Deutsches Archiv

für Erforschung des Mittelalters

Jahrgang 52. 1996, Heft 1

 

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1. Allgemeines

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3. Politische und Kirchengeschichte des Mittelalters

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DA 52.1996, Heft 2

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    Da521

    1. Allgemeines

  1. Vinculum Societatis. Joachim Wollasch zum 60. Geburtstag, hg. von Franz Neiske, Dietrich Poeck und Mechthild Sandmann, Sigmaringendorf 1991, regio Verlag Glock und Lutz, 352 S., Abb., ISBN 3-8235-6090-5, DEM 98. - Diese Festschrift spiegelt die Forschungsinteressen des Jubilars viel präziser wider als bei dieser Gattung üblich: Die meisten Beiträge sind sehr detaillierte Untersuchungen von Memorialquellen, deren oft recht nuancierte Ergebnisse hier nur knapp wiedergegeben werden können. - Raphaela Averkorn, Die Cistercienserabteien Berdoues und Gimont in ihren Beziehungen zum laikalen Umfeld. Gebetsgedenken, Konversion und Begräbnis (S. 1-35), kommt nach dem Studium der Chartulare der beiden Zisterzen in der Gascogne zu dem Ergebnis: "Die Cistercienser ... boten den Laien zumeist Leistungen an, die auch schon aus früheren Jahrhunderten bekannt waren, ... modifizierten sie aber nach ihren speziellen Vorstellungen" (S. 35). - Mechthild Black, Die Töchter Kaiser Heinrichs III. und der Kaiserin Agnes (S. 36-57), schlägt nach erneuter Untersuchung der Quellen die Reihenfolge Agnes (1045), Gisela (1047), Mathilde (1048), Judith (1054) vor. - Maria Hillebrandt, Stiftungen zum Seelenheil durch Frauen in den Urkunden des Klosters Cluny (S. 58-67). - Rolf Kuithan, Wernherus pictor und Reinhardus Mundrichingen. Anmerkungen zu einem Autorenbild aus der Abtei Zwiefalten (S. 68-82), vermutet, daß das Zwiefaltener Totenbuch (Stuttgart, Württembergische Landesbibl., Cod. Hist. fol. 420) "so etwas wie ein Privatexemplar" Reinhards gewesen sei, was auch sein Bild erklären könne. - Axel Müssigbrod, Das Necrolog von Saint-Pons de Thomières (S. 83-117), untersucht das im Kapiteloffiziumsbuch des im 10. Jh. gegründeten südfranzösischen Benediktinerklosters (Paris, B. N. lat. 5259) erhaltene, in der ersten Hälfte des 13. Jh. angelegte und bis ins 14. Jh. geführte Nekrolog, ediert einige Einträge und datiert mit Kehr und gegen Schieffer und Hüls das von Hugo Candidus abgehaltene Avignoneser Konzil in das Jahr 1068. - Franz Neiske, Der Konvent des Klosters Cluny zur Zeit des Abtes Maiolus. Die Namen der Mönche in Urkunden und Necrologien (S. 118-156), ermittelt ca. 150 Namen von Mitgliedern des Maiolus-Konvents und somit "eine Konventsstärke von etwa 100 Religiosen in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts" (S. 153). - Johannes Nospickel, Graf Leotald von Mâcon als Förderer des Klosters Cluny (S. 157-174), zeigt den im zweiten Drittel des 10. Jh. amtierenden Adligen, einen Gefolgsmann der Richardus-Iustitiarius-Familie, als einen eifrigen Gönner des Klosters, im Gegensatz zu seinen unmittelbaren Amtsnachfolgern. - Dietrich Poeck, Totengedenken in Hansestädten (S. 175-232), untersucht in einer sehr ausführlichen Studie, der mehrere Karten beigegeben sind, die aus vorhansischen Traditionen entstandene Memorialpraxis der Hanseaten, in der Sicherung der eigenen Memoria und Armenspenden eng verknüpft waren. - Mechthild Sandmann, Kalendar und Martyrolog in Saint-Airy zu Verdun (S. 233-275), untersucht zwei Kapiteloffiziumsbücher sowie ein weiteres Kalendar des im 11. Jh. gegründeten Klosters (Verdun, Bibl. Mun., Hss. 10, 11 und 108) und stellt einen "durch römisch-karolingische Tradition und lothringische, besonders Verduner Prägung bestimmte[n] Charakter des Festkalenders" (S. 253) fest. In einem Anhang (S. 257-275) werden die Festeinträge der drei Kalendarien parallel ediert. - Andreas Sohn, Pauperes clerici an der römischen Kurie zur Zeit Pauls II. (1464-1471). Ein Beitrag zur prosopographischen Auswertung eines Vatikanregisters (Reg. Vat. 541) (S. 276-301). - Gunnar Teske, Ein neuer Text des Bulgarus-Briefes an den römischen Kanzler Haimerich. Zugleich ein Beitrag zum Verhältnis von Saint-Victor in Paris zur Kurie (S. 302-313), macht auf die von Françoise Gasparri entdeckte Überlieferung des Briefes (Paris, B. N. lat. 14517, fol. 78-81v, aus Saint-Victor) aufmerksam und untersucht die sehr extensiven Kontakte zwischen der Kurie und dem Pariser Stift. - Sabine Teubner-Schoebel, Das Zusammenwirken von Schrift und Bild auf dem Teppich von Bayeux (S. 314-323): Die Schrift dient der Identifizierung von Orten und Personen, der narrativen Umklammerung mehrerer Bildszenen sowie der Erläuterung des Geschehens. - Ein Schriftenverzeichnis des Jubilars (S. 326-331) und ein Register schließen das Buch.

    T. R.



  2. Regensburg, Bayern und Europa. Festschrift für Kurt Reindel zum 70. Geburtstag, hg. von Lothar Kolmer und Peter Segl, Regensburg 1995, Universitätsverlag, XII u. 459 S., 1 Frontispiz, ISBN 3-930480-61-1, DEM 90. - Dem langjährigen Regensburger Ordinarius, zugleich Mitglied der Zentraldirektion der MGH und Hg. der Briefe des Petrus Damiani, werden in diesem Bd. nach einem Glückwunschbrief von Horst Fuhrmann die folgenden Beiträge gewidmet: Stefan Winghart, Bemerkungen zu Genese und Struktur frühmittelalterlicher Siedlung im Münchner Raum (S. 7-47, 10 Abb.), hebt den Zusammenhang zwischen älteren Verkehrswegen und bajuwarischer Siedlung hervor. - Stefanie Hamann, Frühe genealogische Verbindungen um das Patrozinium St. Lambert (S. 49-69), stellt ziemlich hypothetische, meist namenkundlich begründete Überlegungen an, die sich nicht hinreichend mit dem komplexen Diskussionsstand der Literatur auseinandersetzen. - Lothar Kolmer, Ehemoral und Herrschaftslegitimation im 8. Jahrhundert (S. 71-89), erkennt in Arbeos hagiographischen Werken "das Bestreben nach einer Verchristlichung der Moralvorstellungen" (S. 87). - Heinrich Koller, Wo lebte und missionierte Bischof Theoderich? (S. 91-102), tritt dafür ein, den in der Conversio Bagoariorum et Carantanorum Genannten als regulären Bischof anzusehen, der zur Zeit Karls des Großen um die Bekehrung der Awaren "zwischen Melk und Leitha" bemüht war. - Heinz Dopsch, ...in sedem Karinthani ducatus intronizavi ... Zum ältesten gesicherten Nachweis der Herzogseinsetzung in Kärnten (S. 103-136, 6 Abb.), unterstreicht den Quellenwert eines Briefes des kaiserlichen Notars Burchard von 1161 für die Rolle von Herzogstuhl und Fürstenstein (auf dem Zollfeld) bei der Kärntner Herzogseinsetzung und wendet sich im zweiten Teil dagegen, das frühma. Karantanien räumlich im wesentlichen auf heute österreichisches Gebiet zu beziehen. - Peter Landau, Kanonessammlungen in Bayern in der Zeit Tassilos III. und Karls des Großen (S. 137-160), zeigt, daß im agilolfingischen Bayern zunächst die Epitome Hispana (von Italien aus) Verbreitung fand, bevor die große Collectio Frisingensis (Clm 6243) entstand und mit der karolingischen Herrschaft die Collectio Dionysio-Hadriana ihren Einzug hielt. - Wilhelm Störmer, Karolingische Pfalzen in Franken (S. 161-173), beleuchtet vornehmlich die Bedeutung von Salz, Forchheim und Heilbronn im Rahmen der Herrschaftsorganisation Mainfrankens. - Christian Lohmer, Endzeiterwartung bei Petrus Damiani: Überlegungen zu seinen Briefen Nr. 92 und 93 (S. 175-187), macht wahrscheinlich, daß Damiani auf den Paulus-Kommentar des Haimo von Auxerre zurückgriff, und untersucht seine Verwendung der pseudo-hieronymianischen Schrift über die Vorzeichen des Weltendes. - Alois Schmid, Comes und comitatus im süddeutschen Raum während des Hochmittelalters. Beobachtungen und Überlegungen (S. 189-212), stützt sich vornehmlich auf die Arbeit am Historischen Atlas von Bayern bei dem Versuch, allgemeine Tendenzen der Grafschaftsentwicklung im 11.-13. Jh. aufzuzeigen. - Giuseppe Fornasari, Tra assestamento disciplinare e consolidamento istituzionale: un' interpretazione del pontificato di Urbano II (S. 213-228), würdigt vergleichend die Bewertungen des Papstes in zeitgenössischen Quellen und moderner Literatur. - Othmar Hageneder, Das Problem der "Drei Grafschaften" von 1156 bei Otto von Freising. Ein Lösungsversuch (S. 229-243), leitet aus Überlegungen zur Arbeitsweise Ottos ab, daß er bei der Wiedergabe des Privilegium minus in Gesta Friderici 2,55 anderwärts gewonnene Reminiszenzen an die Grafschaftsverfassung des frühen 10. Jh. einfließen ließ. - Rudolf Schieffer, Otto von Freising ein Urkundenfälscher? (S. 245-256), weist die Thesen von H. C. Faußner (vgl. DA 49, 257 f.) zurück (Selbstanzeige). - Stephan Freund, Die Regensburger Bischöfe und das Herzogtum Heinrichs des Löwen. Untersuchungen zum Verhältnis von Bischof, Herzog und Kaiser bis zum Ende der welfischen Herrschaft in Bayern (1156-1180/85) (S. 257-280). - Robert C. Figueira, Ricardus de Mores at Common Law - The Second Career of an Anglo-Norman Canonist (S. 281-299), behandelt das Wirken des gelehrten Kommentators der Compilatio prima als Prior des Augustiner-Chorherrenstifts von Dunstable in der Zeit von 1202 bis 1242. - Hans Martin Schaller, Wann und wo wurde Friedrich II. getauft? (S. 301-306): am 1.11.1196 in Assisi. - Peter Segl, Gregor IX., die Regensburger Dominikaner und die Anfänge der "Inquisition" in Deutschland (S. 307-319), betont die Unterschiede zwischen dem päpstlichen Inquisitionsauftrag an Konrad von Marburg vom 11.10.1231 und Gregors Aufforderung zur Ketzerpredigt, die am 22.11.1231 an zwei Regensburger Predigerbrüder erging. - Ivan Hlavácek, Zur Nürnberger Alltagskommunikation mit der Reichszentrale unter Wenzel (IV.) bis zum Abfall im Jahre 1401 (S. 321-334), erörtert den Quellenwert der Stadtrechnungen für Königsaufenthalte, Gesandtschaften, Botenverkehr u. ä. - Karl-Friedrich Krieger/Franz Fuchs, Ehemalige Amtsträger als Feinde ihrer Heimatstadt. Problematische Folgen innerstädtischer Machtkämpfe am Beispiel der Auseinandersetzungen Heinrich Erlbachs mit der Reichsstadt Augsburg (1459-1469) (S. 335-364), zeichnen mit reichlichem Quellenmaterial den erbitterten Streit zwischen dem abtrünnigen Stadtschreiber und dem Augsburger Rat nach (vgl. auch DA 51, 559). - Claudia Märtl, pos verstockt weyber? Der Streit um die Lebensform der Regensburger Damenstifte im ausgehenden 15. Jahrhundert (S. 365-405), tritt für ein angemesseneres Verständnis des zähen Widerstands ein, den die adligen Regensburger Stiftsdamen den (auch territorialpolitisch motivierten) Bestrebungen der bayerischen Herzöge nach Durchsetzung der Benediktregel entgegensetzten. Im Anhang werden 12 Briefe des Kardinals Francesco Todeschini-Piccolomini an die Äbtissin von Obermünster in Regensburg aus der Zeit von 1479 bis 1498 ediert. - Johannes Laschinger, Zur Entwicklung des Amberger Stadtrechts (S. 407-433), vermittelt eine Übersicht der landesherrlichen Privilegien und des vom Rat gesetzten Rechts. - Andreas Kraus, Bayerns Frühzeit im Spiegel der Geschichtsschreibung von Aventin bis Westenrieder (S. 435-452). - Den Abschluß bildet ein Schriftenverzeichnis des Jubilars von Günter Thaller.

    R. S.


  3. Zwischen Saar und Mosel. Festschrift für Hans-Walter Herrmann zum 65. Geburtstag, hg. von Wolfgang Haubrichs, Wolfgang Laufer, Reinhard Schneider (Veröffentlichungen der Kommission für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung 24) Saarbrücken 1995, SDV Saarbrücker Druckerei und Verlag, XVI u. 526 S., ISBN 3-925036-91-1, DEM 110. - Aus der Festschrift für den langjährigen Leiter des Saarländischen Landesarchivs sind vorzustellen: Wolfgang Haubrichs, Fulrad von St. Denis und der Frühbesitz der Cella Salonnes in Lotharingien. Toponomastische und besitzgeschichtliche Überlegungen (S. 1-29), bestimmt einige Ortsnamen des Testaments Fulrads und rekonstruiert aus dem Besitz von St. Denis und Salonnes den im Testament nicht genannten Eigenbesitz Fulrads im Seillegau. - Eduard Hlawitschka, De fausgina im Prümer Urbar (S. 31-37), lehnt die Deutung als Ortsnamen (Fußgönheim bei Ludwigshafen) ab. Der Kontext des Belegs (c. 114) spreche für eine spezifische Schreibweise von fascina, womit hier Rutenbündel zur Uferbefestigung gemeint seien (so unabhängig von H. auch Nikolaus Nösges in der kommentierten Übersetzung des Urbars, siehe unten S. 240). - Alfons Becker, Päpstliche Gerichtsurkunden und Prozeßverfahren zur Zeit Urbans II. (1088-1099) (S. 39-48), unterscheidet Judikate = "Urteilsverkündigungen" und Judikatsprivilegien = Papsturkunden "im Zusammenhang mit Prozeß und Urteil" und erörtert bei den Judikaten besonders Doppelausfertigungen und Eintrag in das päpstliche Register. - Rüdiger Fuchs, Das "Privileg der Kölner Kaufleute" an der Westfassade des Trierer Domes (S. 49-64), ediert die Inschrift und datiert sie aus paläographischen Gründen auf das zweite Drittel des 12. Jh. Die Inschrift gehört in den Komplex wechselseitiger Zollprivilegierung Trierer und Kölner Kaufleute, wie sie in dem Abkommen von 1149 zu beobachten ist. - Kurt-Ulrich Jäschke, Ermesindes Erbe. Wurde in der praktischen Politik nach Heinrichs des Blinden Tod 1196 zwischen Allod und Reichslehen unterschieden? (S. 65-75), verneint dies für die Auseinandersetzungen zwischen den Häusern Flandern/Hennegau und Luxemburg/Bar. - Michel Parisse, Une élection épiscopale disputée à Metz en 1296-1297: de Bouchard d'Avesnes à Gérard de Renige (S. 77-83), ediert das Protokoll der strittigen Wahl, in der sich das Domkapitel Kandidaturen aus der Familie der Grafen von Bar und der Herzöge von Lothringen gegenübersah. - Reinhard Schneider, Die Königsgrablege bei Kastel an der Saar (S. 85-97): Die vom preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm (IV.) veranlaßte Beisetzung König Johanns des Blinden führt den Vf. zu einer bis Wilhelm II. gespannten Übersicht über den Legitimationscharakter des Schlachtentods eines Herrschers. - Heinz Thomas, Ein zeitgenössisches Memorandum zum Staatsbesuch Kaiser Karls IV. in Paris (S. 99-119), stellt der bekannten Schilderung der Frankreichreise Karls IV. von 1377/78 in der Chronique des règnes de Jean II et de Charles V ein Memorandum für die Zeit vom 4. bis 6. Januar 1378 gegenüber (Edition S. 115 ff.). Während die Chronique keinen Schatten auf den Rang des französischen Königs fallen läßt und das Protokoll entsprechend stilisiert, scheint der Bericht des Memorandums in den protokollarischen Teilen realitätsnäher. Ausführlich schildert das Memorandum auch die Speisefolgen der drei "Staatsempfänge" dieser Tage. - Wenigstens mit dem Titel genannt seien noch: Edith Ennen, Der Gemein Marckflecken Merzig an der Saar (S. 175-183), Jean Marie Yante, Bois vosgiens au péage de Nancy (1476-1500) (S. 185-197).

    E.-D. H.


  4. Geschichte in der Region. Zum 65. Geburtstag von Heinrich Schmidt, hg. von Dieter Brosius, Christine van den Heuvel, Ernst Hinrichs und Hajo van Lengen (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, Sonderband) Hannover 1993, Hahn, X u. 501 S., mehrere Abb., ISBN 3-7752-5881-7, DEM 34. - Die Festschrift für den Oldenburger Professor und intimen Kenner der ostfriesischen Geschichte ist chronologisch in die Kapitel MA (S. 3-168), Frühe Neuzeit (S. 171-314) und 19. und 20. Jh. (S. 317-482) gegliedert, und aus dem ma. Abschnitt sei auf folgende Beiträge hingewiesen: Ernst Schubert, Die Capitulatio de partibus Saxoniae (S. 3-28), bringt eine umfassende und überzeugende Neuinterpretation des wahrscheinlich 782 in Lippspringe erlassenen Gesetzes, mit dem Karl der Große durch Verbot der sächsischen Stammesversammlung in Marklo und der Verordnung neuer Gerichtsabhängigkeiten und Abgaben in Form des Zehnten versucht habe, das unterworfene Sachsenland in das fränkische Reich einzugliedern. Die bisher übliche Interpretation, in der Capitulatio nur eine Ansammlung drakonischer Strafbestimmungen zu sehen, die einige Jahre später durch das Capitulare Saxonicum und die Lex Saxonum abgemildert worden seien, gehe völlig in die Irre. Die beherrschende Absicht der Capitulatio sei es gewesen, durch die Errichtung eines Netzes von Pfarrkirchen (nicht einer Bistumsorganisation) die Befriedung Sachsens zu erreichen. Das Capitulare Saxonicum und die Lex Saxonum hätten die Capitulatio nicht revidiert, sondern lediglich ergänzt; in allen drei Gesetzen habe Karl der Große an den Grundprinzipien des Heerkönigtums festgehalten. Im Anhang wird die Capitulatio übersetzt. - Bernd Schneidmüller, Das Goslarer Pfalzstift St. Simon und Judas und das deutsche Königtum in staufischer Zeit (S. 29-53), beschäftigt sich mit der Gründung und Verfassung des weltlichen Kollegiatstifts sowie mit der Präzisierung seiner Rechtsstellung, den Besitz- und Einkommensverhältnissen unter Friedrich Barbarossa und der allmählichen Aufnahme der Stiftskirche unter die Goslarer Stadtkirchen, wodurch sie ihren Rang, wenn auch in gewandelter Stellung, behaupten konnte. - Dieter Hägermann, Die "deutsche" Frühgeschichte und zeitgenössische "Verfassungsfragen" im Verständnis der Sächsischen Weltchronik (S. 55-65), sieht den Autor der Chronik besonders an Problemen der Thronfolge und der Wähler des deutschen Königs interessiert. - Heinz-Joachim Schultze, Erzbischof Adalbero von Bremen (1123-1148) und die Udonen (S. 67-82), informiert über das durch vielfältige verwandtschaftliche Verflechtungen komplizierte Mit- und Gegeneinander zwischen Udonen, Askaniern und weniger mächtigen norddeutschen Adelsgeschlechtern und dem Erzbischof Adalbero, dem es als einzigem Bremer Erzbischof gelang, die Udonen aus Stade zu verdrängen. - Gudrun Gleba, Mittelalterliche Märkte und Handelsverschiebungen in Friesland und Westfalen (S. 83-93), betont den Anschluß beider Regionen an den internationalen Fernhandel über die Fernwege, die durch Westfalen und Friesland führten und in deren Einzugsbereich sich im Spät-MA eine Reihe regionaler Märkte etablierte. - Rein lokalgeschichtlich interessante Themen aus dem MA behandeln noch Hans-Jürgen Nitz, Planmäßiger Landesausbau durch Wurtendörfer im Rahmen der friesischen Landesgemeinde im nordöstlichen Butjadingen (S. 95-117), Adolf E. Hofmeister, Die "consules" von Stuhr im Jahre 1317 (S. 119-126), und Walter Deeters, Die Erhebung des Häuptlings Ulrich Cirksena in Ostfriesland zum Reichsgrafen 1464 (S. 127-136). - Am Schluß der Festschrift steht das Schriftenverzeichnis des Geehrten (S. 483-501).

    D. J.


  5. Società, Istituzioni, Spiritualità. Studi in onore di Cinzio Violante, 2 Bde. (Centro Italiano di studi sull'alto medioevo, Collectanea 1) Spoleto 1994, Centro Italiano di studi sull'alto medioevo, XXXV u. 1091 S., ISBN 88-7988-200-7, ITL 250.000. - Mit der rekordverdächtigen Anzahl von 66 Beiträgen namhafter Schüler und Kollegen aus Europa wird einer der größten Mediävisten Italiens zum 70. Geburtstag geehrt. Stellvertretend für bedeutende italienische Forschungsinstitute, die mit dem Schaffen Violantes in Verbindung stehen, zeichnen mehrere seiner Kollegen für die Herausgabe verantwortlich (S. IX). Enrica Salvatori hat ein chronologisch angelegtes Schriftenverzeichnis erstellt (S. XI-XXXV). Cosimo Damiano Fonseca hat das Vorwort geschrieben (S. 1-2) und Violante über seinen Werdegang und sein Śuvre befragt (Intervista sulla storia, S. 3-64). Die folgenden Beiträge sind leider nicht chronologisch oder thematisch, sondern nach dem Autorennamen alphabetisch geordnet. Aus Platzgründen können hier nur Erläuterungen gegeben werden, wenn der Untersuchungsgegenstand nicht eindeutig aus dem Titel hervorgeht. Bd. 1: David Abulafia, The kingdom of Sicily and the origins of the political crusades (S. 65-77). - Cesare Alzati, A proposito di clero coniugato e uso del matrimonio nella Milano altomedioevale (S. 79-92). - Giancarlo Andenna, "Non remittetur peccatum, nisi restituatur ablatum" (c. 1, C. XIV, q. 6). Una inedita lettera pastorale relativa all'usura e alla restituzione dopo il secondo concilio di Lione (S. 93-108), ediert diesen Ende 1272 entstandenen Brief auf S. 103-108. - Girolamo Arnaldi, Tramonto e rinascita di Roma nella Storia di Gregorovius (S. 109-122). - Ottavio Banti, A proposito della questione dell'originalità dell'epigrafe del re Cunincpert († 700) (S. 123-133 mit 3 Abb.). - Carlrichard Brühl, Herrscherbeinamen im Frühen und Hohen Mittelalter (S. 135-144). - Ovidio Capitani, Eresie medievali o "Medioevo ereticale"? Proponibilità in un dilemma storiografico (S. 145-162). - Franco Cardini, La cavalleria mistica (S. 163-173): zu Allegorismen und Topoi in der höfischen Literatur aus dem Sieneser Raum. - Andrea Castagnetti, Un progetto di sviluppo signorile per una chiesa privata: il marchese Almerico II e S. Maria di Vangadizza (Badia Polesine) (S. 175-193). - Francesco Cesare Casula, Gli Schiavi sardi della battaglia di Sanluri del 1409 (S. 195-206), bietet im Anhang die Transkriptionen von drei Dokumenten über den Verkauf einer sardischen Sklavin (Coll. legi de Notaris de Barcelona. Arxiu Historic de Protocols, Notari Bernardo Pì, Protocol Tercium man. com. 12 oct. 1411-26 mayo 1412, f. 49, 64, 81). - Maria Luisa Ceccarelli Lemut, Per la storia della Chiesa pisana nel medioevo: la famiglia e la carriera ecclesiastica dell'arcivescovo Uberto (1133-1137) (S. 207-219). - Giorgio Chittolini, "Episcopalis curiae notarius". Cenni sui notai di curie vescovili nell'Italia centro-settentrionale alla fine del medioevo (S. 221-232). - Emilio Cristiani, La tradizione filoimperiale degli Albertini conti di Prato e un diploma di Carlo IV del 22 febbraio 1370 (S. 233-244), mit der Edition von Reg. Imp. VIII 4822 nach dem Original. - Errico Cuozzo, Per una ricerca sulla nobilità del Regnum Siciliae (S. 245-258), greift mit einem Untersuchungszeitraum von 1000 bis 1300 noch vor die Zeit des eigentlichen Königreichs Sizilien aus. - Albert D'Haenens, Le premier moyen âge, phase d'inauguration et d'imprégnation de la scribalité occidentale (S. 259-270). - Georges Duby fragt anhand der Aufzeichnung eines Prozesses (1297) aus dem Bestand der Abtei Saint-Rigaud im Beaujolais (Arch. Dep. de Saône et Loire, cart. H. 144, n. 26, 27) nach der "Mémoire paysanne" (S. 271-275). - Teresa Dunin-Wasowicz, Les cisterciens en Pologne médiévale: Bilan et perspectives (S. 277-290). - Reinhard Elze, Die Erhebung Giangaleazzo Viscontis zum Herzog von Mailand (S. 291-304), ediert im Anhang den diesbezüglichen Brief des Gregorius de Azanellis an den mailändischen Kanzler Andriolus de Arisiis vom 10.9.1395 aus 6 Hss. - Arnold Esch, Storia in fieri: lo storico e l'esperienza del presente (S. 305-316). - Gina Fasoli, Cicerone e Boncompagno da Signa: amicizia e vecchiaia (S. 317-330). - Heinrich Fichtenau, Zur Geschichte der Häresien Italiens im 11. Jahrhundert (S. 331-343). - Josef Flekenstein, Bemerkungen zu den Bildungserlassen Karls des Großen und zum Verhältnis von Reform und Renaissance (S. 345-360). - Salvatore Fodale, San Giovanni in Sicilia: l'inchiesta di Gregorio XI sull'ordine gerosolimitano (S. 361-373). - Chiara Frugoni, La tavola pisana con storie di S. Francesco (S. 375-381 mit 3 Abb. der kurz nach 1256 entstandenen Tafelmalerei). - Horst Fuhrmann, Zum Vorwort des Dekrets Bischof Burchards von Worms (S. 383-393). - Antonio García y García, La Justicia eclesiastica el la España medieval. Un pleito legatino de Silos (1253) (S. 395-407), dokumentiert die Hintergründe und die einzelnen Stufen des von delegierten Richtern geleiteten Prozesses zwischen dem Kloster von Silos und den Klerikern von San Pedro desselben Ortes. - Jean Gaudemet, Le droit au service de la pastorale (Décret de Gratien, C. XVI, q. 3) (S. 409-421). - Jean Gautier Dalché, Note sur le titre comtal et sa disparition en Castille et en Leon (1158-1224) (S. 423-432), mit Listen der Grafen des Königreiches und Genealogien der Grafenfamilien. - Patrick Gautier Dalché, Une géographie provenant du milieu des Marchands Toscans (début XIVe siècle) (S. 433-443), gibt diese aus fol. 65v-72r einer Hs. der Bibl. Vaticana (Chigi M. V. 116) wieder. - Francesco Giunta, "Donaria ecclesie traianensis" (S. 445-450), mit der Edition der Schenkungsurkunde Rogers I. an die Kirche von Troja von 1082, in der auch die Bistumsgrenzen bestätigt werden, nach dem Original. - Paolo Grossi, La definizione obertina di feudo nella interpretazione del diritto comune (S. 451-458), untersucht eine Passage des zweiten Briefs des kaiserlichen Richters (1133-37) und Mailänder Konsuls (1154) Oberto dell'Orto an seinen Sohn Anselmo. - Eduard Hlawitschka, Zur Otbertinergenealogie am Ausgang des 10. Jahrhunderts: Markgraf Adalbert und seine Frau Bertrada (S. 459-475). - Wilhelm Kurze, Bemerkungen zu Ubertus und anderen Pisaner Erzbischöfen des 12. Jahrhunderts (S. 477-487 mit 1 Karte). - Lester K. Little, Una confraternità di giovani in un paese bergamasco, 1474 (S. 489-502), behandelt die volkssprachlich abgefaßte Regel dieser Gemeinschaft. - Anthony Luttrell, Gli ospedalieri e un progetto per la Sardegna: 1370-1374 (S. 503-508). - Michele Luzzati, L'insediamento ebraico a Pisa prima del Trecento: conferme e nuove acquisizioni (S. 509-517). - Elisabeth Magnou-Nortier, A propos des rapports entre l'église et l'état franc: la lettre synodale au roi Théodebert (535) (S. 519-534), gibt den Text aus MGH Conc. 1 S. 71 wieder und übersetzt ihn ins Französische (S. 532 ff.). - Im zweiten Bd. stehen folgende Beiträge: Ludo Milis, The Italian journey of Walter, prior of Arrouaise in 1161-1162 (S. 535-546). - Hubert Mordek, Ein Bildnis König Bernhards von Italien? Zum Frontispiz in Cod. St. Paul (Kärnten), Stiftsbibliothek, 4/1 (S. 547-555 mit 5 Abb.). - Elisa Occhipinti, Una controversia trecentesca tra i cistercensi di Morimondo e la pieve di Rosate (S. 557-567). - Marcel Pacaut, Réflexion sur les expériences monastiques de Joachim de Flore (S. 569-579). - Edith Pásztor, Per la storia del cardinalato nel secolo XI: gli elettori di Urbano II (S. 581-598). - Luigi Pellegrini, "Plebs" e "Populus" in ambito rurale nell'Italia altomedievale (S. 599-632). - Illuminato Peri, Prohibitio dive memorie (S. 633-638), stellt Überlegungen zu Parallelen zwischen normannisch-staufischen Gesetzen im Königreich Sizilien und den Verfügungen Barbarossas gegen Friedensbrecher im Landfrieden von 1152 (zit. nach MGH Const. 1 Nr. 140 = DF. I. 25) sowie dem Landfriedensgesetz von 1186 (Const. 1 Nr. 318 = DF. I. 988) an. - Giuseppe Petralia, Imposizione diretta e dominio territoriale nella repubblica fiorentina del Quattrocento (S. 639-652). - Giovanna Petti Balbi, "Nazione" a Genova e a Pisa tra Due e Trecento (S. 653-665). - Giorgio Picasso, Gregorio Magno e la condanna della simonia nel Medio Evo. A proposito della Causa I del "Decretum Gratiani" (S. 667-676). - Antonio Ivan Pini, Cronisti medievali e loro anno di nascita: un'ipotesi da verificare (S. 677-706), beschränkt die Frage, ob sich das Geburtsjahr eines Chronisten aus seinem Werk erschließen lasse, auf die Chronik des Pietro da Villola († 1385) aus Bologna. - Geo Pistarino, Il Tempo dello Spirito in Cristoforo Colombo (S. 707-738). - Mauro Ronzani, Nobiltà, chiesa, memoria famigliare e cittadina a Pisa fra XI e XV secolo: i "sette casati" (S. 739-766), geht einer Nachricht aus der Cronaca di Pisa des Rainieri Sardo von etwa 1340 nach, daß die Pisaner Nobilität von sieben Baronen abstamme, die dort von Otto I. angesiedelt worden seien. - Karl Schmid, Bemerkungen zur mittelalterlichen Memorialüberlieferung im Blick auf Italien (S. 767-785), besonders auf Piacenza, Polirone, Montecassino, Subiaco, Salerno und Benevent. - Josef Semmler, Benediktinische Reform und Kaiserliches Privileg. Die Klöster im Umkreis Benedikts von Aniane (S. 787-823). - Giuseppe Sergi, L'evoluzione di due curtes dell'abbazia torinese di S. Solutore (S. 825-842): Die curtes sind Sangano und Caprice, die dem Kloster zur Gründung 1011 von Bischof Gezo übertragen wurden. - Aldo A. Settia, Un "Lombardo" alla prima crociata. Tecnologie militari fra occidente e oriente (S. 843-855). - Gigliola Soldi Rondinini, Questue "lombarde" per l'ospizio del Gran S. Bernardo: i prodromi della politica piemontese di Galeazzo Maria Sforza (S. 857-875), druckt im Anhang ein Dokument des Consiglio segreto über diesen Sachverhalt an den Mailänder Herzog vom 3.6.1469 (Archivio di stato di Milano, Sforzesco, Carteggio, cart. 889). - Amleto Spicciani, Concessioni livellarie come garanzia di impegni giuridici. Tentativo di interpretazione di un enigmatico documento lucchese (1° luglio 997) (S. 877-911 mit 1 Karte), ediert diese Privaturkunde nach dem Original (Lucca, Erzbischöfliches Archiv *G. 43). - Thomas Szabó, Die Entdekkung der Straße im 12. Jahrhundert (S. 913-929), geht in seinem Beitrag von der Festlegung der vie publice als Regalien durch Friedrich I. 1158 aus (DF. I. 237). - Marco Tangheroni, Una lezione di diritto di Castruccio Castracani all'infante Alfonso d'Aragona e il feudalismo secondo il mos Italie nella Sardegna aragonese (S. 931-942). - Gerd Tellenbach, La questione del carattere dell'imperatore Enrico V: uno studio di storia della personalità (S. 943-973), mit einem Anhang der benutzten Quellen und Literatur, da der Beitrag nicht mit Anm. versehen ist. - Augusto Vasina, Consoli e mondo comunale nella città dell'area Ravennate-Esarcale (S. 975-1022). - André Vauchez, Les origines de l'hérésie cathare en Languedoc, d'après un sermon de l'archevêque de Pise Federico Visconti († 1277) (S. 1023-1036). - Adriaan Verhulst, Le développement urbain dans le Nord-Ouest de l'Europe du IXe au Xe siècle: rupture et continuité (S. 1037-1055). - Ernst Werner, Magische Aspekte in der mystischen Überlieferung süddeutscher Frauenklöster im 14. Jahrhundert (S. 1057-1066): Dieser Beitrag weist störend viele Druckfehler auf. - Chris Wickham, Manentes e diritti signorili durante il XII secolo: il caso della Lucchesia (S. 1067-1080). - Pietro Zerbi, Ancora intorno a Ponzio e allo "scisma" cluniacense. La "svolta" del 1124-25 (S. 1081-1091). - Obwohl ein Register bei dieser Themenzahl und -vielfalt sehr hilfreich gewesen wäre, müssen die Benutzer wie so oft bei Festschriften auf ein solches verzichten.

    Claudia Zey


  6. Essays in honor of Edward B. King, edited by Robert G. Benson and Eric W. Naylor, Sewanee/Tennessee 1991, The University of the South, IV u. 252 S., keine ISBN. - Die Festschrift zu Ehren des Gründers des Sewanee Mediaeval Kolloquium enthält hauptsächlich kultur- und literaturgeschichtliche Beiträge. Einige sind für unser Gebiet von Interesse, doch sind sie in der Regel Zusammenfassungen größerer Werke aus der Feder derselben Vf.: Richard W. Southern, Intellectual development and local environment: the case of Robert Grosseteste (S. 1-22). - Frank Barlow, A view of Thomas Becket, saint and martyr (S. 23-32). - Christopher Brooke, Reflections on late medieval cults and devotions (S. 33-46). - Richard C. Dales, Philip the chancellor on the eternity of the world (S. 63-72). - Denys Hay, The geographical boundaries of the late medieval world (S. 135-146). - Christopher Holdsworth, Bernard: chimera of his age? (S. 147-164).

    T. R.


  7. Pocta prof. JUDr. Karlu Malému, DrSc. k 65. narozeninám [Festschrift zum 65. Geburtstag Prof. JUDr. Karel Malý, mit kurzen deutschsprachigen Zusammenfassungen], hg. von Ladislav Soukup, Praha 1995, Karolinum, 343 S., ISBN 80-7184-092-0. - Unter den 30 Beiträgen der Festschrift für den derzeitigen Rektor der Prager Universität betrifft rund ein Drittel das böhmische und deutsche MA: Jaroslav Kudrna, K mo_nostem srovnání Tomáše Aquinského, Occama, Danta a Marsilia z Padovy v otázkách vzniku státu a druhu práva [mit Zusammenfassung: Zu den Möglichkeiten eines Vergleichs der Fragen zur Entstehung des Staates und der verschiedenen Rechtsarten bei Thomas von Aquino, Occam, Dante und Marsilius von Padua] (S. 51-58). - Hans-Jürgen Becker, Der Einfluß des ius commune auf das deutsche Königswahlrecht (S. 59-67). - Ji_í Kej_, Historie a právo [mit Zusammenfassung: Historie und Recht] (S. 68-82). - Karolina Adamová, P_ísp_vek k teorii reprezentace a legitimity. K problematice panovnické reprezentace a legitimity v _eském st_edov_ku [mit Zusammenfassung: Ein Beitrag zur Theorie der Repräsentation und Legitimität. Zur Problematik der Herrscherrepräsentation und Legitimität im böhmischen Mittelalter] (S. 83-88). - Werner Ogris, King for sale. Der Würzburger Vertrag zwischen Herzog Leopold V. und Kaiser Heinrich VI. über die Auslieferung König Richards I. vom 14. Februar 1193 (S. 89-100). - Ji_í Sp_vá_ek, Politické a státoprávní p_edpoklady pro rozvoj um_ní a kultury v epoše vlády _eských Lucemburk_ 1310-1419 [mit Zusammenfassung: Politische und staatsrechtliche Voraussetzungen für die Entfaltung von Kunst und Kultur in der Epoche der Regierung der böhmischen Luxemburger 1310-1419] (S. 101-111). - Zdeńka Hledíková, Venkovské d_kanáty ve st_edov_kých _echách [mit Zusammenfassung: Landdekanate im mittelalterlichen Böhmen] (S. 112-123). - Ivan Hlavácek, Jan z Jenštejna a Norimberk na po_átku 80. let 14. století [mit Zusammenfassung: Johann von Jenstein und Nürnberg zu Beginn der achtziger Jahre des 14. Jh.] (S. 124-132, Selbstanzeige). - František Šmahel, Blasfemie rituálu? T_i poh_by krále Václava IV. [mit Zusammenfassung: Blasphemie des Rituals? Drei Grablegungen König Wenzels IV.] (S. 133-143): die tschechische Version eines inzwischen in Polnisch publizierten Aufsatzes. - Alexander Patschovsky, Totentanz, hussitische Revolution und Prager Universität. Ein dalmatinischer Student der Carolina wird Schuster und Kalligraph (S. 144-165). - František Hoffmann, Znovu o nezv_stné právní knize m_sta Ro_mitálu pod T_emšínem [mit Zusammenfassung: Noch einmal über das verschollene Rechtsbuch der Stadt Ro_mitál pod T_emšínem] (S. 166-172).

    Ivan Hlavácek


  8. Peter Moraw, Über König und Reich. Aufsätze zur deutschen Verfassungsgeschichte des späten Mittelalters, hg. von Rainer Christoph Schwinges aus Anlaß des 60. Geburtstags von Peter Moraw am 31. August 1995, Sigmaringen 1995, Jan Thorbecke Verlag, XV u. 347 S., 1 Frontispiz, ISBN 3-7995-7076-4, DEM 89. - In dieser Festschrift für den Gießener Mediävisten, der besonders auf dem Gebiet der spätma. Verfassungsgeschichte des Alten Reiches zu Hause ist, werden Forschungsberichte wie Detailstudien aus den 70er bis 90er Jahren vereinigt, die von der Entstehung des Reichstags über Ständeforschung zur Reichsreform und dem "Funktionieren" von König und Regierung reichen. Teilweise wurden sie auch in dieser Zs. angezeigt: vgl. DA 33, 663 f.; 37, 877; 38, 636; 39, 271; 43, 224 und 44, 664. Dankenswerterweise werden sie durch ein Personen-, Orts- und Sachregister erschlossen.

    M. S.


  9. Cinzio Violante, Prospettive Storiografiche sulla Società Medioevale. Spigolature, Mailand 1995, Franco Angeli, 191 S., keine ISBN, ITL 30.000. - 10 Studien des bekannten italienischen Mediävisten zu ganz unterschiedlichen Themen sind wieder neu aufgelegt und durch ein Register erschlossen.

    M. S.


  10. Rosamond McKitterick, The Frankish Kings and Culture in the Early Middle Ages (Collected Studies Series CS 477) Aldershot 1995, Variorum, X u. 313 S. ohne durchgehende Paginierung, Abb., ISBN 0-86078-458-4, GBP 47,50. - Bereits ein Jahr nach Erscheinen des ersten Bandes mit 13 Aufsätzen der englischen Historikerin (vgl. DA 51, 361) liegt nun ein zweiter vor mit Beiträgen zur Karolinger- und Ottonenzeit aus den letzten Jahren. Auch er wird durch ein Hss.- sowie ein Personen- und Ortsnamenregister erschlossen.

    M. S.


  11. Klaus Friedland, Mensch und Seefahrt zur Hansezeit. Hg. im Auftrage des Hansischen Geschichtsvereins von Antjekathrin Grassmann, Rolf Hammel-Kiesow und Hans-Dieter Loose (Quellen und Darstellungen zur hansischen Geschichte N. F. 42) Köln u. a. 1995, Böhlau, VIII u. 338 S., ISBN 3-412-06695-8. - Der Bd. ausgewählter Aufsätze aus Anlaß des 75. Geburtstages des Hanseforschers und ehemaligen Direktors der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek enthält achtzehn Arbeiten der Jahre 1953 bis 1988, die zumeist in Organen erschienen, die im DA nicht berücksichtigt werden können, so daß auf einige Titel hingewiesen sei: Die "Sate" der braunschweigisch-lüneburgischen Landstände von 1329. Eine vergleichende verfassungsgeschichtliche Studie (1954, S. 16-36). - Göttingens Kaufmannschaft im hansischen Wirtschaftsnetz (1963, S. 165-189). - Lübeck, Typ der Ostseestadt. Fragen und Feststellungen zur prägenden Kraft neuer Gemeinschaftsformen (1976, S. 213-229, vgl. DA 35, 681). - Träger und Gegenstände kultureller Vermittlung im spätmittelalterlichen Ostseebereich (1978, S. 230-242). - Schiff und Besatzung. Seemännische Berufsgemeinschaften im spätmittelalterlichen Nordeuropa (1980, S. 256-267). - Sankt Olav als Schutzpatron nordeuropäischer Kaufleute (1981, S. 268-279). - Korporationen und Gilden. Erfassungsmöglichkeiten und Erkenntniswert frühstädtischer Sozialgruppen (1983, S. 280-287). - Kaufmannschaft und Bürgerrecht im Lübeker Hafen (1987, S. 288-300). - Gotland. Handelszentrum - Hanseursprung (1988, S. 301-312). - Die Hanse und die Rus (1988, S. 313-319). - Der Bd. wird durch das Schriftenverzeichnis Friedlands abgeschlossen.

    D. J.


  12. Wilfried Hartmann (Hg.), Mittelalter. Annäherungen an eine fremde Zeit. Mit Beiträgen von Hartmut Boockmann, Johannes Fried, Horst Fuhrmann, Otto Gerhard Oexle und Herwig Wolfram (Schriftenreihe der Universität Regensburg N. F. 19) Regensburg 1993, Universitätsverlag, 143 S., 22 Abb., ISBN 3-9803470-0-1, DEM 24,80. - Die fünf in diesem Bd. vereinigten Vorträge, die anläßlich der Emeritierung des Regensburger Mediävisten und Präsidenten der MGH Horst Fuhrmann im Sommer 1992 gehalten wurden, versuchen dem Leser weithin fremd gewordene Aspekte ma. Daseins und ihr Weiterwirken in unserer Zeit nahezubringen. Hartmut Boockmann, Noch einmal: Geschichte im Museum und in der Ausstellung (S. 13-26), zeigt die oft schwer zu überwindende Diskrepanz auf zwischen der Erwartungshaltung der Allgemeinheit bei Ausstellungen, den zumeist begrenzten Möglichkeiten ihrer Verwirklichung und den Intentionen derer, die Ausstellungen oder Museen konzipieren. - Herwig Wolfram, Origo et religio. Ethnische Traditionen und Literatur in frühmittelalterlichen Quellen (S. 27-39), betont, daß die Entstehungsgeschichten der Stämme, die zumeist von einem Kultwechsel und dem Übergang zu einer neuen Identität erzählen, Motive des Handelns bieten wollen und keine historischen Fakten in Raum und Zeit. - Johannes Fried, Tugend und Heiligkeit. Beobachtungen und Überlegungen zu den Herrscherbildern Heinrichs III. in Echternacher Handschriften (S. 41-64, 22 Abb.), arbeitet die unterschiedlichen Aussagen der Bilder im Perikopenbuch Heinrichs III. und in den vom König in Auftrag gegebenen Evangeliaren von Speyer und Goslar heraus: Während das Perikopenbuch als vornehmste Aufgabe des Herrschers den Schutz der Kirche herausstellt, wird in den Evangeliaren das Konzept eines theokratischen Königtums entfaltet, das den Herrscher als christus Domini über alle Priester und das Papsttum stellt und an dessen Formulierung der Vf. Wipo stark beteiligt sieht. - Otto Gerhard Oexle, Formen des Friedens in den religiösen Bewegungen des Hochmittelalters (1000-1300) (S. 87-109), geht der Frage nach, ob die Reformbewegungen des behandelten Zeitraumes Friedensideen sui generis entwickelt hätten. Das sei für Franz von Assisis Axiom des Friedens durch Conversio des Einzelnen zu konstatieren, während die Reformbewegungen des 11. und 12. Jh. nicht pax, sondern militia in den Mittelpunkt ihres Denkens stellten. - Horst Fuhrmann, "Willkommen und Abschied". Über Begrüßungs- und Abschiedsrituale im Mittelalter (S. 111-139), ist ein facettenreicher Überblick von der Antike bis zur Gegenwart, an dem deutlich wird, wie stark unsere Zeit hier noch von einem, wenn auch "weitgehend profanisierten und trivialisierten Mittelalter" (S. 137) geprägt ist.

    D. J.


  13. Jacques Chiffoleau, Lauro Martines, Agostino Paravicini Bagliani (Hg.), Riti e Rituali nelle Società Medievali, Spoleto 1994, Centro di Studi sull'Alto Medioevo, XIV u. 334 S., Karten, ISBN 88-7988-204-X, ITL 70.000. - Sechzehn Beiträge zu einem 1990 in Erice veranstalteten "Workshop", die in drei Abteilungen angeordnet sind: "Riti di passaggio" tra il privato e il pubblico (S. 3-94), "Conflitti e rituali" (S. 97-211) und "Riconciliazione e unanimità" (S. 215-327). Es folgt ein Schlußwort (S. 329-334), kein Index. Die Aufsätze behandeln vor allem das 13. bis 16. Jh. und differenzieren fast alle nach Ort und Zeit, wie es die hier nicht vertretenen Anthropologen und Ethnologen leider nicht oft tun. Die Vf. sind Italiener, Franzosen, Amerikaner, dazu ein Brite, sie behandeln verschiedene Riten und Zeremonien in Italien, Frankreich, Spanien. Der Bd. ist ein nützlicher Beitrag zu einer künftigen Synthese des Themas "Riten und Zeremonien im europäischen Spätmittelalter". Besonders nützlich ist die von den drei Hg. unterzeichnete kurze Übersicht über die Weite dieses Themas mit ausführlicher Bibliographie (S. VII-XIV).

    R. E.


  14. Lectiones eruditorum extraneorum in Facultate philosophica Universitatis Carolinae Pragensis factae, fasciculus 4, Praha 1995, Institute of Auxiliary Historical Sciences and Archives Studies, 94 S., ISBN 80-85899-08-6, enthält drei in Prag gehaltene Gastvorträge: Reinhard Härtel, Neue Wege zur Erschließung von Urkundenformeln (S. 7-45), macht anhand vornehmlich österreichischer Beispiele des 14./15. Jh. mit den methodischen Möglichkeiten der Auswertung des Formulargebrauches zu allgemein-historischen wie auch diplomatischen Einsichten bekannt. - Othmar Hageneder, Probleme des päpstlichen Kirchenregiments im hohen Mittelalter (Ex certa scientia, non obstante, Registerführung) (S. 49-77), behandelt materialreich und anschaulich die juristisch-diplomatischen Vorkehrungen, mit denen im 12./13. Jh. Widersprüche unter den päpstlichen Verfügungen aufgehoben oder vermieden werden sollten. - Michael Richter, Die mündliche Kultur im frühen Mittelalter - ein Problemaufriß (S. 81-94), gibt einen Überblick der schriftlich vermittelten Indizien für die Bedeutung volkssprachigen Vortrags und Gesangs bis zum 9. Jh.

    R. S.


  15. La Filologia medievale e umanistica Greca e Latina nel secolo XX. Atti del Congresso Internazionale delle Ricerche, Roma, Università La Sapienza 11-15 dicembre 1989, 2 Bde. (Testi e studi bizantino-neoellenici 7) Roma 1993, Università di Roma "La Sapienza", Dipartimento di Filologia Greca e Latina, Sezione Bizantino-Neoellenica, XII u. 1205 S., keine ISBN. - Der Versuch, einen Überblick über die nicht-klassischen Lateinischen und Griechischen Philologien in unserem Jh. zu bieten, macht zunächst die Unterschiede der Wissenschaftseinteilungen deutlich, wobei die Aufteilung in ma. und humanistische Philologien nicht durchwegs zu beobachten ist, eine Neutestamentliche und die Patristische Philologie in einer "Seduta antimeridiana" aufgenommen und Deutschland hinsichtlich des Mittellateins noch geteilt ist, nicht politisch, sondern in eine "Filologia latina altomedievale" und "bassomedievale". Die etwas heterogenen Beiträge können hier nur in Auswahl und soweit sie dem Lateinischen gewidmet sind, angeführt werden: Walter Berschin, Mittellateinische Philologie in Deutschland im XX. Jahrhundert, I: Das frühe Mittelalter - Probleme der Edition mittellateinischer Texte (S. 77-88), beanstandet im überwiegenden Teil seines Beitrages Editionen der MGH und bezeichnet als "renommierteste Serie des Faches" die Reihe, die er selbst herausgibt und zum Teil füllt. - P. C. Jacobsen, Mittellateinische Philologie in Deutschland im XX. Jahrhundert, II: Arbeiten zum hohen und späten Mittelalter (S. 89-127), bietet eine seriöse Charakterisierung der Schulen und Gelehrten, skizziert laufende Projekte und deutet Aufgaben an. - Michael Lapidge, Medieval Latin Philology in the British Isles (S. 155-188), weist auf das Fehlen eines selbständigen Faches Mittellatein hin, weshalb die eindrucksvollen Leistungen auf diesem Gebiet von Fachfremden, Klassischen Philologen, Historikern oder auch einem Beamten des Arbeitsministeriums (F. J. E. Raby) erbracht worden seien. - Peter Stotz, Lateinische Philologie des Mittelalters und der Renaissance im XX. Jahrhundert. Der Beitrag der Schweiz (S. 189-238), handelt ausführlicher über Jakob Werner und Wolfram von den Steinen und verweist auf eine bemerkenswerte Aktivität auf dem Feld der neuzeitlichen Latinität. - Jean-Yves Tiliette, La philologie médiolatine en France au XXe siècle (S. 505-528), bedauert das geringe Echo, das die meist individuellen Bestrebungen zur Erschließung ma. Quellen fänden, und verzeichnet die einschlägigen Thèses der École des Chartes in den Jahren 1900-1989. - Enzo Cecchini, La filologia mediolatina in Italia nel sec. XX (S. 529-567), überschneidet sich etwas mit Vincenzo Fera, La filologia umanistica in Italia nel secolo XX (S. 239-273), was auf die personelle Verflechtung der Fächer zurückzuführen ist. - Weitere Beiträge behandeln die Niederlande und Belgien (Edmé R. Smits), Spanien (Manuel C. Diaz y Diaz), die U. S. A. und Canada (Christopher J. Donough) sowie weitere europäische Länder. Durch Umfang und Materialreichtum zeichnen sich zwei Beiträge aus: Peter L. Schmidt, Die Studien in Deutschland zur humanistischen und neulateinischen Literatur seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert (S. 830-910), sowie Jitka K_esalková, Filologia umanistica e mediolatina in Cecoslovacchia nel novecento (S. 1025-1089), deren persönlich gefärbte Wertungen freilich mit Zurückhaltung beurteilt werden sollten. Dem Werk ist ein Register der neuzeitlichen Forscher beigegeben.

    G. S.


  16. Gerhart B. Ladner, Erinnerungen. Hg. von Herwig Wolfram und Walter Pohl (Österreichische Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-historische Klasse. Sitzungsberichte 617) Wien 1994, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 86 S., 1 Tafel, ISBN 3-7001-2165-2, ATS 280, DEM 40. - Die "Erinnerungen" des am 21. September 1993 in Los Angeles verstorbenen bedeutenden Mediävisten sind auch ein Beitrag zur Geschichte der MGH. Für sie hat er um 1930 in Wien, zeitweise auch in Berlin, gearbeitet. Seit 1950 war er unser korrespondierendes Mitglied und hat uns nach dem Kriege auch oft in München besucht. Ladners Erzählungen vermitteln einen lebendigen, oft auch amüsanten Eindruck von Persönlichkeiten wie Paul Kehr, Ernst Kantorowicz und Stefan George, dessen Kreis er nahestand, und man erfährt auch viel Interessantes über Gelehrte, denen er am Institut für Österreichische Geschichtsforschung, an den römischen Instituten und nach seiner Emigration 1938 in Kanada und den USA begegnet ist.

    H. M. S.


  17. Diego Quaglioni, L' "ansia di sapere" dello storico. A proposito degli "Scritti sul Medioevo" di Raoul Manselli, Annali dell'Istituto storico italo-germanico in Trento - Jb. des Italienisch-deutschen historischen Instituts in Trient 20 (1994) S. 11-37, bietet anläßlich der Vorstellung eines Sammelbandes von Aufsätzen (vgl. DA 51, 220) des 1984 plötzlich verstorbenen Mediävisten eine Würdigung des Gelehrten unter besonderer Berücksichtigung von dessen vielfältigen Beziehungen zur deutschsprachigen MA-Forschung.

    Josef Riedmann


  18. Reden anläßlich der Verleihung des Brüder-Grimm-Preises 1995 (Marburger Universitätsreden 21) Marburg 1995, Pressestelle der Philipps-Universität, 27 S., ISBN 3-923014-16-3, enthält: Jürgen Petersohn, Laudatio auf Arno Borst (S. 3-11). - Arno Borst, Vom Kalendermachen (S. 13-27), rückt in den Mittelpunkt seiner Dankesrede den sog. Lorscher Reichskalender von 789 und seine epochemachende Wirkung in der Geschichte von Zeitrechnung und Zeitbewußtsein.

    R. S.


  19. Atti dell'"Incontro tra i responsabili degli Istituti storici extra-universitari italiani e tedeschi", tenutosi in occasione del ventesimo anniversario della fondazione dell'Istituto storico italo-germanico in Trento. Trento, 5 novembre 1993, Annali dell'Istituto storico italo-germanico in Trento - Jb. des Italienisch-deutschen historischen Instituts in Trient 20 (1994) S. 273-470. - Im Rahmen dieser Jubiläumsveranstaltung legten die Repräsentanten der namhaftesten einschlägigen Institutionen, die sich mit der Geschichte des MA befassen (z. B. MGH, Istituto storico italiano per il Medio Evo, Centro italiano di studi sull' Alto Medioevo, Akademien, einzelne Historische Institute u. ä.) einen Abriß ihrer Geschichte, Forschungstätigkeit, Publikationen und Dienstleistungen vor.

    Josef Riedmann


  20. In principio. Incipit Index of Latin Texts. Compact Disc (CD-ROM) mit 202 MB, Turnhout 1995, Brepols, ISBN 2-503-50454-X, BEF 108.000. - Bei der Menge von Texten und Hilfsmitteln für unser Fachgebiet, die inzwischen verfügbar sind, ist es schwer, die Übersicht zu behalten, geschweige denn den unterschiedlichen Grad der Nützlichkeit zu beurteilen. Daher ist ein Hinweis auf die CD "In principio" angebracht, die über ihre Grundbestimmung als Initienverzeichnis hinaus bemerkenswerte, für die Arbeit mit ma. Quellen höchst begrüßenswerte Qualitäten aufweist. Erschlossen sind in der gegenwärtig vorliegenden (zweiten) Ausgabe die Materialien des Institut de Recherche et d'Histoire des Textes in Paris (IRHT) sowie der Hill Monastic Manuscript Library in Collegeville, U. S. A. (HMML), in denen lateinische Hss. von der vorklassischen Zeit bis in die Renaissance nach Initien geordnet erfaßt sind. Trotz gelegentlicher Überschneidungen ergänzen die beiden Sammlungen einander recht gut, da der Schwerpunkt des IRHT auf französischen und vatikanischen Hss. liegt, während die HMML besonders um die Erfassung österreichischer und iberischer Hss. bemüht war. Der Variationsbreite der ma. Orthographie ist bei den Suchmöglichkeiten in der Datenbank Rechnung getragen: Ein Teil der Schreibvarianten wurde dem Programm mitgeteilt, so daß bei der gewöhnlichen ("erweiterten") Suche der Wechsel ae-oe-e, zusätzliches oder fehlendes h, mn - mpn u. ä. berücksichtigt wird und das Programm alle Alternativen angibt, also bei der Anfrage nach "hymnus" alle Initien nennt, die "hymnus", "himnus", "impnus" usw. enthalten; der große Vorteil der Datenbank gegenüber der alphabetisch sortierten Kartei ist eben die Suchmöglichkeit nicht nur nach dem ersten Wort, so daß man auch bei Umstellungen in den Initien, ja sogar bei vorangestellten Zusätzen zum Ziel kommt. Hervorgehoben sei die Möglichkeit, einen Werktitel allein einzugeben und so Autor und Überlieferung zu ermitteln. Bekanntlich stellt sich diese Aufgabe dank der großzügigen Auffassung des MA vom Urheberrecht gar nicht selten, und wo bisher eine fundierte, langjährige philologische Ausbildung erforderlich war, kann sich mit dem vorliegenden Hilfsmittel auch ein Anfänger in wenigen Sekunden über "Mammotrectus" oder "Fen" informieren, da die Wahrscheinlichkeit, ein Werk in dem Material zu finden, angesichts der 400.000 erfaßten Initien recht groß ist. Aber nicht nur Werke können über ihren Titel jetzt identifiziert werden, das Programm sucht ein angegebenes Wort im gesamten Initium, so daß beispielsweise unter "Summule" auch die Kommentare zu den "Summule logicales" aufscheinen, wogegen man die 9677 "Commentarii" u. ä. nur zu besonderen Anlässen wird durchsehen wollen. Der Nutzen dieser Datenbank geht also weit über den eines Initienverzeichnisses hinaus und wird zweifellos noch größere Kreise von interessierten Forschern ansprechen, zumal die Scheibe erst zu einem Drittel belegt ist und der Verlag die Übernahme weiterer Bestände in Aussicht stellt.

    G. S.


  21. 2.Hilfswissenschaften und Quellenkunde

  22. M.a Milagros Cárcel Ortí, La enseñanza de la Paleografía y Diplomática. Centros y cursos, Valencia 1996, Artes Gráficas Soler, 257 S., ISBN 84-605-4680-2. - Das Bändchen trägt weltweit eingeholte Auskünfte zusammen, ist also von deren Qualität (und auch von ihrem Verständnis) abhängig. Es informiert im weiteren Sinne über die sehr unterschiedliche Einbindung der Historischen Hilfswissenschaften in den Lehrbetrieb der Universitäten und Archivschulen, widmet sich ausführlicher der Schriftkunde und Urkundenlehre im Rahmen des Geschichtsstudiums und der Promotionsstudiengänge an spanischen Universitäten und den einschlägigen außeruniversitären Aktivitäten der spanischen Professoren.

    Hermann Jakobs


  23. Jacqueline Hamesse, Les problèmes posés par la transmission des textes à la fin du moyen âge et au début de la Renaissance, Schede Medievali. Rassegna dell'Officina di Studi Medievali 24-25 (1993) S. 77-101, untersucht in einem ersten Teil die verschiedenen Formen und Methoden in der Verbreitung von Texten zwischen den europäischen Universitäten zum Ende des MA, in einem zweiten deren Veränderungen bzw. Kontinuität in der Renaissance sowie die unterschiedlichen Sichtweisen in den verschiedenen Bereichen Europas bei gleichen Verhältnissen und zur gleichen Zeit.

    M. P.


  24. Medioevo Latino. Bollettino bibliografico della cultura europea da Boezio a Erasmo (secoli VI - XV), Bd. 16, a cura di Claudio Leonardi e Lucia Pinelli e di Rino Avesani, Ferruccio Bertini, Giuseppe Cremascoli, Giuseppe Scalia, Spoleto 1995, Centro Italiano di Studi sull'Alto Medioevo, ISSN 0393-0092, XXXVI u. 1027 S., ITL 300.000. - Das bibliographische Hilfsmittel, das inzwischen in der mediävistischen Forschung einen festen Platz einnimmt (vgl. zuletzt DA 38, 586) hat im Laufe der Zeit chronologisch immer weiter ausgegriffen: Waren die ersten zwölf Jahrgänge noch auf "secoli VI - XIII" beschränkt, kam in Bd. 13 das 14. Jh. hinzu, und der soeben erschienene Band will nun programmatisch das gesamte MA erfassen, was zu einer erheblichen Vermehrung der aufzunehmenden Titel geführt hat. Durch ein größeres Format und lesefreundlichen Zweispaltendruck wurde dennoch die Handlichkeit und Benutzbarkeit eher noch verbessert. Wegen der wachsenden Zahl der direkt an die Redaktion eingereichten Publikationen sind zudem die Anzeigen im Durchschnitt aktueller geworden, doch bleibt als hauptsächliche Informationsquelle nach wie vor der Rezensionsteil der einschlägigen Fachzeitschriften, die durch ein mehrfach abgestuftes Redaktionsteam ausgewertet werden, das unter "Direttore" und "Redattore-capo" als "Comitato direttivo" wirkt und seinerseits "in collaborazione" mit außeritalienischen Adressen eine "Redazione centrale" in Florenz betreut (bis hierher sind es zwanzig Namen), die mit einer sehr heterogenen Gruppe von 87 (!) Mitarbeitern weit über dreihundert Zss. verzettelt, so daß allein die logistische Leistung beim Zusammenführen der Informationen Achtung abnötigt. Die Hauptlast der Arbeit wird offensichtlich von den 68 Forschern geleistet, deren Siglen S. XII mitgeteilt sind. Inzwischen wurde die Übernahme des Materials aller bisher erschienenen Bände auf eine Compact-Disc (CD) in Angriff genommen, und die zahlreichen Suchkriterien und -möglichkeiten, die die elektronische Datenverarbeitung bietet, versprechen eine sehr weit ausgreifende mediävistische Datenbank.

    G. S.


  25. Yves Chartier, Clavis Operum Hucbaldi Elnonensis: Bibliographie des śuvres d'Hucbald de Saint-Amand, The Journal of Medieval Latin 5 (1995) S. 202-224, bietet zu 21 authentischen und zehn weiteren Hucbald zugeschriebenen Werken die kodikologisch und bibliographisch relevanten Angaben. Die nach den Sachgruppen Poesie, Hagiographie und Musik geordnete Aufstellung ist offenbar ein nützliches Nebenprodukt der lange erwarteten Edition von Hucbalds musikalischem Gesamtwerk durch den Vf.: L'Śuvre musicale d'Hucbald de Saint-Amand: les compositions et le traité de musique (Cahiers d'Études médiévales) Montréal-Paris 1994, Bellarmin-Vrin.

    Peter Dinter


  26. Die archivalischen Quellen. Eine Einführung in ihre Benutzung. Hg. von Friedrich Beck und Eckart Henning (Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs 29) Weimar 1994, Hermann Böhlaus Nachfolger, 298 S., 79 Abb., 26 Tafeln, ISBN 3-7400-0882-2, DEM 38. - Eine "wissenschaftliche Darstellung der archivalischen Quellen aus der Sicht ihrer Benutzung" will dieses Werk nach Ausweis des Vorwortes geben, wobei nicht nur die älteren Zeiten, sondern auch die Gegenwart ins Blickfeld geraten. Einem quellenkund-lichen Teil, in welchem für den Mediävisten besonders die Ausführungen über Urkunden, Amtsbücher, Briefe, Karten und Pläne sowie - etwas überraschend hier aufgenommen - Selbstzeugnisse interessant sind, folgt ein hilfswissenschaft-licher, der über Beschreibstoffe und Schreibgeräte, die Schrift, Siegel und Wappen sowie darüber hinaus über Namen, Münzen, Maße und Gewichte, schließlich auch über die Datierung von Dokumenten Auskunft gibt. Da hauptsächlich Autoren aus der ehemaligen DDR am Werk waren, wird vieles vorrangig mit Material aus diesem Raum belegt, was den von einem solchen Werk erwarteten Informationen aber keinen Abbruch tut, zumal dieses Material, wenn erforderlich, durchgängig in hervorragenden Abbildungen präsentiert wird. Daß mit dem Buch unbestritten eine Marktlücke entdeckt wurde, zeigt die Tatsache, daß es schon innerhalb weniger Monate zum zweiten Mal aufgelegt worden ist. Dabei hat man einige Fehler beseitigt, wie etwa eine falsche Jahreszahl in der Unterschrift zur Abbildung einer Urkunde Kaiser Karls IV. (S. 42). Anderes ist leider stehengeblieben, wie das unrichtige Todesdatum des Papstes Innozenz III. (S. 91) oder die Maße der in Greifswald verwahrten Großen Pommernkarte, die hier (S. 117) nicht einmal DIN A4-Format erreicht. Bei der Erstellung der umfangreichen und instruktiven Bibliographie hätte man mehr Sorgfalt bei den Angaben von Verfassernamen und Titeln walten lassen sollen. Auch verwundert, daß manche Bände der "Typologie des sources" nicht genannt sind, die immerhin über Briefe, Siegel oder kartographische Quellen informiert haben.

    Wolfgang Eggert


  27. L'Archivio di Stato di Roma, a cura di Lucio Lume, con la collaborazione di Eugenio Lo Sardo e Patrizia Melella (I Tesori degli Archivi [1]) Firenze 1992, 284 S., zahlreiche Abb., ISBN 88-404-1300-6, ITL 150.000. - Mit der neuen, reich mit Abbildungen ausgestatteten Reihe der "Tesori degli Archivi" ist den bedeutenderen Staatsarchiven Italiens die Möglichkeit gegeben, ihre Geschichte, die wichtigsten Bestände, das Archivdomizil in seiner kunsthistorischen Bedeutung und eventuell weitere in diesem Gebäude ansässige Institutionen vorzustellen. Im ersten Bd. dieser Reihe, der das Staatsarchiv Rom und den Palazzo della Sapienza zum Thema hat, wird deshalb auch die ursprünglich in diesem Palazzo beheimatete Universität Rom mitberücksichtigt. Elio Lodolini, Gli istituti archivistici romani (S. 19-37), berichtet über die Geschichte des 1871 eingerichteten Staatsarchivs und andere staatliche Archivinstitutionen in Rom. In der zweiten Abteilung werden die Archivfonds vorgestellt: Maria G. Pastura Ruggiero, La camera apostolica e i tribunali romani (S. 41-77); dies., Le congregazioni cardinalizie (S. 79-85); Manola Venzo, I tribunali dello stato pontificio (S. 87-91); Eugenio Lo Sardo, L'età dei mutamenti (S. 93-103); Angela Lanconelli, Le riforme di Pio IX (S. 105-109); Maria L. San Martini Barrovecchio, Gli archivi contemporanei (S. 111-117); Vera V. Spagnuolo, Catasti pontifici, disegni e iante (S. 119-135); dies., Corporazioni religiose, confraternite e ospedali, il diplomatico (S. 137-152), unter anderem mit einem Faksimile des unvollzogenen Entwurfs von DH. IV. 171; Patrizia Melella, Gli archivi notarili (S. 153-164); Giuliana Adorni, L'università di Roma (S. 165-176); Ferruccio Ferruzzi, Gli archivi privati (S. 177-179); Laura Chiodi Cianfarani, La biblioteca dell'archivio (S. 181-185). Eine kunsthistorische Würdigung der Architektur des Archivgebäudes von Paolo Portoghesi, Il Palazzo della Sapienza (S. 189-243), und eine kurze Universitätsgeschichte von Carla Frova, L'università di Roma in età medievale e umanistica con una nota sulle vicende istituzionali in età moderna (S. 247-265), beschließen den Band, der nicht zuletzt durch seine qualitativ hochwertigen Farbabbildungen ein eindrucksvolles Bild dieses Archivs und seiner Bestände vermittelt.

    Markus Brantl


  28. L'Archivio di Stato di Milano, a cura di Gabriella Cagliari Poli (I Tesori degli Archivi [2]) Firenze 1992, Nardini Editore, 252 S., zahlreiche Abb., ISBN 88-404-1301-4, ITL 200.000. - Der zweite in der Reihe "I Tesori degli Archivi" erschienene Band (zu Bd. 1 vgl. vorige Anzeige) stellt ein Archiv vor, das nach den Worten P. Kehrs "ein gewaltiges Magazin von historischen Materialien, an Umfang und Bedeutung vollkommen ebenbürtig den andern großen Centralarchiven Italiens in Venedig, Turin, Florenz und Neapel" darstellt. Lange Zeit waren zum großen Mißfallen Kehrs und anderer Gelehrter die Bestände "Archivio diplomatico" (mit dem "Museo diplomatico") und "Fondo di religione" wegen der zugunsten einer administrativen Ordnung vorgenommenen Zerstörung der Provenienzen überaus schwierig zu benutzen. Eine Wende trat dann unter der Leitung von Luigi Fumi (1907-1920) ein, der sich wieder für das Provenienzprinzip entschied. Über die Geschichte dieser Fonds berichten nach einem allgemeinen Überblick über das Staatsarchiv aus der Feder der amtierenden Direktorin Gabriella Cagliari Poli (S. 11-16) die Beiträge von Maria Pia Bortolotti (S. 41-46) und Alba Osimo (S. 89-92). Weitere Kapitel informieren über die übrigen Fonds, darunter das Notariats-Archiv, und über die Baugeschichte. Der Bd. ist mit hervorragenden Farbillustrationen ausgestattet (S. 48: Urkunde der Mathilde von Tuszien vom 4. November 1109 für S. Benedetto Po; S. 49: DF. I. 221).

    A. G.


  29. Kurt Andermann, Die Urkunden des Freiherrlich von Adelsheim'schen Archivs zu Adelsheim (Regesten) 1291-1875 (Zwischen Neckar und Main. Schriftenreihe des Vereins Bezirksmuseum Buchen 27) Buchen 1995, Verein Bezirksmuseum, 266 S., ISBN 3-923699-17-4. - Der Bd. dient der Rekonstruktion eines 1848 großenteils vernichteten Adelsarchivs, von dem sich nur rund hundert Originalurkunden sowie eine Anzahl neuzeitlicher Abschriften und Fragmente erhalten haben. Präsentiert werden 533 Regesten (darunter 172 vor 1500), die den historischen Weg der ursprünglich ministerialischen, vom Odenwald bis nach Tauberfranken begüterten Familie widerspiegeln. Unter den Ausstellern finden sich auch Ludwig der Bayer, Karl IV., Ruprecht von der Pfalz, Sigmund, Friedrich III. und Maximilian I. sowie verschiedene Würzburger Bischöfe und Pfalzgrafen bei Rhein.

    R. S.


  30. Jean-Loup et Nicole Lemaitre, Guide des Archives communales d'Ussel. Archives historiques et collections du Musée du pays d'Ussel (Mémoires et documents sur le Bas-Limousin) Ussel 1992, Archives communales et Musée du pays d'Ussel, 105 S., 23 Abb., ISBN 2-903920-15-X. - In dem vorliegenden Archivführer für diese im Limousin gelegene Stadt werden Dokumente von 1254 an verzeichnet, die für die lokale Geschichte, besonders im Hinblick auf das Verhältnis zu den Grafen von Ventadour von Bedeutung sind.

    A. G.


  31. Tiina Kala, Die Beziehung zwischen Dortmund und Reval im Mittelalter. Ein Inventar der Quellen des Stadtarchivs Reval, Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark 85/86 (1994/95) S. 85-120 (mit 1 Abb.), bietet in Form von 33 Regesten (S. 90-104) eine Übersicht über die Quellen zum Thema für die Zeit von 1398 bis zum Livländischen Krieg (1558-1583). Hinzugefügt sind Auszüge aus einer Hs. mit Texten zur Grammatik und Logik, die der aus Dortmund stammende Prokurator des Revaler Dominikanerklosters David Sliper um 1510-1518 verfaßt hat (S. 105-119). Der Namenkatalog, in dem die Vf. die von Sliper benutzten Autoritäten aufzählt, ist so fehlerhaft (Rechtschreibung) und mangelhaft (fehlende Identifizierungen), daß er hier nicht korrigiert werden kann.

    Goswin Spreckelmeyer


  32. Corrado Mazzoli, I codici della Biblioteca Comunale di Terni: materiale per lo studio del contesto culturale ternano tardomedievale, Bollettino della Deputazione di Storia Patria per l'Umbria 92 (1995) S. 227-264, erfaßt und beschreibt nach kodikologischen, paläographischen und historischen Aspekten insbesondere den ma. Handschriftenbestand und seine Provenienz und versucht, ihn in seiner Bedeutung für den spätma. Kulturkontext des südumbrischen Raumes zu analysieren. Die Arbeit, der Teilfotos zahlreicher Hss. beigegeben sind, versteht sich als Ergänzung zum Handschriften-Katalog des gleichen Vf.: Tra i Gioelli dell'Umbria. Catalogo dei manoscritti della Biblioteca Comunale di Terni (sec. XIII-XV), Manziana 1993 (ISBN 88-85313-43-3).

    M. P.


  33. Carl-Matthias Lehmann, Der Verbleib der Bibliothek des Klosters Wedinghausen nach der Säkularisation, Westfälische Zeitschrift 143 (1993) S. 251-256, gibt knappe Hinweise zu den im Jahre 1803 vorhandenen ca. 3000 Bänden und zur weiteren Geschichte der dann in Arnsberg errichteten Provinzialbibliothek.

    Goswin Spreckelmeyer


  34. Elke Disselbeck-Tewes, Die Inkunabeln der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund. Ein Kurzkatalog, Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark 85/86 (1994/95) S. 349-373, erschließt und erleichtert durch einen alphabetischen Katalog und Register den Zugang zu insgesamt 66 Inkunabeln. Mit elf Wiegendrucken ist der Kölner Kartäusermönch und überzeugte Westfale Werner Rolevinck in Dortmund am häufigsten vertreten.

    Goswin Spreckelmeyer


  35. Ferdinand Opll, Nachrichten aus dem mittelalterlichen Wien. Zeitgenossen berichten, Wien u. a. 1995, Böhlau Verlag, 291 S., 43 Abb., 1 Karte, ISBN 3-205-98372-6, ATS 498, DEM 69,80. - In der Einleitung beklagt O. den Verlust eines alten Paradigmas. Denn aus der heutigen "Distanzierung"von einer positivistischen Geschichtswissenschaft resultiert "die Gefahr eines Erkenntnisverlustes". O. geht es "um die Erkenntnis, wie es gewesen ist" (S. 8). Dieser und andere Beweggründe für das vorliegende Werk, etwa bereits vorliegende Regestenwerke, werden in viertelseitenlangen Sätzen dargelegt. Der Bd. bringt für den Zeitraum von 881-1499 nur erzählende Quellen, wobei - überlieferungsbedingt - das 15. Jh. dominiert. Eingestreutes Bildmaterial entstammt häufig "fremder Provenienz", also anderen Orten und Zeiten, erscheint gedoppelt, einmal in Schwarz-Weiß und nochmals farbig, auch seitenverkehrt (Abb. 20, S. 103 u. Farbtafel). Abbildungen des 19. Jahrhunderts sollen dessen Vorstellung vermitteln, was aber weiter nicht erläutert wird. Hier ist wieder einmal dem Zwang zum Bild in einem Buch für ein breiteres Publikum nachgegeben. Die dargebotenen Texte sind vermischten Inhalts: Weinpreise, Kriegszüge, politische Geschehnisse, Todesfälle von Herzögen und Bürgern; die Gründe für letztere: die Königin "stirbt aus Gram über die Verheiratung ihrer Tochter" (S. 51), Herzog Leopold nach einem Aderlaß "aus Aufregung" (S. 117). Der Blinde findet die Tür nicht, der Lahme kann ihm nicht helfen (S. 78) und das "findet insofern eine Bestätigung", da beide tatsächlich solche Gebrechen aufwiesen. Diese Auszüge belegen exemplarisch die Problematik einer solchen Art von Quellendarbietung und die daraus resultierende Verkürzung der Information. Die Kommentare, so vorhanden, sind zu kurz und überwiegend auf die politische Geschichte ausgerichtet. Dringend nötige Quellenkritik unterbleibt und zudem werden Wertungen O.s implizit in den Text aufgenommen (S. 83): Die Pest und deren Folgen sind dreimal "furchtbar". Das Dilemma dieser Darstellungsweise, einer Übersetzung und bloßen Nacherzählung zeitgenössischer Texte, ist evident - so wie es die Quelle bringt, so muß es gewesen sein. Das Buch belegt anschaulich, warum der Positivismus andernorts mit guten Gründen aufgegeben wurde.

    Lothar Kolmer


  36. Pierre Bahier, Essai sur les possessions mancelles de l'abbaye de Saint-Denis-en-France au Haut Moyen Age, La province du Maine 97, 5e série, t. IX, fasc. 34 (1995) S. 119-122, versucht, vierzehn in der Urkunde Chlothars III. für Saint-Denis (D Merov. 35) genannte Orte zu lokalisieren.

    Rolf Große


  37. Klaus Höflinger und Joachim Spiegel, Ungedruckte Urkunden Kaiser Friedrichs II. für das Florenserkloster Fonte Laurato, AfD 40 (1994) S. 105-122. - Um die urkundliche Überlieferung dieses 1201 von S. Giovanni in Fiore aus gegründeten Klosters war es bislang schlecht bestellt. Im Rahmen der Arbeiten an der Edition der Diplome Kaiser Friedrichs II. stießen aber die Vf. inzwischen in der Biblioteca Provinciale Matera auf die Sammlung des Nicola Venusio aus dem Ende des 18. Jh. mit Abschriften und Auszügen aus wichtigen Urkunden des Klosters, die von der Gründungsurkunde bis ins 14. Jh. reichen. Daraus drucken sie sieben Urkunden Friedrichs II. ab (BF 632, 1011, 1186, 1305, 1419, B. - Zinsmaier 239), die vorher nur im Regest bzw. gar nicht bekannt waren (Nr. 4). Es handelt sich dabei um umfangreiche Besitzbestätigungen sowie Befreiung von Steuern, Abgaben und weltlicher Gerichtsbarkeit.

    A. G.


  38. Walter Koch, Eine epigraphische Überlieferung einer Urkunde Kaiser Friedrichs II.?, Estudis Castellonencs 6 (1994/95) S. 697-708, 10 Abb., erörtert und publiziert ein bislang unbekanntes Diplom für die apulische Stadt Ostuni, das fragmentarisch in einer in Brindisi aufbewahrten neuzeitlichen Abschrift zutage trat und der Intitulatio zufolge aus dem Zeitraum 1220-1225 stammt. Bemerkenswert ist, daß die Kopie augenscheinlich eine inschriftliche Vorlage wiedergibt, die vor 1268 angebracht worden sein müßte.

    R. S.


  39. Tomasz Jasi_ski, Z_ota Bulla Fryderyka II dla zakonu krzy_ackiego z roku rzekomo 1226 [mit Zusammenfassung: Die goldene Bulle Friedrichs II. für den Deutschen Orden angeblich aus dem Jahre 1226], Roczniki Historyczne 60 (1994) S. 106-161: Nachdem schon Paul Zinsmaier die eine der beiden Ausfertigungen (die andere hielt er irrtümlich für verschollen) der oft besprochenen Urkunde in die 30er Jahre des 13. Jh. datiert hatte, legt J. nun dar, daß die Urkunde überhaupt erst 1235 ausgestellt worden sei, und zwar nach dem Diktat des Petrus de Vinea. Im zweiten Teil geht er auf die Folgen dieser Umdatierung ein. Nicht nur, daß das Verhältnis zwischen der Goldbulle von Rimini und der päpstlichen Bulle von Rieti (1234) sich nun umkehrt. Friedrich II. hat, J. zufolge, 1226 nicht den Deutschen Orden in Preußen einsetzen wollen, sondern Landgraf Ludwig, womit die oft bedachte Konjektur einer Aussage der Reinhardsbrunner Chronik: terra Prussiae statt Plissie (vgl. Winkelmann, Jahrbücher 1 S. 382), einen Plausibilitätsbeweis erhielte.

    Hartmut Boockmann


  40. Recueil des actes de Louis VI, roi de France (1108-1137), publié sous la direction de Robert-Henri Bautier par Jean Dufour. Bd. 1: Actes antérieures à l'avènement et 1108-1125. Bd. 2: 1126-1137 et appendices. Bd. 3: Introduction. Bd. 4: Tables (Chartes et diplômes relatifs à l'histoire de France, publiés par les soins de l'Académie des Inscriptions et Belles Lettres) Paris 1992, 1993, 1994, De Boccard, XXVII u. 499 S., 500 S., 234 S., 193 S., 3 Karten, 20 Abb., 5 Tafeln, keine ISBN. - In der von L. Santifaller 1958 vorgelegten Übersicht über "Neuere Editionen mittelalterlicher Königs- und Papsturkunden" (vgl. DA 16, 246), klafften für Frankreich noch etliche Lücken. Inzwischen erhielt die Stammreihe der Chartes et diplômes frischen Wind in ihre Segel: die bis 987 reichende Reihe der Karolinger ist abgeschlossen (vgl. DA 25, 563; 37, 332), und aus der Folgezeit liegen die Diplome Philipps I. sowie Philipps II. August (vgl. DA 38, 596) vor, während diejenigen der ersten Kapetinger (von Hugo Capet bis Heinrich I.) und Ludwigs VII. in Bearbeitung sind und in absehbarer Zeit fertiggestellt sein werden, so daß dann der Forschung nach einem Zeitraum von ca. 100 Jahren die Reihe der Diplome von 814 bis 1223 vollständig zur Verfügung stehen wird. Die vorliegende Ausgabe in vier Bänden lag in den Händen von J. Dufour, der für dieses Projekt durch die Edition der Diplome Roberts I. und Rudolfs (vgl. DA 37, 332) bestens ausgewiesen war. Die ersten beiden Bände enthalten die edierten Stücke. Der dritte Bd. bietet eine umfangreiche Einleitung, der vierte die Register. Nach einem ersten Kapitel mit einer detaillierten Übersicht über den Urkundenbestand werden in drei weiteren Kapiteln die königliche Kanzlei und ihre Rolle unter Ludwig VI., die Ausfertigung der Diplome und schließlich deren äußere und innere Merkmale eingehend erörtert und durch Diagramme, Karten und Faksimiles zusätzlich erläutert. Den Schluß dieses Bandes bilden sechs Anhänge: eine alphabetische Liste mit den Incipits der Arengen (I), ein Verzeichnis der biblischen, patristischen und liturgischen Zitate (II), eine Liste mit den wichtigsten Datierungselementen in der vorliegenden Urkundensammlung (III), das Itinerar Ludwigs VI. (IV), ein Überblick über die Urkunden der Königin Adélaïde (V), eine Konkordanz mit den Nummern des Regestenwerks von Luchaire und denen der vorliegenden Edition. Diese beläuft sich auf die - im Vergleich zu den 180 Dokumenten aus der fast fünfzigjährigen Regierungszeit Philipps I. - verhältnismäßig hohe Zahl von 495 Nummern. Davon beziehen sich 18 auf Urkunden und Konsensakte Ludwigs noch vor der Übernahme der Herrschaft aus der Zeit zwischen 1090 und 1108 (Nr. 1-18). Die Hauptreihe der Sammlung umfaßt die Nr. 19-437, wobei neben den Diplomen (408, darunter 91 Deperdita) auch Briefe (33, darunter 18 Deperdita) und Mandate (14, davon 7 Deperdita) des Herrschers aufgenommen wurden. 96 Dokumente liegen noch im Original vor; als solches stuft D. im Gegensatz zu G. Tessier auch die Urkunde Nr. 404 ein, die somit ein frühes Beispiel der Gattung "Lettres patentes" darstellt. Unter die Spuria hat D. die Nr. 438-457 eingereiht, von denen nur noch die Nr. 444 und 446 in der Urschrift vorliegen. Eine erste Appendix enthält zwei Briefe, die Ludwig als designierten König betreffen, darunter einen Brief Ivos von Chartres (Nr. 2); eine zweite umfaßt 19 an den König gerichtete Briefe, darunter 6 Ivos von Chartres (Nr. 2, 3, 5, 6, 7, 9), sowie den Bericht über eine Wiedergutmachungsleistung Ludwigs; eine dritte schließlich wird von 16 Urkunden bzw. Briefen der Königin Adélaïde gebildet. Es wird allenthalben spürbar, daß das Werk, dessen Ergebnisse in diesem Rahmen nicht annähernd gewürdigt werden können (vgl. die ausführliche Besprechung von L. Falkenstein in der ZRG Kan. 80 [1994] S. 539-559), aus einer langjährigen und intensiven Beschäftigung mit der Materie erwachsen ist, und man darf den Bearbeiter und zugleich die Académie des Inscriptions et Belles-Lettres zu dieser Publikation nur beglückwünschen.

    A. G.


  41. Jürgen Huck, Eine angebliche Urkunde des Königs von Dänemark für Neuss von 1270, Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 197 (1994) S. 63-71, wertet die Urkunde (Lacomblet, UB für die Geschichte des Niederrheins 2 Nr. 599) als Fälschung und verweist auf das entsprechende Urteil im Diplomatarium Danicum II/12 (1960) Nr. 217.

    E.-D. H.


  42. O. Kresten - A. E. Müller, Die Auslandsschreiben der byzantinischen Kaiser des 11. und 12. Jahrhunderts: Specimen einer kritischen Ausgabe, Byzantinische Zs. 86/87 (1993/94) S. 402-429, 2 Tafeln, stellen ein Projekt zur Publikation der original oder kopial überlieferten Stücke aus der Zeit von 1025 bis 1204 vor und präsentieren als Muster vier ausgearbeitete Editionen: Dölger, Regesten Nr. 1193 (aus Wilhelm von Tyrus), 1207, 1208 (aus dem Registrum des Petrus Diaconus von Montecassino), 1302 (griechisch-lateinische Bilingue im Original), das letzte Stück auch im Teil-Facsimile.

    R. S.


  43. Gunther Wolf, Die Kanonisationsbulle von 993 für den Hl. Oudalrich von Augsburg und Vergleichbares, AfD 40 (1994) S. 85-104, untersucht "kritischer als bisher" die Urkunde JL 3848 und äußert Zweifel, ob der vorliegende Wortlaut des 16. Jh. ursprünglich und wirklich das erste erhaltene Zeugnis einer päpstlichen Kanonisation sei (vgl. jedoch DA 51, 195-211).

    A. G.


  44. Paul Freedman, A Privilege of Pope Alexander III for Sant Pau del Camp (Barcelona), AHP 31 (1993) S. 255-263, ediert die bisher unveröffentlichte Besitzbestätigung von 1165, die auf eine verlorene Urkunde Paschals II. zurückgreift, und versucht in seinem Kommentar, die Frühgeschichte des Klosters zu erhellen.

    D. J.


  45. Die Originale der Papsturkunden in Baden-Württemberg 1198-1417. Hg. von Tilmann Schmidt (Index Actorum Romanorum Pontificum ab Innocentio III ad Martinum V electum 6/1 und 6/2) Città del Vaticano 1993, Biblioteca Apostolica Vaticana, LII u. 836 S., ISBN 88-210-0648-4. - Dieser Censimento der originalen Papsturkunden innerhalb des heutigen deutschen Bundeslandes Baden-Württemberg, der unter der Patronanz der Commission Internationale de Diplomatique steht, umfaßt 1301 Originale für die Zeit von 1198 bis 1417. Da sich darunter einige Mehrfachausfertigungen befinden, enthält die Regestenedition nur 1270 Nummern. Etwa 70 % tragen noch ihre Bleibullen. Der Großteil der Urkunden sind "litterae patentes", darunter überwiegend Gratialbriefe. Unter den mittels Seidenfäden besiegelten Stücken - insgesamt 845 - finden sich noch 47 feierliche Privilegien, deren letztes allerdings von 1289 stammt. 71 sind Bullen im engeren Sinn. Sie setzten - sieht man von einem frühen Stück aus dem Jahre 1255 ab - mit dem Jahre 1344 ein. "Litterae cum filo canapis" bleiben mit 443 Specimina beträchtlich in der Minderzahl. Die einzelnen Urkundentypen, ebenso die Registrierungsvermerke - sie scheinen bei 24 % der Stücke auf der Rückseite auf -, sind in Tabellenform im Rahmen der Einleitung aufgelistet. Die meisten Einträge können in den päpstlichen Registerserien nachgewiesen werden. Dem offensichtlich gediegen gearbeiteten Werk sind neben einem Namen- und Sachregister ein Incipit-Verzeichnis und sieben Appendices beigegeben. In ihnen finden wir die Skriptoren (App. I), Taxatoren und Distributoren (App. II), Abbreviatoren (App. III), Sekretäre (App. IV), Auskultatoren, Expeditoren, Rezeptoren (App. V), Prokuratoren samt ihren Auftraggebern bzw. die Auftraggeber mit ihren Prokuratoren (App. VI) sowie vorkommende Zeichen (App. VII) erfaßt.

    Walter Koch


  46. Verzeichnis der Originale spätmittelalterlicher Papsturkunden in Österreich 1198-1304. Ein Beitrag zum Index Actorum Romanorum Pontificum ab Innocentio III ad Martinum V electum, bearb. von Wolfgang Hilger (Fontes rerum Austriacarum, 2. Abt., 83) Wien 1991, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, XXXI u. 443 S., ISBN 3-7001-1833-3. - Nach langwierigen Vorarbeiten liegt hier ein erstes gewichtiges Teilstück des österreichischen Beitrags zum "Censimento" der spätma. Papsturkunden vor. Aus 45 Archiven der heutigen Republik (mit Einschluß von einigen 1978 an "Jugoslawien" abgetretenen Stücken, aber mit Ausschluß des Deutschordens-Zentralarchivs in Wien) werden in chronologischer Folge 633 erhaltene Originale nachgewiesen, und zwar durch Regesten des Rechtsinhalts sowie wörtliche Wiedergabe von Intitulatio und Adresse, Incipit und Explicit, Datierung bzw. (bei den 41 feierlichen Privilegien) dem gesamten Eschatokoll. Besonderer Wert wird, wie üblich, auf die Kanzleivermerke der Vorder- und Rückseite gelegt. Zu über 90 % handelt es sich um Litterae cum serico oder Litterae cum filo canapis; unter den Ausstellern ragt Alexander IV. mit 115 Nummern hervor. Betreffe außerhalb des bayerisch-österreichischen Raums treten nur vereinzelt auf. Erschlossen wird das Material durch Register der Schreibervermerke, der Taxatoren- und Recipe-Vermerke, der Prokuratorenvermerke, der Incipits und Explicits sowie ein Personen- und Ortsregister.

    R. S.


  47. Friederike Zaisberger, Kanzleivermerke auf Papsturkunden zwischen (1139) 1198 und 1415 in Salzburg, Tirol und Vorarlberg, Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 135 (1995) S. 407-454, publiziert nach dem Erscheinen des Censimento-Bandes von W. Hilger (vgl. die vorige Anzeige) ihre wenig aufbereiteten Aufzeichnungen, die vielfach andere, nicht unbedingt überzeugende, Lesarten bieten, verzeichnet ca. 40 weitere Stücke aus der von Hilger nicht bearbeiteten Zeit nach 1304, von denen 9 bisher unveröffentlicht waren, und weist auf 7 weitere Salzburger Originale von 1344-1399 hin, die leider ohne Berücksichtigung der Vermerke in derselben Zs. Bd. 10 (1870) und 12 (1872) gedruckt sind. Eines der beiden Stücke vor 1198 ist JL 7966, das andere scheint wirklich unveröffentlicht zu sein.

    Herwig Weigl


  48. Die Urkunden des Klosters Oelinghausen - Regesten -, bearb. von Manfred Wolf (Landeskundliche Schriftenreihe für das kurkölnische Sauerland 10. Zugleich erschienen als Veröffentlichung der Historischen Kommission für Westfalen [Landschaftsverband Westfalen-Lippe], Reihe 37: Westfälische Urkunden [Texte und Regesten]. 4) Fredeburg 1992, Grobbel-Verlag, 592 S., 9 Abb., ISBN 3-922659-39-7. - Das 1174 von einem Ministerialen der Kölner Kirche gegründete Prämonstratenserinnenkloster Oelinghausen (westlich von Arnsberg) hatte lange Zeit in den Kölner Erzbischöfen mächtige Gönner, die zusammen mit weltlichen Großen, vor allem dem Arnsberger Grafenhaus, zur wirtschaftlichen, religiösen und kulturellen Bedeutung der Stiftung beitrugen. Im 15. Jh. setzte der Niedergang des jahrhundertelang Töchter des westfälischen Adels aufnehmenden Konvents ein. 1617 wurde Oelinghausen als Prämonstratenserinnenkloster aufgehoben und zunächst der Kölner Erzbruderschaft zum Heiligen Kreuz inkorporiert, um wenig später in ein freiweltliches adliges Damenstift umgewandelt zu werden; 1804 erfolgte die Aufhebung des Stifts. Der reiche Urkundenbestand gelangte nach Münster und wurde von W. sorgfältig zu 1071 ausführlichen Regesten verarbeitet, die den Zeitraum von 1119 bis 1792 umspannen. Etwa die Hälfte der Nummern fällt in die Zeit vor 1500. In einem Anhang wird das um 1280 angelegte und 142 Einzelposten betreffende Urbar ediert. Ein Namensindex beschließt die Publikation.

