Deutsches Archiv

für Erforschung des Mittelalters

Jahrgang 51. 1995, Heft 2

 

Besprechungen und Anzeigen

 

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1. Allgemeines

2. Hilfswissenschaften u. Quellenkunde

3. Politische und Kirchengeschichte des Mittelalters

4. Rechts- und Verfassungsgeschichte

5. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte

6. Landesgeschichte

7. Kultur- und Geistesgeschichte

Allgemeine Links: DA 51.1995, Heft 1 OPAC der MGH-Bibliothek

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    1. Allgemeines

  1. Spannungen und Widersprüche. Gedenkschrift für František Graus. Hg. von Susanna Burghartz, Hans-Jörg Gilomen, Guy P. Marchal, Rainer C. Schwinges und Katharina Simon-Muscheid, Sigmaringen 1992, Thorbecke, 324 S., 3 Abb., ISBN 3-7995-4157-8, DEM 98. - Eine Festschrift zum 70. Geburtstag des in Basel lehrenden tschechischen Mediävisten hätte es werden sollen. Durch seinen plötzlichen Tod am 1. Mai 1989 konnte sie nur noch als Gedächtnisschrift erscheinen. Unter vier Themenbereichen (Ideologische Aspekte der Hagiographie, S. 21-50; Traditionskritik, S. 51-169; Soziale Unrast und Randgruppen, S. 171-225; Geschichte der Juden, S. 227-314), zu denen Graus selbst wesentliche Beiträge veröffentlicht hat, wie aus seinem Schriftenverzeichnis S. 315-324 hervorgeht, sind siebzehn Arbeiten veröffentlicht, von denen genannt seien: Klaus Schreiner, Hildegard, Adelheid, Kunigunde. Leben und Verehrung heiliger Herrscherinnen im Spiegel ihrer deutschsprachigen Lebensbeschreibungen aus der Zeit des späten Mittelalters (S. 37-50). - Ivan Hlavácek, Die böhmische vorhussitische Historiographie als Quelle der Verwaltungsgeschichte (S. 53-62). - Hans-Dietrich Kahl, Die weltweite Bereinigung der Heidenfrage - ein übersehenes Kriegsziel des zweiten Kreuzzugs (S. 63-89). - Peter Moraw, Die Prager Universitäten des Mittelalters. Perspektiven von gestern und heute (S. 109-123). - Rainer Christoph Schwinges, Wilhelm von Tyrus: Vom Umgang mit Feindbildern im 12. Jahrhundert (S. 155-169). - Hans-Jörg Gilomen, Das Motiv der bäuerlichen Verschuldung in den Bauernunruhen an der Wende zur Neuzeit (S. 173-189). - Jean-Claude Schmitt, La question des images dans les débats entre juifs et chrétiens au XIIe siècle (S. 245-254). - Reinhard Schneider, Der Tag von Benfeld im Januar 1349: Sie kamen zusammen und kamen überein, die Juden zu vernichten (S. 255-272). - Peter Aufgebauer und Ernst Schubert, Königtum und Juden im deutschen Spätmittelalter (S. 273-314), behandeln ihr Thema im Licht der Besteuerung der Juden. Als entscheidender Wandel in der Geschichte der Juden sei der "Verlust des urbanen Lebensraumes im ausgehenden Mittelalter und das Entstehen des Landjudentums in der frühen Neuzeit" (S. 313) als Folge der Auflösung der Rechtsinhalte (Judenschutz und Judennutz) der königlichen Kammerknechtschaft anzusehen.
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  3. Vera Lex Historiae. Studien zu mittelalterlichen Quellen. Festschrift für Dietrich Kurze zu seinem 65. Geburtstag am 1. Januar 1993. Hg. von Stuart Jenks, Jürgen Sarnowsky und Marie-Luise Laudage, Köln-Wien-Weimar 1993, Böhlau, XVII u. 499 S., ISBN 3-412-10191-5, DEM 128. - Die Festschrift für den Berliner Mediävisten enthält fünfzehn Aufsätze von Kollegen und Schülern zur Geschichte des östlichen Mitteleuropa, Brandenburgs und zur Geistes- und Kirchengeschichte hauptsächlich des Spät-MA, von denen genannt seien: Kaspar Elm, Propugnator et defensor totius ordinis. Arnold von Monnickendam, Abt von Lehnin (1456-67) und Altenberg (1467-90) (S. 1-38), versucht der Persönlichkeit des vielbeschäftigten Abtes und Ordenskommissars der Zisterzienser positivere Züge als die bisherige Forschung abzugewinnen. - Knut Schulz, Zwei Gesellenordnungen des frühen 15. Jahrhunderts aus der Alt- und Neustadt Brandenburg (Text und Interpretation) (S. 39-62), behandelt die Vorschriften für die Wollenweberknappen und für die Schuhmacher- und Gerbergesellen. - Ludwig Schmugge, Illegitime Magdeburger. Dispense vom Geburtsmakel für das Gebiet der Kirchenprovinz Magdeburg aus den Supplikenregistern der Pönitentiarie (1449-1533) (S. 63-79), ediert und kommentiert zehn Suppliken der Jahre 1464-1517. - Winfried Schich, Die Größe der area in den Gründungsstädten im östlichen Mitteleuropa nach den Äußerungen der schriftlichen Quellen (S. 81-115), zeigt, daß die Grundstücke in den im 13. Jh. angelegten Handels- und Gewerbestädten im östlichen Mitteleuropa erheblich größer waren als diejenigen der staufischen Gründungen, weil es sich bei ihnen nicht um bloße Hausparzellen, sondern um Wohn-, Wirtschafts- und Freiflächen handelte. - Hartmut Boockmann, Pferde auf der Marienburg (S. 117-126), wertet die Amtsbücher des 14./15. Jh. des Hochmeisters auf der Marienburg aus und informiert über Anzahl, Versorgung und Preis der Pferde. - Joachim Ehlers, Gesellschaft und fürstliche Legitimität in den Memoiren des Philippe de Commynes (S. 127-148).- Jürgen Miethke, Das Votum De paupertate Christi et apostolorum des Durandus von Sancto Porciano im theoretischen Armutsstreit. Eine dominikanische Position in der Diskussion um die franziskanische Armut (1322/23) (S. 149-196), ediert den Text aus der offiziösen Sammlung von Voten zum Armutsstreit in Vat. lat. 3740 und einer schlechteren Basler Parallelüberlieferung und ordnet ihn in die Geschichte der Auseinandersetzung ein. - Kurt-Victor Selge, Redaktionsprozesse im Scriptorium Joachims von Fiore: Das Psalterium decem chordarum (S. 223-245), berichtet über Editionsbemühungen und erste Ergebnisse des fünfköpfigen Herausgebergremiums. - Alexander Patschovsky, Zeugnisse des Inquisitors Hinrich Schoenfeld in einer Nicolaus-Eymericus-Handschrift (S. 247-275), veröffentlicht aus der Hs. Wolfenbüttel Helmst. 315 (15. Jh.), die ausführlich beschrieben wird, einige Texte des Dominikaner-Inquisitors, die im Zusammenhang mit seiner Verfolgung thüringischer Kryptoflagellanten im Jahr 1414 stehen. - Bernhard Schimmelpfennig, War die heilige Afra eine Römerin? (S. 277-303), kann die gestellte Frage nach eingehender Prüfung aller einschlägigen Texte mit einem "Jein" und damit nicht eindeutig beantworten; im Anhang werden in Paralleldruck verschiedene Versionen der Passio sanctae Afrae geboten. - Stuart Jenks, Robert Sturmys Handelsexpedition in den Mittelmeerraum (1457/8) mit einer Edition des Kronratsprozesses und verwandter Aktenstücke (S. 305-372), befaßt sich mit dem gescheiterten Versuch des englischen Fernhandelskaufmanns, die Genuesen aus dem Zwischenhandel zwischen England und dem Nahen Osten zu drängen, und den Schadensersatzforderungen der Engländer, die in Sturmys Handelsschiffe investiert hatten. - Jürgen Sarnowsky, Die wirtschaftliche Lage der Pfarreien im Deutschordensland Preußen. Das Beispiel der Vikare zu Mühlhausen (S. 373-420), ediert das Zins- und Rechnungsheft der Vikare von Mühlhausen von 1399-1489 und zieht aus seinem Beispiel allgemeine Schlüsse auf die zumeist durch Kriegsereignisse schwierig gewordene Situation der Pfarreien im 15. Jh. - Jens Röhrkasten, Die Folter in Rechtstheorie und Rechtswirklichkeit des englischen Spätmittelalters (S. 421-455), betont, daß trotz Fehlens der Folter im englischen Recht zur Erzwingung von Geständnissen, der Folter ähnliche Instrumentarien wie die Zwangshaft oder Übergriffe gegen Häftlinge durch Amtsmißbrauch existierten. - Marie-Luise Laudage, Die Urkunden Bischof Ottos I. von Bamberg (1102-1139). Mit einer Edition ausgewählter Stücke (S. 457-493), behandelt knapp Überlieferung, Inhalt, Zeugen und Quellenwert der Urkunden und ediert achtzehn Stücke, von denen ein Drittel ungedruckt waren. Am Schluß steht das von Marie-Luise Laudage erstellte Schriftenverzeichnis des Geehrten (S. 495-499).
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  5. Papstgeschichte und Landesgeschichte. Festschrift für Hermann Jakobs zum 65. Geburtstag, hg. von Joachim Dahlhaus und Armin Kohnle in Verbindung mit Jürgen Miethke, Folker E. Reichert und Eike Wolgast (Beihefte zum AKG 39) Köln-Weimar-Wien 1995, Böhlau, XIII u. 667 S., 1 Frontispiz, ISBN 3-412-10894-4, DEM 138. - Dem Heidelberger Mediävisten rheinisch-westfälischer Herkunft werden in diesem Band, mehrfach mit Blick auf seine Verdienste um die Germania Pontificia, die folgenden für uns einschlägigen Studien gewidmet: Reinhard Schneider, Bischöfliche Thron- und Altarsetzungen (S. 1-15), erörtert Beispiele für den Gebrauch tragbarer Thronsessel (in Auxerre), für das Nebeneinander von festem Bischofsthron und Bischofsstalle im Chorgestühl (in Metz) sowie für die Praxis der Altarsetzung des neuen Bischofs (seit dem 14. Jh. am Mittel- und Oberrhein). - Joachim Ehlers, Das früh- und hochmittelalterliche Sachsen als historische Landschaft (S. 17-36), überblickt die Entwicklung vom 6. bis zum 13. Jh. und betont, daß "Sachsen" erst durch die fränkische Reichsbildung räumliche Kontur gewann, in der Bistumsorganisation um 800 zu einer dauerhaften Binnenstruktur fand und nur unter den einheimischen Königen eine fest umrissene Größe bleiben konnte. - Egon Boshof, Das Schreiben der bayerischen Bischöfe an einen Papst Johannes - eine Fälschung Pilgrims? (S. 37-67), nährt den im Titel angedeuteten Verdacht, indem er bei dem zusammen mit den bekannten Spuria des Passauer Bischofs aus dem späten 10. Jh. überlieferten Brief Theotmars von Salzburg, angeblich vom Jahre 900 (Germ. Pont. 1 S. 163 Nr. 14), "Diktatberührungen" mit jenen Machwerken aufdeckt und auf inhaltlich unhaltbare Aspekte hinweist. Das Verdikt betrifft auch den neuerdings meist als echt betrachteten, gleichzeitigen Brief Hattos von Mainz (Germ. Pont. 4 S. 71 Nr. 54). - Johannes Fried, Prolepsis oder Tod? Methodische und andere Bemerkungen zur Konradiner-Genealogie im 10. und frühen 11. Jahrhundert (S. 69-119, 1 Stammtafel), setzt sich kritisch mit dem von H. Breßlau begründeten Verständnis der "Hammersteiner Genealogie" (MGH Const. 1 S. 639) auseinander und bekräftigt vor diesem Hintergrund mit weiteren Überlegungen die Thesen von D. C. Jackman (vgl. DA 48, 739 f.) über die Konradiner gegen die Einwände von E. Hlawitschka (vgl. DA 50, 301). - Stefan Weinfurter, Der Anspruch Heinrichs II. auf die Königsherrschaft 1002 (S. 121-134), verweist auf den "Mainzer Krönungsordo" von etwa 961 als Leitlinie der Vorstellungen Heinrichs und der ihm verbundenen Bischöfe. - Rudolf Schieffer, Die ältesten Papsturkunden für deutsche Domkapitel (S. 135-155), verfolgt die unter Leo IX. in Oberlothringen einsetzende Entwicklung der Privilegien bis 1177 und druckt im Anhang erstmals JL 8114 (Innozenz II. für das Touler Domkapitel) (Selbstanzeige). - Wolfgang Peters, Papst Stephan IX. und die Lütticher Kirche (S. 157-175), betrachtet die Rolle des späteren Papstes bei der Gründung des Stifts St. Alban in Namur (1047) und geht dann auf Überlieferungen seit dem 13. Jh. ein, die Ehrengeschenke Stephans an seine Heimatkirche bezeugen. - Joachim Dahlhaus, Zu den Gesta episcoporum Tullensium (S. 177-194), unterzieht die Edition von G. Waitz, MGH SS 8 S. 631-648 einer fundamentalen Kritik und kommt zu gut begründeten neuen Einsichten über den Handschriftenbestand, die Redaktionsstufen der Gesta und den Zeitpunkt ihrer ersten Anlage. - Hansmartin Schwarzmaier, Die Klostergründungen von Gottesaue und Odenheim und das Hirsauer Formular (S. 195-225), beleuchtet bei der Erörterung der von DH. IV 280 geprägten Urkunden Heinrichs V. Stumpf 3041, 3189 vor allem die Entwicklung Hirsaus nach 1091, den südwestdeutschen Reformadel im ausgehenden Investiturstreit und die Speyerer Bistumsgeschichte. - Odilo Engels, Die kaiserliche Grablege im Speyerer Dom und die Staufer (S. 227-254), unterstreicht die Diskontinuität der Grabplätze für die Herrscher und ihre näheren Angehörigen nach 1125 und bringt es mit einer gewandelten Staatsauffassung in Verbindung, daß Friedrich II. 1213 für die Umbettung König Philipps nach Speyer sorgte und 1215 die eigene Bestattung in Palermo vorzubereiten begann. - Wolfgang Petke, Eine frühe Handschrift der "Glossa ordinaria" und das Skriptorium des Augustiner-Chorherrenstifts Riechenberg bei Goslar (S. 255-296, 12 Abb.), befaßt sich mit der auf 1131 datierten Hs. Kassel, Gesamthochschul-Bibl. 2° Ms. theol. 6 und findet die beiden beteiligten Hände unter insgesamt sechs unterscheidbaren Riechenberger Schreibern wieder, deren Tätigkeit als Mundanten von Urkunden eingehend untersucht wird. - Ludwig Falkenstein, Zur Konsekration des Hauptaltares in der Kathedrale von Châlons-sur-Marne durch Eugen III. am 26. Oktober 1147 (S. 297-328), ediert und kommentiert ausführlich eine im Original und fünf neuzeitlichen Kopien erhaltene zeitgenössische Aufzeichnung über das Ereignis, während dessen sich sogar eine Sonnenfinsternis abspielte. - Rudolf Hiestand, Von Troyes - oder Trier? - nach Reims. Zur Generalsynode Eugens III. im Frühjahr 1148 (S. 329-348), klärt überzeugend und mit bemerkenswertem Rückblick auf den Gang der Diskussion, daß der Papst die Synode ursprünglich in Troyes zu halten gedachte. - Dietrich Lohrmann, Präskription und Postliminium unter Papst Alexander III. (S. 349-359), bezieht sich auf einen Rechtsstreit zweier Kirchen im Erzbistum Besançon, den der Papst 1179 durch Rückgriff auf einen westgotischen Kanon bei Gratian (C. 16 q. 3 c. 13) entschied. - Hugo Stehkämper, Die Stadt Köln und die Päpste Innozenz III. bis Innozenz IV. (S. 361-400), bespricht die 25 päpstlichen Schreiben, die Köln zwischen 1203 und 1253 - früher und reichlicher als alle anderen deutschen Städte - empfing, in ihrem jeweiligen politischen Kontext und würdigt die Rolle des Papsttums bei der Emanzipation vom erzbischöflichen Stadtherrn. - Armin Wolf, Seit wann spricht man von Kurfürsten? Eine begriffsgeschichtliche Untersuchung (S. 401-435), ermittelt als frühesten Beleg den Reichslandfrieden König Albrechts I. von 1298 (MGH Const. 4 S. 26, 31; nach dem Original: Corpus der altdeutschen Originalurkunden 4 Nr. 3110) und bringt mit den Ereignissen dieses Jahres auch den sog. "Kurfürstenspruch" in Verbindung. - Jürgen Miethke, Die päpstliche Kurie des 14. Jahrhunderts und die "Goldene Bulle" Kaiser Karls IV. von 1356 (S. 437-450), widmet seine Betrachtungen der "Taktik des dissimulierenden Verschweigens" (S. 442), mit der Karl IV. den päpstlichen Approbationsansprüchen bei der Königswahl begegnete, und betont den Wandel gegenüber den Kämpfen der ersten Jahrhunderthälfte. - Folker E. Reichert, Köln und das Rheinland in Reisebeschreibungen des späten Mittelalters (S. 451-471), bietet einen systematischen Querschnitt der Eindrücke, die rund 20 Texte vornehmlich des 15. und des frühen 16. Jh. vermitteln. - Erich Meuthen, Das Itinerar der deutschen Legationsreise des Nikolaus von Kues 1451/52 (S. 473-502), zieht eine chronologische Bilanz der Arbeit an den "Acta Cusana" für die Zeit vom Jahresbeginn 1451 bis Ende März 1452. - Wilhelm Janssen, Eine kurkölnische Gesandtschaft an die Kurie im Jahre 1455 (S. 503-518), publiziert und erörtert eine ausführliche Instruktion des Erzbischofs Dietrich von Moers für eine Gesandtschaft wohl an Calixt III., von der nicht bekannt ist, ob sie tatsächlich zustande kam. - Karl-Friedrich Krieger und Franz Fuchs, Der Prozeß gegen Heinrich Erlbach in Regensburg (1472). Reichsstädtische Justiz im Dienst landesherrlicher Macht- und Interessenpolitik (S. 519-553), schildern und erläutern nach meist ungedruckten Archivalien das Verfahren, das unter massivem politischen Druck mit der Hinrichtung des ehemaligen Kanzlers Herzog Wolfgangs, eines Sohnes Albrechts III. von Bayern-München, endete. - Armin Kohnle, Zur Heiligsprechung des Bischofs Benno von Meißen (1523) (S. 555-572). - Theo Kölzer, Mabillons "De re diplomatica" in Deutschland: Johann Nikolaus Hert (1651-1710) (S. 619-628), betrifft die erstmalige Anwendung von Mabillons Methode in Deutschland (1699). - Hanna Vollrath, Ein universaler Blick auf Könige und Päpste des Mittelalters: Eugen Rosenstock-Huessys (1888-1973) Buch "Die europäischen Revolutionen und der Charakter der Nationen" (S. 629-657), würdigt das zuerst 1931 erschienene Werk vor dem Hintergrund der Biographie des Autors. - Der Band schließt mit einem Schriftenverzeichnis des Jubilars.
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    R. S.


  7. Sönke Lorenz und Ulrich Schmidt (Hg.), Von Schwaben bis Jerusalem. Facetten staufischer Geschichte (Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts 61) Sigmaringen 1995, Thorbecke Verlag, 358 S., ISBN 3-7995-4247-7, DEM 78. - Der Band vereinigt die Vorträge, die im Oktober 1992 zu Ehren von Gerhard Baaken (dem das Buch als Festschrift auch gewidmet ist) während eines Tübinger Symposions gehalten wurden, und ist durch weitere Beiträge ergänzt. Im einzelnen: Peter Csendes, Ut ... clara clariora ... appareant (S. 11-14), spricht einige mit den Arbeiten des Jubilars verknüpfte Forschungsprobleme und Desiderata der Stauferforschung an, ohne sich einer konkreten Fragestellung zu widmen. - Wolfgang Petke, Spolienrecht und Regalienrecht im hohen Mittelalter und ihre rechtlichen Grundlagen (S. 15-35), zeigt, daß - anders als in England und Frankreich - der deutsche König durch die Aufgabe des Spolien- und Regalienrechts auch in dieser Hinsicht hinter die westlichen Nachbarn zurückfiel. - Peter Hilsch, Bemerkungen zu Bergbau und Bergregal im 12. Jahrhundert (S. 37-50), arbeitet die These heraus, daß das Bergregal als königliches Reservatrecht im engeren Sinn erstmals von Friedrich I. und Heinrich VI. formuliert und in Anspruch genommen wurde, und rechnet dies "zu den offensiven neuen Maßnahmen des staufischen Königtums" (S. 49), die u. a. der zunehmenden Monetarisierung der Gesellschaft Rechnung trugen. - Jan Paul Niederkorn, Friedrich von Rothenburg und die Königswahl von 1152 (S. 51-59), hebt in Auseinandersetzung mit einigen jüngeren Thesen hervor, daß Konrad III. seinen sechsjährigen Sohn Friedrich 1152 habe zum Mitkönig erheben lassen wollen, und daß der Sonntag Laetare - u. a. Konrads eigener Krönungstag - bereits vorher als Termin festgesetzt worden sei. - Ulrich Schmidt, A quo ergo habet, si a domno papa non habet imperium? Zu den Anfängen der "staufischen Kaiserwahlen" (S. 61-88), widmet sich der Frage, ob die Würde des Imperators zugleich mit der Königswahl vergeben wurde ("Kaiserwahltheorie"), und sieht zur Zeit Konrads III., der sich als König in Anlehnung an den Kaisertitel Romanorum rex augustus nannte, erste Ansätze zu einer Annäherung der königlichen und kaiserlichen Würde, analysiert die wohlbekannte Szene auf dem Reichstag zu Besançon 1157 und bewertet die hier entflammte grundsätzliche Diskussion letztlich nur als ein "kurzes und bedeutungsloses Wetterleuchten", denn: "Die Frage, woher der Kaiser das Imperium habe, mußte am Ende des 12. Jahrhunderts genauso beantwortet werden wie an seinem Beginn" (S. 88). - Karl Augustin Frech, Ein Plan zur Absetzung Heinrichs (VII.). Die gescheiterte Legation Kardinal Ottos in Deutschland 1229-1231 (S. 89-116), beleuchtet die Legation Ottos von Torengo, des Kardinaldiakons von S. Nicolaus in carcere Tulliano, der im Auftrag Gregors IX. zunächst versuchte, die staufische Herrschaft durch Erhebung Ottos von Braunschweig-Lüneburg zum Gegenkönig zu destabilisieren. Dies blieb erfolglos, weil Otto sich solchen Plänen entzog. Der Vf. schildert dann die kirchenreformerischen Bemühungen des Legaten und beschließt seinen Beitrag mit der Behandlung des Würzburger Konzils von 1231. - Armin Wolf, Staufisch-sizilische Tochterstämme in Europa und die Herrschaft über Italien (S. 117-150): Mit der Hinrichtung Konradins 1268 endete das staufische Geschlecht im Mannesstamm, in weiblicher Linie lebte es über die Kinder der in articulo mortis legitimierten Verbindung Friedrichs mit Bianca Lancia weiter im Hause Aragón und darüber hinaus "in fast ganz Europa" (S. 128). Dem Beitrag sind zehn genealogische Tafeln und sieben Karten beigefügt. - Harald Zimmermann, Die deutsch-ungarischen Beziehungen in der Mitte des 12. Jahrhunderts und die Berufung der Siebenbürger Sachsen (S. 151-165), schildert das wechselhafte und spannungsvolle Verhältnis zwischen Ungarn zur Zeit Geisas II. und Deutschland. Dem auf dem Kreuzzug durchziehenden Otto von Freising erschien das Land als Paradies, bewohnt freilich von Monstern. Trotz aller Dissonanzen sind die Siebenbürger Sachsen zu Geisas Zeit ins Land gerufen worden. Dabei handelte es sich jedoch nicht um eine Massenbewegung - man hat ca. 2600 Erstsiedler errechnet -, und der ganze Vorgang mag sich unterhalb der Schwelle "des die hohe Politik interessierenden Bereichs" (S. 163) abgespielt haben. - Elisabeth Wiest, Die Anfänge der Johanniter im Königreich Sizilien bis 1220 (S. 167-186), untersucht die Geschichte der Priorate Messina (Verwaltung der Güter in Sizilien und Kalabrien), Barletta (zuständig für die Territorien Capitanata, Bari und Otranto) und Capua (restliches Festland) und deren kirchliche und weltliche Rechtsstellung. - Peter Halfter, Die Staufer und Armenien (S. 187-208), versteht unter Armenien nicht das eigentliche Heimatland im Kaukasus, sondern das armenische Königreich in Kilikien und untersucht die Rolle, die Friedrich I. und Heinrich VI. bei dessen Entstehung spielten, ferner werden die Kontakte der Armenier zu Otto IV. (der hier als "Kaiser der Stauferzeit" mitbehandelt wird) und Friedrich II. beschrieben. - Klaus Graf, Staufer-Überlieferung aus Kloster Lorch (S. 209-240), versucht, die Auffassung F.-J. Schmales, im staufischen Hauskloster habe "das Andenken an diese keinerlei Ausdruck gefunden", zu widerlegen, indem er die im ca. 1500 angelegten "Roten Buch" ehedem enthaltene, jetzt aber stark zerstörte Gründungserzählung zu rekonstruieren versucht und die Texte über die Lorcher Staufergräber bespricht. Forschungsgeschichtliche Bemerkungen zur Genealogie der Staufer, in denen sich G. gegen die Identifizierung Bischof Ottos von Bamberg als Sohn einer Stauferin wendet, beschließen den Beitrag. - Hansmartin Schwarzmaier, Die monastische Welt der Staufer und Welfen im 12. Jahrhundert (S. 241-259), zeigt, daß die Zuordnung der Staufer als Förderer der Zisterzienser, der Welfen als solche der Prämonstratenser anachronistisch verkürzt ist, durchmustert die von Staufern (Schlettstadt, Lorch, St. Walburg im Hl. Forst) oder Welfen (Altomünster, Weingarten) gegründeten Klöster und warnt "vor zu vereinfachenden und schematisierenden Konstruktionen". - Wilfried Schöntag, Vom bregenz-tübingischen Hausstift zum Eigenstift des Hochstifts Konstanz. Zur Geschichte des Prämonstratenserstifts Marchtal bis um 1300 (S. 261-283), zeichnet vor allem auf Grund des oft ge- oder verfälschten Urkundenmaterials die (Früh-)Geschichte des Stifts Marchtal: Das Stift wurde durch Pfalzgraf Hugo II. von Tübingen und seine Frau Elisabeth von Bregenz gegründet, freilich war das Verhältnis zwischen Stiftern und Stift von Anfang an gestört. Zudem verlor es für die Tübinger an Bedeutung, so daß es sich dem Bischof von Konstanz zuwandte, der schließlich die Vogtei über das Kloster erwarb. - Sönke Lorenz, Staufer, Tübinger und andere Herrschaftsträger im Schönbuch (S. 285-320), untersucht aus landeskundlicher Sicht die Herrschaftsstrukturen des (zwischen Stuttgart und Tübingen gelegenen) Schönbuchs, der "die klassische Struktur eines Forstes aus karolingischer Zeit besitzt" (S. 319), ohne daß dies allerdings sicher nachgewiesen wäre. Der Vf. schlägt vor, in dem als Wohltäter des Klosters Hirsau hervorgetretenen Eberhardus comes de Monte nicht wie bisher einen Vertreter der oberschwäbischen Grafensippe, sondern der niederrheinischen von Berg zu sehen, eine These, die durch die Verwandtschaft der niederrheinischen Berger mit den Cappenberger Grafen, die ebenfalls Besitz im Schönbuch hatten (Hildrizhausen), durchaus plausibel ist. - Ulrich Klein, Der Rottweiler Pfennig. Eine regionale Münze der Stauferzeit (S. 321-354; 2 Karten und 8 Tafeln), bietet eine Übersicht über den Rottweiler Pfennig, der als "etwas gröbere Sonderform des gleichzeitigen Konstanzer Pfennigs" (S. 322) von etwa 1180 bis 1330 geprägt wurde.
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    G. Sch.


  9. Codices Sangallenses. Festschrift für Johannes Duft zum 80. Geburtstag, hg. von Peter Ochsenbein und Ernst Ziegler, Sigmaringen 1995, Jan Thorbecke, XVI u. 215 S., ISBN 3-7995-0417-6, DEM 84. - Nach zwei früheren Festschriften werden dem verdienten Alt-Stiftsbibliothekar von St. Gallen, der auch Korrespondierendes Mitglied der Zentraldirektion der MGH ist, hier folgende Beiträge gewidmet: Walter Berschin, Kritische Verse Notkers des Stammlers. Auf Gozberts Münsterbau (S. 1-7), erörtert einen bislang übersehenen, von M. Goldast 1606 gedruckten Vierzeiler, den er vermutungsweise den Fragmenten des verlorenen Metrum de vita S. Galli (MGH Poetae 4 S. 1093-1108) zuordnet. - Stefan Sonderegger, Notker der Deutsche und das Evangelium (S. 9-24), befaßt sich sowohl mit Notkers Wiedergabe des Wortes evangelium als auch mit der Eigenart seiner Übersetzungen einzelner Partien und dem daraus resultierenden Einfluß auf seine Diktion. - Beat von Scarpatetti, Schreiber-Zuweisungen in St. Galler Handschriften des achten und neunten Jahrhunderts (S. 25-56, 21 Abb.), zieht eine vorwiegend skeptische Bilanz bisheriger Forschungen, die in tabellarischer Form übersichtlich aufbereitet ist. - Rupert Schaab, Aus der Hofschule Karls des Kahlen nach St. Gallen. Die Entstehung des Goldenen Psalters (S. 57-80, 5 Abb.), wartet mit Beobachtungen auf, denen zufolge der berühmte Codex 22 der Stiftsbibliothek in seinem Grundbestand aus der Umgebung Karls des Kahlen (um 860) herrührt und in St. Gallen seit etwa 870 nur noch Ergänzungen erfuhr. - Christoph Eggenberger, Mittelalterliche Kreuzesvisionen - Zur Q[uid Gloriaris]-Initiale im Folchart-Psalter (S. 81-92, 2 Abb.). - Anton von Euw, Das Autorenbild im Epistolar Cod. Sang. 371 der Stiftsbibliothek St. Gallen (S. 93-103, 5 Abb.). - Dieter Geuenich, Elsaßbeziehungen in den St. Galler Verbrüderungsbüchern (S. 105-116), behandelt die Zeugnisse für Memorialverbindungen im 9. Jh. zu Murbach, Weißenburg, dem Straßburger Klerus und den dortigen Nonnen von St. Stephan sowie zu Erstein und weist auf Nachträge des 12. Jh. hin, die vermutlichen Gallusbruderschaften an vielen Orten galten. - Werner Vogler, St. Martin in Tours und St. Gallen. Europäische Beziehungen zwischen zwei karolingischen Klöstern (S. 117-136, 8 Abb.), hebt vor allem die Konventslisten aus Tours in beiden Auflagen des St. Galler Verbrüderungsbuches sowie den Bezug von dortigen Hss., an ihrer Spitze der Alkuin-Bibel (Cod. Sangallensis 75), hervor. - Peter Ochsenbein, Bild und Gebet. Spätmittelalterliche Passionsfrömmigkeit in St. Galler Gebetbüchern (S. 137-146, 5 Abb.). - Karl Schmuki, Festschriften aus dem barocken Kloster St. Gallen (S. 147-178, 6 Abb.). - Ernst Ziegler, Die Ratsbeschlüsse der Stadt St. Gallen (1508 ff.). Codex Sangallensis 1269 der Stiftsbibliothek St. Gallen (S. 179-212, 6 Abb.). - Den Abschluß bildet ein Hss.-Register.
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    R. S.


  11. Helmut Altrichter (Hg.), Bilder erzählen Geschichte (Rombach Wissenschaft, Reihe Historiae 6) Freiburg 1995, Rombach, 354 S., 40 Abb., ISBN 3-7930-9121-X. - Der mit einer Widmung an Werner Goez versehene Band enthält folgende mediävistische Beiträge: Rudolf Schieffer, Das Familienbild der Karolinger (S. 29-45), geht der Entwicklung illustrierter Karolingergenealogien bis zum 13. Jh. nach (Selbstanzeige). - Stefan Weinfurter, Sakralkönigtum und Herrschaftsbegründung um die Jahrtausendwende. Die Kaiser Otto III. und Heinrich II. in ihren Bildern (S. 47-103), untersucht im Vergleich der berühmten Denkmäler den ideellen Aussagewert und kehrt bei Otto III. "das majestätisch-imperiale ... Selbstverständnis", bei Heinrich II. mehr die Manifestation von "Herrschaftsführung und Herrschaftsauftrag" (S. 100 f.) hervor. - Stefan Beulertz, Ansichten vom handelnden Herrscher. Wendepunkte der salischen Geschichte in Bild und Text (S. 105-131), interpretiert die bekannten Darstellungen der Ereignisse von 1077, 1105/06 und 1111 (in Handschriften Donizos, Ekkehards und der sog. Anonymen Kaiserchronik) sowie die Lateranfresken Calixts II. vornehmlich im Hinblick auf die Funktion, die ihnen von ihren Urhebern zugedacht wurde. - Werner Goez, Ein Konstantin- und Silvesterzyklus in Rom (S. 133-148), würdigt die Fresken der Silvester-Kapelle von SS. Quattro Coronati vor dem Hintergrund des Entstehungsjahres 1246. - Horst Fuhrmann, Guter Tod - schlimmer Tod (S. 149-165), handelt von der spezifisch ma. Einstellung zu diesem Problem und von den verbreiteten Christophorus-Darstellungen des Spät-MA als vermeintlichen Schutzmitteln gegen den unvorhergesehenen Tod.
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    R. S.


  13. Femmes - Mariages - Lignages, XIIe-XIVe siècles. Mélanges offerts à Georges Duby (Bibliothèque du Moyen Age 1) Brüssel 1992, De Boeck-Wesmael, ISBN 2-8041-1542-9, 470 S., Abb., BEC 3850. - Die Redaktion der Zs. Le Moyen Age, deren Mit-Hg. Georges Duby jahrzehntelang war, hat diese Festschrift angeregt und gestaltet und eröffnet mit ihr eine neue, den Beiheften anderer Organe vergleichbare Reihe. Zu dem momentan hoch im Kurs stehenden Thema Frauen im MA, einem Forschungsschwerpunkt des Jubilars in den vergangenen Jahren, wurden 26 Arbeiten französischer und belgischer Mediävisten und Literarhistoriker, die Hälfte von ihnen Frauen, vereinigt, von denen lediglich Adriaan Verhulsts wirtschafts- und verfassungsgeschichtliche Untersuchung über Stadtneugründungen und ihre Freiheitsbriefe in Flandern (Les franchises rurales dans le comté de Flandre aux XIe et XIIe siècles, S. 419-430) aus dem Rahmen fällt. Die anderen Untersuchungen, die nur sehr am Rand mit unserem Arbeitsgebiet zu tun haben, so daß sich eine Aufzählung der Titel erübrigt, konzentrieren sich auf drei Bereiche: 1. berühmte Frauen, seien es Heilige oder politisch bedeutende Personen, 2. die rechtliche Stellung besonders der verheirateten Frau und 3. der Platz der Frau im täglichen Leben, zumeist erläutert an Fällen aus den Fabliaux und anderen volkssprachlichen Literaturdenkmälern.
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    D. J.


  15. Srednie veka, vypusk 57 [Das Mittelalter Bd. 57] Moskwa 1994, Nauka, 320 S., ISBN 5-02-009765-9. - Der in russischer Sprache gehaltene Sammelband enthält folgende Studien: M. Abramsson, Das Königreich Sizilien als eine besondere Variante der staatlichen Struktur im Abendland (S. 3-16), beschreibt die zentralistisch organisierten Verwaltungsstrukturen Siziliens und betont die starke Rolle Friedrichs II. bei ihrer Ausformung. - A. Swanidse, Tod, Mord und Königsmord im Kontext der sozialen Konflikte und des Bewußtseins der frühen Klassengesellschaft Nordeuropas (S. 17-45), macht aufmerksam auf das Weiterleben von vorchristlichen Archetypen in der skandinavischen Gesellschaft und betrachtet verschiedene Arten von Königsmord als wichtigstes Mittel zur Lösung von sozialen Konflikten. - A. Rolova, Der italienische Kaufmann und seine wirtschaftliche und finanzielle Tätigkeit im 13.-15. Jh. (S. 62-74), umschreibt den allgemeinen Typus des Kaufmanns. Unter dem übergreifenden Titel "Das mittelalterliche Recht" werden zwei Aufsätze veröffentlicht: A. Roga_evskij, Das himmlische und das irdische Gericht: die Denkmäler des Magdeburger Stadtrechts (14.-16. Jh.) und die Rechtsauffassungen der deutschen Bürger (S. 75-93), benutzt das sächsische Weichbildrecht, das sog. Meißner Rechtsbuch, die Magdeburger Fragen, einige lokale Rechtsdenkmäler sowie Schriften von Nikolaus Wurm und Albert Pölmann, um die Heterogenität des Rechtsbewußtseins des spätma. deutschen Bürgertums zu demonstrieren. - O. War'jaš, Die Juden im portugiesischen Recht im 13.-14. Jh. (S. 94-102), zeigt, wie die königliche Gesetzgebung in Portugal allmählich beginnt, in das innere Leben der jüdischen Gemeinden einzugreifen. Der Teil "Frauen in der mittelalterlichen Welt" besteht aus drei Aufsätzen: L. Repina, "Frauengeschichte": theoretische und methodische Probleme (S. 103-109), gruppiert die Tendenzen in der modernen Historiographie der "Frauengeschichte" in "rein feministische", "neomarxistische", "poststrukturalistische" und "synthetische". - O. Akimova, Die Frau und das Verständnis der weiblichen Sphäre auf dem nordwestlichen Balkan vom 13. bis 15. Jh.: ein Dialog von Kulturen (S. 110-125), vergleicht auf Grund von Rechtsdenkmälern die Lage der Frauen in dalmatinischen Städten und im slawischen Hinterland. - A. Jastrebickaja, Das Problem des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern als dialogische Struktur der mittelalterlichen Gesellschaft im Lichte des modernen historiographischen Prozesses (S. 126-136), betont für das Mittelalter eher die Partnerschaft im Verhältnis zwischen den Geschlechtern. - I. Krasnova, Das politische System in Florenz in der Vorstellung Girolamo Savonarolas (S. 137-157), stellt in den Auffassungen Savonarolas eine Entwicklung fest von seinen Predigten 1494, wo er für eine oligarchische Verfassung in Florenz nach dem venezianischen Muster plädierte, bis zu seinem Traktat 1498 "Reggimento di Firenze", in welchem er einem republikanischen System zuneigt. - L. Bragina, Familie, Gesellschaft und Staat in der humanistischen Auffassung von Leon Battista Alberti (S. 194-208), vergleicht die früheren und die späteren Traktate Albertis, um zu zeigen, wie er die Notwendigkeit der Harmonie sowohl zwischen verschiedenen Generationen in einer Familie als auch zwischen den privaten und öffentlichen Interessen immer mehr betonte. Im Teil "Aus der Geschichte der Mediävistik" gibt es zwei Artikel: T. Sidorova, Frederic William Maitland: Die Entwicklung eines Historikers (S. 209-222), beschreibt den Lebensabschnitt Maitlands bis 1884. - A. Gorjainov, A. Ratobyl'skaja, Dmitrij Jegorov: wissenschaftliches Erbe und Schicksal eines Mediävisten (S. 223-234), skizzieren die Biographie des Autors der "Kolonisation Mecklenburgs im 13. Jh.". In die Abteilung "Hilfswissenschaften zur mittelalterlichen Geschichte" gehört: T. Stukalova, Münzprägung in Amiens: Graf, Bischof, Stadt (Ende 10.-12. Jh.) (S. 235-248), rekonstruiert die Chronologie von verschiedenen Münztypen aus Amiens und vermutet, daß der Typ ISIA MUNAI vor dem Typ PAX liegt und von dem Chatelain von Amiens geprägt wurde. W. Saks, Der Norwegische Kaufmann der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts im "Königsspiegel" ("Konungsskuggsja")(S. 254-261), zeigt die rückwärtsgerichtete Mentalität der norwegischen Kaufleute, die an den Traditionen der Wikingerzeit festhielten und darüber hinaus bei erster Gelegenheit ihren Gewinn in Grund und Boden investierten. Im Teil "Publikationen" findet man drei Texte: S. Cervonov (†), O. Var'jaš, Urkunden der spanischen Könige aus der Lichacev-Sammlung (S. 262-273), veröffentlichen drei Urkunden aus dem Archiv der St. Petersburger Abteilung des Instituts für Geschichte : von Alfons VII. (März 1137), von Alfons X. (2. 9. 1255) und von Fernando IV. (11.5.1300). - N. Sredinskaja, Ein Vertrag über die Verleihung eines Ochsen ("zoatica") aus dem Archiv der Grafen Sakrati (S. 274-278), druckt eine Urkunde aus Ferrara vom 1. 9. 1330 ab. - N. Losovskaja, Iohannes Scottus Eriugena, Periphyseon (De divisione naturae) (S. 279-289), übersetzt ins Russische ein Fragment aus dem III. Buch von Eriugena. Zum Schluß wird von I. Frolova die Bibliographie der 1991 in der UdSSR erschienenen Literatur zur Geschichte des MA zusammengestellt (S. 301-314). Wie fast immer enthält auch dieser Band eine Reihe von Aufsätzen zur Geschichte der frühen Neuzeit.
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    Michail A. Bojcov


  17. August Nitschke, Fremde Wirklichkeiten II. Dynamik der Natur und Bewegungen der Menschen (Bibliotheca Eruditorum. Internationale Bibliothek der Wissenschaften Bd. 12) Goldbach 1995, Keip Verlag, XXII u. 358 S., ISBN 3-8051-0208-9, DEM 128. - Zwei Jahre nach Erscheinen des ersten Teiles der gesammelten Studien von N. (vgl. DA 50, 225) werden nun 15 weitere Beiträge, die von der Antike bis in die frühe Neuzeit reichen, in der bekannten Reihe vorgelegt.
  18. &

    M. S.


  19. Religiosität und Bildung im frühen Mittelalter. Ausgewählte Aufsätze von Heinz Löwe, hg. und mit einer Einleitung versehen von Tilman Struve, Weimar 1994, Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, XV u. 384 S., ISBN 3-7400-0920-9, DEM 94. - Als Gedenkband für den 1991 verstorbenen langjährigen Tübinger Mediävisten werden hier 10 Studien von L. vereinigt und durch ein Register erschlossen, die den durchweg sehr quellennahen methodischen Ansatz des verdienten Bearbeiters des ,Wattenbach-Levison' erkennen lassen. Während L. 1973 einen Band mit 12 seiner Arbeiten aus den Jahren 1948 und 1970 selbst herausgegeben, d.h. auch mit Berichtigungen und Literaturnachträgen versehen hatte (vgl. DA 31, 232), werden die Beiträge im vorliegenden Buch, die auch fast alle im DA angezeigt wurden (vgl. DA 33, 640; 39, 594; 40, 591 ff.; 42, 283; 42, 297; 43, 270) bzw. hier erschienen sind (DA 38, 341 ff.) in anastatischem Nachdruck präsentiert. Ein Verzeichnis der Veröffentlichungen von L. beschließt den Band.
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    M. S.


  21. Ferdinand Gregorovius und Italien. Eine kritische Würdigung. Hg. von Arnold Esch und Jens Petersen (Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom 78) Tübingen 1993, Niemeyer Verlag, VII u. 300 S., ISBN 3-484-82078-0, DEM 96. - Aus dem Band, der die Vorträge eines Kolloquiums des Deutschen Historischen Instituts in Rom vom April 1991 anläßlich der 100. Wiederkehr des Todestages des Königsberger Geschichtschreibers enthält, seien genannt: Michael Borgolte, Zwischen "englischem Essay" und "historischer Sprache". Gregorovius' "Grabmäler der Päpste" von 1854/81 (S. 97-116), Girolamo Arnaldi, Gregorovius als Geschichtsschreiber der Stadt Rom: das Frühmittelalter. Eine Würdigung (S. 117-130), sowie auch Arnold Esch, Gregorovius als Geschichtsschreiber der Stadt Rom: sein Spätmittelalter in heutiger Sicht (S. 131-184). In ihnen werden die Genese der "Papstgrabmäler" und der Vergleich des Essays (1854) mit der Buchausgabe (1857/81) durchgeführt, die zeitbedingte Sicht vieler Ereignisse, aber auch die bleibenden Erkenntnisse seiner Geschichte der Stadt Rom und (in allen drei Arbeiten) das schwierige Verhältnis zwischen Gregorovius und der Zunft der MA-Historiker herausgearbeitet.
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    D. J.


  23. Brigitte Waché, Monseigneur Duchesne (1843-1922). Historien de l'Eglise, Directeur de l'École française de Rome (Collection de l'École française de Rome 167) Rom 1992, École française de Rome, XII u. 757 S., ISBN 2-7283-0259-6, FRF 575. - Im Mittelpunkt der umfangreichen Studie über den bedeutenden französischen Kirchenhistoriker, von 1895 bis zu seinem Tod 1922 Direktor der École française de Rome, steht die Spannung zwischen Theologie und persönlichem Glauben einerseits und der konsequenten Anwendung der historisch-kritischen Methode andererseits, die Duchesnes ganzes wissenschaftliches Werk durchzog und ihm 1912 die Indizierung seiner dreibändigen "Histoire ancienne de l'Église" eintrug. Beachtens- und lesenswert für uns sind die Passagen über die Edition des Liber Pontificalis (1886/92), die in Konkurrenz zur MGH-Edition Th. Mommsens entstand, die Auseinandersetzung mit B. Krusch über den historischen Wert der merowingischen Heiligenleben und in ihrem Gefolge die Abfassung der "Fastes épiscopaux de l'ancienne Gaule" (1894/1915), mit denen der endgültige Nachweis geführt wurde, daß sich kein gallisches Bistum auf einen Apostelschüler als Gründer berufen konnte (S. 277-327).
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    D. J.


  25. Eretici ed eresie medievali nella storiografia contemporanea, a cura di Grado Giovanni Merlo. Atti del XXXII Convegno di studi sulla Riforma e i movimenti religiosi in Italia (Bollettino della Società di Studi Valdesi 174) Torre Pellice 1994, Società di Studi Valdesi, 152 S., keine ISBN. - Nach einer einleitenden Reflexion von Ovidio Capitani, Eresie nel medioevo o medioevo ereticale? (S. 5-15), enthält der Band die folgenden Forschungsberichte: Giorgio Cracco, Eresiologi d'Italia tra Otto e Novecento (S. 16-38). - Peter Biller, La storiografia intorno all'eresia medievale negli Stati Uniti e in Gran Bretagna (1945-1992) (S. 39-63). - Werner Maleczek, Le ricerche eresiologiche in area germanica (S. 64-93). - André Vauchez, Les recherches françaises sur les hérésies médiévales au cours des trente dernières années (1962-1992) (S. 94-108). - Romolo Cegna, Eresie e movimenti religiosi in Polonia e in Boemia-Moravia nel medioevo (Repubblica Ceca) (S. 109-125). - Roberto Rusconi, Valdesio di Lione e Francesco d'Assisi, ,valdesi' e ,francescani' (S. 126-152).
  26. &

    R. S.


  27. Michael Borgolte, Der mißlungene Aufbruch. Über Sozialgeschichte des Mittelalters in der Zeit der deutschen Teilung, HZ 260 (1995) S. 365-394, hält Rückschau auf verschiedene Bestrebungen von Mediävisten im Osten wie im Westen Deutschlands, eine gesamthafte Betrachtung des MA unter den Vorzeichen von Sozial-, Struktur-, Gesellschaftsgeschichte o. ä. zu etablieren, und meint, vielleicht doch ein wenig überspitzt, daß dies "ohne die Gegensätze zwischen DDR und BRD sowie die Bereitschaft der Mittelalterhistoriker in beiden Staaten, auf sie Rücksicht zu nehmen" (S. 390), mehr und nachhaltiger Erfolg gehabt hätte. Daraus leitet er die Aufforderung ab, "die Frage nach der Gesellschaft im Mittelalter jetzt neu zu stellen" (S. 392).
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    R. S.


  29. Stefanie Barbara Berg, Heldenbilder und Gegensätze. Friedrich Barbarossa und Heinrich der Löwe im Urteil des 19. und 20. Jh. (Geschichte Bd. 7) Münster und Hamburg 1994, Lit Verlag, XIII u. 385 S., ISBN 3-8258-2121-8, DEM 38,80. - MA-Rezeption wird seit einigen Jahren mit großem Eifer erforscht. Doch ist auch bei der Rezeption zentraler Sachverhalte noch einiges zu tun, und so ist diese Arbeit, wo sie sich um die Verarbeitung der Geschichte Barbarossas und Heinrichs des Löwen in den Epen, Dramen und Gedichten des 19. Jh. bemüht, willkommen. Doch bemüht sich die Vf. auch um nicht selten dargestellte Hergänge wie die Kontroverse um die "Italienpolitik" der ma. Kaiser. Man ist irritiert, wenn sie wiederholt von den "Gesetzmäßigkeiten", die Rezeptionsprozessen eigneten, spricht (S. 18 u. ö.). B. steht der "Rezeptionskritik", also den mehr oder weniger naiven Bemühungen, nicht Rezeption zu erforschen, sondern früheren Rezipienten Zensuren zu verpassen, kritisch gegenüber, aber frei von solcher Naivität ist sie ihrerseits nicht. So erfährt der Umgang mit der Reichsburg Trifels starken Tadel. Man fragt sich aber, ob die "ideologische Willkür" und die "Wahllosigkeit im Umgang mit der mittelalterlichen Vergangenheit" (S. 240) den Trifels nicht z. B. mit der am Ende des 19. Jh. wiederaufgebauten Goslarer Pfalz und der bald darauf errichteten "mittelalterlichen" Burg Dankwarderode verbinden. Resümierend spricht die Vf. vom "selektiven und fragmentarischen Charakter neuzeitlich-gegenwärtiger Mittelalter-Rezeption" (S. 330). Doch wann gingen Historiker nicht selektiv vor, und wann brächten sie etwas anderes zustande als Fragmente? Dieses Buch ist ein weiteres Zeugnis dafür, daß Anfänger mit derartigen Studien wohl doch überfordert sind.
  30. &

    Hartmut Boockmann


  31. Clavis Apocryphorum Novi Testamenti, cura et studio Mauritii Geerard (Corpus Christianorum, Continuatio Mediaevalis, Claves) Turnhout 1992, Brepols, XIV u. 254 S., ISBN 2-503-50251-2, BEC 3900. - Armenische, koptische, glagolitische und georgische Texte überliefern neben griechischen und lateinischen (in reichlich komplizierten gegenseitigen Abhängigkeiten) die außerkanonischen biblischen Geschehnisse; Einfluß und Verbreitung dieser Schriften werden besonders in der bildenden Kunst deutlich. Der Schlüssel zu diesen Apokryphen, den der verdiente Vf. der Clavis Patrum Graecorum vorlegt, unterteilt das zum Teil an sehr entlegenen Orten publizierte Material in apokryphe Evangelien, Marienerzählungen, Apostelakten und Apokalypsen. Zu jedem der insgesamt 346 Texte werden die wichtigsten weiterführenden Angaben gemacht, bei problematischen Stücken Erklärungen unter "Nota" beigegeben oder kontroverse Diskussionen (wie bei den Gruppenabhängigkeiten der Transitus Mariae) als "Conatus, qui inter se non concordant" notiert.
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    G. S.


  33. Clavis patristica pseudepigraphorum Medii Aevi Vol. IIA (Praefatio), Theologica, Exegetica; Vol. IIB Ascetica, Monastica (Indices), cura et studio Iohannis Machielsen (Corpus Christianorum, Series Latina, Claves) Turnhout 1994, Brepols, XXI u. 1212 S., ISBN 2-503-50010-2 bzw. 2-503-50404-3, BEC 14.000. - Von dem DA 47, 253 angezeigten Unternehmen liegt nunmehr die zweite Abteilung vor, deren sehr heterogenes Material auf Grundlage gedruckter Repertorien und großer Editionscorpora zusammengestellt wurde (Clavis Patrum; Frede, Kirchenschriftsteller; Schaller-Könsgen, Incipitarium; Stegmüller, Migne, CC, CSEL u. a.). Die Aufsplitterung in thematische Gruppen verlangt vom Leser in der Regel eine Suche in allen vier Abteilungen, zudem empfiehlt es sich, auch bei anderen Autoren nachzuschauen, denen eine bestimmte Schrift ebenfalls zugeschrieben ist, wo weitere Informationen geboten sein können. Unter diesen Voraussetzungen kann man aus dem Repertorium wertvolle Auskünfte erhalten, wie S. 868, wo zur Regula Magistri die bisher vorgebrachten Vermutungen über den Autor übersichtlich zusammengestellt sind. Verdienstlich ist die Berücksichtigung von Florilegien, Epitomen und Exzerptensammlungen. Eine Rubrik "Fontes - usus", die mit gutem Grund die Prioritätenfrage offen läßt, weist auf Beziehungen zwischen Texten hin. Die herausragende Rolle Augustins ist in diesem Band nicht so ausgeprägt wie bei den Predigten, in der Abteilung Exegetica steht, nicht eben überraschend, Hieronymus an erster Stelle, dem nicht nur die meisten Kommentare zu Unrecht unterschoben wurden, sondern dessen echte Kommentare auch besonders häufig unter fremdem Namen liefen. Im Werk selbst wird für Zitierungen die Abkürzung "CPPM" vorgeschlagen und ein weiteres Nachschlagewerk angekündigt, das eine Übersicht über anonyme Werke geben soll und nach dem Willen des Hg. mit "CACL" zu zitieren sein wird (Clavis anonymorum christianorum latinorum).
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    G. S.


  35. Marienlexikon, hg. im Auftrag des Institutum Marianum Regensburg e. V. von Remigius Bäumer und Leo Scheffczyk, 6 Bände, St. Ottilien 1988 bzw. 1989 bzw. 1991 bzw. 1992 bzw. 1993 bzw. 1994, 672 S. bzw. 704 S. bzw. 704 S. bzw. 703 S. bzw. 704 S. bzw. 872 S., zahlr., teils farbige Abb., ISBN 3-88096890-X bzw. 3-88096-892-6 bzw. 3-88096-893-4 bzw. 3-88096-894-2 bzw. 3-88096- 895-0 bzw. 3-88096-896-9, insgesamt DEM 850. - Innerhalb beeindruckend kurzer Zeit ist ein umfassendes Nachschlagewerk für den "Fachwissenschaftler, Seelsorger und interessierten Laien" zur Marienverehrung in Geschichte und Gegenwart erschienen, dessen Überfülle an dieser Stelle nicht annähernd charakterisiert und schon gar nicht im einzelnen aufgearbeitet werden kann. Es mag der generelle Hinweis genügen, daß eine (natürlich immer noch nicht erschöpfende) Flut von Orts- und Personenartikeln den Hauptinhalt ausmacht, daneben aber durchaus auch Überblicksthemen angesprochen werden (z. B. "Frau", "Feministische Theologie" usw.) und vieles, was nur irgendwie mit Marienverehrung in Verbindung gebracht werden konnte (vgl. z. B. "Akelei"). Das MA ist reich mit Personennamen, Hymnologischem, Ikonographischem, Ordens- und Dogmengeschichtlichem vertreten, wobei in den ma. Überblicksartikeln die Zielgruppe doch eher vom Spezialisten zum "interessierten Laien" mutierte (vgl. den Artikel "Mittelalter" selbst). Daß das Lexikon seine Kirchlichkeit verleugne, wird man nicht erwarten, daß es aber die Rolle der ma. Päpste bei der Entwicklung der Marienverehrung zumindest im Überblicksartikel "Papsttum" auf knapp 30 Spaltenzeilen untergebracht hat, ist fast schon wieder ungerecht.
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    H. S.


  37. Thomas Kaeppeli - Emilio Panella, Scriptores Ordinis Praedicatorum Medii Aevi, Bd. 4 (T-Z). Praemissis addendis et corrigendis ad volumina I-III, Romae 1993, Istituto Storico Domenicano, 718 S., keine ISBN. - Nach dem 1980 erschienenen 3. Bd. (vgl. DA 38, 585) ist hiermit der letzte des umfangreichen Werkes anzuzeigen, dessen Vollendung Pater Kaeppeli († 1984) leider nicht mehr erleben konnte. Er enthält (S. 11-282) zahlreiche Corrigenda und Addenda zu den ersten 3 Bänden sowie das Werkeverzeichnis mit Überlieferungsangaben und Literatur zu 433 weiteren Autoren (T-Z) des Dominikanerordens bis ca. 1500. Insgesamt bietet das Werk nunmehr 4089 Einzelartikel, und das gesamte Material ist in diesem letzten Band durch folgende Indices erschlossen: Index scriptorum alphabeticus (S. 491-550), Index scriptorum chronologicus (S. 551-578), Index incipitarius (S. 579-718).
  38. &

    M. P.


  39. Lexicon musicum Latinum medii aevi. Wörterbuch der lateinischen Musikterminologie des Mittelalters bis zum Ausgang des 15. Jahrhunderts, hg. von Michael Bernhard, 1. Faszikel: Quellenverzeichnis (Bayerische Akademie der Wissenschaften. Musikhistorische Kommission) München 1992, Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, in Kommission bei der C. H. Beck'schen Verlagsbuchhandlung München, CVI S., ISBN 3-7696-6501-5, DEM 42. - Anzuzeigen ist eine Publikation, welche "die Erfassung und Erforschung der lateinischen musikalischen Fachsprache des Mittelalters" zum Ziel hat und dazu beitragen möchte, "die Beschäftigung mit der Musik des Mittelalters ... auf eine wissenschaftlich gesicherte Grundlage zu stellen". Der Zeitraum für die Sammlung der Belege erstreckt sich vom Beginn der Karolingerzeit bis zum Ende des 15. Jh. Im Vorwort legt B. die Einrichtung des Lexikons dar und schildert die Vorgeschichte des Unternehmens, an dem Ludwig Waeltner († 1975) maßgeblich beteiligt war.
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    A. G.


  41. Pierre Miquel, Dictionnaire symbolique des animaux. Zoologie mystique, Paris 1991, Le Léopard d'Or, 286 S., ISBN 2-86377-106-X, FRF 245. - Die Aussagen über das Wesen der Tiere, die Dom Miquel hier - alphabetisch nach den französischen Bezeichnungen geordnet - zusammenstellt, sind antiken und ma. Werken entnommen. Letztere werden in einer "Bibliographie patristique" zusammengefaßt, die von Isidor über Hildegard (welche damit vermutlich zur Kirchenmutter erhoben wird) bis Raymundus Lullus reicht, wozu einige mehr zufällige bibliographische Angaben geboten werden.
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    G. S.


    2. Hilfswissenschaften und Quellenkunde

  43. Identifier sources et citations, Jacques Berlioz avec la collaboration de Joseph Avril, Louis-Jacques Bataillon, Nicole Bériou, Laurence Bobis-Sahel, Gilbert Dahan, Gérard Giordanengo, Bertrand-Georges Guyot, Eric Palazzo, (L'atelier du médiéviste 1) Turnhout 1994, Brepols, 336 S., ISBN 2-503-50311-X, FRF 195, BEC 1108. -$Der hier als Band 1 einer auf viele Bände konzipierten Reihe anzuzeigende soll als Hilfsmittel für Studenten und Forscher den Zugang zu den ma. Quellen erleichtern und bietet in 19, von verschiedenen Autoren verfaßten Kapiteln kurze, erkennbar auf die Praxis abzielende Informationen bibliographischer und sachlicher Art, beginnend mit der lateinischen Bibel und ihren Glossen und endend mit (auf den französischen Interessentenkreis zugeschnittenen) "nützlichen Adressen" (Bibliotheken, Editoren, Buchhandlungen und Vertriebsfirmen von CD-ROMs). Dazwischen liegen Hinweise für die Identifikation eines ma. Autors oder Werkes, Informationen über lateinische Übersetzungen aus dem Griechischen, Arabischen und Hebräischen, über Hilfsmittel zur Identifikation "anonymer" Zitate (u. a. Florilegien), Poesie und Gebete, Sprichwörter, Sentenzen, Liturgica, Römisches und Kanonisches Recht, Konzilien, Hagiographie, Predigten, Exempla, Märchen und Erzählmotive, Enzyklopädien und Ikonographie. Zum Schluß wird noch eine Gebrauchsanweisung für den Migne (einschließlich seiner Indizes) geboten. Die bibliographischen Hinweise sind im wesentlichen auf dem neuesten Stand, aber kleinere Lücken, Versehen und Druckfehler sind bei der Menge der Angaben unvermeidlich (z. B. S. 183 "Concilia episcoporum" statt Capitula episcoporum; als Hinweis bei den Kapitularien hätte man sich die Nennung von F. L. Ganshof, Was waren die Kapitularien? gewünscht, zumal dieses Werk ja auch auf Französisch erschienen ist). Das ganze ist garniert mit praktischen Tips (Wie identifiziert man ein kanonistisches Zitat? "Une tâche délicate!") und manchmal auch Facsimiles (wie beim Decretum Gratiani [mit Erläuterungen; Numerierung, Rubrik, Inskriptionen, Text, Dicta Gratiani, Paleae usw.]). Alles in allem: ein im wesentlichen auf französischsprachige Studenten berechnetes Werk, zu dem aber auch der Fachmann greifen kann, wenn er sich mit einer ihm unvertrauten Materie konfrontiert sieht. Das Buch enthält einen bibliographischen und einen Sachindex.
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    G. Sch.


  45. Bibliographie annuelle du moyen-âge tardif. Auteurs et textes latins vers 1250-1500, Bd. 3 u. 4. Rassemblée à la section latine de l'Institut de recherches et d'histoire des textes (C.N.R.S.) par Jean Pierre Rothschild, Turnhout 1993 bzw. 1994, Brepols, 527 bzw. 536 S., ISBN 2-503-50350-0 bzw. 2-503-50415-9. - Nunmehr zum dritten und vierten Mal legt R. seine Bibliographie vor, diesmal mit dem Berichtszeitraum Sommer 1992 bis Frühjahr 1993 bzw. Sommer 1993 bis Frühjahr 1994. Es ist beeindruckend, wie ein einzelner Bearbeiter in so kurzer Zeit eine so umfassende Orientierungshilfe vorlegen kann. Neben den nach Autoren bzw. Textnamen geordneten annotierten Angaben zur Sekundärliteratur werden auch die Textfunde in Hss.katalogen und Inkunabelverzeichnissen angezeigt, diese sogar mit Initien. Register der über die ausgewerteten Hss.kataloge hinaus zitierten Hss. sowie sämtlicher Initien runden ein Werk ab, das für die Auseinandersetzung mit der unübersichtlichen Landschaft des spätma. Schrifttums ein unentbehrliches Hilfsmittel darstellt und überdies mehr und mehr die Funktion eines internationalen Gesamtindex der publizierten Hss.kataloge auf sich nimmt, und dem man gerne den einen oder anderen kleineren Fehler verzeiht.
  46. &

    A. M.-R.


  47. Bewahren und Umgestalten. Aus der Arbeit der Staatlichen Archive Bayerns. Walter Jaroschka zum 60. Geburtstag. Hg. von Hermann Rumschöttel und Erich Stahleder (Mitteilungen für die Archivpflege in Bayern. Sonderheft 9) München 1992, Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, XIII u. 372 S., 12 Abb., ISBN 3-921635-21-7, DEM 90. - Der Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, dessen zentrale Anliegen und archivische Leistungen in einem Geleitwort gewürdigt werden, wurde mit einer Festschrift geehrt, die 32 Beiträge von Kolleginnen und Kollegen aus der bayerischen Archivverwaltung zu folgenden Themenkreisen enthält: I. Archive und Archivare - Geschichte, Ausbildung, Berufsbild. II. Archivbestände - Struktur und Inhalt. III. Archivierung - Zwischen Erfassung und Auswertung. Auf folgende Beiträge sei hingewiesen: Karl-Otto Ambronn, Archiv, Registratur, Kanzlei: Beobachtungen zur Frühgeschichte des oberpfälzischen Regierungsarchivs im 15. und 16. Jh. (S. 3-14). - Peter Moser, Die Fragmentensammlung des Staatsarchivs München (S. 127-136, 4 Abb.), gibt einen Überblick über diesen neuerdings durch ein Repertorium erschlossenen Bestand, zu dessen Kostbarkeiten ein Doppelblatt des im 8. Jh. entstandenen "Ingolstädter Evangeliars" sowie elf Fragmente der Handschrift Q des Nibelungenliedes zählen. - Klaus Frhr. von Andrian-Werburg, Quellen zur Rechtsgeschichte im Archiv. Die Ansbacher Stadt- und Gerichtsbücher im Staatsarchiv Nürnberg (S. 151-158). - Franz Machilek, Zu einem Profeßzettel aus dem Augustiner-Chorherrenstift Langenzenn vom Jahre 1424 (S. 324-331, 1 Abb.): Das wegen der Art des Beglaubigungsmittels und auch inhaltlich bemerkenswerte Stück gehört einer Quellengattung an, die nach den Darlegungen des Vf. größere Beachtung als bisher verdient. - Am Schluß des Bandes sind die Veröffentlichungen des Jubilars zusammengestellt.
  48. &

    A. G.


  49. Übersicht über die Bestände des Niedersächsischen Hauptstaatsarchivs Hannover. Bd. 4: Deposita, Kartenabteilung und Sammlungen bis 1945, bearb. von Manfred Hamann, Christine van den Heuvel und Peter Bardehle (Veröffentlichungen der Niedersächsischen Archivverwaltung 47) Göttingen 1992, Vandenhoeck & Ruprecht, 492 S., ISBN 3-525-35531-9, DEM 98. - Mit dem vorliegenden Band sind, "soweit dies eben möglich ist", die Vorkriegsbestände des Archivs erfaßt (zu den Bänden 1-3 vgl. DA 22, 285; 25, 247; 40, 241). Von den hier beschriebenen Beständen hat nur die ca. 60000 Stücke umfassende Kartenabteilung das Bombardement von 1943 ohne größere Verluste überstanden. Dagegen ist die Sammlung von Hss. und Kopialbüchern mit wenigen Ausnahmen zerstört worden. Relativ glimpflich ist die Abteilung Deposita davongekommen, doch bleibt zu beachten, daß ein Teil des vom Feuer verschonten Schriftguts von dem Leine-Hochwasser 1946 in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Trotz dieser Verluste ist dieser Bestand dank weiterer Deponierungen heute erheblich bedeutsamer als vor dem Kriege. Er umfaßt 1. das Archiv des hannoverschen Königshauses, 2. Archive von Land- und Ritterschaften, 3. Archive von Städten und Gemeinden, 4. Archive von Kirchen und kirchlichen Institutionen, 5. Familien- und Gutsarchive und 6. Verschiedene Archive (wie z. B. das Archiv des Historischen Vereins für Niedersachsen). Besonders hervorgehoben zu werden verdient die auf den Halberstädter Oberlandesgerichtsrat Ernst Georg Hecht (1775-1840) zurückgehende "Hechtsche Sammlung" (S. 151-153), die seinerzeit Gustav Schmidt, dem Bearb. des UB der Stadt Halberstadt, nicht zugänglich war und deren verbliebene Teile (u. a. Urkunden von ca. 1200 an, ein Kopialbuch von Unserer Lieben Frau zu Halberstadt aus dem 14. Jh. und Abschriften urkundlicher und erzählender Quellen vom 14. Jh. an) 1950 nach Hannover gelangten. Insgesamt ist die Bestandsübersicht vor allem eine Fundgrube für die Landes- und Ortsgeschichte. Der Inhalt des Bandes wird durch umfangreiche Indices der Orte, Personen und Sachen erschlossen.
  50. &

    A. G.


  51. Roman Fischer, Findbuch zum Bestand Frankensteinische Lehenurkunden 1251-1812. Mit einem Bildanhang (Mitteilungen aus dem Frankfurter Stadtarchiv 12) Frankfurt am Main 1992, Verlag Waldemar Kramer, 160 S., zahlreiche Abb., ISBN 3-7829-0433-8, DEM 28. - Das vorliegende Findbuch zu den Lehenurkunden der Familie Frankenstein, die 1522 über die Familie von Cleen das Archiv der Ritter von Sachsenhausen geerbt hat, umfaßt 143 Nummern und beginnt mit einem Diplom Konrads IV. (BF 4546), das im Bildanhang vollständig abgebildet ist (Abb. 11); darüber hinaus enthält es eine Reihe weiterer Königs- und Kaiserurkunden, die der Forschung z. T. bisher unbekannt geblieben sind. Das im Anhang abgedruckte Verzeichnis gibt Auskunft über "Die verlorenen Archivalien aus dem Ratsarchiv der Stadt Frankfurt über die Familien Cleen/ Frankenstein". Ein Register erschließt die Namen.
  52. &

    A. G.


  53. Heinz Erich Stiene, Eine Handschrift aus der Abtei Brauweiler in der Sächsischen Landesbibliothek zu Dresden (Codex A 62), Pulheimer Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde 17 (1993) S. 108-121, verfolgt den Weg der im 11. Jh. angelegten Sammel-Hs. mit spätantiken Viten und Legenden von Brauweiler über Erfurt und Basel nach Dresden und macht dabei weitere Mitteilungen über den Verbleib ma. Codices des rheinischen Klosters.
  54. &

    R. S.


  55. Marie-José Gasse-Grandjean, La naissance de la bibliothéque de Remiremont. D'une bibliothèque privée à une bibliothèque publique: "L'Affaire Andreu", Annales de l'Est 5e série 46 (1994) S. 83-102, beschreibt im Anhang sechs ma. Hss. der Abteien Remiremont und Senones, die heute in der Bibliothèque municipale zu Epinal aufbewahrt werden (ms. 105, 118, 119, 147, 167, 195).
  56. &

    Rolf Große


  57. Anne Bondéelle-Souchier, Les moniales cisterciennes et leurs livres manuscrits dans la France d'Ancien Régime, Cîteaux 45 (1994) S. 193-337, bereichert ihre Studien über die ma. Männerklöster des Ordens (1991) um weitere über die Bibliotheken der Ordensschwestern. Die in DA 50, 244 f. gemachten Bemerkungen zu Aufbau und Würdigung der Forschungen von B.-S. brauchen hier nicht wiederholt zu werden. Allerdings unterscheiden sich die Bibliotheken der 153 Nonnenklöster, soweit sie sich rekonstruieren lassen, erheblich von den 248 der Ordensbrüder. Schon der Überlieferungsstand ist im jetzigen Falle oftmals jämmerlich knapp. Dies wird durch eine beigefügte Landkarte verdeutlicht, auf der Klöster mit Hinweisen auf Bibliotheksbestände eigens ausgewiesen sind. Ein wichtiger Grund für unser heute so knappes Wissen mag die thematische Zusammensetzung der Bibliotheken sein, ein anderer die Herkunft der Codices: Das Schwergewicht der Lektüre lag auf dem Gebiet der Liturgie oder der Spiritualität (meist in der Landessprache), weniger auf dem der Philosophie oder wissenschaftlichen Theologie. Als Donatoren traten neben den aristokratischen Adelsfamilien auch die betreuenden Männerklöster auf. Ein Index heute noch nachzuweisender Schriften aus den Beständen der Zisterzienserinnen weist die traurige Zahl von 65 Codices auf, was in etwa der Bibliothek eines kleinen spätma. Klosters entsprochen haben dürfte. Damit ist die ausführliche Untersuchung auch als Grundlage und Anstoß für weitere Forschungen zu begrüßen.
  58. &

    C. L.


  59. Carl-Matthias Lehmann, Der Verbleib der Bibliothek des Klosters Wedinghausen nach der Säkularisation, Westfälische Zs. 143 (1993) S. 251-256, gibt knappe Hinweise zu dem Verbleib der im Jahre 1803 vorhandenen ca. 3000 Bände und zur weiteren Geschichte der dann in Arnsberg errichteten Provinzialbibliothek.
  60. &

    Goswin Spreckelmeyer


  61. Josef Staab, Zwei Bibliotheken in Kiedrich aus der Zeit der Erfindung der Buchdruckerkunst, Nassauische Annalen 105 (1994) S. 79-101, macht einen Katalog des Jahres 1494 bekannt, der die Bücher des auf dem Kiedricher Klosterhof Eberbachs verstorbenen Zisterziensers Johannes Sachs verzeichnet (28 Bde., davon sicher 8 als Drucke, nur ein Band als Hs.). Dazu kommt ein Verzeichnis des Jahres 1636 über 88 Bände (sicher 28 als Hss. und 12 als Drucke), die auf ein Legat des in Kiedrich 1475-1522 tätigen Altaristen Peter Battenberg zurückgehen, der bereits in seinem ersten Testament von 1505 seine Büchersammlung erwähnte.
  62. &

    E.-D.H.


