Die Grafen von Montfort. Geschichte, Recht, Kultur. Festgabe zum 60. Geburtstag, hg. von Alois Niederstätter (Forschungen zur Geschichte Vorarlbergs N. F. 2) Konstanz 1996, Universitätsverlag, 351 S., Abb., ISBN 3-87940-560-3, DEM 68.  --  Nachdem Graf Hugo aus dem Geschlecht der Pfalzgrafen von Tübingen nach 1200 in Vorarlberg eine Burg errichtet {366} hatte, die er Montfort nannte, ging der Name auf das ganze Geschlecht über. Insgesamt 26 zwischen 1980 und 1996 entstandene Studien von B. über die "Montforter" sind in der vorliegenden Festschrift vereinigt, darunter zwei hier erstmals publizierte: Die Grafen von Montfort und ihr Kampf und die Stadtherrschaft von Wangen (S. 59-70) und: Die Gräfinnen von Montfort und von Werdenberg im 13. Jahrhundert (S. 85-101). Mehrere Stammtafeln, ein ausführliches Register und ein Schriftenverzeichnis des Geehrten runden den Band ab.

Martina Stratmann


[429], S. 366

Angela Kulenkampff, Die Grafen von Montfort-Rothenfels und Montfort-Tettnang und ihr Kampf um ihre verbrieften Rechte 1453-1521, Montfort 49 (1997) S. 99-113, zeigt anhand der Prozesse der Grafen gegen die Truchsessen von Waldburg, die Landvögte von Schwaben und das Innsbrucker Regiment um Pfandschaft, Lehen und Besteuerung durch das Reich den durch die Habsburger ausgeübten Druck.

Herwig Weigl {366}


[430], S. 366

Herwig Wolfram, Wortbruch I. Nachträge zu "Salzburg, Bayern, Österreich", MIÖG 105 (1997) S. 467-471, ergänzt sein DA 53, 231 angezeigtes Buch um eine Miszelle über den Quellenwert des Briefes Theotmars von Salzburg (hg. von F. Losek, MGH Studien und Texte 15, 1997, S. 138 ff.) für das frühe Auftreten von Ungarn an der Seite der Mährer sowie um einen Hinweis auf den Gebrauch des Bayernnamens als sorbische Fremdbezeichnung der Deutschen.

Rudolf Schieffer


[431], S. 366

Johann Schmuck, Ludwig der Bayer und die Reichsstadt Regensburg. Der Kampf um die Stadtherrschaft im späten Mittelalter (Regensburger Studien und Quellen zur Kulturgeschichte 4) Regensburg 1997, Universitätsverlag, 424 S., Abb., ISBN 3-930480-07-7, DEM 139.  --  Im Unterschied zu anderen Reichsstädten stand Ludwig der Bayer der Freien Reichsstadt Regensburg nicht nur als König bzw. Kaiser, sondern auch als bayerischer Herzog gegenüber und hatte in dieser Funktion sogar mehr Rechte und Einkünfte in bzw. von der Stadt. Gleichwohl wurde Ludwigs Verhältnis zu Regensburg in der Literatur über seine Beziehungen zu den Reichsstädten bisher noch nicht eingehend behandelt. S. geht von den politischen Bedingungen im Raum Regensburg aus, wobei neben den herzoglichen Rechten in der Stadt selbst vor allem die wittelsbachische Dominanz in der Umgebung eine große Rolle spielte; sie engte den Handlungsspielraum der Stadt erheblich ein. So geriet die Stadt in eine prekäre Lage, als sich Ludwig der Bayer mit den aus der Stadt vertriebenen Auern verbündete, die einen "äußeren Bürgerverband" mit dem Ziel der Unterwerfung der Stadt konstituierten. Mitglieder der Familie Auer, Vertreter des aus der hochstiftischen Ministerialität erwachsenen städtischen Adels, hatten seit 1330 versucht, zusammen mit den mächtigsten Vertretern der Münzerhausgenossen, den Gumprecht, die politischen und wirtschaftlichen Privilegien dieser Gruppen zu restaurieren und ein dauerhaftes Stadtregiment zu errichten; das hatte zu innerstädtischen Auseinandersetzungen mit den Kaufleuten geführt. Ludwig der Bayer stand durch seine Parteinahme seit 1334, offiziell seit 1337 gegen die Stadt, die deswegen um ihre Privilegien fürchtete. {367} S. behandelt die Beziehungen des Kaisers zur Stadt sehr systematisch und gründlich in drei Kapiteln, einmal thematisch (Privilegien, Kammerknechte, Aufenthalte, Finanzbeziehungen), dann chronologisch (mit dem Schwerpunkt auf den Auseinandersetzungen zwischen 1334 und 1344) und schließlich in ihrer Verflechtung mit den Beziehungen Regensburgs bzw. Ludwigs zu anderen politischen Mächten wie Ludwigs Bruder, seinen niederbayerischen Neffen, dem Regensburger Bischof und kirchlichen Institutionen in der Stadt sowie den Habsburgern und den Luxemburgern. Spätestens in diesem letzten Kapitel stoßen dem Leser allzuviele Wiederholungen ganzer Passagen auf (vgl. z. B. S. 227 und 295); selbst bekannte Fakten werden immer wieder wiederholt. Dieses letzte Kapitel verdeutlicht aber auch, wie sehr die Stadt aufgrund ihrer Lage jede einseitige politische Stellungnahme zu vermeiden suchen mußte.  --  Im Anhang gibt der Autor eine Beschreibung und Teiledition des zweiten Bandes einer Hs. des Regensburgers Elias Eppinger aus dem ersten Viertel des 17. Jh., die nicht zuletzt aufgrund von unterschiedlichen Benennungen durch spätere Historiker als verschollen galt. Des weiteren ist eine Liste der Aufenthalte Ludwigs des Bayern in Regensburg beigegeben, die einige Ergänzungen gegenüber dem (unveröffentlichten, aber S. zugänglichen) Itinerar Ludwigs des Bayern von Martin Berg anbringt. Ein ausführliches Register beschließt diese Regensburger Diss.

Gertrud Thoma {367}


[432], S. 367

Der Pfälzer Löwe in Bayern. Zur Geschichte der Oberpfalz, hg. von Hans-Jürgen Becker (Schriftenreihe der Universität Regensburg Bd. 24) Regensburg 1997, Universitätsverlag, 223 S., Abb., ISBN 3-930480-42-5, DEM 39,80.  --  Aus einer im Sommersemester 1996 an der Universität Regensburg veranstalteten Ringvorlesung ist der vorliegende Sammelband hervorgegangen. Die für den Berichtszeitraum dieser Zs. einschlägigen Beiträge sind: Eberhard Dünninger, Die Klosterbibliotheken der Oberpfalz im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit (S. 25-36), ist ein knapper Überblick.  --  Franz Fuchs, Dörflicher Alltag in der Hussitenzeit. Aus den Aufzeichnungen eines Oberpfälzer Landpfarrers (S. 37-55), behandelt das bislang meist übersehene Tagebuch des Paul Gössel aus Gebenbach bei Amberg von 1419 bis 1437 (München, Bayer. Haupstaatsarchiv, Klosterliterale Prüfening 32), das wertvolle Einblicke gewährt nicht nur in die Einnahmequellen eines solchen Pfarrers, sondern auch in das Inventar des Pfarrhaushaltes sowie seine Beziehungen zu den Kirchenbediensteten wie Mesner, Pfarrhaushälterin etc. und zur Gemeinde. Ein Edition dieses Tagebuches hält F. für ein dringendes Desiderat.  --  Christine Reinle, "Id tempus solum". Der Lebensentwurf Herzog Johanns von Mosbach-Neumarkt († 1486) im Spannungsfeld von dynastischem Denken, kirchlicher Karriere und gelehrten Interessen (S. 157-199), bietet ein aufschlußreiches Portrait dieses quellenmäßig gut faßbaren, aber bislang nicht portraitierten nachgeborenen Sohnes aus der Nebenlinie des Hauses Wittelsbach, der zeitweise sogar Anwärter auf das Bistum Brixen als Nachfolger des Cusanus war, was jedoch von dem mit den Wittelsbachern verfeindeten Friedrich III. vereitelt wurde. Johann sammelte stattdessen mehrere andere Pfründen und verstarb auf einer Reise ins Heilige Land. Kein geringerer als Johannes Geiler von Kaysersberg hielt die Leichenrede auf den als Dompropst von Straßburg Verstorbenen.

Martina Stratmann


{368}

[433], S. 368

Wolfgang Wagner, Prosopographie des Passauer Domkapitels bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, Ostbairische Grenzmarken 37 (1995) S. 25-79, stellt sorgfältig das Quellenmaterial über 288 namentlich bekannte Domherren der Zeit von 1000 bis 1250 zusammen und hebt davon 36 weitere Namen aus früherer Literatur ab, die bloß auf Urkundenfälschungen oder Irrtümern beruhen.

Rudolf Schieffer


[434], S. 368

Johann Englberger, Bischof Rüdiger von Passau (1233-1250) und die Schulden seines Vorgängers Gebhard (1221/22-1232) bei italienischen Kaufleuten, Ostbairische Grenzmarken 38 (1996) S. 19-24, dokumentiert die Beilegung der Schuldenkrise mit Hilfe Kaiser Friedrichs II. (1237/38) durch drei im Anhang abgedruckte Schriftstücke: BFW 14841, einen Brief des Propstes Ulrich von St. Nikola in Passau vom 1.8.1238 sowie ein Mahnschreiben Innozenz' IV. von 1252 (Berger, Registres 3 Nr. 5571).

Rudolf Schieffer


[435], S. 368

Martin Bitschnau und Irmtraut Heitmeier, Gebrichesrivt - Reith bei Kitzbühel. Besitz- und siedlungsgeschichtliche Untersuchung eines nicht erkannten Berchtesgadener Frühbesitzes, Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 137 (1997) S. 113-129, ordnen Schenkung und Besitz in die bayerische Adelslandschaft des 12. Jh. ein.

Herwig Weigl {368}


[436], S. 368

Thomas Ertl, Die Geschichte Innsbrucks von 1180 bis 1239, dargestellt anhand der überlieferten Urkunden, Tiroler Heimat 61 (1997) S. 35-75, diskutiert Überlieferung, Echtheit und Rechtsinhalt der Urkunden der Grafen von Andechs(-Meranien) und Herzog Ludwigs von Bayern für das Stift Wilten, die dessen Verhältnis zur benachbarten Siedlung betreffen und erste Auskünfte über deren Entwicklung zur Stadt geben, und ediert die fünf Stücke kritisch.

Herwig Weigl {368}


[437], S. 368

Wilhelm Baum, Ein Verzeichnis der Tiroler Landesfürsten und der habsburgischen Städte aus Chur (1379/86), Tiroler Heimat 61 (1997) S. 101-111, vergleicht die hier gedruckte Liste aus einem Churer Lehenbuch mit jener bei Goswin von Marienberg, von deren Zuverlässigkeit Baum nicht ganz überzeugt ist.

Herwig Weigl {368}


[438], S. 368

Erika Kustatscher, Die Deutschordenspfarre Sarnthein (Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens 54) Marburg 1996, Elwert u. a., XI u. 750 S., Abb., ISBN 3-7708-1075-9 bzw. 88-7073-225-8, DEM 78.  --  Daß die Vf. dieses Wälzers Sätze wagt wie "Es würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen ..." (S. 209), ist erstaunlich; und es bleibt fraglich, ob durch die weitschweifige Darstellung innerhalb der dem gesamten Orden gewidmeten Reihe die Pfarre Sarnthein in Südtirol nicht einen Stellenwert erhält, der ihr historisch nicht zukommt. Die Darlegungen zum "Erkenntnisinteresse" (S. 21-23) verschleiern diese Übergewichtung: "Wenn sich Kirchengeschichte auf die Ebene des Menschen begeben soll, muß in Zusammenhang mit ihr ... die Pastoraltheologie als jene sie vertiefende Nachbardisziplin besondere Berücksichtigung finden, die nicht nur nach dem Kirchenregiment, sondern auch nach dem Kirchendienst fragt" (S. 22). Es steht dem Rezensenten nicht an, zu beurteilen, ob das Werk diesem Anspruch gerecht wird; in jedem Fall führen sie dazu, daß es für den {369} Historiker kaum von Wert ist. Die eigentliche Geschichte der Pfarre wird auf den Seiten 51-57 skizziert, die restlichen 740 Seiten sind verschiedenen Seitenaspekten gewidmet, zumeist mit neuzeitlicher Thematik.

Arno Mentzel-Reuters


[439], S. 369

Gustav Pfeifer, Nobilis vir dominus Heinricus de Liechtenstain. Spätmittelalterlicher Niederadel im Spannungsfeld zwischen Trient, Tirol und Brixen, MIÖG 105 (1997) S. 416-440, rückt Heinrich (IV.) von Liechtenstein (vor 1330-1395) in den Mittelpunkt einer exemplarischen Studie über den sozialen und politischen Aufstieg ministerialischer Geschlechter im 14. Jh.

Rudolf Schieffer


[440], S. 369

Christoph Sonnlechner, Das Niederkirchenwesen in den Göttweiger Traditionsbüchern und Urkunden (11./12. Jahrhundert), Unsere Heimat 68 (1997) S. 182-226, gibt einen knappen Überblick über die Verhältnisse im Bistum Passau, verzeichnet katalogartig zu 13 meist niederösterreichischen Kirchen die Quellenbelege - darunter wiederholt das Privileg Heinrichs V. von 1108 für Göttweig - und diskutiert das organisatorische und personelle Umfeld und diplomatische Probleme.

Herwig Weigl {369}


[441], S. 369

Fritz Mayrhofer, Zu Beziehungen zwischen Wien und Linz im 14. Jahrhundert, Jb. des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 52/53 (1996/1997) S. 229-247, geht den personellen Verflechtungen zwischen den beiden Donaustädten nach und kann vor allem landesfürstliche und städtische Amtsträger und Financiers aus den mobilen städtischen Oberschichten fassen.

Herwig Weigl {369}


[442], S. 369

Karl Brunner, Die biederen Leute der Neuen Burg. Die Familia von Herzog und Kloster im 12. und 13. Jahrhundert, Jb. des Stiftes Klosterneuburg N.F. 16 (1997) S. 13-22, untersucht die Belege des Klosterneuburger Traditionsbuchs für die kleineren Funktionäre am landesfürstlichen Hof, die Handwerker, Bauleute, Händler und andere Vertreter einer "Mittelschicht".

Herwig Weigl {369}


[443], S. 369

Werner Maleczek, Die Steiermark. Phasen der Landeswerdung im Hochmittelalter, Österreich in Geschichte und Literatur 41 (1997) S. 81-103, orientiert knapp über den Gegenstand und betont die Bedeutung des ministerialischen Adels für das Land.

Herwig Weigl {369}


[444], S. 369

Mediaevalia historica Bohemica 4 (1995), Praha 1997, Historicky ústav AV CR, 423 S., ISSN 0862-979X.  --  Der neueste Bd. des Jb. enthält folgende Beiträge: Walter K. Hanak, The Great Moravian Empire: An Argument for a Northern Location (S. 7-24), kennt noch nicht die Arbeiten von Eggers (vgl. DA 52, 275 und oben S. 301).  --  Zdenek Petrán, K otazník%*um okolo záhadné knezny Adivy [mit Zusammenfassung: Zu den Fragen um die rätselhafte Fürstin Adiva] (S. 25-45), erforscht aufgrund der numismatischen Belege die Premysliden-Frauen des 10. Jh.  --  Michal Dragoun, Den vsední, den svátecní a politika premyslovskych Cech [mit Zusammenfassung: Alltag, Festtag und Politik des Premyslidischen Böhmens] (S. 47-67).  --  Zdenek Dragoun, Konflikt knízete Sobeslava s {370} biskupem Menhartem a jeho lícení tzv. Kanovníkem vysehradskym [mit Zusammenfassung: Der Konflikt Fürst Sobeslavs I. mit dem Prager Bischof Menhart und die Schilderung dieser Auseinandersetzung durch den sog. Vysehrader Kanonikus] (S. 69-79).  --  Tomás Velímsky, K problematice rané kolonizace 12. století v Ceském stredohorí a vzniku feudální pozemkové drzby [mit Zusammenfassung: Zur Problematik der frühen Kolonisation des 12. Jh. im Böhmischen Mittelgebirge und zur Entstehung des feudalen Grundbesitzes] (S. 81-123, mit 12 Kartogrammen).  --  Katerina Charvátová, Ve stopách svatého Bernarda z Clairvaux? Nejstarsí cisterciácká ekonomika, Francie a Cechy [mit Zusammenfassung: Auf den Spuren des hl. Bernhard von Clairvaux? Die älteste Zisterzienserwirtschaft, Frankreich und Böhmen] (S. 125-145).  --  Norbert Kersken, Mittelalterliche Nationalgeschichtsschreibung im östlichen Mitteleuropa (S. 147-170).  --  JiSpevácek, Devotio moderna, Cechy a roudnická reforma. K úsilí o zmenu mentalit v období rostoucí krize morálních hodnot [mit Zusammenfassung: Devotio moderna, Böhmen und die Raudnitzer Reform. Das Streben nach Mentalitätsveränderung in der Zeit der wachsenden Krise der moralischen Werte] (S. 171-197).  --  Jaroslav V. Polc, Proc nebyl arcibiskup Jan z Jenstejna svrzen do Vltavy [mit Zusammenfassung: Warum Erzbischof Johann von Jenstein nicht in die Moldau gestürzt wurde] (S. 199-220), benutzt und ediert z. T. mehrere bisher ungedruckte Belege aus Hss., vornehmlich aus dem Jenstein-Kodex in der Vatikanischen Bibliothek.  --  Jaroslav Kolár, Cesky Zivot sv. Alzbety Durynské a Tomás ze Stítného [mit Zusammenfassung: Das tschechische Leben der hl. Elisabeth von Thüringen und Thomas von Stítné] (S. 221-232).  --  Harald Kleinschmidt, Logistik im städtischen Militärwesen des späten Mittelalters. Dargestellt an Beispielen aus süddeutschen Städten im Vergleich mit dem Ordensland Preußen (S. 233-263).  --  Thomas Krzenck, Prager und Pilsener Frauentestamente der Hussitenzeit im Vergleich (S. 265-278) - Jaroslav Boubín, Traktát Petra Chelcického o trestu smrti [mit Zusammenfassung: Der Traktat des Peter Chelcicky über die Todesstrafe] (S. 279-304), ediert erstmals jetzt den verschollenen Traktat aus einer Abschrift.

Ivan Hlavácek {370}


[445], S. 370

Pavel Vlcek - Petr Sommer - Dusan Foltyn (Hgg.), Encyklopedie ceskych kláster%*u [Enzyklopädie der böhmischen Klöster], Praha 1997, Libri, 782 S., zahlreiche Karten, ISBN 80-85983-17-6.  --  In der Flut der Werke zur KG der böhmischen Länder ragt dieses Werk heraus. Nach den allgemein orientierenden Passagen liegt das Hauptgewicht auf den alphabetisch geordneten Einzelorten der Konvente (S. 169-709) unter der heutigen Bezeichnung (Strahov z. B. unter Prag, Podlazice unter Chrast usw.). Häufigere Querverweise wären dabei wünschenswert gewesen. Ausdrücklich sei darauf aufmerksam gemacht, daß nicht die alte Diözese Prag, sondern die Grenzen des heutigen Staates zugrunde liegen (es fehlen deshalb Glatz, Oybin, nicht jedoch die Klöster des "Restegerlandes"). Für eine eventuelle zweite Aufl. wäre zu empfehlen, in die Überschriften die historisch relevanten lateinischen und deutschen Bezeichnungen aufzunehmen. Der Band mit den mährischen bzw. mährisch-schlesischen Klöstern soll folgen.