    A. G.


  49. Kloster Gräfrath. Urkunden und Quellen 1185-1600, bearb. von Kurt Niederau und Aline Poensgen (Anker und Schwert 11) Solingen 1992, Stadtarchiv Solingen, XX u. 481 S., ISBN 3-928956-01-9. - Der heutige im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf verwahrte Urkundenbestand des 1185 gegründeten und 1803 aufgehobenen Augustiner-Chorfrauenstifts, dessen Geschichte vor kurzem in einer Monographie behandelt wurde (vgl. DA 47, 322), zählt 164 Urkunden aus der Zeit von 1185-1800, davon 148 vor 1600. Diese bilden in erster Linie die Grundlage der vorliegenden Veröffentlichung. Darüber hinaus werden alle Urkunden berücksichtigt, die einmal zum Klosterfonds gehört haben, und schließlich in einem Anhang weitere Texte dargeboten, die sich nicht in den Hauptteil einfügen ließen, aber für die Geschichte des Klosters einen hohen Quellenwert besitzen, an erster Stelle die im Zusammenhang mit der 1471 durchgeführten Klosterreform erstellten Statuten, die deutschsprachig in einer Hs. aus dem Ende des 15. Jh. vorliegen. Insgesamt sind 490 Nummern zusammengekommen, wobei der Inhalt der Dokumente in der Regel in Vollregesten, ansonsten in vollem Wortlaut wiedergegeben wird, wie z. B. bei den Gründungsurkunden von 1185, 1187 und 1189 und der bisher offenbar unbekannten Urkunde des apostolischen Legaten Guido aus dem Oktober 1202 (Nr. 10). Ein Namenregister erschließt die Publikation.

    A. G.


  50. Die Urkunden des Dekanatsarchives Neumarkt (Südtirol) 1297-1841. Bearb. von Hannes Obermair (Schlern-Schriften 289) Innsbruck 1993, Universitätsverlag Wagner, 240 S., Abb., ISBN 3-70300261-1, DEM 54. - Der Reiz dieses nicht eben großen Urkundenbestandes (133 Nummern, dazu 18 erschlossene Deperdita) liegt im Nebeneinander der nördlichen und der südlichen Beurkundungsgewohnheiten, entsprechend den Einflüssen aus zwei benachbarten Kulturbereichen, repräsentiert durch die Herzöge von Österreich und die Bischöfe von Trient: bis 1500 finden sich 13 Siegelurkunden und 95 Notariatsinstrumente, 10 deutsche (zuerst 1375) und 98 lateinische Texte. Solche allgemeinen Zusammenhänge unterstreicht der Hg. in der gründlichen Einleitung. Sie bringt weit mehr als die Beschreibung der heutigen Bestände des Neumarkter Archivs (unter Einschluß der Matrikeln und sonstigen Hss.). Seine Erfahrung bei der Bearbeitung des Tiroler Urkundenbuches ermöglicht dem Hg. eine Übersicht über die Publikationen zu den Südtiroler Archiven seit den grundlegenden "Archiv-Berichten aus Tirol" von Ottenthal und Redlich (1888-1912). Ferner begründet er, warum er für die Publikation des Bestandes die Form des "Vollregests" gewählt hat. Dieses präsentiert sich als eine mustergültige Wiedergabe des Urkundeninhalts mit jeweils einer Vielzahl von Einsprengseln in der Originalsprache, zu denen insbesondere die Namen gehören. Das scheint ein akzeptabler methodischer Weg zwischen dem Abdruck des vollen Textes und - bestenfalls - einer summarischen Inhaltsangabe. Auf diese Weise könnten nämlich die großen Urkundenbestände des späteren MA am ehesten präzise erschlossen werden, denn für sie läßt nicht nur die Zahl der erhaltenen Stücke, sondern auch die umständliche Länge der formelhaften Wendungen eine Edition als utopisches Unterfangen erscheinen. Speziell gilt dies für einen Bestand wie den bearbeiteten, der für das tägliche Leben einer vergangenen Gesellschaft aufschlußreich ist, kaum aber bedeutende Einzelstücke aufweist: gerade die Ablaßverleihung eines Weihbischofs von 1354, zwei kleine Urkunden österreichischer Herzöge (1401, 1411), zwei Beichtprivilegien von Kardinälen, einen Ablaß des gesamten Kardinalskollegiums von 1500. Nicht einmal solche Texte würden den vollen Abdruck rechtfertigen, geschweige denn die Masse der Notariatsinstrumente; so ist es begrüßenswert, daß der Inhalt dieses Archivs auf eine ökonomischere Weise bekanntgemacht wird.

    Dieter Girgensohn


  51. O. Blasco Ferrer, Nuove riflessioni sul Privilegio Logudorese, Bollettino storico Pisano 62 (1993) S. 399-416, kommt gegen die bisherige Forschung nach eingehender paläographischer, sprachlicher und kulturhistorischer Analyse zu dem Ergebnis, daß das sog. Privilegium Logudurense eines Judex Mariano de Lacon zugunsten der Pisaner Konsuln weder ca. 1080/85 als älteste Urkunde in sardischer Sprache im Judikat Logudorese (bzw. Torres) ausgestellt wurde, noch eine Fälschung ist, sondern um das Jahr 1121 im Judikat Arborea und unter dortigen kontinentalen Einflüssen abgefaßt wurde. Darauf weisen nach Meinung des Vf. neben den linguistischen und paläographischen Eigenarten der Name des ausstellenden Judex hin sowie dem Schreiber vertraute kontinentale Regeln, vor allem des Skriptoriums von Montecassino. Die Urkunde wird im Anhang mit Abbildung neu ediert (Orig.: Pisa, Archivio di Stato, Diplomatico Coletti, was der Vf. leider nicht mitteilt).

    M. P.


  52. Le più antiche pergamene dell'archivio comunale di Condino (1207-1497), a cura di Franco Bianchini, Trento 1991, Provincia autonoma di Trento. Servizio beni culturali. Uffici beni librari e archivistici, LIII u. 554 S., 62 Abb., ISBN 88-7702-036-9. - Diese Edition bietet den ältesten Bestand des 1959 wiederaufgefundenen Kommunalarchivs von Condino (westlich von Riva del Garda) sowie in einer Appendix den Nachdruck der verlorenen Statuten der Giudicarie (Talschaft, nordwestlich des Gardasees). Von den 74, den "atti notarili" zuzurechnenden Editionsnummern, ist besonders ein nur fragmentarisch, in Form einer notariellen Kopie überlieferter Entscheid zweier Beamten Kaiser Friedrichs II., des Großhofrichters Petrus de Vinea und des Generalvikars Tibaldus Franciscus (Nr. 7 und Tafel III; 1239 April 8, Padua; Reg. Imp. V -) zu erwähnen, der, wie aus dem weiteren Text der Überlieferung hervorgeht, am darauffolgenden Tag vom Kaiser bestätigt wurde (Nr. 8 und Tafel IV; mit der Ortsangabe: in camera domini imperatoris de Sancta Ustina, vgl. dazu Reg. Imp. V, 1 Nr. 2416d). Dem sorgfältig recherchierten Bd. sind neben mehreren Indices (darunter auch ein volkssprachliches Glossar von Ezio Scalfi) Abbildungen der Notarssignete und 21 (Teil-)Faksimiles der Urkunden beigefügt.

    Markus Brantl


  53. Le carte del Monastero di Santa Maria di Morimondo I (1010-1170), a cura di Michele Ansani, presentazione di Ettore Cau (Fonti storico-giuridiche, Documenti 3) Spoleto 1992, Centro Italiano di Studi sull' Alto Medioevo, LXII u. 629 S., Abb., Karten, ISBN 88-7988-502-2. - Es ist dies der erste von insgesamt zwei in Aussicht genommenen Bänden, die die rund 450 cartae des in der Diözese Mailand gelegenen Zisterzienserklosters S. Maria di Morimondo (Morimundus Mediolanensis) bis in die Mitte des 13. Jh. bieten sollen. Heute befinden sich die Materialien im wesentlichen in Mailand, und zwar im Archivio di Stato bzw. im Archivio dell' Ospedale Maggiore. Der vorliegende Bd. enthält 219 Stücke, die die vollen Merkmale der "atti privati" mit Protokoll, Text und Eschatokoll aufweisen, sowie Schriftstücke, die man als Vorakte hierzu ansprechen könnte (notitiae), und faßt im Anhang 31 Schriftstücke zusammen, die des Protokolls und Eschatokolls entbehren, nicht urkundliche Ausfertigungen im strengen Sinn darstellen, sondern als "brevia recordationis terrarum" anzusprechen sind. Von einem frühen, nach 1173 angelegten, 52 Stücke umfassenden Inventar ("breve de cartulis") sind immerhin 28 im heute noch erhaltenen Bestand zu identifizieren. Ein "indiculus instrumentorum" des späten 13. Jh. überliefert uns ausführliche Regesten von 49 Urkunden, von denen noch 22 identifizierbar sind. Die Edition - wir haben es fast ausschließlich mit Originalen zu tun - folgt den altbewährten Richtlinien des Istituto Storico Italiano, also auch mit der grundsätzlichen Auflösung sämtlicher Kürzungen zwischen runden Klammern. Eingeleitet werden die einzelnen Nummern von sehr umfangreichen, dem Aufbau der Urkunde folgenden Kopfregesten. Einleitende Kapitel befassen sich mit Wissenschaftsgeschichte, dem Archivfonds und einer Typologie der Urkunden. Unter die Register sind Auflistungen der genannten Notare Mailänder und Paveser Provenienz aufgenommen.

    Walter Koch


  54. Cinzia Cardinali, Il Cartulario di Santa Giuliana di Perugia (ca. 1270), Bollettino della Deputazione di Storia Patria per l'Umbria 92 (1995) S. 43-128, untersucht Aufbau, Inhalt und historischen Kontext des Kopialbuchs der exemten Zisterzienserinnenabtei (Todi, Archivio storico comunale, Chartularium monasterii S. Iuliane de Perusio, Sala 3, Arm. VI, cass. IV n. 2). Es enthält in notariell beglaubigten Abschriften insgesamt 86, sich direkt auf S. Giuliana beziehende thematisch geordnete Urkunden der Jahre 1223 bis 1266, darunter acht Papsturkunden, und stellt nicht nur den umfangreichsten erhaltenen Überlieferungsbestand dieses bedeutenden Frauenklosters dar, sondern auch eine in dieser Art für diese Zeit im monastischen Umfeld Italiens einzigartige Quelle. Angelegt wurde das Chartular nach Meinung der Vf. auf direkte Initiative des größten Förderers und wahrscheinlich auch Gründers der Abtei, des Zisterzienserkardinals Giovanni da Toledo († 1275): Zum Abschluß der ersten bedeutenden Phase der Klostergeschichte (vgl. auch Peter Höhler, QFIAB 67, 1987, S. 1 ff. u. 68, 1988, S. 167 ff., dazu cardinali, S. 43 Anm. 2) sollten die erworbenen Rechts- und Besitztitel sowie die päpstlichen Privilegierungen in diesem liber iurium zusammengestellt werden. Die gründliche Arbeit, hervorgegangen aus einer bei Attilio Bartoli Langeli in Perugia angefertigten tesi di laurea, enthält abschließend vier, die Arbeitsweise des kopierenden Notars veranschaulichende Tafeln, die Mehrzahl der Dokumente des Chartulars im kritischen Regest, den Bestand Fonte dei Bagni in Edition, sowie eine Konkordanz und einen Index der Notare der kopierten Originalurkunden, in ihrer Mehrzahl auctoritate apostolice sedis bzw. imperiali auctoritate.

    M. P.


  55. Carte dell'Archivio di Stato di Siena. Abbazia di Montecelso (1071-1255), a cura di Antonella Ghignoli. Presentazione di Silio P. P. Scalfati (Fonti di storia Senese) Siena 1992, Accademia Senese degli Intronati, XL u. 356 S., keine ISBN. - Diese 140 Nummern umfassende Edition ist der erste Bd. eines an der Universität Siena unter der Leitung von Scalfati durchgeführten Projekts zur systematischen Erfassung und Ausgabe der in Sieneser Archivfonds überlieferten älteren Urkunden. Als nächste Publikation sind die im Fonds "Opera Metropolitana" im Staatsarchiv überlieferten Bischofs- und Kapitelsurkunden vorgesehen. Die im vorliegenden Bd. publizierten Urkunden für das 1063/64 im Nordwesten der Stadt gegründete Benediktinerinnenkloster Montecelso sind auf verschiedene Fonds des Staatsarchivs verteilt und liegen größtenteils noch im Original vor; zeitlich reichen sie bis zum Jahr 1255, in welchem das Kloster nach einem ersten Reformversuch propter ipsius ineptitudinem loci nach der Zisterze S. Prospero bei Siena transferiert wurde. Die Stücke sind im Volltext wiedergegeben, davon viele hier zum ersten Mal; sie sind in der Regel von ausführlichen Vorbemerkungen begleitet, die mitunter mehrere Seiten einnehmen. Hervorzuheben sind die Diplome Friedrichs I. und Friedrichs II. (Nr. 44 = DF. I. 912; Nr. 109 = BF 3418) - ersteres vor allem wegen einer weiteren, bisher unbekannten Nachricht über die ehemalige Besiegelung -, sowie das Privileg Alexanders III. JL 12517 (Nr. 42), dessen Original nunmehr als interpoliert angesehen werden muß, wie aus der minuziösen Beschreibung der Rasuren durch die Hg. hervorgeht. Das Material wird durch mehrere Indices erschlossen.

    A. G.


  56. Ottavio Banti, Un Breve «ad memoriam retinendam» lacunoso della data, il vicedomino Omizone e l'«iudex imperatorius» Rolando, Bollettino storico Pisano, 62 (1993) S. 357-363, analysiert, datiert (23. Mai 1141) und ediert ein schlecht erhaltenes Pisaner Gerichtsdokument (Pisa, Archivio Arcivescovile, Nr. 767); die genannten Amtsträger werden als bekannte Pisaner Persönlichkeiten der Zeit identifiziert.

    M. P.


  57. I Regesti delle pergamene di S. Michele Arcangelo di Padula, a cura di Arturo Didier (Iter Campanum 3) Salerno 1993, Pietro Laveglia Editore, 230 S., 48 Abb., keine ISBN, ITL 30.000. - Der Hg., der sich in besonderem Maße den Archiven des Vallo di Diano (südlich von Salerno) verschrieben hat (vgl. DA 45, 633 und 48, 211), erschließt in 147 Regesten die bisher ungedruckten Urkunden der Kirche S. Michele Arcangelo von Padula und der ihr 1495 untergeordneten Pfarreien. Der durch die Wirren der Zeit stark dezimierte Archivfonds reicht von 1371 bis 1879, wobei die Mehrzahl der erhaltenen Urkunden aus dem 15. und 16. Jh. (18 und 113) stammt. Diese vor allem für den Lokalhistoriker wichtige Publikation bietet auch Hinweise auf den Besitzstand der bedeutenden Kartause S. Lorenzo. Zwei Appendices (eine Lehensbeschreibung von 1630 zu Padula und Buonabitaculo sowie ein kunsthistorisch ausgerichteter "Appendice fotografico" von Germano Torresi) ergänzen den mit einem Index versehenen Band.

    Markus Brantl


  58. Ariel Toaff, The Jews in Umbria, vol. 2, 1435-1484; vol. 3, 1484-1736 (Studia Post-Biblica vol. 43, 44; A Documentary History of the Jews in Italy 9, 10) Leiden u. a. 1994, E. J. Brill, 517 bzw. 487 S., ISBN 90-04-09979-4 bzw. 90-04-10165-9, NLG 220 bzw. 250. - Der durch zahlreiche Publikationen bestens ausgewiesene Herausgeber hat mit den beiden Bänden sein Werk (vgl. zuletzt DA 49, 643) rasch abgeschlossen. Entgegen der ursprünglichen Absicht ist der zeitliche Rahmen erheblich ausgedehnt worden, wenn auch auf den Zeitraum zwischen 1569 und 1769 (entgegen der Angabe im Titel!) nur knapp 100 der insgesamt 2 813 verzeichneten Quellen entfallen. Aus der großen Spannweite der in Regesten (teils mit Auszügen und vereinzelt in Vollabdruck) erfaßten Dokumente sei beispielhaft hingewiesen auf den 1439 erlassenen Verbotskatalog der Kommune Perugia, in dem den Juden und Jüdinnen in der Stadt und im Contado u. a. untersagt wird, Christen heimlich oder öffentlich Lasagne zu verkaufen oder zu geben (Nr. 952); auf ein Buch Bartolus' de Saxoferrato als Pfandobjekt eines Juden (Nr. 1144 von 1450, vgl. Nr. 1502); auf die suplicatio hebreorum, die nach ihrer Beraubung in Spoleto die Stadt verlassen hatten, ad dictam civitatem ipsorum propriam patriam, in qua nati sunt et adulti extiterunt, zurückkehren zu können (Nr. 995 von 1441); auf den Widerruf einer Exemtion der Juden u. a. von dem Gebot de portando signo croceo durch die Konsuln von Norcia vom Februar 1442 (Nr. 1007 f.) und auf die Testamente einer Jüdin aus Perugia, Tochter eines Giuseppe of Spain (nach anderen Quellen of Portugal, Nr. 1094, 1115), von 1457 (Nr. 1244) und eines jüdischen Bankiers von Bevagna (Nr. 1857 von 1484). Leider sind die Personen und Ortsnamen in den Regesten in der Regel nur in italienischer Fassung wiedergegeben, so daß etwa Iosep Levita, hebreus teutonicus, der 1511 einen Lehrlingsvertrag mit einem wohl aus Fabriano stammenden jüdischen Buchbinder in Perugia schloß (Nr. 2245), im Regest nur als "Giuseppe Levi, a German Jew" erscheint. Dementsprechend wird nur diese Bezeichnung in das Personenregister aufgenommen, was freilich im vorliegenden Falle versehentlich unterblieben ist (offenbar auch bei "Piero, son of Giuliano of Germany", Nr. 1466). Unbefriedigend ist es beispielsweise auch, wenn zum Jahre 1516 im Regest ein "Magister Israel, son of Vitale, a German Jew (ebreus teutonicus)" genannt, im Kommentar dieser jedoch als "Magister Israel, son of Vitale Tedesco" (= rabbi Israel Ashkenazi, Nr. 2300) bezeichnet und im Personenregister auch als "Israel, son of Vitale of Germany" aufgeführt wird. Für die Klärung der Herkunft von drei Juden, deren Vater respektive Großvater im Regest (Nr. 1934) zusätzlich mit de Allemania bezeichnet werden, ist so der Rekurs auf das nicht wörtlich zitierte ungedruckte Notariatsinstrument unerläßlich. Bedauerlicherweise werden die Vater- und Großvaternennungen als Bestandteile der jüdischen Namen im Personenregister nicht eigens ausgewiesen. Um so dankbarer begrüßt der Benutzer das Sachregister mit beispielsweise 125 Belegen für Täuflinge, die übrigens - wie die diversen Berufe - auch im Personenregister gekennzeichnet werden.

    Alfred Haverkamp


  59. Documenti per la storia dell'Università di Pavia nella seconda metà del '400. Bd. 1 (1450-1455). A cura di Agostino Sottili, Presentazione di Ettore Cau (Fonti e studi per la storia dell'Università di Pavia 21) Milano 1994, Cisalpino, 225 S., ISBN 88-205-0746-3. - Die Quellensammlung zur Geschichte der Universität Pavia schließt nach rund 80 Jahren an die Edition des Codice diplomatico dell' Università di Pavia durch Rodolfo Maiocchi (3 Bde., Pavia 1905, 1913, 1915) an, in dem die Quellen zur Geschichte der Universität von der Gründung 1361 bis auf das Jahr 1450 gesammelt sind. Die Edition soll nun für die zweite Hälfte des 15. Jh. fortgesetzt werden. Die Überlieferung weist in diesem Zeitraum große Lücken auf, wofür der Bearbeiter das Fehlen zentraler Verwaltungsorgane der Universität als einen möglichen Grund anführt (S. 15). So sind z. B. keine Matrikeln oder Listen von "laureati" erhalten. Da die Angelegenheiten der Universität von der Verwaltung der Herzöge Sforza in Mailand mitversehen wurden, stammt ein großer Teil der Dokumente aus dem Mailänder Staatsarchiv. Die 208 edierten Dokumente informieren vor allem über Verwaltungsvorgänge. Über das Alltagsleben an der Universität geben sie nur in Einzelfällen Auskunft, etwa bei Studentenunruhen, bei Forderungen der Professoren an den Herzog oder bei Lehrverweigerungen einzelner Professoren wegen zu geringer oder ausstehender Gehaltszahlungen. Der Edition ist ein Namens- und partieller (auf die wichtigsten Dinge beschränkter) Sachindex beigegeben.

    Florian Neumann


  60. English Episcopal Acta 10: Bath and Wells, 1061-1205, ed. by Frances M. R. Ramsey, Oxford 1995, Oxford University Press for the British Academy, XCIX u. 252 S., Abb., ISBN 0-19-726131-0, GBP 45. - Der neue Bd. der Reihe (vgl. DA 51, 577) enthält ca. 267 Urkunden und Deperdita samt der wie üblich konzisen und informativen Einleitung zur Person der Bischöfe, ihrem personellen Umfeld, ihrer diözesanen Tätigkeit und der Diplomatik ihrer Urkunden. Besonderes Gewicht hat die Darstellung der für die innere Entwicklung des Bistums so wichtigen Herausbildung des doppelten Domkapitels, das in Bath monastisch und in Wells weltlich organisiert war, und des Episode gebliebenen Versuchs, die reiche Abtei Glastonbury für das Bistum zu vereinnahmen. Fast die Hälfte der bekannten Urkunden sind für diese drei Kirchen ausgestellt. Zu wünschen bliebe weniger Selbstbeschränkung bei der Kommentierung der einzelnen Urkunden und bei Querverweisen (z. B. sollte der Druck des Originals der in Nr. 194 inserierten Urkunde nicht nur beiläufig unter Nr. 82 vermerkt sein. Die anachronistisch anmutenden Formulierungen von Nr. 9 rechtfertigten ein Eingehen auf die Frage der Echtheit.) Auf die in allen früheren Bänden enthaltene Vorstellung der Editionsgrundsätze hätte nicht verzichtet werden sollen. Etwas uneinheitlich ist der Umgang mit Härten der Texte. Sie werden meist bereinigt, bleiben gelegentlich aber unkommentiert stehen (siehe z. B. Nr. 59 im Vergleich mit Nr. 61; Nr. 47, 97, 150).

    Falko Neininger


  61. Eye Priory Cartulary and Charters. Part 1. Edited by Vivien Brown (Suffolk Charters Series 12) Woodbridge, Suffolk 1992, The Boydell Press, XVI u. 255 S., ISBN 0-85115-322-4, GBP 25. - Das Benediktiner-Priorat Eye in der Grafschaft Suffolk wurde um 1080 von Robert Malet, Kämmerer Wilhelms I., als Tochterhaus von Notre-Dame in Bernay (Normandie) gegründet und großzügig ausgestattet. Der Besitz wurde durch Schenkungen geistlicher und weltlicher Großer und Amtsträger beträchtlich vermehrt sowie von Königen und Päpsten mehrmals bestätigt. Ca. 1260 wurde ein Chartular (Essex Record Office) angelegt, wobei das Material in zwei Teile gruppiert wurde: der erste enthält die Urkunden der Könige, Päpste, Bischöfe usw., der zweite die nach verschiedenen Sachbetreffen angeordneten Urkunden. Diese Stücke wurden von B. in vorliegendem Bd. unter Beibehaltung der Reihenfolge im Chartular im vollen Wortlaut ediert und gegebenenfalls kurz kommentiert. Erwähnt seien zwei Urkunden, in denen Herzog Heinrich I. von Brabant (1165-1235), einer der mächtigsten Reichsfürsten, als Inhaber der Lehnsherrschaft Eye erscheint (Nr. 30 und 31). Einem zweiten Bd. sind die am Anfang und Ende des Chartulars von verschiedenen Händen nachgetragenen Urkunden, ergänzende Dokumente sowie die Einleitung und Register vorbehalten.

    A. G.


  62. J. F. Böhmer, Regesta Imperii, IV: Ältere Staufer, 2. Abt: Die Regesten des Kaiserreiches unter Friedrich I. 1152(1122)-1190, 2. Lieferung 1158-1168, neubearbeitet von Ferdinand Opll, Wien 1991, Böhlau Verlag, XIV u. 305 S., ISBN 3-205-05366-4. - Diese zweite Lieferung der Regesten Friedrichs I. fängt ungefähr dort an, wo die Jahrbücher Simonsfelds aufhören, und endet mit der bedrängten Rückreise Friedrichs aus Italien im Winter 1167/1168 nach dem Zusammenbruch seines Heeres vor Rom. Sie enthält etwas mehr als 1200 Regesten für die zehn Jahre. Auch nach Aussetzen der Gesta Friderici Anfang 1160 hat O. also den in der ersten Lieferung (vgl. DA 38, 221) erzielten Durchschnitt von 120 Regesten pro Jahr aufrechterhalten können. Das ist nicht das Ergebnis hoher Schriftlichkeit in der `Reichsverwaltung': es ist eher durch die längeren italienischen Aufenthalte Friedrichs in diesem Zeitraum und durch die infolge des alexandrinischen Schismas gesteigerte Aufmerksamkeit englisch-nordfranzösischer Beobachter zu erklären. Das Niveau der Bearbeitung ist sehr hoch, die Auswertung erzählender und auch sehr breit gestreuter urkundlicher Quellen (vgl. etwa Nr. 1769, aus einer beiläufigen Erwähnung in einer Urkunde Alexanders III. für Embrun erschlossen) anscheinend lückenlos. Hoffentlich erscheinen die nächsten Lieferungen in nicht allzuferner Zukunft: erstens ist die zweite Hälfte der Regierungszeit Friedrichs viel weniger gut erforscht, als die erste, und zweitens wird der nicht eingeweihte Benutzer die ausführlichen Literaturangaben erst nach Erscheinen der letzten Lieferung und somit des Literaturverzeichnisses entschlüsseln können, eine Praxis, die die Bearbeiter der Regesta Imperii vielleicht überdenken sollten.

    T. R.


  63. Urkundenregesten zur Tätigkeit des deutschen Königs- und Hofgerichts bis 1451, hg. von Bernhard Diestelkamp, Bd. 4: Die Zeit Adolfs von Nassau, Albrechts I. von Habsburg, Heinrichs von Luxemburg, 1292-1313, bearbeitet von Ute Rödel (Quellen und Forschungen zur höchsten Gerichtsbarkeit im Alten Reich, Sonderreihe 4) Köln u. a. 1992, Böhlau, LIII u. 418 S., ISBN 3-412-04592-6, DEM 148. - Bis 1994 sind bereits sieben Bde. der Urkundenregesten erschienen, und die Reihe ist bis zum Jahr 1359 fortgeschritten. Der hier anzuzeigende vierte Bd. enthält 595 Regesten (zur Konzeption von Gericht als wenigstens dem Anspruch nach streitbeendender Tätigkeit in weitem Sinne vgl. auch DA 44, 576 f.) aus der Zeit der sogenannten kleinen Könige, ein Urteil, dem die Bearbeiterin in ihrer Einleitung zumindest in Hinsicht auf die Gerichtstätigkeit widerspricht. Auffallend ist die starke Beschäftigung Adolfs von Nassau, des "kleinsten" von diesen Königen, mit Gerichtsangelegenheiten. Knapp 150 Regesten fallen in seine Amtszeit. Er selbst hat relativ gleichmäßig über alle Jahre seiner Regierung persönlich den Vorsitz im Hofgericht geführt, Albrecht I. recht selten - wohl auch deshalb, weil er als Vorsitzender seine eigenen, von einer anderen territorialpolitischen Situation ausgehenden Interessen nur eingeschränkt hätte wahrnehmen können. Während des Italienzugs Heinrichs VII. ist sein Sohn Johann von Böhmen als Reichsvikar wiederholt tätig geworden. In über 30 (von ca. 100) Urkunden ist der Reichsvikar während Heinrichs Abwesenheit als Aussteller oder Empfänger genannt. Hier wird nochmals deutlich, wie sehr Gerichtsbarkeit und Streitbeendigung auf die Person des Königs bezogen waren. Vermutlich läßt sich damit auch ein Ausgleich zwischen den Positionen zur politischen Bewertung der Epoche erzielen. Die Bearb. dokumentiert die intensive Wahrnehmung der Gerichtsbarkeit, die keinen "Verfall" erkennen läßt, sondern sogar zaghafte Züge von Institutionalisierung und Modernisierung aufweist und - von einer der streitenden Parteien angerufen - die Akzeptanz des Königtums erkennen läßt. Aber es ist ein althergebrachtes Programm, das der König damit ausfüllt. Neue Wege zur Wahrnehmung seines Amtes, etwa auf dem Gebiet der Gesetzgebung, des Finanzwesens, kann er sich nicht erschließen. Er bleibt letztlich Integrations- und Legitimationsfigur, diese Funktion des Königtums ist geradezu das Leitmotiv der einzelnen Bände der Urkundenregesten. Das bedeutet viel, und trotzdem blieb das Königtum damit politisch eingeschränkt und letztlich überfordert, "klein" muß man es deshalb nicht nennen. Präzise solche Leistungen des Königs für das Reich und auch deren Akzeptanz im Reich nachzuweisen, darin liegt ein wichtiger Ertrag des gesamten Unternehmes.

    E.-D. H.


  64. Les registres de Philippe Auguste, publiés par John W. Baldwin avec le concours de Françoise Gasparri, Michel Nortier et Elisabeth Lalou sous la direction de Robert-Henri Bautier, vol. I: texte (Recueil des Historiens de la France. Documents financiers et administratifs VII) Paris 1992, De Boccard, 608 S., 10 Karten, keine ISBN. - Mit Recht gelten die Register Philipp Augusts mit ihren zahlreichen Einträgen als die maßgebliche Quelle zur Geschichte Frankreichs im urkundlichen Bereich für die ersten Jahrzehnte des 13. Jh. Die vorliegende Edition hat sich zur Aufgabe gestellt, nur jene Dokumente zu bieten, die bisher noch nicht oder nur unzulänglich ediert wurden oder bloß in schwer zugänglichen Ausgaben vorliegen. So wurde etwa mit gutem Grund auf eine Wiederholung der in den Registern enthaltenen Urkunden Philipp Augusts selbst verzichtet. Diese Urkunden des Königs finden sich bekanntlich im Recueil des actes de Philippe Auguste (vgl. DA 38, 596 f.) modern ediert. Die von Baldwin vorgenommene Auswahl der Dokumente wurde nach den inhaltlichen Gruppen - inquisitiones, compoti, feoda et servitia, documentation de la chancellerie, securitates, carte diverse und miscellanea - gegliedert. Insgesamt enthält der Bd. 364 Nummern.

    Walter Koch


  65. Bullarium Poloniae litteras apostolicas aliaque monumenta Poloniae Vaticana continens. Bd. 4: 1417-1431, ediderunt et curaverunt Irena Su_kowska-Kura_ et Stanislaus Kura_ ac Hubertus Wajs, Romae - Lublini 1992, Fundacja Kultury Chrze_cija_skiej, VII u. 580 S., ISBN 2-7283-0052-6, ITL 180.000. - Der Bd. trägt einen erweiterten Titel, weil die Bezeichnung "Bullarium" aufgrund der Tatsache, daß die Quellengrundlage für die Mehrzahl der Stücke Suppliken- und nicht mehr Bullenregister sind, nicht mehr adäquat wäre; dieser Sachverhalt konnte von den Bearbeitern am Beginn des Unternehmens noch nicht richtig eingeschätzt werden. Mit 2544 Nummern aus dem 14jährigen Pontifikat Martins V. übertrifft der Bd. beträchtlich seinen Vorgänger (1497 Nummern aus 39 Jahren), was nach den Worten der Bearbeiter zum einen mit dem Urkundenstau zu erklären ist, der durch das Schisma entstanden war, zum andern im Zusammenhang mit den zu neuen Kriegen führenden Auseinandersetzungen mit dem Deutschen Orden sowie dem Hinüberwirken der hussitischen Bewegung nach Polen und dem daraus resultierenden Interesse der Kurie zu sehen ist.

    A. G.


  66. Wolfgang Wagner, Das Gebetsgedenken der Liudolfinger im Spiegel der Königs- und Kaiserurkunden von Heinrich I. bis zu Otto III., AfD 40 (1994) S. 1-78, unterscheidet zwischen Seelenheil-Passus, Gebetsklausel (als dem von Ewig für die Merowinger- und späteren Karolingerdiplome festgelegten Typ, vgl. DA 39, 593) und (Gedenk-)Stiftung. Mangels Aussagekraft des Seelenheil-Passus bezüglich der Königsfamilie konzentriert er seine Aufmerksamkeit auf die übrigen Formeln und gelangt zu dem Ergebnis, daß im Vergleich zu den späteren Karolingern bei der Gebetsklausel mit insgesamt 156 Nennungen zwar ein zahlenmäßiger Rückgang, jedoch kein "Prozeß des Auslaufens", sondern "der Aufweichung und Umorientierung" festzustellen sei, da diese Klausel immer mehr auf Familienmitglieder ausgeweitet wurde. Bei den Gedenkstiftungen könne von einer intensiven Stiftungstätigkeit der ersten vier Liudolfinger keine Rede sein. Der Schwerpunkt des Gedenkens der Königsfamilie liegt mit 27 Nennungen in Sachsen/Thüringen, gefolgt von Lothringen, Franken, Schwaben, Italien, Bayern, Benevent und der Ostmark.

    A. G.


  67. Friedrich Battenberg, Die Hofgerichtsbriefe Karls IV. von Luxemburg. Vorstudien zu einer kanzlei- und personengeschichtlichen Beurteilung, AfD 40 (1994) S. 123-169, will eine Überprüfung und Ergänzung der Untersuchung von Hanns Wohlgemuth über das Urkundenwesen des deutschen Reichshofgerichts 1237-1378 (vgl. DA 31, 585) "vor dem Hintergrund einer breiteren Quellenbasis und im Lichte einer offeneren Beurteilung der Kanzleigeschichte" bieten. Dabei kann er deutlich machen, daß es anachronistisch wäre, von einer "behördenmäßig und nach Kompetenzbereichen strukturierten Hofgerichtskanzlei" auszugehen. Die beiden Hofschreiber Konrad Bissinger und Siegfried Steinheimer, die ihr Amt als nutzbare Pfründe ansahen, die einen möglichst hohen Gewinn abwerfen sollte, mußten sich nur in Stoßzeiten um Hilfskräfte bemühen. In einem Anhang hat B. die in der Hofgerichtskanzlei Karls IV. ausgefertigten Urkunden chronologisch verzeichnet und schematisch aufgeschlüsselt.

    A. G.


  68. Hans-Henning Kortüm, Zur päpstlichen Urkundensprache im frühen Mittelalter. Die päpstlichen Privilegien 896-1046 (Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters 17) Sigmaringen 1995, Thorbecke, 464 S., ISBN 3-7995-5717-2, DEM 108. - Die respektgebietende Tübinger Habilitationsschrift stellt die Papsturkundenkritik in philologisch-historischer Hinsicht auf neue Grundlagen. Das geschieht in sprachlichen Analysen der spanisch-katalanischen, der italienischen und der französischen "Gruppen" aus Zimmermanns Edition der Papsturkunden des genannten Zeitraums. Die Urkunden für deutsche Empfänger sind mit einem Ausblick bedacht, der so etwas wie eine erhellende Folie der Hauptsache ist: daß nämlich das bessere Latein der dispositiones für deutsche Empfänger ein erlerntes Latein ist, während die Rechtsverfügungen für romanische Empfänger den - am Latein bemessenen - Vulgarismen ihrer Sprache ausgesetzt sind. Wenn ich das Buch mit Erfahrungen aus praktischer Arbeit angehen darf, bestätigt es meinen Eindruck, daß die Verdächtigung von ca. 40 % der Überlieferung in der kritischen Edition nun auch aus philologisch-editorischen Gründen entschieden zu hoch angesetzt ist, allerdings eine Untersuchung wie die vorliegende nicht ohne die Edition möglich war. Zu eliminierende Fehlerquellen sind falsche Bewertungen von Diktatzusammenhängen, übertrie-bene Vorstellungen von der Zielstrebigkeit päpstlicher Politik und von der Regelmäßigkeit kurialen Kanzleibetriebs und über allem die unzureichende Gewichtung des lokalhistorischen Moments. So richtig es in aller Regel ist, nicht mit Empfängerausfertigungen im strengen Sinne unter den Papsturkunden zu rechnen, so nötig ist es, sich Gedanken über die vom Empfänger ganz notwendig vorzubringenden Informationen zu machen. Sie steckten in Eingaben, Petitionen und Vorurkunden. Ich pflichte K. bei in der Zuhilfenahme Pitzscher Ergebnisse und würde dabei vor allem betonen, daß "die prozessuale Interpretation der Privilegien als Reskripte ... niemals ... gänzlich außer Übung geraten" ist (so E. Pitz, Papstreskripte im Frühen Mittelalter, S. 28; vgl. DA 48, 700 f.). "Reskript und Fälschung" ist ein noch ungeschriebenes Kapitel der Urkundenlehre. Dennoch sollte nicht übersehen werden, daß der lokale Ansatz des Göttinger Regestenwerks, gewiß primär wegen der Überlieferungsgeschichte gewählt, doch auch als erster Hebel zur umfassenden Absicherung der Urkundenkritik von der Empfängerseite dienen kann. Das haben A. Brackmann und H. Büttner in "Studien und Vorarbeiten zur Germania Pontificia" und die Germania Pontificia selber vor allem im Teil "Fulda" (Germ. Pont. IV) doch wohl vorgeführt. Erinnert sei auch an einschlägige Partien in E. E. Stengels "Immunitäts-Privilegien" von 1910. Wer das Problem bislang unterschätzt hat, ist jedenfalls selber schuld. K.s Einleitung will auch nicht falsch verstanden werden in dem Hinweis, daß er von den "traditionellen Methoden der Königs- und Kaiserdiplomatik abrücke": "Statt, wie bisher üblich, von der die Urkunde formal ausstellenden Papstkanzlei auszugehen, setzt die Untersuchung beim Empfänger ein" - ja, aber darüber verliert die zentralistische Perspektive von den Kanzleikriterien aus prinzipiell nichts an Bedeutung, nur müssen noch einmal Überzeichnungen retouchiert werden. K. exemplifiziert das vor allem in einer Verfeinerung der Kriterien für die Bemessung der Texte am Liber Diurnus, dessen Überlieferung im Vaticanus nach K.s Beobachtungen dem praktischen Gebrauch ferner steht als die anderen Hss. In dieser Bewertung weicht K. von den Auffassungen Santifallers ab. Meinerseits stehe ich einer Rekonstruktion weiterer "Formularbehelfe", wie sie Santifaller in jungen Jahren vorschwebte, nicht so skeptisch gegenüber wie K. Beispielsweise läßt sich aus LD 32, 86, 89 und Zimmermann Nr. 215, 219, <241, 274 soviel an Formular gewinnen, daß die Echtheit von Zimmermann Nr. †256 mit den "traditionellen Methoden" außer Frage gestellt werden kann. Fazit: Wissenschaftsgeschichte markiert das Buch mit seinem Zugriff auf die sprachlichen Spuren der Empfängermitwirkung, die Texte sollten nicht mehr ohne Rückversicherung bei K. benutzt werden. Dazu bieten fünf Indices alle erdenkliche Hilfestellung.

    Hermann Jakobs


  69. Stefan Weiss, Die Urkunden der päpstlichen Legaten von Leo IX. bis Coelestin III. (1049-1198) (Forschungen zur Kaiser- und Papstgeschichte des Mittelalters. Beihefte zu J. F. Böhmer, Regesta Imperii 13) Köln u. a. 1995, Böhlau, XVIII u. 461 S., ISBN 3-412-13094-X, DEM 144. - In seiner Düsseldorfer Diss. von 1991/92 stellt W. eine Quellengattung in den Mittelpunkt, die bisher weder bei der Erforschung der Papsturkunden noch des päpstlichen Legatenwesens gebührend berücksichtigt worden ist. Für einen Zeitraum von beinahe 150 Jahren werden alle Urkunden und Briefe der päpstlichen legati a latere und Nuntien in Regestenform wiedergegeben. Nicht aufgenommen sind allgemeine Bestimmungen, die aus den Kanones der Legatenkonzile erwachsen sind und den Konzilsakten zugerechnet werden, und Urkunden, in denen Legaten als Intervenienten oder Zeugen erscheinen. Ausgeschieden hat der Vf. auch die Urkunden der ständig anwesenden Legaten, die in den Dekretalen des 13. Jh. als legati nati bezeichnet werden, da diese eher dem klassischen Typus der Privaturkunden zuzurechnen seien. Die Legatenurkunden charakterisiert der Vf. hingegen als besonderen Urkundentypus, da sie einerseits gegenüber den Papsturkunden einen stark reduzierten Formenapparat aufweisen (das Eschatokoll fehlt meist völlig), weshalb Privilegien und Briefe oft nur nach inhaltlichen Kriterien unterschieden werden können, andererseits die unter ihnen numerisch stark vertretenen Gerichts- und Konzilsurkunden nur wenige Parallelen unter den Papsturkunden haben und mit ihrem stärker beweisenden als dispositiven Charakter eine Mischung aus Elementen von Papst- und Privaturkunde sind. Behandelt werden 585 Dokumente von 120 Gesandten, von denen ein Sechstel im Original überliefert ist. Im Durchschnitt sind das 4,8 pro Aussteller, de facto ist aber für ein Drittel der Legaten nur eines erhalten. Angesichts dieses Überlieferungsbildes und der Verstreutheit des Materials bleiben überhaupt nur wenige Fälle übrig, bei denen die diplomatische Methode sinnvoll angewendet werden kann. W. bietet deswegen im chronologischen Hauptteil die Urkunden eines Legaten hintereinander im Regest, auch wenn dieser unter mehreren Päpsten mit größerem zeitlichen Abstand tätig war, und geht jeweils abschließend auf die diplomatischen Besonderheiten des einzelnen Ausstellers ein. Resümierend stellt der Vf. fest, daß die Legatenurkunden in ihren äußeren Merkmalen erheblich später als in ihren inneren Merkmalen an die Papsturkunde angeglichen wurden, weshalb sich die Folgerung aufdrängt, Entstehung und Verbreitung der Legatenurkunde gingen nicht etwa auf eine Initiative der Kurie zurück, sondern auf die vielfältigen Wünsche nach Beurkundung umstrittener Rechte, welche die Empfänger an die Legaten herantrugen (S. 329). Bestätigt wird diese Vermutung durch den Befund, daß sich kaum Urkundenschreiber, nur ein einziger aus der päpstlichen Kanzlei, im Gefolge der Legaten nachweisen lassen. Von einem Kanzleibetrieb der Legaten kann schon gar nicht die Rede sein. In der Entwicklung der Legatenurkunden sieht W. zwei deutliche Einschnitte mit dem Beginn des Pontifikats von Paschalis II. sowie der ersten Spanienlegation Hyacinths (1154/55), des späteren Papstes Coelestin III., die quantitativ und qualitativ den Höhepunkt der urkundlichen Überlieferung eines einzigen Legaten darstellt. Neben Bemerkungen zum Einfluß der Legaten und damit des Papsttums in den einzelnen Ländern, zur kirchenrechtlichen Stellung der Legaten und ihrer Kommunikation mit Rom geht W. nochmals ausführlich auf die Besonderheiten im Formular der Legatenurkunden im Vergleich zu dem der Papsturkunden ein. Initienverzeichnis, chronologisches Verzeichnis der Legatenurkunden, Literaturverzeichnis sowie Adressaten- und Empfängerverzeichnis schließen dieses kenntnisreich geschriebene Buch ab. W. hat eine bedeutende Forschungslücke geschlossen und für die weitere Untersuchung des päpstlichen Legatenwesens ein unentbehrliches Hilfsmittel geschaffen.

    Claudia Zey


  70. Matthias Kordes, Der Einfluß der Buchseite auf die Gestaltung der hochmittelalterlichen Papsturkunde. Studien zur graphischen Konzeption hoheitlicher Schriftträger im Mittelalter, Hamburg 1993, Dr. Kovac, 286 S., 35 Tafeln, ISBN 3-86064-152-2. - Die anzuzeigende Arbeit gilt dem "Layout" der hochma. Papsturkunde des 12. und 13. Jh., wobei das darstellerische Schwergewicht auf die im Gegensatz zu den feierlichen Privilegien formal einfacher gestalteten Papstbriefe (litterae cum serico bzw. litterae cum filo canapis) gelegt wird. Sie gliedert sich in drei Hauptteile. In einer einleitenden ersten Partie ("Die Initiale") unternimmt der Autor einen wahren Parforceritt durch die allgemeine Buch-, Kunst- und Paläographiegeschichte des 12. Jh., was angesichts der Kürze notwendigerweise zu mitunter allzu plakativen Aussagen führt. Die im 13. Jh. zu beobachtende Verwendung der Initiale in päpstlichen litterae erklärt er mit dem Einfluß "moderne(r) Buch- und Literaturtypen, die bereits in der zweiten Hälfte des 12. Jh. maßgeblicher Bestandteil des Buchwesens Nordfrankreichs und Englands werden" (S. 252). Im zweiten Teil ("Urkunde und Buchseite. Perspektiven und Möglichkeiten eines Vergleichs") skizziert er unter Zuhilfenahme ästhetisch-kunstgeschichtlich orientierter Termini Unterschiede zwischen "romanischer" bzw. "gotischer" Buchseite. Die Differenz zwischen beiden Stilen finde eine entsprechende Parallele im Bereich päpstlicher Urkunden - so die vom Autor im dritten Teil ("Die Papsturkunden und ihre textgraphischen Strukturen") vorgetragene These: das feierliche, große, "romanisch" geprägte Privileg im Unterschied zu den "gotisch" beeinflußten Papstbriefen. Wie das Resümee zeigt, bewegt sich die Diss. auf dem Grenzgebiet zwischen Diplomatik und Kunstgeschichte. Dies ist verdienstvoll, versucht sie damit doch einer alten Forderung vieler Diplomatiker (H. Fichtenau) zu entsprechen, der man erst jetzt allmählich nachzukommen beginnt (P. Rück u. a.). Freilich ist gerade diese Arbeit nicht davor gefeit, alte Vorbehalte der Urkundenforscher gegenüber der Kunstgeschichte aufs Neue zu bestätigen. Das gilt weniger für die beiden vom Autor als zentrale Stilkriterien in Anlehnung an den Kunsthistoriker P. Frankl bemühten Begriffe "additiv" (i. e. "romanisch") und "divisiv" (i. e. "gotisch") als vielmehr für seine Absicht, "einen ganzheitlichen Zugang zu mittelalterlicher Textgestaltung zu finden" (S. 177). Dieses Ziel führt - vor allem im zweiten und dritten Teil - zu zahlreichen Aussagen, deren Subjektivität umso stärker wirkt, als einschlägiges Belegmaterial (Abbildungen, Zeichungen) mit Ausnahme der Tafeln am Bandende fehlt.

    Hans-Henning Kortüm


  71. Ingrid Woll, Untersuchungen zu Überlieferung und Eigenart der merowingischen Kapitularien (Freiburger Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte. Studien und Texte 6) Frankfurt am Main u. a. 1995, Peter Lang, 311 S., ISBN 3-631-48743-6, DEM 89. - Diese von H. Mordek betreute Diss. untersucht mit großer Akribie sieben Merowinger-Kapitularien: das Praeceptum Childeberti (MGH Capit. 1 Nr. 2 S. 2 f.), den Pactus (pro tenore pacis) Childeberti I. et Chlotharii I. (ebd. Nr. 3 S. 3-7), die Praeceptio Chlotharii I. (ebd. Nr. 8 S. 18 f.), das Edictum Chilperici (ebd. Nr. 4 S. 8-10), das Edictum Guntchramni (ebd. Nr. 5 S. 10-12), die Decretio Childeberti II. (ebd. Nr. 7 S. 15-17) und das Edictum Chlotharii (ebd. Nr. 9 S. 20-23). Aus dem Kreis der Kapitularien ausgeschlossen wurden Capit. 1 Nr. 1 (Chlodowici regis ad episcopos epistola) und Nr. 6 (Pactum Guntchramni et Childeberti II., "Vertrag von Andelot"), die als "kapitularienähnliche Dokumente" S. 168 ff. relativ knapp behandelt sind, ebenso wie die sogenannten Kapitularien zur Lex Salica. Ausführlich und gründlich hingegen werden die eigentlichen Kapitularien untersucht, jedes für sich, aber auch alle zusammen (als "Textgattung" gewissermaßen und auf ihren Rechtsgehalt). Was dabei alles in puncto "Zuschreibung und Datierung", "Überlieferung", "Inhalte und Formen" an neuen (Detail-)Ergebnissen zutage gefördert wurde, kann hier nicht ausgebreitet werden. Die Vf. hat schon recht mit der Bemerkung (S. 3), daß "man für die Lektüre der Arbeit vermutlich schwer ohne den Editionstext auskommen" wird, aber das gilt auch umgekehrt. Hervorgehoben zu werden verdient vielleicht, daß beim Praeceptum Childeberti Einflüsse des Konzils von Orléans 533 und vor allem des Caesarius von Arles (502-542) herausgearbeitet werden und daß - anders als MGH Capit. 1 S. 18 - die Praeceptio Chlotharii nicht Chlothar II., sondern Chlothar I. zugeschrieben und deshalb in "die Zeit nach 558" (S. 23) bzw. "zwischen 558 und 561" (S. 29) datiert wird. Bei der Decretio Childeberti, dem am häufigsten tradierten Merowingerkapitular, kommt die Vf. S. 67 ff. zu anderen Ergebnissen als W. A. Eckhardt, Die Decretio Childeberti und ihre Überlieferung (ZRG Germ. 84, 1967, S. 1-71). Im übrigen wird der Einfluß von Synoden auf die Merowingergesetzgebung ebenso herausgearbeitet wie die Aufnahme der spätantiken Provinzialverwaltungstradition (wie überhaupt "die merowingischen Kapitularien in sehr viel ausgeprägterer Weise in Rechtskontinuität zu den im ehemals römischen Gallien angetroffenen Rechtssystemen [stehen], als man dies bisher angenommen hat", S. 253). Was für die karolingischen Kapitularien gilt, gilt für die merowingischen erst recht: Die Überlieferungsverluste sind hoch, und so ist die Durchsicht der zeitgenössischen Quellen auf "Hinweise auf Gesetzgebungsakte der Merowinger" (S. 184 ff.) ertragreich. Gregor von Tours, Fredegar und sogar der Liber Historiae Francorum, vor allem aber die Viten (S. 201) enthalten hier einige Nachrichten, bei denen man eine gesetzgeberische Tätigkeit der Merowinger zumindest in Erwägung ziehen kann, denn längst nicht immer sind die Hinweise so deutlich wie in c. 7 der Passio Leudegarii (MGH SS rer. Merov. 5 S. 289, S. 218 ff.). - Dem Verlag sei die Anmerkung gegönnt, daß in Anbetracht der Tatsache, daß der verlegerische Aufwand bei Herstellung und Betreuung der Druckvorlage gegen Null tendiert, der Preis ziemlich saftig ist.

    G. Sch.


  72. Clausdieter Schott, Lex Alamannorum. Das Gesetz der Alemannen. Codex Sangallensis 731. Faksimile; Lex Alamannorum. Das Gesetz der Alemannen. Text - Übersetzung - Kommentar zum Faksimile aus der Wandalgarius-Handschrift Codex Sangallensis 731 (Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft Augsburg in Verbindung mit dem Alemannischen Institut Freiburg i. Br., Reihe 5b: Rechtsquellen 3) Augsburg 1993, Schwäbische Forschungsgemeinschaft, 48 Tafeln (p. 295-342) bzw. 165 S., ISBN 3-922518-80-X, DEM 228. - Nachdem schon seit 1926 ein Faksimile der ältesten Hs. der Lex Baivariorum vorliegt, hat eine über heutige Ländergrenzen hinweg reichende Zusammenarbeit mehrerer Institutionen es erreicht, daß auch die älteste Hs. der Lex Alamannorum im Faksimile erscheinen konnte. Der Text des Begleitbandes stammt von S., der sich in den letzten 20 Jahren immer wieder zu Fragen der Überlieferung, des Inhalts und der Effektivität der Lex Alamannorum geäußert hat. Besonders schön ist es, daß er auch schwarz-weiße Abbildungen derjenigen Seiten des Codex Paris, Bibl. Nat., lat. 10753 - samt Umschrift des Textes und Übersetzung - aufgenommen hat, die den Pactus legis Alamannorum enthalten, also die wahrscheinlich ältere Fassung dieses Rechtsbuchs, die nur in dieser Hs. aus dem 10. Jh. überliefert ist. Wie Stichproben ergaben, sind diese Umschriften äußerst zuverlässig, und auch die Übersetzung ist besser als die von K. A. Eckhardt in Bd. 2 der Germanenrechte (1934). Man wird es allerdings sehr bedauern, vor allem in Hinblick auf die erwarteten Käufer und Leser, die keine Fachleute in der Rechtsgeschichte des Früh-MA sind, daß - entgegen der Angabe auf dem Titelblatt von Bd. 2 dieser Ausgabe - kein Kommentar geboten wird, der für ein rechtes Verständnis dieses Textes so dringend erforderlich wäre. Sonst könnte es wieder zu Mißverständnissen kommen, wie sie S. selbst am Beispiel des Ildefons von Arx und seiner "Geschichten aus dem Kanton St. Gallen" aus dem Jahre 1810 zitiert (S. 21). Die knappe Einleitung führt zwar sehr gut zur Lex Alamannorum hin, ist aber kein Ersatz für einen fortlaufenden Kommentar.

    W. H.


  73. Rolf Lieberwirth, Über die Glosse zum Sachsenspiegel (SB Leipzig 132 Heft 6) Berlin 1993, Akademie Verlag, 16 S., ISBN 3-05-002421-6, gibt einen prägnanten Überblick der Entwicklung von Text und Glosse des Sachsenspiegels auf der Basis der hsl. Überlieferung und umreißt damit die Ausgangslage für das von der Sächsischen Akademie in Absprache mit den MGH in Gang gebrachte Vorhaben einer Edition der Sachsenspiegelglosse.

    R. S.


  74. Maiestas Carolina. Der Kodifikationsentwurf Karls IV. für das Königreich Böhmen von 1355. Auf Grundlage der lateinischen Handschriften hg., eingeleitet und ins Deutsche übertragen von Bernd-Ulrich Hergemöller (Veröffentlichungen des Collegium Carolinum 74) München 1995, Oldenbourg, CLXXXIII u. 304 S., ISBN 3-486-56020-4. - Diese Textausgabe beruht - anders als die bisherigen, in ihrer Textgestalt stellenweise gegenüber ihren Vorlagen umgestellten und geglätteten Drucke (Geschinius 1617, Palacký 1844, Jire_ek 1870) - erstmals auf einer vollständigen Aufarbeitung der hsl. Überlieferung der lateinischen Textfassung. Der gebotene Text folgt Codex I G 18 der Prager Staatsbibliothek Klementinum; davon abweichende Lesarten der anderen fünf Hss. sowie Konjekturen der früheren Hg. sind im Apparat zusammengefaßt. Im Paralleldruck beigegeben ist eine deutsche Übersetzung, die sich um möglichst große Nähe zur Vorlage (S. 5) bemüht, allerdings stellenweise recht schwerfällig oder sogar ungenau ist. Problematisch erscheint H. s Umgang mit verderbten oder sich in den einzelnen Überlieferungssträngen widersprechenden Textpartien: Konjekturen im lateinischen Text werden weitestgehend unterlassen, unter der Bezeichnung "Translatio ad sensum" jedoch zur Grundlage einer interpretierenden Übersetzung gemacht; die Übersetzung bevorzugt z. T. andere Lesarten als der von H. erstellte Text. Der Edition vorangestellt ist eine sehr ausführliche historische und textkritische Einleitung, die den Forschungsstand u. a. zu rechts-, verfassungs- und verwaltungsgeschichtlicher Stellung, Verfasserfrage, Datierung, Textaufbau und Rezeption der Maiestas Carolina gründlich zusammenstellt und ausgewogen bewertet, des weiteren eine Beschreibung der sechs vorliegenden lateinischen Textzeugen und ihre vergleichende Analyse enthält. Quellen- und Literaturverzeichnis sowie Personen-, Orts- und Sachregister runden den Bd. ab. Bedauerlich sind einige Druckfehler (Buchstabenverluste z. B. S. XXXV, XLV; das Fehlen einer Zeile S. XXXVIII unten; S. LI ist das Todesjahr Albrechts II. in 1439 zu korrigieren). Die vorliegende Edition sollte Anregung sein, die zahlreichen noch offenen Probleme im Umkreis der Maiestas Carolina anzugehen (vgl. S. LVIII-LXII), etwa die Frage nach ihrer Stellung in der Rechts- und Verwaltungsgeschichte ihrer Entstehungszeit und dem Anteil der karolinischen Neuerungen, nach den Bezügen zu anderen zeitgleichen Rechtsaufzeichnungen (etwa den Statuten Kasimirs d. Gr. von Polen, S. XXX), nach Karls Verhältnis zum böhmischen Hochadel oder den Gründen für eine verstärkte Rezeption der Maiestas nach 1400. Wünschenswert für die Zukunft wäre eine eingehendere Bearbeitung auch der tschechischen Textüberlieferung (S. LX).

    Ulrike Hohensee


  75. The Laws of the Medieval Kingdom of Hungary. Volume 2: 1301-1457. Decreta regni mediaevalis Hungariae, Tomus 2, 1301-1457, translated and edited by János M. Bak, Pál Engel, James Ross Sweeney in collaboration with Paul B. Harvey, Jr. (The Laws of East Central Europe, The Laws of Hungary, Series I: 1000-1526) Salt Lake City 1992, Charles Schlacks, Jr., Publisher, LV u. 2x 153 S. u. S. 154-294, USD 150. - Hier ist vor allem anderen ein Hinweis angebracht auf die maßgebliche Edition: Decreta Regni Hungariae 1301-1457 (Publikationen des Ungarischen Staatsarchivs II, Quellenpublikationen 11, 1976) hg. Franciscus Döry, Georgius Bónis, Vera Bácskay, wo die Gesetze und Verordnungen kritisch ediert, mit deutschem Kommentar kenntnisreich erklärt und in ihren historischen Kontext gestellt sind. Aus dieser seriösen Publikation hat das amerikanische Unternehmen ("General Editor: Charles Schlacks, Jr.") etwa die Hälfte der Texte übernommen, die somit auf einer weit besseren Grundlage stehen als der erste Bd. (vgl. DA 46, 587), wobei der Nachdruck weniger auf buchstäblich genauen Abschriften liegt (S. 52, Z. 2 wird aus "dicatoribus" ein "dictatoribus", immerhin richtig übersetzt) als auf den beigegebenen englischen Übersetzungen. Angesichts des hohen Verkaufspreises des Bandes dürfte in der Tat der intendierte Leserkreis ein solcher sein, der diese Übersetzungen als Hilfe empfindet und auch dankbar für den einliegenden Korrekturzettel ist. Dessen Inhalt, "On page 36, the Latin and English texts are reversed" erspart in der Tat gewisse Irritationen.

    G. S.


  76. Zaccaria di Martino, Summa artis notarie, a cura di R. Ferrara con nota biografica su G. Orlandelli di G. Tamba (Opere dei maestri 6) Bologna 1993, Istituto per la storia dell'Università di Bologna, XLV u. 376 S., 9 Tafeln, keine ISBN, ITL 90.000. - Zaccaria di Martino, seit 1232 als Notar in Bologna nachgewiesen, gehört wie Rolandinus und Salathiele zur Generation der Schüler des ersten Meisters der Notarskunst, Rainerius Perusinus, die ihrem Vorbild folgend selber Handbücher über das Notariat verfaßten. Spätestens seit 1259 leitete Zaccaria auch eine Notarsschule. Aber er scheint dabei im Gegensatz zu seinen um wenige Jahre jüngeren Kollegen Rolandinus und Salathiele nur wenig erfolgreich gewesen zu sein. Vielleicht ist deswegen seine um 1265 verfaßte Notarskunst nur in einer einzigen Hs. (Paris, Bibl. Nat., lat. 4595, um 1282 in Urbino entstanden) und außerdem nur fragmentarisch auf uns gekommen. Zaccaria gliedert seinen Stoff nach dem Vorbild von Rainerius in drei Teile: Verträge, Urteile und letzte Willen. Erhalten geblieben ist aber nur der erste Teil über Verträge, wobei das letzte und 54. Kapitel fehlen. Auffällig ist, daß Zaccaria seine Notarskunst in der Form eines Traktates, als fortlaufenden Text und ohne Glossen am Rande, abfaßte. Besonderes Interesse gebührt m. E. dem Abschnitt über die Gültigkeit von Verträgen und Urkunden, wo Zaccaria sehr viel ausführlicher ist als beispielsweise Salathiele und unter anderem auch rein formale Gründe diskutiert. Der große Verdienst von F., diesen wichtigen Text zugänglich gemacht zu haben, wird durch einige Nachlässigkeiten geschmälert. So ist die Einleitung viel zu knapp geraten. Ein Nachdruck des in den Atti della Accademia delle Scienze dell'Istituto di Bologna, classe di scienze morali, anno 69, Rendiconti 53 (1974-75) S. 189-255 erschienenen und außerhalb Italiens nur schwer zugänglichen Artikels des Vf. wäre auf jeden Fall sachdienlicher gewesen. Zwei Anhänge bringen zwar elf Urkunden von Zaccaria im Volltext, aber es sind weder die frühesten, noch die einzigen überlieferten. Als kleiner Nachtrag ohne Garantie auf Vollständigkeit seien daher angefügt: AS Bologna, Fondo Demaniale S. Agnese 3/5593 Nr. 143 f. (1255 Okt. 15, 1256. Jan. 14) sowie S. Mattia 5/5766 ohne Nr. (1267 Nov. 22, 1267 Dez. 21, 1268 Aug. 20), S. Mattia 7/5768 Nr. 2 (1271 März 3). Neun Tafeln zeigen verschiedene Ausschnitte aus der Hs., aber ein Index der Namen und Sachen fehlt.

    Andreas Meyer


  77. Philippe Godding, Conseils et rencharges de la Haute Cour de Namur (1440-1488) (Recueil des anciennes coutumes de la Belgique. Coutumes de Namur et de Philippeville 5) Bruxelles 1992, Ministère de la Justice, 257 S., keine ISBN, BEF 750. - Der Bd. enthält 235 Texte, die von dem als Schöffengericht fungierenden Oberhof in Namur als Rechtsbelehrung bzw. -auskunft an Einzelpersonen und örtliche Gerichte ergangen sind. Das Material wird in der Einleitung kommentiert und durch Register erschlossen.

    A. G.


  78. Decreta iuris supremi Magdeburgensis castri Cracoviensis. Die Rechtssprüche des Oberhofs des deutschen Rechts auf der Burg zu Krakau 1456-1481. Hg. und eingeleitet von Ludwik Lysiak und Karin Nehlsen-v. Stryk (Ius commune. Sonderhefte 68) Frankfurt am Main 1995, Klostermann, XXIX u. 598 S., ISBN 3-465-02693-4, DEM 188. - Dies ist die erstmalige Edition der Rechtssprüche des ältesten Gerichtsbuches des Oberhofs. Die 1629 dokumentierten Urteile (sentencie) stellen eine solide Basis zu bisher kaum in Gang gekommenen Forschungen über die Bedeutung und territoriale Verbreitung der Justizpraxis des Krakauer Oberhofes und die Fortentwicklung des deutschen, d.h. magdeburgisch-sächsischen Rechts in (Klein-) Polen dar. Die Dekrete sind ausschließlich in lateinischer (1416 Sprüche) oder frühneuhochdeutscher (213 Sprüche) Sprache abgefaßt (nicht in mittelhochdeutsch, wie auf S. IX angegeben). Die Edition ist so gestaltet, daß den einzelnen chronologisch angeordneten Sentenzen eine lateinische Überschrift vorangestellt ist, die zeitgenössisch und in der einzig vorhandenen Papierhs. in vergrößerter Zierschrift ausgeführt ist und Auskunft gibt über das Datum der Gerichtssitzung und den Ort, aus dem die Appellation kommt. Die Hg. waren um Sparsamkeit bei den Eingriffen in den Text bemüht; die Interpunktion dient als Hilfe zum Verständnis der Urteile. Der Benutzbarkeit dieser Edition sind die vier beigegebenen ausführlichen Register (Personen-, Orts-, lateinisches und deutsches Sachregister) sehr dienlich. Der vorwiegende Kreis, den diese Publikation anspricht, sind natürlich die deutschen und polnischen Rechtshistoriker; aber auch bei Philologen und Ethnologen dürfte diese Quelle auf Interesse stoßen.

  79. Michael Lindner


  80. Irmgard Baumgärtner, Quidam presbiter beneficialis. Der niedere Klerus in den Rechtsgutachten des späten Mittelalters, ZRG Kan. 81 (1995) S. 189-224, behandelt anhand einiger norditalienischer Consilia des 14. Jh. die am häufigsten vorkommenden strittigen Fragen. Zumeist ging es um die Eingliederung des Klerus in die Gemeinden, um ihre Steuerprivilegien, um das Begräbnisrecht und die portio canonica für die Pfarrkirchen, um Patronatsfragen sowie die Nutzung des Kirchenvermögens und die Seelsorgepflichten des niederen Klerus. Im Anhang ist ein Consilium des Martinus Garatus Laudensis († 1453) ediert.

    D. J.


  81. La Colección canónica Hispana. Hg. von Gonzalo Martinez Diez und Félix Rodriguez, Bd. 5: Concilios Hispanos: Segunda Parte (Monumenta Hispaniae Sacra, Serie canónica V) Madrid 1992, Consejo Superior de Investigaciones Científicas, 558 S., ISBN 84-00-07262-6. - Mit den Bänden 3 und 4 des großen spanischen Editionsunternehmens hatten die Hg. die Veröffentlichung des Konzilsteils der Collectio Hispana aufgenommen, und zwar waren 1982 in Bd. 3 die "griechischen" und die afrikanischen, 1984 im Bd. 4 die gallischen und der Anfang der spanischen (bis Toledo II) Konzilien publiziert worden. In Bd. 5 sind Toledo III bis X enthalten. Eine neue Liste der für die Edition herangezogenen Hss. enthält dieser Band nicht; sie ist in Bd. 3 auf S. 18 f. inmitten der Einleitung versteckt. Es ist zu wünschen, daß die Hispana-Ausgabe bald weiter voranschreitet, so daß endlich der gesamte Konzilsteil und danach auch der Dekretalenteil zur Verfügung stehen.

    W. H.


  82. Aidan Breen, The Date, Provenance and Authorship of the Pseudo-Patrician Canonical Materials, ZRG Kan. 81 (1995) S. 83-129, ist eine Quellenuntersuchung der beiden dem heiligen Patrick zugeschriebenen Synoden. Die zweite Pseudo-Synode wird aus dem Münchner Codex 14468 und der Wiener Hs. 2232, beide aus dem Anfang des 9. Jh., erneut ediert, da diese Fassung von der bisher bekannten Textgestalt abweicht. Als Abfassungsdatum nimmt Vf. das 7. Jh. an, während die sogenannte Erste Synode Patricks wohl auf älteres Material zurückgreift und eine andere Intention gehabt haben dürfte.

    D. J.


  83. Francis Bezler, Les Pénitentiels Espagnols. Contribution à l'étude de la civilisation de l'Espagne chrétienne du haut Moyen Âge (Spanische Forschungen der Görresgesellschaft, Reihe II, Bd. 30) Münster 1994, Aschendorff, XXV u. 334 S., ISBN 3-402-05834-0, DEM 228. - Obwohl sich schon die 3. Synode von Toledo (589) mit der vielleicht von britischen Exulanten in Spanien bekanntgemachten Praxis der Privat- oder Tarifbuße auseinandersetzen mußte, sind Bußbücher erst aus den christlichen Reichen des Nordens nach der berberisch-arabischen Landnahme überliefert. Vorliegende Arbeit analysiert, in Vorbereitung einer demnächst als CC Cont. med. 156a erscheinenden Edition, die drei bisher bekannten Paenitentialia in Hss. spanischer Herkunft: Das Paen. Albeldense oder Vigilanum in zwei datierten Hss. aus Albelda (976) und San Millán de la Cogolla (994), das Paen. Silense in einer Hs. der zweiten Hälfte des 11. Jh. aus Silos und das Paen. Cordubense in einem Miszellankodex kastilisch-leonesischer Herkunft, dessen Bußbuchteil von M. Díaz y Díaz paläographisch an das Ende des 10., von B. aus sachlichen Erwägungen in die erste Hälfte des 11. Jh. gesetzt wird. Wie etwa die italienischen Paenitentialia fußen die spanischen weitgehend auf älterem fränkischen Material, wobei das Paen. Silense, anders als bisher angenommen, vom Paen. Vigilanum abhängt. Wichtigste Quellen waren der im Frankenreich weit verbreitete Excarpsus Cummeani und das mit jenem eng verwandte Paenitentiale Remense (vgl. DA 36, 596); in unterschiedlichem Ausmaß sind auch die Collectio Hispana und andere spanisch-westgotische Quellen benützt worden. Zu vernachlässigen ist demgegenüber der Einfluß des weltlichen Rechts. Kanones unbekannter Herkunft entstammen vielleicht nicht mehr überlieferten spanischen Bußbüchern, wobei die vereinzelte Berücksichtigung islamischer Rechtsbräuche auf die mozarabische Christenheit verweist. Für Lokalisierung und Datierung aufschlußreich sind die Redemptionslisten: Die Angaben des Paen. Silense bezieht B. auf arabische Münzen, wie sie in Kastilien-Leon Mitte des 11. Jh. in Umlauf waren; im Paen. Cordubense kann er Münzäquivalente feststellen, nach denen vor allem in der ersten Hälfte des 11. Jh. in Galizien gerechnet wurde. Singulär ist die soziale Abstufung vom Imperator bis zum Pauperrimus im Paen. Silense. Ohne solche konkreten Anhaltspunkte datiert B. das Paen. Vigilanum aufgrund der Quellen in die Mitte des 9. Jh.; bis zum Terminus ante, dem Datum der älteren Hs. (976), bleibt allerdings ein Spielraum von hundert Jahren. Nicht nur hinsichtlich der Redemptionen kann B. den einzelnen Texten attestieren, jeweils unterschiedliche Akzente zu setzen und das soziale Milieu zu beachten, was nach B. ebenso für die praktische Ausrichtung der spanischen Bußbücher spricht wie die Tatsache, daß in der Hs. aus Silos allein das Bußbuch volkssprachlich glossiert ist. Nicht selten sind aber einander widersprechende, gelegentlich unverständlich formulierte Bestimmungen der fränkischen Quellen rezipiert und nebeneinander gestellt worden. Mit Rücksicht darauf geht auch der ausladende systematische Teil der Arbeit, der um die "Typologie" von Delikten und Bußen bemüht ist, immer wieder auf Überlieferung, Herkunft und Verständnisschwierigkeiten einzelner Bestimmungen ein. Die umfassende, geschlossene Darstellung von Bußpraxis und moralischen Vorstellungen der spanischen Christenheit, die der systematische Aufriß des Buches verheißt, bleibt B. deshalb schuldig; der sperrigen Überlieferung bleibt er damit näher.

    Ludger Körntgen


  84. Rob Meens, Het tripartite boeteboek. Overlevering en betekenis van vroegmiddeleeuwse biechtvoorschriften (Middeleeuwse studies en bronnen XLI) Hilversum 1994, Verloren, 581 S., ISBN 90-6550-261-0, NLG 125. - Neben den Beda Venerabilis und Egbert von York zugeschriebenen Kompilationen, deren Überlieferung jüngst von Reinhold Haggenmüller aufgearbeitet worden ist (vgl. DA 49, 267), bilden die ohne Verfasserinskription überlieferten Paenitentialia tripartita die bedeutendste Gruppe der frühma. Bußbücher. Die namengebende Gemeinsamkeit dieser Texte - sie haben im wesentlichen Material aus den gleichen drei Quellengruppen zusammengestellt - erklärt noch nicht ihre auffallende Parallelität. Auch die zunehmend diskutierte Frage, ob Bußbücher überhaupt in der Praxis benutzt werden konnten, erscheint besonders gut begründet im Hinblick auf diese umfangreichen und z. T. unübersichtlichen, ausschließlich aus älterem Material kompilierten Werke. M. geht beiden Fragen nach, wobei die Untersuchung von Überlieferung und Quellen aller Bußbücher, die bisher der genannten Gruppe zugewiesen werden, mit Ausnahme der schon monographisch behandelten Paenitentialia Excarpsus Cummeani und Remense (vgl. DA 36, 596) sowie Merseburgense a/Vallicellianum I (vgl. DA 42, 250) den Schwerpunkt bildet. Grundlegend und angesichts einer schon mehr als hundertjährigen Forschungsgeschichte verblüffend einfach ist der Nachweis, daß es ein häufig postuliertes, verlorenes "Ur-Tripartitum" nicht gegeben hat. Das quellengeschichtlich geordnete Paenitentiale Sangallense tripartitum und der systema-tische Excarpsus Cummeani sind vielmehr voneinander unabhängig; beide haben dem Kompilator der karolingischen Capitula iudiciorum vorgelegen, der vielleicht zusätzlich auf die ursprünglichen Quellen zurückgreifen konnte. Die Bedeutung des Excarpsus Cummeani, ohnehin eines der am häufigsten handschriftlich bezeugten Bußbücher, wird durch weitere bisher nicht erkannte Rezeptionen unterstrichen: Auch die weniger beachteten Paenitentialia Parisiense compositum (bisher als Parisiense I bezeichnet) und Vindobonense b gehen auf diese Quelle zurück, für letzteres kann M. mit Clm 6243 sogar die (prominente) handschriftliche Vorlage ermitteln. Im ganzen muß die Gruppe der Paenitentialia tripartita nach literarischer Parallelität und Quellenbenutzung differenzierter beurteilt werden, als es die gebräuchliche Gruppenbezeichnung suggeriert - ein Grund, mit M. zukünftig von Paenitentialia composita zu sprechen. Genauer als bisher läßt sich auch die Arbeitsweise der einzelnen Kompilatoren beschreiben: Sie haben jeweils eigene Akzente gesetzt, vor allem durch die Auswahl des vorliegenden Quellenmaterials, in geringerem Umfang auch durch Umformulierung und veränderte Klassifizierung der Delikte. Diese Feststellung unterstreicht den Quellenwert des Genres ebenso wie die Analyse von insgesamt 106 Bußbücher-Hss.: Kleines Format, Sparsamkeit bei der Herstellung und der weitere Inhalt deuten in vielen Fällen auf die Bestimmung für die Praxis. Rob Meens hat einen zentralen Bereich der frühma. Bußbuchüberlieferung für die weitere Forschung erschlossen. Sein Überblick über Gattungs- und Forschungsgeschichte (S. 25-72) sei als umfasssende Einführung in das Gesamtkorpus der überlieferten Bußbücher und in die einzelnen Kompilationen nachdrücklich empfohlen. Eine vorläufige Edition der behandelten Paenitentialia (mit niederländischer Übersetzung) und eine englische Zusammenfassung erhöhen den Wert der nicht nur für Spezialisten wichtigen Arbeit.

  85. Ludger Körntgen


  86. Klaus Zechiel-Eckes, Eine Mailänder Redaktion der Kirchenrechtssammlung Bischof Anselms II. von Lucca (1073-1086), ZRG Kan. 81 (1995) S. 130-147, kann die älteste Überarbeitung der Kanonessammlung Anselms von Lucca, auf die die Rezensionen B und C des Werkes zurückgehen, als Arbeit eines Mailänder Kanonisten wahrscheinlich machen. Er dürfte um 1090 tätig gewesen sein und hat Material herangezogen, das nur die Mailänder Hs. Bibl. Ambrosiana A 46 inf. (9. Jh.) überliefert.

    D. J.


  87. Jeffrey H. Denton, Philip the Fair and the ecclesiastical assemblies of 1294-1295 (Transactions of the American Philosophical Society, 81, part 1) Philadelphia 1991, The American Philosophical Society, 82 S., ISBN 0-817169-811-9, USD 18. - Hinter dem Titel, der eher eine Monographie erwarten läßt, steht im wesentlichen eine Quellenedition, die laut D. die erste Stufe einer Neubewertung des Streites zwischen Philipp dem Schönen und Bonifaz VIII. sein soll. Nach einer kurzen und präzisen Einleitung (S. 1-27), die Philipps Besteuerung seiner Geistlichen zwecks Kriegsfinanzierung schildert, ediert D. die erhaltene Dokumentation für nicht weniger als zwölf Provinzialsynoden bzw. Versammlungen von exemten Geistlichen oder Äbten aus dem Zeitraum September 1294 bis Mai 1295. Einige der hier gedruckten Texte waren schon aus Einzelhss. in früheren Quellensammlungen ediert, aber D. bietet die erste vollständige Edition und liefert somit einen Beitrag zur etwas vernachlässigten Geschichte der französischen Provinzialsynoden im Hoch-MA.

    T. R.


  88. Michael J. Haren, Bishop Gynwell of Lincoln, two Avignonese Statutes and Archbishop Fitzralph of Armagh's Suit at the Roman Curia Against the Friars, AHP 31 (1993) S. 275-292, ediert die im Register des Bischofs von Lincoln überlieferte Aufzeichnung einer Diözesansynode von Avignon (1359), auf der ältere Statuten einer Diözesansynode von 1341 wiederholt wurden, die einen Kompromiß zwischen Weltpriestern und Mendikanten über die Seelsorgetätigkeit enthalten und dem Erzbischof von Armagh und seinen Anhängern wohl als Richtschnur für ihre Auseinandersetzung mit den Bettelorden über diese Frage galten.

    D. J.


  89. Filippo Tamburini, Santi e peccatori. Confessioni e suppliche dai Registri della Penitenzieria dell' Archivio Segreto Vaticano (1451-1586). Presentazione di Attilio Agnoletto, Milano 1995, Istituto di Propaganda Libraria, 377 S., ISBN 88-7836-400-2, ITL 38.000. - T., Monsignore und emeritierter Archivar der Päpstlichen Pönitentiarie, Autor zahlreicher und wichtiger Aufsätze über die Geschichte und das Personal des obersten Buß-, Beicht- und Gnadenamtes der römischen Kurie, legt hier eine Auswahl von einhundert Dokumenten, zumeist Suppliken, mehr als die Hälfte aus der Zeit vor der Reformation vor, die von (zahlreichen) Sündern wie von (einigen wenigen) Heiligen an den päpstlichen Gnadenstuhl abgesandt worden sind. Die zum weit überwiegenden Teil unedierten Texte (eingeleitet von einem italienischen Regest) werden in der registrierten lateinischen Fassung abgedruckt und der Sachverhalt (nicht immer erschöpfend) kommentiert. Die Materien der Bittschriften ordnen sich unter den weiten Bogen (der auch aus den anderen kurialen Registern bekannten) päpstlichen Absolutions-, Dispens- und Lizenzpraxis und illustrieren die "Verwaltung des Gewissens", aber auch das weite Herz der "vergebenden und absolvierenden Mutter Kirche". Die Jesuiten, die Familie Borgia, die Heilige Teresa von Avila treten hier auf zusammen mit Kindsmördern, Homosexuellen, Konkubinariern, Gewalttätern, Fälschern, Häretikern, Piraten wie auch Frauen, die gegen ihren Willen ins Kloster bzw. in eine Ehe gezwungen worden sind. Wohl weil der Verlag in den Untertitel das Wort "Beichte" eingefügt hat, fand das auch für den Seminarbetrieb empfehlenswerte Buch eine ungnädige Aufnahme jenseits des Tibers (Osservatore Romano vom 3.3.1996, S. 3: "La pubblicazione costituisce pertanto un abuso, che non può non essere fermamente deplorato"). Diese Meinung werden auch viele katholische Leser des Buches wohl nicht teilen. Das Beichtgeheimnis jedenfalls wird in den publizierten Texten nicht berührt, Absolutionen "in foro interno" wurden von der Pönitentiarie im MA ausdrücklich nicht registriert.

    Ludwig Schmugge


  90. André Schnyder, Protokollieren und Erzählen. Episoden des Innsbrucker Hexereiprozesses von 1485 in dämonologischen Fallbeispielen des `Malleus maleficarum' (1487) von Institoris und Sprenger und in den Prozeßakten, Der Schlern 68 (1994) S. 695-713, untersucht die Umarbeitung konkreter protokollierter "Fälle" in exempla des Hexenhammers, wo die Vorlagen in vielerlei Hinsicht effektvoller gestaltet wurden, ohne aber direkt den Inhalt zu verändern.

    Josef Riedmann


  91. Regulae Benedicti Studia. Annuarium Internationale, hg. von Makarios Hebler, 18 (1994): Achter Internationaler Regula-Benedicti-Kongreß, Abtei Montserrat 27.9.-3.10.1993, St. Ottilien 1994, Eos Verlag, XI u. 238 S., ISBN 3-88096-948-5. - Aus insgesamt 14 Beiträgen seien hervorgehoben: Andreas Albert, Mönche als "cives sanctorum" (Eph 2,19). Reliquienkult bei Benedikt von Nursia (S. 1-14). - Marcel Albert, Schrift und Schriftlesung in der Bursfelder Kongregation am Vorabend der Reformation (S. 15-37). - Aquinata Böckmann, Die hl. Schrift als Quelle der RB. "Auswahl" der Bibeltexte im Vergleich zur Magisterregel - ein Zugang zur Person Benedikts (S. 39-63). - Terrence Kardong, Coming late: Benedict's Prohibition against Tardiness in RB 43 (S. 115-127). - Judith Pauli, Zur Rezeption der Bergpredigt in der Benediktsregel (S. 167-175). - Klaus Zelzer, Benedikt von Nursia als Bewahrer und Erneuerer der monastischen Tradition der Suburbicaria (S. 203-219). - Michaela Zelzer, Gregors Benediktvita und die Bibel. Die Entschlüsselung eines exegetischen Programms (S. 221-232).

    R. S.


  92. Consuetudines Canonicorum Regularium Rodenses - Die Lebensordnung des Regularkanonikerstiftes Klosterrath, 2 Teilbände. Text erstellt von Stefan Weinfurter, übersetzt und eingeleitet von Helmut Deutz (Fontes Christiani 11) Freiburg u. a. 1993, Herder, XI u. 570 S., ISBN 3-451-22114-4 bzw. 3-451-22115-2, DEM 42. - Die ursprünglich von W. edierten (vgl. DA 35, 253) und den Stiften Springiersbach und Klosterrath als Entstehungsorten zugeschriebenen Consuetudines, die ihren größten Geltungsbereich im Salzburger Reformkreis des 12. Jh. unter Erzbischof Konrad I. hatten (vgl. DA 32, 286 f. und 35, 253), wurden in einer Studie des Übersetzers (vgl. DA 49, 373) nur dem letztgenannten Stift in der Diözese Lüttich als Ursprungsort zugeordnet. Diese Einschränkung wird in der ausführlichen Einleitung (S. 7-107) nochmals begründet. Daneben wird darin der Text der Bestimmungen zusammengefaßt und interpretiert. Wie auch immer die Entstehungsfrage zu beantworten sein mag - mit dieser kommentierten Ausgabe liegen erstmals Kanonikerbestimmungen in vorzüglicher deutscher Übersetzung zu einem günstigen Preis vor und sind daher einem breiteren interessierten Publikum zugänglich, das sich vor der Benutzung eines lateinischen Corpus Christianorum scheut.

    C. L.


  93. Kommunales Schriftgut in Oberitalien. Formen, Funktionen, Überlieferung, hg. von Hagen Keller und Thomas Behrmann (Münstersche Mittelalter-Schriften 68) München 1995, Wilhelm Fink Verlag, XIV u. 380 S., ISBN 3-7705-2944-8, DEM 138. - Neben zahlreichen Einzeluntersuchungen ist dies der dritte Sammelband des Münsteraner SFB 231 (vgl. zum ersten DA 49, 623 ff.). Nach dem Vorwort von K. (S. VII) weist B., Einleitung: Ein neuer Zugang zum Schriftgut der oberitalienischen Kommunen (S. 1-18), auf die Einführung des Buches in die Rechts- und Verwaltungspraxis der Kommunen als wichtigsten formalen Faktor für das sprunghafte Anwachsen der Schriftlichkeit hin und sieht in den innen- wie außenpolitisch aufbrechenden Konflikten einen starken Impuls für den Verschriftlichungsprozeß. - Petra Koch, Die Archivierung kommunaler Bücher in den ober- und mittelitalienischen Städten im 13. und frühen 14. Jahrhundert (S. 19-70), legt detailreich dar, daß seit dem 13. Jh. neben den Kirchen als Aufbewahrungsorten für Urkunden und Bücher von allgemeiner und längerfristiger Gültigkeit die Kommunen für das kontinuierlich gebrauchte Geschäftsschriftgut eigene kommunale "Archive" einrichteten, welche die Aufbewahrung, Ordnung und Nutzung ihres Schriftgutes gewährleisteten. Den anerkannt hohen Stellenwert dieser Institution belegen die häufigen Zerstörungen des Archivs in Konfliktsituationen seit dem ausgehenden 13. Jh. mit dem Ziel, die schriftlich fixierten Rechte des Gegners zu vernichten. - Thomas Behrmann, Von der Sentenz zur Akte. Beobachtungen zur Entwicklung des Prozeßschriftgutes in Mailand (S. 71-90): Nachdem Anfang des 13. Jh. endgültig die einzelnen Prozeßstufen aufgeschrieben worden waren, begann man mit der Anlage kommunaler Gerichtsregister. Eine erhebliche Verlängerung der Prozeßdauer war die unvermeidbare Konsequenz. Kirchen und Klöster gingen als Prozeßparteien dazu über, das anwachsende Prozeßschriftgut "aktenförmig" aneinander zu nähen. - Petra Koch, Rechtskonflikte der Kommune Vercelli. Zur Entstehung und zum Einsatz von Prozeßschriftgut (S. 91-116), untersucht einzelne Prozesse, deren schriftliches Produkt nicht nur die eigentlichen Prozeßurkunden waren, sondern auch Rotuli mit den Abschriften älterer Verträge und Buchauszüge zu Beweiszwecken. Der systematischen Erfassung von rechtssichernden Dokumenten diente die Eintragung in Urkundencodices (`Biscioni'). - Claudia Becker, Beiträge zur kommunalen Buchführung und Rechnungslegung (S. 117-148), verfolgt die Entwicklung von einfachen Einnahmen- und Ausgabenregistern zu vorgeschriebenen und genau kontrollierten Büchern als "Instrumente einer zunehmend nach Effizienz strebenden Verwaltung" im Zeitraum vom 12. bis zum frühen 14. Jh., deren Anlage zur Lösung innerstädtischer Konflikte beitragen sollte. - Peter Lütke Westhues in Zusammenarbeit mit Petra Koch, Die kommunale Vermögenssteuer (`Estimo') im 13. Jahrhundert. Rekonstruktion und Analyse des Verfahrens (S. 149-188), anhand, so ist hinzuzufügen, der Lokalüberlieferungen aus Chieri und Pavia sowie Belegen aus Vercelli: Das schriftliche Ergebnis des komplizierten Vorgangs waren neue Buchtypen, die die Steuererhebung professionalisierten. - Michael Drewniok, Die Organisation der Lebensmittelversorgung in Novara (S. 189-216), behandelt nicht nur 133 Bestimmungen im Statutencodex von 1276-1291, sondern auch die umfangreichen, ebenfalls schriftlich festgehaltenen Kontrollen. Zusatzbestimmungen belegen die ständigen Bemühungen um eine Verbesserung des organisatorischen Ablaufs. - Marita Blattmann, Wahlen und Schrifteinsatz in Bergamo im 13. Jahrhundert (S. 217-264), rekonstruiert durch die Zusammenschau verschiedener Bergamasker Statutenbücher des 13. Jh. und zweier erhaltener Wahlprotokolle die Abläufe der viele Schreibvorgänge erfordernden Wahl per sortem, die aber auch nur bedingt zu größerer "Objektivität" des Wahlvorgangs beitrug. - Thomas Behrmann, Anmerkungen zum Schriftgebrauch in der kommunalen Diplomatie des 12. und frühen 13. Jahrhunderts (S. 265-282), geht vornehmlich anhand von Mailänder Urkundenmaterial auf die Anfänge der rechtsverbindlichen Dokumentation der kommunalen Außenpolitik ein. - Barbara Sasse Tateo, Die Zitierung kommunaler Register in den Chroniken des Galvaneo Fiamma (S. 283-304), beweist die Existenz von zwei heute verlorenen Mailänder Rechtssammlungen im frühen 14. Jh., nämlich die mit dem Liber iurium gleichzusetzenden Privilegia antiqua comunitatis sowie das Registrum potestatum de Mediolano, und belegt die gezielte Manipulation der stadtgeschichtlichen Überlieferung im Interesse der zu Fiammas Zeit regierenden Visconti. Im Anhang werden die Zitate Fiammas aus kommunalen Registern aufgelistet. - Jörg W. Busch, Spiegelungen des Verschriftlichungsprozesses in der lombardischen Historiographie des 11. bis 13. Jahrhunderts (S. 305-321), zeigt an Beispielen aus Lodi, Mailand, Padua, Piacenza und Reggio Emilia, daß die zum Teil an der kommunalen Verwaltung beteiligten Autoren in ihren Geschichtswerken nur selten über ihre Tätigkeit als Gesandte, Notare oder Richter berichteten, da sie diese als selbstverständlich ansahen. - Nach der Zusammenfassung der Einzelbeiträge auf deutsch und italienisch folgen sorgfältig erstellte Register der zitierten Hss. und Urkundenbestände, der Orte, der Personen und Familien sowie der Sachen. Von derzeitigen und ehemaligen Mitarbeitern des SFB wird in diesem Bd. ein breites Spektrum kommunalen Schriftgutes kenntnisreich präsentiert; allerdings läßt sich bei der Fülle der Publikationen zu dieser Quellengruppe aus demselben Haus eine gewisse Redundanz in Argumentation und Ergebnis nicht vermeiden.

    Claudia Zey


  94. Statuti di Verona del 1327, a cura di Silvana Anna Bianchi e Rosalba Granuzzo, con la collaborazione di Gian Maria Varanini e Giordana Mariani Canova. Presentazione di Giuseppina De Sandre Gasparini, 2 Bde. (Corpus statutario delle Venezie 8/1.2) Roma 1992, Jouvence, 806 S., 8 Abb., ISBN 88-7801-207-6. - Grundlage für die vorliegende Edition ist das Ms. 3036 der Biblioteca Civica Verona mit den städtischen Statuten, die 1327 an die Stelle der Verfassung aus dem Jahr 1276 getreten sind. Die Hs., welche als einziges von drei Exemplaren über die Zeiten gerettet wurde, enthält Zusätze und Ergänzungen bis 1381 und stellt damit eine bedeutsame Quelle zur Geschichte Veronas unter der Herrschaft der Scaliger, namentlich der letzten Jahre von Cangrande I., dar. In der Einleitung dieser verdienstvollen Publikation werden die Genese und Bedeutung der Statuten erläutert sowie die Hs. einschließlich ihrer Miniaturen beschrieben. Die Texte werden durch Register erschlossen.

    A. G.


  95. Viabilità e legislazione di uno stato cittadino del Duecento. Lo Statuto dei Viarî di Siena, a cura di Donatella Ciampoli e Thomas Szabó, con trascrizioni di Stephan Epstein e Maria Ginatempo. Premessa di Mario Ascheri (Monografie di storia e letteratura senese 11) Siena 1992, Accademia Senese degli Intronati, IV u. 311 S., keine ISBN, ITL 60.000. - Um eine verwaltungstechnische Vereinfachung zu erzielen, beschloß die Kommune Siena im Jahr 1287, die in ihren Statuten enthaltenen Bestimmungen über Straßen, Brücken und Brunnen herauszuziehen und in einem eigenen Kodex zusammenzufassen. Dieses Statutum dominorum viarum wurde 1290 in Angriff genommen und bis 1299 weitergeführt. Die Zahl der Bestimmungen (434 Kapitel) ist im Vergleich zu anderen Städten wie Bologna, Arezzo, Pisa, Pistoia, Florenz und Perugia ungemein hoch und dokumentiert nach den Worten von M. Ascheri "l`alto livello di cultura politico-amministrativa acquisita dal ceto di governo senese". Dem sorgfältig edierten Text geht eine instruktive Einleitung von Th. Szabó über die Bedeutung der Statuten in und außerhalb Sienas voraus, der sich auch anderwärts mit dieser Materie beschäftigt hat: "Comuni e politica stradale in Toscana e in Italia nel Medioevo" (Biblioteca di storia urbana medievale 6) Bologna 1992, Editrice CLUEB. Der Bd. ist mit Registern ausgestattet, welche die Statutentexte erschließen.

    A. G.


  96. Repertorio degli statuti comunali umbri, a cura di Patrizia Bianciardi e Maria Grazia Nico Ottaviani, prefazione di Claudio Leonardi (Centro per il collegamento degli studi medievali e umanistici nell'Umbria 28) Spoleto 1992, Centro italiano di studi sull'alto medioevo, XIII u. 372 S., 1 Karte, ISBN 88-7988-537-5. - Dieses sorgfältig zusammengestellte Repertorium umfaßt in alphabetischer Reihenfolge durchlaufend numeriert sämtliche Orte Umbriens (in seinen heutigen Grenzen) mit kommunaler Statutenüberlieferung. Die Bearbeiterinnen haben an Ort und Stelle recherchiert und das umfangreiche Material, das manche Neuentdeckung enthält, zu insgesamt 540 Nummern aufbereitet. Die einzelnen Statuten sind nach einem bestimmten Schema (Signatur, bibliographische Angaben etc.) aufgelistet, worüber in der Einleitung nach einer quellenkundlichen Würdigung des Materials ausführlich berichtet wird. Der Band, der durch eine Reihe von Indices in wünschenswerter Weise erschlossen wird, ist unstreitig ein wichtiges Hilfsmittel für Forschungs- und Editionsvorhaben auf dem Gebiet der Statutengesetzgebung, das unbedingt Schule machen sollte.