  63. Inkunabelkatalog, Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, hg. von Günter Gattermann, bearb. von Heinz Finger mit Manfred Neuber, Rudolf Schmitt-Föller und Marianne Riethmüller (Schriften der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf 20) Wiesbaden 1994, Reichert, IX u. 541 S., ISBN 3-88226-728-3, DEM 110. - Mit insgesamt 998 Stücken zählt der Bestand der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf zu den größeren Inkunabelsammlungen. Er wurde jedoch aufgrund mangelhafter Erschließung zu wenig berücksichtigt. Der schwerpunktmäßig von Finger bearbeitete Band versteht sich, wie schon der aus der gleichen Werkstatt stammende "Handschriftenzensus Rheinland" (vgl. DA 51, 187ff.), als Beitrag zur rheinischen Landes- und Personengeschichte. Darum ist die Einleitung mit den Erläuterungen zu den Provenienzen (vor allem rheinische und südwestfälische Klöster) sehr ausführlich gehalten. Die Erschließung der Inkunabeln unter textgeschichtlichem Aspekt tritt demgegenüber zurück. Die Namensansetzungen erscheinen zum Teil sehr ausgefallen. Insgesamt ist die Tendenz zu beobachten, spätma. persönliche Namen als Familiennamen zu behandeln; so wird z. B. der Rechtsgelehrte Johannes de Milis unter Milis, Johannes de angesetzt. Peinlich ist die Ansetzung des apokryphen Evangelium Nicodemi unter Nicodemus (S. 361), bedauerlich der Verzicht auf die in Inkunabelkatalogen üblichen Register der an der Texterstellung des Druckes beteiligten Personen und der Buchbinder.
  64. &

    A. M.-R.


  65. Bayerische Staatsbibliothek, Inkunabelkatalog (BSB-Ink). Bd. 3., Gras-Mans, Redaktion Elmar Hertrich in Zusammenarbeit mit Günter Mayer und Gerhard Stalla, Wiesbaden 1994, Reichert, 597 S., ISBN 3-88226-452-7, DEM 245. - Mit diesem Band ist in der Erschließung der Frühdrucke gewissermaßen eine Schallmauer durchbrochen worden, die durch den schleppenden Fortgang der Arbeiten am Gesamtkatalog der Wiegendrucke (GW) aufgebaut wurde. Bisher war man für Drucke, die im Alphabet hinter dem letzten Faszikel des GW lagen, auf eine mühsame Suche quer durch unterschiedliche Repertorien und Inkunabelkataloge vom 19. Jh. an angewiesen; da es der Bayerischen Staatsbibliothek gelungen ist, den GW in erstaunlich kurzer Zeit zu überholen (derzeitiger Stand mit Bd. 9: Lemma "Grassus"), besitzen wir ein zuverlässiges Verzeichnis bis "Mans-". Natürlich wird hierdurch die Arbeit des GW nicht überflüssig, da die Beschreibungen des Münchner Kataloges auf Fingerprints und dergleichen verzichten; aber in der Text- und Druckeridentifizierung und der Zusammenstellung von Literatur zu den Drucken ist eine große Sicherheit für die Textidentifizierung gewährleistet. An dem vorliegenden Alphabetabschnitt sind die zahlreichen Ausgaben des Decretum Gratiani hervorzuheben (G-252 bis G-289 in teilweise bis zu acht Exemplaren), sowie die Werke von Päpsten (Gregorius-Päpste, Innozenz-Päpste).
  66. &

    A. M.-R.


  67. Christine Maria Grafinger, Die Ausleihe vatikanischer Handschriften und Druckwerke, 1563-1700 (Studi e testi 360) Città del Vaticano 1993, Biblioteca Apostolica Vaticana, LIX u. 719 S., ISBN 88-210-0653-0. - In den Beständen des bibliothekseigenen Archivs sowie der Biblioteca Vaticana selbst befinden sich mehrere Codices mit Ausleihgesuchen ab der offiziellen Bibliotheksgründung 1475. Diese wurden für den frühen Zeitraum von M. Bertola, I due primi registri della Biblioteca Apostolica Vaticana, Città del Vaticano 1937, bearbeitet. Dieser Band widmet sich nun dem Zeitraum 1563-1700. Zehn Quellenbände werden nach einem detaillierten Erfassungsschema ausgewertet; eine umfassende Beschreibung der einzelnen Codices ist in der Einleitung zu finden. Die Angabe des Betreffs in den Anträgen auf Ausleihe ist erfreulicherweise im Originalwortlaut mitgeteilt. Für die Mittelalter-Rezeption der frühen Neuzeit und damit die Herausbildung der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung und der Mediävistik überhaupt ist das Verzeichnis von enormem Interesse. Durch die vorzüglichen Register können sowohl die von den Ausleihern gewünschten Autoren und Texte wie auch die zahlreichen prominenten Benutzer recherchiert werden; wir sehen darunter im 16. Jh. etwa den Kirchenhistoriker Abraham Bzovius OP, Verfasser einer populären Verdammung Ludwigs des Bayern, oder im 17. Jh. Lucas Holstenius, den Hg. der großen Sammlung von Ordensregeln und Konzilien. An anderer Stelle hat G. eine exemplarische Auswertung dieser Quelle vorgelegt, auf die ausdrücklich hingewiesen sei: Christine Grafinger, Die Ausleihe von Handschriften aus der Bibliotheca Palatina im 17. Jahrhundert, Bibliothek und Wissenschaft 26 (1992/1993) S. 24-38.
  68. &

    A. M.-R.


  69. Johannes Duft - Tibor Missura-Sipos, Die Ungarn in Sankt Gallen - Magyarok Szent Gallenben. Mittelalterliche Quellen zur Geschichte des ungarischen Volkes in der Stiftsbibliothek St. Gallen - Középkori források a Szt. Galleni Alapítványi Könyvtárban, St. Gallen 1992, Kommissionsverlag Leobuchhandlung, 87 S., 17 Taf., ISBN 3-9520218-0-6, CHF 29, ist eine Neuauflage des DA 14, 295 angezeigten Bandes mit parallel gedruckter ungarischer Übersetzung und einem Nachwort über das Schicksal des Mitheraus- und Geldgebers, eines 1956 emigrierten Arztes. Die Versicherung "Um aber den Leser nicht zu verwirren, wird von gelehrten Anmerkungen im Text abgesehen" (S. 8), hat etwas Beruhigendes.
  70. &

    G. S.


  71. Eduard Junyent i Subirà, Diplomatari i escrits literaris de l'abat i bisbe Oliba, a cura d'Anscari M. Mundó (Institut d'Estudis Catalans. Memòries de la secció històrico-arqueològica, 44). Barcelona 1992, Institut d'Estudis Catalans, XXXIII und 467 S., ISBN 84-7283-204-X. - Oliba, um 971 als Sohn eines Grafen von Cerdanya und Besalú geboren, übernahm nach dem Eintritt seines Vaters in Montecassino nur für kurze Zeit seinen Teil des Erbes. 1002 in Ripoll Mönch geworden, 1008 gleichzeitig hier wie in Cuixà zum Abt gewählt, 1017 zum Bischof von Vic erhoben, entfaltete er bis zu seinem Tod (1046) eine rastlose Tätigkeit. Neben mehreren Romreisen sowie der Teilnahme an Synoden und gerichtlichen Verhandlungen sind zahlreiche Kirchweihen und Klostergründungen (darunter das katalanische Nationalheiligtum Montserrat) bezeugt. Für das neu erwachende katalanische Selbstbewußtsein stellte Oliba eine Hauptfigur nicht nur der ma., sondern der gesamten Geschichte der Region dar. Im Jahr 1948 wurde dem Institut d'Estudis Catalans eine Arbeit vorgelegt, die seinerzeit einen Preis erhielt. Unglückliche Umstände verhinderten die Publikation einer überarbeiteten Fassung noch zu Lebzeiten des Autors († 1978); vgl. auch DA 46, 579f.). Der nun veröffentlichte Band besteht - nach einer Einleitung mit ausführlicher Bibliographie (S. XI-XXXIII) - aus drei Teilen. Den Hauptteil (S. 3-278) macht das 164 Texte umfassende Diplomatari aus, in dem chronologisch geordnet alle Urkunden sowie Notizen über Deperdita abgedruckt werden, die etwas mit Oliba zu tun haben. Die Texte sind jeweils mit in katalanischer Sprache abgefaßten Kopfregesten, Angaben zu Überlieferung und Drucken sowie ziemlich ausführlichen Kommentaren versehen. Es folgt eine Appendix mit einer Liste der insgesamt 70 Schenkungen, die Ripoll unter Oliba erhielt (S. 279-298); sie beruht auf der Auswertung eines jüngst aufgetauchten Registers aus dem 17. Jh., in dem die heute z. T. verschollenen Urkunden des Klosters verzeichnet sind. Den dritten Teil bildet ein Abdruck literarischer Zeugnisse (S. 299-432), der die Texte umfaßt, die aus der Feder Olibas stammen (Gedichte, Briefe, Predigten) oder an ihn gerichtet sind; abschließend werden ma. Texte und Notizen zusammengestellt, die sich auf Oliba beziehen. Das gesamte Material wird durch einen Namenindex erschlossen. Die Publikation zeigt eindrücklich den Reichtum der Quellen der iberischen Halbinsel; es findet sich hier z. B. eine ganze Reihe von bislang unpublizierten Privaturkunden des endenden 10. und beginnenden 11. Jh. Hier können nur einige wenige Texte hervorgehoben werden. Inventare des Klosterschatzes sowie ein Bücherverzeichnis von Ripoll aus den Jahren 979, 1008 und 1047 sind S. 6 ff., S. 43 ff. und S. 396 ff. abgedruckt. Zu den Urkunden der Päpste Sergius IV. und Benedikt VIII. S. 57 ff., S. 63 ff., S. 70 f. und S. 71 ff. wäre unter den Publikationsorten H. Zimmermann, Papsturkunden 2 (1989) Nr. 455, 454, 509 und 512 nachzutragen, wobei man aber die Bemerkungen der katalanischen Edition zur Überlieferung gerne zur Kenntnis nehmen wird; zu dem S. 112 ff. abgedruckten Brief an Benedikt VIII. vgl. Böhmer-Zimmermann Nr. 1257. Als Zeuge tritt Oliba in einer Urkunde auf, mit der der Bischof von Barcelona Grundbesitz verkaufte, um für die Bibliothek seiner Kathedrale zwei Bände Priscian zu erwerben, quia bene decet eos habere omnis Christi ecclesia (1044, S. 263 f.). Schließlich seien aus dem dritten Teil noch die beiden Briefe Olibas an König Sanç von Navarra erwähnt (1023 und 1024/25, S. 327 ff., S. 333), in deren erstem er sich ausführlich über die kirchlichen Verbote der Verwandtenehe äußert, sowie sein Schreiben an die Mönche von Ripoll, in dem er ihnen die auf einer Synode in Vic getroffenen Maßnahmen für den Gottesfrieden mitteilt (1030, S. 334 ff.). Ein in NA 47 (1928) S. 244 ff. gedruckter Brief an Oliba wird S. 387f. ediert, hier allerdings vor 1011 datiert.
  72. &

    C. M.


  73. Erwin Kupfer, Frühe Königsschenkungen im babenbergischen Osten und ihre siedlungsgeschichtliche Bedeutung, Unsere Heimat 66 (1995) S. 68-81, schlägt Lokalisierungen der in DD.H. II 22, 318, 431, DD. Ko. II 197 und 221 übertragenen Gebiete an der Ungarngrenze vor und stellt sie in den Zusammenhang der jeweils aktuellen politisch-militärischen Bedürfnisse.
  74. &

    Herwig Weigl


  75. Mischa Meier und Karl-Wilhelm Welwei, Interpolationen in einem Speyerer Judenprivileg?, ZRG Germ. 112 (1995) S. 408-412, halten aus sprachlichen Gründen zwei Passagen in dem Judenprivileg Bischof Rüdigers von Speyer von 1084 für spätere Interpolationen, die allerdings die 1084 den Juden verliehenen Rechte materiell nicht betreffen.
  76. &

    G. Sch.


  77. English Episcopal Acta 9: Winchester 1205-1238, ed. by Nicholas Vincent, Oxford 1994, Oxford University Press for the British Academy , LXXVI u. 263 S., ISBN 0-19-726130-2, GBP 40. - Der neue Band der bewährten Reihe schließt in rascher Folge an Bd. 8 an (vgl. oben S. 234f.), so daß nun die Urkunden der Bischöfe von Winchester von 1070 bis 1238 vollständig vorliegen. Neben der erwartungsgemäß hohen Qualität der Edition sind ein paar Besonderheiten des neuen Bandes hervorzuheben. Er umfaßt ausschließlich den langen Episkopat von Bischof Peter des Roches, der einer der bedeutendsten und einflußreichsten Politiker seiner Zeit nicht nur in England war. Erwähnt sei nur sein Engagement für den Kreuzzug Kaiser Friedrichs II. Entsprechend der unterschiedlichen Tätigkeitsbereiche des Bischofs ist der Hauptteil des Bandes dreigeteilt in 1. Urkunden des Diözesanbischofs (62 Urkunden und 25 Deperdita), 2. Urkunden des Politikers, vielfach in Gemeinschaft mit weiteren Ausstellern (26 Urkunden und 24 Deperdita), und 3. Bezugnahmen in den bislang weitgehend ungedruckten Winchester Pipe Rolls auf verlorene Anweisungen für die bischöfliche Finanzverwaltung. Die Urkunden des 1. Teils, denen das Hauptaugenmerk gilt, sind bis auf acht im Volltext ediert, davon 40 hier zum ersten Mal. Die Einleitung informiert konzentriert über das Wirken des Bischofs, sein personelles Umfeld, inhaltliche Schwerpunkte der Bischofsurkunden und ihre Diplomatik. Anmerkungen zu den Urkunden und Anhänge bieten reiches zusätzliches Material, u. a. eine detaillierte Übersicht zur größtenteils bereits edierten Überlieferung der Erlasse Peters in seiner Funktion als königlicher Justitiar und Regent in den Jahren 1213-1215 und eine Zusammenstellung prosopographischer Daten zum bischöflichen Haushalt einschließlich der Offiziale und Archidiakone. Es wird deutlich spürbar, daß der Band aus einer langjährigen Beschäftigung mit Peter des Roches hervorgegangen ist, und man darf dankbar sein, daß über die Bischofsurkunde im engeren Sinne hinaus auch das Schriftgut des Politikers und Verwaltungsfachmannes angemessen miterfaßt ist. Als Gegenstück verspricht der Hg. das baldige Erscheinen seiner politischen Biographie Peters des Roches.
  78. &

    Falko Neininger


  79. Oorkondenboek van Holland en Zeeland tot 1299. Bd. 3: 1256 tot 1278. Door J. G. Kruisheer, Assen-Maastricht 1992, Van Gorcum, XVIII u. 975 S., ISBN 90-232-2692-5, NLG 298. - Nach knapp zehnjähriger Bearbeitungszeit legt K. einen weiteren umfangreichen Band dieses großen regionalen UB vor (vgl. zuletzt DA 44, 218). Das Quellenmaterial, von dem etwa ein Achtel bisher ungedruckt war, wurde mit der dem Bearbeiter eigenen bewundernswerten Akribie zu 741 Nummern (einschließlich der Deperdita) aufbereitet und umfaßt den Zeitraum vom Beginn der Regentschaft des Grafen Floris, der nach dem Tod König Wilhelms die Vormundschaft für seinen Neffen Floris V. (1254-1296) übernahm, bis zu dem Zeitpunkt, als dieser ein Reitersiegel anstelle des bisherigen Jagdsiegels zu führen begann. In der Einleitung behandelt K. vor allem Datierungsprobleme. Als Quellenwerk bedeutet dieser Band, der auch Papst- und Königsurkunden enthält, auch für die Reichsgeschichte einen Gewinn.
  80. &

    A. G.


  81. La "Margarita iurium cleri Viterbiensis", a cura di Corrado Buzzi (Miscellanea della Società romana di storia patria 37) Roma 1993, Società Romana di storia patria, XLI u. 663 S., keine ISBN. - Nach dem ebenfalls von B. hg. "Catasto" von S. Stefano (1988) und dem Kopialbuch der Stadt (vgl. DA 49, 252 f.) wird nun ein weiteres Kopialbuch aus Viterbo ediert, das der dortigen Priesterbruderschaft. Angelegt im ersten Viertel des 14. Jh. und fortlaufend weitergeführt, enthält es 219 Urkunden von 1264 bis 1589, die meisten aus dem 14. Jh. (S. 35-560), und ein Jahrzeitbuch (S. 13-29). Die Geschichte der Bruderschaft vom 13. bis 19. Jh. wird in der Einleitung knapp umrissen. Die Edition berücksichtigt im kritischen Apparat bei etwa einem Drittel der Stücke erhaltene Ausfertigungen. Der Sachapparat erläutert ausgefallene Wörter durch Parallelbeispiele aus lokalen Quellen (z. B. Nr. 76 S. 183 Anm. 2 cupellarium, Anm. 3 asca) und zeugt von hervorragender Kenntnis der örtlichen Überlieferung; allgemeine Rechtsquellen (Nr. 195 S. 478 die Konstitution "Super cathedram" von Bonifaz VIII.; weitere Beispiele unter dem Stichwort "beneficium" im Register) werden dagegen nicht erläutert. Auch zu Geld- und Münzsorten hätte man sich nähere Erläuterungen gewünscht. Die Stücke sind nicht chronologisch angeordnet, sondern die Reihenfolge im Kopialbuch wurde beibehalten. Ein sorgfältiges Register mit Personen- und Ortsnamen sowie wichtigen Sachbegriffen erleichtert die Benutzung. Beigegeben sind Tafeln mit 44 Signeten von Notaren. Gerade die Entscheidung, nicht nur Regesten, sondern auch den Volltext zu bieten, erschließt einen beachtlichen Reichtum an Informationen zum religiösen und weltlichen Leben in Viterbo aus den im Kopialbuch eingetragenen Privilegien, Stiftungen, Testamenten, Käufen und Verkäufen. Werden dadurch Vergleichsmöglichkeiten eröffnet, so haben die nicht seltenen Papsturkunden überregionale Bedeutung. Interessant ist ein Testament von 1311 (Nr. 25 S. 88 f.): Et si contingeret quod Romana curia veniret Viterbium vel alia ratione pensiones duplicentur seu crescerent, voluit quod dicta officia et luminaria duplicentur vel augmententur pro rato temporis.
  82. &

    K. B.


  83. Marta Calleri, Su alcuni "libri iurium" deperditi del Monastero di San Siro di Genova, Atti della Società Ligure di Storia Patria N. S. 34, 2 (1994) S. 155-184, rekonstruiert aus gelehrten Sammlungen des 17./18. Jh. einen Kodex A von 1265 (Inhalt: Laudes, Stiftungen, Kontroversen im Kirchensprengel und Bezahlung des Zehnten) und ein Register A von 1205 (Besitzverleihungen, Schenkungen).
  84. &

    D. S.


  85. Gli atti del Comune di Milano nel secolo XIII, a cura di Maria Franca Baroni. Bd. 3, 1: 1277-1300; Bd. 3, 2: Appendice (1211-sec. XIII), indici, fonti e bibliografia, Alessandria 1992, Tipolitografia Ferraris, CVIII u. 846 S., XX S. u. S. 847-1198, keine ISBN, ITL 410.000. - Mit diesen beiden Teilbänden ist das umfangreiche Projekt abgeschlossen (vgl. zuletzt DA 48, 685). Die 815 Dokumente und 98 Nachträge bieten wiederum ein reiches Material zur Erforschung der Geschichte der Kommune, die seit 1277 unter der Herrschaft der Visconti stand.
  86. &

    A. G.


  87. Maddalena Giordano, Manoscritti di immunità concesse alla Famiglia Da Passano, Atti della Società Ligure di Storia Patria N. S. 34, 2 (1994) S. 185-260, beschreibt die Serie "Rezzo" des Privatfundus Pallavicini mit Dokumenten aus der Zeit von 1310-1515.
  88. &

    D. S.


  89. Ticino ducale - Il carteggio e gli atti ufficiali, Vol. 1: Francesco Sforza, t. 2: 1456-1461, a cura di Luciano Moroni Stampa, Giuseppe Chiesi, o. O. <Bellinzona> 1994, Edizioni Casagrande, XVI u. 480 S., 2 Karten, ISBN 88-7713-210-8, ITL 98.000. - Kurz nach dem ersten liegt nun bereits der zeitlich direkt anschließende zweite Teil des ersten Bandes in ebenso sorgfältiger Ausführung vor (vgl. DA 50, 259). Die mehr als 650 Dokumente sind durch einen eigenen Index erschlossen, und eine thematisch zugehörige Bibliographie ergänzt den Band.
  90. &

    D. S.


  91. Die Regesten der Bischöfe von Passau, Band 1: 731-1206, bearb. von Egon Boshof, Register von Franz-Reiner Erkens (Regesten zur bayerischen Geschichte, hg. von der Kommission für bayerische Landesgeschichte, Bd. 1) München 1992, C. H. Beck, XLVI u. 417 S., ISBN 3-406-37101-9, DEM 168. - Erstmals liegt hier für eines der altbayerischen Bistümer ein modernes Regestenwerk vor, das zudem mit der Ankündigung eines auf dieser Grundlage vorbereiteten Urkundenbuches der Bischöfe von Passau verbunden ist. Der zu 1212 fortlaufenden Nummern aufbereitete Quellenstoff aus 35 Pontifikaten schließt in beträchtlichem Maße auch historiographische Nachrichten, Briefzeugnisse u.ä. ein und ist in dieser Dichte natürlich gleichermaßen für die Reichs- wie für die Regional- und die Ortsgeschichte wertvoll. Höhepunkte bilden die Dokumentationen über so berühmte Bischöfe wie Pilgrim (971-991), Altmann (1065-1091) oder auch Wolfger von Erla (1191-1204), dessen bekannte Reiserechnungen von 1203/04 allein rund hundert Regesten hergeben. Buchstäblich Neues tritt erwartungsgemäß kaum zutage, doch hat der Zwang, das heterogene Material in einen stimmigen Zusammenhang zu bringen, bei nicht wenigen Detailfragen zu besseren Einsichten geführt (so Nr. 402 zu Altmann als Adressaten von It. Pont. 7, 1 S. 158 Nr. 5, Nr. 1001 zur Mittlerrolle Wolfgers 1195 zwischen Kaiser Heinrich VI. und Papst Coelestin III., Nr. 1032 zu seinem Wunsch nach einem zweiten Bischofssitz in der Diözese), um vom Gewinn für die Urkundenkritik ganz zu schweigen. Die redaktionelle Anlage der Regesten ist übersichtlich und zweckmäßig und hat sich bei längerer Benutzung stets als zuverlässig erwiesen. Das gilt auch für die Namenregister, bei denen zu beachten ist, daß die Zeugennennungen in Urkunden gesondert aufgereiht sind.
  92. &

    R. S.


  93. Ferdinand Opll, St. Maria bei St. Niklas vor dem Stubentor, Jb. des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 50 (1994) S. 13-81, publiziert die das 13. Jh. betreffenden Regesten der auf verschiedene Archive aufgeteilten Urkunden des Wiener Zisterzienserinnenklosters, deren Ausstellerkreis erwartungsgemäß von Päpsten - ab Gregor IX. - bis herab zu Wiener Bürgern reicht.
  94. &

    Herwig Weigl


  95. Regestes des Actes de Jean d'Eppes, prince-évêque de Liège, 1229-1238, par Françoise Lecomte (Académie royale de Belgique. Commission royale d'Histoire. Regestes des Actes des Princes belges) Bruxelles 1991, Palais des Académies, XLV u. 121 S., keine ISBN, BEC 800. - Mit diesem Regestenwerk wurde ein Projekt verwirklicht, das schon vor langer Zeit als dringlich eingestuft und in Angriff genommen worden war. Das weitverstreute Quellenmaterial, das L. gesammelt und zu 242 fortlaufenden Nummern verarbeitet hat, umfaßt ausschließlich Urkunden, die auf den Namen Johanns von Eppes ausgestellt wurden. Im Vergleich zu den 280 Urkunden aus den 29 Pontifikatsjahren seines Vorgängers Hugo von Pierrepont weist das Material eine beträchtlich höhere Dichte auf und dokumentiert eindrucksvoll die Stellung, die der Lütticher Bischof in der Orts-, Regional- und Reichsgeschichte einnahm. Der Publikation geht ein biographischer Abriß Johanns und daran anschließend eine diplomatische Analyse der insgesamt 108 Originalurkunden voraus, wobei die Vf. auf ihre "mémoire de licence" an der Universität Lüttich von 1961 zurückgreifen konnte. Personen- und Ortsindices beschließen den sorgfältig bearbeiteten Band.
  96. &

    A. G.


  97. Regesten Kaiser Ludwigs des Bayern (1314-1347), nach Archiven und Bibliotheken geordnet, hg. von Peter Acht, Heft 2: Die Urkunden aus den Archiven und Bibliotheken Badens, bearb. von Johannes Wetzel (Kommission für die Neubearbeitung der Regesta Imperii bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Deutsche Kommission für die Bearbeitung der Regesta Imperii bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz) Köln-WeimarWien 1994, Böhlau, XIX und 192 S., ISBN 3-412-03593-9, DEM 78. - Mit dem hier anzuzeigenden Heft der Ludwig-Regesten sind alle in Baden-Württemberg aufbewahrten Urkunden des Herrschers - sowohl Originale als auch nur als Kopien vorliegende - nunmehr erfaßt. In ihm enthalten sind 384 Stücke, davon 184 nur in Kurzregesten, da hier die Ausfertigungen sich außerhalb Badens befinden; 265 Urkunden sind noch in einem oder mehreren Originalen erhalten, acht waren bisher unbekannt. Abweichend vom ersten Heft (vgl. DA 50, 662 f.) gibt es jetzt auch Auskünfte über alle Urkunden König Friedrichs des Schönen, welche in den badischen Archiven überliefert sind. - Das Ausstellungsdatum von Nr. 335 auf S. 140 lautet richtig "1344 Oktober 10"; auch sind in Nr. 199 beim Datumstext versehentlich Angaben zu 1331 (statt 1334) gemacht worden. In Nr. 247 sind die Ausführungen über die Pön zu korrigieren (das Reich soll zehn Pfund Gold, Stift und Bischof von Speyer weiterhin fünf Pfund Gold bekommen), und zu Nr. 180 ist der neueste Druck (Chartularium Sangallense 6, S. 152 f., Nr. 3511) nachzutragen.
  98. &

    Wolfgang Eggert


  99. Acta Pataviensia Austriaca. Vatikanische Akten zur Geschichte des Bistums Passau und der Herzöge von Österreich (1342-1378). Bd. 2: Innocenz VI. (1352-1362), hg. von Josef Lenzenweger unter Mitwirkung von Hermann Hold, Martin C. Mandlmayr und Gerhart Marckhgott (Publikationen des Historischen Instituts beim Österreichischen Kulturinstitut in Rom 2, 4, 2) Wien 1992, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 612 u. 32 S., ISBN 3-7001-1993-3. - Bd. 2 des Unternehmens (zu Bd. 1 vgl. DA 34, 240) enthält 506 Nummern aus dem Pontifikat Innocenz' VI. Die Texte, die bis auf die in einem eigenen Heft mit 26 Nummern beigelegten formularhaften Teile vollständig abgedruckt sind, wurden wiederum größtenteils aufgrund der Registerüberlieferung erstellt. Nur in 16 Fällen sind die Originalurkunden noch vorhanden. Besondere Aufmerksamkeit verdienen jene Dokumente, welche die Eheangelegenheit zwischen Margarete von Tirol und Ludwig von Brandenburg betreffen (Nr. 235 ff.). Ein ausführliches Orts- und Personenregister erschließt alle Namen. Es ist mit dem Hg. zu hoffen, daß das Material über "gelegentliche Erwähnungen im Proseminar für Kirchengeschichte bzw. Geschichte" hinaus intensiv genützt wird.
  100. &

    A. G.


  101. The register of John Waltham, Bishop of Salisbury. 1388-1395. Edited by T.C.B. Timmins (Canterbury & York Society 80) Woodbridge 1994, Boydell, XXIV u. 331 S., ISBN 0-90723-949-8, GBP 25. - Register der bischöflichen Diözesanverwaltung sind in England seit dem späten 13. Jh. zahlreich in mehr oder weniger vollständigen Serien erhalten. Seit 1904 widmet sich vor allem die ,Canterbury and York Society' mit großem Einsatz ihrer Veröffentlichung. Eine wissenschaftliche Beschreibung und Bibliographie bietet David M. Smith, Guide to Bishops' Registers of England and Wales. A Survey from the Middle Ages to the Abolition of Episcopacy in 1646, London 1981. Außerhalb Englands haben die englischen Bischofsregister bisher kaum die gebührende Beachtung gefunden. Das Register John Walthams, der als Verwaltungsfachmann eine glänzende Karriere im königlichen Dienst gemacht hat, ist ein gutes Beispiel seiner Art. Es umfaßt 235 Pergamentblätter mit 1149 Einträgen in der Zählung des Hg. Die Einträge sind in sachliche Gruppen gegliedert. Es sind Urkunden der bischöflichen Kanzlei zusammen mit eingegangenen Stücken, Dispense und Lizenzen, Amtseinsetzungen von Geistlichen, Visitationen und geistliche Gerichtssachen. Verloren ist leider der Teil für Ordinationen und damit, gemessen an Ordinationslisten anderer Bischofsregister, eine Fülle wertvoller prosopographischer Daten. Die Edition erfolgt in bewährter Weise als regestenartige Zusammenfassung in Englisch. In Anhängen werden nicht registrierte Schriftstücke und ergänzende Quellen mitgeteilt, darunter eine Einigung zwischen dem Bischof und seinem Domkapitel und sein Testament. Eine informative Einleitung, das Itinerar des Bischofs und ausführliche Indices runden die Edition ab.
  102. &

    Falko Neininger


  103. Die Regesten der Erzbischöfe von Köln im Mittelalter. Bd. 11: 1401-1410 (Friedrich von Saarwerden), bearb. von Norbert Andernach (Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde 21) Düsseldorf 1992, Droste Verlag, XXIX u. 779 S., ISBN 3-7700-7578-1, DEM 240. - Als der Bearb. im Jahre 1982 den ersten von fünf geplanten Bänden über die Regierungszeit Friedrichs von Saarwerden vorlegte (vgl. DA 39, 613), hoffte er, das monumentale Werk in überschaubarer Zeit vollenden zu können. Mit dem vorliegenden Band hat A. nach nur 10 Jahren voll ungebrochener Schaffenskraft den vorletzten Band mit 2816 Nummern publiziert, so daß man wohl in Kürze den abschließenden Band erwarten darf, der neben den letzten Regesten aus der Zeit von 1411-1414 das Gesamtregister zu dem riesigen Quellenmaterial von schon jetzt fast 10000 Nummern enthalten wird. Bei der Anlage der Regesten folgte A. den in den Vorworten zum achten und zehnten Band dargelegten Grundsätzen. Nur bei geläufigen und häufig auftretenden Namen wie Köln, Mainz, Trier, Jülich, Berg etc. hat er darauf verzichtet, die Schreibweise der Vorlage anzuführen.
  104. &

    A. G.


  105. Regesten Kaiser Friedrichs III. (1440-1493), nach Archiven und Bibliotheken geordnet hg. von Heinrich Koller. Sonderband 1: Regesta chronologico-diplomatica Friderici III. Romanorum Imperatoris (Regis IV.) von Joseph Chmel. Register, erarbeitet von Dieter Rübsamen und Paul-Joachim Heinig (Kommission für die Neubearbeitung der Regesta Imperii bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Deutsche Kommission für die Bearbeitung der Regesta Imperii bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz) Wien-Weimar-Köln 1992, Böhlau, 367 S., ISBN 3-205-98020-4, DEM 138. - Weil im Rahmen des Unternehmens erst ein Bruchteil des gesamten Materials aufbereitet wurde (vgl. zuletzt DA 49, 254), bleibt die Forschung vorläufig noch auf die von Chmel 1838-1840 publizierten Friedrich-Regesten angewiesen, in denen ein reichhaltiger, aber unerschlossener Quellenstoff versammelt ist. Damit dieses Arbeitsinstrument besser und leichter benützt werden kann, haben sich die Kommissionen dankenswerterweise zur Publikation des vorliegenden Registers entschlossen. Es eröffnet nach dem Vorbild der "Hilfsmittel" der MGH eine Sonderreihe, in der künftig auch Quellen ediert werden sollen, die sich in Regestenform schwer erfassen lassen (etwa Kanzleibücher). Das Register bietet alle vorkommenden Orts- und Personennamen sowie in einigen Ausnahmefällen Sachbegriffe. Zahlreiche Irrtümer Chmels wurden, so gut es nur ging, korrigiert.
  106. &

    A. G.


  107. Olivier Guyotjeannin - Jacques Pycke - Benoît-Michel Tock, Diplomatique médiévale (L'Atelier du médiéviste 2) Turnhout 1993, Brepols, 442 S., 43 Abb., ISBN 2-503-50312-8. - Die neue Reihe mit Handbüchern zur Mediävistik (siehe auch S. 570) führt sich vielversprechend ein. Der vorliegende, auf ein frankophones Publikum ausgerichtete Diplomatik-Band will kein Handbuch der bewährten Art sein, sondern eher eine praktische Einführung in das Fach, wobei man vornehmlich beginnende Forscher oder nicht spezialisierte Mediävisten im Blickfeld hat. Nach einem einleitenden Kapitel grundlegenden Charakters wird der Stoff in weiteren acht Kapiteln unter folgenden Aspekten behandelt: Comprendre le document; L'examen de l'acte; Brève typologie des actes médiévaux; La genèse des actes; Tradition I: L'acte dans tous ses états; Tradition II: Retrouver les actes; Critiquer les faux; Editer les actes. Die einzelnen Kapitel sind mit bibliographischen Angaben versehen. Besonders zu begrüßen sind die zahlreichen Abbildungen, die stets ausführlich kommentiert werden. Sollte es zu einer Neuauflage kommen, wäre eine stärkere Berücksichtigung und Erläuterung grundlegender Begriffe wünschenswert, vor allem aber sollten dann einige Literaturangaben auf den neuesten Stand gebracht werden (wie z. B. die Regestenliste auf S. 343).
  108. &

    Ivan Hlavácek


  109. Kazimierz Bobowski, Neue Forschungsergebnisse zum mittelalterlichen Urkunden- und Kanzleiwesen Pommerns (bis Ende des 13. Jahrhunderts), Zs. für Ostforschung 42 (1993) S. 321-337, gibt einen Überblick über die Literatur, über die Überlieferung, wie sie seit dem Ende des 2. Weltkrieges beschaffen ist, und die jüngsten Forschungen zu den Urkunden und zur Kanzlei der pommerschen Herzöge im 13. Jh.
  110. &

    Hartmut Boockmann


  111. Hansjörg Grafen, Der älteste Besitz des Klosters Sinsheim an der Elsenz (11. und frühes 12. Jahrhundert), Jb. für westdeutsche LG 20 (1994) S. 7-35, behandelt die Überlieferung der ältesten Urkunden des Klosters in dessen Chronik. Dazu bespricht er die Ausstattungsurkunden des Bischofs Johannes I. von Speyer, DH. IV. *213 (Identifizierung des abgegangenen Iendan mit der Wüstung Gendach) und eine Stiftung der Nichte Johannes' I., der Gräfin Adelheid von Tübingen.
  112. &

    E.-D.H.


  113. Rudolf Steffens, Das Städtebündnis zwischen Mainz, Worms und Speyer. Die beiden deutschsprachigen Urkunden vom 12. August 1293 aus sprachlicher Sicht, ZGORh 142 (1994) S. 59-82: Das Bündnis war die Antwort auf einen Vertrag, in dem Adolf von Nassau dem Mainzer Erzbischof Gerhard Hilfe bei der Wiedererlangung von Rechten in der Stadt versprach. Die beiden in Mainz und Speyer erhaltenen Ausfertigungen sind von einer Hand geschrieben. Der Ausstellungsort ist nicht genannt. Sprachformen und Schreibweisen sind nicht durch den Entstehungs- und Geltungsraum der Urkunden, sondern oberdeutsch-alemannisch geprägt.
  114. &

    E.-D.H.


  115. Giovanna Puletti, La Donazione di Costantino nei primi del '300 e la "Monarchia" di Dante, Medioevo e Rinascimento 7 (1993) S. 113-135, stellt die Anschauungen der Zeitgenossen Dantes zum Constitutum Constantini zusammen und vergleicht dessen Monarchia ausführlich mit dem Traktat De regia potestate et papali des Johann von Paris, wobei allerdings die jüngste kritische Edition dieses Werks von Fr. Bleienstein (1969) sowie die englische Übersetzung von A. P. Monahan (1974, mit weiteren Quellennachweisen) übersehen sind.
  116. &

    C. M.


  117. Somnium viridarii, tome 1, ed. Marion Schnerb-Lièvre (Sources d'histoire médiévale) Paris 1993, CNRS Éditions, LVIII u. 384 S., ISBN 2-271-05038-3, FRF 490. - Die umfängliche lateinische Kompilation, 1376 für den französischen König Karl V. fertiggestellt, wurde bereits zwei Jahre später als "Songe du Vergier" (mit interessanten Veränderungen im Detail) ins Französische übersetzt und bezeugt lebhaft Richtung und Färbung des Interesses, das der damalige französische Hof an politisch-theoretischen Fragen nahm (Texte von Marsilius von Padua, Michael von Cesena, Wilhelm von Ockham, Durandus von Sankt Porciano, auch päpstliche Erklärungen, wie die Bulle Quia vir reprobus u. a. Die Hg., der wir bereits die erste kritische Edition des "Songe" und eine ganze Reihe wichtiger Detailstudien zum Umfeld des Textes verdanken (vgl. DA 40, 257), gibt hier die lateinische Vorlage nach drei der insgesamt sieben ihr bekannten Hss. wieder - drei weitere liegen heute in Oxford, eine in Cambridge, Mass.; eine weitere, die mit der von ihr nachgewiesenen verlorenen Hs. aus Sens nicht identisch sein dürfte, die aber ebenfalls aus Frankreich stammt, hat P. O. Kristeller, Iter Italicum, Bd. 4, 1989, S. 457b, nachgewiesen: Ms. Lissabon, Arquivo nacional da Torre do Tombo, 447 (15. Jh.). Der Text ist nach Paris, Bibl. Maz. 3522 transkribiert, nach den beiden anderen Pariser Hss. sowie den identifizierbaren Quellen und auch der französischen Übersetzung korrigiert, deren Abweichungen genau verzeichnet sind, so daß eine gut lesbare und solide Ausgabe zustande kam, die freilich nicht im strengen Sinn eine kritische Edition sein kann. Bei der Identifikation der Quellen, die in einem eigenen Anhang minuziös nachgewiesen werden, sind erstaunliche und wichtige Fortschritte erreicht worden. Auch kann als Autor der Kompilation (nachdem A. Coville zuerst diesen Namen in die Debatte geworfen hatte) mit neuen überzeugenden Argumenten (S. XLVII-LI) Évrart de Trémaugon so wahrscheinlich gemacht werden, daß man künftig den ganzen Text kaum noch als anonym verbuchen muß, auch wenn Hg. darauf verzichtet hat, dieses Ergebnis in das Titelblatt aufzunehmen. So wartet man auf den Abschluß des so erfreulich begonnenen hochwillkommenen Unternehmens mit Ungeduld. Die Ausgabe wird in keiner Seminarbibliothek fehlen dürfen.
  118. &

    Jürgen Miethke


  119. Konrad Repgen, Die politischen Einblattdrucke der Mainzer Stiftsfehde in deutscher Sprache (1461/62), Archiv für mittelrheinische KG 46 (1994) S. 281-321, bespricht und ediert ein Mandat Friedrichs III. (8. Aug. 1461) zur Unterstützung des nach der Absetzung des Mainzer Erzbischofs Diether von Isenburg erhobenen Adolf von Nassau sowie zwei Manifeste Adolfs (Ende Nov. 1461 ?) und Diethers (30. März 1462) mit der Darstellung ihrer Rechtsposition. Hingewiesen sei auch auf die Überlegungen (S. 301 ff.) zur Wiedergabe von Einblattdrucken.
  120. &

    E.-D.H.


  121. The Theodosian Code. Edited by Jill Harries and Ian Wood. Ithaca, New York 1993, Cornell University Press, VI u. 261 S., ISBN 0-8014-2946-3. - Der Sammelband über die kaiserliche Kodifikation von 438 enthält folgende mediävistische Beiträge: Ian Wood, The Code in Merovingian Gaul (S. 161-177), kommt nach einer Übersicht der handschriftlichen Überlieferung, der literarischen Erwähnungen und des Einflusses auf die normative Entwicklung zu dem Schluß, daß die (vielfach nicht gegen das Breviar Alarichs abgrenzbare) Kenntnis des Codex zwar undeutlich, für dessen weitere Nachwirkung jedoch entscheidend gewesen sei. - Mark Vessey, The Origins of the Collectio Sirmondiana: a new look at the evidence (S. 178-199), hält es aus überlieferungsgeschichtlichen Gründen für möglich, daß die von Mommsen auf 425/38 datierte Sammlung von 18 Kaisergesetzen meist kirchlichen Inhalts erst kurz nach der Synode von Mâcon (581/83) vielleicht in Lyon entstanden ist. - Dafydd Walters, From Benedict to Gratian: the Code in medieval ecclesiastical authors (S. 200-216), bietet eine unzweckmäßig angeordnete Auswahl, in die Benedikt zu Unrecht hineingeraten sein dürfte.
  122. &

    R. S.


  123. Adelheid Krah, Lex episcoporum et ceteris clericorum. Frühe kirchenrechtliche Texte aus Oberitalien in einer Handschrift der Leipziger Universitätsbibliothek (Abh. Leipzig Bd. 73, Heft 5) Berlin 1993, Akademie Verlag, 44 S., ISBN 3-05-00248-5, DEM 24. - Behandelt und am Schluß (S. 42-44) auch publiziert wird nach der bis vor kurzem verschollen geglaubten Hs. Leipzig, Univ. Bibl. 3494 (Mitte 9. Jh., aus Verona, später Udine) eine fragmentarische Textfolge aus römischem Kaiserrecht, die als Ergänzung zur (nicht "zu den") Epitome Juliani niedergeschrieben und bereits von G. Hänel und M. Conrat (Cohn) vermerkt wurde. Neu ist die Rekonstruktion einer vollständigeren Vorlage sowie die nähere historische Einordnung eines singulär überlieferten Textstücks. Inhaltlich erweist sich das Strafverfahren gegen Kleriker als roter Faden der Kompilation, die in Oberitalien entstanden sein dürfte. Über den mutmaßlichen Zeitpunkt äußert sich K. nicht.
  124. &

    R. S.


  125. Albert Failler, A propos de la nouvelle édition des actes du sixième Concile oecuménique (Constantinople III), Revue des Etudes Byzantines 52 (1994) S. 273-286, ist eine Auseinandersetzung mit der Ausgabe Riedingers (vgl. DA 50, 670) und kritisiert zahlreiche Versehen, vor allem aber das Bemühen des Hg., einen strikten Parallelismus zwischen griechischer und lateinischer Fassung der Akten durch Änderungen am griechischen Text zu erzielen. Seine Bedenken gegen dieses Postulat untermauert F. mit zahlreichen Beispielen, auch unter Verweis auf seine Rezension von pars I in Bd. 50 (1992) 287-290.
  126. &

    Franz Tinnefeld


  127. Index verborum Graecorum, quae in Actis Synodi Lateranensis a. 649 et in Actis Concilii Oecumenici sexti continentur, congessit Rudolf Riedinger (Acta Conciliorum Oecumenicorum Series II, Volumen 2, 3) Berlin - New York 1995, Walter de Gruyter, VIII u. 258 S., ISBN 3-11-014538-3, DEM 298. - Ergänzend zu den beiden in DA 43, 231 und 50, 670 angezeigten Editionen liegt hier ein Wortindex zum griechischen Text vor, der nach den Erkenntnissen des Editors sowohl 649 wie 680/81 der ursprüngliche war. Den Belegstellen sind, soweit vorhanden, die Äquivalente in der lateinischen Übersetzung gegenübergestellt, so daß sich interessante Einblicke in Textverständnis und Sprachkompetenz der jeweils in Rom tätig gewesenen Urheber der lateinischen Version ergeben.
  128. &

    R. S.


  129. Stephan Kuttner, Marbod of Rennes on the "Ordo iudiciorum" (Nachrichten Göttingen 1992 Nr. 1) Göttingen 1992, Vandenhoeck & Ruprecht, 6 S. - Behandelt werden zwei Stellen in Marbods Briefen (Migne PL 171 Sp. 1473 A-C, 1474 B), die kanonistische Zitate, wohl abgeleitet aus Ivos Panormia, bieten. Zur Klärung der Abhängigkeit sind Panormia 4, 113.114 im Anhang neu ediert.
  130. &

    R. S.


  131. Rudolf Weigand, Die Glossen zum Dekret Gratians. Studien zu den frühen Glossen und Glossenkompositionen Teil I bis IV (Studia Gratiana 25 und 26) Rom 1991, Libreria Ateneo Salesiano, keine ISBN, XIX u. 1042 S. - Auf diesen gut tausend Seiten präsentiert der Würzburger Kirchenrechtler den Ertrag seiner jahrzehntelangen Forschungen über die Glossenkompositionen und -apparate zu Gratians Dekret. Dafür wurden im Lauf der Zeit 196 Dekret-Hss. ausgewertet, die etwa 2100 Glossen ganz unterschiedlicher Länge und Gewichtigkeit enthalten. Sie sind im ersten Teil (S. 1-392) unter Angabe der Quelle abgedruckt und bieten nicht, wie der Titel des Buches vermuten läßt, alle Glossen zu Gratians Dekret, sondern lediglich die Kommentare zu D. 11 pr. - c. 6, D. 12 pr. - c. 6 (zum Gewohnheitsrecht), C. 27 q. 2 pr. - c. 11 und C. 30 q. 4 (zum Eherecht), C. 1 q. 3 c. 4 und c. 13-15 (zur Simonie) und D 4 c. 1-5 de cons. (zur Erbsündenlehre), womit etwa 1% der Glossen zu Gratians Dekret erfaßt sein dürfte. Diese Glossen werden in Teil 2 (Auswertung nach Glossenkompositionen S. 393-568) und Teil 3 (Glossen der einzelnen Autoren S. 569-660) analysiert und einander zugeordnet. Diese beiden Teile der Arbeit offenbaren die fast unentwirrbare Verflechtung der Glossen, ihre schwierige, oft hypothetisch bleibende Scheidung in Glossenschichten, Glossenkompositionen und Glossenapparate und ihre Zuordnung zu einzelnen Autoren. Hier erste Schneisen durch einen Urwald geschlagen zu haben, dürfte das bleibende Verdienst des Buches sein, dessen Benutzung dem Nichtspezialisten allerdings nicht leicht gemacht wird, weil die Beherrschung der einschlägigen Literatur zu den einzelnen Glossatoren und Kanonisten von Paucapalea bis John of Tynemouth vorausgesetzt wird. Den vierten Teil füllen 350 Seiten mit ausführlichen Beschreibungen der fast 200 herangezogenen Gratian-Hss. sowie einige Register der Autoren, Siglen, Glossenkompositionen und -apparate, der in den Hss. glossierten Dekretstellen, der Papstdekretalen und der benutzten Codices.
  132. &

    D. J.


  133. Rudolf Weigand, Die Überlieferung des Ehetraktats Walters von Mortagne, Würzburger Diözesangeschichtsblätter 56 (1994) S. 27-44, verzeichnet und erläutert mehr als 60 Hss. des Textes (12.-15. Jh.), druckt die Capitulatio ab und gibt Hinweise für eine künftige Edition.
  134. &

    Stefan Beulertz


  135. Catherine Chène, Juger les vers. Exorcismes et procès d'animaux dans le diocèse de Lausanne (XVe-XVIe s.)(Cahiers Lausannois d'Histoire Médiévale 14) Lausanne 1995, Université de Lausanne, Section d'histoire, 192 S., ISBN 2-94011004-2, ediert 5 Dokumente, die gerichtliche Prozesse gegen Tiere und Verfluchungen bezeugen. Analysiert werden die eigentlichen Prozesse, die in bischöflicher Kompetenz von einer Stadt- oder Dorfgemeinschaft gegen Schädlinge in der Landwirtschaft wie Würmer und Käfer geführt worden sind, das gesellschaftliche Umfeld der Texte und die betroffenen Parteien, der Ablauf der Verhandlungen und deren Entwicklung, sowie die Argumentationsweisen. Die Ergebnisse erlauben Rückschlüsse auf die Beziehung des Menschen zum Tier; das Selbstverständnis, als alleiniger Herr seiner Umwelt über deren Ressourcen zu verfügen, tritt deutlich zutage.
  136. &

    D. S.


  137. Grégoire le Grand, Registre des lettres. Introduction, texte, traduction, notes et appendices par Pierre Minard, Tome I*-I** (Livres I et II) (Sources Chrétiennes 370, 371), Paris 1991, Les Éditions du Cerf, 540 S., ISBN 2-204-04150-5, FRF 361. - Ungefähr ein Achtel des Briefregisters wird in den zwei Bänden mit dem Text der Edition von Dag Norberg (vgl. DA 40, 263 f.) wiedergegeben, was den Titel etwas irreführend wirken läßt. Die Bände enthalten eine lesenswerte Einleitung über die Zeitumstände und die Adressaten der Briefe sowie - ein wenig in hagiographischer Tradition stehend - über Gregor d. Gr. und knappe Anmerkungen, die vornehm charakterisiert werden als "largement inspirées de celles, beaucoup plus prolixes, d'Ewald et Hartmann dans les MGH" (S. 61), ohne durch die Übertragung ins Französische an Wert zu gewinnen. Durch den Tod des Hg., der schon eine Übersetzung aller 14 Bücher erstellt haben soll, ist das weitere Schicksal der Ausgabe ungewiß geworden.
  138. &

    G. S.


  139. David R. Howlett, Aldhelm and Irish Learning, Archivum Latinitatis Medii Aevi 52 (1994) S. 37-75, entdeckt in Aldhelms Briefen kunstvolle Kompositionsschemata (Cursus, Alliteration, Endreim, chiastischen Aufbau, komplizierte Zahlenverhältnisse bei Wörtern und Buchstaben), deren Vorbilder in der hebräischen und der griechischen Bibel zu suchen sind; auch die pythagoräische Proportionslehre (nach Boethius, De inst. musica 1, 10) fand Anwendung. Damit möchte Aldhelm den Iren zeigen, daß angelsächsische Gelehrsamkeit der gut hundert Jahre älteren irischen nicht nur ebenbürtig sondern überlegen ist. Wie die Gegenseite auf diese Demonstration reagiert, zeigt der Vf. anhand dreier Briefe irischer Herkunft: Man nimmt die Herausforderung an, zeigt Selbstbewußtsein, aber auch Ironie klingt an, und Aldhelms Stilmittel werden parodiert.
  140. &

    Peter Dinter


  141. Helen C. R. Laurie, The Letters of Abelard and Heloise: Classical, Patristic and Medieval Models. A Reconsideration, Mittellateinisches Jb. 28, 2 (1993) S. 35-45, betont zwar, ohne Vorurteile an die Fragestellung herangegangen zu sein, um sich dann aber ausdrücklich den "psychologischen" Einsichten von Jean Leclercq und Peter Dronke gegen die Zweifler an der Authentizität der Briefe anzuschließen ("I prefer to see that the psychology of her two personal letters ... exploited by Abelard ... is indubitably his.").
  142. &

    G. S.


  143. Rudolf Hiestand, Antiochia, Sizilien und das Reich am Ende des 12. Jahrhunderts, QFIAB 73 (1993) S. 70-121, ediert aus den Hss. Vich, Biblioteca capitular 59 und Wien, Österr. Nationalbibl. 984/theol. 330 zwei Briefe Fürst Bohemunds III. vom Herbst 1187 über den Zusammenbruch der Kreuzfahrerstaaten nach der Schlacht von Hattin und kommt in einer Analyse der historischen Begleitumstände zu dem Schluß, daß "zu den in die Oberlehnsherrschaft des Reichs gehörenden Staaten" unter Heinrich VI. auch Antiochien zu rechnen sei.
  144. &

    C. M.


  145. Grégoire XI (1370-1378). Lettres communes analysées d'après les registres d'Avignon et du Vatican. Bd. 1-3, par Anne-Marie Hayez, avec la collaboration de Janine Mathieu et Marie-France Yvan (Bibliothèque des Écoles françaises d'Athènes et de Rome, 3e série-VIbis) Rome 1992-1993, VI u. 869 S., 601 S., 676 S., ISBN 2-7283-0243-6; 2-7283-0255-3; 2-7283-0288-X; FRF 1130, FRF 860, ITL 233.000. - Erfreulich schnell folgten der 1989 abgeschlossenen Publikation der litterae communes Urbans V. (vgl. DA 46, 594) drei Bände aus dem 1. Pontifikatsjahr Gregors XI., und man kann sich angesichts der schon jetzt vorliegenden 15056 Regesten eine Vorstellung von der Masse des Materials machen. Nach dem Vorbild der bisherigen Bände sind die Einträge nach Sachgruppen und innerhalb dieser chronologisch angeordnet. Bis zur Erstellung eines Gesamtindex können vorläufige Personen- und Ortsnamenverzeichnisse bei der Arbeitsgruppe in Avignon selbst bzw. im Vatikanischen Archiv, bei der École française de Rome, dem Institut de Recherche et d'Histoire des Textes und dem Nationalarchiv in Paris eingesehen bzw. auf Diskette erworben werden.
  146. &

    A. G.


  147. Der Briefwechsel Karls des Kühnen (1433-1477). Inventar. Hg. von Werner Paravicini, redigiert von Sonja Dünnebeil und Holger Kruse, bearbeitet von Susanne Baus, Sonja Dünnebeil, Johann Kolb, Holger Kruse, Harm von Seggern und Thomas Sgryska, 2 Bände (Kieler Werkstücke Reihe D: Beiträge zur europäischen Geschichte des späten Mittelalters, 4, 1-2) Peter Lang, Frankfurt a. M. u. a. 1995, 594 und 638 S., ISBN 3-631-46371-5, DEM 278. - Die Bearbeiter legen in diesen beiden stattlichen Bänden das Ergebnis der Mühen eines Jahrzehnts vor. Obwohl zunächst hauptsächlich gedruckte Literatur ausgewertet und ungedrucktes Material noch keineswegs umfassend (falls dies überhaupt möglich ist) berücksichtigt wurde, konnten bereits über 3500 Schreiben von and an Karl den Kühnen verzeichnet werden, wobei auch lediglich dem Inhalt nach bekannte Deperdita und bloße Erwähnungen von Briefen aufgenommen wurden. Die chronologisch geordneten Notizen umfassen neben Angaben zu Überlieferung, Drukken, Regesten und Sekundärliteratur in vielen Fällen auch hochwillkommene Hinweise zur historischen Einordnung; erschlossen werden sie durch umfängliche Indices (Teil 2, S. 539-638). In der Einleitung (Teil 1, S. 9-40) berichtet der Hg. über die Abgrenzung des Materials, Verteilung und Ablauf der Arbeiten an dem Projekt, und er bietet auch eine erste statistische Auswertung, aus der hervorgeht, daß sechs Siebtel, nämlich über 3000, der zusammengetragenen Briefe aus dem knappen Jahrzehnt stammen, in dem Karl der Kühne burgundischer Herzog war (1467-1477). Dem Inventar soll die Publikation der Vollregesten bzw. eine Edition vollständiger Texte folgen. Angesichts der zentralen Stellung des burgundischen Hofs in der politischen und kulturellen Entwicklung des späten MA liegt die grundlegende Bedeutung des Unternehmens für künftige Forschungen auf der Hand. Es bleibt nur zu wünschen, daß die Hoffnung des Hg. auf eine kollektive und internationale Zusammenarbeit zur Vorbereitung der ausführlicheren Veröffentlichungen aus dem hier gebotenen Material bald in Erfüllung gehen möge!
  148. &

    C. M.


  149. Martin Camargo, "Ars dictaminis", "Ars dictandi" (Typologie des sources du Moyen Âge occidental, fasc. 60) Turnhout 1991, Brepols, 59 S., ISBN 2-50336060-2, BEC 600. - Der Band befaßt sich mit der im MA weitverbreiteten Quellengruppe der Ars dictandi, wobei C. chronologisch den Schwerpunkt auf das 12. und 13. Jh. legt. Übersichtlich und konzis werden die Quellengattung der Briefsteller definiert, deren Entwicklung beschrieben, Zugänge zur Quellenkritik vermittelt, die Verbreitung skizziert, die wichtigsten Editionen vorgestellt und zum Abschluß eine historische Bewertung versucht. Gut zur Darstellung gebracht wird nebst der Brieflehre (S. 29-35) auch die Urkundentheorie. Nach den Anfängen bei Alberich von Montecassino († 1105) scheint man sich in Italien nicht mehr weiter um die Urkundenlehre bemüht, sondern sich hauptsächlich auf die Brieflehre konzentriert zu haben. Die Entwicklung der Urkundenlehre ist nach der Mitte des 12. Jh. in Frankreich gefördert worden. Bernhard von Meung und seiner Schule kommen dabei pionierhafte Bedeutung zu. Hervorzuheben ist C.s Zurückhaltung in der Frage nach Unterscheidungskriterien von fiktiven und echten Briefen und Urkunden in den Sammlungen (S. 42-46). Einige kleine Ergänzungen drängen sich nach der Lektüre auf. So bedarf eine Behandlung von Alberichs Breviarium de dictamine unbedingt des Hinweises auf den Aufsatz von F. Worstbrock, FmSt 23 (1989) mit den gewichtigen Korrekturen und Ergänzungen zur Edition von P.-Chr. Groll. Von C. unberührt gelassen ist die wichtige, wenn auch noch nicht vollständig geklärte Rolle der anonymen Aurea Gemma im Rahmen der frühen Artes dictandi. Nachgetragen sei zum Schluß das später erschienene, für die Beschäftigung mit der Materie aber unentbehrliche Repertorium der Artes dictandi (vgl. DA 49, 655).
  150. &

    R. D.


  151. Emil J. Polak, Medieval and Renaissance Letter Treatises and Form Letters. A Census of Manusripts Found in Part of Western Europe, Japan, and the United States of America. The Works on Letter-Writing from the Eleventh through the Seventeenth Century Found in Belgium, Denmark, Finland, Greece, Ireland, Liechtenstein, Luxembourg, Netherlands, Norway, Portugal, Spain, Sweden, Switzerland, United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland, Japan and the United States of America (Davis Medieval Texts and Studies 9) Leiden - New York - Köln 1994, E. J. Brill, XVII u. 475 S., ISBN 90-04-09915-8, FRF 260. - Erfreulich schnell ist der 2. Band dieses großartigen Hilfsmittels (vgl. DA 49, 654 f.) erschienen. Der Bearbeiter hat in den Bibliotheken und Archiven der 16 auf dem Titelblatt angegebenen Länder über 750 einschlägige Hss. in der bereits bewährten Form erfaßt und sorgfältig analysiert. Beigegeben sind Addenda zum 1. Band (Hss. in Zwickau und Breslau) und Indices der Hss., der Incipits, der Autoren des MA und der Renaissance sowie der anonymen Traktate. Ein paar Bemerkungen: Petrus de Vinea (S. 20 u. ö.) läuft unter dem späten und falschen Namen Vineis; S. XV Langlois usw. steht Notices 34, 2 (1895); S. 25: Der Prolog zur Summa des Riccardus de Pofis ist gedruckt von H. Simonsfeld, Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie 1892, III, S. 505-509; S. 31 f.: Fichtenau geht auf Arenga im Sinne von Musterrede nicht ein; S. 126: Die Brevis introductio ad dictamen des Johannes de Bonandrea ist jetzt ediert von Silvana Arcuti (Galatina 1993). - Der abschließende 3. Band wird das Material in den alten deutschen Bundesländern sowie in Frankreich, Italien und Österreich verzeichnen.
  152. &

    H. M. S.


  153. Gabriele Knappe, On Rhetoric and Grammar in the "Hisperica famina", Journal of Medieval Latin 4 (1994) S. 130-162, sucht eine Antwort auf die in den Famina (Version A, hg. v. M. Herren 1974; vgl. DA 33, 257 f.) gestellte Frage nach den Autoritäten für die rhetorische Ausbildung. Die Vf. weist nach, daß die rhetorischen Elemente - bis hin zu Wortwahl und -stellung nicht einfach von Isidor übernommen, sondern in direktem Zugriff auf Priscians Praeexercitamina behandelt werden. Damit erhalten die Hisperica famina einen bisher nicht erkannten Stellenwert in der Tradition antiker Rhetorik.
  154. &

    Peter Dinter


  155. Antonia Gransden, Legends, traditions and history in medieval England, London 1992, The Hambledon Press, XIV u. 361 S., Abb., ISBN 1-85285-016-7, GBP 37, 50. - Der Sammelband enthält vierzehn Studien der englischen Mediävistin aus den 1970er und 1980er Jahren (eine sogar aus dem Jahre 1957), die sich alle mit Problemen der ma. englischen (zuweilen schottischen) Historiographie beschäftigen. Die großen Benediktinerabteien Glastonbury und Bury St. Edmunds bilden gewisse Schwerpunkte der zeitlich von Beda bis ins 15. Jh. reichenden Sammlung, die auch Nachträge zu einigen Aufsätzen sowie umfangreiche Register von Namen, Sachen und Hss. (S. 329-361) enthält.
  156. &

    T. R.


  157. Philippe Depreux, Nithard et la Res Publica: un regard critique sur le règne de Louis le Pieux, Médiévales 22-23 (1992) S. 149-161, beobachtet in dokumentarischen Quellen wie bei Nithard Zurückhaltung im Gebrauch des abstrakten Terminus, soweit es um die 830er Jahre geht, und folgert, daß res publica mehr dem politischen Konzept in Ludwigs frühen Jahren entsprach. Mit Gewinn hätte ein Aufsatz von J. Fried herangezogen werden können (vgl. DA 39, 281).
  158. &

    R. S.


  159. Heinz Erich Stiene, Ein Kaiser bei der Küchenarbeit. Zu einer mißverstandenen Stelle bei Liutprand von Cremona (Antapadosis V 25), Eranos 91 (1993) S. 63 f., bringt Licht in die Textstelle, indem er lentis nicht von lentus herleitet, sondern als Genitiv von lens interpretiert.
  160. &

    Peter Dinter


  161. Franz Tinnefeld, Ceremonies for Foreign Ambassadors at the Court of Byzantium and Their Political Background, Byzantinische Forschungen 19 (1993) S. 193-213, wertet u. a. auch die Gesandtschaftsberichte Liutprands von Cremona aus.
  162. &

    Franz Tinnefeld (Selbstanzeige)


  163. Pius Engelbert, Rodulfus Glaber und die Ungarn, in: Unum omnes in Christo - In unitatis servitio, Miscellanea Gerardo J. Békés OSB octogenario dedicata, Pannonhalma 1995, S. 473-488, bezeugt den vier auf Ungarn bezüglichen Erwähnungen in den Historiae des Radulfus Glaber eine für einen Franzosen des 11. Jh. bemerkenswerte Informiertheit.
  164. &

    G. S.


  165. Heinz Erich Stiene, "Conditus interdum libris manet error in aevum": Zu zwei mißverstandenen Stellen in der Brauweiler "Gründungsgeschichte", Pulheimer Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde 17 (1993) S. 92-107, stellt zunächst richtig, daß mit dem c. 6 (MGH SS 14 S. 128) erwähnten Brettspiel Ottos III. mit Pfalzgraf Ezzo nicht Schach, sondern Backgammon oder Trictrac gemeint ist, und zeigt dann, daß das c. 16 (S. 135) wiedergegebene Epitaph der Pfalzgräfin Mathilde, der Tochter Ottos II., im Einklang mit der nekrologischen Überlieferung von Brauweiler den 20. und nicht den 4. November 1025 als Todestag bezeugt.
  166. &

    R. S.


  167. The Perception of the Past in Twelfth-Century Europe, edited by Paul Magdalino, London - Rio Grande 1992, Hambledon Press, XVI u. 240 S., ISBN 1-852-85066-3, GBP 34. - Jean Dunbabin, Discovering a Past for the French Aristocracy (S. 1-14), behandelt die adligen "Familiengeschichten" unter den Gesichtspunkten: Genealogie, Ausgangspunkt, legendarische Berichte, Anachronismen. - Timothy Reuter, Past, Present and No-Future in the TwelfthCentury Regnum Teutonicum (S. 15-36), verweist auf eine "deutsche Identitätskrise" als Folge der Auseinandersetzungen des 11. Jh. mit dem Reformpapsttum, die u. a. in der Historiographie durch ideologischen Anschluß des Imperiums an das antike Rom überwunden werden sollte. Interesse an "Lokalgeschichte" und Eschatologie gehört ebenso zu diesem Orientierungsprozeß. - Birgit und Peter Sawyer, Adam and the Eve of Scandinavian History (S. 37-51), zeigen die Interessen auf, die hinter den politischen Wertungen Adams von Bremen und seiner skandinavischen Benutzer stehen, und führen die Entfaltung der skandinavischen Historiographie auf Legitimationsprobleme der Königsherrschaft zurück. - Julia Barrow, How the Twelfth-Century Monks of Worcester Perceived their Past (S. 53-74): Eine in sich konsistente Rekonstruktion der Klostergeschichte für das 10. Jh. war im 11. und 12. Jh. nicht möglich, vor allem weil diese Geschichte die "Antwort" auf jeweils neuartige Schwierigkeiten geben sollte. - John Hudson, Administration Family and Perceptions of the Past in Late Twelfth-Century England: Richard Fitz Nigel and the Dialogue of the Exchequer (S. 75-98), bespricht Stellen, an denen Richard seine historischen Erläuterungen durch Verweis auf eigene Erinnerung, Dokumente, Gewährsleute usw. absichert. - Lars Boje Mortensen, The Texts and Contexts of the Ancient Roman History in the Twelfth-Century Western Scholarship (S. 99-116), stellt die Zahl der Hss. für die meist spätantiken Historiker wie Orosius zusammen. Die Hss. scheinen nicht auf den Schulbetrieb zurückzugehen und enthalten oft weitere historische Literatur. "History was not a branch of learning in the twelfth century but historical texts do seem to have a ,branch' in medieval libraries: they constituted a separate group of books" (S. 115). - Ruth Macrides und Paul Magdalino, The Fourth Kingdom and the Rhetoric of Hellenism (S. 117-156), behandeln die byzantinischen Historiker Manasse, Zonaras, Glykas, Anna Komnena, Kinnamos und Choniates. Die Wiederaufnahme hellenistischer Erzähltraditionen und der Rückgriff auf die alten Griechen als historische Leitbilder seien auch deshalb erfolgt, weil angesichts des erfolgreichen lateinischen Westens die Unterscheidung Römer-Barbaren zur Selbstvergewisserung nicht mehr ausreichte. - Simon Franklin, Borrowed Time: Perceptions of the Past in Twelfth-Century Rus' (S. 157-171), geht von dem Wendepunkt der russischen Geschichte durch die Annahme des Christentums durch Wladimir 988 aus, die zu einer Dichotomie der historiographischen Deutungsmuster geführt habe. Der Rang der Rurikiden als herrschender Dynastie wurde aus der oralen und autochthonen Tradition hergeleitet, die Bedeutung der Rus im Ablauf der Geschichte aus "entliehenen" Interpretationsmodellen der Bibel und der byzantinischen Historiographie. Im 12. Jh. konnte die Bekehrung dann selbst den Bezugspunkt für eigenständige Wertungsmuster bilden. - Chris Wickham, The Sense of the Past in Italian Communal Narratives (S. 173-189): Vorgänge, vor allem kriegerischer Art, des ausgehenden 11. Jh. bilden den Ausgangspunkt der städtischen Historiographie, die Zeit davor bestimmt nicht das kollektive Bewußtsein. Caffaros verfassungspolitisch orientierte Darstellung bedeutet eine Ausnahme. - T. S. Brown, The Political Use of the Past in Norman Sicily (S. 191-210): Die vielgestaltige Tradition des normannischen Herrschaftsbereiches ließ eine einheitliche "sinnstiftende" Historiographie nicht entstehen. - Raymond McCluskey, Malleable Accounts: Views of the Past in Twelfth Century Iberia (S. 211-225): Die Historiographie orientiert sich nicht am Ideal der Einheit der Iberischen Halbinsel, welche in der Reconquista wiederherzustellen sei.
  168. &

    E.-D.H.