Ivan Hlavácek {370}


[446], S. 370

Dusan Trestík, Pocátky Premyslovc%*u. Vstup Cech%*u do dejin (530-935), Praha 1997, Lidové noviny, 658 S., zahlreiche Abb., ISBN 80-7106-138-7.  --  Der {371} Vf., schon öfters mit unkonventionellen Ansichten hervorgetreten, begreift die Entstehungsgeschichte des böhmischen Staates eigentlich als Familiengeschichte Boriwojs und Ludmillas und ihrer Söhne bzw. Neffen (vgl. S. 7). Vorangestellt wird dem Ganzen eine ebenso unkonventionelle "Vorgeschichte" der Landnahme und böhmischen Stammesgeschichte, allerdings ohne auf die Diskussion um die Arbeit von M. Eggers (vgl. DA 52, 275) einzugehen. Über 50 Seiten Bibliographie und ein ausführliches Register schließen die gewaltige Arbeit ab. Als Anhang sind zwei frühere Aufsätze des Vf. nachgedruckt (vgl. DA 41, 626 und 42, 348).

Ivan Hlavácek {371}


[447], S. 371

Josef Zemlicka, Cechy v dobe knízecí (1034-1198), Praha 1997, Lidové noviny, 647 S., zahlreiche Abb., ISBN 80-7106-196-4.  --  Fast direkt an Trestík (siehe obige Anzeige) anschließend, behandelt Z. in ausgewogener Berücksichtigung aller Aspekte die Entfaltung des böhmisch-mährischen Staats. Auch die Beziehungen nach außen kommen in den Blick. Die üppigen Anmerkungen sind leider als Endnoten gedruckt. Das Register wird als Auswahlregister deklariert.

Ivan Hlavácek {371}


[448], S. 371

Bohumil Badura, Styky mezi Ceskym královstvím a Spanelskem ve stredoveku [Die Beziehungen zwischen dem Königreich Böhmen und Spanien im MA], Táborsky archiv 7 (1995) S. 5-87.  --  Ein augenscheinlich exotisches Thema hat doch viel Material zutage gefördert: Zunächst zerstreute Einzelheiten aus der späteren Premyslidenzeit (Pilgerfahrten nach Compostella, Premysl II. war darüber hinaus über seine Gattin ein Vetter Alfons' X.) dann für das Zeitalter der Luxemburger, der hussitischen Revolution sowie des endenden 15. Jh. zahlreiche Nachrichten. Meist handelt es sich um die Reisen der böhmischen Adeligen ins aragonesische Königreich und umgekehrt der aragonesischen Ritter nach Böhmen im Zeitalter Wenzels (IV.). Den Text begleiten 29 Quellenbeilagen (vornehmlich Fürbittschreiben bzw. Geleitbriefe), meist nicht nur ungedruckt, sondern direkt unbekannt, vornehmlich aus dem Aragonesischen Kronarchiv in Barcelona. Profiliert wird die Zeit der beiden Reformkonzilien in Konstanz und Basel besprochen.

Ivan Hlavácek {371}


[449], S. 371

Frantisek Smahel, Die königlichen Feste im mittelalterlichen Böhmen, Bohemia 37 (1996) S. 271-290.  --  Es handelt sich um die ausführlichere Version des bei der 26. Settimana di Studi von Prato, 1995, publizierten Beitrages. Da das Material der Premyslidenzeit ziemlich bescheiden ist, konzentriert sich der Vf. auf die luxemburgische und nachhussitische Zeit und weist auf fremde, vornehmlich deutsche, jedoch in der luxemburgischen Epoche zunehmend auch französische und in der jagellonischen auch polnische Einflüsse hin. Die öffentlichen Feste wie Königswahlen und Krönungen, Belehnungen und Lehnseide, Gesandtschaftenempfänge und Königsbesuche unterwegs werden den privaten gegenübergestellt.

Ivan Hlavácek {371}


[450], S. 371

Libor Jan, Moravstí podkomorí v dobe Václava II. [mit Zusammenfassung: Mährische Unterkämmerer in der Zeit von Wenzel II.], Cesky casopis historicky 95 (1997) S. 315-348, sichtet die Reihe der manchmal auch als Kämmerer bezeichneten {372} königlichen Beamten unter Einbezug schon der Vorgeschichte unter Premysl II. auf den Hintergrund der sich stürmisch entwickelnden königlichen Städte in Mähren.

Ivan Hlavácek {372}


[451], S. 372

Milena Borská-Urbánková, Sociální a majetková struktura mestskych rad v Ceskych Budejovicích v dobe predhusitské a husitské [mit Zusammenfassung: Sozial- und Eigentumsstruktur der Räte der Stadt Ceské Budejovice in der vorhussitischen und hussitischen Zeit], in: Bedrich Mendl profesor hospodárskych dejin Univerzity Karlovy 1892-1992, red. Jaroslav Pátek (Velké osobnosti filozofické fakulty Univerzity Karlovy 7) Praha 1997, S. 107-143.  --  Durch die mühsame Rekonstruktion der fast lückenlosen Reihe der Ratsmitglieder der südböhmischen Stadt Budweis aus den Jahren 1332-1436 versucht die Vf. die wirtschaftliche Potenz und soziale Stellung der einzelnen Familien festzustellen, was nur dank der außerordentlichen Fülle der Quellen möglich war. Sie stellt die wachsende Beteiligung der Handwerker und des tschechischen Elementes fest.

Ivan Hlavácek {372}


[452], S. 372

Zena v dejinách Prahy [Die Frau in der Geschichte Prags]. Sborník príspevk%*u z konference Archivu hl. m. Prahy a Nadace pro Gender studies 1993 (Documenta Pragensia 13) Praha 1996, Scriptorium, 436 S., ISSN 0231-7443.  --  Im Tagungsband eines 1993 veranstalteten und thematisch bis in die Gegenwart reichenden Kongresses finden sich auch interessante mediävistische Beiträge: Rostislav Novy, Zenské reholní a laické komunity v predhusitské Praze [Weibliche Regular- und laikale Kommunitäten im vorhussitischen Prag] (S. 41-46).  --  Hana Pátková, Zeny ve stredovekych berních rejstrících [Frauen in den ma. Steuerregistern] (S. 47-55), behandelt das Steuerregister der Prager Altstadt von 1429.  --  Bozena Kopicková, Manzelské spory zen v pozdním stredoveku v protokolech ústredních církevních úrad%*u v Praze [Ehestreitigkeiten der Frauen im späten MA in den Protokollen der kirchlichen zentralen Behörden in Prag] (S. 57-65), Noemi Rejchrtová, K specifiku "zenské otázky" v husitství [Zur Spezifik der "Frauenfrage im Hussitentum"] (S. 67 f.) und Thomas Krzenck, Prager Frauentestamente des 15. Jahrhunderts (S. 69-79).

Ivan Hlavácek {372}


[453], S. 372

Miroslav Richter - Vít Vokolek, Hradec Králové. Slovanské hradiste a pocátky stredovekého mesta [Königgrätz. Slawischer Burgwall und Anfänge der ma. Stadt], Hradec Králové u. a. 1995, Muzeum vychodních Cech - Archeologicky üstav Akademie ved CR, 147 S., 151 Taf., ISBN 80-85031-14-0.  --  Das archäologische Werk bietet wichtige Informationen zur Vorgeschichte und Genesis dieser (ost)böhmischen Stadt des Spät-MA.

Ivan Hlavácek {372}


[454], S. 372

Matthias Springer, Sage und Geschichte um das alte Sachsen, Westfälische Zs. 146 (1996) S. 193-214, stellt in diesem Vortrag die Frage, "welches Gebiet auf dem europäischen Festland im Altertum und im Frühmittelalter als Sachsen gegolten hat" (S. 194). Der Vf. geht auch auf die Kontroverse zwischen Karl Hauck und Richard Drögereit ein und gelangt zu dem Ergebnis: "Sachsen als {373} politisches Gebilde (nicht als Landschaftsbezeichnung) dürfte eine Schöpfung der Karolinger und - in anderer Gestalt - der Ottonen sein" (S. 214).

Goswin Spreckelmeyer {373}


[455], S. 373

Gerhard E. Sollbach, Der Oberhof Schöpplenberg der Abtei Werden an der Ruhr, Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark 87 (1996) S. 299-328, erörtert die Geschichte des um 1050 erstmals erwähnten Hofes Scubilinbura, der heute noch als bäuerlicher Betrieb besteht, gelegen auf dem Gebiet der Stadt Breckerfeld (südlich von Hagen). 1803 wurde der Hof Schöpplenberg als Zubehör der Abtei Werden säkularisiert.

Goswin Spreckelmeyer {373}


[456], S. 373

Thomas Schilp, Königtum und Stadt: Die Dortmunder Bürgergemeinde im Jahrhundert der staufischen Königsherrschaft, Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark 87 (1996) S. 33-78, veröffentlicht an dieser Stelle "für die ortsbezogene Forschung in Dortmund" (S. 33 Anm. 1) eine wesentlich gekürzte Fassung seines DA 53, 776 angezeigten Aufsatzes.

Goswin Spreckelmeyer {373}


[457], S. 373

Marga Koske, Der Hinderking. Beispiel für eine Neubruchsiedlung im Weichbild der Stadt Soest (mit 1 Abb.), Soester Zs. 107 (1995) S. 39-50, erörtert die Geschichte von Bifang und Motte Hinderking von den Anfängen im 10./11. Jh. bis heute.

Goswin Spreckelmeyer {373}


[458], S. 373

Dieter Lammers, Vorbericht über die Ausgrabungen auf dem Gelände des ehemaligen Dominikanerinnenklosters Paradiese, Soester Zs. 107 (1995) S. 9-14, berichtet über erste Ergebnisse von Rettungsgrabungen auf dem Gelände dieses 3 km westlich von Soest gelegenen Klosters; vgl. DA 7, 742.

Goswin Spreckelmeyer {373}


[459], S. 373

Heiko Droste, Der Nibelungen Tod in Soest. Eine Erzählung über die Soester Vergangenheit und Gegenwart, Soester Zs. 107 (1995) S. 15-38, setzt sich kritisch mit der Methode und den Ergebnissen von Heinz Ritter (vgl. DA 43, 346 u. 715) auseinander. Sein Fazit: "Ritter bringt seine Wahrheit schon mit, wenn er sich an die Interpretation der Texte begibt" (S. 30).

Goswin Spreckelmeyer {373}


[460], S. 373

Peter Even, Die Inkorporation von Frauenklöstern in den Zisterzienserorden unter besonderer Berücksichtigung des Klosters Wormeln, Westfälische Zs. 147 (1997) S. 291-297, weist nach, daß das 1246 gegründete Kloster Wormeln bei Warburg im MA nicht in den Zisterzienserorden inkorporiert gewesen ist.

Goswin Spreckelmeyer {373}


[461], S. 373

Peter Müller, Bettelorden und Stadtgemeinde in Hildesheim im Mittelalter (Quellen und Studien zur Geschichte des Bistums Hildesheim 2) Hannover 1994, Hahnsche Buchhandlung, 472 S., 15 Abb., Tabellen, ISBN 3-7752-5523-0, DEM 88.  --  Diese von H. Boockmann betreute Göttinger Diss. befaßt sich mit dem Wirken der Dominikaner und Franziskaner in Hildesheim bis zur relativ {374} späten Einführung der Reformation 1542. Die außerordentlich gute Quellenlage erlaubt es dem Vf., eine breit angelegte Untersuchung über das Verhältnis der Mendikanten zur Stadtgemeinde von den Anfängen der beiden Konvente bis zu deren Niedergang vorzulegen, wozu er noch auf die Terminei der Augustiner Eremiten aus Einbeck in Hildesheim zu sprechen kommt, die seit 1388 bezeugt ist. Auch in diesem Gebiet zeigt es sich wieder, daß die ersten Niederlassungen der beiden Bettelorden in bescheidenem Rahmen zu denken sind, bald jedoch, seit der Mitte des 13. Jh., die ersten Konvente aufblühten und urkundlich faßbar sind. Schon 1233 wurde das Haus der Predigerbrüder in Hildesheim vom Generalkapitel des Ordens als Konvent angenommen, einer der ältesten in Mitteleuropa. Später gelang es den Minderen Brüdern, in der Stadt seßhaft zu werden (1253). Geschenkt bekamen beide Orden ihren Baugrund, wobei fortifikatorische Überlegungen beim Rat der Stadt sicherlich eine Rolle spielten, besonders in Hinsicht auf die Befestigung. Eingebunden waren beide Niederlassungen natürlich in den Gesamtorden bzw. in die zuständigen Provinzen. Die Minoriten gehörten der Sächsischen Provinz an, die Dominikaner wurden zunächst der Ordensprovinz Teutonia angeschlossen, seit spätestens 1303 findet man sie in der Saxonia als achtes Haus. Neben dem Kapitel über die wissenschaftliche Ausbildung der Mendikanten nehmen die Abschnitte über ihre Seelsorge einen zentralen Platz ein; auch in Hildesheim brachte sie diese Tätigkeit zuweilen in Konflikt mit dem Weltklerus. Eine genauere Analyse hat aber ergeben, daß z. B. die ihnen großzügig zugedachten Stiftungen mit den Vergabungen an die zuständigen Pfarrkirchen nicht wirklich konkurrieren konnten. Mit der zunehmenden Bindung an die Stadt konnte das ursprüngliche Armutsideal der Bettelorden nicht aufrechterhalten werden. Mit Zunahme der Stiftungen stiegen die Einnahmen der Konvente, im 14. und 15. Jh. sank aber die Anziehungskraft der mendikantischen Ideale. Längst waren die Konvente weitgehend in die Stadtgemeinde integriert: sie wurden regelmäßig für öffentlich-rechtliche und privatrechtliche Abmachungen genutzt und vom Rat häufig als Versammlungsorte zu repräsentativen Zwecken ausersehen. Ihre Attraktivität verloren sie mit dem Aufkommen neuer Ideen, die sie in der Regel nicht mitvollzogen. Der Übertritt aller Hildesheimer Dominikaner zum Luthertum dürfte eine Ausnahme gewesen sein.  --  Der Autor bietet im Anhang biographische Tabellen zu den Hildesheimer Franziskanern und Dominikanern sowie Listen über die Vergabungen an die beiden Konvente. Zuletzt erhalten wir noch Auskunft über Renten, Zinse und das Immobiliengeschäft der Mendikanten. Ein Register der Orts- und Personennamen beschließt den verdienstvollen Band.

Herta Hageneder {374}


[462], S. 374

Brigide Schwarz, Die Stiftskirche St. Galli in Hannover, Teil 2, Niedersächsisches Jb. für LG 69 (1997) S. 185-227, beleuchtet in der zweiten Hälfte ihres Aufsatzes (zu Teil 1 siehe DA 53, 354) die aufwendige Kirchgründung am Gallenhof zum Ruhme der hannoverschen Familie Quirre aus verschiedenen Richtungen: kirchenrechtlich (Ausbau der Kapelle zum "Minderstift" mit Hilfe der Kurie), sozialgeschichtlich (familiäre Verankerung des Stifters, Verwandtschaft und Freundeskreise), liturgisch-zeremoniell (Marienfrömmigkeit), architektonisch (Rekonstruktion des Baukomplexes). Die Studie erschließt in integrierender Sicht vielfältiges Quellenmaterial bis hin zu Sachresten.

Ulrich Schwarz {374}


{375}

[463], S. 375

Kerstin Rahn, Religiöse Bruderschaften in der spätmittelalterlichen Stadt Braunschweig (Braunschweiger Werkstücke, Bd. 91 = Reihe A: Veröffentlichungen aus dem Stadtarchiv und der Stadtbibliothek, Bd. 38) Hannover u. a. 1994, Reichold Verlag, 311 S., 6 Abb., ISBN 3-930459-05-1, DEM 36.  --  Die Bielefelder Diss. wertet vielfach ungedrucktes Material hauptsächlich aus dem Braunschweiger Stadtarchiv aus - ein Unterfangen, das auf besondere Schwierigkeiten stößt, denn aus der Tätigkeit der Bruderschaften direkt erwachsene Quellen sind in dieser Stadt eher selten, so daß Hinweise häufig aus verstreuten Archivalien zusammengesucht werden müssen. Aufgrund der problematischen Quellenlage legt die Arbeit zwei "Zeitschnitte" von 1400-1420 und von 1500-1520 zugrunde. In diesen beiden Jahrzehnten, deren Abstand es ermöglichen soll, Entwicklungen zu erfassen, analysiert die Vf. in einem prosopographischen Ansatz Lebensläufe von Mitgliedern eruierter Bruderschaften, deren soziale Zusammensetzung, topographische Verteilung, Organisationsformen, wirtschaftliche Aktivitäten, religiöse Funktionen, gemeinschaftsbildende Rituale usw., um mit einem Kapitel über die Reaktionen von Bruderschaften in Konfliktsituationen (Papenkrieg, Reformation) abzuschließen. Am ausführlichsten geht sie auf die Bruderschaft St. Matthäi ein, deren Mitglieder für die Jahre 1400-1430 in einem tabellarischen Anhang zusammengestellt werden. Es handelte sich hierbei um eine ausgesprochen "gehobene" Vereinigung, in die gerne potentielle politische Amtsträger eintraten. Insgesamt läßt sich eine erhebliche Zunahme der Bruderschaften in dem untersuchten Zeitraum feststellen, wobei diese zum Teil für benachteiligte Gruppen, wie die Angehörigen nicht gildefähiger Berufe, eine sozial-religiöse Betätigung ermöglichten, zum Teil aber auch unterschiedliche Gesellschaftsschichten zusammenführten und politische Kontakte erleichterten. Fast alle Bruderschaften boten prinzipiell auch für Frauen Betätigungs- und Begegnungsfelder. Das mit rituellen Gastmählern verbundene Memorienwesen ließ die Bruderschaften in der Reformation zur Zielscheibe scharfer Kritik werden. Die Bruderschaften reagierten darauf teils mit Selbstauflösung, teils mit der Formulierung eines neuen Gemeinschaftsideals, in dem die religiöse Komponente in den Hintergrund trat, teils auch (wie der St. Matthäi-Kaland) mit einer "Umfunktionierung" im Sinne der neuen Geistlichkeit. Dem Resümee der Vf., die Bruderschaft sei auch in Braunschweig als "Mikrokosmos" des Lebens der spätma. Stadt zu betrachten (S. 166), ist voll zuzustimmen.