    A. G.


  97. Der Oberhof Kleve und seine Schöffensprüche. Untersuchungen zum Klever Stadtrecht, hg. von Bernhard Diestelkamp und Klaus Flink (Schriftenreihe des Stadtarchivs Kleve 15) Kleve 1994, Selbstverlag des Stadtarchivs Kleve, 320 S., 9 Abb., ISBN 3-922412-14-9, DEM 36. - Nach der in den letzten Jahren erfolgten Edition der verschiedenen spätma. Klever Stadtrechtstexte (vgl. DA 47, 236 und 48, 246 f.) werden im vorliegenden Bd. nun neben einer noch ausstehenden Edition der Schöffensprüche und einem Glossar zu allen Stadtrechtstexten auch Untersuchungen zu verschiedenen Aspekten geboten. Im Einzelnen sind dies: Bernhard Diestelkamp, Einführung: Das Klever Stadtrecht (S. 9-14). - Klaus Flink, Die Stadtrechtsentwicklung im Niederrheinland und der Oberhof Kleve (S. 15-44). - Arno Buschmann, Staufisches Reichsrecht und klevische Stadtrechtsprivilegien. Zur Wirkungsgeschichte der Verfassungsgesetzgebung Frie-drichs II. von Hohenstaufen am Niederrhein (S. 45-72). - Rolf Lieberwirth, Das Stadtrecht von Kleve und der Sachsenspiegel (S. 73-86). - Dietlinde Munzel, Das Stadtrecht von Kleve und das Kleine Kaiserrecht (S. 87-106). - Bernhard Diestelkamp, Rechtshistorische Bemerkungen zum Liber sentenciarum promulgatarum per scabinos Clivenses (S. 107-122). - Bert Thissen, Der Liber sentenciarum der Klever Schöffen (Edition) (S. 123-241). - Klaus Flink, Index zum Liber sentenciarum (S. 241-262). - Ulrike Rühl, Das Glossar zum Stadtrecht von Cleve (S. 263-313). Es bleibt zu hoffen, daß diese Schriftenreihe, die, wie dem Vorwort des Hg. zu entnehmen ist, eingestellt werden soll, doch fortgesetzt wird!

    M. S.


  98. Steffen Wernicke und Martin Hoernes, "Umb die unzucht die ich handelt han...". Quellen zum Urfehdewesen (Halbgraue Reihe zur historischen Fachinformatik. Serie A. Historische Quellenkunden) St. Katharinen 1991, Scripta Mercaturae Verlag, IV u. 136 S., ISBN 3-928134-42-6, DEM 9,60. - Dieses Büchlein ist im Zusammenhang mit dem bekannten Projekt der elektronischen Erfassung der Quellen zur spätma. Regensburger Stadtgeschichte entstanden. Mehr als die Hälfte des Werkes beschäftigt sich mit den technischen und konzeptionellen Problemen der Datenerfassung und -verarbeitung. Der erste Teil (S. 1-62) enthält Beschreibungen der unterschiedlichen Formen des Urfehdebriefes sowie Gedanken über historische Kriminalitätsforschung.

    T. R.


  99. Karl Forstner, Quellenkundliche Beobachtungen an den ältesten Salzburger Güterverzeichnissen und an der Vita S. Ruperti, Teil II, Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 135 (1995) S. 465-488, erörtert die Datierung der ältesten Abschrift der Notitia Arnonis, die Bedeutung der canonici in den Breves Notitiae, die Textstufen der Rupertvita und die Rolle des Salzburger Magisters Baldo im 9. Jh.

    Herwig Weigl


  100. Julia Kleindinst, Das churrätische Reichsguturbar - eine Quelle zur frühmittelalterlichen Geschichte Vorarlbergs, Montfort 47 (1995) S. 89-130, beschäftigt sich auf Basis der Einordnung Clavadetschers vorsichtig mit einzelnen Aspekten der Quelle und ihrer Auswertbarkeit für die Geschichte der Siedlung, Wirtschaft und kirchlichen, sozialen und politischen Struktur des Gebiets.

    Herwig Weigl


  101. "anno verbi incarnati DCCCXCIII conscriptum" - Im Jahre des Herrn 893 geschrieben. 1100 Jahre Prümer Urbar. Festschrift im Auftrag des Geschichtsvereins "Prümer Land" e. V. hg. von Reiner Nolden, Trier 1993, Selbstverlag Geschichtsverein "Prümer Land" e. V., 303 S., Abb., keine ISBN, DEM 50. - Nachdem I. Schwab 1983 eine mustergültige Edition des Urbars vorgelegt hat (vgl. DA 41, 592 f.), folgt jetzt eine kommentierte Übersetzung durch Nikolaus Nöskes, die den Kern des vorliegenden Bandes bildet (S. 17-115) und durch ein Glossar und Ortsverzeichnis erschlossen ist. Die Hs. ist zudem am Ende des Bandes in Photographie wiedergegeben. - Zwei Beiträge fassen zusätzlich die Diskussion um das Urbar zusammen: Ingo Schwab, Das Prümer Urbar - Überlieferung und Entstehung (S. 119-126), fußt auf der Einleitung seiner Edition und hält an einer "einheitlichen" Entstehung des Urbars 893 fest. Schichten von 893 bis 950 glaubt hingegen Yoshiki Morimoto, Die Bedeutung des Prümer Urbars für die heutige Forschung (S. 127-136), nachweisen zu können. Vor allem die summierenden Angaben seien den Verhältnissen nach 893 angepaßt worden und ließen großes Interesse am Verkehrswesen erkennen; der Kommentar des Caesarius vermische Vergangenheit und eigene Gegenwart und erlaube deshalb Rückschlüsse auf frühere Zeiten. - Peter Neu, Zur Herkunft der frühen Äbte der Abtei Prüm (S. 137-143), geht bis Regino. - Martina Knichel, Geschichte des Fernbesitzes der Abtei Prüm (S. 145-156), faßt ihre eigenen Forschungen zu dem Thema zusammen. - Reiner Nolden, Prumiensia in Trier. Archivalien aus Prümer geistlichen Institutionen in Stadtarchiv und Stadtbibliothek Trier (S. 157-204), stellt die Hinterlassenschaft der Abtei und ihrer Prümer Gründungen, des Marienstifts und des Niederprümer Nonnenklosters, vor. 34 Urkunden (vor allem der Päpste seit Innozenz III.) für diese Empfänger werden abgedruckt. Von den Hss. ist das Prümer Kopiar, der Liber aureus, die berühmteste, dazu kommen eine Kopie des Urbars, dessen Haupths. in Koblenz liegt, und meist chronikalische Aufzeichnungen aus der frühen Neuzeit.

    E.-D. H.


  102. Matthias Herkt, Anwendungsmöglichkeiten computergestützter Erfassungs- und Auswertungshilfen am Beispiel der Güter- und Einkünfteverzeichnisse des Kollegiatstiftes St. Mauritz in Münster (Bochumer historische Studien. Mittelalterliche Geschichte 9) Bochum 1991, Brockmeyer, 444 u. 92 S., ISBN 3-88339-902-7, DEM 59,80. - Der Titel gibt einen ungewöhnlich genauen Eindruck vom Inhalt dieser Bochumer Diss.: Es geht eher um die Vorführung von Möglichkeiten als um Ergebnisse. H. fängt mit einem historiographischen Überblick und "Abriß der geschichtlichen Entwicklung" an (S. 1-49). Der zweite Abschnitt enthält Ausführungen über die spätma. westfälische Metrologie (S. 50-180), die eine wertvolle Ergänzung zu den Arbeiten Witthöfts darstellen. Im langen, für den Rez. nicht sehr verständlichen Folgeabschnitt "Quellenkritik" (S. 181-323) scheint es H. hauptsächlich um die Umrechnung der in den unterschiedlichen Quellen (in erster Linie Heberegistern) vorkommenden Maßangaben zu gehen. Im letzten Teil (S. 324-439) wird die Problematik elektronischer Karteien ziemlich ausführlich erörtert und anhand eines dBase-III+-Programms dargestellt. Die Anwendung eines relationellen Datenbanksystems trotz der bekannten prinzipiellen Einwände, die Thaller, Kropac und andere gegen die Brauchbarkeit des relationellen Modells in der Auswertung historischer Quellen erhoben haben, wird aufgrund der Homogeneität der vorliegenden Daten gerechtfertigt. Die Diss. exemplifiziert leider am ehesten das sehr kurze Leben von Computerprogrammen und Computerwissen: die (selbstverständlich computererstellte) Typographie ist häßlich und war schon 1991 hoffnungslos veraltet; die im Anhang gedruckten 60 Seiten dBase-III+-Programm sind ein Museumsstück.

    T. R.


  103. Christoph Haidacher, Grund und Boden: eine tragende Säule meinhardinischer Finanzpolitik illustriert am Beispiel zweier Urbare von Schloß Tirol, Tiroler Heimat 59 (1995) S. 45-54, beschreibt und analysiert die in Innsbruck und Bozen liegenden Hss. von ca. 1285/88 bzw. ca. 1295, ihr Verhältnis zueinander und das zum etwa zeitgleichen Haupturbar Meinhards II. von Tirol, an dem teilweise dieselben Hände arbeiteten.

    Herwig Weigl


  104. Julia Hörmann, Das älteste Tiroler Lehenbuch, Tiroler Heimat 59 (1995) S. 67-100, beschreibt das 1336 nach dem Tod des Landesfürsten Heinrich von Görz-Tirol, Königs von Böhmen, angelegte Lehenbuch (Hs. 18 des Tiroler Landesarchivs) kodikologisch und charakterisiert prägnant die Art und das Zustandekommen der Eintragungen, die genannten Lehensträger und -objekte.

    Herwig Weigl


  105. Klaus van Eickels, Die Verzeichnisse der Wachszinsigen des Stiftes Xanten im 15. Jahrhundert, Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 197 (1994) S. 93-108, ergänzt die Edition, die er zusammen mit Friedrich Wilhelm Oediger vorgelegt hat (vgl. DA 48, 699), durch Auswertungshinweise.

    E.-D. H.


  106. Jaroslav _echura, Urbá_ kláštera Strahov z roku 1410 [mit Zusammenfassung: Strahov Monastery Land and Duties Register from the year 1410], in: Bibliotheca Strahoviensis 1 (1995) S. 25-44. - In Anknüpfung an das früher unter dem Titel Strahovská knihovna publizierte Jb. nimmt das wiedererrichtete Prämonstratenserstift seine wissenschaftliche Tätigkeit wieder auf. Der einzige ma. Beitrag analysiert das großangelegte Urbar des Stiftes und kommt zu dem Schluß, daß trotz großem Bodenbesitz kein zusammenhängender Großgrundbesitz entstand. Das Umgekehrte war der Fall: das meiste wurde verpachtet. Dennoch waren die Einnahmen beträchtlich, so daß das Stift in der vorhussitischen Zeit überhaupt nicht verschuldet war.

    Ivan Hlavácek


  107. Zoia V. Dmitrieva, Kataster (Piscovye knigi) des russischen Reiches vom Ende des 15. bis ins 17. Jahrhundert. Gegenwärtige Forschungsprobleme und Forschungsmethoden, AfD 40 (1994) S. 171-203, stellt eine "unersetzbare Quelle für die Erforschung der russischen Vergangenheit" vor. Es handelt sich um Landesbeschreibungen, die im staatlichen Auftrag zur Erfassung des gesamten Grundbesitzes und zur Einführung eines einheitlichen Steuersystems ("Socha") erstellt wurden. Erste Nachrichten darüber stammen aus dem 13. Jh., die umfangreiche Serie der Landesbeschreibungen setzt in der zweiten Hälfte des 15. Jh. ein.

    A. G.


  108. Donald A. Bullough, Reminiscence and Reality. Text, Translation and Testimony of an Alcuin Letter, The Journal of Medieval Latin 5 (1995) S. 174-201, widmet Alkuins Brief 172 an Karl den Großen (MGH Epp. 4 S. 284 f.) eine fundiert interpretierende Untersuchung, die insbesondere der Frage nach dem historischen Hintergrund der von Alkuin kurz skizzierten disputatio zwischen Petrus von Pisa und dem Juden Iulius/Lullus und dem möglichen literarischen Niederschlag der scripta controversia in einem (von Hieronymus abhängigen) Daniel-Kommentar (Migne PL 96 Sp. 1347-62) nachgeht.

    Peter Dinter


  109. Elmar Hochholzer, Ein Fragment von Ciceros Atticusbriefen aus ottonischer Zeit im Diözesanarchiv Würzburg, Würzburger Diözesangeschichtsblätter 57 (1995) S. 9-32, 12 Abb. - Das in Würzburg ca. 1000 geschriebene Fragment stammt aus demselben Codex wie die beiden Stücke Clm 29220/8 und Würzburg UB, M. p. misc. f. 21.

    Hartmut Hoffmann


  110. Stefan Beulertz, Gregor VII. als "Publizist". Zur Wirkung des Schreibens Reg. VIII, 21, AHP 32 (1994) S. 7-29, skizziert Inhalt, Überlieferung und Verbreitung des berühmten Schreibens an Bischof Hermann von Metz vom März 1081, mit dem Gregor VII. seine Anschauungen vom königlichen Amt und sein Recht, Könige und Kaiser abzusetzen, zu exkommunizieren und die Untertanen vom Treueid zu lösen, begründen wollte. Die Wirkung des Schreibens war ganz unterschiedlich. Während die Anhänger Gregors VII. das Schreiben lediglich als zusätzliche Information zu ihren eigenen Quellensammlungen verwendeten, fand bei den Heinricianern teilweise eine grundsätzliche Auseinandersetzung sowohl mit den in dem Brief bemühten historischen Beispielen als auch mit den theoretischen Äußerungen Gregors VII. zur Stellung des Königtums in der Welt statt, die auch nach dem Tod Gregors VII. (1085) noch Jahrzehnte anhielt.

    D. J.


  111. Michele Feo, Il cavallo perfetto. Una lettera faceta di età sveva, Invigilata lucernis. Rivista del Dipartimento di Studi Classici e Cristiani, Università di Bari 15-16 (1993-94) S. 99-145, veröffentlicht aus drei Briefsammlungen des 13. Jh. das Schreiben eines Bischofs an einen Abt, in welchem der Absender um die Zusendung eines guten Pferdes ersucht, dessen ideale Eigenschaften er ausführlich darlegt. Den wohl scherzhaft gemeinten Text hat vermutlich Terrisius von Atina, Literat am Hofe Friedrichs II., verfaßt. Auf jeden Fall zeugt auch dieser Brief von den erstaunlichen Kenntnissen, die man in Süditalien um 1250, als der Calabrese Jordanus Ruffus seine berühmte Hippiatrik schrieb, von Körperbau und Verhalten des Pferdes besaß.

    H. M. S.


  112. Iohannis Bonandree Brevis introductio ad dictamen, a cura di Silvana Arcuti (Università di studi di Lecce. Dipartimento di Scienze Storiche e Sociali. Serie seconda. Saggi e Ricerche 6) Galatina (LE) 1993, Congedo Editore, XXXI u. 71 S., ISBN 88-7786-585-7. - Johannes de Bonandrea aus Bologna, zunächst Notar, als Ghibelline lange im Veroneser Exil, dann ab 1292 bis zu seinem Tode 1321 Lehrer der Rhetorik an der Universität und der Kanzlei seiner Heimatstadt, schrieb um 1300 eine Einführung in die Ars dictandi, die in Italien über ein Jahrhundert lang ein geschätztes Lehrbuch blieb. Johannes behandelt, auch mit Musterbriefen und Merkversen, die fünf Teile des Briefes, den Cursus und grammatisch-stilistische Fragen. Die Hg. ediert den Text nach den bisher bekanntgewordenen 15 Hss., verzeichnet inhaltliche Parallelen, die von Cicero und dem Auctor ad Herennium bis zu den Autoren des 13. Jh. wie Bene Florentinus, Guido Faba und Thomas von Capua reichen, und gibt einen ausführlichen Index der Eigennamen und Wörter bei.

    H. M. S.


  113. Martin Heinzelmann, Gregor von Tours (538-594). "Zehn Bücher Geschichte": Historiographie und Geschichtskonzept im 6. Jahrhundert, Darmstadt 1994, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, X u. 275 S., ISBN 3-534-08348-2, DEM 69. - Die Fülle der Literatur über Gregor von Tours in einem kritischen Forschungsbericht zu sichten, ist zweifellos ein nützliches Unterfangen; H. nahm sich dieser Aufgabe für die Reihe "Erträge der Forschung" an - herauskam nach langen Jahren intensiver Beschäftigung mit Gregors Hauptwerk eine in der Tat aufregende Neuinterpretation der Historien. Es trifft sicher zu, daß man das Werk allzu oft unkritisch als "a storehouse of informations" (J. M. Wallace-Hadrill) benutzt und viel zu wenig die Gesamtkonzeption (vor allem auch die Bücher I und X) und die didaktischen Absichten des Autors beachtet hat; dennoch scheint mir H. s Feststellung "Gregor wurde benutzt, aber nicht verstanden oder gar verständlich gemacht" (S. 2) überzogen, zumal im Hinblick auf jüngere, von H. selbst als "Durchbruch in der Gregorforschung" gewertete Arbeiten (F. Thürlemann 1974 [vgl. DA 32, 255 f.], K. Mitchell 1983 und 1987, W. Goffart 1988 [vgl. DA 45, 647 f.]). H. geht aus von Gregors Biographie: im I. Teil sichtet er kritisch alle erreichbaren prosopographischen Zeugnisse zur Stammtafel des Autors. Im II. Teil untersucht er die Bücher V-X, in denen Gregor als Person auftritt, im Hinblick auf das Verhältnis von Autobiographie und Zeitgeschichte; das Ergebnis ist nicht "die vielleicht erhoffte neue Gregorbiographie" (S. 79), sondern der Nachweis eines konsequent durchgeführten Plans des Autors unter dem Leitthema beispielhafter Königsherrschaft, die sich am Verhältnis des jeweiligen Herrschers zu den Bischöfen erweist: in Buch V und VI der schlechte König Chilperich, in VII-IX der bonus rex Gunthram, in X die Vorzeichen für das Ende aller königlichen Geschichte. H. nimmt - im Gegensatz zu manchen ma. und neuzeitlichen Bearbeitern - Gregors Beschwörung im Schlußkapitel ernst, jene Bücher nicht "durch die Auswahl des einen oder das Übergehen des anderen Teils" umzuschreiben, sondern sie vielmehr "unversehrt und ungekürzt, wie sie von mir hinterlassen werden", zu bewahren (X, 31). So behandelt er im III. Teil "Gattung, Strukturelemente und Plan" des gesamten Werkes, wobei insbesondere die formalen Aufbauprinzipien Buch für Buch, ja Kapitel für Kapitel genauestens analysiert werden. Dabei zeigt sich die besondere Bedeutung der Prologe und des jeweiligen Anfangs, Mitte und Endes jedes Buches. Als ganz typisch für Gregor erweist H. an zahlreichen Beispielen die - in literarischen Werken ja durchaus übliche - typologische Exegese geschichtlicher Gegebenheiten. Mit dem Stilmittel der Antithese werden - nicht zufällig - ausgewählte Personen und Situationen gegenübergestellt. Insgesamt kommt H. zu dem Schluß, "daß der Turoner Bischof in gerader Verfolgung der von Augustin angesprochenen Prinzipien Geschichte verstanden und niedergeschrieben hat" (S. 135) und keineswegs unreflektiert und naiv ans Werk gegangen ist. Das letzte Kapitel behandelt Gregors ecclesia Dei als "Dreh- und Angelpunkt der historiographischen und sozialen Konzepte des Autors" (S. 180), wobei dem Begriff wieder ein doppeltes, typologisches Verständnis zugrunde liegt. Wenn man auch H. nicht in jedem Punkt zustimmen wird und ein - zumindest für den Rez. nicht zu leugnender - Aspekt, die Freude Gregors am farbigen Erzählen, zu kurz kommt, auf jeden Fall wird man nach der Lektüre des Buches die Historien mit anderen Augen lesen (vgl. auch die folgende Anzeige).

    Ulrich Nonn


  114. Adriaan H. B. Breukelaar, Historiography and Episcopal Authority in Sixth-Century Gaul. The Histories of Gregory of Tours interpreted in their historical context (Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte 57) Göttingen 1994, Vandenhoeck & Ruprecht, 391 S., ISBN 3-5235-55165-7, DEM 110. - An Literatur über Gregor von Tours herrscht nicht gerade Mangel (vgl. das Literaturverzeichnis S. 361-377); in Gregors 1400. Todesjahr (vgl. auch die vorige Anzeige) erschien die vorliegende, auf einer Amsterdamer Diss. beruhende umfangreiche Neuinterpretation der Historien mit dem Ziel, das Werk "as a literary artefact ... instrumental to the establishment of episcopal power in late antique Gaul" zu erweisen (S. 13). Im ersten Teil untersucht B. ausführlich die kontrovers diskutierte Entstehungsgeschichte der Historien (mit dem "wahrscheinlichen" Ergebnis der Aufzeichnung einzelner "stories" schon vor Erlangung der Bischofswürde 573, laufender Arbeit bis 591/92 und einer späten Schlußredaktion) und erörtert die Bestimmung des literarischen Genus (unterschiedliche Titel in der hsl. Überlieferung und bei modernen Editoren; Gregors eigenes Verständnis seiner gesamten historiographischen wie hagiographischen Schriften als historia). Der zweite Teil folgt einem neuen methodischen Ansatz: Ausgehend von der Überzeugung: "the production of the Histories was governed by rhetorical art" (S. 138), analysiert B. den Text nach den Regeln der klassischen Rhetorik. Im ersten Schritt - Inventio - behandelt er die Auswahl des Stoffes unter den Aspekten "Time - Place - Person, Fact and Cause"; u. a. untersucht er sämtliche bei Gregor begegnenden Arten der Zeitbestimmung und seine Berechnungen der Weltdauer, die geographischen Horizonte (Clermont - Tours, städtische Prägung, gallische Identität), die vorrangigen Personengruppen (Könige und Bischöfe, Heilige, Gott und Teufel) und den zentralen Inhalt "bliss and disaster", abhängig von der credulitas pura. Im zweiten Schritt - Dispositio - geht es um die Komposition des Werkes: Einteilung und Struktur der Bücher und Kapitel mit einer deutlichen Zäsur zwischen viertem und fünftem Buch (nützliches Schema S. 295), Verbindung von chronologischem Prinzip (ordo naturalis) und freiem Arrangement von thematischen Gruppen (ordo artificialis), antithetische Struktur. Unter Elocutio schließlich beschreibt B. Gregors Sprachstil und diskutiert die immer wieder erörterten Selbstaussagen über den sermo rusticus, die er eindeutig als Topos ansieht. Gregor hielt sich nicht wirklich für ungebildet, aber für sein zentrales Thema - die einfache Botschaft vom Heil - sollte die Sprache einfach und für alle verständlich sein, gemäß guter christlicher Tradition: "wrong language is not a sin, but wrong life is" (S. 331). B.s eindringliche Untersuchungen, ergänzt durch einige Beleg-Listen und Übersichten im Anhang, zeugen von ungeheurem Fleiß; kein Wort, kein Begriff, kein Name aus den Historien dürfte unerörtert geblieben sein. Die gewählte Methode der rhetorischen Textanalyse erbringt durchaus zahlreiche neue Einsichten in Gregors Arbeitsweise; allerdings neigt B. zu allzu weitschweifiger Darstellung mit zahlreichen Wiederholungen und Redundanzen. So legt man das gewichtige Buch zwar reich belehrt, aber auch stark ermüdet aus der Hand.

    Ulrich Nonn


  115. Philip Daileader, One Will, One Voice, and Equal Love: Papal Elections and the Liber Pontificalis in the Early Middle Ages, AHP 31 (1993) S. 11-31, befaßt sich mit den Berichten des Liber Pontificalis über die Papstwahlen von Gregor III. (731-742) bis Hadrian II. (867-872), die bis zur Vita Gregors III. nur ein uninteressantes Detail in den Papstbiographien darstellen, in den Lebensbeschreibungen des 8. und 9. Jh. aber teilweise erheblichen Raum beanspruchen. Die Erklärung liegt nach Meinung des Vf. in der Neuausrichtung der päpstlichen Politik, der allmählichen Lösung des Papsttums von Byzanz, der Hinwendung zu den Franken und der Begründung des Kirchenstaates. Mit der häufigen Betonung einer Papstwahl per inspirationem oder der Einstimmigkeit der Wahlgremien solle die Legitimität und Unabhängigkeit des Papsttums hervorgehoben werden.

    D. J.


  116. Janet Bately, The Anglo-Saxon Chronicle. Texts and textual relationships (Reading medieval studies 3) Reading 1991, Graduate Centre for Medieval Studies, University of Reading, 98 S., ISBN 0-7049-0449-7, GBP 7. - B. untersucht noch einmal die Textbeziehungen zwischen den fünf altenglischen Versionen der Chronik sowie den zwei älteren lateinischen Ableitungen (Asser, Aethelweard) und die jüngsten Diskussionen dieser Beziehungen. Nach B. bilden A und Aethelweard eine Familie, und die Hss. B-E und Asser eine zweite; die Annalen von St. Neot's seien nicht als Zeugnis einer sonst nicht erhaltenen Version zu betrachten. Bei aller Bewunderung für Gelehrsamkeit und Scharfsinn B.s kann der Rez. eine gewisse Irritation nicht verhehlen. Seit Jahrzehnten wird versucht, die Verhältnisse zwischen den Einzelüberlieferungen der Chronik mit den Mitteln der Textkritik zu klären: Das einzige sichere Ergebnis ist wohl, daß mit Gelehrsamkeit und Scharfsinn keine endgültige Sicherheit zu erreichen ist. Über den Inhalt der Chronik und das Weltbild der Chronisten wird aber kaum diskutiert, und wenn, dann nur im Sinne einer ziemlich grobgerasterten geographischen Einordnung einzelner Einträge ("northern material", usw.). Nun sind die erzählenden Quellen der angelsächsischen Zeit keineswegs so zahlreich, daß eine Analyse der Begriffe, des Wortschatzes und der Mentalitäten der verschiedenen Vf. überflüssig wäre. Für das 10. und 11. Jh. ist die Zurückhaltung der Spezialisten angesichts der Kompliziertheit der Überlieferungslage vielleicht verständlich, aber beim bis 891 reichenden "common stock", in dem die Textabweichungen der einzelnen Hss. nicht sehr erheblich sind, müßte man andere und interessantere Fragen stellen können als nur die nach dem Homoeoteleuton im Eintrag für das Jahr 885 bzw. nach Entstehung am Hofe Alfreds (oder eben nicht).

    T. R.


  117. Johannes Koder, Stere_tupa sth buzantin_ istor_a. O Lioutpr_ndoV Krem;nhV wV "istoriogr_foV" kai wV antike_meno thV istoriograf_aV [Stereotype in der byzantinischen Geschichte. Liutprand von Cremona als "Geschichtsschreiber" und als Gegenstand der Historiographie], in: To paicn_di me thn Istor_a. Ideologik_ stere_tupa kai upokeimenism_V sthn istoriograf_a [Das Spiel mit der Geschichte. Ideologische Stereotype und Objektivität in der Geschichtsschreibung], hg. von Phaidon Maligkudes (Biblioq_kh Slabik;n Melet;n 4) Thessalonike 1994, S. 29-53. - Der Vf. versucht zu zeigen, daß die Geschichtsforschung der letzten 20 Jahre an der "Objektivität" der Berichte Liutprands über zwei Gesandtschaftsreisen nach Konstantinopel (Antapodosis, Buch VI, über die Reise als Gesandter Berengars von Ivrea, 949-50; die Relatio über die Mission im Auftrag Ottos I., 968) in mancher Hinsicht zu Unrecht Kritik geübt hat. Von ihm geschilderte Details erweisen sich vielmehr, soweit sie an Parallelquellen überprüfbar sind, in der Regel als zutreffend. Die kritisierten Einseitigkeiten in der Färbung seiner Berichte beruhen hingegen vor allem auf zwei Voraussetzungen: 1. Liutprand war nicht Historiker, sondern Diplomat, und der jeweilige Charakter seiner Mission mußte sich daher auch auf seine Darstellung der Dinge auswirken. 2. Seine Sicht der byzantinischen Verhältnisse ist kaum von persönlichen, wohl aber von mentalitätsbedingten Vorurteilen bestimmt.

    Franz Tinnefeld


  118. Alheydis Plassmann, Der Wandel des normannischen Geschichtsbildes im 11. Jahrhundert. Eine Quellenstudie zu Dudo von St. Quentin und Wilhelm von Jumièges, HJb 115 (1995) S. 188-207, vergleicht die Darstellungen der drei ersten normannischen Herzöge (911-996) durch die beiden im Abstand von rund 60 Jahren schreibenden Historiker und analysiert die Abweichungen Wilhelms von seiner Vorlage vor allem im Hinblick auf den Wandel der Perspektive nach 1066.

    R. S.


  119. Filippo da Novara, Guerra di Federico II in Oriente (1223-1242). Introduzione, testo critico, traduzione e note a cura di Silvio Melani (Nuovo Medioevo 46) Napoli 1994, Liguori, VII u. 339 S., Abb., ISBN 88-207-2303-4, ITL 40.000. - Hier wird eine Neuedition mit italienischer Übersetzung der sogenannten Memoiren des Philipp von Novara vorgelegt, in denen dieser eine sehr antistaufisch gefärbte Darstellung des Kampfes zwischen Kaiser Friedrich II. und den Baronen des Königreichs Jerusalem gab, die für 1223 bis 1242 unsere Hauptquelle hierfür darstellt. Drei Editionen waren vorausgegangen, die alle auf einer Abschrift des 1882 aufgefundenen einzigen Manuskripts von 1343 durch einen Bergingenieur beruhten. Die Hs. von 1343 galt als verschollen und tauchte erst 1979 wieder auf als Ms. Varia 433 der Biblioteca Reale in Turin, wohin sie über die Bibliothek des Königs Viktor Emanuel III. kam. Erstmals wird jetzt diese Hs. ediert, so daß M.s Ausgabe künftig die allein zu zitierende ist, die auch mit großer Umsicht gemacht zu sein scheint.

    H. E. M.


  120. Anna Maria Cesari, Chronica de origine civitatis Florentie, Atti e Memorie dell' Accademia Toscana di Scienze e Lettere La Colombaria 58 (1993) S. 185-253, ediert (S. 240-253) erstmals kritisch, mit ausführlicher Kommentierung und Handschriftenbeschreibung aus Magliabechianus II, II, 67 der Florentiner Biblioteca Nazionale und Pluteus XXIX, 8 der Laurenziana eine anonyme lateinische Chronik des 13. Jh., die älteres Material und legendenhafte Erzählungen verarbeitet. Sie ist eine der Quellen der Chroniken des Dino Compagni und des Giovanni Villani und Vorlage etwa zeitgleicher italienisch-sprachiger Bearbeitungen (vgl. Rep. font. III, 400: Chronica de origine civitatis). Eine ebenfalls lateinische Version, die jedoch in vielem sehr abweicht, bietet Vat. lat. 5381: Chronica de quibusdam gestis.

    M. P.


  121. Andrea Rapp, Das Düsseldorfer Fragment von Gottfried Hagens `Reimchronik der Stadt Köln' im Rahmen von überlieferungsgeschichtlichen Fragestellungen und Vorüberlegungen zu einer Neuausgabe, Rheinische Vierteljahrsblätter 59 (1995) S. 1-30: Das Fragment umfaßt 125 Verse der ältesten gereimten deutschsprachigen Stadtchronik, die um 1270 beendet wurde. Paläographisch setzt die Vf. das Fragment an das Ende des ersten Viertels des 14. Jh. Eine Analyse von Konsonantismus und Vokalismus bestätigt diese Datierung. Das Fragment ist damit der älteste Textzeuge der Chronik, S. 22 ff. ist es zusammen mit der Parallelüberlieferung abgedruckt.

    E.-D. H.


  122. Winfried Stelzer, Die verschollene Trauttmannsdorfer Handschrift des Anonymus Leobiensis: cvp. 3445, 8221 und ihre Kontamination in den `Commentarii' Anton Steyerers (1725), Unsere Heimat 66 (1995) S. 189-199, vereinfacht das Stemma der steirischen Bearbeitung des Liber certarum historiarum Johanns von Viktring, indem er das Verhältnis der genannten Hss. klärt und eine bisher postulierte weitere Überlieferung als fiktiv erweisen kann.

    Herwig Weigl


  123. The Anonimalle chronicle 1307 to 1334. From Brotherton Collection MS 29, edited by Wendy R. Childs and John Taylor (Yorkshire Archaeological Society Records 147) Leeds 1991, Yorkshire Archaeological Society, XII u. 185 S., ISBN 0-902122-59-2, GBP 12. - Aus der im Titel genannten Hs. in Leeds hatte V. H. Galbraith schon 1927 zwei Chroniken für die Jahre 1333-1369 bzw. 1369-1381 veröffentlicht. Taylor und Childs bringen nun den Abschnitt über die Regierungszeit Eduards II. und die ersten Jahre Eduards III. Es handelt sich um eine erweiterte Form der kurzen Fortsetzung der Kurzfassung der Brut-Kompilation, die, obwohl in mehreren Hss. erhalten (vgl. die provisorische Liste S. 74-75), bisher unediert war. Die Hg. bieten hier einen quasi-diplomatischen Text der einen Überlieferung: pro Hs.-Seite eine Seite (mittelfranzösischen bzw. anglo-normannischen) Text und eine Seite Übersetzung. Statt eines Sachkommentars schildern sie in der Einleitung (S. 25-61) die Ereignisse sowie die Stellung des anonymen Verfassers dazu und den Quellenwert seiner Chronik für die Politik Eduards II. und seiner Gegner und für den anglo-schottischen Krieg des Jahres 1333.

    T. R.


  124. Steven Justice, Writing and rebellion. England in 1381 (The New Historicism. Studies in cultural poetics 27) Berkeley 1994, University of California Press, XIV u. 28 S., ISBN 0-520-08325-3, USD 40. - Die Chronisten Walsingham und Knighton inserierten in ihren Berichten über den großen Bauernaufstand sechs angebliche Briefe - eigentlich Flugblätter - von John Ball, die J. ausführlich als Zeugnisse bäuerlicher Vorstellungswelt kommentiert. Er beklagt, daß Adel, Kirchenführer und Chronisten die Bauernbewegung vorurteilsvoll lediglich als reine Anarchie und Rache verstanden haben, und versucht, das Verhältnis der "Briefe" zu Wyclif und Piers Plowman zu erklären. Einige Annahmen sind überraschend, aber insgesamt ist das Buch überzeugend (bes. Kapitel 4 "The idiom of rural politics").

    Malcolm Lambert


  125. Giuseppe Benedetto, Sulla faziosità del cronista Giovanni Sercambi: Analisi di tre capitoli delle «Croniche», Bollettino Storico Pisano 63 (1994) S. 85-114, zeigt an Hand ausgewählter Kapitel und im Vergleich mit Parallelquellen, daß der Luccheser Chronist († 1424), der während der Signorie der Guinigi in Lucca hohe politische Ämter bekleidete, in erster Linie als Parteigänger dieses Hauses schrieb. Vgl. zu dem von S. Bongi, Fonti per la storia d'Italia 19-21, 1892, hg. Werk auch die einschlägigen Beiträge im "Catalogo della Mostra Giovanni Sercambi", Lucca 1991.

    M. P.


  126. Birgit Studt, Neue Zeitungen und politische Propaganda. Die `Speyerer Chronik' als Spiegel des Nachrichtenwesens im 15. Jahrhundert, ZGORh 143 (1995) S. 145-219, stellt eine zeitgenössische Dokumentensammlung vor. Die aufgenommenen Stücke spiegeln u. a. eine intensive Propagandatätigkeit vor allem des kurpfälzischen Hofes und zeigen generell die zunehmende Bedeutung sekundärer, durch die Empfänger veranlaßter Überlieferung von (amtlichem) Schrifttum. Wichtig ist die ausführliche Typologie des in die Chronik aufgenommenen Schriftguts mit zahlreichen Hinweisen auf parallele bzw. vergleichbare Überlieferungen (S. 193 ff.).

    E.-D. H.


  127. Jean Dufournet, Philippe de Commynes. Un historien à l'aube des temps modernes. Préface d'André Joris (Bibliothèque du Moyen Age 4) Brüssel 1994, De Boeck Wesmael s. a., 318 S., ISBN 2-8041-1956-4, ISSN 0779-4649, BEF 1750, FRF 320. - Der verdiente Commynes-Forscher widmet sich im ersten Hauptabschnitt ("Un écrivain carrefour") dem Autor, charakterisiert ihn als "inventeur d'un nouveau genre historique" (S. 32) und setzt sich ausführlich mit einigen neueren Thesen auseinander. Im zweiten Teil ("Commynes et les Européens") werden die Aussagen Commynes' zu Italien, England und Spanien behandelt, wobei er offensichtlich von ersterem am meisten und von letzterem am wenigsten wußte. Die Memoiren Commynes' werden zwar weidlich zitiert, aber was man vermißt, ist eine vergleichende Synthese. Der dritte Teil ist - ohne erschöpfend sein zu wollen - der "Rezeption" bzw. den "premiers lecteurs" gewidmet, denn dem Werk war ein enormer Erfolg beschieden: Zwischen 1524 und 1552 sind mindestens 15 Ausgaben herausgekommen (S. 147). Schon Johannes Sleidanus († 1556) hat Commynes' Werk gekannt (S. 156 f.) und ihn als gleichzeitigen spectator et actor mit Caesar verglichen. Weiter hervorgehoben werden Ronsard, Montaigne und Brantôme, um nur einige zu nennen. Zwischen 1822 und 1833 (S. 193 ff.) haben sich Stendhal, Walter Scott (dazu S. 204 ff.), Philarète Chasles, Abel-François Villemain und Casimir Delavigne mit Commynes beschäftigt bzw. sich seiner bedient. Dem schließt sich - ziemlich unvermittelt - das Kapitel "Comment lire des Mémoires de Commynes?" an (S. 217 ff.), in dem der Bericht über die Zusammenkunft zwischen Ludwig IX. und Karl dem Kühnen in Péronne 1468 interpretiert und mit anderen Fürstentreffen in Beziehung gesetzt wird. Im übrigen erweise sich Commynes bei der Schilderung des Lütticher Aufstandes (1468) als Feind des Krieges, aber weniger seiner Grausamkeiten wegen, sondern "parce que le hazard y prédomine" (S. 246). - "Annexes" beschließen das Buch, das einen merkwürdig additiven Eindruck macht, zusammengehalten eher von Einband und Buchdeckeln als von einer in sich geschlossenen Darstellung. Die Bibliographie ist nützlich (auch die Hss. sind aufgeführt), ein Index fehlt.

    G. Sch.


  128. Klaus Flink, Der klevische Hof und seine Chronisten. Verwaltungsschriftgut als Quelle und Mittel der territorialen Geschichtsschreibung, Kleve 1994, Selbstverlag des Stadtarchivs Kleve, 48 S., mehrere Abb., ISBN 3-922412-15-7. - F. informiert in seiner aus einem Vortrag hervorgegangenen kleinen Studie zunächst knapp über die klevische Kanzlei und behandelt dann verschiedene spätma. und neuzeitliche "kanzleifeste" Chronisten und ihre Werke, klärt die Abhängigkeiten zwischen den einzelnen Opera und betont abschließend die Notwendigkeit einer kritischen Edition der klevischen Kanzleichronistik, die deren Bedeutung erst vollends deutlich machen würde.

    M. S.


  129. Klaus Arnold, Bilder und Texte. Stadtbeschreibung und Städtelob bei Hartmann Schedel, in: Acta Conventus Neo-Latini Hafniensis. Proceedings of the Eighth International Congress of Neo-Latin Studies, ed. by Ann Moss u. a., Birghampton 1994, Medieval and Renaissance Texts and Studies, keine ISBN, S. 121-133, weist darauf hin, daß der Ruhm der Weltchronik im Gegensatz steht zum Grad der wissenschaftlichen Erforschung, zeigt Desiderate wie die Erforschung von Konzeption und Textgestalt, die Frage nach den Quellen und Übersetzungen sowie der Rezeption auf und untersucht beispielhaft die Veduten und Texte zu Nürnberg und Lübeck.

    M. S.


  130. Heinrich Koller, Zur Bedeutung des Vokalspiels AEIOU, Österreich in Geschichte und Literatur 39 (1995) S. 162-170, stellt Überlegungen zur Anlage des sog. Notizbuchs Friedrichs III. an.

    Herwig Weigl


  131. Claudia Opitz, Hedwig Röckelein, Gabriela Signori, Guy P. Marchal (Hg.), Maria in der Welt. Marienverehrung im Kontext der Sozialgeschichte. 10.-18. Jahrhundert (Clio Lucernensis 2) Zürich 1993, Chronos Verlag, 340 S., Abb., ISBN 3-905311-12-7, CHF 44. - Über den Inhalt der in diesem Bd. vereinigten Aufsätze informieren mit weiteren Gesichtspunkten einleitend Claudia Opitz - Gabriela Signori, Metamorphosen einer Heiligen. Marienverehrung in sozial- und geschlechtergeschichtlicher Perspektive (S. 11-20). Besonders einschlägig für den Historiker ist die dritte Abteilung des Bandes "Maria im politischen Kampf" (S. 211-334), deren mediävistische Beiträge eigens vorgestellt seien: Klaus Schreiner, Nobilitas Mariae. Die edelgeborene Gottesmutter und ihre adeligen Verehrer: Soziale Prägungen und politische Funktionen mittelalterlicher Adelsfrömmigkeit (S. 213-242): Kontroversen mit dem Judentum führen zur nicht aus der Bibel belegbaren Behauptung der Herkunft Mariens aus dem Hause David. Adel und Königtum gehören jetzt zu den Wesensmerkmalen Mariens, was im Streit um den Adoptianismus festgeschrieben wurde. Wie sehr Marieninterpretationen in adelige Lebensformen integriert werden konnten, zeigt die Rolle Marias als Patronin für Teilnehmer an den (kirchlich verbotenen) Turnieren, wie sie überhaupt als Patronin des Deutschen Ordens und von Rittergesellschaften Hauptformen ritterlich-christlicher Lebensformen legitimiert. - Dominique Iogna-Prat, Politische Aspekte der Marienverehrung in Cluny um das Jahr 1000 (S. 243-251), hebt auf eine "politische Anthropologie" ab. Maria ist Vorbild für die zölibatären Mönche und die Königinnen und Kaiserinnen. - Gabriela Signori, "Totius ordinis nostri patrona et advocata": Maria als Haus- und Ordensheilige der Zisterzienser (S. 253-277), verweist auf die Zurückhaltung Bernhards von Clairvaux in Fragen der Marienverehrung. Bernhards Theologie und Spiritualität waren christozentrisch, erst im Umfeld seiner Heiligsprechung wurde er zum Mariendiener umstilisiert. Im ausgehenden 12. Jh. erscheint Maria als Heldin in Wunderbüchern der Zisterzienser (Himmerod, Eberbach, Heisterbach), sie legitimiert den Orden, der sich damals in einer Umbruchsphase befand; in Lebensbeschreibungen von Zisterziensern begegnet sie selten. - Hedwig Röckelein, Marienverehrung und Judenfeindlichkeit in Mittelalter und früher Neuzeit (S. 279-307), relativiert die Vorstellung, im späten MA zerstörte Synagogen seien überwiegend in Marienkirchen verwandelt worden. Die 16 belegten Fälle sind räumlich auf Bayern, Franken, Sachsen, Böhmen und Köln begrenzt. Das spiegelt den politischen Rückhalt der Vorgänge bei Karl IV., den Wittelsbachern und den jeweiligen Städten, für die Marienkirchen Autonomie symbolisierten. Die Typologie Christusgebärerin - Christusmörder bildet den Hintergrund für die Wahl des Patroziniums: die Marienkirchen sind Zeichen der Rache für das Unrecht, das die Juden Christus und (nicht zuletzt durch Verleumdungen) seiner Mutter zugefügt haben sollen. - Guy P. Marchal, Die "Metz zuo Neisidlen": Marien im politischen Kampf (S. 309-321): Der Alte Zürichkrieg hat sich mit einem "Kampf" marianischer Kultbilder verbunden. - Aus den weiteren Abteilungen des Sammelbandes seien noch erwähnt: Horst Wenzel, Die Verkündigung an Maria. Zur Visualisierung des Wortes in der Szene oder: Schriftgeschichte im Bild (S. 23-52), führt in die Themenkomplexe Schriftlichkeit, Text und Bild. - Sabine Schmolinsky, Imaginationen vorbildlicher Weiblichkeit. Zur Konstitution einer exemplarischen Biographie in mittelalterlichen lateinischen und deutschen Marienleben (S. 81-93). - Michael Stolz, Maria und die Artes liberales. Aspekte einer mittelalterlichen Zuordnung (S. 95-120): Das südliche Westportal der Kathedrale von Chartres und die Abbildung Mariens auf dem Rektoratssiegel der Prager Universität bilden die Pole der Untersuchung. - Klaus Arnold, Die Heilige Familie. Bilder und Verehrung der Heiligen Anna, Maria, Joseph und des Jesuskindes in Kunst, Literatur und Frömmigkeit um 1500 (S. 153-174), ordnet die Verehrung der hl. Anna in das spätma. Bruderschaftswesen und Familienbewußtsein ein, seine Beispiele wählt er vor allem aus Lübeck und Kitzingen.

    E.-D. H.


  132. Margarete Weidemann, Urkunde und Vita der hl. Bilhildis aus Mainz, Francia 21 (1994) S. 17-84: Die durch ihre mustergültige Ausgabe des Testamentes Bischof Berthramns von Le Mans ausgewiesene Vf. (vgl. DA 43, 611) ediert und analysiert minutiös sowohl die im 12. Jh. verfälschte Fundationsurkunde des Mainzer Altmünsterklosters, wobei sie die merowingerzeitlichen Teile gut von den wohl zur Abwehr von Ansprüchen des Erzbischofs falsifizierten Passagen scheiden kann, als auch die in 6 Hss. überlieferte Vita und erarbeitet den historischen Hintergrund. Ein Anhang mit den im 6./7. Jh. in Gallien gegründeten Frauenklöstern rundet den materialreichen Aufsatz ab.

    M. S.


  133. David Townsend, The Vita Sancti Edmundi of Henry of Avranches, The Journal of Medieval Latin 5 (1995) S. 95-118, stellt seine auf der Hs. Cambridge, University Library, MS Dd. XI. 78 basierende Edition der Vita Edmundi vor (BHL 2394). Die Neuausgabe des 300 elegische Distichen umfassenden Textes (sie ersetzt die ältere von 1907 durch Francis Hervey) wird eingeleitet mit einem Überblick über das hagiographische Werk Heinrichs von Avranches, mit dem sich der Vf. seit geraumer Zeit beschäftigt. Drei kürzlich veröffentlichten Viten (der britischen Heiligen Oswald, Birin und Fredemund) sollen zwei weitere (Thomas Becket und Guthlac) folgen.

    Peter Dinter


  134. Eugenio Susi, L'eremita cortese. San Galgano fra mito e storia nell'agiografia toscana del XII secolo (Biblioteca del Centro per il collegamento degli Studi Medievali e umanistici in Umbria 9) Spoleto 1993, Centro Italiano di Studi sull'alto Medioevo, XXVI u. 223 S., ISBN 88-7988-443-3, ITL 50.000. - Die diversen Viten und Legenden, die sich um den toskanischen Eremiten ranken, verschleiern eher das Bild der historischen Persönlichkeit, die in ihrer Zeit zu den regional bedeutendsten Vertretern gezählt wurde. So haben gleichermaßen Zisterzienser als auch Augustinereremiten den Hl. für sich beansprucht. S. kämpft sich durch die diffuse Überlieferungslage und ediert die Vita nach zwei Hss. des 14. und 15. Jh., die auf eine gemeinsame Quelle des frühen 13. Jh. zurückgehen. Bereits früher publizierte und kommentierte Ders., La «Vita Beati Galgani» del Codice Laurenziniano plut. sup. 48, Benedictina 39 (1992) S. 317-340, nach einer Abschrift des 15. Jh. eine weitere im 14. Jh. verfaßte Lebensbeschreibung. Die Bedeutung der Monographie liegt in der breiten Auswertung der biographischen Hinweise, die in den zeitgeschichtlichen Rahmen gestellt werden.

    C. L.


  135. Louis Carolus-Barré, Le procès de canonisation de saint Louis (1272-1279). Essai de reconstitution. Manuscrit préparé pour l'édition par Henri Platelle (Collection de l'École française de Rome 195) Roma 1994, École française de Rome, 326 S., ISBN 2-7283-0300-2, ITL 125.000. - Die Akten und Schriften, die für die Heiligsprechung Ludwigs in so großer Menge gesammelt worden waren, daß sie - nach den Worten Bonifaz' VIII. - ein Esel nicht hätte tragen können (vgl. S. 274), sind größtenteils nicht erhalten. Dennoch läßt sich eine Vielzahl von zeitgenössischen Zeugenaussagen und Dokumenten finden, die den ursprünglichen Texten entprechen oder zumindest nahekommen. Sie werden in diesem Buch in französischer Übersetzung präsentiert und kommentiert, mit biographischen Notizen über die Zeugen versehen und durch weitere zeitgenössische Aussagen über Ludwig den Heiligen ergänzt. Die lockere Folge von Anekdoten und Berichten über Taten und Wunder des schon zu Lebzeiten verehrten Königs vermag zwar eine Biographie nicht zu ersetzen, aber durchaus zu illustrieren und die Lektüre des Buches reizvoll werden zu lassen.

    Isolde Schröder


  136. Rudolf Marini, Die Verehrung der heiligen drei Jungfrauen Aubet, Cubet und Guerre in Meransen, Der Schlern 69 (1995) S. 569-599, bringt den lokalen Südtiroler Kult mit ähnlichen Erscheinungen (Straßburg, Limburg) in Verbindung.

    Josef Riedmann


  137. Michael Gorman, Wigbod and the Lectiones on the Hexateuch attributed to Bede in Paris Lat. 2342, Revue Bénédictine 105 (1995) S. 305-347, ediert die ersten drei Kapitel der Lectura in Hexateuchum aus der Pariser Hs. 2342 (12. Jh.), in der sie Beda zugeschrieben wird. Die übrigen zehn Hss. des Werkes, ebenfalls aus dem 12. Jh., weisen es überwiegend Ambrosius zu, auch zu Unrecht, denn es handelt sich um die Arbeit eines Anonymus aus der Zeit zwischen 650 und 750, die Wigbod für seinen Genesiskommentar Ende des 8. Jh. benutzte. Als Grund für die Inanspruchnahme Bedas in dem aus Le Bec stammenden Pariser Codex vermutet G. eine Vorliebe des Schreibers für den Angelsachsen.

    D. J.


  138. Paul Meyvaert, Bede's Capitula Lectionum for the Old and New Testaments, Revue Bénédictine 105 (1995) S. 348-380, nimmt für über 1400 Kapitelresümees, die in zumeist nordfranzösischen Hss. von Riesenbibeln des 12. Jh. überliefert werden, Beda als Autor in Anspruch. Die Vermutung gründet sich hauptsächlich auf stilistische Argumente und bedarf noch weiterer Absicherung.

    D. J.


  139. Anton von Euw, Das Aachener Evangeliar Kaiser Ottos III. im Licht seiner Privilegien und Eidesformeln, Geschichte im Bistum Aachen 2 (1994) S. 37-55, 4 Abb., behandelt die spätma. und frühneuzeitlichen Einträge in die kostbare Hs., die Einblick in die rechtliche Verfassung und liturgische Praxis des Aachener Marienstifts gewähren. Die daran geknüpften Überlegungen zum Aachener Königskanonikat seit Otto III. ignorieren freilich die Einwände der neueren Literatur (vgl. zuletzt DA 48, 625 ff.).

    R. S.


  140. Peter Wind, Die Entstehung des Vorauer Evangeliars in der Steiermark, Zs. des Historischen Vereins für Steiermark 86 (1995) S. 45-61, plädiert aufgrund paläographischer und kunsthistorischer Beobachtungen für eine Entstehung des Vorauer Cod. 346 und weiterer Hss. im Umkreis des dortigen Propstes Bernhard (1202).

    Herwig Weigl


  141. Histoire des livres liturgiques. Le Moyen Age. Des origines au XIIIe siècle, par Eric Palazzo, Préface de Pierre-Marie Gy, Paris 1993, Beauchesne Éditeur, 255 S., Abb., ISBN 2-7010-1280-5, FRF 180. - Der durch seine Studien zu den Fuldaer Sakramentaren hervorgetretene Vf. (vgl. S. 68) bereitet nach einem vorgeschalteten Forschungsbericht sein Material in drei Großabschnitten auf: die Bücher zur Meßliturgie (Sakramentare, Antiphonare bzw. Gradualien, Bücher mit den biblischen Leseabschnitten), zum Stundengebet (mit Psalterien, Antiphonaren zur Tagzeitenliturgie, Hymnaren usw.) und zu den weiteren Riten, wie sie gesammelt wurden in den Ordines Romani, den Ritualien, den Pontifikalbüchern usw. (inklusive eher kurzen Darlegungen zu den Consuetudines, Ordinarien, Prozessionaren und sonstigen Zeremonienbüchern). P. legt Wert auf gewisse Schwerpunkte in der Entwicklung: die karolingische und ottonische "Liturgievereinheitlichung", Innozenz III. und die Zeit nach dem 4. Laterankonzil und schließlich die parallel laufende Entwicklung "privater" Frömmigkeit. Der Vf. hat auf die Bedeutung der libelli als Keimzellen für die Gattung "Pontifikalbuch" schon andernorts zu Recht aufmerksam gemacht (vgl. DA 47, 647) und die traditionelle Fragestellung weitergeführt. So ergänzt dieser Überblick das Standardwerk von Vogel-Storey-Rasmussen (vgl. DA 44, 606) - nicht nur aus sprachlichen Gründen.

    H. S.


  142. G. G. Willis (†) with a memoir of G. G. Willis by Michael Moreton, A History of early Roman liturgy to the death of Pope Gregory the Great (Henry Bradshaw Society, Subsidia 1) London 1994, The Boydell Press, XV u. 168 S., ISBN 1-870252-06-3, GBP 25. - Die zu neuer Aktivität erwachte Henry Bradshaw Society präsentiert mit diesem ersten Bändchen einer Subsidia-Reihe den Abdruck nachgelassener Studien des 1982 verstorbenen Liturgikers (vgl. das Lebensbild aus der Feder von M. Moreton S. IX-XIV). Die Entwicklung der Eucharistie wird darin von vor-nizänischen Zeiten bis zu Gregor I. verfolgt, ab dem zumindest im Canon missae wesentliche Strukturen bis zum II. Vaticanum überdauerten. Weitere - kürzer gefaßte - Überlegungen gelten dem Kalender und Lektionar, den Initiations- (Taufe und confirmatio) sowie den Ordinationsriten - alles wohltuend klar dargeboten.

    H. S.


  143. Antoine Chavasse, La Liturgie de la Ville de Rome du Ve au VIIe siècle. Une Liturgie conditionnée par l'organisation de la vie in Urbe et extra muros (Studia Anselmiana 112 = Analecta liturgica 18) Roma 1993, Pontificio Ateneo S. Anselmo, 356 S., keine ISBN, ITL 65.000. - Sehr zu begrüßen ist die Veröffentlichung von 18 Aufsätzen des rühmlich bekannten Vf. aus den Jahren 1982 bis 1992 (davon vier zum ersten Mal) durch das Liturgische Institut der römischen Benediktineruniversität S. Anselmo in Rom als wertvoller Beitrag zur Geschichte der Liturgie in der Stadt Rom in Spätantike und Früh-MA. Hervorgehoben seien nur "Les grands cadres de la célébration à Rome `in Urbe' et `extra muros' jusqu'au VIIIe siècle" (S. 47-67). Fünf Indices erleichtern die Lektüre und Benutzung des gelehrten Buches.

    R. E.


  144. Andreas Odenthal, Zwei Formulare des Apologientyps der Messe vor dem Jahre 1000, Archiv für Liturgiewissenschaft 37 (1995) S. 25-44, veröffentlicht im Anschluß an seinen "Rheinischen Meßordo" aus Köln (vgl. DA 50, 685) zwei Vorstufen dazu: einen Meßordo des 10. Jh. (Köln, Dombibl., Cod. 137) und ein Ordo-Fragment des 9. Jh. (Köln, Dombibl., Cod. 88).

    H. S.


  145. Eric Palazzo, Les sacramentaires de Fulda. Études sur l'iconographie et la liturgie à l'époque ottonienne (Liturgiewissenschaftliche Quellen und Forschungen 77) Münster 1994, Aschendorff, XIX u. 260 S., 153 Abb., ISBN 3-402-04056-5, DEM 118. - In beeindruckender Methodenvielfalt (paläographisch, kodikologisch, ikonographisch, liturgiegeschichtlich und auch allgemein-historisch) untersucht diese überarbeitete Diss. von Paris X-Nanterre eine Gruppe von 5 Fuldaer Sakramentaren mit teils reichem Bildmaterial. Unter ihnen nimmt Göttingen, Univ. Bibl., Cod. theol. 231 eine herausragende Stellung ein (mit seinen gelasianischen und gregorianischen Teilen, seinen Votivmessen und Ordines "un sacramentaire d'une nature très particulière et atypique" [S. 136], und wahrscheinlich verfertigt auf der Grundlage eines aus Saint-Amand nach Fulda gebrachten Sacramentarium Gelasianum mixtum). P. weist den Fuldaer Sakramentaren - allen voran dem Göttinger Exemplar - eine politische Rolle zu: die Vereinheitlichung der Liturgie in Kloster und Presbyter-Kirche, wie ganz ähnlich das Pontificale Romano-Germanicum in der Absicht des ottonischen Herrscherhauses die bischöfliche Liturgie hätte vereinheitlichen sollen. Eine ausführliche Beschreibung der Codices, zahlreiche Abbildungen, ein Index der Personen- und Ortsnamen runden die überzeugende Arbeit ab.

    H. S.


  146. Gebetbuch Ottos III. Clm 30111. Hg. von der Kulturstiftung der Länder zusammen mit der Bayerischen Staatsbibliothek (Patrimonia 84) München 1995, Kulturstiftung der Länder, 87 S., Abb., keine ISBN, DEM 28. - Das Gebetbuch Ottos III., das der Schönbornschen Schloßbibliothek in Pommersfelden gehört hatte, wurde 1994 von der Bayerischen Staatsbibliothek in München erworben und 1995 dort in einer Ausstellung gezeigt. Die vorliegende, gut bebilderte Publikation entstand aus diesem Anlaß. Zur Einführung hat Knut Görich einen Essay über Otto III. beigesteuert (S. 11-25). Elisabeth Klemm datiert den in Mainz entstandenen Codex in die Jahre 984-991 und erörtert seine Beschaffenheit, Besitzgeschichte, Zweckbestimmung und kunsthistorische Einordnung (S. 39-87).

    Hartmut Hoffmann


  147. Lucy K. Pick, Signaculum caritatis et fortitudinis: Blessing the Crusader's Cross in France, Revue Bénédictine 105 (1995) S. 381-416, untersucht die französischen Ordines der Benedictio crucis für Kreuzfahrer. Die Vf. teilt ihre zahlreichen Codices in vier Kategorien ein, von denen die ältesten Vertreter Elemente des Pontificale Romano-Germanicum und des Pontificale Romanum des 12. Jh. aufnahmen, während die jüngeren Stücke des Pontifikales der römischen Kurie und des Pontifikales des Wilhelm Durandus d. Ä. (1293/95) kombinierten. In zwei Appendices werden die Quellenverhältnisse dargelegt und einige Kreuzesbenediktionen, deren Quellen nicht bestimmt werden können, ediert.

    D. J.


  148. Thomas Frank, Studien zu italienischen Memorialzeugnissen des XI. und XII. Jahrhunderts (Arbeiten zur Frühmittelalterforschung 21) Berlin 1991, Walter de Gruyter, XI u. 296 S., Tafeln, ISBN 3-11-012588-9, DEM 148. - Diese Monographie, zugleich eine Freiburger Diss. des Jahres 1989, behandelt sieben Memorialzeugnisse: das Diptychon von Trient, die Gebetsverbrüderung von S. Savino in Piacenza (deren Nameneinträge in einem Anhang, S. 188-276, ediert, lemmatisiert und registriert werden), die Libri Vitae von Salerno, Albaneta/Montecassino, Subiaco und Polirone, sowie das Obituarium von S. Spirito in Benevent. Wie jetzt in solchen Studien aus der Schule Karl Schmids und Joachim Wollaschs üblich geworden, werden Entstehungsgeschichte, soziales und geistiges Umfeld, kodikologischer Befund und Namensbestand der einzelnen Zeugnisse sorgfältig und detailliert untersucht. Merkwürdig vor allem ist die Entstehung sechs solcher Zeugnisse zu einer Zeit (1040-1100), in der andernorts der Liber Vitae im Begriff war, durch das Nekrolog abgelöst zu werden. In Italien, im Süden genauso wie im Norden, existierten offenbar beide Formen von Memorialaufzeichung nebeneinander. F. erklärt dies sehr plausibel als Auswirkung der Kirchenreformbewegung. Den kleineren, weniger bemittelten Laien, für die infolge der neuartigen Frömmigkeit der Reformzeit ein gesteigerter Bedarf an Memorialisierung entstanden war, boten diese Kirchen und Klöster die "weniger anspruchsvolle Form des summarischen Gedenkens" (S. 185) an.

    T. R.


  149. François Dolbeau, Par qui et dans quelles circonstances fut prononcé le Sermon 360 d'Augustin?, Revue Bénédictine 105 (1995) S. 293-307, weist aufgrund des bisher übersehenen Zeugnisses in einer Bücherliste des Klosters Pomposa vom Ende des 11. Jh. nach, daß der Sermo nicht von dem Kirchenvater stammt, sondern eine kurze Ansprache wiedergibt, die der Bischof Maximin von Siniti anläßlich seines Übertritts von den Donatisten zur katholischen Kirche wohl im Herbst 407 gehalten hat. Der Sermo ist auf breiterer Hss.-Basis erneut ediert.

    D. J.


  150. Keiko Suzuki, Zum Strukturproblem in den Visionsdarstellungen der Rupertsberger "Scivias"-Handschrift, Sacris Erudiri 35 (1995) S. 221-291, stellt ihren kunsthistorisch-theologischen Ausführungen eine Einleitung voran, in der sie die Frage, ob die (seit 1945 verlorene) Hs. 1 der Hessischen Landesbibl. Wiesbaden ein authentisches Werk Hildegards sei, nach dem neuesten Stand der Forschung positiv beantwortet und sich auch für Hildegards geistige Urheberschaft der Miniaturen ausspricht. Ihre kritische Haltung gegenüber der Kirchenpolitik Friedrich Barbarossas kommt in den Illustrationen zu Scivias III 12 deutlich zum Ausdruck, was auf deren Entstehung nach 1168 schließen läßt.

    Peter Dinter


  151. Paul Gerhard Schmidt, Von der Allgegenwart der Dämonen. Die Lebensängste des Zisterziensers Richalm von Schöntal, Literaturwissenschaftliches Jb. 36 (1995) S. 339-346, gibt einen inhaltlichen Einblick in den zur Edition bei den MGH vorbereiteten Text von Richalms Revelationes (um 1220) und hebt dabei die im Rahmen der hochma. Visionsliteratur ungewöhnlichen Merkmale hervor.

    R. S.


  152. Denise Nowakowski Baker, Julian of Norwich's Showings. From vision to book, Princeton 1994, Princeton University Press, XI u. 215 S., Abb., ISBN 0-691-03631-4, USD 29,95. - Analysiert wird das einzige Werk der als Anachoretin in einer Zelle bei der St. Julians-Kirche in Norwich lebenden, ersten namentlich bekannten englischen Autorin, die ihre am 13. Mai 1373 erlebten visionären Erfahrungen literarisch verarbeitete und in mittelenglischer Sprache niederschrieb. Von dem in sechs Hss. vorliegenden Werk "Offenbarungen göttlicher Liebe" wurden zwei unterschiedlich lange Versionen überliefert, die den Reifungsprozeß der Autorin von der Visionärin zur Theologin veranschaulichen, die nach eigener Aussage 15 Jahre brauchte, bis sie die Bedeutung ihrer Visionen des Leidens Christi selbst verstand. Bei ihrer Gegenüberstellung der beiden Textversionen fragt B. vor allem nach der Erziehung und Bildung sowie den spezifischen Bedingungen eines weiblichen, noch dazu in der Zurückgezogenheit einer Klause lebenden Autors und setzt sich mit Julianes Möglichkeiten zur Rezeption der spätma. Mystik in Text und Bild sowie der theologischen Diskussion der Zeit auseinander. Dabei kommt es ihr immer wieder darauf an, die Originalität der Autorin hervorzuheben, deren Werk sie auch in formaler Hinsicht als "a prose masterpiece of Ricardian literature" (S. 164), also der Zeit Geoffrey Chaucers, versteht. Zu dieser Sicht gelangt B., da sie im Unterschied etwa zu Nicholas Watson (The Composition of Julian of Norwich's Revelation of Love, Speculum 68, 1993, S. 637-683) an der frühen Datierung des Werkes festhält, dessen kürzere Version unmittelbar im Anschluß an die Visionen, also kurz nach 1373, entstanden sein soll, während der längere überlieferte Text 20 Jahre später folgte. Dadurch wird der Einfluß kontinentaler Frauenmystik, etwa Birgittas von Schweden oder Katharinas von Siena, die erst im Laufe der 1390er Jahre in England rezipiert wurden, auf Julianes Werk von vorneherein ausgeschlossen. Vor dem Hintergrund der unsicheren Datierung der Visionstexte scheint eine Untersuchung gerade dieser Frage jedoch ein Forschungsdesiderat, von dem man sich weitere Aufschlüsse auf das intellektuelle Umfeld Julianes erhoffen kann.

    Marlene Meyer-Gebel


  153. Heinz Schreckenberg, Die christlichen Adversus-Judaeos-Texte und ihr literarisches und historisches Umfeld (13.-20. Jh.) (Europäische Hochschulschriften, Reihe 23: Theologie 497) Frankfurt am Main u. a. 1994, Peter Lang, 774 S., ISBN 3-631-46763-X, DEM 178. - Im 3. Bd. seiner Darstellung (vgl. zuletzt DA 50, 686) behandelt der Vf. die maßgeblichen Zeugnisse der christlichen Judenkontroverse oder -polemik vom hohen MA bis zum Stuttgarter Religionsgespräch im Jahre 1933. Außerdem führt er auch "jüdische Stimmen" an, die sich zum Sachverhalt äußerten. Die einzelnen Stücke werden biographisch oder historisch eingeleitet. Ihr Inhalt erscheint teilweise in ursprachlicher oder deutscher Fassung als Zitat oder in zusammenfassenden Angaben. Abschließend folgt jeweils eine Bibliographie. Das Inhaltsverzeichnis ordnet die Texte Jh. für Jh. nach Sorten und Verfassergruppen. Diese Arbeit kann nicht nur als vorzügliches Hilfsmittel dienen, um sich in die Auseinandersetzung zwischen Christentum und Judentum einzuarbeiten oder in ihr zurechtzufinden. Dank der umfangreichen Inhaltsangaben zeichnet sie selbst deren Gang.

    Gerhard Rottenwöhrer


  154. Tia M. Kolbaka, Barlaam the Calabrian. Three Treatises on Papal Primacy: Introduction, Edition, and Translation, Revue des Études Byzantines 53 (1995) S. 41-115. - Barlaam von Seminara, Mönch eines orthodoxen Klosters in Kalabrien, kam ca. 1330 nach Konstantinopel und gewann das Vertrauen Kaiser Andronikos' III. In seinem Auftrag verhandelte er 1334 dort mit Gesandten der römischen Kirche und 1339 in Avignon mit der Kurie über Fragen der Kirchenunion. Um 1334 verfaßte er insgesamt 21 Kontroversschriften gegen den theologischen Standpunkt der "Lateiner", darunter drei gegen den päpstlichen Primat, die hier erstmals (nur der dritte lag bisher in PG 151 vor) ediert werden. Die Traktate verdienen im Rahmen der kirchlichen Unionsverhandlungen zwischen Byzanz und dem Papsttum im späten MA, die vornehmlich im Dienst politischer Interessen der Palaiologenkaiser standen, größte Aufmerksamkeit.

    Franz Tinnefeld


  155. Isidoro de Sevilla, Diferencias Libro 1. Introducción, Edición Crítica, Traducción y Notas por Carmen Codoñer (Auteurs Latins du Moyen Age) Paris 1992, Les Belles Lettres, 535 S., ISBN 2-251-33633-8, FRF 375. - Von Isidors Frühwerk, den Differentiae, erfreute sich das zweite Buch mit seinen Sacherklärungen im MA größerer Verbreitung als das hier edierte erste, das eine Synonymenliste darstellt. Die Hg. stellt nach eingehender Untersuchung der Überlieferung fest, daß weder die alphabetische Anordnung der Lemmata noch ein Teil der Lemmata selbst auf Isidor zurückzuführen sind, so daß sich gegenüber der bisher verfügbaren Edition (Arévalo, 1796, bei Migne PL 83) erhebliche Abweichungen ergeben. Eine Konkordanztabelle schlägt eine Brücke zur alten Edition, deren "überzählige" Lemmata anhangsweise abgedruckt werden. Ausführliche Anmerkungen zum Text weisen Quellen und Parallelen nach und erleichtern die Einordnung des wenig anspruchsvollen Textes.

    G. S.


  156. Walter Berschin, Eine griechisch-althochdeutsch-lateinische Windrose von Froumund von Tegernsee im Berlin-Krakauer Codex lat. 4o 939, in: Vetustatis amore et studio (Festschrift Kazimierz Liman), hg. von I. Lewandowski und A. Wójcika, Posen 1995, S. 23-30, 1 Abb., behandelt die in Froumunds Brief 45 (MGH Epp. sel. 3 S. 50) erwähnte, offenbar eigenhändige Zeichnung, die mit dreisprachiger Beschriftung und einer Sonderversion von Anthologia latina Nr. 484 verbunden ist. Zur Hs. sei auf H. Hoffmann, Buchkunst und Königtum im ottonischen und frühsalischen Reich, Textband (1986) S. 424 f. verwiesen.

    R. S.


  157. Christian-Paul Berger, Wie genau ist Oswald von Wolkensteins Neumond-Kalender? Eine Anleitung zur Benützung des computus ecclesiasticus in Klein 28 (in der Fassung nach Hs. A), Der Schlern 69 (1995) S. 11-35, weist mit Hilfe moderner Rechenmethoden nach, daß die entsprechenden Angaben beim spätma. Tiroler Dichter alles eher als präzise sind.

    Josef Riedmann


  158. Dieter Schaller, Studien zur lateinischen Dichtung des Frühmittelalters (Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters 11) Stuttgart 1995, Anton Hiersemann Verlag, XI u. 469 S., ISBN 3-7772-9516-7, DEM 290. - Der Bd. vereinigt im Nachdruck 17 zwischen 1960 und 1992 erschienene Arbeiten des kürzlich emeritierten Bonner Mittellateiners, die zumeist früher im DA angezeigt worden sind und ihren thematischen Schwerpunkt im literarischen Umfeld Karls des Großen haben. Dazu kommt als Originalbeitrag: Ein Oster-Canticum des Paulinus von Aquileja für Karl den Großen. Erstedition und Kommentar (S. 361-398, 2 Abb.), worin die von B. Bischoff in der Hs. Paris, Bibl. Nat. lat. 13027 entdeckte akzentrhythmische Dichtung von 54 Versen (Schaller/Könsgen, Initia Nr. 14112) kritisch ediert und hauptsächlich als Ergebnis einer eingehenden sprachlichen Kommentierung Paulinus als Autor zugewiesen wird. Dies führt auf eine Entstehung zum Osterfest 776 und ergibt den historisch beachtlichen Hinweis, daß Karl nach der Überwindung des Hrodgaud-Aufstandes in Italien mit Krone auftrat. Zu den 17 früheren Studien enthält der Bd. S. 399-431 detaillierte Nachträge; außerdem ist der gesamte Stoff durch ein Namen- und Sachregister, einen Index der zitierten Hss., ein Incipitarium der zitierten Dichtungen und ein Register der angeführten modernen Autoren gründlich erschlossen. Beigegeben ist schließlich ein Schriftenverzeichnis des Vf.

    R. S.


  159. Christine Ratkowitsch, Die Fresken im Palast Ludwigs des Frommen in Ingelheim (Ermold., Hlud. 4, 181 ff.): Realität oder poetische Fiktion?, Wiener Studien 107/108 (1994/95) S. 553-581, kommt nach einer gründlichen stilistischen Untersuchung der fraglichen Distichen (MGH Poetae 2 S. 63-66) zu dem Ergebnis, daß Ermold mit seinem Epos in erster Linie an die pietas und clementia des Kaisers appelliert und dadurch die Erlaubnis zur Rückkehr aus der Verbannung erhofft. In den Rahmen dieser elegischen Dichtung gehört als Stilmittel auch die Beschreibung der `Fresken' in der Ingelheimer Pfalz. Der Wandschmuck, den Kunsthistoriker unter Berufung auf Ermolds Text in stark differierenden Vorschlägen darzustellen versuchten, läßt sich auf der Textbasis nicht rekonstruieren.

    Peter Dinter


  160. Peter Dronke, Two Versions of an Insular Latin Lyrical Dispute, Filologia mediolatina 2 (1995) S. 109-125, hält an seiner Interpretation der DA 45, 607 angezeigten Dichtung über eine scheidungsunwillige Frau fest, zu der erst ein späterer "Remanieur" Petrus als Protagonist hinzuerfunden habe. Akzeptabel ist die Emendation von Giovanni Orlandi (Mailand, Università Statale), wonach statt Vellim oraris besser Vellim oraris zu lesen wäre.

    G. S.


  161. Marie-Luise Weber, Die Gedichte des Gottschalk von Orbais (Lateinische Sprache und Literatur des Mittelalters 27) Frankfurt am Main u. a. 1992, Peter Lang, 342 S., ISBN 3-631-44803-1, DEM 89. - Die Dichtungen Gottschalks sind über mehrere Bände der Poetae der MGH verstreut und in Einzelfällen in der maßgeblichen Fassung auch anderweitig gedruckt. Leider vergibt die vorliegende Edition (Phil. Diss. Freiburg i. Br. 1991) die wünschenswerte Möglichkeit, alle bekannten Verse an einer Stelle zu vereinigen: Für die Verse aus Poetae 4,934 ff. Quo ne tu missus doleas wird lediglich auf die 1988 erschienene Publikation durch F. Rädle verwiesen (vgl. DA 46, 179), und weggelassen sind auch die Einzelverse (Poetae 6,105 f.), die Gottschalk in seine theologischen und grammatischen Werke eingefügt hat. Die beigegebenen Erläuterungen der Vf. zu Leben, Lehre, Stil und Verstechnik Gottschalks spiegeln in verständlicher Vorsicht die Ungewißheit hinsichtlich der Einzelheiten wider (stilistisch gipfelnd in dem Ausdruck "vielleicht ist es auch unwahrscheinlich, daß ...", S. 30), enthalten aber auch Erwägenswertes ("Sollte Gottschalk wirklich ausgerechnet nach Fulda Heimweh gehabt haben?", S. 244). Die Änderungen am Text sind eher unbedeutend und ändern nicht das überkommene Bild der eigenwilligen Persönlichkeit. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit diesen Änderungen nebst einigen bibliographischen Ergänzungen findet sich in der Rezension des Werkes durch Francesco Stella (Studi Medievali 3a s. 33, 1992, S. 737-752).

    G. S.


  162. Nikolaus Staubach, Das Rätsel des Sedulius Scottus. Bemerkungen zu einer Neuausgabe seiner Carmina, Francia 21 (1994) S. 213-226, verbindet die Besprechung der Edition von Jean Meyers (vgl. DA 50, 691 f.) mit einem Forschungsüberblick.

    M. S.


  163. Walter Berschin, Die Tituli der Wandbilder von Reichenau-Oberzell St. Georg, Mittellateinischer Jb. 29 (1994/5) S. 3-17, verbessert (nach neuen Restaurierungsarbeiten) die Lesung der Poetae 4 S. 1116 gedruckten Verse.

    G. S.


  164. Walter Berschin - Johannes Staub, Die Taten des Abtes Witigowo von der Reichenau (985-992). Eine zeitgenössische Biographie von Purchart von der Reichenau (Reichenauer Texte und Bilder 3) Sigmaringen 1992, Jan Thorbecke Verlag, 65 S., zahlreiche Abb., ISBN 3-7995-4165-9, DEM 16, enthält eine hübsch bebilderte Zusammenfassung der einschlägigen Nachrichten sowie Text und Übersetzung der MGH Poetae 5 S. 260-279 edierten Dichtung mit ma. Lesezeichen an Stelle einer modernen Interpunktion.

    G. S.


  165. Charles Munier, Pour une relecture de l'Ecbasis captivi, Revue des sciences religieuses 69 (1995) S. 202-215. - Ders., L'Ecbasis captivi et la querelle des investitures, ebenda S. 463-480. - Die Ankündigung einer französischen Übersetzung des Gedichts (ed. K. Strecker, MGH SS rer. Germ., 1935) wird verbunden mit einer quellenkundlichen Erörterung, die ganz im Sinne der von H. Thomas begründeten Spätdatierung (vgl. DA 33, 631) ausfällt. Zu beachten sind die Hinweise auf die handschriftliche Umgebung des Textes in dem maßgeblichen Brüsseler Codex (aus Trier).

    R. S.


  166. Gunther, Ligurinus. Ein Lied auf den Kaiser Friedrich Barbarossa. Aus dem Lateinischen übersetzt und erläutert von Gerhard Streckenbach. Mit einer Einführung von Walter Berschin, Sigmaringendorf 1995, regio Verlag Glock und Lutz, 254 S., ISBN 3-8235-6240-1, DEM 98. - Nachdem die berühmte Dichtung bereits 1889 von Theodor Vulpinus (Renaud) in deutsche Hexameter übertragen worden war, liegt hier eine zweite Version im selben Versmaß vor. Dem 1992 verstorbenen Urheber, der zuvor bereits die Alexandreis Walters von Châtillon in ähnlicher Manier verdeutscht hatte, ist zweifellos größere Textnähe zu bescheinigen als dem Vorgänger, mit dessen Formulierungen er sich in nicht wenigen Fußnoten kritisch auseinandersetzt. Ob das Ergebnis ästhetisch befriedigt, wird stets Auffassungssache sein. In seiner kurzen Einführung gibt Berschin (S. 13 f.) dankenswerte Hinweise auf einige Druckfehler in der MGH-Ausgabe von E. Assmann (1987), doch sind ihm umgekehrt mancherlei Versehen in den historischen Erläuterungen der Fußnoten Streckenbachs entgangen.

    R. S.


  167. Christa Bertelsmeier-Kierst und Joachim Heinzle, Zur Datierung des "Lohengrin". Das Zeugnis der Koblenzer (Berliner) Fragmente Cf, ZfdA 122 (1993) S. 418-424. - Heinz Thomas, Paläographische Tücken: Zur Datierung des "Lohengrin", Zs. für deutsche Philologie 114 (1995) S. 110-116. - Im Streit darum, ob die Dichtung über den Schwanritter unter Rudolf von Habsburg oder um 1330 entstanden ist (vgl. DA 43, 256), suchen B.-K. und H. die Entscheidung zugunsten der Frühdatierung durch die schrift- und sprachgeschichtliche Bestimmung der ältesten Überlieferung als einer im letzten Viertel des 13. Jh. und im rheinfränkisch-hessischen Raum angefertigten Abschrift nach bairischer Vorlage herbeizuführen. Th. zieht die paläographische Beurteilungsbasis in begründeten Zweifel und möchte seinerseits im Gebrauch des Wortes guldin ein Indiz für die Spätdatierung sehen.

    R. S.


  168. Brigitte Weiske, Gesta Romanorum, Bd. 1: Untersuchungen zu Konzeption und Überlieferung; Bd. 2: Texte, Verzeichnisse (Fortuna vitrea 3, 4) Tübingen 1992, Max Niemeyer Verlag, VIII u. 215 S. bzw. V u. 189 S., ISBN 3-484-15503-5, zus. DEM 182. - Dieses umfangreiche Werk über die weitest verbreitete Exempelsammlung des MA werden diejenigen mit dem größten Gewinn lesen, die schon Kenner der Gesta Romanorum und ihrer Problematik sind. Wer sich erstmals damit vertraut machen möchte, wird hier einführende und zusammenfassende Kapitel vermissen, sich aber gewiß über die Regesten im Anhang von Bd. 1 (S. 199-215) freuen, die einen lebendigen Eindruck von Inhalt und Intention der Texte vermitteln. Um ihr Hauptziel zu erreichen, "in Einzeltexten das zugrundeliegende Deutungsschema aufzudecken, welches auf einen die Sammlung insgesamt bestimmenden Heilsplan weist" (Bd. 1, S. 3), sichtet die Vf. zunächst die überaus unfeste Überlieferung (leider bietet das Hss.-Verzeichnis in Bd. 2, S. 121-144 lediglich Signaturen mit Literaturverweisen), um aus frühen Textzeugen zumindest eine Leitlinie zum Ausgrenzen von "gesta-untypischen" Texten zu finden, in denen nämlich der jeweiligen Erzählung keine Auslegung im Sinne der frühscholastischen Bußlehre beigefügt ist. Dies geschieht einerseits durch die Auswertung z. T. schon recht betagter Sekundärliteratur. Andererseits werden diese Beobachtungen durch ausführliche Textbeispiele (Bd. 2, S. 1-117) aus zumeist noch nicht edierten Hss. und Frühdrucken belegt. Untersuchungen zur Beziehung der Gesta Romanorum zu anderen Exempelsammlungen bringen u. a. Hinweise zu ihrer Datierung ("Gerüst" vor 1284). Umfassende Untersuchungen zu ihrem Deutungssystem kennzeichnen die Gesta nicht als Predigtexempla, sondern als persönliche Erbauungslektüre. Für die bisher schon in der Forschung geäußerte Vermutung, deren Vf. könne ein Franziskaner gewesen sein, werden aus den Texten weitere Belege angeführt.

    Ulrich Montag


  169. Clelia Maria Piastra, La Poesia Mariologica dell'Umanesimo Latino. Repertorio e incipitario (Quaderni di Cultura Mediolatina 11) Spoleto 1994, Centro Italiano di studi sull'alto Medioevo, XL u. 261 S., ISBN 88-7988-600-2, ITL 55.000. - Nach einer kurzen thematischen Einleitung werden die Autoren dieser Dichtungen, worunter sich immerhin so berühmte Namen wie Jakob Wimpfeling, Ulrich von Hutten, Enea Silvio Piccolomini und Lorenzo Valla finden, in einem kurzen biographischen Abriß mit Hinweis auf (überwiegend ältere italienische oder in Italien erreichbare) Nachschlagewerke skizziert und der Druckort der editio princeps genannt. Ein Incipit-Verzeichnis und ein Namenregister schließen sich an.

    M. S.


  170. Walter Berschin, Lateinische Wörter, Wortformen und Junkturen in "Biographie und Epochenstil" T. 1-3, ALMA 52 (1994) S. 253-280, erschließt das Sprachmaterial seiner bislang drei Bde. umfassenden Geschichte der spätantiken und ma. Biographie (vgl. DA 44, 616 f. u. 50, 291): Aspekte der Lautung und Schreibung, der Morphologie, Rektion, Wortbildung und Semantik sowie "Formelgut". Von besonderem Interesse sind Wendungen, die von späteren Biographen aufgegriffen und damit zu "biographischen Dicta" werden (z. B. a deo doctus) sowie biographische Themen (gesta) und literarische Termini (sermo).

    Wolfgang Kirsch


  171. Ulrike Thies, Die volkssprachige Glossierung der Vita Martini des Sulpicius Severus (Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Studien zum Althochdeutschen 27) Göttingen 1994, Vandenhoeck & Ruprecht, 571 S., ISBN 3-525-20342-X, DEM 145, interpretiert und ediert in ihrer bei R. Schützeichel entstandenen Diss. über 670 althochdeutsche und altsächsische Einzelglossen aus 13 Hss. vom frühen 9. bis zum 13. Jh., wobei ein deutlicher Schwerpunkt in der zweiten Hälfte des 9. Jh. zu erkennen ist. Regional sind die Klöster St. Gallen und Tegernsee Zentren der Glossierung, und aus St. Gallen stammt auch der älteste Überlieferungszeuge: Leiden, UB Voss. lat. q. 69 (um 800).

    G. Sch.


  172. Francesco Vianello, Wer war Wacho? Namenglieder im Langobardischen Königshaus, Zs. für Geschichtswissenschaft 43 (1995) S. 389-403, 3 Tafeln, deutet den Namen des Königs (510/12-540/41) als Kontraktion einer (genealogisch erschlossenen) Vollform Waldchis und leitet daraus Gepflogenheiten der frühma. Namengebung überhaupt ab.

    R. S.


  173. Emanuele Bosio, Origine e significato del nome `valdese', Bollettino della società di studi valdesi 111 (1994) S. 3-33, sieht in den gar nicht seltenen frühma. Belegen von valdensis (und Nebenformen) im burgundischen Raum verbreitete Ortsbezeichnungen mit der Bedeutung "Bewohner der `vaude'", d.h. von Tälern oder auch Wäldern, und versucht dann vorsichtig, eine Bedeutungsbrücke zu schlagen zu der von katholischen Polemikern ab ca. 1200 gebrauchten Bezeichnung valdenses für die Anhänger häretischer Bewegungen (ungefähr im Sinne vom deutschen "Hinterwälder"). Ein sprachlicher Zusammenhang mit dem Begründer der "Armen von Lyon" ist eher unwahrscheinlich; sein wirklicher Name ist immer noch nicht sicher.

    G. S.


  174. Les tablettes à écrire de l'antiquité à l'époque moderne. Actes du colloque international du C.N.R.S., Paris, Institut de France, 10-11 octobre 1990, edité par Élisabeth Lalou (Bibliologia 12), Turnhout 1992, Brepols, 356 S., zahlreiche Abb., keine ISBN, BEF 2750. - Der Bd. gibt ein Kolloquium wieder, das von ungewöhnlich weit ausgreifender Thematik war. Beiträge zu Keilschrifttafeln werden abgelöst von der Betrachtung ägyptischer Schreibtafeln (ein Katalog aller griechischen Tafeln aus Ägypten ist von Patrice Cauderlier beigesteuert) bis hin zu Wachstafeln aus Südfrankreich, nach Ausweis der reichlichen Bebilderung durchwegs schwer zu entziffern. Es befällt den Leser daher eine nicht geringe Sorge, wenn er die zahlreich durch Lesefehler verunstalteten deutschen Buchtitel in Betracht zieht, wo "vergleinchende", "Inscriften", "Schfrit" (S. 109) vermutlich trotz gut lesbarer Vorlagen entstellt wurden. Hervorgehoben zu werden verdient Élisabeth Lalou, Inventaire des tablettes médiévales et présentation générale (S. 233-285), die einen nach Aufbewahrungsorten gegliederten Katalog aller ma. Wachstafeln (mit einem Anhang über neuzeitliche Tafeln) bietet. Schon deshalb, weil einige Komplexe in mehreren Beiträgen gestreift werden (Vindolanda-Gruppe: S. 170, 203-209), hätte man dem üppig ausgestatteten Bd. ein Register gewünscht.

    G. S.


  175. Paul Gerhard Schmidt, Probleme der Schreiber - der Schreiber als Problem (Sitzungsberichte der wissenschaftlichen Gesellschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main XXXI, Nr. 5) Stuttgart 1994, Franz Steiner, 18 S. (S. 175-186), ISBN 3-515-06512-1, DEM 22, bietet im Grunde eine Ehrenrettung ma. Schreiber, die von modernen Editoren oft als dumm und träge, des Lateins unkundig, ja als betrunken gescholten werden, obwohl es keine objektive Skala gibt, an der sich Intelligenz oder Dummheit eines Schreibers messen ließen, und von den Hg. in der Regel "auf die Erstellung einer Fehlertypologie ... selbst im Fall von Autographen oder vermeintlichen Autographen verzichtet (wird)" (S. 9 f. [177 f.]). Sch. unterscheidet in Anlehnung an eine Klassifizierung Bonaventuras vier Schreibertypen: den Scriptor, Kompilator, Kommentator und Auctor, denen er zwei weitere hinzufügt: den Redaktor und Mutator. Sie alle verbindet mit dem heutigen "Schreiber" der Satz: "Wo geschrieben wird, werden Fehler gemacht" (was auch und gerade für Autographa gilt, denn: "Ich kenne niemanden, der nicht ehrlich genug wäre einzuräumen, daß er in seinen alten Aufzeichnungen, in Vorlesungsnachschriften, Briefen oder Tagebüchern heute kaum verständliche Fehler gefunden hat" [S. 16 bzw. S. 184]).

    G. Sch.


  176. Schreibkunst. Mittelalterliche Buchmalerei aus dem Kloster Seeon. Katalog zur Ausstellung im Kloster Seeon, 18. Juni bis 3. Oktober 1994. Hg. von Josef Kirmeier, Alois Schütz und Evamaria Brockhoff, Augsburg 1994, Haus der Bayerischen Geschichte, 183 S., Abb., ISBN 3-927233-35-8. - Anläßlich der 1000. Wiederkehr der Klostergründung wurde ein Aspekt der ma. Bildungsgeschichte beleuchtet, der sonst in der Forschung eher ein Schattendasein fristet: ein Skriptorium bei der handwerklichen Arbeit. Alois Schütz, Das Kloster Seeon und sein Skriptorium (S. 15-110), diskutiert an einem konkreten Beispiel die kulturellen Wechselwirkungen zwischen Buchwerkstätten, die bereits nach den Beobachtungen von H. Hoffmann (Schriften der MGH 30, 1986) in handwerklicher bzw. künstlerischer Arbeitsteilung gipfelten. Nicht nur wurden Bücher als Vorlagen ausgeliehen, was allgemein bekannt ist, sondern auch Bilder aus fernen, befreundeten Werkstätten (z. B. der Reichenau) in die Schriften der eigenen Produktion im wahrsten Sinne des Wortes eingebunden oder fremde Buchmaler als Gäste beschäftigt. - Vera Trost, "Drei Finger schreiben, aber der ganze Körper arbeitet ...". Zur Buchherstellung im Mittelalter (S. 111-122), führt ihre erstmals bei der Palatina-Ausstellung 1986 präsentierten, handwerksgeschichtlichen Ausführungen fort (vgl. DA 44, 628). - Helmut Bansa, Handschriftenrestaurierung (S. 123-133), erklärt als Sachkenner technische Fachprobleme in anschaulicher Form.

    C. L.


  177. Monique-Cécile Garand, Guibert de Nogent et ses Secrétaires (Corpus Christianorum, Autographa Medii Aevi 2) Turnhout 1995, Brepols, 86 S., 16 Tafeln (2 davon farbig), ISBN 2-503-50450-7, BEF 2250. - Der hier vorgelegte Bd. verdient besonderes Interesse, weil es um die Frage geht: Gibt es Autographe Guiberts oder nicht? Während R. B. C. Huygens bei seiner Zusammenstellung der Guibert-Überlieferung (vgl. DA 49, 658 f.) noch den bereits früher von Garand publizierten Ergebnissen gefolgt war und die Codices Par. lat. 2500 als "l'original" (S. 15) der Moralia Geneseos, Par. lat. 2502 als "rédigé peu avant 1124, manuscrit dicté et corrigé sous la surveillance de l'auteur" (S. 66) und Par. lat. 2900 als Teilautograph angesehen und im übrigen Guibert noch "deux assistants" zugestanden hatte, lautete sein Urteil nach der Edition von Quo ordine sermo fieri debeat, De bucella Iudae data et de veritate dominici corporis und De sanctis et eorum pigneribus (CC Cont. med. 127, 1993) ganz anders: "Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind, l'autographe celui des codicologues" (S. 30). Keine der drei in den genannten Codices sich betätigenden Hände sei die Guiberts: "on ne connaît pas la main de Guibert. Les mains ... sont celles de secrétaires" (ebd., vgl. auch S. 19). Die Gründe lagen auf philologischem Gebiet, in Fehlern, Versehen und alternativen Lesarten, die nach Huygens unmöglich vom Autor selbst stammen konnten. Die Frage bleibt auch jetzt noch kontrovers: "La correspondance échangée à ce sujet entre M. Huygens et moi n'a pas modifié nos points de vues respectifs" (S. 8 Anm. 6). Garand scheidet die dritte Hand ganz klar von den beiden anderen und bleibt dabei: Dies ist die Hand Guiberts, der in De vita sua bezeugt hat, daß er selbst geschrieben hat: Opuscula enim mea ... dictando et scribendo, scribenda etiam pariter commutando, immutabiliter paginis inferebam (1, 17, vgl. S. 77). Und wenn man die Erklärung: "les dérangements constants auxquels le soumettait sa fonction, comme la lassitude mentale engendrée par l'effort physique d'écrire, ont pu donner lieu à bien des erreurs de la part d'un homme dont la santé n'était pas des plus vigoureuses" (S. 40) akzeptiert, dann hat man hier ein schönes Beispiel dafür, wie viele Fehler sich in einem Autograph befinden (dürfen) und welche Fehler ein Autor, der selber schreibt, auch macht. S. 41 ff. sind die Hss. ausführlich beschrieben, S. 65 ff. wird der Ductus von Guiberts Hand analysiert, der sich mit Fortschreiten seines Augenleidens offensichtlich verschlechterte (S. 70).

    G. Sch.


  178. Margarete Kottenhoff, Die Miniaturen des "Livre de la Cité des Dames" als historische Quellen, HJb 115 (1995) S. 335-361, 2 Abb., beobachtet in der hsl. Überlieferung des bekannten Werkes der Christine de Pizan (von 1404/05) erhebliche Unterschiede zwischen den unter den Augen der Autorin entstandenen Illustrationen und solchen in Exemplaren des späteren 15. Jh., die bereits eine fortschreitende Auflösung der noch sehr "mittelalterlichen" Vorstellungswelt Christines widerspiegeln.

    R. S.


  179. Wolfgang Oeser, Beobachtungen zur Strukturierung und Variantenbildung der Textura. Ein Beitrag zur Paläographie des Hoch- und Spätmittelalters, AfD 40 (1994) S. 359-439, will keine systematische, komplette Erfassung der vielfältigen Erscheinungsformen der Texturaschriften, sondern eine Orientierungshilfe zu deren strukturellem Aufbau und Variantenbildung bieten. Dazu beschreibt er "in wichtigen, augenfälligen Teilelementen" die Strukturierung dieser Schrift in ihrem historischen Ablauf und hält "die geographischen Komponenten dieser Strukturierung" fest.