  169. Suger, The deeds of Louis the Fat, translated with introduction and notes by Richard Cusimano and John Moorhead, Washington D. C. 1992, The Catholic University of America Press, XIV u. 223 S., ISBN 0-8132-0758-4, USD 14,95. - Diese Übersetzung der Vita Ludovici Grossi, erstaunlicherweise die erste ins Englische, liest sich flott und ist - um nach Stichproben zu urteilen - zuverlässig. Der Kommentar ist ausführlich (wenn auch die Unterscheidung zwischen Fuß- und Endnoten nicht sehr überzeugend wirkt) und berücksichtigt die neueste Literatur. Kurz: eine nützliche Arbeit.
  170. &

    T. R.


  171. Volkhard Huth, Vom Wüten des Beelzebub im gespaltenen Reich. Ein übersehenes Detail im Bilderzyklus der "Chronik" Ottos von Freising, MIÖG 102 (1994) S. 271-295, 2 Abb., glaubt in der bekannten Federzeichnung auf fol. 91v des Widmungsexemplars Jena, UB Bose q. 6 (u. a. abgebildet MGH SS 20 gegenüber S. 89) zu Beginn des 7. Chronik-Buches eine Fliege auf dem Schild des vordersten Kämpfers der Seite Heinrichs V. zu erkennen, deutet dies mit Hilfe der von Hieronymus vermittelten Etymologie des hebräischen Namens Beelzebub (habens muscas aut vir muscarum) und leitet daraus weitere Überlegungen zum eschatologischen Geschichtsbild des Autors ab, dem er auch bestimmenden Einfluß auf die Illustration zuschreibt.
  172. &

    R. S.


  173. The Waltham Chronicle. An Account of the Discovery of Our Holy Cross at Montacute and its Conveyance to Waltham, hg. und übersetzt von Leslie Watkiss und Marjorie Chibnall (Oxford Medieval Texts) Oxford 1994, Clarendon Press, LIII u. 99 S., 2 Taf., ISBN 0-19-822164-9, GBP 27.50. - Waltham, ein Haus von Augustinerchorherren seit 1177, war zuvor eine nicht regulierte Kollegiatkirche, die gegründet worden war von dem Verlierer der Schlacht bei Hastings, Harald Godwineson, der dort auch begraben wurde. Die Attraktion von Waltham Holy Cross, die es später zu einem Pilgerzentrum machte, war das schon in der Zeit des Königs Knut des Großen aufgefundene "Holy Cross", das dann nach Waltham kam, entgegen einem häufigen Irrtum der Literatur aber kein Fragment des wahren Kreuzes Christi war, sondern eine wunderwirkende Steinskulptur eines Crucifixus. Als Genre handelt es sich bei der Chronik um einen Fundationsbericht. Der Chronist trat 1124 in Waltham ein und schrieb kurz nach der Umwandlung von 1177; der alten Lebensform trauerte er nach. Der Bericht ist lebendig geschrieben und aufschlußreich für das Leben einer solchen Gemeinschaft, auch für die Hochherzigkeit der Gründer, denn die detailliert beschriebene Ausstattung durch Harald war sehr großzügig. Die Edition ist sorgfältig, die Übersetzung gut.
  174. &

    H. E. M.


  175. Saxo Grammaticus. Tra storiografia e letteratura. Bevagna 27-29 settembre 1990, a cura di Carlo Santini (I convegni di Classiconorroena 1) Roma 1992, Il Calamo, 441 S., ISBN 88-86148-00-3, ITL 100.000. - Die Tagung des Instituts für klassische Philologie der Universität Perugia, die die Gründung einer Società culturale Classiconorroena (d.h. altnordisch) und die Herausgabe des vorliegenden Sammelbandes zeitigte, gehörte nach Ausweis des Tagungsberichtes (S. 3 ff.) zweifellos zu den wissenschaftstouristischen Höhepunkten jenes Jahres, aber auch die Beiträge bringen fast ausnahmslos bemerkenswerte Hinweise zum besseren Verständnis sowohl der Gesta Danorum wie auch allgemein der Stammesgeschichtsschreibung: Régis Boyer, Femmes viriles et/ou fatidiques chez Saxo (S. 7-25), führt einige Episoden aus Buch 1-9 auf die Nachwirkung einer mythologischen weiblichen Erdgottheit zurück, entdeckt Anspielungen auf eine Art Tempelprostitution für den nordisch-priapischen Gott Frø und äußert sich anerkennend über die Organisation des Materials. - Giorgio Brugnoli, Gli auctores di Saxo (S. 27-45), glaubt, über die schon identifizierten Klassikerzitate hinaus noch "assoziative" Anklänge zu erkennen, wie pugiles und discors als Nachklang von pervigiles und discissis, aber auch leichter Nachvollziehbares. - Karsten FriisJensen, Saxo Grammaticus's Study of the Roman Historiographers and his Vision of History (S. 61-81), betont, daß die Kenntnis von Valerius Maximus, Iustin, Curtius Rufus und - in geringerem Maße - Orosius bei Saxo über sachliche Entlehnungen und stilistischen Einfluß hinausgeht und eine "interpretatio Romana" der dänischen Geschichte impliziert. - Kai Hørby, Saxo Grammaticus - Giurista, Canonista (S. 83-89), hält es für möglich, daß die juristischen Kenntnisse Saxos auf Huguccio von Pisa zurückgehen. - Richard North, Saxo and the Swedish Wars in Beowulf (S. 175-188), zeigt patriotische tendenzielle Veränderungen der Historie durch Saxo, dem es peinlich war, daß der dänische König als Untertan des schwedischen erscheinen sollte, und dem es sicher noch peinlicher gewesen wäre ("Grammaticus"!), wie hier als "extremus comitorum" (S. 188) angeführt zu sein. - Teresa Pároli, Ideali di vita e significato della morte nei primi nove libri dei Gesta Danorum (S. 188-259), zieht aus breit paraphrasierten Partien der Gesta Danorum den Schluß, es sei eine Entwicklung der ethischen Grundlagen bei Saxo zu beobachten, die in der Erwägung eschatologischer Fragen gipfle, womit die Christianisierung der Dänen harmonisiere. - Giovanni Polara, Tra fantasmi e poeti. Coincidenze e reminiscenze classiche nelle parti in versi dei Gesta Danorum (S. 261-280), hebt das Geschick Saxos bei der Übernahme klassischer Zitate und Versatzstücke hervor. - Carlo Santini, Intelligenza, astuzia e stratagemmi nei Gesta Danorum (S. 293-316), handelt über die Begriffe disertus und callidus. - Ute Schwab, Blut trinken und im Bier ertrinken. Zur Trinkmetaphorik bei Saxo Grammaticus im Vergleich zu einigen Zeugnissen der germanischen Heldendichtung, besonders des Nibelungenliedes (S. 367-415), stellt in einem Beitrag von eindrucksvoller Materialfülle Belege für die Metapher zusammen, die in der Wendung "jemandem etwas eintränken" weiterlebt. - Fabio Stok, Note al testo di Saxo (S. 417-440), führt die Emendationen der bisherigen Editoren auf, weist einzelne zurück und betont die Notwendigkeit einer Neuausgabe.
  176. &

    G. S.


  177. Rudolf Hiestand, Un centre intellectuel en Syrie du Nord? Notes sur la personnalité d'Aimery d'Antioche, Albert de Tarse et Rorgo Fretellus, Le Moyen Age 100 (1994) S. 7-36, sieht im Patriarchen Aimerich von Antiochien den Urheber des für Erzbischof Raimund von Toledo bestimmten Werks "La Fazienda de ultra mar" und in Rorgo Fretellus, dem Verfasser der Descriptio terrae sanctae, dessen Amtsnachfolger im Archidiakonat von Antiochien. Beide hätten, wie später auch Albert, Kanzler von Antiochien und Erzbischof von Tarsus, einem "milieu culturel antiochéen" angehört, "qui fut beaucoup plus actif qu'on ne l'a imaginé".
  178. &

    G. Sch.


  179. Al-Mak_n ibn al-`Am_d, Chronique des Ayyoubides (602-658/1205/6 - 1259/ 60), kommentierte französische Übersetzung von Anne-Marie Eddé und Françoise Micheau (Documents relatifs à l'histoire des croisades 16) Paris 1994, Académie des Inscriptions et Belles-Lettres, Vertrieb: Diffusion De Boccard, Paris, 146 S., keine ISBN, FRF 130. - Ibn al-`Am_d war ein koptischer Autor, der von Damaskus aus die Mongoleninvasion von 1259/1260 miterlebte und 1273 starb. Seine Chronik, deren hier übersetzten Teil C. Cahen arabisch schon 1958 im Bulletin d'Etudes Orientales edierte, ist wichtig für die Geschichte des Ayyubidenreiches in der ersten Hälfte des 13. Jh. und endet mit dem Jahr 1260, als al`Am_d angesichts der syrischen Wechselfälle sogar fünf Monate zu den Franken nach Tyrus ausweichen mußte (S. 114). Partei nahm er aber nicht für diese, erst recht nicht für die Mongolen, sondern für die muslimische Seite. Für die Kreuzzüge des 13. Jh. trägt er manches bei, ebenso für die Beziehungen zwischen Franken und Muslimen, hat aber auch bemerkenswerte Nachrichten zu innerislamischen Vorgängen, vor allem in Mesopotamien und bei den stets delikaten Beziehungen zwischen Türken und Kurden. Der mustergültige Kommentar der beiden Übersetzerinnen ist vor allem für den Nichtorientalisten ein sicherer Wegweiser durch diese bedeutsame Chronik, in dem auch die benutzten Schriftquellen identifiziert sind. Der Index erschließt nicht nur Orts- und Personennamen, sondern in Kursivdruck auch Sachbegriffe. Es ist der erste Band einer ganzen Reihe von Quellenübersetzungen aus dem Arabischen in dieser Serie und eines Projektes, das dem verstorbenen C. Cahen besonders am Herzen lag; er setzt für die kommenden Bände hohe Maßstäbe, die hoffentlich gehalten werden.
  180. &

    H. E. M.


  181. Jacques Paul, Mariano d'Alatri, Salimbene da Parma. Testimone e cronista (Bibliotheca seraphico-capuccina 41) Roma 1992, Istituto storico dei Cappuccini, Edizioni Collegio S. Lorenzo da Brindisi, 267 S., ISSN 0067-8163, vereinigt je sechs Aufsätze der beiden Gelehrten, worunter je vier bereits anderweitig publiziert sind; von J. Paul (übersetzt von M. d'Alatri): Salimbene, testimone e cronista; Elogio delle persone e ideale umano; Il gioachimismo e i gioachimiti alla metà del Duecento (1967-80); Il viaggio in Francia (1247-1248). Neu sind 1) Il mondo affettivo, ein Versuch, die Darstellung menschlicher Beziehungen in der Chronik unter dem Begriff der "amicizia" zu erfassen und zugleich Salimbenes eigenen Gefühlen auf die Spur zu kommen; 2) L'immagine di San Francesco e il francescanesimo di fra Salimbene, analysiert die - eher beiläufige - Wahrnehmung des Ordensgründers durch den Chronisten und geht seinem joachimitisch gefärbten franziskanischen Bewußtsein nach. Von M. d'Alatri stammen vier schon veröffentlichte Studien: La religiosità popolare nella Cronaca di fra Salimbene; Pulpito e navata; Clero e cultura; Chiara d'Assisi e clarisse (1990-91). Neu für diesen Band sind die beiden kurzen Beiträge: 1) I compagni di San Francesco, mit dem Nachweis, daß die frühen Gefährten des Heiligen, die Salimbene kennenlernte, Kontinuität zwischen ihm und dem Stifter garantieren; 2) Popolo e società nel circondario di Quattro Castella, referiert Salimbenes Schilderung der bewegten Lokalereignisse, deren Augenzeuge er in seinen letzten Jahren wurde. Sehr willkommen ist die Bibliografia Salimbeniana 1930-1991; nachzutragen wäre C. Casagrande - S. Vecchio, Salimbene da Parma e Jacopo da Varagine, Studi Medievali 3a ser. 30 (1989) S. 749-788.
  182. &

    Walter Koller


  183. Véronique Lambert, Chronicles of Flanders 1200-1500, Chronicles written independently from ,Flandria Generosa' (Verhandelingen der Maatschappij voor Geschiedenis en Oudheidkunde te Gent, 19). Gent 1993, Maatschappij voor Geschiedenis en Oudheikunde te Gent, 176 S., ISSN 0779-8482. - Die aus der Diss. der Vf. hervorgegangene Veröffentlichung entstand im Rahmen eines Projekts der Universitäten Gent und Löwen, dessen Ziel die Erstellung eines Repertoriums der zwischen 1200 und 1520 in Flandern verfaßten erzählenden Quellen ist. In der Einleitung werden die flandrischen Chroniken als Werke regionalen Zuschnitts charakterisiert, die sich in zwei Gruppen einteilen ließen: solche, die von der ältesten Chronik Flanderns, der "Flandria Generosa" aus dem Jahr 1164, abhängig seien, und solche, die völlig unbeeinflußt davon entstanden. Die einzelnen Abschnitte enthalten hauptsächlich Angaben zu Autor, Vorlagen, Entstehungsort und -zeit, Hss., Editionen und Sekundärliteratur. Neben einigen anonymen Werken wurden aufgenommen: Balduin von Ninove, Johannes von Thielrode, Gilles le Muisit, Jean Froissart, Johannes Brando, Bartolomeus van der Beke, Gilles de Roye, Adrian de But, Olivier van Dixmude, Jean Surquet, Phillippe Wielant. - Eine sehr nützliche Quellenkunde, die vor allem durch die Hinweise zur Überlieferung die Voraussetzungen dafür schafft, daß der von der Vf. in der Einleitung angesprochenen mißlichen Forschungslage (S. 16: "bad editions and outdated literature") endlich durch bessere Editionen abgeholfen werden kann.
  184. &

    C. M.


  185. Bernard Guenée, Documents insérés et documents abrégés dans la "Chronique du religieux de Saint-Denis", BECh 152 (1994) S. 375-428. - Michel Pintoin (1349-1421), Mönch in Saint-Denis, hat in seine "Chronique de Charles VI" zahlreiche Dokumente dieses Herrschers vollständig oder gekürzt inseriert. Anhand von 45 ausgewählten Beispielen skizziert G. die Arbeitsweise des Autors und listet die Stücke im Hinblick auf eine zukünftige kritische Edition der Chronik ausführlich auf.
  186. &

    A. G.


  187. Lorenz Fries, Chronik der Bischöfe von Würzburg 742-1495, Bd. 2: Von Embricho bis Albrecht III. von Heßberg (1127-1376), bearbeitet von Christoph Bauer, Udo Beireis, Thomas Heiler, Georg Salzer und Peter A. Süss (Fontes Herbipolenses. Editionen und Studien aus dem Stadtarchiv Würzburg, Bd. 2) Würzburg 1994, Schöningh, XII u. 411 S., ISBN 3-87717-770-0. - Die Edition der Bischofschronik des Würzburger Sekretärs folgt den gleichen Grundsätzen, die für Band 1 galten (siehe DA 50, 274). Der Sachkommentar ist dagegen erheblich umfangreicher geworden, weil die Möglichkeit, die von Fries benutzten Quellen nachzuweisen, durch zunehmende Dichte der erhaltenen Dokumente, besonders von Urkunden, erheblich besser ist als für die Frühzeit der Würzburger Bischofsgeschichte. Außerdem sind fragmentarische Entwürfe Lorenz Fries' zu seiner Chronik erhalten, die einen guten Einblick in die Entstehungsgeschichte des Werkes geben und im Kommentar ausgewertet wurden.
  188. &

    D. J.


  189. Alessandro Valori, Famiglia e memoria. Luca da Panzano dal suo "Libro di Ricordi": Uno studio sulle relazioni familiari nello specchio della scrittura, Archivio storico italiano 152 (1994) S. 261-297, analysiert ein Notizbuch des aus einem kleinen Ort in der Nähe von Florenz stammenden Luca di Matteo (1393-1463?), das kontinuierliche Eintragungen zur Geschichte seiner Familie von 1406 bis 1461 enthält, worunter sich auch "Rückblenden" bis 1254 finden. Sie verraten "un senso molto variabile del gruppo familiare" (S. 296); die Intensität des von Luca im Grunde nie in Frage gestellten Gefühls familiärer Zusammengehörigkeit variiert je nach Interessenlage, wobei freilich gerade die Beziehungen zu den nächsten Verwandten von starken Spannungen geprägt sind.
  190. &

    C. M.


  191. Hartmut Peter, Die Vita Angeli Geraldini des Antonio Geraldini. Biographie eines Kurienbischofs und Diplomaten des Quattrocento. Text und Untersuchungen (Europäische Hochschulschriften Reihe III. Geschichte und ihre Hilfswissenschaften 570). Frankfurt a. M. u. a. 1993, Peter Lang, XI und 413 S., ISBN 3-361-46402-9, DEM 98. - Die von J. Petersohn betreute, im Zusammenhang mit seinen Geraldini-Forschungen (vgl. DA 42, 700; 45, 227 f.) entstandene Diss. bietet eine Edition des Texts nach den beiden Hss. (Bibl. Apost. Vat. lat. 6940 und Firenze, Bibl. Naz. Centr. Magliab. XXXVII 284), die eingehend beschrieben werden. Antonio Geraldini, ein Neffe Angelo Geraldinis († 1486), hat die bis zum Februar 1470 reichende Biographie wohl größtenteils auf einer Seereise nach Spanien verfaßt, die er zusammen mit seinem Oheim unternahm, dessen Erzählungen er verwertete. Selbstverständlich hat er dabei in humanistischer Manier kunstvoll zahlreiche aus der Antike überkommene Motive eingebaut, die in der Einleitung analysiert werden, wo das Werk auch in den größeren Zusammenhang der biographischen Gattung eingeordnet wird und vor allem Parallelen wie Unterschiede zu anderen Biographien des 15. Jh. aufgezeigt werden. Ergebnis: "In der Verbindung von Individualdarstellung und rühmender Familiengeschichte ist die Vita Angeli ein einmaliges Erzeugnis der italienischen Renaissancebiographik" (S. 147). Dankbar ist man dem Hg. auch für die zahlreichen philologischen und historischen Hinweise im Kommentar.
  192. &

    C. M.


  193. Susanne Wittern, Frauen, Heiligkeit und Macht. Lateinische Frauenviten aus dem 4. bis 7. Jahrhundert (Ergebnisse der Frauenforschung 33) Stuttgart-Weimar 1994, Verlag J. B. Metzler, 220 S., ISBN 3-476-00951-3, DEM 42. - Die Vf. fragt in ihrer Berliner Diss. nach dem Wandel in den Vorstellungen von weiblicher Heiligkeit. Hauptquellen sind für die Spätantike die Schriften des Hieronymus über Lea, Asella, Paula, Fabiola und Marcella, der Brief des Paulinus von Nola über Melania die Ältere, die lateinische Vita Melaniae iunioris, für das frühe MA die ältere Vita Genovefae, der Bericht Gregors von Tours über Monegundis, die Radegundisviten sowie die Vita Rusticulae. Als Ergebnis ihrer vergleichenden, stark philologisch ausgerichteten Analyse hält W. fest: Zwischen Spätantike und Früh-MA verschiebt sich das Idealbild einer weiblichen Heiligen von der weltabgewandten Asketin zur durchaus innerweltlich agierenden Jungfrau und Klosterfrau, von der eher durch Innerlichkeit, Tugenden und Glaubensstärke ausgezeichneten Einzelkämpferin zur öffentlich erfolgreichen, in sozialen und gesellschaftlichen Bezügen agierenden Mittlerin, wobei das spätantike Ideal der Asketin bis in die frühma. Viten Gregors von Tours und des Venantius Fortunatus hineinreicht, während schon bei Melania der Jüngeren die ansonsten erst im Früh-MA. in ihrer Bedeutung wachsende klösterliche Gemeinschaft einen gewissen Stellenwert erhält. Nicht zuletzt die Zielgruppe der antiken und frühma. Leserinnen und Hörerinnen erweist sich als entscheidend für die Konzeption der Vitenautoren und der einzigen Autorin (Baudonivia). Hält das Ergebnis, das auf einem gediegenen Forschungsüberblick und äußerst genauer Begriffsanalyse beruht, auch unter einem eher religionsgeschichtlichen Blickwinkel stand? Grundsätzlich ist seit Peter Browns Untersuchungen über den "Holy Man" dieser für die meisten Heiligenviten als Leitmotiv erkannt. Das Zusammenwirken von geleisteter Askese und Gottes Gnade, die offensichtlich nicht immer in einem "theologisch korrekten" Verhältnis zueinander stehen, macht den vir Dei zum gefragten Wundertäter. Eben dieses Leitmotiv läßt sich auch in den Frauenviten ausmachen. Askese als Verdienst und Gnadenmittel verliert gegenüber den spätantiken Frauenviten auch in den merowingischen Heiligenleben nicht ihren Stellenwert. Maßstab für eine weibliche Heilige ist also nicht der heilige Bischof (von der Vf. im Vergleich Vita Genovefae - Vita Germani herausgearbeitet), sondern der durch seine virtus wirkende Gottesmann. Nicht einen Amtsträger suchen frühma. Menschen als Vermittlung zu Gott, sondern Askese und persönliches Verdienst verheißen ihnen Erfüllung ihrer Wünsche. Der Titel des Buches (vom Verlag gewünscht?) schließlich verspricht mehr, als die Autorin halten kann - die Frage nach der Macht der vorgestellten Frauen wird gerade nicht mehr thematisiert. Ihr Verdienst hat die Arbeit vor allem in der äußerst gründlichen Quellenanalyse und in der präzisen Darstellung.
  194. &

    Gisela Muschiol


  195. Martin Kanovský, Štruktúra hagiografických legiend (mit Zusammenfassung: The Structure of the Hagiographic Legends), _eský _asopis historický 92 (1994) S. 619-643, geht davon aus, das ma. Denken sei zutiefst hierarchisch gewesen, und beschreibt so die hagiographischen Legenden mit fast mathematischer Formelhaftigkeit.
  196. &

    Ivan Hlavácek


  197. Vitas Sanctorum Patrum Emeretensium, edidit A. Maya Sánchez (CC 116), Turnholti 1992, Brepols, C u. 130 S., ISBN 2-503-01162-4, BEC 2900. - Die bei Juan Gil in Sevilla angefertigte Diss. bringt nicht nur die Edition von fünf hagiographischen Texten (S. 3-102), sondern einleitend eine gleichlange Untersuchung der Texttradition (man könnte auch den Editionsteil als "ausleitend" bezeichnen), die die Bedeutung der Heiligen von Mérida und ihrer Viten als Quelle des 6. und 7. Jh. für die Geschichte Spaniens betont, aber in einer Editionsreihe nicht unbedingt erwünscht oder erwartet wird. Ein möglicher Grund für die verlegerische Entscheidung liegt darin, daß die Texte trotz des aufgeblähten Variantenapparates nur einen sehr schmalen Band ergeben hätten: Hier wird jedes set, nicil, hiis notiert, aber durch einige vorausgeschickte Worte dazu und zum unterschiedslosen Gebrauch von b und v sowie zur Zusammenschreibung von Wörtern hätte der Apparat gewiß um die Hälfte reduziert werden können. Im einzelnen enthält der Band die Vision eines todkranken Knaben Agustus (insons, simplex et inscius litteris), der im Jenseits u. a. beobachtet, daß an Fleisch nur Geflügel serviert wird. Ein kurzer zweiter Text schildert den Tod eines an Bulimie leidenden Mönches nach übergangslosem dreitägigem Fasten, der dritte Text handelt vom Abt Nanctus, der immer einen Mönch vor und einen hinter sich gehen ließ, um sich vor dem schädlichen Anblick von Frauen zu schützen, und der völlig aus der Bahn geworfen wurde, als eine Frau ihn von weitem erblickte. Die letzten zwei Stücke beschreiben Bischöfe von Mérida, in Sonderheit den Hl. Masana, der mit Hilfe der Hl. Eulalia den Domschatz von Mérida und sein Leben vor den Anschlägen der arianischen Häretiker retten konnte.
  198. &

    G. S.


  199. Giselle de Nie, Die Sprache im Wunder - das Wunder in der Sprache. Menschenwort und Logos bei Gregor von Tours, MIÖG 103 (1995) S. 1-25, rekonstruiert in nicht immer leicht verständlicher Weise Gedankengänge und Ausdrucksformen vornehmlich in Gregors hagiographischen Schriften (MGH SS rer. Merov. 1/2) samt ihren biblischen oder patristischen Vorbildern.
  200. &

    R. S.


  201. E. Gordon Whatley, An Early Literary Quotation from the Inventio S. Crucis. A Note on Baudonivia's Vita S. Radegundis (BHL 7049), Analecta Bollandiana 111 (1993) S. 81-91, weist in der MGH SS rer. Merov. 2 S. 388 edierten Passage den ältesten Beleg für die Kenntnis der Inventio S. Crucis nördlich der Alpen nach.
  202. &

    G. S.


  203. Michel Banniard, Les deux Vies de Saint Riquier: Du latin médiatique au latin hiératique, Médiévales 25 (1993) S. 45-52, analysiert an ausgewählten Beispielen die sprachlichen Unterschiede zwischen der spätmerowingischen Vita Richarii (MGH SS rer. Merov. 7 S. 444-453) und ihrer Überarbeitung durch Alkuin (MGH SS rer. Merov. 4 S. 390-401), wie es gleichzeitig auch W. Berschin im 3. Band seines Biographie-Werkes (vgl. DA 50, 291) getan hat.
  204. &

    R. S.


  205. Petra Kehl, Die Entstehungszeit der Vita Sturmi des Eigil. Versuch einer Neudatierung, Archiv für mittelrheinische KG 46 (1994) S. 11-20, schlägt die Jahre 816/817 vor und stützt sich dafür auf die mit der zweiten Fassung des Supplex Libellus der Fuldaer Mönche übereinstimmende Hochschätzung der Klosterordnung des Bonifatius. Das Hauptargument für eine Datierung auf die Jahre 794 bis 800, man bete pro illius (= Karl d. Gr.) incoluminitate 1/4 usque hodie, versucht sie mit zwei Einwänden zu widerlegen: Incoluminitas könne für Lebende und Verstorbene gebraucht werden (der angeführte Beleg stammt aus dem Memento vivorum der Messe, eine parallele Formulierung müßte angesichts des Sprachgebrauchs der Zeit [vgl. etwa MGH Conc. 2, 1 S. 285] eigens nachgewiesen werden); die Betonung des usque hodie spreche für eine Besonderheit, die nur in weiterem Gebet für den bereits verstorbenen Karl bestehen könne.
  206. &

    E.-D.H.


  207. Thomas Haye, "Solecismorum fetor": Einige philologische Bemerkungen zu Ardo von Aniane, Archivum Latinitatis Medii Aevi 52 (1994) S. 151-166, ergänzt die bisherigen Untersuchungen zu Wortschatz und Stil der Vita Benedicti (MGH SS 15/1 S. 198-220) und verweist dabei auf einige bemerkenswerte Einzelphänomene und ungewöhnliche Junkturen. Der Vf. macht auf die Nähe von Ardos Vokabular zur zeitgenössischen Urkundensprache aufmerksam.
  208. &

    Peter Dinter


  209. Maaike van der Lugt, Tradition and Revision. The Textual Tradition of Hincmar of Reims'"Visio Bernoldi" with a Critical Edition, Archivum Latinitatis Medii Aevi 52 (1994) S. 109-149, stellt nach einer stilistischen Untersuchung der verschiedenen Versionen von Hinkmars Brief die beiden bisher edierten (Migne PL 125, 1115-1120 und MGH SS 13 S. 476 u. 509 in der Bearbeitung durch Flodoard) mit einer dritten im Paralleldruck vor, dem ein kurzer Kommentar beigefügt ist.
  210. &

    Peter Dinter


  211. Gerhard von Augsburg, Vita Sancti Uodalrici. Die älteste Lebensbeschreibung des heiligen Ulrich, lateinisch-deutsch. Mit der Kanonisationsurkunde von 993. Einleitung, kritische Edition und Übersetzung besorgt von Walter Berschin und Angelika Häse (Editiones Heidelbergenses 24) Heidelberg 1993, Universitätsverlag C. Winter, 440 S., ISBN 3-8253-0018-8, DEM 68. - 1841 erschien in MGH SS 4 die Ausgabe der Ulrichsvita von Georg Waitz, die jetzt abgelöst wird durch eine Edition auf erweiterter Grundlage: 27 Hss. und für die Texterstellung wichtige Drucke stehen den 4 Textzeugen bei Waitz gegenüber. Die von Berschin/Häse gewählte Leithandschrift (Augsburg, Universitätsbibliothek, Cod. I. 2.4° 6, aus der Oettingen-Wallersteinschen Bibliothek) war Waitz noch unbekannt. Seit dem 15. Jh. befand sie sich in Tegernsee, die Schrift datiert in die ersten Jahrzehnte des 11. Jh. Gleichzeitig weisen Berschin/Häse eine anonyme Überarbeitung der von Gerhard verfaßten Vita bereits zu Beginn des 11. Jh. nach: Das Fehlen der einleitenden Interpretation des Namens Ulrich (was zur besseren Übersicht S. 84 im Apparat hätte vermerkt sein sollen), das Übergehen der ersten Romreise (I, 1), ein zusätzlich eingeschobenes Wunder zwischen I, 2 und I, 3 sind deren wichtigste Kennzeichen, und historisch bedeutsam ist eine Verschärfung des Vergleichs des ungesalbten Königs mit einem Schwert ohne Knauf (I, 3; S. 108), welche einem solchen König utilitas abspricht. Ein zweiter textkritischer Apparat dokumentiert diese Überarbeitung (Gerhard b). Die Edition versucht in Ansätzen das Aussehen der Leithandschrift (Initialen, Interpunktion, Groß- und Kleinschreibung) wiederzugeben, drucktechnisch nicht möglich war die Darstellung der e-caudata (dafür steht: ae). Ergänzt wird die Edition durch eine Neuedition der Urkunde Papst Johannes XV. zur "Heiligsprechung" Ulrichs (JL 3848); auch hier konnte die Textgrundlage gegenüber der maßgeblichen Edition in Zimmermanns Papsturkunden erweitert werden, allerdings ohne daß sich die Überlieferungslage dadurch grundsätzlich verbessert hätte. Wichtig ist, daß sich die Spuren der Urkundenüberlieferung bis in das 12. Jh. zurückverfolgen lassen. Die Übersetzung der Vita ist gut lesbar, ein Namenregister erschließt die Edition.
  212. &

    E.-D.H.


  213. Sirka Heyne, Der Heilige Bodardus in Geschichte und Legende, Rheinische Vierteljahrsblätter 58 (1994) S. 284-291, behandelt die Überlieferung der Viten des seit dem 10. Jh. verehrten Heiligen, der zu den Mainzer Bischöfen der Zeit vor Bonifatius gezählt wurde.
  214. &

    E.-D.H.


  215. Antonia Gransden, Abbo of Fleury's ,Passio sancti Eadmundi', Revue Bénédictine 105 (1995) S. 20-78, untersucht die literarischen Quellen (Bibel, Klassiker, Hagiographie und vor allem Bedas Kirchengeschichte), die Absicht des Werkes (ein idealer christlicher König und der sakrale Charakter des angelsächsischen Königtums sollen dargestellt werden), die Historizität der Passio (die geographischen und historischen Angaben im Widmungsbrief und in der Einleitung stimmen durchweg, diejenigen in der Erzählung sind meistens erfunden) und ihre Überlieferung und Nachwirkung (die hsl. Tradition setzte im 11. Jh. ein und erreichte ihren Höhepunkt im 12. Jh.; ein Kultzentrum außerhalb von Bury St. Edmunds entstand in der zweiten Hälfte des 11. Jh. in Lucca).
  216. &

    D. J.


  217. Wulfstan of Winchester, The Life of St Æthelwold, edited by Michael Lapidge and Michael Winterbottom (Oxford Medieval Texts) Oxford 1991, CLXXXVIII u. 105 S., ISBN 0-19-82266-1, GBP 40. - In letzter Zeit hat es ein begrüßenswertes Interesse an den Quellen für die letzten zwei Jahrhunderte angelsächsischen Englands gegeben: es gibt nicht nur die Projekte einer Neuausgabe der angelsächsischen Chronik und verwandter Quellen (vgl. zuletzt DA 44, 233 f.) bzw. der Königsurkunden (vgl. zuletzt DA 46, 581), sondern auch eine intensive Beschäftigung mit den hagiographischen Quellen des 10. und 11. Jh. Die vorliegende Vita stellt zusammen mit der Vita Oswaldi des Byrhtferth von Ramsey und der Vita Dunstani eines gewissen B. den Höhepunkt der angelsächsischen Bischofsvita da. Sie wird angesichts der neubelebten Beschäftigung mit ottonisch-salischen Bischofsviten auch für einen deutschen Leserkreis interessant sein, obwohl direkte Einflüsse sich nicht nachweisen lassen. Dies und vieles mehr geht aus der sehr ausführlichen Einleitung hervor, praktisch einer kleinen Monographie über den Verfasser und noch mehr über Æthelwold selbst und seine geistige und religiös-politische Umwelt. Der Text wird aufgrund der fünf erhaltenen Hss. und einiger Ableitungen hergestellt: alle gehen wohl auf Wulfstans eigenes Exemplar zurück, welches er wohl an einigen Stellen (vor allem in cc. 12 und 40) überarbeitet hat. Der volle und hilfreiche Sachkommentar und die zuverlässige und lesbare Übersetzung bieten einen ausgezeichneten Zugang zu dieser wichtigen Quelle; zu bedauern ist lediglich das in dieser Reihe leider immer noch übliche Fehlen eines Wortregisters. - In drei Anhängen werden Ælfrics Vita Æthelwoldi (eigentlich eine stilistisch überarbeitete Kurzfassung der Wulfstan-Vita) sowie einige Gedichte über Æthelwold und eine mittelenglische Vita ediert.
  218. &

    T. R.


  219. Jean Becquet, L'évêque Asclèpe à Saint-Augustin de Limoges (VIe siècle), Bulletin de la Société archéologique et historique du Limousin 122 (1994) S. 12-22, ediert den vielleicht im 12. Jh. verfaßten Translationsbericht des Bischofs Asclepius von Limoges (6. Jh.) und geht in der Einleitung auf die ma. und frühzeitlichen Bischofslisten von Limoges ein.
  220. &

    Rolf Große


  221. Jan van Herwaarden, Op weg naar Jacobus. Het Boek, de Legende en de Gids voor de Pelgrim naar Santiago de Compostela, Hilversum 1992, Verloren, 192 S., mehrere Abb., ISBN 90-6550-008-1, NLG 37,50. - Der Vf. verfolgt mit seinem Buch ein doppeltes Ziel: Eine Neuausgabe seiner erstmals 1983 unter dem Titel "O roemrijke Jacobus, bescherm Uw volk. Pelgrimsgids naar Santiago" hg. Übersetzung des bekannten Pilgerführers nach Santiago de Compostela aus dem 12. Jh. sowie die zu einer kleinen Monographie geratene Einführung in die Probleme des Liber Sancti Jacobi. Angereichert ist dieser einführende Teil mit umfangreichen Quellenzitaten und Abbildungen. Der Vf. legt besonderen Wert auf den kirchenpolitischen Hintergrund, auf Fragen, inwieweit der Adoptianismusstreit des 8. Jh. den beginnenden Kult förderte, welche Bedeutung die "Romanisierung" der spanischen Kirche durch cluniazensische und andere Einflüsse in Hierarchie und Kultus hatte, schließlich, wie entscheidend die Verbindung des Jakobuskultes mit der Person Karls des Großen seit dem 12. Jh. für die weitere Entwicklung und Kultpropaganda war. H. erörtert diese Probleme auf der Basis der neuesten Literatur, wobei er in der gerade in jüngster Zeit in der Forschung diskutierten Frage, in welchem Verhältnis die in Compostela erhaltene Hs. des Liber Sancti Jacobi zu einer vielleicht in Frankreich entstandenen Vorform steht, der Möglichkeit einer von Aimeric Picaud in Frankreich zusammengestellten Fassung zuzuneigen scheint. Auch in die Fußnoten seiner Neuübersetzung des Pilgerführers ist die jüngste Literatur eingearbeitet, so daß die Ausgabe auch dem Kenner, dem nicht an der niederländischen Übersetzung selbst gelegen sein sollte, viele weiterführende Hinweise gibt.
  222. &

    Klaus Herbers


  223. Michele Camillo Ferrari, Die Rezeption von Thiofrids Hauptwerken. Von den Handschriften des XII. Jh. bis zur heutigen Forschung, Sacris Erudiri 34 (1994) S. 239-271, richtet den Blick vor allem auf Wertung und Verbreitung der Vita Willibrordi und der Flores epytaphii sanctorum. Der Reliquientraktat des Thiofrid von Echternach ist die erste ma. Abhandlung zu dem Thema, in der es dem Autor nicht so sehr um eine kritische Stellungnahme zu unannehmbaren Formen der Verehrung geht (wie etwa bei seinem Zeitgenossen Guibert von Nogent), sondern um eine theologisch begründete Rechtfertigung des Kultes. Eine neue Edition des Traktates (vom Vf. als Dissertation 1992 in Heidelberg vorgelegt) soll im CC Cont. Med. erscheinen.
  224. &

    Peter Dinter


  225. Vita sancti Waltgeri. Leben des heiligen Waltger. Die Klostergründungsgeschichte der Reichsabtei Herford, bearbeitet und übersetzt von Carlies Maria Raddatz (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen 41. Fontes minores 3) Münster 1994, Aschendorff, VII u. 103 S., ISBN 3-402-06869-9, DEM 44. - Die in ihrem Quellenwert seit jeher umstrittene Vita (vgl. zuletzt DA 46, 703) liegt hier ein gutes Jahrzehnt nach dem Druck samt Übersetzung von E. Forwick (vgl. DA 38, 613) in einer neuen Ausgabe vor, die auf einer Bochumer Diss. von 1988/89 beruht. Die Formulierung der Verlagswerbung, dies sei "die erste Edition der Vita s. Waltgeri auf der Basis sämtlicher Handschriften", täuscht ein wenig, denn aus der nicht gerade luziden Untersuchung zweier Abschriften des 15. Jh. (im Kölner Stadtarchiv) ergibt sich in der Einleitung am Ende doch, daß beide keinen selbständigen Wert gegenüber dem Codex des Staatsarchivs Münster (aus Herford, 13. Jh.) haben, den schon die Erstausgabe von R. Wilmans (1867) verwertet hatte und der auch für R. die alleinige Textgrundlage bildet. Demgemäß sind nennenswerte Veränderungen im Wortlaut nicht zu bemerken, und auch die beigegebene Übersetzung folgt weitgehend derjenigen Forwicks. Der Kommentar holt zu Recht weiter aus, doch ist bei den gebotenen Hinweisen auf schriftliche Vorlagen nicht immer hinreichend bedacht, ob spärlich überlieferte Quellen (Nithard, Poeta Saxo) dem Verfasser überhaupt bekannt geworden sein können. Die quellenkundliche Einschätzung, die in der Einleitung dargelegt wird, entspricht im wesentlichen dem Urteil Löwes im 6. Heft des Wattenbach/Levison (1990, S. 867 f., bei R. nicht mehr herangezogen); danach ist das Werk von einem sonst unbekannten Wigand Ende des 12./Anfang des 13. Jh. im Auftrag des Herforder Damenstifts, gestützt auf dessen Archivalien und mündliche Traditionen, zur Sicherung der Rechtsstellung gegenüber Corvey und Paderborn abgefaßt worden und läßt sich mit den älteren Zeugnissen über die Anfänge Herfords vereinbaren, wenn man voraussetzt, daß der Einrichtung als Reichskloster unter Ludwig dem Frommen (mit Hilfe Adelhards und Walas, parallel zu Corvey) eine private Gründung des sächsischen Adligen Waltger unter Karl dem Großen voranging. Sicher mit Recht wird der in Kapitel 9 inserierte Brief Papst Gregors III. (JE † 2255; Germ. Pont. 4 S. 18 Nr. † 39) als hochma. Fiktion, vielleicht Wigands selber, gewertet.
  226. &

    R. S.


  227. Arpád Peter Orbán, Eine vita metrica der Heiligen Gudula von Brüssel, hg. nach der Hs. London BL Egerton MS 3130, Sacris Erudiri 33 (1992/93) S. 369-424, ediert erstmals die 550 leoninische Verse umfassende Vita (Incipit Invidie morsum metuens me sepe retrorsum / traxi), die weder in der BHL noch bei Walther, Initia carminum, genannt wird. Verfaßt wurde sie 1350 von einem sonst unbekannten Arnoldus. Die Hs. ist niederländischer Provenienz, im 15. Jh. in Rubea vallis/ Roode Klooster nachgewiesen. Inhaltliche Grundlage der Vita ist die jüngere Prosavita (BHL 3685), deren Textparallelen neben zahlreichen Verweisen auf das Lateinische Hexameter-Lexikon (MGH Hilfsmittel 4) den Hauptanteil am Quellen- und Parallelen-Apparat ausmachen.
  228. &

    Peter Dinter


  229. Felice Accrocca, I codici romani della "legenda di Santa Chiara in volgare", Collectanea Franciscana 63 (1993) S. 55-70, eröffnet ein neues Forschungsgebiet, indem er erste Vorarbeiten zur volkssprachlichen Bearbeitung der Viten mit Schwerpunkt auf der römischen hsl. Überlieferung vorstellt.
  230. &

    C. L.


  231. The early medieval bible. Its production, decoration and use, edited by Richard Gameson (Cambridge Studies in Palaeography and Codicology) Cambridge 1994, Cambridge University Press, XIV u. 242 S., Abb., ISBN 0-5214-4540-X, USD 64,95. - Der Band umfaßt sieben Vorträge einer Tagung von 1990 in Oxford und vier Originalbeiträge. Insgesamt wird versucht, die serienmäßige Erstellung der frühma. Bibel zu analysieren. Gegenstand sind die nichtliturgischen Voll-Bibeln und Psalterien von der Spätantike bis zum Ende des 13. Jh. Patrick McGurk,The oldest manuscripts of the Latin Bible (S. 1-23), berichtet über die zeitliche und inhaltliche Streuung und kodikologische Gestaltung der ältesten Textzeugen der lateinischen Bibel vor 800, die zumeist als Teilbibel kopiert wurde. - Richard Gameson, The Royal 1. B. vii Gospels and English book production in the seventh and eighth centuries (S. 24-52) und Richard Marsden, The Old Testament in late Anglo Saxon England: Preliminary observations on the textual evidence (S. 101-124), beschäftigen sich mit den frühma. Verhältnissen auf den britischen Inseln, David Ganz, Mass production of early medieval manuscripts: the Carolingian Bibles from Tours (S. 53-62), und Rosamond McKitterick, Carolingian Bible production (S. 63-77) mit der Serienproduktion von Vollbibeln in der karolingischen Ära (Tours). - Margaret Gibson, Carolingian glossed Psalters (S. 78-100), weist in die gleiche Richtung. - Larry M. Ayres, The Italian giant Bibles (S. 125-154), geht noch einmal den Hirsauer und Admonter Spuren dieses Sondertypus nach. - Laura Light, French Bibles c. 1200-30: a new look at the origin of the Paris Bible (S. 155-176), verfolgt insbesondere die Entwicklung des Textkanons einer bestimmten Handschriftengruppe des 13. Jh., der sogenannten Pariser Bibel. - Erik Petersen, The Bible as subject and object of illustration: the making of a medieval manuscript, Hamburg 1255 (S. 205-222), analysiert im einzigen auf Deutschland bezogenen Beitrag die Erstellung der illuminierten Vulgata-Hs. Ms. G. K. S. 4 2° der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen 1255 in Hamburg. Zwei weitere kunstgeschichtliche Beiträge und eine allgemeine theologiegeschichtliche Betrachtung zur Bedeutung des verbum Dei und des geschriebenen Bibeltexts runden den mit aussagekräftigen Abbildungen und vielseitigen Registern ausgestatteten Band ab. Für das deutsche Sprachgebiet wäre wegen seiner ähnlichen Zielrichtung als Ergänzung heranzuziehen: Arno Mentzel-Reuters: Ein Evangeliar aus der St. Galler Schreibschule unter Salomon III. ÖB Aachen Cod. Wings 1, in: Aachener Kunstblätter 59 (1991-1993), S. 71-83.
  232. &

    A. M.-R.


  233. Thomas O'Loughlin, The Latin Version of the Scriptures in Iona in the Late Seventh Century: The Evidence from Adomnan's De locis sanctis, Peritia 8 (1994) S. 18-26, widerlegt die Annahme, Adamnan habe in Iona Texte der Vetus Latina und die Septuaginta benutzt (ein Irrtum, der analog in älterer Literatur zu vielen anderen Autoren begegnet, da Philologen den Variantenreichtum der Vulgata häufig unterschätzen).
  234. &

    G. S.


  235. Frederick S. Paxton, Liturgy and Healing in an Early Medieval Saint's Cult: The Mass in honore sancti Sigismundi for the Cure of Fevers, Traditio 49 (1994) S. 23-43, skizziert den inhaltlichen Wandel der Messe für den ermordeten Burgunderkönig Sigismund († 524): im 6. und 7. Jh. galt sie dem Märtyrerkönig, in späterer Zeit wurde der König zum Fürbitter für Fieberkranke und aus dieser Funktion erkläre sich die große Verbreitung der Votivmesse.
  236. &

    D. J.


  237. Gertrud Diepolder, Freisinger Traditionen und Memorialeinträge im Salzburger Liber Vitae und im Reichenauer Verbrüderungsbuch. Auswertung der Parallelüberlieferung aus der Zeit der Bischöfe Hitto und Erchanbert von Freising, Zs. f. bayer. LG 58 (1995) S. 147-189, suchte im Freisinger Traditionsbuch des Cozroh sowie in den Verbrüderungsbüchern von St. Peter in Salzburg und der Abtei Reichenau nach dem Vorkommen derselben Namen und entdeckte dabei "im noch recht unübersichtlichen Gelände der alemannisch-bairischen Adelsbeziehungen eine bisher nicht wahrnehmbare Spur", die weiter zu verfolgen lohnend erscheint. Im Reichenauer Verbrüderungsbuch begegnet der ganz singuläre Name Cozroh, der dem Freisinger Notar zuzuordnen ist.
  238. &

    A. G.


  239. Piercinzia Ordine, Testimoni e testimonianze dell' "Omeliario Bavarese" nella Biblioteca Capitolare di Vercelli, Revue Bénédictine 105 (1995) S. 99-154, analysiert Inhalt und Quellen der Hss. Vercelli, Bibl. Capit. LXI und CVIII (beide 12. Jh.), die zur Überlieferung eines für Salzburg oder Augsburg im 9. Jh. zusammengestellten Homiliars gehören, von dem bis heute ein Dutzend Hss. des 9. bis 13. Jh. bekannt sind, und nennt weitere Codices der Kapitelsbibliothek Vercelli und anderer europäischer Bibliotheken, in denen einzelne Texte des "bayerischen Homiliars" rezipiert wurden.
  240. &

    D. J.


  241. Megan McLaughlin, The Twelfth-Century Ritual of Death and Burial at Saint-Jean-en-Vallée in the Diocese of Chartres, Revue Bénédictine 105 (1995) S. 155-166, ediert die Totenliturgie aus dem Liber Ordinarius (Paris Bibl. Nat. lat. 1594 fol. 155r-157v) des von Ivo von Chartres reformierten Regularkanonikerstiftes, deren Entstehung der Vf. in die Mitte des 12. Jh. datiert.
  242. &

    D. J.


  243. Otto Gerhard Oexle, Lignage et parenté, politique et religion dans la noblesse du XIIe s.: l'évangéliaire de Henri le Lion, Cahiers de civilisation médiévale 36 (1993) S. 339-354 mit 4 Abb., interpretiert das Dedikationsbild (fol. 19r), das Krönungsbild (fol. 17v), die Maiestas Domini (fol. 172r) und das Dedikationsgedicht (fol. 4v) des Evangeliars als Elemente von Heinrichs und Mathildes fürstlichem Selbstverständnis und einer prospektiv wie retrospektiv ausgerichteten Memoria.
  244. &

    G. Sch.


  245. Edward Foley, The Treasury of St.-Denis According to the Inventory of 1234, Revue Bénédictine 105 (1995) S. 167-199, versucht mit Hilfe des Zeremonienbuches von Saint-Denis von 1234 (Paris, Bibl. Mazarine 526) die Bedeutung liturgischer Geräte aus der Schatzkammer der Abtei richtig zu würdigen, weil eine Interpretation dieser Kunstwerke losgelöst vom kultischen Kontext nach Meinung des Vf. in die Irre gehen muß.
  246. &

    D. J.p;    


  247. Paul Habermehl, Von Domstift und Nebenstiften, Stuhlbrüdern und Glokken, Kerzen und Kosten. Begräbnisriten im 15. Jahrhundert, dargestellt anhand eines Speyrer Sakristanbuchs, Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz 91 (1993) S. 127-161, ediert eine Ordnung zum Begräbnis eines Kanonikers und eines Vikars, die er mittels einer Begräbnisordnung des Bischofs Nikolaus von Wiesbaden (1380-96) und einer Speyrer Agende von 1512 interpretiert.
  248. &

    E.-D.H.


  249. Hermann Josef Sieben, Kirchenväterhomilien zum Neuen Testament. Ein Repertorium der Textausgaben und Übersetzungen. Mit einem Anhang der Kirchenväterkommentare (Instrumenta Patristica 22) The Hague 1991, Martinus Nijhoff International, 202 S. - Der sonst eher als Konzilien-Historiker hervorgetretene Vf. legt mit diesem Repertorium ein an den einzelnen neutestamentlichen Büchern orientiertes Hilfsmittel vor. Wer also wissen möchte, ob ein (lateinischer oder griechischer "Kirchenvater") nicht bloß beiläufig, sondern in extenso einen bestimmten Bibel-Passus in der Predigt oder in einem Kommentar ausgelegt hat, greift zu diesem Repertorium - und wird vielleicht erstaunt registrieren, daß sich zu einem (kleinen) Teil der Schriften des Neuen Testaments (1 u. 2 Petrus, 2 u. 3 Johannes und zum Judas-Brief) in der ganzen Patristik keine Predigt findet, lediglich kleine Kommentare von Didymus Alexandrinus, einem "Hilarius quidam" und einem Ps.-Oecumenius.
  250. &

    H. S.


  251. John J. O'Meara, Studies in Augustine and Eriugena, edited by Thomas Halton, Washington D. C. 1992, The Catholic University of America Press, XII u. 362 S., ISBN 0-8132-0768-1, USD 59,95.- 23 Beiträge von O'M. aus den Jahren 1950-1992, die hauptsächlich dem Textverständnis des Augustinus gelten und in deren Kontext auch die Forschungen zu Eriugena zu sehen sind, werden in einem Band vereinigt und durch Register erschlossen.
  252. &

    M. S.


  253. Daniel F. Callahan, Ademar of Chabannes and his Insertions into Bede's Expositio Actuum Apostolorum, Analecta Bollandiana 111 (1993) S. 385-400, stellt die interpolierten Passagen in der Berliner Hs. Staatsbibl. lat. 1664 zusammen, mit denen der "Erzfälscher" Ademar beweisen wollte, daß der Hl. Martial zu den Aposteln gezählt werden müsse.
  254. &

    G. S.


  255. Thomas E. Burman, Religious polemic and the intellectual history of the Mozarabs, c. 1050-1200 (Brill's studies in intellectual history 52) Leiden 1994, Brill, XV u. 407 S., ISBN 90-04-09910-7, NLG 145. - Der erste Teil (S. 13-211) dieser umfangreichen Studie gibt einen Überblick über die Geschichte der Mozaraber, jener in Spanien unter muslimischer Herrschaft lebenden Christen arabischer Zunge, im 11. und 12. Jh. und stellt fünf zwischen 1050 und 1200 verfaßte apologetisch-polemische Texte vor, allen voran den Liber denudationis sive ostensionis aut patefaciens, bisher unter dem wenig verständlichen Titel Contrarietas alfolica bekannt. Er stellt die verkürzende lateinische Übersetzung einer verlorenen arabischen Schrift dar (zur umstrittenen Verfasserfrage S. 53-55), die wohl um die Wende vom 11. zum 12. Jh. in Toledo entstand (s. u.). Daneben behandelt B. drei weitere zwischen 1120 und 1200 entstandene und nur fragmentarisch erhaltene arabische Traktate sowie den vor 1150 arbeitenden Kommentator der Koranübersetzung von Robert von Ketton. Es überrascht nicht, daß sich die genannten Schriften im gewohnten Rahmen christlicher Polemik und Apologetik bewegen und vielfach bekannte Argumente benutzen, um die Lehren Muhammads und die Sitten und Gebräuche seiner Anhänger zu widerlegen. Überraschend hingegen die Bandbreite der Quellen, aus denen die Autoren schöpfen. Am deutlichsten kommt der Einfluß arabisch-christlicher Traditionen aus dem Orient in Gestalt der in Ost und West gleichermaßen bekannten Apologie des AlKindi (9./10. Jh.) zum Vorschein. Aber auch die islamische Literatur, - Koran, ad_, Tafs_r - nutzen die Autoren, um die Gegner mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Sogar lateinisch-theologisches Gedankengut begegnet, wenn auch in geringerem Maße, in der zentralen Frage der Verteidigung der vom Islam abgelehnten Lehren von Trinität und Inkarnation. Mit der Herausgabe des Liber denudationis im zweiten Teil seiner Untersuchung (S. 213-385) schließt der Vf. eine Lücke in der Forschung zur Islamrezeption des MA, denn dieses von den ma. Islamkennern Raimundus Lullus, Raimundus Martini und Ricold von Monte Crucis benutzte Werk konnte bisher nur in der einzigen Pariser Hs. aus dem 16. Jh. konsultiert werden. Dankenswerterweise hat er den Text mit einer (etwas umständlichen) englischen Übersetzung versehen, die nicht nur dem Nichtlatinisten hilft, da das holprige Latein wie alle ma. Übersetzungen aus dem Arabischen, die nach der üblichen Wort-für-Wort-Methode vorgehen und voller Arabismen stecken, erhebliche sprachliche Schwierigkeiten bietet. Der ausführliche Kommentar, der vor allem arabische Vorlagen und Parallelen vollständig verzeichnet, bietet eine sehr gute Erschließungshilfe, im Gegensatz zum kurzen und wenig brauchbaren Register, das den Band beschließt. Ein lateinischer Wortindex sowie ein Register der Koran- und ad_-Stellen hätten den Nutzen des Buches noch erhöht.
  256. &

    Peter Engels


  257. Ludger Horstkötter, Zweifel an der Gleichsetzung des Propstes Hermann von Scheda mit dem jüdischen Konvertiten Hermann von Cappenberg, Analecta Praemonstratensia 71 (1995) S. 52-76, geht nicht auf den jüngst geäußerten Fälschungsverdacht (vgl. DA 45, 247; 50, 283) gegen Hermanns Opusculum (MGH Quellen zur Geistesgesch. des MA 4, 1963) ein, sondern erhebt beachtliche Bedenken gegen die erst seit Gerhard Kleinsorgen († 1591) faßbare Tradition, wonach der als bekehrter Jude ins Prämonstratenserstift Cappenberg eingetretene Autor später erster Abt (oder dritter Propst) des westfälischen Stifts Scheda geworden sei. Gegenüber der MGH-Ausgabe, in der diese bisherige communis opinio ebenfalls vertreten wurde, stellt er im übrigen richtig, daß die älteste Hs. der Cod. Vat. lat. 504 (nicht 507) ist, in dem der Text auf fol. 91v, nicht 93r ende.
  258. &

    R. S.


  259. James M. Powell, Albertanus of Brescia. The Pursuit of Happiness in the Early Thirteenth Century, Philadelphia 1992, University of Pennsylvania Press, 147 S., ISBN 0-8122-3183-4, USD 22,95. - Vor dem Hintergrund der politischen Entwicklung von Brescia im 13. Jh. stellt der Vf. die moralisierenden Schriften des Richters und Politikers Albertanus († nach 1253) vor, die im folgenden Jh. ungewöhnlich erfolgreich und verbreitet waren und wegen der reichen Verwendung von Klassikerzitaten (Seneca, Martial, Persius, Juvenal, Ovid) zu den Vorläufern des Humanismus gerechnet werden. Gelegentliche anfechtbare Übersetzungen ("propositum" als "Lebensregel" übersetzt macht elementare Feststellungen aus Bemerkungen, die mit "Vorsatz, Vorhaben" übersetzt viel von ihrer Pomposität verlören, S. 42 ff.) und Flüchtigkeiten ("egeni rather than pauperi" S. 95; "chicsa Bresciana", S. 104, 6 und 7; "Vienna, Bibliotheca Palatina" S. 130, u. ä.) deuten auf einen gewissen Abstand zum behandelten Fachgebiet, dennoch bleibt diese erste Monographie zu Albertanus verdienstvoll.
  260. &

    G. S.


  261. Peter of Spain (Petrus Hispanus Portugalensis), Syncategoreumata. First critical Edition with an Introduction and Indexes by L. M. De Rijk, with an English Translation by Joke Spruyt (Studien und Texte zur Geistesgeschichte des Mittelalters 30), Leiden-New York-Köln 1992, E. J. Brill, 619 S., ISBN 90-04-09434-2, NLG 160. - Der spätere Papst Johannes XXI. wirkte auf das Lehrfach Logik vor allem durch seinen Traktat Summule Logicales, der in vielen Hss. gemeinsam mit seiner hier vorgelegten Schrift über Schlüsse und Trugschlüsse überliefert ist. Jener war von De Rijk 1972 ediert worden (vgl. DA 29, 609 f.), die dortige Einführung wird auch zum Verständnis dieses Bandes benötigt, bei dem die Einleitung eher dürftig ausgefallen ist ("Peter's Syncategoreumata have come down to us in quite a lot of manuscripts" heißt es reichlich unbestimmt S. 10). Dies soll vielleicht durch die beigegebene Übersetzung kompensiert werden, welche freilich für den heutigen Leser auch englisch nicht gerade von hohem Unterhaltungswert ist. Die Edition stützt sich auf drei gegen 1300 geschriebene Hss. und vier "codices minus allati", so daß man den an den Schluß verbannten Variantenapparat nicht unbedingt sehr vermissen wird, obwohl er auch so bemerkenswerte Varianten bietet wie "non] codd. om. P" zu 58, 2. Als Beitrag zum Verständnis des MA lernen wir daraus (allerdings ohne große Überraschung), daß Gedankengänge wie "Sortes est Sortes vel Plato" nach Ausweis der "quite a lot of manuscripts" sich großer Beliebtheit erfreuten.
  262. &

    G. S.


  263. Emilio Panella, Rilettura del "De operibus sex dierum" di Tolomeo dei Fiadoni da Lucca, Archivum Fratrum Praedicatorum 63 (1993) S. 51-111, setzt sich tiefgründig mit dem nur in einer Hs. überlieferten, theologisch-philosophischen Werk über die Schöpfung auseinander, das bisher fälschlich unter dem Titel Exaemeron bekannt war. Näher erörtert werden neben Fragen der Überlieferung die Glossen, die problematische Edition von Pius Thomas Masetti (1880), Abfassungszeit und inhaltliche Schwerpunkte. P. wirft viele neue, berechtigte Fragen zum Gesamtwerk des Vf. und zu seinen realisierten oder nur projektierten Schriften auf. In diesem Zusammenhang geht P. auch den ungeklärten Anspielungen des Tholomäus nach, eine Historia tripartita bzw. quadripartita verfaßt zu haben, ohne diese Frage einer abschließenden Klärung zuführen zu können.
  264. &

    C. L.


  265. Ulrich Horst, Raimundus Bequin OP und seine Disputation "De paupertate Christi et apostolorum", Archivum Fratrum Praedicatorum 64 (1994) S. 101-118, analysiert Inhalt und Zielsetzung einer offensichtlich privaten Arbeit des Pariser Magisters Raimond Béquin bzw. Béguin, der später auch Mitglied der Kommission war, die die Lehre Wilhelms von Ockham prüfte und verwarf. H. beurteilt die bisher zwar bekannte, aber noch nicht edierte Schrift als nicht sonderlich originell. Jedenfalls ist sie Bestandteil einer Sammlung von Gutachten (Vat. lat. 3740) geworden, die Papst Johannes XXII. anläßlich des Armutsstreits anfertigen ließ. Vielleicht war der öffentlich begründete "zentrale Gedanke, Christus, die Jünger und die nachösterliche Gemeinde hätten sowohl Besitz als auch das Recht auf ihn gehabt" (S. 118) auch ein Grund dafür, daß der Verfasser zwei Jahre nach der vermuteten Abfassung der Disputation im Frühjahr 1322 zum Patriarchen von Jerusalem und zum Administrator von Limassol ernannt wurde.
  266. &

    C. L.


  267. Franciscus A. van Liere, Armand of Belvézer O. P. on eschatology. An edition of his "Responsiones ad 19 articulos" (1333), Archivum Fratrum Praedicatorum 62 (1992) S. 7-134, ediert ein bisher unpubliziertes Gutachten des Magister sacri palatii zum von Papst Johannes XXII. entfachten Streit um die Visio beatifica. Die Bedeutung der Responsiones liegt in der spürbaren Zerrissenheit des Vf. zwischen Loyalität gegenüber dem Papst und dominikanischer Ablehnung seiner Thesen.
  268. &

    C. L.


  269. Kurt Villads Jensen, Robert Holkot's questio on killing infidels. A reevaluation and an edition, Archivum Fratrum Praedicatorum 63 (1993) S. 207-246, geht in seiner Neubewertung nicht der naheliegenden Frage nach, zu welchen Denkergebnissen die Scholastik in der ersten Hälfte des 14. Jh. fähig war und woher sie ihre Inspiration dafür nahm. Vielmehr betont er, daß die martialische Sicht des Dominikaners und Oxforder Professors H. († 1349) die Zeitgenossen wenig berührte und nur zufällig in zwei bisher bekannten Hss. erhalten sei. Die Edition des kurzen Textes läßt leider gelegentlich zu wünschen übrig: Grundlage bildet zunächst mit Recht die Abschrift aus dem Oxforder Balliol College (=B), die nach Auswertung von Marginalien eine Kopie von Holkots eigenem Ms. ist. Die zweite, ebenfalls aus dem 14. Jh. stammende Überlieferung aus Troyes wird nur bei größeren Abweichungen angeführt, doch fällt bei aufmerksamer Lektüre auf, daß deren Lesarten oftmals anstelle von B in den Obertext genommen wurden. Sie sind also ein Indiz dafür, daß sie vielleicht bei der Kürze des Textes hätten ganz berücksichtigt werden müssen. Der gelegentliche Nachweis aus den Inkunabeln ist auch nicht ganz glücklich, in Anm. 33 f. und 45 f. ist der Doppelpunkt in diesem Zusammenhang irreführend, da hier dieses Satzzeichen keineswegs nach vorne verweist, sondern wohl als rückverweisendes Semikolon zu deuten ist. Was in Anm. 53 gemeint sein soll, bleibt ganz im dunkeln. Daß dann noch Augustinus, Contra Faustum Manichaeum, trotz der Ausgabe von Zycha (1891) nach Migne zitiert wird, bekräftigt die Vorbehalte des Rezensenten.
  270. &

    C. L.


  271. Wolfram Schneider-Lastin, Das Handexemplar einer mittelalterlichen Autorin. Zur Edition der Offenbarungen Elsbeths von Oye, Editio 8 (1994) S. 53-70, charakterisiert Cod. Zürich, Zentralbibliothek Rh 159 als immer wieder überarbeitetes und ergänztes Autograph der Dominikanerin (ca. 1290-1340) und erörtert die Folgen, die sich aus den zahlreichen Verbesserungen, redaktionellen Änderungen und vor allem von der Autorin vorgenommenen Tilgungen von Textteilen für die Edition ergeben. Dem Aufsatz sind 6 Abb. und eine Editionsprobe beigegeben.
  272. &

    G. Sch.


  273. Sancta Birgitta, Revelaciones Book IV. Ed. by Hans Aili, (Kungl. Vitterhets Historie Och Antikvitets Akademien Stockholm) Stockholm 1992, Almqvist & Wiksell International, 416 S., ISBN 91-7402-217-2, SEK 290. - Mit der Edition des 4. Buches der Offenbarungen wird das 1956 begonnene schwedische Unternehmen einer Gesamtedition der Schriften der Mystikerin dem Abschluß näher gebracht (vgl. zuletzt DA 48, 719). Die Überlieferungslage und bisherige Editionssituation ist wie immer bei Birgittas Visionen kompliziert: Wie bei den Büchern II und VII treten auch hier Dubletten auf, diesmal mit Texten in Buch VIII, dem Liber celestis imperatoris ad reges. Abgefaßt wurden die Offenbarungen großteils in Rom nach 1349, doch ist das Material sehr heterogen und auch ungeordnet. Manche Textstücke müssen aus stilistischen Gründen vor der Eingliederung in die Sammlung als Briefe versandt worden sein. Vielfältige Indizes sind beigefügt. Der Publikationsreihe - es fehlen noch die Bücher II, III und VIII - ist ein zügiger Fortgang zu wünschen.
  274. &

    C. L.


  275. Geoffrey L. Dipple, Uthred and the Friars: Apostolic Poverty and Clerical Dominion between FitzRalph and Wyclif, Traditio 49 (1994) S. 235-258, bespricht die beiden Traktate De dotacione ecclesie und Contra garrulos dotacionem ecclesiae impugnantes des Uthred von Boldon († 1396), mit denen der Benediktiner und Prior in Durham die Stiftungspraxis zugunsten der Minderbrüder angriff, und sieht in ihnen eine theoretische Grundlage der radikalen Kirchenkritik des Johannes Wyclif († 1384).
  276. &

    D. J.


  277. Katherine Walsh, An Augustinian Gift to Pope Martin V. - Augustinus de Ancona's Summa de ecclesiastica potestate in the illuminated codex Vat. lat. 938, Analecta Augustiniana 55 (1992) S. 165-179. - Die Schriften des Augustinus Triumphus erlebten ein Jh. nach dem Tod des Vf. im Schatten des Basler Konzils eine Renaissance, ja sogar ihre größte Verbreitung. Aus der Menge der damals verfertigten Abschriften ragt eine wertvolle Prunkhandschrift heraus, die vielleicht den Aufstieg ihres Auftraggebers, Lucas von Offida, zum Bischof von Ajaccio beschleunigte. Neben den äußeren Merkmalen der Hs. widmet sich die Vf. auch dem weiteren Umfeld des Codex.
  278. &

    C. L.


  279. Johannes von Segovia, Liber de magna auctoritate episcoporum in concilio generali, hg. von Rolf De Kegel (Spicilegium Friburgense 34) Freiburg/Schweiz 1995, Universitätsverlag, 681 S., ISBN 3-7278-0865-9, CHF 120. - Mit dieser bei P. Ladner angefertigten Berner Diss. wird erstmals ein wichtiges und gewichtiges Spätwerk des spanischen Konziliaristen Johannes von Segovia (ca. 1393-1458) kritisch ediert, das bislang vernachlässigt wurde, obwohl es gewissermaßen komplementär zu Segovias großer und berühmter Historia gestorum synodi Basiliensis zu sehen ist: Während die Historia den Ist-Zustand des Baseler Konzils beschreibt, stellt der Liber de magna auctoritate den Soll-Zustand einer allgemeinen Synode dar und illustriert die wohldurchdachte und -strukturierte Vorstellung des Konziliaristen von der Kirche; es handelt sich also um eine Schrift, die, wie der Editor deutlich macht, von Johannes Haller ungerechtfertigterweise mit "ermüdendem Formalismus" abqualifiziert wurde. Der Liber belegt die geistige Auseinandersetzung des von Enea Silvio Piccolomini und anderen sehr geschätzten Verfassers mit den Problemen seiner Zeit: den damaligen Verfassungstheorien, die aus der Sackgasse des schroffen Konziliarismus - Papalismus heraushelfen sollten, wie auch dem Islam, der nach 1453 in den Vordergrund von Johannes' wissenschaftlicher Beschäftigung trat, wobei eine von ihm stammende dreisprachige Koranausgabe leider verloren ist. Die vorliegende Edition des Liber beruht auf zwei Hss., die wohl von Segovias Schreibkräften in Aiton (Savoyen) angefertigt wurden; daneben existiert noch eine von einem der beiden Codices abhängige Abschrift des 17. Jh., und drei weitere verlorene Hss. sind bezeugt. Die knappe, aber präzise Einleitung (S. 1-110) informiert über Segovias Leben und Wirken, bietet einen Forschungsüberblick (etwa auch über die nachweisbaren Büchervermächtnisse an seine Heimatuniversität Salamanca, die Stadt Basel und Enea Silvio Piccolomini, wovon sich vieles erhalten hat), die Editionslage seines gesamten Oeuvre und enthält eine ausführliche interpretierende Inhaltsangabe der Schrift. Der Edition (S. 113-662) ist ein Quellenregister beigegeben. Somit ist ein für die Erforschung des spätma. Konziliarismus wichtiger Text durch die vorliegende gelungene Ausgabe endlich überhaupt im Druck zugänglich gemacht.
  280. &

    M. S.


  281. Konrad Wiedemann, Der Theologe und Hochschullehrer Conradus Hensel de Cassel (1435-1505). Bausteine zu seiner Biographie, Hessisches Jb. für LG 44 (1994) S. 45-53: Die Lebensskizze ergänzt den erstmaligen Fund einer Überlieferung der theologischen Werke Hensels (Gesamthochschulbibliothek Kassel, 2° Ms. theol. 105) und einer Predigt, die Hensel beim ersten Besuch des Mainzer Erzbischofs Berthold von Henneberg 1485 in Frankfurt hielt (ebda., 4° Ms. hist. 58, fol. 5-8).
  282. &

    E.-D.H.


  283. Bengt Löfstedt, Notizen zur Cosmographie des Bernardus Silvestris, Archivum Latinitatis Medii Aevi 51 (1992/93) S. 203-208, unterzieht die Ausgabe von P. Dronke (vgl. DA 35, 618 f.) und die Übersetzung von W. Wetherbee, New York 1973, einer sorgfältig abwägenden Überprüfung und findet in beiden zahlreiche Fehler und Unstimmigkeiten. Die Korrekturen bieten dankenswerte Interpretationshilfe.
  284. &

    Peter Dinter


  285. Jole Agrimi - Chiara Crisciani, Les Consilia médicaux (Typologie des sources du moyen âge occidental 69) Turnhout 1994, Brepols, 106 S., ISBN 2-50336000-9, BEC 1.100. - Die Autoren grenzen die ärztlichen Consilia schärfer, als es die Zeitgenossen selbst tun, gegen die eher unpersönlichen Traktate, die oft über eine bestimmte Krankheit handeln, oder die Rezepte (experimenta) ab. Sie verstehen darunter strenggenommen nur die schriftlichen Berichte eines Arztes, die in traditioneller Form Fürsorge und Behandlung eines individuellen Patienten in einer bestimmten Angelegenheit beschreiben. Breiten Raum widmen sie der Entwicklung dieser anscheinend spezifisch italienischen Quellengattung von der 2. Hälfte des 13. bis zum Ende des 15. Jh. und stellen dabei einige Sammlungen dieser consilia vor. Leider bleiben ausgerechnet die Consilia über die Pest ausgespart, so daß diese Einführung nur für die Medizingeschichte im engeren Sinn von Nutzen ist.
  286. &

    Heinrich Dormeier


  287. Carlos J. Larrain, Galen, De motibus dubiis: Die lateinische Übersetzung des Niccolò da Reggio, Traditio 49 (1994) S. 171-233, ediert und kommentiert den Text, der in der ersten Hälfte des 14. Jh. von dem Arzt aus Reggio di Calabria aus dem Griechischen übersetzt wurde und nur in der Hs. Vat. Pal. lat. 1211 erhalten ist. Ob Niccolò die Übersetzung derselben Schrift aus dem Arabischen durch Marcus Toledanus (12. Jh.) gekannt hat, ist ungewiß; L. hat sie parallel zu seiner Edition abgedruckt.
  288. &

    D. J.


  289. Christa Hagenmeyer, Das Regimen Sanitatis Konrads von Eichstätt. Quellen - Texte - Wirkungsgeschichte (Sudhoffs Archiv, Beiheft 35) Stuttgart 1995, 262 S., Franz Steiner, ISBN 3-515-06510-5, DEM 74. - Die quellenkritisch wohlfundierte Untersuchung geht von der Hypothese aus, daß zahlreiche deutsche Gesundheitsbücher des Spät-MA und der frühen Neuzeit auf eine gemeinsame lateinische Vorlage zurückzuführen seien. Als matrix dieser Überlieferung konnte die Vf. das Regimen Sanitatis des Eichstätter Medicus Konrad († 1342) verifizieren, dessen kritische Edition - unter Einschluß von zwei ebenfalls edierten deutschen Übersetzungen - hier erstmals vorliegt. Wir haben mit diesem "Urregimen" Konrads den Typus einer Lehrschrift zur gesunden Lebensführung vor uns, der auf weitverzweigte griechisch-arabische Vorlagen zurückgreift und mit dem Beginn des 15. Jh. vermehrt auch in volkssprachlichen Fassungen - unter Titeln wie "Ordnung der Gesundheit" oder "Büchlein der Gesundheit" - zu finden ist. Ihre Nachwirkungen reichen bis weit in die Hausväterliteratur des 17. und 18. Jh. Beigefügt wurde ein Index verborum (S. 112-176), der für weitere Forschungen hilfreich sein dürfte. Neben dem Verzeichnis der Hss. und Frühdrucke gibt uns eine umfangreiche Sekundärliteratur wertvolle Einblicke in die Regimina-Tradition des MA und der Neuzeit.
  290. &

    Heinrich Schipperges


  291. Elisabeth Clémentz, Vom Balsam der Antoniter, Antoniter-Forum 2 (1994) S. 13-21, veröffentlicht eine zwar erst 1726 im Isenheimer Antoniterhaus angelegte Liste der Heilpflanzen zur Herstellung der Antoniter-Salbe gegen den Mutterkornbrand, die aber vom verlorenen ma. Rezept nicht viel abweichen dürfte.
  292. &

    H. S.


  293. The Medieval Book of Birds - Hugh of Fouilloy's Aviarium. Edition, Translation and Commentary by Willene B. Clark (Medieval & Renaissance Texts & Studies 80) Binghamton, New York 1992, XVII u. 341 S., 96 Taf., ISBN 0-86698091-1, USD 48. - Die Schrift De natura avium ist das erste von vier Büchern De bestiis, welche Mitte des 12. Jh. vom Augustinerchorherrn Hugo von Folieto unter reichlicher Heranziehung des Physiologus und von Isidors Etymologien verfaßt wurden (bisher Migne, PL 177, 13-56). Die moralisierende Darstellung der Vogelarten ist in 96, zum überwiegenden Teil illustrierten Hss. erhalten, und das Hauptaugenmerk der Hg. gilt den Miniaturen und den Abhängigkeiten der verschiedenen Bildprogramme. Der Text ist im wesentlichen nach der Hs. Heiligenkreuz 226 mit Varianten von sechs weiteren Hss. abgedruckt, die parallel gedruckte englische Übersetzung weist die Quellen nach, und eine ausführliche Bibliographie informiert umfassend über das Tierbild im MA.
  294. &

    G. S.


  295. Diesseits- und Jenseitsreisen im Mittelalter. Voyages dans l'ici-bas et dans l'audelà au moyen âge, hg. v. Wolf-Dieter Lange (Studium universale 14) Bonn 1992, Bouvier, XI u. 247 S., 7 Taf., ISBN 3-416-02334-X, DEM 75. - Dieser auf einem deutsch-französischen Kolloquium von 1987 basierende Band versammelt 17 Beiträge, denen eine rein oder primär literaturwissenschaftliche Behandlung des Themas gemeinsam ist. Paradigmatisch für die Kombination von realen Reiseberichten mit fabulösen Beschreibungen der Randwelten ist bekanntlich der "Livre de Jehan de Mandeville". Ihm sind zwei Artikel gewidmet, die beide dem Autor eine offene und optimistische Sicht fremder Völker bescheinigen: Christiane Deluz, Un monde "habité tout entour" - Identité et alterité dans le Livre de Jehan de Mandeville (S. 53-64), und Rainer Lengeler, Reisender in Sachen Universalismus: Das Zeugnis von Mandevilles Bibelzitaten (S. 91-100). - Wie sehr im Humanismus Antikenimitation und geographische Neuentdeckung einander bedingen, zeigt Christoph Dröge, Antikenimitation und Neuentdekung: Die Reise im Humanismus (S. 65-77): "Florenz reist in der Zeit ... Lissabon reiste im Raum" (S. 77). - Einer der ob seiner ausgedehnten Reisetätigkeit interessantesten Schriftsteller des Quattrocento ist Cyriacus von Ancona (ca. 1391-1453), der als Vater der Epigraphik angesprochen werden kann. Karl August Neuhausen, Die Reisen des Cyriacus von Ancona im Spiegel seiner Gebete an Merkur (1444- 1447) (S. 147-174), konzentriert sich leider nicht auf die Reisen des Humanisten, sondern auf seinen "Merkurkult" sowie den Aufbau seiner Gebete an diesen Gott.- Das Bild des "chevalier errant" in der französischen Literatur sowie besonders den Besuch des Ramon de Perelhos im Purgatorium S. Patricii, einem irischen Wallfahrtsort, wo man ins Fegefeuer hinabsteigen konnte (1397), evoziert Michel Stanesco, Le chevalier médiéval en voyage: du pèlerinage romanesque à l'errance dans l'autre monde (S. 189-203). - Medizinische Ratschläge für die Gesundheitsprobleme, die Reisende heimsuchen mochten, exemplifiziert an lateinischen und französischen Regimina Claude Thomasset, Le voyageur dans les traités médicaux et les régimes à son usage (S. 205-214). - Heinz Jürgen Wolf, L'Amérique chez Wace (S. 227-238), stellt eine Reihe von Quellen zusammen, beginnend mit Adam von Bremen und endend mit Robert Manning, in denen Vinland, das von den Wikingern entdeckte Amerika, genannt wird; Uminterpretierungen (z. B. in Finnland) machen die Spurensuche diffizil. Die spirituelle Reise in der lateinischen und romanischen Literatur der Epoche wird von Alain Michel, Le voyage spirituel dans la littérature religieuse au moyen âge (S. 113-127), betrachtet; er schlägt den Bogen von der Exegese der Aeneis (Fulgentius, Alanus) bis zu Raymundus Lullus; speziell Nachahmungen des Unterweltsabstiegs im 6. Buch desselben Epos sammelt in der altfranzösischen Literatur Francine Mora, De Bernard Silvestre à Chrétien de Troyes: Résurgences des Enfers virgiliens au XIIe siècle (S. 129-146). - Über eine unpublizierte allegorische Reise in die andere Welt ("Voie de l'enfer/Voie de paradis", 14. Jh.) handelt Margarete Newels, Quelques voyages dans l'au-delà presque oubliés. La littérature au service de l'enseignement pastoral (Manuscrits inédits des XIVe et XVe siècles) (S. 175-188), befremdlicherweise ohne die Manuskriptsignaturen anzugeben und ohne zu erwähnen, daß der Text der Forschung durchaus bekannt ist (vgl. Histoire littéraire de France 36 S. 86-100; D. D. R. Owen, The Vision of Hell [1970] S. 164 f.). - Fahrten in die Reiche der Riesen und Zwerge, verfremdete Totenreiche, stellt Claude Lecouteux, Zur anderen Welt (S. 79-89), vor, die satirischen Hadesfahrten in der byzantinischen Literatur Erich Trapp, Byzantinische Hadesfahrten als historische Quellen (S. 215-225). - Abgesehen von einigen un- oder schlecht dokumentierten Essays, die außer Betracht bleiben können, analysiert ferner Marianne Barrucan, Les voyages d'Abû Zayd ou la représentation de régions lointaines dans les miniatures islamiques du moyen âge (S. 1-10, Tafeln S. 239-244), die Miniaturen zu den Reisen des Abû Seid (12. Jh.) und versucht André Crépin, L'étrange et l'étranger dans un recueil vieil-anglais des environs de l'an mil - le codex de Beowulf (S. 41-52), das Konzept der Fremdheit im Beowulf zu skizzieren.
  296. &

    Peter Dinzelbacher


  297. Peter Dronke, Intellectuals and Poets in Medieval Europe (Storia e letteratura, Raccolta di studi e testi 183) Roma 1992, Edizioni di Storia e Letteratura, 504 S., keine ISBN, ITL 110.000 - Die feinsinnigen Beiträge zur ma. Literaturgeschichte wurden nach Ausweis des Vorwortes wieder vom Verlag gewünscht und bezeugen Dronkes ungeminderte Produktivität auf dem diffizilen Grenzgebiet zwischen Philosophie, Psychologie und last and least Philologie (in Klammern das Jahr der Erstveröffentlichung): New Approaches to the School of Chartres (1971, S. 15-40), versucht, die durch Southern in ihrer Reputation stark angeschlagene Institution (vgl. DA 26, 642) zu verteidigen, wobei - methodisch aufschlußreich - in reicher Variation Ausdrücke der Ungewißheit positiv besetzt werden ("will have taken place", "there is every likelihood", "it is possible", "it is an attractive conjecture", "strongly suggests to me", "I find it hard to avoid the conclusion"). - Bernardus Silvestris, Natura and Personification (1980, S. 41-61), betont die Originalität von Natura in der Kosmographie, deren Konzeption zu derjenigen von Terra (Tellus, Gaia) kontrastiert wird. - Integumenta Virgilii (1985, S. 63-78; vgl. DA 43, 344 f.) - Arbor Caritatis (1981, S. 103-141), ist eine gelehrsame tour d'horizon zur Baum-Symbolik vom Pastor des Hermas (2. Jh.) bis Pico della Mirandola. - Problemata Hildegardiana (1981, S. 143-191), macht kritische Bemerkungen zur Scivias-Edition von 1978 (CC Cont. Med. 43 und 43A) und äußert die Vermutung, der Seherin sei der Ruf ganz recht gewesen, sie könne ihre Visionen wie eine Kristallkugel einsetzen. - Hermes and the Sibyls: Continuations and Creations (1990, S. 219-244), hebt die Bedeutung von Laktanz für die christliche Auslegung sibyllinischer Texte hervor und weist auf die Freiheiten hin, die sich das MA gegenüber den klassischen Vorstellungen herausgenommen habe, so daß weit mehr als nur ein "Nachleben" der Antike zu beobachten sei. - Abelard and Heloise in Medieval Testimonies (1976, S. 247-294), bringt bisher unedierte Zeugnisse für die Bekanntheit des Liebespaares mit besonderem Nachdruck auf den guten Eigenschaften Heloises. - Heloise, Abelard, and Some Recent Discussions (1989, S. 323-342), hält an der Echtheit des Briefwechsels fest, wobei Abaelard sogar die Diktion seiner Partnerin angenommen haben könnte. - Hector in Eleventh Century Latin Lyrics (1988, S. 389-405; vgl. DA 46, 178). - Dido's Lament: From Medieval Latin Lyric to Chaucer (1986, S. 431-456; vgl. DA 44, 254). - Laments of the Maries: From the Beginning to the Mystery Plays (1988, S. 457-489), führt die Tradition des Marienspiels in den Carmina Burana auf Ephraem den Syrer zurück und stellt subtile Vergleiche zwischen dem Kontakion des Romanos (fl. 540) und Jacopone da Todi an, nicht ohne gelegentliche imponierende Exkurse über altirische und mittelbretonische Texte. - Wie bei so vielen Arbeiten Dronkes beeindruckt sein Einfühlungsvermögen in das Seelenleben von Frauengestalten, auch von fiktiven.
  298. &

    G. S.


  299. Birger Munk-Olsen, I classici nel canone scolastico altomedievale. Premessa di Claudio Leonardi (Quaderni di cultura mediolatina 1), Spoleto 1991, Centro italiano di studi sull'alto medioevo, 136 S., keine ISBN, ist eine gut lesbare, informative Darstellung des Themas, eine Zusammenfassung und Wertung von Ergebnissen der Kataloge und Detailuntersuchungen des handbuchartigen "L'étude des auteurs classiques" (vgl. zuletzt DA 46, 228), wobei die lebendige Darstellung den Vf. gelegentlich zu ungewöhnlicher Metaphorik hinreißt ("Ormai Orazio conquista definitivamente la prima posizione, sorpassando perfino Virgilio, che tuttavia si difende bene", S. 32 zum 11. Jh.). Auch als erste Information über die Rolle der Klassiker im ma. Bildungssystem, ihre Kommentierung und ambivalente Beurteilung bis ins 12. Jh. kann das Buch empfohlen werden.
  300. &

    G. S.


  301. Elizabeth Archibald, Apollonius of Tyre. Medieval and Renaissance Themes and Variations, including the text of the Historia Apollonii Regis Tyri with an English Translation, Cambridge 1991, D. S. Brewer, XIII u. 250 S., ISBN 0-85991316-3, GBP 35. - Nach der Aufbereitung des lateinischen Textes durch G. A. A. Kortekaas (vgl. DA 42, 674) verfolgt die Vf. das Nachleben des Romanstoffes bis hin zu Shakespeares Pericles, zeigt für einzelne Elemente (Irrfahrt, Inzest, Wiedererkennung) Analogien querbeet in der Weltliteratur und sieht in der Fülle archetypischer Themen eine Erklärung für den großen Erfolg der Historia Apollonii.
  302. &

    G. S.


  303. Judith W. George, Venantius Fortunatus. A Latin Poet in Merovingian Gaul, Oxford 1992, Clarendon Press, XIII u. 234 S., ISBN 0-19-814898-4, GBP 32,50. - Die Vf. dieser gut lesbaren, informativen Monographie entwirft ein lebendiges Bild von den wahrlich merowingischen politischen Zuständen und Ereignissen der zweiten Hälfte des 6. Jh. Vor diesem Hintergrund wird die Person des Venantius Fortunatus einfühlsam vorgestellt und eine Reihe von Gedichten weltlichen Themas wohltuend nüchtern interpretiert. Sechs Dichtungen sind in dem Band vollständig abgedruckt und übersetzt, der - ohne aufsehenerregende neue Einsichten präsentieren zu wollen - solide Literaturbetrachtung bietet und die Bemerkung von Orson Welles bestätigt, daß unruhige Zeiten kulturelle Höchstleistungen hervorbringen können, während Jahrhunderte von Frieden und Demokratie allenfalls in der Erfindung der Kuckucksuhr gipfeln.
  304. &

    &

    G. S.


  305. Michael Roberts, St. Martin and the Leper: Narrative Variation in the Martin Poems of Venantius Fortunatus, Journal of Medieval Latin 4 (1994) S. 82-100, untersucht den in Venantius' Werken mehrfach wiederkehrenden Bezug auf das Heilungswunder, das Sulpicius Severus mit knappen Worten darstellt (Vita Martini 18, 3-4). Alle poetischen und rhetorischen Mittel, mit denen Venantius den schlichten Bericht aufwertet, sind kein nachträglicher Zierat, sondern sie verweisen auf die Verehrungswürdigkeit des Heiligen.
  306. &

    Peter Dinter


  307. Michael Roberts, The Description of Landscape in the Poetry of Venantius Fortunatus: The Moselle Poems, Traditio 49 (1994) S. 1-22, vergleicht die vier Moselgedichte des Venantius Fortunatus († nach 600) mit der Mosella des Ausonius († 395) und kommt zu dem Schluß, daß die Landschaftsbeschreibung bei Venantius nur eine untergeordnete, zumeist symbolische Bedeutung hat. Im Vordergrund stünde die Verherrlichung der politischen und geistlichen Magnaten.
  308. &