Claudia Märtl


[464], S. 375

Holger Stefan Brünjes, Die Deutschordenskomturei in Bremen. Ein Beitrag zur Geschichte des Ordens in Livland (Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens 53) Marburg 1997, Elwert, XI u. 420 S., zahlreiche Abb., Karten, ISBN 3-7708-1079-1, DEM 64.  --  Das um 1230 eingerichtete Bremer Ordenshaus unterstand dem livländischen Ordenszweig und konnte auf diese Weise in den Handelsbeziehungen der Hansestadt zum Baltikum vermitteln. Der von B. als "Blütezeit" titulierte Zeitabschnitt des 13. und 14. Jh. wird mangels umfangreicherer Quellen rasch abgehandelt (S. 52-69), für das 15. und vor allem 16. Jh. hingegen eine ausführliche Geschichte des Hauses und seiner Komture vorgelegt (S. 70-155). Die "inneren und äußeren Verhältnisse" kommen demgegenüber wieder etwas zu kurz (S. 156-216); ausführlicher diskutiert wird vor allem die Stellung des Hauses zwischen der Stadt Bremen und dem livländischen Meistertum. Besonders hervorgehoben werden sollte das unter der bescheidenen {376} Überschrift "Quellen zur Komtureigeschichte 1204-1597" verborgene UB des Ordenshauses (S. 232-352), wie sich der Band überhaupt durch intensive und genaue Quellenarbeit auszeichnet.

Arno Mentzel-Reuters


[465], S. 376

"In Treue und Hingabe". 800 Jahre Kloster Ebstorf (Schriften zur Uelzener Heimatkunde, Heft 13) Ebstorf 1997, Kloster Ebstorf, 296 S., zahlreiche Abb., ISSN 0941-1666, DEM 38.  --  Die Festschrift entstand zur Feier der ersten urkundlichen Erwähnung des als Chorherrenstift gegründeten, wohl 1217 mit Benediktinerinnen besetzten niedersächsischen Klosters (Abb. der Urkunde von 1197 S. 52). Seit 1560 evangelisches Damenstift, bewahrt es noch weithin den Zustand des 13.-15. Jh.  --  Jerzy Strzelzcyk, Die Ebstorfer Märtyrerlegende und das Slawenproblem (S. 9-15): Spätere, dem 14. Jh. angehörende Fassungen der Legende von beim Kloster beigesetzten, im 9. Jh. im Kampf gegen Heiden gefallenen Märtyrern, haben eine slawenfeindliche Tendenz, die St. in Verbindung bringt mit ethnischen Konflikten im deutsch-slawischen Grenzgebiet.  --  Joachim Homeyer, Heinrich von Bodwede, Albrecht der Bär und die Prämonstratenser (S. 17-40, 2 Abb.), macht wahrscheinlich, daß sächsische Adlige gemeinsam mit Graf Heinrich von Ratzeburg und Bischof Hermann von Verden um 1150 in Ebstorf einen mit Prämonstratensern aus Magdeburg besetzten Konvent gestiftet haben.  --  Michael Scholz, Die Zehnterwerbungen des Klosters Ebstorf im Mittelalter (S. 41-51, 1 Karte).  --  Hartmut Kugler, Die Gräber der Ebstorfer Weltkarte (S. 53-65, 2 Abb.), geht aus von den auf der Karte bei Ebstorf eingezeichneten Märtyrergräbern und will mit Hilfe einer - vom Rezensenten nicht erkennbaren - "Kartengeometrie" nachweisen, daß verehrungswürdige Grabstätten ein strukturbildender Faktor der Weltkarte seien. Zugleich setzt K. den Beginn der Wallfahrt zu den Ebstorfer Gräbern - gegen die gesamte bisherige Forschung - ins 14. Jh. und gewinnt so ein Argument für die von ihm vertretene Spätdatierung der Weltkarte.  --  Marianne Elster, Alexander der Große auf der Ebstorfer Weltkarte (S. 67-80, 1 Abb.): Auf der Weltkarte nimmt Alexander einen herausragenden Platz ein. Die Vf. erklärt und kommentiert eingehend die 17 Abbildungen bzw. Erwähnungen des Herrschers auf der Weltkarte, die meist auf den ma. lateinischen Alexanderroman zurückgehen.  --  Hans Martin Schaller, Die Schrift auf der Ebstorfer Weltkarte (S. 81-95, 4 Abb.), untersucht erstmals eingehend die verschiedenen Schriften auf der Weltkarte und zeigt, daß es sich bei diesen um frühgotische Buch- und Auszeichnungsschriften aus der Zeit etwa zwischen 1210 und 1230 handelt. In einem Anhang weist er nach, daß der in einer Urkunde Ottos von Lüneburg von 1215 (BF 501) als Notar genannte Gervasius identisch ist mit dem 1214-1218 in der Reichskanzlei Ottos IV. tätigen Notar Otto F. Damit wird es noch wahrscheinlicher, daß dieser Notar identisch ist mit dem ab 1223 bezeugten Propst Gervasius von Ebstorf (Selbstanzeige).  --  Armin Wolf, Schöpfungsbild und Herrschaftszeichen. Die Ebstorfer Weltkarte (S. 97-108, 7 Abb., 1 Stammtaf.), legt erneut seine Thesen dar, nach denen die von Gervasius von Tilbury entworfene Weltkarte vor allem ein Bild der Weltschöpfung und für Otto von Lüneburg um 1239 bestimmt war, da die auf der Karte dargestellten deutschen Orte den Residenzen der nächsten Verwandten des Welfen entsprechen. Dem kann man freilich entgegenhalten, daß all diese Verwandtschaftsverhältnisse genauso auch für Kaiser Otto IV. gelten.  --  Helmar Härtel, Die Bibliothek des Klosters Ebstorf am Ausgang des Mittelalters {377} (S. 109-121): Das Kloster besitzt heute noch 51 seiner ma. Codices, von denen zwei noch der ältesten Klosterbibliothek entstammen, die übrigen im 15. Jh. unter dem Einfluß der monastischen Reform entstanden sind. Dementsprechend handelt es sich vorwiegend um Werke zur Einführung der Bursfelder Observanz, für Unterricht, Katechese, Erbauung, Gebet und Andacht, die im Anhang inventarisiert sind.  --  Wolfgang Irtenkauf, Die Ebstorfer Liederhandschrift (S. 123-134): Der Codex VI 17 überliefert 13 geistliche und 4 weltliche, ma. mittelniederdeutsche Lieder und einige liturgische Texte, von Ebstorfer Nonnen bald nach 1542 geschrieben und vom Vf. feinsinnig erläutert.  --  Thomas Vogtherr, Die mittelalterlichen Siegel Ebstorfs (S. 135-148, 17 Abb.), bietet einen sorgfältigen Katalog der 17 noch bekannten Siegel vor allem der Pröpste des Klosters vom Anfang des 13. bis zum Anfang des 16. Jh.  --  Volker Hemmerich, Die Sanierung der ehem. Propstei und des westlichen Langen Schlafhauses des Klosters Ebstorf (S. 149-157, 11 Abb.).  --  Edgar Ring, Der Kuhlenhitter von Ebstorf. Heißluftheizungen in Heideklöstern und in Lüneburg (S. 159-172, 11 Abb.).  --  Thorsten Albrecht, Mittelalterliche und frühneuzeitliche Möbel im Kloster Ebstorf (S. 173-188, 13 Abb.).  --  Eckhard Michael, Die Ausstattung von Kirche und Nonnenchor des Klosters Ebstorf (S. 189-196).  --  Ida-Christine Riggert-Mindermann, Monastisches Leben im Kloster Ebstorf und den anderen Heideklöstern des Spätmittelalters (S. 197-212, 1 Abb.).  --  Heike Uffmann, Die Ebstorfer Klosterreform im Spiegel von Chronistik und Tischlesung (S. 213-234).  --  Peter Ochsenbein, Bildung und Gebet im spätmittelalterlichen Kloster Ebstorf (S. 225-228).  --  Birgit Hahn-Woernle, Der Heilige Mauritius in Ebstorf (S. 229-240, 5 Abb.).  --  Martin Tamcke, Herzog Ernst und die Reformation (S. 241-250).  --  Klaus Götke, Die Wirtschaftsverhältnisse des Klosters Ebstorf im späten Mittelalter (S. 251-262, 1 Abb.).  --  Hanna Dose, Das Leben der Ebstorfer Konventualinnen im 17. Jahrhundert (S. 263-274, 7 Abb.).  --  Wolfgang Brandis, Die Archive der Lüneburger Klöster (S. 275-282, 4 Abb.).  --  Marianne Elster, Die Priorinnen, Dominae und Äbtissinnen des Klosters Ebstorf (S. 283-286).  --  Pröpste und Amtleute in Ebstorf (S. 287-289).  --  Ereignisse und Daten zur Geschichte des Klosters Ebstorf (S. 290-294).

Hans Martin Schaller


[466], S. 377

Recht und Alltag im Hanseraum. Gerhard Theuerkauf zum 60. Geburtstag. Hg. von Silke Urbanski, Christian Lamschus, Jürgen Ellermeyer ("De Sulte", Nr. 4) Lüneburg 1993, Deutsches Salzmuseum, 494 S., ISBN 3-925476-03-2, DEM 49,80.  --  In dieser - äußerlich etwas unansehnlichen - Publikation zu Ehren des langjährigen Hamburger Ordinarius werden folgende ma. Themen behandelt: Norbert Angermann, Zu den rechtlichen Grundlagen des Hansehandels in Pleskau (S. 17-30), weist auf das Fehlen von "hansisch-russischen Vereinbarungen" in Hinsicht auf diese Stadt hin und behandelt die Verträge zwischen Pleskau und Livland bis zum 16. Jh.  --  Beate Binder, Die Miniaturen des Hamburger Stadtrechts von 1497 als Bildquelle zur mittelalterlichen Geschichte (S. 31-40), zeigt anhand der Verwendung dieser Bilder in drei Überblickswerken zur Hanse- und Stadtgeschichte, daß sie hier nur zur Textillustration verwendet werden - entgegen ihrem eigentlichen Aussagewert zur ma. Rechtswirklichkeit.  --  Heidelore Böcker, Die "guten Beziehungen" zum Landesherrn. Handelsrechte zwischen Ostsee und Peene vom 13. bis 16. Jahrhundert (S. 41-70), stellt für diesen  --  auch von Recknitz und Swine begrenzten - Raum fest, daß er von einigen {378} Städten (Stralsund, Greifswald, Anklam, Demmin) zunehmend beherrscht wurde, wodurch andere in dieser Beziehung "zu spät gekommene" Kommunen ausgegrenzt waren und sich die Herrschaft ihrer Stadt- und Landesherren festigte.  --  Evamaria Engel, Aus dem Alltag des Hansehistorikers: Wie viele und warum wendische Städte? (S. 125-143), stellt fest, daß bei der im 15. Jh. unter diesem Namen erfolgten Zusammenfassung der sechs Kommunen Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund, Hamburg und Lüneburg (denen manchmal Greifswald zugerechnet wurde) stark handelspolitische Gründe mitspielten.  --  Herbert Ewe, Die Franziskaner in der mittelalterlichen Ostseestadt Stralsund (S. 145-162), berichtet unter Hinweis auf die Bürgertestamente über das Wirken dieser Ordensbrüder von der Gründung ihres Johannisklosters 1254 an, ihr gutes Verhältnis zu den Stadtbewohnern und das Schicksal des Klostergebäudes, das heute Teil des Stralsunder Stadtarchivs ist.  --  Norbert Fabian, Norditalien, England und die Hanse (S. 163-173), weist auf die gegenseitige Förderung von Handelsentwicklung und frühen Formen einer Industrialisierung bereits zur "klassischen" Hansezeit in Europa hin und geht auf den u. a. von Hansekaufleuten dokumentierten Londoner Aufstand von 1381 ein, der nicht zuletzt einen gesellschaftlichen Umbruch anzeigt.  --  Manfred Gläser, Archäologische Beiträge zur Erforschung des Alltags im mittelalterlichen Lübeck (S. 175-190), gibt einen Überblick über die dortigen Funde, u. a. von Holzbauten, Haushaltsgegenständen, Kleidung, Nahrungsresten und Spielgeräten.  --  Hans-Werner Goetz, Geschichtsschreibung und Recht. Zur rechtlichen Legitimierung des Bremer Erzbistums in der Chronik Adams von Bremen (S. 191-205), zeigt, daß Adam nicht zuletzt insofern tendenziös ist, als das Recht für ihn stets auf seiten seines Erzbistums zu finden war.  --  Anna-Therese Grabkowsky, Abt Arnold von Lübeck (S. 207-231), gibt einen Abriß über dessen Leben und seine Chronik.  --  Hans-Georg Krause, Magdeburger Schöffensprüche für Zerbst (S. 261-300), berichtet über vier zwischen 1419 und 1438 durchgeführte Gerichtsverfahren, in denen solche Sprüche - meist durch den Rat der Stadt Zerbst - eingeholt wurden, aber letztlich doch von geringer Wirkung auf den Ausgang der Prozesse waren.  --  Christian Lamschus, Die Holzversorgung der Lüneburger Saline in Mittelalter und früher Neuzeit (S. 321-333), zeigt auf, daß hierfür im MA besonders die Vorräte in der Nähe der Stadt genutzt wurden, später aber vorrangig Mecklenburg als Importbereich diente.  --  Uta Reinhardt, Stiftersorgen - Das Testament der Elisabeth Stöterogge (1385) (S. 359-384), schildert diese Verfügung einer Angehörigen des Lüneburger Patriziats, die mit ihrem Vermögen einen St.-Annen-Konvent für arme Witwen und Waisen in ihrer wahrscheinlichen Heimatstadt Salzwedel gründete.  --  Hans G. Risch, Die wirtschaftliche Betätigung des holsteinischen Adels im 13. und 14. Jahrhundert (S. 385-410), behandelt zu diesem Thema hauptsächlich die Hofwirtschaft und den Handel (mit Vieh, Holz, Getreide), aber auch den Betrieb von Mühlen und Teichen, die Rodungstätigkeit sowie die Betätigung des Adels in Verwaltung und Krieg.  --  Silke Urbanski, "Der begevenen kinder frunde". Soziale und politische Gründe für das Scheitern eines Reformversuchs am Kloster Harvestehude 1482 (S. 411-428), beschreibt die Handlungsträger und ihre Motive und macht die vom damaligen Hamburger Bürgermeister Hermann Langenbeck so genannten "begevenen kinder frunde" als Reformgegner aus; die Nonnen, die großenteils der Oberschicht entstammten (was durch Listen im Anhang belegt wird), stemmten sich auch selbst gegen die Reform.  --  Horst Wernicke, Hansetag, {379} Recht und städtischer Alltag (S. 429-438), geht u. a. auf die Schiedsspruchtätigkeit der hansischen Tagfahrten ein, die meist im Interesse der klagenden Kaufleute war, welche den Bund als Verbots- und Gebotsgemeinschaft erlebten.  --  Stefan Wulf, Als der Arbeit die Stunde schlug. Anmerkungen zu einer Hamburger Arbeitszeitverordnung aus dem 14. Jahrhundert (S. 463-483), zeigt, daß die Zunftordnung der Hamburger Schmiede von ca. 1375 in ihrer Begrenzung der Arbeitszeit noch weitgehend am "Lichttag" orientiert war, jedoch auch schon auf eine öffentliche Uhr - die erste im norddeutschen Raum? - verweist, auf das Gerät also, das spätestens in der frühen Neuzeit für die Bestimmung der Arbeitszeit maßgeblich wurde.  --  Ein Schriftenverzeichnis des Jubilars ist am Schluß des Bandes beigegeben. Eine bessere Betreuung der Aufsatzsammlung von seiten der Hgg. hätte viele Druckfehler, die Uneinheitlichkeit der Anmerkungen und das geradezu katastrophale Abkürzungsverzeichnis vielleicht vermeiden helfen. Auch die auf einem Beizettel notierte Legion von nachträglichen Korrekturen hätte man sich wohl ersparen können.

Wolfgang Eggert {379}


[467], S. 379

Landesgeschichte als Herausforderung und Programm. Karlheinz Blaschke zum 70. Geburtstag, hg. von Uwe John und Josef Matzerath (Quellen und Forschungen zur sächsischen Geschichte, Bd. 15) Stuttgart 1997, Verlag der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, in Kommission bei Franz Steiner Verlag, XII u. 863 S., ISBN 3-515-07212-8, DEM 148.  --  Der Karlheinz Blaschke zu seinem 70. Geburtstag gewidmete Band wird eingerahmt durch eine Würdigung aus der Feder des Marburger Mediävisten Hans K. Schulze (S. 1-5) und eine Bibliographie des Jubilars (S. 799-831) von Michael Gockel. Unter den 46 Beiträgen sind für den Mittelalterhistoriker 14 von besonderem Interesse: Ernst Eichler, Der Familienname "Blaschke" und sein linguistischer Status (S. 7-9), verortet den Namen Blaschke im deutsch-slavischen Berührungsgebiet.  --  Günter Mühlpfort, Die Sachsen - Weltwanderung eines Stammesnamens (S. 11-40), zeigt in großen Linien die Verbreitung des Namens Sachsen und seiner Ableitungen über das MA hinaus.  --  Gerhard Graf, Das Ägidiuspatrozinium und das pleißenländische Reichsterritorium (S. 41-52), sieht in dem gehäuften Vorkommen von Kirchen des "Rodungsheiligen" Ägidius im Untersuchungsraum den Ausdruck eines "staufisch" geprägten Landesausbaus.  --  Manfred Kobuch, Der rote Turm zu Meißen - ein Machtsymbol wettinischer Landesherrschaft (S. 53-88), geht der Geschichte dieses um oder kurz vor 1100 auf dem Meißner Burgberg errichteten Bauwerks in einer Kombination von archivalischen, archäologischen, historiographischen und ikonographischen Befunden nach.  --  Gerhard Billig, Silber und Herrschaft. Die Kampfhandlungen um den Hohenforst in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts (S. 89-107), verfolgt die Auseinandersetzungen zwischen den wettinischen Markgrafen von Meißen, Friedrich dem Freidigen und Friedrich dem Ernsthaften, und den Vögten von Plauen und Gera - hauptsächlich Heinrich II. Reuß von Plauen - um Burg und Bergwerk Hohenforst im Westerzgebirge nahe Zwickau.  --  Ernst-Heinz Lemper, Burgberg und Neißeübergang. Bemerkungen zur historischen Topographie von Görlitz (S. 109-122), sucht nach stauferzeitlichem Königsgut beziehungsweise einer Burganlage in dieser Stadt.  --  Nach Heinrich Magirius, Markgraf Wilhelm als {380} Bauherr. Architektur "um 1400" in der Mark Meißen (S. 123-156), weist der Machtbereich dieses Meißner Markgrafen "Züge einer kulturellen Einheitlichkeit" auf.  --  Josef Zemlicka, Zwangstausch als Instrument der königlichen Städtegründungspolitik in Böhmen und Mähren (S. 157-166), verfolgt den Zugriff der böhmischen Herrscher auf geistlichen und weltlichen Grundbesitz bei Stadtgründungen v. a. im 13. Jh. und deren schleppendes Interesse bei den Entschädigungsmaßnahmen.  --  Eugeniusz Wisniowski, Auf den Spuren deutscher Kolonisation im mittelalterlichen Polen (S. 167-176), sieht die Notwendigkeit, bei Untersuchungen zur Intensität deutscher Kolonisation stärker nichturkundliche Quellen zu befragen.  --  Hans Walther, Siedlungsregression, Siedlungsverlust und sie begleitender Namenwandel. Beispiele aus dem sächsischen Raum (S. 177-187), beleuchtet spätma. Wüstungsvorgänge in Sachsen aus namenkundlicher Sicht.  --  Paul Niedermaier, Siebenbürgische Kirchenburgen als Teil von Siedlungsstrukturen. Widerspiegelung der Bevölkerungsentwicklung in der Größe von Bauten (S. 189-203), findet in siebenbürgisch-sächsischen Städten, Dörfern und Marktflecken einen Zusammenhang zwischen Bevölkerungsentwicklung und Kirchen- beziehungsweise Burggröße.  --  Edith Ennen, Zur Typologie niederrheinischer Kleinstädte in Mittelalter und Frühneuzeit (S. 205-216), analysiert die von verschiedenen Ursprüngen ausgehenden Kleinstädte, Nideggen, Zülpich, Straelen, Kaiserswerth und Ronsdorf, nach ihren politischen und wirtschaftlichen Funktionen.  --  Rolf Sprandel, Eine Erfurter Martin von Troppau-Fortsetzung (mit Edition) (S. 217-239), veröffentlicht den Text einer 1454/1456 in Erfurt entstandenen Chronik, die vorwiegend thüringische Belange behandelt, aber auch kurze prägnante Bemerkungen zu den Herrschern von Wenzel bis Friedrich III. macht.  --  Ferdinand Seibt, Kirche und Staat in Europa (S. 731-744), betrachtet Grundbeziehungen und Wandlungen der Kooperation und Konkurrenz zwischen Staat und Kirche.  --  Abgeschlossen wird der Band durch ein Orts- und Personenregister sowie ein Autorenverzeichnis.