    A. G.


  180. Wolfgang E. Milde, Die Wandlung des Codex durch den Leser oder der dritte Aspekt der Handschriftenkunde - ein Überblick, Gutenberg-Jahrbuch 1995, S. 27-36, nimmt sich in Fortschreibung eines Beitrages zur Festschrift für Wieland Schmidt 1988 der Frage an, wie der Gebrauch eines spätma. Codex aus den Spuren rekonstruiert werden kann, die Besitzer und Leser in ihm hinterlassen haben. M. untersucht dies exemplarisch am Evangeliar Heinrichs des Löwen und einer hussitischen Sammelhs. (Wolfenbüttel Cod. Guelf. 669 Helmst.), aber auch neuzeitlichen Beispielen. Er versteht die späteren Hinzufügungen als "Wandlung", etwa wenn ein gedrucktes Buch heute nur wegen seiner hsl. Marginalien gelesen wird und nicht wegen seines eigentlichen Textes. Seine Überlegungen bleiben freilich recht allgemein; die Frage der von fremder Hand überarbeiteten Autographen streift er nicht einmal. Dennoch dürfte M. s Ansatz dort von Bedeutung sein, wo wir aus der Hs. selbst nicht einmal mehr erkennen können, was Original und was spätere Zutat ist: als Aufforderung nämlich, in den Überlieferungsträgern grundsätzlich danach Ausschau zu halten, was an ihnen das Werk von Lesern ist, ehe man Textautor und erhaltene Hs. in allzu große Verbindung rückt.

    A. M.-R.


  181. Christian Settipani, Les origines maternelles du comte de Bourgogne Otte-Guillaume, Annales de Bourgogne 66 (1994) S. 5-63, sucht u. a. nachzuweisen, daß die Liudolfinger über eine Schwester König Heinrichs I. mit dem burgundischen Königshaus verschwägert waren.

    Rolf Große


  182. Hubert Emmerig, WELFVS DVX. Pfennige Herzog Welf II. (1101-1120) aus Regensburg, Jb. für Numismatik und Geldgeschichte 42/43 (1992/93) S. 147-154, 7 Abb., berichtet von zwei kürzlichen Funden, die in Verbindung mit älteren Erkenntnissen den Schluß nahelegen, daß das Regensburger Münzrecht der Salier, vermutlich um 1111, auf den Herzog überging.

    R. S.


  183. Die Inschriften der Stadt Braunschweig bis 1528, bearb. von Andrea Boockmann auf Grund einer 1945-1986 vorgenommenen Materialsammlung des Herrn Oberstudiendirektors i. R. Dr. Dietrich Mack, Braunschweig (Die Deutschen Inschriften 35: Göttinger Reihe 5) Wiesbaden 1993, Dr. Ludwig Reichert Verlag, LV u. 269 S., 53 Abb., ISBN 3-88226-513-2, DEM 118. - Die kontinuierlich fortgeführte Überlieferung seit 1740 ermöglichte eine weitestgehend vollständige Präsentation des inschriftlichen Materials trotz der verheerenden Verluste im Zweiten Weltkrieg, die besonders die Fachwerkbauten betrafen. Als Grenze für diesen ersten Braunschweiger Bd. wurde mit 1528 die Einführung der Reformation gewählt. Die Publikation, die 410 Nummern, davon 254 nur mehr abschriftlich, enthält, verdient nicht zuletzt Beachtung durch die beträchtliche Anzahl von Denkmälern, die aus dem Umkreis Heinrichs des Löwen stammen oder mit seinem Nachleben in Verbindung stehen, darunter die Inskriptionen auf Objekten des sogen. Welfenschatzes. Der norddeutschen Situation entsprechend entfällt mit 199 - davon noch 24 im Original enthalten - fast die Hälfte aller erfaßten Denkmäler auf Hausinschriften. Die ältesten Inschriften bis 1200 - das früheste Stück gehört in die Zeit nach 1038 - finden sich fast ausschließlich auf sakralen Goldschmiedearbeiten. Die Majuskeln auf einer Reliquienpyxis von 1188 (Abb. 18) bezeichnet die Vf. als "gotische Majuskel ... in vollendeten Formen". Bereits ab der Mitte des 14. Jh. herrscht die gotische Minuskel, insbesondere bei Bauinschriften, vor.

    Walter Koch


  184. Gunter G. Wolf, Die Wiener Reichskrone (Schriften des Kunsthistorischen Museums 1) Wien 1995, 205 S., 82 Abb., ISBN 3-900325-40-5, DEM 85. - Nachdem das Datierungspendel der "Wiener Reichskrone" im Zuge der großen Salierausstellung in Richtung 11. Jh. schwang (M. Schulze-Dörrlamm, vgl. dazu H. Wolfram, DA 49, 173 ff.), war irgendwie zu erwarten, daß diese Zuweisung nicht unwidersprochen bleiben würde. Der Rückschwung setzte mit der Arbeit von H. Fillitz ein (vgl. DA 51, 274) und bewegt sich mit der vorliegenden Monographie kraftvoll um fast 60 Jahre zurück in das 10. Jh. Neben den bisherigen Datierungsversuchen und damit der Zuweisung zu einem Herrscher zwischen Otto I. und Konrad III. ist auch der Herstellungsort jahrzehntelang Gegenstand wissenschaftlicher Debatten gewesen: Byzanz, Sizilien, Burgund, Lothringen, Mainz, Regensburg, Fulda und Reichenau wurden als Produktionsstätten diskutiert, zu denen nun noch St. Pantaleon in Köln hinzukommt. Das Hauptproblem der Auseinandersetzung mit der bedeutendsten Krone des Abendlandes ist das fehlende Vergleichsmaterial. Des Vf. großes Verdienst ist es daher, die Krone wieder in einen interdisziplinären Gesamtzusammenhang gerückt zu haben, der die stilistischen Argumente der Kunstgeschichte und Archäologie genauso erwägt wie eine genaue Analyse der geistigen Umwelt und der jeweiligen politischen Begebenheiten. So erscheint W.s Datierung zwischen 965/67 durchaus logisch, wenn man neben seinen anderen guten Argumenten bedenkt, daß jene Jahre ein Moment gesteigerter Auseinandersetzung mit dem Reich waren, das noch "legitimer" und alleinvertretender eine Rom-Idee vertrat als man selbst: Byzanz. Schon allein die oktogonale Form der Plattenkrone, der Zellenschmelz der Bildplatten, das Stirnjuwel des "Weisen" aus einem Edelopal und die Ösen der Schläfenplatten für die Pendilien machen die stilistische Anlehnung an Byzanz überdeutlich. So bettet sich nach dem Vf. die Krone mit ihrem Bildprogramm in eine Trias aus Ottos II. Mitkaiserkrönung Weihnachten 967, dem byzantinischen Heiratsprojekt und der Insignie selbst als imperialer Demonstration ein. Der Vf. kommt zu dem Schluß, daß die Krone für diesen Zweck 965 in der Umgebung des Erzbischofs Brun von Köln konzipiert worden war und auch vor Ort im Verlauf der nächsten anderthalb Jahre hergestellt wurde. Dies hat allerdings noch weitere Konsequenzen: Die stilistische Verwandtschaft der Krone mit Stücken aus dem "Mainzer Hort der Kaiserinnen" (Gisela? - Agnes?) läßt auch die Datierung des besonders wertvollen Schatzfundes in neuem Licht erscheinen (zuletzt M. Schulze-Dörrlamm, vgl. dazu DA 49, 175). In einem Exkurs wird vom Vf. dieser Kaiserinnenornat nun in seiner Entstehung der Krönung Theophanus 972 zugewiesen. Wie allerdings Maniakion, Lorum und die anderen Stücke in den konservierenden Mainzer Boden gelangt sein könnten, mutet sowohl bei Schulze-Dörlamm als auch hier wie ein phantasievolles Filmskript an: Noch vor wenigen Jahren sollte der Schatz Heinrich IV. zur Finanzierung seines dritten Romzuges 1090 gedient haben und deshalb an einen Mainzer Juden versetzt worden sein. Als Heinrich erst 1097 zurückkehrte, könnte der Pfandnehmer in der Zeit zuvor bei einem Pogrom getötet worden und das Versteck des Schatzes unbekannt geblieben sein. In vorliegender Arbeit ist nun der Schmuck schon 1024 aus politischen Gründen geraubt und vergraben worden, um durch die fehlenden Insignien eine Krönung Giselas zu verhindern. Welche Niedertracht! Abgesehen von diesen spekulativen Deutungen darf man gespannt sein, was die "Salierfraktion" zu den Datierungsvorschlägen der Krone und des "Mainzer Horts" sagen wird.

    Olaf B. Rader


  185. Mechthild Schulze-Dörrlamm, Das Reichsschwert. Ein Herrschaftszeichen des Saliers Heinrich IV. und des Welfen Otto IV., mit dem Exkurs: Der verschollene Gürtel Kaiser Ottos IV. (Publikationen zur Ausstellung "Die Salier und ihr Reich". Römisch-Germanisches Zentralmuseum Monographien 32) Sigmaringen 1995, Thorbecke, 126 S., zahlreiche Abb., ISBN 3-7995-0391-9, DEM 58. - Mit dem vorliegenden Bd. setzt die Autorin ihre Arbeiten über die Reichsinsignien (vgl. DA 49, 173-175) fort. Der Bd. ist wie seine Vorgänger hervorragend gearbeitet und enthält wunderschöne, eindrucksvolle und informative Bilder. Ebenso ist der Schwerpunkt der Arbeit der Autorin, die Neudatierung der behandelten Denkmäler, der gleiche geblieben. So nimmt sie als Anlaß für die Entstehung des Schwertes die Königskrönung Ottos IV. in Aachen 1198 an und versucht die bisherige Annahme zu widerlegen, das Schwert sei im 11. Jh. angefertigt worden. Allerdings weist sie die mit Goldblech umkleidete und reich verzierte Scheide des gegenwärtigen Reichsschwerts einem älteren Schwert des 11. Jh. zu. Auf dieser Hülle sind 14 Könige und Kaiser von Karl dem Großen bis Heinrich III. dargestellt, eine Identifikation, die ihr dadurch überzeugend gelingt, daß sie das Relief Nr. 6 Ludwig IV. dem Kind zuweist. Dieses Relief stellt einen bartlosen oder zumindest so gut wie bartlosen König dar, dessen Haupt zur Rechten die Initiale L und zur Linken die Inschrift REX ziert. Die Auflösung scheint dem Rezensenten richtig zu sein; weniger begrüßt er allerdings die Bezeichnung der 14 Herrscher als deutsche Könige und Kaiser. Es müßte sich doch auch in den Nachbarwissenschaften herumgesprochen haben, daß die Mediävistik heute nicht vor dem 11. Jh. von Deutschen und daher auch nicht von deutschen Königen und Kaisern spricht. In ihrem Element ist die Autorin dagegen, wenn sie aufgrund zahlreicher Hinweise zum Ergebnis kommt, die besprochene Schwertscheide sei anläßlich der Kaiserkrönung Heinrichs IV. 1084 in Rom oder in Italien angefertigt worden. In einem Exkurs widmet sich die Autorin der Datierung des heute verschollenen roten Seidengürtels, der zum "Schwert Karls des Großen", zum Zeremonienschwert, getragen worden sein soll (S. 90 ff.). Auch in diesem Fall schlägt sie eine neue Datierung vor; sie hält den Schwertgürtel nicht für ottonisch, sondern ebenfalls erst für Otto IV. angefertigt. Schließlich noch ein Hinweis: Die am unteren Rand des Schwertknaufes verlaufende Inschrift wird einmal als BENEDICTUS. DOminuS-DEuS. qVI. DOCET. MANV s (S. 25) wiedergegeben, während das andere Mal zwischen DEUS und QUI ein MEUS eingefügt wird (S. 116). Das Possessivpronomen ist Zutat der Autorin.

    Herwig Wolfram


  186. La Storia dell'Alto Medioevo italiano (VI - X secolo) alla luce dell'archeologia. Convegno Internazionale (Siena, 2-6 dicembre 1992), a cura di Riccardo Francovich e Ghislaine Noyé (Biblioteca di archeologia medievale 11) Firenze 1994, Edizioni All'Insegna del Giglio, 762 S., zahlreiche Abb., ISBN 88-7814-011-2, ITL 150.000. - Wenigstens hingewiesen sei auf den umfangreichen Sammelband des 1992 mit großer internationaler Beteiligung abgehaltenen archäologischen Kolloquiums in Siena, der sowohl Studien zu einzelnen italienischen Städten und Regionen umfaßt als auch zum Einfluß anderer Völker wie der Germanen und Byzantiner auf Kunst und Kultur. Eine eigene Abteilung gilt der Stadtentwicklung.

    M. S.


  187. 3. Politische und Kirchengeschichte des Mittelalters

  188. Geschichte der Konzilien. Vom Nicaenum bis zum Vaticanum II. Hg. von Giuseppe Alberigo, Düsseldorf 1993, Patmos Verlag, 482 S., ISBN 3-491-71105-3, DEM 89,80. - Der Bd. bietet eine Übersetzung der 1990 in Brescia erschienenen Storia dei Concili Ecumenici und beschäftigt sich, wie das Original im Titel angibt, nur mit den ökumenischen Konzilien. Fast die Hälfte des Buches ist den allgemeinen Kirchenversammlungen des MA gewidmet: Panayotis A. Yannopoulos behandelt die byzantinischen Konzilien vom zweiten Constantinopolitanum (553) bis zum zweiten Nicaenum (786/87) (S. 135-168), Lorenzo Perrone das vierte Konzil von Konstantinopel (869/70) (S. 169-196), und Alberto Melloni befaßt sich mit den sieben Papstkonzilien des MA vom Laterankonzil 1123 bis zum Konzil von Vienne (1311/12) (S. 197-231). Beiträge über die Reformkonzilien von Konstanz (1414-1418) und Basel (1431-1449) und die Unionskonzilien von Lyon (1274) und Florenz (1438-1445) stammen von Josef Wohlmuth (S. 233-290) und Umberto Proch (S. 291-329). Gegenüber der italienischen Fassung sind die Literaturangaben dann und wann ergänzt. Inzwischen liegt von dem Werk eine spanische (1993) und eine dreibändige französische Übersetzung vor: Les conciles oecuméniques 1. L'Histoire, avec la collaboration de Giuseppe Alberigo u. a. Traduction par Jacques Mignon, 2. Les Décrets 1: Nicée I à Latran V, 2: Trente à Vatican II, texte original établi par G. Alberigo u. a., édition française sous la direction de A. Duval u. a. (Le Magistère de l'Eglise) Paris 1994, Les Editions du Cerf, Bd. 1: 430 S., Bd. 2: 457 S., FRF 1790. Die beiden Quellenbände sind entsprechend der englischen Ausgabe von 1990 (Decrees of the Ecumenical Councils, edited by Norman P. Tanner, Original Text established by G. Alberigo u. a., 2 Bde., Georgetown 1990) gestaltet. Den griechischen und lateinischen Text bietet die photomechanische Wiedergabe der dritten Aufl. der von Alberigo u. a. 1973 veröffentlichten Conciliorum Oecumenicorum Decreta inklusive der Indices. So stellt die Übersetzung ins Englische bzw. Französische den einzigen Zugewinn dar, wofür man Abstriche beim Druckbild in Kauf nehmen muß. Cleverness bei der Vermarktung ihrer Bücher muß man den Hg. neidlos zugestehen.

    D. J.


  189. Studien zum weltlichen Kollegiatstift in Deutschland, hg. von Irene Crusius (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 114 = Studien zur Germania Sacra 18) Göttingen 1995, Vandenhoeck & Ruprecht, 335 S., ISBN 3-525-35651-X, DEM 72. - Der Bd. ging aus den Kolloquien der Mitarbeiter an der Germania Sacra hervor und enthält folgende Beiträge: Irene Crusius, Basilicae muros urbis ambiunt. Zum Kollegiatstift des frühen und hohen Mittelalters in deutschen Bischofsstädten (S. 9-34), geht den frühen Wurzeln suburbaner Stiftskirchen, zumal in Trier, Köln und Mainz, sowie den Neugründungen des 10./11. Jh. an rechtsrheinischen Bischofssitzen nach und bringt Zeugnisse dafür bei, daß darin spirituelle Bollwerke der von den Bischöfen dominierten Städte gesehen wurden. - Franz-Josef Heyen, Das bischöfliche Kollegiatstift außerhalb der Bischofsstadt im frühen und hohen Mittelalter am Beispiel der Erzdiözese Trier (S. 35-61), verschafft einen chronologisch geordneten Überblick vom 6./7. bis zum 12./13. Jh., betont die maßgebliche Rolle des Diözesanbischofs, aber auch viele lokale Forschungslücken. - Josef Semmler, Die Kanoniker und ihre Regel im 9. Jahrhundert (S. 62-109), ist die bislang gründlichste Bestandsaufnahme über die Rezeption der Aachener Institutio canonicorum von 816 (MGH Concilia 2,1 S. 308-421) im Frankenreich nördlich der Alpen, und zwar weniger mit Hinblick auf die Verbreitung des Textes als der darin fixierten Rechtsordnung. - Karl Heinemeyer, Zu Entstehung und Aufgaben der karolingischen Pfalzstifte (S. 110-151), behandelt zunächst Aachen, wo er bereits Karl dem Großen die Stiftsgründung zuschreibt, und geht dann vergleichend auf die nach diesem Muster entstehenden Pfalzstifte im Ost- und im Westfrankenreich ein. - Wilhelm Kohl, Kollegiatstifte und bischöfliche Verwaltung im Bistum Münster (S. 152-168), wirft mit Blick auf das gesamte MA sowie das 16. Jh. einige Fragen von überregionalem Belang auf: Genese der Pfarrorganisation, Verhältnis der Bischöfe zu den Archidiakonen, Einrichtung vom Domkapitel unabhängiger Kollegiatstifte (seit dem 14. Jh.). - Thomas Schilp, Der Kanonikerkonvent des (hochadligen) Damenstifts St. Cosmas und Damian in Essen während des Mittelalters (S. 169-231), sieht in einer gründlichen, immer wieder auf den Vergleich mit Gandersheim und Freckenhorst bedachten Untersuchung den Status eines Rechtssubjekts mit Sondervermögen um 1200 erreicht, verfolgt den Aufstieg der Kanoniker zu beachtlicher Mitsprache gegenüber dem Damenkonvent während des 13./14. Jh. und beschreibt ihre Funktion und innere Verfassung vornehmlich nach den Consuetudines des frühen 15. Jh. - Heinz Wiessner und Irene Crusius, Adeliges Burgstift und Reichskirche. Zu den historischen Voraussetzungen des Naumburger Westchores und seiner Stifterfiguren (S. 232-258), skizzieren die Entwicklung der regionalen Machtverhältnisse seit dem frühen 11. Jh., um die These zu untermauern, der Bau des Westchores mit seinen Figuren sei (erst) nach 1259 auf Initiative des Markgrafen Heinrich des Erlauchten und zur Verdeutlichung der Dominanz des wettinischen Hauses erfolgt. S. 246 wird das Speyerer Privileg Ottos IV. von 1209 mit dem Wormser Konkordat verwechselt. - Alfred Wendehorst, Das Stift Neumünster in Würzburg in der Literaturgeschichte des Mittelalters (S. 259-269), weist als Bearbeiter des Stifts in der Germania Sacra (vgl. DA 47, 319) zunächst darauf hin, daß die vom Scholaster Michael de Leone um 1350 angelegten berühmten Sammel-Hss. nicht der Stiftsbibliothek zugedacht waren, und prüft dann das Verhältnis dreier Dichter zum Neumünster: Während Heinricus Poeta († 1265) ein Kanonikat durch päpstliche Provision besaß, läßt sich bei Walther von der Vogelweide († um 1230) und Reinmar von Zweter († um 1260) über ihre literarische Bekanntheit hinaus kein Rechtsanspruch auf die vom Stift gewährte Versorgung und Bestattung ausmachen. - Peter Moraw, Stiftspfründen als Elemente des Bildungswesens im spätmittelalterlichen Reich (S. 270-297), reflektiert die Ergebnisse von Untersuchungen über den Universitätsbesuch der Kanoniker an rund 90 Stiftskirchen des 14./15. Jh. im Hinblick auf regionale Unterschiede, fachliche Ausrichtungen, soziale Herkunft, Bedeutung für den Pfründenerwerb u. ä. und betont den Wandel der Gegebenheiten seit etwa 1450/70. - Irene Crusius, Gabriel Biel und die oberdeutschen Stifte der devotio moderna (S. 298-322), geht mit neuen Erkenntnissen auf die Biographie Biels († 1495) ein und widmet sich dann der Eigenart der von ihm gegründeten bzw. geprägten Stifte, zumal Butzbach und St. Peter zum Einsiedel im Schönbuch, als "Instrumenten der Kirchenreform" (S. 312). - Ein Namenregister ist am Schluß beigegeben.

    R. S.


  190. Almut Bues, Rex Rexheuser (Hg.), Mittelalterliche nationes - neuzeitliche Nationen. Probleme der Nationenbildung in Europa (Deutsches Historisches Institut Warschau. Quellen und Studien 2) Wiesbaden 1995, Harrassowitz, VI u. 192 S., ISBN 3-447-03718-0, DEM 74. - Der Bd. fußt auf dem ersten Kolloquium, das von dem 1993 eingerichteten Deutschen Historischen Institut in Warschau im November 1994 veranstaltet wurde, und stellt in seiner zeitlichen Spannweite wie der vergleichenden Perspektive nach den Worten Rexheusers, des Gründungsdirektors, "eine Art Programm der neuen Einrichtung" dar (S. 1). Aus mediävistischer Sicht sind die folgenden, als Anregung der Diskussion gedachten Überblicke zu nennen: Joachim Ehlers, Was sind und wie bilden sich nationes im mittelalterlichen Europa (10.-15. Jahrhundert)? Begriff und allgemeine Konturen (S. 7-26). - Rudolf Schieffer, Frankreich im Mittelalter (S. 43-59). - Bernd Schneidmüller, Reich - Volk - Nation: Die Entstehung des deutschen Reiches und der deutschen Nation im Mittelalter (S. 73-101). - Slawomir Gawlas, Die mittelalterliche Nationenbildung am Beispiel Polens (S. 121-143). - Dušan T_eštík, Moderne Nation, hochmittelalterliche politische Nation, frühmittelalterliche gens und genetische Software. Der Fall Mitteleuropa (S. 161-181), ist ein epochenübergreifender Essay aus tschechischer Feder, der die Unvergleichlichkeit der Zeitalter stark betont und zugleich die Schwierigkeiten bei der Adaptation neuerer Konzepte von Ethnogenese in Ostmitteleuropa reflektiert.

    R. S.


  191. Roger Collins, Early medieval Europe, 300-1000, Houndmills 1991, Macmillan, XXIX u. 453 S., ISBN 0-333-36825-8, USD 10,99. - Studienbücher über das Früh-MA in englischer Sprache sind selten, trotz der exponierten Rolle englischer Historiker der letzten Zeit in der Frühmittelalterforschung. C. hat sich für die Aufgabe durch mehrere Bücher und spezielle Aufsätze, vornehmlich zur spanischen Geschichte, qualifiziert: Das Ergebnis ist eine umsichtige Darstellung vor allem der hohen Politik aufgrund der erzählenden Quellen, deren Probleme, Schwachstellen und Tendenzen ausführlicher, als in dieser Gattung üblich, diskutiert werden. C. bekennt sich zu einer "dislike of generalisation based on an insufficiency of evidence" (S. XXIV) und begründet damit seine Entscheidung, die Wirtschaftsgeschichte nur am Rande zu behandeln. Das könnte man vielleicht akzeptieren, obwohl die Entscheidung, im 3. Jh. anzufangen, letzten Endes auf die Ansicht Rostovtzeffs zurückzuführen ist, die sozialen und wirtschaftlichen Änderungen dieses Jh. seien viel einschneidender gewesen als diejenigen des 5. Jh. Problematischer ist die Tatsache, daß C. auch diejenigen allgemeinen Thesen weitgehend außer Betracht läßt, die für die politische Geschichte von eminenter Bedeutung sind: z. B. die Entstehung des Lehnswesens, oder die umstrittenen Thesen Durliats und Magnou-Nortiers über das Fortleben der fiskalischen Institutionen des Römischen Reiches bis zum Ende des 9. Jh. und darüber hinaus, oder die umstrittene These einer `feudalen Revolution' bzw. `Umwandlung' (mutation) ab etwa 950. Das 10. Jh. wird ohnehin nur als Ausklang einer Epoche skizziert. Typisch ist C.s Behandlung des Untergangs des Römerreiches (S. 90-93): Das Problem wird einfach zum Pseudoproblem erklärt. Ohne übergreifende Interpretationen aber degeneriert die frühma. politische Geschichte weitgehend zu einer fast sinnlosen Abfolge von Herrschern und Feldzügen: "ein verdammtes Ding nach dem anderen", um einen früheren englischen Exponenten dieser Sichtweise zu zitieren. Die quellenkritische Sensibilität, sicherlich die Hauptstärke des Buches, vermag diese Schwäche leider nicht völlig zu kompensieren.

    T. R.


  192. Neil Christie, The Lombards. The Ancient Longobards (The Peoples of Europe) Oxford u. Cambridge/USA 1995, Blackwell, XXVII u. 256 S., 59 Abb., ISBN 0-631-18238-1, GBP 30. - Dieses in der mittlerweile schon gut etablierten Reihe "The Peoples of Europe" erschienene Buch "offers the first study in English of the history and the archaeology of the Longobards (Lombards)" (S. XV), wie der Vf., ein junger englischer Archäologe, stolz feststellt. Die Lektüre seines Werkes hinterläßt einen sehr zwiespältigen Eindruck. Einerseits gibt es interessante und einige Aspekte der modernen Forschungsdiskussion in der Regel richtig wiedergebende archäologische und kunsthistorische Passagen, die dem Historiker einen schnellen Überblick über die Einsichten der Nachbarwissenschaften gestatten. Andererseits fällt aber selbst in archäologischer Beziehung auf, wie extrem lückenhaft die Literaturkenntnisse des Vf. sind: Wer sich vornimmt, die voritalische Phase der langobardischen Geschichte angemessen zu berücksichtigen, aber die bereits 1990 erschienene einschlägige, große Studie Menkes nicht zur Kenntnis nimmt, wer über Siegelringe schreibt, ohne die Kontroverse Otto v. Hessen - Kurze zu kennen, wer sich über die Landnahme äußert, ohne die beiden diesem Thema gewidmeten Reichenau-Bände auch nur zu erwähnen, der kann kaum beanspruchen, sich auf dem neuesten Stand der archäologischen Forschung zu befinden. Es erstaunt nicht, daß Christies Literaturkenntnisse im historisch-philologischen Bereich noch dürftiger sind: So läßt er sich über die "fara" aus, ohne die Namen Cavanna, v. Olberg oder Murray auch nur zu erwähnen, über die langobardische Sprache in Unkenntnis der Werke Bruckners, van der Rhees oder Sabbatinis und - vielleicht am unverständlichsten - über "Longobard Heritage: Benevento and Beyond" ohne die bereits 1991 veröffentlichte große "thèse" von H. Taviani-Carozzi über das langobardische Salerno auch nur im Literaturverzeichnis aufzuführen. So überrascht es nicht, daß die zentralen Probleme, mit denen sich die historische Forschung über die Langobarden in den letzten Jahrzehnten am meisten beschäftigt hat (arimanni, Ethnogenese, Ansiedlung) von C. entweder gar nicht oder doch nur extrem verkürzt angesprochen werden. Trotz aller nützlichen Abbildungen, Karten, Übersichtstafeln und einiger brauchbarer archäologischer Abschnitte also eine vergebene Chance, eine moderne Geschichte der Langobarden zu schreiben.

    Jörg Jarnut


  193. Hubert Le Roux, Recherches sur le lieu de la victoire de Clovis sur les Wisigoths en 507, Bulletin de la Société des antiquaires de l'Ouest et des musées de Poitiers 5e série, 7 (1993) S. 177-198, bezweifelt, daß die Schlacht bei Vouillé (14 km nordwestl. Poitiers) stattgefunden hat, und möchte sie eher nördlich von Jaunay-Clan (13 km nördl. Poitiers) lokalisieren. An Quellen wertet er u. a. Gregor von Tours, Hist. 2, 37 (MGH SS rer. Merov. I/l ˛1951 S. 85 ff.) aus.

    Rolf Große


  194. Patrick Sims-Williams, Britain and Early Christian Europe. Studies in Early Medieval History and Culture (Collected Studies Series CS 514) Aldershot 1995, Variorum, X u. 337 S., ohne durchgehende Paginierung, 1 Frontispiz, ISBN 0-86078-559-9, GBP 49,50. - Aus den Jahren 1975 bis 1994 werden hier insgesamt 14 Studien des Vf. vorgelegt, die sich mit dem Auftreten der Angelsachsen auf der Insel, frühen urkundlichen Zeugnissen sowie angelsächsischer Kultur und Frömmigkeit beschäftigen. Der Bd. enthält Addenda sowie ein Register.

    M. S.


  195. Jean-Michel Picard (Ed.), Ireland and Northern France, AD 600-850, Dublin 1991, Four Courts Press, 175 S., ISBN 1-85182-086-8, GBP 22,50. - Es handelt sich um sieben Beiträge eines Kolloquiums in Dublin von 1989, das sich als Fortsetzung einer thematisch verwandten Veranstaltung des Jahres 1977 (Columbanus and Merovingian Monasticism, vgl. DA 40, 304) versteht. Die Themen umspannen die Schlüsselzeit des Früh-MA, d.h. den Zeitraum zwischen Columban (Ankunft auf dem Kontinent 591) und Johannes Scotus Eriugena († 870); dabei bleiben sie auf die besondere Rolle Irlands im Beziehungsgeflecht zwischen der Insel und Teilen des Kontinents, genauer Nordgalliens und der Bretagne, zentriert und streuen über die Kirchengeschichte, die politische Geschichte sowie die Kulturgeschichte. - Pierre Riché, Les monastères hiberno-francs en Gaule du Nord - VIIe et VIIIe siècle (S. 21-26), bietet einen knappen Abriß über den irischen Beitrag zur Reorganisation der merowingischen Kirche. - Jean-Michel Picard, Church and politics in the seventh century: the Irish exile of king Dagobert II (S. 27-52), beleuchtet anhand des irischen Exils des jungen Königs Dagobert II. die Verwobenheit irischer Kirchenmänner in die fränkische Kirchenpolitik. - Charles Doherty, The cult of St Patrick and the politics of Armagh in the seventh century (S. 53-94), verfolgt den Zusammenhang zwischen dem Aufstieg von Armagh und der Ausbildung des Patrick-Kultes auf der Insel wie auf dem Kontinent. - Der Schlüsselstellung Englands als eines Verbindungsgliedes in den Beziehungen zwischen Irland und dem Kontinent wendet sich Michael Richter, The English link in Hiberno-Frankish relations (S. 95-118) zu. - Dem "britischen" Element bei der Gründung irischer Gemeinden im Norden der Francia geht Bernard Merdrignac, Bretons et Irlandais en France du Nord - VIe-VIIIe siècles (S. 119-142) nach. - Die beiden letzten Beiträge wenden sich dem Schulbetrieb und der Schriftentwicklung zu: Louis Holtz, L'enseignement des maîtres irlandais dans l'Europe continentale du IXe siècle (S. 143-156), verfolgt den Beitrag der Iren als Schüler und Lehrer in den Schulen des Kontinents; Pierre-Yves Lambert, Le vocabulaire du scribe irlandais (S. 157-167), zeichnet den Einfluß irischer Schreiber auf dem Kontinent nach. - Das Kolloquium verstand sich auch als Demonstration des irischen Sonderbewußtseins wie ein zweites, irisches Vorwort (Catherine Jennings und Cumann N. Breandáin) sowie die Nähe des Symposiums zur «Society of St Brendan» - als einem der drei Träger des Unternehmens - zeigen.

    Georg Jenal


  196. Lech Leciejewicz, Gli slavi occidentali. Le origini delle società e delle culture feudali (Medioevo-Traduzioni 2) Spoleto 1991, Centro Italiano di studi sull'alto medioevo, 323 S., Abb., keine ISBN, DEM 117. - Die polnische Originalfassung erschien 1976; die für die italienische Übersetzung vorbereitete Version wurde laut Vorwort 1981 abgeschlossen. Geboten wird ein gut lesbarer Überblick über die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der slavischen Klein- und Großstämme im Zeitraum zwischen etwa 600 und 1000 unter Berücksichtigung sowohl der polnischen und tschechischen Literatur wie auch der einschlägigen Arbeiten in westeuropäischen Sprachen. Besonders hervorzuheben ist die hier leicht zugänglich gemachte Auswertung der Ausgrabungen der 1960er und 1970er Jahre.

    T. R.


  197. Karl Martell in seiner Zeit, hg. von Jörg Jarnut, Ulrich Nonn und Michael Richter (Beihefte der Francia 37) Sigmaringen 1994, Thorbecke, 412 S., ISBN 3-7995-7337-2, DEM 138. - Der Bd. enthält Aufsätze, die unter verschiedenen Aspekten Fragen der Geschichte des 7. und 8. Jh. behandeln. Zu einer ganzen Reihe von Problemen äußern die Autoren durchaus widersprechende Ansichten, so daß Unsicherheiten bleiben. - Ulrich Nonn, Das Bild Karl Martells in mittelalterlichen Quellen (S. 9-21), bietet eine Zusammenfassung seines Aufsatzes aus dem Jahre 1970 (vgl. DA 27, 601). - Ingrid Heidrich, Die Urkunden Pippins d. M. und Karl Martells: Beobachtungen zu ihrer zeitlichen und räumlichen Streuung (S. 23-33), kann aus der Verteilung der Urkunden der merowingischen Könige und der karolingischen Hausmeier in der Zeit zwischen 691 und 741 interessante Schlüsse ziehen und u. a. eine "Sukzessionskrise" in den letzten Jahren Pippins d. M. (nach 709) nachweisen. - Timothy Reuter, "Kirchenreform" und "Kirchenpolitik" im Zeitalter Karl Martells: Begriffe und Wirklichkeit (S. 35-59), warnt vor der Anwendung des Begriffs "Reform" auf die Tätigkeit des Bonifatius und befaßt sich vor allem mit den angeblichen "Säkularisationen" Karl Martells und mit den Anfängen des Lehnswesens. Ein Anhang gilt dem Brief des Bonifatius an Aethelbald von Mercien. Dabei glaubt R. - m. E. ohne schlüssigen Beweis -, daß die an Karl Martell geäußerte Kritik auf Bonifatius selbst zurückgehe. - Herwig Wolfram, Karl Martell und das fränkische Lehenswesen. Aufnahme eines Nichtbestandes (S. 61-78), zieht zum Verständnis der Entwicklung des Lehnswesens in der Zeit Karl Martells Zeugnisse aus bairischen Quellen heran. - Annalena Staudte-Lauber, Carlus princeps regionem Burgundiae sagaciter penetravit. Zur Schlacht von Tours und Poitiers und dem Eingreifen Karl Martells in Burgund (S. 79-100), versucht durch eine erneute Lektüre und Interpretation der Quellen, besonders der Continuatio Fredegars und der Vita Eucherii, zu belegen, daß Karl Martell auch nach der Schlacht von 732 noch mit einer "anti-arnulfingischen" Opposition zu kämpfen hatte. - Hans-Werner Goetz, Karl Martell und die Heiligen. Kirchenpolitik und Maiordomat im Spiegel der spätmerowingischen Hagiographie (S. 101-118), untersucht einige Heiligenviten auf ihre Darstellung von Karl Martells Kirchenpolitik und gelangt dabei zu dem - nicht gerade überraschenden - Ergebnis, daß in den zeitgenössischen Viten das Verhältnis zwischen dem beschriebenen Heiligen und dem Hausmeier als gut dargestellt wird. - Matthias Becher, Der sogenannte Staatsstreich Grimoalds. Versuch einer Neubewertung (S. 119-147), vermeidet zwar bei seiner Deutung der nicht völlig miteinander vereinbaren Quellen die bisherigen Widersprüche, schafft aber neue Probleme, wenn er glaubt, daß nicht der Sohn des Grimoald vom Merowingerkönig Sigibert III., sondern dessen leiblicher Sohn Childebert vom Hausmeier Grimoald adoptiert worden sei. - Waltraut Joch, Karl Martell - ein minderberechtigter Erbe Pippins? (S. 149-169): Karl Martell ist das Kind aus einer zweiten, legitimen Ehe Pippins d. M. In merowingischer Zeit ist Polygamie auch sonst nachzuweisen, und die Ansicht, die Mutter Karls sei eine Konkubine gewesen, findet sich erst im 9. Jh. in solchen Quellen, die Karl auch sonst kritisch beurteilen. - Michel Banniard, Seuils et frontières langagières dans la Francia romane du VIIIe siècle (S. 171-191), untersucht die Entwicklung des geschriebenen Latein und des gesprochenen Romanischen im beginnenden 8. Jh. und hält die Zeit von 650 bis 750 für eine Zeit des Übergangs, in der das "Altfranzösische" sich vom Latein zu trennen begann. - Karl Brunner, Sachkultur, Kontinuität und Epoche im frühen 8. Jahrhundert (S. 193-204), macht einige skizzenhafte Bemerkungen über exotische Handelsgüter im beginnenden 8. Jh., um die Frage nach einem Kulturwandel in dieser Zeit zu lösen. - Richard A. Gerberding, 716: A Crucial Year For Charles Martel (S. 205-216), kann zeigen, daß im Jahr vor dem entscheidenden Sieg Karls bei Vinchy (21.3.717) bereits führende Anhänger seiner Stiefmutter Plektrud von dieser zu Karl übergelaufen sind. Darunter war vor allem Willibrord. - Jörg Jarnut, Die Adoption Pippins durch König Liutprand und die Italienpolitik Karl Martells (S. 217-226), interpretiert die Adoption als Beleg für Karl Martells Distanz zum Papsttum und zu Byzanz. Damit sollte die karolingische Macht im Südosten des Frankenreichs abgesichert werden. - Roger Collins, Deception and Misrepresentation in Early Eighth Century Frankish Historiography: Two Case Studies (S. 227-247), geht auf einige Aspekte in den Darstellungen der Geschichte Karl Martells beim Continuator und in den Metzer Annalen ein, die bekanntlich beide eine "karolingische" Sicht der Ereignisse geben wollen. - Franz Staab, Rudi populo rudis adhuc presul. Zu den wehrhaften Bischöfen der Zeit Karl Martells (S. 249-275), kann am Beispiel des Mainzer Bischofs Gerold († 738) zeigen, daß kriegerische Aktivitäten nicht zugleich eine ungeistliche Amtsführung bedeuten müssen. Für das Verständnis der Person Gewilips, des Sohnes Gerolds, ist nach St. auch die aus dem 11. Jh. stammende Vita IV. Bonifatii heranzuziehen. - Alain Dierkens, Carolus monasteriorum multorum eversor et ecclesiasticarum pecuniarum in usus proprios commutator? Notes sur la politique monastique du maire du palais Charles Martel (S. 277-294), untersucht Karl Martells Verhältnis zu den Klöstern aus der Maasgegend (St. Truiden, Amay, St. Servatius in Maastricht und Lobbes). Dabei kann er keinerlei Klosterfeindlichkeit bei Karl Martell feststellen. - Horst Ebling, Die inneraustrasische Opposition (S. 294-304), macht eine Reihe von Opponenten gegen Karl Martell aus Austrasien namhaft. - Rudolf Schieffer, Karl Martell und seine Familie (S. 305-315), betont an Karls dynastischem Verhalten vor allem, daß die von ihm beabsichtigte Erbregelung - wie bereits bei seinem Vater Pippin - gescheitert ist. - Joachim Jahn (†), Hausmeier und Herzöge. Bemerkungen zur agilolfingisch-karolingischen Rivalität bis zum Tode Karl Martells (S. 317-344), spricht sich dagegen aus, das Verhältnis zwischen Agilolfingern und Karolingern allein unter dem Aspekt der "bairisch-fränkischen Spannung" zu sehen, und verweist auf die Jahre seit 725, in denen Karl Martell nach seiner Ehe mit Swanahilt ein Verbündeter der bairischen Fürsten war. - Hubert Mordek, Die Hedenen als politische Kraft im austrasischen Frankenreich (S. 345-366), kommt bei seiner Untersuchung über die Würzburger Herzöge Heden den Älteren (nach 643 - nach 676?) und Heden den Jüngeren (vor 704-717) wesentlich über das bisher Bekannte hinaus. Vor allem der ältere Heden gewinnt durch M.s Entdeckung, daß er als Gesetzgeber in einer auf ein Fuldaer Exemplar zurückgehenden Hs. der Lex Ribvaria erscheint, ein stärkeres historisches Profil. - Michael J. Enright, Iromanie - Irophobie revisited: A Suggested Frame of Reference for Considering Continental Reactions to Irish peregrini in the Seventh and Eighth Centuries (S. 367-380), erklärt die Eigenart der irischen Mönche aus den Besonderheiten der irischen Kultur, die im frühen MA auch eine gelehrte Elite von Laien gekannt habe. - Patrick J. Geary, Die Provence zur Zeit Karl Martells (S. 381-392), untersucht zwei Placita aus der Zeit um 780, in denen es um angeblich unter Karl Martell entfremdetes Klostergut geht. G. macht wahrscheinlich, daß diese Säkularisationen nicht unter Karl, sondern erst unter seinem Sohn Pippin vorgenommen wurden. - Michael Richter, ... quisquis scit scribere, nullum potat abere labore. Zur Laienschriftlichkeit im 8. Jahrhundert (S. 393-404), setzt sich kritisch mit R. McKitterick, The Carolingians and the Written Word (1989, vgl. DA 46, 185) auseinander: eine erneute Überprüfung der 123 Urkunden, die in Sankt Gallen bis 789 erhalten sind, ergibt eindeutig, daß von einer Laienschriftlichkeit und von "Gemeindeschreibern" in den Dörfen des südlichen Alemannien keine Rede sein kann. - Ein Register der Orte und Personen erschließt den Band.

    W. H.


  198. Hermann Schefers, Einhard - ein Lebensbild aus karolingischer Zeit, Geschichtsblätter Kreis Bergstraße 26 (1993) S. 25-92, ist ein gut lesbarer biographischer Abriß, der den Forschungen der letzten Jahre umsichtig Rechnung trägt und daher als Lektüre unbedingt zu empfehlen ist. Die bei F. Prinz angefertigte Diss. des Vf.: Studie zu Einhards Heiligen- und Reliquienverehrung (München 1992) ist in dieser Zs. bislang nicht angezeigt worden. Sie setzt sich in interdisziplinärer Arbeitsweise nicht nur mit den schriftlichen Hinterlassenschaften Einhards dazu auseinander, sondern auch mit seinen künstlerischen Arbeiten und seinem Einfluß auf diesem Gebiet.

    M. S.


  199. Philippe Depreux, Louis le Pieux reconsidéré? A propos des travaux récents consacrés à "l`héritier de Charlemagne" et à son regne, Francia 21 (1994) S. 181-212, ist ein kenntnisreicher Forschungsüberblick zur Differenzierung des Ludwigsbildes in den letzten 30 Jahren.

    M. S.


  200. Martin Eggers, Das "Großmährische Reich" Realität oder Fiktion? Eine Neuinterpretation der Quellen zur Geschichte des mittleren Donauraumes im 9. Jahrhundert (Monographien zur Geschichte des Mittelalters 40) Stuttgart 1995, Hiersemann, IX u. 525 S., Karten, ISBN 3-7772-9502-7, DEM 336. - Im Jahre 822 werden in den fränkischen Reichsannalen erstmals die Marvani bzw. Maritani erwähnt, und unter bedeutenden Fürsten wie Moimir (bis 846), Rastislav (846-870), Sventopluk (871-894) spielte das von Konstantin Porphyrogennetos Megale Moravia genannte Mähren im Südosten des Karolingerreiches eine bedeutende Rolle, in dessen innere Auseinandersetzungen es nicht selten hineingezogen wurde. In den Ungarnkämpfen zu Beginn des 10. Jh. ist es zugrunde gegangen. Die geographische Lage des Landes sucht man allgemein östlich von Böhmen, mit dem Zentrum im Marchtal, doch wurde diese Lokalisierung 1971 von Imre Boba in Frage gestellt, der Großmähren in den pannonischen Raum, jedenfalls südlich der Donau, verlegte, doch blieben gegenüber diesem Ansatz Zweifel (vgl. DA 27, 606). Die Arbeit von E., die auf eine bei F. Prinz gefertigte Diss. zurückgeht, sucht unter Heranziehung des umfangreichen Quellenmaterials, wobei auch die Ergebnisse der Archäologie nicht vernachlässigt werden, die Geschichte dieses Landes neu aufzurollen, seine innere Struktur und die Verflechtung in das äußere Geschehen unter neuen Blickpunkten darzustellen. Auch er lehnt die herkömmlich angenommene Lage Mährens im Osten Böhmens ab, und sucht das Zentrum Mährens allerdings nicht wie Boba südlich der Donau, sondern in der ungarischen Tiefebene um die Theiß. Hierher sei zu Beginn des 9. Jh. der südslawische Stamm der Moravljanen gekommen, habe von hier ausgreifend das politische Geschehen im Südosten während des 9. Jh. mitbestimmt und hier auch seine Hauptstadt die urbs Morisena (später Csanád), gehabt. Aber gerade die Beweisführung für die neue Lokalisierung des Landes, die wichtig ist für die neue Interpretation der politischen Rolle, ist nicht überzeugend, und so wird man wohl mit Herwig Wolfram (MIÖG Erg. Bd. 31, 1995, 100), der die Argumentation von E. im einzelnen kritisch überprüft, zu dem Schluß kommen, daß "Moravien ... im heutigen Weinviertel begann, sich über das heutige Mähren und die Slowakei sowie zeitweise über Böhmen und weite Gebiete des modernen Ungarn ... erstreckte und dessen Zentren an der March lagen".

    Kurt Reindel


  201. Carlrichard Brühl, Deutschland - Frankreich. Die Geburt zweier Völker, Köln u. a. 1990, Böhlau Verlag, XCV u. 843 S., ISBN 3-412-18189-7. - 1972 hat B. eine kleine Monographie (vgl. DA 31, 279 f.) veröffentlicht, in der er "die These vertrat, daß erst seit dem frühen 11. Jahrhundert von deutscher und französischer Geschichte im Vollsinn des Wortes gesprochen werden könne" (S. XI). Dies wird nun durch ein Buch von über 900 Seiten nochmals kräftig betont. Es besteht aus zwei großen Abschnitten. Im ersten (S. 7-350) wird die "terminologisch-ideologische und verfassungsgeschichtliche Problematik" behandelt. Hier gibt B. nach einem einleitenden Kapitel zur Periodisierung der `deutschen' und `französischen' Geschichte in der wissenschaftlichen Literatur des 19. und 20. Jh. (S. 7-82) sehr ausführliche Darstellungen nicht nur der Quellen-, sondern auch der Forschungslage zur geographisch-politischen Terminologie (S. 83-180, 181-242), zum `Nationalgefühl' im frühen Mittelalter (S. 243-302) und zu einigen verfassungsgeschichtlichen Problemen (S. 303-350), worunter die Unterteilung von Königreichen in regna bzw. provinciae, das Prinzip der Unteilbarkeit und die (Nicht-)Existenz natürlicher Grenzen zu verstehen sind. Im zweiten Teil (S. 353-705) schildert B. die "politische Geschichte der `regna Francorum' vorwiegend im 10. Jahrhundert", wobei für den Vorlauf im 9. Jh. tatsächlich nur wenig Platz (S. 353-388) benötigt wird, während die erste Hälfte des 11. Jh. noch fast 80 Seiten beansprucht (S. 627-705). Obwohl hier nur eine Auswahl besonders relevanter Ereignisse und Fakten angeboten werden soll (S. 353), weitet die Darstellung zuweilen fast zur Manier der Dümmlerschen Jahrbücher aus, und der Leser kann seitenlang den eigentlichen Zweck aus den Augen verlieren: das Fortleben eines gesamtfränkischen Zusammengehörigkeitsgefühls und Handlungshorizonts bis zur Jahrtausendwende und darüberhinaus zu dokumentieren. Nicht nur wegen des imponierenden Umfangs werden künftige Forscher an dem Buch nicht vorbeikommen können. Es bietet eine Fülle von Einzelbeobachtungen und Stellungnahmen zu den unterschiedlichsten Forschungsproblemen, so daß Bibliographie, Anmerkungen und Register zusammen ein sehr bequemes bibliographisches Nachschlagewerk ausmachen. In den Fußnoten, zuweilen auch im Text, findet man B.s unverblümte Meinung über die Arbeiten vieler anderer Gelehrter und über den Wert vieler Quellen. Die Gesamtthese hat sich seit 1972 kaum wesentlich verändert. Die wissenschaftliche Landschaft, in der sie steht, ist aber sehr wohl eine andere: Die meisten deutschen Forscher der späten 1980er und frühen 1990er Jahre haben inzwischen wenig Mühe, im großen und ganzen der anfangs zitierten These zuzustimmen. Alles hängt natürlich von der Phrase "im Vollsinn des Wortes" ab. Eine Regionalisierung der fränkischen Politik ist doch schon im späten 9. Jh. feststellbar: Daß B. die Bedeutung des Verduner Vertrages herunterspielen will, ist verständlich, aber die Bedeutung der Regierungen Ludwigs des Deutschen und Karls des Kahlen für die Fixierung von regnalen Bewußtseins- und Handlungseinheiten kommen hier zu kurz (was wohl die Vernachlässigung des ostfränkischen Reiches in der Geschichtsforschung der letzten Jahrzehnte widerspiegelt). Überraschenderweise sagt B. äußerst wenig über das Schicksal des ehemaligen Mittelreichs (von Lothringen abgesehen), obwohl es Anzeichen nicht nur in politischer, sondern auch in kultureller, religiöser und familiengeschichtlicher Hinsicht dafür gibt, daß dies noch als Bewußtseinsbezugspunkt und Handlungsraum bis ins 11. Jh. fortwirkte: Erst mit Odo II. von der Champagne verschwindet es, was eine weitere Untermauerung der These B.s wäre. Am Schluß blieb dem Rez. trotz aller Anerkennung für die Leistung ein gewisses Unbehagen. Der Grund dürfte in einem inneren Gegensatz des Buches selbst zu suchen sein. B.s Thema gehört letzten Endes der Mentalitätsgeschichte an. Es dreht sich eigentlich darum, wie die Menschen dachten und sich einordneten. Für Mentalitätsgeschichte hat aber B. wenig Zeit. Gerade diejenigen Quellen, die für viele von uns trotz aller Problematik zu den reichhaltigsten der Zeit gehören, wie insbesondere die Sachsengeschichte Widukinds und die Frankengeschichte Richers, werden von ihm als unzuverlässig und romanhaft abgetan. Wichtig sind die zuverlässigen Fakten, an die man viel besser anhand der Urkunden und des möglichst farblosen und knappen Teils der zeitgenössischen Annalistik herankommt. Das Gesamtergebnis des Buches wäre im 19. Jh. kaum denkbar gewesen, und trotzdem muß man hier mit Adrian Leverkühn feststellen, daß es uns methodologisch schwerfällt, "uns von den Anschauungen und Gewohnheiten der vorigen Epoche zu trennen". Inzwischen liegt das Werk auch in einer (gestrafften) französischen Version vor: Naissance de deux peuples. "Français" et "Allemands" IXe-XIe siècle, Paris 1994, Fayard, 388 S., ISBN 2-213-59344-2, FRF 150.

    T. R.


  202. Matthias Springer, Fragen zur Entstehung des mittelalterlichen deutschen Reiches, Zs. für Geschichtswissenschaft 43 (1995) S. 405-420, ist eine kritische Reflexion über die jüngsten Wendungen in der Diskussion des Problems, zumal über den heuristischen Wert der Quellenterminologie, über den vorausgesetzten Begriffsgehalt von "Entstehung" sowie über das Gewicht verfassungsrechtlicher Kriterien für den Neubeginn.

    R. S.


  203. Gunther Wolf, Nochmals zur benedictio Ottonis in regem: 927 oder 929? AfD 40 (1994) S. 79-84, vertritt die Ansicht, "daß die `benedictio' Ottos ... schon Weihnachten 927 in Mainz anläßlich von Ottos Volljährigkeit stattfand".

    A. G.


  204. Wolfgang Georgi, Bischof Keonwald von Worcester und die Heirat Ottos I. mit Edgitha im Jahre 929, HJb 115 (1995) S. 1-40, beteiligt sich an der von K. Schmid ausgelösten Debatte um die "Hausordnung" Heinrichs I. von 929/30 mit Kombinationen, denen zufolge die doppelte Heirat Edgithas mit dem Königssohn Otto sowie ihrer Schwester Edgiva (wahrscheinlich) mit Ludwig, dem Bruder Rudolfs II. von Hochburgund, auf eine in der westfränkischen Entwicklung begründete angelsächsisch-liudolfingische Verständigung mit dem Ziel der Sicherung Lotharingiens zurückgehe. Der englische Brautgesandte Keonwald soll, wie G. vermutet, unmittelbar nach der Quedlinburger Hochzeit aktuelle Gedenklisten zu den Bodenseeklöstern überbracht und auf der Reichenau gemäß den staatsrechtlichen Vorstellungen seiner Heimat die Eintragung Ottos mit dem bekannten Zusatz rex veranlaßt haben. Die im selben Zusammenhang diskutierte Notiz der Lausanner Annalen zu 930 möchte G. als fehlgeleiteten Reflex von Mainzer Vorgängen des Jahres 940 verstehen.

    R. S.


  205. Veronica Ortenberg, The English church and the continent in the tenth and eleventh centuries: cultural, spiritual, and artistic exchanges, Oxford 1992, Clarendon Press, XVIII u. 327 S., ISBN 0-19-820159-1, 31 Abb., USD 40. - Nach einem ersten Kapitel über die Quellen werden in sechs weiteren die Beziehungen Englands zu verschiedenen Regionen Europas untersucht: Flandern, dem Reich, Italien außer Rom, Rom, Byzanz und dem Osten, Frankreich. Alle Kapitel sind nach demselben Plan konzipiert: ein kurzer Umriß der kirchlichen Geographie und Geschichte; Belege für Kontakte; kulturelle, liturgisch/kultische und künstlerische Austauschbeziehungen. In ihrer Einleitung weist die Vf. mögliche Vergleiche mit dem großen Werk Levisons zurück: ihr gehe es nicht um Austauschbeziehungen zwischen England und dem Festland schlechthin, sondern nur im kirchlichen Bereich, und ohne "an analysis of parallels between those areas" (S. 1). Trotzdem will sie mehr als eine rein positivistische Faktenanhäufung liefern. Selbst dieses bescheidenere Ziel hat O. leider nicht erreicht. Erstens bestehen erhebliche Teile des Buches gerade doch aus Katalogen von Fakten. Zweitens sind diese Fakten allzuoft ungenau: Als Beispiel sei die erste Seite des Kapitels über das Reich angeführt, wo der Leser erfährt, daß das Reich 962 gegründet wurde, daß Lothringen das karolingische Mittelreich gewesen sei und im 10. Jh. durchgehend Herzöge aus der Familie der Reginare gehabt habe, daß Quedlinburg eine wichtige sächsische Stadt gewesen sei, daß Franken einen Herzog gehabt habe, daß das Königreich Burgund im 10. Jh. etwa mit den Herzogtümern Bayern und Schwaben gleichzusetzen sei. Diese letzte Behauptung wäre vielleicht eine vertretbare Ansicht, aber der Zusammenhang macht klar, daß sie durch Unwissen und nicht durch Analyse entstanden ist. Drittens ist das in den Katalogen enthaltene Material häufig auch irrelevant. Im Kapitel über Rom z. B. fehlen bekannte Romreisen englischer Geistlichen der Zeit (Oscytel und Oswald von York). Stattdessen wird eine nicht sonderlich kurze Kunstgeschichte Roms im Früh-MA angeboten. O. hat gut bibliographiert, aber nicht sorgfältig genug, sonst hätte sie Thietmar nicht nach Lappenberg/Kurze zitiert, oder zwei Liturgiewissenschaftler namens Mohlberg angeführt. Sie hat oft genug wichtige Literatur übersehen, z. B. einschlägige Arbeiten Van der Vyvers und Bakers zu den Beziehungen zwischen Abbo von Fleury und Byrhtferth von Ramsey. Und sie hat die angeführte Literatur oft nicht richtig gelesen - Leyser über die Ottonen und Wessex hätte ihr die richtige Identität des "Alpinen Schwiegersohns Edwards des Älteren" verraten (S. 54) -, oder nicht richtig verstanden (die Provinzzugehörigkeit von Metz und Toul ist nie infragegestellt worden; so falsch S. 47, vgl. auch S. 45). Dort, wo es vielleicht wirklich um Einflüsse geht, bringt sie nichts Neues, z. B. über die Rolle Englands in der Entstehung der Drei-Stände-Lehre, S. 244. - Das eigentliche Problem liegt darin, daß die Materie technisch kompliziert, ihre gedankliche Aufarbeitung aber noch komplizierter ist, will man unsere fragmentarischen Kenntnisse zu einem Bild gestalten. Nur wer mit einem völlig naiven Einflußbegriff arbeitet, kann so tun, als ob die Fakten (und Pseudofakten) von sich aus die "Einflüsse" klarlegten.

    T. R.


  206. Bernd Schneidmüller, 1000 Jahre Frankreich? Forschungen zum Herrschaftsantritt Hugo Capets 987, Francia 21 (1994) S. 227-244, ist eine konzise Besprechung verschiedener zum Jubiläumsjahr 1987 erschienener Sammelbände.

    M. S.


  207. Volkhard Huth, Erzbischof Arnulf von Reims und der Kampf um das Königtum im Westfrankenreich. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte der Reimser Remigius-Fälschungen, Francia 21 (1994) S. 85-124, sucht die Entstehung der berühmten Fälschung in Wiederaufnahme der Thesen von Krusch (1895) und Poensgen (1961) auf Ende 10. Jh. zu datieren und auf Gerbert von Aurillac zurückzuführen, was voraussetzt, daß man mehrere Stellen (nicht nur das Remigiustestament) in Flodoards Historia Remensis ecclesiae (MGH SS 13 S. 405-599) für interpoliert hält, woran die Rezensentin (mit einer Neuedition dieser Quelle befaßt) nicht zu glauben vermag.

    M. S.


  208. Kenneth Baxter Wolf, Making History. The Normans and their Historians in Eleventh-Century Italy (Middle Ages Series) Philadelphia 1995, University of Pennsylvania Press, XIII u. 192 S., ISBN 0-8122-3298-4, GBP 28,50. - W. will eine "vergleichende Analyse" der Geschichtswerke liefern, die von der Eroberung Unteritaliens durch die Normannen im 11. Jh. erzählen. Zunächst gibt er einen historischen Überblick über die betreffende Ereignisgeschichte; dann betrachtet er die Quellen, die vom Zusammenstoß des Papsttums mit den Normannen im 2. Drittel des 11. Jh. berichten; in einem dritten Kapitel geht er auf die Dialogi des Desiderius und die Chronik von Montecassino ein; und in dem Rest des Buchs handelt er von der Glorifizierung der Normannen durch Amatus, Guillelmus Apulus und Gaufred Malaterra. Die Quellenauswahl ist willkürlich. Warum werden Hermann von Reichenau und der sog. Wibert von Toul (daß es hier ein Verfasserproblem gibt, scheint W. nicht zu wissen) in die Untersuchung einbezogen, dagegen nicht die beiden anonymen Viten Leos IX.? Auch müßte man, wenn man nach der Einstellung des Leo Marsicanus zu den Normannen fragt, gleichfalls dessen Translationes Mennatis heranziehen. W.'s Studien laufen im wesentlichen auf Nacherzählung der Quellen und auf die nicht gerade originelle Feststellung hinaus, daß die Normannen von den einen positiv, von den anderen negativ beurteilt werden. Von der Sekundärliteratur kennt W. offenbar nur einen geringen Teil. Seine Lateinkenntnisse sind erbärmlich. Der Liber Pontificalis - um nur ein Beispiel von vielen anzuführen - erzählt von Leo IX.: [praedictus pontifex] omnes Normannos et Francigenas ad destruendam superbiam illorum qui in partibus Apulie commorabantur deduxit. W. (der die Quelle für "contemporary" hält, obgleich schon Duchesne dies bestritten hatte) übersetzt: "Leo removed all of the Normans and the Franks who dwelled in the region of Apulia so as to destroy their pride" (S. 47). Sapienti sat.

    Hartmut Hoffmann


  209. Catherine Hervé-Commereuc, La Calabre dans l'État normand d'Italie du sud (XIe-XIIe siècles), Annales de Normandie 45 (1995) S. 3-25, skizziert Eroberung und Bedeutung Kalabriens für die Schaffung des Normannenreiches.

    Rolf Große


  210. Mechthild Black-Veldtrup, Kaiserin Agnes (1043-1077). Quellenkritische Studien (Münstersche Historische Forschungen 7) Köln u. a. 1995, Böhlau Verlag, VIII u. 478 S., 2 Abb., ISBN 3-412-02695-6, DEM 98. - Kaiserin Agnes galt in der Forschung lange als schwach, unentschlossen und mit der Regentschaft für ihren unmündigen Sohn, Heinrich IV., überfordert. Dieses Bild einer frommen, aber den politischen Realitäten nicht gewachsenen Frau zeichnete Marie-Luise Bulst-Thiele in ihrer 1933 erschienenen Biographie (vgl. NA, 50, 645 f.). Die bereits einsetzende Revision dieser Einschätzung vertieft die Vf. durch eine methodisch bemerkenswerte Untersuchung (erweiterte Münsteraner Diss. von 1993) des vorhandenen Quellenmaterials, besonders der Diplome Heinrichs III. und Heinrichs IV. sowie der Memorialzeugnisse, einer Quellengattung, die von Bulst-Thiele noch nicht berücksichtigt worden ist. Dabei geht es B.-V. nicht um eine geschlossene biographische Darstellung, sondern um die Klärung einzelner Aspekte des Lebens und Wirkens der Kaiserin. Durch die genaue Rekonstruktion des Itinerars wird das politische Gewicht der Kaiserin in ihren Lebensphasen als Gattin Heinrichs III., Regentin für Heinrich IV. und Streiterin für die Kirchenreform deutlich. B.-V. verfolgt dann die Konzeption Heinrichs III., die salische Memoria in Speyer als dynastischem und Goslar als religiösem Zentrum der Familie zu verankern, die zugunsten von Speyer als Familiengrablege aufgegeben werden mußte. Unter den Schlagwörtern Dotation und Restitution wird die Sachsenpolitik Heinrichs III. und Agnes' mit dem Ergebnis beleuchtet, daß die Kaiserin besonders hier von der politischen Linie ihres Mannes abwich und mit einer eher auf Ausgleich als auf Konfrontation ausgerichteten Handlungsweise sehr erfolgreich war. Aus Gedenkzeugnissen unterschiedlichster Art geht hervor, daß die schon unter Heinrich III. einsetzenden Bemühungen um die Kirchenreform von Agnes intensiviert wurden, ja sie sogar für die Kanonikerreform, die Verbreitung der cluniazensischen Observanz in süddeutschen Klöstern und die Etablierung der fruttuarischen Gewohnheiten im Reich maßgeblich wirkte. In Italien belebte sie die seit dem 9. Jh. durch Nekrologien abgelöste Gedenkbuchtradition neu. Nach eingehender Analyse der historiographischen Aussagen über den "Staatsstreich von Kaiserswerth" sieht B.-V. in diesem Ereignis weniger eine gegen die politischen Handlungen der Kaiserin gerichtete Aktion als vielmehr die Entmachtung des untragbar gewordenen "Subregenten" - eine bisher unbekannte rechtliche Institution -, Bischof Heinrichs von Augsburg, durch Erzbischof Anno von Köln, auf den dieses "Amt" jetzt überging. Eine These, die nicht ohne Widerhall in der Forschung bleiben wird. Als Grund für den Rückzug aus der Regierungsverantwortung ermittelt die Vf. einleuchtend die von Agnes selbst als Fehler erkannte Entscheidung, die Wahl Cadalus' von Parma zum Gegenpapst Honorius II. betrieben und damit die Kirche in ein Schisma gestürzt zu haben. Um ihrem Sohn einen reibungslosen Regierungsantritt zu ermöglichen, machte sie nach der Annahme des Witwenschleiers im November 1061 zahlreiche Schenkungen an sächsische Klöster, Stifte und Domkapitel zumeist aus ihren eigenen Gütern, um die einst für ihre eigene Dotation geforderten Besitzungen zu restituieren. Sie bewies also auch nach Kaiserswerth noch politische Handlungsfähigkeit. Ein Jahr vor der Schwertleite Heinrichs IV. kehrte sie sogar an den Hof zurück. Auf dem Weg zu diesen Ergebnissen, die das Bild einer willensstarken und politisch klugen Herrscherin zeigen, bietet die Untersuchung eine Fülle neuer Erkenntnisse zur Reichsgeschichte wie zur Itinerar- und Memorialforschung. Berichtigend ist anzumerken, daß sich Agnes mit der Vergabe des Herzogtums Bayern an Otto von Northeim keineswegs für einen Verwandten ihrer zukünftigen Schwiegertochter Bertha entschied, da nicht dieser, sondern Otto von Schweinfurt († 1057) mit Irmgard (Immula), einer Schwester von Berthas Mutter Adelheid, verheiratet war. Ein Personen- und Ortsnamenregister beschließt dieses anregende und für die Einschätzung der politischen Bedeutung von Agnes längst überfällige Buch.

    Claudia Zey


  211. Elke Goez, Beatrix von Canossa und Tuszien. Eine Untersuchung zur Geschichte des 11. Jahrhunderts (Vorträge und Forschungen. Sonderband 41) Sigmaringen 1995, Jan Thorbecke, 285 S., ISBN 3-7995-6750-X, DEM 79. - Erstmals wird in diesem Buch monographisch die gesamte Überlieferung über die lothringische Herzogstochter aufgearbeitet, die nacheinander mit Markgraf Bonifaz von Tuszien († 1052) und Herzog Gottfried dem Bärtigen († 1069) verheiratet war und zur Wegbereiterin ihrer berühmten Tochter Mathilde wurde, indem sie die familiäre Machtposition in Ober- und Mittelitalien behauptete und das Bündnis mit dem Reformpapsttum schloß. Statt einer erzählenden Lebensbeschreibung bevorzugt die Vf. eine systematische Gliederung nach verschiedenen Handlungsebenen, was um den Preis einiger Wiederholungen gewiß den Vorteil hat, die jeweilige Quellenproblematik deutlicher und das Werk gezielt benutzbar zu machen. Behandelt werden die Entwicklung der dynastischen Stellung der Beatrix, ihre Besitzrechte in Lothringen und Italien (mit interessanten Beobachtungen über die beginnenden Schwierigkeiten in den Kommunen), ihre Herrschaftspraxis (zumal in der speziellen Situation als Witwe und als söhnelose Mutter), ihr persönliches Umfeld (vornehmlich die Zeugen ihrer Urkunden und Beisitzer ihrer Placita) sowie ihre Förderung von Klöstern und Stiften. Von besonderem allgemeinhistorischen Belang sind die Kapitel über ihre Beziehungen zu den einzelnen Saliern sowie zu den Päpsten Leo IX. bis Gregor VII.; den Abschluß bildet eine Erörterung über die (durchaus begrenzte) Erinnerung späterer Jahrhunderte an sie. Insgesamt besticht die Untersuchung durch methodische Umsicht und eine bemerkenswerte Belesenheit in deutscher wie italienischer Spezialliteratur; schon um des verdienstlichen Regesten-Anhangs willen, der immerhin 54 erhaltene oder erschließbare Urkunden im Namen der Beatrix nachweist, wird das Buch künftig bei jeder Beschäftigung mit ihr zu Rate zu ziehen sein.

    R. S.


  212. Tilman Struve, Mathilde von Tuszien-Canossa und Heinrich IV. Der Wandel ihrer Beziehungen vor dem Hintergrund des Investiturstreites, HJb 115 (1995) S. 41-84, zeichnet sorgfältig die wechselvollen Vorgänge der Jahre 1073 bis 1097 nach, in denen die Markgräfin wegen ihrer Bindung an das gregorianische Papsttum in immer schärferen Gegensatz zu dem Salier geriet.

    R. S.


  213. Johannes Laudage, Gregorianische Reform und Investiturstreit (Erträge der Forschung 282) Darmstadt 1993, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, VI u. 195 S., ISBN 3-534-08566-3, DEM 42. - Vorliegendes Werk will nicht nur einen Überblick über die Forschungsdiskussion zum Thema geben, sondern auch versuchen, "die Strukturelemente der Gregorianischen Reform und des Investiturstreits klar herauszuarbeiten" (S. 3). Das geschieht in vier Sachkapiteln unter den Überschriften "Die Entstehung und Überwindung des Investiturproblems", "Der Kampf gegen die Mißstände im Klerus und das Ringen um die Sakramentenlehre", "Die Entfaltung des römischen Primats" und "Die Entwicklungen im Bereich des Ordenswesens". Diese Gliederung ermöglicht, ein Bild von der Vielfalt rerformerischer Impulse und Tendenzen der Epoche entstehen zu lassen, wobei allerdings die ebenfalls durch neue Entwicklungen geprägte politische Situation keine eigenen Konturen gewinnt. Innerhalb der Kapitel liegt der Schwerpunkt jeweils auf der Zeit vor dem Pontifikat Gregors VII. Diese Akzentsetzung und die ausführliche Interpretation vor allem der Schriften Humberts und des Petrus Damiani zeigen das Bemühen, die einzelnen Reformtendenzen jeweils aus bestimmten ideengeschichtlichen Wurzeln zu verstehen. Das führt zu einer prägnanten, geschlossenen Darstellung, hat aber manche Verkürzungen und Einseitigkeiten zur Folge, die immer dann besonders problematisch erscheinen, wenn die historischen Entwicklungen als "folgerichtig" (S. 50, 66 u. ö.), "schwerlich ein Zufall" (S. 42, 85 u. ö.) oder "nur natürlich" (S. 70, 76 u. ö.) qualifiziert werden. In den Hintergrund tritt die Orientierung über den Gang der Forschung; gänzlich verzeichnet wird die Forschungssituation im ersten Kapitel, das in entschlossener Gegnerschaft zum Buch von R. Schieffer (1981) die Entstehung des Investiturverbotes konsequent von der Lateransynode 1059 her entwickelt und einen kanonistischen Neuansatz schon bei Burchard von Worms feststellt, ohne sich mit der Kritik auseinanderzusetzen, die diese Thesen seit ihrer Publikation in der Diss. des Vf. (1984) erfahren haben. Es bleibt bei der Erklärung, "daß es methodisch zumindest sehr bedenklich ist, von der praktischen Anwendung und Durchsetzung einer (abstrakt formulierten) kirchenrechtlichen Norm auf deren ursprünglichen Bedeutungsgehalt rückzuschließen" (S. 29). Die auf dieser Grundlage gewonnenen Ergebnisse werden auf beinahe jeder Seite als "zweifelsfrei" (S. 35, 37 u. ö.), "sicher" (S. 38, 51, 62 u. ö.), "nicht zu bezweifeln" (S. 58, 77 u. ö.) oder ähnlich ausgewiesen, widersprechende Beiträge werden von vornherein mit der vermeintlichen Unangreifbarkeit des "eindeutigen Untersuchungsergebnisses" (S. 31) konfrontiert. So kann der noch nicht aus anderer Hand informierte Leser etwa im Hinblick auf die päpstlichen Äußerungen im Jahr 1075 nur mit L. verwundert zur Kenntnis nehmen, daß "trotz dieses eigentlich ganz eindeutigen Quellenbefundes ... einige Historiker den Versuch unternommen (haben)" (S. 40), eine weniger konsequente Haltung des Papstes nachzuweisen. Dem Leser bleibt, an der Diskussionswürdigkeit der mit solchen Formulierungen eingeführten Forschungsbeiträge zu zweifeln - oder auf ein Handbuch zurückzugreifen, das umfassend und objektiv den Forschungsstand referiert.

    Ludger Körntgen


  214. R. W. Southern, St. Anselm: a portrait in a landscape, Cambridge 1990, Cambridge University Press, XXIX u. 493 S., ISBN 0-521-36262-8. - 1963 veröffentlichte S. eine Studie unter dem Titel Saint Anselm and his biographer, in der er nicht nur Anselm als Theologen und Erzbischof, sondern auch sein Verhältnis zu Eadmer behandelte, dem Vf. der ältesten Vita und einer Chronik Englands in den 1090er und 1100er Jahren, dem wir sehr viele Nachrichten über Anselm verdanken. Sie diente somit auch als erweiterte Einleitung zu S.s Ausgabe der Vita Anselmi (1962). Das vorliegende Buch sollte ursprünglich eine Überabeitung der früheren Studie sein, ist aber dann im Laufe der Zeit zu einer völlig neuen, breit angelegten Biographie geworden. Anselm ist in den letzten dreißig Jahren Objekt vielseitigen Interesses gewesen: Philosophen haben nicht nur seinen ontologischen Gottesbeweis, sondern auch seine Logik studiert; seine umfangreiche Briefsammlung ist im Hinblick auf sein Freundschaftsverständnis und sogar auf die Frage, ob Anselm homosexuell gewesen ist, untersucht worden; an Versuchen, Anselms Politikverständnis und politische Praxis als weniger jenseitsbetont und mehr weltlich, sogar realpolitisch darzustellen, hat es nicht gefehlt. S. verfolgt die Laufbahn Anselms vom Juristen und Gelehrten zum Mönch und Abt in Bec und Erzbischof in Canterbury, wobei er die verschiedenen Werke Anselms zum chronologisch passenden Punkt erörtert und somit die Wechselbeziehungen zwischen Schrifttum und Biographie viel klarer erscheinen läßt, als bei getrennter Behandlung der Fall gewesen wäre. Dabei nimmt er zu allen Kontroversen dezidiert Stellung: Gelegentlich hat man sogar das Gefühl, die Verunstaltung Anselms in der neueren Forschung ist der eigentlicher Anlaß für das Buch gewesen. Es bietet aber viel mehr, nämlich den ersten Versuch, Anselm als Ganzes zu sehen und die komplizierten Beziehungen zwischen dem Intellektuellen, dem Mönch, dem Moralisten, dem Erzbischof und dem Politiker klarzumachen. Daß diese Beziehungen für S. doch eine Einheit sind, geht aus dem sehr bewegten und bewegenden Schlußkapitel hervor. Eine Zusammenfassung dieser wunderbar ruhig geschriebenen und fein- und scharfsinnig durchdachten Biographie ist unmöglich; sie muß gelesen werden. - In einem wichtigen Anhang (S. 453-481) untersucht S. die Entstehung der Anselmschen Briefsammlung und stellt die Verhältnisse zwischen den Haupthss. auf eine neue Grundlage.

    T. R.


  215. Hubertus Seibert, Reichsbischof und Herrscher. Zu den Beziehungen zwischen Königtum und Wormser Bischöfen in spätsalisch-frühstaufischer Zeit (1107-1217), ZGORh 143 (1995) S. 97-144, beschreibt die staufische Epoche als Phase intensiven Zusammenwirkens.

    E.-D. H.


  216. Ludwig Vones, Der gescheiterte Königsmacher. Erzbischof Adalbert I. von Mainz und die Wahl von 1125, HJb 115 (1995) S. 85-124, entwickelt bei erneuter Interpretation der Narratio de electione Lotharii (MGH SS 12 S. 509-512) die bedenkenswerte These, nicht Herzog Lothar von Sachsen, sondern Markgraf Leopold III. von Österreich, der Schwager Kaiser Heinrichs V., sei für Erzbischof Adalbert und andere Gegner des Wormser Konkordats im Episkopat der erwünschte, aber von der sächsischen Partei geschickt vereitelte König gewesen. Spekulativer wirken die daran geknüpften Überlegungen, das umstrittene Pactum (zur Revision des Konkordats) sei in der Göttweiger Hs. der Narratio erst im Zuge der Auseinandersetzungen um den Salzburger Erzbischofsstuhl 1164/66 interpoliert worden, gebe aber gleichwohl ein Programm der Anhänger Leopolds von 1125 wieder, das König Lothar stillschweigend als für Bayern und Österreich verbindlich anerkannt habe.

    R. S.


  217. Marjorie Chibnall, The empress Matilda. Queen consort, queen mother and Lady of the English, Oxford 1991, Blackwell, 327 S., ISBN 0-631-15737-9, GBP 29,95. - Erstaunlicherweise ist diese Biographie die erste wissenschaftliche Behandlung des Themas seit der Diss. Rösslers (1897), und diese beschränkte sich auf die Zeit bis 1148, obwohl die letzten zwanzig Jahre, in denen sich Mathilde als bedeutende Gönnerin von Klöstern und Kirchen erwies und eine signifikante Rolle in den Anfängen des Becketstreites spielte, keineswegs uninteressant sind. Die Grundstruktur des Buches liefert die epigrammatische Grabinschrift im Kloster Bec: Ortu magna, viro maior, sed maxima partu, /Hic iacet Henrici filia, sponsa, parens. Die Reihenfolge im geschichtlichen Ablauf war freilich eine andere: Sie hat ihre Karriere als Frau Heinrichs V. begonnen, und erst nach dem Untergang des Weißen Schiffes 1120 wurde sie zur möglichen Thronfolgerin in England und der Normandie, anfangs, wie K. Leyser gezeigt hat, zusammen mit ihrem ersten Mann, dann nach 1127 bzw. 1135 für sich selbst, wobei ihre zweite Heirat mit Gottfried von Anjou eher ein Hindernis war, in England zumindest. Erst nachdem Stephan durch ungeschicktes Handeln erhebliche Opposition provoziert hatte, agierte sie eine Zeitlang als Führerin der Gegenpartei, ohne eine solide Herrschaft in England aufbauen zu können. Die Grabinschrift stellt auch implizit die Frage nach den Grenzen und Möglichkeiten der Herrschaft einer Königin im 12. Jh., und C. zieht die naheliegenden Vergleiche zwischen Mathilde und ihren Zeitgenossinnen Urraca von León-Kastilien und Melisende von Jerusalem. Mathilde wurde weder Kaiserin - obwohl die anglonormannischen Quellen sie als imperatrix bezeichnen - noch Königin, denn nach ihrer Anerkennung als domina Anglorum 1141 führten Änderungen in der Politik dazu, daß sie auch in England Krönung und Salbung nicht empfangen hat. Herrschaft konnte eine Frau im 12. Jh. auf Dauer praktisch nur über einen Ehemann oder einen Sohn ausüben, und es war nur konsequent, daß sie nach 1144 ihren Anspruch auf England weitgehend durch ihren Sohn Heinrich, den späteren Heinrich II., aufrechterhalten ließ. Das alles hat C. in einem schön geschriebenen und sorgfältig recherchierten Buch dargestellt, welches als Muster einer politischen Biographie für dieses Zeitalter gelten kann.

    T. R.


  218. Heinrich der Löwe und seine Zeit, Herrschaft und Repräsentation der Welfen 1125 bis 1235. Katalog der Ausstellung Braunschweig 1995. 3 Bde., hg. von Jochen Luckhardt und Franz Niehoff zusammen mit Gerd Biegel, München 1995, Hirmer, 717 bzw. 572 bzw. 275 S., ISBN 3-7774-6690-5. - Wie 1993 in Hildesheim Bischof Bernwards anläßlich seiner Bischofsweihe 993 und seiner Heiligsprechung 1193 in einer großen Ausstellung gedacht wurde, bot 1995 der 800. Todestag Herzog Heinrichs des Löwen dem benachbarten Braunschweig die Möglichkeit, in einer noch umfangreicheren Schau einem interessierten Publikum Leben und Werk des Löwen vor Augen zu führen. Solche Ausstellungen lassen sich leicht ins Überdimensionale steigern, wenn man sich entschließt, den zu Ehrenden in ein möglichst weit gefaßtes Beziehungsgeflecht hinein zu stellen, wie es hier und in der Bernwardausstellung geschehen ist. - Der erste Bd. enthält die Beschreibung von rund 450 Exponaten, von denen sich gut ein Viertel auf den Welfenherzog bezieht, die übrigen aber der Herrschaft und Repräsentation der Welfen von 1125 bis 1235 gewidmet sind, und bei vielen Stücken (z. B. aus dem Besitz des Thomas Becket, D 117 ff. oder bei Schachfiguren aus Norwegen B 24) fragt man sich, was sie eigentlich mit den Welfen zu tun haben. In Bd. 2 bilden Leben und Politik des Herzogs das Zentrum der hier vereinigten fünfzig Aufsätze (Bd. 2 S. 121-352), das von Ausführungen über Weltbild und Geschichtsschreibung im 12. Jh. (S. 15-46), das Geschlecht der Welfen (S. 47-88), über Kaiser Lothar III. (S. 89-119) und Kaiser Otto IV. (S. 353-386), die welfische Städtepolitik (S. 387-424) und Kunst und Kultur um 1200 in Sachsen (S. 425-528) eingerahmt wird. Aus Bd. 3 über das Nachleben des Welfen ist für uns einschlägig die Auffassung Heinrichs des Löwen in der Historiographie des 19. und 20. Jh., dargestellt von Hartmut Boockmann (S. 48-57). Alle drei Bde., überreich und vorzüglich bebildert, bieten eine Fülle von Informationen, an die allerdings nur mühsam zu gelangen ist, weil die ca. 1500 Seiten ganz unzulänglich durch Register erschlossen sind. Wer z. B. wissen möchte, welche Barbarossa-Urkunden oder Urkunden Heinrichs des Löwen in dem Katalog behandelt sind, kommt nur zum Ziel, wenn er Bd. 1 von S. 30 bis 638 durchblättert oder das dreispaltige Register der Abbildungen (Bd. 1, S. 705-713) genauestens durchstudiert, denn Urkunden sind nur unter ihren Aufbewahrungsorten verzeichnet. - Nach Auskunft des Verlags soll es noch einen 4. Katalogband mit dem Titel "Arbeit am Mythos einer Region" geben, der aber nur in der Ausstellung erworben werden konnte.

    D. J.


  219. Wolfgang Georgi, Friedrich Barbarossa und die auswärtigen Mächte. Studien zur Außenpolitik 1159-1180 (Europäische Hochschulschriften, Reihe 3, 442) Frankfurt am Main u. a. 1990, Peter Lang, 608 S., ISBN 3-631-42513-9, DEM 118. - Diese bei O. Engels entstandene Kölner Diss. behandelt einen Zeitabschnitt, der vor allem durch das päpstliche Schisma geprägt wurde. Obwohl es durchaus langfristige außenpolitische Ziele hätte geben müssen, sah die Wirklichkeit der damaligen diplomatischen Praxis anders aus: "sprunghaft und wenig stringent und abhängig von kurzfristigen politischen Entwicklungen" (S. 350). Einige konstante Interessenfelder lassen sich schon ausmachen: Verhinderung einer Erweiterung der byzantinischen Machtsphäre auf Italien; Sicherung der Vorherrschaft über Burgund und die Provence; Einflußnahme auf die Westmächte, England und Frankreich, mittels amicitia. Die institutionellen Mittel und die damaligen Kommunikationsmöglichkeiten ließen aber nur selten eine konsequente und durchdachte Politik zu. Zwar sieht G. im Kreis der Gesandten Barbarossas Anzeichen dafür, daß einige maßgebliche Leute als diplomatische Spezialisten galten, aber es gibt kaum Beispiele für Personen, die exklusiv oder auch nur hauptsächlich diplomatisch tätig waren. Auch das "im Entstehen begriffene europäische Staatensystem" (S. 356), das G. wie andere vor ihm in dieser Zeit ausmachen möchte, war doch sehr im Entstehen begriffen: Die Außenpolitik als ein dauerhaft die Politik und die Politiker bestimmendes Moment gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Das schmälert den Wert dieser sehr ausführlichen Monographie aber nicht, deren Stärke vor allem in der sorgfältigen und minutiösen Auswertung der Quellen und der ziemlich umfangreichen Literatur liegt, was vielfältige Korrekturen am bisherigen Bild des historischen Ablaufs nach sich zieht. Leider bedeutet die im Zeitalter der computervorbereiteten Offsetdruckvorlage kaum noch nötige Entscheidung für Endnoten eine etwas erschwerte Lektüre, enthalten doch die Endnoten, die fast das halbe Buch ausmachen, sehr viel an Einzelheiten und korrigierenden Urteilen.

    T. R.


  220. Reinhard Härtel, Itinerar und Regierungsweise Heinrichs VI., Atti Accademia Peloritana dei Pericolanti, Classe di lettere, filosofia e belle arti 69 (1995) S. 41-64, gibt einen aufschlußreichen Überblick statistischer Untersuchungsergebnisse über die räumliche Verteilung der Aufenthaltsorte des Staufers und der Empfänger seiner Urkunden. Beobachtet werden Unterschiede zwischen zentralen und peripheren Regionen seiner Herrschaft wie auch im Regierungsstil Heinrichs und seiner Gemahlin Konstanze im Süden.

    R. S.


  221. Alois Schütz, Das Geschlecht der Andechs-Meranier im europäischen Hochmittelalter, in: Herzöge und Heilige. Das Geschlecht der Andechs-Meranier im europäischen Hochmittelalter. Katalog zur Landesausstellung im Kloster Andechs 13. Juli - 24. Oktober 1993, München 1993, Haus der Bayerischen Geschichte, S. 21-185, Abb., ISBN 3-927233-29-3. - Der 750. Todestag der hl. Hedwig, der Herzogin von Schlesien aus dem Geschlecht der Andechser, gab lediglich den äußeren Anlaß und Rahmen zu einer Ausstellung, die sich dem Werdegang und Wirken dieser süddeutschen Hochadelsfamilie vornehmlich im 12. und 13. Jh. widmete. Den grundlegenden Beitrag verfaßte S., der unter breiter Auswertung der gedruckten Quellen und intensiver Berücksichtigung der bisherigen Forschung die historische Rolle der Andechser als Gegenspieler der aufstrebenden Wittelsbacher neu bewertet. Einen zweiten Schwerpunkt in den Ausführungen bilden die Personen der Hl. Elisabeth und Hedwig sowie der Andechser Heiltumsschatz. Ein ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis sowie ein Personenregister erschließen den Band, der über den sonst üblichen Informationsgehalt vieler Ausstellungskataloge wissenschaftlich hinausreicht.

    C. L.


  222. Raymonde Foreville, Le pape Innocent III et la France (Päpste und Papsttum 26) Stuttgart 1992, Anton Hiersemann, XI u. 414 S., ISBN 3-7772-9226-5, DEM 220. - Der hier anzuzeigende Bd. hat eine Parallele in dem vor zwanzig Jahren in der gleichen Reihe erschienenen Buch von C. Cheney über Innozenz III. und England (vgl. DA 37, 382 f.). Anders als bei Cheney, der die Beziehungen des Papstes und der Kurie zur Insel ganz vom kirchenrechtlichen Blickwinkel her anging, wird von F. der pastorale Aspekt stärker betont. Die ungeheure Fülle und Vielfältigkeit der Probleme und Fragen, mit denen das Papsttum Ende des 12. und Anfang des 13. Jh. aus Frankreich konfrontiert wurde, versucht die Vf. in vier Abschnitten zu bewältigen. Das erste Kapitel ist den monastischen und nichtmonastischen Orden, den Beziehungen des Papstes zu den großen Abteien, zu Templern und Johannitern, der Reform von Klöstern und der Disziplin in ihnen gewidmet (S. 13-127). Das zweite Kapitel befaßt sich mit dem Verhältnis Innozenz III. zum Klerus des Königreichs, zu Metropoliten, Bischöfen und Domkapiteln, seine Stellungnahme zu Fragen der Disziplin, mit Reformversuchen in der Diözesanverwaltung und mit Gerichtsverfahren des Weltklerus vor dem päpstlichen Gericht (S. 129-215). Unter dem Titel "Friede und Glaube, Moral und Politik" werden Innozenz III. und der Albigenserkreuzzug und das Verhältnis des Papstes zu Philipp August, das durch die Scheidungsaffäre des Königs belastet war, abgehandelt (S. 217-312). Im vierten Teil befaßt sich F. mit dem Vierten Laterankonzil, dem Einfluß von Franzosen auf die Formulierung der Konzilsdekrete und ihre Umsetzung in Frankreich. Eine kurze "Conclusion", Bibliographie und Register der Sachen und Namen beschließen den Bd., der ausführlich und kritisch von Marcel Pacaut, RHE 89 (1994) S. 170-172 und Ludwig Falkenstein, ZRG Kan. 81 (1994) S. 449-461 besprochen wurde.

    D. J.


  223. Brenda Bolton, Innocent III: Studies on Papal Authority and Pastoral Care (Collected Studies Series CS 490) Aldershot 1995, Variorum, XVI u. 318 S. ohne durchgehende Paginierung, 1 Frontispiz, ISBN 0-86078-489-4, GBP 45. - Ausschließlich verschiedenen Aspekten des Wirkens von Innozenz III. ist der vorliegende Bd. mit 19 aus den 70er und den 90er Jahren stammenden Beiträgen der englischen Mediävistin gewidmet.

    M. S.


  224. Stefan Sienell, Papst Innocenz III. (1198-1216) und die Kölner Erzbischöfe, Jb. des kölnischen Geschichtsvereins 65 (1994) S. 13-53, gibt einen faktengeschichtlichen Überblick, in dem er jedem Erzbischof einen eigenen Abschnitt zuweist, auch wenn sich ihre Amtszeiten infolge der Parteiungen des Thronstreits überschnitten.

    E.-D. H.


  225. De la Meuse à l'Oder. L'Allemagne au XIIIe siècle. Sous la direction de Michel Parisse avec la collaboration de Sylvain Gouguenheim, Pierre Monnet, Joseph Morsel, Paris 1994, Picard, 231 S., ISBN 2-7084-0471-7, FRF 120. - Das von vier Autoren vorgelegte Sammelwerk dient der schnellen Information über deutsche Geschichte im 13. Jh., bei der Ostsiedlung und beim Deutschordensstaat übrigens entgegen dem Titel über die Oder hinaus. In sechs Kapiteln werden zunächst - sehr knapp - die Ereignisse 1198-1308 und die politischen Strukturen (beides durch S. Gouguenheim) behandelt, dann - ausführlicher und genauer - die Kirche (M. Parisse), die Laiengesellschaft mit dem Adel, den Ministerialen, den Bauern und Bürgern (J. Morsel) sowie die Städte einschließlich Geldwesen, Handwerk und Handel (P. Monnet); zuletzt wird - wieder sehr knapp - die Kultur (M. Parisse) dargestellt. Die Gliederung des Gesamtwerks ist klar durchdacht, Wiederholungen werden vermieden. Andererseits stand die Publikation offenbar unter Zeitdruck, so daß Irrtümer (S. 42 Pfalzgraf Rudolf nicht der Bruder, sondern der Schwestersohn von König Albrecht I., S. 213, Z. 1 Dietrich von Freiberg, nicht von Friedberg) und fragwürdige ältere Anschauungen (S. 55 der Leihezwang als rechtliche Verpflichtung; die Arbeit von W. Goez, 1962, fehlt ebenso wie die Aufsätze von H.-G. Krause, ZRG Germ. 93, 1976, S. 21-99 und von H. Leppin, ebd. 105, 1988, S. 239-252 im Literaturverzeichnis) erhalten blieben. Im allgemeinen jedoch verdient die Kenntnis deutschsprachiger Literatur in den Sachkapiteln Anerkennung, selbst wenn man die Auswahl kritisieren kann (z. B. wird S. 156 von Karl Bosl sein Buch "Europa im Aufbruch", 1980, angeführt, nicht die grundlegende Studie zur Reichsministerialität) und wenn Namen und deutsche Titel mitunter entstellt sind. Dies alles sind Kinderkrankheiten eines präzise aufgebauten Textbuchs, das besonders vom zweiten bis fünften Kapitel für Studium und Lehre mit Gewinn zu lesen ist. Übersetzungen wünscht man sich nicht nur ins Deutsche, sondern auch ins Englische und in slawische Sprachen, denn schließlich werden Mentalitäten und Strukturen einer Epoche deutscher Geschichte erläutert, in der für ganz Mitteleuropa wichtige Weichen gestellt wurden.

    K. B.


  226. Gary Dickson, La genèse de la croisade des enfants (1212), Bibliothèque de l'Ecole des Chartres 153 (1995) S. 53-102, setzt seine Studien zum Kinderkreuzzug fort (vgl. DA 48, 760) und lenkt zurück zu der älteren Auffassung, wonach die Bewegung in der Ile-de-France entstanden sei, nicht in Lothringen und im Rheinland. Das mag durchaus so sein, erklärt aber nicht, warum lothringische Chroniken beide Züge erwähnen, französische nur den eigenen. Bis zum heutigen Tag ist man in Frankreich trotz Madame de Staël über Deutschland nicht sonderlich gut informiert. Daß sich diese Kollektivpsychose an Prozessionen und Litaneien gebildet habe, die der Papst zugunsten von Spanien angeordnet habe, ist ein interessanter Gedanke, aber nicht mehr als eine Möglichkeit. Nach wie vor bleibt vieles dunkel.

    H. E. M.


  227. Falko Neininger, Konrad von Urach († 1227). Zähringer, Zisterzienser, Kardinallegat (Quellen und Forschungen aus dem Gebiet der Geschichte. Hg. im Auftrag der Görres-Gesellschaft, N. F. 17) Paderborn 1994, Ferdinand Schöningh, 618 S. mit 6 Abb., 1 lose Falttafel, ISBN 3-506-73267-6, DEM 58. - Konrad, Sohn eines Grafen von Urach und einer Zähringerin, hat als Zisterzienserabt und Kurienkardinal in den Jahren 1213-1227 eine nicht unbedeutende Rolle gespielt. Die einzige Biographie, die freilich auf einer schmalen Quellenbasis beruhte, ist von 1867. Der Vf. der vorliegenden Bonner Diss. hat sich daher bemüht, weitere Quellen aufzuspüren vor allem in deutschen und ausländischen Archiven. Daraus ist das Kapitel "Regesten und Urkunden" erwachsen, in dem N. 434 Stücke verzeichnet und 48 bisher ungedruckte Urkunden ediert, denen er noch "Anmerkungen zur Diplomatik der Legatenurkunden" folgen läßt. Dieses Material reichte freilich für eine Biographie im strengen Sinne nicht aus, und so behalf sich der Vf. damit, das Leben Konrads in eine breite Darstellung der Zeitgeschichte einzufügen, soweit das für das Verständnis seines Wirkens notwendig war. Der in Lüttich Erzogene wurde 1199 Zisterzienser und bewährte sich in den bald von ihm bekleideten Ämtern als Abt von Villers, Clairvaux und Citeaux als Organisator und Vermittler. Sein Ruf dürfte dazu beigetragen haben, daß Honorius III. ihn 1216 mit diplomatischen Missionen betraute und 1219 zum Kardinalbischof von Porto und S. Rufina erhob. Auch als solcher blieb er seinem Orden verbunden, förderte aber auch die Dominikaner, die Frauenseelsorge und die Gründung des Magdalenerinnenordens. In die große Politik wurde er verwickelt durch seine Legationen. In Frankreich (1219-23) nahm er am Albigenserkreuzzug teil. In Deutschland (1224-26) predigte und warb er für den Kreuzzug Friedrichs II., schlichtete viele Konflikte und verhinderte eine französische Heirat Heinrichs (VII.). In seinen letzten Lebensjahren war er vorwiegend an der Kurie tätig. Bei Friedrich II., mit dem er einst in Streit wegen des zähringischen Erbes gelegen hatte, stand er nun in hohem Ansehen und sollte anscheinend als päpst-licher Legat am Kreuzzug teilnehmen. Vielleicht in Apulien starb er im September 1227. Ein Register der Orts- und Personennamen beschließt die fleißige und lehrreiche Arbeit.