    D. J.


  309. Severi Episcopi ,Malacitani(?)' in Evangelia Libri XII. Das Trierer Fragment der Bücher VIII-X. Unter Mitwirkung von Reinhart Herzog erstmalig herausgegeben und kommentiert von Bernhard Bischoff † und Willy Schetter †, bearbeitet von Otto Zwierlein (Abh. München N. F. 109) München 1994, Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 218 S., 23 Taf., ISBN 3-7693-0104-1. - Die aufwendige Edition der gut siebenhundert, zum Teil nur verstümmelt erhaltenen Verse eines Bibelepos aus dem 6. Jh. hat eine bewegte Vorgeschichte, die sich in der Publikation widerspiegelt. Der Fund des Werkes wird Bernhard Bischoff verdankt, der 1967 in Trier die Fragmente erkannte und mit einem ma. Lorscher Bibliothekseintrag in Verbindung brachte: Von dem dort verzeichneten Epos in 12 Büchern waren in Trier Buch 9 ganz, Buch 8 und 10 teilweise ans Licht gekommen. Nach anfänglicher Zusammenarbeit mit Reinhart Herzog (Bielefeld) übernahm Willy Schetter (Bonn) die Aufgabe, die Edition abzuschließen. Nach seinem Tod (1992) ging das Material an Otto Zwierlein, der die inzwischen gewachsenen Schichten - jeweils mit Siglen für die Urheber der einzelnen Lesarten, Konjekturen, Parallelen versehen - pietätvoll zusammenstellte und als einziger der Hg. das Erscheinen erleben durfte, da Bischoff 1991 verstorben war, Herzog 1994. So wird verständlich, daß gelegentlich Erklärungen aus einem früheren Stadium der Arbeit stehen bleiben, die durch eine andere gewählte Textfassung gegenstandslos geworden sind. Die eigentliche Edition der Verse, die inhaltlich etwa zehn Kapiteln aus Mt. entsprechen, umfaßt mit kritischem Apparat 25 Seiten. Im viermal so langen Kommentar werden akribisch Übereinstimmungen mit anderen Bibeldichtungen und vor allem grammatische und metrische Besonderheiten behandelt, die klassischen Regeln widersprechen; bei einer Dichtung des 6. Jh. gibt es da erwartungsgemäß viel zu sagen. Wenn Zwierlein allerdings meint, "Schluß-o des Nom. Sing. eines Substantivs (wird) aus Unsicherheit über die Quantität gemieden" (S. 32), scheint er doch wohl den Respekt des frühma. Bischofs (von Malaga?) vor den Prosodikern der Neuzeit zu überschätzen.
  310. &

    G. S.


  311. Edoardo D'Angelo, Indagini sulla tecnica versificatoria nell'esametro del Waltharius (Saggi e testi Classici, Cristiani e Medievali 4) Catania 1992, Centro di studi sull'Antico Cristianesimo, Università di Catania, 197 S., keine ISBN. - Bei seinen statistischen Erhebungen über die Verteilung von Daktylen und Spondäen, über Zäsuren, Elisionen, Hiat, Reim und Klauseln betont der Vf. - aus gutem Grund besorgt - öfters die Bedeutung seiner Erkenntnisse ("interessante ed importante è anche il discorso", "notazioni interessanti emergono anche da un'altra problematica") und kommt bei der Datierung des Waltharius auf Grund von Vergleichen mit den Metren anderer Werke mit berechtigter Zurückhaltung zu dem Schluß, daß "dal punto di vista metrico un terminus post quem potrebbe essere ... 840-860" (S. 165).
  312. &

    G. S.


  313. David R. Howlett, Some Criteria for Editing Abaelard, Archivum Latinitatis Medii Aevi 51 (1992/93) S. 195-202, bietet künftigen Lesern der Historia calamitatum Anregungen und Lesehilfen durch den Aufweis von Kompositionsschemata, die in den bisherigen Editionen unbeachtet blieben. So entdeckt der Vf. nicht nur die weniger überraschende Verwendung von Endreim und Cursus, sondern eine konsequent chiastische Bauweise, die an mehreren Textstellen beispielhaft nachgewiesen wird. Bemerkenswert ist die Auflösung des ,Anagramms', das die ersten und letzten Buchstaben der neun Zeilen des Exordiums bilden. SAAUDCUTE / STAMSIMSS liest der Vf. so: ECAUDATUS S<CITO> SIM MAS S<INE> T<ESTIBUS>. Auf die angekündigte neue Edition des Vf. darf man gespannt sein.
  314. &

    Peter Dinter


  315. Frank T. Coulson, - Krzysztof Nawotka, The Discovery of Arnulf of Orléans' Glosses to Ovid's Creation Myth, Classica et Mediaevalia 44 (1994) S. 267-299, bieten eine vollständige Edition der Glossen nach sechs Hss. des 12. und 13. Jh.; diese ersetzt die Teiledition Ghisalbertis, die auf der damals einzigen bekannten Hs. der Biblioteca Nazionale Marciana basierte. Die Hg. legen ihrer Edition den Münchner Miszellan-Kodex clm 7205 als Leit-Hs. zugrunde. Der die Glossen enthaltende Teil (12. Jh.) ist deutscher Provenienz. Die Varianten sind den 150 zumeist kurzen Glossierungen gruppenweise angefügt.
  316. &

    Peter Dinter


  317. Luitfried Salvini-Plawen, Zur Datierung des Nibelungenliedes. Bezüge zum Haus Andechs-Meranien, MIÖG 103 (1995) S. 26-43, setzt für die "donauländische Endfassung" der Dichtung zeitgeschichtliche Bezüge voraus und entdeckt sie vornehmlich in den Ermordungen König Philipps 1208 sowie der ungarischen Königin Gisela 1213, die den Niedergang des Hauses Andechs, u. a. im Besitz der Pfalzgrafschaft Burgund, eingeleitet hätten. Demnach wäre das Nibelungenlied erst nach 1213 zu seiner überlieferten Gestalt gelangt.
  318. &

    R. S.


  319. Margarete Kottenhoff, Christine de Pizan: eine unzeitgemäße Schriftstellerin, Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 45 (1994) S. 694-714, geht anhand Christines Werken ihrer persönlichen Entwicklung nach und hebt u. a. hervor, daß sie, die sich seit 1389 mit Schriftstellerei ihren Lebensunterhalt verdiente, im Grunde wenig Resonanz fand, weil sie wegen ihres idealistisch-utopischen Gesellschaftsbildes an den Problemen ihrer Zeit vorbeischrieb. Von "Emanzipation" könne bei Christine "nur in einem besonderen Sinn" gesprochen werden.
  320. &

    G. Sch.


  321. Catalogus translationum et commentariorum: Mediaeval and Renaissance Latin Translations and Commentaries. Annotated Lists and Guides, Volume VII, editor in chief Virginia Brown, associate editors Paul Oskar Kristeller and F. Edward Cranz, Washington D. C. 1992, The Catholic University of America Press, XXI u. 356 S., ISBN 0-8132-0713-4, USD 59,95. - Im siebten Band des von der Union Académique Internationale herausgegebenen Unternehmens behandelt an lateinischen Autoren nur Julia Haig Gaisser den im MA praktisch unbekannten Catull und seine Wirkung seit dem 14. Jh. Bei dem seit 1958 erscheinenden Werk hat man bekanntlich auf eine Gesamtplanung der behandelten Texte verzichtet und publiziert die Untersuchungen in der Reihenfolge des Manuskripteinganges, so daß mehr zufällig mit Catull vereint die griechischen Autoren Cleomedes, Irenaeus, Plotin und Xenophon aufgenommen sind.
  322. &

    G. S.


  323. Michael Richter, Latein als Schlüssel zur Welt des früheren Mittelalters, Mittellateinisches Jb. 28, 1 (1993) S. 15-26, möchte darauf aufmerksam machen, daß "die Beschäftigung mit Aspekten von Oralität" neue Zugänge zum Früh-MA ermögliche, welche er selbst "seit einigen Jahren als Arbeitsgebiet erschließe", wohl um durch orale Aspekte die wenig ergiebige Annalistik zu ergänzen.
  324. &

    &

    G. S.


  325. Jean Meyers, Le classicisme lexical dans la poésie de Sedulius Scottus (Bibliothèque de la Faculté de Philosophie et Lettres de l'Université de Liège. Fascicule 259) Genève 1994, Librairie Droz, 327 S., ISBN 2-260-66259-3. - Nach einschlägigen Vorarbeiten zu Stil und Wortschatz (vgl. DA 45, 667) und einer "vorzüglichen Edition" (DA 50, 691) der authentischen Gedichte des Sedulius Scottus legt der Vf. eine gründliche Untersuchung zu Herkunft und Gliederung des Vokabulars vor. Die Hälfte des Bandes nehmen die tabellarischen Auflistungen des untersuchten Wortmaterials ein. Der auf den Zahlenverhältnissen aufbauende Kommentar gliedert sich in zwei Kapitel. Zunächst wird der Wortschatz klassifiziert nach den Zugehörigkeitskriterien für pagane Nachklassik, für Christliches und Mittelalterliches und für persönliche Neuschöpfungen. Der Anteil an nicht-klassischem Wortbestand beträgt bei Sedulius weniger als 10%; er macht gerade das aus, was Christine Mohrmann als "le latin mûr" bezeichnet hat. Dieses Latein ist es nach Ansicht des Vf., das ihm die Kommunikation mit seiner Hörerschaft erschwerte, es unterscheidet sich vom Latein der konservativen karolingischen Kultur, Sedulius bietet auch keine ,volksnahe' Dichtung. Der zweite Teil des Buches ist eine Studie zur "qualité des mots" (nach Marouzeau). Sedulius hat - irischer Tradition verpflichtet, auch im Rückgriff auf das "vocabulaire hispérique" - eine nachgewiesene Tendenz zu Wortbildung und Verwendung von Komposita, die teils auf die frühere römische Dichtung, teils auf Lukrez (?) und Vergil zurückgehen. Sedulius' Carmina, so der Vf., sind ein (erst seit dreißig Jahren richtig eingeschätzter) Bestandteil der gar nicht so einheitlichen karolingischen Latinität. Indem er durch seine Rückkehr zum ,Klassizismus' sein Werk der Gefahr der Isolierung aussetzte, trug er doch wesentlich zum Überleben dieses Lateins bei.
  326. &

    Peter Dinter


  327. Latein und Volkssprache im deutschen Mittelalter 1100-1500. Regensburger Colloquium 1988, hg. von Nikolaus Henkel und Nigel F. Palmer, Tübingen 1992, Max Niemeyer Verlag, VIII u. 402 S., Abb., ISBN 3-484-54011-1, DEM 138. - Der Sammelband, der eine Reihe von Beiträgen grundsätzlicherer Thematik enthält, gewinnt noch an Wert durch einen über die Germanistik hinausgreifenden Forschungsbericht: Nikolaus Henkel - Nigel F. Palmer, Latein und Volkssprache im deutschen Mittelalter 1100-1500. Zum Rahmenthema des Regensburger Colloquiums (S. 1-18), machen auf Grund eindrucksvoller Literaturkenntnisse die sich wandelnden Funktionen der Sprache - unterschiedlich in den verschiedenen Lebensbereichen - in der zweiten Hälfte des MA anschaulich. - Ernst Hellgardt, Lateinisch-deutsche Textensembles in Handschriften des 12. Jahrhunderts (S. 19-31), behandelt neben Hss. von bilinguen Autoren (Notker, Williram von Ebersberg) auch deutsch Glossiertes, deutsch-lateinische Segensformeln und Sammelhss. als wichtigste Überlieferungsträger zahlreicher deutscher Texte. - Fritz Peter Knapp, Sprache und Publikum der geistlichen Literatur in den Diözesen Passau und Salzburg vom Ausgange des 11. bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts (S. 32-41), stellt nachdrücklich in Abrede, daß die volkssprachliche Literatur des behandelten Zeitraumes für Laien bestimmt gewesen sein könnte. - Wolfgang Milde, Deutschsprachige Büchertitel in mittelalterlichen Bibliothekskatalogen (S. 52-61), verweist auf die fehlende systematische Erforschung auch der lateinischen, besonders aber der deutschen Buchtitel und zeigt an Beispielen Möglichkeiten der Aufnahme (Titel ohne Autor, Titel nach Hauptperson des Werkes, allgemeine, anonyme Sachtitel u. dergl.). - Gerold Hayer, Zu Kontextüberlieferung und Gebrauchsfunktion von Konrads von Megenberg ,Buch der Natur' (S. 63-73). - Ute Schwab, Das althochdeutsche Lied ,Hirsch und Hinde' in seiner lateinischen Umgebung (S. 74-117). - Rüdiger Schnell, Lateinische und volkssprachliche Vorstellungen. Zwei Fallbeispiele (Nationsbewußtsein; Königswahl) (S. 123-141), konstatiert, daß der Streit um die Nationalität Karls d. Gr. nur in der lateinischen Literatur geführt wurde, während die deutsche mit einem gewissen Gleichmut Karl als Franzosen akzeptiert, und verfolgt das zähe Weiterleben einer rechtsirrigen Auffassung von der Obmann-Rolle des Königs von Böhmen unter den Kurfürsten. - Renate Neumüllers-Klauser, Frühe deutschsprachige Inschriften (S. 178-198), hebt als Anlaß für volkssprachliche Inschriften u. a. den Wunsch nach Bekanntheit hervor (Stifterinschriften), daneben eventuelle didaktische Absichten des Auftraggebers, und referiert über die Begründung des Deutschen Inschriftenwerkes durch Friedrich Panzer 1934. - Jutta Fliege, Die Legende von Zeno oder den Heiligen Drei Königen (S. 223-232), vergleicht die lateinische Legende von der Übertragung der Reliquien nach Mailand mit der mutmaßlichen deutschen Vorlage. - Karl August Wirth, Lateinische und deutsche Texte in einer Bilderhandschrift aus der Frühzeit des 15. Jahrhunderts (S. 256-295), beschreibt die Hs. Washington, Library of Congress Rosenwald Ms 3, mit bildlichen Darstellungen von Makro- und Mikrokosmos, Rädern der Fortuna, Karls d. Gr. beim Ehebruch, eines Zwerges auf der Schulter eines Riesen und einer bemerkenswerten Prozession erigierter Schriftrollen beim Anblick einer nackten Frau (S. 294). - Klaus Kirchert, Die ,Termini Iuristarum'. Lateinisch-deutsche Sprachmischung "in abscheulichen Versen" (S. 296-309), stellt mnemotechnisch aufbereitete versifizierte Glossare vor. - Dorothea Klein, Zur Praxis des Lateinunterrichts: Versus memoriales in lateinisch-deutschen Vokabularen des späten Mittelalters (S. 337-350), zeigt unterschiedliche deutsche Merkverse (von wörtlicher Übertragung bis zu losen Entsprechungen lateinischer Vorlagen) in den Vokabularen der Elsässer Fritsche Closener und Jakob Twinger als "Übergang von mündlicher Unterrichtspraxis zum schriftlichen Lehrbuch".
  328. &

    G. S.


  329. Wörterbuch der mittelhochdeutschen Urkundensprache (WMU) auf der Grundlage des Corpus der altdeutschen Originalurkunden bis zum Jahr 1300, unter Leitung von Bettina Kirschstein und Ursula Schulze erarbeitet von Sibylle Ohly und Peter Schmitt. 6. Lieferung: enzwischen-gedenken; 7. Lieferung: gedenken-gesenden; 8. Lieferung: gesenften-gunnen; 9. Lieferung: gunsthinnen; 10. Lieferung: hinnen dar-jehen, (Veröffentlichungen der Kommission für Deutsche Literatur des Mittelalters der Bayerischen Akademie der Wissenschaften) Berlin 1991, 1992, 1993, 1994, 1995, Erich Schmidt Verlag, S. 481-576, 577-672, 673-768, 769-864, 865-960, ISBN 3-503-02247-3, je DM 69. - Von dem auf drei Bände berechneten Werk (vgl. zuletzt DA 47, 659) liegen inzwischen mit den Lieferungen 1-9 der erste Band sowie mit der Lieferung 10 der erste Faszikel des zweiten Bandes vor. Besonderes Interesse verdienen die Wortartikel (ggf. mit Komposita) erbe, êwe, gâbe, gebieten, gebot, gerihte, gewalt, handveste, hêrre, hêrschaft, hof, hovestat, huobe, ingesiegl, insigele, insigelen. Allein diese Auswahl zeigt einmal mehr, wie wertvoll dieses Wörterbuch für die Geschichtsforschung ist.
  330. &

    A. G.


  331. Gilbert Dagron, Nés dans la pourpre, Travaux et Mémoires (Centre de Recherche d'Histoire et Civilisation de Byzance) 12 (1994) S. 105-142, ist eine magistrale Abhandlung zum Begriff porfurog_nnhtoV (diese Form im Griechischen für masc. und fem.; lat.: porphyrogenitus, -a), Epitheton für die während der Regierungszeit ihres Vaters geborenen Kaiserkinder in Byzanz, das auch im Kontext der diplomatischen Kontakte mit dem Abendland (Titelstreitigkeiten, Heiratspolitik) von Bedeutung war. Die Vorgeschichte des Begriffs beginnt bereits im späten 4. Jh. Erstmals ist Honorius (geb. 384) als natus in purpuris bezeugt. Die Pluralform legt hier einen auch später noch belegbaren Bezug der "Purpurgeburt" auf das kaiserliche Milieu im allgemeinen nahe. Doch ist bereits für Theodosius II. (geb. 401) eine Geburt _n t_ porf_r_ (Singular) bezeugt. Daß damit schon damals ein (erstmals für das späte 8. Jh. sicher bezeugtes, aber erst im 12. Jh. genauer beschriebenes) porphyrgetäfeltes Gebäude im Palastbereich gemeint war, ist nicht ganz auszuschließen. Das Adjektiv ist zuerst in der lateinischen Form in einem Dokument aus Neapel von 763 belegt, also für die Zeit der dynastiebewußten Ikonoklastenkaiser; die griechische Variante findet sich erstmals in einem Konzilstext von 880, also in der Frühzeit der makedonischen Dynastie.
  332. &

    Franz Tinnefeld


  333. Quattro contributi per la storia del sistema abbreviativo, Medioevo e rinascimento 7 (1993) S. 159-347. - Die vier unter diesem Titel zusammengefaßten Aufsätze ergeben eine monographische Behandlung der Geschichte der Kürzungen, die auf einer neuen Sichtung der Quellen beruht und reich mit nachgezeichneten Schriftbeispielen, Graphiken, Tabellen und Übersichten ausgestattet ist. Der Unterschied zu den klassischen Arbeiten von Traube, Lehmann, Cencetti u. a. liegt nicht nur in der breiteren Quellenbasis, sondern auch in der Zielsetzung, das Kürzungswesen stets in Zusammenhang mit der allgemeinen Entwicklung der Schrift und der Beschreibstoffe zu betrachten. Es handelt sich im einzelnen um folgende Beiträge: Teresa De Robertis, Questioni preliminari e generali (S. 161-193; bezieht sich auf das gesamte MA). - Ilaria Pescini, Il sistema abbreviativo latino nei documenti dell'età romana e tardo antica (I secolo a. C. - VII secolo) (S. 195-252). - Emilia Caligiani, Il sistema abbreviativo nei codici latini dal I al VII secolo (S. 253-290). - Giuseppe Parigino, Il sistema abbreviativo latino nelle carte dei secoli VIII e IX. Continuità, arricchimento, mutamento (S. 191-347).
  334. &

    C. M.


  335. Richtlinien Handschriftenkatalogisierung, 5., erweiterte Auflage (Deutsche Forschungsgemeinschaft. Unterausschuß für Handschriftenkatalogisierung) BonnBad Godesberg 1992, Deutsche Forschungsgemeinschaft, 94 S. - Die neue Auflage der "Richtlinien" folgt im großen und ganzen der 4. Auflage von 1985 (vgl. DA 42, 637 f.). Größeres Gewicht ist gelegt auf die verkürzte Beschreibung von weitverbreiteten und leicht bestimmbaren lateinischen Hss. des späteren MA und auf die Normierung der Einträge in den Initienregistern. Besonders begrüßen wird man die auf den Stand vom November 1991 gebrachte Übersicht über die in Deutschland seit 1945 erschienenen Kataloge abendländischer Hss., zumal jetzt auch die einst in der DDR bearbeiteten Kataloge aufgenommen sind. Ein Sachregister ist beigegeben.
  336. &

    H. M. S.


  337. Der Ragyndrudis-Codex des Hl. Bonifatius. Kommentar von Lutz E. von Padberg und Hans-Walter Stork, Paderborn und Fulda 1994, Bonifatius Verlag bzw. Verlag Parzeller, 134 S., 55 Abb. mit 1 Beilage im Schuber, ISBN 3-87088811-3 bzw. 3-7900-0235-6, DEM 248. - Der Band ist auf ein lose beigefügtes, technisch vorzügliches Faksimile von Fulda, Dommuseum, Cod. Bonifatianus 2, fol. 98v/99r und fol. 116v/117r, im Originalformat bezogen und enthält zur Erläuterung zwei Beiträge: Lutz E. von Padberg, Bonifatius und die Bücher (S. 7-53, 25 Abb.), befaßt sich nach einleitenden Bemerkungen zum Bücherbesitz des Angelsachsen ausgiebig mit der Frage, ob die Beschädigungen des Ragyndrudis-Codex durch Einschnitte mit der literarischen Tradition der Vita altera c. 16 (hg. von Levison, MGH SS rer. Germ. S. 73) zu verbinden sind, Bonifatius habe sich mit einem (Evangelien-)Buch gegen seine Mörder zu schützen gesucht. v. P. hält gegenüber dieser seit etwa 1000 auch bildlich faßbaren Tradition allenfalls für wahrscheinlich, daß der Codex im Besitz des Heiligen war und daß er im Zuge der Plünderungen in Dokkum in Mitleidenschaft gezogen worden sein könnte.- Hans-Walter Stork, Der Codex Ragyndrudis im Domschatz zu Fulda (S. 77-108, 30 Abb.), resümiert die Forschungen über den Zusammenhang der drei Fuldaer Codices Bonifatiani, zum Luxeuil-Stil der Schreiberhand, zur fol. 143v genannten Auftraggeberin und zur Ausstattung des Codex und vermutet eine Entstehung in Mainz zur Bonifatius-Zeit.
  338. &

    R. S.


  339. Produzione e commercio della carta e del libro secc. XIII-XVIII. Atti della "Ventitreesima Settimana di Studi" 15-20 aprile 1991, a cura di Simonetta Cavaciocchi (Istituto internazionale di storia economica "F. Datini" Prato, Serie II - Atti delle "Settimane di Studi" e altri Convegni 23) Firenze 1992, Le Monnier, 1037 S., ISBN 88-00-72223-7, ITL 95.000. - Von den 46 hier vereinigten Beiträgen eines inhaltsreichen Colloquiums, das in Prato über Papierherstellung und -handel abgehalten wurde, betreffen einige (auch) das MA, wobei italienisch formulierte Titel auch über deutsche und englische Beiträge gesetzt wurden. Die auch für italienische Verhältnisse große Zahl stehengebliebener Druckfehler (hübsch S. 152 der "Spanielhandel") läßt vermuten, daß nicht allen Autoren ausreichende Möglichkeit zum Korrekturlesen eingeräumt wurde. - Richard L. Hills, Early Italian Papermaking. A Crucial Technical Revolution (S. 73-97), handelt von verschieden geformten Hammerköpfen zum Zerschlagen der Fasern, was die Papierqualität erhöhte, sowie von der Technik der Drahtherstellung für die Wasserzeichen. - Franz Irsigler, La carta: il commercio (S. 143-199), stellt mit ausführlicher Dokumentation und vielen Statistiken die internationalen Handelswege vor. - Nicolas Barker, The Trade and Manufacture of Paper before 1800 (S. 213-219), referiert Denkwürdigkeiten um die Verbreitung des Papiers von China über die arabische Welt nach Europa. - Sergey M. Kachtanov, Le papier occidental en Russie du XIVe au XVIe siècle: les voies de pénétration et sa typologie (S. 251-267), beschreibt die Wasserzeichen der Papierhss. in Rußland seit dem 14. Jh., wo eine bodenständige Papierherstellung erst vom 17. Jh. an nachweisbar ist. - Wolf<g>ang von Stromer, Die erste Papiermühle in Mitteleuropa: Ulman Stromeirs "Hadermühle" Nürnberg 1390-1453, an der Wiege der Massenmedien (S. 297-311), schildert den Einstieg in eine Marktlücke mit billigem gewerblichen und Packpapier sowie Papier für die Herstellung von Spielkarten und Devotionalien. - M. B. Parkes, Produzione e commercio dei libri manoscritti (S. 331-342), behandelt das späte MA und führt die wichtigste grundlegende Literatur zur Buchherstellung an. - Ezio Ornato, La production livresque au Moyen Age: problèmes et méthodes d'évaluation (S. 491-501), schlägt statistische Orientierungshilfen vor, mit denen von erhaltenen Büchern Rückschlüsse auf die ursprüngliche Zahl zu ziehen seien. - Margaret M. Smith, The Demand for Books Generated by Religious Institutions, 13th - 18th Centuries (S. 733-755), bedauert den Mangel an kompletten Katalogen aller Hss. und Drucke, von denen nicht einmal die Inkunabeln vollständig erfaßt seien. - Edward Potkowski, Le livre dans la société du bas Moyen Age (XIVe - XVe s.). L'exemple de l'Europe centrale (S. 757-772), verfolgt die Dezentralisierung der Buchherstellung mit der Zunahme der Schreib- und Lesekundigen unter der Bevölkerung. - Die Thematik der Tagung wurde resümiert bei einer Tavola rotonda: Roger Chartier, Elisabeth Eisenstein, Henri-Jean Martin, Le livre XIIIe-XVIIIe siècle: periodisation, production, lecture. - Der Band enthält zudem die Wiedergabe der teils sehr ausführlichen Diskussionsbeiträge.
  340. &

    G. S.


  341. Thomas O'Loughlin, Dating the De Situ Hierosolimae: The Insular Evidence, Revue Bénédictine 105 (1995) S. 9-19, sieht in dem Traktat, der fälschlich dem Bischof Eucherius von Lyon († 449) zugeschrieben wurde, eine Quelle für De locis sanctis des Abtes Adamnanus von Iona (686/87). Daher müsse es um 680 ein Exemplar von De situ Hierosolimae in Iona gegeben haben, eine andere Hs. habe Beda in seiner Schrift De locis sanctis (702/03) benutzt. Auch die Zuschreibung an Eucherius gehöre in eine spätere Zeit, da weder Adamnanus noch Beda den Lyoner Bischof als Autor des Traktates nennen.
  342. &

    D. J.


  343. Alan Ducellier, La notion d'Europe à Byzance dès origines au XIIIème siècle. Quelques reflexions, Byzantinoslavica 55 (1994) S. 1-7: "Europa" bezeichnet auch in Byzanz einerseits den europäischen Kontinent etwa im heutigen Sinne, andererseits nur die europäischen Provinzen des byzantinischen Reiches. Einige Überlegungen gelten dem Begriff Fragg_a (Frankenland).
  344. &

    Franz Tinnefeld


  345. John Critchley, Marco Polo's Book, Aldershot 1992, Variorum, XVIII u. 217 S., ISBN 0-86078-361-8, GBP 35. - Weniger die Biographie oder die Erlebnisse Marco Polos als die Schicksale des Buches, das ihn berühmt machte, seine Entstehung, Gestaltung, Verbreitung und Wirkungen, stehen im Mittelpunkt der Studie. Davon war in der einschlägigen Forschungsliteratur immer auch, aber nie monographisch und seit langem nicht so gründlich die Rede. Zudem konnte der Vf. den Textbestand mit Hilfe des Computers untersuchen und Worthäufigkeiten auszählen. Dabei kamen Inkonsistenzen zum Vorschein, die an eine stufenweise Entstehung des Werkes und an einen zweiten Co-Autor (neben Rustichello da Pisa) denken lassen. Mit L. F. Benedetto (1928) hält aber auch C. daran fest, daß die frankoitalienische "Rustichello-Fassung" (F) von allen erhaltenen Versionen das Denken und die Persönlichkeit des Reisenden am genauesten zum Ausdruck bringt, möglicherweise auf der Grundlage von Notizen in Marco Polos Venezianisch (S. 1 ff.: "The F Text and its Author"; vgl. dazu jetzt B. Wehr in: Le passage à l'écrit des langues romanes, éd. par M. Selig, 1993, S. 299-326). Der kaufmännisch-familiäre Hintergrund des Autors trug seinen Teil dazu bei, entscheidend aber waren die Kenntnisse von Politik, Wirtschaft und Geographie, die er sich als Hofmann Khubilais und zeitweiliger Gesandter zwischen Asien und Europa erworben hatte (s. 30 ff.: "The Author in His Time"). Das Buch, das er heimgekehrt schrieb, gab von vielerlei Auskunft: von fernen Ländern wie Indien und Cathay und den Geschichten, die man sich dort erzählte, vom Großkhan der Tataren, seinem Reichtum und Herrschaftsstil, von den Tataren selbst, deren Geschichte und Gegenwart die Europäer beschäftigten (S. 77 ff.: "The Book's Attitudes"). Auf entsprechend vielen Ebenen argumentiert der Vf., um dem Werk Marco Polos den rechten Rahmen zu geben und seine Eigenart sichtbar zu machen: Gelegentlich geht der rote Faden verloren; aber es wird deutlich, welch reiche Wirkungsgeschichte dem Buch zuteil wurde. Dabei hat C. weniger die Einflüsse auf Geographie, Kartographie und die schöne Literatur und auch nicht die Verbreitung der Hss. vor Augen, sondern bespricht vor allem die zahlreichen Versionen in verschiedenen Sprachen und deren Verhältnis zueinander (S. 130 ff.: "The Book's Audience"). Auch die scheinbar isoliert stehende Version Z mit vielen authentisch wirkenden, aber sonst nicht überlieferten Passagen wird endlich einmal ausgiebig gewürdigt. Manches muß dabei noch Vermutung bleiben; aber Ertrag und Verdienst der Untersuchung bestehen eben darin, eine Reihe von Fragen erneut oder erstmals zu stellen und die Argumente einer langen Forschungstradition sowie eine Fülle eigener Beobachtungen zu einer in vieler Hinsicht bestechenden Synthese verwoben zu haben. Wenn der Vf. beansprucht, in jedem Kapitel wenigstens einmal etwas Neues gesagt zu haben (S. XVII), so ist ihm darin lebhaft zuzustimmen.
  346. &

    Folker Reichert


  347. André Joris, Autour du Devisement du Monde. Rusticien de Pise et l'empereur Henri VII de Luxembourg (1310-1313), Le Moyen Age 100 (1994) S. 353-368, identifiziert Rusticianus von Pisa, dem wir den Reisebericht Marco Polos verdanken, mit dem in den Quellen über Heinrichs VII. Romzug (MGH Const. 4, 2) des öfteren genannten Rustikus (Rustic, Rustike).
  348. &

    G. Sch.


  349. Martin Dolch, Das Reichsministerialengeschlecht "von Lautern/von Hohenecken" im 12. und 13. Jahrhundert, Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz 92 (1994) S. 41-55, nutzt die Vorarbeiten zu einem Urkundenbuch der Stadt Kaiserslautern zu einer Präzisierung der Genealogie und Tätigkeit dieser Reichsministerialen.
  350. &

    E.-D.H.


  351. Jörg W. Busch, Mathias von Neuenburg, Italien und die Herkunftssage der Habsburger, ZGORh 142 (1994) S. 103-116: Rückführung auf Rom entspricht italienischem Erzählgut, ein exiliertes Brüderpaar findet sich in der Herkunftssage der Mailänder Familie Della Torre. Habe die Mailänder Legende das angevinischmailändische Bündnis nach 1265 propagiert, so hätte die in Italien entstandene Habsburger Sage mit einer ähnlichen Konstruktion in Erwartung eines Romzugs Rudolfs ein Gegengewicht zu den Anjou legitimieren sollen.
  352. &

    E.-D.H.


  353. Toni Diederich, Stadtpatrone an Rhein und Mosel, Rheinische Vierteljahrsblätter 58 (1994) S. 25-86: Die Siegel der behandelten Städte (Trier, Mainz, Andernach, Duisburg, Bonn und Köln sowie Worms und Neuss) zeigen den Stadtpatron, der in Regel mit dem Patron der Bischofskirche bzw. der führenden kirchlichen Einrichtung in der Stadt identisch ist. Das Beibehalten des "kirchlichen" Patrons deutet auf ein Zusammenwirken des bischöflichen Stadtherrn und der "Gemeinde" beim Prozeß der Stadtentstehung hin (vgl. S. 82 f.), was für das frühe 12. Jh. m. E. auf den Siegeln die Trennung von städtischem und kirchlichem Patron weniger eindeutig macht (Trier, Köln, Mainz), als es in den auf die weitere Entwicklung abzielenden Ausführungen von D. erscheint.
  354. &

    E.-D. H.


  355. Renate Schumacher-Wolfgarten, XPICTIANA RELIGIO. Zu einer Münzprägung Karls des Großen, Jb. für Antike und Christentum 37 (1994) S. 122-141, interpretiert das Tempelbild auf dem Revers als Darstellung des Heiligen Grabes, was einen Aspekt von Karls politischem Programm ausdrücke, der die wahre Renovatio in Jerusalem gesehen habe.
  356. &

    G. S.


  357. Dominique Flon, Les monnaies des premiers ducs de Lorraine (de Gérard d'Alsace à Mathieu II), Lotharingia. Archives lorraines d'archéologie, d'art et d'histoire 5 (1993) S. 5-28, legt dar, wie die Herzöge von Lothringen das ius monetae usurpieren konnten, und stellt anhand von Abbildungen ihre Münzen (11.-13. Jh) vor.
  358. &

    Rolf Große


  359. Hans-Werner Niklis, Das Währungsgebiet des Trierer Pfennigs (12. - 14. Jhdt.), Jb. für westdeutsche LG 20 (1994) S. 55-92, ist ein Überblick über die Münzlandschaft im Gebiet von Mittel- und Niederrhein, Mosel und Maas. Die Trierer Münze ist dabei durch die starken Kölner und Metzer Prägungen und schließlich die Turnosen und Heller regional beschränkt. Die militärische Sprachgebung (bis hin zu wenigstens in Anführungszeichen gesetzter "Ardennenoffensive", S. 81; auf der gleichen Seite noch: zangenmäßig einklammern, Strategie, Keile treiben, Zangenbewegung, Vorstöße, Zweifrontenstellung, Offensive, Stoßkeil) evoziert das Sandkastenspiel eines Kriegs selbständig agierender Münzen; Karten fehlen.
  360. &

    E.-D.H.


  361. Bo_e Mimica, Numizmatika na povijesnom tlu Hrvatske (IV. st. pr. Krista1918.). Numismatik auf dem historischen Boden Kroatiens (IV. Jh. v. Chr. - 1918) 2. Aufl., Rijeka 1994, Vitagraf, 514 S., ISBN 953-6059-06-1, kroatische Kuna 450. - Für die Mediävistik relevante Teile des Katalogs sind: Prägungen aus Slavonien, Kroatien (im engeren Sinne des ma. Territoriums), Bosnien und den dalmatinischen Städten; alle Textteile sind kroatisch und parallel deutsch verfaßt.
  362. &

    Ludwig Steindorff


  363. Bo_e Mimica, Numizmati_ka povijest Dubrovnika. Historia Ragusina in nummis, Rijeka 1994, Vitagraf, 516 S., ISBN 953-6059-05-3, kroatische Kuna 450, ist ein Katalog der in Dubrovnik geprägten Münzen mit identischem kroatischen, deutschen und italienischen Text. Die Münzstätte der Kommune wirkte von 1284/1301 bis zum Untergang der Republik 1808. Außerdem enthält der Band einen Katalog der Münzen von Herrschaftsträgern, unter deren Oberhoheit Dubrovnik im Laufe seiner Geschichte stand (nur mit kroatischem Text), die das Münzwesen betreffenden Verfügungen (lateinisch bzw. italienisch mit kroatischer Übersetzung) wie auch eine detaillierte Darstellung der Tätigkeit der Münze und ein Glossar zur Münzkunde.
  364. &

    Ludwig Steindorff


  365. Harald Drös, Das Wappenbuch des Gallus Öhem, neu hg. nach der Handschrift 15 der Universitätsbibliothek Freiburg, mit einem Geleitwort von Walter Berschin (Reichenauer Texte und Bilder 5) Sigmaringen 1994, Thorbeke, 68 S., ISBN 3-7995-0405-2, DEM 16. - Zu Beginn des 16. Jh. fertigte der Chronist Gallus Öhem für die Abtei Reichenau als Appendix zu seiner Klosterchronik ein eigenes Wappenbuch an, das insbesondere die Klosterministerialität berücksichtigte. Die Texte der Hs., die als Abschrift von Öhems Handexemplar gilt, werden von D. in einer neuen Edition geboten; neun Farbabbildungen und kurze Kommentartexte runden das Bild ab.
  366. &

    A. M.-R.


  367. Karl Hauck, Götterbilder des spätantiken Polytheismus im Norden auf Votivgoldminiaturen, Zs. für Kunstgeschichte 57 (1994) S. 301-305, 5 Abb., würdigt die religions- und kulturgeschichtliche Bedeutung eines neueren Fundes von 2300 Goldplättchen der zweiten Hälfte des 6. Jh. auf der Insel Bornholm.
  368. &

    R. S.


  369. Christian Steeb, Der Ratmannsdorfer Grabstein auf dem Weizberg. Ein steirischer Ritter des 15. Jh. als Träger zweier seltener ausländischer Ordenszeichen, Blätter für Heimatkunde 68 (1994) S. 144-149, identifiziert auf dem Grabstein des Hofmeisters Herzog Friedrichs IV. von Österreich den aragonesischen Kannenorden und den Livery Collar König Heinrichs IV. von England.
  370. &

    Herwig Weigl


  371. Jürgen Petersohn, Rom und der Reichstitel "Sacrum Romanum Imperium" (Sitzungsberichte der Wiss. Gesellschaft an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt am Main 32, 4) Stuttgart 1994, Franz Steiner, ISBN 3-515-06562-8, 35 S., 2 Abb., DEM 36. - Während seit K. Zeumer eine Urkunde König Wilhelms von 1254 (BF 5174) als Erstbeleg des dreigliedrigen Reichstitels galt (unrichtig wiedergegeben in MGH Const. 2 S. 472 Nr. 369), zeigt P., daß die Wendung bereits im DF. I 881 von 1184 hinreichend verbürgt ist und sich in acht weiteren kaiserlichen Dokumenten bis 1250 findet. Noch früher begegnet sie jedoch in der Legitimationsformel kaiserlicher Skriniare in Rom, die es wohl seit 1167 gab; die zuerst 1180 faßbare Bezeichnung NN sacri Romani imperii scriniarius deutet P. als "Kontrafaktur" zu sanctae Romanae ecclesiae scriniarius und macht wahrscheinlich, daß von hier auch die Anregung an die kaiserliche Kanzlei ausging.
  372. &

    R. S.


  373. Nicolas Oikonomidès, La couronne dite de Constantin Monomaque, Travaux et Mémoires (Centre de Recherche d'Histoire et Civilisation de Byzance) 12 (1994) S. 241-262, 8 Tafeln. - Wer gemäß dem bisherigen Stand der Forschung sieben angeblich 1860 in einem Acker des ungarischen Dorfes Nyitra-Ivánka aufgefundene emaillierte Goldplatten für Teile einer byzantinischen Krone des 11. Jh. hielt, könnte durch diesen Beitrag zumindest beunruhigt werden. Der Verdacht des Vf., es handle sich um eine Fälschung aus dem 19. Jh., basiert auf inneren (epigraphischen, ikonographischen, stilistischen, höfisch-protokollarischen) und äußeren Argumenten (Umstände der "Auffindung"; mögliche Vorbilder der Fälschung). Er vermutet den (aus seiner Sicht bewundernswerten) Hersteller im Raum Venedig, ohne ihn allerdings namhaft machen zu können; eine endgültige Entscheidung der Frage behält er einer erneuten eingehenden Untersuchung vor.
  374. &

    Franz Tinnefeld


    3. Politische und Kirchengeschichte des Mittelalters

  375. Kings and Kingship in Medieval Europe, ed. by Anne J. Duggan (King's College London, Medieval Studies 10) London 1993, King's College London. Centre for Late Antique and Medieval Studies, XV u. 439 S., 17 Taf., 10 Abb., ISBN 0-9513085-9-9, GBP 20. - Der Band enthält die vierzehn Beiträge einer Internationalen Konferenz im King's College (April 1992), die das große Thema von verschiedenen Seiten angehen, in sehr verschiedener Weise, ganz eng speziell (z. B. Lanoë) oder ganz generell (z. B. Le Goff). Eine Synthese ist so nicht entstanden, aber der detaillierte Index (S. 425-439) macht das Buch zu einem nützlichen Arbeitsinstrument. Der Inhalt: J. Le Goff, Le Roi dans l'Occident médiéval. Caractères Originaux (S. 1-40), ist ein großer Überblick mit Bibliographie (S. 35-40). - G. Lanoë, L'ordo du couronnement de Charles le Chauve à Ste.-Croix d'Orléans (6 juin 848) (S. 41-68), ediert einen bisher unbekannten Ordo der Karolingerzeit, dessen Formeln in anderer Kombination durchaus nicht unbekannt sind und längst nicht so viel hergeben, wie L. scharfsinnig zu zeigen versucht. - Th. Zotz, Carolingian Tradition and Ottonian-Salian Innovation: comparative observations on palatine policy in the Empire (S. 69-100). - W. Davies, Celtic Kingships in the Early Middle Ages (S. 101-124). - J. Nelson, The Political Ideas of Alfred of Wessex (S. 125-158). - S. Bagge, The Norwegian Monarchy in the Thirteenth Century (S. 159-177). - T. Reuter, The Medieval German Sonderweg? The Empire and its Rulers in the High Middle Ages (S. 179-211): originell, beachtlich, lesenswert. Vier Arbeiten über "Images of Kingship" von J. Lowden, K. Szovák, M. Kauffmann und A. MacKay (S. 213-304); W. van Emden, Kingship in the Old French Epic of Revolt (S. 305-350); G. Klaniczay, The Paradoxes of royal Sainthood as Illustrated by Central European Examples (S. 351-374); A. Hughes, The Monarch as Object of liturgical Veneration (S. 375-424).
  376. &

    R. E.


  377. Bischöfe, Mönche und Kaiser (642-1054), hg. von Gilbert Dagron, Pierre Riché und André Vauchez. Deutsche Ausgabe bearb. und hg. von Egon Boshof; Machtfülle des Papsttums (1054-1274), hg. von André Vauchez. Deutsche Ausgabe bearb. und hg. von Odilo Engels unter Mitarbeit von Georgios Makris und Ludwig Vones (Die Geschichte des Christentums. Religion - Politik - Kultur, Bd. 4 und 5) Freiburg 1994, Herder, XVIII u. 982 S., zahlr. Abb., 21 Karten, bzw. XL u. 968 S., zahlr. Abb., 28 Karten, ISBN 3-451-22254-X bzw. 3-451-22255-8, jeweils DEM 248. - Nach dem Band über das Spät-MA (vgl. DA 50, 318 f.) liegen inzwischen auch die übrigen mediävistischen Teile dieser umfassenden Darstellung vor, die alle christlichen Kirchen gleichgewichtig zu berücksichtigen bestrebt ist. Im Band 4 über das Früh-MA führt dies dazu, daß der byzantinischen Kirche am meisten Raum gewährt wird; was der Hg. Dagron auf knapp 400 Seiten darüber ausführt, verbindet virtuos Verlaufsschilderungen und Zustandsbeschreibungen, bezieht politisch-soziale Faktoren ebenso wie die Entwicklung von Theologie und Frömmigkeit ein und glänzt mit Reflexionen etwa über die Beurteilung des Ikonoklasmus (S. 137 ff.) oder das "Zweigewaltenproblem" in Byzanz (S. 210 ff.). Es folgt ein mehr auf elementare Information angelegter zweiter Teil über die christlichen Gruppierungen des Orients unter muslimischer Herrschaft, woran mehrere Autoren beteiligt sind. Erst nach 600 Seiten richtet sich der Blick auf die lateinische Kirche, deren Geschichte vom Tode Gregors d. Gr. bis zu Leo IX. vom Hg. Riché, in Teilbereichen auch von Jean-Marie Martin und Michel Parisse geschildert wird. Dabei geht es beileibe nicht bloß um Päpste, sondern vornehmlich um die Kirche des Karolingerreiches und ihre Differenzierung im 10. Jh. (mit einem gewissen Schwerpunkt in der Bildungsgeschichte), aber auch um die Sonderformen des westgotischen, keltischen oder später des mozarabischen Christentums, wenn auch bei weitem nicht mit derselben Intensität wie zuvor bei den orientalischen Kirchen. Soziale und wirtschaftliche Aspekte kommen trotz gegenteiliger Ankündigung allenfalls beiläufig zur Sprache. Hervorzuheben ist ein Schlußteil, in dem sich im Überblick Jerzy Kloczowski der westlichen Mission "von der Adria bis zur Ostsee" (9.-11. Jh.) und Christian Hannick der ostkirchlichen Expansion bei Bulgaren, Russen und Serben annimmt. Band 5 über das Hoch-MA ist wesentlich anders konzipiert, denn hier bleiben die Orientalen außer acht, und die byzantinische Entwicklung (durchgängig behandelt von Evelyne Patlagean) wird in eine chronologische Gliederung eingepaßt, die sich aus der abendländischen Kirchengeschichte herleitet. Zäsuren sind 1122/24 und 1198/1204 angesetzt, so daß sich drei große Längsschnitte ergeben, innerhalb deren jeweils ein zentrales Kapitel (von Agostino Paravicini Bagliani) der Rolle von Papsttum, Kurie und römischen Synoden gewidmet ist. Die Vorgänge in den einzelnen Ländern, die Michel Parisse (für West-, Mittel- und Südeuropa) und Jerzy Kloczowski (für Skandinavien und Osteuropa) darstellen, sind im Teil über 1054-1122/24 noch abschnittweise aneinandergereiht, rücken dann aber zunehmend in systematische Perspektive, indem Parisse mit Blick auf das 12. Jh. "Die Neuordnung des Weltklerus" und "Die Ausbreitung der römischen Kirchenverfassung" (unter Beteiligung von Jean-Marie Martin) beschreibt. Die Entfaltung der Orden einschließlich der Regularkanoniker bildet einen weiteren Strang der Handlung, dem neben Parisse vor allem der Hg. Vauchez (bei den Bettelorden) nachgeht. Von ihm stammen im übrigen vorzüglich informierende Kapitel über Kirche und Bildung, über die Häresien und ihre Bekämpfung, über die pastorale Erneuerung im 12./13. Jh., über den Aufstieg der Universitäten und die Scholastik, über die Frömmigkeit der Laien u.ä. Nicht immer ist in dem komplexen Geflecht die sachliche und bibliographische Abstimmung unter den beteiligten Autoren optimal gelungen, doch insgesamt wird in Band 5 ein eindrucksvolles Gesamtbild der lateinischen Kirche des Hoch-MA und der von ihr geprägten Gesellschaft auf der Höhe heutiger Forschung geboten. Die deutschen Bearbeitungen, die den französischen Original-Auflagen (von 1993) jeweils auf dem Fuße folgten, haben nicht nur die Hinweise auf deutschsprachige Literatur sichtlich vermehrt, sondern auch in gewissem Umfang in den Text eingegriffen, um "Lücken im deutschen Anteil am Geschichtsbild zu füllen" (Engels, S. VII). Sehr zu loben sind die zahlreichen, eigens kommentierten Abbildungen.
  378. &

    R. S.


  379. Zur Kontinuität zwischen Antike und Mittelalter am Oberrhein, hg. von Franz Staab (Oberrheinische Studien 11) Sigmaringen 1994, Jan Thorbecke, 202 S., 19 Abb., ISBN 3-7995-7811-0, DEM 48. - Der Band fußt auf einem interdisziplinären Colloquium 1991 in Speyer und enthält diese Beiträge: Franz Staab, Der Oberrhein und die Szenarien des Übergangs von der Antike zum Mittelalter. Eine Einführung - zugleich ein Versuch über den Sinn von germanischer Geschichte des Oberrheins in einer deutschen Geschichte (S. 9-33), betont den methodischen Wert regionaler Betrachtungsweisen und plädiert für die Einbeziehung der Germanen an der römischen Rheingrenze (nicht der Germanen im umfassenden sprachwissenschaftlichen Sinne) in die deutsche Geschichte. - Jörg Jarnut, Aspekte des Kontinuitätsproblems in der Völkerwanderungszeit (S. 35-51), veranschaulicht an einer Gegenüberstellung der fränkisch-merowingischen und der langobardischen Herrschaftsbildung die Schwierigkeiten globaler Periodisierung und Typisierung. - Egon Schallmayer, Die Lande rechts des Rheins zwischen 260 und 500 n. Chr. (S. 53-67), befaßt sich mit dem alamannischen Vordringen nach der Aufgabe des Limes. - Jürgen Oldenstein, Die letzten Jahrzehnte des römischen Limes zwischen Andernach und Selz unter besonderer Berücksichtigung des Kastells Alzey und der Notitia Dignitatum (S. 69-112). - Günter Stein, Kontinuität im spätrömischen Kastell Altrip (Alta ripa) bei Ludwigshafen am Rhein (S. 113-116). - Franz Staab, Heidentum und Christentum in der Germania Prima zwischen Antike und Mittelalter (S. 117-152), trägt Indizien für die Zählebigkeit vorchristlicher Vorstellungen und Praktiken zusammen (großenteils nach Burchard von Worms) und vertritt gleichzeitig ein überraschend günstiges Bild von der regionalen Kontinuität des Christentums, das noch bis etwa 450 im Vordringen gewesen und nur unter alamannischer Vorherrschaft bis gegen 500 in die Defensive geraten sei. - Wolfgang Kleiber, Das Kontinuitätsproblem an Mittel- und Oberrhein sowie im Schwarzwald im Lichte der Sprachforschung (S. 153-158), bietet eine knapp kommentierte Literaturliste. - Dieter Geuenich, Zum gegenwärtigen Stand der Alemannenforschung (S. 159-169), geht im Überblick auf die kontroversen Standpunkte zur Herkunft der Alamannen, zu ihrem Verhältnis zu den Sueben, zu Bedeutung und Alter ihres Namens, zu ihrer inneren Verfassung und zum römischen Kultureinfluß ein. - Friedrich Prinz, Formen, Phasen und Regionen des Übergangs von der Spätantike zum Frühmittelalter: Reliktkultur - neue Ethnika - interkulturelle Synthese im Frankenreich (S. 171-192), steuert am Ende einen "Streifzug durch das Problem des Weiterlebens der Antike im Mittelalter" (S. 189) bei.
  380. &

    R. S.


  381. Bernhard Jussen, Über "Bischofsherrschaften" und die Prozeduren politischsozialer Umordnung in Gallien zwischen "Antike" und "Mittelalter", HZ 260 (1995) S. 673-718, bezieht sich hauptsächlich auf das 5. Jh. und legt mit viel methodologischem Aufwand dar, daß sich Exponenten der senatorischen Führungsschicht im Zuge des Zerfalls der Reichseinheit dem Bischofsamt als einer vom Imperium unabhängigen Vorrangstellung zuwandten und damit in dem Maße Erfolg hatten, wie es ihnen gelang, ein von älteren radikal-asketischen Idealen abgehobenes Erscheinungsbild des Bischofs durchzusetzen.
  382. &

    R. S.


  383. Brigitte Beaujard, Germain d'Auxerre, Aignan d'Orléans et Médard de Noyon, trois évêques gaulois et la justice de leur temps, Bulletin de la Société nationale des Antiquaires de France (1993) S. 295-303, untersucht anhand ihrer Viten (MGH SS rer. Merov. 7 S. 225 ff.; 3 S. 104 ff.; Auct. ant. 4 S. 44 ff.) exemplarisch die Rolle des spätantiken Bischofs als Richter oder Vermittler zwischen Beklagtem und weltlicher Gewalt.
  384. &

    Rolf Große


  385. Philippe Depreux, Wann begann Kaiser Ludwig der Fromme zu regieren?, MIÖG 102 (1994) S. 253-270, erschließt aus den Diplomen einen Epochentag der Herrscherjahre Anfang Februar und vermutet, daß die vom Astronomus bezeugte Versammlung am 2.2.814 in der Pfalz Doué-la-Fontaine (BM2 519d) als Regierungsauftakt betrachtet worden ist.
  386. &

    R. S.


  387. Philippe Depreux, Le comte Matfrid d'Orléans sous le règne de Louis le Pieux, BECh 152 (1994) S. 331-374, versucht aufgrund der Ambasciatorenvermerke in den Diplomen BM2 648, 773, 775 und weiterer Diplome die Rolle genauer zu definieren, die Matfrid am Hof Ludwigs des Frommen spielte. In einem Anhang unterzieht der Vf. das Diplom BM2 579 einer kritischen Überprüfung und tritt für dessen Echtheit ein.
  388. &

    A. G.


  389. Thomas Bauer, Die Ordinatio Imperii von 817, der Vertrag von Verdun 843 und die Herausbildung Lotharingiens, Rheinische Vierteljahrsblätter 58 (1994) S. 1-24: Der Einheitsgedanke der Ordinatio bleibe auch noch in der Zeit nach dem Vertrag von Verdun wirksam. Erst die Kombination von vollem Eintrittsrecht und Teilbarkeit der Teilreiche habe den Bruch damit gebracht und die Konstituierung Lotharingiens 855 markiere diese Wende.
  390. &

    E.-D.H.


  391. Dušan T_eštík, K_est _eských kný_at roku 845 a christianizace Slovan_ (mit Zusammenfassung: Die Taufe der tschechischen Fürsten im Jahre 845 und die Christianisierung der Slawen), _eský _asopis historický 92 (1994) S. 423-459. - Die berühmte Nachricht der Annales Fuldenses über die Taufe von 14 böhmischtschechischen Fürsten in Regensburg in Anwesenheit Ludwigs des Deutschen findet hier eine geistreiche, jedoch kaum ganz überzeugende Interpretation in dem Sinne, daß die betreffenden 14 Fürsten nicht selbständige Stämme, sondern die herrschende Schicht der Böhmen insgesamt repräsentierten und durch diesen politischen Akt sich den Frieden mit dem ostfränkischen Reich sichern wollten. Als sie jedoch sahen, daß im folgenden Jahr das christliche Mähren (?) dennoch seitens des Reiches kriegerisch angegriffen wurde, hätten sie dem "nutzlosen" Christentum wieder den Rücken gekehrt.
  392. &

    Ivan Hlavácek


  393. Charles R. Bowlus, Franks, Moravians, and Magyars. The Struggle for the Middle Danube, 788-907, Philadelphia 1995, University of Pennsylvania Press, ISBN 0-8122-3726-3, XVIII u. 420 S., GBP 42,75. - Seit im Jahre 1971 das Werk von Imre Boba, Moravia's History Reconsidered (vgl. DA 27, 606) mit der abenteuerlichen These erschienen war, das Altmährische Reich sei nicht nördlich der Donau, sondern südlich von Belgrad zu suchen, wurde - nach anfänglicher Überraschung - dieser Irrtum allein schon durch korrekte Interpretation der schriftlichen Quellen schnell widerlegt. Die archäologischen Arbeiten in Stare Mesto und Velehrad (bei Brünn) bestätigen ebenfalls die Haltlosigkeit von Bobas Hypothese, die aber in dem vorliegenden Band einen Ableger getrieben hat. Über mehrere hundert Seiten hinweg versucht B., karolingische Quellen als unzuverlässig, voreingenommen oder falsch interpretiert hinzustellen, wenn sie - wie das regelmäßig der Fall ist - dieser Hypothese widersprechen. Wenn z. B. die Annales Fuldenses zu 871 berichten, daß die Franken bei einem Einfall in Böhmen (dessen Lokalisierung von B. vorläufig nicht in Frage gestellt wird) mit Mährern zusammenstießen, habe es sich um einen versprengten Trupp gehandelt, sozusagen einen mährischen Fremdkörper in Mähren. Die Ungereimtheiten, Mißverständnisse und Fehldeutungen bei diesem Versuch, die Geschichte des 9. und 10. Jh. neu zu schreiben, sind so zahlreich, daß hier nur verwiesen sei auf die chronologische Bibliographie zur Geschichte der Streitfrage bei Jos Schaeken, Sprachwissenschaftliche Überlegungen zur geographischen Lage Altmährens, Byzantinoslavica 54 (1993) S. 325-335 (eine weitere Widerlegung durch Henrik Birnbaum, The Location of the Moravian State - Revisited, ebda. S. 336-338) und auf die Richtigstellung durch Herwig Wolfram, Salzburg, Bayern, Österreich (MIÖG Ergänzungsband 31, 1995), wo S. 87-100 solche Absurditäten detailliert (und entsagungsvoll) zurückgewiesen werden. Anhänger einer Irrlehre können gewöhnlich durch rationale Argumente nicht überzeugt werden, aber da die Anzeige in Band 27 dieser Zs. von Bowlus schon als "cautiously favorable review" ins Feld geführt wurde (Speculum 62, 552, Anm. 3, allerdings mit falscher Bandzahl), sei dieses Mißverständnis zumindest klargestellt - qui tacet, assentiri videtur: Das Altmährische (oder: Großmährische) Reich ist auf dem Gebiet des heutigen Mähren und der Slowakei zu suchen.
  394. &

    G. S.


  395. Byzantinoslavica 54 (1993). - Der Band ist dem Thema "Byzantium and Its Neighbours from the mid-9th till the 12th Centuries" gewidmet und enthält die Beiträge zum International Byzantinological Symposium in Bechyn_ (damals _SR), September 1990. Im folgenden werden nur die aufgeführt, welche ganz oder zum Teil die Beziehungen zwischen Byzanz und dem Abendland betreffen: Thomas S. Brown, Ethnic Independence and Cultural Deference: the Attitude of the Lombard Principalities to Byzantium c. 876-1077 (S. 5-12). - Krijnie N. Ciggaar, Families and Factions: Byzantine Influence in Some Italian Cities (S. 13-20). - Franz Tinnefeld, Byzantinische auswärtige Heiratspolitik vom 9. zum 12. Jh. Kontinuität und Wandel der Prinzipien und der praktischen Ziele (S. 21-28). - Michel Kaplan, La place du schisme de 1054 dans les relations entre Byzance, Rome et l'Italie (S. 29-37). - Johannes Irmscher, Friedrich I. Barbarossa und Byzanz (S. 38-42). - Ewald Kislinger, Demenna und die byzantinische Seidenproduktion (S. 43-52): Die Darlegungen zu der - wegen reicher Seidenproduktion berühmten - Region von Demenna auf Sizilien basieren auf einer vom Vf. vorbereiteten größeren Untersuchung, in der das Gebiet in breiterem Rahmen als Stätte byzantinisch-normannisch-arabisch-jüdischer Kulturbegegnung gewürdigt werden soll. - Old_ich T_ma, The Puzzle of a Decline and a Rise: the Byzantines and the Italians on the Sea (S. 53-57): Man vermißt eine Auseinandersetzung mit R.-J. Lilie, Handel und Politik (vgl. DA 42, 354 f.) - Wolfram Hörandner, Das Bild des Anderen: Lateiner und Barbaren in der Sicht der byzantinischen Hofpoesie (S. 162-168). - Ralph-Johannes Lilie, Anna Komnene und die Lateiner (S. 169-182). - Christopher Walter, Political Imagery: Osmosis Between East and West (S. 211-217). - Günter Prinzing, Das Bamberger Gunthertuch in neuer Sicht (S. 218-231), wird hier erwähnt als bemerkenswerter Versuch einer Neuzuordnung des in Deutschland aufbewahrten byzantinischen Textils.
  396. &

    Franz Tinnefeld


  397. Paul A. Blaum, The days of the warlords. A history of the Byzantine empire, A.D. 969-991, Lanham 1994, University Press of America, 132 S., ISBN 0-8191-9656-8, USD 42. - Dieses Buch mag als anregend geschriebene Darstellung eines ereignisreichen Zeitabschnittes der byzantinischen Geschichte, in dem der junge Kaiser Basileios II. aus der makedonischen Dynastie gegen Rivalen um die Herrschaft kämpfte, für einen breiteren Leserkreis einen gewissen Wert haben. Als wissenschaftlicher Beitrag kann es, weil maßgebende Quelleneditionen und neuere Sekundärliteratur unberücksichtigt bleiben, nicht ernst genommen werden. Den byzantinischen Geschichtsschreiber Johannes Skylitzes, dessen kritische Erstedition seit 1973 vorliegt, zitiert B., wie es vor 1973 üblich war, nach der Kedrenos-Chronik (Bonn 1839), die Chronographie des Psellos (kritische Editionen 1926/28 und 1984) gar nur nach einer englischen Übersetzung. Wichtige Aufsätze zu diversen Fragen der Epoche sind B. unbekannt, ebenso Bücher wie W. Seibt, Die Skleroi, Wien 1976 und Cheynet, Pouvoir (vgl. DA 48, 310).
  398. &

    Franz Tinnefeld


  399. Bischof Ulrich von Augsburg 890-973. Seine Zeit - sein Leben - seine Verehrung. Festschrift aus Anlaß des tausendjährigen Jubiläums seiner Kanonisation im Jahre 993. Hg. von Manfred Weitlauff (Jb. des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte 26/27) Weißenhorn 1993, Anton H. Konrad Verlag, X und 810 S., 184 Abb., ISBN 3-87437-321-5, DEM 78. - Die auf Bitten des Augsburger Bischofs Liutold 993 durch Papst Johannes XV. in JL 3848 vorgenommene Kanonisation Ulrichs (zu den von B. Schimmelpfennig vorgetragenen Zweifeln an der Echtheit vgl. oben S. 195) gab den Anlaß zu dieser reich bebilderten Festschrift. Karl Hausberger, Der Aufbau des deutschen Königtums im 10. Jahrhundert (S. 1-19), überblickt die politische Geschichte unter Heinrich I. und Otto I. - Manfred Weitlauff, Kaiser Otto I. und die Reichskirche (S. 21-50), zeichnet das Bild von einem harmonischen Zusammenwirken eines sich sakral verstehenden Königtums mit den Kirchen des Reiches (mit überraschend negativer Wertung eines "undankbaren" Reformpapsttums). - Georg Schwaiger, Das Papsttum im "Dunklen Jahrhundert" (S. 53-68), beschließt sein moralisches Verdikt mit Überlegungen, wieso das Ansehen des Papsttums nicht grundlegend zerstört wurde. - Manfred Weitlauff, Bischof Ulrich von Augsburg (923-973). Leben und Wirken eines Reichsbischofs der ottonischen Zeit (S. 69-142), folgt, wie nicht anders möglich, auf weiten Strecken Gerhards Ulrichsvita, die er als Oppositionsschrift gegen Ulrichs Nachfolger Heinrich begreift, und die Augsburger Zweifel an der "Heiligkeit" Ulrichs ausräumen sollte. - Markus Ries, Heiligenverehrung und Heiligsprechung in der Alten Kirche und im Mittelalter. Zur Entwicklung des Kanonisationsverfahrens (S. 143-167): Die seit dem 12./13. Jahrhundert formalisierte Kanonisationspraxis durch die Päpste führte auch zu "Gegensätzen zwischen der offiziell geförderten und der tatsächlich praktizierten Heiligenverehrung" (S. 167). - Georg Kreuzer, Die "Vita sancti Oudalrici episcopi Augustani" des Augsburger Dompropstes Gerhard. Eine literarkritische Untersuchung (S. 169-177), verweist auf die Schwierigkeiten, Ulrichs politische Aktionen hagiographisch aufzuarbeiten. - Walter Berschin, Über den Ruhm des heiligen Ulrich (S. 179-196), betont die liturgische Stilisierung der Lebensführung Ulrichs. - Franz Xaver Bischof, Die Kanonisation Bischof Ulrichs auf der Lateransynode des Jahres 993 (S. 197-222), behandelt die sofort nach Ulrichs Tod einsetzende Verehrung als Heiligen. Seine Kanonisation durch Papst Johannes XV. ist deshalb nicht rechtssetzend; die Gründe, die zu ihr führten, läßt der Vf. offen und stellt für die Romreise Bischof Liutolds von Augsburg politische Gründe heraus. - Joachim Seiler, Von der Ulrichs-Vita zur Ulrichs-Legende (S. 223-265), verweist auf die Funktion legendärer Motive als "deutenden Rahmen" (S. 238) bereits in Gerhards Ulrichsvita und stellt bei der Berns von Reichenau die theologisierende Tendenz heraus. - Aus den oft kunsthistorisch orientierten Aufsätzen zur Verehrung Ulrichs sei hingewiesen auf die Beiträge zu den Ulrichskirchen und -patrozinien in den Bistümern Regensburg (Manfred Heim, S. 317-328) und Freising (Roland Götz, S. 329-378), beide Arbeiten gehen von frühneuzeitlichen Bistumsmatrikeln aus. In eher bau- und kunstgeschichtlicher Perspektive widmet sich für das Bistum Regensburg Karl Kosel diesen Fragen (S. 549-670), die Pfalz behandelt Hans Ammerich (S. 379-387). - Bis in das 16. Jh. reicht der Beitrag von Ulrich Kuder, Bischof Ulrich von Augsburg in der mittelalterlichen Buchmalerei (S. 413-482): Die früheste Darstellung findet sich in einem hochpolitischen Zusammenhang: im Krönungsbild des Sakramentars Heinrichs II. (Clm 4456). Überzeugend ist die Umstellung der Verse dieses Bildes gegenüber dem Druck in MGH Poetae 5 S. 434 begründet. Eine katalogmäßige Übersicht für das Bistum Augsburg gibt Thomas Balk, Der heilige Ulrich in der spätmittelalterlichen Kunst (S. 483-520); die seltenen Glasmalereien erfaßt ohne räumliche Begrenzung bis in das 20. Jahrhundert Elgin Vaasen (S. 671-695). Das musikwissenschaftliche Feld wird abgesteckt durch den Beitrag von Friedrich Dörr, Karlheinz Schlager und Theodor Wohnhaas, Das Ulrichsoffizium des Udalschalk von Maisach. Autor - Musikalische Gestalt - Nachdichtung (S. 751-782), die eine der Entstehungszeit des Offizium fast zeitgleiche Notation (1133/34-1150) zugrunde legen können. - Das nach dem Jubiläum von 1973 erschienene Schrifttum zu Ulrich verzeichnet Helmut Gier (S. 783-789).
  400. &

    E.-D.H.