Michael Lindner {380}


[468], S. 380

Hilmar Schwarz, Die Gründung der Wartburg. Einige Überlegungen zum siedlungs- und herrschaftsgeschichtlichen Umfeld, Wartburg-Jb. 1996 (1997) S. 11-34, betont, daß Graf Ludwig der Springer die Befestigung um 1070 im Gebiet des Fuldaer Wildbanns der Mark Lupnitz anlegte, und erschließt daraus die Nähe von Siedlungen sowie den Rückhalt an einer "Opposition zu den bisherigen herrschaftsbildenden Kräften", die wenig später im Thüringer Zehntstreit und in den Aufständen gegen Heinrich IV. zutage trete.

Rudolf Schieffer


[469], S. 380

Michael Gockel, Heinricus de Mildensteine et de Kuffes. Zur Herkunft der Herren von Mildenstein, Neues Archiv für sächsische Geschichte 67 (1996) S. 11-29, entnimmt den Urkunden zur Geschichte des 1232 an seinem Hauptsitz bei Leisnig untergegangenen Reichsministerialengeschlechts, daß die Familie nicht aus dem südlichen Harzvorland stammte, sondern eine jüngere Linie ausbildete, die von der Reichsburg Kyffhausen aus agierte.

Rudolf Schieffer


[470], S. 380

Halberstadt - Studien zu Dom und Liebfrauenkirche. Königtum und Kirche als Kulturträger im östlichen Harzvorland. Halberstadt-Symposion des Leipziger Lehrstuhls für Kunstgeschichte und der Kommission für Bau- und Kunstgeschichte Niedersachsens der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft, {381} Halberstadt 7. bis 10. Oktober 1991, hg. von Ernst Ullmann (Abh. Leipzig 74,2) Berlin 1997, Akademie Verlag, 204 S., 115 Abb., ISBN 3-05-002885-8, DEM 98.  --  Der Sammelband beruht auf einer Tagung, die vom 500. Jahrestag der Schlußweihe des Halberstädter Domes (1491) veranlaßt war. Die Beiträge betreffen überwiegend die kunsthistorische Erforschung dieses Bauwerks und seiner Ausstattung. Aus unserem Arbeitsgebiet sind zu verzeichnen: Helmut Beumann, Pontifikalinsignien der Bischöfe von Halberstadt im hohen Mittelalter (S. 9-17): vgl. DA 52, 341.  --  Peter Landau, Johannes Teutonicus und Johannes Zemeke. Zu den Quellen über das Leben des Bologneser Kanonisten und Halberstädter Dompropstes (S. 18-29), tritt mit weiteren Argumenten für die Gleichsetzung ein.  --  Gerhard Leopold, Dom und Liebfrauen in Halberstadt nach der Brandkatastrophe von 1178 (S. 30-42).

Rudolf Schieffer


[471], S. 381

Helmut Assing, Brandenburg, Anhalt und Thüringen im Mittelalter. Askanier und Ludowinger beim Aufbau fürstlicher Territorialherrschaften, hg. von Tilo Köhn, Lutz Partenheimer und Uwe Zietmann, Köln u. a. 1997, Böhlau, 374 S., ISBN 3-412-02497-X, DEM 78.  --  Der 65. Geburtstag des Potsdamer Professors für ma. Geschichte war der Anlaß für die vorliegende Festschrift, deren Schwerpunkt auf der Landesgeschichte der im Titel genannten Länder liegt. Daneben enthält sie aber auch zwei Beiträge "Zur Logik in der Geschichtswissenschaft" von 1983 und 1989, die in der damaligen DDR nicht veröffentlicht werden durften. So beleuchtet das Vorwort der Schüler auch ein Stück Wissenschaftsgeschichte der DDR und des wiedervereinigten Deutschland. Der Band enthält außerdem ein Schriftenverzeichnis von A. sowie ein ausführliches Register.

Martina Stratmann


[472], S. 381

Winfried Schich, Stadt und Kirche im Havelland während des Mittelalters, Wichmann-Jb. des Diözesangeschichtsvereins Berlin N. F. 3 (1994/95) S. 61-85, 2 Karten, behandelt vornehmlich die stadtbildende Funktion des Bischofssitzes in Brandenburg an der Havel und geht am Rande auch auf Spandau, Nauen, Rathenow und Potsdam ein.

Rudolf Schieffer


[473], S. 381

Jay T. Lees, "Alii nostrum...". Bischof Anselms Schilderung des Lebens in Havelberg, Jb. für Berlin-Brandenburgische KG 61 (1997) S. 89-98, deutet unter diesem recht irreführenden Titel eine Passage in Anselms Brief an Abt Wibald von Stablo, nämlich die Verhaltensschilderung der Havelberger Brüder im Angesicht der feindlichen Wenden, als theologische Aussage, wozu er das "Antikeimenon" des Bischofs, welches er ganz diesen Brüdern gewidmet sein läßt, als Interpretationshilfe heranzieht.

Wolfgang Eggert {381}


[474], S. 381

Schriftkultur und Landesgeschichte. Studien zum südlichen Ostseeraum vom 12. bis zum 16. Jahrhundert, hg. von Matthias Thumser (Mitteldeutsche Forschungen 115) Köln u. a. 1997, Böhlau, VII u. 253 S., ISBN 3-412-05697-9, DEM 78.  --  Der Band stellt eine verkappte Festschrift zum 60. Geburtstag von Jürgen Petersohn dar (Vorwort) und enthält sechs Beiträge, von denen hier nur die mediävistisch einschlägigen genannt werden: Helmut G. Walther, Zur {382} Verschriftlichung nordelbischen Selbstbewußtseins um 1200 in der Chronik Abt Arnolds von Lübeck (S. 1-22), untersucht das historiographische Selbstbildnis der Chronica Slavorum.  --  Michael Scheibe, Dynastisch orientiertes Geschichtsbild und genealogische Fiktion in der Mecklenburgischen Reimchronik des Ernst von Kirchberg (S. 23-61), widmet sich einer Quelle des späten 14. Jh.  --  Peter Wiegand, Die synodale Statutengesetzgebung im spätmittelalterlichen Bistum Kammin und ihre älteste Überlieferung (S. 109-154), beschäftigt sich vor allem mit dem Frankfurter Codex Ms. Barth. 163.  --  Matthias Thumser, Schriftlichkeit in der Spätzeit der preußischen Deutschordensherrschaft. Kanzleitätigkeit und Aufzeichnungen des hochmeisterlichen Sekretärs Liborius Naker († 1502/1503) (S. 155-218), klärt die Biographie dieses nicht dem Orden angehörenden Schreibers und seine Rolle innerhalb der späten Phase der hochmeisterlichen Kanzlei zu Königsberg.

Arno Mentzel-Reuters


[475], S. 382

Wolfgang Huschner, Die Vormundschaftsregierung für Albrecht II. und Johann von Mecklenburg (1329-1336), Zs. für Geschichtswissenschaft 43 (1995) S. 1061-1083, untersucht die mehr als 50 damals ausgefertigten Urkunden und Verträge mit Hinblick auf Radius und Schwerpunkte der Herrschaftsausübung sowie auf den Einfluß der am Regiment beteiligten Personen, wobei die Dominanz Wismars und der ritterlichen Hauptberater des 1329 verstorbenen Fürsten Heinrich II. zutage tritt.

Rudolf Schieffer


[476], S. 382

Joachim Zdrenka, Die Pilgerfahrten der pommerschen Herzöge ins Heilige Land in den Jahren 1392/1393 und 1406/1407, Baltische Studien N. F. 81 (1995) S. 7-17, mißt die verworrene chronikalische Überlieferung an den erhaltenen Urkunden mit dem Ergebnis, daß es jeweils Herzog Wartislaw VIII. von Pommern-Wolgast (im ersten Falle anfänglich begleitet von seinem Vetter Wartislaw VII.) war, der nach Jerusalem aufbrach, aber womöglich nicht bis dorthin gelangt ist.

Rudolf Schieffer


[477], S. 382

Slawomir Gawlas, O ksztalt zjednoczonego Królestwa. Niemieckie wladztwo terytonalne a geneza spolecznoustrojowej odrebnosci Polski [Über die Gestalt des vereinigten Königreiches] (Studia Humanistyczne 1) Warszawa 1996, Wydawnictwo DiG, VI u. 211 S., ISBN 83-85490-54-X, PLN 15,50.  --  Das Buch versucht eine Erläuterung der Genese der für Polen charakteristischen Gesellschaftsordnung, die durch den rechtlich nicht differenzierten Adel dominiert wurde, dem gegenüber die Städte eine politisch unbedeutende Rolle einnahmen. Die Position von Kazimierz Jasinski, Janusz Bieniak sowie ihren Schülern (die polnische soziogenealogische Schule) wird durch Bezüge zur Entwicklung der Landesherrschaft im Deutschen Reich ergänzt, die in der Regel in den polnischen Forschungen nicht mitberücksichtigt wurde. Eine besonders wichtige Vergleichsrolle spielen die Mark Brandenburg, Böhmen, Mähren und Österreich. G. zufolge bildete sich die Landesherrschaft im 12. und 13. Jh. in Polen ähnlich wie im Deutschen Reich heraus. Zur Zeit der Piasten haben die Herzöge eine bedeutende organisatorische Rolle gespielt. Einer der Pioniere war der Herzog Mieszko der Alte. Sein Versuch einer Adaptation der neuen Regierungsformen endete mit {383} seiner Verbannung. In Kleinpolen haben die lokalen Adeligen ihre Stellung gegenüber dem Herzog verteidigt. Unter den Bischöfen ist es lediglich den Breslauer Bischöfen gelungen, ein eigenes Herzogtum zu errichten. Schlesien entsprach in seiner Regierungsform dem Deutschen Reich am ehesten. Eine entscheidende Bedeutung für das Scheitern des Umbaus der polnischen Herzogtümer hatten die klein- und großpolnischen Städte am Anfang des 14. Jh. Dieser Versuch wurde durch Wladislaus Loket und durch das ihn unterstützende Rittertum gebrochen, das sich in Opposition zu den durch die zunehmende deutsche Kolonisation eingeführten Gesellschaftsnormen befand, weil es einen Patrimonialstaat gewohnt war. Das kam u. a. in einer deutschfeindlichen Verteidigungsstellung dieser Gruppe zum Ausdruck.

Jaroslaw Wenta {383}


[478], S. 383

Przemysl II. Odnowienie Królestwa Polskiego [Przemysl II.  --  Die Erneuerung des Königreichs Polen], pod redakcja Jadwigi Krzyzaniakowej (Publikacje Instytutu Historii UAM 13) Poznan 1997, Instytut Historii UAM, 353 S., ISBN 83-86650-11-5, PLN 21,60.  --  Das Buch enthält die Referate einer Tagung vom 7. bis 9. November 1995 anläßlich des 700. Jahrestags der Krönung Przemysls II. und der Erneuerung des Königreiches Polen, unter anderem: Gerard Labuda, O godnosci króla i instytucji Królestwa [Über die Königswürde und die Institution des Königtums] (S. 27-56).  --  Jerzy Wyrozumski, Gospodarcze i spoleczne uwarunkowania procesu zjednoczeniowego w Polsce XIII wieku [Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedingtheit des Vereinigungsprozesses in Polen im 13. Jh.] (S. 57-64), zeigt die Inkohärenzen zwischen dem Vereinigungsprozeß des Königtums und der wirtschaftlichen Entwicklung. Die endgültige Vereinigung gelang Wladislaus Loket, dem Herrscher eines kleinen, wirtschaftlich bedeutungslosen Herzogtums.  --  Slawomir Gawlas, Polityka wewnetrzna Przemysla II a mechanizmy spolecznych dazen i konfliktów w Wielkopolsce jego czasów [Die Innenpolitik Przemysls II. und die Mechanismen der gesellschaftlichen Bestrebungen und Konflikte in Großpolen seiner Zeit] (S. 65-80), stellt die Entwicklung der ritterlichen Landesherrschaften in Großpolen im Laufe des 13. Jh. dar. Przemysl II. stützte sich größtenteils auf die Städte, was Konflikte mit dem Rittertum verursachte.  --  Jan Powierski, Krzyzacka polityka Przemysla II w pierwszym okresie jego aktywnosci politycznej [Die Politik Przemysls II. gegenüber dem Deutschen Orden in der ersten Zeit seiner politischen Tätigkeit] (S. 101-122), beschreibt die komplizierten Bündnisse der großpolnischen Herzöge und ihre Beziehungen zum Deutschen Orden.  --  Tomasz Jurek, Przygotowania do koronacji Przemysla II [Die Vorbereitung zur Krönung Przemysls] (S. 167-180), rekonstruiert das politische Spiel Przemysls II. mit Wenzel II., das mit der Bestechung der Gesandten und Anhänger Wenzels II. beendet wurde.  --  Weitere Arbeiten: Zenon Piech, O pieczeciach, herbach i monetach Przemysla II. [Über die Siegel und Münzen Przemysls II.] (S. 181-198).  --  Antoni Barciak, Czeskie echa koronacji Przemysla II [Die böhmischen Reaktionen auf die Krönung Przemysls II.] (S. 225-232).  --  Blazej Sliwinski, Wiosna 1296 w Wielkopolsce i na Pomorzu Gdanskim [Frühling 1296 in Großpolen und in Pommerellen] (S. 233-246).  --  Brygida Kürbis, O Ludgardzie, pierwszej zonie Przemysla II., raz jeszcze [Über Ludgard, die erste Frau Przemysls II. noch einmal] (S. 257-268).  --  Kazimierz Jasinski, Ryksa Elzbieta - Boemie et Polonie bis Regina (S. 269-280).  --  Alicja Karlowska-Kamzowa, Jacek Witkowski, {384} Fundacje artystyczne Piastów wielkopolskich [Die künstlerischen Stiftungen der großpolnischen Piasten] (S. 281-298).  --  Deutschsprachig sind Einführung und ein Inhaltsverzeichnis.

Jaroslaw Wenta {384}


[479], S. 384

Ryszard Grzesik, Literackie wzorce ikonografii Drzwi Gnieznienskich [Die Reliefdarstellung der Gnesener Bronzetür und ihre literarische Herkunft], Studia Zdróloznawcze 36 (1997) S. 1-7, macht als Vorlagen für den linken Türflügel der Gnesener Domkirche die Römische oder Canaparius-Vita des hl. Adalbert aus, für den rechten die Cassinische Redaktion sowie weitere spätere Texte der Passion Adalberts, und legt die Verwendung des verlorenen (bei Gallus Anonymus bezeugten) Liber de passione martiris nahe.

Thomas Wünsch {384}


[480], S. 384

Jan Tyszkiewicz, Karaimi litewscy w czasach Witolda i sprawa przywileju datowanego rokiem 1388 [Die litauischen Karaimen in der Zeit Witolds und das Problem des auf 1388 datierten Privilegs], Studia Zdródloznawcze 36 (1997) S. 45-64, ordnet die Begünstigung der Karaimitischen Fernhandelskaufleute von Luck in die Wirtschafts- und Außenpolitik des litauischen Großfürsten ein und macht eine Rückdatierung des Privilegs mit realem Ausstellungszeitraum 1397-1404 plausibel.

Thomas Wünsch {384}


[481], S. 384

Elzbieta Dabrowska, Sredniowieczny ceremonial pogrzebowy wyzszego duchowienstwa polskiego - studium archeologiczno-historyczne [Das ma. Begräbnisritual für den höheren polnischen Klerus - archäologisch-historische Studie], Studia Zdródloznawacze 36 (1997) S. 9-29, rekonstruiert aufgrund schriftlicher Zeugnisse und Funde aus maximal sieben Gräbern (v. a. Stoffspuren, Ringe, Kreuze, Kelche, dazu der baculus pastoralis und Siegel) die Begräbnisformen von Bischöfen und Äbten bis zum 14. Jh. und stellt mit guter Kenntnis der westlichen Forschung den Zusammenhang mit dem übrigen Europa her.

Thomas Wünsch {384}


[482], S. 384

Deutsche Geschichte im Osten Europas. Schlesien, hg. von Norbert Conrads, Berlin 1994, Siedler Verlag, 816 S., ISBN 3-88680-216-7, DEM 128.  --  Zu Beginn der 80er Jahre hatte der Verleger Siedler den damals nicht gerade zeitgemäßen Plan einer zehnbändigen "Deutschen Geschichte im Osten Europas" gefaßt, von der bis jetzt die Bände "Ostpreußen und Westpreußen" (1992, vgl. DA 49, 385), "Böhmen und Mähren" (1993) "Baltische Länder" (1994, vgl.DA 52, 345), "Land an der Donau" (1995), "Land der großen Ströme" (1996) und "Rußland" (1997) erschienen sind, bezeichnenderweise alle nach der Wende herausgekommen, als die Frage der Geschichte und der Zuordnung Ostmitteleuropas - und damit auch Siedlers Plan - neues Interesse gewann. Hier sei der Band Schlesien angezeigt, der in engem Zusammenhang steht mit dem böhmisch-mährischen. Der Mittelalterteil ist in beiden Bänden von demselben ersten Kenner verfaßt, von Peter Moraw. Das böhmisch-mährische MA läßt M. 1526 mit dem Tod des letzten ungarischen Königs Ludwig II. enden, der in der Schlacht bei Mohács im Kampf gegen den Sultan Suleiman den Prächtigen fiel. Im Schlesienband reicht M.s Darstellung bis 1469, bis zur Wahl des Matthias Corvinus zum Böhmischen König in Olmütz. Eine Gesamtdarstellung der Geschichte Schlesiens war von deutscher Seite um so notwendiger, als dieser Platz immer noch stark {385} von einer "Geschichte Schlesiens" besetzt war, die vor Jahrzehnten - 1934 beschlossen und 1938 erschienen - H. Aubin herausgegeben hat (5. Auflage 1988). Der notwendigen Aktualisierung glaubte man bei den Nachdrucken dadurch zu genügen, daß man Peinlichkeiten einfach wegließ: Oberschlesien als "Rassen-Knotenpunkt" wurde gestrichen, und auch die Passage fiel weg, daß das "slawische Volkstum" nicht "über die Antriebskräfte" verfügt habe, "das germanische Erbgut ... zu organischer Höherentwicklung" zu führen. M.s Darstellungsansatz entspricht seiner großen Geschichte des späten MA (vgl. DA 45, 688), doch kommt zu den verfassungs-, territorial- und gesellschaftsgeschichtlichen Problemen die Frage der ethnischen Zusammensetzung und des Verhältnisses der Volksteile zueinander hinzu. Schon in den Überschriften des Eingangs- und des Schlußkapitels ist das Problem angesprochen; "Vorspiel: Schlesien in Polen" heißt es am Anfang, am Schluß: "Konsolidierung und Krise: Schlesien in Deutschland." Die anschließende Zeit vom endenden 15. Jh. bis zur preußischen Eroberung 1740 hat der Hg. Conrads übernommen, auch er mit der Forschung wohlvertraut, fraglos die beste Darstellung, die wir über diese Jh. in Schlesien zur Zeit haben. Insgesamt kann der Band als Übersichtswerk - einschließlich einer ausgreifenden Bibliographie - nur nachdrücklich empfohlen werden, das die alte "Geschichte Schlesiens" aus den dreißiger Jahren gänzlich ersetzen sollte.