    H. M. S.


  228. Ernst Schubert, Einführung in die Grundprobleme der deutschen Geschichte im Spätmittelalter (Grundprobleme der deutschen Geschichte) Darmstadt 1992, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, VI u. 328 S., ISBN 3-534-08823-9, DEM 59. - Der Vf. will keine detaillierte, auf die Vielfalt der geschichtlichen Ereignisse eingehende, sondern eine strukturgeschichtlich orientierte Darstellung Deutschlands im Spät-MA liefern. Das aus sieben Kapiteln bestehende Buch behandelt zuerst, was man unter Spät-MA und "deutsch" zu verstehen hat (zu der S. 26 f. dargestellten Entwicklung von "deutschen Landen" zu "Deutschland" sollte man allerdings jetzt die sehr zurückhaltenden Äußerungen von Rüdiger Schnell, vgl. DA 46, 276 in Betracht ziehen); dann skizziert Sch. die natürlichen Bedingungen im spätma. Deutschland sowie die sozialen Verhältnisse auf dem Land und in der Stadt, die wirtschaftliche Entwicklung und die verfassungsgeschichtlichen Strukturen, schließlich Kirche und Frömmigkeit. Der Akzent liegt deutlich auf historiographisch orientierten Fragestellungen. Dabei wird man dem Vf. nicht immer bedenkenlos zustimmen, so läßt die am Anfang des Buches allgemein geführte Diskussion und scharfe Ablehnung der Abelschen Theorie einer säkularen Agrarkrise im Spät-MA die Nichteinbeziehung der zahlreichen Regionaluntersuchungen im westlichen Europa vermissen. Aber eine souveräne Kenntnis der deutschen Literatur, sorgfältig gewählte konkrete Beispiele und nicht zuletzt ein nicht vor provozierenden Formulierungen zurückschreckender Stil (z. B. S. 221 "Nicht die Artillerie hat zum Verfall der Burgen geführt, sondern ... die neuen Formen der Verwaltung, die Feder also und nicht die Flinte") machen das Werk zu einer immer spannenden und lehrreichen Lektüre. Alles in allem, ein sehr gelungenes Buch.

    Jean-Marie Moeglin


  229. Felicitas Schmieder, Europa und die Fremden. Die Mongolen im Urteil des Abendlandes vom 13. bis in das 15. Jahrhundert (Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters 16) Sigmaringen 1994, Jan Thorbecke, 396 S., 33 Abb., ISBN 3-7995-5716-4, DEM 92. - Die europäische Wahrnehmung der mongolischen Reichsbildung, ihrer historischen Voraussetzungen und kulturellen Bedingungen, kann als ein schlagendes Beispiel für die Möglichkeiten und Grenzen der Fremdwahrnehmung im MA betrachtet werden. Denn in den Enzyklopädien und Kompendien vor dem 13. Jh. war für das Volk aus Innerasien kein Platz vorgesehen, und sämtliche Beobachter hatten sich erst einen Reim auf die Nachrichten zu machen, die über fast eineinhalb Jahrhunderte hinweg - teils bedrängend, teils beeindruckend - den Westen von zumeist fernen Schauplätzen erreichten. Die vorliegende Arbeit beschreibt minutiös und kenntnisreich die vielfältigen Versuche, die Mongolen in das europäische Welt- und Geschichtsbild einzuordnen, fragt nach den Formen der Begegnung, nach der Art der Urteile und Vorurteile, die dabei zum Ausdruck kamen, und geht den Lernprozessen nach, in die das Nachdenken über Herkunft, Lebensweise und Kriegführung jenes rätselhaften Volkes mündete. Sie kann an frühere Untersuchungen (G. A. Bezzola vor allem) anknüpfen, geht aber, was den zeitlichen Rahmen, die Breite des Quellenmaterials und auch die Dichte der Darstellung betrifft, deutlich über diese hinaus. Zwar muß mit Textverlusten gerechnet werden, und ein Gutteil des Wissenstransfers ist gar nicht oder nur unzureichend dokumentiert, da er mündlich erfolgte (S. 48 ff.). Aber auch so wird deutlich, in welchem Maße die Kenntnis der "Tartaren" die Vorstellungswelt der Europäer bestimmte. Breit ausgeführt sind die politischen Kontakte, die verschiedene Päpste sowie die Könige von England, Frankreich, Aragón und Kastilien mit mongolischen Herrschern (vor allem in Persien) unterhielten (S. 73 ff.), und die Vf. kann zeigen, wie die Wahrnehmung der mongolischen Kultur und Politik, die Vorstellungen von Barbarei und Grausamkeit, aber auch von Reichtum, Vorbildlichkeit und geistiger Nähe (Aussichten der Missionierung), die Haltung und das Handeln der Entscheidungsträger jeweils beeinflußte. Äußerst reizvoll ist es aber auch zu verfolgen, wie die mongolische Geschichte und Gegenwart für die europäische Sicht von Vergangenheit und Endzeit in Anspruch genommen wurde (S. 247 ff.). Schließlich sind mit den Prophetien und eschatologischen Visionen auch Quellen zum Sprechen gebracht, die einmal als "abstrus" und geradezu "kindisch" bezeichnet wurden (O. Holder-Egger, NA 30, 323), deren Wert für die Rekonstruktion eines teleologischen Geschichtsverständnisses jedoch gar nicht überschätzt werden kann. Die spätma. Enzyklopädien, Weltkunden, Kreuzzugsgutachten und nicht zuletzt Karten, vornehmlich des 15. Jh., führen auf der anderen Seite den geographischen Ertrag des Nachdenkens über die "Tartaren" vor Augen (S. 285 ff.). - Ein Verzeichnis diplomatischer Gesandtschaften, die Edition eines Briefs Johannes' XXII. über den Handel mit Ungläubigen sowie ausführliche Verzeichnisse (Hss., Quellen, Literatur, Register) beschließen den wichtigen Band.

    Folker Reichert


  230. Gerhard Rösch, Kaiser Friedrich II. und Tirol, Der Schlern 69 (1995) S. 722-732, arbeitet vor allem Parallelen zwischen der Politik des letzten Staufers und Graf Meinhards II. von Tirol († 1295) heraus, der als Begründer des Landes Tirol gilt.

    Josef Riedmann


  231. Markus Twellenkamp, Die Burggrafen von Nürnberg und das deutsche Königtum (1273-1417) (Nürnberger Werkstücke zur Stadt- und Landesgeschichte 54. Schriftenreihe des Stadtarchivs Nürnberg) Nürnberg 1994, Stadtarchiv Nürnberg, V u. 270 S., ISBN 3-87432-129-0. - Die Bonner Diss. untersucht ihr Thema hauptsächlich anhand der in den Monumenta Zollerana edierten Urkunden. Der erste, größere Teil (S. 22-159) behandelt chronologisch die neun Herrscher von der Wahl Rudolfs von Habsburg 1273 bis zur Belehnung mit Brandenburg unter Siegmund 1417. Einige Sachfragen werden hier bereits thematisiert, so die Finanzgeschäfte unter Ludwig dem Bayern und die Zollern als königliche Räte unter Karl IV. Der zweite Teil (S. 160-211) bringt als weitere systematische Aspekte Königsaufenthalte, Rechtsbestätigungen, Heiratspolitik, Schiedsgericht durch die Burggrafen, das Nürnberger Landgericht und die militärischen Leistungen. Außerordentlich nützlich ist der Anhang mit Itineraren, Währungskursen und Preisen sowie einer Liste der Landrichter 1265-1417. Man liest das Werk mit Gewinn, nicht nur, weil eine vergleichbare Überblicksdarstellung der zollerischen Politik bisher fehlte, sondern auch, weil der Vf. sich zu vielen Problemen beachtliche eigene Gedanken gemacht hat (z. B. zu den Geldgeschäften unter Ludwig dem Bayern, zur Einsetzung in Brandenburg durch Siegmund). Andererseits bleiben ohne Berücksichtigung territorial- und landesgeschichtlicher Zusammenhänge, die der Vf. oft nicht nur bewußt ausblendet, sondern anscheinend gar nicht kennt, viele reichspolitische Vorgänge unklar. Dies fällt besonders dort auf, wo die Sekundärliteratur nicht weiterhilft. Die Westexpansion der Burggrafen seit 1378 (Uffenbeim, Feuchtwangen, Crailsheim, Bebenburg, Erbe der Brauneck mit Creglingen, Versuche zum Erwerb von Gailnau und Schillingsfürst) und die Reaktion darauf unter Wenzel und Ruprecht ist ohne die Krise der Hohenlohe (Verpfändungen, Aussterben der Linien Brauneck und Uffenheim-Endsee-Speckfeld) und das Scheitern der Landgrafen von Leuchtenburg in Franken ebenso unverständlich wie die Rothenburger Fehde 1407/08 ohne die aggressive, sowohl die Zollern als auch Würzburg bedrohende und deshalb ausnahmsweise zusammenführende Politik des Bürgermeisters Heinrich Toppler. Außerdem wurden bei der raschen Drucklegung neben kleinen Fehlern (S. 215: Sommer 1409, nicht 1309), die unvermeidlich sein mögen, gravierendere Errata übersehen: Daß Adolf von Nassau, Albrecht I. und Heinrich VII. die Burggrafen als nobiles vires bezeichnen (S. 82), dürfte auf unsichere Lateinkenntnisse hindeuten, aber kaum wie unter den Merowingern bei den Schreibern in der Königskanzlei. Der Mergentheimer Friede wurde, wie es S. 131 richtig heißt, am 8. Februar 1408 geschlossen; S. 135 ist hingegen irrig vom 8. Januar 1408 die Rede, und ebenso erfolgte die Vorladung wegen Meißen am 6. Februar, nicht 6. Januar 1408 (Regesten der Pfalzgrafen am Rhein II Nr. 5168). Diese einschränkenden Bemerkungen sollen jedoch den positiven Gesamteindruck nicht verwischen. Die Arbeit ist keine umfassende Geschichte der Burggrafen von Nürnberg, will dies auch gar nicht sein, füllt aber eine Lücke und wird sicher mit Nutzen sowohl von der allgemeinen Geschichte als auch von der Landesgeschichte rezipiert werden.

    K. B.


  232. Das 14. Jahrhundert. Krisenzeit. Hg. von Walter Buckl (Eichstätter Kolloquium 1) Regensburg 1995, Pustet, 240 S., ISBN 3-7917-1467-8. - Der vorliegende Bd. enthält 13 Beiträge, die das 14. Jh. in leicht verständlicher Sprache einem breiteren Publikum nahebringen wollen. Es geht vornehmlich darum, der Abstempelung als "Herbst des Mittelalters" entgegenzutreten und es als Epoche des Übergangs und des Aufbruchs zu Neuem darzustellen. Dies wird besonders deutlich in der Einführung von Walter Buckl (S. 9-18) und im Beitrag von Ruedi Imbach, Zur Krise des philosophischen Denkens im frühen 14. Jh. (S. 53-65), der den neuen Schwung als Basis für die Neuzeit versteht. Es folgen fächerübergreifend Aufsätze von Ernst Reiter, Das Papsttum in Avignon (S. 19-32), ein klarer Überblick über Abläufe und Organisation, Georg Steer, Meister Eckhart (S. 33-52), der die neue Interpetation einer deutschen Bibel für das Volk aufzeigt, und Gundolf Keil, Pest im Mittelalter: die Pandemie des "Schwarzen Todes" von 1347 bis 1351 (S. 95-108), der einen Aufschwung medizinischer Beobachtung und deren Darstellung in der Medizinliteratur als einer neuen Gattung sieht. Die Arbeiten zur Literatur bilden den Schwerpunkt des Bandes. Sie bieten einen guten Einblick in die Zeit des Aufbruchs: Walter Buckl, Dannoch wær dâ zweifel. Das "Buch von den natürlichen Dingen" des Konrad von Megenberg (S. 109-132), zeigt anhand dieses Kompendiums, wie der Vf. sowohl Autoritäten zitiert, aber auch eigene Beobachtungen dem Leser zur eigenen Meinungsbildung vorlegt. - Paul Geyer, Boccaccios Decameron als Schwellenwerk: Vom Karnevalesken zum Kasuistischen (S. 179-212), Ernst Leisi, Chaucers Canterbury Tales (S. 213-226), Günter Niggl, An der Schwelle zum deutschen Frühhumanismus: "Der Ackermann aus Böhmen" (S. 227-238, 3 Abb.) und Georges Güntert, Dantes Göttliche Komödie: Zur Struktur des Purgatorio (S. 67-94), zeigen, wie die zeitgenössische Literatur sowohl in der Formen- als auch der Themenwahl, nicht nur Altes fortführte, sondern Neues ins Werk setzte. Mit Norbert Knopp, Zur Kunst des 14. Jahrhunderts (S. 133-144), Karlheinz Schlager, Ars nova, oder: Der Griff nach der Zeit. Zur Musik im 14. Jh. (S. 145-152), Gerhard Regn, Der andere Weg: Humanismus, Philosophie und Dichtung in Petrarcas Canzoniere (S. 153-178), sind weitere Bereiche der Äußerung menschlichen Handelns und dessen Entwicklung im 14. Jh. abgedeckt. Jeder Aufsatz hat eine eigene Literaturliste.

    G. S.


  233. Dietrich Kurze, Der Propstmord zu Berlin 1324, Jb. für Berlin-Brandenburgische KG 60 (1995) S. 92-136, stellt nach nochmaliger genauer Prüfung der Quellen fest, daß Propst Nikolaus von Bernau am 16. August des genannten Jahres auf dem Neuen Markt von den Berlinern verbrannt wurde; er gibt im Anhang einen umfangreichen Überblick über die Aussagen der bisherigen Literatur zu dem Ereignis und ediert die diesem zeitlich am nächsten stehende Quelle, einen Brief des Papstes Johann XXII. von 1325, der die Exkommunikation der Täter betrifft.

    Wolfgang Eggert


  234. Karl Augustin Frech, Reform an Haupt und Gliedern: Die Antwort des Konzilstheoretikers Wilhelm Durant auf die Krise der Kirche, ZRG Kan. 81 (1995) S. 352-371, zeigt, daß Wilhelmus Durandus der Jüngere († 1330) in seinen beiden Tractatus de modo generalis concilii celebrandi erstmals die Forderung einer Reform der Kirche an Haupt und Gliedern gestellt habe, in der der Papst nicht nur Subjekt eines solchen Unternehmens sei, sondern selbst der Reform unterworfen werden müsse.

    D. J.


  235. Felice Accrocca, Ancora sul caso del papa eretico: Giovanni XXII e la questione della povertà. A proposito del ms. XXI del convento di Capestrano, AHP 32 (1994) S. 329-341: Die hier behandelte Hs. enthält die Appellatio Monacensis von 1330 des Michael von Cesena und nicht das Defensorium contra errores Iohannis Papae, wie die Forschung bisher glaubte. A. beschreibt den Inhalt des Codex ausführlich und druckt einige Passagen der Appellatio aus der Hs. ab.

    D. J.


  236. Rasa J. Ma_eika and Stephen C. Rowell, Zelatores maximi. Pope John XXII, Archbishop Frederick of Riga, and the Baltic Mission 1305-1340, AHP 31 (1993) S. 33-68, befassen sich nach erneuten Recherchen im Vatikanischen Archiv mit den Reaktionen der Päpste Johannes XXII. und Benedikt XII. sowie Erzbischof Friedrichs von Riga auf Briefe des heidnischen Königs Gediminas von Litauen (1322/23), mit den Auseinandersetzungen zwischen dem Rigaer Erzbischof und dem Deutschen Orden und den Auswirkungen des Konflikts zwischen Johannes XXII. und Ludwig dem Bayern auf die Beziehungen des Papsttums zu Litauen. Im Anhang werden Korrekturen zu den hierher gehörenden Briefen Johannes' XXII. geboten und die Apologie des Deutschen Ordens durch einen Bruder Ulrich von etwa 1335 ediert.

    D. J.


  237. La peste nera: dati di una realtà ed elementi di una interpretazione. Atti del XXX Convegno storico internazionale. Todi, 10-13 ottobre 1993 (Centro Italiano di studi sul Basso Medioevo - Accademia Tudertina. Centro di studi sulla spiritualità medievale N.S. 7) Spoleto 1994, Centro italiano di studi sull'alto Medieovo, X u. 402 S., Abb., ISBN 88-7988-396-8, ITL 90.000. - Nach dem Eröffnungsvortrag von Michel Mollat du Jourdin, La morbidité pestilentielle comme dimension anthropologique (S. 11-24), folgen thematisch weitgespannte Beiträge in einer freilich wenig überzeugenden Reihenfolge. - Jerôme Basset, Image et événement: l'art sans la peste (c. 1348-c. 1400)? (S. 25-47), geht auf den Spuren von Millard Meiss (1951) erneut der Frage nach den Einflüssen der Pest auf die Kunst nach und kommt insbesondere bei der Rekapitulation von Höllendarstellungen (nach seinem Buch von 1993), wie kaum anders zu erwarten war, zu einem negativen Ergebnis: zumindest in der zweiten Hälfte des 14. Jh. hat der Schwarze Tod nur schwache direkte oder indirekte Spuren in der bildenden Kunst hinterlassen. - Gabriele Zanella, Italia, Francia e Germania: una storiografia a confronto (S. 49-135), analysiert ausführlich die Pestbeschreibungen einer ganzen Reihe meist hinlänglich bekannter Quellen mit dem Resultat, daß die Pest von 1348 jedenfalls in der zeitgenössischen Historiographie weniger "epochalen" Charakter hat, als man gemeinhin annimmt. Der Schwarze Tod war für die meisten Chronisten ein schrecklicher Alptraum, eine weitere furchtbare Katastrophe wie Erdbeben und andere Heimsuchungen jener Zeit, aber alles in allem doch nicht viel mehr als eine Episode, die weder wissenschaftlich noch theologisch hinreichend zu erklären war. - Peter Dinzelbacher, La divinità uccidente (S. 137-154), bietet die Kurzfassung seines bereits anderwärts publizierten Beitrags über dieses Bildmotiv: Die tötende Gottheit. Pestbild und Todesikonographie als Ausdruck der Mentalität des späten Mittelalters und der Renaissance, in: Analecta Cartusiana 117/2 (1986) S. 5-138. - Rinaldo Comba, Il rilevamento demografico: prima e dopo la peste nera (S. 155-173), gibt einen Überblick über Quellen zur Bevölkerungsentwicklung im 14. Jh. und deren Interpretationsprobleme. - Paolo Pirillo, Peste nera, prezzi e salari (S. 175-214), weist darauf hin, daß die Preisentwicklung in Florenz für Brot, Wein, Tuche etc. nicht ohne weiteres zu verallgemeinern ist, und führt Gegenbeispiele aus Perugia, Genua, Bologna und anderen Stadtterritorien an. Preise, Löhne und Produktion haben sich dann bereits zwanzig bis dreißig Jahre nach dem Schwarzen Tod unter teilweise veränderten Herstellungs- und Anbaubedingungen der neuen Situation angepaßt und auf solider Grundlage eingependelt. Die Rolle der nachfolgenden Epidemien wird in diesem Zusammenhang nicht diskutiert. - Luisa Chiappa Mauri, Testamenti lombardi in tempo di peste: alcune riflessioni (S. 215-252), wertet, gestützt auf verschiedene Tesi di Laurea, Testamente aus Castell Arquato bei Piacenza, aus Bergamo und Mailand aus. Neben dem bekannten Anstieg der Testamente in Pestjahren hebt sie besonders die auffällige Kinderlosigkeit vieler Testatoren und die Umverteilung oder Neuordnung des Vermögens außerhalb der Familie hervor. - Carla Casagrande, La moltiplicazione dei peccati. I cataloghi dei peccati nella letteratura pastorale dei secoli XIII-XV (S. 253-284), stellt die immer umfangreicheren und immer stärker systematisierten Sündenkataloge der Bußbücher und Predigtsammlungen vor - ein wie auch immer gearteter Zusammenhang dieses Themas mit der Pest wird freilich nicht erkennbar. - Gian-Maria Varanini, La peste del 1347-50 e i governi dell'Italia centro-settentrionale: un bilancio (S. 285-317), informiert auf der Basis der (bekannten) wenigen einschlägigen Quellen vornehmlich aus Orvieto, Siena, Florenz, Venedig und Pistoia zusammenfassend über die Vorbeugemaßnahmen der Obrigkeit, öffentliches Leben und Gesundheitspolitik während der Pest und über die Entwicklung der Gesundheitsgesetzgebung in Italien im 14. Jh. - Giancarlo Andenna, Effetti della peste nera sul reclutamento monastico e sul patrimonio ecclesiastico (S. 319-347), überprüft die Annalen von Camaldoli, die Verlautbarungen des Generalkapitels von Cluny und die Akten des Dominikanerordens auf Aussagen über den Mitgliederschwund und -zuwachs in den Konventen und die Verwaltung des Klostervermögens. Während die starken Verluste nach dem Schwarzen Tod erstaunlich rasch wettgemacht werden konnten, führten erst die nachfolgenden Pestepidemien zu Personalproblemen und zu einer Gefährdung der wirtschaftlichen Grundlagen, deren Reorganisation man tatkräftig in Angriff nahm. - Irma Naso, Individuazione diagnostica della "peste nera". Cultura medica e aspetti clinici (S. 349-381), befaßt sich erneut mit den Beschreibungen der Erscheinungsformen der Pest in den zeitgenössischen, insbesondere in vier italienischen medizinischen Traktaten. - Giovanni Cherubini, La peste nera: l'accertamento storiografico (S. 383-402), beschließt den Bd. mit einer kurzen Übersicht über die Pestforschung, insbesondere in Italien, und zeigt knapp einige aus seiner Sicht abgeschlossene sowie die offenen Fragen im Zusammenhang mit diesem Thema auf. - Für Kenner der Materie bleibt der Ertrag der Tagung insgesamt enttäuschend. Zwar ergänzen und korrigieren manche Beiträge und Beobachtungen unser Bild vom Schwarzen Tod, aber gründliche Fallstudien oder neue Ansätze sucht man vergeblich. Die Konzentration auf die Jahre 1347-1350 und damit auf die kurzfristigen Auswirkungen bedeutet eher einen Rückschritt in der Pestforschung.

    Heinrich Dormeier


  238. Werner Paravicini, Fürstliche Ritterschaft: Otto von Braunschweig-Grubenhagen, in: Braunschweigische Wissenschaftliche Gesellschaft. Jahrbuch 1994, Göttingen 1995, Verlag Erich Goltze, ISBN 3-88452-240-X, S. 97-138, 2 Abb., porträtiert in einer biographischen Skizze mit neu ermittelten Quellen den Welfensproß (1319/20-1399), der im Dienst des französischen Königs, als Regent der Markgrafschaft Montferrat, als Condottiere Papst Gregors XI. sowie als Gemahl Königin Johannas von Neapel eine "Mischung von Kriegstüchtigkeit, Fürstenrang und hoher Verwandtschaft" (S. 129) zur Geltung brachte, die ihn in der Adelsgesellschaft seiner Zeit auszeichnete.

    R. S.


  239. Sigismund von Luxemburg. Kaiser und König in Mitteleuropa, 1387-1437. Beiträge zur Herrschaft Kaiser Sigismunds und der europäischen Geschichte um 1400. Vorträge der internationalen Tagung in Budapest vom 8.-11. Juli 1987 anläßlich der 600. Wiederkehr seiner Thronbesteigung in Ungarn und seines 550. Todestages, hg. v. Josef Macek, Ernö Marosi und Ferdinand Seibt (Studien zu den Luxemburgern und ihrer Zeit 5) Warendorf 1994, Fahlbusch, XX u. 356 S., zahlreiche Abb., ISBN 3-925522-11-5, DEM 98. - Mit und seit der Tagung mitteleuropäischer Fachleute, die 1987 in einer in Bewegung geratenen Welt stattfand und kunstgeschichtliche sowie archäologische Erkenntnisse einbezog, wurde die Ignoranz oder gar Diskreditierung durchbrochen, mit der die Forschung dem römisch-deutschen, ungarischen und böhmischen König und Kaiser Sigismund viel zu lange begegnet war. Gegliedert in 6 Sektionen (I: Sigismund und die Krise der europäischen Mächte; II: Hussiten und Kirchenpolitik; III: Städtewesen und Städtepolitik; IV: Wirtschafts- und Verkehrswesen; V: Hof und Residenzen; VI: "Ikonographie" - Internationaler Stil um 1400), vereinigt der durch einen Index der Ortsnamen erschlossene Tagungsband insgesamt 31 Beiträge. Diese unterscheiden sich zwar in Länge und Gewicht beträchtlich und werden dem gerade Sigismunds Politik auszeichnenden internationalen Rahmen, einige auch ihrem Titel nicht ganz gerecht, doch wird das Fundament für eine nicht-anachronistische Bewertung Sigismunds und seiner Zeit erheblich verbreitert. Die Bemühungen um eine Synthese werden nicht nur durch die Vielfalt der Erscheinungen und die unzulängliche Quellengrundlage sowie durch die noch nicht über Anfänge hinausgekommene Analyse der Sigismundianischen Herrschaftsgrundlagen und -formen erschwert, sondern auch durch die Vielzahl der nationalen Perspektiven und Ansätze, Sigismund in den Gesamtzusammenhang einer modernen Deutung des späten MA zu stellen. So konstatiert Peter Moraw, König Sigismund in der Herrscherabfolge des deutschen Spätmittelalters (S. 27-43), ein "respektables Stehenbleiben" bzw. eine "zukunftsarme Selbstbehauptung", die am Ende "schon ein rühmenswerter Erfolg" gewesen sei. - Auch János M. Bak, Sigismund von Luxemburg. 450 (!) Jahre nach seinem Tod (S. 347-352), erkennt in ihm den vor der Folie von Ferdinand Seibt, Zur Krise der Monarchie um 1400 (S. 3-13), handelnden "Prototyp des überforderten Herrschers", leitet aber schon aus der Tatsache, daß ihm von Heinrich Koller, Zur Reformpolitik Kaiser Sigismunds (S. 15-25), die Reformatio Sigismundi zugeschrieben worden sei, "etwas Zukunftsversprechendes" (S. 350) und "Ansätze für ein Weiterschreiten" (S. 351) ab. Eine gemäßigte Rehabilitierung des letzten Luxemburgers kann nicht durch seine Anerkennung als eines der berechnenden Nüchternheit seiner Zeit entsprechenden "realistischen" und "kompromißfähigen" Politikers erfolgen, der z. B. allen Protesten der römischen Kurie zum Trotz mit den Hussiten verhandelt und diesen Kurs zuletzt erfolgreich abgeschlossen habe. Denn wenn nicht schon mit dem Begriff des "Realismus" selbst, so scheinen Anachronismus-Reste da noch fortgeschleppt zu werden, wo z. B. die Auseinandersetzung mit den Hussiten als "Ideologiekonflikt" (S. 349) oder die Begriffe "Ketzer - kaiserlicher und kirchlicher Universalismus" als den realpolitischen Gegebenheiten widersprechendes "ideologisches Stereotyp" (S. 115) begriffen werden. Gute Gründe sprechen jedenfalls dafür, daß Sigismund "ein in vieler Hinsicht einfallsreicher, unternehmungslustiger und eigensinniger Politiker, aber keine außerordentliche Figur" (S. 351) war und nicht der "bedeutendste Kaiser des späten Mittelalters", als den ihn die jüngste Biographie von W. Baum (vgl. DA 51, 295) bezeichnet. Schon diese Diskrepanzen verbürgen, daß der Kongreß des Jahres 1987 und dessen schriftlicher Niederschlag ein wichtiges Ziel erreichen werden: die Endphase der Luxemburger ins wissenschaftliche Licht zu rücken.

    Paul-Joachim Heinig


  240. Gisela Beinhoff, Die Italiener am Hof Kaiser Sigismunds (1410-1437) (Europäische Hochschulschriften, Reihe 3: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften. 620) Frankfurt am Main u. a. 1995, Peter Lang, 389 S., ISBN 3-631-47754-6. - Diese Gießener Diss. präsentiert statistische Informationen zu knapp 600 italienischen Individuen am Kaiserhof und wertet sie im Hinblick auf deren Herkunft, Stellung und Einfluß aus. Einer Einführung zu König, Hof und Reich folgt die gesamte Liste der Italiener, die als Privilegienempfänger faßbar sind, mit Namen, Datum und Ort der ersten Erwähnung am Hofe, erhaltenem Rang und Herkunft. Sie bilden in einschlägiger Zusammenstellung die Basis zu einer gut fundierten Analyse, die deutlich macht, daß verhältnismäßig mehr Italiener am Hof Sigismunds privilegiert wurden als Deutsche. Nach geographischen Gesichtspunkten geordnet, beginnend mit der dominanten Gruppe der Mailänder, werden die Privilegienempfänger untersucht. Immer gestützt auf die passenden Listen, kommen Einzelbiographien und allgemeine Gesichtspunkte zur Sprache. Es folgen Genua, Florenz, Venedig, der Kirchenstaat, Lucca, Ferrara und schließlich Einzelpersonen, bevor die Gelehrten, insbesondere Juristen, separat untersucht werden. Dabei kristallisieren sich einzelne Gruppen von unterschiedlicher Wichtigkeit heraus, und es zeigt sich, daß die am Hofe anwesenden Italiener in erster Linie aus Führungskreisen stammen, wenn auch nicht aus dem Hochadel. Die politischen Unruhen auf der Apennin-Halbinsel dürften im zeitlichen Wechsel die Motive zur Emigration geliefert haben. Der Kaiser hat durch die Privilegierung von Italienern, die zum Teil großen Einfluß gewannen, die Beziehungen zum südlichen Reichsteil gefestigt. Die Juristen sollten ihm helfen, rechtliche Probleme unabhängig von den Feudalherren anzugehen und trugen durch den "Kaufpreis", wie alle Privilegienempfänger, auch zur Verbesserung der Staatsfinanzen bei. Die Fülle von Information, erschlossen durch die notwendigen Register und die ausführliche Bibliographie, machen diese Arbeit zu einem interessanten Instrument zur Bearbeitung weiterer Fragen.

    D. S.


  241. Heribert Müller, Die Franzosen, Frankreich und das Basler Konzil (1431-1449), 2 Bde. (Konziliengeschichte, Reihe B: Untersuchungen) Paderborn u. a. 1990, Ferdinand Schöningh, 1015 S., ISBN 3-506-74723-1, DEM 220. - "Basel war ... eine französisch dominierte Synode auf dem Boden des deutschen Reichs" (S. 9). Wie diese Dominanz zustande kam und wirksam wurde, arbeitet der Vf. mit Hilfe der biographisch-prosopographischen Methode heraus, mit der ca. 50 Personen erfaßt werden. Es geht darum, 1. auch weniger bekannten Gestalten klare Konturen zu geben, 2. die "Personalnetze" aufzuspüren, in die sie eingebunden waren, und dadurch 3. deutlich zu machen, wie der französische Königshof es verstand, diese für seine eigenen Interessen zu nutzen. Im einzelnen werden behandelt: Amédée de Talaru, Erzbischof von Lyon und Gesandter Karls VII. in Basel (auf rund 200 Seiten!), die sonstigen Gesandten des Königs in Basel, der Königshof vom Kanzler Regnault de Chartres (mit einer kurzen, aber umfassenden Skizzierung seiner viel diskutierten Haltung gegenüber der Jeanne d'Arc) bis zum Leibarzt, Avignon (als Ort eines zukünftigen Unionskonzils) im Schnittpunkt französischer und Basler Interessen, die Prosopographie der konzilsnahen Region des Rhônetals zwischen Avignon und Lyon, als Beispiel für die Beziehungen eines französischen Fürstentums zum Basler Konzil die Herrschaft Armagnac-Rodez, der französische Midi zwischen Papst und Konzil. In einem letzten Abschnitt bietet der Vf. ein Resümee und eine Bewertung seiner Forschungen, in denen er von den einzelnen Personen, ihrer Herkunft und ihrem Werdegang sowie ihrem Beziehungsgeflecht aus in größere Zusammenhänge führt und diese deutlich werden läßt. Das ungemein reichhaltige Werk - es umfaßt nur ein Drittel des gesammelten Materials - ist mit einem umfangreichen, weitere Informationen enthaltenden Anmerkungsapparat, einem 50seitigen Quellen- und Literaturverzeichnis und einem detaillierten Personen-, Orts- und Sachregister versehen. Das angenehm zu lesende Werk ist nicht nur eine wesentliche Grundlage für eine Gesamtdarstellung des Basiliense, sondern auch für die politische und Kirchengeschichte der ersten Hälfte des 15. Jh., insbesondere für das Königreich Frankreich.

    Adalbert Mischlewski


  242. Walter Brandmüller, Die Reaktion Nikolaus' V. auf den Fall von Konstantinopel, Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und KG 90 (1995) S. 1-22, betont, daß die Aversion gegen die Byzantiner als Schismatiker in Rom nicht im Vordergrund stand, sondern ein Bemühen um wirksame Türkenabwehr, das jedoch an den politischen Gegebenheiten in der lateinischen Welt scheiterte.

    R. S.


  243. Wilhelm Baum, Kaiser Friedrich III. und Sigmund der Münzreiche. Ihre Beziehungen vom Frieden von Wiener Neustadt bis zum Frieden von Zürich (1464-1478), Der Schlern 69 (1995) S. 209-226, rekonstruiert vor allem aufgrund des gedruckt vorliegenden archivalischen Materials die einzelnen Phasen der wechselseitigen Beziehungen der beiden Habsburger.

    Josef Riedmann


  244. Sabine Wefers, Versuch über die "Außenpolitik" des spätmittelalterlichen Reiches, ZHF 22 (1995) S. 291-316, widmet sich den (systemtheoretisch beschriebenen) Verfassungszuständen des Reiches und ihren Einflüssen auf "außenpolitische" Entscheidungsfindung und weist darauf hin, daß die "außenpolitischen" Geschehnisse zwischen Staaten abliefen, die in dem Prozeß der vorinstitutionellen und werdenden Staatlichkeit eine sehr unterschiedliche Stufe erreicht hatten. Der Wormser Reichstag von 1495 und der Neusser Krieg zeigen, wie das Reich "außenpolitische" Anforderungen in seinen spezifischen "Begründungs- und Handlungszusammenhängen" (S. 316) löste und dabei zu sehr variablen verfassungsmäßigen Vorgehensweisen fand.

    E.-D. H.


  245. Heinz Angermeier, Der Wormser Reichstag 1495 - ein europäisches Ereignis, HZ 261 (1995) S. 739-768, entfaltet in einem weit gespannten Überblick die These, "daß wohl auf keinem Reichstag vorher und nachher die Probleme Deutschlands und ganz Europas so eng verknüpft waren wie auf dem von 1495" (S. 740), durch eine Analyse der dynastischen und politischen Ziele König Maximilians sowie der Haltung der europäischen Mächte zum Reichstagsgeschehen. Im Scheitern der universalistischen Hoffnungen des Habsburgers erkennt er eine wichtige Wegmarke zum neuzeitlichen Staatensystem des Kontinents.

    R. S.


  246. Kirche und Gesellschaft im Heiligen Römischen Reich des 15. und 16. Jahrhunderts, hg. von Hartmut Boockmann (Abh. Göttingen, 3. Folge, 206) Göttingen 1994, Vandenhoeck & Ruprecht, 245 S., 12 Abb., ISBN 3-525-82593-5, DEM 90. - Aus einer Ringvorlesung zur Eröffnung eines gleichnamigen Göttinger Graduiertenkollegs vom Sommer 1992 ist dieser Bd. hervorgegangen, der viele gewichtige Beiträge enthält, von denen hier - trotz der Zielsetzung des Kollegs, "die traditionelle Epochengrenze zwischen Mittelalter und Neuzeit zu überschreiten" (S. 5) - nur Folgende angezeigt werden können: Hartmut Boockmann, Das 15. Jahrhundert und die Reformation (S. 9-25), gibt in seinem gedankenreichen "Plädoyer für ein von der reformationszeitlichen Perspektive emanzipiertes 15. Jahrhundert" (S. 25) einen instruktiven Überblick über dessen Erforschung, die geprägt war von konfessionell bedingten Sichtweisen und Voreingenommenheiten, einseitigen Forschungsschwerpunkten (z. B. Papstgeschichte) und festgefügten Vorstellungen (Verfalls-, Übergangs- oder Krisenzeit). - Wolfgang Petke, Oblationen, Stolgebühren und Pfarreinkünfte vom Mittelalter bis ins Zeitalter der Reformation (S. 26-58), skizziert Art, Höhe und 'Eintreibung` solcher Gebühren, die eine wichtige wirtschaftliche Grundlage des dörflichen und städtischen Pfarrklerus waren, seit dem 16. Jh. im Zuge der Reformation aber vermehrt durch die weltliche Obrigkeit fixiert und reduziert wurden. - Volker Honemann, Die Sternberger Hostienschändung und ihre Quellen (S. 75-102), untersucht den quellenmäßig gut belegten Fall von 1492 aus Mecklenburg und die darin zum Ausdruck kommenden, aus ähnlichen allgemein bekannten Fällen gespeisten antisemitischen Vorstellungen des Spät-MA, die bis weit in die Reformationszeit weiterwirkten.

    M. S.


  247. Clemens M. Kasper, Theologie und Askese. Die Spiritualität des Inselmönchtums von Lérins im 5. Jahrhundert (Beiträge zur Geschichte des alten Mönchtums und des Benediktinerordens 40) Münster 1991, Aschendorff, XXXII u. 425 S., Karten, ISBN 3-402-03974-5, DEM 98. - Vorliegende Untersuchung - eine preisgekrönte Diss. theol. Freiburg - bietet eine Fallstudie zur Geschichte des berühmten südgallischen Inselklosters Lérins von den Anfängen unter Honoratus (um 400) bis zum Aufenthalt des Caesarius dort (ca. 490-ca. 500), des späteren Bischofs von Arles (ca. 502-542). Nach der als "Prolegomena" verstandenen Vorstellung des gesamten Quellenkorpus von Lérins (Viten, Predigten, dogmatische Schriften, Bekehrungsschriften, Kompendien, Konzilstexte und Regulae) sowie dem Versuch einer Rekonstruktion der Bibliothek in Lérins wird die Organisation des asketisch-monastischen Lebens auf der Insel ins Auge gefaßt. Im Kern der Untersuchung wendet sich der Vf. der Spiritualität (definiert als das "monastische Selbstverständnis") der Inselgemeinschaft zu sowie dem Zusammenhang von Askese und Theologie. Die Vorstellung von Weg und Ziel asketischen Lebens erfuhr in Lérins offensichtlich eine Wandlung: Faßte man in der Frühzeit der Gemeinschaft das asketische Leben selbst noch als Ziel - eine Position, die große Nähe zum Konzept der "apatheia" zeigt -, so lassen sich seit Eucherius dann erste Spuren einer Tugendlehre erkennen, die Askese als Technik wertet für ein Ziel außer ihrer (d. i. der Askese) selbst: das Erreichen eines idealen inneren Zustandes. Der zweite zentrale Fragekomplex, das Verhältnis von asketischer Praxis und theologischer Reflexion, bezeichnet ein weiteres, für die Spiritualität entscheidendes Charakteristikum von Lérins. Mit Umsicht wird herausgearbeitet, daß sich deutliche Spuren theologischen Bemühens finden - was erwartungsgemäß mit der aristokratischen Herkunft und dem Bildungsstand der bedeutenden Mitglieder in Zusammenhang steht -, man aber keine spekulative Theologie im großen Stile betrieben und auch keine "Mönchstheologie" im eigentlichen Sinne entworfen hat. Die theologische Diskussion kreiste "lediglich" um Positionen innerhalb der Gnadenlehre und um Segmente der Trinitätslehre sowie der Christologie, d.h. um Probleme, die aus dem südgallischen Umfeld (Augustinismus, Praedestinianismus, Semipelagianismus) an die Gemeinschaft herangetragen worden sind und gegen die man die eigene asketische Praxis zu verteidigen hatte. Zum Abschluß greift der Vf. die Diskussion um das Regelproblem für die Frühzeit von Lérins auf. Dabei finden im ganzen die Zuweisungen von vier frühen westlichen Regeln durch A. de Vogüé erneut Bestätigung, doch werden in zahlreichen Details (Entstehungszeit, Entstehungsgeschichte, Verfasserfrage u. a.) Verbesserungen, Differenzierungen oder zumindest plausiblere Lösungen vorgebracht. Im ganzen ist mit dieser Untersuchung nicht nur die erste umsichtige und kenntnisreiche Geschichte zur Spiritualität des frühen Lérins vorgelegt worden. Vielmehr wird darüber hinaus eine beispielhafte Untersuchung der Innenseite einer frühen asketischen Gemeinschaft geboten, die deren Entwicklung von den anachoretischen Anfängen bis hin zur Ausbildung einer fest organisierten Institution mit geregeltem Tagesablauf auf Basis einer geschriebenen Regel nachzeichnet.

    Georg Jenal


  248. Jean-Miguel Garrigues, Jean Legrez, Moines dans l'assemblée des fidèles. A l'époque des pères - IVe-VIIIe siècle (Théologie historique 87) Paris 1992, Beauchesne, 229 S., ISBN 2-7010-1244-9, FRF 120 . - Der Bd. vereinigt zwei unabhängig voneinander erarbeitete, inhaltlich aber eng aufeinander bezogene Untersuchungen zur Entstehung des frühen Mönchtums und seiner Ausbildung im Schoße der sakramentalen Gemeinschaft der Kirche. Dabei wird versucht, die Hauptlinien vornehmlich eines "Stadtmönchtums" (monachisme urbain) nachzuzeichnen, doch bleibt zunächst einmal unklar, was genau damit gemeint ist: Mönche, die klerikale Funktionen an Kirchen ausüben oder Kleriker, die - soweit dies möglich ist - eine "vita communis" führen? Die Autoren scheinen letztlich wohl beide Phänomene zu meinen, ohne sie genau zu unterscheiden. Der Untersuchungsgegenstand «monachisme urbain» erscheint aber auch deshalb problematisch, weil sich das frühe Mönchtum des Ostens wie des Westens nicht nur in den Einsamkeiten außerhalb der Zivilisation, sondern großenteils auch in oder nahe bei den Städten etabliert hat: Konstantinopel, Jerusalem und Rom mögen hier als Beispiele genügen. Soweit sich die Autoren um historische Untersuchung und Darstellung bemühen, muß im ganzen die Oberflächlichkeit verwundern. Neben der Unklarheit in der Fragestellung wird eine beliebige - unter keinem Gesichtspunkt repräsentative - Auswahl innerhalb einzelner Regionen und Persönlichkeiten (des Ostens wie des Westens) getroffen, kaum eine ausreichende Verankerung in den Quellen durchgeführt, und es zeigt sich schließlich - selbst für Gallien - eine erstaunliche Unkenntnis in der einschlägigen internationalen Literatur. Alles, was hier zur historischen Entwicklung der Phänomene gesagt wird, ist anderswo differenzierter, präziser, zusammenhängender und kompetenter ausgeführt.

    Georg Jenal


  249. Jean Leclercq, Momenti e figure di storia monastica italiana, a cura di Valerio Cattana (Italia benedittina 14) Cesena 1993, Badia di Santa Maria del Monte, XXXVII u. 679 S., 16 Abb., keine ISBN, ITL 75.000. - Aus der Festschrift zum 80. Geburtstag, in der die über 50 Aufsätze des Jubilars zur Geschichte des italienischen Mönchtums aus über 50 fruchtbaren Forscherjahren vereint werden sollten, wurde durch den Tod von J. L. am 27.10.1993 eine Gedenkschrift. Vorangestellt sind Gregorio Penco, L'apporto di Jean Leclercq alla storiografia monastica italiana (S. XVII-XXIV), und Valerio Cattana, Jean Leclercq in Italia (S. XXV-XXXVII). Der behandelte Zeitraum umfaßt die Zeit von Benedikt von Nursia bis zu Papst Paul VI. und gliedert sich in die folgenden Themengruppen: I. Profili di monaci e monache. - II. Testi e aspetti del monachesimo medioevale. - III. Monachesimo e umanesimo. - IV. Dall'attualità alla profezia. Sämtliche Aufsätze wurden ohne Ergänzungen neu gesetzt, allerdings ohne den ursprünglichen Seitenumbruch zu markieren. Die vorzüglichen Register erschließen Orte und Namen und geben nach guter italienischer Sitte auch die Namen der zitierten Gelehrten an. Wenn man das Śuvre des Geehrten von über 1048 Titeln (zum zerstreut abgedruckten Schriftenverzeichnis vgl. S. XXXII Anm. 48) auch nur ansatzweise überblickt, überrascht es nicht, die Namen Augustinus, Benedikt, Bernhard, Gregor d. Gr. und Petrus Damiani gehäuft genannt zu finden. Jeder Interessent wird für diese Anthologie dankbar sein.

    C. L.


  250. Collectanea Cisterciensia. Revue de spiritualité monastique 55 (1993). - Das Speculum Caritatis, ein Hauptwerk Aelreds von Rievaulx, des nordenglischen Zisterzienserabts, Mystikers und Briefpartners Bernhards von Clairvaux, war Gegenstand einer Tagung in der Abtei Scourmont (5-9. Oktober 1992), deren 17 Beiträge den Schwerpunkt dieses Jahresbandes bilden.

    C. L.


  251. Bernd Schwenk, Calatrava. Entstehung und Frühgeschichte eines spanischen Ritterordens zisterziensischer Observanz im 12. Jahrhundert (Spanische Forschungen der Görresgesellschaft, Reihe II, 28) Münster 1992, Aschendorff, 618 S., ISBN 3-402-05829-4, DEM 160. - In dieser Kölner Habilitationsschrift von 1987 werden Gründungs- und Frühgeschichte des Calatravaordens von der eher zufälligen Gründung durch den Zisterzienserabt Raimund von Fitero im Herbst 1157 bis zur Stabilisierung des spirituellen und materiellen Bestandes durch Papst Gregor VIII. im Jahre 1187 erstmals umfassend monographisch dargestellt. Im Vergleich mit den Ordensregeln und Verwaltungsstrukturen anderer Ritterorden wird die Besonderheit Calatravas unter den iberischen Heidenkampfinstituten herausgearbeitet, wobei das Ringen um die Behauptung der Selbständigkeit sowie die Funktionalisierung im Dienst politischer Mächte sich als die beiden Pole erweisen, zwischen denen sich die Geschichte Calatravas abspielte. Am Schluß wird die Geschichte des Ordens in die Kreuzzugsbewegung (bis in die Zeit der Konquistadoren des frühen 16. Jh.) eingeordnet. Ausführliche Indices und zwei separate Kartenbeilagen runden die auch in ihrer sprachlichen Gestaltung gelungene Monographie ab.

  252. Peter Segl


  253. Il monachesimo silvestrino nell'ambiente marchigiano del duecento. Atti del Convegno di Studi tenuto a Fabriano. Monastero S. Silvestro Abate, 30 maggio - 2 giugno 1990, a cura di Ugo Paoli (Bibliotheca Montisfani 22) Fabriano - Monastero San Silvestro Abate 1993, X und 523 S., Abb., keine ISBN. - Anläßlich der 700. Wiederkehr des Todes von Giovanni dal Bastone da Paterno di Fabriano († 1290), einem Schüler des Ordensbegründers, widmete sich der anzuzeigende Kongreß der Ordensgeschichte der Marken im Umfeld der Silvestriner. Stanislao Da Campagnola, Tra Chiesa e Impero: le Marche nel secolo XIII (S. 7-32), klärt das herrschaftsgeschichtliche Umfeld. - Giovanni Spinelli, Il monachesimo maschile delle Marche nel secolo XIII (S. 33-56), gibt in bewährter Tradition auf engem Raum klare Einblicke in das komplizierte Beziehungsgeflecht der konkurrierenden kirchlichen Kräfte und listet in einem wertvollen Anhang die zentralen Klöster des untersuchten Zeitraums in den Marken auf. - Giorgio Picasso, Silvestro Guzzolini da Osimo e la vita comune del clero nella Chiesa marchigiana (S. 57-65), widmet sich, ausgehend von einer frühen Lebensphase des Ordensgründers, der Frage nach den damals praktizierten Kanonikerstatuten und kommt zu dem Ergebnis, daß man bislang ohne die Lebensbeschreibung des Heiligen keinerlei Kenntnisse von den Verhältnissen in Osimo hätte. - Floriano Grimaldi, Il culto e le dedicazioni mariane nella Marca d'Ancona nel secolo XIII: Numana, Osimo e Recanati (S. 67-78), sammelt einschlägige Belege, ohne eine besondere Verehrung nachweisen zu können. - Sandro Corradini, Strutture medioevali della diocesi di Camerino. Appunti e considerazioni (S. 79-93), erläutert organisatorische Probleme und druckt (ohne Regesten) drei Urkunden ab, die sich mit Exequien und Bruderschaften in Matelica beschäftigen. - Nora Lipparoni, Il comune ed il contado di Fabriano nel secolo XIII (S. 95-105), behandelt den ortsgeschichtlichen Rahmen. - Ugo Paoli, Silvestro Guzzolini e il comune di Fabriano (S. 107-115), beschreibt die Unterstützung der Brüder durch die Gemeinde. - Giuseppe Fornasari, Ambiente e ideali avellaniti: riflessi nell'esperienza monastica di s. Silvestro (S. 117-149), schöpft aus der Fülle seiner Forschungen und sieht bei seinem scharfsinnigen Vergleich zwar keine direkten Abhängigkeiten, wohl aber eine tiefe Wesensverwandtschaft von Romuald in der Interpretation durch Petrus Damiani und Silvestro in der Beschreibung durch seinen Biographen Andrea di Giacomo. In zwei ausführlichen Exkursen wird ein Bartwunder erläutert und die Symbolik der Rasur bei Damiani analysiert. - Mario Sensi, Movimenti penitenziali nella Marca d'Ancona: documenti e testimonianze nel fabrianese (secc. XI-XVI) (S. 151-178), stellt die breitere eremitische Bewegung der Mark bis zum Ende des MA vor und ediert im Anhang vier diesbezügliche Texte. - Réginald Grégoire, Eremitismo nella Marca d'Ancona: L'«Ordo» di Brettino e l'«Ordo Silvestri». Parallelismo o affinità? (S. 179-190), sieht Gemeinsamkeiten vor allem auf institutionellem Gebiet. - Leonardo Bux, La bolla pontificia di conferma dell'«Ordo sancti Benedicti de Montefano» (S. 191-201), zieht Vergleiche zu anderen Ordensbestätigungen. - Giancarlo Castagnari, L'arte della carta a Fabriano: le cartiere dei monaci di Montefano (S. 203-215), erforscht die enge Verbindung des Ordens mit der lokalen Papierherstellung, die bereits im 13. Jh. nachweisbar ist. - Emilia Saracco Previdi, Scelte insediative dell'ordine monastico di S. Silvestro tra XIII e XIV secolo (S. 217-229), klärt die Rolle der weltlichen Klosterämter, an deren Spitze der sindicus oder nach deutschem Sprachgebrauch Vogt steht. - Attilio de Luca, Le carte dell'archivio di Montefano (S. 231-243), gibt seine Einführungsworte anläßlich der Buchpräsentation der Urkundenedition von Montefano (vgl. DA 49, 642 f.) wieder. - Giuseppe Avarucci, Nota sui codici dispersi dell'Archivio di S. Silvestro in Montefano (S. 245-256), listet verstreute Codices auf. - Giuseppe Cremascoli, Agiografia silvestrina medievale: analisi dell'«ars scribendi» (S. 257-268), ferner Serafino Prete, I prologhi delle «vite» di Silvestro, Giovanni dal Bastone e Ugo. Note comparative (S. 269-279), und Vincenzo Fattorini, Silvestro e Giovanni dal Bastone: continuità di un carisma (S. 281-311), erforschen Stil und Topik. - Lorenzo Sena, Personaggi e luoghi nella vita del Beato Giovanni dal Bastone (S. 313-394), erforscht erstmals den historischen Wahrheitsgehalt der letztmals 1991 edierten Vita (vgl. DA 49, 667 f.). - Philippe Jansen, L'expression des cultes des saints sylvestrins Silvestro, Giovanni dal Bastone et Ugo d'après les temoignages écrits du XIIIe au XVIIIe s. (S. 395-426), führt Vorarbeiten von R. Grégoire zur fortuna weiter. - Daniele Del Rio, La capella del beato Ugo nella chiesa di S. Maria del Piano a Sassoferrato (S. 427-434), und Bonita Cleri, L'iconografia dei Beati Ugo e Giovanni dal Bastone (S. 435-449), präsentieren die vornehmlich neuzeitliche Verehrung unter kunsthistorischen Gesichtspunkten. - Franco Dal Pino, Conclusioni: consuntivo di studi e prospettive di ricerca sul primo secolo di storia dei Benedettini di S. Silvestro (S. 451-469), hält Rückschau und eröffnet neue Perspektiven. Ein ausführliches Namenregister aus der Feder des Hg. ist beigefügt.

    C. L.


  254. Mariano D'Alatri, Aetas poenitentialis. L'antico Ordine francescano della penitenza (Bibliotheca seraphico-capuccina 42) Roma 1993, Istituto storico dei Cappuccini, 238 S., keine ISBN, ITL 30.000. - In den letzten zwanzig Jahren sind über 200 Studien zum Dritten Orden des hl. Franziskus erschienen. Dennoch sind manche Fragen zur Frühzeit im 13. und 14. Jh. offengeblieben. Dies ist ein berechtigter Grund, seine Anfänge, Wesensart, geographische Verbreitung, Spiritualität, aber auch seine Stellung im Kirchenrecht, im städtischen Umfeld und innerhalb der karitativen Vereinigungen zu untersuchen. Allerdings wird diese im Vorwort angekündigte Einsicht nur teilweise umgesetzt: Statt einer Aufarbeitung der Forschung, die man gerade von so einem ausgewiesenem Forscher erwarten dürfte, werden uns 13 kürzere Arbeiten der Jahre 1972-1992 ohne Aktualisierung in vereinheitlichtem Nachdruck mit Namenregister präsentiert. Da sich die Arbeitsweise des Vf. eher durch den direkten Rückgriff auf die Quellen als durch die Diskussion der moderneren Forschung charakterisiert, kann die Anthologie indes eine gewisse Zeitlosigkeit für sich beanspruchen.

    C. L.


  255. Jonathan Riley-Smith, The Oxford illustrated history of the crusades (Oxford illustrated histories) Oxford u. a. 1995, Oxford University Press, X u. 436 S., Abb., 6 Kt., ISBN 0-19-820435-3, GBP 25. - Das Buch ist eine geglückte Vulgarisation eines wichtigen historischen Sujets für ein allgemeines und interessiertes Publikum, das durch eine sehr geschickte Bildauswahl hervorragend unterstützt wird. Die 15 Kapitel, die auch die Kunst und die Literatur mit einbeziehen, stammen durchweg von bestens ausgewiesenen Sachkennern, großenteils Schülern des Hg., der selbst mit bewährter Sachkenntnis mehrere Kapitel beigesteuert hat. In Übereinstimmung mit der in England vorherrschenden Meinung werden die Kreuzzüge bis weit in die Neuzeit ausgedehnt. Man möchte dem Buch eine weite Verbreitung wünschen, auch durch Übersetzungen in andere Sprachen.

    H. E. M.


  256. Elio Caruso, Loredana Imperio, Mauro Mariani, Pellegrini, crociati e templari, Castrocaro (Forlì) 1994, Moderna, 276 S., Abb., keine ISBN, ITL 30.000. - Man steht vor diesem Buch einigermaßen fassungslos und fragt sich, was damit eigentlich beabsichtigt war, denn auch ein nicht fachkundiges Publikum hat einen Anspruch auf eine bessere Information. Es handelt sich nur um dürftige Skizzen (L'Islam al tempo delle Crociate, S. 13-28; Pellegrini in Terrasanta nel medioevo, S. 31-61; Le Crociate in Terrasanta, S. 63-123; I poveri cavalieri di Cristo (Milites Templi), S. 125-175; Gli ordini ospitalieri in Romagna, S. 177-271), geschrieben mit einer fundamentalen Unkenntnis der Literatur. Das meiste Einschlägige kennen die Autoren gar nicht, und was nicht in italienischer Sprache vorliegt, kann auf Berücksichtigung so gut wie nicht rechnen. In dem Überblick über die Kreuzzüge erscheint Francesco Cognasso, Storia delle Crociate, als Cognasco; wurde er wirklich benutzt? Dafür wird Giovanni Negri, Prima crociata, fleißig zitiert. Zu seiner Zeit war das ein achtbares Buch, erschien aber in Bologna vor 338 Jahren. Auch die erbauliche Kreuzzugsgeschichte von Antony Bridge, weil sie nun einmal auf italienisch vorliegt, kommt zu Ehren, aber als Historiker war Bridge eine Art von gentleman farmer, denn im Hauptberuf war er anglikanischer Dekan von Guildford. Erst in dem Beitrag von Mariani über die Spitalsorden in der Romagna wird es konkreter, aber mit den anderen Beiträgen hat das so gut wie nichts zu tun. Im Tafelteil nach S. 160 findet sich eine faksimilierte Urkunde des Bischofs von Bethlehem Gaufrid de Praefectis aus dem Staatsarchiv Forlí, die ihn im April 1256 noch am Leben zeigt. Das ist ein unwissentlicher Beitrag zu der Diskussion um das Ende der Amtszeit dieses Bischofs.

    H. E. M.


  257. Malcolm Barber, Crusaders and Heretics 12th - 14th Centuries (Collected Studies Series CS 498) Aldershot 1995, Variorum, X u. 289 S. ohne durchgehende Paginierung, 1 Frontispiz, 4 Tafeln, ISBN 0-86078-476-2, GBP 42,50. - Der Bd. vereinigt in anastatischem Nachdruck 13 Studien des bekannten Kreuzzugsforschers, die aus den letzten 25 Jahren stammen, und mehrfach dem Templerorden gelten. Ein Register beschließt den Band.

    M. S.


  258. Jeffrey Burton Russell, Dissent and Order in the Middle Ages. The Search for Legitimate Authority (Twayne's studies in intellectual and cultural history 3) New York 1992, Twayne Publishers, XI u. 128 S., ISBN 0-8057-8603-1. - Der als Vf. von "Dissent and Reform in the Early Middle Ages" (vgl. DA 24, 283 f.) und "Witchcraft in the Middle Ages" (vgl. DA 31, 622 f.) in der Ketzerforschung seit langem ausgewiesene Autor bietet einen essayistisch zugespitzt argumentierenden, im konkreten Detail nicht selten anfechtbaren Überblick über die "creative tension" zwischen Häresie und Orthodoxie von der Mitte des 5. Jh. bis zur Reformation und vertritt die These, es sei diese "Spannung" gewesen, die "has kept Christianity rooted in its origins and also alive" (S. 102). Ein Exkurs über die 1022 in Orléans verbrannten Häretiker (S. 103-106), eine Zeittafel (S. 107-110), ein knapper, wertender "Bibliographic Essay" (S. 114-119) sowie ein Index (S. 121-126) beschließen das anregende Bändchen.

    Peter Segl


  259. Heresy and literacy 1000-1530. Ed. by Peter Biller and Anne Hudson (Cambridge studies in medieval literature 23) Cambridge 1994, Cambridge University Press, XXV u. 313 S., ISBN 0-521-41979-4, GBP 37,50 bzw. USD 59,95. - Der Sammelband bietet erstmals einen Überblick über einen wichtigen Gesichtspunkt der ma. Heterodoxie. Das geschieht in 16 Beiträgen. Die meisten befassen sich mit einzelnen Gruppen: Katharer, Valdenser, Beginen, Lollarden, Hussiten. Zwei Aufsätze behandeln den Gebrauch geistlicher Literatur in französischen Laienkreisen: Geneviève Hasenohr, Religious reading amongst the laity in France in the fifteenth century (S. 205-221), und die Verhältnisse in der frühen Reformationszeit: Bob Scribner, Heterodoxy, literacy and print in the early German reformation (S. 255-278). Dazu kommen eine Einführung von Peter Biller, Heresy and literacy: earlier history of the theme (S. 1-18) sowie ein eher zusammenfassender Beitrag, der die Ergebnisse vom Umfeld der besagten Heterodoxen her betrachtet: R. N. Swanson, Literacy, heresy, history and orthodoxy: perspectives and permutations for the later Middle Ages (S. 279-293). Interessante Gesichtspunkte bieten die Arbeiten von Peter Biller, The Cathars of Languedoc and written materials (S. 61-82), von Alexander Patschovsky, The literacy of Waldensianism from Valdes to c. 1400 (S. 112-136), von Anne Hudson, Laicus litteratus: the paradox of Lollardy (S. 222-236). Wenig brauchbar, weil sachlich teilweise schief oder falsch, sind jene von Bernard Hamilton, Wisdom from the East: the reception by the Cathers of Eastern dualist texts (S. 38-60) und Lorenzo Paolini, Italian Catharism and written culture (S. 83-103) zum Katharismus.

    Gerhard Rottenwöhrer


  260. Edward Burman, Supremely abominable crimes. The trial of the Knights Templar, London 1994, Allison & Busby, XIV u. 290 S., ISBN 0-85031-928-5, GBP 17,99. - E. B. ist ein bekannter Sachbuchautor. Auch die vorliegende Monographie ist für ein breites Publikum geschrieben, das Beethovens "Fidelio" und den Chor der Gefangenen kennt. Spannend zu lesen und mit Kenntnis geschrieben, bietet sie Populärwissenschaft im besten Sinne des Wortes, originell insofern sie den Templerprozeß im Spiegel der vergleichsweise späten Inquisitionsprotokolle vom Frühjahr 1310 behandelt. Bedauerlich ist, daß die jüngere deutsche Forschung unbeachtet blieb. So hat der Vf. denn auch vom (summarischen) Häresie-Verfahren, der scholastischen Geständnis- und Relapsus-Theorie und ihren Implikationen für den Templerprozeß keine rechte Vorstellung.

    Johannes Fried


  261. Die Anfänge der Inquisition im Mittelalter. Mit einem Ausblick auf das 20. Jahrhundert und einem Beitrag über religiöse Intoleranz im nichtchristlichen Bereich, hg. von Peter Segl (Bayreuther Historische Kolloquien 7) Köln u. a. 1993, Böhlau Verlag, VIII u. 310 S., ISBN 3-412-03392-8, DEM 48. - Die Beiträge eines wissenschaftlichen Symposiums 1992 in Bayreuth werden eingeleitet von Peter Segl, Einrichtung und Wirkungsweise der inquisitio haereticae pravitatis im mittelalterlichen Europa (S. 1-38). Im Vordergrund standen zum einen eher grundsätzliche Fragen, so Winfried Trusen, Von den Anfängen des Inquisitionsprozesses zum Verfahren bei der inquisitio haereticae pravitatis (S. 39-76, also ab Innozenz III.), Ulrich Berner, Toleranz und Intoleranz in den nichtchristlichen Religionen (S. 269-284) und Bernhard Schimmelpfennig, Des Großen Bruders Großmutter. Die christliche Inquisition als Vorläuferin des modernen Totalitarismus (S. 285-296). Zum anderen aber wurden auch die Anfänge der Inquisition in den einzelnen Ländern dargestellt: Lothar Kolmer, ... ad terrorem multorum. Die Anfänge der Inquisition in Frankreich (S. 77-102),  Helmut G. Walther, Ziele und Mittel päpstlicher Ketzerpolitik in der Lombardei und im Kirchenstaat 1184-1252 (S. 103-130), Dietrich Kurze, Anfänge der Inquisition in Deutschland (S. 131-193) - dieser Beitrag ist hervorragend belegt und bietet zudem die kritische Ausgabe eines Briefes Papst Gregors IX. an Konrad v. Marburg vom 11.10.1231 (S. 190-193) -, Ludwig Vones, Krone und Inquisition. Das aragonesische Königtum und die Anfänge der kirchlichen Ketzerverfolgung in den Ländern der Krone Aragón (S. 195-233), und Hans-Eberhard Hilpert, Die Insel der Gläubigen? Über die verspätete Ankunft der Inquisition im regnum Angliae (S. 253-68). Alexander Patschovsky, Über die politische Bedeutung von Häresie und Häresieverfolgung im mittelalterlichen Böhmen (S. 235-251), blickt jedoch eher auf die Betroffenen sowie auf die Handhabung der Inquisition und deren Auswirkung auf Kirche und Gesellschaft. Ein "Diskussionsbericht" von Amalie Fössel (S. 297-310) rundet den Bd. ab. Er bietet einen nützlichen Einblick in die geographische wie inhaltliche Seite des Sachverhaltes.

    Gerhard Rottenwöhrer


  262. Kathrin Utz Tremp, Ist Glaubenssache Frauensache? Zu den Anfängen der Hexenverfolgungen in Freiburg (um 1440), Freiburger Geschichtsblätter 72 (1995) S. 9-50, leitet aus einer vergleichenden Betrachtung von Prozessen, die 1375, 1399/1400, 1429/30 und 1438-42 in Freiburg, Bern oder dem Umland stattfanden, einen wachsenden Hang zur Frauenfeindlichkeit ab und erläutert daran den allmählichen Übergang von der Häretiker(Waldenser)- zur Hexenverfolgung.

    R. S.


  263. Adalbert Mischlewski, Un ordre hospitalier au Moyen Age. Les chanoines réguliers de Saint-Antoine-en-Viennois. Traduit par Hermann et Denise Kuhn. Préface de Vital Chomel. Cartes de Beatriz Nora Esperguin (La pierre et l'écrit) Grenoble 1995, Presses Universitaires de Grenoble, VIII u. 216 S., 32 teils farbige Abb., zahlreiche Karten, ISBN 2-7061-0547-X, FRF 170. - Das deutsche Standardwerk zu den Antonitern (vgl. DA 33, 652 f.) liegt hier in französischer Übersetzung und überarbeitet vor. Insbesondere wurde ein neues Kapitel eingefügt - Kap. 6: "L'Ordre des Antonins à la veille de la Réforme (1438-1526)" -, die "Conclusion" neu formuliert, die beigegebenen Dokumente auch übersetzt (Nr. 7 "Les préceptories et prieurés des Antonins d'après l'état officiel dressé en 1478" kam neu hinzu), die Karten wurden ausführlicher gestaltet und vor allem auch neues Bildmaterial beigegeben.

    H. S.


  264. 900 Jahre Kloster Bursfelde. Reden und Vorträge zum Jubiläum 1993, hg. von Lothar Perlitt, Göttingen 1994, Vandenhoeck & Ruprecht, 119 S., ISBN 3-525-55425-7, DEM 12. - Aus dem Bändchen, das zum Jubiläum des für die Reform des Benediktinerordens im 15. Jh. bedeutenden Klosters herausgegeben wurde, sind für diese Zs. einschlägig: Arnold Esch, Rom und Bursfelde: Zentrum und Peripherie (S. 31-57), stellt in seinem lebendigen Vortrag die Frage, was Rom im 15. Jh. über Bursfelde und umgekehrt Bursfelde über Rom wußte, und sucht sie mit Hilfe von Erwähnungen im Repertorium Germanicum und in den spätma. Papsturkunden aus Niedersachsen sowie Berichten von Deutschen in Rom (Albert Krummedieck und Gregor Heimburg) zu beantworten. - Kaspar Elm, Monastische Reformen zwischen Humanismus und Reformation (S. 59-111), untersucht auf breiter Quellen- und Literaturgrundlage den Zusammenhang zwischen Ordensreform und Humanismus und stellt das Aufblühen und den Niedergang des sog. Bibelhumanismus dar.

    M. S.


  265. 4. Rechts- und Verfassungsgeschichte

  266. Norbert Brieskorn, Paul Mikat, Daniela Müller, Dietmar Willoweit (Hg.), Vom mittelalterlichen Recht zur neuzeitlichen Rechtswissenschaft. Bedingungen, Wege und Probleme der europäischen Rechtsgeschichte (Rechts- und Staatswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft NF 72) Paderborn u. a. 1994, Ferdinand Schöningh, 612 S., ISBN 3-506-73372-9, DEM 98. - Aus dieser voluminösen, dem 1992 emeritierten Würzburger Rechtshistoriker Winfried Trusen zum 70. Geburtstag gewidmeten Festschrift sind hier anzuzeigen: Paul Mikat, Zu den merowingisch-fränkischen Bedingungen der Inzestgesetzgebung (S. 3-30), vgl. dazu die DA 51, 308 angezeigte Monographie. - Hans Hattenhauer, Observantia christianitatis. St. Dunstan und das Eherecht (S. 31-57), nutzt eine in Eadmers Vita Sancti Dunstani (vor 1109) tradierte Legende, derzufolge Erzbischof Dunstan († 988) einen mächtigen Grafen wegen einer Nahehe gedemütigt haben soll, zu einer tour d'horizon und schildert den Kampf der Kirche gegen Verwandtenehen. Dabei kommt der Eheprozeß König Lothars II. und Theutbergas (ein Verweis auf Letha Böhringer, MGH Conc. 4, Suppl. 1, 1992, wäre zu S. 49 Anm. 38 nachzutragen) ebenso zur Sprache wie der Ottos und Irmgards von Hammerstein. Auf der Insel könne man erst seit der Zeit Anselms von Canterbury von der Durchsetzung des Eheverbots usque ad septimam generationem (der kontinentalen Norm) reden. - Jürgen Weitzel, Oblatio puerorum. Der Konflikt zwischen väterlicher Gewalt und Selbstbestimmung im Lichte eines Instituts des mittelalterlichen Kirchenrechts (S. 59-74), interpretiert Regula Benedicti 59 als von römischer patria potestas-Vorstellung geprägt und die Oblation auch jüngster und keinerlei Einsicht fähiger Kinder als unwiderrufliche Bindung des Oblaten an das Kloster. Demgegenüber steht eine andere und z. B. schon bei Gottschalk von Orbais faßbare Auffassung, daß der Verbleib im Kloster die freiwillige Profeß voraussetze. Hildegard von Bingen war es offenbar, die in ihrem Werk Scivias als erste die Oblation unmündiger Kinder als Unrecht bezeichnete. - Dafydd Jenkins, From Wales to Weltenburg? Some considerations on the origins of the use of sacred books for the preservation of secular records (S. 75-88, 2 Abb.), beschäftigt sich mit walisischen Marginaleinträgen im Evangeliar von Lichfield und vergleichbaren Fällen, in denen Notizen weltlicher Art in "sacred books" tradiert sind. - Gerhard Köbler, Welchen Gottes Urteil ist das Gottesurteil des Mittelalters? (S. 89-108), kommt nach der Sichtung der normativen Quellen des frühen MA (Volksrechte, Kapitularien), aber auch der hochma. Landfrieden, Stadtrechte und Rechtsbücher sowie einer Zusammenstellung tatsächlich stattgehabter und quellenmäßig bezeugter Gottesurteile zu der Einsicht: "Der Gott des Gottesurteils im Mittelalter ist eben der christliche Gott und kein anderer, mag es auch noch so viele außereuropäische Ähnlichkeiten und Parallelen geben" (S. 107). - Dietmar Willoweit, Unrechtsfolgen in Hof- und Dienstrechten des 11. und 12. Jahrhunderts. Mit einer Anmerkung zum Verhältnis von geistlicher Buße und weltlicher Sanktion vor der Ausbreitung des peinlichen Strafrechts (S. 109-129), kommt nach Betrachtung der Unrechtsfolgen bei Totschlag und Diebstahl im Wormser Hofrecht von 1024/25 und anderen Hof- und Dienstrechten zu dem Ergebnis, "daß die geläufige Alternative zwischen Kompositionensystem und peinlichem Strafrecht viel zu grob ist, als daß sie das Geflecht der ... geläufigen Sanktionen zu erklären vermag" (S. 120). Ein Vergleich der Tatbestände Totschlag und Diebstahl im Dekret Burchards und im Corrector mit den weltlichen Rechtsquellen führt zu der Erkenntnis, "daß der Rechtsgüterordnung des Kirchenrechts die Zukunft gehörte" (S. 127), weil sie mehr den rationalen Erwartungen neuzeitlichen Denkens entsprochen habe. - Rolf Lieberwirth, Zu zwei Sonderformen des Sachsenspiegels (S. 129-134), befaßt sich mit dem Holländischen Sachsenspiegel und dem Livländischen Spiegel und geht deren Ursprüngen nach. - Jean Gaudemet, Ravenne et la survivance du droit romain au Haut-Moyen-Age (S. 135-146), untersucht das Fortleben römischen Rechts in Ravenna vom 6. bis 11. Jh., wo die römische Tradition besser als anderswo bewahrt geblieben sei. - Rudolf Weigand, Hat Johannes Teutonicus seinen Glossenapparat zum Dekret Gratians in mehreren Fassungen publiziert? (S. 147-166), ermittelt nach der Untersuchung von 58 Glossen insgesamt drei Redaktionsstufen, von denen die erste und zweite auf die Jahre 1216/17 datiert werden können, während die dritte den Zustand um 1220 (bei der Abreise des Johannes aus Bologna) wiedergibt. - Norbert Brieskorn, "Inter corpora et spiritualia" (X. 1. 7. 2.) und "Omnis res" (X. 5. 41. 1). Eine Problemskizze (S. 167-181), beschäftigt sich mit dem matrimonium spirituale, welches den Bischof an seine Kirche bindet und dem matrimonium carnale. Während erstere Art von Ehe durch den Papst aufgehoben werden kann, ist letztere - wenn gültig geschlossen und vollzogen - unauflöslich. - Winfried Stelzer, Kanonistische Produktion in Passau in den 1220er Jahren: Ulrich Covertel alias Ulrich von Völkermarkt (S. 183-192), vermeldet einen Neufund aus der Hs. 538 der Universitätsbibl. Graz (15. Jh.) und publiziert S. 192 den Prolog zu den Flores decreti des Passauer Archidiakons. - Wieslaw Litewski, Schiedsgerichtsbarkeit nach den ältesten ordines iudiciarii (S. 193-206). - Othmar Hageneder, Zur Anwendung des gelehrten Prozeßrechts in Bayern gegen Ende des 13. Jahrhunderts (S. 207-221), ediert neu und erörtert eine Einrede des Magisters Leonhard in einem 1284 geführten Prozeß um die niederösterreichische Pfarre Probstdorf. - Daniela Müller, Vir caput mulieris. Zur Stellung der Frau im Kirchenrecht unter besonderer Berücksichtigung des 12. und 13. Jahrhunderts (S. 223-245), illustriert an zahlreichen Beispielen aus Gratian und dem Liber Extra die Rechtsungleichheit der Frau, deren Inferiorität sich u. a. aus der Vorstellung einer mangelnden (oder jedenfalls geringeren) Gottebenbildlichkeit des weiblichen Geschlechts ergab. - Wolfgang Schild, Verwissenschaftlichung als Entleiblichung des Rechtsverständnisses (S. 247-260), beschreibt die Verwissenschaftlichung des Rechtsdenkens als einen Vergeistigungsprozeß. Der Unterschied zwischen "Recht leben" und "Recht denken" wird u. a. am Beispiel der Entwicklung des Zweikampfes und der "Feuerprobe" dargestellt. - Hans-Peter Schwintowski, Legitimation und Überwindung des kanonischen Zinsverbots. Bankengeschichtliche Wirkungszusammenhänge (S. 261-270), erklärt die von der Bibel (z. B. Luk. 6, 35) und dem sozialethischen Denken der Patristik gespeiste Wucherlehre als "Ausdruck einer weltabgewandten, ideenlosen und anpassungsunfähigen Kirche" (S. 268), die der - auch kirchlichen - Wirklichkeit nicht entsprochen habe. Geld war vor allem im Spät-MA längst kein Tauschmittel mehr, sondern ein wichtiger Kapitalfaktor, dessen spezifischer wohlstandserzeugender Charakter aber bis zu einer selbständig werdenden Nationalökonomie im 17. Jh. theoretisch meist nicht erfaßt worden sei. Inwieweit nun gerade die Erfindung des Kompasses, des Schießpulvers und des Buchdrucks zur Überwindung des Zinsnahmeverbots beigetragen haben, bliebe aber wohl noch näher zu erläutern.

    G. Sch.


  267. Mario Caravale, Ordinamenti giuridici dell'Europa medievale (Strumenti) Bologna 1994, Il Mulino, 742 S., ISBN 88-125-04559-7, ITL 60.000. - 1992 gab es in Florenz unter Leitung P. Grossis einen Kongreß, der u. a. Mittel und Wege suchte, die Ausbildung italienischer Rechtshistoriker zu verbessern. Als Ergebnis liegen nun 5 neue Lehrbücher ma. Rechtsgeschichte vor. Der an der Sapienza lehrende Rechtshistoriker C. schuf mit mehr als 700 Seiten `Mittelalter' ein allein schon vom Umfang her beeindruckendes Handbuch vor allem zur Institutionengeschichte. Er beginnt knapp mit der germanischen Welt des Früh-MA, erreicht zügig das Hoch-MA, wobei der Renaissance des 12. Jh. breiter Raum gewährt wird. Bei der abschließenden Darstellung spätma. Phänomene wird dann der Blick zunehmend auf den italienischen Raum verengt, jedoch unter Berücksichtigung des anglonormannischen Königtums und der Entwicklung in Frankreich. Angesichts dieses breiten Panoramas ist leicht die eine oder andere Aussage vom Akzent oder gar vom Ansatz her diskutierbar. Wenige Beispiele aus der Kanonistik müssen genügen: Das Decretum Burchardi unter die Sammlungen der Reformzeit zu setzen, sollte begründet werden (S. 237). Die die Person Gratians betreffenden Passagen (S. 296) berücksichtigen zu wenig neuere Arbeiten (z. B. Landau, Kuttner); die Sichtweise des rein juristischen Aufbaus des Dekrets läßt sich nur unter Hinweis auf eine angenomme Erstredaktion halten, der hier fehlt wie auch jener auf die Vorlagen (nicht Quellen!) des Dekrets. Vielleicht würde dann C. s Behauptung "La sua [Gratians] è la prima compilazione di diritto della chiesa" anders eingebunden werden. Zur Beschreibung der Quinque Compilationes Antiquae (S. 298): Die 3Comp. wird heute als 1209 entstanden angesehen, Vf. der 4Comp. möglicherweise Johannes Teutonicus; die 5Comp. - und damit der Abschluß dieses Prozesses - ist 1226 zu setzen. Der Hinweis auf die eigenständige und mit den Tendenzen der Legistik in Wechselwirkung stehende Entwicklung der verschiedenen Glossen, Quaestionen, Distinktionen, Summen, usw. der Kanonistik ist viel zu kurz geraten (S. 297), denn die Entwicklung literarischer Genera korrespondiert hier mit Fortschritten in Methodik und Dogmatik. Ebenso wird die Darstellung der päpstlichen Delegationsgerichtsbarkeit und des Appellationswesens - und letzteres nicht nur unter jurisdiktionellen Gesichtspunkten - vermißt. Damit erscheinen dem Rez. sowohl die Abschnitte zur Entstehung des römisch-kanonischen Prozesses, wie auch jene zur politischen Theorie des Spät-MA (z. B.Appellation an ein allgemeines Konzil) unvollständig. Auch die Literaturhinweise lassen manche Wünsche offen. Trotz aller möglichen Ausstellungen: Nicht nur bleibt die Leistung des Vf. gerade in dem Bemühen, sowohl `Europa' als auch überhaupt die Kanonistik angemessen zu berücksichtigen, beeindruckend, sondern die Darstellung ist - trotz Handbuchcharakters - lesbar gehalten. Aus deutschsprachiger Sicht ist ein zusätzlicher Vorteil, daß die verschiedenen (fremdsprachigen) Arbeiten, z. B. zur frühen stadtrömischen Geschichte, hier zusammengefaßt präsentiert werden, daß die den Schluß bildende Darstellung ausgewählter italienischer Territorien die entsprechenden Passagen des Coing-Handbuchs (Quellen und Literatur, 1973) fortschreibt. Seine überzeugendsten Partien erreicht das Werk in den reflektierenden Teilen, die zum Mitdenken einladen.

    Jörg Müller


  268. Walther Kienast, Die fränkische Vasallität von den Hausmeiern bis zu Ludwig dem Kind und Karl dem Einfältigen, hg. von Peter Herde (Frankfurter wissenschaftliche Beiträge: Kulturwissenschaftliche Reihe 18) Frankfurt am Main 1990, Vittorio Klostermann, CXIII u. 638 S., ISBN 3-465-01847-8, DEM 198. - Über die Genese des vorliegenden Buches und den wissenschaftlichen Werdegang des Vf. erzählt der Hg. in einem langen Vorwort (S. I-XLIII, ein Schriftenverzeichnis K.s findet sich S. XLV-XLVII): Das umfangreiche postume Werk wurde 1983 abgeschlossen und für den Druck freigegeben; nach dem Tode K.s 1985 hat der Hg. die Redaktion übernommen, wobei der Text unverändert geblieben ist, die Anmerkungen aus K.s unübersichtlichen Vorlagen rekonstruiert, durchnumeriert und überprüft worden sind. Anfänglich hatte der Vf. "eine umfassende Arbeit über die Anfänge des Lehnswesens" (S. XLII) geplant. Was daraus geworden ist, ist sowohl mehr als auch weniger. Im ersten Teil (S. 1-158) werden die Vorstufen der späteren Vasallität geschildert. Im wesentlich längeren zweiten Teil (S. 159-555) werden möglichst vollständig die in den Quellen erwähnten Vasallen der Karolingerzeit aufgelistet und die Erwähnungen ausgewertet, wobei die Auflistungen nach Regierungszeiten getrennt erfolgen. Einer kurzen Schlußbemerkung (S. 556-562) folgen sieben Exkurse (S. 556-588), die z. T. bedeutende Fragen behandeln, z. B. die, ob die Grafen der Karolingerzeit als Vasallen zu betrachten sind bzw. so betrachtet wurden (Antwort: Nein). - Der bleibende Wert des Buches liegt in dem katalogartigen zweiten Teil. Kienast unterscheidet durchgehend und sorgfältig zwischen den nicht sonderlich zahlreichen Menschen, die von den Quellen explizit als Vasallen bezeichnet werden, und der viel größeren Gruppe derer, von denen man zwar aufgrund von Stellung, Besitz oder Verhältnis zum jeweiligen König meinen könnte, es müsse sich um Vasallen handeln, von denen aber ebenfalls feststeht, daß sie so nicht bezeichnet werden. Das ist eine bemerkenswerte allgemeine Erkenntnis, von den vielen Einzelergebnissen über Familiengeschichte und -besitz ganz abgesehen. Leider ist K. trotzdem offensichtlich der Meinung geblieben, solche Leute seien Vasallen nicht nur im Sinne eines Weberschen Idealtyps sondern auch im Sinne einer Waitzschen bzw. Brunnerschen Rechts- und Verfassungslehre gewesen. Warum dies so ist, geht aus dem etwas weniger befriedigenden ersten Teil hervor: Hier behandelt K. auf 150 Seiten mit dickem wissenschaftlichen Apparat die Frühzeit der fränkischen Vasallität, ohne eine im wesentlichen neue oder auch nur klare Synthese zu erreichen. K. bleibt letzten Endes der Verfassungsgeschichte zu sehr verhaftet: Für die Vasallität als "way of life", wie sie in der großen Darstellung Blochs geschildert wird, zeigt er wenig Interesse, und das Buch leidet etwas darunter. Daß ein derart materialreiches Buch kein Sachregister besitzt, ist bedauerlich; ins Namenregister sind leider moderne Gelehrtennamen nicht aufgenommen worden.

    T. R.


  269. François Bougard, La justice dans le royaume d'Italie de la fin du VIIIe siècle au début du XIe siècle (Bibliothèque des Écoles françaises d'Athènes et de Rom 291) Rome 1995, École française de Rome, 504 S., ISBN 2-7283-0325-8. - B. bietet mit gründlicher Quellenkenntnis und beachtenswerter Beherrschung der italienischen, deutschen, englischen und französischen Forschungsliteratur eine "Rechtsgeschichte" des regnum Italiae von zweieinhalb Jahrhunderten (ca. 774-1024), deren Ergebnisse hier im Detail nicht zu referieren sind. Der behandelte Zeitraum zerfällt in drei Perioden, deren erste die Eingliederung in das Karolingerreich unter Beibehaltung langobardischer Elemente darstellt. Das Ende dieser Periode beginnt mit dem Tode Ludwigs II. Ihr schließen sich an "la période nationale", also die Zeit der italienischen Könige, und die Ottonenzeit, die - zumindest teilweise und äußerlich - wieder an die karolingische Epoche erinnert, ohne es in ihrer Substanz jedoch zu sein. Das Buch gliedert sich in vier Hauptteile: Der erste ist den Quellen gewidmet. Ausführlich werden die Kapitularien besprochen - bis in die hsl. Überlieferung hinein (S. 30 ff.; dazu wäre aber jetzt Hubert Mordek, Bibliotheca capitularium regum Francorum manuscripta, MGH Hilfsmittel 15, 1995 zu benutzen). Das Resümee: "tout plaid pour une très large diffusion des capitulaires en Italie" ist vielleicht etwas zu optimistisch. Ferner werden Königs- und Kaiserurkunden, Notariatsurkunden und placita quantitativ erfaßt und in ihrer zeitlichen Streuung ausgewertet. Der zweite Teil behandelt die langobardisch-fränkische Epoche und analysiert u. a. die die Rechtspflege tragenden Personenkreise, der dritte hat die "justice criminelle et justice seigneuriale" zum Gegenstand, und der vierte schließlich beschreibt die Umformungen vom Ende des 9. bis zum 11. Jh. Dem Buch sind fünf "Annexe" beigegeben: Eine Schöffenliste (S. 348-371), eine der Sculdahis der Süd-Toskana (S. 372-374), ein Verzeichnis des "personnel itinérant" unter Ludwig II. (S. 375-377), ein quellenkundlicher Anhang (Inventare und Polyptychen, S. 378-388) sowie schließlich zwei Zeugnisse einer wadiatio testimonii von 875 und 913, hier erstmals gedruckt nach den Originalen im Archivio capitolare della cattedrale di Piacenza (S. 389 f., mit anschließender Abb. der Originale). Eine Appendix ("Plaids et enquêtes perdus", S. 391-415) bildet den Abschluß. Ein Gesamtregister, ein "Index législatif" und ein Verzeichnis der zitierten Hss. erschließen das Buch. Zwischen den beiden letzten Registern sind sechs notitiae verschiedener, aber sämtlich bei Manaresi edierter placita (von 830 bis 1047) abgebildet.

    G. Sch.


  270. Eduard Sthamer, Beiträge zur Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte des Königreichs Sizilien im Mittelalter, hg. und eingeleitet von Hubert Houben. Mit Register von Andreas Kiesewetter, Aalen 1994, Scientia Verlag, XXX u. 751 S., ISBN 3-511-09231-0, DEM 395. - Der 1938 im Alter von 54 Jahren verstorbene Gelehrte, dessen Lebensweg Houben einleitend nachzeichnet und durch Sthamers eigene Aufzeichnungen über seinen wissenschaftlichen Lebensweg ergänzt, hat sich vor allem um die Erforschung der Dokumente über die Stauferbauten in Süditalien verdient gemacht und um die Verwaltungsgeschichte des Königreichs Sizilien, deren auf drei Bde. geplante Darstellung er nicht mehr vollenden konnte. Der erste Teil des vorliegenden Bandes bietet in anastatischem Nachdruck Studien zur Überlieferungsgeschichte (des Archivs Karls I. von Sizilien, der Register Friedrichs II., der Gesetze Karls von Anjou etc.), der zweite Teil zur Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte. So gewährt der Bd., der durch von Andreas Kiesewetter angefertigte Register erschlossen wird, einen guten Einblick in das recht geschlossene Lebenswerk des von Paul Fridolin Kehr geförderten und geschätzten Gelehrten.

    M. S.


  271. Glaube und Eid. Treueformeln, Glaubensbekenntnisse und Sozialdisziplinierung zwischen Mittelalter und Neuzeit. Hg. von Paolo Prodi unter Mitarbeit von Elisabeth Müller-Luckner (Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien 28) München 1993, Oldenbourg, XXX u. 246 S., ISBN 3-486-55994-X, DEM 88. - Der Bd. enthält die Referate des Kolloquiums, das der Hg. als Stipendiat des Historischen Kollegs München 1991 abhielt. Gemäß dem Thema befaßten sich die Vorträge überwiegend mit Problemen, die im 16. und 17. Jh. brennend waren. Für den ma. Sektor sind zu nennen der Überblick von Paoli Prodi, Der Eid in der europäischen Verfassungsgeschichte. Zur Einführung (S. VII - XXIX), und Jürgen Miethke, Der Eid an der mittelalterlichen Universität. Formen seines Gebrauchs, Funktionen einer Institution (S. 49-67), der an Heidelberger Materialien die zentrale Bedeutung des Eides für den Zusammenhalt, die Kontrolle und Disziplinierung der ma. Universität herausstreicht.

    D. J.


  272. Jörg W. Busch, Thronvakanzen als Spiegel der Entwicklung des deutschen Reiches zwischen dem 10. und dem 14. Jahrhundert, Majestas 3 (1995) S. 3-33, ist eine anregende und gut dokumentierte Studie über die langfristige Entwicklung der Reichsverweserschaft, die in der Goldenen Bulle definitiv dem Pfalzgrafen bei Rhein (und dem Sachsenherzog) zugestanden wurde.

    R. S.


  273. Hermann Weisert, Der Reichstitel bis 1806, AfD 40 (1994) S. 441-513, stützt sich auf K. Zeumers grundlegende Studie von 1910 und bestätigt, vermehrt um weitere Beispiele, dessen Ergebnisse. Zum Aufkommen des Titels "Sacrum Romanum Imperium", den W. "offensichtlich als Nachahmung von `sancta Romana ecclesia'" deutet (S. 457), vgl. die DA 51, 624 angezeigte Untersuchung von Petersohn, zu den Begriffen "sacrum imperium", "regnum und imperium", "Romanorum rex" die Arbeiten von H. Appelt (vgl. DA 24, 275), G. Koch (vgl. DA 25, 284), R. M. Herkenrath (vgl. DA 26, 610) und H. Beumann (vgl. DA 39, 305).

    A. G.


  274. Gerd Mentgen, Der Würfelzoll und andere antijüdische Schikanen in Mittelalter und früher Neuzeit, ZHF 22 (1995) S. 1-48, stellt schikanöse, erniedrigende und brutale Behandlungen der Juden durch Obrigkeit und Bevölkerung vor. Teilweise liegen Spiegelungen der Passion Jesu und anderer Erzählungen des Neuen Testaments vor (Ohrfeigen, Steinwürfe, Beschimpfungen), manches läßt sich als spiegelnde Pervertierung ursprünglich jüdischer Bräuche erklären: voll von antijüdischer Aggression bleibt alles.

    E.-D. H.


  275. Jean Imbert, Les références au droit romain sous les Carolingiens, Revue historique de droit français et étranger 73 (1995) S. 163-174, weist auf zahlreiche durch die Epitome Juliani und das Breviarium Alaricianum vermittelte Anspielungen auf das römische Recht in Kapitularien und Konzilien hin und betont, daß viele Begriffe in der Karolingerzeit unter dem Einfluß des Christentums oder sozialer und wirtschaftlicher Veränderungen ihren ursprünglichen Sinn und die juristische Ausrichtung verloren hätten.

    D. J.


  276. Johannes Mötsch, Adlige Dingtage: Keine Kuriosa der Rheinischen Rechts- und Verfassungsgeschichte, Rheinische Vierteljahrsblätter 59 (1995) S. 325-329, stellt spätma. Genossenschaften von adeligen Erben im Raum von Eifel und Mosel vor (1959 hatte Franz Steinbach in der damals einzig bekannten Genossenschaft von Polch noch ein Kuriosum gesehen).

    E.-D. H.


  277. Jens Röhrkasten, Die englischen Kronzeugen 1130-1330 (Berliner Historische Studien 16) Berlin 1990, Duncker & Humblot, 470 S., ISBN 3-428-06982-X, DEM 198. - Seit dem frühen 12. Jh. wird in England eine Institution sichtbar, nach der ein eines schweren Verbrechens (felonia) beschuldigter Mann ein Geständnis ablegen und in den königlichen Dienst eintreten konnte, um eventuelle Mittäter anzuklagen und sie mittels gerichtlichen Zweikampfs (oder, später, erfolgreicher Anklage vor einem Geschworenengericht) zu überführen. Gelang ihm dies, so konnte er Strafmilderung oder die Erlaubnis, das Land zu verlassen, erreichen; gelang es ihm nicht, so war er automatisch (wegen des vorher abgelegten Geständnisses) schuldig und wurde hingerichtet. R. untersucht diese Rechtsinstitution vom Erscheinen in der ersten Pipe Roll des Jahres 1130 bis zur Umgestaltung des Gerichtswesens unter Eduard III. 1330, aufgrund gedruckter Quellen und zahlreicher ungedruckter Akten im Public Record Office. Die Entstehung der Institution, die erst im letzten Viertel des 12. Jh. in klaren Umrissen sichtbar wird, ist nicht mit letzter Sicherheit zu klären; die Auswirkungen in der Blütezeit des Kronzeugenwesens im 13. Jh. hingegen lassen sich detailliert verfolgen. R. schildert nicht nur die theoretische Rechtslage, sondern auch die gerichtliche Praxis. Das Kronzeugenverfahren bot der Krone die Möglichkeit, bei einem Verbrechen mindestens einen Täter zu verurteilen, egal wie der Prozeß verlief, und zudem Verurteilungen in Fällen, bei denen es keine sonstigen Zeugen gab, herbeizuführen. Deswegen blieb das Verfahren trotz vielfältiger Kritik am Mißbrauch und an möglichen Fehlentscheidungen erhalten. Für den Historiker bieten die Prozeßakten zudem Einblick in Strukturen der Kriminalität, die uns sonst verborgen blieben, und im Schlußteil des Buches (S. 332-416) wertet R. die Quellenaussagen zu einem allgemeinen Bild der Kriminalität im England des 13. Jh. aus. Für einen deutschsprachigen Leserkreis dürfte das Buch auch als Einstieg in die komplizierte und undurchsichtige Geschichte des ma. englischen Strafrechts wertvoll sein.