  401. Bernward von Hildesheim und das Zeitalter der Ottonen. Katalog der Ausstellung Hildesheim 1993. Hg von Michael Brandt und Arne Eggebrecht. Wissenschaftliche Beratung Hans Jakob Schuffels, 2 Bde., Hildesheim - Mainz 1993, Bernward Verlag bzw. Verlag Philipp von Zabern, ISBN 3-87065-736-7 (Bernward-Verlag, Museumsausgabe) bzw. ISBN 3-8053-1567-8 (von Zabern), 524 u. 645 S., DEM 158. - Entgegen der Gepflogenheit, Ausstellungskataloge im DA nicht anzuzeigen, ist auf diese beiden, exzellent illustrierten und mit zahlreichen Karten versehenen Begleitbände zu der großen Ausstellung über Bischof Bernward und seine Zeit, die anläßlich der Bischofsweihe Bernwards 993 und seiner Heiligsprechung im Jahr 1193 in Hildesheim 1993 stattfand, wegen der wissenschaftlichen Qualität kurz hinzuweisen. Der erste Band enthält in neun Abschnitten vierzig Aufsätze über das Leben und die Frömmigkeit Bernwards, seine Beziehungen zu Kaisern, Päpsten und Mitbischöfen, zu Baukunst und Literatur im Umkreis des Hildesheimer Bischofs und zu seiner Heiligsprechung, aber auch Darlegungen, die weit über Hildesheim hinausgehen, wie über Sachsen um das Jahr 1000, über das ottonische Kaiserhaus und die Erscheinungsform der ottonischen Kaiserurkunde, über den Reichsepiskopat, die Kaiser- und Bischofsherrschaft in Italien oder über das Kirchenrecht und die Diözesanverwaltung um die Jahrtausendwende. Der zweite Band bietet auf 645 Seiten ausführliche Objektbeschreibungen, und in ihnen dürfte der besondere wissenschaftliche Wert des Katalogs liegen. Denn wichtige Artikel über die komplizierte Überlieferung der Vita Bernwardi, die Hildesheimer Annalistik oder die im 2. Weltkrieg schwer beschädigte Hildesheimer Denkschrift zum Gandersheimer Streit (erstes Drittel des 11. Jh.) wurden von dem derzeit besten Kenner der Materie, Hans Jakob Schuffels, verfaßt (z. B. S. 10 ff., 83 ff., 247 ff., 474 ff., 594 ff.), dessen Erkenntnisse seit Jahren zwar als grundlegend für künftige Forschungen angekündigt, aber nie publiziert wurden. So wird hier der Schleier des Geheimnisumwitterten etwas gelüftet, und derjenige, der mit diesen Dingen zu tun bekommt, kann sich wenigstens mit dem Status quaestionis vertraut machen. Ein Wunsch bleibt allerdings auch bei diesen so schön gestalteten Bänden offen: es fehlt ein Register. An viele Dinge wird der Benutzer nur durch zeitraubendes Blättern herankommen, es sei denn, er hätte den Inhalt derart verinnerlicht, daß er das ihn Interessierende auf Anhieb fände.
  402. &

    D. J.


  403. Hans K. Schulze, Hegemoniales Kaisertum. Ottonen und Salier (Das Reich und die Deutschen) Berlin 1991, Siedler Verlag, 519 S., viele Abb., ISBN 3-88680307-4, DEM 98. - Das vorliegende Werk vollendet die bekannte Reihe für den Bereich des MA, wobei rätselhaft bleibt, warum die Stauferzeit dem Spät-MA zugeteilt wurde (vgl. DA 46, 251); selbst unter Berücksichtigung des gut gewählten Titels sowie der leicht deutschnationalen Untertöne des Reihentitels wäre sie in diesem Band besser aufgehoben gewesen, zumal S. die Bedeutung des Kaisertums in einer Weise unterstreicht, die mehr als gelegentlich an Hampe oder Haller erinnert. Nach knapp hundert Seiten über den gesellschaftlichen Hintergrund der großen Politik geht die Darstellung eigentlich los: Jeder Herrscher von Heinrich I. bis Heinrich V. bekommt ein (meist mit Titeln wie "Der Griff nach dem Süden" oder "Im Bann der Kaiseridee" versehenes) eigenes Kapitel. Das Buch ist gut lesbar (auch hier ist an Hampe und Haller zu denken), und die zahlreichen Abbildungen sind nicht schlecht in der Auswahl und der Wiedergabe. Die Darstellung ist nicht immer von den Zweifeln und Nuancen der neueren Forschung getrübt worden: S. schreibt z. B. von der Kaiserkrönung 962, sie leite "eine neue Epoche der deutschen Geschichte ein, ... in der Deutschland für drei Jahrhunderte zur Vormacht Europas (wurde)" (S. 210); ohne eingehendere Begründung sieht er 1024 immer noch als den großen Einschnitt, obwohl vieles eher für 1002 (Weinfurter) bzw. 983 (Reuter) spricht; die Annales Iuvavenses Maximi werden unumwunden als "zeitgenössische Quelle" deklariert und nach E. Klebel zitiert (S. 143) usw. Uneingeschränkt kann man das Buch weder empfehlen noch von ihm abraten; die Konkurrenz ist aber stark (und zum größten Teil wesentlich billiger).
  404. &

    T. R.


  405. Armin Wolf, Quasi hereditatem inter filios. Zur Kontroverse über das Königswahlrecht im Jahre 1002 und die Genealogie der Konradiner, ZRG Germ. 112 (1995) S. 64-157, untersucht die Verwandtschaft sämtlicher im Jahre 1002 in Erscheinung getretener Kronprätendenten zum Ottonenhaus, wobei im Falle Hermanns von Schwaben die von Hlawitschka (vgl. DA 50, 301) abgelehnte "Richlint-These" verteidigt wird. Das Ergebnis insgesamt: Alle Bewerber hätten erbrechtliche Ansprüche unterschiedlicher Art geltend machen und andere Kandidaten auch gar nicht in Betracht gezogen werden können. Neben anderen Faktoren habe bei Heinrich II. die höhere Bewertung der agnatischen Abstammung gegenüber der näheren, aber cognatischen Hermanns den Ausschlag gegeben.
  406. &

    G. Sch.


  407. Il secolo XI: una svolta? A cura di Cinzio Violante e Johannes Fried (Annali dell'Istituto storico italo-germanico. Quaderno 35) Bologna 1993, Società editrice il Mulino, ISBN 88-15-04095-1, 256 S., ITL 30 000. - Im Jahre 1990 fand in Trient eine "settimana di studio" statt, deren Thema aus dem Programm einiger Tagungen auf dem Mendelpaß hervorgegangen war. Hatten die Veranstaltungen auf dem Mendelpaß sich mehr der Vertiefung von Einzelaspekten der Geschichte des 11. und 12. Jh. gewidmet, so stand in Trient die vielbehandelte Frage des Epocheneinschnitts im 11. Jh. im Mittelpunkt. Die Beiträge besitzen überwiegend den Charakter von Zusammenfassungen oder Überblicken: Cinzio Violante, Il secolo XI: una svolta? Introduzione ad un problema storico (S. 7-40), stellt einige Ansätze zu dieser Frage vor (Duby, Bois, Brühl) und weist auf das Problem regionaler Unterschiede in der europäischen Entwicklung hin. - Tilmann Struve, Le trasformazioni dell'XI secolo alla luce della storiografia del tempo (S. 41-72), behandelt Adam von Bremen, die Vita Heinrichs IV., die Vita Bennos von Osnabrück, Lampert von Hersfeld, Frutolf sowie einige Streitschriften unter dem Gesichtspunkt, wie sich in diesen Werken eine größere Individualität der handelnden Personen, religiöse Neuansätze, transpersonale Staatsvorstellungen und andere dem 11. Jh. zugeschriebene Entwicklungen zeigen. - Giuseppe Sergi, Le istituzioni politiche del secolo XI: trasformazioni dell'apparato pubblico e nuove forme di potere (S. 73-97), analysiert die Entwicklung feudaler Strukturen in Oberitalien mit dem Schwergewicht auf der Mark Tuszien. - Wilfried Hartmann, Verso il centralismo papale (Leone IX, Niccolò II, Gregorio VII, Urbano II) (S. 99-130), verneint eingangs, daß es eine durchgreifende Wende im 11. Jh. gegeben habe, und verfolgt dann den unbezweifelbaren Wandel kirchlicher Strukturen, wie er in der zweiten Hälfte des 11. Jh. einsetzte, wobei den Kanonisten besondere Bedeutung zukomme. - Hanna Vollrath, L'accusa di simonia tra le fazioni contrapposte nella lotta per le investiture (S. 131-156), arbeitet die Bedeutung des Begriffs Simonie und die Instrumentalisierung der Simonieanklage an konkreten Beispielen (Karl von Konstanz, Hermann von Bamberg und Winither von Lorsch/Worms) heraus. - Mario Nobili, Le trasformazioni nell' ordinamento agrario e nei rapporti economico-sociali nelle campagne dell'Italia centrosettentrionale nel secolo XI (S. 157-204). - Ludolf Kuchenbuch, "Lavoro" e "società" dal tardo X secolo al primo XII. Note basate prevalentemente sulla tradizione urbariale a nord delle Alpi (S. 205-235), kommt zu dem Schluß, daß die Grundherrschaften im deutschen Reich des 11. Jh. noch sehr stark unter den Nachwirkungen der Karolingerzeit gestanden hätten und erst im 12. Jh. von neuen Entwicklungen erfaßt worden seien. - Manlio Bellomo, Una nuova figura di intellettuale: il giurista (S. 237-256), macht auf begriffliche Unschärfen der neueren Literatur bei dem Umgang mit Quellenbegriffen wie iudex / notarius / causidicus / legis doctor usw. aufmerksam und sieht die neue Qualität des am Ende des 11. Jh. aufkommenden Juristenstandes in seiner fachmännischen Auseinandersetzung mit dem justinianischen Recht begründet.
  408. &

    C. M.


  409. Auslandsbeziehungen unter den salischen Kaisern. Geistige Auseinandersetzung und Politik. Referate und Aussprachen der Arbeitstagung vom 22.-24. November 1990 in Speyer, hg. von Franz Staab (Veröffentlichung der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in Speyer 86) Speyer 1994, Verlag der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in Speyer, 296 S., keine ISBN, DEM 40. - Der Sammelband ergänzt die zahlreichen Salier-Publikationen von 1990/91 (vgl. DA 49, 171 ff.) und enthält: Franz Staab, Ausland und Auslandsbeziehungen in der Perspektive des Salierreiches. Zur Einführung ins Thema (S. 7-40), umreißt die Problematik des Begriffs "Ausland" im 11./12. Jh. und nennt einige Lebensbereiche, die Erfahrungen mit Fremden vermittelten: Fernhandel, orientalische Heiligenkulte, monastische Filiationen und Verbrüderungen, auswärtige Studien, Wallfahrten, Kreuzzüge. - Hartmut Freytag, Ezzos Gesang und die Jerusalemwallfahrt von 1064/65 (S. 41-64), bekräftigt mit seiner Interpretation die Überlieferung, wonach das Ezzolied aus der besonderen eschatologischen Erwartung von 1064/65 erwachsen sei. - Ekkehard Rotter, Embricho von Mainz und das Mohammed-Bild seiner Zeit (S. 69-136), gibt einen analytischen Kommentar zu der phantastisch-polemischen Vita Mahumeti (ed. G. Cambier, 1962), ohne eine hauptsächliche und unmittelbare Vorlage ausfindig machen zu können. In einem gemeinsam mit Staab verfaßten quellenkundlichen Exkurs wird der aus Mainz stammende Autor mit guten Gründen als späterer Kämmerer und Propst des Mainzer Domes († 1108/12) identifiziert, der sein Werk vor 1090 gedichtet haben müßte, während die weitergehende Annahme von Anspielungen auf die Mailänder Vorgänge von 1071/72 kaum überzeugt. In der Einleitung (S. 69) begegnet der grobe Irrtum, Heinrich IV. habe 1074 einen Kreuzzug in den Orient geplant. - Hans-Werner Goetz, Der erste Kreuzzug im Spiegel der deutschen Geschichtsschreibung (S. 139-162), schildert systematisch, welche Resonanz Vorgeschichte, Verlauf und Bewertung des Kreuzzugs in einigermaßen zeitgenössischen Quellen aus dem Reich (von Bernold und Frutolf bis zu Albert von Aachen) fanden. - Egon Boshof, Das Salierreich und der europäische Osten (S. 167-192), betont in einem chronologischen Überblick der Beziehungen zu Polen, Böhmen und Ungarn die Interdependenz der Entwicklungen und das wachsende Gewicht des Papsttums. - Bernd Schneidmüller, Regni aut ecclesie turbator. Kaiser Heinrich V. in der zeitgenössischen französischen Geschichtsschreibung (S. 195-220), sieht die Ursachen für das einhellig negative Urteil in der selektiven Wahrnehmung und im zunehmenden Selbstbewußtsein der französischen Beobachter. - Karl Schnith, Die Salier und England (S. 223-235), rückt naturgemäß die Ehe Heinrichs V. mit Mathilde in den Vordergrund, wobei er die Initiative eher auf deutscher Seite erblickt, und geht auch auf die Rolle der Kaiserin in England nach 1125 ein. - Erich Hoffmann, Die Salier und Skandinavien (S. 239-264), zeichnet von Konrad II. bis zu Heinrich V. ein Bild rapide abnehmender Beziehungen und erklärt dies mit dem rückläufigen Einfluß der Salier in Sachsen. - Beigegeben sind Diskussionsvoten zu den einzelnen Beiträgen sowie ein Namenregister.
  410. &

    R. S.


  411. Ludwig Buisson, Heerführertum und Erobererrecht auf dem ersten Kreuzzug, ZRG Germ. 112 (1995) S. 316-344, erörtert in seinem als Teil einer größeren, aber nicht mehr zustande gekommenen Abhandlung geplanten Aufsatz die Führungsstruktur des Kreuzfahrerheeres und zeigt die Konflikte, die sich aus dem "Führerrat" mit kollektivem Anspruch und den individuellen, sich am (normannischen?) Eroberungs- und Beuterecht orientierenden Anrechten einzelner Heerführer andererseits ergaben.
  412. &

    G. Sch.


  413. Friedhelm Winkelmann, Die Kirchen im Zeitalter der Kreuzzüge (11.-13. Jahrhundert) (Kirchengeschichte in Einzeldarstellungen I/10) Leipzig 1994, Evangelische Verlagsanstalt, 158 S., 2 Karten, ISBN 3-374-01465-8, DEM 21,50, ist als ein knapper Leitfaden für ein nicht professionell, sondern nur allgemein interessiertes Publikum gedacht, wie es das Programm der Reihe intendiert. Für jede Art beruflicher Beschäftigung mit dem MA, und das schließt schon die Studenten ein, ist der Überblick zu knapp geraten und simplifiziert die Dinge eher, als daß er sie zu erläutern vermöchte, auch wenn für den zugebilligten Raum natürlich nicht der Vf. verantwortlich ist.
  414. &

    H. E. M.


  415. Ernst-Dieter Hehl, Was ist eigentlich ein Kreuzzug?, HZ 259 (1994) S. 297-336: Da der Kreuzzugsablaß an die Intention des Kreuzfahrers geknüpft war, läßt sich der Kreuzzug nicht auf die Kämpfe im Heiligen Land einschränken. Unmittelbar nach dem ersten Kreuzzug setzen so auch die Tendenzen zur "Ausweitung" des Kreuzzugs auf andere Gebiete ein. Indem die Kreuzfahrer den Willen Gottes zu erfüllen und an einer von Gott verursachten Zeitenwende mitzuwirken glaubten, erhielt die kriegerische Existenz von Adel und Rittertum eine religiöse Wertigkeit, die auch den sozialen Vorrang legitimierte. "Insgesamt lassen sich die Kreuzzüge mit den Zeitgenossen als Reflex des inneren Zustands der abendländischen Christenheit werten und waren weniger ein Ereignis an deren Grenzen" (S. 336).
  416. &

    E.-D. H. (Selbstanzeige)


  417. ,Militia Christi' e Crociata nei secoli XI-XIII. Atti della undecima Settimana internazionale di studio Mendola, 28 agosto - 1 settembre 1989 (Miscellanea del Centro di studi medioevali 13) Milano 1992, Vita e Pensiero, ISBN 88-343-0350-4, XII u. 858 S., ITL 130.000. - Jean Leclercq, ,Militare Deo' dans la tradition patristique et monastique (S. 3-18), beschreibt die Reduktion der militärischen Sprachbilder in der patristischen und monastischen Literatur auf den inneren Kampf. - Réginald Grégoire, Esegesi biblica e ,militia Christi' (S. 21-45), stellt das Böse als anthropologischen und kosmologischen Rahmen für die Exegese der biblischen Kampftermini heraus. Für den Kreuzzugsgedanken wichtig erscheinen die Interpretationen, die Gott bzw. Christus den Kampf gegen das Böse anführen lassen. - Friedrich Prinz, Primi stadi della ,militia Christi' altomedievale nella tarda antichità e nel sistema ecclesiastico imperiale del periodo carolingio e degli Ottoni (S. 49-63), skizziert die Entwicklung von subsidiärer Übernahme politischer und militärischer Aufgaben durch kirchliche Instanzen in der Spätantike zur "Einstaatung" der Kirche seit der Karolingerzeit. - Jean Flori, De la chevalerie féodale à la chevalerie chrétienne? La notion de service chevaleresque dans les très anciennes chansons de geste françaises (S. 67-99): Der Dienst am König steht im Vordergrund, auch wenn er sich faktisch im Kampf gegen die Heiden äußert. - Cinzio Violante, La pataria e la ,militia Dei' nelle fonti e nella realtà (S. 103-127): Auch bei den Anhängern der Pataria, inbesondere bei Bonizo von Sutri, zeigt sich, daß der Krieg, selbst wenn er religiöse Ziele hat, in konkrete politische Strukturen eingeordnet wird. - Martin Brett, Warfare and its restraints in England 1066-1154 (S. 129-144), behandelt vor allem die Regierungszeit König Stephans mit den Bemühungen kirchlicher Instanzen, den Frieden zu organisieren, gegen König David von Schottland 1138 jedoch mit Motiven der Kreuzzugspropaganda auch den Krieg. - Paolo Delogu, La ,militia Christi' nelle fonti normanne dell'Italia meridionale (S. 145-165), konstatiert eine nur äußerliche Orientierung an christlichen Idealen in den Personenschilderungen bei Radulf von Caen, Gaufred Malaterra und Wilhelm von Apulien; nur bei Amatus von Montecassino werden die christlichen Verhaltensnormen "verinnerlicht". - Ovidio Capitani, Sondaggio sulla terminologia militare in Urbano II (S. 167-192), berücksichtigt auch die zeitgenössische Kanonistik (Bonizo von Sutri, Anselm von Lucca, Ivo von Chartres). - Ernst Voltmer, Nel segno della Croce. Il carroccio come simbolo del potere (S. 193-207): Der Fahnenwagen sollte Frieden und Einheit der Gemeinde evozieren, sowohl religiös als auch politisch. - Michael McCormick, Liturgie et guerre des Carolingiens à la première croisade (S. 209-238), weist auf karolingische Vorbilder für die Verbindung von Krieg und Liturgie hin, doch steht bei den Kreuzzügen die Figur Christi stärker im Mittelpunkt des liturgischen Geschehens. - Ambrogio M. Piazzoni, ,Militia Christi' e Cluniacensi (S. 241-269), stellt die "konservativen" Züge Clunys in dem Konzept der militia Christi heraus: es hebt auf Mönchtum und inneren Kampf ab. - Pietro Zerbi, La ,militia Christi' per i Cisterciensi (S. 273-294), konstatiert ähnlich, daß trotz der Stellungnahmen Bernhards von Clairvaux zu Templern und Kreuzzug die monastische Bedeutung des Begriffs Vorrang behält. - Deug-Su I, La ,militia Christi' nella vita eremitica tra i secoli XI e XII (S. 299-340), analysiert die Auseinandersetzungen um den jeweiligen Wert coenobitischer und eremitischer Lebensformen und untersucht für letztere auch hagiographische Quellen unter dem Gesichtspunkt der militia. - Cosimo Damiano Fonseca, ,Militia Dei' e ,militia Christi' nella tradizione canonicale (S. 343-354), stellt Beispiele des militärischen Sprachgebrauchs in den Consuetudines und in anderem Schriftgut der Kanoniker zusammen. - Grado G. Merlo, ,Militia Christi' come impegno antiereticale (1179-1233) (S. 355-384), weist auf die Bedeutung des Militia-Gedankens für die Bekämpfung der Häretiker durch Waffengewalt, wofür teilweise eigene Milizen gebildet wurden, und durch die Bettelorden hin. - Franco Cardini, La guerra santa nella cristianità (S. 387-399): Zu dem heiligen Krieg gehört das Gegenbild des Antichrist. - Saverio Guida, Le canzoni di crociata francesi e provenzali (S. 403-441), beharrt darauf, daß die Dichtungen, einschließlich der "kreuzzugskritischen", Spiegel der öffentlichen Meinung seien. - Francesco Tommasi, "Pauperes commilitones Christi". Aspetti e problemi delle origini gerosolimitane (S. 443-475), untersucht die Bezeichnungen für die Templer bis ca. 1150 und die Emanzipation der Ritter von den Kanonikern des Hl. Grabes. - Kaspar Elm, Die Spiritualität der geistlichen Ritterorden des Mittelalters. Forschungsstand und Forschungsprobleme (S. 477-518), begreift die Ritterorden "als Manifestationen eines eigenen geistlichen Standes zwischen Mönchen und Kanonikern, zwischen Kloster und Welt" (S. 518) und warnt vor einer Überschätzung des Templertraktats von Bernhard von Clairvaux für ihr Selbstverständnis. - Giovanna Petti Balbi, Lotte antisaracene e ,militia Christi' in ambito iberico (S. 519-545), nimmt auch die italienischen Seestädte und das gesamte westliche Mittelmeer in den Blick. - José-Luis Martín, Ordenes militares en la Peninsula Ibérica (S. 551-572), widmet sich besonders dem Jacobusorden. - Paolo Tomea, Il ,proelium' cristiano: scene dai testi agiografici occidentali (S. 573-623), befaßt sich mit deren "militärischem" Vokabular, das die Bibel vermittelt hat, sowie den Kampfbeschreibungen zwischen dem Heiligen und dem Teufel bzw. den Dämonen und wertet all das als Zeichen der Faszination, die von der kriegerischen Lebensweise ausging. - Léopold Génicot, Discorso di chiusura (S. 627-642). - Ergänzt wird der Band durch einige Comunicazioni. Giuseppe Ligato, Fra Ordini Cavallereschi e crociata: ,milites ad terminum' e ,confraternitates' armate (S. 645-697), zeigt die vielfältige Nützlichkeit dieser Gruppen auf: für die Zugehörigen selbst, die sich genossenschaftlich organisierten; für die Ritterorden, denen sie sich in ihrer Dienstzeit angeschlossen hatten; für die kirchlichen Instanzen, die zusätzliche Kontrollmöglichkeiten über den Kreuzzug erhielten. - Roberto Paciocco, "Sub iugo servitutis". Francesco, i francescani e la ,militia Christi' (S. 699-715), weist darauf hin, daß bei Franziskus selbst servire an die Stelle des Wortfelds militare zur Beschreibung der neuen geistlichen Lebensform tritt. - Alessandro Barbero, Motivazioni religiose e motivazioni utilitarie nel reclutamento degli ordini monastico-cavallereschi (S. 717-727), wertet mit allem methodischen Vorbehalt die Akten des Templerprozesses aus, in denen familiäre, erbrechtliche und versorgungsmäßige Hintergründe für den Ordenseintritt deutlich werden, denen seitens des Ordens das Erheben von "Eintrittsgebühren" entspricht. - Jean-Loup Lemaitre, Le combat pour Dieu et les croisades dans les notes de Bernard Itier, moine de Saint-Martial de Limoges (1163-1225) (S. 729-751), stellt dessen historische Notizen in der Handschrift Paris, Bibliothèque nationale, lat. 1338 vor. - Gabriella Montali, Il delinearsi della figura del _miles christianus' nella letteratura tedesca del XII secolo (S. 753-768), behandelt die Kaiserchronik, das Rolandslied, die Kreuzzugslyrik und natürlich den Willehalm Wolframs von Eschenbach. - Verena Epp, ,Miles' und ,militia' bei Fulcher von Chartres und seinen Bearbeitern (S. 769-784): Erst bei den Bearbeitern von Fulchers Historia Hierosolymitana dient miles/militia zur Bezeichnung einer "abgrenzbaren sozialen Schicht" (S. 784), die entweder durch ein christliches Standesethos oder aufgrund funktionaler Parallelität zur Antike definiert wird. Für die "orientalischen" Bearbeiter Fulchers bleibt dieser Stand für Ergänzung und Aufstieg stärker offen als für die abendländischen. - Giovanni Iamartino, San Guthlac: ,militia Christi' e letteratura agiografica nell'Inghilterra anglosassone (S. 785-822), bespricht die lateinische Vita des Heiligen und die beiden Guthlac-Dichtungen des Exeter Books. - Register der Namen (auch moderne Forscher) und Hss. beschließen den im wesentlichen terminologisch orientierten Band.
  418. &

    E.-D.H.

    210">

  419. Bernard Hamilton, The Impact of Crusader Jerusalem on Western Christendom, The Catholic Historical Review 80 (1994) S. 695-713, beschreibt die Umwandlung Jerusalems von einer muslimischen in eine katholische Stadt im 12. Jh., den zunehmenden Pilgerverkehr und die Rückwirkungen dieses Vorgangs auf die westliche Christenheit. Sie dokumentiere sich in erstaunlich guten Kenntnissen der Topographie des Heiligen Landes und in einer neuen Akzentuierung der Frömmigkeit im 13. Jh., die die Menschheit und das Leiden Christi stärker betonte als frühere Zeiten.
  420. &

    D. J.


  421. Rudolf Hiestand, Zur Geschichte des Königreichs Sizilien im 12. Jahrhundert, QFIAB 73 (1993) S. 52-69, stellt in einem ersten Abschnitt als Todesdatum der ersten Gemahlin Rogers II. den 19. September 1150 (nicht 1151) fest und erklärt daraus die offizielle Erhebung Wilhelms I. zum Thronfolger und Mitkönig im Frühjahr 1151. In einem zweiten Abschnitt werden die Quellen über ein Heiratsprojekt zwischen Johanna, der Witwe Wilhelms II. und Schwester Richard Löwenherz', und dem Bruder Saladins erneut untersucht und als glaubwürdig interpretiert.
  422. &

    C. M.


  423. Hansmartin Schwarzmaier, Uta von Schauenburg, die Gemahlin Welfs VI., ZGORh 142 (1994) S. 1-17, beschreibt ihre Rolle als Erbin des Calwer Besitzes und der Streitigkeiten um diesen, die noch in der Gründung des Prämonstratenserstifts Allerheiligen durch Uta spürbar sind.
  424. &

    E.-D.H.


  425. Peter Csendes, Heinrich VI. (Gestalten des Mittelalters und der Renaissance) Darmstadt 1993, Wiss. Buchgesellschaft, XI u. 258 S., 12 Abb. und 3 Karten, ISBN 3-534-10046-8, DEM 59. - Anzuzeigen ist die erste monographische Behandlung des Staufers († 1197) seit den "Jahrbüchern" von Theodor Toeche (1867). C., einem der besten Kenner, gelang auf beschränktem Raum eine konzentrierte Synthese der derzeitigen Forschungslage, zu der er selbst wesentlich beigetragen hat und die er auch mit dieser Gesamtschau befruchten dürfte. Die Darstellung ist chronologisch aufgebaut; sie wird eingeleitet von drei Kapiteln über das europäische 12. Jh., die Quellen und die Familie der Staufer und beschlossen mit einer resümierenden Betrachtung der höfischen Umgebung des Kaisers und dessen Bild in den Quellen. C. überzeugt durch umfassende Kenntnis der Quellen und Forschungsliteratur (S. 229-244) und durch vorsichtig abwägendes Urteil. Sicherheit ist angesichts der Quellenlage selbst in manchen zentralen Fragen nicht zu gewinnen (S. 184 ff.: "höchstes Angebot"; zum Kreuzzug vgl. jetzt auch C. Naumann, vgl. die folgende Anzeige), und so wird man hier und da auch weiterhin anderer Auffassung sein dürfen, etwa hinsichtlich einiger sizilischer Aspekte (S. 52 ff. zur Verlobung Heinrichs mit Konstanze; S. 155: angeblicher Aufstand Ende 1194; S. 160 f. Haltung und Krönung Konstanzes). Kleinere Versehen resultieren daraus, daß offenbar nicht die MGH-Ausgabe der Urkunden Konstanzes benutzt wurde (S. 188, 195, 217), aber den äußerst positiven Gesamteindruck des auch sprachlich gelungenen Buches beeinträchtigen sie nicht.
  426. &

    Theo Kölzer


  427. Claudia Naumann, Der Kreuzzug Kaiser Heinrichs VI., Frankfurt am Main 1994, Verlag Peter Lang, 305 S., 1 Karte, ISBN 3-631-47001-0, DEM 89. - Die letzten Monographien zum Kreuzzug Heinrichs VI. von Traub und Leonhardt stammen von 1910 und 1913. Sie haben die herrschende Meinung, Heinrich VI. habe, wie es ihm der Chronist Niketas unterstellt, mit dem Kreuzzug das Ziel verfolgt, das östliche Mittelmeer, insbesondere Byzanz, seiner Herrschaft zu unterwerfen, angegriffen, aber nicht nachhaltig erschüttert. Traub sah für Byzanz in der kaiserlichen Politik nur die Rolle des Kostenträgers, Leonhardt erkannte nur wirtschaftliche Gründe, nämlich die Verbesserung der Handelsstellung der süditalischen-sizilischen Städte in der Levante. Die Vf. stimmt Traub zu, während sie sich mit Leonhardts These nicht anfreunden kann. Sie sieht den Kreuzzug vielmehr als das Hauptmittel Heinrichs, dem Papst entgegenzukommen, um die Zustimmung zur Nachfolge Friedrichs II. auch im Reich und damit die unio regni ad imperium zu erlangen. Da der bei den Fürsten schon weitgehend durchgesetzte Erbreichsplan ohne päpstliche Zustimmung wertlos gewesen wäre, habe der Kaiser lieber darauf verzichtet als auf den Ausgleich mit dem Papst. Ob der Kaiser wirklich a priori persönlich nicht auf den Kreuzzug ziehen wollte, erscheint mir weniger sicher als der Vf. Ein Katalog der bezeugten Teilnehmer des rein deutschen Unternehmens beschließt die anregende Arbeit.
  428. &

    H. E. M.


  429. Gerhard Baaken, Das sizilische Königtum Kaiser Heinrichs VI., ZRG Germ. 112 (1995) S. 202-244, räumt mit der des öfteren in der einschlägigen Literatur vertretenen Auffassung auf, Heinrich VI. sei am Weihnachtstag 1194 in Palermo zum sizilischen König gekrönt worden. Eine solche Krönung habe überhaupt nicht stattgefunden. Der herrschaftsbegründende Akt liegt in dem feierlichen und nach dem Muster einer altrömischen Triumphalprozession gestalteten Einzug in die Stadt am 20. November 1194 (womit sich auch Datierungsprobleme zweier Urkunden Konstanzes erledigen, wenn Weihnachten 1194 als Epochentag gestrichen wird). Auch die besondere Stellung, die Konstanze seit dem Hoftag zu Bari vom April 1195 im regnum einnahm, ist vermutlich nicht durch eine "liturgische Erstkrönung" (S. 235) begründet.
  430. &

    G. Sch.


  431. Wolfger von Erla. Bischof von Passau (1191-1204) und Patriarch von Aquileia (1204-1218) als Kirchenfürst und Literaturmäzen, hg. von Egon Boshof und Fritz Peter Knapp (Bibliothek N. F., 3. Reihe: Untersuchungen 20) Heidelberg 1994, Winter Verlag, 346 S., ISBN 3-8253-0202-4, DEM 128. - Der durch seine Reiserechnungen bekannte Kirchenfürst stand 1991 im Mittelpunkt eines Symposiums, das tiefere Einblicke sowohl in die Diplomatik, als auch in die politische und rechtliche, die Verwaltungs-, Kirchen-, Kultur- und Literaturgeschichte seiner Zeit und seines Raumes gewährte: Egon Boshof, Zentralgewalt und Territorium im Südosten des Reiches um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert (S. 11-42). - Franz-Reiner Erkens, Territorialpolitisches Wirken und landesherrliches Regiment Wolfgers von Erla als Bischof von Passau (1191-1204) (S. 43-67). - Wilhelm Störmer, Zur Adelsgesellschaft in Bayern und Österreich um 1200 (S. 69-106). - Thomas Frenz, Urkunden und Kanzlei Bischof Wolfgers in seiner Passauer Zeit (S. 107-137). - Reinhard Härtel, Wolfger und das Schriftwesen in Oberitalien (S. 139-194). - Winfried Stelzer, Bischof Wolfger und das gelehrte Recht in der Diözese Passau um 1200 (S. 195-212). - Uwe Meves, Das literarische Mäzenatentum Wolfgers und die Passauer Hofgesellschaft um 1200 (S. 215-247). - Silvia Ranawake, Albrecht von Johannsdorf, ein Wegbereiter Walthers von der Vogelweide? (S. 249-280). - Peter Johnson, Vorgreifliche, kuriose und nicht zusammenhängende Gedanken zu Wolfger von Erla als Mensch und Mäzen (S. 281-299). - Manfred Günter Scholz, Der biderbe patrîarke missewende frî und dominus Walterus - auch ein Versuch zum Begriff des fahrenden Spruchdichters (S. 301-323). - Daniel Rocher, Thomasin von Zerclaere: ein Dichter...oder ein Propagandist im Auftrag? (S. 325-343). - Fritz Peter Knapp, Der Hof des Kirchenfürsten Wolfger von Erla und die Literatur um 1200 (S. 345-364). Man vermißt ein Register.
  432. &

    Ivan Hlavácek


  433. Gerhard Baaken, Ius Imperii ad Regnum. Königreich Sizilien, Imperium Romanum und Römisches Papsttum vom Tode Kaiser Heinrichs VI. bis zu den Verzichterklärungen Rudolfs von Habsburg (Forschungen zur Kaiser- und Papstgeschichte des Mittelalters. Beihefte zu J. F. Böhmer, Regesta Imperii Bd. 11) Köln-Weimar-Wien 1993, Böhlau Verlag, 456 S., ISBN 3-412-03693-5, DEM 134. - Das Buch setzt einen früheren Rückblick des Vf. auf die Geschichte kaiserlicher Ansprüche auf Süditalien und Sizilien (vgl. DA 30, 277) über den Tod Heinrichs VI. († 1197) hinaus fort bis zur Verzichtserklärung König Rudolfs (1274/75) und bildet in gewisser Weise das Pendant zu J. Deérs Buch über "Papsttum und Normannen" (1972). Redaktionsschluß war das Jahr 1990, so daß etwa die einschlägigen Biographien von Hucker (1990), Abulafia (1988/91), Stürner (1992) und Csendes (1993) keine Berücksichtigung mehr fanden. Ein abschließendes Resümee fehlt und wäre wohl auch schwer zu formulieren: Bekanntlich hielten die römisch-deutschen Herrscher und die Päpste an ihren unvereinbaren Ansprüchen fest, und erst Karl I. von Anjou konnten die päpstlichen Sicherheitswünsche verbindlich oktroyiert werden, während Rudolf von Habsburg, auf die Kaiserwürde hoffend, die Bahnen staufischer Politik verließ und grundsätzlich auf Reichsrechte bezüglich Siziliens verzichtete. Die Rekognitionsabgaben des Königs von Neapel (Sizilien) konnte der Papst, wie B. einleitend zeigt, bis 1855 behaupten. In staufischer Zeit bestimmte das folgenschwere ius imperii die wechselvollen politischen Beziehungen zwischen Papsttum und Kaisertum, und vielleicht erklärt dies "nicht wenige zeitraubende Umwege", von denen schon B. vermutete, sie könnten "den Leser ermüden" (S. 10). Er hat sich entschlossen, den Stoff noch einmal in aller Breite, sozusagen ab ovo, zu entfalten mit Hilfe diplomatisch-formaler, philologischer und inhaltlicher Interpretationen der einschlägigen Texte. Der Gewinn dieser Mikroanalyse und der Arbeit insgesamt liegt vornehmlich im Detail. Ob der Aufwand immer nötig war, bleibe dahingestellt; die Summe der Erörterungen über den Lehnseid Konstanzes (S. 41-47) steht z. B. schon in der Vorbemerkung zu D Ks. 65. Nicht alle neuen Aspekte vermögen zu überzeugen. B. postuliert etwa (S. 32ff.) eine "Königserhebung" Friedrichs II. (wie?) auf Betreiben seiner Mutter im Oktober/November 1197 (so ist S. 35 zu lesen statt 1198), also noch vor der Krönung zu Pfingsten 1198. Aber die Nennung Friedrichs als Mitregent in den Datationes von DD Ks. 52-53 gehen auf einen Empfängerschreiber zurück, und in dem Original der Kanzleiausfertigung D Ks. 64 (1197 Nov.) wird keineswegs bereits das zweite Regierungsjahr Friedrichs gezählt: Es steht das übliche primo und nicht secundo, wie B. gegen die Edition fordert! Es gilt wohl auch hier, was B. an anderer Stelle (S. 376 f.) von Konradin sagt, der von seiner Umgebung auch ohne Erhebungsakt schon als rex Sicilie angesehen wurde (vgl. Kölzer, Urkunden und Kanzlei, 1983, S. 29, 93 f., 101 f.). Bei den päpstlich-kaiserlichen Konkordatsverhandlungen nach dem Tode Heinrichs VI. seien, so B. (S. 47 ff.) die sizilischen Unterhändler hinters Licht geführt worden, weil Ihnen der komplette Satz früherer Konkordatstexte fehlte und sie so nicht erkennen konnten, daß die oktroyierten Zugeständnisse über Tankreds Konkordat (1192) hinausgingen. Solche Schlußfolgerungen aus dem Briefbuch des Thomas de Gaeta zu ziehen (S. 55), ist gewagt, und ganz so unbedarft dürften die sizilischen Unterhändler nicht gewesen sein. Im übrigen galt das ligium hominium, dessen persönliche Leistung B. für Konstanze als Neuerung herausstellt (S. 52ff.), in der Substanz schon für Roger II. und Wilhelm I., war also Bestandteil des von Konstanze erstrebten status quo ante, und diese beiden Texte sind bei Thomas de Gaeta überliefert. Die Zweifel, ob Konstanze zur Leistung auch wirklich bereit gewesen wäre (S. 65), sind ganz sicher unbegründet (vgl. Vorbemerkung D Ks. 65). B. problematisiert (S. 172 ff.) auch die Frage der "Mündigkeit" (richtig: Volljährigkeit) des noch nicht 14jährigen Friedrich im Jahre 1208, ohne - wie jetzt auch Stürner - eine überzeugende Lösung anbieten zu können. Vielleicht war dieser merkwürdige Termin, der augenscheinlich kein Quellenvorbild hat, ein ad hoc gefundener Kompromiß, der in das Abkommen zwischen Innozenz III. und Philipp von Schwaben gehört (vgl. Kölzer, in: Festschrift Hlawitschka, 1993, S. 352 f.). Die nur exemplarisch vorgetragenen Ausstellungen zeigen: Über solche und ähnliche Details darf und wird ganz sicher auch weiterhin diskutiert werden. Das aber kann das Verdienst eines Buches nicht schmälern, das manche Aspekte überhaupt erst ins Licht gehoben oder neu akzentuiert hat und das künftig als umfassende Bestandsaufnahme einen festen Platz im Rahmen der Bemühungen um die päpstlich-kaiserlichen Beziehungen in spätstaufischer Zeit einnehmen wird.
  434. &

    Theo Kölzer


  435. Maria Pia Alberzoni, Innocenzo III e la riforma della chiesa in "Lombardia". Prime indagini sui visitatores et provisores, QFIAB 73 (1993) S. 122-178, befaßt sich mit dem Hinweis in einer anonymen Biographie Innozenz' III., wonach dieser Papst "Untersuchungsbeamte" in verschiedene Kirchen, vor allem in die Erzdiözese Mailand, gesandt habe. Eine Auswertung ungedruckter Quellen aus dem Vatikanischen Archiv erbringt nicht nur die Bestätigung dieser Nachricht, sondern auch die namentliche Identifizierung der päpstlichen Beauftragten, die anscheinend eine Zwischenposition zwischen Klostervisitatoren und Legaten innehatten.
  436. &

    C. M.


  437. David Jacoby, The Venetian Presence in the Latin Empire of Constantinople (1204-1261): the Challenge of Feudalism and the Byzantine Inheritance, Jb. der Österr. Byzantinistik 43 (1993) S. 141-201, äußert sich zur komplexen Beziehung zwischen dem lateinischen Kaiser, dem Staat Venedig und den venezianischen Feudalherren aufgrund der "partitio Romaniae".
  438. &

    Franz Tinnefeld


  439. Jean-Louis Kupper, L'évêché de Liège dans le contexte politique et militaire de la bataille de Bouvines, Bulletin de la Société nationale des Antiquaires de France (1993) S. 199-208, skizziert sorgfältig die Rivalität zwischen Herzog Heinrich I. von Brabant und dem Lütticher Bischof Hugo von Pierrepont, die dazu führte, daß Heinrich in Bouvines auf seiten Ottos IV. focht, während Hugo der Partei Friedrichs II. angehörte. Hinter Ottos Säkularisationsplänen, die vor allem das Hochstift Lüttich gefährdeten, vermutet K. den Einfluß der anglonormannischen Umgebung des Kaisers, die für die starke Stellung der geistlichen Reichsfürsten kein Verständnis aufbrachte.
  440. &

    Rolf Große


  441. Christoph T. Maier, Preaching the Crusades. Mendicant Friars and the Cross in the Thirteenth Century (Cambridge Studies in Medieval Life and Thought. Fourth Series 28) Cambridge 1994, Cambridge University Press, X u. 202 S., ISBN 0-521-45246-5, GBP 25. - Der Literaturstand zur Kreuzzugspredigt ist an sich recht erfreulich, wenn auch von unterschiedlicher Qualität, aber die wichtige Rolle der Predigerorden war eher vernachlässigt worden, so daß das Buch eine Lücke füllt. Ob Franz von Assisi und der hl. Dominikus wirklich so eiserne Verfechter der Kreuzzüge waren, wie der Vf. in Umprägung der bisherigen Forschung glaubt, stehe dahin, aber er verdeutlicht die Rolle, die Gregor IX. schon als Kardinal als großer Förderer der Bettelorden auch bei ihrer Kreuzzugspredigt spielte. Nach 1230 standen sie in vorderster Front bei der Predigt aller Kreuzzüge, ins Hl. Land, ins Balticum, gegen die Staufer in Italien. Ihre große hierfür eingesetzte Zahl, gegen Ende des 13. Jh. bis zu 40 pro Ordensprovinz, stellte die Effizienz der Kreuzzugswerbung auf neue Grundlagen. Aus der Kollekte von Kreuzzugssteuern, wo sie ursprünglich sehr aktiv waren, zogen sie sich nach 1250 zurück, weniger wegen ihres Armutsideals als aus Furcht vor Konflikten mit dem Weltklerus. Sie blieben aber im Geschäft bei der Umwandlung von Kreuzzugsgelübden in Geld für den Kreuzzug, ja hier galten sie als entgegenkommend, was ihnen freilich die zum Teil heftige Kritik der Puristen eintrug. Bei deren Abwehr durch den Vf. kann man auch anderer Meinung sein, aber zweifellos ist das Buch eine Bereicherung der Forschung.
  442. &

    H. E. M.


  443. Roland Pauler, Bischof Heinrich I. von Bamberg. Seine Stellung zwischen Papst Innozenz IV. und Kaiser Friedrich II., Zs. für bayer. LG 58 (1995) S. 497-508, kommt zu dem wenig überraschenden Ergebnis, daß auch ein geistlicher Fürst wie Heinrich - bis 1245 im Dienste Friedrichs II., dann auf der Seite des Papstes - "ebenso wie weltliche Machthaber" politischen Opportunismus betreiben konnte.
  444. &

    A. G.


  445. Antonino Franchi, Il Conclave di Viterbo (1268-1271) e le sue origini. Saggio con documenti inediti, Ascoli Piceno 1993, Edizioni Porziuncola Assisi, 125 S., keine ISBN. - Die längste Sedisvakanz der ma. Papstgeschichte vom Tode Clemens' IV. bis zur Wahl Gregors X. ist noch wenig erforscht. Insbesondere gibt es von der wichtigsten Quelle, dem im Original erhaltenen, wenn auch zum Teil beschädigten und schwer zu entziffernden Quaternus protocollorum des apostolischen Kammernotars Bassus de Civitate (Arch. Vat., Misc. Arm. XV T. 228) keine Edition. Der Vf. schildert den Ablauf des Konklaves und gibt in chronologischer Folge Regesten vor allem zum Verhältnis der Behörden Viterbos zu den Kardinälen, wobei er aber leider nicht den Quaternus selbst, sondern nur die Auszüge im Schedario Garampi zugrundelegt. Im Anhang ediert er die Urkunden über die Wahl Gregor X. Im ersten Teil seines Buches druckt F. alle Quellen für die Papstwahlen 1198-1265 ab. Die Bibliographie ist lückenhaft; man vermißt u. a. den wichtigen Beitrag von N. Kamp in den Atti des Kongresses zum 700. Jahrestag des Konklaves (vgl. DA 34, 290).
  446. &

    H. M. S.


  447. Heike Schwab, Die Wahl Rudolfs von Habsburg 1273 zum König des Deutschen Reichs, Pfälzer Heimat 45 (1994) S. 67-74, folgt weitgehend den Thesen von Armin Wolf zum Königswahlrecht der Kurfürsten und ihrer Siebenzahl.
  448. &

    E.-D. H.


  449. Armin Wolf, König für einen Tag: Konrad von Teck. Gewählt, ermordet(?) und vergessen (Schriftenreihe des Stadtarchivs Kirchheim unter Teck, Bd. 17) Kirchheim unter Teck 1993, A. Gottlieb und J. Osswalds Buchdruckereien, 142 S., 41 Abb., 4 Tafeln, 2 lose Stammtafeln, ISBN 3-925589-08-2, DEM 25. - Grabstein und Grabinschrift sowie mehrere Quellen des 14. bis 17. Jh. bezeugen unabhängig voneinander, daß der aus einer jüngeren Linie der Zähringer stammende Konrad II., Herzog von Teck, in dem Interregnum nach dem Tode Rudolfs von Habsburg erwählter römischer König war. Der Vf. kann diese Nachricht durch eine scharfsinnige Analyse des gesamten Quellenmaterials erhärten. Danach wurde Konrad am 30. April 1292 in Weinheim von einer österreichischschwäbisch-pfälzischen Versammlung, vermutlich auf Betreiben Albrechts von Österreich, als Kompromißkandidat gewählt, starb aber, wahrscheinlich durch Mord, bereits in der Nacht vom 1./2. Mai in Frankfurt. Der Vf. zeigt weiter, daß der mit Rudolf von Habsburg blutsverwandte Konrad eine königsnähere Abstammung hatte als Adolf von Nassau und daß seine Wahl im Sinne der damaligen Rechtsauffassung gültig war. - 1995 ist eine überarbeitete und um ein Register vermehrte zweite Auflage des Buches erschienen.
  450. &

    H. M. S.


  451. Alois Gerlich, Adolf von Nassau (1292-1298). Aufstieg und Sturz eines Königs, Herrscheramt und Kurfürstenfronde, Nassauische Annalen 105 (1994) S. 17-78, behandelt die politischen Konstellationen und Aktionen und stellt dabei besonders den Mainzer Erzbischof Gerhard II. von Eppstein heraus.
  452. &

    E.-D. H.


  453. Gerd Althoff, Die Erhebung Heinrichs des Kindes in den Reichsfürstenstand, Hessisches Jb. für LG 43 (1993) S. 1-17, betont gegenüber der rechtsgeschichtlichen Interpretation die politischen Grundlagen der Erhebung von 1292 und zieht zum Vergleich die Balduins von Hennegau in den Jahren 1184/88 heran. Beide Fürstenerhebungen beruhen auf einem komplexen System von königlicher Huld und fürstlichen Bündnissen, zu denen im Fall Heinrichs vor allem sein Ausgleich mit Erzbischof Gerhard II. von Mainz gehört. Solche politische Interpretation stellt gleichzeitig die Wertung des späten MA als einer Epoche in Frage, die den Verfall des auf Normen und Rechtsgedanken beruhenden älteren Staatsbegriffs gebracht habe.
  454. &

    E.-D. H.


  455. War and border societies in the middle ages, edited by Anthony Goodman and Anthony Tuck, London 1992, Routledge, IX u. 198 S., ISBN 0-415-08021-5, GBP 35. - Vor nicht allzulanger Zeit hätte man einer solchen Sammlung mindestens auch einen etwas genaueren Untertitel beigegeben, aber auch Unsitten sind der Entwicklung unterworfen. Es handelt sich um eine Einleitung und sechs speziellere Aufsätze zum sechshundertsten Jahrestag der Schlacht von Otterburn (Northumberland) 1388, in der die Engländer eine katastrophale Niederlage erlitten, die den Stoff für mehrere spätmittel-/frühneuenglische Dichtungen lieferte: Anthony Goodman, Introduction (S. 1-29). - Alexander Grant, The Otterburn war from the Scottish point of view (S. 30-64). - Colin Tyson, The battle of Otterburn: when and where was it fought? (S. 65-93). - James Reed, The ballad and the source: some literary reflections on The Battle of Otterburn (S. 94-123). - Barrie Dobson, The church of Durham and the Scottish borders, 1378-88 (S. 124-154). - Henry Summerson, Responses to war: Carlisle and the west march in the later fourteenth century (S. 155-177). - Anthony Tuck, The Percies and the community of Northumberland in the later fourteenth century (S. 178-195).
  456. &

    T. R.


  457. Václav Št_pán, Vra_da _ty_ _len_ královské rady na Karlštejn_ roku 1397 (mit Zusammenfassung: Die Ermordung von vier Mitgliedern des königlichen Rates auf Karlstein im Jahre 1397), _eský _asopis historický 92 (1994) S. 24-44. - Die bekannte und berüchtigte Ermordung von vier königlichen Räten Wenzels (sämtlich böhmische Adelige: Burchard Strnad aus dem Herrenstande, die übrigen drei aus dem niederen Adel) wird als die Verschwörung des jüngeren mährischen Markgrafen Prokop und Sigismunds von Ungarn gegen die Partei des mährischen Markgrafen Jodok interpretiert. Wegen der kargen Quellenaussagen bleibt freilich sehr viel im Dunkeln.
  458. &

    Ivan Hlavácek


  459. František Šmahel, Svoboda slova, svatá válka a tolerance z nutnosti v husitském období (mit Zusammenfassung: Die Freiheit des Gotteswortes, der heilige Krieg und die erzwungene Toleranz im hussitischen Böhmen), _eský _asopis historický 92 (1994) S. 644-679. - Reiche Quellenzitate machen dieses Kapitel der gesamteuropäischen spätma. politischen und Ideengeschichte bis zum sog. Kuttenberger Frieden 1485 anschaulich und lassen Zusammenhänge zwischen Theorie und politischer Realität erkennen. Aus der neuesten Literatur ist jetzt noch die Studie von W. Eberhard (vgl. DA 49, 328) nachzutragen.
  460. &

    Ivan Hlavácek


  461. Les Chevaliers de l'Ordre de la Toison d'or au XVe siècle. Notices biobibliographiques publiées sous la direction de Raphaël de Smedt. Préface d'Otto de Habsbourg (Kieler Werkstücke Reihe D: Beiträge zur europäischen Geschichte des späten Mittelalters 3) Frankfurt a. M. u. a. 1994, Peter Lang, XIV und 224 S., ISBN 3-631-46567-X, DEM 79. - Der Band wird eingeleitet durch ein Vorwort des jetzigen Ordenssouveräns Otto von Habsburg, durch Erläuterungen des Hg. zum Aufbau der einzelnen Abschnitte und durch eine knappe, aber informative Darstellung der Gründung, Organisation und ersten 15 Kapitel des Ordens vom Goldenen Vlies von Michel Baelde (S. 1-16). Nach einem Abschnitt über den Ordensstifter, Philipp den Guten, folgen 107 (eigentlich 108: Maximilian I. = 77bis) biographische Artikel, die mit umfänglichen Literaturangaben versehen sind und z. T. unter Benutzung ungedruckter Quellen erstellt wurden. Geht man von den gesicherten Lebensdaten aus, so umspannen sie etwa 170 Jahre (1362-1532) aus der Geschichte Frankreichs, Burgunds, der Niederlande und nicht zuletzt des Reichs, wichtige Jahre auch für die Geschichte der Kreuzzugsbewegung, denn der Türkenzug als Ordensziel ist (neben dem heute eher beachteten Zweck der Integration des burgundischen Adels) nach Meinung der Bearbeiter durchaus ernstzunehmen.
  462. &

    C. M.


  463. Josef Macek, Jagellonský v_k v _eských zemich (1471-1526), Bd. 2: Šlechta [Das Zeitalter der Jagellonen in den böhmischen Ländern 1471-1526, Bd. 2: Der Adel] Praha 1994, Academia, 230 S. - Von dem auf 7 Bände berechneten umfassenden Werk ist Bd. 2 erschienen (zu Bd. 1 vgl. DA 49, 328), der in Methode und Darstellung allen Ansprüchen genügt. Die überaus reichen und überraschenden Ergebnisse entziehen sich einer kurzen Zusammenfassung. Zentral ist allerdings die Entdeckung einer Schichtung innerhalb des Adels und die endgültige Abschließung des Herrenstandes gegenüber dem niederen Adel. Daneben wird aber auch ein weiter Themenkreis behandelt: von den Burgen und ihrer Funktion bis zur Adelskleidung.
  464. &

    Ivan Hlavácek


  465. Germania Judaica Bd. 3: 1350-1519, hg. von Arye Maimon, Mordechai Breuer und Yacov Guggenheim im Auftrag der Hebräischen Universität in Jerusalem. 2. Teilband: Ortschaftsartikel Mährisch-Budwitz - Zwolle, Tübingen 1995, J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) VI u. S. 770-1752, ISBN 3-16-146093-6, DEM 318. - Über die Anlage und den erfaßten Raum des Ortsverzeichnisses wurde in Bd. 3, 1 Rechenschaft abgelegt (vgl. DA 44, 285). Wie in jenem Band taucht auch hier etwa die Hälfte der Ortseinträge zum ersten Mal auf, was auf die enge Fassung der Aufnahmekriterien zurückzuführen ist: schon der Nachweis eines einzigen Juden oder der vorübergehende Aufenthalt von Juden in einem Ort genügten zur Ortsaufnahme. Hinzuweisen ist auf eine Anzahl von sehr dicht dokumentierten Großartikeln, die einer eigenen, in Bd. 3, 1 S. XXIX f. erläuterten Systematik folgen, wie z. B. Mainz, Nürnberg, Rothenburg ob der Tauber, Speyer, Straßburg oder Worms. Ein dritter Teilband soll einen Gebietsartikel "Deutsches Reich", Karten und die notwendigen Register enthalten.
  466. &

    D. J.


  467. Hartmut Boockmann, Fürsten, Bürger, Edelleute. Lebensbilder aus dem späten Mittelalter, München 1994, C. H. Beck, 339 S., Abb., ISBN 3-406-38534-6, DEM 48. - In den neun Skizzen geht es um den Hof des Deutschordenshochmeisters im frühen 15. Jh., die Reise König Friedrichs III. nach Frankfurt am Main und Aachen 1442, den Fall des Augsburger "Stadttyrannen" Peter Egen, den Regierungsbeginn des Erzbischofs Sylvester von Riga, die Erzählungen Georgs von Schaumberg aus der Welt des spätma. Rittertums, die Briefe des alten Markgrafen Albrecht Achilles, die Beschreibung eines versuchten Stadtaufstandes durch den Braunschweiger Zollschreiber Hermann Bothe, ein Testament aus dem Göttingen des ausgehenden 15. Jh. sowie die Berichte, die zwei altgläubige Biberacher aus ihrer lutherisch gewordenen Vaterstadt hinterlassen haben.
  468. &

    Hartmut Boockmann (Selbstanzeige)


  469. Collectanea Cisterciensia. Revue de spiritualité monastique 54 (1992): Aus der Fülle zahlreicher informativer Detailuntersuchungen zur Geschichte des Mönchtums sei herausgehoben: Marie-Benoît Meeuws, «Ora et Labora»: devise bénédictine? (S. 193-219), die - wie im Titel bereits angedeutet - in ihrer mit dem Wüstenvater Antonius beginnenden Gesamtschau nachweist, daß das "Motto des Benediktinerordens" kein ma. Geistesprodukt ist, sondern in dem allseits bekannten Imperativ erstmals von einem der Begründer der Beuroner Kongregation, Maurus Wolter, im Jahre 1880 geprägt und zunächst auf das Mönchtum im allgemeinen bezogen wurde. Allerdings griff Wolter dabei auf ein Apophthegma zurück, das die Kartäuser in den Vitas Patrum gefunden haben wollen.
  470. &

    C. L.


  471. Dominique Iogna-Prat, Cluny à la mort de Maïeul (994-998), Bulletin de la Société des Fouilles Archéologiques et des Monuments Historiques de l'Yonne 12 (1995) S. 13-23, diskutiert in diesem Beitrag zu einer Tagung des Institut de France anläßlich des Todestags von Abt Majolus vor 1000 Jahren zwei nur kopial überlieferte Dokumente, die für die militärische und jurisdiktionelle Sonderstellung Clunys von grundlegender Bedeutung sind: die Synodalakten der Synode(n) von Anse (994) und die Exemtionsbulle Gregors V. (998). I.-Pr. erläutert, wie in diesen vier Jahren die Ecclesia cluniacensis ihre spezifische, souveräne und sakrale Rechtsstruktur erhielt.
  472. &

    C. L.


  473. Helmut Flachenecker, Schottenklöster. Irische Benediktinerkonvente im hochmittelalterlichen Deutschland (Quellen und Forschungen aus dem Gebiet der Geschichte N. F. 18) Paderborn 1995, F. Schöningh, 401 S., 1 Karte, ISBN 3-50673268-4. - Diese Eichstätter Habilitationsschrift behandelt ein Thema, das bislang lediglich in lokalen Einzelstudien untersucht wurde und eine umfassende monographische Darstellung seit langem verdient gehabt hätte. Als Bearbeitungszeitraum wählt F. die Epoche von den ersten Gründungen sog. Schottenklöster in Deutschland im ausgehenden 11. Jh. bis ins beginnende 14. Jh., ein Einschnitt, der vor dem kontinuierlichen Niedergang dieser Klöster liegt, dessen Analyse damit weiterhin ein Forschungsdesiderat bleibt. Willkürlich wie die zeitliche Abgrenzung erscheint auch das weitere Vorgehen des Vf., der zwischen chronologisch und regional (Kapitel 3, 4, 6, 8, 9, 10) sowie systematisch (Kapitel 2, 5, 7, 11) ausgerichteten Abschnitten wechselt, ohne daß eine innere Kohärenz deutlich würde, wodurch ein sehr uneinheitliches Bild der Gesamtanlage entsteht. Die Arbeitsweise kann nur exemplarisch an der Behandlung der Regensburger Schottenniederlassung aufgezeigt werden: Den Ausführungen zur ersten Ansiedlung iroschottischer Mönche stellt F. einen generalisierenden Überblick zur "Civitas Regia" Regensburg voran. Die dabei herangezogene Literatur stimmt nachdenklich: Weder kann der Touristenführer von Rudolf Reiser, Regensburg. Stadt mit Vergangenheit, 1977 (S. 78 Anm. 4) als ernstzunehmender Beitrag zur Regensburger Stadtgeschichte bezeichnet werden, noch gibt Benno Hubensteiners Bayerische Geschichte (S. 81 Anm. 25) den aktuellen Forschungsstand wieder. Das einschlägige Kapitel im Handbuch der bayerischen Geschichte wird hingegen von F. nicht berücksichtigt. Bei der Behandlung der Entstehungsphase des Regensburger Schottenklosters bleibt er häufig spekulativ, so erklärt er die Nichterwähnung der ecclesia Sancti Jacobi in DH IV 403 aus dem Jahre 1089 damit, daß es sich dabei um einen Altar in Weih Sankt Peter gehandelt habe (S. 83); als Bezeichnung für "Altar" ist ecclesia allerdings nicht belegt. Wiederum stützt sich F. auf veraltete Literatur (Walderdorff) sowie als Quelle für diese hochmittelalterlichen Vorgänge auf Gemeiners Regensburgische Chronik (1800-1803 erschienen!). Daß St. Emmeram "aus oppositionellen, aber auch aus opportunistischen Überlegungen heraus" (S. 94) die kirchliche Reformbewegung unterstützt und damit - wie von F. angedeutet - eine Gegenposition zu Bischof und Stadt gebildet habe, die auf Seiten des Kaisers standen, trifft nicht zu. Im Gegenteil, das Kloster hat sich trotz seiner Auseinandersetzungen mit dem Regensburger Bischof nicht der gregorianischen Partei angeschlossen. In St. Emmeram - dies ist auch F. bekannt - befand sich vielmehr die einzige (und dort vermutlich auch entstandene) Handschrift der Vita Heinrici IV. Ebensowenig überzeugt die Einschätzung des Vf., der "die Gründung Weih Sankt Peters und St. Jakobs als bürgerlich-bischöfliche Antwort auf päpstliche Reformbestrebungen in der Zeit um 1100" (S. 95) interpretiert. Die Behandlung der übrigen Schottenklöster ist ähnlich problematisch. Zum Teil gelangt F. noch nicht einmal zu einer Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes (bei der Behandlung des Erfurter Schottenklosters stützt er sich großenteils auf ältere Literatur, der Aufsatz von H. Eberhardt, Erfurt als kirchliches Zentrum im Früh- und Hochmittelalter, Thüringer kirchliche Studien 5 (1987) S. 11-28, wird nicht zur Kenntnis genommen; ebensowenig, daß Opll, Das Itinerar Friedrich Barbarossas (1978) elf Aufenthalte Friedrich Barbarossas nachgewiesen hat (an Stelle der bei Patze verzeichneten - und von F. übernommenen - neun). Der unbefriedigende inhaltliche Eindruck wird durch das fehlerhafte und unvollständige Literaturverzeichnis bestätigt; Quellenwerke werden häufig verballhornt: Philipp Jaffé (Hg.), Bibliothecaverum Germanicarum, S. 158 Anm. 25; Annales Sancti Disiboldi, S. 158 Anm. 26, usw.
  474. &

    Stephan Freund


  475. San Bernardo e l'Italia. Atti del Convegno di studi, Milano, 24-26 maggio 1990, a cura di Pietro Zerbi (Bibliotheca erudita - Studi e Documenti di Storia e Filologia 8) Milano 1993, Scriptorium Claravallense, Fondazione di Studi Cisterciensi - Vita e Pensiero, VI u. 401 S., 27 Abb., ISBN 88-343-0484-5 (brosch.) bzw. 88-343-0485-3 (geb.), ITL 60.000. - Durch die geographische Begrenzung auf Italien und die renommierten Vortragenden gewann die Tagung im Vergleich mit zahlreichen weiteren Gedenkfeiern zum 900. Jubiläum von Bernhards Geburt an Gewicht. So vielseitig wie das Wirken und das literarische Werk des Heiligen ist die Vielfalt der Themen. Im Gegensatz zu anderen Jubiläumsveranstaltungen fällt dem Historiker erfreulicherweise auf, daß bis auf das berechtigterweise spirituelle Einleitungsreferat von Jean Leclercq, Il mistero della Chiesa locale (S. 9-23), der Schwerpunkt der 18 Beiträge auf historischen Fragestellungen liegt. Daneben kommen Probleme der Kunstgeschichte und der Kodikologie zur Sprache. Im einzelnen sind anzuzeigen: Annamaria Ambrosioni, San Bernardo, il papato e l'Italia (S. 25-49). - Pietro Zerbi, San Bernardo di Clairvaux e Milano (S. 51-68). - Valeria Polonio, San Bernardo, Genova e Pisa (S. 69-99). - Maria Pia Alberzoni, San Bernardo e gli Umiliati (S. 101-129). - Giuseppe Motta, La cultura canonistica di San Bernardo. A proposito della sua attività in Italia (S. 131-139). - Laura Minghetti Rondoni, San Bernardo alla consecrazione della cattedrale di S. Maria di Vercelli (S. 141-146). - Giorgio Picasso, Fondazioni e riforme monastiche di San Bernardo in Italia (S. 147-163). - Grado G. Merlo, Il problema degli eretici nell'Italia dell'età bernardiana (S. 165-191). - Giovanni Spinelli, La diffusione del culto di San Bernardo in alta Italia (S. 193-215). - Maria Antonietta Crippa, L'immagine artistica in San Bernardo (S. 217-226). - Maria Laura Gavazzoli Tomea, Arte cisterciense in Italia. Letture critiche e nuove linee d'indagine per la scultura architettonica (S. 227-251). - Mirella Ferrari, Dopo Bernardo: biblioteche e 'scriptoria' cisterciensi dell'Italia settentrionale nel XII secolo (S. 253-306). - Alessandra Sangalli, I manoscritti cisterciensi di Morimondo del XII secolo: uno studio sulla foratura (S. 307-313). - Rinaldo Comba, Dal Piemonte alle Marche: esperienze economiche cisterciensi nell'età di Bernardo di Chiaravalle (S. 315-344). - Ferruccio Gastaldelli, L'edizione italiana delle «Opere di San Bernardo» (S. 345-357). Ausführliche Register erhöhen den Nutzen dieses herausragenden Jubiläumsbandes.
  476. &

    C. L.


  477. Rudolf Hiestand, Königin Melisendis von Jerusalem und Prémontré. Einige Nachträge zum Thema: Die Prämonstratenser und das Hl. Land, Analecta Praemonstratensia 71 (1995) S. 77-95, zeigt in einer hervorragenden Arbeit mit Modellcharakter erneut, wie die von ihm erstmals für die Kreuzfahrerstaaten als Quelle herangezogenen Nekrologien neue Aufschlüsse und Klärungen alter Fragen erlauben. Die Königin Melisendis († 1161) wurde nämlich ins Nekrolog von Prémontré eingetragen wegen eines sehr großen Geschenkes an liturgischem Gerät und Meßgewändern an Prémontré. In einem zweiten Teil sortiert er die Abtslisten der Prämonstratenserabtei St. Samuel auf dem Freudenberg bei Jerusalem und der Abtei desselben Ordens St. Samuel in Barletta auseinander, wo es bisher viel Verwirrung gab, und stellt im dritten Teil die Nachrichten zu dem wichtigen Abt Johannes des östlichen Prämonstratenserklosters um die Mitte des 13. Jh. zusammen.
  478. &

    H. E. M.


  479. Optatus van Asseldonk, "Sorores Minores". Una nuova impostazione del problema, Collectanea Franciscana 62 (1992) S. 595-634, und ders., "Sorores Minores" e Chiara d'Assisi a San Damiano. Una scelta tra clausura e lebbrosi?, Collectanea Franciscana 63 (1993) S. 399-421. - Beide Arbeiten beleuchten einen Teilaspekt aus der Frühgeschichte der Klarissen, der das Ringen um die spätere Ordensform erhellt: Um die religiöse Ausstrahlung und Kraft der Bewegung richtig einzuschätzen, erinnert v. A. daran, daß mit größter Wahrscheinlichkeit Klara noch vor Franziskus das päpstliche Armutsprivileg erhielt. In den Gründungsjahrzehnten dieser monastischen Frauenbewegung bestanden in San Damiano drei Interessengruppen, die sich zwischen den diametralen Polen einer vita contemplativa in der Klausur als "Damianiterinnen" und der vita activa in der Armen- und Aussätzigenpflege als "Mindere Schwestern" orientierten. Allerdings scheiterte die karitative Richtung der Minoressen am Widerstand der Franziskaner und des Papsttums, da durch den Verzicht auf die stabilitas loci das "Joch der Ordensdisziplin" verletzt wurde.
  480. &

    C. L.


  481. Alfonso Marini, Le fondazioni francescane femminili nel Lazio nel Duecento, Collectanea Franciscana 63 (1993) S. 71-96, korrigiert und erweitert in dem genannten engen geographischen Bereich die Vorarbeiten von Riccardo Pratesi (1954) und John R. H. Moorman (1983) und kommt auf die Zahl von 21 Niederlassungen.
  482. &

    C. L.


  483. Remo L. Guidi, Le Clarisse nella Società del '400, Collectanea Franciscana 62 (1992) S. 101-146, zeichnet ein vielfältiges Bild nach den Berichten im Bullarium Franciscanum.
  484. &

    C. L.


  485. Kaspar Elm, Vitasfratrum. Beiträge zur Geschichte der Eremiten- und Mendikantenorden des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts. Festgabe zum 65. Geburtstag, hg. von Dieter Berg unter Mitwirkung des Friedrich-Meinecke-Instituts der Freien Universität Berlin (Saxonia Franciscana. Beiträge zur Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinz 5) Werl 1994, Dietrich-Coelde-Verlag, 391 S., ISBN 3-87163-208-2, DEM 59,80. - In dieser Festschrift werden 18 Studien von E. wiederaufgelegt, die in den Jahren nach 1965, hauptsächlich in deutschen und italienischen Publikationen, erschienen sind. Ein Schriftenverzeichnis des Geehrten rundet den Band ab.
  486. &

    M. S.


  487. Marie-Humbert Vicaire, Saint Dominique chanoine d'Osma, Archivum Fratrum Praedicatorum 63 (1993) S. 1-41, widmet sich der Entwicklung des Kanonikers von Osma zum Prediger in Toulouse, der in seiner Person die Prinzipien von vita contemplativa, Armut, Gehorsam und predigender Verkündigung vereinte. Im Anhang wird u. a. ein bisher unedierter Brief Papst Alexanders III. vom 24. Oktober 1160 an den Erzbischof Juan Tellez von Toledo zum ersten Mal abgedruckt.
  488. &

    C. L.


  489. Jaroslav Kadlec, Die Klöster der Eremiten des hl. Augustinus in Böhmen und Mähren, Analecta Augustiniana 56 (1993) S. 161-218, bietet eine erweiterte Übersetzung seiner Kláštery augustiniánu-eremitu v _echách i na Morav_, in: Henri Marrou, Sv. Augustin (1979) S. 175-190, einer kommentierten Aufstellung dort vorhandener Klöster. Der Vf. verzichtete leider auf eine Herausstellung gemeinsamer böhmischer und mährischer Entwicklungsstränge.
  490. &

    C. L.


  491. John Wickstrom, The Humiliati: liturgy and identity, Archivum Fratrum Praedicatorum 62 (1992) S. 195-225, stellt bemerkenswerte Bezüge zwischen der wechselvollen Geschichte der Ordensbewegung und deren Widerhall in zahlreichen Liturgiereformen her. Ausgehend von einer Laienbewegung von Wollarbeitern mit einem "anspruchslosen" Offizium wandelte sich der Orden zu einer Gemeinschaft von Kanonikern mit zahlreichen liturgischen Anleihen bei den Dominikanern und im 15. und 16. Jh. zu einer wohlhabenden Wollhandelsgesellschaft, die sich "humanistischen Reformen" (S. 216) öffnete, was aber nicht näher ausgeführt wird. Der Niedergang gipfelte in einem Attentatsversuch des Ordensmitglieds Farina auf den päpstlichen Ordensreformer Karl Borromäus am 26. Okt. 1569 (nicht 1570, wie S. 216 f. pauschal behauptet), was zur Auflösung der schillernden Gemeinschaft am 8. Febr. 1571 (und ebenfalls nicht 1572) führte.
  492. &

    C. L.


  493. Jean Duvernoy, Cathares, Vaudois et Béguins, dissidents du pays d'Oc (Domaine cathare) Toulouse 1994, Privat, 272 S., ISBN 2-7089-5374-5, FRF 185. - Diese Aufsatzsammlung umfaßt Arbeiten aus den Jahren 1961 bis 1992. Sie sollen die beiden Werke des Vf. über die Religion (1976) und die Geschichte (1979) der Katharer ergänzen (vgl. DA 47, 298 f.). Sie werden in fünf Teilen nach sachlichen Gesichtspunkten angeordnet. Der erste Teil versucht in drei Arbeiten, die Katharer als Christen oder christliche Heterodoxie erscheinen zu lassen. Hier verfolgt der Vf. zwar eine seiner Lieblingsideen, scheitert aber an den Tatsachen, sofern man sie gründlich untersucht. Der folgende Teil befaßt sich mit den Anhängern von Katharer- und Waldensertum, ferner mit verschiedenen Gebieten, in denen sie verbreitet waren, der dritte mit den Waldensern und Beginen, der vierte mit dem Alltagsleben - so mit bestimmten Grabmälern oder den Verstekken von Katharern oder mit der Nahrung -, der letzte schließlich mit rechtlichen Fragen. Angesichts der inhaltlichen Bandbreite und der Verstreutheit dieser Aufsätze war es nützlich, sie zu sammeln und zu ordnen. M. Roquebert bezeichnet in seinem Vorwort (S. 9-12) die Arbeit des Vf. als "wichtigsten Beitrag zur Kenntnis des Katharismus" seit A. Borst (S. 9), ebenso als gründliche und genaue Untersuchung (S. 10). Das entspricht bei allem Respekt vor seiner wissenschaftlichen Leistung leider nicht den Tatsachen. Daher ist zumindest bei den Aussagen zum Katharertum eine gewisse Vorsicht geboten.
  494. &

    Gerhard Rottenwöhrer


  495. Norman Roth, Bishops and Jews in the Middle Ages, The Catholic Historical Review 80 (1994) S. 1-17, versucht durch Beispiele aus Frankreich, Deutschland und vor allem aus Spanien die Meinung zu relativieren, das Verhältnis von Juden und Christen im MA sei nur von Intoleranz und Verfolgung geprägt gewesen.
  496. &

    D. J.


  497. I canonici al servizio dello Stato in Europa. Secoli XII-XVI. Les chanoines au service de l'Etat en Europe du XIIe au XVIe siècle. Recueil d'études sous la direction de Hélène Millet avec la collaboration d'Elisabeth Mornet (Istituto di Studi Rinascimentali, Ferrara, Saggi) Ferrara 1992, Franco Cosimo Panini Editore, 290 S., ISBN 88-7686-205-6, ITL 80.000. - Das internationale Gemeinschaftsunternehmen, dessen Ergebnisse dieser Band enthält, ist aus dem Großprojekt "Genèse de l'Etat moderne" hervorgegangen. Anstoß war die Beobachtung, daß die im Vergleich zu den Mönchen beweglicheren Kanoniker stets eine besondere Rolle im Dienste weltlicher Herrscher gespielt haben. Um dem Profil der Kanoniker in dieser Hinsicht schärfere Konturen zu verleihen, haben zehn Spezialisten auf der Grundlage eines von den Hg. erarbeiteten Fragenkatalogs ("fiche signalétique") insgesamt etwa 700 biographische Notizen erstellt, deren Auswertung Aufschlüsse über Ausbildung, sozialen Stand, Karrieremuster und Aufgaben dieses Personenkreises gibt. Die aus arbeitsökonomischen Gründen notwendige Beschränkung in der Auswahl der untersuchten Stiftskirchen verleiht den Beiträgen aufs Ganze gesehen den Charakter von Stichproben. In vollem Bewußtsein der Probleme, die unterschiedliche Quellendichte und Forschungslage aufwerfen, bieten die Hg. abschließend eine Zusammenfassung des Datenmaterials mit der Hilfe der EDV, die sie bescheiden als "Schritte" auf dem Weg der Forschung bezeichnen: hoffentlich eine Anregung, die Lücken in unserem Bild der "Stiftskirchenlandschaft" (P. Moraw) aufzufüllen. Es handelt sich um folgende Aufsätze, die jeweils durch eine vorangestellte "fiche signalétique" mit den wichtigsten Daten eingeleitet werden: R. Barrie Dobson - David N. Lepine, Two English cathedrals: Exeter and York (S. 9-14), eine Einleitung zu R. Barrie Dobson, The canons of York cathedral, 1400-1500 (S. 15-26), und David N. Lepine, The canons of Exeter cathedral, 1300-1455 (S. 27-46). - Hélène Millet, Les chanoines de Laon dans la tourmente ecclésiale et politique du début du XVe siècle (S. 47-60). - Gianluca Battioni, Il capitolo cattedrale di Parma (1450-1500) (S. 61-72). - Marco Pellegrini, Il capitolo della cattedrale di Pavia in età sforzesca (1450-1535) (S. 73-92). - Paolo Meroni, Il capitolo di Santa Maria della Scala di Milano (S. 93-104). - Robert Montel, Les chanoines de la basilique Saint-Pierre de Rome (fin XIIIe siècle - fin XVIe siècle): esquisse d'une enquête prosopographique (S. 105-118). - Rudolf Holbach, Kanoniker im Dienste von Herrschaft. Beobachtungen am Beispiel des Trierer Domkapitels (S. 119-148). - Gerhard Fouquet, Das Speyerer Domkapitel und der spätmittelalterliche "Staat" (S. 149-175). Die französischen Einsprengsel in den Anmerkungen der beiden deutschen Beiträge sind wohl auf unkorrigierte redaktionelle Eingriffe zurückzuführen. - Sverre Bagge - Anna Elisa Tryti, Canons in the service of the State. Norway (S. 177-182). - Elisabeth Mornet, Les chanoines de Roskilde au service des pouvoirs du début du XIVe siècle au milieu du XVIe siècle (S. 183-205). - Maria Koczerska, Le chapitre de Cracovie dans les années 1423-1462 (S. 207-218). - Elisabeth Lalou, Les chanoines au service de Philippe le Bel 1285-1314 (S. 219-230). - Thérèse Boespflug, Les chanoines de la Curie de Boniface VIII au service de l'Etat (S. 231-251). - Zusammenfassung: Thérèse Boespflug - Elisabeth Lalou, Les chanoines à la cour: conclusion (S. 253-254). - Hélène Millet - Elisabeth Mornet, Jalons pour une histoire des chanoines au service de l'Etat: résultats de l'exploitation de la base de données commune (S. 255-290).
  498. &

    C. M.


    4. Rechts- und Verfassungsgeschichte

  499. Christiane Wolf Di Cecca, Belege für denkmalpflegerische Gesetze und Maßnahmen in Antike und Mittelalter, ZRG Germ. 112 (1995) S. 440-443, ist eine Blütenlese von Stellen, in denen (Rechts-)Quellen irgendetwas zu reparieren anmahnen, wobei aus dem hier interessierenden Bereich etliche Kapitularienstellen vornehmlich Karls d. Gr. angeführt werden, die die Erhaltung von Kirchen betreffen. Dem ließen sich weitere über die Reparatur von Brücken hinzufügen. Daß sie in denkmalpflegerischer Absicht erlassen wurden, darf man bezweifeln: wohl eher, damit es einem beim Kirchenbesuch nicht auf den Kopf regnete respektive die Brücke zu unpassender Zeit zusammenbrach.
  500. &

    G. Sch.


  501. Karl Siegfried Bader, Zum Unrechtsausgleich und zur Strafe im Frühmittelalter, ZRG Germ. 112 (1995) S. 1-63. - Dieser Aufsatz ist leider nur ein Torso: 1988 abgeschlossen, war er ursprünglich für ein Lehrbuch konzipiert; aus Gesundheitsgründen konnte der Vf. die geplanten Abschnitte über das Hoch- und SpätMA nicht mehr in Angriff nehmen. Neuere Literatur (wie etwa der einschlägige Aufsatz von Jürgen Weitzel über "Strafe und Strafverfahren in der Merowingerzeit", vgl. DA 50, 734) wurde ebenfalls nicht mehr berücksichtigt. Dennoch ist diese Publikation hochwillkommen, weil hier in ebenso grundlegender wie differenzierter Weise die Entwicklung vom "Unrechtsausgleich" bis zur "Strafe" (in einem engeren und rechtstechnischen Sinn) erörtert und zahlreiche, von liebgewordenen Schablonen abweichende Aspekte herausgearbeitet werden.
  502. &

    G. Sch.


  503. Donald C. Jackman, Das Eherecht und der frühdeutsche Adel, ZRG Germ. 112 (1995) S. 158-201, versucht in teilweise polemischer Auseinandersetzung mit E. Hlawitschka (vgl. DA 20, 301) darzutun, daß Heinrich II. Nahehen keineswegs konsequent angegriffen, sondern mehrfach geduldet habe, vgl. zu Heinrichs Einstellung allgemein und zur Nahehe Herzog Konrads auch Hartmut Hoffmann, Mönchskönig und rex idiota. Studien zur Kirchenpolitik Heinrichs II. und Konrads II. (MGH Studien und Texte 8, 1993) S. 52 ff. Zustimmungspflichtig ist Jackmans Postulat: "Die Genealogie der Konradiner-Familie muß den Quellen gemäß, nicht im Widerspruch zu Quellen erforscht werden" (S. 200).
  504. &

    G. Sch.


  505. Roland Pauler, Dum esset catholicus - Zur Frage der Gültigkeit von Regierungshandlungen exkommunizierter und abgesetzter Kaiser, ZRG Germ. 112 (1995) S. 345-365, zeigt an Beispielen aus der Zeit Heinrichs IV. bis zu Karl IV., daß es eine streng durchgehaltene Auffassung über die Gültigkeit von Maßnahmen abgesetzter Kaiser oder Könige bei deren Nachfolgern nicht gegeben hat: Neben ausdrücklichen Einschränkungen (dum esset catholicus stammt aus einem Diplom Friedrichs II. und meint Otto IV.) steht die bisweilen unter Weglassung des Namens (und oft genug aus politischer Opportunität) vorgenommene Bestätigung von Regierungsakten des Vorgängers.
  506. &

    G. Sch.


  507. Raoul Charles van Caenegem, An Historical Introduction to Western Constitutional Law, Cambridge 1995, Cambridge University Press, X u. 338 S., ISBN 0-521-47693-3 (Paperback), GBP 15,95, ist, wie der Titel sagt, eine in vergleichender Perspektive geschriebene Einführung in westliches Verfassungsrecht, die sich vornehmlich an Jurastudenten "in various countries" richtet und in der auf den ersten 90 Seiten das MA abgehandelt wird. Wegen seiner klaren Sprache kann das Buch auch deutschen Studenten empfohlen werden.
  508. &

    G. Sch.


  509. Droits savants et pratiques françaises du pouvoir (XIe-XVe siècles), sous la direction de Jaques Krynen et Albert Rigaudière, Bordeaux 1992, Presses Universitaires de Bordeaux, 316 S., ISBN 2-86781-135, FRF 150. - Wie J. Krynen in seinem Vorwort (S. 9-14) ausführt, fand das Kolloquium, dessen Beiträge hier abgedruckt sind, im Jahre 1990 statt, um speziell der französischen Forschung neue Impulse zu geben, da sie sich trotz ihres wiedererwachten Interesses an der politischen Geschichte bislang noch zu wenig mit der Bedeutung der Rechtsentwicklung für die Entstehung des modernen Staats befaßt habe. Olivier Guillot, A propos d'une lettre de Fulbert de Chartres à Foulque Nerra. Un cas de recours au droit savant avant la lettre? (S. 15-38), behandelt die Nr. 13 (1008) der Edition von F. Behrends und bejaht die gestellte Frage; jedoch seien die festzustellenden Kenntnisse des römischen Rechts damals noch nicht in die Praxis umgesetzt worden. - Jean-Pierre Poly, Le sac de cuir, la crise de l'an mil et la première renaissance du droit romain (S. 39-68), geht den um die Jahrtausendwende v. a. in Reims und Orléans nachweisbaren Rechtskenntnissen nach. - Eric Bournazel, Robert, Charles et Denis. "Le Roi empereur de France" (S. 69-77), analysiert die Verwendung der zitierten Formel in der durch den Mönch Helgaud von Fleury verfaßten Vita Roberts des Frommen, in der sie erstmals auftaucht. - Yves Sassier, L'utilisation du concept de "res publica" en France du Nord au Xe, XIe et XIIe siècles (S. 79-97). - Paul Ourliac, Le pouvoir et le droit en Bigorre au XIe siècle (S. 99-116), wertet die "fors de Bigorre" aus. - André Gouron, Théorie des présomptions et pouvoir législatif chez les glossateurs (S. 117-127). - Laurent Mayali, De la iuris auctoritas à la legis potestas. Aux origines de l'Etat de droit dans la science juridique médiévale (S. 129-149). - Jean Hilaire, La procédure civile et l'influence de l'Etat autour de l'appel (S. 151-160). - Albert Rigaudière, Etat, pouvoir et administration dans la Practica aurea libellorum de Pierre Jacobi (vers 1311) (S. 161-210). - Gérard Giordanengo, De la Faculté de décret aux negocia regis. Une répétition d'Evrard de Trémaugon (Paris, 1371) (S. 211-251), analysiert knapp eine Vorlesung dieses Juristen, dem auch das Somnium viridarii zugeschrieben wurde, und druckt den Text aus der einzigen bekannten Hs. (Paris, Bibl. Nat. lat. 12461) im Anhang ab.   - Jean-Louis Gazzaniga, Les clercs au service de l'Etat dans la France du XVe siècle. A la lecture de travaux récents (S. 253-278). - Jacques Krynen, Les légistes "tyrans de la France"? Le témoignage de Jean Juvénal des Ursins, docteurs in utroque (S. 279-299), geht der Rolle der Legisten nach und findet eine Bestätigung für die in der Überschrift zitierte Bemerkung Michelets in einer Äußerung des bekannten Erzbischofs von Reims, in der dieser gegen eine Anwendung des römischen Rechts in jedem Fall eintritt und damit indirekt den weitgehenden Einfluß der Vertreter dieses Rechts bekämpft. - Albert Rigaudière, Conclusions (S. 301-314).
  510. &

    C. M.


  511. Giovanni Santini, Administration publique et droit romain dans la Normandie de Guillaume le Conquérant, Revue historique de droit français et étranger 73 (1995) S. 23-40, sieht die Spuren römischen Rechts aus Dig. 47 und 48 und Cod. 9 in den Urkunden der normannischen Herzöge und den anglonormannischen Leges Willelmi durch Lanfrank von Bec, den späteren Erzbischof von Canterbury († 1089), vermittelt.
  512. &