Horst Fuhrmann


[483], S. 385

Ivan Hlavácek, Královsky poklad ve slezské Strede. Nekolik poznámek [mit Zusammenfassung: Der königliche Schatz in Neumarkt/Schlesien. Einige Bemerkungen], Cesky casopis historicky 95 (1997) S. 448-459.  --  Für den als sensationell zu bezeichnenden Schatzfund von 1988 in Neumarkt/Schlesien bietet der Vf. unter erstmaliger Beiziehung zweier Urkunden Karls IV. und Wenzels IV. folgende Hypothese an: Es handle sich um einen Schatz, der durch irgendjemanden aus der luxemburgischen Familie bei den Breslauer Juden versetzt, jedoch kurz vor dem dortigen Pogrom nach Neumarkt übertragen und dort vermauert wurde. Da aber auch dort die Pogromwelle tobte und ihr die Eingeweihten zum Opfer fielen, geriet der Schatz in Vergessenheit.

Ivan Hlavácek (Selbstanzeige) {385}


[484], S. 385

Klaus Militzer, Rheinländer im mittelalterlichen Livland, Rheinische Vierteljahrsblätter 61 (1997) S. 79-95, befaßt sich vor allem mit den Rheinländern, die als Ritterbrüder des Deutschen Ordens in Livland nachzuweisen sind, und schildert deren Konkurrenz zu den in der Überzahl befindlichen Westfalen. Waren die Rheinländer Anhänger der vom Hochmeister befolgten Politik, so arbeiteten die Westfalen eher auf die politische Selbständigkeit des livländischen Ordenszweiges hin. Dazu werden auch die Aktivitäten rheinischer Kaufleute besprochen.

Ernst-Dieter Hehl


[485], S. 385

Matteo Casini, I gesti del principe. La festa politica a Firenze e Venezia in età rinascimentale (Presente storico 2) Venezia 1996, Marsilio, 448 S., 27 Taf., {386} 6 Karten, ISBN 88-317-6393-8, ITL 68.000.  --  Diese stark erweiterte Diss, die auszugsweise bereits anderweitig publiziert wurde (Dux habet formam regis, Annali della Fondazione Luigi Einaudi 27 [1993] S. 273-351, und Triumphi, in: Venice in the Long Renaissance, Italian History and Culture 1 [1994] S. 23-41) stellt sich die seltene Aufgabe des Vergleichs zweier bedeutender italienischer Stadtstaaten vom ausgehenden MA bis in die frühe Neuzeit. Sie untersucht Stellung und Funktion von Ritus und politischem Festakt in Florenz und Venedig anhand von vier ausgewählten Beispielen: Beerdigung eines Fürsten und Inthronisationsfeierlichkeiten für den neuen, staatliche Prozessionen und öffentliche Festkalender, Gastfreundschaft und Selbstdarstellung bei ranghohen Gästen und das jeweils höchste staatliche Fest, Christi Himmelfahrt in Venedig und San Giovanni in Florenz. Detaillierte Beschreibungen des Ablaufs der Festlichkeiten im Verlauf der untersuchten Zeitperiode sind ergänzt durch zeitgenössische Illustrationen und verarbeiten eine große Fülle weitgestreuter Literatur. Dabei tritt ein deutlicher Unterschied zwischen den Staatszeremonien Venedigs, die die Tugenden des "venezianischen Mythos" beschwören, und den toskanischen zu Tage, die alle Erinnerung an die republikanische Vergangenheit tilgen und sich in der Verherrlichung der Fürstenfamilie an die Zelebrationsformen der europäischen Herrscherhäuser anlehnen. Zunehmende Inbesitznahme von Fest, Kultur und Kunst durch die Politik bleibt beiden Stadtstaaten gemeinsam und wandelt sich von einem Zusammenhalt schaffenden Ritual zur politischen Ideologie einer führenden Familie oder des Staatsmythos. Eine ausführliche Bibliographie und ein Namensverzeichnis ergänzen den interessanten Band.

Doris Stöckly {386}


[486], S. 386

Jan Andrzej Spiez, Polskie nagrobki z XIII i XIV wieku w bolonskim kosciele Dominikanów [Polnische Grabstätten in der Dominikanerkirche in Bologna aus dem 13. und 14. Jh.], Studia Zdródloznawcze 36 (1997) S. 31-43, kommt aufgrund der Auswertung des Pergamentkodex aus dem Dominikanerkloster Bologna vom Jahr 1291 (III 72900) und der Einbeziehung einer bislang unbeachteten Siegelurkunde zu dem Ergebnis, daß der in dem Sepultuarium I verzeichnete Martinus Archiepiscopus Provinciae Poloniae mit dem vor seiner Romreise im polnischen Breslau tätigen Martin von Troppau identisch ist.

Thomas Wünsch {386}


[487], S. 386

Paola Foschi, Il giuramento di pace dei cittadini bolognesi e pistoiesi del 1219, Bollettino storico pistoiese 3. Serie 31 (1996) S. 25-48, wertet erstmals zwei Dokumente eines 1219 zwischen den Bürgern von Bologna und Pistoia geleisteten Friedensschwures aus.

Marlene Polock


[488], S. 386

Franceso Neri, Aspetti di politica giudiziaria nello stato territoriale fiorentino. Condannati a Pistoia, graziati a Firenze, Bollettino storico pistoiese 3. Serie 30 (1995) S. 75-101, untersucht anhand von Pistoieser Fällen der Jahre 1427 bis 1458 die Interventionen der Florentiner Regierung zugunsten durch die untergebenen Kommunen Verurteilter und zeigt, daß dieses juristische Kontrollinstrument vor allem aus politischen Gründen eingesetzt wurde.

Marlene Polock


[489], S. 386

Rita Feri, Il monastero da Sala, Bollettino storico pistoiese 3. Serie 30 (1995) S. 41-74, rekonstruiert aus den erhaltenen Dokumenten, vor allem des Staatsarchivs {387} Florenz, die Geschichte dieses Pistoieser Frauenklosters von seinen Anfängen im 12. bis zur Aufhebung zu Beginn des 19. Jh.

Marlene Polock


[490], S. 387

Mauro Ronzani, Chiesa e civitas di Pisa nella seconda metà del secolo XI. Dall'avvento del vescovo Guido all'elevazione di Daiberto a metropolita di Corsica (1060-1092) (Piccola Biblioteca GISEM 9) Pisa 1996, GISEM, 287 S., ISBN 88-7741-983-0, ITL 33.000.  --  Nach langwierigen prosopographischen Studien über die einzelnen führenden Familien unternimmt R. nun eine Zusammenschau der Forschungsergebnisse für einen eng umgrenzten Zeitraum, um die damaligen politischen Ereignisse und Entscheidungen in Pisa möglichst genau verstehen und nachvollziehen zu können. Im ersten Teil beschreibt er die zunehmende Durchsetzung der kirchenreformerischen Ziele in der Stadt während des Pontifikats Bischof Guidos (1060-1076) sowie einzelne führende Familien als deren Träger. Im folgenden Abschnitt hebt er die Bedeutung der Seestadt für Markgraf, König und Papst sowie deren Verbindung zu den führenden Familien Pisas hervor. Die beiden letzten Kapitel beschäftigen sich mit den dramatischen Wendungen in den Jahren zwischen der Erhebung Bischof Landulfs durch Mathilde von Canossa und Gregor VII. (1077), dem Wechsel auf die königliche Seite (1081) und der Versöhnung mit Mathilde nach der siegreichen Unternehmung gegen das afrikanische al-Mahdiya sowie mit dem Pontifikat Daiberts (1088-1105) bis zu dessen Erhebung zum Metropoliten von Korsika (1092).  --  Leider hat der Autor versucht, ein zu perfektes Bild vom Einklang des Mikrokosmos der Stadt mit dem Makrokosmos der großen Politik zur Zeit des Investiturstreits zu zeichnen. So werden trotz der vielen wechselvollen Ereignisse - teils mit fraglichen Personen-Identifizierungen (z. B. S. 192-199) - für den gesamten Untersuchungszeitraum (!) kompakte und konstante Gruppen von reformorientierten und Canossa- bzw. papsttreuen Familien um verschiedene städtische Reformklöster (S. 38-108, 190 ff.) den königstreuen, bewußt sich longubardi nennenden Persönlichkeiten (S. 207 ff., S. 233 ff.) gegenübergestellt. Die Fraglichkeit einer derartigen Konstruktion wird zum Beispiel an dem Archidiakon Guido evident, der einerseits als wichtiger Exponent der papsttreuen Reformgruppe vorgestellt wird, andererseits aber als Haupt der Opposition des Domkapitels gegen den treuen Anhänger Urbans II., Bischof Daibert, noch 1092 eine Stiftung für das Seelenheil des Kaisers (!) Heinrich IV. beurkunden ließ (S. 217-220, 260-263). Auch die einseitige Interpretation der letztlich wirkungslosen und verfälschten Urkunde D H. IV 404 als vermeintlich eindeutiges Zeugnis für die königliche Obedienz Pisas noch für 1089 überzeugt ebensowenig wie die anschließenden weitreichenden Schlußfolgerungen (S. 230 ff.). Daran wird deutlich, daß die trotz des relativ reichhaltigen Materials doch sehr lückenhafte Überlieferung für das 11. Jh. keinesfalls ausreichend ist für eine quasi lückenlose Rekonstruktion der Entscheidungen und Ereignisse in einer Stadt wie Pisa. Ein Großteil der zufällig überlieferten Dokumente und der darin widergespiegelten Ereignisse folgt eigenen, meist nicht mehr nachvollziehbaren Bedingungen und Konstellationen unabhängig von der "großen Politik". Trotzdem bietet das Buch eine Fülle von neuen Erkenntnissen und Einblicken, darunter auch eine wesentlich revidierte Darstellung über die pisanischen Vizegrafen und deren Funktion für die Stadt (S. 70-80, 167 ff.), was das Werk zu einer wichtigen Neuerscheinung {388} nicht nur für die pisanische, sondern auch für die allgemeine Stadtgeschichtsforschung der frühkommunalen Zeit macht.

Michael Matzke {388}


[491], S. 388

Il monachesimo medievale nel Chianti. Marzo 1995 (Quaderni del Centro di studi Chiantigiani 10) Chianti 1995, Centro di studi Chiantigiani "Clante", 119 S., 21 Abb., keine ISBN, ITL 25.000.  --  Ein nettes Büchlein, das allerlei Informatives, teils mit wissenschaftlichem Niveau, teils ohne, und mancherlei Unterhaltsames enthält. Erwähnt seien: Renato Stopani, Cronologia degli insediamenti monastici chiantigiani (S. 19-30).  --  Mino Marchetti, Dal mattutino alla compieta. Vita quotidiana dei monaci dai documenti delle abbazie chiantigiane (S. 39-58).  --  Renato Stopani, Caratteri dell'architettura monastica medievale del Chianti (S. 59-66).  --  Ein Register fehlt.

Christian Lohmer


[492], S. 388

Alberto Bartòla, 'San Gregorio al Celio. Storia di una abbazia'. A proposito di una recente pubblicazione, Archivio della Società Romana di Storia Patria 118 (1995) S. 101-115, unterzieht den ignoranten Umgang mit den historischen Quellen und die handwerklichen Mängel in dem 1993 erschienenen Buch von Anna Maria Pedrocchi über die berühmte Gründung Papst Gregors d. Gr. auf dem römischen Celio (Roma, Istituto Poligrafico della Zecca dello Stato-Libreria dello Stato) einer rigorosen historischen Kritik.

Marlene Polock


[493], S. 388

Marianna Brancia D'Apricena, L'abbazia benedettina di Santa Maria de Capitolio, Benedictina 43 (1996) S. 151-173, erschließt vornehmlich die Baugeschichte des stadtrömischen Klosters vom Früh-MA bis zur erzwungenen Auflösung 1248, als das Kloster an die Franziskaner übergeben wurde.

Christian Lohmer


[494], S. 388

Matthias Thumser, Per una terminologia della nobiltà romana nel Duecento, Archivio della Società Romana di Storia Patria 118 (1995) S. 47-68, ist der leicht überarbeitete Text eines Vortrages des Autors vom April 1993 im Circolo medievistico romano über seine Forschungen zur Genese und Struktur der stadtrömischen adeligen Oberschicht im 13. Jh. und die Rom-spezifische Problematik des Begriffs Nobilität.

Marlene Polock


[495], S. 388

Marco Venditelli, Testimonianze sui rapporti tra "mercatores" romani ed i vescovati di Metz e Verdun nel secolo XIII, Archivio della Società Romana di Storia Patria 118 (1995) S. 69-99, beschreibt im Rahmen seiner Studien über mercatores der Stadt Rom im 12. und 13. Jh. aus den erhaltenen Dokumenten (Paris Nat. Bibl.) den wenig bekannten, über mehrere Pontifikate (Honorius III.  --  Honorius IV.) bei der Kurie gerichtsanhängigen Fall von Verschuldung der Bischöfe von Verdun und Toul bei italienischen, vornehmlich römischen Finanziers und das Bemühen um wenigstens teilweise Rückzahlung. Im Anhang werden neun den Streitfall betreffende und bisher unedierte Dokumente publiziert, darunter ein bei Potthast nicht verzeichnetes Mandat Papst Gregors IX.

Marlene Polock


[496], S. 388

Anna Modigliani, I Porcari. Storie di una famiglia romana tra Medioevo e Rinascimento (RR inedita. Saggi 10) Roma 1994, Roma nel Rinascimento, VII u. {389} 606 S., zahlreiche Abb., ISBN 88-85913-04-0, ITL 70.000.  --  Die umfangreiche familiengeschichtliche Studie beschreibt ausführlich Herkunft und Aufstieg des Geschlechts, dessen berühmtester Vertreter, Stefano Porcari, als Rebell gegen Papst Nikolaus V. 1453 ein tragisches Ende fand. Die Porcari gehörten zu den Aufsteigern des 13. und 14. Jh., die als Kaufleute und Verwaltungsspezialisten in den kleinen Stadtadel aufrückten, wobei allerdings nicht alle Zweige eine gehobene Position erreichten. Das reiche Quellenmaterial ermöglicht nicht nur die Erfassung genealogischer Zusammenhänge, sondern auch Einblicke in die innerfamiliären Beziehungen und in die familiale Kultur des römischen Spät-MA. Ein ausführliches Kapitel ist den Niederlassungen und Häusern der Porcari im rione Pigna (in der Gegend des Pantheon) gewidmet, deren Spuren bis ins 11. Jh. zurückgehen. Ein weiteres verfolgt die Einkünfte: Erträge aus städtischen Immobilien, Grundbesitz in der Campagna und Handel mit landwirtschaftlichen Produkten, vor allem Viehhandel (mit eigenen Beständen) sowie kleinere Pachten von Steuern und Abgaben. Bemerkenswert sind die antiquarischen Interessen der Porcari, die ihr republikanisches Selbstgefühl durch die genealogische Verknüpfung mit Cato und der gens Porcia untermauerten. Ausführliche Quellenbelege ergänzen den Text, Abbildungen, Stammtafeln sowie Quellen- und Namensindizes runden den reichhaltigen Band ab.

Walter Koller {389}


[497], S. 389

Mariano Dell'Omo, Insediamenti monastici a Gaeta e nell'attuale diocesi. Presentazione di Luigi Cardi (Archivio Storico di Montecassino. Studi e documenti sul Lazio meridionale 5) Montecassino 1995, Pubblicazioni Cassinesi, XXXI u. 225 S., zahlreiche Abb., keine ISBN.  --  Die lokalhistorische Studie zu einem Kernland des italienischen Mönchtums lehnt sich an die bewährte Gliederung des Monasticon Italiae an und listet im Anschluß an eine allgemeine Darstellung der Geschichte des Mönchtums im Bistum Gaeta von den Anfängen bis zur Gegenwart die einzelnen Klöster in alphabetischer Reihenfolge auf. Eine Appendix zu den Hss. des Monastero di S. Michele Archangelo in Planciano di Gaeta, die heute im Klosterarchiv von Montecassino aufbewahrt werden, katalogisiert sieben ma. Sammelwerke und aktualisiert damit die Nr. 792, 799, 794 bis, 871, 723, 797 und 803 der Bibliotheca Casinensis. Die Bildauswahl erscheint dem Rezensenten willkürlich. Acht Indices erschließen die insgesamt solide Arbeit.

Christian Lohmer


[498], S. 389

Luigi R. Cielo, L'abbaziale normanna di S. Salvatore de Telesia. Presentazione di Marcello Rotili (Biblioteca del Molise e del Sannio 4) Napoli 1995, Edizioni scientifiche italiane, IX u. 118 S., zahlreiche Abb., ISBN 88-8114-125-6, ITL 22.000.  --  Der Vf. stellt die These auf, die romanische Klosterkirche von S. Salvatore de Telesia (S. Salvatore Telesino, Provinz Caserta) sei von Abt Johannes (1098-1100) erbaut worden. Johannes war studienhalber in der normannischen Abtei Bec gewesen, die damals von Anselm von Aosta (Canterbury) geleitet wurde, und später von Papst Urban II. nach Telese gerufen worden. Als Auftraggeber des Baus kommt nach C. nur der Normanne Robert, Graf von Telese und Herr von Caiazzo, Alife und S. Agata dei Goti in Frage. Seine Blütezeit erlebte das Kloster in der ersten Hälfte des 12. Jh. unter Abt Alexander, dem Geschichtsschreiber König Rogers II. von Sizilien, der zweimal das Kloster besuchte und in das Gebetsgedenken der Mönche aufgenommen wurde (1134/35). {390} Nach einem Überblick über die Klostergeschichte (Kap. 1-2) untersucht der Vf. die späteren Umbauten und Zerstörungen der Klosteranlage (Kap. 3) - ein Seitenschiff der Kirche dient heute als Schreinerei - und stellt die architektonischen Zusammenhänge des romanischen Kirchenbaus mit zeitgenössischen süditalienischen Gebäuden her (Kap. 4). Ein Register erschließt den mit vorzüglichen Fotos ausgestatteten Band.