    T. R.


  278. Robin Chapman Stacey, The Road to Judgment. From Custom to Court in Medieval Ireland and Wales (Middle Ages Series) Philadelphia 1994, University of Pennsylvania Press, XVI u. 342 S., ISBN 0-8122-3216-X, GBP 44,50. - In dieser rechtshistorischen Diss. der Yale-Universität bemüht sich die Vf. um einen Brückenschlag zwischen den oft streng philologisch arbeitenden Keltologen und der allgemeinen Mediävistik. Dabei geht sie von den Besonderheiten der frühma. Gesellschaft in Irland und Wales aus: In beiden Ländern waren die Instrumente und die Institutionen der Herrschaft schwach, trotzdem ist gerade hier eine für kontinentaleuropäische Verhältnisse überdurchschnittlich große Anzahl von schriftlichen Quellen mit rechtskundlicher Aussagekraft - Gesetzbücher, genealogische Traktate, Annalen sowie hagiographisches Material - in der Zeit zwischen dem 7. und dem 9. Jh. entstanden. Leitlinie für die Studie ist die persönliche Bürgschaft oder Sicherheitsleistung, wobei ein Mann aufgrund seiner persönlichen Stellung und seines Vermögens die Erfüllung gesetzlicher Verpflichtungen eines anderen garantiert. Diese Bürgschaft wird anhand einer beachtlichen Fülle von altirischen und walisischen Quellen sowie unter Heranziehung vergleichbarer Materialien im Hinblick auf germanische Rechtsstrukturen dokumentiert. Dabei wird deutlich, daß es sich nicht um Sicherheitsleistung zwischen Fremden handelte, sondern um Personen, die innerhalb eines vertrauten Systems lebten und agierten. Sie hatten gemeinsame Vorstellungen von Recht und Unrecht, von Ehrbarkeit sowie vom Verhältnis des Individuums zu seinem Schöpfer als letztem Garanten für das unter Eid geleistete Versprechen. Darüber hinaus läßt sich erkennen, daß solche Vorstellungen die Rechtsentwicklung und ihre Praxis sowie das Spannungsverhältnis zwischen "privatem" und "öffentlichem" Recht entscheidend prägten und für die weitere Frage nach dem Wesen der Sozialordnung entsprechende Konsequenzen hatten. Die Vf. weist darauf hin, daß diese Rechtstexte - anders als die knappen, mit anderen Materialien durchsetzten germani-schen Quellen - detailreich, instruktiv und äußerst präzis gestaltet sind. Sie erweisen sich daher als Produkte von professionellen, berufsmäßigen Juristen und liefern somit einen weiteren Beweis für die Existenz eines von der jüngeren keltologischen Forschung immer wieder hervorgehobenen nicht-monastischen Schulwesens von hoher Qualität in den keltischen Gebieten. Diese überaus quellenreiche und anspruchsvolle weil dicht und konsequent argumentierende Studie bietet eine souveräne Symbiose von Rechts- und Gesellschaftsgeschichte. Sie stellt keine einfache Lektüre dar, aber die Mühe lohnt sich.

    Katherine Walsh


  279. Domenico e Paola Maffei, Angelo Gambiglioni giureconsulto aretino del Quattrocento. La vita, i libri, le opere (Biblioteca della Rivista di storia del diritto italiano 34) Roma 1994, Fondazione Sergio Mochi Onory per la storia del diritto italiano, 238 S., 4 Abb., ITL 35.000. - Mit dem Lebenslauf Gambiglionis skizziert Domenico M. die typische Karriere eines gelehrten Juristen im 15. Jh.: Promotion 1422 im römischen Recht an der Universität Bologna und - nach mehrjährigem Dienst als Richter in Städten Mittelitaliens - lange Lehrtätigkeit erst dortselbst, wohl seit 1444 an der Universität Ferrara, bis zum Tode im Oktober 1461. Dafür kann der Vf. in beachtlichem Maße auf neues Archivmaterial zurückgreifen. Von den Werken, deren Überlieferung Paola M. in einem gründlichen Verzeichnis erfaßt, hat sich der Tractatus de maleficiis größter Beliebtheit erfreut (18 Hss., 18 Inkunabeln seit 1472, 33 sonstige Druckausgaben bis 1599); daneben stehen ein Kommentar zu den Institutionen, einige Spezialvorlesungen und die üblichen Consilia. Von diesen ist nur ein verhältnismäßig kleiner Teil im Druck erschienen (1576), dafür birgt eine Ravennater Hs. nicht weniger als 282 weitere Stücke aus nur wenigen Jahren (aufgelistet S. 115-141). Gambiglionis Produktion muß gewaltig gewesen sein: im Nachlaß fanden sich 15 volumina seiner Consilia. Das wird wesentlich zu seinem Reichtum beigetragen haben. Den bezeugt schon der erhaltene Teil des Testaments (S. 158-164 in der von Paola M. betreuten "Silloge documentaria annotata") mit ungewöhnlich ausführlichen Bestimmungen über das Resterbe; doch leider fehlen die Legate, etwa die Verfügungen zugunsten der Witwe. Weit deutlicher spricht das aufgefundene Inventar aus dem Januar 1462 (S. 172-218). Imposant sind die Mengen von Silbergeschirr und Schmuck, die Prunkkleider und die Weinvorräte, der vielfältige Grundbesitz; und bei einem Juraprofessor bemerkenswert die Hinweise auf verpachtetes Vieh und quasi gewerbsmäßig ausgeliehenes Geld. Aufschlußreich sind die 169 angeführten Buchtitel, die einen schönen Einblick in eine Fachbibliothek des 15. Jh. erlauben. Darin fehlte übrigens Gratians Dekret: ein neuer Hinweis auf den Umstand, daß dieses im Rechtsunterricht seine einstige Bedeutung längst verloren hatte.

    Dieter Girgensohn


  280. Peter Landau, "Aequitas" in the "Corpus iuris canonici", Syracuse Journal of International Law and Commerce 20 (1994) S. 95-104, verfolgt die Entwicklung des Begriffs, der in der älteren Tradition bis Gratian noch das Gegenteil von misericordia bezeichnete, zu einer Kennzeichnung der Eigenart des kanonischen im Vergleich zum römischen Recht (erstmals bei Eugen III., JL 9654).

    R. S.


  281. Kathleen G. Cushing, Anselm of Lucca and the Doctrine of Coercion: The Legal Impact of the Schism of 1080?, The Catholic Historical Review 81 (1995) S. 353-371, behandelt die in Buch 12 und 13 der Kanonessammlung entwickelte und im Liber contra Wibertum wiederholte Theorie Anselms von Lucca († 1086), daß die Kirche gegen Schismatiker nicht nur mit geistlichen Zwangsmitteln, sondern auch mit Waffengewalt vorzugehen habe, da es sich um einen Akt der caritas gegenüber den Abtrünnigen handele und die Einheit der Kirche den pastor bonus dazu verpflichte. Diese Wendung ins Radikale bei Anselm sieht die Vf. durch das Schisma von 1080 wenn nicht hervorgerufen, so doch stark gefördert.

    D. J.


  282. James A. Brundage, The Rise of Professional Canonists and Development of Ius Commune, ZRG Kan. 81 (1995) S. 26-63, zeigt, wie sich zwischen 1150 und 1350 die Arbeit der Kanonisten von einer Beschäftigung mit dem Kirchenrecht zu einem echten Beruf verändert hat und sieht die entscheidenden Jahrzehnte des Wandels in der Mitte des 13. Jh. In dieser Zeit hätten sich die Juristen in Gilden und Bruderschaften organisiert, deren Mitgliedschaft eine fest vorgeschriebene Ausbildung und bestimmte akademische Grade voraussetzte. Als Grund dieser Professionalisierung sei neben besseren Ausbildungsmöglichkeiten in Rechtsschulen und Universitäten ein Wandel des kanonischen Rechts selbst anzunehmen. Infolge der zunehmenden Bürokratisierung der Kirche sei es immer umfangreicher, komplexer und technischer geworden und nur noch mit Hilfe gut ausgebildeter Juristen richtig zu handhaben gewesen.

    D. J.


  283. Peter Landau, Ehetrennung als Strafe. Zum Wandel des kanonischen Eherechts im 12. Jahrhundert, ZRG Kan. 81 (1995) S. 148-188, skizziert die Umbildung des Eherechts im 12. Jh., das bis etwa 1100 reines Sanktions- und Strafrecht und gesellschaftsorientiert war, zu einem individualistisch orientierten, moralisch indifferenten Recht, das lediglich die Nichtigkeit einer Ehe aufgrund von Ehehindernissen feststellte und das seine für das Spät-MA gültige Formulierung auf dem Laterankonzil von 1215 fand. Die Zuordnung zum Zivilrecht hatte neue Verfahrensregeln zur Folge, die auch Frauen subjektive Rechte einräumten und sowohl die willkürliche Verstoßung als auch die Ehetrennung als Strafe aus der abendländischen Rechtsordnung ausschlossen.

    D. J.


  284. Constance M. Rousseau, Innocent III, Defender of the Innocents and the Law: Children and Papal Policy (1198-1216), AHP 32 (1994) S. 31-42, zeigt anhand einiger Briefe Papst Innozenz`III. das Verständnis und die Großzügigkeit des Papstes gegenüber illegitimen oder ausgesetzten Kindern. Sie hatten ihre rechtlichen Grenzen, wenn die Kinder aus inzestuösen Verbindungen oder heimlichen Ehen stammten.

    D. J.


  285. Rosi Fuhrmann, Kirche und Dorf. Religiöse Bedürfnisse und kirchliche Stiftung auf dem Lande vor der Reformation (Quellen und Forschungen zur Agrargeschichte 40) Stuttgart u. a. 1995, G. Fischer, 506 S., Tabellen, 1 Karte, ISBN 3-437-50366-9, DEM 128. - Eine Arbeit, die einmal nicht die relativ gut erforschten kirchlichen Verhältnisse in den deutschen Städten des späten MA, sondern die kirchliche Situation auf dem Land in den Blick nimmt, verdient sicher besondere Aufmerksamkeit. Freilich bietet diese Berner Diss. keine umfassende Untersuchung des religiösen Lebens in einem bestimmten Raum, sondern konzentriert sich auf die Stiftungstätigkeit. Weit ausholend - und ohne direkten Bezug auf das eigentliche Untersuchungsmaterial - erläutert F. zunächst, vorwiegend auf der Basis der Handbuchliteratur und der einschlägigen TRE-Artikel - die rechtshistorischen und rechtstheoretischen Voraussetzungen der verschiedenen Stiftungsformen (u. a. Pfarrvisitation, Sendgerichtsbarkeit, Eigenkirchenrecht, Begriff der Minderstiftung, Seelgerät, Ius patronatus, Inkorporation). Im Hauptteil analysiert sie die Errichtung von insgesamt 53 sogenannten Minderpfründen im deutschen Südwesten des Reiches, in Teilgebieten der Diözesen Konstanz, Straßburg und Speyer, während der Zeit von 1400 bis 1526. Sie unterscheidet dabei drei Kategorien von Minderpfründstiftungen: die Stiftungen an Pfarrkirchen oder Kapellen im Pfarrdorf, die Stiftungen an Filialkirchen (außerhalb des Pfarrdorfes) sowie Stiftungen an Filialkirchen mit Kuratierechten (Kuriatkaplaneien). Minutiös, zuweilen spitzfindig und in anspruchsvoller (und manchmal fragwürdiger) Diktion diskutiert sie die Initiativen, Begründungen und Finanzierung der Stiftungen, die Aufgaben und Rechte der Pfründinhaber wie der Stifter. Der Schwerpunkt liegt dabei eindeutig auf der Klärung der rechtlichen Bedingungen mit dem Ziel einer "rechtstheoretischen Verortung der Minderstiftung" (S. 408). Relativ selten stößt der unvoreingenommene Leser auf Bestimmungen, die in dieser Form tatsächlich nur auf dem Lande Sinn machten. So bemühte man sich offenbar insbesondere um öffentliche Frühmessen, die zumal in der Erntezeit in Gegenwart der ortsansässigen Gläubigen gelesen werden sollten, und suchte die Feiertags- und Sonntagsmessen ins Dorf zu ziehen (S. 179-182). Interessante Streitfälle und Schlichtungsverhandlungen beleuchten kirchliche Konflikte auf Dorfebene (z. B. S. 209 f.). Tiefergehende Einsichten, etwa in die wirtschaftliche Situation der Pfründinhaber, erlauben die herangezogenen Stiftungsbriefe nach Ansicht des Rez. allerdings ebensowenig wie gewagte Schlußfolgerungen im Hinblick auf die Reformation und den Bauernkrieg von 1524/25, die F. mehrfach andeutet, indem sie die emanzipatorisch verstandene Eigeninitative des Kirchenvolks zur Sicherung des Seelenheils, die necessitas populi, immer wieder herausstellt oder auf den kirchlich-religiösen, aber zugleich auch politischen Charakter einer Stiftung pro cura animarum oder des Ius patronatus verweist.

    Heinrich Dormeier


  286. Marie-Ange Valazza Tricarico, L'officialité de Genève et quelques cas de bigamie à la fin du Moyen Age: l'empêchement de lien, Zs. für Schweizerische KG 89 (1995) S. 99-118, untersucht vier Gerichtsverfahren wegen Bigamie und ediert drei der Protokolle vom Anfang des 15. Jh. Dabei wird festgestellt, daß weder öffentlich zelebrierte noch heimliche, aber regelgemäße Eheschließungen eine Zweitehe verhindern können. Nicht öffentlich geschlossene Ehen gelten vor Gericht nicht einmal als Annullierungsgrund der zweiten Ehe. Es zeigt sich, daß es der Kirche weder gelingt, ihre Forderung nach gegenseitigem Einverständnis in Öffentlichkeit, noch die Unauflöslichkeit der Ehe nach bloßer Zustimmung de presenti oder durch verba de futuro, gefolgt von der copula carnalis, durchzusetzen.

    D. S.


  287. James Muldoon, Medieval Canon Law and the Formation of International Law, ZRG Kan. 81 (1995) S. 64-82, betont die ma. Wurzeln des frühneuzeitlichen Völkerrechts, besonders bei den spanischen Juristen des 16. Jh., die die Eroberung Amerikas und die Missionierung der Indios mit Argumenten rechtfertigten, die dem Kommentar Innozenz` IV. und des Hostiensis zu Liber Extra 3, 34, 8, der Bulle Innozenz' III. Quod super his über Kreuzzüge und die Behandlung der Heiden, entstammen und in Alexanders VI. Missionsbulle Inter caetera von 1493 zusammengefaßt worden seien. Diese Linie werde in der Forschung zu wenig beachtet.

    D. J.


  288. Petra Koch, Die Statutengesetzgebung der Kommune Vercelli im 13. und 14. Jahrhundert. Untersuchungen zur Kodikologie, Genese und Benutzung der überlieferten Handschriften (Gesellschaft, Kultur und Schrift - Mediävistische Beiträge 1) Frankfurt am Main u. a. 1995, Peter Lang, 369 S., ISBN 3-631-48275-2, DEM 95. - Peter Lütke Westhues, Die Kommunalstatuten von Verona im 13. Jahrhundert. Formen und Funktionen von Recht und Schrift in einer oberitalienischen Kommune (Gesellschaft ... 2) ebenda 1995, 324 S., ISBN 3-631-48274-4, DEM 89. - Claudia Becker, Die Kommune Chiavenna im 12. und 13. Jahrhundert. Politisch-administrative Entwicklung und gesellschaftlicher Wandel in einer lombardischen Landgemeinde (Gesellschaft ... 3) ebenda 1995, 361 S., Karten, ISBN 3-631-49143-3, DEM 95. - Diese drei Münsteraner Diss. aus den Jahren 1990/91 bilden den Auftakt einer neuen Reihe des Münsteraner SFB 231 zur "pragmatischen Schriftlichkeit", hg. von Hagen Keller, der das mit Oberitalien im 11.-13. Jh. befaßte Teilprojekt auch betreut (vgl. DA 50, 676 f. u. oben S. 236). - Den Statutencodices, einer typischen Quellengattung des kommunalen Lebens im 13. Jh., sind die ersten beiden Untersuchungen gewidmet. Im ausgehenden 12. Jh. lagen die Statuten (statuta) als Einzelschriftstücke vor, die neues Recht schaffen bzw. geltende Gewohnheiten präzisieren sollten, wegen ihrer starken Zunahme aber schon bald einer Bündelung bedurften. Für Vercelli untersucht K. den Statutencodex von 1241 auf dessen Entstehung und vielfältige Bearbeitungsspuren (Marginalien, Korrekturen, Streichungen u. s. w.) hin, welche die tatsächliche Rechtspraxis widerspiegeln. Jeder Parteiwechsel der 1240er Jahre, so zeigt sich dabei, bewirkte Veränderungen und damit eine neue Gesetzgebung, bis der Codex 1252 ersetzt wurde. Hingegen trug die endgültige Etablierung der Signorie 1335 dazu bei, von der laufenden Aktualisierung abzusehen und sich mit einer thematisch gegliederten Weitergabe älterer Gesetze zu begnügen. Dieses läßt sich an einer Redaktion der statutarischen Gesetzgebung von 1341 belegen. - Auch für Verona kann L. W. feststellen, daß dem Codice Campostrini von 1276 durch die Etablierung der Signorie der della Scala, aber auch wegen seiner "ausgereiften Ordnung" mit Numerierung, Rubrizierung und erstmaliger Einteilung der Rechtsmaterie eine lange Geltungsdauer bis 1327 beschieden war. Demgegenüber befindet sich der Liber iuris civilis urbis Veronae des Wilielmus Calvus von 1228, der die chronologische Ordnung und Erweiterung seiner Vorlage von 1219 beibehält, auf einem veralteten Niveau. Das Statutenbuch von 1276 bildet aber nicht nur eine schriftliche Rechtsgrundlage, sondern enthält selbst umfangreiche Angaben über schriftgebundene Verwaltungstätigkeit, die der Kommune eine bessere Kontrolle über den Contado sicherte. - Für die Landgemeinde Chiavenna stellt sich die Situation des kommunalen Schriftguts anders dar. Die Untersuchung der administrativen und gesellschaftlichen Entwicklung dieses strategisch bedeutenden Ortes am Ausgang von drei Paßstraßen basiert auf ca. 800 Urkunden und 30 Rechnungsbüchern. Gegenüber der Herrschaft weniger grundbesitzender Familien, die ihren Höhepunkt in der Mitte des 12. Jh. hatte, weist B. aufgrund der immer differenzierter werdenden Finanzverwaltung zu Beginn des 13. Jh. zunehmend Amtsinhaber und Funktionsträger anderer gesellschaftlicher Gruppen nach. Neben den Handwerkern gelang der soziale Aufstieg den Zuwanderern, darunter vor allem den Notaren und ihren Familien, da sie von der anwachsenden Verschriftlichung des kommunalen Lebens profitierten. - Zahlreiche Anhänge in allen drei Bänden geben über Aussehen und Inhalt der herangezogenen Quellen Auskunft. Für Chiavenna kommen noch Aufstellungen über die wichtigsten Amtsträger und Notare im 12. und 13. Jh. dazu. Personen- und detaillierte Sachregister (und ein Ortsregister für Chiavenna) schließen die Einzeluntersuchungen ab, die wichtige Überlieferungsbestände exemplarisch auswerten, um die Erforschung des kommunalen Lebens in Oberitalien auf eine bessere Grundlage zu stellen.

    Claudia Zey


  289. Winfried Reichert, "Zur Besserung des Standes unserer Untertanen und auch zur Mehrung unserer und unseres Stiftes Rechte und Freiheiten." Die Privilegierung der Stadt Wittlich an der Wende zum 14. Jahrhundert, Kurtrierisches Jb. 34 (1994) S. 25-45, widerspricht überzeugend der Auffassung, Rudolf von Habsburg habe am 29. Mai 1291 ein heute verlorenes Stadtrechtsprivileg ausgestellt (vgl. Reg. Imp. 6,1 Nr. 2465 ff. zur Serie der Stadtrechtsverleihungen für Trierer Städte). Die Stadtrechtsverleihung nahm der Landesherr Erzbischof Dieter 1300 vor, rechtlich und politisch wird sie im 2. Teil des Aufsatzes behandelt.

    E.-D. H.


  290. 5. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte

  291. Ernst Schubert, Fahrendes Volk im Mittelalter, Bielefeld 1995, Verlag für Regionalgeschichte, 497 S., ISBN 3-89534-155-X, DEM 58. - In der hier gebotenen Kürze kann allenfalls der Inhalt grob umrissen werden, aber es ist unmöglich, auch nur eine einigermaßen repräsentative Auswahl der zur Sprache gebrachten Facetten und Nuancen mitzuteilen. In drei Hauptteilen wird ein geradezu spannend zu lesendes Panoptikum all der Gruppen entworfen, die sich auf den ma. Straßen herumtrieben oder aus anderen Gründen "unterwegs" bzw. "unbehaust" waren, vom armen Schlucker, den die blanke Not auf die Straße trieb, bis zum spezialisierten Handwerker, von dem gern Gesehenen (gernde diet) bis zu den Gemiedenen. Da wird "Mobilität als gesellschaftliche Grunderfahrung" beschrieben, die Mühsal des Reisens dargestellt, da werden Burgen, Höfe, Jahrmärkte und Städte als Anziehungspunkte für fahrendes Volk jedweder Art vorgeführt und die einzelnen Gruppen differenziert untersucht: Von den Spielmännern, hinter denen sich Unterhaltungskünstler jedweder Art verbergen können (vom "Bierdichter und Barden" bis zum höfischen "Sänger", S. 150), von Tänzern und Tänzerinnen, Bärenführern und Gauklern, vagierenden Klerikern und Scholaren, frommen Pilgern und Streunern, von Huren und Söldnern bis zu Hausierern und Wanderärzten. Die Quellen stammen natürlich größtenteils aus dem Hoch- und Spät-MA, manchmal auch aus der Neuzeit (etwa S. 343 f., wo eine Quelle aus dem Jahr 1800 ausgewertet wird), aber sie werden nicht unreflektiert "rückverlängert" und auf das ganze MA projiziert, und hier und da kommt auch das entschieden quellenärmere Früh-MA zu seinem Recht (z. B. S. 91 ff., 122 ff.). Im dritten Hauptteil werden "Ausgrenzung, Umformung, Untergang" der Fahrenden beschrieben, wobei mit "Untergang" nicht gesagt sein soll, die Vaganten seien veschwunden. Gemeint ist die soziale Ausgrenzung, Kriminalisierung und Marginalisierung, aus dem "gernde diet" war im frühneuzeitlichen Obrigkeitsstaat "herrenloses Gesindel" geworden (S. 353). Im "konfessionellen Zeitalter, in dem weltliche Obrigkeiten sowie die neuen Kirchen ... unermüdlich neue, angeblich Gott wohlgefällige Ordnungsideale in die Welt hineinmissionierten" (S. 354), beginnt der Wertewandel: Im MA - so die These - gehörten die Fahrenden zur Gesellschaft, und im ganzen gab es einen Ausgleich von Gabe und Gegengabe, jetzt aber benötigte die Gesellschaft die Umherziehenden nicht mehr, sie wurden an den Rand gedrängt und als unehrlich verrufen, aus Fahrenden werden Asoziale. Diese Ausgrenzung sieht Sch. als Teil "der Sozialdisziplinierung der Gesellschaft in der frühen Neuzeit" (S. 372), aus einer latent mobilen wird eine wirklich seßhafte Gesellschaft. - Alles in allem: ein interessant erzähltes, gut lesbares, Mentalitäts-, Gesellschafts- und Kulturgeschichte vereinendes Buch, dem bei seinem günstigen Preis ein breiter Leserkreis gewünscht sei.

    G. Sch.


  292. Peter Neumeister, Beobachtungen und Überlegungen zur Ministerialität des 9., 10. und 11. Jahrhunderts, Zs. für Geschichtswissenschaft 43 (1995) S. 421-432, fordert gewiß mit Recht eine stärkere Berücksichtigung früher ministerialis-Belege (vor 1000), dürfte aber mit seiner grundsätzlichen Skepsis gegenüber Zeugnissen in späterer Abschrift entschieden zu weit gehen.

    R. S.


  293. Ulrich Andermann, Ritterliche Gewalt und bürgerliche Selbstbehauptung. Untersuchungen zur Kriminalisierung und Bekämpfung des spätmittelalterlichen Raubrittertums am Beispiel norddeutscher Hansestädte (Europäische Hochschulschriften, Rechtshistorische Reihe 91) Frankfurt am Main u. a. 1991, Peter Lang, 366 S., ISBN 3-631-43831-1, DEM 97. - Diese Bielefelder Diss. greift das unlängst von W. Rösener (vgl. DA 39, 598) und R. Görner (vgl. DA 44, 672, in der Bibliographie A.s seltsamerweise nicht angegeben, obwohl von ihm mehrmals diskutiert) thematisierte Problem des "Raubritters" im Zusammenhang der Brunnerschen These der rechtmäßigen Fehde auf. In einem langen, lesenswerten und gedankenreichen einleitenden Teil (S. 13-122) erörtert A. die methodologische und begriffliche Problematik. Die These vom Raubrittertum als Ausdruck einer generellen Krise des spätma. Adels lehnt er ab. Ebenso lehnt er die Brunnersche Überspitzung ab, nach der jegliche Gewaltanwendung als Ausdruck rechtmäßiger Fehde und somit als legitim gesehen werden konnte (und daher muß): Wir sind nicht imstande, zweifelsfrei in konkreten Fällen ohne Kasuistik darüber zu urteilen, aber auch die Zeitgenossen waren es nicht. Es geht vielmehr um gleichzeitig bestehende, entgegengesetzte Wertesysteme, wobei A. im Spät-MA die "tendenzielle Durchsetzung einer städtisch-bürgerlichen Werteorientierung" (S. 113) sieht: Wir haben es mit der Kriminalisierung von Verhaltensformen zu tun, die ehemals durchaus zu verteidigen gewesen waren. In der zweiten Hälfte des Buches behandelt er die konkreten Erscheinungsformen des städtischen Vorgehens gegen ritterliche Gewalt. Zuerst werden die verfassungsmäßigen Voraussetzungen geschildert (Verhältnis zwischen Städtebündnissen und Reichslandfrieden, städtisches Erlangen der Gerichtshoheit), dann die städtische Umlandpolitik und deren begleitende Maßnahmen wie z. B. das Anheuern von Söldnern und den Abschluß von Offenhausvereinbarungen mit Burgbesitzern (hier wie anderswo sieht A. in der finanziellen Macht der Städte ein wichtiges Mittel für die Durchsetzung der von ihnen verfolgten Politik). Erst im letzten Drittel kommen wir zur Rechtslage und zu den prozessualen Entwicklungen, die zum faktischen Verlust der ständischen Sonderrechte des Adels im Einzugsbereich der städtischen Gerichtsbarkeit führten. Obwohl diese Nivellierung zweifellos stattgefunden hat, warnt A. vor dem gelegentlich aus erzählenden Quellen gewonnenen Eindruck, die Städte hätten normalerweise "kurzen Prozeß" mit adeligen Raubrittern gemacht. Ein lesenswertes Buch, das gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zur dringend notwendigen historischen Kriminologie des MA leistet.

    T. R.


  294. Wolfgang von Stromer, Landmacht gegen Seemacht. Kaiser Sigismunds Kontinentalsperre gegen Venedig 1412-1433, ZHF 22 (1995) S. 145-189, begründet eine Revision des weitgehend negativen Urteils über Sigismunds Wirtschaftsmaßnahmen gegen Venedig. Denn an ihrem Ende hätten wichtige wirtschaftliche Strukturveränderungen zugunsten der deutschen Handelshäuser gestanden: Verbesserungen im System des Fondaco dei Tedeschi in Venedig selbst, Aufbau neuer Industrien in Deutschland, Erschließung von Handelswegen in das westliche Mittelmeer und zur Iberischen Halbinsel (der schließlich die Zukunft gehörte) für die deutschen Kaufleute, Gleichrangigkeit zwischen der deutschen und venezianischen Wirtschaft bei der Neuaufnahme der Beziehungen u. a.

    E.-D. H.


  295. M. Aubrun, G. Audisio, B. Dompnier, A. Gueslin (Hg.), Entre idéal et réalité. Actes du colloque international "Finances et religion du Moyen-Age à l'époque contemporaine", organisé par le Centre d'Histoire des Entreprises et des Communautés, Université Blaise-Pascal - Clermont-Ferrand - Janvier 1993 (Publications de l'Institut d'Études du Massif Central, No. V de la collection "Prestige") Clermont 1994, 422 S., ISBN 2-87741-065-X, 149 FRF. - Hier anzuzeigen sind: Marie-Elisabeth Henneau, Esprit de pauvreté de vie ou les oscillations d'une église entre idéal et réalités (S. 5-11), unterscheidet zwischen der paupertas coacta und der paupertas spontanea, zwischen materieller Armut und dem Geist der Armut. - Michel Parisse, Remarques sur les rapports à l'argent des communautés religieuses, d'après les chartes du XIe siècle (S. 13-21), ermittelt in (unveröffentlichten) Urkunden die Angaben über Geld bzw. Edelmetall und teilt einige Preisangaben mit. - Michel Aubrun, Les moines cisterciens et l'argent: principes et applications; l'exemple de Fontmorigny (S. 23-32), macht einige Bemerkungen über die Haltung Bernhards von Clairvaux zum Geld, untersucht die Statuten der Generalkapitel und die Vermögens- bzw. Einkommensverhältnisse des Klosters Fontmorigny. - Peter Biller, L'argent allemand et l'hérésie médiévale: La richesse des Vaudois allemands (S. 33-47), geht den Erwerbstätigkeiten von Waldenserfamilien in Straßburg und Fribourg nach, die ziemlich reich waren (ca. 1400 bis 1445) und gehobenen Schichten angehörten. Zusammen mit der Nachricht, daß Waldenser in anderen Regionen (z. B. in der Lombardei) Geld de Alemania erhielten, führt dies zu dem Schluß: "les Allemands étaient au système international vaudois ce que les Américains sont à l'église catholique moderne" (S. 43). Zu diesem Aufsatz gehört als "Appendix": Peter Biller - John Green, Argent allemand et hérésie médiévale (S. 49-56): Interpretiert wird eine von J. von Döllinger, Beiträge zur Sektengeschichte 1 (1890) S. 92-97 publizierte und hier De vita genannte Schrift aus Cod. Vat. lat. 2648, zu der weitere Textzeugen genannt werden: Dôle, Ms. 190, fol. 32r-34r, Mailand, Ambrosiana A 129 inf. fol. 182r-187r, wobei letztere Hs. eine Kopie von Archivio generalizio dei Domenicani II 63 ist. Aus linguistischen Gründen meinen die Autoren, De vita sei südfranzösischen Ursprungs und um ca. 1300 entstanden. - G. Audisio, La pauvreté, cause de la naissance et de la fin des Vaudois (XIIe-XVIe siècles) (S. 57-67). - Jean Pierre Dedieu, L'inquisition et l'argent (S. 109-122), beschäftigt sich mit der spanischen Inquisition (Ende 15. Jh.) und hält "les aspects financiers" für ein Schlüsselelement "pour comprendre le fonctionnement et l'activité des tribunaux de l'inquisition espagnole" (S. 121). - P. Charbonnier, Les prélèvements ecclésiastiques dans la paroisse à la fin du XVe siècle (S. 123-134), erörtert die Einkünfte von Niederkirchen in der Basse-Auvergne. - Kazimierz Bobowski, La base financière des couvents cisterciens de Silésie à l'époque de la réforme (S. 193-198), behandelt hauptsächlich die schlesischen Klöster Trzebnica (Trebnitz) und Henrykow (Heinrichau). - Jean-Luc Fray, Communautés juives et constitutions des états territoriaux entre Rhin et Meuse au début du XIVe siècle: Réalités politico-financières et aspects polémiques (S. 239-250), interpretiert einige Strophen des Gedichts La Guerre de Metz (ca. 1326) vor dem Hintergrund der Geschichte der Juden in Lothringen. - Jean-Claude Schmitt, Au moyen-âge: l'église, l'argent et les images (S. 407-415), macht einige Bemerkungen über bildliche Darstellungen des Geldes, die sich im Laufe der Zeit und parallel zur Bedeutung des Geldes gewandelt haben. - Das Buch kann auch direkt bei der "Société des Amis de l'Institut du Massif Central - 29 Boulevard Gergovia, 63000 Clermont-Ferrand" bestellt werden.

    G. Sch.


  296. Juden in der christlichen Umwelt während des späten Mittelalters. Hg. von Alfred Haverkamp und Franz-Josef Ziwes (ZHF, Beiheft 13) Berlin 1992, Duncker & Humblot, 102 S., ISBN 3-428-07268-5, DEM 48. - Der Bd. enthält nach einer den Inhalt erschließenden Einführung der Hg. (S. 9-11) die mit Anmerkungen versehenen Vorträge, die auf dem Bamberger Historikertag 1988 in einer von F. Graus geleiteten Sektion gehalten worden sind. Seinem Andenken sind sie gewidmet: Alexander Patschovsky, Der "Talmudjude". Vom mittelalterlichen Ursprung eines neuzeitlichen Themas (S. 13-27), beschreibt und analysiert die Entstehung des seit dem 13. Jh. durch die Verdammung des Talmud in der lateinisch-christlichen Welt geschaffenen Negativbildes "des Juden" und zeigt dessen erschreckende Langzeitwirkung auf. - Michael Toch, Siedlungsstruktur der Juden Mitteleuropas im Wandel vom Mittelalter zur Neuzeit (S. 29-39), wertet das gesamte Vorarbeitenmaterial der Germania Judaica III aus und fragt unter Verzicht auf Einzelnachweise nach den Auswirkungen der judenfeindlichen Maßnahmen um die Mitte des 14. Jh. auf die Verbreitung jüdischer Siedlungen im Regnum Teutonicum. - Friedhelm Burgard, Zur Migration der Juden im westlichen Reichsgebiet im Spätmittelalter (S. 41-57), vertieft diese Fragestellung in landesgeschichtlicher Perspektive. - Israel Jacob Yuval, Juden, Hussiten und Deutsche. Nach einer hebräischen Chronik (S. 59-102), untersucht die Ereignisse der Hussitenkriege, von denen Juden unmittelbar betroffen waren, klärt den Hintergrund der jüdischen Sicht der hussitischen Theologie und erarbeitet neu die Überlieferungs- und Wirkungsgeschichte der "Geschichte der Hussiten" ("gilgul bne chuschim") des Salman von St. Goar, die er im Anhang nach der um 1460 angefertigten Hs. Frankfurt, Stadt- und Universitätsbibl., hebr. 8094 erstmals in deutscher Übersetzung vorlegt.

    Peter Segl


  297. Economie rurale et Economie urbaine au Moyen Age. Landwirtschaft und Stadtwirtschaft im Mittelalter, hg. von Adriaan Verhulst und Yoshiki Morimoto (Belgish Centrum voor Landelijke Geschiedenis 108) Gent/Fukuoka 1994, Belgish Centrum ..., 224 S., Karten, ISBN 4-87378-377-1. - Der vorliegende Bd., der hier nur kurz angezeigt werden kann, ist erwachsen aus drei Tagungen 1991 und 1992 in Gent. Nach einer Einleitung der Hg. findet man: Yoshiki Morimoto, Autour du grand domaine carolingien: aperçu critique des recherches récentes sur l'histoire rurale du haut Moyen Age (S. 25-79) und L'assolement triennal au haut Moyen Age. Une analyse des données des polyptyques carolingiens (S. 91-125), Adriaan Verhulst, Die Jahrtausendwende in der neueren französischen Historiographie: theoretische Konstruktion und historische Wirklichkeit (S. 81-87) und Grundherrschaftliche Aspekte bei der Entstehung der Städte Flanderns (S. 157-164), sowie Erik Thoen, Die Koppelwirtschaft im flämischen Ackerbau vom Hochmittelalter bis zum 16. Jahrhundert (S. 135-153) und Le démarrage économique de la Flandre au Moyen Age: le rôle de la campagne et des structures politiques (XIe - XIIIe siècles). Hypothèses et voies de recherches (S. 165-184). - Mit jeweils einem Beitrag vertreten sind Alain Derville, Verzelgung und Dreifelderwirtschaft in Nordfrankreich im Mittelalter (S. 127-133), und Hiromichi Takita, Wirtschaftliche Stadt-Umland-Beziehungen des Kölner Raums im Spätmittelalter. Eine Fallstudie zur Kölner Harnischmacherzunft (S. 185-224).

    M. S.


  298. Siegfried Epperlein, Waldnutzung, Waldstreitigkeiten und Waldschutz in Deutschland im hohen Mittelalter (2. Hälfte 11. Jahrhundert bis ausgehendes 14. Jahrhundert) (Beihefte der VSWG 109) Stuttgart 1993, Steiner, 108 S., ISBN 3-515-06305-6, DEM 48, bietet eine auf breitgefächertem gedruckten Quellenmaterial basierende Einführung in ein wichtiges Teilgebiet der Umweltgeschichte. Der Autor gliedert sein Material nach geographischen Gesichtspunkten, indem er fünf "Räume" in Deutschland unterscheidet: den mittel-, nordwest-, südwest- und südostdeutschen sowie mittelrheinischen Raum. In einem instruktiven Exkurs behandelt E. den ikonographischen Befund zur Waldnutzung, wenn auch ohne derartige Zeugnisse abzubilden. Ein ausgezeichnetes Literaturverzeichnis schließt den Bd. ab. Der Untersuchung ist keinerlei Register beigegeben, was ihren Gebrauchswert erheblich schmälert. Die Gliederung nach Landschaften ist bei näherem Hinsehen fraglich. Zum einen ist mit dem heute hessischen Gebiet eine auch damals sehr waldreiche Gegend nicht vertreten. Zum anderen ist eine solche Strukturierung nur dann sinnvoll, wenn deutliche Unterschiede in den einzelnen Gebieten hervortreten. Dies ist aber offensichtlich nicht der Fall. Vielmehr sind die Aussagen der Quellen recht homogen, wie z. B. zur Walderwerbspolitik der Klöster. Schier endlos referiert E. ausführlich die zahlreichen Urkundentexte. Die geschilderten Streitigkeiten um Holzschlag ähneln einander; die Kontrahenten waren (meist zisterziensische) Klöster, weltliche Herren, dörfliche Gemeinden, Städte. Warum erfolgen hier nicht statt solcher Wiederholungen Erläuterungen, wie z. B. eine Herleitung des zentralen Begriffs "Dem" (von decima porcorum) oder eine Erklärung, warum Schafe nicht in den Wald gelassen wurden (Verbiß der jungen Triebe)? Dabei hat das Buch auch Verdienste. Die von E. ausgewerteten Quellen lassen erkennen, wie früh schon Bauholz sowie Eicheln und Bucheckern für die Schweine in vielen Gegenden nicht mehr im Überfluß vorhanden waren. Folgerichtig kamen Auseinandersetzungen um die vorhandenen Ressourcen auf, deren vorerst gütliches Ende die Urkunden besiegelten. Besonders intensiv wurde die Schweinemast betrieben. "Fruchtbare Bäume" wie Eichen und Buchen durften schon im 13. Jh. nicht mehr zur Bauholzgewinnung herangezogen werden. Auch die natürliche Verjüngung der Wälder reichte bald nicht mehr aus. Urkunden und Weistümer aus dem 14. Jh. ordnen systematische Aufforstungen durch den Menschen an, wie in Dortmund 1347 (Laubholz) oder Nürnberg 1368 (Nadelholz). Dazu passen Nachrichten über Waldverwüstungen aus den Jahren 1243 und 1303. Der Vf. zeigt also eindrucksvoll, daß spätestens im 13. und 14. Jh. die "Ressource Wald" in vielen Gegenden knapp geworden war.

    Jörg Wiesemann


  299. Wilhelm G. Busse (Hg.), Burg und Schloß als Lebensorte in Mittelalter und Renaissance (Studia humaniora. Düsseldorfer Studien zu Mittelalter und Renaissance 26) Düsseldorf 1994, Droste, 262 S., ISBN 3-7700-0831-6, DEM 49,80. - Ein interdizisplinär angelegter Versuch, dem Wohnort des ma. Adels näherzukommen. Die Beiträge sind zeitlich und geographisch jedoch sehr weit gestreut, so daß das Problemfeld allenfalls punktuelle Erhellung erfährt: Werner Meyer, Landwirtschafts- und Handwerkerbetriebe auf mittelalterlichen Burgen der Schweiz (S. 19-34), zieht neben archivalischen Quellen auch archäologische Sachfunde heran. - Brigitte Kasten, Residenzen und Hofhaltung der Herzöge von Jülich im 15. und beginnenden 16. Jahrhundert (mit Anhang: Zwei Hofordnungen Herzog Wilhelms IV. von Jülich-Berg von 1479 und 1490) (S. 35-82), ist ohne Abdruck der Quellentexte schon einmal 1993 publiziert worden (vgl. DA 51, 328). Die weiteren Beiträge sind literaturgeschichtlich.

    A. M.-R.


  300. Cities and the rise of states in Europe. A. D. 1000 to 1800. Ed. by Charles Tilly and Wim P. Blockmans, Boulder u. a. 1994, Westview Press, V u. 290 S., ISBN 0-8133-8849-X. - Das Buch enthält elf Untersuchungen zur Entwicklung von Städten und Stadtstaaten zu Staaten im frühneuzeitlichen Sinn, die geographisch fast ganz Europa abdecken, von denen aber nur acht dem zeitlichen Rahmen dieser Zs. entsprechen. Es handelt sich dabei großenteils um überarbeitete und ergänzte Beiträge, die bereits in einer Sonderausgabe von Theory and Society (vol. 19 no. 5, September 1989) publiziert worden sind. Neu sind die Artikel von Sergij Vilfan, Towns and States at the Juncture of the Alps, the Adriatic, and Pannonia (S. 44-59), und Trajan Stoianovich, Cities, Capital Accumulation, and the Ottoman Balkan Command Economy, 1500-1800 (S. 60-99), die mit ihren Untersuchungen den geographischen Rahmen vervollständigen. - Charles Tilly, Entanglements of European Cities and States (S. 17-22), gibt einen theoretischen Überblick über das Phänomen und liefert kurze Zusammenfassungen der einzelnen Beiträge, die die gewichtigen Unterschiede hervorheben. Es folgen die Einzelanalysen von Giorgio Chittolini, Cities, "City-States", and Regional States in North-Central Italy (S. 28-43), - Peter Moraw, Cities and Citizenry as Factors of State Formation in the Roman-German Empire of the late Middle Ages (S. 100-127), - Anders Andrén, State and Towns in the Middle Ages: The Scandinavian Experience (S. 128-149), - Pablo Fernándes Albaladejo, Cities and the State in Spain (S. 168-183), - Antonio Manuel Hespanha, Cities and the State in Portugal (S. 184-195), - Marjolein 't Hart, Intercity Rivalries and the Making of the Dutch State (S. 196-217). Die Analyse so verschiedener Entwicklungen in langem zeitlichen Rahmen zusammengefaßt zu vergleichen, ist die Stärke dieses Buches, das durch eine ausführliche Bibliographie und einen Index ergänzt wird und Kurzinformationen zu den Autoren liefert.

    D. S.


  301. Roland Rölker, Adel und Kommune in Modena. Herrschaft und Administration im 12. und 13. Jahrhundert (Europäische Hochschulschriften, Reihe 3, 604) Frankfurt am Main u. a. 1994, Peter Lang, 418 S., ISBN 3-631-43244-5, DEM 98. - Auf die prosopographische Methode gestützt, werden die städtischen Amtsträger und der Einfluß von deren Familien auf die Stadtgeschichte untersucht, dazu der sich formierende städtische Neuadel, die folgende Herausbildung politischer und sozialer Gegensätze innerhalb der Stadt. Einbezogen werden auch Auftrag und Funktion der von der Kommune eingerichteten Ämter. Ein Blick auf die Besitzverhältnisse zeigt im städtischen Bereich die Dominanz des Bischofs, außerhalb die der Abtei Nonantola bzw. der Vasallen der Markgrafen von Canossa. Adelsgeschlechter wurden an die Stadt gebunden, einzelne Familien ließen sich in ihr nieder. Der Bischof übertrug im 12. Jh. die Jurisdiktion an ein von den Bürgern gewähltes Gremium. Diese Consules waren weitgehend durch ein Lehnsverhältnis an den Bischof gebunden, sie übten Regierungsgewalt in der Stadt, später im Umland aus. Als Mitglied des Lombardenbundes paßte sich die Stadt an dessen institutionelle Verhältnisse an. Innerstädtische Auseinandersetzungen entstanden über der Beteiligung von Schichten, die nicht zum Stadtadel zählten, an politischen Entscheidungen. 1220 wurde die Zahl der Ratsmitglieder auf 400 verdoppelt, was die Existenz eines weiteren, kleineren Rates nahelegt. Es gab ein städtisches Gericht, zahlreiche Notare. Halbjährlich wechselnde Amtsträger kontrollierten die Stadtwaage, die Zölle. Die vorliegende Arbeit, eine Münsteraner Diss., liefert ein differenziertes Bild der Entwicklung in Modena, gestützt auf eine breite und sorgfältig ausgewertete Quellenbasis. Sie bietet Vergleichsbeispiele für die Stadtentwicklung und bildet einen Mosaikstein für eine europäische Stadtgeschichte.

    Lothar Kolmer


  302. Serena Luzzi, La confraternità alemanna degli zappatori. Lineamenti per una storia della comunità tedesca a Trento fra tardo medioevo e prima età moderna, Studi trentini di scienze storiche 73 (1994) S. 231-275, S. 331-363 und 74 (1995) S. 47-92, legt eine erste umfassende Würdigung der "Hauerbruderschaft" in Trient vor, die als Mittelpunkt des deutschen Bevölkerungsanteiles angeblich seit dem Jahr 1297 bestanden hatte. Die besonders im 15. Jh. reichhaltig vorhandene archivalische Überlieferung - meist in deutscher Sprache - erlaubt viele Einblicke in die karitativen und wirtschaftlichen Tätigkeiten der Institution sowie in die berufliche und soziale Zusammensetzung der Mitglieder und Funktionäre.

    Josef Riedmann


  303. Marina Garbellotti, L'ospedale Alemanno: un esempio di assistenza ospedaliera nella Trento dei secc. XIV - XVIII, Studi trentini di scienze storiche 74 (1995) S. 259-324, beschreibt die innere Organisation des seit 1242 bezeugten "deutschen Spitals" in Trient, das engstens mit der dortigen "Hauerbruderschaft" verbunden war und erst 1811 aufgelöst wurde.

    Josef Riedmann


  304. 6. Landesgeschichte

  305. Wiltrud Fischer-Pache, Wirtschafts- und Besitzgeschichte des ehemaligen Kollegiatstifts St. Peter und Alexander zu Aschaffenburg bis zum Ausgang des 14. Jahrhunderts (Veröffentlichungen des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg 35) Aschaffenburg 1993, Geschichts- und Kunstverein Aschaffenburg, XVIII u. 461 S., ISBN 3-87965-059-4. - Die lokalgeschichtliche Forschung wird sich vor allem für den Katalog der Rechte und Besitztümer des Stiftes interessieren, den die Vf. S. 118-371 in 251 Ortsartikeln zusammengestellt hat, S. 121-145 betreffen dabei Aschaffenburg selbst. Das Privileg Papst Lucius' III. vom 21. Dezember 1184 (JL 15143) bedeutet den Endpunkt der frühen Besitzgeschichte des Stiftes, an dessen Gründung durch Ottos des Großen Sohn Liudolf die Vf. festhält. Die weitere Besitzentwicklung ist durch die Seelgerätstiftungen zugunsten der Präsenz des Stiftes bestimmt, aus der die Kanoniker entlohnt wurden, die regelmäßig am liturgischen Leben und damit am Gottesdienst für die Verstorbenen teilgenommen hatten. Neben den Urkunden ist deshalb das älteste Nekrolog des Stiftes, 1267 angelegt und bis 1397 geführt, eine der wichtigsten Quellen für diese Untersuchung, dazu kommen noch Register und weitere Aufzeichnungen der "Stiftsverwaltung". Über die Seelgerätstiftungen erhielten die Kanoniker die finanziellen Mittel zu einer aktiven Erwerbspolitik, etwa zum Rückkauf von Gütern, die der Propst als Lehen ausgegeben hatte und die Gefahr liefen, dem Stift auf Dauer entfremdet zu werden. In der Analyse des Zusammenspiels von innerer Struktur, Verfassung, Besitzentwicklung und Wirtschaftsformen, wie sie im ersten Teil der Arbeit, einer Würzburger Diss., vorgenommen wird, liegt deren allgemeiner Nutzen. Ergänzend sind eine Übersicht über die Vikarien der Stiftskirche beigegeben, eine Erläuterung der Maße und Münzen sowie die Edition eines Urbarfragments von 1259/1261.

    E.-D. H.


  306. Enno Bünz, Gründungsausstattung und Güterteilung des Würzburger Kollegiatstifts Haug im Spiegel der ältesten Papsturkunden (1182-1195), Würzburger Diözesangeschichtsblätter 57 (1995) S. 33-78, 2 Karten, 1 Abb., sieht im Privileg Papst Lucius' III. von 1182 noch die wesentliche Ausstattung des "bischöflichen Eigenstifts" (um 1000) durch Bischof Heinrich I. fixiert und rekonstruiert die Auseinandersetzung zwischen Propst und Kanonikern um die Nutzungsrechte im 12. u. 13. Jh. Im Anhang Editionen der z. T. ungedruckten Papsturkunden JL 14641/42, JL 14803 (Lucius III.), JL 17207 (Coelestin III.) sowie zweier Bischofsurkunden für Stift Haug von 1196 bzw. 1260.

    Stefan Beulertz


  307. Productions et échanges artistiques en Lotharingie médiévale. Actes des 7es Journées Lotharingiennes, éd. par Jean Schroeder (Publications de la Section historique de l'Institut G.-D. de Luxembourg 110) Luxembourg 1994, Imprimerie Linden, 237 S., ISBN 2-919979-05-1. - Die Serie der grenzüberschreitenden Luxemburger Kolloquien (vgl. zuletzt DA 50, 361 f.) setzt diesmal einen kunsthistorischen Akzent: Françoise Pirenne-Hulin, Textiles du Moyen Age de l'ancien diocèse de Liège (S. 15-26, 3 Abb.). - Anne-Marie Helvetius, Hagiographie et architecture en Basse-Lotharingie médiévale (S. 27-45), geht beispielhaft auf die Baudenkmäler der Lokalheiligen Alena in Forest/Brabant, Servatius in Maastricht, Gudula in Brüssel und Bruno in Köln (St. Pantaleon) ein. - Luc-François Génicot, Entre France et Rhénanie, l'abbatiale de Poppon à Stavelot (S. 47-62, 7 Abb.), über die 1040 geweihte Klosterkirche. - Aart J. J. Mekking, Die ottonische Tradition in der Architektur des ehemaligen Herzogtums Lothringen im 11. Jahrhundert (S. 63-80, 5 Abb.), betont die Impulse, die von Kölner Bauten ausgingen. - Hubert Frère, Notger et la monnaie de l'Eglise de Liège (S. 81-98). - Jean-Louis Kupper, Les Fonts baptismaux de l'église Notre-Dame à Liège. Le point de vue d'un historien (S. 99-114, 1 Abb.), weist Spekulationen über eine byzantinische Herkunft des Kunstwerkes aus dem frühen 12. Jh. zurück. - J. A. Schmoll gen. Eisenwerth, Die lothringische Skulptur des 14. Jahrhunderts. Eine Skizze zum neuesten Forschungsstand (S. 115-135, 21 Abb.). - Helga Schmoll gen. Eisenwerth, Lothringische Skulptur des 15. Jahrhunderts (S. 137-170, 19 Abb.). - Gabriele und Wolfgang Schmid, Das Grabmal der Elisabeth von Görlitz († 1451) - ein Frühwerk des Nikolaus Gerhaert in Trier? (S. 171-220, 18 Abb.), mit einem Abdruck des Testaments der Luxemburger Herzogin und Enkelin Kaiser Karls IV. - Alain Dierkens, En guise de conclusion: existe-t-il un "art lotharingien"? (S. 221-230).

    R. S.


  308. Ermesinde et l'affranchissement de la ville de Luxembourg. Etudes sur la femme, le pouvoir et la ville au 13e siècle. Sous la direction de Michel Margue (Publications du Musée d'Histoire de la Ville de Luxembourg. Publications du CLUDEM 7) Luxembourg 1994, CLUDEM, 325 S., ISBN 2-919979-04-3, 81 Abb., LUF 1.170. - Zum 750. Jahrestag der Ausstellung der Freiheitsurkunde durch die Gräfin Ermesinde veranstaltete die Stadt Luxemburg 1994 eine Vortragsreihe, von der einige wissenschaftliche Beiträge hier in überarbeiteter Form vorgelegt werden. Neben einer kommentierten Neuedition des Privilegium libertatis mit deutscher Übersetzung von Michel Margue und Michel Pauly (S. 41-58) enthält der mit vielen Bildern ausgestattete Bd. Aufsätze mehrerer Autoren aus Belgien, Deutschland, Frankreich und Luxemburg nicht nur zur Biographie, Herrschaft und Bewertung Ermesindes selbst, sondern auch zur Sphragistik, zur Stadtgeschichte Luxemburgs und zur Stellung von Frauen in der Politik während des 12. und 13. Jh. und verdeutlicht damit die Verflechtung der Grafschaft Luxemburg mit ihren deutschen und französischen Grenznachbarn.

    Isolde Schröder


  309. Frank G. Hirschmann, Überlegungen zu einigen Verduner Äbten des 10. und 11. Jahrhunderts, Rheinische Vierteljahrsblätter 59 (1995) S. 313-324, bezweifelt mit guten Gründen die teilweise vermutete Identität des ersten Abtes von St. Vanne mit Abt Humbert von St.-Èvre in Toul. Für St. Paul in Verdun sieht er trotz undurchsichtiger Abtsfolge engere Verbindungen zu Tholey gegeben und vielleicht auch zum Reformkreis um Richard von St. Vanne.

    E.-D. H.


  310. Andreas Urban Friedmann, Die Beziehungen der Bistümer Worms und Speyer zu den ottonischen und salischen Königen (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen KG 72) Mainz 1994, Selbstverlag der Gesellschaft für mittelrheinische KG, XI u. 303 S., ISBN 3-929135-04-3, DEM 62. - Diese Münchener Diss. versteht sich als Beitrag zur von T. Reuter ausgelösten neueren Diskussion um den Begriff "Reichskirchensystem" und untersucht am Beispiel der benachbarten Diözesen Worms und Speyer detailliert die Beziehungen zwischen König und Bistum. Beide Bistümer boten sich deshalb für eine derartige Untersuchung an, weil hier der Wechsel der Königsherrschaft vom ottonisch-sächsischen Haus zu den Saliern einen politischen Wandel brachte. Unter den Ottonen und Heinrich II. waren die Beziehungen von Worms zum Königtum weit intensiver gewesen als die von Speyer. Worms bildete ein Gegengewicht des Königs gegen die Salier, die unter Bischof Burchard und König Heinrich II. die Stadt räumen mußten und unter denen dann Speyer als Grablege des Königshauses seinen eigentlichen Rang gewann. Doch unverändert bleibe eine "Kontinuität in der landschaftlichen Herkunft der Bischöfe", die den Vf. "auf vom König geförderte bzw. respektierte Affinitäten des Kapitels und/oder lokalen Adels" schließen läßt, die bis in die Zeit Heinrichs IV. bestanden hätten (S. 181). Dieses Urteil scheint aber allein auf Speyer zuzutreffen, dessen Bischöfe von eher "lokaler" Herkunft waren; bei Worms fällt hingegen auf, wie unter den Saliern die Bischöfe nicht mehr aus dem hessischen Raum kommen, wo das Bistum selbst um Weilburg einen Besitzschwerpunkt aufgebaut hatte. Doch insgesamt wertet der Vf. die zunehmende Kompetenz der mit dem lokalen Adel verquickten Domkapitel in Vermögensfragen zu Recht als modifizierendes Element in den Beziehungen zwischen König und Bistümern, was sich besonders an den Schenkungen für Speyer exemplifizieren läßt. Ein weiterer Faktor der Veränderung läßt sich anhand der Wormser Vorgänge von 1073, der Vertreibung des Bischofs und Aufnahme Heinrichs IV. in die Stadt, fassen: die innere Differenzierung bis hin zur Desintegration der Bischofsstadt, in der Bischof, Klerus, "Bürgerschaft" und bischöfliche Vasallen zunehmend eigenständig handeln konnten und damit die Zugriffsmöglichkeiten des Königs gleichzeitig einengten und erhöhten. Der Vf. sieht die Dinge, durch Quellenbasis und Methode bestimmt, weitgehend aus königlicher Perspektive, woraus sich m. E. eine Kritik des Begriffs "Reichskirchensystem" nur in (hier gelungenen) Ansätzen leisten läßt. Die Arbeit ist insgesamt ein willkommenes Hilfsmittel für die Geschichte beider Diözesen. Denn präzise werden die Kontakte zwischen König und Bischöfen nachgewiesen, quellenkritische Exkurse und Besitzlisten vervollständigen die Materialsammlung auf diesem Feld.

    E.-D. H.


  311. Sigrid Schmitt, Territorialstaat und Gemeinde im kurpfälzischen Oberamt Alzey. Vom 14. bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts. Mit 3 Graphiken, 4 Tabellen, 12 Skizzen und 1 Karte (Geschichtliche Landeskunde 38) Stuttgart 1992, Franz Steiner, XII u. 372 S., ISBN 4-515-06069-3, DEM 96. - Zwar ist diese Mainzer Diss. auf einen eng begrenzten Raum bezogen, doch sie verdient allgemeines Interesse. Denn eine sorgfältige Typologie der ländlichen Rechtsquellen (S. 25-73) geht der Analyse der Verhältnisse im Oberamt Alzey voraus. Überlieferungsdichte und formale Ausgestaltung der Weistümer etwa lassen die wachsende Bedeutung der herrschaftlichen Verwaltung erkennen und ihre mit zunehmender Schriftlichkeit gesteigerte Effizienz. Charakteristisch dafür ist der um 1450 einsetzende Übergang vom "Formweistum", das auf konkret erfragter Rechtsweisung beruhte, zum regelmäßig vor der Gemeinde verlesenen "Formularweistum". Das viel diskutierte Thema genossen- oder herrschaftlicher Prägung der Weistümer erfährt in diesem Zusammenhang eine differenzierende Behandlung. Gleichzeitig wird die Eignung der Weistümer zur Klärung an einem Ort konkurrierender Herrschaftsansprüche, ihre Wirksamkeit nach außen also, ebenso sichtbar wie ihre Wirkung nach innen durch die Gewöhnung der Dorfbevölkerung an die festgelegten rechtlichen Regularien. Unter den Gesichtspunkten Territorialstaat, Grundherrschaft und Gemeinde macht die spezielle Untersuchung deutlich, wie sehr die Pfalzgrafen ihre "überterritorialen" Herrschaftsrechte (Wildfang, Geleit) zur Etablierung eines geschlossenen Territoriums zu nutzen wußten. Ebenso sichtbar wird, wie das Erfordernis einer geordneten und effektiven Bewirtschaftung und von Streitbeilegungen unter und mit den Dorfbewohnern einen Hebel bot, verschiedene Leib- und Grundherrschaften in einem Dorf im Zeichen der Ortsherrschaft auf einen Nenner zu bringen, der zunehmend vom Pfalzgrafen als dem mächtigsten Grundherrn und als Landesherrn bestimmt wurde; hier liefen die Interessen der Dorfbewohner und des Landesherren parallel, und zwar zu Lasten der übrigen in der Gemeinde untereinander konkurrierenden Grundherrschaften. Gemeindebildung und territorialer Ausbau sind aneinander gekoppelt, ergänzen einander und sind "Modernisierungen" der älteren, von einer Vielzahl von Grundherrschaften bestimmten Struktur; vielleicht sollte man deshalb in fragwürdiger Aktualisierung von einer Wiederbelebung gemeindlicher Selbstverwaltung im 19. Jh. gar nicht erst reden (vgl. S. 301), denn dadurch wird das Phänomen Gemeinde aus dem historischen Kontext gelöst, in den die Vf. es überzeugend (und detailreich) gestellt hat.

    E.-D. H.


  312. Geschichte der Stadt Koblenz. Bd. 1: Von den Anfängen bis zum Ende der kurfürstlichen Zeit, hg. von der Energieversorgung Mittelrhein GmbH, Koblenz. Gesamtredaktion Ingrid Bátori in Verbindung mit Dieter Kerber und Hans Josef Schmidt, Stuttgart 1992, Theiss, 559 S., zahlreiche Abb., ISBN 3-8062-0876-X, DEM 78. - Dies ist das Werk vieler Vf. In 20 teils chronologischen, teils systematischen Beiträgen wird die Stadtgeschichte nachgezeichnet, nur diejenigen, die das MA berühren, seien hier vorgestellt: Edith Ennen, Koblenz - eine rheinische Stadt (S. 13-24), skizziert die Position von Koblenz unter diesen. - Hermann Amendt, Die Stadt im frühen Mittelalter (S. 69-86), behandelt die Siedlungskontinuität und die Topographie. - Dietmar Flach, Herrscheraufenthalte bis zum hohen Mittelalter (S. 87-120), ordnet die Geschichte des Ortes in die gesamtfränkische und frühdeutsche ein bis zur Schenkung an die Trierer Erzbischöfe durch Heinrich II. 1018. - Dieter Kerber, Die Anfänge einer Residenz der Trierer Erzbischöfe (S. 121-136), ist eine Retrospektive aus spätma. und frühneuzeitlicher Warte, in der Koblenz das Trierer Herrschaftszentrum bildet. Besonders hervorzuheben ist die Zeit der Erzbischöfe Kuno und Werner von Falkenstein. - Klaus Eiler, Die kurtrierische Landstadt (S. 137-161), enthält eine Übersicht über die Verfassungselemente und widmet sich besonders den Konflikten des 16. Jh. - Ferdinand Pauly (†), Die Kirche in Koblenz (S. 179-236), legt das Schwergewicht auf die Schilderung der Pfarrorganisation. - Franz-Josef Ziwes, Die jüdische Gemeinde im mittelalterlichen Koblenz - "Yre gude ingesessen burgere" (S. 247-257), skizziert das jüdische Schicksal unter städtischem und im Erzstift Trier besonders intensiven landesherrlichem Zugriff. - Dieter Kerber, Bürger und Einwohner im Mittelalter (S. 271-285), widmet sich ausführlicher den Hospitälern und Bruderschaften, die Aufgaben der sozialen Fürsorge übernahmen. - Ders., Wirtschaft im Mittelalter (S. 313-332), geht von dem Koblenzer Zolltarif in DH. IV. † 487 aus. - Klaus Petry, Die Koblenzer Münze im Mittelalter (S. 348-369), ordnet die seit den 1020er Jahren zu belegende Münzprägung auch in die politische Geschichte ein. - Udo Liessem, Die Architektur der mittelalterlichen Bauwerke (S. 383-408), bespricht die bis 1945 ff. erhaltene ma. Bausubstanz. - Durch einen Anmerkungsapparat und ein Register bietet der Bd. ein gutes Fundament für wissenschaftliche Einzelfragen zur Koblenzer Stadtgeschichte.

    E.-D. H.


  313. Eugen Ewig, Waldorf am Vinxtbach. Römisch-fränkische Kontinuität auf dem Lande? Fakten und Fragen, Rheinische Vierteljahrsblätter 59 (1995) S. 304-313: Waldorf ist um 650 Fiskalort im Raum Remagen-Sinzig. Der Name verweist auf Besiedlung durch Romanen. Vielleicht lehnte sich die Siedlung an eine römische Villa an, was für die Entwicklung des frühma. Dorfes insgesamt von Bedeutung wäre.

    E.-D. H.


  314. Ulrich Ritzerfeld, Hof-, Dienst-, Markt- und Stadtrechte der Kölner Erzbischöfe aus dem 12. Jahrhundert. Eine vergleichende Studie, Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 197 (1994) S. 7-25, fragt vor allem nach den Aussagen der 12 untersuchten Rechtsaufzeichnungen zur herrschaftlichen Position des Erzbischofs, die nur in den Dienstrechten zugunsten von Treueverhältnissen reduziert ist.

    E.-D. H.


  315. Anja Ostrowitzki, Die Ausbreitung der Zisterzienserinnen im Erzbistum Köln (Rheinisches Archiv 131) Köln u. a. 1993, Böhlau, XXXIII und 205 S., Abb., ISBN 3-412-02093-1, DEM 138. - Die Bonner Diss. behandelt den Zeitraum von den Anfängen 1188 bis zum Ende des 13. Jh. und untersucht 34 Nonnenkonvente, denen 4 Mönchsabteien gegenüberstanden. Neben gedruckten Archivalien werden auch zahlreiche bisher ungedruckte Materialien ausgewertet und die breite Forschung ausführlich und doch konzise berücksichtigt. O. beschränkt sich dabei keineswegs auf die gründliche Zusammenfassung und Neubestimmung der regionalen Ordensgeschichte, sie geht vielmehr auch ausführlich der Frage nach, welche grundsätzlichen Aussagen man zur Geschichte des weiblichen Ordenszweigs daraus ableiten kann. Allerdings steht im Mittelpunkt ihres Interesses die Institution der Gemeinschaft, nicht die Frage der persönlichen monastischen Berufung. Der Begriff "Ordensaufnahme" bezieht sich daher nur auf das Verhältnis der Konvente zum Gesamtverband. Bekanntlich ist die Einbeziehung der Frauenklöster ein jahrzehntelanger ordensinterner Streitpunkt ähnlich wie bei den Prämonstratensern gewesen, und das erarbeitete differenzierte Bild macht deutlich, daß zwar ein subjektives Zugehörigkeitsgefühl zum Orden allen untersuchten Kommunitäten gemeinsam war, daß aber auch in Einzelfällen die Anerkennung durch das Generalkapitel ausblieb. O. bestätigt somit, daß die Landesgeschichte durchaus für die Erkenntnis überregionaler Strukturen von Gewinn sein kann. Im Anhang ist eine Urkunde von 1233 zur Inkorporation von Mariengarten, Benden und Bottenbroich in den Zisterzienserorden abgedruckt.

    C. L.


  316. Jürgen Huck, Neuss, der Fernhandel und die Hanse. Teil 2: Der Fernhandel und die Hanse (Schriftenreihe des Stadtarchivs Neuss 9/2) Neuss 1991, ohne Verlagsangabe, XVI u. 420 S., Abb., ISBN 3-9222980-09-0. - 1984 hatte H. den ersten Teil (Neuss bis zum Ende der Hansezeit) dieses Werkes vorgelegt (im DA nicht angezeigt) und hier auf 191 S. eine Stadtgeschichte von der Römerzeit bis in das 17. Jh. gegeben. Der umfangreiche zweite Teil ist in engerem Sinne wirtschaftsgeschichtlich orientiert und auf den Neusser Handel ausgerichtet. Der Rhein hat dessen Richtung vorgegeben, Schwerpunkte des Neusser Fernhandels waren dort Köln und die Niederlande. Dem Rhein folgt auch die Darstellung. Beginnend mit Köln (S. 1-64) erfaßt der Vf. die Handelsbeziehungen in einzelnen, nach rheinischen Großlandschaften geordneten Ortsartikeln. Diese Artikel charakterisieren auch knapp die wirtschaftliche Bedeutung und Struktur der jeweiligen Stadt. Die übrigen Räume Deutschlands, zu denen Neusser Handelsbeziehungen bestanden, werden analog behandelt; die letzten Abschnitte dieser Übersichten gelten dem Ostseeraum (Lübeck, Wismar, Danzig, Reval) und Skandinavien. Handelsbeziehungen zu England werden nicht nachgewiesen. Auf S. 300-309 behandelt H. die Frage, ob Neuss jemals Mitglied der Hanse gewesen sei. Die Privilegien, die Friedrich III. 1475 der Stadt gab, um sie für ihren Einsatz im Krieg gegen Karl den Kühnen zu belohnen und für ihre Verluste zu entschädigen, sind teilweise so gedeutet worden: zu Unrecht, wie der Vf. überzeugend begründet. Aber gleichzeitig legt H. falsche Spuren, wenn er von einem kaiserlichen Befehl zur Aufnahme in die Hanse spricht (vgl. S. 304), denn Friedrich III. hatte Neuss nur zugestanden, in Zukunft die gleichen Rechte im Reich zu besitzen wie Hansestädte. H. interpretiert selbst den politischen Gehalt der Urkunde vom 2. September 1475 in diesem Sinne (vgl. S. 307 f.). - Die Fülle der Einzelnachweise in 2418 durchnumerierten Anmerkungen imponiert, doch die gewählte Schrifttype schreckt geradezu vor deren Benutzung ab. Das Register S. 352-420 (für beide Bde.) spricht für sich.

    E.-D. H.


  317. Hermann Burghard, Kaiserswerth im Spätmittelalter. Personen-, wirtschafts- und sozialgeschichtliche Untersuchungen zur Geschichte einer rheinischen Kleinstadt (Veröffentlichung des Landschaftsverbandes Rheinland, Amt für rheinische Landeskunde Bonn) Köln 1994, Rheinland-Verlag, 510 S., 21 Abb., 9 Karten, ISBN 3-7927-1417-5, DEM 49,80. - Berufliche Gliederung der Einwohnerschaft, Handel, personengeschichtliche Untersuchungen, Kreditmarkt, Beobachtungen zu Topographie und Hausbesitz sowie soziale Stellung der Einwohnerschaft sind die Gliederungspunkte dieses detailreichen und gut ausgestatteten Bandes, der auf einer 1991 vorgelegten Essener Diss. beruht. Um das Berufsspektrum dieser Kleinstadt aufschlüsseln zu können, hat B. ein Namenbuch aus der Kaiserswerther Überlieferung, die sich größtenteils im Bestand Stift bzw. Pfarrarchiv Kaiserswerth (Hauptstaatsarchiv Düsseldorf) befindet, zusammengestellt. Die ermittelten Personen sind in sechs Namengruppen eingeteilt. Die erste, kleinste Gruppe umfaßt die nur mit Rufnamen bekannten Einwohner, weitere fünf dienen zur Unterscheidung nach den Beinamen. Aufgrund dieser 115 S. langen Liste kommt B. zu dem Ergebnis, daß "ein Teil der Berufsbeinamen als Appellativa `erwiesen' werden (konnte), was die Möglichkeit eröffnet, ... eine grobe berufliche Gliederung zu versuchen" (S. 170). Die Grenzen des namenkundlich-prosopographischen Ansatzes sind damit aufgezeigt, allerdings scheint es keine andere Möglichkeit zu geben, wenn die Überlieferung so spärlich ist wie für Kaiserswerth. Grob muß infolgedessen auch die Einteilung in soziale Schichten bleiben. Erhebliche Bedeutung kommt dabei den Mitgliederverzeichnissen der beiden spätma. Bruderschaften Kaiserswerths zu. Interessant ist die Beobachtung, daß die aus Angehörigen von Mittel- und Oberschicht zusammengesetzte Jakobsbruderschaft nur kurzen Bestand hatte, während die bis mindestens "in die 40er Jahre des 14. Jahrhunderts zurückzuverfolgende Marienbruderschaft mit ihrer sozial weitgespannten Mitgliederstruktur weit in die Neuzeit hineinreicht und durch ihre soziale Spannweite integrativ gewirkt haben dürfte" (S. 386). Der Vf. gesteht selbst ein, daß der Aspekt der Entwicklung zu wenig untersucht worden ist. Allerdings konnten auch hier einige Korrekturen, beispielsweise zur Demographie, an der bisherigen Forschung angebracht werden. Breiten Raum nimmt im Anhang die Edition des Mitgliederverzeichnisses der Marienbruderschaft ein, das von 1360 bis in die 20er Jahre des 15. Jh. geführt wurde, sowie die Edition des Bruderschaftsbuches der Jakobsbruderschaft von 1480. Weitere Anhänge sind ein Verzeichnis der Schöffen, Ratsherren und Bürgermeister von Kaiserswerth sowie eine Übersicht der "Familien mit mindestens drei Amtsjahren als Bürgermeister, Ratsherrn, Schöffen 1272-1577".

    Claudia Zey


  318. Heinz Finger, Die Isenberger Fehde und das politische Zusammenwachsen des nördlichen Rheinlandes mit Westfalen in der Stauferzeit, Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 197 (1994), S. 27-62, ist eine auf adelige Bündniskonstellationen abhebende Geschichte der Auseinandersetzungen, in denen sich Dietrich von Isenberg einen Teil des Erbes seines Vaters sicherte, der als Mörder Engelberts von Köln hingerichtet worden war.

    E.-D. H.


  319. Meinrad Schaab, Adlige Herrschaft als Grundlage der Territorialbildung im Uf-, Pfinz- und Enzgau, ZGORh 143 (1995) S. 1-49: Hinter den Herrschaftsbildungen "stehen letzten Endes die Salier und sehr oft in Vasallität zu den Saliern die Kraichgaugrafen aus der Familie der Zeisolf-Wolfram" (S. 45).

    E.-D. H.


  320. Hans Harter, Adel und Burgen im oberen Kinziggebiet. Studien zur Besiedlung und hochmittelalterlichen Herrschaftsbildung im mittleren Schwarzwald (Forschungen zur oberrheinischen LG 37) Freiburg u. a. 1992, Karl Alber, 357 S., Karten, ISBN 3-495-49937-7. - Das obere Kinzigtal ist nach den Ergebnissen dieser minutiösen Studie von Osten her herrschaftlich erschlossen worden. Anders als im unteren und mittleren Tal spielen kirchliche Institutionen nur eine untergeordnete Rolle. Freie Herrenfamilien sind vielmehr entscheidend; ihre Bedeutung wird auch daraus ersichtlich, daß ihnen der frühe Burgenbau zuzuweisen ist, obwohl sie nicht im Besitz gräflicher Rechte waren. Diesen Familien gilt der Hauptteil der Arbeit, nämlich den Herren von Wolfach, von Hornberg, von Brandeck, von Ramstein und von Falkenstein. Im 12. Jh. lehnten sie sich eng an die Zähringer an, weitere überregional orientierte weltliche Herren faßten im oberen Kinzigtal vor allem als Erben der Zähringer nach 1218 Fuß.

    E.-D. H.


  321. Johann Wilhem Braun, Graf Rudolf von Habsburg und die Gründung von Todtmoos und Neuenzell, ZGORh 143 (1995) S. 51-96: Die teilweise legendenhaften Gründungsberichte zeigen eine frühe Verankerung Rudolfs in dem Gebiet, über das er später die Schwarzwaldvogtei erwarb.

    E.-D. H.


  322. Das Zisterzienserinnenkloster Wald. Im Auftrage des Max-Planck-Instituts für Geschichte bearb. von Maren Kuhn-Rehfus (Germania Sacra N. F. 30: Die Bistümer der Kirchenprovinz Mainz. Das Bistum Konstanz 3) Berlin u. a. 1992, Walter de Gruyter, XIV u. 715 S., ISBN 3-11-013449-7, 4 Abb., DEM 304. - Die Vf., die sich bereits in ihrer Tübinger Diss. von 1969 und in weiteren Veröffentlichungen mit der Geschichte Walds beschäftigt hatte, stellt in diesem Bd. ein Kloster vor, das, ohne je überregionale Bedeutung erlangt zu haben, dennoch - zusammen mit anderen Frauenklöstern in Oberschwaben und am unteren Neckar - dazu beitrug, das Gesicht der Landschaft zu prägen. 1212 unter maßgeblichem Einfluß Salems von dem kaiserlichen Ministerialen Burkhard von Weckenstein auf ehemaligem Gebiet der Grafen von Pfullendorf gegründet und mit bescheidenem Besitz ausgestattet, stand die Zisterze anfangs unter staufischer Schirmherrschaft (Friedrich II. BF 870, Heinrich [VII.] BF 3845, Konrad IV. BF 4430). Die Verbundenheit Walds mit den Staufern schlug sich auch im Walder Nekrolog nieder. Im Laufe des 14. Jh. geriet Wald unter die Vogtei der jeweiligen Inhaber der Herrschaft Sigmaringen. Die seit dem Ende des 15. Jh. wieder verliehenen Schutzprivilegien des Reichs vermochten dem Kloster weder die Vogtfreiheit zu sichern noch die Reichsunmittelbarkeit zu eröffnen. 1806 wurden Kloster und Herrschaft Wald dem Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen zugesprochen. Die Klosterbibliothek ist verschollen, über ihren Bücherbestand sind keine Nachrichten überkommen. Lediglich einige Hss.-Fragmente bezeugen die Schreibtätigkeit einzelner Nonnen. Die materialreiche Darstellung wird durch ein Namen- und Schlagwortregister erschlossen.

    A. G.


  323. Heinrich Frank, Steuern im Mittelalter. Weltliche und kirchliche Geld-, Sach- und Arbeitsleistungen, besonders in Freiburg i. Ue, Freiburg 1995, Kanisiusdruckerei, XLII u. 287 S., keine ISBN. - Nachdem bereits der große Titel, der ohne den Untertitel völlig irreführend wäre, zuviel verspricht, hält noch nicht einmal letzterer sein Versprechen. Handelt es sich doch um paragraphenweises Aufzählen aller möglichen Steuern im MA, mit Beispielen aus der Region. Klare Darstellung der Ausgangsmaterialien ist nur dann sinnvoll, wenn damit auch gearbeitet wird. Hier aber vermißt man jede Analyse und ist doppelt erstaunt, im Schlußwort vorher nicht begründete Thesen zu lesen: woher z. B. die Behauptung, daß die Belastung bei den Bauern "alles ineinander gerechnet, den halben Ertrag leicht übersteigen" (S. 283) konnte? Die Frage nach der Gesamtbelastung wird nämlich erst im Schlußwort gestellt und in einem Atemzug mit dem Volkseinkommen und dem Kalorienverbrauch, in 16 Zeilen abgehandelt. Auch die "Lehren aus der Geschichte" (§ 19.5, S. 285) können keineswegs als Ergebnisse gelten: "wenige grosse Steuern (sind) besser als viele kleine ... jede Steuerbefreiung (ist) schädlich" ...? Sie entspringen wohl eher den Überlegungen eines pensionierten Steuerfunktionärs des 20. Jh. - der Vf. war einer - als den Ergebnissen einer wissenschaftlichen Untersuchung.

    G. S.


  324. Heinz-Dieter Heimann, Hausordung und Staatsbildung. Innerdynastische Konflikte als Wirkungsfaktoren der Herrschaftsverfestigung bei den wittelsbachischen Rheinpfalzgrafen und den Herzögen von Bayern. Ein Beitrag zum Normenwandel in der Krise des Spätmittelalters (Quellen und Forschungen aus dem Gebiet der Geschichte NF 16) Paderborn u. a. 1993, Ferdinand Schöningh, XII u. 324 S., ISBN 3-506-73266-8. - Die von mehreren Seiten her rege geführte Diskussion über die Verstaatung der deutschen Territorienwelt des Spät-MA erfährt durch die anzuzeigende Bochumer Habilitationsschrift (1988/1989) eine wertvolle Bereicherung. Die geht der Frage nach, inwieweit das Streben nach Regelung der beständigen dynastischen Konflikte, die aus der Länderteilungspraxis des Spät-MA erwuchsen, zur Beförderung der Staatlichkeit beitrug. Am Beispiel der Wittelsbacher Territorien Pfalz und Bayern wird gezeigt, wie auf der Grundlage erbrechtlicher Teilungsansprüche ein engmaschiges Flechtwerk von Maßnahmen geschaffen wurde, das einen Prozeß fortschreitender Verrechtlichung einleitete und schließlich in gänzlich neue Herrschaftspraktiken mündete, die von der Primogenitur und Landeseinheit bestimmt wurden. Unter diesen Fragestellungen wird das bisher nur wenig beachtete dynastische Hausschrifttum, das großenteils archivalisch überliefert ist, in Breite ausgewertet. Auch wenn die Erörterungen bereits mit dem Eintritt ins 15. Jh. und somit vor der vollen Durchsetzung dieser Normen abgebrochen werden, gelingt ohne Zweifel eine überzeugende Verdeutlichung einer bisher unterbeleuchteten wichtigen Komponente im Staatsbildungsprozeß am Übergang vom MA zur Neuzeit. Leider gibt die sehr anregende Darstellung Anlaß zu formalen Einwänden. In den wissenschaftlichen Apparat wurde zu wenig Sorgfalt investiert. Das Literaturverzeichnis ist in offensichtlicher Eile erstellt worden. Der beigegebene Stammbaum enthält mehrere unzutreffende biographische Daten. Das Register ist dürftig. Der Buchtitel wird in seiner Dreigliedrigkeit so umständlich formuliert, daß er für alle Zitierenden ein Greuel sein wird; der abermalige Hinweis auf die Krise des Spät-MA ist überflüssig und kaum förderlich. Die bemerkenswerten Ergebnisse hätten eine bessere Form verdient.

    Alois Schmid


  325. Helmuth Stahleder, Stadtplanung und Stadtentwicklung Münchens im Mittelalter, Oberbayerisches Archiv 119 (1995) S. 217-283, 7 Abb., 13 Karten. - Diese quellen- und kenntnisreiche Untersuchung ist in folgende Hauptabschnitte gegliedert: 1. Topographische Besonderheiten rund um den Marktplatz, 2. Die Führung der Fernstraßen über den Marktplatz, 3. Besitz des Landes- und Stadtherrn in der Stadt oder: Der herzogliche Grundbesitz am Graben um die innere Stadt.

    A. G.


  326. Forstenried. Acht Jahrhunderte Siedlung und kirchliches Leben im Süden von München, hg. von Gertrud Thoma, St. Ottilien 1994, EOS Verlag, 304 S., Abb., ISBN 3-88096-736-9, DEM 29. - Aus diesem schön gestalteten Bd. seien folgende, für das MA einschlägige Studien wenigstens kurz genannt: Friedrich Helmer, Stift Polling und das Gut Forstenried im 12. Jahrhundert (S. 15-32), kann entgegen früheren Thesen zeigen, daß Forstenried erst in der ersten Hälfte des 11. Jh. an Polling kam. - Hejo Busley, Das Stift Polling und seine Inkorporationspfarrei Forstenried (1194-1803) (S. 33-64), analysiert die Urkunden des 12. Jh., in denen Polling in Forstenried das Zehnt- sowie Tauf- und Begräbnisrecht erwarb. Der Rechtsstatus einer Polling inkorporierten Pfarrei ist erst für das 15. Jh. einwandfrei nachweisbar. - Alois Schütz, Das Forstenrieder Kreuz. Zur Herkunft einer bedeutenden romanischen Plastik des frühen 13. Jahrhunderts (S. 65-71), unterstreicht die Bedeutung des Kruzifixus für die Wallfahrt. - Gertrud Thoma, Forstenried und München. Die Beziehungen zwischen der Stadt München und der Forstenrieder Kirche vom 15. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts (S. 133-154).

    M. S.


  327. Herbert E. Brekle, Eine weitere Spur einer typographischen Werkstatt beim Kloster Prüfening im 12. Jahrhundert, in: Gutenberg-Jahrbuch 1995, S. 23-26. - Angeregt durch die Wiederauffindung von Tontafelfragmenten im Städtischen Museum Regensburg bekräftigt der Autor seine 1993 aufgestellte These, "daß es in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts in Regensburg - wohl im Zusammenhang mit dem Kloster Prüfening - eine `typographische Werkstatt' gegeben haben muß" (S. 25), in der mit Letternsätzen in Tonplatten geschrieben wurde. Die Prüfeninger Weiheinschrift vom Anfang des 12. Jh. wäre demnach "kein einmaliger typographischer Kraftakt".

    A. M.-R.


  328. Peter Segl, 850 Jahre Kloster Speinshart. Streiflichter zur Gründungs- und Frühgeschichte einer bayerischen Prämonstratenserabtei, in: 850 Jahre Prämonstratenserabtei Speinshart 1145-1995, hg. von der Prämonstratenserabtei Speinshart (Speinshartensia 2) Pressath 1995, Verlag Bodner, ISBN 3-926817-41-0, S. 11-28, 2 Abb., mustert im Rahmen eines Festvortrags die schriftliche Überlieferung, vornehmlich DF. I 393 von 1163 und JL 14383 von 1181, sowie den genealogischen Hintergrund der Stifterfamilie, um die Plausibilität des traditionellen Gründungsjahres 1145 für das wohl nicht von vornherein prämonstratensische Chorherrenstift zu begründen.

    R. S.


  329. Josef Riedmann, Die Außenpolitik Meinhards II., Der Schlern 69 (1995) S. 600-615, bietet einen Abriß der Beziehungen des Gründers des Landes Tirol († 1295) zu den benachbarten Mächten.

    Josef Riedmann (Selbstanzeige)


  330. Rudolf Palme, Graf Meinhard II. von Tirol, Herzog von Kärnten, und das Recht, Der Schlern 69 (1995) S. 679-690, verweist auf die vielfältige Bedeutung, die Rechtsausübung und die Findung neuen Rechtes für die Ausbildung der Landesherrschaft in Tirol unter diesem Fürsten besessen haben.

    Josef Riedmann


  331. Christoph Haidacher, Der fürstliche Kaufmann. Zur Wirtschafts- und Finanzpolitik Meinhards II., Der Schlern 69 (1995) S. 733-741, betont den hohen Stellenwert der ökonomischen Bemühungen dieses Fürsten für seine erfolgreiche Politik.

    Josef Riedmann


  332. Hannes Obermair, Kirche und Stadtentstehung. Die Pfarrkirche Bozen im Hochmittelalter (11.-13. Jahrhundert), Der Schlern 69 (1995) S. 449-474, enthält eine auf urkundlichen Nachrichten und einschlägiger Literatur aufbauende, gründliche Schilderung der kirchlichen und politischen Entwicklung.

    Josef Riedmann


  333. Ludwig Tavernier, Bischofskirche und Himmelstor. Die Initiale T in dem Missale F4 aus der Bibliothek des Priesterseminars in Brixen, Der Schlern 69 (1995) S. 709-721, identifiziert eine entsprechende Darstellung als Ansicht des Brixner Domes um 1450.

    Josef Riedmann


  334. Lenka Bobková, Koruna království _eského za vlády Lucemburk_, in: Historický obzor 6 (1995) S. 164-172 und S. 215-223 mit 4 Kartogrammen. - Die zum Thema ausgewiesene Autorin (vgl. DA 51, 292) bringt eine quellenmäßig gut belegte Übersicht der territorialen Entwicklung der Böhmischen Krone unter Johann von Luxemburg und Karl IV. mit Ausblick auf die Zeit Wenzels und Sigismunds.

    Ivan Hlavácek


  335. Zdenka Hledíková, Biskupské a arcibiskupské centrum ve stredoveké Praze [mit Zusammenfassung: Bischöfliches und erzbischöfliches Zentrum im mittelalterlichen Prag], in: Prazsky sborník historický 27 (1994), S. 5-25. - Im Rahmen ihrer Forschungen über die böhmische kirchliche Zentralgewalt und -verwaltung verfolgt die Autorin diesmal die Entstehung des bischöflichen bzw. erzbischöflichen Hofes in Prag von den ersten Spuren in der 2. Hälfte des 12. Jh. bis in die Zeit Wenzels IV. Die eigentlich sehr wichtige Prosopographie spielt dabei nur ansatzweise eine Rolle; die Verbindungen zum Hof der böhmischen Herrscher bleiben außer Acht.

    Ivan Hlavácek


  336. Torsten Fremer und Ingo Runde, Die Juden der mittelalterlichen Stadt Dortmund von den Anfängen bis zu den Pestpogromen des 14. Jahrhunderts - im Spiegel der Reichs- und Territorialpolitik, Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark 85/86 (1994/95) S. 57-84, erläutern vor allem die Geschichte des Judenregals in Dortmund. - Der Vf. in Anm. 10 auf S. 61 heißt nicht L. Friedrich, sondern F. Lotter.

    Goswin Spreckelmeyer


  337. Andreas Sohn, Ein Quellenfund zur Bevölkerungszahl der Stadt Unna im 15. Jahrhundert, Westfälische Zeitschrift 144 (1994) S. 9-20, versucht, ausgehend von einer Angabe in einem kurialen Supplikenregister, wo für die Pfarrkirche zu Unna im Jahre 1440 die Zahl der Kommunikanten mit "mehr als 2000" angegeben ist, die Größe der Gesamtbevölkerung dieser Stadt im 15. Jh. zu erschließen: zwischen 2500 und 3200 Einwohner.

    Goswin Spreckelmeyer


  338. Michael Drewniok, Das Busdorfstift in Paderborn. Wirtschaftsgeschichte eines westfälischen Kollegiatstifts im Mittelalter (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen 22; Geschichtliche Arbeiten zur westfälischen Landesforschung 19) Münster 1993, Aschendorff, VII u. 283 S., 11 Figuren, ISBN 3-402-06781-1, DEM 94. - Das bei seiner Gründung im Jahre 1036 durch Bischof Meinwerk reich ausgestattete Busdorfstift zu Paderborn hat sich im MA wirtschaftlich gut entwickelt. Da aus dem Anfang des 13. Jh. ein Busdorfer Einkünfteverzeichnis (um 1210) überliefert ist, setzt die bei H. Keller angefertigte Münsteraner Diss. zu dieser Zeit ein und sucht vor allem auch durch quantifizierende Auswertung der insgesamt 492 Rentenurkunden aus der Zeit von 1300 bis 1500 die Wirtschaftsgeschichte dieses Stifts, das auch Pfarrkirche war, zu erhellen. Den größten Teil der immer quellennahen und durch Einzelfälle erläuterten Untersuchungen nehmen die Rentengeschäfte ein (S. 29-177); es folgen die Kaufgeschäfte (S. 178-200) und dann die Leihegeschäfte (S. 201-236). Die Rentenschuldner stammten aus allen sozialen Schichten, und bis zum Jahr 1500 schloß das Busdorfstift auch 138 Rentenverträge mit 38 Städten ab; um 1400 lag der Busdorfer Zinsfuß bei 6 %. Einen aufschlußreichen Einblick in das Leben im spätma. Paderborn vermittelt die gelungene Darstellung des "Streit(es) zwischen dem Busdorfstift und Johann von Haxthausen um den Zehnten zu Vlechten", der 1437 beendet wurde (S. 146-173): Insgesamt kann der Vf. zeigen, daß die Stiftsherren flexibel auf die sich wandelnden wirtschaftlichen Verhältnisse reagiert haben und daß sie ihr Stift "zu einer der reichsten geistlichen Gemeinschaften und damit zu einem wirtschaftlichen Zentrum der Diözese Paderborn" (S. 239) entwickelt haben. - Vielleicht ist statt "Gunstlage" (S. 122) immer noch eine `günstige Lage' besser. Auf S. 236 f. ist "Sanus-Mente-Formel" in sana-mente-Formel zu korrigieren. Das Zitat von Thomas von Aquin lautet richtig: Nummus non parit nummos (S. 34 Anm. 136).

    Goswin Spreckelmeyer


  339. Karl Heinrich Krüger, Corveyer Patrozinien im Spiegel der Werke des Christian Franz Paullini († 1711), Westfälische Zeitschrift 143 (1993) S. 221-250, verhehlt nicht, daß der Leser hier "mehr über Eigenarten der Geschichtsschreibung Paullinis als über Corveyer Patrozinien erfahren" kann (S. 221), d.h. über einen gelehrten Fälscher, der "hier nur ein Beispiel für Irrwege der Historiographie und des Geschichtsinteresses der Barockzeit" (S. 248) bietet.