    D. J.


  513. Manlio Bellomo, Der Text erklärt den Text. Über die Anfänge der mittelalterlichen Jurisprudenz, Rivista Internazionale di Diritto Comune 4 (1993) S. 51-63, weist darauf hin, daß die Mosaik-Komposition, die Kommentierung eines römisch-rechtlichen Textes durch Paratitel und Allegationen aus dem Corpus Iuris Civilis älter als Irnerius († nach 1125) und nicht auf Bologna beschränkt war. Deutliche Spuren der Beherrschung des weltlichen Rechts ließen sich in der zweiten Hälfte des 11. Jh. in Placita und anderen Urkunden in Norditalien und etwas später auch im österreichisch-süddeutschen Raum und in Südfrankreich feststellen.
  514. &

    D. J.


  515. Cornelis Marinus Cappon, Eine donatio post obitum mit Treuhändern: die Schenkung von Dietrich von Ulft zugunsten des Klosters Camp (um 1138). Einige Aspekte der Vorgeschichte des Testaments in den Niederlanden, ZRG Germ. 112 (1995) S. 245-270, erörtert anhand einer im Anhang S. 269 f. abgedruckten Urkunde des Kölner Erzbischofs Arnold I. von 1138, in der Dietrich von Ulft dem Kloster Camp den Hof Götterswick als donatio post obitum vermacht, den (geringen) Unterschied dieser Art von Schenkung und einem Testament, das seit dem Beginn des 13. Jh. in den Niederlanden aufkam.
  516. &

    G. Sch.


  517. Annalisa Belloni, Giovanni Bassiano. "Bononiensis ecclesie canonicus et iuris canonici magister dictus". Giudice e "arbiter", Ius Commune 21 (1994) S. 45-77, plädiert überzeugend für die Identität des Bologneser Legisten Johannes Bassianus mit dem Kanonisten Bazianus und veröffentlicht im Anhang eine "sentenza arbitrale", die Bassianus eigenhändig unterschrieben hat. - Im gleichen Band legt die Autorin unter dem Titel "Giovanni Bassiano Consulente" (S. 78-148) die kritische Edition von fünf Konsilien des Bassianus vor.
  518. &

    G. Sch.


  519. Susanne Jenks, Die Assisen von Clarendon (1166) und Northampton (1176). Eine Neubetrachtung ihres Verhältnisses, Ius Commune 21 (1994) S. 149-168, vertritt die These, daß die Assize of Clarendon 1166 authentisch sei und mit der von Northampton zwar ein sachlicher, aber kein überlieferungstechnischer Zusammenhang bestehe und daß letztere auch nicht alle Bestimmungen der früheren Assise aufgehoben habe.
  520. &

    G. Sch.


  521. P. Brand, The Origins of the English Legal Profession, Oxford 1992, Blackwell, IX u. 236 S., ISBN 0-631-15401-9, 40 GBP. - Dem Vf. dieses Bandes gelingt auf nur 160 Textseiten eine umfassende Darstellung der Ursprünge und frühen Entwicklung des Berufsjuristenstandes im Common Law des 12. und 13. Jh. Ausgangspunkt ist dabei die Regierungszeit Heinrich II., als die Parteien vor Gericht von Freunden oder Verwandten vertreten werden konnten. Dies blieb zwar weiterhin möglich, die zunehmende Differenzierung des Rechts gab jedoch den Spezialisten entscheidende Vorteile, so daß es bereits im 1. Jahrzehnt des 13. Jh. erste Berufsanwälte gab. Die Trennung in zwei Gruppen bestand dabei von Anfang an. Der Attorney vertrat seinen Klienten vor Gericht und verfolgte den technischen Ablauf des Prozesses, während der Serjeant (narrator) bei der Verhandlung das Wort ergriff, da die Partei selbst das einmal vor Gericht Gesagte nicht zurücknehmen konnte. Durch genaue Auswertung der Rechtsakten gelingt dem Vf. die Unterscheidung zwischen Laien und Berufsjuristen. So kann die Zunahme der Zahl der Spezialisten in den königlichen Gerichten, besonders der Common Bench, verfolgt werden. Während - mit Ausnahme der Londoner Gerichte - Anwälte auf lokaler Ebene nur allmählich erscheinen, vertraten sie Ende des 13. Jh. die Parteien in zwei Drittel aller Verfahren vor der Common Bench, in der King's Bench lag die Zahl noch höher. Parallel zur Entwicklung des Juristenstandes entwickelte sich ein Ausbildungssystem mit Vorlesungen und Disputationen, dessen Schwerpunkt jedoch die Anwesenheit bei den Gerichtsverhandlungen war. Eine Abschlußprüfung kannte es nicht, gelernt wurde vornehmlich in der Praxis. Eine 1292 vorgesehene Zulassungsbeschränkung wurde nie praktiziert, ethische Normen wurden jedoch per Statut festgesetzt und ebenso wie berufliche Standards von den Gerichten auch kontrolliert, die neben Geld- und Haftstrafen auch Berufsverbote verhängen konnten. Bei der Analyse der kanonischen Rechtspraxis wird im Schlußkapitel auf Parallelentwicklungen hingewiesen. Ein Juristenstand formte sich hier zur gleichen Zeit. Eine formale Qualifikation wurde zunächst nicht vorausgesetzt, wenn auch eine Reihe prominenter Praktiker des Common Law im 13. Jh. das Studium beider Rechte abgeschlossen hatte. Die Forderung von Ausbildungsnachweisen, schließlich eines akademischen Grades führte allerdings zur Abschließung des Berufsstandes, während die Juristen des Common Law ihre Kenntnisse weiterhin in der Praxis erwarben. Lediglich die Zahl der praktizierenden Serjeants war beschränkt. Die Frage nach dem sozialen Hintergrund der Anwälte, den Chancen des sozialen Aufstiegs bleibt leider unberücksichtigt. Dennoch hat der Vf. mit dieser Studie einen Klassiker zur Entstehung des Common Law vorgelegt.
  522. &

    Jens Röhrkasten


  523. Peter Beringer, Zur Kriminalisierung des Strafrechts in Österreich im 13. Jh., Unsere Heimat. Zs. für Landeskunde von Niederösterreich 65 (1994) S. 240-277, zeigt in seiner komprimierten Untersuchung vor allem anhand normativer Quellen, daß die Versuche der Fürsten zur Durchsetzung und Verschärfung des peinlichen Strafrechts auf eine erfolgreiche Abwehr durch den Adel und die städtischen Oberschichten stießen und somit lediglich rechtlich ohnehin benachteiligte Gruppen trafen.
  524. &

    Herwig Weigl


  525. Esther Cohen, The Crossroads of Justice. Law and Culture in Late Medieval France (Brill's Studies in Intellectual History 36) Leiden - New York - Köln 1993, E. J. Brill, XI u. 231 S., Abb., ISBN 90-04-09569-1. - Dem umfassenden Titel entspricht eigentlich nur das erste Viertel des Buches, in dem anhand der schriftlichen Fassungen lokalen Gewohnheitsrechts im 13. Jh. die gegenseitige Beeinflussung von Realität und Mythos, die Einflußnahme soziokultureller und politischer Entwicklungen in bezug auf Recht und Rechtsprechung aufgezeigt werden soll. Im Gegensatz zu Deutschland gab es am Ende des MA in Frankreich kein einheitliches kodifiziertes Recht, dafür aber eine größere kulturelle Kohärenz. Im zweiten Teil beschränkt sich die Vf. auf die Untersuchung von Strafverfahren, wobei nicht nur ma. Quellen, sondern auch zahlreiche Texte und Darstellungen des 16. und 17. Jh. herangezogen werden. Bei den Verfahren wird unterschieden zwischen "rituals of exclusion" und "rituals of inclusion". Erstere wurden sowohl gegenüber Frauen als auch Juden angewendet, sie wurden nicht als rechtsfähige Personen angesehen, und Verfahren gegen sie wurden deshalb nicht vor einem ordentlichen Gericht durchgeführt. Juden wurden vor ihrer Exekution aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen, indem man sie als Tiere deklarierte, Frauen nach ihrer Hinrichtung, indem man ihren Körper durch Verbrennen vernichtete, allerdings waren Hexenverbrennungen bis zum 15. Jh. äußerst selten. Gegen Tiere dagegen wurden "rituals of inclusion" angewendet: Ein Bulle z. B., der einen Menschen getötet hatte, wurde in gleicher Weise in einem ordentlichen Gerichtsverfahren abgeurteilt wie ein Mörder. An zahlreichen Beispielen stellt die Vf. so dar, wie sich volkstümliche und legalistische Auffassungen in der spätma. und frühneuzeitlichen Rechtspraxis durchmischen.
  526. &

    Isolde Schröder


  527. Marriage, Property, and Succession. Edited by Lloyd Bonfield (Comparative Studies in Continental and Anglo-American Legal History. Vergleichende Untersuchungen zur kontinentaleuropäischen und anglo-amerikanischen Rechtsgeschichte Bd. 10) Berlin 1992, Duncker und Humblot, 367 S., ISBN 3-428-07369-X, DEM 184. - Um das jeweils geltende Erbrecht und seine praktische Umsetzung bei den besitzenden Klassen Kontinentaleuropas und Englands vom Spät-MA bis Mitte des 18. Jh., um seine Prägung durch das römische und das Gewohnheitsrecht, um den Einfluß von Heiraten, Testamenten und Primogenitur auf die Bildung und Erhaltung von Familienbesitz geht es in diesen, häufig die frühe Neuzeit behandelnden Vorträgen einer Tagung in Bad Homburg (1985). Auffallende Ähnlichkeiten zeigen sich ab dem 16. Jh. bei der Erbpraxis in Holland und England wie Philippe Godding, Le droit au service du patrimoine familial: les Pays Bas méridionaux (12e - 18e siècles) (S. 15-35) und Robert Feenstra, Family, Property and Succession in the Province of Holland during the Sixteenth, Seventeenth and Eighteenth Centuries (S. 37-52) feststellen. - Das römischrechtliche Element im italienischen Erbrecht stellen Manlio Bellomo, La struttura patrimoniale della famiglia italiana nel tardo medioevo (S. 53-69) und Andrea Romano, Successioni e difesa del patrimonio familiare nel Regno di Sicilia (S. 71-154) heraus, und Bartolomé Clavero, Favor maioratus, usus Hispaniae: Moralidad de linaje entre Castilla y Europa (S. 215-254), befaßt sich mit dem Erbrecht des Erstgeborenen in Spanien, das der Vf. weder aus dem römischen noch aus dem germanischen Recht, sondern aus dem ius commune ableitet, und das sich erst spät in Spanien durchgesetzt habe. - Die Spannung zwischen Erhalt oder Vermehrung des Patrimoniums und dem erforderlichen Heiratsgut oder der Mitgift für heiratende Töchter behandeln Michel Petitjean, Eléments d'une politique patrimoniale de l'aristocratie à travers l'exemple bourguignon (S. 255-284) und Lloyd Bonfield, Property Settlements on Marriage in England from the Anglo-Saxons to the Mid-Eighteenth Century (S. 289-308). - Den englischen Verhältnissen gewidmet sind die Beiträge von R. H. Helmholz, The English Law of Wills and the ius commune, 1450-1640 (S. 309-326), Michael M. Sheehan, The Bequest of Land in England in the High Middle Ages: Testaments and the Law (S. 327-338) und Charles Donahue, Jr., English and French Marriage Cases in the Later Middle Ages: Might the Differences be Explained by Differences in the Property Systems? (S. 339-366), der das seltenere Vorkommen von Scheidungsprozessen in England mit der auf der Insel schon verbreiteten Gütertrennung der Ehegatten erklärt, die ein Auseinandergehen ermöglichte, ohne unbedingt Gerichte bemühen zu müssen.
  528. &

    D. J.


  529. Philip Lyndon Reynolds, Marriage in the Western Church: The Christianization of marriage during the Patristic and early medieval periods (Vigiliae Christianae, Supplements 24) Leiden [u. a.] 1994, E.J. Brill, XXX u. 436 S., ISBN 90-04-10022-9. - R. skizziert in vier Teilen sehr sorgfältig zuerst die Ehe im römischen und germanischen Recht (und den Sitten) mit dem Schwerpunkt der verschiedenen Formen (bzw. Stufen) der Eheschließung und Ehescheidung. "Die Ehe in der Kirche" erörtert er an der Herausarbeitung des göttlichen Rechts mit den wichtigsten Bibelstellen und ihrer Deutung und Auswirkung in der Theologie und kirchlichen Disziplin. Die Unauflöslichkeitsforderung Jesu und seine Berufung auf Gen. 2, 24 sowie ihre Durchsetzung in der kirchlichen Praxis, speziell im Westen seit Ausgang des 4. Jh., war besonders bedeutsam. Der zentrale Förderer dieser Entwicklung war Augustinus, dem der 3. Teil des Buches gewidmet ist, wobei die Vergeistigung der Ehe, der nüchterne Blick auf die Ehe als Heilmittel für die menschliche Schwäche und ihr sakramentaler (d.h. zeichenhafter) Charakter besonders im Blick stehen. Im letzten Teil bieten die differenzierten Ausführungen über den Anfang der Ehe (Verlobung), ihre Vollendung in der körperlichen Vereinigung sowie der (mögliche) priesterliche Segen - zeitlich zwischen den genannten Polen einzuordnen - auch für den Fachmann eine gute Hilfe, um die Auseinandersetzungen in Bologna im 12. Jh. um die sog. Kopulatheorie besser zu verstehen und richtig einzuordnen. Die Verheiratung in der fränkischen Kirche und der besondere Blick auf Hinkmar und seine einschlägigen Gutachten leiten über zur Zusammenfassung: von der römischen "Einheit des gesamten Lebens" als verwirklichter Lebensgemeinschaft zum "großen Sakrament" der Kirche. Die Untersuchung ist aus den Quellen unter Einbeziehung englischer, französischer sowie deutscher und italienischer Literatur (nichts in Spanisch) souverän erarbeitet. Zu Hinkmars Gutachten über die Ehe des Stephanus wird lediglich der Aufsatz Fransens von 1983 (vgl. DA 41, 561) übersehen, der für eine auch in der MGH-Ausgabe zweifelhafte Stelle eine bessere Emendation auf Grund weiterer Hss. vorschlägt. Bei Augustinus fehlen vereinzelt vorkommende Zwischentöne, so die Bemerkung in De fide et operibus, daß die Wiederverheiratung eines Mannes nach Ehebruch der Frau ein leicht verzeihlicher Irrtum sei (venialiter... fallatur: CSEL 41, 81). Ein knapper Index (S. 429-436) erleichtert den Umgang mit diesem fundierten, weiterführenden Werk, das in der Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe (und nicht in der Liturgie) den Hauptanteil der Verchristlichung der Ehe sieht (S. 384).
  530. &

    Rudolf Weigand


  531. Guillaume Durand. Évêque de Mende (v. 1230-1296). Canoniste, liturgiste et homme politique. Actes de la Table Ronde du C.N.R.S., Mende 24-27 mai 1990. Textes réunis par Pierre-Marie Gy, Paris 1992, Centre National de la Recherche Scientifique, 242 S., Abb., ISBN 2-222-04667-X, FRF 200. - Zu Leben und Werk des einflußreichen südfranzösischen Kanonisten und Liturgikers wurde 1990 ein eigener Kongreß veranstaltet, der erfreulich zahlreiche neue Erkenntnisse zutage gefördert hat: Mit Jean Gaudemet, Durand de Mende et son oeuvre canonique (S. 13-20) und Pierre-Marie Gy, L'oeuvre liturgique de Durand de Mende (S. 21-24), umreißen zwei namhafte Vertreter der entsprechenden Disziplinen die Ergebnisse des Kongresses. Nach einer Chronologie zu Leben und Werk des Durandus (S. 25 f.) und der Edition und Übersetzung seiner Grabinschrift in S. Maria sopra Minerva in Rom (S. 27-29) vereinigt der Band in vier Sektionen ("Le cadre historique et politique", "L'oeuvre juridique de Durand de Mende", "Durand de Mende liturgiste" und "L'influence de Durand de Mende liturgiste") die einzelnen Beiträge: Augusto Vasina, Guillaume Durand recteur de Romagne (S. 33-45), zeichnet ohne umstürzende Ergebnisse die praktische Tätigkeit des Durandus nach als rector et capitaneus generalis (1280) im Patrimonium Petri, als Gouverneur der Romagna und Rektor von Urbino und Massa Trabaria (1283-86) und schließlich als comes der Romagna und rector der Mark Ancona (1295-96). - Jacques Verger, Les juristes languedociens et l'Italie au XIIIe siècle (S. 47-57), betont, daß die Karriere des Durandus durchaus "normal" war, und sichtet eine regelrechte "symbiose franco-italienne" mit einem hohen Anteil der "Franzosen" in der Kurie, von denen ein Großteil in reiferen Jahren mit französischen Bischofssitzen belohnt wurde. - Hélène Duthu, Documents d'archives inédits concernant l'épiscopat de Guillaume Durand à Mende (S. 59-60), regestiert kurz 20 urkundliche Quellen aus den Archives de la Lozère für die Jahre 1290-1297. - Knut Wolfgang Nörr, À propos du Speculum iudiciale de Guillaume Durand (S. 63-71), charakterisiert das juristische Hauptwerk des Durandus als teilweise wenig sorgfältige Kompilation zum Prozeßwesen, das die klassische Periode beendete, sieht ihren Vorteil zum einen darin, daß damit sonst wohl untergegangene Texte konserviert wurden und Einblicke in die prozessualen Prozeduren der Kurie vor allem unter Clemens IV. gewährt werden; außerdem wird dem Durandus im Vergleich seines Vorwortes mit einem ähnlichen des Hostiensis erheblich gesteigertes Selbstbewußtsein für die Rolle des Kanonisten im Heilsplan Gottes bescheinigt. - Joseph Avril, Les instructions et constitutions de Guillaume Durand, évêque de Mende (S. 73-94), ordnet die Instruktionen und Konstitutionen während der Bischofszeit in den breiteren Strom der französischen "statuts synodaux" ein, prüft die vier erhaltenen Hss., die Quellen und Arbeitsweise des Durandus für ein Werk, das zusammenfassend als "une sorte d'encyclopédie, de compendium à la fois liturgique et canonique" (S. 94) gewertet wird. - Martin Bertram, Le commentaire de Guillaume Durand sur les constitutions du deuxième concile de Lyon (S. 95-104), setzt ein weiteres kanonistisches Werk des Durandus von sieben anderen gleichgerichteten Kommentaren ab und kommt zu einer Frühdatierung: zwischen 1277 und 1289, parallel zur Entstehung des Speculum, für das auch noch eine (in diesem Band positiv rezipierte) neue Erkenntnis abfällt: die vermeintliche zweite Redaktion des Speculum sei eine Erfindung der Wissenschaft; eher sollte man von Zusätzen im Laufe der Überlieferung reden. - Jean Longère, La pénitence selon le Repertorium, les Instructions et Constitutions, et le Pontifical de Guillaume Durand (S. 105-133), stellt in erster Linie die Bestimmungen des sog. Aureum confessorium vom Ende des Repertorium und die einschlägigen Bestimmungen der Institutionen und Konstitutionen zum Bußwesen zusammen und wundert sich darüber, daß Durandus im Pontifikale den "veralteten" Brauch der Büßerexpulsion am Aschermittwoch und der Büßerrekonziliation am Gründonnerstag aufgenommen hat - wohl nur literarisch und ohne praktische Bedeutung. - Anselme Davril, Les états successifs du texte du Rationale de Guillaume Durand et la préparation de l'édition critique (S. 137-142), gibt Rechenschaft über seine bevorstehende Edition im Rahmen des CC Cont. med. auf der Basis von 8 Hss. aus insgesamt zwischen 200 und 300. Die Bildung von vier Gruppen nach Ménard bestätigt sich. - Timothy M. Thibodeau, Les sources du Rationale de Guillaume Durand (S. 143-153), sieht darin die ganze allegorische ma. Auslegung der Liturgie versammelt: Innozenz III., Sicard von Cremona, Wilhelm von Auxerre und Praepositinus von Cremona. - Roger Reynolds, Guillaume Durand parmi les théologiens médiévaux de la liturgie (S. 155-168), macht die Originalität und Weite des Durandus deutlich im Vergleich zu 86 "Liturgikern" vor ihm, die meist auch Kanonisten waren und in einer eigenen nützlichen Liste zusammengestellt sind. - Claudia Rabel, L'illustration du Rational des divins offices de Guillaume Durand (S. 171-181; 8 Tafeln), bezieht sich auf die Illustration der französischen Übersetzung unter Karl V. und deren weitere Überlieferung. - Michel Albaric, Les éditions imprimées du Rationale divinorum officiorum de Guillaume Durand de Mende (S. 183-200), verfolgt - allerdings ohne vollständige Autopsie - die Druckgeschichte aller 111 Auflagen ab 1459 (bis 1899). - Bertrand Guyot, Essai de classement des éditions du Rationale (S. 201-205), beschränkt sich hauptsächlich auf die Wiegendrucke. - Marie-Thérèse Gousset, Le coutumier de la sacristie de la cathédrale de Mende et les arts liturgiques (S. 207-228), beschreibt die 10 Folien eines fragmentarischen liturgischen Leitfadens von Advent bis Gründonnerstag (heute: Mende, Archives de l'évêché), verfaßt wahrscheinlich zwischen Jahre 1310-15 "dans l'ésprit de Guillaume Durand" (S. 214). - Henri Gilles, Conclusion (S. 229-233), läßt die Ergebnisse Revue passieren. - Ein Index der zitierten Hss. und der Personen und Orte sichert eine schnelle Orientierung in dem ansprechenden Band, in dem allerdings eine Hauptleistung des Durandus etwas an den Rand gedrängt wurde: sein Pontifikalbuch, ein wichtiger Vorläufer des Tridentinischen Pontificale Romanum.
  532. &

    H. S.


  533. Ludwig Schmugge, Kirche, Kinder, Karrieren. Päpstliche Dispense von der unehelichen Geburt im Spätmittelalter, Zürich 1995, Artemis & Winkler, 511 S., 37 Abb., ISBN 3-7608-1110-8, DEM 78. -- Nach dem Sammelband über Illegitimität im Spätmittelalter (vgl. oben S. 310 f.) legt der Vf. jetzt eine Monographie vor, in der fast 38000 Dispense vom Makel unrechter Geburt aus den Registern der päpstlichen Pönitentiarie von 1449 bis 1533 ausgewertet werden. Diese Register enthalten, mindestens vor der Reform der Pönitentiarie von 1569, nur Einträge, die ihrem Rechtsinhalt nach ebenso in den seit Leo XIII. frei zugänglichen Vatikan-, Lateran- und Supplikenregistern stehen; gerade heiklere Fälle, welche der Papst nicht dem Großpönitentiar überließ, finden sich dort und nicht in den Registern der Pönitentiarie. Trotzdem wurde die Erlaubnis, diese Register zu benutzen, lange Zeit unter Hinweis auf die Schutzwürdigkeit des "forum internum" nur ausnahmsweise erteilt, z. B. für Emil Göller, und erst seit 1983 großzügiger gehandhabt. Aufgrund des umfangreichen und bisher fast unzugänglichen Quellenbestandes hat Sch. wirkliche Pionierarbeit geleistet. Darüber hinaus plant er ein "Repertorium Poenitentiariae Germanicum" (S. 17), ein Verzeichnis der deutschen Betreffe aus den Registern der Pönitentiarie zur Ergänzung des "Repertorium Germanicum". Nach einer kurzen Einleitung zu Forschungsgeschichte und Problemstellung stellt er in drei Hauptkapiteln Dispens und Legitimation im späteren MA, die Pönitentiarie und ihr Verfahren sowie die soziale und geographische Herkunft der Petenten dar. Zwei weitere Hauptkapitel befassen sich mit Illegitimen in höheren und niederen sozialen Schichten (Kindern von Päpsten, Bischöfen, Äbten, Hochadeligen auf der einen Seite, Findelkindern auf der anderen Seite) sowie mit Illegitimen aus den deutschen Diözesen. Eine Zusammenfassung über die Chancen der Illegitimen im Dienst der Kirche sowie Tabellen runden das Werk ab. Natürlich spiegelt sich in den Registern der Pönitentiarie nur ein Teil der spätma. Illegitimen, soweit sie nämlich Weltgeistliche werden wollten und die notwendigen Dispense nicht außerhalb der römischen Kurie erlangten; Ordensangehörige und Frauen kommen daher kaum vor. Mit statistischen Angaben geht der Vf. erfreulich vorsichtig um (vgl. Anhang 4 S. 464-472 zu den von Meuthen und Schuchard benutzten Basiszahlen, um die Dichte der Beziehungen deutscher Diözesen zur römischen Kurie zu erfassen). Die geographische und zeitliche Verteilung der Dispense gibt keinen direkten Aufschluß über die Häufigkeit illegitimer Geburten, muß man doch die unterschiedliche Intensität der Beziehungen zur römischen Kurie berücksichtigen. Die lebendig und fesselnd geschriebene Auswertung von Einzelfällen stellt jedoch eindrücklich die Probleme vor Augen, mit denen Illegitime im späteren MA zu kämpfen hatten.
  534. &

    K. B.


  535. Paul Ourliac, La féodalité et son histoire, Revue historique de droit français et étranger 73 (1995) S. 1-21, ist ein Überblick über die Forschung seit Ende des 19. Jh., in dem die methodisch unterschiedlichen Ansätze Marc Blochs und François-Louis Ganshofs und ihre Rückwirkungen auf neuere Untersuchungen herausgearbeitet werden.
  536. &

    D. J.


  537. Crudelitas: the politics of cruelty in the ancient and medieval world. Proceedings of the international conference, Turku (Finland, May 1991), edited by Toivo Viljamaa, Asko Timonen and Christian Krötzl (Medium Aevum Quotidianum, Sonderband 2) Krems 1992, Medium Aevum Quotidianum, 188 S., ISBN 3-90-1094-05-9. - Der kleine Sammelband enthält außer einer nützlichen Auswahlbibliographie von Asko Timonen (S. 181-188) folgende für unser Arbeitsgebiet relevante Beiträge: Luigi de Anna, Elogio della crudeltà. Aspetti della violenza nel mondo antico e medievale (S. 81-113). - Greti Dinkova-Bruun, Cruelty and the medieval intellectual: the case of Peter Abelard (S. 114-120): wird durch Naivität nicht verständlicher. - Christian Krötzl, ,Crudeliter afflicta'. Zur Darstellung von Gewalt und Grausamkeit in mittelalterlichen Mirakelberichten (S. 121-139), zeigt, daß es vor allem Mitglieder der Oberschicht waren, die in miracula als gewalttätig bezeichnet werden, neben Dämonen, deren Gewalt auch als grausam galt, während die von Heiligen selbst ausgeübte Gewalt als legitim und daher nicht als crudelis angesehen wurde. - Thomas Lindkvist, The politics of violence and the transition from Viking age to medieval Scandinavia (S. 139-147): Das Ende des Wikingerzeitalters in Skandinavien bedeutete ein aufkommendes Gewaltmonopol des Staates, aber keine Verminderung der Grausamkeit. - Alain Ducellier, Byzance, Juge Cruel dans un environnement cruel. Notes sur le ,Musulman cruel' dans l'Empire byzantin entre VIIème et XIIIème siècles (S. 148-180). - Auffallend ist vor allem das Fehlen jeglicher Auseinandersetzung mit den berühmt-berüchtigten Thesen Michel Foucaults, der auch in der Bibliographie nicht erwähnt wird.
  538. &

    T. R.


  539. Dominique Barthélemy, Qu'est-ce que la chevalerie, en France aux Xe et XIe siècle?, Revue Historique 290 (1994) S. 15-74, kritisiert in diesem grundlegenden Aufsatz vor allem die Vorstellung von einem sozialen Umbruch vom servus zum miles um das Jahr 1000, schließt in vielem dagegen wieder an die "alte Schule" an, die im vassus einen miles avant la lettre sah, gewinnt allerdings auch viele neue Aspekte der alten Problematik ab, die nicht kurz referiert werden können. In jedem Fall war die Rolle der Kirche in der Geschichte des Rittertums sekundär und überhöhte allenfalls die ablaufenden sozialen Prozesse.
  540. &

    H. S.


  541. Andreas Ranft, Adelsgesellschaften. Gruppenbildung und Genossenschaft im spätmittelalterlichen Reich (Kieler Historische Studien 38) Sigmaringen 1994, Jan Thorbecke Verlag, 364 S., 15 Tabellen, 3 Karten, 4 Abb., ISBN 3-7995-5938-8, DEM 96. - Die historische Forschung hat sich bisher wenig mit den Ritter- und Adelsgesellschaften beschäftigt, wenn man von den Arbeiten von H. Mau und H. Obenaus zur schwäbischen Adelsgesellschaft mit dem St. Jörgenschild absieht. Erst ein von W. Paravicini begründetes Kieler Forschungsprojekt befaßt sich seit einigen Jahren intensiv mit den Gesellschaften des Adels. Aus diesem Projekt ist auch die vorliegende Kieler Habilitationsschrift hervorgegangen, die die umfangreiche Zahl der Adelsgesellschaften des Spät-MA unter verschiedenen Aspekten analysiert. Der Gang der Untersuchung schreitet dabei in drei Teilen voran. In einem ersten Abschnitt werden zwei detaillierte Fallstudien zu den Gesellschaften der "Fürspänger" und der "Esel" vorgelegt und auf der Grundlage von Protokoll- und Rechnungsbüchern die vielfältigen Aspekte des "gesellschaftlichen" Lebens der Mitglieder beleuchtet. In einem zweiten Abschnitt werden von dieser Ausgangsbasis aus die Adelsgesellschaften als Ganzes in den Blick genommen und die politisch-sozialen Rahmenbedingungen dargelegt, innerhalb derer sie agierten. In einem dritten Abschnitt wird schließlich nach dem sozialen Raum gefragt, in dem sich das gesellschaftliche Leben der Adelsgesellschaften abspielte. Der Vf. kann überzeugend aufzeigen, wie die Adelsgesellschaften des Spät-MA ihre Zusammenschlüsse rechtlich durch verbindliche Regeln und durch die Schaffung von funktionalen Hierarchien gefestigt haben und so bei ihnen das genossenschaftliche Prinzip im praktischen Lebensvollzug sicher verankert war. Dazu gehörte das festliche Mahl, der gemeinsame Gottesdienst, Totenmemoria und die gegenseitige Hilfe in Notlagen. Die vielfältigen Formen des geselligen Lebens der Gesellschaften zeigen vor allem die ausgeprägte Stilisierung einer herrschaftslegitimierenden Lebenswelt; Turniere, Kapitelsitzungen sowie großartig gestaltete Begräbnisse machen dies deutlich. Auf der Suche nach dem "Ort" des sozialen Lebens der Gesellen gelangt man unvermutet in den Bereich der Stadt. Gegenüber dem vorherrschenden Bild von dem tiefen Gegensatz zwischen Adel und Stadt offenbart sich eine überraschende Normalität adliger Präsenz in der Stadt.
  542. &

    Werner Rösener


  543. Andreas Ranft, Die Turniere der vier Lande: Genossenschaftlicher Hof und Selbstbehauptung des niederen Adels, ZGORh 142 (1994) S. 83-102, wertet diese Turniere der Jahre 1479-1487, an denen sich Ritter aus Bayern, Schwaben, Franken und den Rheinlanden beteiligten, als Teil eines schon weit früher in der Bildung von Adelsgesellschaften einsetzenden Selbstbehauptungsprozesses und nicht als ein jähes und "letztes vergebliches Aufbäumen" (S. 87).
  544. &

    E.-D.H.


  545. Christopher Dyer, Everyday Life in Medieval England, London and Rio Grande 1994, The Hambledon Press, XVI u. 336 S., ISBN 1-85285-112-0, GBP 35. - 15 überwiegend wirtschaftsgeschichtliche Studien von D. zum Spät-MA, die erst zwischen 1980 und 1990 erschienen sind, werden in diesem Band vereinigt und durch ein Register erschlossen.
  546. &

    M. S.


  547. Giacomo Todeschini, Il prezzo della salvezza. Lessici medievali del pensiero economico (Studi superiori Nuova Italia Scientifica 205) Roma 1994, 288 S., ISBN 88-430-0175-2, ITL 34.000, behandelt das Nachdenken über Ökonomie im MA. Nach einer theoretischen Einleitung postuliert T. eine Betrachtungsweise dieses relativ wenig beachteten Themas aus der Zeit heraus, d.h. mit zeiteigener Terminologie und auf dem Hintergrund ma. Sichtweise. Gleichzeitig verwahrt er sich gegen die These alleiniger Abhängigkeit ma. Reflektierens über Wirtschaft von der Antike und warnt davor, mit modernen Konzepten heutige Betrachtungsweisen ins MA zurückzuprojizieren. Hauptthema der vorliegenden Arbeit ist ein ausführlicher, nach Zeitepochen gegliederter Forschungsbericht ab der zweiten Hälfte des 19. Jh. mit detaillierten Literaturangaben und ein Namenverzeichnis, außerdem eine kritische Übersicht über die verschiedenen Quellentypen, die für eine Analyse in Frage kommen.
  548. &

    D. S.


  549. Edwin S. Hunt, The Medieval Super-companies. A Study of the Peruzzi Company of Florence, Cambridge 1994, Cambridge University Press, X u. 291 S., 1 Karte, ISBN 0-521-46156-1, GBP 35, beschäftigt sich zuerst mit Ausdehnung und Art der Geschäfte der "Supergesellschaften" im allgemeinen und der der Peruzzi im speziellen, von der Neustrukturierung um 1300 an bis zum Kollaps in den 1340er Jahren. Danach werden die Familienmitglieder und die zahlreichen anderen Teilhaber der Gesellschaft, sowie deren Organisation und Finanzaktionen im chronologischen Ablauf vorgestellt. H. weist auf die wichtige Funktion der Handelsgesellschaften für die Außenpolitik der Stadt Florenz hin. Die genaue Analyse der Organisationsstruktur, aufgegliedert in verschiedene Profitzentren, Partner und Faktoren, sowie der sehr detaillierten Kontoführung, lassen hinter dem Autor den pensionierten Geschäftsmann erkennen. Immer wieder kritisiert er gängige Erklärungsansätze und stellt ihnen seine Ergebnisse gegenüber. Er nennt die spezifischen Zeitumstände, wachsende Abnehmerzahlen und funktionierende Produktion als Basis für das Entstehen der "Super-Gesellschaften", Voraussetzungen, die nach der Pestwelle nicht mehr vorhanden waren. Auch wenn einzelne Teilhaber und Familienmitglieder durchaus wieder Handelstätigkeiten aufnahmen, kam es doch bis zu den Fuggern zu keiner "Super-Gesellschaft" mehr. Die Ergebnisse der Untersuchung der Geschäftsgänge sind in verschiedenen Tabellen im Text und im Anhang zusammengefaßt und bieten Arbeitsinstrumente für weitere Forschungen. Ein Index erschließt den Band.
  550. &

    D. S.


  551. Friedrich-Wilhelm Henning, Deutsche Agrargeschichte des Mittelalters. 9.-15. Jahrhundert, Stuttgart 1994, Ulmer, 368 S., ISBN 3-8001-3092-0, DEM 88. - Vorgelegt wird hier der zweite Band einer im Vergleich zur Agrargeschichte von Abel-Lütge-Franz neu gegliederten "Deutschen Agrargeschichte", in der das eigentliche MA auf einen Band reduziert ist. Die Zeit von der zweiten Hälfte des 15. bis zur Mitte des 18. Jh. wird einen weiteren Band füllen, wobei es hier offenbleiben mag, ob eine solche Periodisierung unter agrargeschichtlichen Aspekten sinnvoll ist (die "Vor- und Frühgeschichte zur deutschen Agrargeschichte" ist einem eigenen Band vorbehalten). Gegliedert ist das Buch in drei Großkapitel: "Die Entstehung der feudalistischen Wirtschaft und Gesellschaft (800 bis 1150)", "Landesausbau und Ostkolonisation (1150 bis 1350)" und "Peststerben und Agrarkrise (1350 bis 1470/1500)". Ohne hier auf Einzelheiten eingehen zu können, sei mitgeteilt, daß die Lektüre für den ,Normalhistoriker' überraschende Perspektiven vor allem über die Rolle der Kirche im Wirtschaftsleben bereithält: So wurde der Weinanbau "insbesondere von der Geistlichkeit und den Klöstern sehr begünstigt, da diese offiziell den Meßwein benötigten, in Wirklichkeit aber nicht auf dieses Genußmittel verzichten wollten" (S. 101), oder: "Die Kirche versagte sich überhaupt weitgehend den Hilfsmaßnahmen (für Arme) und damit dem christlichen Gebot" (S. 134), oder: "Der Papst machte hier in besonderer Weise deutlich, in welch geringem Maße er als Christ zu agieren bereit war" (S. 144 im Zusammenhang mit Canossa und dem Investiturstreit), oder: "Gerade dieser Vorgang (sc. die Bedingung adliger Abkunft für die Aufnahme in ein Domkapitel) zeigt, in welchem Maße sich die Kirche von der Bibel entfernt hatte" (S. 175), oder: "Wie auch sonst bei der Exkommunikation einzelner Personen (Kaiser usw.) und Personengruppen versuchte die Kirche, hier der Erzbischof von Bremen, die eigenen Vorstellungen einer Machtverwirklichung auf unchristliche und für die Gegner zu einem erheblichen Teil tödliche Weise zu erreichen" (S. 178 im Zusammenhang mit den Stedinger Bauern) ...
  552. &

    G. Sch.


  553. Le migrazioni in Europa secc. XIII-XVIII. Atti della "Venticinquesima Settimana di Studi", 3-8 maggio 1993, a cura di Simonetta Cavaciocchi. (Istituto internazionale di storia economica "F. Datini" Prato, Serie 2, 25) Firenze 1994, Le Monnier, 918 S., ISBN 88-00-72225-3, ITL 95000. - Von den über 40 Beiträgen (mit den jeweiligen Diskussionsvoten) der Studienwoche können nur folgende ma. Titel aufgezählt werden: Robert Fossier, Aspects des migrations en Europe occidentale à la fin du Moyen Age (XIIIe-XVe siècles) (S. 47-63). - Luigi Zanzi, I movimenti migratori nell'Europa alpina del Medioevo all'inizio dell'età moderna (S. 135-173). - Jerzy Wyrozumski, La géographie des migrations en Europe centrale et orientale au Moyen Age et au début des temps modernes (S. 191-198). - Alain Ducellier, Albanais dans les Balkans et en Italie à la fin du Moyen Age: courants migratoires et connivences socio-culturelles (S. 233-269). - Michael Bibikov, Vladimir M. Kabuzan, Vladislav D. Nazarov, Ethno-Demographic Changes in the Region of Northern Pontos - Southern Russia - Ukraine (S. 271-297). - Werner Paravicini, L'Ordre Teutonique et les courants migratoires en Europe centrale. XIIIe-XIVe siècles (S. 311-323). - Bernard Doumerc, L'immigration dalmate à Venise à la fin du Moyen Age (S. 325-334). - Erik Thoen, Immigration to Bruges during the late Middle Ages (S. 335-353). - Myriam Carlier, Migration Trends in the Towns of Flanders and Brabant (15th - 18th Century) (S. 355-370). - Philippe Contamine, Le problème des migrations des gens de guerre en Occident durant les derniers siècles du Moyen Age (S. 459-476). - David Jacoby, The Migration of Merchants and Craftsmen: a Mediterranean Perspective (12th - 15th Century) (S. 533-560). - Knut Schulz, Deutsche Handwerkergruppen in Italien, besonders in Rom (14.-16. Jh.) (S. 567-591). - Karl-Heinz Ludwig, Raffaello Vergani, Mobilità e migrazioni dei minatori (XIII-XVII sec.) (S. 593-622). - Michael Toch, Jewish Migrations to, within and from Medieval Germany (S. 639-652). - Richard K. Marshall, Migration to the City of Prato in the Fourteenth Century (S. 653-658), Thomas C. Smout, Scots as Emigrants in Europe, 1400-1700 (S. 659-669). - Gerhard Dohrn-Van Rossum, Migrating Technicians: Medieval Clockmakers (S. 671-676). - Gabriella Rossetti, Accoglienza e rifiuto in Italia nel Medioevo (S. 717-729). - Hanna Zaremska, Le bannissement et les bannis en Europe Centrale: XIV- XVe s. (S. 731-754). - Ian W. Archer, Responses to Alien Immigrants in London, c. 1400-1650 (S. 755-774). - Giuliano Pinto, Le città italiane e i lavoratori della lana nel basso Medioevo: alcune considerazioni (S. 819-824). - Anna Esposito, Corsi a Roma e nella Maremma laziale nel Tardo Medioevo (S. 825-838). - Luca Molà, Reinhold C. Mueller, Essere straniero a Venezia nel tardo Medioevo: accoglienza e rifiuto nei privilegi di cittadinanza e nelle sentenze criminali (S. 839-851).
  554. &

    D. S.


  555. Vasko Simoniti, Die Wüstungen im 14. und 15. Jahrhundert mit besonderer Berücksichtigung des slowenischen Gebietes, MIÖG 103 (1995) S. 44-55, macht zunächst einige allgemeine Bemerkungen zum spätma. Siedlungsrückgang und geht dann näher auf die erheblichen regionalen Unterschiede der Entwicklung in Österreich und Slowenien ein.
  556. &

    R. S.


  557. Death in Towns, Urban Responses to the Dying and the Dead, 100-1600. Edited by Steven Bassett, Leicester-London-New York 1992, Leicester University Press, X u. 258 S., 1 Frontispiz, 34 Abb., 23 Tafeln, ISBN 0-7185-1418-1, GBP 49.50. - In diesem Sammelband, der die Vorträge einer Tagung in Birmingham 1991 wiedergibt, wird das Thema vorwiegend aus der Sicht der MA-Archäologie behandelt. Für uns sind acht Beiträge beachtenswert: Alan Morton, Burial in middle Saxon Southampton (S. 68-77), berichtet über die Ausgrabung eines angelsächsischen Friedhofes bei Southampton. - Julia Barrow, Urban cemetery location in the high Middle Ages (S. 78-100), untersucht die Standorte von Friedhöfen des hohen MA in einer Reihe von südenglischen Städten. - Roberta Gilchrist, Christian bodies and souls: the archaeology of life and death in later medieval hospitals (S. 101-118): Ausgrabungen am Ort von ma. Hospitälern können wertvolle Nachrichten liefern über Lebensstandard, medizinische Behandlung und Diät ihrer Insassen. - Vanessa Harding, Burial choice and burial location in later medieval London (S. 119-135), lokalisiert die spätma. Friedhöfe in London, wo die freie Wahl der Grabstätte leichter war als an anderen Orten. - John Henderson, The Black Death in Florence: medical and communal reponses (S. 136-150), gibt einen Überblick über medizinische Pesttraktate und über behördliche Maßnahmen gegen die Ansteckungsgefahr in Florenz im 14. Jh. - Robert Dinn, Death and rebirth in late medieval Bury St. Edmunds (S. 151-169): Zahlreiche Testamente des 15. Jh. in der englischen Kleinstadt enthalten Verfügungen über Begräbnisrituale, die der Vf. im einzelnen beschreibt. - Malcolm Norris, Later medieval monumental brasses: an urban funerary industry and its representation of death (S. 184-209), informiert über die Zentren der Herstellung von Grabplatten aus Messing vor allem in England, Flandern und Deutschland im 15. Jh. - Birthe Kjølbye Biddle, Dispersal or concentration: the disposal of the Winchester dead over 2000 years (S. 211-247), verfolgt die Veränderungen bei der Wahl der Grabstätten in der alten Römerstadt von der Antike bis in die Gegenwart.
  558. &

    H. M. S.


  559. Barbara A. Hanawalt - Kathryn L. Reyerson (Hg.), City and Spectacle in Medieval Europe (Medieval Studies at Minnesota 6) Minneapolis 1994, University of Minnesota Press 1994, XX u. 331 S., 24 Abb., ISBN 0-8166-2360-0, USD 19,95. - Der Band enthält zwölf Beiträge zu einem internationalen Kolloquium des Center of Medieval Studies der Universität von Minnesota (1991), die zu je drei zusammengefaßt sind: I. Ritual Significance in Municipal and Royal Politics (S. 1-86), II. Public and Private Religious Expression in the Urban Context (S. 87-168), III. Harmony and Dissonance in the Urban Ceremonial Community (S. 167-231), IV. The Political Overtones of Public Entertainment (S. 233-318). Die Beiträge des Bandes, der einen nützlichen Index (S. 323-331) hat, behandeln vornehmlich Frankreich, die Niederlande und England (Ausnahmen: zwei Arbeiten über Spanien, eine über Siena) und vorwiegend das städtische Zeremoniell des 15. Jh. und können Interessenten empfohlen werden.
  560. &

    R. E.


  561. Burg - Burgstadt - Stadt. Zur Genese mittelalterlicher nichtagrarischer Zentren in Ostmitteleuropa, hg. von Hansjürgen Brachmann, (Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa) Berlin 1995, Akademie Verlag, 351 S., zahlreiche Abb., ISBN 3-05-002601-4. - 27 Beiträge einer Berliner Tagung von 1993 mit hauptsächlich polnischer, tschechischer und deutscher Beteiligung werten bevorzugt archäologische Quellen aus: Evamaria Engel, Wege zur mittelalterlichen Stadt (S. 9-26). - Andrzej W_dzki, Die polnische mediävistische Forschung zu Fragen der Genese und Entwicklung der Stadtformen in der Vorlokationszeit (eine Forschungsbilanz) (S. 27-35). - Christian Lübke, Multiethnizität und Stadt als Faktoren gesellschaftlicher und staatlicher Entwicklung im östlichen Europa (S. 36-50). - Marta M_ynarska-Kaletynowa, Zur Bedeutung von Plätzen/Märkten im Staatsbildungsprozeß bei den Westslawen (S. 51-59). - Lech Leciejewicz, Kaufleute in westslawischen Frühstädten in archäologischer Sicht (S. 60-67). - W_adys_aw _osi_ski, Zur Genese der frühstädtischen Zentren bei den Ostseeslawen (S. 68-91). - Peter Donat, Handwerk, Burg und frühstädtische Siedlungen bei nordwestslawischen Stämmen (S. 92-107). - Volker Schmidt, Frühstädtische Siedlungsentwicklung in Nordostdeutschland (S. 108-117). - El_bieta Foster, Namen slawischer Burgen in Brandenburg als historische Quelle (S. 118-132). - Zofia Kurnatowska, Frühstädtische Entwicklung an den Zentren der Piasten in Großpolen (S. 133-148). - S_awomir Mo_dzioch, Zur Genese der Lokationsstädte in Polen in stadtgeschichtlicher Sicht (S. 149-160). - Jerzy Piekalski, Zur Funktion kirchlicher Stiftungen als Urbanisationselement im Lichte archäologischer Forschungen an Beispielen aus der frühen Geschichte Polens (S. 161-175). - Barbara Czopek, Das frühmittelalterliche Kraków als städtisches Zentrum der Fürstenmacht - im Lichte der Ortsnamen (S. 176-182). - Ewa Rzetelska-Feleszko, Der polnische Name Slupsk, deutsch Stolp in Pommern im Lichte neuer archäologischer Untersuchungen (S. 183-189). - Vladas _ulkus, Zur Frühgeschichte der baltischen Stadt (S. 190-206). - Jan Klápšt_, Stadt und Umland. Vom Wandel einer Landschaft im Zuge der Urbanisierung (S. 207-211). - Petr Sommer, Frühmittelalterliche Kirche und Städte in Böhmen (S. 212-220). - Rudolf Šrámek, Namentypologisierendes in der Städtebenennung (S. 221-228). - Dušan T_eštík, Die Gründung Prags (S. 229-240). - Tomáš Velímský, Die präurbanen Zentren in Nordwestböhmen auf dem Wege zur Stadt (S. 241-255). - Josef _emli_ka, Leitmeritz (Litom__ice) als Beispiel eines frühmittelalterlichen Burgzentrums in Böhmen (S. 256-264). - Tatiana Štefanovi_ová, Zur frühstädtischen Entwicklung ausgewählter großmährischer Zentren (S. 265-273). - Erik Szameit, Gars-Thunau - frühmittelalterliche fürstliche Residenz und vorstädtisches Handelszentrum (S. 274-282). - Heinrich Koller, Die Raffelstetter Zollordnung und die mährischen Zentren (S. 283-295). - Alexander Ruttkay, Genese und Typologie der mittelalterlichen Städte im Gebiet der Slowakei vor dem 14. Jahrhundert (S. 296-306). - József Laszlovszky, Frühstädtische Siedlungsentwicklung in Ungarn (S. 307-316). - Hansjürgen Brachmann, Von der Burg zur Stadt - Magdeburg und die ostmitteleuropäische Frühstadt. Versuch einer Schlußbetrachtung (S. 317-348). - Leider blieb der Sammelband ohne Register.
  562. &

    Ivan Hlavácek


  563. I Borghi Nuovi, secoli XII-XIV (Da Cuneo all'Europa 2) a cura di Rinaldo Comba e Aldo A. Settia, Cuneo 1993, Società per gli studi storici, archeologici ed artistici della provincia di Cuneo, 306 S., verschiedene Karten und Abb., keine ISBN, beinhaltet 16 Beiträge eines Kolloquiums von 1989. Die Beiträge zeigen die Vielfalt sowohl der Realität als auch der Diskussion, die zu einer verläßlicheren Terminologie führen sollte. Pierre Toubert, L'oeuvre de Charles Higounet (1911-1988) (S. 11-38), würdigt die Arbeiten rund um die Neugründung von Städten (mit Bibliographie). Allgemeine Probleme von Städtegründungen in Frankreich, Spanien und Italien werden im ersten Teil an Beispielen dargestellt: Benoît Cursente, Les villes de fondation du royaume de France (XIe-XIIIe siècles) (S. 39-54), Jean Gautier Dalché, Les villes neuves dans l'espace castillano-léonais de la péninsule ibérique (S. 55-62), Aldo A. Settia, Le pedine e la scacchiera: iniziative di popolamento nel secolo XII (S. 63-82), Paolo Pirillo, Borghi e terre nuove dell'Italia centrale (S. 83-100), Bruno Figliuolo, Le fondazioni nuove in Italia meridionale in età normanna (S. 101-114), Jean-Marie Martin, Les villes neuves en Pouille au XIIIe siècle (S. 115-136), Marco Tangheroni, I luoghi nuovi della Sardegna medievale (S. 137-154). Fallstudien in den Provinzen Cuneo und Ligurien setzen archäologische, städtebauliche oder juristische Schwerpunkte oder behandeln das Thema unter linguistischen und toponomastischen Aspekten: Riccardo Francovich, Enrica Bioldrini, Daniele De Luca, Archeologia delle terre nuove in Toscana: il caso di San Giovanni Valdarno (S. 155-194), Francesco Panero, Villenove e villefranche in Piemonte: la condizione giuridica e socio-economica degli abitanti (S. 195-218), Mirella Montanari Pesando, Un caso paradigmatico: la villanova di Pecetto Torinese (sec. XIII) (S. 219-230), Giulia Petracco Sicardi, Considerazioni linguistiche e toponomastiche su "Villanova" e i suoi corrispondenti europei (S. 231-236), Giovanni Coccoluto, Epigrafi di porta e vita comunale: il caso della villanova di Fossano (S. 237-248), Giovanni Quaglia, La fondazione di Fossano: un'iniziativa convergente di "universitates" rurali (S. 249-266), Egle Micheletto, L'insediamento sul "Pizzo di Cuneo": nuove indagini archeologiche nell'isolato di S. Chiara (S. 267-278), Rinaldo Comba, I borghi nuovi dal progetto alla realizzazione (S. 279-300).
  564. &

    D. S.


  565. Geneviève Xhayet, Autour des solidarités privées au Moyen Age: Partis et réseaux de pouvoir à Liège du XIIIe siècle, Le Moyen Age 100 (1994) S. 205-219, gibt einen kurzgefaßten Überblick über die innerstädtischen Strukturen und die Einflüsse außerstädtischer Faktoren auf Lüttich von ca. 1250 bis 1465.
  566. &

    G. Sch.


    6. Landesgeschichte

  567. "apud Kizinga monasterium". 1250 Jahre Kitzingen am Main, hg. von Helga Walter (Schriften des Stadtarchivs Kitzingen 4) Kitzingen 1995, Verlag Bernhard Högner, 225 S., Abb., ISBN 3-921327-25-3, DEM 39,80. - Aus der von zehn Autoren getragenen Jubiläumsschrift ist hier allein anzuzeigen: Klaus Arnold, Kitzingens Anfänge. Die erste Erwähnung in der Vita Sturmi des Eigil von Fulda und die Frühzeit des Klosters Kitzingen (S. 15-27, 3 Abb.), erörtert umsichtig die Quellenstelle, die einen Aufenthalt Sturmis etwa 748 in dem bereits bestehenden Frauenkloster erkennen läßt, und geht auch auf Legenden späterer Jh. ein, die das Bild etwas plastischer machen sollten.
  568. &

    R. S.


  569. Wolfgang Hartmann, Kloster Machesbach und frühmittelalterlicher Adel im Bachgau, Aschaffenburger Jahrbuch 16 (1993) S. 137-237, macht als Gründer des von Einhard (Translatio ss. Marcellini et Petri I, 13, MGH SS 15/1, 244) erwähnten mainfränkischen Klosters die ostfränkischen Mattonen aus, skizziert die Geschichte des Platzes Mosbach im Besitz der Grafen von Wertheim und widmet sich der Abstammung der Einhard-Gattin Imma.
  570. &

    Stefan Beulertz


  571. Heinrich Kunstmann, Der Name "Bamberg", Bericht des Historischen Vereins Bamberg 130 (1994) S. 27-36, erkennt "nicht ein einziges linguistisches Hindernis, das die Slawizität des Namens B. grundsätzlich ausschließt", und zieht diese Erklärung einer Ableitung vom althochdeutschen Personennamen "eines historisch ungenauen oder vielmehr unbekannten Gentilaristokraten" (S. 36) vor.
  572. &

    Stefan Beulertz


  573. Helmut Martin, Die Pest im spätmittelalterlichen Würzburg. Pesterwähnungen in den Quellen. Vom Schwarzen Tod 1348 bis zum Tode Bischof Lorenz von Bibra 1519, Mainfränkisches Jb. 46 (1994) S. 24-72, stellt für den genannten Zeitraum 14 - nicht immer sicher - bezeugte Pestausbrüche fest und versucht im Vergleich den z. T. dürftigen Quellenbefund historisch auszuwerten.
  574. &

    Stefan Beulertz


  575. Peter Willicks, Erhaltenen Besitz sichern und Rechtsansprüche wahren. Die Politik Erzbischof Bertholds von Henneberg gegenüber den Landgrafen von Hessen am Ende des 15. Jahrhunderts, Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde N. F. 51 (1993) S. 13-73, schildert eine Kette von Verhandlungen seit 1482, die 1491 und 1502 in Verträgen kulminierten, und deren territorialpolitische Hintergründe.
  576. &

    E.-D.H.


  577. Rheinische Lebensbilder. Band 14, im Auftrag der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde hg. von Franz-Josef Heyen, Köln 1994, Rheinland Verlag (in Kommission bei Rudolf Habelt, Bonn), 344 S., 18 Abb., ISBN 3-7927-1443-4. - Das MA betreffen zwei der 16 Beiträge: Joachim J. Halbekann, Mechthild von Sayn (1205-1284/85) (S. 29-46); Friedhelm Burgard, Rudolf Losse (um 1310-1364) (S. 47-70).
  578. &

    R. S.


  579. Helga Hemgesberg, Zur frühmittelalterlichen Reichsabtei St. Justina (JülichGüsten), Geschichte im Bistum Aachen 2 (1994) S. 57-80, geht den spärlichen Spuren der durch DDLo. I 96, Lo. II 11, LD. 141 bezeugten, vermutlich auf merowingische Zeit zurückgehenden Kirche nach und weist ihre bislang verkannten Erwähnungen auch in der Vita Willehadi c. 8 (MGH SS 2 S. 382) und im Meersener Vertrag von 870 (MGH Capit. 2 S. 194 Z. 6) nach.
  580. &

    R. S.


  581. Michael Matscha, Heinrich I. von Müllenark, Erzbischof von Köln (1225-1238) (Studien zur Kölner Kirchengeschichte 25) Siegburg 1992, Franz Schmitt, 714 S., 1 Karte, ISBN 3-87710-154-2, DEM 88. - Die 13jährige Amtszeit eines Kölner Erzbischofs, der nicht zu den bedeutendsten seiner Zunft gehört, wird auf über 700 Seiten behandelt; allein das bezeugt schon die Detailbesessenheit der Darstellung, die allerdings mit den Regesten der Erzbischöfe von Köln auf ein vorzügliches Hilfsmittel zurückgreifen konnte, für das S. 605-649 Ergänzungen, S. 654-662 noch 35 Nachträge gegeben werden. Eigene Archivstudien des Vf. erweitern die Quellenbasis nochmals. Die Arbeit ist systematisch, genauer: die Einzelbereiche isolierend, aufgebaut. Nach einer Einleitung zu Herkunft und Werdegang Heinrichs werden nacheinander die Beziehungen des Erzbischofs zum Reich, zur Kurie und - jeweils einzeln - den benachbarten Dynasten und Territorien behandelt. Ein letzter großer Abschnitt (S. 353 ff.) widmet sich dem erzbischöflichen Territorium sowie dessen Regierung und Verwaltung. Die geistliche Amtsführung des Erzbischofs ist nicht eigens behandelt. Sie erscheint vor allem als Ausfluß von territorialpolitischen Bestrebungen: so S. 401 ff. zu den Metropolitanrechten. Vermutlich ist hier besonders der Prozeß in Rechnung zu stellen, mit dem Heinrich seit 1231 an der Kurie überzogen war und der 1233 zu seiner Exkommunikation geführt hatte. Das mag gerade Heinrichs geistliche Amtsführung besonders beeinträchtigt haben, und hier wüßte man gerne, wie und ob M. derartige Zusammenhänge sieht. Aber er wollte wohl nicht die Biographie eines Erzbischofs schreiben, sondern die Politik eines geistlichen Territorialfürsten darstellen. Insgesamt zeichnet er das Bild eines Politikers, der sich klug zurückhielt, sowohl - bei prinzipiell stauferfreundlicher Haltung - in der staufisch-päpstlichen Auseinandersetzung als auch in seiner Politik gegenüber den Dynasten, in der er das auf der Kölner Herzogspolitik aufbauende Macht- und Zentralitätsstreben nicht überspannte. Die Grafengeschlechter behaupteten ihre politischen Möglichkeiten, doch gleichzeitig konnte Heinrich die kölnischen territorialen Positionen am Niederrhein ausbauen.
  582. &

    E.-D.H.


  583. Christiane Neuhausen, Das Ablaßwesen in der Stadt Köln vom 13. bis zum 16. Jahrhundert (Kölner Schriften zu Geschichte und Kultur Bd. 21) Köln 1994, Janus Verlagsges., 310 S., ISBN 3-922977-47-2. - Diese Kölner Diss. gewährt einen ausgewogenen Einblick in das geistige, soziale und wirtschaftliche Leben der Stadt und ihrer einzelnen kirchlichen Institutionen. Die bahnbrechenden Arbeiten von Paulus aus den ersten Dezennien unseres Jh. und mehrere Einzeluntersuchungen bekamen hier ein wichtiges Pendant. In der Darstellung wird nüchtern zwischen den partiellen Ablässen (ab 1225 bezeugt) und Sammelablässen (ab rund 1280 belegt) unterschieden, einen breiten Raum nehmen auch die Ablässe der Jubeljahre ein. Der päpstliche Fiskalismus wird deutlich, ebenso der bauliche und soziale Profit der mit Ablässen "beschenkten" Institutionen. 335 Belege werden im Anhang verzeichnet, darunter 297 bis 1500 (bei Nr. 75 ist durch Versehen der Aussteller mit dem Empfänger vertauscht worden; auch der Name des dort erwähnten Bischofs Thomas von Wierland sollte geklärt werden).
  584. &

    Ivan Hlavácek


  585. Dieter Scheler, Rendite und Repräsentation. Der Adel als Landstand und landesherrlicher Gläubiger in Jülich und Berg im Spätmittelalter, Rheinische Vierteljahrsblätter 58 (1994) S. 121-132, sieht in dem Schuldner-Gläubiger-Verhältnis ein Grundelement des politischen Handelns. Als mit Pfandbesitz ausgestatteter Gläubiger und als Bürge war der Adel dem Landesherrn zugeordnet und gleichzeitig auch untereinander auf Interessenausgleich angewiesen, da eine Zahlungsunfähigkeit des einzelnen das ganze "System" gestört hätte.
  586. &

    E.-D.H.


  587. Winfried Reichert, Zwischen Land und Herrschaft: Rittergericht und Ritterrichter der Grafschaft Luxemburg im 13. und 14. Jahrhundert, Jb. für westdeutsche LG 20 (1994) S. 115-157, gibt für die Jahre von ca. 1235 bis 1371 eine Liste der bezeugten Ritterrichter und bestätigt die Auffassung, die vorübergehende Gefangensetzung des Grafen von Luxemburg und dessen Kreuzzugsplan seien 1266/67 entscheidend für die Ausbildung des Rittergerichtes gewesen. Mit land- und lehnrechtlicher Zuständigkeit besaß der Ritterrichter an französische Gerichtsstrukturen angelehnte Kompetenz. Als Garant von Recht und von Verträgen durfte er gewaltsame Mittel einsetzen, war aber hierbei auf Unterstützung durch den Grafen und den Adel insgesamt angewiesen. Deren Interesse an der Funktionsfähigkeit des Rittergerichts blieb überhaupt ausschlaggebend. Wichtig ist die Beobachtung, daß die deutschsprachigen Teile der Grafschaft (Luxemburg und Arlon) den Rahmen für die Tätigkeit des Ritterrichters bildeten. Seit der Mitte des 14. Jh. übte der Ritterrichter sein Amt offenbar lebenslänglich aus, nicht zuletzt dadurch tritt neben seine Bindung an den Grafen eine gleichwertige an seine Standesgenossen.
  588. &

    E.-D.H.


  589. Michel Pauly, Von der Kloster- zur Stadtschule. Das Schulwesen in der mittelalterlichen Stadt Luxemburg, Jb. für westdeutsche LG 20 (1994) S. 93-114: Schulbetrieb an der Luxemburger Münsterabtei ist für das 12. und 13. Jh. belegbar, eine Pfarrschule entstand im 14. Jh. bei der Kirche St. Nikolaus, wo die Münsterabtei das Patronatsrecht hatte. Erst 1480 verlor die Abtei ihr Schulmonopol, das sie bis dahin mit Hilfe des Landesherrn gegen die Bürger verteidigt hatte. Die Klosterschule blieb als Lateinschule bestehen. Im Anhang werden aus dem Chartular der Münsterabtei Quellen zu St. Nikolaus und zur dortigen Schule veröffentlicht.
  590. &

    E.-D.H.


  591. Johannes Mötsch, Adliger Fernbesitz auf dem Hunsrück: Die Herren von Wildenburg/Eifel und die Grafen von Kessel, Rheinische Vierteljahrsblätter 58 (1994) S. 87-120, präzisiert die Genealogie der Herren von Wildenburg (Stammtafel) bis zu deren Ende im ausgehenden 14. Jh. und listet den Hunsrücker Besitz auf. Aufgrund der geringen Entfernung zwischen dem ursprünglichen Besitzkomplex und dem Fernbesitz konnten die Wildenburger diesen, anders als die Herren von Kessel, behaupten.
  592. &

    E.-D.H.


  593. Hubert Collin, L'abbatiale de Saint-Mihiel: un monument à secrets archéologiques difficilement révélés, Lotharingia. Archives lorraines d'archéologie, d'art et d'histoire 5 (1993) S. 29-90, leitet seine Ausführungen zur Architektur mit einer knappen Darstellung der Geschichte dieser lothringischen Abtei (8.-12. Jh.) ein.
  594. &

    Rolf Große


  595. Martin Ludwig Klassert, Das Mainzer Kollegiatstift St. Peter. Bemerkenswertes aus der Geschichte des Stifts, seiner Besitzungen und seiner Mitglieder, Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde N. F. 52 (1994) S. 11-138, erfaßt die Kurien, Mitglieder und Vikare bis zum Ende des Stifts 1802.
  596. &

    E.-D.H.


  597. Karl Heinemeyer, Territorium ohne Dynastie: Der Erzbischof von Mainz als Diözesanbischof und Landesherr, Hessisches Jb. für LG 44 (1994) S. 1-15: Weniger der Erwerb von Grafschaften als Stifts- und Klosterpolitik bilden bis in das 13 Jh. das Zentrum der Mainzer "Territorialpolitik".
  598. &

    E.-D.H.


  599. Ludwig Falck, Die erzbischöflichen Residenzen Eltville und Mainz, Archiv für mittelrheinische KG 45 (1993) S. 61-81, widmet sich vor allem den baulichen und topographischen Gegebenheiten.
  600. &

    E.-D.H.


  601. Günter Christ, Die Mainzer Erzbischöfe und Aschaffenburg - Überlegungen zum Residenzproblem, Archiv für mittelrheinische KG 45 (1993) S. 83-113, führt seinen Beitrag bis zum Ende des Alten Reiches und zeigt, wie Aschaffenburg als Residenz seit dem 16. Jh. ins Hintertreffen geriet - nicht zuletzt auch deshalb, weil sein Stift, das im späten MA die Voraussetzungen für die Residenz geboten hatte, angesichts zunehmend differenzierter "Behördenorganisation" nicht mehr ein hinreichendes materielles und soziales Substrat darstellte.
  602. &

    E.-D. H.


  603. Martina Knichel, Geschichte des Fernbesitzes der Abtei Prüm im Metropolitanverband Mainz, Archiv für mittelrheinische KG 45 (1993) S. 11-59, behandelt die Diözesen Mainz, Worms und Speyer. Der Ursprung des Besitzes liegt zum großen Teil in der Schenkung Altrips durch Pippin an das Eifelkloster (762); seine Auflösung wird bis in das 15. Jh. verfolgt.
  604. &

    E.-D.H.


  605. Willi Alter, Der missus dominicus Liutfrid und seine Familie im nördlichen Oberrheingebiet, Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz 91 (1993) S. 69-126: Ausgangspunkt der Untersuchung ist die umfangreiche Schenkung von Gütern im Speyergau (Fuldaer UB 403) eines Acbuto/Agoboto, von dem sonst nichts bekannt ist. Weitere Schenkungen aus dem in der Urkunde genannten Geinsheim führen zur Hypothese, Acbuto sei eine Verschreibung für Dragebodo, ein Name, der bei dem Brüderpaar Liutfrid - Dragebodo nachzuweisen ist. Von da aus rekonstruiert A. die Familie Liutfrids, der 773 (?) als missus dominicus erscheint, über drei Generationen. Als Zentren ihres Besitzes erscheinen Speyergau und Wetterau; verwandtschaftliche Beziehungen zu den Etichonen werden vermutet, können aber nicht präzisiert werden.
  606. &

    E.-D.H.


  607. Gerd Mentgen, Das kaiserliche Hofgericht Rottweil und seine Bedeutung für die Juden im Mittelalter am Beispiel des Elsaß, ZRG Germ. 112 (1995) S. 396-407, weist auf die häufige Inanspruchnahme des Rottweiler Hofgerichts durch elsässische Juden hin, die zwar ihre Schuldner auch vor heimischen Gerichten hätten verklagen können, sich aber gern nach Rottweil wandten, wo sie sich günstigere Urteile erhoffen konnten.
  608. &

    G. Sch.


  609. Herrad Spilling, Sanctarum reliquiarum pignera gloriosa. Quellen zur Geschichte des Reliquienschatzes der Benediktinerabtei Zwiefalten, Bad Buchau 1992, Federsee-Verlag, 109 S., 8 farbige Taf., ISBN 3-925171-25-8. - Zweimal wurde der Reliquienschatz der Doppelklosters Zwiefalten im Laufe des MA systematisch verzeichnet: in der Mitte des 12. Jh. durch die miteinander rivalisierenden Chronisten Ortlieb und Berthold und am Ende des 15. Jh. durch einen namentlich nicht genannten Custos, dessen Verzeichnis auch ediert und reich kommentiert wird (Stuttgart, Württembergische Landesbibl., Cod. theol. et phil. 8o 70). Ein umfänglicher, alle Quellen berücksichtigender und minutiös auslegender Einleitungsteil rückt den reichen, heute nur noch in wenigen Teilen vorhandenen Reliquienbestand in seinen historischen Kontext.
  610. &

    H. S.


  611. Rolf Kiessling (Hg.), Judengemeinden in Schwaben im Kontext des Alten Reiches (Colloquia Augustana 2) Berlin 1995, Akademie Verlag, 336 S., ISBN 3-05-002616-2, DEM 68. - Der Bd. dokumentiert eine vom Institut für Euro-päische Kulturgeschichte 1992 veranstaltete internationale Tagung. Leider konnten zwei das MA betreffende Beiträge nicht abgedruckt werden (es fehlt der von Georg Kreuzer, Die theologischen Begründungen der Judenfeindschaft im Mittelalter, und der von Alfred Haverkamp, der anderenorts erschienen ist, vgl. S. 18 Anm. 19), so daß hier nur zwei Beiträge anzuzeigen sind: Bernhard Schimmelpfennig, Christen und Juden im Augsburg des Mittelalters (S. 23-38), gibt eine interessante Zusammenfassung jüdischen Lebens in Augsburg bis zur Austreibung 1438, und Michael Toch, Zur wirtschaftlichen Lage und Tätigkeit der Juden im deutschen Sprachraum des Spätmittelalters (S. 39-50), der in einem vergleichenden Überblick mit dem Stereotyp aufräumt, Juden seien Geldverleiher (und reich) gewesen: Sie waren außerdem Ingenieure, Ärzte, im Warenhandel tätig, übten (bisweilen schwer belegbar) dienstleistende Berufe oft niedriger Art aus und sind auch als Handwerker nachweisbar (oft allerdings nur indirekt als Rückschluß auf entsprechende Verbote).
  612. &

    G. Sch.


  613. Gerd Mentgen, Jüdische Proselyten im Oberrheingebiet während des Spätmittelalters. Schicksale und Probleme einer "doppelten" Minderheit, ZGORh 142 (1994) S. 117-139, stellt eine vielgestaltige Reihe von Fällen seit dem 12. Jh. vor, für das 15. Jh. sinkt die Zahl der Belege für getaufte Juden.
  614. &

    E.-D.H.