Hubert Houben {390}


[499], S. 390

Raffaelle Licinio, Castelli medievali. Puglia e Basilicata: Dai Normanni a Federico II e Carlo I d'Angiò (Nuova Biblioteca Dedalo. Serie "Nuovi saggi" 162) Bari 1994, Edizioni Dedalo, 368 S., ISBN 88-220-6162-4, ITL 38.000.  --  Der Vf. untersucht anhand der schriftlichen Quellen den Aufbau der beiden Kastellandschaften unter dem Aspekt der Etablierung der monarchischen Zentralgewalt. Er beginnt mit dem "Incastellamento", der Errichtung von Festungen, durch Byzanz zum Schutz der Bevölkerung. Der Burgenbau der Normannen hingegen hatte kaum eine derartige Schutzfunktion, sondern diente primär der Sicherung der eigenen Herrschaft. Spätestens unter Roger II. wurde aus der spontanen Bautätigkeit einzelner Herren ein königliches Instrument zur planmäßigen Kontrolle der Untertanen besonders in den Städten. Der Vf. zeigt das exemplarisch an Bari, wofür er sich auch auf eigene Vorarbeiten stützen kann. Bemerkenswert ist, daß die Normannen nicht die byzantinischen Anlagen übernahmen, sondern eigene Festungen errichteten, erst Boemund von Tarent, dann ab 1132 Roger II., der ohne Verwendung von Boemunds Kastell - so die These des Vf.  --  einen Neubau an der Peripherie errichtete. Friedrich II. setzte diese Politik Rogers II. fort und schuf so ein regelrechtes "sistema castellare" zur lückenlosen Herrschaftssicherung, das einen umfassenden Gesamtplan verwirklichen sollte und von Manfred vervollkommnet wurde. Die hierin ausgedrückte Auffassung, das grundlegende Element der staufischen Monarchie sei ein System von Zwingburgen gewesen, erscheint angesichts der bescheideneren Wirklichkeit, z. B. der kleinen Kastellbesatzungen, etwas übertrieben. Friedrichs Kastelle sind auch Symbole königlicher Präsenz, insbesondere Castel del Monte wird so interpretiert, doch vermißt man hierzu die Forschungen von Götze und vor allem von Leistikow. Die dank ihren Registern gut dokumentierte Periode der Anjou erlaubt es dem Vf., auf Verwaltung und Nutzung der Festungen detailliert einzugehen. Das Merkmal dieser Zeit ist eine Abkehr vom straff zentralistischen Kastellwesen. Im Zeichen der Refeudalisierung des Königreichs werden immer mehr Burgen als Lehen ausgegeben; etliche werden nun auch von den Stadtgemeinden zerstört. Damit wird der im 9. Jh. begonnene Prozeß des "Incastellamento" in die Gegenbewegung des "Decastellamento" übergeführt. Das vorliegende Werk ist eine umfassende und nützliche Übersicht auf der Basis der schriftlichen Überlieferung, während archäologische und siedlungsgeschichtliche Befunde leider selten herangezogen werden.

Walter Koller {390}


[500], S. 390

Liugi Verardi, Le abbazie florensi Fonte Laurato. Anno 1201, Cosenza 1995, Edizioni Orizzonti Meridionali, 143 S., zahlreiche Abb., keine ISBN, ITL 20.000.  --  Die heimatgeschichtliche Untersuchung ohne größeren wissenschaftlichen Anspruch widmet sich der joachimitischen Ordensgründung bei Fiumefreddo Bruzio in der Provinz Cosenza, die bald nach der Gründung eine {391} eigene kleine Filiation der Flor(i)enser errichtete. Diverse Quellenauszüge sind in italienischer Übersetzung und Latein beigefügt. Auf ein Register wurde verzichtet.

Christian Lohmer


[501], S. 391

Manuel Ríos Mazcarelle, Diccionario de los Reyes de España, Tomo 1: (411-1474), Tomo 2: (1474-1996) (Colección: Dido Diccionarios) Madrid 1995, Aldebarán Ed., 316 bzw. 381 S., Abb., Karten, ISBN 84-88676-12-3 (T. 1) bzw. 84-88676-13-1 (T. 2) bzw. 84-88676-14-X (Obra completa), jeweils ESP 2.650.  --  Die handlichen Bände reichen vom Westgotenkönig Athaulf (Regierungsbeginn 410!) bis zum gegenwärtigen Monarchen Juan Carlos I., "el Rey Paciente". Der Begriff der "Könige von Spanien" wird dabei gerade für die ma. Verhältnisse einerseits sehr weit, andererseits aus bekannten, der historischen Betrachtung jedoch inadäquaten Gründen sehr eng gefaßt. So finden sich neben Kurzbiographien der westgotischen, asturischen, leonesischen, kastilischen, aragonesischen, mallorquinischen und navarresischen Könige auch Artikel zu den Emiren und Kalifen von Córdoba im muslimischen Bereich sowie zu den Grafen von Kastilien und Barcelona, nicht aber zu den Grafen und Königen von Portugal! Die Problematik von kurzen oder auch längeren Lexikonartikeln, die sich weitgehend in der Aufzählung von Ereignissen und Fakten erschöpfen, ist allgemein bekannt, tritt jedoch besonders klar zutage, wenn nur ein einziger Vf. tätig ist, dessen Auffassung zwangsläufig das Gesamtwerk einseitig prägt. Besonders ärgerlich ist, daß die Regierungs- und Lebensdaten zumeist nur nach Jahren angegeben, Geburts-, Sterbe- und Begräbnisort oder Grabmale höchstens sporadisch vermerkt werden, von einer überzeugenden Systematik bei der Anlage der Artikel kaum die Rede sein kann, dafür aber auch die exotischsten Herrscherbeinamen Erwähnung finden. Mit leichtem Unwillen vermerkt man zudem, daß spezifische Quellen- und Literaturangaben zu den einzelnen Biographien fehlen, sondern statt dessen jeweils am Ende der Bände allgemeine, keineswegs auf neuestem Stand befindliche Bibliographien (Titel ohne Erscheinungsort und -jahr!) angefügt sind, aus denen sich der Benutzer dann die einschlägigen Titel, soweit es ihm möglich ist, selbst heraussuchen kann. Neben der fehlerhaften Schreibung mancher Autorennamen (Bonnaise für Bonnassie!) ist kritisch zu vermerken, daß man viele grundlegende Studien (selbst das monumentale Werk von Ballesteros Beretta über Alfons X. von Kastilien) vergeblich sucht, vor allem wenn sie nicht ins Kastilische übersetzt wurden. Alles in allem ist das vorliegende 'Diccionario', sieht man von der Sprachbarriere ab, bestenfalls für einen ersten groben Überblick tauglich. Ein Benutzer, der wissenschaftliche Ansprüche stellt und sich über die Könige in den ma. Reichen auf der Iberischen Halbinsel informieren möchte, sollte lieber gleich auf die bekannten einschlägigen Lexika zurückgreifen.

Ludwig Vones {391}


[502], S. 391

José María Mínguez, Las sociedades feudales, 1: Antecedentes, formación y expansión (siglos VI al XIII) (Historia de España 2) Madrid 1994, Nerea, 421 S., ISBN 84-86763-82-7, ESP 4.540.  --  Anzuzeigen ist der erste von zwei vorgesehenen MA-Bänden einer neuen, siebenbändigen Geschichte Spaniens. Ohne sich mit irgendeiner Einleitung oder einer Erörterung des ja durchaus vielschichtigen {392} Feudalismus-Begriffes aufzuhalten, setzt der in sechs Hauptteile mit 27 Kapiteln und 65 Unterkapiteln gegliederte Bd. mit den Westgoten (S. 15-57) ein, beschreibt dann die Auswirkungen der arabischen Eroberungen sowie die Bildung neuer christlicher Reiche im Norden der Halbinsel (S. 59-152) und stellt anschließend das Jahrhundert von 950-1060 als "El siglo de la feudalización" heraus (S. 153-214). Der vierte Teil ist der Konsolidierung Kastilien-Leóns gewidmet (S. 215-313), weit knapper fällt die Darstellung Kataloniens und Aragóns aus (S. 315-375), und der letzte Teil behandelt die "Vollendung des Feudalismus" auf der Iberischen Halbinsel mit dem Ausgreifen der christlichen Mächte in die Levante und nach Andalusien (S. 377-412). Das Buch ist flüssig geschrieben, kommt mit insgesamt 41 Anmerkungen aus (S. 413-415), und scheint sich in erster Linie an den sprichwörtlichen historisch interessierten Laien zu wenden, dem vor allem die Grundzüge der sozio-ökonomischen und politischen Entwicklung Spaniens im Früh- und Hoch-MA verdeutlicht werden sollen, was bei dem gänzlichen Verzicht auf Abb., Kartenskizzen, Stammbäume und sonstiges Anschauungsmaterial gar nicht so leicht fallen dürfte. Die knappe, kommentierte Bibliographie (S. 417-421) verzeichnet mit einer einzigen Ausnahme nur spanische Titel; ein Register fehlt.

Peter Segl {392}


[503], S. 392

Marie-Claude Gerbet, Les noblesses espagnoles au Moyen Âge. XIe-XVe siècle, Paris 1994, Armand Colin, 298 S., Karten, ISBN 2-200-21545-2, FRF 190.  --  Die durch ein wichtiges Buch über den Adel Kastiliens im 15. Jh. (ersch. 1979), mehrere Aufsätze zur spätma. Adelsgeschichte Spaniens sowie durch ihren kompakten Überblick "L'Espagne au Moyen Âge" von 1992 (vgl. DA 52, 784) bestens ausgewiesene Vf. legt nun eine Gesamtdarstellung von Entstehung und Entwicklung sowie gesellschaftlicher und politischer Stellung des Adels in Kastilien, Aragón und Navarra vom Beginn des 11. bis zum Ende des 15. Jh. vor, die ab Mitte des 13. Jh. eine vergleichende Verfassungs- und Sozialgeschichte der drei von G. in den Blick genommenen Reiche bietet und zum Besten zählt, was dazu auf dem reichhaltigen Hispanica-Markt derzeit angeboten wird. Einsetzend mit dem Beginn der Reconquista, der Konsolidierung der christlichen Königreiche im Norden der Iberischen Halbinsel und der Formierung und Ausdifferenzierung des dortigen Adels (S. 7-69) wird im 2. Hauptteil des in insgesamt acht Kapitel gegliederten und mit vielen Zwischenüberschriften, Kartenskizzen und Stammbäumen leserfreundlich aufbereiteten Buches die Geschichte des Adels der drei Kronen von der Mitte des 13. bis zum Beginn des 15. Jh. in vier Kapiteln behandelt (S. 71-167), an die dann die zwei Kapitel des ganz dem 15. Jh. und dem Einfluß des kastilischen Modells auf Aragón und Navarra gewidmeten dritten Teils anschließen (S. 169-232). Eine knappe Zusammenfassung der Ergebnisse (S. 233-236), ein Glossar spanischer Fachausdrücke, ein dreigeteiltes Literaturverzeichnis sowie vorzügliche Personen- und Ortsnamenregister runden die ergebnisreiche und weiterführende Monographie ab.

Peter Segl {392}


[504], S. 392

Lawrence J. McCrank, Medieval Frontier History in New Catalonia (Collected Studies Series CS 528) Aldershot u. a. 1996, Variorum, XVIII u. 325 S., Abb., ISBN 0-86078-582-3, GBP 49,50.  --  Der amerikanische Mediävist M. legt {393} hier neun seiner Studien aus den 70er bis 90er Jahren vor, von denen sich mehrere mit den Zisterziensern in Spanien befassen. Ein ausführliches Register rundet den Band ab.

Martina Stratmann


[505], S. 393

Teofilo F. Ruiz, Crisis and Continuity. Land and Town in Late Medieval Castile (Middle Ages series) Philadelphia, Pa. 1994, University of Pennsylvania Press, XVI u. 351 S., 3 Karten, ISBN 0-8122-3228-3, GBP 43,95.  --  Dieses Buch des bisher in Europa vor allem durch seine Aufsätze bekannten (vgl. DA 50, 383) amerikanischen Mediävisten mit spanischen Ahnen ist dem spätma. Alt-Kastilien gewidmet, besonders den ländlichen Regionen nördlich von Burgos mit dem vom Ebro durchflossenen Tal von Zamanzas, aus dem seine Großeltern väterlicherseits stammten und das er selbst immer wieder aufgesucht hat und dessen engerer und weiterer Geschichte er seit 1979/80 in zahlreichen Archiven und Bibliotheken Spaniens nachspürte. Aus schließlich umfassender Kenntnis der Quellen, auch der ungedruckten, und der Literatur ist dem Vf. eine beeindruckend detailgenaue Strukturgeschichte ländlichen und städtischen Lebens in Nordkastilien etwa von der Mitte des 13. bis zur Mitte des 14. Jh. gelungen, die Monographie einer Region, deren geographische und klimatische Gegebenheiten von R. ebenso gewissenhaft berücksichtigt werden wie die Auswirkungen der großen Politik auf den Alltag und das Arbeiten der Bauern, Handwerker und Händler in seinem Untersuchungsgebiet. Trotz seiner ungewöhnlich starken persönlichen Färbung, die den besonderen Reiz dieses materialreichen Buches ausmacht, möchte man dem Werk durchaus Vorbildcharakter zusprechen und hoffen, daß es weitere Regionalmonographien ähnlicher Güte anzuregen vermag, in Spanien oder wo auch immer.

Peter Segl {393}


[506], S. 393

David Nirenberg, Communities of Violence. Persecution of Minorities in the Middle Ages, Princeton, NJ 1996, Princeton University Press, VIII u. 301 S., Karten, ISBN 0-691-03375-7, USD 29,95.  --  Der Titel scheint angesichts von Untersuchungsraum (Aragon und Südfrankreich) und -zeit (erste Hälfte 14. Jh.) recht allgemein und weit gefaßt, andererseits angesichts seiner Ergebnisse und den aus den Quellen gezogenen Schlüssen zu ausdrucksschwach. Der Vergleich der Gewalttätigkeiten zu unterschiedlichen Zeiten bringt das öfters bei derlei Arbeiten vergessene Postulat in nachdrückliche Erinnerung, keine Generalisierungen vorzunehmen und sich nicht billigerweise mit Erklärungsmustern wie "irrationales Handeln" zufrieden zu geben. Es geht um die Strategien von Bewältigung, Lösung von Konflikten innerhalb der ma. Gesellschaft, um die Frage, ob und wie diese auszuhandeln oder auszutragen sind; vor allem auf wessen Kosten und Rücken. Zutage tritt ein System von "checks and balances" der Interessengruppen (König, Adel, Klerus, Juden...), innerhalb dessen eine (häufig monetäre) Lösung gefunden wurde. Eine gewichtige Rolle spielte die "Rhetorik", ritualisiertes Sprachverhalten, Ideologie, die ebenfalls jeweils ins Kalkül zu ziehen ist. Verfolgungen entpuppen sich als Ausdruck von tieferliegenden gesellschaftlichen Konflikten, als Auseinandersetzung von Gruppen mit Krone und König, die sich zur Staatsaffäre auswachsen konnten - nicht mußten. Hinter gleichförmigen Mustern in Anklage und Delikten stehen ganz unterschiedliche Absichten, treten andere Ergebnisse und Sündenböcke (etwa Prostituierte) zutage. Ritualisierte Gewalttätigkeit, wie während der Karwoche in Aragon, diente zur Stabilisierung {394} von Gruppen wie des Klerus und machte auf ihre Weise eine Koexistenz von Mehr- und Minderheiten überhaupt erst möglich. Die Rolle und die Funktion von Anklagen gegen und Verfolgung von Randgruppen erscheinen hier in einem anderen Licht. Derartiges analytisches Herangehen erbringt für die Untersuchung von Marginalisierung wie von Kriminalität neue, erhellende Erkenntnisse.

Lothar Kolmer {394}


[507], S. 394

Fernando Zulaica Palacios, Fluctuaciones económicas en un período de crisis. Precios y salarios en Aragón en la Baja Edad Media (1300-1430), Zaragoza 1994, Institución "Fernando el Católico", 492 S., ISBN 84-7820-216-1, ESP 3.462.  --  Diese Kurzfassung (síntesis) einer 1993 von der Universität Zaragoza approbierten phil. Diss. weist ihren Vf. nicht nur als profunden Kenner der geradezu üppigen archivalischen Quellen in Barcelona und Zaragoza zur Wirtschafts- und Finanzgeschichte des spätma. Aragón aus, sondern zeugt auch von seiner Beherrschung des methodischen Instrumentariums der Wirtschaftswissenschaften, das ihm die Erstellung zahlreicher Graphiken, Tabellen und Statistiken ermöglichte, deren Verständnis dem Normal-Mediävisten einiges an Mühe abverlangt. Für jeden an der Entwicklung von Preisen und Löhnen im Spät-MA sowie an der Diskussion über die sog. "Krise des Spätmittelalters" interessierten Leser lohnt sich die Mühe jedoch auch unabhängig von einem speziellen Interesse an der Ökonomie Aragóns allemal, da der Vf., inzwischen Professor für Wirtschaftsgeschichte und Finanzinstitutionen in Zaragoza, seine Befunde in die gesamteuropäischen Entwicklungen einzuordnen versucht und auch den internationalen Forschungsdiskurs, sogar unter Einschluß der deutschen Beiträge von Wilhelm Abel bis Ferdinand Seibt, für seine eigenen Überlegungen fruchtbar zu machen versteht und dadurch seinerseits wieder bereichert. Leider wird der reiche Inhalt des Buches durch kein Register erschlossen.

Peter Segl {394}


[508], S. 394

Emilio Mitre Fernández, Los judíos de Castilla en tiempo de Enrique III: el pogrom de 1391 (Estudios de historia medieval 3) Valladolid 1994, Universidad de Valladolid, 147 S., ISBN 84-7762-449-6, ESP 1.600.  --  Aufbauend auf eigenen früheren Publikationen über das Zusammenleben von Christen und Juden im ma. Spanien bietet M. aus umfassender Kenntnis der Quellen und in ständiger Auseinandersetzung mit der reichhaltigen Forschungsliteratur eine monographische Darstellung des schon mehrfach behandelten Pogroms von 1391, der von Sevilla ausgehend auch nach Aragón-Katalonien überschwappte und dort ebenso wie in Kastilien und vor allem in dessen andalusischen Regionen eine Bevölkerungsgruppe dezimierte, die auf Grund ihres Schutzbedürfnisses in einem besonders nahen Verhältnis zum Königtum gestanden hatte. Auf den auch die jüdischen Quellen berücksichtigenden Dokumentenanhang (S. 99-133) sei ausdrücklich hingewiesen.