    Goswin Spreckelmeyer


  340. Die Welfen und ihr Braunschweiger Hof im hohen Mittelalter, hg. von Bernd Schneidmüller (Wolfenbütteler Mittelalter-Studien 7) Wiesbaden 1995, Harrassowitz, 579 S., Abb., ISBN 3-447-03705-9. - Der Bd. beruht auf dem 33. Wolfenbütteler Symposion, das im Februar 1993 in der Herzog August Bibliothek stattfand: Bernd Schneidmüller: Die Welfen und ihr Braunschweiger Hof im hohen Mittelalter: Zur Einführung (S. 1-15), benennt Aufgaben der Welfenforschung und ausgewählte Tagungsergebnisse in Anlehnung an vier am Tagungstitel orientierte Zugänge: welfisches Haus, Herrschaftsmittelpunkt Braunschweig, der für die deutschen Verhältnisse vermeintlich oder tatsächlich singuläre Entwicklungsstand des Welfenhofes und den Wandel des hohen MA, der sich für die Welfen als "zunehmende Verhaftung in regionalen Bezügen" (S. 13) darstellte. - Egon Boshof, Welfische Herrschaft und staufisches Reich (S. 17-42), zieht begründet und überzeugend in Zweifel, ob aus der Sicht der in der Forschung bis in die Gegenwart bestimmenden Vorstellung "von einem geradezu naturgegebenen [...] staufisch-welfischen Gegensatz [...] die politische Wirklichkeit dieser Epoche adäquat zu deuten" (S. 42) ist, und gibt damit der Geschichte des 12. Jh. ihre Offenheit zurück. - Joachim Ehlers, Der Hof Heinrichs des Löwen (S. 43-59), plädiert von der Prosopographie ausgehend zur präziseren Beschreibung des Hofes für eine Unterscheidung in "Kernhof", zu dessen Zugehörigkeit die ortsunabhängige und langfristige Präsenz beim Herrn qualifiziert, und in mehrere "Außenhöfe", die sich dann an den jeweiligen Itinerarorten des Herrn bilden. - Otto Gerhard Oexle, Welfische Memoria. Zugleich ein Beitrag über adlige Hausüberlieferung und die Kriterien ihrer Erforschung (S. 61-94), zeigt am Beispiel der welfischen Memoria, die er erneut als einzigartig charakterisiert, wie Memoria die adlige Gruppe und deren ständische Qualität konstituiert und adlige Herrschaft legitimiert; die welfischen Memorialzeugnisse (Bild des staufischen "Hauses" in der Weingartener Fassung der Historia Welforum, Welfenstammbaum des Weingartener Nekrologs, Evangeliar Heinrichs des Löwen) interpretiert Oe. vor dem Hintergrund der Spaltung des Welfengeschlechts, die als Folge des Übergangs des süddeutschen Welfenerbes an die Staufer eintrat. - Claus-Peter Hasse, Hofämter am welfischen Fürstenhof (S. 95-122), sieht die Entstehung und Existenz von Hofämtern im Zusammenhang mit den Entwicklungsstufen landesherrlicher Macht, und ihre Aufgabe in der Organisation der Hofverwaltung. - Klaus Nass, Geschichtsschreibung am Hofe Heinrichs des Löwen (S. 123-161), kommt zu dem Ergebnis, daß das von Propst Gerhard II. in den Annales Stederburgenses (MGH SS 16 S. 230) beschriebene Interesse Heinrichs des Löwen an Geschichte sich 1194/95 in der Anregung zur Kompilation einer Weltchronik manifestiert habe. - Gerd Althoff, Die Historiographie bewältigt. Der Sturz Heinrichs des Löwen in der Darstellung Arnolds von Lübeck (S. 163-182), erklärt die Unterschiede und die Eigenart in der Darstellung des Sturzes Heinrichs des Löwen bei Arnold von Lübeck im Vergleich zu anderen Quellen mit der Absicht dieses Geschichtsschreibers, das Verhalten des Welfen zu rechtfertigen und dessen Ehre zu wahren (B. U. Hucker, DA 44, 100 ff. schreibt Arnold von Lübeck eine gänzlich andere Darstellungsabsicht zu). - Martin Kintzinger, Bildung und Wissenschaft im hochmittelalterlichen Braunschweig (S. 183-203), beschreibt die Verhältnisse am Braunschweiger Hof in Bezug auf Administration, Bildungsniveau und -anforderungen. - Anette Haucap-Nass, Die Stiftsbibliothek von St. Blasius in Braunschweig. Ein Überblick mit einer Handliste der nachweisbaren Handschriften und Drucke aus dem Blasiusstift (S. 205-225), behandelt Umfang und Zusammensetzung der Stiftsbibliothek und verzeichnet 136 Bde., die einst in St. Blasius zu finden waren, unter Angabe des heutigen Aufbewahrungsortes. - Helmar Härtel, Anmerkungen zu einem Katalogprojekt der mittelalterlichen Liturgica aus der Stiftskirche St. Blasius in Braunschweig (S. 227-236), zeichnet den Erschließungsstand der liturgischen Hss. der Blasiuskirche nach. - Dietrich Kötzsche, Kunsterwerb und Kunstproduktion am Welfenhof in Braunschweig (S. 237-261), stellt vor allem Heinrich den Löwen als "Auftraggeber und Stifter großen Stils" (S. 238) in Hinsicht auf Erzeugnisse der Metallkunst vor. - Renate Kroos, Welfische Buchmalereiaufträge des 11. bis 15. Jahrhunderts (S. 263-278), stellt Handschriftenaufträge der Welfen als einen Ausschnitt dynastischen Mäzenatentums zusammen. - Wolfgang Milde, Christus verheißt das Reich des Lebens. Krönungsdarstellungen von Schreibern und Stiftern (S. 279-296), interpretiert Krönungsbild, Dedikationsbild und Widmungsgedicht im Evangeliar Heinrichs des Löwen als Bestandteile einer Stiftungsdarstellung. - Johann-Christian Klamt, Die mittelalterlichen Monumentalmalereien in der Stiftskirche St. Blasius zu Braunschweig (S. 297-335), datiert in Auseinandersetzung mit anderen Ansätzen die ma. Malereien der Stiftskirche in die Zeit Herzog Ottos des Kindes, eines Enkelsohnes Heinrichs des Löwen. - Karl-Ernst Geith, Karlsdichtung im Umkreis des welfischen Hofes (S. 337-346), sieht das Rolandslied des Pfaffen Konrad als Auftragswerk Heinrichs des Löwen, das die Funktion hatte, den Anspruch des Welfen auf Königsgleichheit zu demonstrieren und die Ansippung der Welfen an Karl den Großen zu manifestieren. - Georg Steer, Literatur am Braunschweiger Hof Heinrichs des Löwen (S. 347-375), streicht den Lucidarius aus der Reihe der Werke, die am Hofe Heinrichs des Löwen in Braunschweig entstanden sein sollen, womit das einzig bisher für sicher gehaltene Zeugnis für deutschsprachige Literaturproduktion am Braunschweiger Hof nicht mehr vorhanden wäre. - Bernd Ulrich Hucker, Literatur im Umkreis Kaiser Ottos IV. (S. 377-406), gibt einen Überblick über konkret belegte und erschlossene literarische Aufträge Kaiser Ottos IV. und faßt diese tabellarisch-chronologisch zusammen. - Armin Wolf, Gervasius von Tilbury und die Welfen. Zugleich Bemerkungen zur Ebstorfer Weltkarte (S. 407-438), sieht in Gervasius von Tilbury, dem Autor der Otia imperialia, und im Propst Gervasius von Ebstorf ein und dieselbe Person und hält diese für den geistigen Urheber der Ebstorfer Weltkarte. - Eckhard Freise, Die Welfen und der Sachsenspiegel (S. 439-482), filtert aus dem Überlieferungsbestand des Sachsenspiegels eine heute nicht mehr existente welfische Version heraus. - Stuart Jenks, Die Welfen, Lübeck und die werdende Hanse (S. 483-522), zeigt detailliert, wie Lübeck in Bezug auf den Schutz des Handels das Erbe Heinrichs des Löwen antrat, und nicht etwa die Welfen oder andere norddeutsche Dynasten, die von den Hansestädten eher als "Werkzeuge" (S. 521) ihrer Politik angesehen wurden. - Jean-Marie Moeglin, Zur Entwicklung dynastischen Bewußtseins der Fürsten im Reich vom 13. zum 15. Jahrhundert (S. 523-540), macht deutlich, daß als Begleiterscheinung einer sich entfaltenden dynastischen Landesgeschichte die genealogische Darstellung der Fürsten den Rahmen der Memoria überschreitet und sich offen als die symbolische Darlegung legitimer Herrschaft zu erkennen gibt. - Gert Melville, Um Welfen und Höfe. Streiflichter am Schluß einer Tagung (S. 541-557), faßt die Ergebnisse der Tagung unter Einbringung eigener beachtenswerter Überlegungen vor allem zum Thema "Hof" in so verwirrender Virtuosität zusammen, daß der Rez. Mühe hatte, sich nach der Lektüre des Beitrages zu erinnern, ob der Vortragstitel "Um Welfen und Höfe" oder "Um Wölfe und Hefe" lautete.

    Michael Lindner


  341. Ellen Widder, Symbiose und Konkurrenz. Eine verfassungsgeschichtliche Fallstudie zum westfälischen Adel im Hochmittelalter, Westfälische Forschungen 44 (1994) S. 367-447 (mit 2 Abb.). - Unter diesem Titel verbirgt sich eine landesgeschichtliche Studie über die Edelherren von Ibbenbüren, deren Herrschaftsbildung die Vf. aus Anlaß ihres Beitrages zum Ort Ibbenbüren für den Westfälischen Städteatlas mit großer Sorgfalt untersucht. Der Ansatz, diesen Fall "exemplarisch" (S. 368) oder auch "paradigmatisch" (S. 440) für "den Adel sowie die Grundlagen, Bedingungen und Formen seiner Herrschaftsbildung im Westfalen des 12. und 13. Jahrhunderts" (S. 368) zu sehen, erklärt und rechtfertigt vielleicht auch die zum Teil weitläufigen Ausführungen (zum Beispiel S. 413-420 zur "Ibbenbürener Münzstätte").

    Goswin Spreckelmeyer


  342. Herbert Stöwer, Lemgo und Kloster Willebadessen (1149-1202), Westfälische Zeitschrift 143 (1993) S. 199-220 (mit 1 Karte), erörtert unter Heranziehung der Besitzgeschichte des Klosters Willebadessen die Anfänge des Ortes Lemgo. In diesem Zusammenhang werden hier erstmals die Gründungsurkunde des Klosters von 1149 (vgl. Westf. UB II 1736, hier S. 202-205 mit Vergleich der zweiten Ausfertigung von 1158) und eine Schenkungsurkunde der Brüder Adalbert, Rodolf und Johannes von Watervelde aus dem Jahre 1202 (vgl. Westf. UB IV 6, hier S. 211 f.) vollständig abgedruckt. Es ergibt sich, daß in der Urkunde von 1149 mit Limego kein Gau, sondern eine Siedlung bezeichnet wird. - Zu Liudolf von Oesede (S. 207 f.) hätten die Ausführungen von W. Seegrün in Germania Benedictina 9 (1984) S. 459-471 genutzt werden können.

    Goswin Spreckelmeyer


  343. Heinrich Dormeier, Verwaltung und Rechnungswesen im spätmittelalterlichen Fürstentum Braunschweig-Lüneburg (Veröffentlichungen der historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen 37. Quellen und Untersuchungen zur Geschichte Niedersachsens im Mittelalter 18) Hannover 1994, Verlag Hahnsche Buchhandlung, 595 S., ISBN 3-7752-5898-1, DEM 128. - Diese Göttinger Habil.-Schrift von 1988 setzt es sich zum Ziel, aus der möglichst vollständigen Dokumentation des Verwaltungshandelns des Celler Vogtes Dietrich Buring während dreier Jahre Rückschlüsse auf das lokale Verwaltungshandeln und die von den Lokalbeamten geführten Rechnungen zu ziehen. D. kommt es dabei zustatten, daß er sich offensichtlich als erster bemüht hat, die einschlägigen Quellen aus dem Fürstentum Lüneburg zu sichten (S. 15-31). Dabei trat dann u. a. zutage, daß für die Vogtei Celle zwischen 1431 und 1496 fast lückenlos Rechnungen überliefert sind. Bei der Vogtei der Residenzstadt und des umgebenden Landes handelte es sich um eine herausgehobene Lokalverwaltung, die in engem Konnex zur Landesverwaltung des Fürstentums und zum fürstlichen Hof stand (S. 33-60). Im Zentrum der Arbeit steht eine regestenartige Verarbeitung sämtlicher Haupt- und Nebenrechnungen der Vogtei für die Kalenderjahre 1437-39 (S. 61-309). Das Material dafür besteht zunächst aus den gelegentlich überlieferten Einzelbelegen der Verwaltungsbeamten (vgl. die Abb. S. 515-532 mit instruktiven Beispielen), auf der nächsten Stufe aus den Spezialrechnungen für einzelne Sachbereiche und auf der dritten und letzten Abstraktionsstufe aus den Vogteirechnungen im engeren Sinne, die der Vogt vor dem Landesherrn ablegen mußte. Deutlich wird, daß der Informationsgehalt von Stufe zu Stufe an Detailreichtum tendenziell abnimmt, daß jedoch vielfältige Überschneidungen zu verzeichnen sind, die nur einen Rückschluß erlauben: Weder wurden Einnahmen und Ausgaben durchweg konsequent verbucht, noch war es den Zeitgenossen möglich, über ihre Buchungen den Überblick zu bewahren (S. 335), noch hatte man schließlich die wachsende Differenzierung der "Haushaltstitel" im Griff gehabt. Dieser Eindruck drängt sich auch dem heutigen Leser auf, weswegen er für - freilich kaum leichter zu verstehende - Schemata dieser Vorgänge dankbar ist (S. 332, 345). Eher knappe Abschnitte über quellenkritische Probleme (S. 361-388), über die Personen der Amtsträger (S. 389-422) sowie über den Zusammenhang zwischen Hof-, Amts- und Landeshaushalt (S. 423-462) deuten an, wo die Tücken dieser Quellengattung, aber auch mögliche sachliche Erträge liegen. - Die Arbeit zu lesen, ist der Komplexität des Themas und der skrupulösen Erörterung der Detailprobleme wegen gelegentlich ermüdend, aber das ist eher dem Material als dem Autor anzulasten. Jedenfalls liegt eine in ihrer Tiefe kaum zu übertreffende Untersuchung zur spätma. territorialen Verwaltungsgeschichte vor. Die Übertragbarkeit auf andere Territorien, selbst auf frühere oder spätere Zustände im gleichen Territorium steht dahin. Die vom Vf. S. 13 angekündigte Bearbeitung sämtlicher Vogteirechnungen Celles - bei gleicher Bearbeitungsintensität ein Unternehmen von überschlägig 7.500 Druckseiten! - wird die notwendige Verbreiterung der Materialbasis erbringen. Erst dann wird man sehen, ob die "Rekonstruktion der Verwaltungswirklichkeit" (S. 7) auch über längere Strecken gelingt und zu Aussagen über die Intensität der spätma. Landesherrschaft berechtigt.

    Thomas Vogtherr


  344. Sachsen und Anhalt. Jahrbuch der Historischen Kommission für Sachsen-Anhalt 18 (1994), im Auftrag der Historischen Kommission, hg. v. E. Schubert, Weimar 1994, Böhlau, 612 S., 60 Abb., ISSN 0945-2842. - Nachdem 1943 kriegsbedingt die Reihe mit dem Bd. 17 unterbrochen wurde und in der DDR keine Wiederaufnahme finden konnte, knüpft die 1991 wiederbegründete Historische Kommission für Sachsen-Anhalt jetzt mit Bd. 18 an das frühere Jb. an. Auf einige sich ausschließlich mit dem MA befassende Beiträge sei hier näher eingegangen: Helmut Beumann, Zu den Pontifikalinsignien und zum Amtsverständnis der Bischöfe von Halberstadt im hohen Mittelalter (S. 9-49), schildert die päpstliche Begünstigung des Halberstädter Bischofs Burchard II. von 1063 durch die Verleihung des Rechts, ein Pallium, ein Vortragekreuz sowie Reitornat und Mitra zu führen, und legt den Wandel des Amtsverständnisses des Halberstädters in der Rezeption von Pseudoisidor als kanonischer Grundlage der bischöflichen Schlüsselgewalt dar. - Joachim Ehlers, Otto II. und Kloster Memleben (S. 51-82), zeigt, ausgehend von den noch heute beeindruckenden baulichen Resten, daß dem ehemals auf gleicher Rechtsstellung wie Fulda, Corvey und Reichenau befindlichen Kloster im Zusammenhang mit der Aufhebung des Bistums Merseburg 981 als eine Art Ausgleich eine besondere memoriale Funktion als Sterbeort Ottos des Großen zukam. Da Heinrich II. 1004 das Bistum Merseburg allerdings wieder einrichtete, entfiel diese Aufgabe, und 1015 übergab der Herrscher Memleben als Eigenkloster der Abtei Hersfeld, Abt Reginhold wurde amtsenthoben und der Konvent aufgelöst. - Olaf Rader, Das Urkundenwesen der Erzbischöfe von Magdeburg bis zum Tode Erzbischof Wichmanns von Seeburg 1192 (S. 417-514), versucht eine diplomatische und rechtsgeschichtliche Beschreibung der Magdeburger Urkundenverhältnisse in ihren drei Phasen: einer im Grunde urkundenlosen Zeit bis etwa um 1100, einer Zeit der vereinzelten sporadischen Ausstellung bis zur Mitte des 12. Jh. und der Herausbildung eines entwickelten Urkundenwesens bis zum Tode Erzbischof Wichmanns im Zusammenhang der allgemeinen Ausprägung von Höfen des Hochadels (Selbstanzeige). - Besonders wertvoll aus landesgeschichtlich-bibliographischer Sicht sind: Josef Hartmann, Die Publikationen der Historischen Kommission für die Provinz Sachsen und für Anhalt (S. 83-125), der hier erstmalig ein mit Personen- und Titelregister erschlossenes Gesamtverzeichnis bietet, sowie Thomas Klein, Ein halbes Jahrhundert Forschung zur neueren Geschichte Sachsen-Anhalts (1940-1992/3). Eine Bestandsaufnahme (S. 141-338), der epochenübergreifend auch Literatur, die das MA einschließt, erfaßt hat. Weiteres aus dem Inhalt: Gerhard Leopold, Ernst Schubert, Zur Baugeschichte der ehemaligen Zisterzienser-Klosterkirche in Schulpforta (S. 339-416); Franz Schrader, Die Anfänge des landesherrlichen Episkopats in den Hochstiften Magdeburg und Halberstadt (S. 515-524); Michael Gockel, Zur Arbeit der "Forschungsstelle für geschichtliche Landeskunde Mitteldeutschlands" in Marburg an der Lahn (S. 595-599). Der Zs. ist zu wünschen, daß sie wie einst, zugleich Spiegel und Anregung einer entwickelten sächsisch-anhaltinischen Landesgeschichtsschreibung wird und vor allem bleibt.

    Olaf B. Rader


  345. Lieselott Enders, Das Stiftungsjahr des Bistums Havelberg: 946 oder 948, Jb. für brandenburgische LG 45 (1994) S. 56-65, entscheidet sich wieder - gegen F. Curschmann, W. Schlesinger u. a. - für das erstgenannte Jahr, da es das nur in später Abschrift überlieferte DO. I 76 so enthält und die Vf. Umdatierungen aus inhaltlichen Gründen, wie sie hier und anderenorts vorgenommen wurden, als illegitime Eingriffe in den historischen Quellenstoff betrachtet.

    Wolfgang Eggert


  346. Siegfried Schneider, Johannes von Gardelegen - Bischof von Havelberg? Ein Beitrag zur Havelberger Bistumsgeschichte, Jb. für Berlin-Brandenburgische KG 60 (1995) S. 54-91, schließt besonders aus der Tatsache, daß der (nach einer kurzen Episode 1290) von 1292 bis 1304 amtierende Bischof Johannes von Havelberg oft in Stendaler Angelegenheiten zu Rate gezogen wurde, er sei mit dem im Titel genannten ehemaligen markgräflich-brandenburgischen Notar, Kaplan und Kanzler, Domherrn in Stendal und schließlich Propst zu Wittstock identisch gewesen.

    Wolfgang Eggert


  347. Beiträge zur Entstehung und Entwicklung der Stadt Brandenburg im Mittelalter, hg. von Winfried Schich (Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin 84) Berlin u. a. 1993, de Gryter, XX u. 377 S., 47 Abb., ISBN 3-11-013983-9, DEM 144. - Der dem Andenken Wolfgang H. Fritzes (1916-1991) gewidmete Bd. umfaßt die Beiträge einer interdisziplinären Tagung zur "Entstehung und Entwicklung der Stadt Brandenburg im Mittelalter" vom 4.-7. September 1991, die im Zusammenhang mit der Aufnahme der Stadt Brandenburg in die Reihe der besonders zu fördernden Altstadtsanierungsprojekte der neuen Bundesländer initiiert wurde. Nach einer Einleitung durch Winfried Schich folgen zwei namenkundliche Beiträge: Jürgen Udolph, Alteuropäische und germanische Namen in Brandenburg und seiner Umgebung (S. 1-28), und Gerhard Schlimpert, Slawische Namen in Brandenburg und seiner Umgebung (S. 29-38). - Günter Mangelsdorf, Archäologische Beiträge zur Frühgeschichte von Alt- und Neustadt Brandenburg (S. 39-49), faßt den Forschungsstand zusammen, der auf einen Besiedlungsanfang im Marktbereich der Altstadt erst im fortgeschrittenen 13. oder frühen 14. Jh., in der Neustadt bereits im späten 10. oder 11. Jh. schließen läßt. - Winfried Schich, Zur Genese der Stadtanlage der Altstadt und Neustadt Brandenburg (S. 51-96), verfolgt die Herausbildung der Doppelstadt von der Entstehung der Siedlungskerne - königliche villa forensis Parduin, vermutlich markgräflicher Marktort Luckenberg und markgräfliche Gründung Neustadt - über verschiedene Ausbau- und Konzentrationsstufen unter besonderer Berücksichtigung von Straßenführungen und Wasserbauten bis hin zu der auf lange Zeit prägenden Form beider nun markgräflicher Städte etwa um die Wende zum 14. Jh. Die Beilage: ders., Bemerkungen zu den Siegeln der Altstadt und Neustadt Brandenburg im 13. Jh. (S. 97-101), weist auf den ältesten überlieferten Abdruck des Siegels der Brandenburger Altstadt an einer Urkunde der Neustadt von 1267 hin. - Wolfgang H. Fritze, Hildesheim - Brandenburg - Posen. Godehard-Kult und Fernhandelsverkehr im 12. Jh. (S. 103-130), deutet mit Blick auf die Posener St. Gotthard-Kirche das Godehard-Patrozinium der Pfarrkirche der voraskanischen villa Parduin als Hinweis auf die Existenz einer deutschen Kaufmannssiedlung am Ort. - Helmut Assing, Wer waren die urbani Brandenburgenses? Betrachtungen zu einem kurzzeitigen Quellenausdruck aus den Jahren um 1200 (S. 131-156), erörtert die komplizierten Besitzverhältnisse der Brandenburg zwischen Markgraf und Bischof gegen Ende des 12. Jh. und sieht in den urbani Brandenburgenses Burgmannen des Brandenburger Bischofs. - Friedrich Ebel, Brandenburg und das Magdeburger Recht (S. 157-173), skizziert u. a. Unterschiede im Recht des Brandenburger und des Magdeburger Schöffenstuhls und die bis in die frühe Neuzeit hineinreichende Tätigkeit des Magdeburger Oberhofes auch für das brandenburgische Territorium. - Knut Schulz, Handwerk und Gewerbe im spätmittelalterlichen Brandenburg (S. 175-201), untersucht das Verhältnis von Meister und Gesellen anhand der Zunftordnung der Schuhmacher- und Lohgerbergilde der Brandenburger Altstadt von 1424, deren restriktive Bestimmungen er zu einem großen Teil erst der Mitte bzw. dem Ende des 16. Jh. zuweist, und interpretiert den bisher unveröffentlichten Gildebrief der Schuhmacher- und Gerberknechte der Altstadt von 1422 (Stadtarchiv B., Urk. A I/97 1/81). - Hans-Joachim Schmidt, Die Bettelorden und ihre Niederlassungen in der Mark Brandenburg (S. 203-225), betont den engen Zusammenhang zwischen Urbanisierung und Anlage von Mendikantenkonventen, stellt die Niederlassungen in Brandenburg als der einzigen von Mendikanten berührten Bischofsstadt der Mark vor und umreißt das Verhältnis der Orden zu den Landesherren. - Dietrich Kurze, Schulen in der mittelalterlichen Stadt Brandenburg (S. 227-277), stellt die nur sehr spärlich vorhandenen Quellen zum Thema akribisch zusammen, ergänzt sie u. a. um Belege zur Domschule aus einer Sammelhandschrift des Schulleiters von 1413/14, Johannes Cassel (Staatsbibliothek PK Berlin, Ms. theol. fol. 47, ab f. 253), sowie aus einer Turmknopfurkunde von 1435 und um Nachweise für Universitätsstudien Brandenburger Kanoniker. Die bei Hartmann Schedel überlieferte Beschreibung eines Brandenburger Bilderzyklus Picture nobiles septem arcium liberalium et mechanicarum, theologie et medicine bezieht er auf die Bibliothek des Marienstifts auf dem Harlunger Berg. - Weitere Beiträge behandeln denkmalpflegerische und kunsthistorische Fragen. Eine knappe Auswahlbibliographie zur Geschichte der Stadt Brandenburg im MA schließt den Band ab.

    Ulrike Hohensee


  348. Lieselott Enders, Die Prignitz - eine mittelalterliche Klosterlandschaft?, Jb. für Berlin-Brandenburgische KG 60 (1995) S. 10-20, muß die Frage grundsätzlich verneinen, stellt aber das vielfältige geistlich-geistig-kulturelle Leben in der Landschaft, stark geprägt durch den Bischofssitz Havelberg, und die klösterlichen Verbindungen in die Altmark und nach Nordmecklenburg heraus.

    Wolfgang Eggert


  349. Clemens Bergstedt, Untersuchungen zur territorialpolitischen Funktion der Gründung des Klosters Heiligengrabe, Jb. für Berlin-Brandenburgische KG 60 (1995) S. 21-53, sieht diese Funktion hauptsächlich in der Festigung der Herrschaft Markgraf Ottos V. von Brandenburg, dem die Kongregation 1287 ihre Entstehung verdankte. Sie war wesentlich dafür vorgesehen, den Adel der Prignitz enger an Otto zu binden - nicht zuletzt deshalb, weil mit ihr eine Versorgungsstätte für dessen Töchter geschaffen wurde.

    Wolfgang Eggert


  350. Peter Neumeister, Persönlichkeiten des "Berliner Unwillens" 1447/1448: Die Familie Reiche, Berlin in Geschichte und Gegenwart. Jb. des Landesarchivs Berlin 1994, S. 41-59, sieht den zur Zeit des genannten Aufruhrs amtierenden Berliner Bürgermeister Bernd Reiche als Nutznießer der städtischen Autonomie, die damals vom Hohenzollernkurfürsten Friedrich II. brutal beschnitten wurde, und somit als führenden Repräsentanten fortschrittsfeindlicher Kräfte.

    Wolfgang Eggert


  351. Anne-Katrin Ziesak, "Multa habeo vobis dicere" ... - eine Bestandsaufnahme zur publizistischen Auseinandersetzung um das Heilige Blut von Wilsnack, Jb. für Berlin-Brandenburgische KG 59 (1993) S. 208-248, stellt nach einem kurzen Überblick über den Verlauf der theologischen Streitigkeiten ein Verzeichnis der für und wider die Reliquie ergangenen Flugschriften und Briefe aus dem 15. Jh. als Grundlage für eine eventuelle spätere Edition zusammen.

    Wolfgang Eggert


  352. Jürgen Petersohn, Grobe - Marienberg - Usedom. Die Aussagen der Urkunden zur Entwicklung und Topographie des Usedomer Prämonstratenserstifts im 12. und 13.  Jahrhundert, in: Günter Mangelsdorf (Hg.), Die Insel Usedom in slawisch-frühdeutscher Zeit (Greifswalder Mitteilungen 1) Frankfurt am Main u. a. 1995, Peter Lang, ISBN 3-631-49302-9, S. 137-149, stützt sich auf 12 Urkunden der Jahre 1159 bis 1218 bei der Suche nach der ersten Niederlassung des Konvents an dem später aufgegebenen Siedlungsplatz Grobe.

    R. S.


  353. Zakon krzy_acki a spo_ecze_stwo paústwa w Prusach [Der deutsche Orden und die Gesellschaft seines preußischen Staates]. Hg. von Zenon H. Nowak (Roczniki Towarzystwa naukowego w Toruniu 86,3) Toru_ 1995, Towarzystwo Naukowe w Toruniu, 198 S., 1 Karte, ISBN 83-85196-93-5. - Das Heft enthält eine Reihe von Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens in Preußen vor allem in der ersten Hälfte des 15. Jh., u. a. über wirtschaftliche und soziale Beziehungen zwischen dem Orden und den Städten von A. Czaja, J. Tandecki, T. Jasi_ski und J. Sarnowsky, während Z. H. Nowak die Altersversorgung im Deutschen Orden untersucht und A. Czacharowski politische Aktivitäten der kulmerländischen polnischen Ritter darstellt. Das Thema von I. Czarzi_ski ist die Politik des Ordens gegenüber religiösen und weltlichen Körperschaften, während A. Radzimi_ski die dem Orden inkorporierten Domkapitel untersucht. St. Kwiatkowski fragt nach der "religiösen Führerschaft" des Deutschen Ordens, M. Dygo untersucht die Machtideologie, die sich in der Marienburger goldenen Pforte erkennen läßt, und M. Arszy_ski arbeitet über den Bau von Pfarrkirchen.

    Hartmut Boockmann


  354. W. I. Kulakow, The Old Prussians (5th -13th centuries A. D.) (Russian monographs in migration-period and medieval archeology 3) Moscow 1994, Geoeco, 216 S., ISBN 5-87670-007-X. - Der Vf., seit zwei Jahrzehnten in der Oblast Kaliningrad, also im nördlichen Ostpreußen, als Archäologe und Denkmalpfleger tätig, gibt hier eine materialnahe und anschauliche Darstellung, die sich angesichts der Bildunterschriften in englischer Sprache und einem ausführlichen englischen Resümee auch dem Nichtkenner des Russischen weitgehend erschließt.

    Hartmut Boockmann


  355. Sztuka w kregu zakanu krzy_ackiego w Prusach i Inflantach [Die Kunst um den Deutschen Orden in Preußen und Livland]. Hg. von Michal Wozniak (Studia borussico-baltica Torunensia historiae artium 2) Toru_ 1995, Wydawnictwo Universitetu Miko_aja Kopernika, 323 S., ISBN 83-231-0673-08. - Der Bd. enthält Aufsätze in westlichen und in slavischen Sprachen (mit jeweils einem Resümee in einer anderen Sprache) zur Architektur und Bildkunst des deutschen Ordenslandes Preußen und in einem Fall auch Livlands. Die beiden Abh. von M. Kutzner (mit deutschen Resümee: Die Machtpropaganda in der Kunst des Deutschen Ordens in Preußen) S. 17-66 und R. Zacharias, Marienburg. Wallfahrtsort zwischen Spiritualität und Herrschaft (S. 67-91), verbindet nicht nur, daß sie sich vielfach auf ein unbekanntes Gelände vorwagen, sondern auch ein Hang zur Spekulation.

    Hartmut Boockmann


  356. Marian Arszy_ski, Budownictwo warowne zakonu kr_yzackiego w Prusach (1230-1454) [Das Burgenbauwesen des Deutschen Ordens in Preußen 1230-1454] Toru_ 1995, Wydawnictwo Universitetu Miko_aja Kopernika, 269 S., ISBN 83-231-0625-8. - Der durch zahlreiche einschlägige Studien hervorgetretene Vf., gegenwärtig gewiß der beste Kenner der Deutschordensbaukunst in Preußen, legt hier eine knappe Zusammenfassung der Resultate seiner Studien vor: reich mit Nachweisen versehen, leider aber ohne eine deutschsprachige Zusammenfassung.

    Hartmut Boockmann


  357. Kleip_dos miesto ir regiono. Archeologijos ir istorijos problemos [Memel, Stadt und Umland. Archäologische und historische Probleme]. Hg. von Alvydas Nik_entaitis u. Vladas _ulkus (Acta historica universitatis Klaipedensis 2) Klaipeda 1994, KU Vakaru Lietawos ir Pr_sijos istorijos centras, 198 S., ISBN 9986-505-00-3. - Der Bd. dokumentiert ein Kolloquium, das seinerseits die in den letzten Jahren möglich gewordenen Bemühungen in Memel um die Geschichte der Region bezeugt. Unter den historischen Beiträgen finden sich zwei mediävistische. B. Jähnig schreibt über die Sakraltopographie von Memel, während U. Arnold eine Studie über den kurländischen Bischof Edmund von Woerth (gest. 1292) bietet, den man nicht zuletzt wegen seines qualitätvollen Grabsteines in Aldenbiesen kennt.

    Hartmut Boockmann


  358. Baltische Länder. Hg. von Gert von Pistohlkors (Deutsche Geschichte im Osten Europas) Berlin 1994, Siedler, 604 S., ISBN 3-88680-214-0, DEM 128. - Die Geschichte des deutschen Baltikums im MA ist vornehmlich eine Geschichte der Auseinandersetzungen zwischen den lokalen Repräsentanten des Klerus und dem als Rechtsnachfolger des Schwertbrüderordens auftretenden Deutschen Orden, der hier sein Staatswesen bis 1561 halten konnte. Diesen Abschnitt würdigt der Beitrag: Heinz von zur Mühlen, Livland von der Christianisierung bis zum Ende seiner Selbständigkeit (etwa 1180-1561) (S. 25-172). Er ermöglicht eine solide Orientierung über die Entwicklung des livländischen Ordensstaates. Entsprechend der sich an ein breites Publikum richtenden Reihe bleibt aber manches unerwähnt; z. B. verkürzt sich die brisante Entwicklung in der ersten Hälfte des 15. Jh., in der der Orden wegen Livland intensiv in Rom und beim Basler Konzil prozessierte, auf weniger als eine Seite, das Konzil wird gar nicht erwähnt. Das nicht nur hierzu wichtige Quellenwerk: Die Berichte der Generalprokuratoren des Deutschen Ordens an der Kurie, bearb. von Kurt Forstreuter und Hans Koeppen, Bd. 1-4, Göttingen 1961-73, fehlt selbst in der Bibliographie, ebenso die für die Bestimmung des Verhältnisses Livlands zur Ordenszentrale, aber auch zum Reich und zur Kurie unerläßlichen Regesta historico-diplomatica Ordinis S. Mariae Theutonicorum 1198-1525, von Erich Joachim und Walther Hubatsch, Göttingen 1948-1973, zum Königsberger Ordensbriefarchiv.

    A. M.-R.


  359. Paolo Tomea, Tradizione apostolica e coscienza cittadina a Milano nel medioevo. La leggenda di san Barnaba (Biblioteca erudita. Studi e documenti di storia e filologia 2) Milano 1993, Vita e Pensiero, XVII u. 699 S., 33 Abb., ISBN 88-343-0490-X, ITL 106.000. - Mit diesem Werk hat T. nach mehr als 10jährigen Vorarbeiten das opus magnum zur Mailänder Geschichtsüberlieferung des MA und deren Erforschung von der frühen Neuzeit bis heute vorgelegt. Die Frage, wann die Mailänder ihre Sonderstellung unter den italienischen Metropolen erstmals über die Bedeutung des Kirchenvaters und -patrons Ambrosius († 397) hinaus mit der Gründung ihrer eigenen Kirche durch den Apostelschüler Barnabas rechtfertigten, und welche Bedeutung diese Barnabas-Legende im weiteren Verlauf des MA für das städtische Bewußtsein hatte, verfolgt der Vf. zunächst von den Anfängen in byzantinischen Apostellegenden bis zu den ersten Zeugnissen in Mailand im 11. Jh., als sich die Lombarden aber noch traditionell auf ihren Kirchenpatron Ambrosius beriefen (S. 17-54). Aus den genannten Quellen möchte die Rez. die Commemoratio superbie Ravennatis archiepiscopi allerdings ausklammern (vgl. Arnulf von Mailand, Liber gestorum recentium, MGH SS rer. Germ. 67 S. 237-252). Erst an der Schwelle zum 18. Jh., so zeigt T., setzte von seiten des Mauriners Mabillon die Kritik ein (S. 209-261), nachdem in der Zeit vom 12.-15. Jh. (S. 55-141) und vor allem im 16. und 17. Jh. (S. 141-208) die liturgischen, hagiographischen und historiographischen Werke die Legende als Inbegriff des bürgerlichen Selbstverständnisses der Mailänder auswiesen. Die Geschichtswissenschaft des 19. Jh. lehnte diese Gründungssage überwiegend ab (S. 262-284), wobei sich die Diskussion bis in unsere Zeit immer stärker auf die Frage nach der Entstehung des Libellus de situ civitatis Mediolani konzentrierte, in dem Mailand wegen der apostolischen Sukzession als zweites Rom herausgestellt wird (S. 285-319). Diesem Problem widmet auch T. das umfangreichste Kapitel seines Buches. Als Liber pontificalis für Mailand angelegt, endet der Text nach dem Prolog, einem kurzen Städtelob, der Erzählung von der Gründung Mailands durch Barnabas (De adventu Barnabe) und den Viten der ersten sechs Mailänder Bischöfe (RIS˛ 1, 2, S. 1-75). Von den zahlreichen Datierungsansätzen für die Zeitspanne nach Abfassung der Historia Langobardorum des Paulus Diaconus († um 799), die im Libellus rezepiert ist, bis zur Entstehung der "Historia Mediolanensis" (nach 1075/85) des sogenannten älteren Landulf, der seinerseits diese Schrift benutzt hat, wurde zuletzt die zweite Hälfte des 11. Jh. favorisiert und damit die Einschätzung des Textes als eine der historiographischen Antworten auf die massive römische Einflußnahme mittels der Pataria in Mailand (S. 581-592). T. sieht darin jedoch kein zwingendes Indiz, vielmehr kommt er nach inhaltlichen Kriterien zu dem Ergebnis, der Libellus sei zwischen dem ausgehenden 10. Jh. und 1018, vielleicht während des Pontifikats Erzbischof Arnulfs II. (998-1018) entstanden. Als Hauptargument führt er an, daß im Todesjahr Arnulfs die Gebeine des fünften Mailänder Bischofs Mona zur Ehre der Altäre erhoben wurden, dieses bedeutende Ereignis in dessen Vita aber verschwiegen werde, also zur Abfassungszeit noch nicht geschehen sei (S. 320-440). Ob die zahlreichen Historiker, die sich zu dieser Frage bereits geäußert haben, diesem Resultat vorbehaltlos zustimmen, darf bezweifelt werden. Die Zahl von zehn Anhängen täuscht darüber hinweg, daß zahlreiche Anmerkungen wertvolle Exkurse zu Problemen der Mailänder Geschichtsüberlieferung sind. Um so schmerzlicher vermißt man bei diesem umfangreichen Werk ein Quellen- und Literaturverzeichnis. Nach dem Siglen- und Abkürzungsverzeichnis sowie den Abbildungsnachweisen beenden vier Register (Personen, Sachen, Heilige und Hss.) das außergewöhnlich detail- und kenntnisreich geschriebene Buch.

    Claudia Zey


  360. Milano e la Lombardia in età comunale (secoli XI-XIII). Milano - Palazzo Reale 15 aprile - 11 luglio 1993, Comune di Milano - Settore cultura e spettacolo, Milano 1993, Silvana Editoriale, 519 S., über 100 Abb., ISBN 88-366-0400-5, ITL 75.000. - Dieser gut ausgestattete Bd. ist der Katalog einer in Deutschland leider kaum bekannt gewordenen Ausstellung. Vorangestellt sind Kurzbeiträge renommierter und mit der Geschichte Mailands bestens vertrauter italienischer Historiker und Kunsthistoriker zu den Bereichen "Vita politica", "Giustizia", "Vita religiosa", "Vita economica", "Vita culturale" (insb. Schriftkultur), "Armi e armati", "Arte e Artigianato", "Tradizione medioevale in età moderna" und "Produzione e tecnica in età comunale: approfondimenti e novità" (S. 15-250). Der Katalog zur Ausstellung im Palazzo Reale (S. 255-451) ist chronologischthematisch unter den Überschriften "De situ Mediolani", "Roma secunda", "Chiesa del vescovo e Chiesa del popolo", "Amici e nemici di Milano", "Milano, l'Impero e il Papato", "Crociati e pellegrini", "Lo scontro e la distruzione", "La nuova Milano", "Vita civilis" und "Il mito di Milano comunale" gegliedert. Dahinter befindet sich der Katalog zur begleitenden Ausstellung der bildenden Künste im Castello Sforzesco (S. 453-477). Alle Exponate, darunter bedeutende Hss. mit historiographischen Werken des 11. bis 13. Jh., sind ausführlich erläutert und mit abgekürzten Literaturangaben versehen, die in der Bibliographie (Stand 1993, S. 493-518) aufgelöst sind.

    Claudia Zey


  361. François Menant, Lombardia feudale. Studi sull'aristocrazia padana nei secoli X - XIII (Cultura e Storia 4) Milano 1992, Vita e Pensiero, XXXVII u. 353 S., Abb., ISBN 88-343-2533-8, ITL 38.000. - Der Bd. vereint sieben zwischen 1976 u. 1986 in französischen oder italienischen Zss. bzw. Sammelbänden erschienene Studien des Toubert-Schülers. (Soweit notwendig, wurden die Beiträge dabei ins Italienische übertragen.) Es handelt sich um umfangreiche Spezialstudien, die parallel zur "thèse de doctorat" des Autors (Campagnes lombardes du moyen âge. L'économie et la société rurales dans la région de Bergame, de Crémone et de Brescia du 10e au 13e siècle [Bibliothèque des Ecoles françaises d'Athènes et de Rome, Sér.1, 281] Paris 1993, de Boccard, IX u. 1003 S., Karten, geneal. Taf., ISBN 2-7283-0265-0, FRF 600) entstanden sind und - da eher personen- als strukturgeschichtlich orientiert - außerhalb der größeren Arbeit zum Druck befördert wurden. Thematisch kreisen die Beiträge grundsätzlich um die höhere und die niedere "aristocrazia lombarda"; geographisch sind sie in den Regionen zwischen Adda und Oglio, d.h. in den Herrschaftsbereichen von Bergamo, Cremona, Crema und Brescia angesiedelt; zeitlich bewegen sie sich zwischen dem 10. (Anfänge) und 13. Jh. Nach Methode und engerer Perspektive - der Vf. spricht hier von "Optik" - läßt sich eine Trias in den Beiträgen erkennen. Zum einen handelt es sich - cap. II, III, IV, V - um Untersuchungen zu den genealogischen und lehnsrechtlichen Verflechtungen einzelner herausragender Familienverbände der Aristokratie (der Grafen und Pfalzgrafen der Giselbertiner [Bergamo], der "de Calusco" und "de Carvico" [Bergamo, Milano], der "de Bonghi" [Bergamo], sowie zur Rolle der Immigration von Familien aus Bergamo und Cremona für die Stadtwerdung Cremas. Zum anderen finden sich strukturell angelegte Untersuchungen: Ausführungen zum besonderen Typus des feudum scutiferi (cap. VI) sowie zur Entwicklungsgeschichte der lehnsrechtlichen Verhältnisse im Umfeld des Bischofs von Cremona während des 11. Jh. (cap. VII). Schließlich bietet der Einleitungsbeitrag das Beispiel eines historiographischen Überblicks (cap. I), in dem das Wissen des 17. und 18. Jh. über die ma. Geschichte der Lombardei beleuchtet wird. - Dem Sammelband vorangestellt ist eine ungewöhnlich ausführliche "Presentazione" aus der Feder von Cinzio Violante (S. VII-XXXIII). Sie gewährt einen instruktiven und kritischen Überblick über die Entwicklung der Geschichtswissenschaft vornehmlich im Italien der Nachkriegszeit, geht dabei näher auf die besonderen Tendenzen innerhalb der Mediävistik ein und wendet sich schließlich speziell dem Lehnswesen (Forschungsstand) zu. Damit ist der Rahmen geschaffen, in welchen sich dann die folgenden Beiträge thematisch und wissenschaftsgeschichtlich einreihen.

    Georg Jenal


  362. Thomas Behrmann, Domkapitel und Schriftlichkeit in Novara (11.-13. Jahrhundert). Sozial- und Wirtschaftsgeschichte von S. Maria und S. Gaudenzio im Spiegel der urkundlichen Überlieferung (Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom 77) Tübingen 1994, Niemeyer, X u. 385 S., 1 Karte, ISBN 3-484-82077-2, DEM 112. - Anders als bei den bisher erschienen Arbeiten des Münsteraner SFB 231, Teilprojekt A zur "pragmatischen Schriftlichkeit" in Oberitalien im 11.-13. Jh., liegen dieser überarbeiteten Fassung einer Münsteraner Diss. von 1989/90 nicht die Schriftzeugnisse der Kommune selbst zugrunde, sondern das erhaltene Geschäftsschriftgut des Domkapitels von S. Maria und sekundär des davon abgespaltenen Kapitels der Basilika von S. Gaudenzio für die Zeit von 1150 bis 1250. Da die Bestände von S. Maria nur bis 1205 ediert sind, arbeitet B. größtenteils mit unediertem Material, denn, wie er stichprobenartig auch für andere italienische Konvente festgestellt hat, ein extremer Anstieg der Schriftzeugnisse ist in den ersten Jahrzehnten des 13. Jh. zu verzeichnen. Den Ursachen, die in besonderer Weise zur Steigerung der Zahl erhaltener Urkunden beigetragen haben, nachgehend, gibt B. zunächst einen Überblick über die wichtigsten "urkundentechnischen Neuerungen" im Untersuchungsgebiet, die an sich schon ein Anwachsen der Urkundenproduktion zur Folge hatten. Seine Strukturierung des Materials nach Innen- und Außenbeziehung des Kapitels, d.h. Trennung wirtschaftlicher Transaktionen einzelner Kanoniker untereinander und deren Prozesse gegeneinander von denjenigen, die das Kapitel insgesamt mit bzw. gegen Dritte tätigte, zeigt, daß in beiden Bereichen das Motiv der Prävention von Konflikten hauptverantwortlich für den Einsatz von Schrift in den Wirtschafts- und Rechtsbeziehungen war. Im Innern führte in erster Linie die Frage der Residenzbereitschaft der Kanoniker, der die Kurie, aber auch das Kapitel selbst immer größere Bedeutung bei der Pfründenvergabe beimaßen, zu einer Zunahme schriftlicher Verordnungen. Als Hintergründe für die intensivere Schriftnutzung in den Außenbeziehungen macht B. die politischen und sozial-wirtschaftlichen Faktoren kommunaler Entwicklung namhaft, wie Machtverlust des Bischofs, Bevölkerungswachstum, dadurch einerseits Zuzug in die Stadt, andererseits Ausgreifen von Kommune und Stadtbürgertum in den Contado, so daß die Rechte an Eigentum und Abgaben der Kapitel immer mehr in Frage gestellt wurden. Damit hat der Vf. anhand eines Mikrokosmos gezeigt, daß die Verschriftlichung des Rechts- und Verwaltungslebens nicht nur den Herrschaftsträgern der Kommunen vorbehalten war, sondern auch von den "Betroffenen" als rechtssichernde Maßnahme verstanden wurde. Seiner detailreichen Studie hat B. drei Exkurse, darunter zur Rechtskunde der Kanoniker und zum Verwaltungsschriftgut der Kommune, beigegeben sowie zwei prosopographische Anhänge. Orts-, Personen- und Sachregister beschließen diesen interessanten Bd.

    Claudia Zey


  363. Gianfranco Massetti, Antisemitismo e presenza ebraica a Brescia nel Quattrocento, Studi trentini di scienze storiche 74 (1995) S. 125-178, stellt eine reich dokumentierte Übersicht über die seit etwa 1450 bezeugte Tätigkeit von Juden als Geldverleiher im Gebiet von Brescia zusammen, die vor allem im Zusammenhang mit dem angeblichen Ritualmord in Trient im Jahre 1475 zahlreichen Angriffen ausgesetzt waren.

    Josef Riedmann


  364. Cristina La Rocca, Pacifico di Verona. Il passato Carolingio nella costruzione della memoria urbana, con una nota di Stefano Zamponi (Nuovi Studi Storici 31) Roma 1995, Istituto Storico Italiano per il Medio Evo, ISSN 0391-8477, 261 S., 26 Taf. - Der 844 verstorbene Archidiakon Pacificus galt bisher als eine der am besten dokumentierten Persönlichkeiten seiner Schicht und seiner Epoche (vgl. DA 41, 390 ff.). Schon in Jugendjahren habe er einem späteren Bericht zufolge bei einem Gottesurteil ("iudicium crucis") durch seine gut entwickelte Trapezmuskulatur seiner Kirche viel Geld bei der Reparatur der Stadtbefestigungen erspart, später zeichnete er sich als Förderer der Bibliothek, Vf. komputistischer Schriften und Beteiligter an der Ausstellung von Urkunden aus. Die vorliegende Arbeit bemüht sich, alle Belege mit Ausnahme zweier zeitgenössischer Urkunden als Fälschungen zu erweisen und "ridimensionare la personalità eccezionale dell'arcidiacono". Die vorgebrachten Argumente genügen freilich nicht durchwegs zum Beweis, daß die in Abschriften vom 12. Jh. an erhaltenen Urkunden alle gefälscht seien - widersprüchliche Datierungen z. B. kommen auch bei Originalurkunden vor, und daß spätere Kopisten ihren Vorlagen ein zeitgenössisches Flair verliehen, indem sie ihnen geläufige Termini benutzten, ergibt gelegentlich Anachronismen, die nicht das Ganze in Frage stellen müssen. Bei einem angeblich gefälschten Testament zur Sicherung der Rechte des Domkapitels fragt man sich zudem, warum die Fälscher ausgerechnet den wenig ansehnlichen Archidiakon als Autorität einsetzten - mit dem gleichen Aufwand hätten sie einen Heiligen und/oder Herrscher aussuchen und weit größeren Eindruck erzielen können. Erst recht schwer nachvollziehbar sind die Einwände gegen die beiden Grabschriften (MGH Poetae 2 S. 655 f.), bei denen unterschiedliche Bedenken vorgebracht werden: das erste, aussagekräftigere Epitaph wurde der Schrift zufolge Mitte des 12. Jh. in den Stein geschlagen. Die Sprache und der Rhythmus - trochäischer Septenar - hätten in jener Zeit einen prosodisch hervorragend gebildeten Fälscher erfordert. Der Inhalt ist nicht anstößig, vgl. das unten zu Zamponis "nota" Gesagte. Die zweite Grabschrift ist aus Alkuins Epitaph nachgebildet, die Schrift ist deutlich älter ("fine XI secolo" dürfte um gut zwei Jh. zu spät datiert sein), die einzige mitgeteilte Information ist die alternative Namenform "Ireneus" für Pacificus. Es versteht sich von selbst, daß mit diesen Einwänden andererseits auch nicht die Echtheit der strittigen Urkunden und Nachrichten bewiesen werden kann, doch gibt folgender Umstand zu denken: Die Vf., die mit unnachsichtiger Strenge die kopiale Überlieferung ma. Schreiber und die Übernahme in historische Darstellungen prüft, gibt eine Urkunde aus dem Vatikanischen Archiv in Foto (Taf. 5) und Transkription (24 Zeilen auf S. 49) bei, wobei folgende irrige Wiedergaben auffallen: Z. 3 Quem quidem] lies Quoniam quidem; Z. 8 hedificare] letificare; Z. 14 fuerunt] fuerint; Z. 17 remeare] temerare; Z. 20 muletam] mulctam; Quidem] Quod. Daß e caudata willkürlich mit e oder ae umschrieben wird, sei nur am Rand erwähnt (und weil es sich um Diplomatik handelt), weil dies im Gegensatz zu obigen Fehlern nicht auf Unverständnis schließen läßt; offen gelassen sei dies für die deutschsprachige Literatur angesichts nicht weniger Schreibfehler in deutschen Zitaten. Die Vf., deren Arbeit Girolamo Arnaldi und Massimo Miglio in ihre reputierliche Reihe aufgenommen haben, mag "una bella diplomatista" sein, ein "bellum diplomaticum" hätte sie nicht vom Zaum brechen sollen. - Stefano Zamponi streift in der angefügten "nota" (S. 229-244) die unbezweifelten Belege für Pacificus, äußert jedoch Zweifel an der Zahl von 218 Hss., um die Pacificus seiner Grabschrift zufolge Verona bereichert habe. Seine Einwände beruhen auf der Annahme, Verona sei als Hss.-Zentrum eher unbedeutend gewesen, sind indessen durch C. Villa (vgl. DA 51, 29 ff.) gegenstandslos geworden. Es drängt sich demnach geradezu die Erklärung auf, daß Pacificus beim Übergang dieser Veroneser Hofbibliothek in die Kapitelsbibliothek eine maßgebliche Rolle gespielt haben dürfte. Im weiteren Verlauf des Anhangs bezweifelt Z. mit sympathischer Vorsicht die Echtheit eines Placitums von 820 und hebt sich wohltuend von den felsenfesten Überzeugungen von LaR. ab. Das Buch hat zwar das Ziel verfehlt, Pacificus zu "ridimensionare", ihn aber im Zuge der neuen Erkenntnisse über Veronas kulturelle Rolle wieder vorgestellt zu haben, bleibt verdienstlich.

    G. S.


  365. Francesca Roversi Monaco, La Corte di Guastalla nell'Alto Medioevo (Biblioteca di storia agraria medievale 13) Bologna 1995, Cooperativa Libraria Universitaria Editrice, 168 S., 1 Karte, ISBN 88-8091-089-2, ITL 20.000, verfolgt Werden, Organisationsformen und Strukturwandel des bedeutenden Reichshofes Guastalla sowie seine Beziehungen zum politischen Umfeld. Er wurde wohl nach der langobardischen Eroberung als Flußstation am Po gegründet und kam zur Zeit Ludwigs II. über die Kaiserin Angilberga in den Besitz des Reichsklosters S. Sisto bei Piacenza. Zahlreiche kaiserliche und päpstliche Urkunden nehmen auf ihn Bezug. Die Arbeit schließt mit einem nach diplomatischen Kriterien leider gänzlich ungenügenden Regestenanhang für die Jahre 713-1227 und zwei Indices.

    M. P.


  366. Storia e arte del patriarcato di Aquileia. Atti della XXII settimana di studi aquileiesi, 27 aprile - 2 maggio 1991 (Antichità altoadriatriche 38) Udine 1992, Arti Grafiche Friulane, 413 S., zahlreiche Abb., ITL 50.000. - Der Kongreßband enthält: Antonio Niero, Il culto di S. Marco (da Alessandria a Venezia) (S. 15-40), befaßt sich mit dem Markuskult in Ägypten, betont die fragwürdigen Elemente der venezianischen Markustradition und nimmt für Grado eine Markusverehrung im 7. Jh. an, deren Erbe dann Venedig angetreten habe, während Aquileia erst im 8. Jh. auf den Evangelisten zurückgeführt worden sei. - Vittorio Peri, Aquileia nella trasformazione storica del titolo patriarcale (S. 41-63), verweist zunächst auf die frühneuzeitliche Diskussion um die an römischen Vorstellungen orientierte Interpretation des Patriarchentitels von Aquileia als Zeichen von Schisma und Usurpation, die Baronius vorgelegt hatte. Dann geht er auf den spätantiken und frühchristlichen Sprachgebrauch ein, dessen juristische Präzisierung im Sinne der Pentarchie der Westen nur langsam rezipierte. Aquileia verharrte demgegenüber infolge der Isolierung im Dreikapitelstreit auf der älteren Entwicklungsstufe. - Gian Carlo Menis, La formazione dello stato patriarcale del Friuli (VIII-XI sec.) (S. 65-84), bespricht dazu die Königs- und Kaiserurkunden für Aquileia von Karl dem Großen (D. 175) bis Heinrich IV. (D. 293). - Reinhard Härtel, Aquileia capitale amministrativa del patriarcato (S. 85-114), behandelt die Jahre 1000 bis 1300 und stützt sich auf das Itinerar der Patriarchen sowie auf Zusammenhänge (bzw. deren Fehlen) zwischen den Orten, an denen diese urkundeten, und den Themen der Urkunden. Seit Patriarch Berthold (1218-1251) gewinnt Cividale zunehmenden Vorrang vor Aquileia, auch deshalb, weil nach dem Ausgleich zwischen den Patriarchen von Grado und Aquileia von 1180 eine "symbolische Präsenz" in Aquileia, wie sie auch im Ausbau der Stadt sichtbar geworden war, zur Behauptung der Patriarchenwürde nicht mehr erforderlich war. - Giorgio Fedalto, La fine del patriarcato di Aquileia. Aggiornamenti bibliografici (S. 115-136), setzt mit den Änderungen der politischen Situation in Folge der Eroberung Friauls durch Venedig 1420 ein. - Sergio Tavano, Il patriarcato da Aquileia a Venezia (S. 137-154). - Giuseppe Cuscito, Le epigrafi dei patriarchi nella basilica di Aquileia (S. 155-173), ediert Grabinschriften der Patriarchen aus dem 10.-14. Jh., die Inschriften zur Domweihe 1031 (einschließlich der Ablaßversprechung It. Pont. 7/1 S. 47 Nr. † 3), sowie den auf einer antiken Grabstele festgehaltenen Verzicht Herzog Heinrichs III. von Kärnten († 1122) auf Einnahmen aus seinen Vogteirechten. - Cesare Scalon, Cultura ad Aquileia in età medioevale. Note in margine a un inventario aquileiese trecentesco (S. 175-190), ediert ein Bücherverzeichnis mit 170 Positionen (Cividale, Museo Archeologico, Archivio Storico, Inventari raccolti da Giorgio Modana, vol. 1). - Die bau- und kunstgeschichtlichen Beiträge des Bandes sind hier nicht im einzelnen vorzustellen. Hinzuweisen ist aber auf Achille Comoretto, Un sacramentario proveniente da Fulda nel tesoro di Aquileia (S. 339-350), der sich mit der Hs. Udine, Archivio capitolare, Cod. 1 befaßt und sie in die Nachbarschaft des Evangeliars des Udineser Codex 2 rückt, das unter Patriarch Poppo im Besitz von Aquileia war. - Eine allgemeine Orientierung gibt der Beitrag von Giulio Bernardi, Monetazione del patriarcato di Aquileia (S. 351-357), während die beiden folgenden auch die speziellen Münzprägungen vorstellen: Andrea Saccocci, Circolazione monetaria nel patriarcato dal X al XIII secolo (S. 359-375); Aldo Candussio, Un tesoretto di monete patriarcali rinvenuto in una casa trecentesca a Pertéole in comune di Ruda (S. 377-392).

    E.-D. H.


  367. Ingrid Heidrich, Die wirtschaftliche und soziale Situation im Raum Ravenna Ende des 11. Jahrhunderts nach den dokumentarischen Quellen, in: Wirtschaft, Gesellschaft, Unternehmen. Festschrift für Hans Pohl, hg. von Wilfried Feldenkirchen u. a. (VSWG Beiheft 120) Stuttgart 1995, Franz Steiner, ISBN 3-515-06646-2, S. 580-595, faßt anschaulich zusammen, was sich im regionalen Urkundenbestand über Grundbesitz, Bodennutzung, Geldwirtschaft, Handel, Handwerk und die ökonomische Führungsschicht ermitteln läßt.

    R. S.


  368. Rosanna Pescaglini Monti, I pivieri di Sovigliana / Ducenta / Travalda / Appiano, Triana, Migliano/ La Leccia e Tripalla (sec. VIII-XIV) Bollettino storico Pisano 62 (1993) S. 119-185, beschreibt Topographie, historische Entwicklung, Besitzstand, kirchliche und zivile Organisation der luccheser Pievenlandschaft im Grenzbereich zur Diözese Pisa, die seit der Langobardenzeit teilweise zwischen beiden Bistümern strittig war. Die ausführliche, auf dem erhaltenen dokumentarischen Material in den Archiven von Lucca und Pisa beruhende Untersuchung schließt mit zwei Karten und einem Indice toponomastico.

    M. P.


  369. M. E. Bratchel, Lucca 1430-1494. The Reconstruction of an Italian City-Republic, Oxford 1995, Clarendon Press, 346 S., 19 Abb., ISBN 0-19-820484-1, GBP 45, bietet zum ersten Mal eine Gesamtschau der Geschichte Luccas im 15. Jh. bis zur ersten französischen Invasion. Sie beginnt mit der Beschreibung der Verschwörung gegen den Tyrannen Paolo Guinigi, der die Darstellung der weiteren politischen Entwicklung folgt. B. legt dabei Wert auf die Verflechtung der einzelnen Familien und Individuen, die er immer wieder mit Tafeln deutlich macht. Heiratspolitik und Beziehungen zu exilierten oder nicht lucchesischen Familien unterstützen die Ausführungen zur politischen Entwicklung. Ein aufschlußreiches Kapitel ist den politischen Strukturen gewidmet, den Ämtern und der personellen Zusammensetzung, die mit Graphiken verdeutlicht wird. Parallel zur politischen Restauration ist eine wirtschaftliche Erholung festzustellen, die Anlaß gibt, Manufakturen (Seidenindustrie), Handel und Bankenwesen zu beleuchten, so gut es mit den erstaunlich wenigen erhaltenen Quellen möglich ist. Dabei sei der Aufschwung, der kaum technische Innovationen brachte, bedeutend früher festzustellen als bisher angenommen. Auch das Verhältnis der Stadt zu ihrem Territorium und dasjenige zur Kirche ist Inhalt je eines Kapitels. Mit dem nötigen Register und einer weiterführenden Bibliographie versehen, bietet das vorliegende Buch einen guten, auf vielen und vielfältigen Quellen aus zahlreichen Archiven beruhenden Überblick über die bisher vernachlässigte Geschichte Luccas, das zwar vergleichbar ist mit ähnlichen Städten, aber nicht in allen Einzelheiten dem großen Vorbild Florenz folgt, sondern durchaus eigene Entwicklungscharakteristika zeigt. Diese werden primär als Resultat der zum Überleben unabdingbaren inneren Stabilität der relativ schwachen Stadt erklärt.

    G. S.


  370. Pescia e la Valdinievole nell'età dei Comuni, a cura di Cinzio Violante e Amleto Spicciani (Studi Medioevali 1) Pisa 1995, Edizioni ETS, XIV und 210 S., Karten, ISBN 88-7741-816-8, ITL 40.000. - Der Bd. enthält folgende, auf einem Kongreß in Pescia im Oktober 1986 gehaltene Beiträge zur Geschichte der zwischen den Territorien von Lucca und Pistoia bzw. den Südabhängen des Appenin und dem nördlichen Arnoufer gelegenen historischen Region Valdinievole im Zeitraum vom beginnenden 12. Jh. bis zum Ende der Regierungszeit Kaiser Friedrichs II.: Ferdinand Opll, Gli imperatori svevi e la Valdinievole (S. 1-17). - Marinella Pasquinucci, Alcune considerazioni sul popolamento antico e medievale (S. 19-28, mit 1 Karte). - Maria Giovanna Arcamone, Ricerche toponomastiche in Valdinievole (S. 29-56). - Rosanna Pescaglini Monti, Le vicende politiche e istituzionali della Valdinievole tra il 1113 e il 1250 (S. 57-87, mit 1 Karte). - Enrico Coturri, Magistrature in Valdinievole nell'età precomunale e comunale (S. 89-100). - Luciana Mosiici, Documenti di lega, patti e convenzioni stipulati da Comuni della Valdinievole nel secolo XIII: note diplomatiche (S. 101-138, mit Editionsanhang). - Amleto Spicciani, Pescia e la Valdinievole nella storia religiosa ed ecclesiastica del XII secolo (S. 139-164). - Chiara Frugoni, Alcune osservazioni alla tavola di S. Francesco di Pescia (S. 165-177). - Gigi Salvagnini, Premesse di una città: Pescia nell'XI e XII secolo (S. 179-184, mit 1 Plan). - Gabriella Rosetti, Conclusione (S. 185-188). - Die Einführungen stammen von Cinzio Violante (S. VII-IX) bzw. Marco Tangheroni (S. XI-XIV), abgeschlossen wird der Band mit vier, von Cecilia Ianella besorgten Indices (S. 189-210).

    M. P.


  371. Giuseppe Vedovato, Camaldoli e la sua Congregazione dalle origini al 1184. Storia e documentazione (Italia Benedettina. Studi e documenti di storia monastica 13) Cesena 1994, Badia di S. Maria del Monte, XXII u. 335 S., keine ISBN, ITL 55.000. - Die überarbeitete "tesi di laurea" faßt die ersten zwei Jh. der Klostergeschichte anhand der aktuellen Forschung und der jüngsten Quellenregesten zusammen. Leider werden die Briefe des Petrus Damiani immer noch nach Migne zitiert, obwohl die einschlägigen Texte (vgl. S. 36 f.) bereits seit 1983 bzw. 1988 in der MGH-Edition vorliegen. Die ereignisgeschichtliche Schilderung wird durch eine (unkommentierte) Edition der bischöflichen, kaiserlichen und päpstlichen Urkunden für das Kloster ergänzt. Da diese bisher an verschiedenen, teilweise entlegenen Orten publiziert waren, ist hier ein grundlegendes Forschungsdesiderat erfüllt. Dennoch sind viele der von Schiaparelli u. a. 1907-22 erfaßten Regesten weiterhin nur in deren Kurzform bekannt, und der Rez. hätte sich zumindest erhofft, daß die wenigen Texte, in denen die Gemeinschaft oder der Prior von Camaldoli als Urkundenaussteller auftraten, mit aufgenommen worden wären. Ein gewissermaßen dritter Teil widmet sich den beiden bereits bekannten Regeltexten, die zwar unkommentiert abgedruckt, aber doch umfassend analysiert und zeitlich neu eingeordnet werden. Zahlreiche Statistiken und Karten verdeutlichen die neuen Erkenntnisse dieser wichtigen Arbeit.

    C. L.


  372. Giovanni Riganelli, Da Totila a Rachi: Perugia e il suo territorio nei primi secoli del Medioevo, Bollettino della Deputazione di Storia Patria per l'Umbria 91 (1994) S. 5-45, 1 Karte, untersucht (als Fortschreibung der Studie von Sergio Mochi Onory, Perugia nell'alto medioevo, in: Storia illustrata delle città dell'Umbria, Perugia 1993, S. 97-112) die Geschicke sowie die strategische und politische Bedeutung von Stadt und Region Perugia sowohl für die byzantinische Reichsverwaltung wie das Papsttum als Teil des Korridors Rom-Ravenna während der Gotenkriege und der langobardischen Eroberungen bis zum Verlust der Autonomie des byzantinischen Dukats Perugia nach dem Fall Ravennas und seiner endgültigen Eingliederung in den Kirchenstaat im Jahre 817. - Die Frage, weshalb der Langobardenkönig Agilulf im Jahre 593 die Belagerung Roms plötzlich und scheinbar grundlos wieder aufgab und auch auf das bereits eroberte Perugia verzichtete, hat bereits 1986 Wilhelm Kurze überzeugend mit den Ergebnissen der geheimen, weil im beiderseitigen Interesse ohne Wissen der byzantinischen Seite geführten Friedensverhandlungen zwischen dem Langobarden und Gregor d. Gr. erklärt (FmSt 20 S. 432 ff.).

    M. P.


  373. Maria Grazia Nico Ottaviani - Claudio Regni, Mura delle città e mura dei borghi nella legislazione perugina al tempo di Federico II., Bollettino della Deputazione di Storia Patria per l'Umbria 92 (1995) S. 143-157, beschäftigen sich mit der öffentlichen, die Sicherheit für Stadt und Contado betreffenden Bautätigkeit der Kommune Perugia zur Zeit Friedrichs II., die im ersten Kommunalstatut von 1279 erstmals offiziell geregelt wurde. Im Grenzbereich zu ghibellinischen Kommunen, wie z. B. dem kaiserlichen Foligno, verfolgten die Aktivitäten vor allem militärische Zwecke. Leider ist den Autoren die detaillierte Studie über den etwa gleichzeitigen Mauerbau dieser Stadt von Klaus Schubring entgangen: Der Mauerbau von Foligno unter Kaiser Friedrich II., QFIAB 68 (1988) S. 123-166.

    M. P.


  374. Jean-Claude Maire Vigueur, Échec au podestat: l'expulsion de Comacio Galluzzi podestat de Todi (17 juillet 1268), Bollettino della Deputazione di Storia Patria per l'Umbria 92 (1995) S. 5-41.

    M. P.


  375. Maria Teresa Maggi, I possessi dell'Abbazia di Farfa in Umbria nei secoli VIII-XII, Bollettino della Deputazione di Storia Patria per l'Umbria 91 (1994) S. 47-86. - Hauptsächlich auf der Grundlage Gregors von Catino, dessen Liber Floriger die Vf. 1984 edierte, sowie der Kaiser- und Papsturkunden untersucht die Autorin Werdegang und Umfang des vom Jahre 762 an sukzessiv gebildeten umbrischen Patrimoniums der Reichsabtei Farfa, das im 12. Jh. fast zur Gänze an das zum Besitz der Abtei gehörende Kloster S. Pietro in Perugia fällt. Ihre differenzierten Ergebnisse in den von römisch-byzantinischer Tradition geprägten Komitaten Terni, Narni, Amelia, Todi und Perugia, sowie in den langobardischen Gebieten Nocera, Spoleto, Norcia und Foligno veranschaulicht die Autorin in zahlreichen Karten, Grafiken und Tabellen. Es zeigt sich daß die Erwerbungspolitik der Abtei von ganz bestimmten strategischen und wirtschaftlichen Absichten geleitet wird, um im Spannungsfeld zwischen dem Papsttum und den langobardischen Herzögen Eigenständigkeit bewahren zu können. Dazu gehörte vor allem die Sicherung der Hauptverkehrsadern, Straßen wie Flußläufen, sowie der Erwerb etwa von Mühlen und Steinbrüchen. Die Besitzungen innerhalb von Städten sind dementsprechend gering. Das schließlich langgestreckte und zusammenhängende umbrische Klosterland konnte daher bis ins 12. Jh. als Pufferzone zwischen den umliegenden Mächten wirken.

    M. P.


  376. Arnold Esch, Rom in der Renaissance. Seine Quellenlage als methodisches Problem, HZ 261 (1995) S. 337-364, reflektiert in höchst anschaulicher und lehrreicher Weise darüber, daß zur Beschäftigung mit dem "Rom der Römer" im 15. Jh. ganze Quellengattungen fehlen, die aus anderen Städten Italiens bekannt sind, und die verfügbare Überlieferung (Zollregister, Notariatsakten, Kommunal- und Zunftstatuten, kaufmännische Korrespondenz u. ä.) wegen ihrer Eigenart und Lückenhaftigkeit unseren Blickwinkel vielfältig einschränkt. Daraus werden verallgemeinerbare Einsichten über die angemessene Art des Befragens und Verwertens trümmerhafter Quellenangebote abgeleitet.

    R. S.


  377. Ezio Mattiocco, Sulmona. Città e contado nel catasto del 1376, Pescara 1994, Carsa, 334 S., Abb., ISBN 88-85854-22-2, ITL 45.000. - Nach seinem großen Werk Struttura urbana e società della Sulmona medievale (Sulmona 1978), das schon weitgehend auf dem ältesten vollständig erhaltenen Kataster aus dem Königreich Neapel, dem von Sulmona 1376, basierte, legt M. jetzt eine Spezialstudie zu dieser Quelle vor. In 13 Kapiteln werden zuerst allgemein die Kataster als Quellengattung, die historische Situation von Sulmona im 14. Jh., der Aufbau des Katasters von 1376, die Wertangaben und die Bedeutung für die Steuererhebung, dann konkret die Angaben zur Stadt (reiche und arme Quartiere), zu ihrem unmittelbaren Vorfeld und zu ihrem Contado, zu klösterlichem und kirchlichem Besitz, zur Landwirtschaft, zum Grundeigentum (über 90 % Laien) sowie schließlich die Orts- und Flurnamen erörtert. Zehn Tabellen und 21 Abbildungen illustrieren das Werk, darunter historische Karten und Ansichten. Vorbildlich ist die Liste der in Urkunden und Notariatsinstrumenten häufig genannten contrate S. 227-248, die man sich ähnlich für weitere Städte Italiens wünschte. Wer an die Machbarkeit exakter Statistiken für das Spät-MA glaubt, möge die wiederholten Hinweise beherzigen, nach denen die im Kataster genannten Summen nicht mit dem übereinstimmen, was die Nachrechnung der Einzelangaben ergibt (S. 213-217 und passim). Abbildungen aus dem Kataster und kleine Teileditionen vermitteln ein plastisches Bild der Quelle. Da eine Gesamtedition leider fehlt, lassen sich ergänzende Fragen nicht ohne weiteres beantworten, welche die vorliegende Studie anregt. Wenn es z. B. heißt, bei geistlichen Institutionen in der Stadt würden 66 % des Besitzes geistlichen und nur 34 % weltlichen Charakter haben (S. 217), würde man doch gerne wissen, ob dies außer für Pfarreien und Spitäler mit ihren Häusern, Höfen und Gärten tatsächlich für alle Ordensniederlassungen gilt. Wegen seiner konkreten Daten zu den Besitzverhältnissen Sulmonas in der zweiten Hälfte des 14. Jh. gehört das Buch in jede gepflegte Bibliothek zur italienischen Geschichte wie zur allgemeinen Wirtschafts- und Sozialgeschichte.

    K. B.


  378. Montecassino nel Quattrocento. Studi e documenti sull'abbazia cassinese e la "Terra S. Benedicti" nella crisi del passagio all'età moderna a cura di Mariano Dell'Omo (Miscellanea Cassinese 66. Monastica 12) Montecassino 1992, Monaci di Montecassino, 402 S., keine ISBN. - Der Bd. enthält folgende, zum Teil dokumentierte Beiträge zur Geschichte des Klosters als Kommende in der 2. Hälfte des 15. Jh.: Nicandro Picozzi, Gli abbati commendatari di Montecassino (1454-1504) (S. 115-178). - Pio Paschini, Il primo abbate commendatario di Montecassino (S. 179-199). - Tommaso Leccisotti, Per la storia della commenda a Montecassino (Documenti inediti) (S. 201-206). - Mariano Dell'Omo, Paolo II abbate commendatario di Montecassino. Note e documenti sull'abbazia cassinese e la "Terra S. Benedicti" tra il 1465 e il 1471 (S. 207-284). - Leone Mattei-Cerasoli, Tre registri del card. Giovanni d'Aragona commendatario di Montecassino (S. 285-299). - Valerio M. Cattana, Per la storia della commenda a Montecassino. Un progetto del re Alfonso II d'Aragona (S. 301-309), berichtet über den Versuch des Königs, das Kloster an Monte Oliveto zu übertragen. - Mariano Dell'Omo, Per uno "status quaestionis" sui rapporti tra papa Paolo II e la biblioteca di Montecassino (S. 311-327), sieht in dem auf Wunsch des Papstes zusammengestellten Katalog der Hss. des Klosters (Cod. Vat. lat. 3961) nicht persönliche Habgier als Motiv, sondern "una testimonianza della sollecitudine di Paolo II, in veste di commendatario, per la cura del patrimonio manoscritto cassinese". - Francesco Lo Monaco, Note su codici cassinesi tra Quattro e Cinquecento (S. 329-357). - Mariano Dell'Omo, Noterella sulla vita spirituale a Montecassino nel Quattrocento (S. 359-364). - Eingeleitet werden die Beiträge durch den Aufsatz von Tommaso Leccisotti, Aspetti della crisi dell'età moderna a Montecassino (S. 15-114, mit zahlreichen Dokumenten, vornehmlich Papsturkunden). - Der Bd. ist mit Registern ausgestattet.

    A. G.


  379. Antonio Papagna, Il cristianesimo in Puglia fino all'avvento dei Normanni (1071), Bari 1993, Levante Editori, XIII u. 471 S., 1 Karte und 12 Abb., ISBN 88-7949-050-8, ITL 50.000. - Apulien ist als spannungsreiche Begegnungszone zwischen lateinischer und griechischer Christenheit, aber auch zwischen Byzantinern, Langobarden, Ottonen, Arabern und lokalen Herrschern ein beliebter Forschungsgegenstand. P. schließt seine faktenreiche Studie an seine Arbeit über die Sarazenen im 10. Jh. an (DA 50, 382). Gegliedert ist das Werk in vier Hauptkapitel: 1. Bischöfe und Bistümer - 2. Mönchtum - 3. Verehrung des hl. Michael auf dem Monte Gargano - 4. Patrimonium Petri in Süditalien. Den größten Raum nimmt das erste Kapitel ein; sein Wert liegt in einer Kombination von diachroner und synchroner Betrachtung: Jahrhunderte oder klar definierte kürzere Zeiträume werden in ihren Besonderheiten charakterisiert und anschließend jeweils nach Diözesen abgehandelt. Anders wird beim zweiten Forschungskomplex verfahren, in dem vor allem - was nahe liegt - nach östlichem und westlichem Mönchtum unterschieden wird, und dann alle Niederlassungen alphabetisch aufgelistet sind. Allerdings bildet hier das 10. und 11. Jh. den Schwerpunkt. Was für die gesamte Arbeitsweise sehr zu denken gibt, ist, daß trotz der klaren Ankündigung (S. 251) das Monasticon Italiae III (Puglia e Basilicata, 1986) nicht sonderlich beachtet wurde. Die beiden abschließenden Kapitel sind kursorischer gehalten. Der Wert der Studie liegt somit weniger in den Auflistungen als vielmehr in der zusammenfassenden Betrachtung von Entwicklungen. Mehrere Abb. sind leider unscharf, doch macht das differenzierte Namenregister diesen Nachteil in gewisser Weise bei der Gesamtbeurteilung wett.

    C. L.


  380. Santo Rullo Intorno alle origini della Diocesi di Oppido, Historica 48,3 (1995), S. 130-137, nimmt die alte Diskussion um die Gründung des Ende des 11. Jh. sicher belegten kalabresischen Bistums Oppido Mamertina nochmals auf und folgt mit der Annahme, daß diese nur im Rahmen der politisch-religiösen Neustrukturierung der Region von Reggio durch den Katapan Basileios Boioannes im Jahre 1025 erfolgt sein könne, einer Hypothese, die bereits W. Holtzmann geäußert hatte (QFIAB 45, 1965, S. 428). Vgl. auch DA 50, 777.

    P.


  381. Sicilia e Italia suburbicaria tra IV e VIII secolo. Atti del Convegno di Studi (Catania, 24-27 ottobre 1989) a cura di Salvatore Pricoco, Francesca Rizzo Nervo, Teresa Sardella, Soveria Mannelli 1991, Rubbettino, 429 S., ISBN 88-7284-025-2, ITL 40.000. - Der Bd. enthält 18 Beiträge einer in Catania durchgeführten Tagung zur Frömmigkeitsgeschichte (storia religiosa) in der Spätantike. Das Unternehmen versteht sich als Fortsetzung einer ähnlichen Veranstaltung des Jahres 1986 und steht im Rahmen einer neuen Initiative zur Erforschung der Geschichte Süditaliens in Spätantike und frühem MA, die sich an der Universität Catania (unter maßgeblichem Einfluß von Salvatore Pricoco) mit Aussicht auf Kontinuität zu entwickeln scheint. Hatte man sich bei dem Vorgängerkongreß noch im engeren Rahmen der Geschichte Siziliens bewegt, erweitert sich nun die Perspektive geographisch und inhaltlich: Friedrich Prinz, Papa Gregorio Magno, il monachesimo siciliano e dell'Italia meridionale e gli inizi della vita monastica presso gli Anglosassoni (S. 7-20), geht der Bedeutung Gregors d. Gr. für das Mönchtum Italiens nach und erörtert vor diesem Hintergrund die Probleme um Rolle und Einfluß der Regula Benedicti sowie Gregors bei der Ausbildung asketischer Lebensformen infolge der Angelsachsenmission. - Conrad Leyser, St. Benedict and Gregory the Great: another Dialogue (S. 21-43), versucht unter dem Blickwinkel der Spiritualität - einer in diesem Kontext bisher vernachlässigten Perspektive - einen Beitrag zur Diskussion um die umstrittenen Dialogi. Gegen F. Clark (vgl. DA 48, 272) plädiert er für die Hypothese, Gregor sei um 590 mit der Regula Benedicti sowie den Wundergeschichten um die frühen asketischen Väter Italiens bekannt geworden und habe daraufhin die Dialogi mit der Vita Benedikts ausgeführt "as a kind of visual complement to the orality of the Rule". Die unübersehbaren Diskrepanzen zwischen manchen Anweisungen der Regel und dem Verhalten Benedikts in den Dialogi finden dabei ihre Begründung in den unterschiedlichen literarischen Genera wie in den unterschiedlichen Absichten ihrer Vf. - Giorgio Otranto, Linee per la ricostruzione delle origini cristiane e della formazione delle diocesi nell'Italia Meridionale (S. 45-79), versucht unter Einbeziehung von Archäologie und Epigraphik neue Ergebnisse zu gewinnen zu den Anfängen des Christentums und der Ausbildung der Diözesen. - Letizia Pani Ermini, Il cristianesimo in Sardegna attraverso le testimonianze archeologiche (S. 81-97), selbst mit Ausgrabungen auf Sardinien betraut, beschreibt anhand des Materials die Anfänge des Christentums - einschließlich der frühen Klöster - auf der Insel. - Stefano Caruso, La Sicilia nelle fonti storiografiche bizantine (S. 99-128), durchforstet die wichtigsten byzantinischen Historiker zwischen dem 4. und dem Anfang des 9. Jh. - unter bewußtem Ausschluß der Hagiographie - auf Bezüge zu Sizilien hin mit dem Ergebnis, daß Sizilien dem gebildeten Byzanz durchaus als integrierter Teil der "ecumene bizantina" galt. - Enrico Morini, Sicilia, Roma e Italia suburbicaria nelle tradizioni del sinassario Costantinopolitano (S. 129-184), zeichnet nach, wie Rom und die Kirchen des Westens mit ihren Heiligen Eingang fanden in die liturgische Praxis von Konstantinopel, was einzuordnen ist in den Anspruch der Kirche Konstantinopels über die gesamte Ökumene. - Michel Van Esbroeck, Le contexte politique de la Vie de Pancrace de Tauromenium (S. 185-196), liefert Ergänzungen zu seinem Beitrag auf dem Vorgängerkongreß von 1986 sowie zu der mittlerweile neuen Edition der Vita Pancracii in der griechischen Version (ed. C. Stallman). - Marcella Forlin Patrucco, Santi orientali nell'Italia tardoantica (S. 197-214), wendet sich den byzantinischen Heiligen zu, die im Westen Verehrung fanden, und stellt dieses Phänomen in den Zusammenhang der "Byzantinisierung" des Westens. - Augusta Acconcia Longo, La Vita di S. Leone di Catania (S. 215-226), erörtert die verschiedenen Redaktionen. - Francesco Scorza Barcellona, La passione di San Pellegrino di Agrigento (S. 226-248), bietet eine Untersuchung mit anschließender Neuedition (S. 244-248) der Passio (6./7. Jh.). - Francesca Rizzo Nervo, Tradizione narrativa e mutamenti semantici nella letteratura agiografica siciliana (S. 249-261), betrachtet die hagiographische Überlieferung um die hl. Lucia v. Syracus - die Amplifikationen der Texte aus späteren Jahrhunderten sind dabei von besonderem Interesse - im Lichte moderner literaturwissenschaftlicher Kategorien. - Francesco Erasmo Sciuto, La «Écthesis» dell'imperatore Eraclio quale simbolo del conflitto teologico-politico tra Roma e Costantinopoli nel VII secolo (S. 263-282), erörtert Entstehung, Bedeutung und Überwindung des zentralen Dokuments des Monotheletismus. - Claudio Moreschini, Neoplatonismo e cristianesimo: «partecipare a Dio» secondo Boezio e Agostino (S. 283-295), geht einer neuplatonischen Erkenntniskategorie in der paganen und christlichen Spätantike nach. - Antonio V. Nazzarro, Giuliano d'Eclano polemista negli Ad Turbantium libri IV. (S. 297-326). - Paola Santorelli, L'epigramma a Proietta di Damaso (51 F.) (S. 327-336). - Teresa Sardella, Agli inizi dell'ascetismo femminile. Sicilia e Italia suburbicaria (S. 337-366), verfolgt die Spuren, die auf eine eigenständige Entwicklung des weiblichen Asketen- und Klosterwesens hindeuten, mit dem Ergebnis: Bei ursprünglich identischen spirituellen Idealen treten Differenzen zwischen asketisch lebenden Frauen und Männern erst auf mit der Institutionalisierung des Phänomens in der offiziellen Kirche. Dies zeigt sich für Italien in den ersten Belegen für eine feierliche «velatio», d.h. seit der zweiten Hälfte des 4. Jh. - Cesare Pasini, Chiesa di Milano e Sicilia: punti di contatto dal IV all'VIII secolo (S. 367-398), zeigt - unter Einbeziehung der Heiligenverehrung - Zusammenhänge zwischen der Kirche von Mailand und Sizilien. Als Hintergrund wird dabei vornehmlich das große patrimonium Mailands auf der Insel (ähnlich wie im Falle Roms) ins Spiel gebracht. - Ilona Opelt, Sizilien und Italien bei einigen arabischen Geographen und Historikern (S. 399-407), bietet eine knappe, Sizilien betreffende Zusammenstellung von Quellenstellen aus neun arabischen (islamischen) Autoren des 9.-14. Jh.

    Georg Jenal


  382. XIV Congresso di storia della Corona d'Aragona (Sassari-Alghero, 19-24 maggio 1990): La Corona d'Aragona in Italia (secc. XIII-XVIII) 1: Relazioni, Sassari 1993, Carlo Delfino, 284 S., Abb., ISBN 88-7138-068-1, ITL 60.000. - Die Organisatoren der im Zweijahresturnus stattfindenden "Congressos de historia de la Corona d'Aragón" haben mittlerweile mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie andere Veranstalter regelmäßig stattfindender Kolloquien: Die Themen drohen auszugehen oder werden einfach wiederholt, wie leider auch einige der Beiträge in diesem Bd. unter Beweis stellen. Francesco Cesare Casula, Il "Regnum Sardiniae et Corsicae" nell'espansione mediterranea della Corona d'Aragona. Aspetti politici (S. 39-48), bietet einen knappen Überblick über das Schicksal des Königreichs Sardinien von der Belehnung Jakobs II. (1297) bis zur Einigung Italiens (1861), wobei die abschließende These, der gegenwärtige italienische Staat sei nichts anderes als das ehemalige Königreich Sardinien, zumindest anfechtbar ist. - Marco Tangheroni, Il "Regnum Sardiniae et Corsicae" nell' espansione mediterranea della Corona d'Aragona. Aspetti economici (S. 49-88), bietet einen hervorragenden Überblick über die wirtschaftlichen Beweggründe für die katalanisch-aragonische Expansion nach Sardinien. Der Autor, sicherlich der profundeste Kenner dieser Thematik, setzt sich dabei zu Recht wiederholt kritisch mit den Thesen Salavert y Rocas auseinander, der die Erwerbung Sardiniens durch die Könige Aragons vor allem unter geostrategischen Gesichtspunkten bewertet hatte. - Wenig Neues bietet hingegen Francesco Giunta, La presenza catalano-aragonese in Sicilia (S. 89-111), der im wesentlichen seine eigenen noch aus den fünfziger Jahren stammenden Arbeiten zusammenfaßt und nur marginal neue Forschungsergebnisse (Bresc, Corrao) einarbeitet. - Frederic Udina i Martorell, L'expansió de la Corona d'Aragó al Mediterrani (siglos XIII-XIV) (S. 113-153), gibt einen guten Überblick über die neuere - selbst von einem Spezialisten kaum mehr überschaubare - Forschung zu diesem Thema, wobei der Autor wiederholt auf seinen gleichnamigen Beitrag, der im Segundo Congresso internacional de estudios sobre las culturas del Mediterráneo occidental (Barcelona 1978) erschien, zurückgreift. Der Aufsatz ist auf katalanisch abgefaßt, doch mit einem italienischen Resümee versehen. - Die folgenden beiden Beiträge behandeln das weitere Schicksal der Krone Aragons in der Neuzeit. - Besonders hervorzuheben ist José Trenchs Odena, Libri, letture, insegnamento e biblioteche nella Corona d'Aragona (secoli XIII-XV) (S. 193-243), der die Initiativen der königlichen Familie zur Förderung der Kultur anschaulich beschreibt und eine vorzügliche Bibliographie von 253 Titeln (S. 244-255) bietet.

    Andreas Kiesewetter


  383. Ludwig Vones, Geschichte der Iberischen Halbinsel im Mittelalter (711-1480). Reiche - Kronen - Regionen, Sigmaringen 1993, Jan Thorbecke, 390 S., ISBN 3-7995-7113-2, DEM 128. - Der schon seit seiner Diss. über die Historia Compostellana (vgl. DA 40, 736 f.) als besonderer Kenner der spanischen Geschichte ausgewiesene Vf. liefert erstmals in deutscher Sprache eine umfassende, auf dem neuesten Stand der Forschung basierende Gesamtdarstellung der Iberischen Halbinsel im MA. Ausgehend vom Untergang des westgotischen Reiches und der arabischen Eroberung der Halbinsel im Jahre 711 schildert er die Ausformung der "Fünf Reiche" Kastilien, León, Aragón, Navarra und Portugal, stellt deren jahrhundertelange Rivalität dar und zeigt die Bedingungen und Entwicklungslinien auf, die nach der Vereinigung von Kastilien und Aragón im 15. Jh. den modernen Einheitsstaat Spanien vorbereiteten. Dabei verteilt er die Gewichte zwischen Herrschafts-, Sozial-, Geistes- und Strukturgeschichte so sachkundig und ausgewogen, daß eine rundum geglückte Darstellung der Gesamtentwicklung entsteht, in der man keinen der wichtigeren Aspekte des spanischen MA vermißt. Konsequent entkleidet er die spanische Geschichte ihres Kastilien-Mythos, nimmt stets die Iberische Halbinsel in ihrer historischen Gesamtheit in den Blick und kommt in Ablehnung der einflußreichen Interpretationsmodelle von Américo Castro und Claudio Sánchez-Albornoz zu dem auch für die gegenwärtige politische Diskussion um Europa wichtigen Ergebnis, "daß die 'Realität' Spaniens einzig von seinen Regionen, seinen historischen Landschaften her, mag man sie als Nationen, Nationalitäten oder Autonomien verstehen, erfaßt werden kann" (S. 245). Alle Aussagen des Vf. sind durch einen reichhaltigen Anmerkungsapparat untermauert, dazu kommt nach einem Verzeichnis von allgemeiner Literatur zur Geschichte der Iberischen Halbinsel im MA (S. 279-282) noch ein sehr gehaltvoller "Quellen- und Literaturkommentar zu den einzelnen Kapiteln" (S. 283-357), der an Umsicht und Informationsdichte alle vergleichbaren Werke in englischer, französischer und spanischer Sprache weit überragt. Ein Glossar wichtiger spanischer Fachausdrücke von Adelantado (Regionaler Befehlshaber) bis Usatges (Sammlung des in Katalonien geltenden Gewohnheitsrechtes) (S. 246-249), 11 Stammtafeln (S. 250-264) sowie eine die Ereignisse im arabischen Machtbereich, Asturien-León, Kastilien, Navarra und Aragón sowie Portugal nebeneinanderstellende Zeittafel von 710-1516 (S. 265-278) und drei Register (Personen, Orte, Autoren) beschließen diese in Konzeption, Durchdringung des Stoffes und Darstellungskraft gleich bewundernswerte historiographische Leistung, die für lange Zeit ein unentbehrliches Arbeitsinstrument der internationalen Mediävistik bleiben wird.

    Peter Segl


  384. David Abulafia, A Mediterranean emporium. The Catalan kingdom of Majorca, Cambridge 1994, Cambridge University Press, XXII u. 292 S., ISBN 0-521-32244-8. - Einer historisch-politischen Einleitung zum Weg des selbständigen Königreichs bis hin zur Eingliederung ins Reich der Aragon (1343) folgt eine ausführliche Literatur- und Quellendiskussion, die das Fehlen spezifischer Studien feststellt. Die vorliegende, klare und gut dokumentierte Untersuchung vermag nun diese Lücke zu schließen. Ihr Hauptinteresse gilt den maritimen Aktivitäten des Königreichs mit "gespaltener Persönlichkeit" - zwischen Balearischen Inseln und den Städten des Roussillon. Der muslimischen und jüdischen Bevölkerungsgruppe ist je ein eigenes Kapitel gewidmet. Während die Zahl der Muslime eher zurückging, waren die Juden, wie etwa die Genuesen und Pisaner, wirtschaftlich privilegiert. Der Aufschwung der lokalen Produktion - von Tuch etwa - ist lediglich als Resultat des viel wichtigeren Außenhandels der geographisch privilegierten Inseln anzusehen. Städtegründungen auf dem Festland zeugen von wirtschaftlicher Integration, und das Bestehen von Konsulaten demonstriert Ende des 13. Jh. den Willen zur Unabhängigkeit von Barcelona. Während die Küstenstadt Collioure über eine eigene Flotte verfügte, stellten Perpignan und Montpellier die Verbindung zu den großen europäischen Märkten dar, obgleich der Mittelmeerhandel immer dominierte. Zahlreiche Quellen geben Auskunft über die Verbindungen mit dem nördlichen Afrika, dessen atlantischer Küste, der Gascogne, Flandern und England, ohne aber je die Position der Italiener anzugreifen. Ein Exkurs weist darauf hin, daß die Balearen berühmte Portolan- und Kartenmacher hervorgebracht haben. Die Anhänge beleuchten mit der Edition einiger Quellen das Verhältnis von Mallorca und Sardinien (1267-1343) und einige gerichtliche Vorfälle in Montpellier (1338-1339). Bibliographie und Index sind für eine wissenschaftliche Publikation der vorliegenden Art eine Selbstverständlichkeit.

    G. S.


  385. IX centenário da dedicaçao da Sé de Braga. Congresso internacional. Actas, 3 Bde. (Memorabilia christiana 1) Braga 1990, Universidade Católica Portuguesa, Faculdade de Teologia, 783 S., 685 S. u. 604 S., 363 S., ISBN 972-9430-07-1. - Im Rahmen der Feierlichkeiten zur Erinnerung an die Weihe der Kathedrale von Braga am 28. August 1089 fand vom 18.-22. Oktober 1989 in Braga ein großangelegter "internationaler" Kongreß mit überwiegend portugiesischen und spanischen Referenten statt, dessen den Zeitraum vom 9. bis 19. Jh. umfassende wissenschaftliche Beiträge zusammen mit den Gruß- und Festansprachen der Repräsentanten von Kirche und Staat nun auf knapp zweieinhalbtausend Seiten die Forschung bereichern. Für den MA-Historiker kann der schwerpunktmäßig Bischof Petrus und Bragas politisch-religiösem Umfeld im 11. Jh. gewidmete 1. Bd. von Interesse sein, auch in den beiden Geschichte und Kunst Bragas vom 12.-19. Jh. beleuchtenden Teilen des 2. Bd. vermag er manche Neuigkeiten zu entdecken, auch wenn sich nicht übersehen läßt, daß der Ertrag der Beiträge unterschiedlich ausfällt. Der 3. Bd. ist der Theologie des Kirchengebäudes und der Liturgie Bragas in Geschichte und Gegenwart gewidmet. Auf eine Anführung der (ohne Homilien und Grußadressen) mehr als 100 Aufsätze bzw. Vorträge (ohne Anm.) muß aus Raumgründen verzichtet werden.

    Peter Segl


  386. Le XIIe siècle. Mutations et renouveau en France dans la première moitié du XIIe siècle. Études publiées sous la direction de Françoise Gasparri (Cahiers du Léopard d'Or 3) Paris 1994, Léopard d'Or, 353 S., zahlreiche Abb., ISBN 2-86377-123-X, FRF 250. - Die in diesem Bd. veröffentlichten Aufsätze sollen deutlich machen, wie sich die "Renaissance du XIIe siècle", die im Norden Frankreichs in den Jahren 1120-1150 ihren Höhepunkt fand, durch Veränderungen und Neuerungen auf verschiedene Bereiche auswirkte: Alain Derville, Naissance du capitalisme (S. 33-60). - Jean-Luc Chassel, L'usage du sceau au XIIe siècle (S. 61-102). - Michel Pastoureau, La naissance des armoiries (S. 103-122). - Jacques Verger, Une étape dans le renouveau scolaire du XIIe siècle? (S. 123-145). - Charles Burnett, Advertising the New Science of the Stars circa 1120-50 (S. 147-157). - Constant J. Mews, Philosophy and Theology 1100-1150: The Search for Harmony (S. 159-203). - Donatella Nebbiai-Dalla Guarda, Livres et bibliothèques dans les monastères français au XIIe siècle (S. 205-255). - Patricia Stirnemann, Où ont été fabriqués les livres de la glose ordinaire dans la première moitié du XIIe siècle? (S. 257-301). - Pascale Bourgain, Le tournant littéraire du milieu du XIIe siècle (S. 303-323). - Annie Dennery, Liturgie et musique au XIIe siècle en l'abbaye de Saint-Evroult (S. 325-352).