  615. Alois Niederstätter, Neue Forschungen zu Graf Hugo I. von Montfort sowie zur Gründung der Stadt Bregenz, Montfort 46 (1994) S. 271-281, beschreibt Linienteilung, Residenzbildung und Namenwahl der schwäbischen Grafen.
  616. &

    Herwig Weigl


  617. Gerhard Immler, Gerichtsbarkeit und Ämterbesetzung in Stadt und Stift Kempten zwischen 1460 und 1525. Eine Auseinandersetzung um Territorialisierung, Landeshoheit und Einflußsphären in Schwaben, Zs. f. bayer. LG 58 (1995) S. 509-552, schildert die verwickelten Rechtsverhältnisse und den Verlauf der Streitigkeiten, bei denen es weniger um die Rechte des Reichsstifts in der Stadt, sondern um deren Versuch ging, ihre Unabhängigkeit in vollem Umfang durchzusetzen und gleichzeitig ihren Einfluß auf das Umland zu erhalten und auszubauen. Dies kollidierte mit den Bestrebungen des Stifts, eine Territorialherrschaft zu errichten.
  618. &

    A. G.


  619. Mireille Othenin-Girard, Ländliche Lebensweise und Lebensformen im Spätmittelalter. Eine wirtschafts- und sozialgeschichtliche Untersuchung der nordwestschweizerischen Herrschaft Farnsburg (Quellen und Forschungen zur Geschichte und Landeskunde des Kantons Basel-Landschaft 48) Liestal 1994, Verlag des Kantons Basel-Landschaft, 517 S., ISBN 3-85673-236-5. - Die detaillierte Untersuchung der bäuerlichen Lebenswelt in Dörfern der Vogtei Farnsburg, die seit 1461 der Stadt Basel gehörte, während des späteren MA zeichnet sich durch zwei Besonderheiten aus. Erstens werden als Quellen neben den üblichen grundherrlichen und herrschaftlichen Aufzeichnungen Jahrzeitbücher herangezogen, die für mehrere Pfarrkirchen und für das Landkapitel Sisgau überliefert sind; sie gestatten Einblicke in das Familien- und Gemeinschaftsbewußtsein der bäuerlichen Stifter sowie in ihre wirtschaftliche Lage. Zweitens geht die Untersuchung nicht von den Grund- oder Territorialherren aus, obwohl ein Überblick über die Herrschaften gegeben wird, sondern von den Bauern. Dargestellt werden demographische und familiäre Strukturen (Bevölkerungszahl, Haushalts- und Familiengröße), die Wirtschaftsweise (Besitzgrößen, -arten, -belastungen, ländliches Gewerbe), Vermögen, Steuern, Reispflicht, Stiftungen und Tätigkeiten in speziellen Ämtern (Vögte, Meier, Kirchmeier, Urteiler). 60 Tabellen, 8 Graphiken, 10 Karten und die Stammtafel einer Müllerfamilie veranschaulichen die Ergebnisse. Obwohl das lokale Erbrecht Realteilung vorsah, wurden Höfe so gut wie nie geteilt. Selbst die Weitergabe größerer Besitzkomplexe vom Vater auf den Sohn war nicht die Regel. Kinder verließen gewöhnlich früh das Elternhaus, um als Knechte oder Mägde bzw. im Tagelohn zu arbeiten. Familienbewußtsein manifestierte sich dagegen bei den Jahrtagsstiftungen. Trotz deutlicher Unterschiede hinsichtlich Besitzgrößen und Vermögen, trotz einer zahlenmäßig starken Gruppe armer Landbewohner zeichnet sich keine starre Schichtenbildung ab, sondern Offenheit für vertikale Mobilität, was umgekehrt bedeutet, daß die führenden Personen in den Dörfern ihrer Position nicht sicher sein konnten. Die klar aufgebaute und präzise formulierte Darstellung regt zum Vergleich mit anderen Regionen an.
  620. &

    K. B.


  621. Roland Gerber, Öffentliches Bauen im mittelalterlichen Bern. Verwaltungs- und finanzgeschichtliche Untersuchung über das Bauherrenamt der Stadt Bern, 1300 bis 1550 (Archiv des Historischen Vereins des Kantons Bern 77) Bern 1994, Historischer Verein des Kantons Bern, 184 S., 15 Abb., mehrere Graphiken und Photoreproduktion des Sickingerplanes, ISBN 3-85731-0016-9, befaßt sich vornehmlich mit der Entwicklung und Finanzierung des Bauherrenamtes; Studien zu Baumaterialien, Techniken oder Handwerkern finden darin keinen Platz. Die kurzen Vergleiche mit anderen Städten des deutschen Raumes sind von Interesse, doch fehlen weitgehend Erklärungen der verwendeten Termini, was den Zugang für ein größeres Publikum erschwert. - Brandschutzaufgaben führen anfangs des 14. Jh. zur Einsetzung von Beamten durch den Rat. Große Bauvorhaben wie die Westbefestigung und weitere Brände vermehren die Aufgaben und fordern eigene Administration und selbständige Rechnungsführung. Wie in vergleichbaren Schweizer Städten, läuft die Konzentration im Bauherrenamt (von 4 auf 1 Bauherrn) parallel zur Verfassungsentwicklung. Berns Bauverwaltung verfügt aber, im Gegensatz zu anderen, auch deutschen Städten, schon sehr früh über rechtliche Eigenständigkeit und eigene Einnahmen, vornehmlich aus Boden- und Lehenzinsen, später auch aus Steuern und Zöllen, so daß die Bauvorhaben weitgehend aus eigenen Mitteln bestritten werden können. Die faßbaren Daten werden im 16. Jh. dichter. Ein Sachwortverzeichnis und eine Literaturliste beschließen den Band.
  622. &

    D. S.


  623. Peter Jäggi, Untersuchungen zum Klerus und religiösen Leben in Estavayer, Murten und Romont im Spätmittelalter (ca. 1300 - ca. 1530), Freiburg (Schweiz) 1992, Einsiedeln (Kloster) 1994, Selbstverlag, 545 S., ISBN 3-9520625-0-2, SFR 48. - Seit dem Erscheinen des Kollegiatstiftsbandes der Helvetia Sacra im Jahr 1977 (vgl. DA 36, 311 f.) sind in der Schweiz nicht wenige Chorherrenstifte neu untersucht worden. Eine offene Frage blieben die Klerikergemeinschaften der Westschweiz, die zwar faktisch den Stand von Kollegiatstiften erreicht hatten, formell aber nie zu solchen erhoben wurden. In dieser Freiburger Diss. hat J. sich drei von ihnen vorgenommen, welche heute im Kanton Freiburg liegen. Aus disparatesten archivalischen Verhältnissen hat er die Biogramme von rund 500 Klerikern gewonnen (187 von Estavayer, 110 von Murten und 221 von Romont), welche er in einem ersten Teil interpretiert. In einem zweiten Teil geht er auf die gemeinschaftlichen Aspekte ein, so auf die Statuten, welche nur im Fall von Romont überliefert sind. Im Fall von Estavayer werden sie gewissermaßen durch eine Gottesdienstordnung (von 1432) vorweggenommen, welche dem Klerus von der städtischen Obrigkeit aufoktroyiert wurde. Sichtbaren Ausdruck haben die Pseudokollegialen auch in ihren Chorgestühlen gefunden, die praktisch alle in der zweiten Hälfte des 15. Jh. entstanden und stilistisch eng miteinander verwandt sind. Ein weiterer Teil ist dem religiösen Leben in den drei Kleinstädten gewidmet, den Altar- und Messestiftungen (welche einen zahlreichen Klerus überhaupt erst entstehen ließen), den Testamenten (für Murten sind von 1360-1528 rund 150 Testamente überliefert) und dem Predigtwesen; hier sind gewichtige Bausteine für eine Geschichte der vorreformatorischen Predigt in der Diözese Lausanne erarbeitet. Die gleichzeitige Bearbeitung von drei Klerikergemeinschaften erweist sich als sehr vorteilhaft, denn so können Vergleiche gezogen und kann, wo einzelne Elemente fehlen, komplementär gearbeitet werden. Was man dem Autor vorwerfen muß, ist eine gewisse klerikale Perspektive ("die Schlüsselrolle des Klerus für das religiöse Leben"); gerade aus der Geschichte der Kollegiatstifte ist der Einfluß der Laien, der städtischen Obrigkeiten, nicht wegzudenken.
  624. &

    Kathrin Utz Tremp


  625. Das Christentum im bairischen Raum. Von den Anfängen bis ins 11. Jahrhundert, hg. von Egon Boshof und Hartmut Wolff (Passauer Historische Forschungen 8) Köln-Weimar-Wien 1994, Böhlau, 482 S., 28 Tafeln, 6 Kartenbeilagen, ISBN 3-412-13993-9. - Der Band vereinigt Vorträge eines an der Universität Passau 1989 abgehaltenen Symposiums zur Entwicklung des Christentums in den römischen Provinzen Pannonien, Noricum und Raetien sowie im frühma. Bayern, das insbesondere der Frage nachging, ob sich aus archäologischen Funden Hinweise auf Kontinuität des Christentums in dieser Region ergeben. Zu den Beiträgen im einzelnen: - Hartmut Wolff, Die Kontinuität der Kirchenorganisation in Raetien und Noricum bis an die Schwelle des 7. Jahrhunderts (S. 1-27), beantwortet nach literarischen und archäologischen Befunden die Frage positiv, ob es an einzelnen Orten eine durch die Existenz von Bischöfen dokumentierte christliche Kontinuität gegeben habe; deren Abbruch datiert er in das Ende des 6. bzw. in das 7. Jh., betont jedoch, daß christliches Leben in Form von Klöstern und Mönchen bis ins 8. Jh. weiterexistiert habe. - Rajko Bratoz, Der Einfluß Aquileias auf den Alpenraum und das Alpenvorland (Von den Anfängen bis um 700) (S. 29-61), zeigt den unterschiedlich starken Einfluß Aquileias auf verschiedenen Gebieten des kirchlichen Lebens und geht auch dessen Schwinden sowie dem Nachleben des antiken Christentums nach. - Helmut Bender, Die Christianisierung von Flachlandraetien bis zur Mitte des 5. Jahrhunderts (S. 63-92), sieht lediglich in Augsburg sowie in dessen Umgebung sichere Anzeichen für die Präsenz und weitere Ausbreitung des Christentums im 4. Jh. - Helmut Bender, Katalog der frühchristlichen Befunde und Funde von der Mitte des 5. Jahrhunderts bis zum Ende des 7. Jahrhunderts n. Chr. in Flachlandrätien (unter Mitarbeit von Thomas Fischer und Günther Moosbauer) (S. 79-92). - Thomas Fischer, Bemerkungen zur Archäologie der Severinszeit in Künzing und Passau (S. 93-127), leitet aus den Grabungen der letzten Jahre für Künzing eine kontinuierliche Besiedlung seit der Römerzeit ab, wohingegen Passau bestenfalls als spärlich bewohnter Platz weiterexistierte und auch Boiotro kaum durchgängig bevölkert war. - Hannsjörg Ubl, Die Christianisierung von Noricum Ripense bis zum 7. Jahrhundert nach den archäologischen Zeugnissen (S. 129-151), stellt in einem Katalog elf Fundorte in Ufernoricum mit möglicherweise frühchristlichen Befunden vor und kontrastiert dieses Resultat mit schriftlichen Quellen, die ein deutlich dichteres Bild von der Christianisierung zeichnen. - Marianne Pollak, Die Gräberfelder von Mautern und das Christentum im Favianis des heiligen Severin (S. 153-169), sieht durch die Funde einen Teil der Aussagen historischer Quellen bestätigt. - Christine Schwanzar, Die Kleinfunde der Basilika St. Laurenz, Enns-Lorch, Oberösterreich (S. 171-191). - Franz Glaser, Die Christianisierung von Noricum Mediterraneum bis zum 7. Jahrhundert nach den archäologischen Zeugnissen (S. 193-229), ist die größtenteils wörtliche Wiedergabe eines 1993 an anderer Stelle erschienenen Beitrages (vgl. DA 50, 306 f.). - Renate Pillinger, Die malerische Innenausstattung frühchristlicher Kirchen in Noricum (S. 231-240), behandelt die in Teurnia 1986 und 1987 geborgenen Fragmente. - Endre Tóth, Das Christentum in Pannonien bis zum 7. Jahrhundert nach den archäologischen Zeugnissen (S. 241-272), sieht archäologische Belege für das Weiterleben der christianisierten Provinzialbevölkerung, die erst um 700 in eine kulturelle Isolation geriet. - Heinrich Koller, Die bairische Kirchenorganisation des 8. Jahrhunderts: Ansätze, Konzepte, Verwirklichung (S. 273-289), geht der Frage nach, ob es vor Bonifatius Bischöfe und Bischofssitze in Bayern gegeben habe, was von ihm allenfalls für Passau angenommen wird. - Josef Semmler, Das Klosterwesen im bayerischen Raum vom 8. bis zum 10. Jahrhundert (S. 291-324), bietet einen weitgespannten, nach bischöflichen, herzoglichen und adligen Gründungen gegliederten Überblick der bayerischen Klosterwelt bis 816 und verfolgt die anschließenden, wenig erfolgreichen Bemühungen, die Klöster im Sinne Ludwigs des Frommen zu reformieren. - Siegfried Haider, Zum Niederkirchenwesen in der Frühzeit des Bistums Passau (8.-11. Jahrhundert) (S. 325-388), untersucht anhand von Schenkungs- und Tauschurkunden sowie von Synodalbeschlüssen und Kapitularien das vorwiegend eigenkirchlich geprägte Niederkirchenwesen im Bistum Passau und macht deutlich, daß die erst seit der Mitte des 11. Jh. aufkommende Bezeichnung parrochia den Beginn einer organisatorischen Konzentration der Seelsorge markiert. - Wilhelm Störmer, Besitz und Herrschaftsgefüge im Passauer Raum des 8./9. Jahrhunderts. Herzog, König, Adel und Kirche (S. 389-422), gelangt bei seiner quellennahen, auf Kirchen-, Herzogs-, Königs- und Adelsbesitz gerichteten Untersuchung zu dem Schluß, daß die einzelnen Herrschaftsträger eng verflochten waren, womit "keineswegs eine Konfliktfreiheit postuliert werden" soll. - Franz-Reiner Erkens, Die Ursprünge der Lorcher Tradition im Lichte archäologischer, historiographischer und urkundlicher Zeugnisse (S. 423-459), sieht keine Belege für einen Zusammenhang der Gründung des Bistums Passau mit dem untergegangenen spätantiken Bischofssitz Lorch und macht deutlich, daß die Erinnerung daran erst von Bischof Pilgrim in der zweiten Hälfte des 10. Jh. in Anspruch genommen wurde. - Egon Boshof, Die Reorganisation des Bistums Passau nach den Ungarnstürmen (S. 461-483), schildert die Bemühungen Pilgrims (971-991), die Schäden, die das Bistum durch die Ungarneinfälle und in den Aufständen Heinrichs des Zänkers erlitten hatte, durch enge Anlehnung an den König wiedergutzumachen. - Besonders hervorzuheben ist die reiche Ausstattung des Bandes mit Karten, Beilagen, Abbildungen und Tafeln, die die Ausführungen der einzelnen Beiträge z. T. deutlich unterstreichen.
  626. &

    Stephan Freund


  627. Wilhelm Störmer, Die Bedeutung der früh- und hochmittelalterlichen Pfalz Altötting für das Herzogtum Bayern und das Königtum, Zs. f. bayer. LG 58 (1995) S. 191-207, stellt den historiographischen Quellen aus der Zeit vom 12. bis zum 18. Jh. mit ihrer rühmenden Hervorhebung Altöttings hinsichtlich der bayerischen Stammesgenese die Aussagen aus früherer Zeit, vor allem urkundliche Zeugnisse, gegenüber, welche Altötting bereits für das 8. Jh. als "pfalzartige Institution" und wichtigen Gerichtsort ausweisen. Die Bedeutung Altöttings wird noch unter Heinrich III. und Heinrich IV. sichtbar, als die Pfalz - wie bereits unter den Ottonen - "mit ziemlicher Sicherheit" unter der Kontrolle des bayerischen Herzogs stand.
  628. &

    A. G.


  629. Karl Brunner, Herzogtümer und Marken. Vom Ungarnsturm bis ins 12. Jahrhundert (Österreichische Geschichte, hg. von Herwig Wolfram: 907-1156) Wien 1994, Ueberreuter, 560 S., zahlr. Abb., Karten u. Stammtafeln, ISBN 3-8000-3521-9, DEM 110. - Das Buch ist Vorreiter einer Geschichte Österreichs in seinen heutigen Grenzen, die auf zehn Bände anwachsen soll und natürlich in ihrem räumlichen wie zeitlichen Zuschnitt für die älteren Jahrhunderte allerhand Probleme aufwirft. Der Vf. ist sich der Schwierigkeiten voll bewußt und sucht sie durch "moderne Strukturgeschichte" (S. 9) zu überwinden, was bedeutet, daß er innerhalb von drei locker gefügten Haupt-Kapiteln über das 10. Jh. ("Erbe und Auftrag", S. 11-135), über das 11. Jh. ("Der Wandel der Dinge", S. 137-331) und über das frühe 12. Jh. ("Werdendes Land", S. 333-424) relativ viel Raum der reflektierten Darstellung allgemeiner Gegebenheiten wie materielle Kultur, Jahresrhythmus, Verkehrswesen, Burgenbau, geistliche Reformbewegungen o. ä. widmet und dabei allenfalls regionale Beispiele bevorzugt. Die im engeren Sinne landesgeschichtlichen Abschnitte (über Adel, Kirche und Herrschaftsbildung) behandeln durchweg gesondert die Entwicklungen in den Donauländern, in Karantanien und seinem Umfeld sowie in den Alpenländern und gehen erfreulich ungezwungen mit den viel späteren Grenzen an Salzach, Brenner oder Leitha um. Was bei der abwechslungsreichen Themenfolge ein wenig auf der Strecke bleibt, ist die chronologische Perspektive, u. a. mit der Folge, daß die Schilderung Kaiser Konrads II. (S. 146 ff.) weit vor derjenigen Heinrichs II. (S. 174 ff.) begegnet. Insgesamt aber ist ein sehr eigenständiges Werk anzuzeigen, das in eindringlicher Sprache und ständig spürbarem Bezug zu den Quellen (einschließlich der deutschen Dichtung) bewußt nicht nur Fachleute anspricht und seine detailreichen Ausführungen durch eine Fülle gut gewählter Illustrationen, durch über 1000 gelehrte Fußnoten und eine Bibliographie, durch eine Zeittafel und sogar ein Glossar spezifischer Begriffe unterstützt. Anders als bei einem Handbuch klassischen Zuschnitts fühlt man sich mehr zum Lesen längerer Partien als zum raschen Nachschlagen bestimmter Einzelheiten eingeladen. Wer sich dennoch als punktueller Benutzer versucht, muß bei dem abschließenden Register etwas auf der Hut sein: Was dort unter "Limburg/Lahn" nachgewiesen wird, führt tatsächlich ins Herzogtum Limburg oder nach Limburg bei Weilheim an der Teck; einen westfränkischen König Ludwig II., der Kaiser wurde, gab es ebensowenig wie eine Tochter Heinrichs I. namens Mathilde, die König Konrad von Burgund geheiratet hätte.
  630. &

    R. S.


  631. Ludwig Holzfurtner, Die Grafschaft der Andechser: Comitatus und Grafschaft in Bayern, 1000-1180 (Historischer Atlas von Bayern. Teil Altbayern, R. 2, H. 4) München 1994, Kommission für Bayerische Landesgeschichte, 404 S. - Die Münchener Habilitationsschrift analysiert am Beispiel der Andechser die Entwicklung der Grafschaft in Bayern bis zum Herzogtum der Wittelsbacher. In einem ersten Teil behandelt der Vf. allgemeine Probleme von Graf und Grafschaft in Bayern, gibt einen mit methodischen Überlegungen verbundenen Überblick über Forschungsprobleme und schildert die bayerischen Grafschaften bis 1000. Im zweiten Teil stehen Ausgangslage, Entstehung und Veränderung der Grafschaft Dießen-Andechs im Mittelpunkt. Im dritten Teil zieht der Autor Vergleichsbeispiele (Grafschaft Wasserburg, die Andechsischen Grafschaften um Passau) heran, an denen er Parallelentwicklungen und Unterschiede aufzeigt. Bemerkenswert ist vor allem der abschließende vierte Punkt, in dem sich H. mit Problemen und Ursachen der Grafschaften befaßt und seine Resultate in den verfassungsrechtlichen Kontext der Zeit von 1000-1180 einbettet. Durch die Erbschaft der Allodien aussterbender Dynastenfamilien hatten die Andechser bis 1100 in ihnen bis dahin nicht zugänglichen Bereichen beherrschenden Einfluß erlangt, zunächst allerdings ohne Auswirkung auf die Grenzen der alten Komitate. Seit dem zweiten Drittel des 11. Jh. traten in Bayern verstärkt Grafen wie die Grafen von Scheyern und Weyarn auf, die gestützt auf allodiale und vogteiliche Rechte die alten Komitatsgrenzen überwanden, verwaiste Komitate ihrem Machtbereich angliederten und alte Grafenfamilien wie die Ortenburger verdrängten. Den Andechsern gelang es erst um 1100, durch den Erwerb der Klostervogteien Benediktbeuren und Tegernsee an diese Entwicklung Anschluß zu finden, und eine neue, nunmehr in einer Linie konzentrierte Herrschaft aufzubauen. Neben diesen Einzelergebnissen sind jedoch vor allem H.s Ausführungen zur Grafschaft im allgemeinen bedeutsam, die sowohl hinsichtlich ihrer Fragestellung und ihres methodischen Vorgehens als auch in bezug auf die erzielten Resultate die rechts- und verfassungsgeschichtliche Diskussion beträchtlich bereichern werden. Um 1000 bestand in Bayern - so H. - "eine weitgehend funktionierende Landschaft alter comitatus, eine offensichtlich flächendeckende Organisation exakt gegeneinander abgegrenzter territorialer Zuständigkeitsbezirke der jeweiligen Grafen" (S. 370), deren Macht auf dem Gericht über die Freien, über Erbe und Eigen sowie auf der militärischen Führung beruhte. An die Stelle dieser Organisation trat seit dem 11. Jh. allmählich ein Netz neuer, nunmehr dynastischer Herrschaften, deren Grenzen sich größtenteils von den Grenzen der alten Komitate gelöst hatten und deren Macht auf Allodialbesitz sowie auf der durch die Vogtei über Kirchengüter erworbenen niedergerichtlichen Gewalt beruhte infolge der königlichen Vogteipolitik seit Heinrich III. Unterstützt wurde dieser Prozeß durch eine personelle Verringerung des Adels seit Beginn des 11. Jh. sowie durch die Anziehungskraft, die die monastische Bewegung und die aufkommende Ministerialität auf die kleinen Freien ausübte, womit die gräfliche Gerichtsbarkeit weitgehend bedeutungslos wurde. Das Grafenamt büßte durch die Ministerialenheere, die an die Stelle des vom Grafen geführten Aufgebots der Freien traten, weiter an Bedeutung ein. Diese auch außerhalb Bayerns zu beobachtende Entwicklung hatte dort zur Entstehung eigenständiger, unmittelbar unter dem König existierender Grafschaften geführt. Dies war in Bayern nicht der Fall - im Gegenteil: Gerade ihre in diesem Prozeß als Grafen (!) errungene territoriale Basis ermöglichte es den Wittelsbachern, den Wegfall der herzoglichen Gewalt energisch zu verhindern und das Herzogtum, das bis 1180 zu einem fast leeren Titel geworden war, an die Spitze des Territorialisierungsprozesses zu stellen, der letztendlich zur Entstehung des modernen Staates führte. Die alte gräfliche Gerichtsbarkeit ging dabei vielfach, so die Grafschaft Wasserburg, in Form des Landgerichts in die Organisation des Landes ein. Die als Anhang beigefügten "Anmerkungen zur Herkunft, Genealogie und Geschichte der Andechser" befreien die Forschung von vielen Hypothesen zum Geschlecht der Andechser. - Ein Orts- und Personenregister erschließt das Werk. 4 Kartenbeilagen ergänzen die Aussagen des Textes.
  632. &

    Stephan Freund


  633. Gerald Gänser, Die Mark als Weg zur Macht am Beispiel der "Eppensteiner" (2. Teil), Zs. des Historischen Vereines der Steiermark 85 (1994) S. 73-122, setzt auf reicher Quellenbasis und dem Gegenstand gemäß nicht immer ganz übersichtlich seine Untersuchung (vgl. DA 49, 380) der genealogischen und politischen Verflechtungen des bayerischen Hochadels bis ins frühe 12. Jh. fort und kann den Eppensteinern ihren Platz in der Reichsgeschichte einräumen, indem er über spätere Landesgrenzen hinausblickt.
  634. &

    Herwig Weigl


  635. Maximilian Weltin, Die Grafschaft Pernegg-Drosendorf, Das Waldviertel 44 (55) (1995) S. 1-22, verbirgt unter diesem Titel an entlegener Stelle eine gründliche Quellenanalyse, die zur Eliminierung eines fiktiven Babenbergers aus dem Stammbaum der österreichischen Markgrafen und zur Einordnung einer als Fabrikat des späten 13. Jh. erkannten, auf Herzog Friedrich II. von Österreich lautenden Urkunde in die politische und Verfassungsentwicklung des Landes führt.
  636. &

    Herwig Weigl


  637. Alois Schmid, Kloster Prüfening. Eine bayerische Prälatur vor den Toren der Reichsstadt Regensburg, Zs. f. bayer. LG 58 (1995) S. 291-315, verfolgt am Beispiel dieser Benediktinerabtei die Klosterpolitik der Wittelsbacher, die "neben der Städte-, der Bistums-, der Adels-, der Burgen- und der Ministerialenpolitik eine der wichtigsten Säulen" bei der Ausbildung der Landesherrschaft geworden ist.
  638. &

    A. G.


  639. Klaus Fischer, Der Regensburger Fernhandel und der Kaufmannsstand im 15. Jh., Erlangen 1990, Universitätsbibliothek, Diss. Wirtschafts- u. Sozialwissenschaften, 310 S. - Behandelt wird die Wirtschaftsgeschichte Regensburgs in einer Epoche, die allgemein als eine Zeit des Niedergangs angesehen wurde. Dabei ist die Quellenlage schwierig, so daß nur unter Auswertung ganz unterschiedlicher Quellen ein Gesamtbild gezeichnet werden kann. Deshalb spielen auch allgemeine Erwägungen zur Stadtgeschichte eine größere Rolle. Der Niedergang des Handels, zeitgleich mit dem Aufstieg Nürnbergs, erweist sich dabei als ein langer Prozeß ohne starke Zäsuren und fiel bereits den Zeitgenossen auf. Trotzdem erreicht der Regensburger Handel auch im 15. Jh. noch jenen weit gespannten Umfang, der die Blüte im 12. bis 14. Jh. kennzeichnete. Am Ende ist es ein ganzes Bündel von Ursachen, das zum Niedergang führt: Die Hussitenkriege, die Auseinandersetzung Sigismunds mit Venedig, die Politik Friedrichs III., der Rückzug der Fernhändler aus dem Rat, soziale Spannungen, Zerrüttung der Stadtfinanzen haben zum Verlust der Stellung Regensburgs im internationalen Handel beigetragen. Das Kapital reichte nicht mehr, um mit den großen oberdeutschen Familien mitzuhalten. In gewissem Sinne bestätigt die Untersuchung die traditionelle Sicht der Regensburger Geschichte, kann aber für sich in Anspruch nehmen, den Niedergang in allen Aspekten dargestellt zu haben.
  640. &

    Gerhard Rösch


  641. Herbert Stöwer, Lemgo und Kloster Willebadessen (1149-1202), Westfälische Zs. 143 (1993) S. 199-220 (mit 1 Karte), erörtert unter Heranziehung der Besitzgeschichte des Klosters Willebadessen die Anfänge des Ortes Lemgo. In diesem Zusammenhang werden hier erstmals die Gründungsurkunde des Klosters Willebadessen von 1149 (vgl. Westf. UB II 1736, hier S. 202-205 mit Vergleich der zweiten Ausfertigung von 1158) und eine Schenkungsurkunde der Brüder Adalbert, Rodolf und Johannes von Watervelde aus dem Jahre 1202 (vgl. Westf. UB IV 6, hier S. 211-212) vollständig abgedruckt. Es ergibt sich, daß in der Urkunde von 1149 mit Limego kein Gau, sondern eine Siedlung bezeichnet wird. - Zu Liudolf von Oesede (S. 207 f.) hätten die Ausführungen von W. Seegrün in Germania Benedictina 9 (1984) S. 459-471 genutzt werden können. Einem Regest kann man nicht vorwerfen, daß es "unvollständig" ist (S. 211).
  642. &

    Goswin Spreckelmeyer


  643. Andreas Sohn, Ein Quellenfund zur Bevölkerungszahl der Stadt Unna im 15. Jahrhundert, Westfälische Zs. 144 (1994) S. 9-20, versucht, ausgehend von einer Angabe in einem kurialen Supplikenregister, wo für die Pfarrkirche zu Unna im Jahre 1440 die Zahl der Kommunikanten mit "mehr als 2000" angegeben ist, die Größe der Gesamtbevölkerung dieser Stadt im 15. Jh. zu erschließen: zwischen 2500 und 3200 Einwohner.
  644. &

    Goswin Spreckelmeyer


  645. Enno Bünz, Das Stift Neumünster und Elmshorn im 12. Jahrhundert. Zur ersten schriftlichen Erwähnung des Ortes 1141, Beiträge zur Elmshorner Geschichte 5 (1991) S. 7-26. - Elmshorn gehörte zu den Besitzungen des von Erzbischof Adalbero von Hamburg-Bremen in den 30er Jahren des 12. Jh. gegründeten Augustiner-Chorherrenstifts Neumünster. Hierüber liegen mehrere Urkunden vor, die B. im einzelnen untersucht. Die älteste, nach Meinung des Vf. echte Urkunde vom 11. Juli 1141 wird von ihm im Anhang ediert (S. 21-26).
  646. &

    A. G.


  647. Barbara Hoen, Deutsches Eigenbewußtsein in Lübeck. Zu Fragen spätmittelalterlicher Nationsbildung (Historische Forschungen 19) Sigmaringen 1994, Jan Thorbecke Verlag, 222 S., ISBN 3-7995-0468-0, DEM 68. - In ihrer gediegenen Arbeit gibt die Vf. zunächst einen Überblick über die Stadtentwicklung Lübecks sowie über die dortige Geschichtsschreibung und das lübeckisch-hansische Schriftgut. Schließlich folgt die Sichtung der einschlägigen Quellenbelege mit dem Wort "deutsch". Der Erkenntnisgewinn ist erheblich; nicht zuletzt kann die Verfasserin einige Male aufzeigen, daß in der lübischen Chronistik ein "deutscher" Bezug auftaucht, wo deren Vorlagen auf kleinere regionale Einheiten abheben. Bei der Untersuchung des Reichsbewußtseins im Lübecker historiographischen Schriftgut zeigt sich, daß in diesem Bereich - entgegen oft in der Forschung geäußerten Annahmen - mit am deutlichsten ein deutsches Eigenbewußtsein formuliert wird. Der "römische König" (der übrigens nicht, wie behauptet, seit Konrad III., sondern schon während der Zeit Heinrichs V. und Lothars III. als offizieller Titel in den Urkunden erscheint) kann als "König der Deutschen" oder "König von Alemannien" aufgeführt werden, was neben anderem darauf hindeutet, daß die Besonderheit des nordalpinen Regnum innerhalb des Imperium in Lübeck bewußt herausgestellt wird. Interessant ist, daß es bei den verschiedenen Texten über die Deutschen eines Kontrastbewußtseins kaum bedarf und schon gar nicht einer Negativbestimmung fremder Völker; der im Zusammenhang mit der 1460 erfolgten Wahl des dänischen Königs Christian I. zum Landesherrn auch von Schleswig und Holstein aufgezeichnete bittere Satz der Ratschronik: aldus worden de Holsten Denen bleibt ziemlich singulär. Daß die Sprache, wie heute oftmals betont, bei der Nationsbildung keine überragende Rolle spielt, wird hier im Detail noch einmal bestätigt; daß im 15. Jh. gegenüber früheren Zeiten das deutsche Eigenbewußtsein in der Reichs- und Hansestadt wieder abnimmt, ist auffällig. Insgesamt konstatiert H. für die führenden Schichten in Lübeck ein deutsches Eigenbewußtsein, das seinen Platz neben Stadtinteressen, regionalen Bindungen und religiösen Vorstellungen durchaus behauptet. Da jedoch die Vf. das Nationalbewußtsein eng mit entsprechenden Handlungsmotiven verbunden sieht, hält sie es beim hansestädtischen Bürgertum nur für schwach entwickelt, obwohl die Deutschen auch ihrer Meinung nach im 14. und 15. Jh. als Nation anzusehen sind.
  648. &

    Wolfgang Eggert


  649. Mateusz Goli_ski, Die Anfänge der Kaufhäuser und Reichkrame in den schlesischen Städten, Zs. für Ostforschung 42 (1993) S. 1-20, gibt einen Überblick über die namentlich dem Tuchhandel und dem Verkauf von Fernhandelsgütern dienenden Gebäude, deren Errichtung bis in die Frühzeit der Städte zurückgeht.
  650. &

    Hartmut Boockmann


  651. Stadt und Orden. Das Verhältnis des Deutschen Ordens zu den Städten in Livland, Preußen und im Deutschen Reich, hg. von Udo Arnold (Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens 44) Marburg 1993, Elwert, VIII u. 309 S., ISBN 3-7708-1007-4, DEM 48. - Fünf Jahre nach der Tagung in Thorn 1988 legt die "Internationale Historische Kommission zur Erforschung des Deutschen Ordens" die Texte der Vorträge in überarbeiteter Form vor. Jeweils ein Drittel des Bandes ist dem Wirken des Ordens im Baltikum, in Preußen und im Reich gewidmet. Zum ersten Komplex: Manfred Hellmann, Der Deutsche Orden und die Stadt Riga (S. 1-33), gibt anhand des Streites zwischen Orden und Episkopat fast eine kompakte livländische Geschichte bis zur Reformation. - Reinhard Vogelsang, Reval und der deutsche Orden: Zwischen städtischer Autonomie und landesherrlicher Gewalt (S. 34-58), zeigt, daß diese Stadt weit mehr Autonomie bewahren konnte als Riga. - Klaus Neitmann, Die Residenzen des livländischen Ordensmeisters in Riga und Wenden im 15. Jahrhundert (S. 59-93), behandelt exemplarische Itinerare der livländischen Landmeister, die sich als heuristischer Beitrag zur Begriffsdefinition der ma. Residenz anbieten. - Zum zweiten Komplex: Tomasz Jasi_ski, Die Rolle des Deutschen Ordens bei der Städtegründung in Preußen im 13. Jahrhundert (S. 94-111), weist die Bedeutung schlesischer Siedler und der schlesischen Varianten des Magdeburger Rechts für die erste Kolonialisierungsepoche des Deutschordensstaates und des "Alten Kulm" nach. - Marian Biskup, Der Deutsche Orden und die Freiheiten der großen Städte in Preußen vom 13. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts (S. 112-128), verfolgt die politischen Absichten des Ordens, insbesondere bei der Verwendung des kulmischen Rechts statt des von der Hanse verbreiteten freiheitlichen lübischen. - Zenon Hubert Nowak, Neustadtgründungen des Deutschen Ordens in Preußen. Entstehung, Verhältnisse zu den Altstädten, Ende der Eigenständigkeit (S. 129-142), betrachtet die Neustadtgründungen als Akte der Beschneidung der Altstadtrechte (vor allem in Königsberg, Danzig und Braunsberg). - Henryk Samsonowicz, Kleinstädte im Deutschordensstaat Preußen (S. 143-154), ordnet diese dem Landadel zu, was sie in einen Interessengegensatz zu den Handelsmetropolen brachte, den die Hochmeister zeitweilig für die Herrschaftsinteressen des Ordens nutzen konnten. - Zum dritten Komplex: Alois Seiler, Der Deutsche Orden als Stadtherr im Reich. Das Beispiel Mergentheim (S. 155-187), behandelt nicht nur Mergentheim, sondern auch andere Städte im Bereich des von Ludwig dem Bayern und Karl IV. gestärkten fränkischen Deutschmeistertums. - Klaus Militzer, Der Deutsche Orden in den großen Städten des Deutschen Reichs (S. 188-215), und Bernhard Demel, Der Deutsche Orden in den protestantischen Reichsstädten (S. 216-292), bilden den Abschluß.
  652. &

    A. M.-R.


  653. Andris Caune, Archäologische Zeugnisse über die älteste Siedlung am Ort der heutigen Domkirche zu Riga, Zs. für Ostforschung 42 (1993) S. 481-506, berichtet über Grabungen, die Zeugnisse aus den Jahrzehnten unmittelbar vor Beginn der Mission zutage gefördert haben.
  654. &

    Hartmut Boockmann


  655. Franco Cardini, Studi sulla storia e sull'idea di crociata, Rom 1993, Jouvence Società Editoriale, 503 S., ISBN 88-7801-203-3, ITL 65.000. - Der vorliegende Band bietet 23 Abhandlungen des bekannten italienischen Mediävisten aus mehreren Jahrzehnten zum Thema des Kreuzzugs und des Kreuzzugsgedankens in Italien.
  656. &

    M. S.


  657. Italia 1350-1450: tra crisi, trasformazione, sviluppo. Atti del tredicesimo convegno di studi, Pistoia 10-13 maggio 1991, Pistoia 1993, Centro Italiano di Studi di Storia e d'Arte, X u. 562 S., keine ISBN. - Die einzelnen Arbeiten liefern einen detaillierten Beitrag zur Untersuchung der großen Themen dieser Zeit: Seuchen, Hungersnot, Handel, Unternehmertum, demographischer Rückgang, und relativieren damit den Begriff der Krise sowohl in seiner sozialen wie geographischen Tragweite. Besonders Bruno Dini, L'evoluzione del commercio e della banca nelle città dell'Italia centro - settentrionale dal 1350 al 1450 (S. 145-169), und Donata Degrassi, Il Friuli tra continuità e cambiamento: aspetti economico-sociali e istituzionali (S. 273-300), Rosa Maria Dentici Buccellato, Centri demaniali e centri feudali: due esempi siciliani (S. 341-353) und Marco Tangheroni, La Sardegna tra Tre e Quattrocento (S. 355-364). - Alberto Cipriani, Economia e società a Pistoia tra metà Trecento e metà Quattrocento (S. 171-184), Giovanni Vitolo, Il Mezzogiorno tra crisi e trasformazione. Secoli XIV-XV (S. 301-316), und Henri Bresc, Changer pour durer: la noblesse en Sicile 1380-1450 (S. 317-340), bieten kleinräumige Untersuchungen, die es ermöglichen, Gesamtkonzepte zu überprüfen. - Antonio Ivan Pini, La demografia italiana dalla peste nera alla metà del Quattrocento: bilancio di studi e problemi di ricerca (S. 7-33), gibt einen Überblick über die Forschung in Italien seit den 1960er Jahren und beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Pest und den Möglichkeiten zur Wiederbevölkerung der Städte, ohne die die einzelnen Stadtstaaten die Krise auf lange Sicht nicht bewältigen konnten. - Maria Ginatempo, Dietro un'eclissi: considerazioni su alcune città minori dell'Italia centrale (S. 35-76), stellt die Frage, ob die Verhältnisse in Kleinstädten repräsentativ für die Gesamtentwicklung seien und stellt fest, daß trotz je anderer Ausgangspunkte die Lösungen zur Angleichung geführt hätten. - Silvana Collodo, Governanti e governati. Aspetti dell'esperienza politica nelle città dell'Italia centro-settentrionale (S. 77-111), erläutert die Identitätskrise, die aus dem Umsturz alter Werte resultierte, während Giovanna Petti Balbi, Dinamiche sociali ed esperienze istituzionali a Genova tra Tre e Quattrocento (S. 113-128), den Schwerpunkt auf die Veränderungen der Institutionen legt und Andrea Zorzi, Ordine pubblico e amministrazione della giustizia nelle formazioni politiche toscane tra Tre e Quattrocento (S. 419-474), am Beispiel des öffentlichen Rechts die Veränderung der Stadtstaaten zu Territorialstaaten beleuchtet. - Anthony Molho, Tre città-stato e i loro debiti pubblici. Quesiti e ipotesi sulla storia di Firenze, Genova e Venezia (S. 185-215), Reinhold C. Mueller, Il circolante manipolato: l'impatto di imitazione, contraffazione e tosatura di monete a Venezia nel tardo Medioevo (S. 217-232), und Gabriella Piccinni, L'evoluzione della rendita fondiaria in Italia: 1350-1450 (S. 233-271), untersuchen Finanzpolitisches, während folgende Beiträge kulturgeschichtliche Aspekte der Krise in den Vordergrund stellen: Francesco Tateo, Le trasformazioni del gusto letterario (S. 129-143), Giorgio Cracco, Aspetti della religiosità italiana del Tre-Quattrocento: costanti e mutamenti (S. 365-385), und Maria Laura Cristiani Testi, Il "Trionfo della Morte" nel Camposanto monumentale di Pisa - e la cultura artistica letteraria religiosa di metà Trecento (S. 387-418), sowie Ovidio Capitani, L'etica economica: considerazioni e riconsiderazioni di un vecchio studioso (mit einer eigenen Bibliographie) (S. 475-496). Das Schlußwort von Giuliano Pinto faßt die Resultate konzentriert zusammen, und ein Sachwortverzeichnis erleichtert die Benutzung.
  658. &

    D. S.


  659. Enrico Basso, Genova: un impero sul mare, Cagliari 1994, Edizioni dell' Istituto sui Rapporti Italo-Iberici, 343 S., keine ISBN, ist eine aus dreizehn Artikeln und Kongreßbeiträgen der letzten fünf Jahre zusammengestellte Darstellung verschiedener durchaus auch neuer Aspekte von Genuas wichtiger Stellung im Mittelmeer. Unter geographischen Gesichtspunkten angeordnet (Ägäis, Schwarzes Meer, westliches Mittelmeer und Flandern/England), werden neben den Handelsrouten und den Kolonien auch Handelstechniken, Akteure und innergenuesische Themen beleuchtet. Besonders lohnend ist die Darstellung der Probleme, die Filippo Maria Visconti - ein Neuling in maritimen Fragen - in den Kolonien antraf, was die Abwendung der Führungsschicht förderte. Auch die Karriere der Familie der Zaccharia über mehrere Generationen, von Händlern zu Feudalherren, ist einleuchtend aufgezeigt. Ferner werden auch spezifische Fragen der Kolonien, die Piraterie und Verträge mit den Bulgaren oder der goldenen Horde behandelt. Abgerundet wird der Band mit der Edition von 16 Dokumenten aus dem genuesischen Archiv und einer Bibliographie. Als Ersatz für das fehlende Register müssen die einzelnen Originaltitel der Arbeiten genügen.
  660. &

    D. S.


  661. Geo Pistarino, La capitale del Mediterraneo: Genova nel Medioevo. (Collana Storica dell'Oltremare Ligure 6) Bordighera 1993, Istituto internazionale di studi liguri, 351 S., keine ISBN. - Das Buch ist aus überarbeiteten und aktualisierten Aufsätzen der Jahre 1966-1986 zusammengestellt. Unter dem Begriff "Ligurische Nation", faßt P. Einwohner der Stadt und des Umlandes zusammen, deren Entwicklung schon lange gemeinsam war; diese sind in der Folge immer mit dem Namen "die Genuesen" gemeint. Die fehlende Gesamtdarstellung der Geschichte Liguriens wird aber mit dem vorliegenden Band nicht geliefert. Vielmehr stehen im Mittelpunkt der Betrachtungen verschiedene Schwerpunkte des die Stadt dominierenden Handels und der Kontakte bis weit in den Orient hinein. Die Kapitel "Genua zwischen Orient und Okzident" und "Comune, «Compagna» e Communitas" bringen, neben Ereignisgeschichte, überaus nützliche Vergleiche mit der Rivalin Venedig, sowohl im Bereich des Handels als auch der Staats- und Gesellschaftsform. Die zur Position Genuas im östlichen Mittelmeer gelieferte Bibliographie (S. 100-104) ist zwar aktualisiert, läßt allerdings die einschlägigen Arbeiten von M. Balard vermissen. Weitere Schwerpunkte bilden die Beziehung zu Okzitanien und zum normannischen Reich in Sizilien. Es entsteht trotz der Vielfalt der Thematik eine Einheit rund um das Hauptthema genuesischer Geschichte, den Handel im gesamten Mittelmeer, die durch ein Register allerdings leichter hätte zugänglich gemacht werden können.
  662. &

    D. S.


  663. Giuseppe Palmero, Ventimiglia Medievale: Topografia e insediamento urbano, Atti della società ligure di Storia Patria, N. S. 34, 2 (1994) S. 7-153 (4 Pläne u. 32 z. T. farbige Abbildungen). - Das klar strukturierte Dossier verbindet bei seiner knappen Beschreibung der urbanen Entwicklung vom Früh-MA bis 1250 sowohl historische als auch archäologische Quellen, berücksichtigt und erklärt die Toponyme. Im zweiten Teil wird aufgrund von Notariatsakten und einem Chartular versucht, den Charakter der Stadt um 1250 zu zeichnen. Der nachschlagewerkartige Anhang enthält ein Inventar der bewohnten Einheiten mit genauer Angabe der besitzenden Familien; aristokratischer Besitz ist separat aufgeführt. Es folgt eine Beschreibung der nachweisbaren Bautechniken und Materialien von vorrömischer Zeit bis ins 14. Jh. und eine Stratigraphie ausgewählter Örtlichkeiten. Baubefunde und Bodenuntersuchungen werden detailliert in typologisierten Karteikarten zusammengefaßt und mit einschlägigen Photos verdeutlicht. Ein Glossar beschließt das Dossier, das somit archäologische Erkenntnisse auch für den Historiker, der andere Quellentypen bearbeitet, zugänglich macht und so zu einem wertvollen Nachschlagewerk wird.
  664. &

    D. S.


  665. L'età dei Visconti. Il dominio di Milano fra XIII e XV secolo, a cura di Luisa Chiappa Mauri, Laura De Angelis Cappabianca, Patritzia Mainoni (Gli Studi 2) Milano 1993, Editrice La Storia, 487 S., ISBN 88-86156-02-2, ITL 60.000. - Dieser der Mailänder Historikerin Gigliola Soldi Rondinini gewidmete Band enthält 17 Studien, die in drei Abschnitten zusammengefaßt sind (1. Le strutture della signoria, 2. Spazio e società, 3. Riletture e proposte) und durch einen Namenindex erschlossen werden. Die Beiträge sind großenteils aus noch ungedruckten Materialien gearbeitet, häufig mit Editionen der behandelten Dokumente versehen sowie mit Karten und Tabellen ausgestattet. Es handelt sich im einzelnen um folgende Titel: Patrizia Mainoni, Un bilancio di Giovanni Visconti, arcivescovo e signore di Milano (1342-1354) (S. 3-26). - Marina Spinelli, Il capitano di giustizia durante la prima metà del Quattrocento (S. 27-34). - Maria Nadia Covini, Per la storia delle milizie viscontee: i famigliari armigeri di Filippo Maria Visconti (S. 35-63). - Riccardo Musso, Le istituzioni ducali dello "Stato di Genova" durante la signoria di Filippo Maria Visconti (S. 65-111). - Marco Lunari, I decreti visconteo-sforzeschi sul trasporto dei grani (dal codice 1230 della biblioteca Trivulziana) (S. 113-129). - Laura De Angelis Cappabianca, "Voghera oppidum nunc opulentissimum". Per la storia di Voghera dal X alla fine del XIV secolo (S. 113-197). - Enrica Salvatori, Una comunità familiare nel suburbio milanese: le Cascine Biffi-Bulgaroni (S. 199-216). - Eleonora Sàita, I beni comunali a Milano ed alcuni esempi della loro amministrazione fra Tre e Quattrocento (S. 217-268). - Luisa Chiappa Mauri, Gerarchie insediative e distrettuazione rurale nella Lombardia del secolo XIV (S. 269-301). - Marina Gazzini, Solidarietà vicinale e parentele a Milano: le scole di S. Giovanni sul Muro a Porta Vercellina (S. 303-330). - Sara Fasoli, Indagine sui testamenti milanesi del primo Quattrocento (notaio Ambrogio Spanzotta) (S. 331-354). - Roberto Perelli Cippo, Note sull'arcivescovo Ruffino (1295-1296): il successore poco conosciuto di Ottone Visconti (S. 355-364). - Gianluca Battioni, Tra Bergamo e Romano nell'autunno del 1321 (S. 365-391), handelt von den Friedensverhandlungen zwischen dem Consiglio comunale von Bergamo und der aus der Stadt vertriebenen pars extrinseca, die sich in Romano verschanzt hatte. - Liliana Martinelli Perelli, Abbondiolo de Asinago notaio in Como. I cartulari di un professionista della prima metà del Trecento (S. 393-406). - Luciana Frangioni, "In capo del mondo". Sei lettere mercantili da Bergamo alla fine del Trecento (S. 407-415). - Maria Bettelli Bergamaschi, Il monastero bresciano di S. Giulia sullo scorcio dell'età viscontea: tra crisi e rinnovamento (S. 417-421), erweist u. a., daß eine unter den Archivalien des Klosters befindliche Urkunde Gregors XII. in Wahrheit von Gregor IX. stammt: an das Original vom 20. Juni 1229 ist zu einem unbekannten Zeitpunkt eine Bleibulle Gregors XII. angehängt worden. - Christina Belloni, "Donec habuero lignam ego vollo procurare pro offitio Sancti Ambrosii". Una sommossa popolare in difesa del rito ambrosiano a metà del XV secolo (S. 443-466).
  666. &

    C. M.


  667. Franca Leverotti, "Governare a modo e stillo de' Signori ...". Osservazioni in margine all'amministrazione della giustizia al tempo di Galeazzo Maria Sforza duca di Milano (1466-76), Archivio storico italiano 152 (1994) S. 3-134, gibt aus dem reichen Material der Staatsarchive in Mailand und Mantua eine Darstellung der Herrschaftspraxis Galeazzo Maria Sforzas, der vor dem Hintergrund des von seinem Vater Francesco Sforza hinterlassenen Finanzdesasters und im Zusammenhang mit seiner eigenen aufwendigen Hofhaltung einen neuen Regierungsstil entwickelte. Dazu gehörten nicht nur personelle Veränderungen in den ausführenden Organen, um diese zu möglichst geschmeidigen Instrumenten des herzoglichen Willens zu machen, sondern auch wiederholte Versuche, über eine rigide, oft auf ungerechten Urteilen beruhende Eintreibung von Geldstrafen die Kassen zu füllen. Es entsteht das Bild einer ziemlich willkürlichen Herrschaftsausübung, die von der Vf. nicht zu Unrecht geradezu als "Absolutismus" (S. 133) bezeichnet wird, wodurch auch neues Licht auf die Gründe der spektakulären Ermordung dieses Potentaten fällt.
  668. &

    C. M.


  669. Il primo dominio veneziano a Verona (1405-1509). Atti del Convegno tenuto a Verona il 16-17 settembre 1988, Verona 1991, Accademia di Agricoltura, Scienze e Lettere di Verona, 256 S., Abb., keine ISBN. - Während in traditioneller Sicht die Geschichte vieler Städte der Terraferma unter venezianischer Herrschaft als Zeit des Niedergangs und des Stillstands erschien, kam in den letzten Jahren die verstärkte Forschung zu einem differenzierten Bild. Dabei stehen dann nicht nur die Beziehungen zur Serenissima im Vordergrund, sondern vor allem auch die lokalen Entwicklungen in sozialer, kultureller, religiöser und wirtschaftlicher Hinsicht. Diesem Problemkreis ging für Verona ein Kongreß nach, dessen Ergebnisse jetzt gedruckt vorliegen: Guiseppe Gullino, La politica veneziana di espansione in terraferma (S. 7-16). - John Easton Law, Verona e il dominio veneziano: gli inizi (S. 17-34). - Paola Lanaro Sartori, Un patriziato in formazione: l'esempio veronese del '400 (S. 35-52). - Giorgio Borelli, "Doctor an miles": aspetti della ideologia nobiliare nell'opera del giurista Cristoforo Lanfranchini (S. 53-72). - G. De Sandre Gasparini, Governo nella diocesi e "cura animarum" nei primi anni del episcopato di Ermolao Barbaro Vesovo di Verona (1453-1471): prime note (S. 73-92). - Egidio Rossini, Giurisdizione e proprietà fondiaria del monastero di San Zeno di Verona fino al secolo XV (S. 93-142). - Gian Maria Varanini, Aspetti e problemi del sistema fiscale veneto nel Quattrocento: struttura e funzionamento della camera fiscale di Verona (S. 143-190). - Gabriele Batterle, Il trasporto delle navi venete nel lago di Garda (1439) nella testimonianza degli umanisti veronesi (S. 191-202). - Lanfranco Franzoni, Candelabre del rinascimento veronese ed alcuni modelli locali d'età romana (S. 203-226). - Enrico Paganuzzi, Verona e la musica durante il primo dominio veneziano (S. 227-256).
  670. &

    Gerhard Rösch


  671. Mario Vaini, Ricerche gonzaghesche (1189- inizi sec. XV) (Accademia Nazionale Virgiliana di Scienze, Lettere e Arti. Classe di scienze morali 1) Firenze 1994, Leo S. Olschki, 241 S., ISBN 88-222-4216-5, ITL 45 000. - Anhand weitgehend noch ungedruckten Archivmaterials behandelt der Vf. einige Themen der Geschichte Mantuas unter den Gonzaga, die in der bisher vorherrschenden, sich auf die politischen Aspekte konzentrierenden Betrachtungsweise vernachlässigt waren. Erörtert werden die Ursprünge der Gonzaga (1189-1328), ihre Herrschaftspraxis nach der Wahl Luigis I. zum Capitano del popolo im Jahr 1328, ihre Besitzpolitik, die Einkünfte der Kommune Mantua und ihre wirtschaftliche Entwicklung, die Beziehungen der Stadt zum Umland, der Hof der Gonzaga und sein Umfeld im 14. Jh., Maßnahmen der Gonzaga gegen kriegerische Angriffe, Pest und Hungersnöte. Zahlreiche Stammtafeln, Tabellen und Karten illustrieren anschaulich die Ergebnisse der Untersuchungen. Zwei Anhänge gelten einer Analyse des "Liber FLU", eines Besitzregisters der Gonzaga (1329-1475), und dem Abdruck eines Registers der Familie Paga, in dem die Ausgaben eines halben Jahres (22. Nov. 1348 - 20. Mai 1349) verzeichnet sind, wobei die Auswirkungen der Pest zu Buche schlagen (vgl. dazu die knappen Erläuterungen S. 161 ff.). Ein Glossar, eine Übersicht zu den Maßeinheiten und ein Namenindex runden den Band ab.
  672. &

    C. M.


  673. P. Foschi, La famiglia dei conti di Panico, una signoria feudale fra Toscana ed Emilia, Bullettino storico Pistoiese, Ser. 3, 28 (1993) S. 3-22, untersucht Abstammung, Besitzverhältnisse und Beziehungsgeflecht dieses erstmals 1068 dokumentierten Zweiges der Grafen von Bologna, der im Bergland zwischen Bologna und Pistoia seine territoriale Basis hatte und wegen seiner weitgespannten Verbindungen, u. a. zu den Markgrafen von Toskana, eine bedeutende Rolle in der Geschichte des Appenninenraumes zwischen der Emilia und der Toskana spielte.
  674. &

    M. P.


  675. Sandro Tiberini, Origini e radicamento territoriale di un lignaggio umbrotoscano nei secoli X-XI: i "Marchesi di Colle" (poi "Del Monte S. Maria"), Archivio storico italiano 152 (1994) S. 481-559, geht der Genealogie, Besitzgeschichte und strukturellen Entwicklung eines Geschlechts nach, dessen Ursprünge in gefälschten Urkunden bis auf die Zeit Karls des Großen zurückgeführt wurden, das sich aber erst seit dem Ende des 10. Jh. eindeutig fassen läßt. Danach allerdings spielten Angehörige dieser Familie eine nicht unbedeutende Rolle als comites und marchiones in Mittelitalien, wie sich an Teilnehmerlisten von placita und Zeugenreihen in Herrscherurkunden nachweisen läßt. Einiges Licht auf diese Familie werfen auch Briefe Gregors VII. (Reg. II, 47 und 48) sowie v. a. Werke des Petrus Damiani, der hier nach Migne PL angeführt wird (die neueren Editionen wären nicht nur wegen zusätzlicher Literaturangaben, sondern auch wegen der Daten zu benutzen: Petri Damiani vita Beati Romualdi, hg. von G. Tabacco, Fonti per la storia d'Italia 94 [1957] und Die Briefe des Petrus Damiani, hg. von K. Reindel, MGH Die Briefe der deutschen Kaiserzeit 4, 2 [1988] Nr. 66 S. 268 f., 4, 3 [1989] S. 521 ff., 4, 4 [1993] S. 1 ff.).
  676. &

    C. M.


  677. Alessandro Stella, Fiscalità, topografia e società a Firenze nella seconda metà del Trecento, Archivio storico italiano 151 (1993) S. 797-862, untersucht in drei Querschnitten Quellen zur Steuererhebung in Florenz für die Jahre 1352, 1378 und 1404. Aus den durch zahlreiche Graphiken veranschaulichten Erörterungen zur Verteilung der Steuerlasten geht hervor, daß der florentinische Staatshaushalt hauptsächlich über die direkten Steuern des Umlandes und über die von allen Bevölkerungsschichten zu zahlenden Verbrauchssteuern finanziert wurde. Die über den Monte Comune verwaltete Prestanza, eine Staatsanleihe, die ursprünglich dazu dienen sollte, in Notzeiten große Summen flüssig zu machen, wurde durch die überaus günstigen Konditionen der Rückzahlung alsbald zum Spekulationsfeld der reichsten Familien, die aufgrund ihrer finanziellen Leistungen eine politische Führungsrolle beanspruchten, wobei sie sich genau betrachtet auf Kosten der kleinen und mittleren Steuerzahler bereicherten.
  678. &

    C. M.


  679. Franco Franceschi, Intervento del potere centrale e ruolo delle Arti nel governo dell'economia fiorentina del Trecento e del primo Quattrocento. Linee generali, Archivio storico italiano 151 (1993) S. 863-909, arbeitet an ungedruckten archivalischen Quellen das Verhältnis von Politik und Wirtschaft in Florenz heraus mit dem Ergebnis, daß die Erfordernisse einer wirtschaftlichen Umbruchphase, die mit einer Zeit territorialer Expansion und institutionellen Ausbaus zusammenfiel, dazu führten, daß die Eingriffe der zentralen Organe in die Belange der Korporationen stark zunahmen; es könnten zwar auch Beispiele fortdauernder Autonomie einiger Arti angeführt werden, doch die grundlegenden wirtschaftlichen Entscheidungen seien ihnen aus der Hand genommen worden.
  680. &

    C. M.


  681. Andrew Gow - Gordon Griffiths, Pope Eugenius IV and Jewish MoneyLending in Florence: The Case of Salomone di Bonaventura during the Chancellorship of Leonardo Bruni, Renaissance Quarterly 47 (1994) S. 282-329. - Der Geldwechsler Salomone di Bonaventura wurde 1441 in Florenz wegen angeblich unerlaubter Wuchergeschäfte zur Zahlung einer seine Existenz vernichtenden Geldsumme verurteilt, mit der die Republik den strategisch wichtigen Ort Borgo San Sepolcro am Tiber erwarb. Die Vf. zeigen z. T. anhand ungedruckter Archivalien, daß dieser Prozeß im Gegensatz zur herrschenden Forschungsmeinung entsprechend damaligen Rechtsvorstellungen wohl korrekt geführt wurde. Der zunächst durch Eugen IV. protegierte Salomone fiel nicht florentinischer Willkür, sondern einer Änderung der Politik dieses Papstes zum Opfer, der ab 1441 die von seinem Vorgänger vertretene konziliante Einstellung gegenüber den Juden endgültig aufgab, worauf Florenz sofort zuschlug. Daraus folgt auch, daß sich diese Stadt in der ersten Hälfte des 15. Jh. gegenüber jüdischen Geldwechslern keineswegs so tolerant zeigte, wie dies in idealisierender Sichtweise meist angenommen wird.
  682. &

    C. M.


  683. Ursula Jaitner-Hahner, Die öffentliche Schule in Città di Castello vom 14. Jahrhundert bis zur Ankunft der Jesuiten 1610, QFIAB 73 (1993) S. 179-302, beruht großenteils auf der Auswertung ungedruckter Quellen und bietet im Anhang u. a. eine Liste der Lehrer von 1336 bis 1619.
  684. &

    C. M.


  685. Massimo Vallerani, Il sistema giudiziario del comune di Perugia. Conflitti, reati e processi nella seconda metà del XIII secolo (Appendici al Bollettino [della] Deputazione di storia per l'Umbria 14) Perugia 1991, Deputazione di storia patria per l'Umbria, XXV u. 216 S., keine ISBN, ITL 35.000. - Wichtigste Quelle der vorliegenden Untersuchung ist der sog. Liber Rolandini von 1258, der auf den Podestà Rolandino dei Guidobovi zurückgeht und mit seinen über 800 Blättern das Gerichtswesen Perugias um die Mitte des 13. Jh. in einzigartiger Weise dokumentiert. Im ersten Kapitel werden die Struktur des Justizapparates, die Organisation der Gerichtsverwaltung sowie die Tätigkeit der "curia podestarile" behandelt. Den Hauptteil des Buches macht das Prozeßverfahren selbst aus, sei es, daß es sich um den Akkusationsprozeß (Kap. II) oder um den Inquisitionsprozeß (Kap. III) handelt. Die statistische Aufbereitung des Quellenmaterials führt zu interessanten Ergebnissen. Dazu gehört u. a. das deutliche Überwiegen der Akkusationsprozesse: 1258 stehen den 560 Akkusationsprozessen ganze 80 Inquisitionsprozesse gegenüber. Ferner: 57 % der Straftaten wurden im außerstädtischen Bereich, d.h. im contado begangen. Für 1262 erhöht sich diese Zahl sogar auf 74, 1% - ein deutlicher Hinweis darauf, daß die wirtschaftlichen Aktivitäten und Interessen der Peruginer ihren Schwerpunkt im contado hatten. Auffallend ist schließlich auch noch die hohe Zahl der Freisprüche. 1258 waren es nicht weniger als 92, 5 % bei nur 7, 5 % Verurteilungen. Zum Vergleich wird auf Bologna mit seinen über 85 % an Freisprüchen verwiesen. Dies hängt gewiß mit dem Beweissystem zusammen, sei es, daß Beweise fehlten oder aber als nicht ausreichend gewertet wurden. Darüber hinaus aber spiegelt sich in diesem Ergebnis die starke gesellschaftspolitische Funktion des Akkusationsprozesses wider, insofern als er nicht primär auf die Verbrechensbekämpfung abzielte, sondern vor allem der Lösung von Konflikten einzelner oder zusammengehöriger Gruppen im städtischen Verband diente. Am Ende dieser Prozesse standen daher meist Kompromisse und Vergleiche, welche das komplizierte innerstädtische Gefüge nicht in Frage stellten. Struktur und Ablauf des Inquisitionsprozesses werden anhand eines konkreten Beispiels - Verletzung mit Todesfolge des Maffucius Benvegnatis - im dritten Kapitel ausführlich abgehandelt, wobei auch hier die hohe Zahl an Freisprüchen (62, 5 %) auffällt. Im letzten Abschnitt des Buches wertet V. die Strafregister des Podestà und des Capitano del popolo für die Jahre von 1260 bis 1274 aus. Die breite Palette der strafbaren Handlungen reicht vom unerlaubten Waffenbesitz bis zu den sog. politischen Straftaten, die auf eine Destabilisierung der kommunalen Institutionen hinausliefen. Wer die Strafe nicht bezahlen oder keinen Bürgen benennen konnte - bei Fremden und Einzelpersonen kam dies oft vor -, landete in aller Regel im Gefängnis. Dagegen war die sog. Sicherheitsverwahrung nicht sehr weit verbreitet, und Gefängnis als Strafe im modernen Sinne gab es so wenig wie eine unabhängige Strafjustiz. Man wünscht sich für zahlreiche andere italienische Kommunen eine ebenso gründliche Untersuchung wie die vorliegende.
  686. &

    Hermann Goldbrunner


  687. Robert Brentano, A New World in a Small Place. Church and Religion in the Diocese of Rieti, 1188-1378. With an appendix on the frescoes in the choir of San Francesco, by Julian Gardiner, Berkeley-Los Angeles-London 1994, University of California Press, XVIII u. 452 S., 3 Karten, zahlr. Abb., ISBN 0-52008076-9, USD 40, wertet die bisher weitgehend ungenutzten und ungesichteten Archivalien vor allem in den kommunalen und kirchlichen Archiven von Stadt und Diözese Rieti aus (vgl. dazu S. 415-417). In gewohnt eigenwilliger Weise läßt der Autor in 8 Kapiteln die Quellen weitgehend selbst sprechen über Gestalt und Ausdehnung der Diözese, über Bischöfe und Kapitelsangehörige, Heilige und Sünder, letzte Willensäußerungen von Bürgern, die Verflechtungen der alten Abruzzenstadt (während des Untersuchungszeitraumes eine der bevorzugten Residenzen des päpstlichen Hofes) in die wechselnden politischen Machtverhältnisse der Zeit, die Verbindungen zu den Lebensräumen der Umwelt. S. XXIII bietet eine Liste der Bischöfe von Rieti von 1188 bis 1378, S. 415-434 eine Bibliographie benutzter Quellen und Literatur, S. 435-452 einen Namen- und Ortsindex. Im Anhang (S. 321-325) beschreibt G. das Assisi imitierende Freskenprogramm im Chor der Franziskanerkirche von Rieti, die nach der Tradition 1210 vom hl. Franziskus als kleines Oratorium gegründet wurde. Mit diesem Buch schließt B. zugleich eine Trilogie über Religion und Gesellschaft im ma. Europa ab, deren erster Beitrag (1968) sich mit Aspekten der Kirche in England und in Italien im 13. Jh. befaßte, der zweite mit der Sozialgeschichte Roms vor Beginn des Avignonesischen Exils der Päpste (1974).
  688. &

    M. P.


  689. V. Villani, Nobiltà imperiale nella Marca Ancona. I Gottiboldi (fine sec. XII - sec. XIII), Atti e memorie della Deputazione di Storia Patria per le Marche N. F. 96 (1991) S. 109-231, 3 Karten, untersucht im weitgespannten territorialen und politisch-institutionellen Kontext die Geschichte einer nicht untypischen Adelsfamilie der Mark Ancona, die mangels eigener Familienterritorien Macht und Funktionen ausschließlich aus offiziellen Reichsämtern ableitete: die Gottiboldi, die möglicherweise deutscher Abstammung waren. 1188 übertrug Barbarossa die Curia marchionale dem Grafen Gottiboldus, der vielleicht schon vorher Funktionsträger des Reiches in dieser Region war. Die Versuche der Familie, sich neben ihren Ämtern auch eine familiäre territoriale Besitzbasis zu schaffen und so von den Geschicken der Staufer in Italien unabhängig zu werden, scheiterten am Konflikt zwischen römischer und lokaler Kirche und dem Reich unter Friedrich II. und seinen Nachkommen einerseits und den erfolgreichen Bemühungen der aufstrebenden Kommunen der Mark Ancona andererseits. So endete die Geschichte der Familie bereits nach einem Jahrhundert mit dem letzten Staufer Konradin. Der fundierte materialreiche und hier nur in den Hauptzügen skizzierte Artikel wird beschlossen durch eine genealogische Tafel und zwei Anhänge, einen Regestenanhang (1188-1284) und einen Editionsanhang zweier Urkunden, Gregors IX. und des Bischofs von Fano.
  690. &

    M. P.


  691. G. Crocetti, Il Presidato farfense nella Marca Ancona nei secoli XIII-XIV con sede a Santa Vittoria, Atti e memorie della Deputazione di Storia Patria per le Marche, N. F. 96 (1991) S. 5-108, 6 Abb., davon 2 Karten, klärt erstmals den Begriff presidatus und erarbeitet aus Archivmaterial Entstehungsgeschichte und Aufgabenbereiche dieser Institution. Der presidatus farfensis bzw. abbatiae farfensis (dessen territorialen Kern die Diözese nullius von Farfa bildete) war einer von drei Justizbezirken (iudicatus = presidatus), in die der Rektor der zum Kirchenstaat gehörenden Mark Ancona diese im Jahre 1232 aus verwaltungstechnischen Gründen einteilte. Dem vom Papst oder dem Rektor für jeweils ein Jahr ernannten iudex generalis, der aus einer der Provinzen des Kirchenstaates stammen mußte, wurde von der bisher ungeteilten Justizhoheit des Rektors die Zivil- und Kriminalgerichtsbarkeit übertragen; er hatte außerdem dessen Anordnungen bezüglich der Militärorganisation auszuführen und entsprechende Maßnahmen gegen Rebellen gegen die Römische Kirche in seinem Verwaltungsbereich zu ergreifen. Sitz der Curia des presidatus farfensis, der neben dem obersten Richter seine beiden Stellvertreter - wie dieser Doktoren des Rechts - angehörten, sowie mehrere Assessoren, Konsiliaren und Notare, war die Ortschaft Santa Vittoria in der Provinz Montalto. Als Presidatus von Montalto - nunmehr bloß noch ein Titel - endete im 16. Jh. die Existenz dieses bedeutenden Justizbezirks.
  692. &

    M. P.


  693. Patricia Skinner, Family Power in Southern Italy. The duchy of Gaeta and its neighbours, 850-1139 (Cambridge studies in medieval life and thought, Fourth series 29) Cambridge 1995, Cambridge University Press, XII u. 322 S., 13 Karten, 25 Tabellen, ISBN 0-521-46479-X, GBP 40. - S. zeichnet vor allem das politische Leben in Gaeta nach, rekonstruiert die Stammbäume der dominanten Familien und vergleicht ihre Verhaltensweisen jeweils mit Amalfi und Neapel. Dabei zeigt sich bis ins 10. Jh. eine Vermischung der Verwaltung des öffentlichen Bereichs mit der des privaten. Bis ins späte 11. Jh. erscheinen die einzelnen tyrrhenischen "Staaten" in loser Verbindung mit fließenden Grenzen. Im 11. Jh. tauchen neue Clans auf. Erst im 12. Jh. werden in Gaeta unter capuanisch-normannischem Einfluß formale Regierungsorgane faßbar. Der kürzeste Teil der Arbeit ist wirtschaftlichen Aspekten wie landwirtschaftlicher Produktion, Handel, Außenbeziehungen gewidmet. Andere Themen, wie z. B. die Stellung der Frau oder die Frage der Leibeigenschaft, werden nur kurz erwähnt. Eine Appendix enthält griechische Unterschriften in neapolitanischen Dokumenten, und ein Register erschließt den Band.
  694. &

    D. S.


  695. Walter Schütz, Catalogus comitum. Versuch einer Territorialgliederung Kampaniens unter den Normannen von 1000 bis 1140 von Benevent bis Salerno (Europäische Hochschulschriften, Reihe 3, 641) Frankfurt a. M. [u. a.] 1995, Lang, 694 S., ISBN 3-631-48046-6, DEM 168. - Diese voluminöse Münchener Dissertation von 1993 ist als Fallstudie der Arbeit von W. Jahn (DA 47, 759 f.) an die Seite zu stellen. Es geht "um die Entstehung und den gebietsmäßigen Aufbau der normannischen Herrschaft im Raum von Benevent bis nach Salerno" (S. 33) im Zeitraum von ca. 1000 bis 1140. Der im Anschluß an den berühmten "Catalogus baronum" gewählte Titel trifft den Kern der Arbeit: im wesentlichen akkumulierte Quellenfunde zur Beschreibung der jeweiligen "Machtzentren", der sie beherrschenden Familien und deren (lehns)rechtlichen und genealogischen Verflechtungen bis zur endgültigen Integration des langobardischen Südens in das normannische Königreich. Gegenüber diesem analytischen "Beweisteil" (S. 57-562, Zitat S. 40) bleiben die zahlreich, aber nicht systematisch dargebotenen Zwischenergebnisse (S. 122-124, 148-150, 161, 181 f., 218 f., 227, 253 f., 259, 296 f., 304, 315 f., 324 f., 329 f., 346, 453) ebenso blaß, wenig reflektiert und präzise wie die "Ergebnisse aus der Arbeit" (sic! S. 563-570; gemeint ist nur Teil II) und die "Zusammenfassung" (S. 571-576, diesmal die ganze Arbeit betreffend). Es zeigt sich, daß "die Normannen nicht etwas Neues an die Stelle der langobardischen Sitten und Gebräuche setzten sowie an deren territorialen (!) Gliederungen, sondern praktisch das gesamte staatliche Gebilde von den Langobarden übernahmen und sich nur an dessen Spitze stellten" (S. 574). Capua und Salerno sind die beiden normannischen Zentren in Kampanien, auf die alle übrigen Herrschaften bezogen sind, auch die in langobardischer Zeit selbständigen wie Gaeta und - weniger stark - Amalfi, dessen Emanzipationsstreben erst von Roger II. beendet wurde. Neapel und Benevent entzogen sich fast bis 1140 einer Einbindung, jedoch auf Kosten einer Reduzierung des von ihnen beherrschten Territoriums. Die Binnenstruktur von Salerno und Capua ist unterschiedlich: in Salerno vornehmlich kleinere Herren, in Capua mächtige Grafschaften (Alife, Molise) mit deutlicheren Verwaltungsansätzen. Bei der Erörterung, was denn "Grafen bei den Langobarden und bei den Normannen" seien (S. 52-54!), vermißt man manches, u. a. auch D. Clementis "Definition of a Norman County in Apulia and Capua" (in: Catalogus baronum, ed. Jamison, S. 377 ff.). Die Ergebnisse waren offenbar partiell auch für den Vf. verwirrend: Mal sind die vicecomites in Capua, dann in Salerno bezeugt (S. 567, 573). Im Detail gäbe es noch manches anzumerken. Die Präsentation des Materials ist äußerst langatmig, so als habe der Autor vergessen, sein Gerüst wieder abzubauen. Die sehr differenzierte Gliederung (24 Seiten Inhaltsverzeichnis! Die Überschrift für Teil III fehlt) führt dazu, daß manche Abschnitte nur aus zwei bis drei Sätzen bestehen. Nicht zu entschuldigen sind die gravierenden sprachlichen Unzulänglichkeiten und die vielen Druckfehler; auch sonst ist die Arbeit unausgereift, behaftet mit mancherlei Schwächen einer Anfängerarbeit, die in dieser Massierung selten sind. Insgesamt ist sie kaum über das Stadium der Materialsammlung hinausgekommen und wird fortan vermutlich in erster Linie als Steinbruch verwendet werden, trotz ihres horrenden Preises. Dafür sind der Orts- und Personenindex (S. 625-694) hilfreich, während in den genealogischen Tafeln (S. 601-623) die verwandtschaftlichen Bezüge nicht immer auf den ersten Blick klar werden.
  696. &

    Theo Kölzer


  697. Luciano Orabona, I Normanni: La chiesa e la protocontea di Aversa, Napoli 1994, Edizioni Scientifiche Italiane, 154 S., 12 Abb., ISBN 88-7104-880-6, ITL 24.000. - Die Grafschaft Aversa bildete im 11. Jh. eine Keimzelle normannischer Herrschaft in Süditalien und wird deshalb im Titel als "protocontea" apostrophiert, ein Ausdruck, den Cosimo Damiano Fonseca geprägt hat. O. geht dem Einfluß der oft als Räuber gescholtenen Normannen auf das religiöse Leben nach, auf die Organisation des unter Leo IX. eingerichteten und dem apostolischen Stuhl unmittelbar unterstellten Bistums Aversa sowie auf die ebenfalls im 11. Jh. entstandenen Klöster (Mönche von San Lorenzo, Nonnen von San Biagio in Aversa). Die Geschehnisse werden dabei vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen, an Unteritalien interessierten Parteien dargestellt. Der Einfluß der kirchlichen Reformbewegung auf Aversa soll herausgearbeitet werden. Neu aus ungedruckten Quellen bis weit ins 12. Jh. hinein untersucht werden vor allem Stiftungen an die geistlichen Institutionen, besonders an die Bruderschaft der Domkanoniker. Hierin liegt zweifellos das Hauptverdienst der Arbeit.
  698. &

    K. B.


  699. Staufisches Apulien (Schriften zur staufischen Geschichte und Kunst 13) Göppingen 1993, Gesellschaft für staufische Geschichte e. V., 147 S., 42 Abb., ISBN 3-929776-05-7. Der Band enthält die Vorträge der 14. Göppinger Staufertage 1991. - Pina Belli D'Elia, Romanisches Apulien (S. 9-14, 1 Abb.), skizziert die in drei Epochen von 1020 bis 1260 verlaufende Entwicklung der romanischen Architektur. - Dankwart Leistikow, Castel del Monte. Baudenkmal zwischen Spekulation und Forschung (S. 15-56, 15 Abb.), untersucht nüchtern-kritisch Lage, Ursprung, Grundrißgeometrie, Konstruktion, Maßsystem, Wasserversorgung, Verteidigungsfähigkeit, Innenausstattung sowie die Erforschung und Restaurierung des berühmten Bauwerks. - Horst Schäfer-Schuchardt, Ausblicke aus dem Apsisfenster der Kathedrale zu Bari (S. 57-76, 12 Abb.), schildert die lange Baugeschichte von S. Sabino unter besonderer Berücksichtigung des Apsisfensters, dessen Rahmen noch einige der künstlerisch gelungensten Bildhauerarbeiten Apuliens aus der Stauferzeit bewahrt hat. - Peter Cornelius Claussen, Bitonto und Capua. Unterschiedliche Paradigmen in der Darstellung Friedrichs II. (S. 77-124, 14 Abb.), referiert zunächst die bisherige Forschung zum Kanzelrelief der Kathedrale von Bitonto und stellt zwei neue, sehr fragwürdige Deutungen zur Auswahl. Überzeugender ist seine Untersuchung der Büste Friedrichs II. vom Brückentor in Capua, die in dem Abguß von Solari ein kindliches, ausdruckloses Gesicht zeigt. Der Vf. beweist mit Hilfe einer von ihm entdeckten Zeichnung des 18. Jh., daß Solaris Abguß die Einzelheiten getreu wiedergibt und daß der Kopf, typisch für nordalpine gotische Skulpturen, vielleicht auf einen Meister aus dem Straßburger Umkreis schließen läßt. Unausrottbar ist anscheinend die falsche Wiedergabe der Inschrift auf dem Brückentor; bei Andreas Ungarus steht concordia, nicht custodia. - Hans Martin Schaller, Die Staufer und Apulien (S. 125-142): Apulien war für die Staufer die politische, militärische und kulturelle Kernlandschaft ihres Südreiches, zu der sie anscheinend auch eine emotionale, ja fast religiöse Beziehung hatten, deren Symbol Castel del Monte gewesen sein könnte (Selbstanzeige).
  700. &

    H. M. S.


  701. Paolo Campanelli, Flagella in Terra Laboris 1/4 contra Ceperanum 1/4 Storia ed evoluzione urbanistica della città fondata da Federico II di Svevia, Manziana (Roma) 1994, Vecchiarelli Editore, 245 S. u. 14 Taf., ISBN 88-85316-48-4, ITL 40.000. - Nach Erfahrungen während der Kämpfe 1228/30 und beim Wiederausbruch des Streits mit Gregor IX. 1239 entschloß sich Friedrich II. 1241/43, an der Grenze der Terra di Lavoro eine "Nova Civitas" anzulegen, Stadt und zugleich Festung nicht nur zum Schutz des Regno gegen auf der Via Latina vorgetragene Angriffe, sondern auch Basis seines Vorgehens gegen den Kirchenstaat, ad flagellum hostium (BF 3228b, 3302a; BF 3303 nach Petrus de Vinea, Epistolae III 36; BF 3361c, 3362). Der Vf. stellt, weit ausholend, die Entwicklung der Region seit dem frühen MA dar, geht dann besonders auf die Zeit von Innozenz III. ein und erläutert die Besitzumschichtungen im Gefolge des Hoftags von Capua 1221 mit der Reaktion von Honorius III. Ausführlich wird die politischmilitärische Lage Friedrichs II. beschrieben, in welcher der Versuch der Stadtgründung erfolgte. Schließlich wird geschildert, wie das Gebiet an den Kirchenstaat zurückkam und 1252 durch den Bischof von Veroli Giovanni Giffridi der Ort unter seinem alten Namen Strangolagalli fortlebte. Aufgrund des Grundrisses und einiger Häuser versucht der Vf. schließlich Rekonstruktionen, wie nach möglicherweise wechselnden Idealplänen Friedrichs II. die Festungsstadt aussehen sollte. Dazu werden andere Wehrbauten des Kaisers verglichen sowie die kriegstechnische Literatur der Zeit herangezogen. Die Rekonstruktionen mögen im einzelnen kritischer Prüfung bedürfen; wichtig bleibt die Arbeit in jedem Fall durch die genaue lokalgeschichtliche Einordnung einer Episode aus der großen Politik des 13. Jh.
  702. &

    K. B.


  703. Bernd Rill, Sizilien im Mittelalter. Das Reich der Araber, Normannen und Staufer, Stuttgart 1995, Belser, 335 S., ISBN 3-7630-2318-6, DEM 78. - Anzuzeigen ist die erste Überblicksdarstellung zum Thema aus deutscher Feder von arabischer Zeit (827) bis zur Sizilianischen Vesper (1282). Der reich bebilderte Band ist für einen größeren Leserkreis aus zweiter Hand geschrieben und durchaus ansprechend formuliert, wobei kräftige Farben verwendet werden (Richard Löwenherz "ein cholerischer, beutegieriger und ruhmsüchtiger Haudegen", S. 235). Die Forschung wird (trotz der Salvationsklausel S. 325) nur lückenhaft rezipiert, was sich in zahlreichen Details und vor allem in den stärker analytischen Teilen negativ bemerkbar macht. Das Niveau der benutzten Darstellungen zur Normannenzeit von J. J. Norwich (vgl. DA 31, 286) wird jedenfalls nicht erreicht, aber die Fachwissenschaft darf sich nicht beklagen: für die staufisch-angevinische Zeit haben wir z. Zt. in deutscher Sprache nichts Vergleichbares.
  704. &