Peter Segl {394}


[509], S. 394

Angel Martínez Casado, Lope de Barrientos. Un intelectual de la corte de Juan II (Monumenta Histórica Iberoamericana de la Orden de Predicadores 7) Salamanca 1994, Editorial San Esteban, 344 S., 6 Abb., ISBN 84-87557-85-6, ESP 2.718.  --  Die vorliegende Biographie des Dominikaners, Universitätslehrers, königlichen Ratgebers und Bischofs Lope de Barrientos (1382-1469), der in den durch Günstlingswirtschaft, Adelsrevolten und Bürgerkriege bestimmten Jahrzehnten {395} der Regierungen König Johanns II. (1406-1454) und seines Sohnes Heinrich IV. (1454-1474) seit 1429 am Hof des kastilischen Königs einflußreiche Positionen bekleidete, gelangt dank profunder Hss.- und Archivalienkenntnis ihres Vf. über die bisher maßgebliche Darstellung "Vida y obras de Fr. Lope de Barrientos" von L. G. Alonso Getino (Salamanca 1927) beachtlich weit hinaus und eröffnet neue Sichtweisen vor allem auf die literarische, wissenschaftliche und pastorale Tätigkeit dieser "personaje polifacético" (S. 167). Nur knapp werden im ersten Kapitel Herkunft, Familie, Ausbildung, Eintritt in den Dominikanerorden und Tätigkeit als Prinzenerzieher (seit Herbst 1429) angesprochen (S. 17-25), auch die Einbindung in die politischen Tagesgeschäfte unter Johann II. (S. 27-60) und Heinrich IV. (S. 61-84) wird ziemlich verdichtet, aber stets quellennah, dargestellt, ebenso seine verschiedenen "Fundaciones conmemorativas" (S. 85-105). Das Hauptaugenmerk des Buches ist auf das literarische Werk Barrientos' gerichtet, dessen gesamte Überlieferung zunächst katalogartig zusammengestellt und kommentiert wird (S. 107-123), unter anderem mit dem Ergebnis, daß die in der Forschung seit ihrer Edition von 1946 üblich gewordene Zuschreibung der "Cronica de Juan II" an Lope de Barrientos aufgegeben werden muß (S. 117-123). Ausführlich analysiert der Vf. die drei auf Veranlassung König Johanns vermutlich in den Jahren 1451-1453 geschriebenen Traktate De caso et fortuna, De los sueños e de los agüeros und De la adivinança e sus espeçies (S. 125-147), und dem Clavis sapientiae betitelten theologisch-philosophischen Hauptwerk seines Ordensbruders, dessen kritische Edition er vorbereitet, räumt er das ganze letzte Kapitel ein (S. 149-166), an das sich ein Anhang mit 39 Dokumenten aus den Jahren 1438 bis 1489 anschließt (S. 169-319). Handschriftenverzeichnis, Bibliographie und ausführliche Indizes von Personen und Orten sind beigegeben.

Peter Segl {395}


[510], S. 395

El Camino de Santiago, dirigido por Luis Blanco Vila (Cursos de Verano de El Escorial 93-94) Madrid 1995, Editorial Complutense, 98 S., ISBN 84-89365-17-2, ESP 1.935.  --  Der Sammelband präsentiert insgesamt acht Vorträge, die bei einem Sommerkurs im Escorial 1993/1994 gehalten wurden. An dieser Veranstaltung waren weniger Fachvertreter als Schriftsteller und Journalisten beteiligt. Gedruckt liegen nun weitgehend im besten Sinne feuilletonistische Beiträge vor, die sicher eine Vielzahl von Lesern für das Thema sensibilisieren können, aber (mit Ausnahme der Aufsätze von Gregorio Varela und Antonio Linage Conde) kaum in wissenschaftliche Bereiche vorstoßen.

Klaus Herbers {395}


[511], S. 395

William W. Kibler, Grover A. Zinn (Ed.), Medieval France. An Encyclopedia (Garland Encyclopedias of the Middle Ages, Vol. 2 = Garland Reference library of the humanities, Vol. 932) New York u. a. 1995, Garland, XXVI u. 1047 S., zahlreiche Abb., Karten, ISBN 0-8240-4444-4, USD 95.  --  Das Werk wird seinem Anspruch als "introduction to the political, economic, social, religious, intellectual, literary, and artistic history of France from the early 5th century to the late 15th" (S. VII) kaum gerecht und liefert allenfalls eine grobe Orientierung. Manche Einträge ergehen sich in mediävistischen Allgemeinplätzen und lassen konkrete Bezüge zu Frankreich vermissen. Schon bei eiliger Durchsicht wird {396} man ein literaturgeschichtliches Übergewicht feststellen. Chrétien de Troyes wird in fünf, Christine de Pizan in zwei Spalten abgehandelt; auf Petrus Venerabilis oder Petrus Lombardus entfallen etwas mehr als je eine Spalte; auch die fränkischen und französischen Könige erhalten selten längere Einträge (Karl der Gr. erhielt immerhin 3 Spalten), Jeanne d'Arc werden 1,5 Spalten gewidmet, Bischöfe wie Hinkmar von Laon und Ansegis von Sens fehlen. Rechtsgeschichtliche Aspekte sind ungenügend behandelt. Die Literaturangaben beschränken sich zumeist auf ältere Monographien, neuere Literatur ist eher zufällig eingestreut; selbst in den englischsprachigen Literaturangaben finden sich bedenkliche Druckfehler.

Arno Mentzel-Reuters


[512], S. 396

Claude Andrault-Schmitt, Des abbatiales du "Désert". Les églises des successeurs de Géraud de Sales dans les diocèses de Poitiers, Limoges et Saintes (1160-1220), Bulletin de la Société des antiquaires de l'Ouest et des musées de Poitiers. 5e série, T. VIII (1994) S. 91-172, spricht u. a. die Urkunde Lucius' II. für Fontdouce (JL 8694) an, deren Edition durch Wiederhold (Nachrichten Göttingen 1911. Beiheft, S. 39 Nr. 14) ihm jedoch völlig unbekannt ist.

Rolf Große {396}


[513], S. 396

Louis Stouff, Confrérie et confréries à Arles, 1120-1500, Provence historique 47 (1997) S. 13-24, skizziert Ziele und personelle Zusammensetzung laikaler Bruderschaften in Arles: Während sie im 12./13. Jh. eine wichtige Rolle im Kampf um die Stadtherrschaft spielen, entbehren sie im Spät-MA jeder politischen Bedeutung.

Rolf Große {396}


[514], S. 396

Aryeh Graboïs, Le "roi juif" de Narbonne, Annales du Midi 109 (1997) S. 165-188, befaßt sich mit der jüdischen Gemeinde von Narbonne im Hoch-MA. Sie wurde von einer Dynastie geleitet, die behauptete, von König David abzustammen; ihre Niederlassung in Narbonne führte sie auf ein angebliches Privileg Karls des Großen zurück.

Rolf Große {396}


[515], S. 396

Jacques Paul, Charles II et la fondation du couvent royal de Saint-Maximin, in: Mémoire Dominicaine. Histoire - Documents - Vie dominicaine: Le couvent royal de Saint-Maximin, 8 (1996) S. 17-31, betont anläßlich eines Kongresses zur Neugründung des Klosters vor 700 Jahren (1295) die Rolle des Herzogs der Provence und Königs von Sizilien bei der Übertragung des südfranzösischen Klosters (in der Diözese Aix) von den Benediktinern auf die Dominikaner.

Christian Lohmer


[516], S. 396

Reinhold Schneider, Deventer zwischen dem Stift Utrecht und dem Herzogtum Geldern vom 13. bis zum späten 14. Jahrhundert. Möglichkeiten und Grenzen städtischer Außenpolitik im Kräftespiel zweier Territorien (Niederlande Studien 12) Münster u. a. 1994, LIT-Verlag, 447 S., ISBN 3-8258-2170-6, DEM 68,80.  --  Diese von P. Johanek betreute Diss. der Universität Münster fragt nach den "Mechanismen städtischer Diplomatie" (S. 12). Der Vf. will "die Position Deventers innerhalb des Systems sich gegenseitig beeinflussender Mächte (...) ermitteln" (S. 15). Eine wichtige Quelle sind für ihn dabei die bisher in dieser Weise als Serienquelle nicht genutzten Kämmereirechnungen der Stadt Deventer {397} aus dem 14. Jh.; jedoch weist der Vf. zu Recht darauf hin, daß die quantitative Methode dem Forscher die qualitative Auswertung und Beurteilung nicht abnimmt (S. 22).  --  Zunächst wird die Stadt Deventer politisch differenziert als Mitglied überregionaler Bündnisse dargestellt. Wichtig waren die Beziehungen zur Hanse, auch wenn man Deventer nicht zu den aktivsten Mitgliedern der Hanse zählen kann. Im Umgang mit den Bischöfen von Utrecht und den Grafen, später Herzögen von Geldern, ist es Deventer oft gelungen, die Macht der Landesherren für die eigenen Ziele zu nutzen. Beachtung verdient hier der Exkurs zum "'Klaringe-Streit' in Overijssel" (S. 138-142). Zur Charakterisierung des Verhältnisses zwischen Deventer und dem Adel werden in exemplarischer Weise sieben Fehden aus der Zeit von 1344 bis 1380 untersucht; sie zeigen den Adel im Rückzug vor der städtischen Machtausdehnung auf dem Lande. Besonders intensiv werden die "diplomatischen Beziehungen" (S. 201) Deventers zu den Nachbarstädten erörtert. Überraschend häufig tritt der Magistrat von Deventer als Schlichter in Streitfällen auf. Der Vf. berücksichtigt auch die personalen Aspekte seines Themas und untersucht den Besitz von Bürgern Deventers außerhalb der Stadt. Insgesamt erscheint Deventer als eine Stadt, die eine "selbstbewußte Außenpolitik" (S. 297) betrieben hat, die sich in den Stadtrechnungen als Kosten für Geschenke und Gesandtschaften niederschlägt. Am Ende ist gut nachzuvollziehen, wie Deventer am Ende des 14. Jh. zu der "Selbsteinschätzung als quasi 'Hauptstadt'" (S. 330) gelangt ist.  --  Der Untersuchung sind 55 Abb. quantifizierender Art beigegeben. Weitere 18 Karten und Anhänge ergänzen den Text (S. 333-391); hier ist auch nach der Edition von F. W. Otto (1842) das Carmen rythmicum de Daventria abgedruckt (S. 337).

Goswin Spreckelmeyer {397}


[517], S. 397

Helmut Gneuss, Language and History in Early England (Collected Studies Series CS 559) Aldershot u. a. 1996, Variorum, VIII u. 324 S., ISBN 0-86078-601-3, GBP 52,50.  --  12 zwischen 1964 und 1993 erschienene Aufsätze des Münchener Anglisten sowie einen Erstdruck (Latin Loans in Old English: A Note on their Inflexional Morphology) enthält dieser "Variorum-Band", der, wie gewohnt, auch durch Register erschlossen wird.

Martina Stratmann


[518], S. 397

Peter A. Clarke, The English Nobility under Edward the Confessor (Oxford historical monographs) Oxford 1994, Clarendon Press, XII u. 386 S., ISBN 0-19-820442-6, GBP 40.  --  C. untersucht zunächst - wie andere vor ihm - aufgrund der Angaben im Domesday Book die Besitzgrößen der Earls vor 1066, wobei die Familie Godwines von Wessex voransteht. Vor allem aber geht es dem Vf. um die Besitzungen sonstiger Adliger im Wert von 40 Pfund oder darüber und die Formen der Abhängigkeitsverhältnisse. Es zeigt sich, daß - anders als später unter Wilhelm dem Eroberer - oft persönliche Bindungen an einen Herrn bestanden, ohne daß von diesem auch das Land des Mannes abhängig war. Meist hatten die tenants nur einen einzigen Herrn - in Ostanglien, das sich durch soziale Besonderheiten heraushebt, konnten es auch mehrere sein. Schutz und Dienst wurden als Grundlagen des Systems angesehen. Auch Militärdienst abhängiger Leute ist bezeugt, doch bleiben die Einzelheiten unklar. Unter König Edward kam es zu vielfachen Verschiebungen des Grundbesitzes. Das vom Domesday Book gezeichnete statische Bild muß also korrigiert werden. Schwierig {398} zu klären ist, wieweit Adelsgüter als Zubehör eines Amtes vergeben wurden, was einst Maitland annahm, und wenn ja, ob sie nach dem Tod des Inhabers dessen Familie verblieben. Im ganzen schreibt der Vf. den Earls größere Unabhängigkeit vom König zu als den normannischen Kronvasallen nach 1066. Er schließt sich teilweise den neueren Tendenzen (R. R. Reid, D. Roffe u. a.) an, die Kontinuität zwischen den Rechten der sächsischen und der normannischen Herren zu betonen, übersieht jedoch nicht die Wandlungen in den tenurial patterns unter Wilhelm I. Interessant ist der Vergleich zwischen der Familienstruktur beim angelsächsischen Adel und der deutschen Aristokratie, wobei C. an Überlegungen von Karl Schmid anknüpft und nach der Aussagekraft der Personennamen fragt. Seine Meinung, Godwine sei einer bloßen Mode gefolgt, als er seinen Söhnen skandinavische Namen wie Sven und Harald gab, überzeugt nicht ganz. Schließlich war deren Mutter eine Dänin und mit dem dänischen Königshaus verschwägert. Offenbar erstrebte der Earl eine Ansippung an diese vornehme Verwandtschaft.  --  Umfangreiche Tabellen veranschaulichen die Ergebnisse.

Karl Schnith {398}


[519], S. 398

Pauline Stafford, Women and the Norman Conquest, Transactions of the Royal Historical Society, Sixth series 4 (1994) S. 221-249, ist ein starkes und methodisch gut fundiertes Plädoyer gegen die verbreitete Annahme, die normannische Eroberung habe schlagartig den Verlust von Macht und Status für Frauen in England bedeutet. Die nicht sehr umfangreichen Quellen für das 10. und 11. Jh. lassen einen solchen Schluß nicht zu, weil sie ein goldenes Zeitalter für Frauen in spätangelsächsischer Zeit nicht belegen.

Timothy Reuter


[520], S. 398

Paul Dalton, Conquest, Anarchy and Lordship. Yorkshire, 1066-1154, (Cambridge Studies in medieval life and thought. Fourth series 27) Cambridge u. a. 1994, Cambridge University Press, XXII u. 345 S., Karten, ISBN 0-521-45098-5, GBP 40.  --  D. zeichnet ein von der bisherigen Sicht abweichendes Bild der Verhältnisse in der größten englischen Grafschaft nach der normannischen Eroberung und greift darüber hinaus geheiligte Überzeugungen der britischen Mediävistik an. Nach Meinung des Vf. wurde Yorkshire keineswegs von Wilhelm I. so weitgehend verwüstet, wie man allgemein lesen kann. Die Eroberung schritt - auf Burgen gestützt - relativ rasch voran; normannische Herrschaften wurden zügig aufgebaut. Es entstanden Abhängigkeitsverhältnisse, die angelsächsischen Vorbildern glichen. Neu war die Verpflichtung zur Burghut. Klostergründungen (fast 20) trugen zur Absicherung bei. Die Lehnsbindungen waren aber nicht so stark, wie einst F. M. Stenton es sich vorstellte. König Heinrich I. griff energisch ein, was bisher übersehen wurde. Das selbstsüchtige Verhalten mancher Barone in der Zeit der "Anarchie" konnte überwunden, ein drohendes Übergreifen Schottlands abgewehrt werden. Und schließlich: Die Reformen Heinrichs II. bedeuteten keine Umgestaltung der "seignorial world" zur "Common Law society of property rights", weil es für deren Aufkommen längst Grundlagen gab. Zu dieser revolutionären These werden vor allem die Rechtshistoriker Stellung zu nehmen haben.

Karl Schnith {398}


[521], S. 398

Joan Greatrex, Biographical Register of the English Cathedral Priories of the Province of Canterbury, c. 1066 to 1540, Oxford u. a. 1997, Clarendon Press, {399} XXIV u. 954 S., ISBN 0-19-820424-8, GBP 95.  --  Dieses nützliche prosopographische Nachschlagewerk enthält Verzeichnisse aller nachweisbaren Mönche, die Mitglieder der acht benediktinischen Domstifte der südenglischen Kirchenprovinz waren. Die alphabetischen und nach den Domprioraten gegliederten Verzeichnisse bieten kurze biographische Informationen, vor allem Details zu Ausbildung und Werdegang der Mönche. Das Material bietet vielerlei Einsichten ins Leben der englischen Benediktiner; von besonderer Bedeutung erscheint ihr Anteil an der kleinen Bevölkerungsschicht, die ein Universitätsstudium absolviert hat. Mit 1515 Einträgen auf fast 300 S. steht Canterbury als bestdokumentiertes Domstift an der Spitze der Liste.

Julia Barrow {399}


[522], S. 399

Christopher Daniell, Death and burial in medieval England 1066-1550, London u. a. 1997, Routledge, IX u. 242 S., 13 Abb., ISBN 0-415-1162-9, GBP 35, legt einen allgemeinen Überblick vor, in den einzelne archäologische Befunde eingebettet sind.

Lothar Kolmer {399}


[523], S. 399

Anglo-Norman Studies XVI. Proceedings of the Battle Conference 1993, edited by Marjorie Chibnall, Woodbridge u. a. 1994, The Boydell Press, XI u. 289 S., 37 Abb., 7 Karten, ISBN 0-85115-355-6, GBP 39,50.  --  William M. Aird, St Cuthbert, the Scots and the Normans (S. 1-20), untersucht die politische Stellung der Klerikergemeinde von Durham nach der normannischen Eroberung.  --  Robert S. Babcock, Rhys ap Tewdwr, king of Deheubarth (S. 21-35): Die Geschichte des Waliser Kleinkönigs zeigt exemplarisch, wie wenig Spielraum diesen Fürsten nach der Eroberung noch übrigblieb.  --  Paul Brand, 'Time out of mind': the knowledge and use of the eleventh- and twelfth-century past in thirteenth-century litigation (S. 37-54): Trotz Bemühungen, das Verjährungsprinzip in das englische Besitzrecht einzuführen, dauerte es mindestens ein Jahrhundert, bevor die Gerichte dieses Prinzip konsequent anwendeten.  --  Shirley Ann Brown and Michael W. Herren, The Adelae comitissae of Baudri of Bourgeuil and the Bayeux tapestry (S. 55-73): Der im Gedicht apostrophierte Wandteppich ist weder als real existierender Teppich von Bayeux noch als etwas ganz anderes zu verstehen, sondern als Idealform des wirklichen Teppichs.  --  Edoardo D'Angelo, Giuseppe del Re's 'critical' edition of Falco of Benevento's Chronicle (S. 75-81), weist auf die Mängel dieser Edition hin, die vor allem durch die ungeprüfte Übernahme früherer Editionsangaben entstanden seien: die beigegebene Fehlerliste enthält aber meist selbst offenkundige Druckfehler.  --  David N. Dumville, Anglo-Saxon books: treasure in Norman hands? (S. 83-99): Etwa 50 Hss. aus dem angelsächsischen England tauchten ab dem späten 11. Jh. in festländischen, vor allem nordfranzösischen Bibliotheken auf, was im allgemeinen auf Beutemachen schließen läßt, wenngleich dies in den einzelnen Fällen schwer nachzuweisen ist.  --  Jean Dunbabin, Geoffrey of Chaumont, Thibaud of Blois and William the Conqueror (S. 101-116).  --  Bernard Gauthiez, Paris, un Rouen capétien? (Développements comparés de Rouen et Paris sous les règnes de Henri II et Philippe-Auguste) (S. 117-136).  --  Brian R. Kemp, Towards admission and institution: English episcopal formulae for the appointment of parochial incumbents in the twelfth century (S. 155-176).  --  Mary Frances Smith, Archbishop Stigand and the eye of the needle (S. 199-219), untersucht die Karriere des notorischen Simonisten und Pfründenjägers, der aber eher wegen politischer {400} Unzuverlässigkeit 1070 abgesetzt worden ist.  --  Benjamin Thompson, Free alms tenure in the twelfth century (S. 221-243), stellt die Bedeutung der Gerichtsreformen Heinrichs II. für die rechtliche Handhabung von Seelgerätstiftungen u. ä. fest.  --  Sally N. Vaughn, Anselm in Italy, 1097-1100 (S. 245-270), versucht, den diplomatischen Hintergrund des Konflikts zwischen Anselm und Wilhelm II. zu beleuchten, leider auf ziemlich naive und spekulative Weise.  --  John Bryan Williams, Judhael of Totnes: the life and times of a post-conquest baron (S. 271-289), ist eine sorgfältige Kleinbiographie eines Barons der zweiten Garnitur, deren Details für den Vorgang der Eroberung und die Formierung des anglo-normannischen Adels sehr aufschlußreich sind.