    Isolde Schröder


  387. Jean-Louis Gazzaniga, L'Eglise de France à la fin du Moyen Age. Pouvoirs et institutions (Bibliotheca Eruditorum 11) Goldbach 1995, Keip Verlag, XXIII* u. 344 S., ISBN 3-8051-0241-0, DEM 124. - In der bereits wiederholt angezeigten Reihe werden hier 16 teilweise an entlegeneren Stellen publizierte Studien des französischen Rechtshistorikers vorgelegt und durch ein Register erschlossen.

    G. S.


  388. Constance Brittain Bouchard, Holy entrepreneurs. Cistercians, knights and economic activity in twelfth-century Burgundy, Ithaca 1991, Cornell University Press, XIV u. 242 S., ISBN 0-8014-2527-1, USD 36,85. - Aufgrund einer computergestützten Analyse des teilweise noch ungedruckten Urkundenmaterials für die Zisterzen in ihrem Ursprungsgebiet bietet B. eine nützliche und interessante Analyse der Beziehungen zwischen Zisterziensern und deren Umwelt. Die Ergebnisse sind denen ähnlich, die B. Rosenwein für Cluny und sein Umfeld im 10. und frühen 11. Jh. herausgearbeitet hat (vgl. DA 47, 312): Nicht nur Schenkungen, sondern auch andere Formen des Gütertausches, wie z. B. Pachtverträge, Tauschverträge, Verpfändungen, Bestätigungen nach Besitzstreitigkeiten, sind als Ausdruck dauerhafter Beziehungen zwischen den Zisterzen und ihren Nachbarn zu verstehen. Lediglich Kaufen und Verkaufen will die Vf. etwas anders bewerten (S. 56-65), aus nicht sehr einleuchtenden Gründen. Sie will dadurch nachweisen, daß die Zisterzienser vom Anfang an, und nicht erst in einer Zeit vermeintlichen Verfalls etwa nach 1150 oder sogar 1200, eine sehr breite wirtschaftliche Tätigkeit entfalteten. Einen reinen (geschweige denn einheitlichen) Geist des frühen Zisterziensertums habe es nie gegeben: Die frühe Expansion der Zisterzienser wurde gerade durch die Vielfalt wirtschaftlicher Aktivitäten gefordert, und "most of the unquestionably authentic legislation on Cistercian property is a product of the last half of the twelfth century ... the monks of the first two generations did not believe that the uniqueness of their order lay in any distinctive type of property ownership or economic exchange" (S. 189). Damit hat sie wohl Recht. Das Buch zeigt aber eine leichte Schieflage, da sich der größte Teil der Diskussion nicht mit Wirtschafts-, sondern mit Sozialgeschichte beschäftigt: Lediglich das dritte Kapitel ("Types of Cistercian property", S. 95-128) bietet eine direkte Grundlage für die Zusammenfassung ("Economic exchange and Cistercian ideals", S. 185-198). Als Anhang bringt B. Abtslisten für die burgundischen Zisterzen, die Erweiterungen und Korrekturen zu den von ihr 1987 (vgl. DA 46, 718) veröffentlichten Ergebnissen bieten.

    T. R.


  389. Alain Saint-Denis, Apogée d'une cité. Laon et le Laonnois aux 12e et 13e siècles (Histoire et archéologie médiévales) Nancy 1994, Presses Universitaires de Nancy, 652 S., Abb., Karten, ISBN 2-86480-702-5. - Laon war zur Zeit der kommunalen Bewegung, deren Eckdaten mit den Aufständen 1112 und 1295 auch den chronologischen Rahmen der vorliegenden Darstellung bilden, eine der größten Städte Frankreichs und ein bedeutendes ökonomisches und religiöses Zentrum, das sich durch die Einrichtung des Sitzes des Bailli von Vermandois außerdem eines starken Zustroms von Juristen und Beamten erfreute. Die Ursachen sowohl für diese Prosperität, die ihren Höhepunkt um 1250 erreichte, als auch für den Niedergang aufzuzeigen, ist das Ziel dieser Studie, die versucht, umfangreiches Quellenmaterial mit Hilfe der elektronischen Datenverarbeitung auszuwerten und möglichst viele Aspekte einzubeziehen. Neben den politischen Gegebenheiten und Veränderungen in der Kommune und ihrem Umfeld werden die Besitzverteilung, die soziale und demographische Entwicklung, Genealogien, Wirtschaft und Handel, die Aufteilung der Macht und die bauliche Entwicklung der Stadt dargestellt und mit Hilfe zahlreicher Graphiken, Tabellen, Skizzen und Fotografien veranschaulicht, so daß ein umfassendes Bild von Laon und dem Laonnois entsteht.

    Isolde Schröder


  390. Andrew W. Lewis, Toward the Identification of Fulcher (Ob. 1171), Abbot of Pontlevoy and of Saint-Père at Chartres, Revue Bénédictine 105 (1995) S. 417-432, sieht entgegen der bisherigen Forschung in dem Fulcher, der von etwa 1130 bis gegen 1150 als Abt das Kloster Pontlevoy bei Blois regierte, und in dem Abt Fulcher von Saint-Père in Chartres (1150/51-1171) ein und dieselbe Person und versucht, seinen Ansatz durch Aufhellung der Verwandtschaftsverhältnisse Fulchers zu untermauern.

    D. J.


  391. Bernard S. Bachrach, State-Building in Medieval France. Studies in Early Angevin History (Collected Studies Series CS 486) Aldershot 1995, Variorum, X u. 324 S. ohne durchgehende Paginierung, 1 Frontispiz (s.o.), ISBN 0-86078-468-1, GBP 48, 50.-12 Studien aus den letzten 20 Jahren, hauptsächlich über Fulko Nerra und das Haus Anjou, die Forschungsschwerpunkte von B., werden hier in der bekannten Reihe vorgelegt.

    G. S.


  392. Monique Zerner, Le cadastre, le pouvoir et la terre. Le Comtat Venaissin pontifical au début du XVe siècle (Collection de l'École française de Rome 174) Rome 1993, École française de Rome, VIII u. 700 S., ISBN 2-7283-0268-5. - Anhand einer minutiösen Auswertung von ca. 50 Grundbüchern aus der päpstlichen Grafschaft Venaissain, die auf Beschluß der Ständeversammlung 1414-1417 erstellt und bis 1440 geführt wurden, und anhand von Notariatsaufzeichnungen verdeutlicht die Vf. in der Überarbeitung einer bereits in den 80er Jahren abgefaßten Thèse nicht nur die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen in dem kleinen südfranzösischen Territorium zu Beginn des 15. Jh., sondern zeigt damit gleichzeitig, wie sich die vom Adel bestimmte Gesellschaft des Ancien Régime ausformt und durch den Übergang zu einem staatlichen Steuerwesen Strukturen der Moderne sichtbar werden.

    Isolde Schröder


  393. Proceedings of the Battle Conference 1990, edited by Marjorie Chibnall (Anglo-Norman Studies 13) Woodbridge 1991, Boydell and Brewer, 286 S., ISBN 0-85115-286-4, GBP 9,50. - Der Bd. enthält folgende Beiträge: Eleanor Searle, `Inter amicos': the abbey, town and early charters of Battle (Allen Brown Memorial Lecture) (S. 1-14), beschreibt ein ungewöhnlich friedliches Verhältnis zwischen dem klösterlichen Stadtherrn und den Bürgern der Kleinstadt Battle. - Lynn K. Barker, Ivo of Chartres and the Anglo-Norman cultural tradition (S. 15-33), weist auf vielfältige personelle und geistige Beziehungen zwischen Ivo und den führenden normannischen Geistlichen Englands und insbesondere auf Ivos Rolle bei der Einführung der Regularkanoniker in England hin. - Maylis Baylé, Réminiscences anglo-scandinaves dans la sculpture romane de Normandie (S. 35-48). - Mark Blackburn, Coinage and currency under Henry I: a review (S. 49-81), schlägt eine neue Chronologie für die insgesamt fünfzehn Münztypen Heinrichs vor und macht wahrscheinlich, daß nach 1125 die angelsächsische Praxis einer regelmäßigen Neuausgabe der Pfennige aufgegeben wurde. - Donald F. Fleming, Landholding by milites in Domesday Book: a revision (S. 83-98), argumentiert gegen S. Harvey, daß die milites im Domesday Book weder mit "the professional element in the knightly class" noch mit "the heavy cavalry that most historians have labelled knights" (S. 97) gleichgesetzt werden können. - John Gillingham, The context and purposes of Geoffrey of Monmouth's History of the Kings of Britain (S. 99-118), sieht Geoffreys Werk als Reaktion sowohl gegen die Tendenz seiner Zeitgenossen, die Waliser als Barbaren zu betrachten, um die moralische und intellektuelle Rechtfertigung des werdenden englischen Imperialismus zu liefern, wie auch auf die Nachrichten von der erfolgreichen walisischen Rebellion 1136-1137. - Brian Golding, Robert of Mortain (S. 119-144), bringt eine kurze Biographie des 1095 verstorbenen, trotz seines massiven Besitzes und politischen Einflusses von modernen Historikern eher vernachlässigten Magnaten, der der Halbbruder des Eroberers war. - Aryeh Graboïs, The description of Jerusalem by William of Malmesbury: a mirror of the Holy Land's presence in the Anglo-Norman mind (S. 145-156). - K. S. B. Keats-Rohan, William I and the Breton contingent in the non-Norman conquest 1060-1087 (S. 157-172), analysiert die politische Haltung des bretonischen Elements in der Gefolgschaft Wilhelms, das hauptsächlich aus einer landarmen Sippe und aus einer Gruppe von Adeligen bestand, die sich mit dem bretonischen Herzog in den Jahren vor 1066 überworfen hatten. - Simon Keynes, The æthelings in Normandy (S. 173-205), ist eine ausführliche und sorgfältige Abwägung der Quellen zur Geschichte der Söhne Aethelreds und Emmas während ihres Exils in der Normandie (1016-1036 bzw. 1042). K. schlägt vorsichtig eine Rehabilitierung einiger verdächtigten Urkunden vor und läßt die gängige Vorstellung einer Allianz zwischen Knut und Herzog Richard II. nach 1017 etwas zweifelhaft erscheinen. - C. P. Lewis, The early earls of Norman England (S. 207-223): Wilhelm habe nach 1066 den earl angelsächsischen Musters behalten wollen; erst in der Folge der Rebellionen der Jahre 1068-1075 sei der Inhalt des Titels verändert und ausgehöhlt worden. - Karl Leyser, The Anglo-Norman succession 1120-1125 (S. 225-241), macht wahrscheinlich, daß nach der Katastrophe des Weißen Schiffes 1120 Mathilde mit ihrem Gatten Heinrich V. von Heinrich I. als Nachfolgerin gesehen wurde, und weist in diesem Zusammenhang auf die Feldzüge Heinrichs V. in der Utrechter Gegend 1123 und gegen Frankreich 1124 hin: Beide sollten die Kommunikationslinien zwischen dem Reich und England sichern. - J. F. A. Mason, Barons and their officials in the later eleventh century (S. 243-262): Die größeren Magnaten hatten laut Domesday Book und anderen Quellen `Hofamtsträger': Hofmeister (steward), Konstabel, Mundschenk, gelegentlich auch Kellermeister, Jäger, Sheriff. - Kathleen Thompson, Robert of Bellême reconsidered (S. 263-286): ein reicher Magnat und sehr fähiger Krieger, der aber aus nicht mit letzter Sicherheit zu ermittelnden Gründen sich mit der Herrschaft Heinrichs I. nicht abfinden konnte.

    T. R.


  394. William J. Dohar, The Black Death and Pastoral Leadership. The Diocese of Hereford in the Fourteenth Century (Middle Ages Series) Philadelphia 1994, University of Pennsylvania Press, XVI u. 198 S., Karten, Tabellen, ISBN 0-8122-3262-3, USD 32,95. - Die meisten Versuche, die wirtschaftlichen, sozialen und religiös-sittlichen Folgen des Schwarzen Todes von 1348-1350 in einer bestimmten Region zu beschreiben, scheitern schon an der mißlichen Quellensituation oder am verfehlten Ansatz. Nur für einige Städte Italiens (und Spaniens) sowie für die englischen Bistümer dürften diesbezügliche Studien einige Aussicht auf Erfolg haben - aber auch nur dann, wenn sie den Untersuchungszeitraum wenigstens bis zum Ende des 14. Jh. ausdehnen und wenn sie die nur bedingt aussagekräftigen Quellen nicht überfordern. Wenige Beiträge zur Pestgeschichte dürften diese Voraussetzungen so gut erfüllen wie die vorliegende Fallstudie über das kleine, dünn besiedelte und relativ arme Bistum Hereford. D. stützt sich im wesentlichen auf die Register der Bischöfe von 1327 bis 1404 sowie auf die Visitationsprotokolle von 1397. Nach einem nützlichen Überblick über die Bistums- und Gemeindeorganisation, die Seelsorge und die Beteiligung von Laien am kirchlichen Leben ermittelt er zunächst die Zahl der Priester, die dem großen Sterben vom Frühjahr bis Herbst 1349 vermutlich zum Opfer fielen. Gegen 40 % des Pfründklerus dürfte damals gestorben sein. Weitere sechs Pestausbrüche in den folgenden Jahrzehnten verschlimmerten die Situation. Wie sich dieser personelle Aderlaß auswirkte, das versucht D. zu klären, indem er die bischöflichen Gegenmaßnahmen analysiert: die Rekrutierung von Geistlichen und die näheren Umstände der Stellenbesetzung, die zahlreichen Priesterweihen, die Visitationen, die Ernennung von zusätzlichen Beichtvätern und Predigern, die Freistellung von Klerikern für das Weiterstudium sowie Einzelaktionen wie etwa die Translation der Gebeine des Amtsvorgängers Thomas de Cantilupe. Das Ergebnis ist nicht so ohne weiteres auf einen Nenner zu bringen. Einerseits haben sich die kirchlichen Strukturen in dieser Krisenzeit erstaunlich stabil erwiesen, und durchweg tüchtige Bischöfe haben im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten getan, was sie konnten. Andererseits hat das verminderte Angebot an Klerikernachwuchs verbunden mit anderen Faktoren unzweifelhaft die Seelsorge erschwert. Darauf deuten jahrelange Streitigkeiten um das Begräbnisrecht, die schließlich vom Papst entschieden werden mußten (S. 82 ff.), ferner die geminderten Ausbildungschancen des Klerus an Schulen und Universitäten, die Verantwortung der Pfarrer für immer mehr Aufgabenfelder, die Aufwertung des Amtes des Custos sowie antiklerikale Stimmen unter den Gläubigen. Gleichwohl wird man wohl kaum von einem generellen Niedergang des Klerus im Bistum Hereford sprechen können. Zur Vorsicht vor einem solchen Pauschalurteil mahnen nicht zuletzt die Visitationsprotokolle von 1397. Diese verzeichnen zwar manch interessante Einzelheit - z. B. die Beschwerden über Mädchen, die zum Dienst am Altar herangezogen wurden (S. 134) -, aber aufs Ganze gesehen bleibt die Skala und das Ausmaß der Mißstände im Rahmen dessen, was man bereits aus der Zeit vor dem Schwarzen Tod kennt.

    Heinrich Dormeier


  395. Ralph A. Griffiths, Conquerors and Conquered in Medieval Wales, Gloucester 1994, Alan Sutton, X u. 374 S., Abb., ISBN 0-7509-0515-8 bzw. 0-312-12119-9, GBP 39,95. - Diese Publikation vereinigt neunzehn in der Zeit zwischen 1963 und 1991 vom Autor verfaßte Beiträge, die erstmals zum Teil an - nicht nur für ein kontinentales Publikum - entlegener Stelle erschienen sind. Dabei geht es um die zwischen dem späten 11. und dem frühen 16. Jh. entstandenen Strukturen, die das Zusammenleben der einheimischen Bevölkerung von Wales mit den anglo-normannischen Eroberern gewährleisten sollten, sowie um die zahlreichen Gewaltausbrüche, welche diesen Prozeß lange erschwerten. Zum Zeitpunkt ihres ersten Erscheinens waren einige dieser Beiträge bahnbrechend, da sie neues Quellenmaterial und dementsprechend neue Forschungsergebnisse boten. Aufgrund der strengen thematischen Kohärenz erweist sich der Bd. als Einheit, wie dies selten bei gesammelten Aufsätzen der Fall ist. Die Beiträge wurden für den Nachdruck nicht überarbeitet, allerdings sind kleinere Versehen, Irrtümer und Druckfehler beseitigt sowie die entsprechenden Querverweise eingefügt. Besonders zu begrüßen ist die Entscheidung, den meisten Aufsätzen eine "historiographical note" beizugeben, die jeweils auf neuere bibliographische bzw. thematisch relevante Erkenntnisse hinweist.

    Katherine Walsh


  396. Jean W. Sedlar, East Central Europe in the Middle Ages, 1000-1500 (A History of East Central Europe 3) Seattle u. London 1994, University of Washington Press, XVI u. 556 S., ISBN 0-295-97290-4, USD 50. - Das auf 10 Bde. veranschlagte Unternehmen soll westliche Wissenslücken in der Geschichtskenntnis von "Ost-Zentraleuropa" schließen helfen. In 10 Kapiteln beschreibt die in Pittsburgh lehrende Vf. das "MA" (hier die Zeit von ca. 1000-ca. 1500; Bd. 2 soll die Anfänge von ca. 300-1000 beinhalten). "East Central Europe" deckt sich in dieser Reihe nicht mit dem in der deutschen und polnischen Wissenschaft etablierten "Ostmitteleuropa"; es steht für die Gebiete, die zwischen "eastern linguistic frontier of German and Italian-speaking peoples on the west, and the political borders of Russia/former USSR on the east" liegen. So werden also Ungarn und die Balkanländer (mit Griechenland) berücksichtigt, andererseits das Baltikum, Weißrußland und die Ukraine ausgeschlossen. - Die einzelnen Kapitel erörtern: die frühen Migrationen, Staatsgründungen und -formen, die sozialen Verhältnisse, aber auch Religionen und Kirchen, Heer- und Kriegswesen, Verwaltung, Recht und Justiz, Handel, Geldwesen, internationale Beziehungen, ethnische und nationale Fragen, Sprachen und Schrifttum, Bildung und Literatur. S. bemüht sich dabei um eine ausgewogene Darstellung, aber es bleiben bei der Größe des Themas natürlich Mängel (zu Polen vgl. etwa die Besprechung von Maria Bogucka, in: Przegl_d Historyczny 86 [1995] S. 93-96). In drei Anhängen sind die wichtigsten Ereignisse chronologisch aufgeführt, die erwähnten Herrscher sowie ein Ortsnamenverzeichnis beigegeben. Außerdem enthält das Werk ein Register und drei Karten.

    Jerzy Strzelczyk


  397. Harald Zimmermann, Die deutsche Südostsiedlung im Mittelalter, in: Deutsche Geschichte im Osten Europas. Land an der Donau, hg. von Günther Schödl, Berlin 1995, Siedler Verlag, ISBN 3-88680-210-8, S. 11-88, schildert die Geschichte des Deutschtums im ma. Ungarn und in dessen Nachbarländern (Moldau, Walachei, Serbien, Krain) seit Stephan d. Hl. († 1038) und besonders seit der Regierung König Geisas II. (1141-1162), unter besonderer Berücksichtigung der Hauptsiedlungsgebiete in der Zips und in Siebenbürgen sowie in den deutschrechtlichen Städten. Spezielles Augenmerk mußte auf die rechtliche Absicherung der Kolonisation und das Wirken des ius theutonicum gelenkt werden.

    Harald Zimmermann (Selbstanzeige)


  398. Paul Stephenson, Manuel I Comnenus and Geza II: A Revised Context and Chronology for Hungaro-Byzantine Relations, 1148-1155, Byzantinoslavica 55 (1994) S. 251-277, wendet sich gegen die lange vertretene These von einer anachronistischen Expansionspolitik Kaiser Manuels I. im Balkanbereich, die erstmals von Paul Magdalino (The Empire of Manuel I Komnenos, 1143-1180, Cambridge 1993) durchgreifend in Frage gestellt wurde, und versucht durch eine genaue Analyse der historischen Abläufe zu zeigen, daß während der Herrschaft Gezas II. die Beziehungen zwischen den beiden Reichen im wesentlichen stabil waren, einige kleinere Konfrontationen aber allein aus einer aggressiven Politik der Ungarn und nicht aus byzantinischem Eroberungsdrang zu erklären sind.

    Franz Tinnefeld


  399. Rudolf Hiestand, Nam qui fuimus Occidentales, nunc facti sumus Orientales. Siedlung und Siedleridentität in den Kreuzfahrerstaaten, in: Christof Dipper, Rudolf Hiestand (Hg.), Siedler-Identität. Neun Fallstudien von der Antike bis zur Gegenwart, Frankfurt am Main u. a. 1995, Peter Lang, ISBN 3-631-46720-6, S. 61-80, stellt in einer materialreichen Studie verbindende Elemente in der christlichen Gesellschaft des lateinischen Orients (vornehmlich im 12. Jh.) den Momenten der Desintegration, zumal nach 1187, gegenüber.

    R. S.


  400. Hans Eberhard Mayer, Herrschaft und Verwaltung im Kreuzfahrerkönigreich Jerusalem, HZ 261 (1995) S. 695-738, handelt, mit Betonung der Einschränkungen, von den Machtgrundlagen der Könige: von ihrer Kirchenhoheit, von den lehnrechtlichen Befugnissen gegenüber den Großen, von ihrem Einfluß auf Hof und Kanzlei sowie von den finanziellen Ressourcen. Als ganz wesentlich erweist sich die Unterscheidung zwischen der Krondomäne als Bereich eigentlicher Herrschaft und den fortschreitend verselbständigten Seigneurien.

    R. S.


  401. 7. Kultur- und Geistesgeschichte

  402. The Influence of the Classical World on Medieval Literature, Architecture, Music, and Culture. A Collection of Interdisciplinary Studies, edited by Fidel Fajardo-Acosta, Lewiston 1992, The Edwin Mellen Press, X u. 166 S., ISBN 0-7734-9188-0, USD 59,95. - Die hier veröffentlichten Beiträge sind das Ergebnis einer Konferenz "On Giants' Shoulders" (Januar 1992 in Boulder, Colorado), bei der auch die Riesen eher klein geraten waren: Oliver B. Ellsworth, The Theory of Johannes Ciconia and the Revision of the Medieval Curriculum (S. 1-8), sieht im 4. Buch der Nova musica des in Padua tätigen Kanonikers ( 1412) die originelle Absicht, Musik dem Quadrivium statt dem Trivium zuzuordnen. - Fidel Fajardo-Acosta, Beowulf and the Aeneid: The Role of the Poet in the Courtly Heroic Society (S. 9-26) weist auf Parallelen hin, wonach die Dichter beider Werke in ihren "militaristischen" und "imperialistischen" Umgebungen gezwungen gewesen seien, Gesellschaftskritik unter einem Schleier von poetischem Dunkel und von Mehrdeutigkeit zu verbergen. - Julia Bolton Holloway, Slaves and Princes: Terence through Time (S. 34-53), zeichnet das wenig überzeugende Bild eines MA, in dem die Benediktsregel unterschiedslos heidnische wie christliche Lektüre vorschreibt und macht aus Abbo von Fleury "the Abbot of Fleury", vermutlich eine zum Eigennamen gewordene Berufsbezeichnung wie "der Glöckner von Notre Dame". - Tadeusz Maslowski, Cicero's Pro Caelio: The First Collation of the Vetus Cluniacensis (S. 66-90), hebt sich durch Quellennähe und Materialfülle wohltuend von der Umgebung des Bändchens ab. - John L. Murphy, Terence, Hroswitha, Bishop Godehard and St. Nicholas' Plays (S. 91-104), betont die Haltlosigkeit der Kritik von Chr. Hohler (Medium Aevum 36, 1967) an den Erkenntnissen von Ch. W. Jones zur Entstehung des ma. Dramas und macht zu Unrecht aus der Kanonisse Hrotsvith "a nun in the Benedictine convent".

    G. S.


  403. Marco Mostert, What happened to literacy in the Middle Ages? Scriptural evidence for the history of the western literate mentality, Tijdschrift voor Geschiedenis 108 (1995) S. 323-334, versteht die im 12. Jh. vorkommenden Versuche, geschriebene Informationen besser verfügbar zu machen, als Folge einer Mentalitätsänderung, eine These, deren Stichhaltigkeit erst noch näher untersucht werden muß.

    D. J.


  404. Horst Wenzel, Hören und Sehen. Schrift und Bild. Kultur und Gedächtnis im Mittelalter, München 1995, C. H. Beck, 626 S., 59 Abb., 14 Farbtafeln, ISBN 3-406-38988-0, DEM 98. - Das Buch entfaltet seine komplexe Thematik in vier zentralen Kapiteln (III-VI). Sie erörtern die für das MA als spezifisch hingestellte und als kontrastiv gegenüber späteren Epochen verstandene körperliche Materialität und wahrnehmungshafte Sinnlichkeit von kommunikativen Vorgängen und ihrer gedächtnismäßigen Bewahrung (memoria) in den Bereichen der Liturgie (III) und der höfischen Erziehung (IV), bei der materialisierenden und personifizierenden Versinnlichung von Buch und Schrift (V) und mit Blick auf Phänomene der wechselseitigen Durchdringung von Text und Bild (VI). Als paradigmatische Bereiche des geistigen Lebens werden vor allem die Theologie, das Recht und die höfischen Literaturen der ma. Volkssprachen, besonders des Deutschen untersucht. Die Schlußkapitel des Buches münden in den Entwurf einer "Poetik der Visualität" ma. Literatur (VII) und in eine Darstellung der sprachlichen Tropen (Metapher, Personifikation, Allegorie/Allegorese) als "Bilder, die im Ohr entstehen" (VIII). All dies wird mit großem, manchmal übergroßem und zur Umständlichkeit neigendem Scharfsinn und nicht selten mit allzu pretiösen Formulierungskünsten erörtert. Es wird mit sehr mannigfaltigen und extensiven literarischen Quellenzitaten in Original und Übersetzung demonstriert, die etwa ein Drittel des Buchumfangs ausmachen und den enormen Kenntnishorizont des Vf. aufscheinen lassen. Hinzu kommt ein reiches, qualitätvoll präsentiertes Abbildungsmaterial nach vielfältigen ma. Bildquellen. Grundsätzliche Zweifel habe ich - nicht nur aus Anlaß dieses Buches - bei einer mir einseitig und übersteigert erscheinenden Betonung einer totalen und pauschalen Andersartigkeit ma. Kulturen und ihrer Kommunikationsformen gegenüber denen der Moderne und in diesem Zusammenhang auch hinsichtlich einer generalisierenden Überschätzung des für alle Zeiten je nach Kommunikationssituation näher zu differenzierenden Gegensatzes von Mündlichkeit und Schriftlichkeit.

    Ernst Hellgardt


  405. Hans Martin Klinkenberg, Homo faber mentalis. Über den Zusammenhang von Technik, Kunst, Organisation und Wissenschaft (Beihefte zum AKG 37) Köln u. a. 1995, Böhlau, XXIV u. 812 S., ISBN 3-412-10694-1, DEM 148. - Vom vielseitigen und dabei sehr persönlich geprägten Inhalt dieses Buches ist im begrenzten Rahmen einer Anzeige kaum eine angemessene Vorstellung zu vermitteln. Der Vf., viele Jahre Ordinarius für ma. Geschichte an einer Technischen Hochschule, geht im denkbar weitesten Sinne auf die mentalen Entstehungsbedingungen von moderner Naturwissenschaft und Technik ein. Im Zentrum steht die überzeugende Darlegung des 5. Kapitels, wonach die Vorstellung von einer rational funktionierenden und demgemäß rational zu begreifenden "Natur" einen faßbaren geschichtlichen Ursprung hat, der in der Entwicklung der Schöpfungstheologie des 12. Jh. liegt. Zu den nachhaltigen Folgen für die Spezifik der abendländischen Geistesgeschichte gehört bereits die im 6. Kapitel beschriebene Differenzierung des Spektrums der wissenschaftlichen Disziplinen im Hoch-MA, die auch einen neuen Zuschnitt der "Physik" nach sich zog. Diesem Kernteil des Buches vorgeschaltet sind in den ersten vier Kapiteln ebenso weitgreifende wie grundsätzliche Erörterungen über die erkenntnistheoretischen und ideengeschichtlichen Voraussetzungen der gewählten Betrachtungsweise, vor allem über die lange und facettenreiche Tradition der Reflexion über geistige Arbeit. Den vom Hoch-MA ausgegangenen Wandlungen im wissenschaftlichen Denken stellt K. dann vom 7. Kapitel an die fundamentalen Umbrüche gegenüber, die das 20. Jh. im Selbstverständnis ganz verschiedener Disziplinen mit sich brachte. Dies führt ihn zu allgemeinen und vergleichenden Erwägungen über "Grundzüge aller Gestaltung" - mit dem Ziel, eine isolierte Kategorie des bloß Technischen zu überwinden -, ferner über die konkrete Kulturgebundenheit sowohl der Voraussetzungen wie des Erfolgs neuer Einsichten und Verfahren und schließlich auch über die Eigenart der qualitativen Veränderungen, die in der "Dekonstruktion" zuvor geläufiger Theoreme bestehen. Das Buch schließt mit einem Ausblick auf analoge historisch-kulturelle Bedingtheiten von Moral und Religiosität. In seiner historischen Grundperspektive, in sorgsamen Interpretationen ausgewählter Quellen und in der Wahl vieler Beispiele schlägt sich die fachliche Herkunft des Vf. nieder, doch reicht das Anliegen des Werkes weit über mediävistische Detailforschung hinaus und ist philosophisch-kulturtheoretischer Art, indem es verstehen lehren will, seit wann und warum gerade in der lateinisch-christlichen Tradition bestimmte für den technischen "Fortschritt" der Moderne förderliche Veränderungen des Weltverständnisses eintraten, denen sich diese Moderne durchweg gar nicht mehr bewußt ist, und was daraus für die Phänomenologie menschlichen Gestaltens abgeleitet werden kann. Die formale Anlage ist abwechslungsreich; neben strikt analysierenden und deduzierenden Partien begegnen Quellenübersetzungen und Literaturreferate, aber auch erzählende Abschnitte eher im Vorlesungsstil, Autobiographisches und mancherlei Exkurse, die einen weiten Bildungshorizont einbeziehen. Bedauerlich ist, daß keinerlei Register die gebotene Fülle der Materialien und Gedanken erschließt.

    R. S.


  406. Patrick J. Geary, Living with the Dead in the Middle Ages, Ithaka, N.Y. 1994, Cornell University Press, VIII u. 273 S., 2 Abb., ISBN 0-8014-2856-4, USD 54,95. - Der Bd. enthält 12 Beiträge des im deutschsprachigen Raum vor allem durch sein Werk "Furta sacra" bekanntgewordenen Autors (1978, vgl. DA 36, 329 f.). 11 davon sind zwischen 1979 und 1988 erschienen, einer befindet sich noch anderweitig in Druck - dies ist eine neue Spielart des Sammelband(un)wesens: Der "Nachdruck" überholt den "Erstdruck".

    M. S.


  407. Trauer, Verzweiflung und Anfechtung. Selbstmord und Selbstmordversuche in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gesellschaften. Hg. von Gabriela Signori (Forum Psychohistorie 3) Tübingen 1994, Edition diskord, 366 S., ISBN 3-89295-581-6, DEM 68. - Die Beiträge dieses Sammelbandes wollen den Selbstmord vom Standpunkt der Sozialgeschichte aus betrachten und damit "festgefahrene Geschichtsbilder" revidieren (so Editorials S. 7). - Gabriela Signori, Rechtskonstruktion und religiöse Fiktionen. Bemerkungen zur Selbstmordfrage im Mittelalter (S. 9-54), geht aus von dem dokumentierten Selbstmord des Händlers Philippe Testard im Jahre 1277. Vor dem Parlament von Paris bewiesen seine Erben mit den verschiedenartigsten Argumenten die geistige Unzurechnungsfähigkeit des fast Hundertjährigen, so daß der Vogt von Paris den Leichnam Philipps und dessen Güter den Klägern zurückgeben mußte. In diesem und anderen Fällen (des 15. Jh.) bleiben freilich die Beweggründe des Selbstmörders meist im Dunkeln. Den Angehörigen ging es vor allem darum, die von Kirche und Obrigkeit verhängten Rechtsfolgen der bewußten Selbsttötung (Güterkonfiskation, Verbot des kirchlichen Begräbnisses, rituelle Bestrafung des Leichnams) zu umgehen. - Nicole Zeddies, Verwirrte oder Verbrecher? Die Beurteilung des Selbstmordes von der Spätantike bis zum 9. Jh. (S. 55-90): Im Gegensatz zum antiken Denken vertrat das Christentum schon früh die Auffassung, daß niemand über sein Leben verfügen dürfe. Seit dem 6. Jh. häufen sich auch die von Konzilien, Synoden und Bußbüchern ausgesprochenen Sanktionen gegen Selbstmörder, wobei die Tat freilich oft verschieden streng beurteilt wurde. - Christine Jäger, Lucretia - Der Tod einer Tugendheldin? Zu den Selbstmorddarstellungen in der Sächsischen Weltchronik (S. 91-112, 10 Abb.), analysiert die Selbstmorddarstellungen, die neben Lucretia auch noch andere antike Selbstmörder abbilden und kommentieren, und zeigt, daß auch hier unterschiedliche Stellungnahmen erkennbar sind. - Gabriela Signori, Aggression und Selbstzerstörung. "Geistestötungen" und Selbstmordversuche im Spannungsfeld spätmittelalterlicher Geschlechterstereotypen (S. 113-151), wertet rund 170 Wundergeschichten aus, in denen Selbstmordversuche (fast nur von Frauen) berichtet werden, und kommt zu dem Ergebnis, daß die Chronisten dazu neigen, die Vorfälle mit Wahnsinn oder Besessenheit infolge häuslicher oder familiärer Probleme zu entschuldigen. - Die restlichen sechs Beiträge betreffen die frühe Neuzeit. Dem Bd. ist eine ausführliche Bibliographie (S. 341-363) beigegeben.

    M. S.


  408. Massimo Montanari, Der Hunger und der Überfluß. Kulturgeschichte der Ernährung in Europa, München 1993, C. H. Beck, 251 S., ISBN 3-406-37702-5, DEM 48. - Mit der deutschen Übersetzung des ursprünglich italienischen Buches hat der ausgewiesene Kenner speziell der italienischen Ernährungsgeschichte (vgl. zuletzt DA 47, 790) eine überarbeitete und erweiterte Fassung früherer Einzelstudien vorgelegt. Er zeichnet ein sehr anschauliches und lebendiges Bild von den Eßgewohnheiten vergangener Zeiten mit Einbeziehung der Spätantike und der Neuzeit. Die allgemeinen Grundtendenzen sind bekannt, sei es die monastische "Protestbewegung" der Askese und des Fastens, sei es die spätma. und neuzeitliche Völlerei mit teuren, exotischen Speisen als Standesmerkmal, sei es der größere Fleischkonsum wohlhabender Schichten seit dem Spät-MA. Jedenfalls werden aus unterhaltsamen Einzelbeschreibungen allgemeine Grundtendenzen der jeweiligen gesellschaftlichen Gruppe in ihrem soziohistorischen Kontext zusammengetragen. Doch es ist nicht nur legitim, sondern auch notwendig, die Polemik des Vf. aufzugreifen: Wenn schon der Begriff des MA abgelehnt wird (S. 10), darf man dann für sich in Anspruch nehmen, allgemeine Schlüsse aus der konstruierten Summe vieler oftmals extremer Einzelbeispiele zu ziehen? Neueste archäologische Untersuchungen z. B. zum Bodenseeraum machen deutlich, daß es selbst in nahe beieinanderliegenden Siedlungen lokal und sozial unterschiedliche Ernährungsformen gab (vgl. Bernd Herrmann - Holger Schutkowski, Das Skelett als Spiegel früherer Lebensumstände. Erkenntnisse der historischen Anthropologie, in: Mitteilungen der DFG 4 [1995] S. 24-26). Dennoch: Ein sehr informatives und unterhaltsames Buch auf hohem Niveau.

    C. L.


  409. Fred Kaspar, Vom Typenhaus zum Haustyp. Phasen bürgerlichen Lebens in Nordwestdeutschland zwischen Mittelalter und Neuzeit im Spiegel des Hausbaus, Westfalen 72 (1994) S. 260-287, plädiert eindrucksvoll und überzeugend für eine Hausforschung, die als Ergänzung zur reinen Bauforschung zeigen will, "in welcher Weise bauhistorische Untersuchungen verschiedenen Fragestellungen für die Erkenntnis der Entwicklung sozialer Strukturen in der Vergangenheit zu Nutzen gemacht werden oder auch nur in einem solchen Kontext sinnvoll behandelt werden können" (S. 261). Der Wandel im Hausbau spiegelt so Änderungen im "Lebensvollzug" (S. 260). Dazu gehört auch die Frage, "wie und in welchem Maße versucht wurde, Gebäude als Zeichen persönlicher Darstellung zu nutzen" (S. 261).

    Goswin Spreckelmeyer


  410. Hartmut Boockmann, Der Alltag eines spätmittelalterlichen Herrschers, Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 45 (1994) S. 667-679, ist ein mit Belegen versehenes Kapitel aus dem sich an ein breiteres Publikum wendenden Buch "Fürsten, Bürger, Edelleute. Lebensbilder aus dem späteren Mittelalter" (1994), das anhand des "Marienburger Tresslerbuches" dem Alltagsleben des Hochmeisters des Deutschen Ordens nachgeht.

    G. Sch.


  411. Peter Dinzelbacher, Christliche Mystik im Abendland. Ihre Geschichte von den Anfängen bis zum Ende des Mittelalters, Paderborn 1994, Ferdinand Schöningh, 463 S., ISBN 3-506-72016-3, DEM 78. - Von den vielen in den letzten Jahren erschienenen Geschichten der Mystik will diese Darstellung Abstand nehmen. "Es geht uns hier nämlich in erster Linie um eine Geschichte mystischen Erlebens und erst in zweiter Linie um eine Geschichte der Reflexion über Mystik" (S. 19). Die verschiedenen Formen ma. "Erlebnismystik" im Sinne von "auf Erfahrung gegründete Gotteserkenntnis" (S. 9) sollen als "mentalitätshistorisches Phänomen" erfaßt und im Unterschied zu den anderen Darstellungen "durch die stärkere Berücksichtigung des jeweiligen geschichtlichen Umfeldes" behandelt werden (S. 15). Nach diesen Leitprinzipien hat der Vf. ein informatives und meistens zuverlässiges Werk geschrieben, welches das Leben, das Werk und vor allem die Erfahrungen der vielen ma. MystikerInnen (so der Vf.) in chronologischer Reihenfolge schildert. Der Akzent liegt auf "spektakulären seelischen Ereignissen", etwa "Offenbarungen und Süßeempfindungen, himmlischen Auditionen, Erscheinungen Christi, Mariae, Heiliger und Engel, Traumgesichten, Televisionen (sic) und Ekstasen" (S. 128), wobei die entsprechenden Quellen immer als Zeugnisse persönlicher Erlebnisse verstanden werden. Der Frage nach einem möglichen Einfluß literarischer Modelle auf dieses Schrifttum mißt der Vf. keine wesentliche Bedeutung bei und betrachtet z. B. die Vita Heinrich Seuses als eine höchst zuverlässige Basis für die Rekonstruktion seiner Biographie (S. 295-311). Wenn "das experimentelle (sic) mystische Element zurücktritt" (S. 311), verliert der Vf. sein Interesse: bei Plotin, Eriugena, Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Eckhart und Cusanus stößt der Leser nur auf Gemeinplätze, während die farbigen und schönen Schilderungen der Mystikerinnenviten immer aus erster Hand gezeichnet sind.

    Loris Sturlese


  412. Heinz-Dieter Heimann, Antichristvorstellungen im Wandel der mittelalterlichen Gesellschaft. Zum Umgang mit einer Angst- und Hoffnungssignatur zwischen theologischer Formalisierung und beginnender politischer Propaganda, Zs. für Religions- und Geistesgeschichte 47 (1995) S. 99-113, referiert und kommentiert neuere Forschungen über die Zeit von Adso von Montier-en-Der bis zum Ende des MA und betont die "multifunktionale Qualität des Feindbildes", das der Antichrist abgab.

    R. S.


  413. Jürgen Lutz, Zur Struktur der Staatslehre des Marsilius von Padua im ersten Teil des Defensor pacis, ZHF 22 (1995) S. 371-386, betont die auf das Individuum (nicht auf das aristotelische zoon politikon) ausgerichtete Anthropologie des Marsilius: Staatliche Gemeinschaft ist für das Individuum allein zum Überleben notwendig und zu dem erstrebten bene vivere. Die Politik ist deshalb kein Bereich der Ethik, die lex wird aus den älteren metaphysischen und theologischen Zusammenhängen herausgelöst. Das Papsttum erscheint als Störer einer überlebenswichtigen Ordnung, in der sich Individuen organisiert haben.

    E.-D. H.


  414. Maarten J. F. M. Hoenen, Marsilius of Inghen. Divine knowledge in the late medieval thought (Studies in the history of Christian thought 50) Leiden 1993, E. J. Brill, XII u. 287 S., ISBN 90-04-09563-2, NLG 125. - Diese sehr informative philosophiehistorische Untersuchung zeigt die Verflechtung der theologischen, logischen, metaphysischen und ethischen Motive, die im Spät-MA in die Frage nach der Art und Weise der göttlichen Erkenntnis zusammenflossen. Analysiert wird die Entwicklung der Frage im Zeitraum 1250-1400, und zwar in bezug auf vier Grundthemen: das Wissen als Attribut Gottes (Kap. 3), die Kenntnis von den Kreaturen (Kap. 4), die Ideen Gottes (Kap. 5) und das göttliche Vorherwissen (Kap. 6-7). Das Hauptinteresse des Vf. gilt der historischen und systematischen Rekonstruktion der diesbezüglichen Lehre des Marsilius, von dem auch eine Biographie und ein geistesgeschichtliches Profil geboten werden (Kap. 11). Die Entwicklungsetappen der vier erwähnten Grundthemen werden vor allem anhand der einschlägigen Texte von Thomas von Aquin, Duns Scotus, Wilhelm von Ockham und Gregor von Rimini überzeugend rekonstruiert.

    Loris Sturlese


  415. Arno Mentzel-Reuters, "Notanda reliquit doctor Martinus Plantsch". Leben und Werk eines Tübinger Theologen (ca. 1460-1533), in: Bausteine zur Tübinger Universitätsgeschichte. Folge 7, hg. von Volker Schäfer, Tübingen 1995, Universitätsarchiv Tübingen, keine ISBN, S. 7-44. - Der Beitrag ergänzt gegenüber der richtungsweisenden, aber heuristisch nicht immer gesicherten Studie von Heiko A. Oberman, Spätscholastik und Reformation Bd. 1, Tübingen 1977, durch Hss.-Funde in der Tübinger Universitätsbibl. und durch Material des Tübinger Universitätsarchivs das Bild von der Frühgeschichte der 1477 gegründeten württembergischen Landesuniversität für die Zeit nach dem Tode Gabriel Biels (1495). Die hier erstmals vorgestellte dreibändige Sammlung von Plantschs Sonntagspredigten enthält u. a. das Autograph des 1507 gedruckten Hexentraktats (UB Tübingen, Mc 193, fol. 232r-237v) und einige Opuscula, die offenkundig von Antoninus Florentinus beeinflußt sind. In der Zusammenstellung mit dem reichlich erhaltenen Archivmaterial ergibt sich das repräsentative Bild eines Vertreters des späten Nominalismus, der in unmittelbarer politischer Verantwortung gegenüber der habsburgischen Administration stand, da er als Tübinger Stadtpfarrer qua Amt geistlicher Oberaufseher der Universität war, und der sich nach der Amtsniederlegung mit der planerischen Gestaltung des von ihm eingerichteten Stipendiums für mittellose Studenten (dem sogenannten Martinianum) befaßte, das bis ins 20. Jh. bestehen blieb und dessen auf Plantsch zurückgehende Bibliothek zu einer der wichtigsten Provenienzen der Tübinger Universitätsbibl. wurde. - Der Sammelband bringt ergänzend eine Miszelle von Gudrun Emberger-Wandel, Überlegungen zu Siegel und Grabmal von Martin Plantsch (S. 45-50).

    M.-R. (Selbstanzeige)


  416. Micrologus 2: Le scienze alla corte di Federico II. Sciences at the Court of Frederick II, Turnhout 1994, Brepols, 244 S., 6 Taf., keine ISBN, BEF 1800. - Der 2. Bd. dieser neuen Reihe (vgl. DA 51, 222 f.) enthält folgende Beiträge: Michael McVaugh, Medical Knowledge at the Time of Frederick II (S. 3-17): Die fast nur rezeptive medizinische Literatur dieser Zeit ist, wie der Vf. an fünf Kommentatoren zeigt, nicht von Galen, sondern vom Canon medicinae des Avicenna geprägt. - Danielle Jacquart, La physiognomie à l'époque de Frédéric II: le traité de Michel Scot (S. 19-37): Michael Scotus hat in den physiognomischen Teilen seines Friedrich II. gewidmeten Liber phisionomie teilweise aus arabischen Quellen geschöpft. Eigenständig ist er im 1. Teil, der die Zeugung und deren astrologisch wichtigen Zeitpunkt behandelt. - David Pingree, Learned Magic in the Time of Frederick II (S. 39-56), zeigt, daß die in der Hs. Florenz, Bibl. Naz. Centrale II-III-214 überlieferten Traktate über Magie Michael Scotus und auch Albertus Magnus bekannt gewesen sein müssen. - Stefano Caroti, L'astrologia nell'età di Federico II (S. 57-73), äußert sich mehr allgemein über Inhalt und Tendenz des Liber introductorius des Michael Scotus, der die Himmelskörper nicht als Ursache der irdischen Ereignisse, sondern als Instrumente des göttlichen Willens betrachtete. - Patrick Gautier Dalché, Les savoirs géographiques en Méditerranée chrétienne (XIIIe s.) (S. 75-99), schildert die Erweiterung der geographischen Kenntnisse über den Mittelmeerraum, sichtbar an den neuen Klimakarten, nautischen Karten und Portulanen, gefördert durch die Kreuzzüge und die praktischen Erfahrungen von Reisenden, Seefahrern und Kaufleuten. - Charles Burnett, Michael Scot and the Transmission of Scientific Culture from Toledo to Bologna via the Court of Frederick II Hohenstaufen (S. 101-126): Der am Kaiserhof entstandene Liber introductorius benutzt vielfach toletanische Übersetzungen arabischer Traktate und ist vermutlich erst um 1280 in Bologna in seine endgültige Form gebracht worden. - Steven J. Williams, The Early Circulation of the Pseudo-Aristotelian Secret of Secrets in the West: the Papal and Imperial Courts (S. 127-144): Die älteste vollständige Übersetzung des arabischen Fürstenspiegels ist wahrscheinlich um 1230 etwa gleichzeitig in den Besitz Gregors IX. und Friedrichs II. gelangt. - Roshdi Rashed, Fibonacci et les mathématiques arabes (S. 145-160): Der mit Friedrich II. persönlich bekannte Leonardo Fibonacci gilt als größter Mathematiker des christlichen MA. Der des Arabischen kundige Pisaner hat jedoch nur arabische Mathematiker des 9. und 10. Jh. ausgeschrieben; seine Bedeutung liegt darin, daß er deren Wissen dem Abendland vermittelt hat. - Dorothea Walz, Das Falkenbuch Friedrichs II. (S. 161-184, 14 Abb.), ist eine gut lesbare Zusammenfassung des Bekannten. - Jean-Louis Gaulin, Giordano Ruffo e l'art vétérinaire (S. 185-198): Die im Dienst Friedrichs II. entstandene Pferdeheilkunde des Stallmeisters Jordanus Ruffus de Calabria ist das älteste, bedeutendste und erfolgreichste Werk seiner Gattung im MA. Der Vf. würdigt es als originales, für die Praxis geschriebenes Buch, das allerdings nur das Pferd des Ritters behandelt. - Piero Morpurgo, Federico II e la scuola di Salerno: filosofia della natura e politica scolastica della corte sveva (S. 199-214): Die am Hofe Friedrichs II. gepflegte Naturphilosophie konnte sich nicht von den Fesseln der ma. Theologie befreien und war ein Rückschritt gegenüber dem, was in Salerno bereits im 12. Jh. gelehrt wurde. Diese Erkenntnis ist freilich nicht neu, und da der Vf. auf Anmerkungen verzichtet - die knappe Bibliographie im Anhang ist völlig unzureichend - ist sein Beitrag für den kritischen Leser wertlos. - Der Inhalt des Bandes ist erschlossen durch Indices der Namen, Sachen, Wörter und Hss.

    M. S.


  417. Philosophy and learning. Universities in the middle ages. Ed. by Maarten J. F. M. Hoenen, J. H. Josef Schneider, Georg Wieland (Educations and Society in the Middle Ages and Renaissance 6) Leiden 1995, Brill, VIII u. 435 S., ISBN 90-04-10212-4. - Gewöhnlich bleibt die Universitätsgeschichte als Arbeitsfeld den Historikern überlassen. In dem vorliegenden Bd. aber wenden sich ihr vorwiegend Philosophen oder Philosophiehistoriker zu. Betrachtet werden der Rationalisierungsprozeß des hohen MA im Spiegel universitärer Organisation, die Wechselbeziehungen zwischen universitärem Literalisierungs- und Institutionalisierungsprozeß sowie die Differenzierung der Schulen als ein intellektueller und institutioneller Vorgang zugleich. - Wolfgang Kluxen, Institution und Ideengeschichte. Zur geschichtlichen Bedeutung der mittelalterlichen Universität (S. 3-16). - Georg Wieland, Der Mendikantenstreit und die Grenzen von Theologie und Philosophie (S. 17-28). - Alain De Liberat, Albert le Grand et la mystique allemande (S. 29-42). - Michael H. Shank, University and Church in Late Medieval Vienna: Modi dicendi et operandi, 1388-1421 (S. 43-59). - Jacob Hans Josef Schneider, Wissenschaftseinteilung und institutionelle Folgen (S. 63-121). - Mechthild Dreyer, Die literarische Gattung der Theoremata als Residuum einer Wissenschaft more geometrico (S. 123-135). - Claude Lafleur, Les `guides de l'étudiant' de la Faculté des arts de l'Université de Paris au XIIIe siècle (S. 137-199). - Olga Weijers, Les règles d'examen dans les universités médiévales (S. 201-223). - Erich Meuthen, Bursen und Artesfakultät der alten Kölner Universität (S. 225-245). - Ludger Honnefelder, Scotus und der Scotismus. Ein Beitrag zur Bedeutung der Schulbildung in der mittelalterlichen Philosophie (S. 249-262). - William J. Courtenay, Was there an Ockhamist School? (S. 263-292). - Zénon Kaluza, La crise des années 1474-1482: L'interdiction du Nominalisme par Louis XI. (S. 293-327). - Maarten J. F. M. Hoenen, Late Medieval Schools of Thought in the Mirror of University Textbooks. The Promptuarium argumentorum (Cologne 1492) (S. 329-369). - Zdzislaw Kuksewicz, Der lateinische Averroismus im Mittelalter und in der Früh-Renaissance (S. 371-386). - Umfangreiche Bibliographie, Hss.- und Namenregister beschließen den Band.

    Johannes Fried


  418. Jacques Paquet, Les matricules universitaires (Typologie des sources du moyen âge occidental 65) Turnhout 1992, Brepols, 149 S., ISBN 2-503-36065-3, BEF 1350. - Obwohl er immer wieder das Material gelichtet hat, stellt der Autor mit Bedauern fest: "le temps m`a manqué pour être plus bref". Herausgekommen ist jedenfalls eine gelehrte und akribische Darstellung, die trotz gelegentlicher Abweichungen von einer reinen Typologie dankbar zu begrüßen ist. So wird z. B. im 1. Kapitel ("Le genre") ein Abschnitt "Sources substitutives" (S. 24-35) eingeschaltet, in dem alle ergänzenden Quellen für den Fall aufgezählt werden, daß die Matrikel zu wenig hergeben. In einem zweiten Kapitel werden die Anfänge und die weitere Entwicklung der Matrikel geschildert. Daran anschließend diskutiert P. eine Reihe von problematischen Fragen, die bei der Beschäftigung mit der Quelle auftreten können (Verfasser, Zuverlässigkeit der Angaben, Identität der Immatrikulierten u. a. m.). Im folgenden Kapitel werden in alphabetischer Reihenfolge die Editionen der vor dem Jahr 1510 einsetzenden Matrikel für die einzelnen Universitäten aufgelistet. Abschließend weist der Autor auf die zahlreichen Aspekte hin, unter denen das Material ausgewertet werden kann.

    A. G.


  419. Stadt und Universität. Hg. von Heinz Duchhardt (Städteforschung, Reihe A: Darstellungen 33) Köln u. a. 1993, Böhlau, XIII u. 220 S., Abb., ISBN 3-412-12793-0, DEM 68. - Von den zehn Beiträgen des 24. Frühjahrskolloquiums des Instituts für Vergleichende Stadtgeschichte von 1993 sind hier anzuzeigen: Götz-Rüdiger Tewes, Stadt und Bursen: das Beispiel Köln (S. 1-11): In Bursen mußte der Student für Kost und Logis zahlen, anders im unentgeltlichen Kollegium. Dieses wies eine dauerhaftere Natur auf; Bursen sollten durch Kauf von Häusern, einer geregelten Abfolge von Regenten, die Bindung an eine wissenschaftliche Doktrin in ihrer Existenz gesichert werden. - Frank Rexroth, Städtisches Bürgertum und landesherrliche Universitätsstiftung in Wien und Freiburg (S. 13-31), fragt nach der "Perzeption der Universität durch ihre Außenwelt, dem Nebeneinander von universitären und städtischen Bürgern". Durch herrscherliche Privilegierung ergab sich ein Vorrang der Wiener Universität gegenüber der Stephansschule, weswegen sich Stadt und Universität gegenübertraten. Die Gründungsurkunde für Freiburg stammt von einer Art "Gründungsrektor". Als das Universitätsrecht zu scheitern drohte, nahmen sich die Freiburger Bürger der Universität an. So konnte die Hochschule 1460 eröffnet und in den städtischen Alltag einbezogen, als Institution aber abgehoben werden. - Klaus Wriedt, Studienförderung und Studienstiftung in norddeutschen Städten (14.-16. Jahrhundert) (S. 33-49), hebt heraus, wie mit den Hochschulgründungen des 15. Jh. die Zahl der Studenten und damit der Bedarf an Studienfinanzierung anstieg. Köln bezahlte die Professoren direkt, die dafür der Kommune als Berater zur Verfügung standen. Daneben gab es seit der Mitte des 14. Jh. Studienstiftungen des Bürgertums, häufig als Altarstiftung, mit der Tendenz zur Förderung von Familienangehörigen. - Michael Kiene, Der italienische Universitätspalast vom 14. bis 18. Jahrhundert als Mittel der Politik (S. 51-82), legt dar, daß in England und Frankreich die Kollegien-, in Italien aber die Unterrichtsgebäude architektonisch herausragten. Universitätspaläste entstanden dort, in Anlehnung an Vitruv, ab dem 15. Jh.

    Lothar Kolmer


  420. Die Bibliotheca Amploniana. Ihre Bedeutung im Spannungsfeld von Aristotelismus, Nominalismus und Humanismus. Hg. und für den Druck besorgt von Andreas Speer (Miscellanea Mediaevalia 23) Berlin u. a. 1995, Walter de Gruyter, XIII u. 512 S., Taf., ISBN 3-11-014098-5, DEM 310. - Dieser Bd. präsentiert die Beiträge einer vom Kölner Thomas-Institut initiierten Tagung in Erfurt 1993. Er macht augenscheinlich, wie in der gegenwärtigen Forschung die historischen Bibliotheken verstärkt als Überlieferungseinheiten verstanden werden, aus denen es nicht so sehr den einzelnen Codex herauszulösen, sondern den historisch geprägten Bestand zu verstehen gilt. Zahlreiche Beiträge beschränken sich bei wenigen kritischen Anmerkungen auf die Präsentation von Hss.-Listen und Initienverzeichnissen. Bedauerlich ist daher das Fehlen eines Registers, in dem die zitierten Hss. und vor allem die aufgeführten Initien zu finden wären. Gerade bei der schwierigen Identifizierung von Aristoteles-Kommentaren wäre dies ein wichtiges Hilfsmittel geworden. Andere Beiträge hingegen müssen sich in dem Bemühen, Bezüge zur Amploniana herzustellen, doch reichlich Gewalt antun. - Albert Zimmermann, "Finsteres Mittelalter". Bemerkungen zu einem Schlagwort (S. 1-15), sucht einmal mehr das historische MA gegen den populären Sprachgebrauch zu verteidigen und würzt dies mit massiver Kritik an neuzeitlichen Verbrechen an der Menschlichkeit, gegen die er die Verdienste ma. Denk- und Forschungsleistungen stellt. - Johannes Kadenbach, Die Bibliothek des Amplonius Rating de Bercka. Entstehung, Wachstum, Profil (S. 16-31), bringt als der langjährige bibliothekarische Betreuer der in der Wissenschaftlichen Allgemeinbibliothek der Stadt Erfurt aufbewahrten Sammlung die 633 Hss. des Amplonius aus unmittelbarer Kenntnis selbst ihrer Marginalien und historischen Kataloge in Zusammenhang mit den Studien des Sammlers, der weit über seine medizinische Tätigkeit hinaus interessiert war. Amplonius kopierte einen Teil der Codices selbst, sammelte aber augenscheinlich aus textphilologischen Erwägungen auch Mehrfachabschriften. Erwähnenswert ist der Hinweis auf massenhafte Bücherverkäufe um 1400 (S. 24), die es Amplonius ermöglichten, eine so vielseitige Bibliothek zusammenzutragen. Die 1412 dem von Amplonius gestifteten Collegium überlassene Bibliothek konnte sich bis 1510 fast verdoppeln (S. 24). Heute ist sie nicht mehr ganz zusammen; etwa findet man 31 Hss. heute in der Gräflich-Schönbornschen Bibliothek zu Pommersfelden (S. 30). - Mieczyslaw Markowski, Die ersten philosophischen Strömungen an der Erfurter Universität im Lichte der Aristoteles-Handschriften (S. 32-53), vergleicht die Erfurter "Via moderna" mit dem Prager Buridanismus, wobei die Prosographie stark in den Vordergrund tritt. So werden besonders Heinrich Toke (S. 36-38) und Johann von Wesel (S. 48-50) ausführlich gewürdigt. Die Erfurter Positionen erscheinen gegenüber Johannes Buridanus gemäßigt; als Schwerpunkte nennt M. "Terminismus, Reismus, Naturalismus und Felizitabilismus" in einer spezifisch "Erfurter Form" (S. 53). - Jacqueline Hamesse, L'importance de l'étude d'Aristote dans les universités médiévales allemandes. Le témoignage des manuscrits conservés à la Bibliothèque d'Erfurt (S. 54-72), behandelt Aristoteles-Florilegien in Hss. der Amploniana und fügt eine ausführliche Hss.-Liste (S. 64-72) bei. - Dagmar Gottschall, Pseudo-Aristoteles in der Büchersammlung des Naturwissenschaftlers Amplonius Rating de Bercka (S. 73-85), bringt neben allgemeinen Hinweisen zu Amplonius Notizen zu einzelnen Ps.-Aristoteles-Texten und wertet den Erfurter Bestand als "repräsentativ für das Spät-Mittelalter" (S. 80 f.). - Rega Wood, Richard Rufus' "Speculum Animae". Epistemology and the Introduction of Aristotle in the West (S. 86-109), würdigt das Werk des ca. 1250 verstorbenen Franziskaners Richard Rufus, das auch in 2 Erfurter Hss. überliefert wird, die S. 88-96 bringen ein "Summary of the Speculum". - Roland Hissette, L'apport d'un manuscrit d'Erfurt. A l'édition d'un commentaire d'Averroès (S. 110-121), und Ivana B. Zimmermann, Kommentare zu der Schrift des Averroes "De substantia orbis" in der Bibliotheca Amploniana (S. 122-126), untersuchen einzelne Erfurter Hss. im Verhältnis zu anderen Quellen. - Henryk Anzulewicz, Die Handschriften der Werke Alberts des Großen in der Bibliotheca Amploniana zu Erfurt (S. 127-135), beinhaltet vornehmlich ein Hss.-Verzeichnis. - Silvia Donati, Commenti parigini alla Fisica degli anni 1270-1300 ca. (S. 136-256), behandelt ausführlich die Kommentare zur aristotelischen Physik einschließlich ihrer Parallelüberlieferung (z. B. in Paris und München); die S. 219-256 bringen eine Liste der Quaestionen. Besonders hier vermißt man schmerzlich Register der zitierten Hss. und der Initien. - Concetta Luna, Bemerkungen über die Handschriften des Aegidius Romanus in der Amplonianischen Bibliothek zu Erfurt (S. 257-300), bringt eine Liste der Aegidius-Hss. in Erfurt (S. 272 f.) und referiert mit ausführlichen Textauszügen fünf als Pseudo-Aegidius überlieferte peripatetische Kommentare. - Fritz Hoffmann, Der Wandel in der scholastischen Argumentation vom 13. zum 14. Jahrhundert, aufgezeigt an zwei Beispielen: Robert Holcot und William (Johannes?) Crathorn (1330-1332 in Oxford) (S. 301-322), untersucht die Thomas-Kritik der beiden Autoren und belehrt uns über den "neuzeitlichen Anlauf zur Überwindung der gnostischen Weltverneinung und Weltverachtung" sowie die maßgebliche philosophiegeschichtliche Bedeutung "unseres Thüringer Raumes" (S. 321 f.). - Edith Dudley Sylla, The Oxford Calculators in Erfurt Manuscripts (S. 323-340), sucht nach der Rezeption des angelsächsischen Nominalismus in Erfurter Hss. - William J. Courtenay, Erfurt CA 2 127 and the Censured Articles of Mirecourt and Autrecourt (S. 341-352), versucht den Zusammenhang einiger anonymer Stellen des Codex mit den inquisitorischen Maßnahmen des 14. Jh. gegen bestimmte nominalistische Tendenzen zu klären. - Günther Mensching, Zur epochemachenden Bedeutung des Nominalismus. Thesen und Forschungsdesiderate (S. 353-366), versucht eine umfassende philosophiegeschichtliche Einordnung im Sinne eines Handbuchartikels. - Hans Ulrich Wöhler, Der Nominalismus des Johannes Rucherat von Wesel (S. 367-380), beschäftigt sich mit großer Textnähe mit den Erfurter Sentenzen- und Physik-Kommentaren Johanns von Wesel, die lange vor seiner Verurteilung 1477 in Mainz entstanden sind, die jedoch gleichwohl bereits kontroverse Ansichten zur Erbsünde enthalten, die Johannes aus der "via moderna" ableitet (S. 377). Diese darf jedoch nicht als einfacher Ockamismus mißverstanden werden. - Gerhard Krieger, "Notitia incomplexa fit per aliam". Überlegungen zur Erforschung des Buridanismus an der Erfurter Universität (S. 381-408), bespricht (anders als der Titel erwarten läßt) Buridans Positionen in der Wissenschaftslehre, insbesondere im Gegensatz zu Ockam. - Rolf Schöneberger, Das gleichzeitige Auftreten von Nominalismus und Mystik (S. 409-433), vergleicht Meister Eckart mit William Ockam und Duns Scotus. - Loris Sturlese, Meister Eckhart in der Bibliotheca Amploniana. Neues zur Datierung des "Opus tripartitum" (S. 434-446), schlägt aufgrund kodikologischer Überlegungen als neues Datum das erste Jahrzehnt des 14. Jh. vor. - Götz-Rüdiger Tewes, Die Erfurter Nominalisten und ihre thomistischen Widersacher in Köln, Leipzig und Wittenberg. Ein Beitrag zum deutschen Humanismus am Vorabend der Reformation (S. 447-488), und Horst Seidl, Zur Kontroverse zwischen Erasmus und Luther unter Berücksichtigung traditioneller Ethik-Lehren (S. 489-502), leiten zu frühneuzeitlichen Fragestellungen über.

    A. M.-R.


  421. Ji_í Kej_, D_jiny pra_ské právnické univerzity [mit sehr ausführlicher Zusammenfassung: Geschichte der Prager Juristenuniversität] Praha 1995, Karolinum, 154 S., ISBN 80-7184-016-5. - Nach der grundlegenden Arbeit Moraws von 1986 (vgl. DA 45, 362) hat sich nun ein anderer ausgezeichneter Kenner der Quellen des Themas angenommen. In mehreren Kapiteln untersucht K. sowohl die Beziehungen der Universität nach außen als auch ihr inneres Leben (Unterricht, Verwaltung, Festivitäten u. a. m.). In zwei Exkursen werden zuerst die Prager Vorlesungen des Italieners Ubertus de Lampugnano untersucht (ihre kritische Edition wird z. Zt. von anderer Seite vorbereitet), sodann der Traktat "circa processum iudiciarium" auf Grund von 8 Hss. (auf eine weitere wird vorläufig nur hingewiesen). Nur ganz wenige weiterführende Hinweise können beigefügt werden: Zu S. 31 Anm. 61 ist anzugeben, daß das Stück bei J. Eršil- J. Pra_ák, Archiv pra_ské metropolitní kapituly 1, Praha 1956, Nr. 860 vorkommt, zum Katalog des Allerheiligenkapitels (S. 68, Anm. 16) verweise ich auf meine Besprechung (vgl. DA 49, 621).

    Ivan Hlavácek


  422. Virginia Davis, William Waynflete, bishop and educationalist (Studies in the History of Medieval Religion 6) Woodbridge u. a. 1993, The Boydell Press, IX u. 193 S., 8 Abb., ISBN 0-85115-349-6, GBP 35. - Die Persönlichkeit, welche Gegenstand dieser überarbeiteten Dubliner Doktorarbeit ist, war von 1447 bis 1486 Bischof von Winchester, das - neben Toledo - als das reichste Bistum der vorreformatorischen Kirche galt. In dieser Eigenschaft setzte der um 1400 geborene und in der bisherigen englischen Forschung vernachlässigte Kirchenfürst die Bildungspolitik seines bekannteren Vorvorgängers, des Stifters von New College Oxford und von dessen "Vorbereitungsgymnasium" Winchester College, William of Wykeham (1366-1404), fort. Vor allem die vom englischen König Heinrich VI. eifrig unterstützten Gründungen von Eton College (bei Windsor) sowie von Magdalen College Oxford sind mit seinem Namen eng verbunden. Somit gehört er (auch international gesehen) zu jener Gruppe geistlicher Würdenträger des 15. Jh., deren bessere Erforschung erst in jüngster Zeit das - vor allem durch die Reformationspolemik geprägte - negative Bild einer korrupten und reformbedürftigen Kirche zu relativieren vermochte. Über Waynfletes eigenen Studiengang ist nichts Konkretes bekannt. Allerdings deutet der Umstand, wonach Winchester College 1429 in Oxford nach einem geeigneten Kandidaten für den Posten eines magister informator (headmaster) nachforschen ließ, um dann ihn anzustellen, darauf, daß er in der Artisten-Fakultät dieser Universität seine Ausbildung als grammaticus erhalten hatte. Vermutlich durch Vermittlung des damaligen Bischofs von Winchester, Kardinal Henry Beaufort (1404 1447), wurde er Heinrich VI. als erster praepositus (provost) von Eton College vorgeschlagen. Sein beachtlicher Erfolg in dieser Eigenschaft war für seine Wahl zum Bischof durch das Kapitel von Winchester im April 1447, wenige Tage nach Ableben seines Vorgängers, maßgeblich. Ein Jahr danach begann er, durch die Gründung von Magdalen Hall (später College) in Oxford auch dort seine bildungspolitischen Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Waynfletes Engagement für Vermittlung und Institutionalisierung von Bildung ist vor allem durch seine langjährige Tätigkeit als Schulmeister geprägt. Als er 1486 starb, hatten sowohl humanistische Einflüsse wie auch der Buchdruck eine Bildungsrevolution in England eingeleitet, zu der Waynflete einen stattlichen, in dieser quellennah gearbeiteten Studie gut dokumentierten Beitrag leisten konnte. Seine extensive Bautätigkeit sowie sein Buchbesitz kommen ebenfalls nicht zu kurz.

    Katherine Walsh


  423. Lo spazio letterario del Medioevo. 1. Il Medioevo latino. Volume 1: La produzione del testo, Tomo 1, Roma 1992, Salerno Editrice, ISBN 88-8402-101-4, 665 S., 44 Taf., ITL 130.000. - Tomo 2 (1993), ISBN 88-8402-133-2, 665 S., 42 Taf., ITL 135.000. - Volume 2: La circolazione del testo (1994), ISBN 88-8402-155-3, 747 S., 42 Taf., ITL 140.000. - Volume 3: La ricezione del testo (1995), ISBN 88-8402-174-X, 701 S., 28 Taf., ITL 150.000. - Das monumentale Gemeinschaftsunternehmen, zu dem noch ein Band "L'attualizzazione del testo" sowie eine "Cronologia e bibliografia" angekündigt sind, will nicht eine Literaturgeschichte ersetzen, auch nicht eine solche für einzelne literarische Gattungen, obgleich sich diese Vermutung bei oberflächlicher Durchsicht aufdrängen will. Erstrebt werden zudem offenbar nicht so sehr neue Erkenntnisse, vielmehr wird eine Bestandsaufnahme versucht ("il tentativo di un bilancio"), in welcher Weise sich die schriftliche Hinterlassenschaft des lateinischen MA aus verschiedenen Perspektiven darstellen läßt. Zugleich wird das eindrucksvolle, für Anregungen offene Interesse der italienischen mediävistischen Philologien dokumentiert, die das Sammelwerk zum weit überwiegenden Teil beschickt haben, die (fachmännisch ins Italienische übersetzten) außeritalienischen Beiträge fallen weniger ins Gewicht. Von den bisher 81 Beiträgen kann hier nur eine Auswahl knapp angezeigt werden. Bd. 1,1: Barbara Spaggiari, Il latino volgare (S. 81-119), grenzt an Hand zahlreicher illustrativer Textbeispiele die unterschiedlichen Sprachebenen des Lateinischen von einander ab und referiert die Theorien zur Evolution der romanischen Sprachen. - Franco Cardini, Alto e basso Medioevo (S. 121-143), handelt von diversen Aspekten des Verhältnisses von Schriftlichkeit zu mündlicher Tradition. - Donatella Frioli, Gli strumenti dello scriba (S. 293-324), stellt Nachrichten über Realien des Schreibbetriebes zusammen; daß hier die bildlichen Darstellungen umschrieben werden müssen, befremdet etwas, zumal in weit weniger notwendigen Fällen den Bänden Tafeln beigegeben sind. - Louis Holtz, Autore, copista, anonimo (S. 325-351), macht sehr grundsätzliche Bemerkungen zum ma. Schreibbetrieb ("una copia ne genera un' altra"). - Fabio Troncarelli, L'attribuzione, il plagio, il falso (S. 373-390), schildert Imponderabilien bei der Verfasserbestimmung ma. Texte. - Die verbleibenden Beiträge des Teilbandes behandeln Quellen, die ma. Autoren zugänglich waren: Claudia Villa, I classici (S. 479-522), bietet einen konzisen, gut dokumentierten Abriß der Klassikerüberlieferung. - Guy Lobrichon, Gli usi della Bibbia (S. 523-562), und Claudio Moreschini, I Padri (S. 563-604), betonen die unbefangen unterschiedslose Vermischung kanonischer und apokrypher Quellen und deuten die Vielfalt exegetischer Möglichkeiten an. - Alessandro Ghisalberti, I moderni (S. 605-631), geht auf das gelegentlich deutlich faßbare Selbstverständnis ma. Autoren als "moderni" ein. - Massimo Oldoni, La tradizione orale e folclorica (S. 633-655), fragt sich, wie weit die schriftlichen Quellen Rückschlüsse auf das wirkliche Leben erlauben und spannt dazu einen weiten Bogen von Seneca bis Rabbi Löw (der freilich erst seit dem 18. Jh. mit der Erschaffung des Golem in Verbindung gebracht wird). - Bd. 1,2 enthält Übersichten über - fein unterteilte - literarische Gattungen (Epik, Liebesdichtung, Bibelexegese - das Einteilungsprinzip bleibt etwas undeutlich), daneben auch Umfassenderes, so Peter von Moos, La retorica nel Medioevo (S. 231-271), oder Gian Carlo Garfagnini, La scienza (S. 601-634). - Bd. 2 greift einige der schon angesprochenen Themen in größerer Ausführlichkeit auf, so die besondere Stellung des ma. Latein und sein Verhältnis zum klassischen Latein einerseits (Gualterio Calboli), zu den gleichzeitigen romanischen und germanischen Volkssprachen andererseits (Maurizio Perugi, Piergiuseppe Scardigli). - Peter Stotz, Le sorti del latino nel Medioevo (S. 153-190), bleibt notgedrungen ziemlich allgemein und ohne illustrative Beispiele sehr abstrakt. - Stefano Pittaluga, La restaurazione umanistica (S. 191-217), referiert die Streitereien der großen Humanisten über das richtige Latein. - Unvermutet in einem Band über "Circolazione del testo" und vielleicht mit persönlichen Verflechtungen erklärbar, folgen zwei historische Beiträge: Ovidio Capitani, L'impero e la chiesa (S. 221-271), sowie Giovanni Tabacco, Le signorie laiche ed ecclesiastiche (S. 273-298). - Carla Frova, Scuole e università (S. 331-360), stellt überzeugend und gut informiert den Lehrbetrieb und die Abhängigkeit der literarischen Produktion von ihm dar. - Unter der Sammelüberschrift "I sistemi di communicazione scritta" werden wieder einzelne Gattungen behandelt, diesmal in ihrer Funktion der Nachrichtenübermittlung.: Giuseppe Scalia, Le epigrafi (S. 409-441). - Franco Morenzoni, Epistolografia e Artes dictandi (S. 443-464). - Massimo Oldoni, La "Scena" del Medioevo (S. 489-535). - Fabrizio Della Seta, Parole in musica (S. 537-603). Die Kurzfassung einer Typologie bietet Guy Philippart, Martirologi e leggendari (S. 605-648). - Peter Dinzelbacher, Visioni e profezie (S. 649-687), hat dieses Thema schon so intensiv beackert, daß er auf den nicht ganz vierzig Seiten gut dreißig Mal eigene Schriften zitieren kann. - Der Titel von Bd. 3 ("La ricezione") paßt auf den ersten Teil des Bandes, wo die Rede ist von Editionstechniken (Gian Carlo Alessio, S. 29-58), Glossen und Kommentaren (Louis Holtz, S. 59-111), Literaturkritik (Ileana Pagani, S. 113-162), Übersetzungen (Paolo Chiesa, S. 165-195. - Cesare Segre, S. 271-298) sowie Florilegien und Verwandtem (Jacqueline Hamesse, S. 197-220), wogegen Beiträge über Versifikationen schon das Inhaltliche berühren (Mauro Donnini, S. 221-249, 251-270). - Es folgen, meist unter Berücksichtigung der Rezeptionsgeschichte, chronologische Schilderungen der überlieferten Literatur aus Spätantike (Michaela Zelzer, S. 301-338), Karolingerzeit (Peter Godman, S. 339-373), 11. und 12. Jh. (Birger Munk Olsen, S. 375-414), 13. und 14. Jh. (Louis-Jacques Bataillon, L'università, S. 415-427) und schließlich Humanismus (Mirella Ferrari, Il rilancio dei classici e dei padri, S. 429-455). Das Aufleben der Griechischstudien behandelt Mariarosa Cortesi, Umanesimo Greco (S. 457-507). - Literarische Randgebiete stellen die abschließenden Beiträge dar, nämlich Rechtstexte (Paolo Nardi, S. 511-540, Mario Ascheri, S. 541-574), Urkunden (Donatella Frioli, S. 575-606), Mönchsregeln (Adalbert de Vogüé, S. 607-631) und Memorialbücher (Jean-Loup Lemaitre, S. 633-659). - Die sehr ungleichmäßigen Literaturangaben der einzelnen Beiträge sollte der letzte Bd. ausgleichen, dem auch ein gut benützbares Register zu wünschen wäre.

    G. S.


  424. Paul Gerhard Schmidt, Das Interesse an mittellateinischer Literatur (Wolfgang Stammler Gastprofessur. Vorträge 3) Freiburg/Schweiz 1995, Universitätsverlag, 43 S., 3 Abb., ISBN 3-7278-1028-9, setzt sich kritisch mit prägenden Traditionen des 19. Jh. auseinander und lenkt den Blick des Lesers auf weite, noch unzureichend bestellte Felder: Miracula, Predigten, Mystik, klassizistische Dichtung und Romanhaftes, zumal aus dem späteren MA.

    R. S.


  425. Latin Culture and Medieval Germanic Europe. Proceedings of the First Germania Latina Conference held at the University of Groningen 26 May 1989, edited by Richard North and Tette Hofstra (Germania Latina 1 = Mediaevalia Groningana 11) Groningen 1992, Egbert Forsten, 128 S., ISBN 90-0980-059-7*, NLG 48. - Ziel der Tagung war es, die gegenseitige Beeinflussung der beiden Kultursphären an Hand von konkreten Beispielen zu beleuchten: Ursula Dronke, Voluspa and Sibylline Traditions (S. 3 - 21), sieht einen Einfluß der letzteren auf erstere. - Michael W. Herren, Walahfrid Strabo's De imagine Tetrici: An Interpretation (S. 25-41), relativiert den Wert seiner 1991 publizierten Umstellungen (vgl. DA 48, 206), indem er die Dümmlersche Vorlage ohne schwerere Bedenken interpretiert ("it was not possible to incorporate the result of this re-ordering", S. 31). - Graham D. Caie, From Iudicium to Dom: Two OE Versions of Bede's De die iudicii (S. 43-54). - Rosamond McKitterick, The Written Word and Oral Communication: Rome's Legacy to the Franks (S. 89-112), spinnt ihre Publikation The Carolingians and the Written Word (vgl. DA 46, 185) weiter. - Norbert Voorwinden, Latin Words, Germanic Thoughts - Germanic Words, Latin Thoughts. The Merging of Two Traditions (S. 113-128), zeigt dies an ausgewählten Stellen im Waltharius und im Hildebrandslied.

    G. S.


  426. The new medievalism, edited by Marina S. Brownlee, Kevin Brownlee and Stephen G. Nichols, Baltimore 1991, The Johns Hopkins University Press, VI u. 330 S., ISBN 0-8018-4171-2, USD 49. - Dieser Sammelband enthält vierzehn Beiträge von Romanisten über Themen, die sich aus dem Zwischenspiel zwischen ma. romanischer Literatur und den unterschiedlichen Strömungen innerhalb einer postmodernen Literaturkritik ergeben haben. Da die Rezeption solcher Ideen in der Mediävistik außerhalb der Literaturwissenschaften bisher kaum erfolgt ist, und da ihre Implikationen für die herkömmliche Praxis der historischen Quellenkritik und -edition nicht unerheblich sind, seien einige Beiträge als Einstiegslektüre empfohlen: Stephen G. Nichols, The new medievalism: tradition and discontinuity in medieval culture (S. 1-26). - Michael Riffaterre, The mind's eye: memory and textuality (S. 29-45). - R. Howard Bloch, The medieval text - "Guigemar" - as a provocation to the discipline of medieval studies (S. 99-112). - David F. Hult, Reading it right: the ideology of text editing (S. 113-130). - Jeffrey T. Schnapp, Dante's sexual solecisms: gender and genre in the Commedia (S. 201-225). - Eugene Vance, Semiotics and power: relics, icons and the Voyage de Charlemagne à Jérusalem et à Constantinople (S. 226-249). - Hans Ulrich Gumbrecht, Intertextuality and Autumn/Autumn and the modern reception of the middle ages (S. 301-330).

    T. R.


  427. Claude Carozzi, Le voyage de l'âme dans l'Au-delà d'après la littérature latine (Ve-XIIIe siècle) (Collection de l'Ecole française de Rome 189) Rome 1994, Ecole Française de Rome, 712 S., ISBN 2-7283-0289-8. - Es handelt sich um die überarbeitete Fassung einer bei G. Duby entstandenen thèse. Sie analysiert ca. 50 lateinische Texte (5.-12. Jh.) über Seelenreisen ins Jenseits. Es werden nur die Berichte von Personen berücksichtigt, die sich in Todesnähe befanden und deren Seele sich vom Körper getrennt hatte, ins Jenseits gelangt und wieder zurückgekehrt war. Ausgeschlossen werden daher folkloristisch-abergläubische Erzählungen ekstatischer Jenseitsreisender und Beziehungen mit den Seelen Verstorbener. Nach einer Analyse der doktrinalen Voraussetzungen (von Augustinus bis Gregor d. Gr.) werden die Visionen von Furseus und Barontus untersucht, sowie von Beda, Bonifatius und anderen; ferner die politischen Visionen der Kaiserzeit. Im 10. Jh. ist eine Stagnation dieser Texte festzustellen, die dann im 11. Jh. wieder zahlreicher werden, aber vor allem auch komplexer (Alberich von Montecassino, Tnugdal, Owen, Gottschalk, Edmund von Eynsham, Thurkill). Es werden sodann thematische Vergleiche zwischen verschiedenen zeitgenössischen Visionen angestellt. Ein besonderes Augenmerk gilt der Art und Weise, mit der die Trennung der Seele vom Körper und ihre Rückkehr beschrieben werden. Die Zurückweisung einer Rückkehr vom Tod ("La mort est irreversible", S. 642) kennzeichnet das Ende dieses literarischen Genres im 12. Jh. Nun tauchen ekstatische Visionen auf, die keine Trennung der Seele vom Körper voraussetzen. Insgesamt ein etwas weitschweifiger, aber solider Bd., der im Anhang eine neue Edition der Visio s. Fursei enthält (nach der von B. Krusch, MGH, SS rer. Merov. 4, 1902, und der von M. P. Ciccarese in "Romanobarbarica" 1984-85 und nicht 1988, wie irrig angegeben). Es fehlt ein Verzeichnis der Bibelstellen, das Personen- und Ortsregister ist nicht immer makellos.

    Francesco Panarelli


  428. Christa Ortmann und Hedda Ragotzky, Brautwerbungsschema, Reichsherrschaft und staufische Politik. Zur politischen Bezeichnungsfähigkeit literarischer Strukturmuster am Beispiel des `König Rother', Zs. für deutsche Philologie 112 (1993) S. 321-343, untermauern durch konsequentes Aufdecken des Brautwerbungsschemas als Strukturmuster des Mitte des 12. Jh. entstandenen Epos `König Rother' dessen propagandistische Aussage, daß den Staufern die "Vorherrschaft in der Rivalität zwischen Ost- und Weströmischem Reich" zukomme.

    Ulrich Montag


  429. Bernd Bastert, Dô si der lantgrâve nam. Zur "Klever Hochzeit" und der Genese des Eneas-Romans, ZfdA 123 (1994) S. 253-273, überprüft einen der beiden einzigen Fixpunkte für die Chronologie der mittelhochdeutschen Romane des 12. und 13. Jh., nämlich die bislang kaum widersprochene Annahme, daß im Schlußteil des Eneas-Romans von Heinrich von Veldeke auf die Hochzeit der Gräfin Margarete von Kleve mit Landgraf Ludwig III. von Thüringen in Kleve im März 1174 Bezug genommen wird, bei der das unvollendete Romanmanuskript gestohlen worden sei. Es gibt aber keinen urkundlichen Nachweis für dieses Datum, und die kritische Sichtung der bisher zu diesem Thema erschienenen Literatur deckt viele Irrtümer auf, aber auch das bewußte Verdrängen von Tatsachen, so u. a. der Nennung eines Grafen Heinrich (I.) von Schwarzburg in der Mehrzahl der den Roman überliefernden Hss. entgegen der von der älteren germanistischen Forschung vorgenommenen Identifizierung des Manuskriptdiebes mit Heinrich Raspe III. Ein neues festes Datum wird durch diese Korrekturen nicht gewonnen, so daß die bisher erschlossene relative Chronologie der mittelhochdeutschen Romane gültig bleibt.

    Ulrich Montag


  430. Matthias Nix, Untersuchungen zur Funktion der politischen Spruchdichtung Walthers von der Vogelweide (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 592) Göppingen 1993, Kümmerle Verlag, 293 S., ISBN 3-87452-834-0. - Der Vf. dieser an der Freien Universität Berlin entstandenen germanistischen Diss. betrachtet 27 Sprüche Walthers als politische Lyrik in dem Sinne, daß der Dichter mit ihnen die Zeitgeschichte beeinflussen wollte. Eingehend analysiert er vor allem die im Zusammenhang mit Philipp von Schwaben, Otto IV. und Friedrich II. entstandenen Dichtungen und kommt dabei in bezug auf Datierung, historische Bezüge und politische Ziele vielfach zu anderen Ergebnissen als die bisherige Forschung.

    M. S.


  431. Christoph Markschies, Gibt es eine "Theologie der gotischen Kathedrale"? Nochmals: Suger von Saint-Denis und Sankt Dionys vom Areopag (Abh. Akad. Heidelberg, Jg. 1995, 1. Abh.) Heidelberg 1995, Universitätsverlag C. Winter, 80 S., 6 Abb., ISBN 3-8253-0272-5, DEM 24. - Der Vf. setzt sich kritisch mit der auf E. Panofsky zurückgehenden, zumal durch O. v. Simson weiter entfalteten Vorstellung auseinander, wonach Abt Suger von Saint-Denis und der von ihm um 1130 in Gang gebrachte Neubau der Abteikirche wesentlich vom Studium der pseudo-dionysianischen Schriften, speziell der darin enthaltenen "Lichtmetaphorik", beeinflußt gewesen und so die Entwicklung zum gotischen Baustil eingeleitet worden sei. Gegenüber der bei Kunsthistorikern verbreiteten, aber auch in die Werke von Historikern eingegangenen Theorie wird eingewandt, daß ein konkreter textlicher Nachweis der Abhängigkeit anhand der Werke Sugers fehle und die Phraseologie der Bauinschriften (die im Anhang S. 66 ff. detailliert kommentiert werden) mühelos aus der allgemeinen patristischen Tradition abzuleiten sei. Auch wenn die Quellennachweise nicht immer auf der Höhe des aktuellen Editionsstandes sind, verdient diese Studie eines Theologen gewiß interdisziplinäre Beachtung.

    R. S.


  432. Karl Gruber, Sakrale Rundbauten des Mittelalters in Südtirol, Der Schlern 68 (1994) S. 627-664, dokumentiert mit schriftlichen Quellen und modernen Plänen mehrere noch bestehende derartige Anlagen, die seit dem 12. Jh. errichtet wurden und mit den Kontakten in das Hl. Land zusammenhängen.

    Josef Riedmann


  433. Leopold Auer, Formen des Krieges im abendländischen Mittelalter, in: Manfried Rauchensteiner - Erwin A. Schmidl (Hg.), Formen des Krieges. Vom Mittelalter zum "Low-Intensity-Conflict" (Forschungen zur Militärgeschichte 1) Graz 1991, Styria, ISBN 3-222-12139-7, S. 17-43, informiert knapp über den Kriegsbegriff in der ma. Wissenschaft, die Prägung des Kriegswesens durch feudale und nichtfeudale Elemente sowie seine Abhängigkeit von allgemeinen Verhältnissen (z. B. bei der Versorgung).

    E.-D. H.


  434. Martin Gosman, Hans Bakker (red.), Heilige Oorlogen. En onderzoek naar historische en hedendaagse vormen van collectief religieus geweld, Kampen 1991, Kok Agora, 260 S., ISBN 90-242-7714-0, NLG 45. - Vom Alten Testament bis zum "amerikanischen Kreuzzug gegen den Weltkommunismus" nach 1945 und anderen Ereignissen des 20. Jh. reichen die 12 Beiträge dieses Bandes: Fred Leemhuis, De djihaad in de vroege Islam (S. 52-65): Das Konzept des Ghihad hat sich erst um 700 am Ende der muslimischen Expansionsphase verfestigt. - Arjo Vanderjagt, Op weg naar Jerusalem: Pacifisme, gerechtvaardigde oorlog, kruistocht (S. 66-83), macht vier Faktoren für den Übergang der Idee des gerechten Kriegs zu der des heiligen im Kreuzzug namhaft: das Pilgerwesen, Jerusalem, Endzeitvorstellungen, positive Wertung von Gewaltanwendung durch die christianisierte "Staatsmacht". - Andrew Palmer, De overwinning van het kruis en het probleem van de christelijke nederlaag: Kruistochten en djihaad in Byzantijnse en Syrisch-orthodoxe ogen (S. 84-109), behandelt die Reserven der östlichen Kirchen gegen die Idee eines "heiligen Krieges". - Martin Gosman, Angst en arrogantie: `Turken' en niet-aflatende christenpflicht (S. 113-133), widmet sich strukturellen Problemen der Kreuzzüge: ihrer theologischen Ausrichtung an dem einzelnen Teilnehmer und der Forderung nach conversio der Christenheit als Voraussetzung für militärischen Erfolg, dem Problem des innerchristlichen Friedens, dem Verhältnis zum zunehmend verketzerten Byzanz; der Unkenntnis der religiösen und politischen Welt des Islams.

    E.-D. H.


  435. John Haywood, Dark Age naval power. A re-assessment of Frankish and Anglo-Saxon seafaring activity, London 1991, Routledge, 232 S., Abb., ISBN 0-415-06374-4, GBP 35. - In einem gut geschriebenen, quellennahen und bibliographisch sehr fundierten Buch untersucht der Vf. die Rolle des Seekrieges bei den Franken und Sachsen des 3. und 4. Jh., bei der sächsischen Invasion der britischen Inseln zwischen dem 5. und 7. Jh., und unter den fränkischen Königen von Chlodwig bis zur Mitte des 9. Jh. Er weist eindringlich darauf hin, daß die bisher bekannten archäologischen Befunde sich kaum mit dem geschichtlichen Ablauf vereinigen lassen, da die ausgegrabenen Schiffe aus dieser Zeit durchgehend zu klein und zu schwach gewesen sind, um Piraterie und Heertransporte zu unterstützen. Er betont auch die Bedeutung des fränkischen Flottenwesens: Zwar lassen die Berichte darüber seit dem 4. Jh. nach, aber bis ins 9. Jh. hinein stellten die Franken eine beträchtliche Seemacht dar, eine wohl wichtigere als die nach H.s Meinung von vielen Historikern überschätzte Seemacht der Friesen. Der Rückgang des frühkarolingischen Küstensicherungssystems ab etwa 840 sei auf den Verfall königlicher Autorität, nicht auf mangelndes technologisches Können zurückzuführen.

    T. R.


  436. John France, Victory in the East. A military history of the First Crusade, Cambridge u. a. 1994, Cambridge University Press, XV u. 425 S., ISBN 0-521-41969-7, GBP 35. - Bei der Beurteilung des ersten Kreuzzuges hat die Forschung das Hauptaugenmerk auf die Entstehung und den ideologischen Hintergrund gelegt. Diese Gesichtspunkte spielen hier eher am Rande mit, das zentrale Interesse des Vf. gilt der kriegsgeschichtlichen Seite, die mit den Büchern von Smail und Marshall in England ja auch schon als Synthese gut gepflegt worden ist. Für den ersten Kreuzzug betont der Vf. die Bedeutung der byzantinischen Hilfe von Zypern aus, durch Logistik lange über die Belagerung Nikaias hinaus, sowie der größeren Rolle der Infanterie und als Antwort auf die Beweglichkeit der türkischen berittenen Bogenschützen schließlich der Entwicklung festgefügter, nur sehr schwer aufbrechbarer Heeresformationen auf dem Marsch und in der Schlacht. All dies wird im Detail an den Schlachten und Belagerungen des ersten Kreuzzuges herausgearbeitet.

    H. E. M.


  437. Andrew Ayton, Knights and warhorses. Military service and the English aristocracy under Edward III, Woodbridge 1994, Boydell, XII u. 304 S., ISBN 0-85115-568-5, GBP 35. - Die vorliegende Arbeit versteht sich als "study of warhorses and their masters". Ihr Schwerpunkt liegt auf der Regierungszeit Eduards III. (1327-1377), reflektiert wird aber stets die Entwicklung seit dem Ende des 13. Jh. A. untersucht vergleichend die englischen Kriegszüge nach Schottland sowie die Expeditionen nach dem Kontinent seit dem Beginn des Hundertjährigen Krieges. Dabei richtet er sein Augenmerk auf die Zusammensetzung der jeweiligen militärischen Kontingente (Soldaten und Pferde) und verfolgt den Wandel in der Kriegsführung, d.h. die abnehmende Bedeutung der "great horses" zugunsten der Bogenschützen ("military revolution"). In seinem Resümee zeigt er die Möglichkeiten auf, weitere Erkenntnisse über die bislang nicht erforschte Masse der einfachen Soldaten zu gewinnen. Ein Anhang (S. 257-271), der die Zusammensetzung der englischen Militärkontingente für die kontinentalen Kampagnen der Jahre 1336, 1342/43 und 1359/60 im Detail analysiert, ergänzt seine Ausführungen. Zu seinen profunden Beobachtungen kommt A. durch Heranziehung von bisher weitgehend unbeachteten Quellen: Musterungs- und Verlustlisten geben mit zahlreichen ergänzenden Dokumenten Aufschluß über die Pferde der Kriegsteilnehmer. Lohnlisten, Schutzbriefe sowie "heraldic documents" erschließen Informationen über die Soldatenkontingente. Zusammen betrachtet erlauben die beiden Quellengruppen Aussagen über langfristige Entwicklungen (z. B. Qualitätsabfall der Kriegspferde; veränderte Anwerbungsverfahren von Adligen und anderen Streitern für das königliche Heer). A. erfüllt seinen Anspruch, alle relevanten Quellen des 14. Jh. heranzuziehen. Seine Arbeit analysiert umfassend den Quellenwert der genannten Dokumente. Bei den auch terminologisch in die Tiefe gehenden Untersuchungen behält er stets die historische Entwicklung im Blick und zeigt mit seiner Anregung für weitere Auswertungen der Forschung Wege. Die vorgetragenen Ergebnisse vermitteln tiefe Einsichten in die reiche englische Überliefung des Spät-MA. Die Ausführungen veranschaulichen die Komplexität des hochentwickelten königlichen Verwaltungssystems und die Entstehungsbedingungen für die erhaltenen Quellen.

    Elsbeth Andre