Timothy Reuter


[524], S. 400

Law and Government in Medieval England and Normandy. Essays in honour of Sir James Holt, edited by George Garnett and John Hudson, Cambridge u. a. 1994, Cambridge University Press, XVIII u. 387 S., 1 Porträt, ISBN 0-521-43076-3, GBP 40.  --  J. C. Holt ist vor allem durch seine Arbeiten über die Magna Charta und deren Umfeld, über die Probleme des Landbesitzes und Erbrechts, die Beziehungen zwischen England und dem Festlandsbesitz seiner Könige und nicht zuletzt zu Robin Hood bekanntgeworden. Die 14 Beiträge dieser Festschrift knüpfen an seine Interessen an.  --  John Gillingham, 1066 and the introduction of chivalry into England (S. 31-55), stellt die These auf, in der Normandie zeige sich schon vor der Mitte des 11. Jh. eine Wendung gegen die Blutrache, verbunden mit Milde des Herzogs gegen Rebellen aus der Aristokratie, während England demgegenüber noch barbarisch war. Vieles spreche dafür, in dem Eroberer "the first chivalrous ruler in English history" zu sehen. Diese Sicht setzt freilich voraus, daß man das Urteil des Ordericus Vitalis über die Wildheit der Normannen als propagandistische Stellungnahme (zugunsten Heinrichs I.) beiseite schiebt. Im übrigen kann man den Begriff chivalry auch wesentlich weiter fassen.  --  Matthew Strickland, Against the Lord's anointed: aspects of warfare and baronial rebellion in England and Normandy, 1075-1265 (S. 56-79), betont, daß viele Rebellen nicht gegen den gesalbten König kämpfen wollten. Daneben wurde die Niederlage des dominus ligius gegenüber seinen Vasallen als Enormität empfunden. Immerhin kam es aber doch zu Mordplänen gegen die Könige. S. nimmt an, diese seien bereit gewesen, Rebellen zu töten, und lediglich äußere Umstände ("Realpolitik") hätten sie davon abgehalten.  --  Die weiteren Aufsätze befassen sich mit weitgespannten Themen: J. O. Prestwich, Military intelligence under the Norman and Angevin kings (S. 1-30); George Garnett, 'Ducal' succession in early Normandy (S. 80-110); Patrick Wormald, 'Quadripartitus', zusammen mit Richard Sharpe, Appendix: The prefaces of 'Quadripartitus' (S. 148-172); Stephen D. White, The discourse of inheritance in twelfth-century France: alternative models of the fief in Raoul de Cambrai (S. 173-197); John Hudson, Anglo-Norman land law and the origins of property (S. 198-222); S. F. C. Milsom, The origin of prerogative wardship (S. 223-244); Mary Cheney, Possessio/proprietas in ecclesiastical courts in mid-twelfth-century England (S. 245-254); Julia Boorman, The sheriffs of Henry II and the significance of 1170 (S. 255-275); Marjorie Chibnall, The charters of the Empress Matilda (S. 276-298); David Crouch, A Norman conventio and bonds of lordship in the middle-ages (S. 299-324); David Crook, The archbishopric of York and the extent of the forest in Nottinghamshire in the twelfth century (S. 325-340); Brian {401} Kemp, Archdeacons and parish churches in England in the twelfth century (S. 341-364), betont das in der Regel korrekte Verhalten der Archidiakone gegenüber den Pfarrkirchen, das vor allem bei Vakanz von Bedeutung war.

Karl Schnith {401}


[525], S. 401

The Anarchy of King Stephen's Reign, edited by Edmund King, Oxford 1994, Clarendon Press, XXIV u. 332 S., Abb., ISBN 0-19-820364-0, GBP 35.  --  100 Jahre nachdem J. H. Round in seinem "Geoffrey de Mandeville" die These von der "Turbulenz" der Barone in der Zeit Stephans von Blois entwickelte, machen sich zehn Historiker daran, dieses - heute zunehmend in Zweifel gezogene - Bild zu überprüfen und zu ergänzen. Der Befund "Anarchie" wird dabei grundsätzlich nicht in Frage gestellt. Einleitend umreißt K. die neuen Ergebnisse. Unbestritten ist, daß die Probleme der Normandie, Schottlands und des walisischen Westens stärker gewichtet werden müssen als einst bei Round: Marjorie Chibnall, Normandy (S. 93-115), G. W. S. Barrow, The Scots and the North of England (S. 231-253) und David Crouch, The March and the Welsh Kings (S. 255-289).  --  C. Warren Hollister, The Aristocracy (S. 37-66), geht bei der Beurteilung der Aristokratie eine Strecke weit mit Round und leugnet nicht die nach 1139 um sich greifende Dezentralisation, meint aber, die meisten Barone hätten nicht Anarchie, sondern eine starke Monarchie gewollt.  --  Charles Coulson, The Castles of the Anarchy (S. 67-92), wertet die Errichtung neuer Adelsburgen als unvermeidliche Reaktion auf die unter Stephan aufkommende allgemeine Verwirrung.  --  Graeme White, Continuity in Government (S. 117-143), fragt (wie kürzlich E. Amt, vgl. DA 52, 788) nach der Kontinuität in der Regierung und legt dar, daß der erste Anjou-König sowohl an die Praktiken seines Großvaters Heinrich I. wie auch an die Zielsetzungen Stephans anknüpfte.  --  Mark Blackburn, Coinage and Currency (S. 145-205), analysiert unter Einbeziehung neuer Funde das Münzwesen, das zunächst zentral in der Hand Stephans war, bevor Einbrüche von seiten der Kaiserin Mathilde und lokaler Magnaten erfolgten.  --  Christopher Holdsworth, The Church (S. 207-229), skizziert zunächst die Haltung der Päpste gegenüber Stephan, wobei die Parteinahme Innozenz' II. für diesen vielleicht überzeichnet wird (vgl. die gewundenen Formulierungen im Papstbrief bei Richard von Hexham, S. 147 f.). Da der Beitrag mit "The Church" überschrieben ist, könnte man eine Würdigung der Rolle Heinrichs von Blois als päpstlicher Legat erwarten. Abschließend bietet H. detaillierte Angaben über die neuen Klostergründungen und deren Motivationen ("own castle of prayer").  --  J. C. Holt, 1153: The Treaty of Winchester (S. 291-316), sieht in dem sog. "Vertrag" von Westminster 1153, der die Anarchie beendete, eine Teil-Publikation der vorher in Winchester erzielten Absprachen zwischen Heinrich II., Stephan, den Bischöfen und dem Adel. Dabei wurden ad- hoc-Lösungen für künftige Ansprüche ins Auge gefaßt, deren Umfang man noch gar nicht absehen konnte.

Karl Schnith {401}


[526], S. 401

Richard Mortimer, Angevin England 1154-1258, Oxford 1994, Blackwell, XII u. 266 S., zahlreiche Abb., Tabellen, ISBN 0-631-16388-3, GBP 25.  --  Auf den ersten Blick erwartet man eine weitere Darstellung zur englischen Ereignisgeschichte mit eingeschobenen Querschnittkapiteln zu bestimmten Problemkreisen. Es finden sich Überschriften wie "The King's Government", "The King and the {402} Aristocracy", "Rural Society", "Towns, Industry and Trade" - ganz im Stil bisheriger Überblickswerke. Doch M. will die einzelnen Bereiche des Lebens und der Aktivität nebeneinander stellen und ineinander verschränken und zudem die Rolle Englands im britannischen und europäischen Kontext würdigen. Dabei wird die chronologische Abfolge nur von Fall zu Fall berücksichtigt und nicht zu einer durchgehenden Linie verdichtet. Ein Leser, der bereits über intensive Detailkenntnisse verfügt, wird das Buch mit reichem Gewinn heranziehen. Ein anderer wird vielleicht Schwierigkeiten haben, wenn er von S. 14 an da und dort auf "King John" stößt, sich aber mit Einzelheiten begnügen muß. Es ist mühsam, sich über das Register weitere Kenntnisse anzueignen. Und wer auf S. 22 liest, bei Mehrfach-homagium habe es einen Haupt-Herrn gegeben, "of whom the main estate was held", wird allein dadurch die Bedeutung der ligesse nicht erfassen können; im Index fehlt das Stichwort. Schade, daß die Darstellung den Schwerpunkt einseitig auf die Zeit Heinrichs II. und seiner Söhne legt und die folgende Epoche Heinrichs III. viel kürzer behandelt, dazu nur bis zum Einsetzen der Adelsopposition. Hingewiesen sei auf den Abschnitt über "Learning, Literature and the Arts", der bei aller Knappheit einen ausbaufähigen Leitfaden bildet. Als Kennzeichen englischer Kultur erscheint die Praktikabilität. Lesenswert sind auch die abschließenden Ausführungen über das allmähliche Verblassen der Normanitas und die Entstehung einer eigenen Identität vom 12. Jh. an, die zur "re-emergence of English national feeling" führte.

Karl Schnith {402}


[527], S. 402

Thirteenth Century England 5: Proceedings of the Newcastle upon Tyne Conference 1993, edited by Peter Coss and Simon Lloyd, Woodbridge u. a. 1993, Boydell, 230 S., ISBN 0-85115-565-0, GBP 39,50.  --  In Band 5 dieser in Newcastle-upon-Tyne begonnenen und seit 1995 in Durham fortgesetzten Konferenzreihe werden 14 Beiträge mit teilweise wichtigen Forschungsergebnissen zur Politik-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte der Britischen Inseln im 13. Jh. vorgelegt. Einleitend stellt Michael Clanchy, Inventing Thirteenth-Century England: Stubbs, Tout, Powicke - Now What? (S. 1-20), die Forderung nach einer neuen Gesamtdarstellung der englischen Geschichte im 13. Jh. auf, die auf der Basis neuerer Forschungsresultate die Arbeiten Powickes ersetzen sollte.  --  Philip Morgan, Making the English Gentry (S. 21-28), skizziert anhand einer Reihe von gut ausgewählten Beispielen, wie sich die Klasse der größeren Landbesitzer innerhalb der Grafschaften durch fiktive Familientraditionen - erfundene Genealogien, Kriegstaten, Aufbau von Familienarchiven, Übertragung von Personennamen auf Ländereien - eine eigene kulturelle Identität schuf.  --  Ruth Ingamells, The Political Role of the Household Knights of Edward I (S. 29-35), weist auf die Rolle der Ritter des königlichen Haushalts in den Parlamenten Eduards I. hin.  --  Robert Bartlett, The Hagiography of Angevin England (S. 37-52), macht bei seiner Auswertung von Texten aus dem Zeitraum 1180-1220 besonders auf die Rolle von Erzbischof Hubert Walter bei der Heiligsprechung englischer Geistlicher aufmerksam, während Brian Golding, Gerald of Wales and the Monks (S. 53-64), auf die Hintergründe der Kritik des Giraldus Cambrensis am zeitgenössischen Mönchtum in Wales und den Waliser Marken eingeht.  --  Andrew Hershey, Success or Failure? Hugh Bigod and Judicial Reform during the Baronial Movement, June 1258-February 1259 (S. 65-87), analysiert die unter dem Justiziar Hugh Bigod durchgeführten Rechtsreformen, {403} deren Auswirkungen sich in der Zahl der durch formlose "querela" angestrengten Prozesse widerspiegeln.  --  Einen weiteren wichtigen Beitrag zu Fragen der Rechts- und Verwaltungsgeschichte bietet Scott Waugh, The Origins and Early Development of the Articles of the Escheator (S. 89-113), der die Entwicklung der Tätigkeit dieser seit Mitte des 13. Jh. mit der Kontrolle von Kronlehen betrauten Beamten untersucht, die nicht nur "Inquisitiones post mortem" nach dem Tode von Kronvasallen durchführten, sondern auch illegale Veräußerungen und andere Übergriffe dieser der Krone unmittelbar verbundenen Lehensleute aktenkundig machten. Dazu konnten öffentliche Befragungen vorgenommen werden, für deren Durchführung es bestimmte Kriterienkataloge gab, die hier zum ersten Mal systematisch ausgewertet werden.  --  James Masschaele, Urban Trade in Medieval England: The Evidence of Foreign Gild Membership Lists (S. 115-128), legt seinem Beitrag die Mitgliederlisten verschiedener englischer Gilden zugrunde und versucht, den Anteil der etwa den deutschen Pfahlbürgern entsprechenden "forinseci" zu bestimmen, um so die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Stadt und Umland näher bestimmen zu können.  --  Vor dem Hintergrund der besonders in Italien entstehenden Handelskompanien mit ihren Netzwerken von Filialen in vielen Teilen Europas stellt R. H. Britnell, Sedentary Long-Distance Trade and the English Merchant Class in Thirteenth-Century England (S. 129-139), die Frage nach Struktur und Organisation des englischen Handels im gleichen Zeitraum. Er beobachtet dabei eine zunehmende Tendenz der Handelsherren, die eigentlichen Transaktionen von reisenden Bediensteten durchführen zu lassen, während sie selbst sich den politischen Aufgaben in ihren Heimatstädten widmeten.  --  Anhand der Einkünfte des königlichen Schatzamtes untersucht W. M. Ormrod, Royal Finance in Thirteenth-Century England (S. 141-164), vor dem Hintergrund der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung, wie sich die Steuerlasten unter Heinrich III. und Eduard I. verschoben.  --  Auf sozialgeschichtliche Fragestellungen im Zusammenhang mit Siegelgebrauch und -besitz geht Andrew McGuinness ein (S. 165-177), R. Malcolm Hogg zieht für seine Studie von Buchpreisen in England (S. 179-194) Schadensersatzforderungen und Wertangaben aus Gerichtsakten heran, und Michael Burger, Bishops, Archdeacons and Communication between Centre and Locality in the Diocese of Lincoln, c. 1214-1299 (S. 195-206), identifiziert durch geschickte Auswertung der Akten dieser reichen englischen Diözese Veränderungen in der Verwaltungsstruktur.  --  Wichtig für die Geschichte der anglo-schottischen Beziehungen ist der Aufsatz von A. A. M. Duncan, The Process of Norham, 1291 (S. 207-230), der in einer detaillierten Darstellung auf die Frage der Lehensoberhoheit des englischen Königs und die Vorgänge in Frühjahr und Sommer 1291 eingeht.

Jens Röhrkasten {403}


[528], S. 403

Thirteenth Century England 6: Proceedings of the Durham Conference 1995, edited by Michael Prestwich, R. H. Britnell and Robin Frame, Woodbridge u. a. 1997, Boydell, VI u. 191 S., ISBN 0-85115-674-6, GBP 39,50.  --  Die dem Thema "Thirteenth Century England" gewidmete Reihe von Tagungen, nun unter der Führung der Durhamer Historiker Prestwich, Britnell und Frame, wird erfreulicherweise weiter fortgesetzt. Trotz des Titels handeln strenggenommen nur sieben der zwölf Aufsätze vom 13. Jh., da sich die Hg. entschlossen, die Zeitspanne auf das "lange 13. Jahrhundert" auszuweiten, das mit der Regierungszeit {404} von Richard Löwenherz anfängt und mit dem Tode Eduards II. schließt. John Gillingham, Richard I, Galley-Warfare and Portsmouth: the Beginnings of a Royal Navy (S. 1-15), sieht, gegen eine seit 1847 verbreitete historische Tradition, Richard und nicht Johann Ohneland als den Vater der englischen Kriegsmarine.  --  Barbara Harvey, The Aristocratic Consumer in England in the Long Thirteenth Century (S. 17-37), stellt fest, wo der Westminster-Abt Walter von Wenlock seine Einkäufe tätigte.  --  Mark Page, Challenging Custom: the Auditors of the Bishopric of Winchester c. 1300 - c. 1310 (S. 39-48), beschreibt die kostensparenden Maßnahmen der Wirtschaftsprüfer der Bischöfe von Winchester.  --  Peter Coss, Identity and the Gentry c. 1200 - c. 1340 (S. 49-60), versucht, gegen Christine Carpenter, die Rolle der Grafschaften im 13. Jh. zu verteidigen.  --  Jens Röhrkasten, Mendicants in the Metropolis: the Londoners and the Development of the London Friaries (S. 61-75), zeigt, daß, obwohl die Einwohner Londons reges Interesse für die Bettelorden zeigten, die Hauptrolle bei der Gründung und Förderung der Konvente von der königlichen Familie und vom Hofe übernommen wurde.  --  Susan Crane, Social Aspects of Bilingualism in the Thirteenth Century (S. 105-115), beschäftigt sich mit den Konsequenzen der Zweisprachigkeit in England in dieser Periode.  --  J. J. Crump, The Mortimer Family and the Making of the March (S. 117-126), verfolgt den Aufstieg der Mortimer-Familie in den walisischen Marken und ihre immer enger werdenden Beziehungen zum König im 13. Jh.  --  F. J. Watson, Settling the Stalemate: Edward I's Peace in Scotland, 1303-1305 (S. 127-143), analysiert die nur kurz andauernden Versuche Eduards, die Verwaltung von Schottland mit der von England gleichzuschalten.  --  John Carmi Parsons, The Intercessionary Patronage of Queens Margaret and Isabella of France (S. 145-156), beschreibt die Rolle dieser zwei Damen als Intervenientinnen.  --  Paula Dobrowolski, Women and their Dower in the Long Thirteenth Century 1265-1329 (S. 157-164), kommt zu dem Schluß, daß Witwen in den 20er Jahren des 14. Jh. es viel schwieriger hatten, ihre Rechte zu bekommen, als zur Zeit Simons von Montfort.  --  Chris Given-Wilson, Vita Edwardi Secundi - Memoir or Journal (S. 165-176), zeigt, daß dieses Werk in einem längeren Zeitraum von etwa 15 Jahren entstand.  --  Wendy Childs, Resistance and Treason in the Vita Edwardi Secundi (S. 177-191), analysiert die Gedanken des anonymen Autors der Vita zum Thema des Verrats.

Julia Barrow {404}


[529], S. 404

Ralph V. Turner, Kin