    Theo Kölzer


  705. Aldo Messina, Uomini e mestieri della Sicilia normanna, QFIAB 73 (1993) S. 19-51, ermittelt aus einer Analyse der über 300 Berufsbezeichnungen, die in den Urkunden Siziliens im 12. Jh. vorkommen, daß die Tuchherstellung und -verarbeitung der Hauptproduktionszweig der Insel war, wobei sich auch ein relativ differenziertes Bild der Verteilung der Berufe auf Regionen und Sprachgruppen zeichnen läßt.
  706. &

    C. M.


  707. Olivia Remie Constable, Trade and Traders in Muslim Spain. The commercial realignment of the Iberian peninsula, 900-1500 (Cambridge studies in medieval life and thought, Fourth Series 24) Cambridge 1994, Cambridge University Press, XXV und 320 S., 9 Abb., 2 Karten, ISBN 0-512-43075-5, GBP 35, arbeitet wirtschaftliche Situation und Handelsbeziehungen des muslimischen Spaniens heraus, gestützt vor allem auf viele arabische Quellen. Einer historischen Einleitung folgen einzelne Kapitel über die muslimischen, jüdischen und christlichen Händler und deren Organisation, die landwirtschaftliche Produktion und die Waren im einzelnen. Der Verdienst der Untersuchung liegt sicherlich in der epochenübergreifenden Perspektive. Dabei wird der Wandel der Stellung Spaniens vom Verbindungsglied zwischen christlicher und muslimischer Welt im 10. und 11. Jh. zum Bollwerk gegen den Islam durch die Angliederung an Europa deutlich. Interessant ist die ungewöhnlich intensive Rezeption von Archäologie und Numismatik. Das ausführliche Quellenverzeichnis ist mit seinen arabischen Quellen wertvoll. Eine Bibliographie und ein Sachwortverzeichnis beschließen den Band.
  708. &

    D. S.


  709. Bruno Galland, Deux archevêchés entre la France et l'Empire. Les archevêques de Lyon et les archevêques de Vienne du milieu du XIIe siècle au milieu du XIVe siècle (Bibliothèque des Ecoles françaises d'Athènes et de Rome 282) o. Ort (Roma) 1994, XII u. 831 S., ISBN 2-7283-0299-5. - Das umfangreiche Werk - hervorgegangen aus einer thèse der Ecole des Chartes 1987, erweitert zur thèse de doctorat 1992 - vergleicht die Erzbistümer Lyon und Vienne, die geographisch nahe beieinander liegen und im untersuchten Zeitraum einerseits nominell zum Imperium gehörten, andererseits aber wegen der Zugehörigkeit ihrer Suffraganbistümer und der Herkunft der Erzbischöfe enge Beziehungen zu Frankreich hatten. Diese Grenzlage war mit ein Grund für die Wahl von Lyon und Vienne als Tagungsorte für die Konzilien 1245, 1274 und 1312. Eine vergleichende Behandlung der beiden Bistümer bot sich auch deshalb an, weil beide trotz unterschiedlicher Größe seit ihrer Entstehung im 2. bzw. 3. Jh. eine weitgehend parallele kirchliche und politische Entwicklung aufweisen und zu Beginn des 12. Jh. gleich hoch angesehen waren. In den beiden behandelten Jh. lassen sich zwei große Abschnitte erkennen. Von ca. 1150 bis ca. 1265 gelang es den Erzbischöfen von Lyon und Vienne, ihre Unabhängigkeit - bestätigt durch die Goldbullen Friedrich Barbarossas 1157 - zu festigen und sowohl innerkirchlich gegen die Domkapitel als auch nach außen gegen den weltlichen Adel erfolgreich zu vertreten. In der zweiten Epoche von ca. 1265 bis ca. 1350 wurde die unabhängige Position der Erzbischöfe erschüttert durch die Forderungen der Domkapitel nach mehr Kompetenzen und Beteiligung an Einkünften, durch die wachsende Bedeutung des städtischen Bürgertums, die sich in mehreren Aufständen manifestiert, und die Einflußnahme der Fürsten von Savoyen und Dauphiné. Die Schwäche der Erzbischöfe nutzten nicht zuletzt die französischen Könige, um Lyon 1312 und mit der Angliederung des Dauphiné 1349 in absehbarer Zeit ebenso Vienne unter ihre Herrschaft zu bringen. Diese Entwicklung konnte auch nicht durch die Übersiedlung der Päpste nach Avignon aufgehalten werden. Zwar profitierten die beiden Erzbistümer einerseits von der Nähe des Papstsitzes durch ihnen zuerkannte Privilegien, andererseits bestimmten nun die Päpste die Bischöfe und beteiligten die beiden Kirchenprovinzen mehr als entferntere Bistümer an der Finanzierung und Administration des päpstlichen Hofes. Auch im 12. bis 14. Jh. verlief also die Entwicklung in Lyon und Vienne weitgehend parallel, dennoch lassen sich einige Unterschiede feststellen: Während sich z. B. die Erzbischöfe von Lyon eher aus dem Hochadel rekrutierten, stammten die von Vienne aus dem niederen Adel, was sich auch auf die Amtsführung auswirkte. In Lyon kümmerte man sich mehr um die weltlichen Angelegenheiten, in Vienne hatte die Pastoraltätigkeit innerhalb der Kirchenprovinz eine größere Kontinuität. Entsprechend wurden in Lyon früher das Amt des Offizials eingeführt und Bleisiegel verwendet, dagegen stand das Geld von Vienne in höherem Ansehen. Häufig verlief die Entwicklung in Vienne mit einem zeitlichen Rückstand von ca. 30 Jahren. Der auf umfangreichem Quellenmaterial basierende und gut dokumentierte Vergleich der beiden Erzbistümer verdeutlicht besser als manche Monographie Unterschiede und Parallelen und trägt somit nicht nur zur besseren Kenntnis dieser beiden Provinzen und anderer Bischofssitze bei, sondern ist aufgrund der exponierten Lage von Lyon und Vienne zwischen den Reichen und in der Nähe des Papsttums von Avignon auch für die politische Geschichte ein Gewinn.
  710. &

    Isolde Schröder


  711. Paul Amargier, Un Age d'or du monachisme: Saint-Victor de Marseille (990-1090) Marseille 1990, P. Tacussel Éditeur, 194 S., Abb., ISBN 2-903963-52-5, FRF 120. - Der Vf., selbst ein Dominikaner, hat sich seit den 1950er Jahren mit der Frühgeschichte der berühmten Abtei beschäftigt, als er unter der Leitung Dubys eine Edition der Privaturkunden des 11. Jh. als noch unveröffentlichte Diss. vorlegte. Seither hat er mehrere Dutzend kleinerer Studien zum Thema veröffentlicht (vgl. S. 191-192), die er hier zu einer Synthese für einen breiteren Kreis (das Buch hat keinen wissenschaftlichen Apparat und keine Bibliographie) zusammengefaßt und ergänzt hat. Die Schwerpunkte sind das Wirtschafts- und Rechtsleben des Klosters sowie dessen Expansion als Ordo Victorinus innerhalb des westlichen Mittelmeerraumes (Ostspanien, Südfrankreich, Nordwestitalien, Sardinien). Andere Themen werden nur knapp behandelt: zu Bernhard und Richard, den Brüdern, die im Investiturstreit eine wichtige Rolle spielten, wird nicht viel gesagt. Richards Weggang von der Abtei 1106, als er zum Erzbischof von Narbonne gewählt wurde, stellt A. als Zäsur in der Geschichte des Klosters und Ende einer Blütezeit dar. In Anhängen werden mehrere Episoden der spätma. Geschichte der Abtei behandelt sowie eine Abtsreihe (S. 183-190) festgelegt. - Zu bemängeln ist nicht nur das Fehlen eines Registers, sondern auch die miserable Qualität der Karten: schlecht und in einem viel zu kleinen Maßstab gezeichnet, und daher leider fast völlig unbrauchbar.
  712. &

    T. R.


  713. Jacques Bousquet, Le Rouergue au premier moyen âge (vers 800 - vers 1250). Les pouvoirs, leurs rapports et leurs domaines, 2 Bde. (Archives historiques du Rouergue 24 u.) Rodez 1992 bzw. 1994, Société des lettres, siences et arts de l' Aveyron, 426 S., ISBN 2-908570-02-5 bzw. 2-908570-04-1, FRF 195. - In dem zweibändigen Werk soll durch kapitelweise gegliederte Einzeluntersuchungen der politischen und wirtschaftlichen Regionalgeschichte, des Episkopats und Klerus, der Klöster und Priorate aufgezeigt werden, daß es in der Diözese Rodez um das Jahr 1100 ein Gleichgewicht zwischen politischer und kirchlicher Machtverteilung gab, das zu einer Hochblüte der romanischen Kunst, insbesondere im Bereich der Skulptur führte. Diese Phase ging ab 1120 mit dem Aufkommen neuer Orden und den politisch-dynastischen Auseinandersetzungen im Süden Frankreichs langsam zuende. Das Interesse des Vf. liegt weniger auf den historischen Details als auf den Verbindungslinien zwischen Politik, Kirchen- und Kunstgeschichte, dennoch hätten Karten und graphische Darstellungen die Thesen, die häufig nur als Fragen formuliert werden, besser verdeutlichen können.
  714. &

    Isolde Schröder


  715. René Locatelli, Sur les chemins de la perfection. Moines et chanoines dans le diocèse de Besançon vers 1060-1220 (Centre Européen de Recherches sur les Congrégations et Ordres Religieux - Travaux et Recherches 2) Saint-Etienne 1992, Publications de l'Université de Saint-Etienne, 536 S., 34 Abb., ISBN 2-86272024-0, FRF 330. - Die Grafschaft Burgund als Schnittpunkt mancher kultureller und politischer Entwicklungstendenzen bietet sich als dankbares Studienobjekt für die Reformströmungen des 11. und 12. Jh. bestens an. Besançon, das bis zum Frieden von Nimwegen 1678 zum Reich gehörte, war durch seine besondere Lage "im Schoß der Christenheit" (S. 487) im Spannungsfeld unzähliger kirchlicher Neuerungen und Experimente. Gewissermaßen im Anschluß an B. de Vregilles grundlegende Studie über Hugo von Salins (vgl. DA 40, 310), wenn auch unter anderen Schwerpunkten, untersucht L. in dieser überarbeiteten Diss. die folgenden eineinhalb Jahrhunderte. Eine klare Entwicklungslinie der burgundischen Neuerungen läßt sich nicht herauskristallisieren, doch geht dieser Vorwurf bei der Vielfarbigkeit des burgundischen Reformeifers nicht zu Lasten des Vf. Der Wert der äußerst detailreichen Arbeit besteht daher in der Fülle der Einzelbeobachtungen, für die auch ungedruckte Archivalien eingebracht wurden. Leider sind angesichts der Dicke des Werks (im Kleindruck) diese Neuerkenntnisse nicht durch ein Register erschlossen.
  716. &

    C. L.


  717. André Geoffroy, Le temporel de l'abbaye Saint-Paul de Cormery en Poitou au Moyen Age, Bulletin de la Société des antiquaires de l'Ouest et des musées de Poitiers 5e série - t. 7 (1993) S. 51-70, beschreibt die Besitzentwicklung dieses 791 von Abt Itherius von Saint-Martin in Tours gegründeten Klosters und wertet für seine Untersuchung u. a. Diplome Karls des Großen und Ludwigs des Frommen (DD Kar. I 97, 192; 518, 713, 967) sowie Urkunden Innozenz' II. und Alexanders III. (JL 8006, 14362) aus.
  718. &

    Rolf Große


  719. Benoît-Michel Tock, Les difficultés financières de l'abbaye d'Arrouaise à la fin du XIIe siècle, Sacris Erudiri 33 (1992/93) S. 307-342, erörtert bei der Beschreibung des wirtschaftlichen Niedergangs der Regularkanoniker-Abtei die Meinungen der Kanonisten und die Bestimmungen des Kirchenrechts zum (notgedrungenen) Güterverkauf im 12. Jh. Anhand der mit den Veräußerungen in Zusammenhang stehenden Urkunden (von 20 erhaltenen werden 12 im Anhang erstmals ediert) aus den Jahren 1197-1199 schließt der Vf. auf eine sehr viel stärkere Gewichtung der Ereignisse als es die eher zurückhaltenden Verordnungen des Kirchenrechts erwarten lassen.
  720. &

    Peter Dinter


  721. B. J. P. van Bavel, Goederenverwerving en goederenbeheer van de abdij Mariënweerd (1129-1592) (Werken uitgegeven door Gelre vereeniging tot beoefening van Geldersche geschiedenis, oudheidkunde en recht No. 44) Hilversum 1993, Verloren, 629 S., Abb., ISBN 90-6550-251-3.-1129 wurde im Bistum Utrecht, auf einem Grundstück der Herren von Cuijk, Marienweerd gegründet, das sich zu einer der begütertsten Abteien der nördlichen Niederlande entwickelte. Wie die Abtei ihren Grundbesitz erworben, verwaltet und verloren hat, wird in der vorliegenden Doktorarbeit beschrieben. Schenkungen oder Kauf haben der Abtei ihren Grundbesitz vornehmlich in drei Perioden eingebracht: in den Jahren nach der Gründung, in den ersten Jahrzehnten des 13. und in der ersten Hälfte des 14. Jh. Konnten diese Güter anfangs in Eigenbewirtschaftung gehalten werden, so mußte um 1300 auf das System der Verpachtung umgeschaltet werden. Um die Mitte des 14. Jh. setzte eine wirtschaftliche und religiöse Krise ein, die erst in der zweiten Hälfte des 15. Jh. durch eine neue Blütezeit abgelöst wurde; die Plünderung der Abtei 1567 läutete den endgültigen Untergang ein, der 1592 mit der Säkularisierung der Marienweerder Güter vollendet war. Der Vf. hat das Quellenmaterial, das vor allem für das 15. und 16. Jh. reichlich vorhanden ist, in kaum zu überbietender Ausführlichkeit verwertet. Nur eine geduldige Lektüre kann den vollen Wert dieser Studie ans Licht bringen; als Nebenertrag sei erwähnt, daß die meisten Urkunden des Marienweerder Chartulars, darunter auch die ältesten, von Oppermann und Bouman als Fälschungen bezeichneten, als historisch zuverlässige Zeugen zu gelten haben.
  722. &

    Rita Beyers


  723. England and Normandy in the Middle Ages, edited by David Bates and Anne Curry, London - Rio Grande 1994, Hambledon Press, XI u. 336 S., 26 Abb., ISBN 1-85285-083-3, GBP 40. - Der Sammelband geht zurück auf einen 1992 von den Herausgebern durchgeführten Kongreß in Reading und enthält 21 Beiträge vom 10. bis 15. Jh. Nach einer historiographischen Retrospektive von Donald J. A. Matthew, The English Cultivation of Norman History (S. 1-18), gibt David Bates, The Rise and Fall of Normandy, c. 911-1204 (S. 19-35), einleitend einen Überblick. - Marjorie Chibnall, Monastic Foundations in England and Normandy, 1066-1189 (S. 37-49), faßt die Forschungslage zusammen und weist auf Defizite hin. - Henry Loyn, Abbots of English Monasteries in the Period Following the Norman Conquest (S. 95-103), schildert die Äbte in England in der zweiten Hälfte des 11. Jh. - Véronique Gazeau, The Effect of the Conquest of 1066 on Monasticism in Normandy: The Abbeys of the Risle Valley (S. 131-142), behandelt die Rückwirkungen der Eroberung auf Le Bec und drei benachbarte Klöster. - Béatrice Poulle, Savigny and England (S. 159-168), untersucht den Orden von Savigny in England im 12. Jh. - David Crouch, Normans and Anglo-Normans: A Divided Aristocracy? (S. 51-67), kritisiert die vor allem von John Le Patourel vertretene Auffassung einer nach Einheit strebenden "cross Channel aristocracy" im 12. Jh. - Kathleen Thompson, William Talvas, Count of Ponthieu, and the Politics of the Anglo-Norman Realm (S. 169-184), befaßt sich mit dem 1177 verstorbenen Grafen und seiner Familie. - Vincent Moss, Normandy and England in 1180: The Pipe Roll Evidence (S. 185-195), vergleicht die Kroneinkünfte. - Mark Ormrod, England, Normandy and the Beginnings of the Hundred Years War, 1259-1360 (S. 197-213), skizziert die Rolle der Normandie in den englisch-französischen Beziehungen. - Andrew Ayton, The English Army and the Normandy Campaign of 1346 (S. 253-268), schildert Feldzug und Schlacht von Crécy. - Philippe Contamine, The Norman ,Nation' and the French ,Nation' in the Fourteenth and Fifteenth Centuries (S. 215-234), berichtet aus mentalitätsgeschichtlicher Sicht über das "nationale" Gemeinschaftsgefühl. - Anne E. Curry, Lancastrian Normandy: The Jewel of the Crown? (S. 235-252), fragt nach der Stellung der Normandie unter Heinrich V. und Heinrich VI. - Für die gleiche Zeit behandeln Robert Massey, Lancastrian Rouen: Military Service and Property Holding, 1419-49 (S. 269-286), die von Heinrich V. in Rouen angesiedelten Grundbesitzer und ihre militärischen Leistungen, sowie Christopher Allmand, The English and the Church in Lancastrian Normandy (S. 287-297), die Kirchenpolitik. Auch die kunst- und literaturgeschichtlichen Beiträge, auf die hier nicht eingegangen werden kann, sind entweder quellengestützte Detailstudien oder orientieren kurz und zuverlässig über den aktuellen Diskussionsstand.
  724. &

    K. B.


  725. Ralph V. Turner, Judges, Administrators and the Common Law in Angevin England, London - Rio Grande 1994, Hambledon Press, XXIV u. 317 S., ISBN 1-85285-104-X, GBP 36. - 16 Beiträge von T. zum genannten Thema, vielfach biographische Abrisse, die alle zwischen 1968 und 1990 in englischen Zss. publiziert wurden, werden hier, erschlossen durch ein Register, zugänglich gemacht.
  726. &

    M. S.


  727. England in the Thirteenth Century. Proceedings of the 1989 Harlaxton Symposium, ed. by W. M. Ormrod (Harlaxton Medieval Studies 1) Stamford 1991, Watkins, XII u. 225 S., 54 Fotos, ISBN 1-871-61530-5, GBP 30. - In den dreizehn Aufsätzen des Bandes werden Themen aus Geschichte, Literatur, Kunstgeschichte und Archäologie des 13. Jh. behandelt. Hervorzuheben ist der Beitrag von W. M. Ormrod, State-Building and State Finance in the Reign of Edward I., (S. 15-35), der zu dem Schluß kommt, daß - wie man schon anhand des Umfangs der überlieferten Akten sehen kann - die Verwaltungsaufgaben am Ende des 13. Jh. sehr zunahmen, durchgreifende Veränderungen jedoch nicht vorgenommen wurden. Die Finanzmisere zu Anfang des 14. Jh. wird auf die Arbeitsüberlastung des Schatzamtes zurückgeführt. - Auf großes Interesse wird auch die Arbeit von A. Vince stoßen, The Origin and Development of the Decorated Medieval Jug (S. 209-225), die neben einer Typologie der Verzierungen englischer Tongefäße des 13. Jh. auch eine neue Datierungsmethode bietet, die auf den dendrochronologisch und durch Münzfunde definierten Phasen der Landgewinnung am Londoner Themseufer zwischen 1150 und 1450 basiert. - E. King, Estate Management and the Reform Movement (S. 1-14), läßt die Frage unbeantwortet, ob die Forderung nach politischer Reform 1258/59 von der rationelleren und besser kontrollierten Bewirtschaftung der Privatgüter beeinflußt wurde, die ab Mitte des 13. Jh. zu beobachten ist. - D. Postles, Heads of Religious Houses as Administrators (S. 37-50), untersucht anhand des Beispiels Oseney die Reaktion englischer Klöster auf das Ausbleiben weiterer großer Landschenkungen ab dem Ende des 12. Jh. - Einem zentralen Aspekt der Frömmigkeit wendet sich N. Morgan, Texts and Images of Marian Devotion in ThirteenthCentury England (S. 69-103) zu, untersucht die verschiedenen Formen der Marienverehrung und beklagt dabei den Mangel an englischen Vorarbeiten. - D. Williams, Matthew Paris and the Thirteenth-Century Prospect of Asia (S. 51-67), analysiert die Reaktion des Chronisten auf das Vorrücken der Mongolen anhand verfälschender Interpolationen der in den Chroniken benutzten Quellen. - Auf die unterschiedlichen Funktionen heraldischer Motive (Identifizierung und Dekoration) macht J. Cherry, Heraldry as Decoration in the Thirteenth Century (S. 123-134), aufmerksam. - J. Neaman, Magnification as Metaphor (S. 105-122), versucht durch die Herstellung einer Beziehung zwischen dem Gebrauch religiöser Metaphern und der naturwissenschaftlichen Entwicklung den Zeitgeist des 13. Jh. zu erfassen, überzeugt trotz einer Reihe interessanter Vergleiche jedoch nicht, während T. Tolley, Eleanor of Castile and the "Spanish" Style in England (S. 167-192), den unterschiedlichen kulturellen spanischen Einflüssen in der Regierungszeit Eduards I. nachgeht. Weitere Beiträge gelten speziellen Problemen der Musik- und der Kunstgeschichte. Den Texten folgt ein umfangreicher Fototeil.
  728. &

    Jens Röhrkasten


  729. Mary C. Hill, The King's Messengers 1199-1377. A list of all known messengers, mounted and unmounted, who served John, Henry III, and the first three Edwards, Phoenix Mill - Far Thrupp - Stroud - Gloucestershire 1994, Allan Sutton Publishing Ltd., 196 S., ISBN 0-7509-0764-9, 196 S., GBP 25, gibt im Anschluß an eine frühere Studie gleichen Titels (1961) zunächst eine knappe Skizze über das Botenwesen des englischen Königs und bietet dann eine detaillierte Liste aller namhaft zu machenden nuntii regis (S. 11-113) und aller cokini et cursores (unberittener Boten, S. 115-195). Die zeitliche Grenze für die alphabetisch geordneten Listen ist einmal der Beginn schriftlicher Dokumentation und zum anderen das Ende der Regierung Eduards III.
  730. &

    G. Sch.


  731. Scott L. Waugh, England in the reign of Edward III (Cambridge medieval textbooks) Cambridge 1991, Cambridge University Press, XI u. 303 S., ISBN 0-521-31039-3. - Alan Harding, England in the Thirteenth Century (Cambridge medieval textbooks) Cambridge 1993, ebd., XIV u. 351 S., ISBN 0-521-31612-X. - Zwei Bände aus der vor allem für Lehrer und Studierende bestimmten Reihe sind anzuzeigen. Beiden ist gemeinsam, daß sie sich auf die englische Gesellschaft konzentrieren und in einer Reihe von querschnittartigen Kapiteln gleichsam die soziale Stufenleiter hinaufsteigen - vom bäuerlichen Bereich über Bürgertum und Kaufmannschaft zum Adel und der großen Politik, wobei auch das Königtum ins Blickfeld kommt. Die Gliederung ist den jeweiligen sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten angepaßt. W. legt etwa im Zusammenhang mit Agrarkrisen und Pesteinbrüchen des 14. Jh. großes Gewicht auf den wirtschaftlichen und demographischen Wandel, während H. ein eigenes Kapitel über "professional people" bietet, womit die Amtsträger auf den verschiedenen Ebenen und im besonderen auch die Rechtsgelehrten gemeint sind. Eine Schwierigkeit besteht darin, sowohl ein einprägsames Gesamtbild zu zeichnen wie der Variationsbreite gerecht zu werden, etwa im Hinblick auf die stark differierenden Verhältnisse im ländlichen Bereich. H. läßt die Entwicklung gegen Ende des 13. Jh., als neben dem Königtum eine maßgeblich von diesem definierte "ordered community" stand, in das "Werden eines Staates" münden. Eine wichtige Etappe auf dem Wege dahin bildet die Magna Charta 1215, deren Zustandekommen und Inhalt allerdings auf wenigen Seiten nur umrißhaft erfaßt wird. W. möchte zeigen, wie Edward III. mit Hilfe ineinandergreifender Eliten, denen gegenüber er sich kompromißbereit zeigte, die Voraussetzungen für eine kraftvolle Königspolitik schuf. Die Terminologie wirkt dabei manchmal etwas überzogen, so, wenn sogar von den "Eliten" der Märkte gesprochen wird. Die Ausbildung der "houses of parliament" sollte man eher in das 15. als in das mittlere 14. Jh. setzen, als es doch wohl erst Ansätze in dieser Richtung gab.
  732. &

    Karl Schnith


  733. Ralph A. Griffiths, King and Country. England and Wales in the Fifteenth Century, London 1991, The Hambledon Press, VIII u. 408 S., ISBN 1-852-85018-3. - Die hier vereinigten 21 Aufsätze - sie wurden zuerst zwischen 1964 und 1990 publiziert - betreffen nicht nur England und Wales, sondern auch Irland und die unter englischer Herrschaft stehenden kontinentalen Gebiete. Der Vf. konzentriert sich - abweichend von einer heute modernen Forschungsrichtung - nicht so sehr auf den Hoch- und Niederadel und die Probleme des Bastard-Feudalismus, sondern auf die Könige und ihre Umgebung. Mehrere Beiträge befassen sich mit dem dynastischen Bewußtsein der Häuser Lancaster und York und der zunehmenden Bedeutung des blood royal, das als eigener "Stand" von der peerage abgehoben wurde. G. widerspricht der in der Literatur gelegentlich vorgenommenen Gleichsetzung von Königshaushalt und Hof und skizziert die Rolle des court unter verschiedenen Aspekten - als zeremonielle Plattform der unter Vorsitz des Königs sich treffenden Adelsgesellschaft, aber z. B. auch als Schlupfwinkel der Intrige und des Klatsches. Dazu kam noch die Funktion eines heiratspolitischen Zentrums. So weit es in den Studien um die Wirksamkeit einzelner Aristokraten geht, kommt vor allem Wales in den Blick, daneben West- und Nordengland. Weitere Themen sind die Hintergründe der Rosenkriege und die Wahrung von Recht und Ordnung, die "Bürokratie" und das Räuberunwesen. Großenteils stehen die Beiträge in Bezug zu dem umfangreichen Buch über die Regierung Heinrichs VI., welches G. 1981 vorlegte (vgl. DA 40, 695). Doch man findet auch eine feinsinnige Studie zu den Lehrjahren Heinrichs (VII.) Tudor, der nach langem Exil das englische Königreich gewann und sich dort trotz mangelnder Kenntnis der inneren Verhältnisse behaupten konnte.
  734. &

    Karl Schnith


  735. Fifteenth-century attitudes. Perceptions of society in late medieval England, ed. by Rosemary Horrox, Cambridge 1994, University Press, XII und 244 S., 30 Abb., ISBN 0-521-40483-5, GBP 30. - Der Band vereint 12 Beiträge, die einen facettenreichen, bewußt quellennahen Überblick zur spätma. Mentalitätsgeschichte Englands bieten. Wie die Hg. in ihrer Einleitung (S. 1-12) zusammenfaßt, entsteht dabei der Eindruck, daß die Engländer des 15. Jh. trotz unruhiger Zeiten nicht das Gefühl hatten, in einer Epoche des Umbruchs zu leben oder gar dem Weltende entgegenzugehen. Folgende Aspekte werden behandelt: G. L. Harriss, The king and his subjects (S. 13-28). - Edward Powell, Law and justice (S. 29-41). - Kate Mertes, Aristocracy (S. 42-60). - Rosemary Horrox, Service (S. 61-78). - Michael J. Bennett, Education and advancement (S. 79-96). - Peter Murray Jones, Information and science (S. 97-111). - P. J. P. Goldberg, Women (S. 112-131). - D. M. Palliser, Urban society (S. 132-149). - Mark Bailey, Rural society (S. 150-168). - Miri Rubin, The poor (S. 169-182). - Colin Richmond, Religion (S. 183-201). - Margaret Aston, Death (S. 202-228). - Weiterführende Literaturhinweise sowie ein Index der Namen und Begriffe beschließen das hübsch aufgemachte Buch.
  736. &

    C. M.


  737. Henrik Stevnsborg, Besaßen die dänischen Könige der vorchristlichen Zeit Gesetzgebungsgewalt?, ZRG Germ. 112 (1995) S. 423-430, hält einen authentischen Kern der bei Saxo Grammaticus tradierten Gesetze des sagenhaften Frode Fredegod für möglich und mag nicht ausschließen, "daß die dänischen Könige sich, viel früher als gewöhnlich angenommen wird, als ein Machtfaktor etabliert haben, und daß es zur selben, frühen, Zeit ein eigentliches Dänemark zu regieren gab" (so S. 428). Und sollte nicht schon König Frode gesagt haben können, was von Knud dem Großen überliefert ist: Ic wylle ?
  738. &

    G. Sch.


    7. Kultur- und Geistesgeschichte

  739. Tod im Mittelalter, hg. von Arno Borst, Gerhart v. Graevenitz, Alexander Patschovsky und Karlheinz Stierle (Konstanzer Bibliothek Bd. 20) Konstanz 1993, Universitätsverlag Konstanz, 412 S., 45 Abb., ISBN 3-87940-437-2. - Der Band enthält die mit Anmerkungen versehenen und zum Teil erheblich erweiterten Vorträge eines im Oktober 1990 in Konstanz veranstalteten interdisziplinären Kolloquiums. - Alexander Patschovsky, Tod im Mittelalter. Eine Einführung (S. 9-24), legt die Zielsetzung des Kolloquiums dar: Erforschung der literarischen Form und der geistigen Verarbeitung des ma. Erlebnisses von Sterben und Tod, und analysiert als Beispiel die Berichte über den Tod Wilhelms des Eroberers 1087. - Arno Borst, Ein exemplarischer Tod (S. 25-58), schildert ausführlich Sterben und Tod (1054) Hermanns des Lahmen, Mönch der Abtei Reichenau, als exemplarisch für das Verhältnis eines ma. Gelehrten zum Tod: Leben als Vorlauf zum Tod. - Hans Martin Schaller, Der Kaiser stirbt (S. 59-75), stellt zusammen, was über das Sterben der fränkischen und deutschen Kaiser und Könige von Karl d. Gr. bis Friedrich III. bekannt ist, und versucht zu zeigen, daß der ma. Herrscher zwar in liturgisch und zeremoniell überhöhter Form starb, sein Leben aber grundsätzlich so beschloß, wie es jeder fromme Christ im MA auch tun sollte (Selbstanzeige). - Werner Paravicini, Sterben und Tod Ludwigs XI. (S. 77-168), behandelt den sich über vier Jahre erstreckenden körperlichen Verfall und langsamen Tod des Königs (1483) in der Sicht des Chronisten Philippe de Commynes und anderer Quellen; ein für ma. Begriffe ungewöhnliches Sterben, denn der Valois war von Todesangst besessen und krampfhaft um Verlängerung seines Lebens, u. a. durch riesige Stiftungen, bemüht. - Alois Haas, Der geistliche Heldentod (S. 169-190), beschreibt den vorbildlichen Tod des christlichen Ritters im Heidenkampf, wie er in der Chanson de geste und im Willehalm erscheint, und vergleicht damit als Extreme den unheldischen Tod Siegfrieds im Nibelungenlied und das Martyrium des hl. Georg im Legendenepos des Reinbot von Durne. - Karlheinz Stierle, "Parolle cuisante" - Villons Lehre vom Zerfall (S. 191-208), interpretiert die spätma. Todeserfahrung, wie sie sich im "Testament" des François Villon von 1461 findet, insbesondere die "kochende Rede" der Armen, deren anonymer, trost- und würdeloser Tod außerhalb jeder Ordnung stattfindet. - Alberto Tenenti, La rappresentazione della morte di massa nel Decameron (S. 209-219): Giovanni Boccaccio beschreibt das Massensterben in Florenz 1348 als beklagenswertes menschliches Drama, in dem die moralische und soziale Ordnung zerfiel, betrachtet die Pest aber nicht als Strafe Gottes und fordert angesichts des Unglücks auch keine Rückkehr zu einem frömmeren Lebenswandel. - Winfried Wehle, Der Tod, das Leben und die Kunst - Boccaccios Decameron oder der Triumph der Sprache (S. 221-260, 3 Abb.), deutet das Decameron als Buch über die Kunst des Lebens, gegen die Weltverneinung der Dominikaner, und betont das moralische Anliegen der Erzählungen und die heilende Kraft der Dichtersprache, dank deren die zehn vor der Pest Geflüchteten geläutert nach Florenz zurückkehren. - Klaus Schreiner, Der Tod Marias als Inbegriff christlichen Sterbens. Sterbekunst im Spiegel ma. Legendenbildung (S. 261-312, 14 Abb.): Vom Tod der Gottesmutter erzählt erstmals die anonyme Abhandlung "De transitu beatae Mariae virginis" aus dem 5. Jh.; sie regte, manchen Skeptikern zum Trotz, weitere Legendenbildung an. Im späten MA galten dann Bilder und Berichte vom Tod Marias als Anweisungen zum richtigen Sterben. - Nigel F. Palmer, Ars moriendi und Totentanz: Zur Verbildlichung des Todes im Spätmittelalter. Mit einer Bibliographie zur ,Ars moriendi' (S. 313-334, 2 Abb.), berichtet über den Stand der Totentanzforschung, erweist die Artes moriendi als Grundlage für die seelsorgerische Praxis und betont den Wert der den Bildern beigegebenen Texte, deren spätma. lateinische Vorlagen man bisher zu wenig beachtet hat. - Valentino Pace, "Dalla morte assente alla morte presente": Zur bildlichen Vergegenwärtigung des Todes im MA (S. 335-376, 26 Abb.), zeigt an ausgewählten Beispielen, wie sich bei der Darstellung des Todes Christi und der Heiligen, aber auch der Sünder, und bei der Personifikation des Todes im Laufe des MA ein Wandel zu immer größerer Wirklichkeitsnähe vollzieht. - Wolfgang Preisendanz, Heines "Gedichte der Agonie" (S. 377-389). - Arno Borst, Zusammenfassung (S. 391-404). - Ein Personenregister beschließt den Band.
  740. &

    H. M. S.


  741. Peter Aufgebauer, Der tote König. Grablegen und Bestattungen mittelalterlicher Herrscher (10.-12. Jahrhundert), Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 45 (1994) S. 680-693, schildert die Begräbnissitten von Otto I. bis Lothar III. bzw. Friedrich I. Da Sterbeort und Begräbnisstätte oft weit auseinanderlagen, war es nicht unüblich, Eingeweide und Herz am Sterbeort zu beerdigen und den Leichnam einzubalsamieren (more regio). Bei Lothar III. ist zum ersten Mal das Abkochen des Leichnams (ein auch bei Friedrich I. angewandtes Verfahren) festzustellen, das dazu diente, das Fleisch vom Skelett zu lösen (more teutonico), eine Sitte, gegen die Papst Bonifaz VIII. offenbar mit Erfolg einschritt.
  742. &

    G. Sch.


  743. Kurt Reindel, Grabbeigaben und die Kirche, Zs. f. bayer. LG 58 (1995) S. 141-145. - Nach allgemeiner Ansicht soll die Beigabensitte unter christlichem Einfluß aufgehört haben. Der Vf. zeigt an einer Reihe von Beispielen bis zum Beginn des 10. Jh., daß die Kirche nicht das Mitgeben von Gegenständen, sondern den Grabraub unter Strafe stellte.
  744. &

    A. G.


  745. Arnold Angenendt, Zur Ehre der Altäre erhoben. Zugleich ein Beitrag zur Reliquienteilung, Römische Quartalschrift für christl. Altertumskunde und KG 89 (1994) S. 221-244, 8 Abb., 5 Tafeln, zeichnet Wandlungen in der frühma. Heiligenverehrung nach, die zuerst in Gallien und England in Abkehr vom altrömischen Gebot der Unantastbarkeit der Totenruhe zur häufigeren Graböffnung, zur Erhebung der Heiligen-Leiber, zu ihrer Translation und zur Präsentation in sichtbaren Sarkophagen oder Schreinen bei Altären führten. In einer weiteren Phase, die mit Einhard und Hrabanus Maurus in Verbindung gebracht werden kann, wurden diese Formen der Verehrung auch für Teile der Leichname, also Reliquien, übernommen.
  746. &

    R. S.


  747. Christian Krötzl, Pilger, Mirakel und Alltag. Formen des Verhaltens im skandinavischen Mittelalter, 12.-15. Jahrhundert (Studia Historica 46) Helsinki 1994, Suomen Histiallinen Seura, 393 S., Karten, ISBN 951-8915-92-X. - Diese Diss. gewährt einen in seiner Art einzigartigen Ein- und Überblick über das skandinavische Wallfahrts- und Pilgerwesen des späten MA auf der Grundlage von fünfzehn Mirakelsammlungen und Kanonisationsakten. Daß sechs der besprochenen Wallfahrtsheiligen Könige und Königssöhne sind, ist im mittel- und westeuropäischen Vergleich recht außergewöhnlich. Die ,politischen' Dimensionen dieser skandinavischen Eigenart vertieft der Autor jedoch nicht. Ausführungen zum Rechtsstatus des Pilgers, zu den verschiedenen Pilgertypen und zu den Wallfahrtspräliminarien folgen der Sicht von Edmond-René Labande u. Ludwig Schmugge. Nach André Vauchez unterscheidet K. grundsätzlich zwischen Bitt- und Dankpilgerfahrten bzw. zwischen Reliquienmirakel und Distanzmirakel (Kap. 4 und 5). Er beleuchtet den Wallfahrtsbetrieb und thematisiert allfällige Konkurrenzen. Die Ausgangssituation, das heißt die Beweggründe (Krankheit, Unfall usw.), weshalb man sich entschließt zu ,wallfahren', diskutiert der Autor sehr knapp, vermutlich im Hinblick darauf, daß er zu diesen Fragen schon zahlreiche, sehr anregende Detailstudien vorgelegt hat. Einige Fragen bleiben zurück, von denen ich aber nur zwei aufgreifen möchte: Was ist nun eigentlich so spezifisch skandinavisch an diesen Wallfahrten? Etwa doch die heiligen Könige? Wie steht es mit den zahlreichen Überschneidungen zwischen Pilgerroute, Wallfahrtsrekrutierung und den Verkehrsadern der Hanse, die uns bis zu ,Unserer Lieben Frau im Elende' in die Nähe des thüringischen Nordhausen führen? Überdies wird deutlich, daß wohl viel schärfer zwischen Pilgerfahrt und Wallfahrt (mit räumlich begrenzten Einzugsgebiet sowie höherer Beteiligung von Frauen und Kindern) unterschieden werden müßte.
  748. &

    Gabriela Signori


  749. Oraliteit en schriftcultuur, hg. von R. E. V. Stuip und C. Vellekoop (Utrechtse bijdragen tot de mediëvistiek 12) Hilversum 1993, Verloren, 206 S., ISBN 90-6550-254-8. - Elf Utrechter Forscher illustrieren das Thema an konkreten Beispielen, die von Gregor von Tours bis zur gegenwärtigen Berberkultur reichen, für einen breiteren Leserkreis. Zu erwähnen sind hier die folgenden Beiträge: Mayke de Jong (S. 9-31) handelt über Sinn und Unsinn des Gegensatzes litteratus - illitteratus. - Arpád Peter Orbán (S. 103-118) zeigt, wie die Kartäuser durch Wortkargheit und sogar Nachlässigkeit in der Benützung der lateinischen Sprache, die ihnen wie ein abgetragenes Kleid um den Körper war (tritae corporis aequa togae), dem asketischen Ideal ihres Ordens Ausdruck verliehen. - C. Vellekoop (S. 119-134) skizziert die mühsame Suche nach einer Methode für musikalische Notationen vom beginnenden 9. Jh. bis zu Guido von Arezzo (um 1030). - H. B. Teunis (S. 145-154) beschreibt die Bedeutung des schriftlichen Dokumentes in Diskussionen über kirchlichen Grundbesitz in der Diözese Anjou (1050-1125). - R. E. V. Stuip (S. 155-169) untersucht die Rolle, die die sog. Jongleurhss. in der Überlieferung der Chansons de geste gespielt haben können. - Orlanda Lie (S. 189-203) fragt nach der Lesefertigkeit des Laienpublikums am Beispiel von drei mittelniederländischen artes-Texten.
  750. &

    Rita Beyers


  751. La circulation des nouvelles au Moyen Age. XXIVe Congrès de la Société des Historiens Médiévistes de l'Enseignement Supérieur Public, Avignon, juin 1993 (Collection de l'Ecole française de Rome 190) Paris 1994, Publications de la Sorbonne, 254 S., ISBN 2-85944-250-2, 150 FRF. - Nach einem einleitenden Überblick von Philippe Contamine (S. 9-24), zeigen Yves Grava, Les ambassades provençales au XIVe siècle et les enjeux de la communication (S. 25-36), und Michel Hébert, Communication et société politique: les villes et l'Etat en Provence aux XIVe et XVe siècles (S. 231-242), daß Botschaften, die den Kontakt zum Herrscher herstellen, ein wichtiges politisches Mittel waren. - Youssef Ragheb, La transmission des nouvelles en terre d'Islam. Les modes de transmission (S. 37-48, 2 Abb.), geht auf alle Möglichkeiten der Nachrichtenübermittlung ein (Staatspost, Maulesel, Dromedare, Läufer, Brieftauben) und zeigt deren erstaunliche Effektivität seit dem 10. Jh., während Didier Gazagnadou, Les postes à relais de chevaux chinoises, mongoles et mameloukes au XIIIe siècle: un cas de diffusion institutionnelle? (S. 243-250), den Einfluß der chinesischen Staatspost auf den ganzen Orient aufzeigt. - Anne-Marie Hayez, Les courriers des papes d'Avignon sous Innocent VI et Urbain V (1352-1370) (S. 49-62), stellt fest, daß die Boten der Päpste nicht spezialisierte Nachrichtenübermittler waren, sondern bescheidene polyvalente Bedienstete. - Jérôme Hayez, La gestion d'une relation épistolaire dans les milieux d'affaires toscans à la fin du Moyen Age (S. 63-84, 3 Dokumente, 1 Graphik), zeigt die durchaus persönlichen Beziehungen und Erwartungen, die ein geschäftlich begonnener Briefwechsel entstehen lassen konnte. - Françoise Autrand, L'allée du roi dans les pays de Languedoc 1272-1390 (S. 85-98), zeigt den Aufwand, den die Reise des Königs in seinem Reich mit sich brachte. - Bernard Doumerc, Par Dieu écrivez plus souvent! La lettre d'affaires à Venise à la fin du Moyen Age (S. 99-109), unterstreicht die Wichtigkeit der Information für den Kaufmann, der Sicherheit vor Geschwindigkeit wünschte. - Nenad Fejic, De la Catalogne à la Péninsule des Balkans. Circulation des nouvelles au rythme des affaires (XIVe-XVe siècles) (S. 111-116), erläutert die schwierigen Beziehungen zwischen Dalmatien und Katalonien, die durch Mangel an gegenseitiger Kenntnis vergrößert wurden. - Jean Marc Pastré, La circulation des nouvelles entre l'Allemagne et l'Orient. Ce que nous apprennent les récits de voyage allemands de la fin du XVe siècle (S. 117-127), unterstreicht die Verbreitung von Informationen durch die oft erst spät nach der Reise verbreiteten Berichte, deren Quellen oft bereits aus westlicher Quelle stammen. - Marie Anne Polo de Beaulieu, De la rumeur aux textes: échos de l'apparition du revenant d'Alès (après 1323) (S. 129-156), Claude Gauvard, Rumeur et stéréotypes à la fin du Moyen Age (S. 157-177), und Colette Beaune, La rumeur dans le Journal du Bourgeois de Paris (S. 191-204), untersuchen das Entstehen von Gerüchten, die oft auf tiefen menschlichen Ängsten beruhten und entsprechend oft und vielfältig verbreitet wurden. - Alain Venturini, Vérité refusée, vérité cachée: du sort de quelques nouvelles avant et pendant la Guerre d'Union d'Aix (1382-1388) (S. 179-190; 1 Dokument), und Elisabeth Crouzet-Pavan, Les mots de Venise: sur le contrôle du langage dans une Cité-Etat italienne (S. 205-218), erkennen das bewußte Zurückhalten von Neuigkeiten als politischen Akt der Macht, während Philippe Braunstein, L'événement et la mémoire: regards privés, rapports officiels sur le couronnement romain de Frédéric III (S. 219-231), einen privaten Augenzeugenbericht vorstellt, der in die Historiographie eingegangen ist.
  752. &

    D. S.


  753. John Marshall Carter, Medieval games: Sports and Recreations in Feudal Society (Contributions to the Study of World History 30), o.O. 1992, XIII u. 159 S., Abb., ISBN 0-313-25699-3. - Nach einem Abriß der wissenschaftlichen Erforschung ma. Sportgeschichte (S. 1-15) steht mit den Briefen des Sidonius Apollinaris der Sport im "vor-feudalen Europa" (4. bis 8. Jh.) im Mittelpunkt (S. 17-27). Man vermißt hier allerdings die Frage, inwieweit literarische und rhetorische Tradition den Quellenwert der Briefe beeinflussen. Im "feudalen Europa" entwickelte sich nach C. der Sport aus der Vorbereitung zum Krieg (S. 29-37), dank neuer Kommunikationswege zum Faktor persönlicher Reputation durch sportlichen Erfolg, zumeist im Turnier (S. 39-47). Durch die "militant reforming church" und den Eintritt welt- (und sport-)erfahrener Männer in die neuen Mönchsgemeinschaften wurde der Sport im 12. und 13. Jh. "christianisiert" und seine breitere Ausübung akzeptiert (S. 49-67). Weitere Ausführungen gelten dem Sport im Spiegel der bildenden Kunst (S. 69-81), den sportlichen Aktivitäten von Frauen und ländlicher Bevölkerung wie solchen zur Erhaltung der Gesundheit (S. 83-93). Instruktiv ist die Darstellung der Nachrichten über Sport und Kurzweil aus englischen Gerichtsprotokollen des 13. Jh. (S. 95-121). Die descriptio nobilissimae civitatis Londoniae des Becket-Biographen William Fitzstephen wird ausgewertet und der von Georges Duby behandelte Guillaume le Maréchal als Turnier-"Profi" vorgestellt (S. 123-136). Ein "bibliographical essay", ausgewählte Literatur und Index schließen den Band ab. Ob der Stellenwert von Sport, Erholung und Zeitvertreib (den C. implizit aus dem modernen Verständnis unserer "Freizeitgesellschaft" ableitet) in der in groben, manchmal holzschnittartigen Umrissen gezeichneten "feudal society" durch dieses Buch adäquat beschrieben wird, bleibe dahingestellt. Die Darstellung überzeugt vor allem dort, wo C. selbst umfassende Quellenuntersuchungen angestellt hat.
  754. &

    Mark Mersiowsky


  755. Bernhard Pabst, Atomtheorien des lateinischen Mittelalters, Darmstadt 1994, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, VIII u. 373 S., ISBN 3-524-12078-7, DEM 68. - Das Buch versteht sich als völlige Neubewertung der ma. Naturphilosophie (S. 1) und sieht sich wohl daher auch befugt, ohne Berücksichtigung der hsl. Quellen etwa in die Textüberlieferung des Abaelard einzugreifen (S. 155 f.). Seine Thesen basieren auf recht schmaler Kenntnis der antiken Naturkonzeptionen ("im Anschluß an die wissenschaftlichen Standardwerke", S. 7). Das dem Atomstreit zugrundeliegende Problem des anaximandrischen "Apeiron" (spatium inane) berücksichtigt P. nicht; die Positionen des Eleatismus (Bewegung ist nur Schein, eine Strecke ist beliebig oft teilbar, so daß man nie von einem Punkt zum anderen gelangen kann) scheinen für ihn - soweit er sie überhaupt erwähnt - eher aristotelisch zu sein. Diese Mißverständnisse verwischen die Unterschiede zwischen der geometrischen Korpuskulartheorie Platons (die den leeren Raum ausschließt) und den Theorien der älteren Atomisten (die einen leeren Raum zwischen den Atomen postulieren). Erst diese Vermengung erlaubt es P., eine breite ma. Atomistik auszumachen. Keiner der angeführten Autoren vertritt jedoch eine Atomtheorie im Sinne des Demokrit oder Lucrez. P. sitzt vielmehr den mangelhaften ideengeschichtlichen Kenntnissen der ma. Autoren auf, die zum Teil mit dem Wort "atomus" sehr unpräzise umgehen. Was er in Wahrheit aufdeckt (und diese Tatsache ist zwar weniger spektakulär, dafür aber umso wichtiger für das Verständnis ma. Naturbegriffe) ist die beherrschende Rolle, die der Platonismus in der Schule von Chartres auch in der Naturphilosophie spielte. Der Einwand, daß der Timaios im Hoch-MA nur teilweise bekannt gewesen sei, offenbart einen zweiten fundamentalen Fehler dieser Studie. Platonisches Denken ist nicht an die Überlieferung von Platons Werken gebunden; auf den spätantiken Synkretismus, der dieses Denken ins MA überlieferte, aber geht der Vf. gar nicht ein, obwohl die von ihm als "Atomisten" reklamierten ma. Autoren etwa den Boethius beständig zitieren. Die Idee der einfachen und unteilbaren Materie ist dort geläufig (vgl. De unitate et uno, Migne PL 63, 1076A-B), wenn auch durch aristotelische Begriffe überlagert. Da P. hier nicht ansetzt, kann er die Entwicklungslinie der ma. Naturphilosophie nicht aufdecken. Ihm bleibt jedoch das Verdienst, die starke Verbreitung einer korpuskularen Element- und Materiekonzeption im Früh- und Hoch-MA gezeigt zu haben.
  756. &

    A. M.-R.


  757. August Nitschke, Von Verteidigungskriegen zur militärischen Expansion: Christliche Rechtfertigung des Krieges beim Wandel der Wahrnehmungsweise, und Ders., Der Kampf gegen die Fehde und das Recht: Ein Weg zum Frieden, in: Töten im Krieg, hg. von Heinrich von Stietencron und Jörg Rüpke (Veröffentlichungen des Instituts für Historische Anthropologie 6) Freiburg-München, Verlag Karl Alber, ISBN 3-495-47802-7, S. 241-276 und S. 317-338, stellt im ersten der beiden Beiträge zu einem universalgeschichtlich angelegten Sammelband den Befund des Alten Testaments sowie die Reflexionen Augustins, Gregors des Großen und der Papstbriefe des Codex Carolinus einander gegenüber, um zu zeigen, daß die jeweilige Weltsicht das theologische Urteil bestimmte und die sittliche Rechtfertigung des Angriffskriegs längst vor den Kreuzzügen begegnet. In dem zweiten Beitrag werden die Verordnungen von Frieden im 12./13. Jh. als Ausdruck des ständischen Selbstverständnisses der damaligen Gesellschaft gedeutet.
  758. &

    R. S.


  759. Irven Michael Resnick, Divine Power and Possibility in St. Peter Damian's "De divina omnipotentia" (Studien und Texte zur Geistesgeschichte des Mittelalters 31) Leiden 1992, E. J. Brill, 128 S., ISBN 90-04-09572-1, NLG 75 bzw. USD 43. - Der Brief Damianis über die göttliche Allgewalt soll ein Phänomen darstellen: Er sei 110fach überliefert, wurde aber in der ma. Philosophie kaum rezipiert und er sei auch in der Forschung der am wenigsten beachtete Brief Damianis. Warum die Edition von K. Reindel, MGH Briefe der dt. Kaiserzeit 4, 3, 1989 (dort mit der Nr. 119) in dieser 1992 erschienenen "dissertation" nicht benutzt wurde, bleibt unverständlich, wo zudem dem Editor der Briefe im Vorwort gedankt wird. Dieser Vorwurf betrifft auch den Umgang mit allen weiteren Damianibriefen und den Sermones, die ebenso wie die ersten 40 Briefe seit 1983 neu ediert sind; angeblich wurden zumindest dieser erste Band der Briefedition und die Neuausgabe der Sermones laut Literaturverzeichnis benutzt. Doch es wird noch schlimmer: Bereits 1956 haben Ryan und 1961 Lucchesi (vgl. Resnick S. 19 Anm. 66) die authentischen Sermones von den Spurien getrennt, dennoch wird z. B. S. 48 Anm. 30 der von Nikolaus von Clairvaux stammende angebliche Damiani-Sermo 1 als Damianibeleg angeführt. Beim Studium der neuen Edition der Briefe hätte R. auch bemerkt, daß sein Verweis auf die zweisprachige Ausgabe von André Cantin in den Sources chrétiennes 191 (1972) nur dessen unbegründete Spekulation von 110 Hss. übernimmt, in Wirklichkeit sind nur etwas über 30, und davon zur Hälfte unvollständige Hss. bekannt; der Verbreitungsgrad ist also für Damianibriefe eher durchschnittlich, und bei nur 15 erhaltenen vollständigen Hss. braucht man sich über mangelnde ma. Rezeption nicht zu wundern. Allerdings gibt es noch einen zweiten, wichtigeren Grund für die ma. Ablehnung, und der ist - wie R. in der Tradition der bisherigen Forschung herausarbeitet - inhaltlicher Art. Positiv ist zu vermerken, daß der Vf. argumentativ über die Studie Cantins hinausgeht und die dialektische Vorgehensweise Damianis analysiert und interpretiert. Dadurch, daß Gott auch Vergangenes rückgängig machen kann - exemplarisch erklärt mit der Jungfräulichkeit Marias -, gewährt er auch dem Sünder die Chance, bereits zu Lebzeiten durch ein Leben im Kloster Gottes Nachsicht zu erlangen. Mit dieser radikalen Interpretation von der Allmacht Gottes, die in Güte und nicht im Sein begründet ist, ist dieser Brief ein bedeutendes frühscholastisches Zeugnis für die erst in der Folge einsetzende theologische, philosophische und ethische Diskussion der nächsten Jahrhunderte. Allerdings setzte sich hierbei, wie schon vorher bekannt, meist ein weniger rigider Weg durch, wie er etwa in Anselms von Canterbury Cur Deus homo II, 17 vertreten wird. Trotz der eingangs erhobenen methodischen Bedenken sei anerkannt, daß durch diese Studie die Beschäftigung mit diesem grundlegenden theologischen Thema befruchtet wird.
  760. &

    C. L.


  761. Georg Wieland (Hg.), Aufbruch - Wandel - Erneuerung. Beiträge zur "Renaissance" des 12. Jahrhunderts (9. Blaubeurer Symposion vom 9. bis 11. Oktober 1992) Stuttgart - Bad Cannstatt 1995, Frommann-Holzboog, 279 S., ISBN 3-77281683-5, DEM 112. - Das Buch vereinigt die Beiträge einer 1992 an der Universität Tübingen gehaltenen Ringvorlesung und eines Blaubeurer Symposiums. Es ist in vier Abteilungen gegliedert: Individualität und Gemeinschaft, Schule und Wissenschaft, Natur und Kunst und - abschließend - "Zwei Repräsentanten des 12. Jahrhunderts". - A. Haverkamp, Leben in Gemeinschaften: alte und neue Formen im 12. Jahrhundert (S. 11-44), gibt einen weitgespannten Überblick über religiöse (von der Kirche anerkannte oder auch nicht anerkannte) und weltliche "Gemeinschaften", worunter "allgemein eine Verbindung von mehreren Individuen" (S. 18) verstanden wird, und interpretiert sie unter kirchengeschichtlichen wie auch sozial- und verfassungsgeschichtlichen Aspekten. - Otto Langer, Tele_a _il_a und amicitia spiritalis. Zwei Formen rationaler Personenbeziehungen im Abendland (S. 45-64), kontrastiert Aristoteles' Abhandlung über die _il_a in der Nikomachischen Ethik und Aelreds von Rievaulx († 1167) De spiritali amicitia, wobei letztere im Vergleich zur amicitia carnalis und der amicitia mundialis die einzig wahre ist. - Walter Haug, Die Entdeckung der personalen Liebe und der Beginn der fiktionalen Literatur (S. 65-85). - Wolfgang Kluxen, Wissenschaftliche Rationalität im 12. Jahrhundert: Aufgang einer Epoche (S. 89-99), bietet eher allgemein gehaltene Argumente und Bemerkungen zu Anselm von Canterbury und Abaelard, zur Aristoteles-Rezeption und der Entstehung der Universitäten und sieht darin die "Entdeckung des Prinzips der Rationalität" und der "Verwissenschaftlichung aller Theorie". - Joachim Ehlers, Das Augustinerchorherrenstift St. Viktor in der Pariser Schul- und Studienlandschaft des 12. Jahrhunderts (S. 100-122), skizziert die Stellung von St. Victor, dessen methodische Substanz im Didascalion Hugos († 1141) vorgeprägt war und für das die Bibel Ausgang und Ziel aller intellektuellen Tätigkeiten darstellte. Die an St. Victor vorbeigehende Aristoteles-Rezeption führte Ende des 12. Jh. dazu, daß das Stift an intellektueller Bedeutung verlor. - Richard Heinzmann, Die Entwicklung der Theologie zur Wissenschaft (S. 123-138), sieht in der Entwicklung "von der sententia zur summa die herausragende geistesgeschichtliche Bedeutung des 12. Jahrhunderts bestätigt" und versucht, die Verwissenschaftlichung der Theologie am Leitfaden der lectio, quaestio, quaestio disputata und summa zu beschreiben. - Knut Wolfgang Nörr, Ordnung und Individuum: ein kritisches Element in der streitigen Gerichtsbarkeit der mittelalterlichen Kirche (S. 139-151), fußt in seinem Vortrag auf seinem (ausführlichen und mit Belegen versehenen) Aufsatz: Prozeßzweck und Prozeßtypus: der kirchliche Prozeß des Mittelalters im Spannungsfeld zwischen objektiver Ordnung und subjektiven Interessen, ZRG Kan. 78 (1992) S. 183-209 (vgl. DA 48, 793). - Andreas Speer, Zwischen Naturbeobachtung und Metaphysik. Zur Entwicklung und Gestalt der Naturphilosopie im 12. Jahrhundert (S. 155-180), behandelt die Naturphilosophie des 12. Jh. am Beispiel Thierrys von Chartres und Wilhelms von Conches. - Gangolf Schrimpf, Bernhard von Chartres, die Rezeption des Timaios und die neue Sicht der Natur (S. 181-210), untersucht die Glossen Bernhards zu Platons Timaios und kommt zu dem Ergebnis, daß es Bernhard um eine sachgerechte, werkimmanente Erschließung gegangen sei und daß er die Schrift als Handbuch der physica in den akademischen Unterricht habe einführen wollen. - Günther Binding, Die neue Kathedrale. Rationalität und Illusion (S. 211-235). - Ulrich Köpf, Bernhard von Clairvaux: Mystiker und Politiker (S. 239-259), skizziert das Leben Bernhards, sein geistlich-theologisches Wirken und würdigt ihn als monastischen Theologen und Mystiker. - Georg Wieland, Abailard: Vernunft und Wissenschaft (S. 260-272), charakterisiert das Denken Abaelards "als den Versuch einer Kritik der Vernunft".
  762. &

    G. Sch.


  763. Roland J. Teske, William of Auvergne on the Individuation of Human Souls, Traditio 49 (1994) S. 77-93, beschreibt die philosophischen und theologischen Argumente, mit denen der Pariser Bischof Wilhelm von Auvergne († 1249) die Aristoteles zugeschriebene und aus Avicenna erschlossene Ansicht zurückweist, die Seelen der Toten vereinigten sich zu einer Weltseele.
  764. &

    D. J.


  765. Alain de Libera, Albert le Grand et la philosophie, Paris 1990, Librairie philosophique J. Vrin, 295 S., ISBN 2-7116-1015-2, FRF 114. - Das Buch ist eine konzise und quellennahe Darstellung der Grundlinien des großen Philosophen (Universalienlehre, Intellekttheorie, causa prima etc.) und ein geglückter Versuch, Alberts Denken hauptsächlich aus seiner Bedeutung als Brückenschlag zwischen Aristotelismus und Platonismus zu verstehen. Als platonisierender Aristoteliker war Albert der Große darauf aus, "à garantir les droits du péripatétisme dans le champ de la théologie" (S.  76). Die Platonisierung des Aristotelismus sollte diesen theologisch trag- und salonfähig machen. In dieser Beziehung ist die Bedeutung des Liber de causis, den Albert irrtümlich als Annex zur aristotelischen Metaphysik verstand, nicht hoch genug einzuschätzen. De Libera berücksichtigt in seiner Darstellung auch die von Albert ausgehenden, unter sich aber durchaus divergierenden Entwicklungslinien innerhalb der deutschen dominikanischen Schule (Ulrich von Straßburg, Berthold vom Moosburg) und verwertet dabei die Forschungsresultate aus dem Umfeld des Corpus philosophorum Teutonicorum medii aevi. Der Autor zeichnet Albert als Denker, der bei aller Ausrichtung auf das historische Gedankengut seiner griechischen (Aristoteles, Liber de causis, Ps. Dionysius) und arabischen (Avicenna, Averroes) Referenzpunkte um eigenständiges Philosophieren bemüht ist. "Albert est le premier auteur du Moyen Age à avoir pensé l' identité de la philosophie et de l'histoire de la philosophie" (S.  295).
  766. &

    R. D.


  767. Lorenzo Pozzi, Introduzione alla logica medievale, Brescia 1992, Grafo Edizione, 96 S., ISBN 88-7385-124-X, ITL 15 000. - In diesem Bändchen wird der Versuch unternommen, in einfacher Sprache und verständig gegliedert die Grundkonzepte der Logik darzustellen, wie sie etwa 1250 bis 1350 die wissenschaftliche Diskussion beherrscht haben. Es werden dazu die verbreiteten kryptischen Merkverse erklärt ("Barbara celarent Darii ferio baraliptas"), die verschiedenen Arten des "Gegenteils" erläutert, um dem so vorbereiteten Leser die Lektüre ma. logischer Traktate zu ermöglichen. Die bekannten Probleme in italienischer Sprache abgehandelt zu finden, wirkt zunächst etwas befremdlich, doch ist am Schluß des Buches eine Tavola delle corrispondenze testuali beigegeben, in der zu jedem Satz eine Fundstelle aus einem der sechs wichtigsten ma. Lehrbücher der Logik nachgewiesen ist.
  768. &

    G. S.


  769. Manfred Fuhrmann, Alexander von Roes: ein Wegbereiter des Europagedankens? (SB Heidelberg Jg. 1994, Bericht 4) Heidelberg 1994, Universitätsverlag C. Winter, ISBN 3-8253-0254-7, 41 S., DEM 15, erörtert in einem weit ausgreifenden Überblick über den Europagedanken der Antike und des FrühMA den von Alexander vor allem in der Notitia saeculi entwickelten "übernationalen Geschäftsverteilungsplan" (sacerdotium - Italien; regnum - Deutschland; studium - Frankreich) und sieht darin eine von frühma. Vorstellungen deutlich abgesetzte Europa-Vorstellung, die von einer Vielfalt Europas ausgehe und dessen Einheit als Problem begreife. Daß Enea Silvio Piccolomini Alexanders Schrift gekannt habe, hält der Vf. für durchaus möglich.
  770. &

    G. Sch.


  771. Die Gegenwart Ockhams, hg. von Wilhelm Vossenkuhl und Rolf Schönberger, Weinheim 1990, VCH Acta humaniora, 419 S., ISBN 3-527-17671-3, DEM 168. - Der Abschluß der kritischen Edition des ockhamschen theologischen und philosophischen Gesamtwerkes wurde 1988 auf einer Fachtagung in München zum Anlaß genommen, den aktuellen Forschungsstand vorzustellen und dank der nun zur Verfügung stehenden Quellengrundlage auch neue Zugänge in historischer wie auch in systematisch-philosophischer Hinsicht zu erörtern. 23 Beiträge verteilen sich auf verschiedene thematische Schwerpunkte: philosophische Theologie, Logik und Sprachphilosophie, Naturphilosophie, Ontologie, Praxis und Politik, Biographie und Wirkungsgeschichte. Folgende Aufsätze seien näher vorgestellt: Francesco Bottin, Ockhams offene Rationalität (S. 51-62), plädiert für ein Neuverständnis von Ockhams berühmtem "Rasiermesser", das er mehr als eine Art "methodologische Anweisung" zur Ermöglichung einer einfachen und einheitlichen rationalen Erklärung des Zusammenhangs zwischen den Entitäten denn als ontologisches Prinzip versteht; das "Rasiermesser" ist mithin als Kritik an der scholastischen, auf Aristoteles beruhenden Metaphysik zu sehen, die "die rein rationalen Verknüpfungen, die Aristoteles vorgeschlagen hat, in reale Entitäten verwandelt hat". - In eine ähnliche Richtung weist auch Jan P. Beckmann, Ontologisches Prinzip oder methodologische Maxime? Ockham und der Ökonomiegedanke einst und jetzt (S. 191-207), der aufgrund einer feinen Quellenanalyse die traditionelle - aber nicht von Ockham selbst stammende - Zitierweise des Ökonomiegedankens (entia non sunt multiplicanda sine necessitate) nicht auf metaphysische Fragen beschränkt wissen möchte. Das "Rasiermesser" sei vielmehr "das methodologische Pendant zu einer Welt durchgehender Kontingenz und radikaler Singularität alles Seienden", sei eine "Maxime sparsamen Umgangs mit wissenschaftlichen Notwendigkeiten angesichts einer nicht-notwendigen Welt". - Wolfgang Hübener, Wyclifs Kritik an den Doctores signorum (S. 128-146), untersucht anhand der vor allem theologisch motivierten Ablehnung der Bedeutung der Zeichen für die Wahrheitserkenntnis durch John Wyclif einen interessanten Aspekt aus Ockhams Wirkungsgeschichte und kommt zum Schluß, daß es in Anbetracht der Wichtigkeit des wyclifschen Universalienrealismus in einigen Universitäten des Spät-MA (vor allem in Prag) "nicht möglich ist, die Geschichte der spätmittelalterlichen theoretischen Philosophie einseitig als die einer nie ernstlich angefochtenen Herrschaft des Nominalismus zu schreiben". - Eckhard Kessler, Die verborgene Gegenwart Ockhams in der Sprachphilosophie der Renaissance (S. 147-164), weist nach, daß trotz aller humanistischen Polemik gegen die Nominalisten sich hinter den Gedanken von Lorenzo Valla, Rudolph Agricola und Marius Nizolius zur sprachphilosophischen Auffassung des Universalienproblems implizit Ockhams Ausgangsposition verbirgt. Ockham ist für viele Humanisten offenbar "nicht nur der äußere, unverstandene Gegner gewesen, sondern auch, neben Cicero und Quintilian, der innere Gesprächspartner." - Vladimir Richter, Zu "De obligationibus" in der Summa logicae (S. 257-261), bringt neue Gesichtspunkte zur Frage nach der Authentizität der Kapitel De obligationibus und kommt zum Schluß, daß diese Kapitel - eine Kompilation aus Burleys Abhandlung De obligationibus von 1302 - wohl nicht Ockham selbst zuzuschreiben sind. - Wilhelm Kölmel, Perfekter Prinzipat? Ockhams Fragen an die Macht (S. 288-304), betont, daß trotz des theoretischen Anspruchs, historisch gewachsene Macht immer am Idealbild der Herrschaft (begründet in den Naturgesetzen und im Evangelium) zu messen, Ockham Pragmatiker und Realist gewesen ist. Die beste Herrschaft ist nach ihm nicht einseitig auf den besten Monarchen ausgerichtet, sondern ist bipolar zu verstehen, ausgerichtet auf den besten Monarchen und auf die beste Gesellschaft. Die politia besteht nicht um ihrer selbst willen, sondern ist für den Menschen da. Gerade weil Herrschaft das "Ergebnis menschlicher Anordnung" ist, kann die Gesellschaft unter bestimmten Umständen Herrschaft auch verändern. - Jürgen Miethke, Zur Bedeutung von Ockhams politischer Philosopie für Zeitgenossen und Nachwelt (S. 305-324), versucht über die Rahmenbedingungen, die zur Entstehung von Ockhams politischen Werken geführt haben, Antworten auf die Frage nach deren Attraktivität zu finden. Danach sind sie einerseits ihrer "enzyklopädischen Breite" wegen für den Leser als Steinbruch für die Ableitung eigener Argumentationsstrategien gut verwendbar gewesen, anderseits besaßen sie auch eine Faszination durch ihren Anspruch, die Dinge so zu befragen, wie sie "hier und heute, wie sie im Laufe der erkennbaren Geschichte und wie sie vielleicht schon morgen geordnet werden könnten." Daraus erklärt sich u. a. die Bedeutung der ockhamschen Texte für den Konziliarismus im 15. Jh. Insgesamt sieht Miethke die Wirkung der politischen Texte weniger in den Antworten als in den Fragen, die gestellt wurden. - William J. Courtenay, Ockham, Chatton, and the London Studium: Observations on Recent Changes in Ockham's Biography (S. 327-337), relativiert die gängige Annahme, Ockham sei 1323/24 in London mit seinem Franziskanerkollegen Walter Chatton zusammengewesen, und bringt gute Gründe für die Wahrscheinlichkeit, daß diese Begegnung in Oxford, wo sie beide im selben Kloster gewohnt haben dürften, stattgefunden hat, und Ockham gar nicht in London gewesen ist. Oxford wird damit für die frühen 20er Jahre ein intellektuelles Zentrum par excellence, wenn man die Präsenz von Robert Graystanes, John Rodington und Richard Fitzralph mitberücksichtigt. Nach C. wäre es nun wichtig zu wissen, "how closely those persons were in contact with Ockham, Chatton, and their writings in those years". - Hilary S. Offler, The ,Influence' of Ockham's Political Thinking: The First Century (S. 338-365), beleuchtet u. a. das Verhältnis zwischen den bei verschiedenen Konziliaristen (u. a. Johannes von Segovia) nachweisbaren Kenntnissen von Ockhams politischen Schriften und deren Verwendung in den eigenen ekklesiologischen Traktaten; ohne die Konzilstheoretiker als Ockhamisten bezeichnen zu können, hat Ockham doch "an immense corpus of material for the discussion of ecclesiology and ... an example of freedom in approaching its complexities" bereitgestellt. Ein Personenregister (S. 411-419) erleichtert den Zugriff auf den Inhalt dieses gewichtigen Buches.
  772. &

    R. D.


  773. Venício Marcolino, Die Wirkung der Theologie Hugolins von Orvieto im Spätmittelalter, Analecta Augustiniana 56 (1993) S. 5-124, sieht in seiner gründlichen Studie den Höhepunkt der Rezeption von Hugolins Kommentar zu den Sentenzen des Petrus Lombardus 1425 erreicht, als sich in der Folge des Konstanzer Konzils die ägidianische Schulrichtung durchsetzte. Dennoch wurde sein geistiges Erbe vor allem an den Wirkungsstätten Hugolins, Paris und Bologna, aber auch in Padua bis in die frühe Neuzeit bewahrt.
  774. &

    C. L.


  775. Hans-Veit Beyer, Lauro Quirini, ein Venezianer unter dem Einfluß Plethons, Jb. der Österr. Byzantinistik 44 (1994) (ANDRIAS - Herbert Hunger zum 80. Geburtstag) S. 1-19, kann am Beispiel des Philosophen Quirini zeigen, daß der Einfluß des Byzantiners Georgios Gemistos Plethon auf die Entwicklung des Platonismus in der italienischen Renaissance doch größer war, als einige neuere Forscher annehmen.
  776. &

    Franz Tinnefeld


  777. Geistliche Aspekte mittelalterlicher Naturlehre. Symposion 30. November - 2. Dezember 1990. Hg. von Benedikt Konrad Vollmann (Wissensliteratur im MA Bd. 15) Wiesbaden 1993, Dr. Ludwig Reichert Verlag, 188 S., ISBN 3-88226583-3, DEM 64. - Die Beiträge zu diesem Eichstätter Symposium standen im Zusammenhang mit der Edition des Liber de natura rerum (Kurzform) des Thomas von Cantimpré. - Gundolf Keil, Klostermedizin im frühen Mittelalter dokumentiert am ,Lorscher Arzneibuch' von etwa 790 (S. 10-25): Vom medizinischen Fachwissen der Spätantike ist weniger als 1 % dem frühma. westlichen Abendland überkommen. Vor diesem Hintergrund ist das Lorscher Arzneibuch ein Fortschritt, zumal es der Medizin wieder einen therapeutischen Freiraum neben der Theologie verschafft. - Dietrich Schmidtke, Geistliche Tierinterpretation (S. 26-39), skizziert den Wandel von heilsgeschichtlich-allegorischen zu mehr moralisierenden Deutungen der Tiere und ihres Verhaltens. - Benedikt Konrad Vollmann, Hildegard von Bingen: Theologische versus naturkundliche Schriften? (S. 40-47): Es gibt bei Hildegard keinen Gegensatz zwischen ihrer nüchternen Betrachtung der Naturdinge und ihrer philosophisch-theologischen Naturspekulation; beide sind Stufen der Weisheit und lehren den Menschen das rechte Handeln. - Loris Sturlese, Die Sonderstellung der Kosmologie in der antiken und mittelalterlichen Naturlehre (S. 48-58), weist hin auf Bestrebungen von ma. Autoren, zwischen biblischem Fundamentalismus und antikem Rationalismus eine Kosmologie zu begründen, welche die Naturwissenschaft stückweise in einen christlichen Rahmen integrierte. - Christian Hünemörder, Zur empirischen Grundlage geistlicher Naturdeutung (S. 59-68): Auch die geistliche Deutung der Natur beruhte auf Erfahrungswissen, wie es bei Plinius, Aristoteles und anderen Autoren vorlag und bald durch Enzyklopädien wie der des Thomas von Cantimpré verbreitet wurde. - Doris Ruhe, L'ymage du monde qui commence a Dieu et a Dieu prent fin. Zur Rolle der Theologie in französischen Enzyklopädien des späten Mittelalters (S. 69-85), stellt verbreitete Werke vor, die naturkundliches Wissen teils noch zwecks religiöser Erbauung, teils aber auch schon ohne theologische Aspekte vermitteln. - Heinz Meyer, Die Zielsetzung des Bartholomäus Anglicus in ,De proprietatibus rerum'(S. 86-98): Entgegen seiner ausdrücklichen Zielsetzung, vorwiegend Gegenstände zu behandlen, die in der Bibel vorkommen oder zu deren Auslegung beitragen, hat sich Bartholomäus praktisch mit der bloßen Beschreibung der Dinge begnügt und ihre Deutung dem Leser überlassen. - Johannes G. Meyer, Beobachtungen zur volkssprachlichen Rezeption des medizinisch-naturwissenschaftlichen Weltbildes im Mittelalter von Ortolf von Baierland bis Paracelsus (S. 99-111): Das "Arzneibuch" des Würzburgers Ortolf, weitgehend auf Texten fußend, die um 1250 in Montpellier und Paris benutzt wurden, war von zentraler Bedeutung für die Vermittlung ärztlichen Fachwissens in die Volkssprache. Sein Weltbild wurde erst durch Paracelsus grundsätzlich in Frage gestellt, der auch von ganz anderen, in der Renaissance gängigen gnostisch-neuplatonischen Vorstellungen beeinflußt war. - Dem Band beigegeben sind die Diskussionsbeiträge (S. 112-169), ein "Ausblick" von B. K. Vollmann (S. 170 f.) und mehrere Register.
  778. &

    H. M. S.


  779. Katharine Park, The Criminal and the Saintly Body: Autopsy and Dissection in Renaissance Italy, Renaissance Quarterly 47 (1994) S. 1-33, geht der Einstellung zu Autopsie und Sezierung von den ersten bekannten Fällen in den 80er Jahren des 13. Jh. bis ins 16. Jh. nach, um zu zeigen, daß es sich bei der angeblichen Abneigung des MA gegen diese Manipulationen am toten Körper um einen modernen Mythos handle; im 14. und 15. Jh. sei die Öffnung des Leichnams eine geläufige, in Testamenten oder von Verwandten der Verstorbenen oft sogar ausdrücklich verlangte Maßnahme gewesen, und erst im 16. Jh. habe sich Mißtrauen gegenüber dieser Praxis verbreitet, als die Sezierung zunehmend in die Nähe der Vivisektion geraten sei.
  780. &

    C. M.


  781. Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums und Berichte aus dem Forschungsinstitut für Realienkunde 1995. - Der Band enthält die von H. Maué herausgegebenen Akten einer 1993 abgehaltenen Tagung über "Realität und Bedeutung der Dinge im zeitlichen Wandel. Werkstoffe: ihre Gestaltung und Funktion", die vereinzelt auch das MA berühren. Hervorgehoben sei Stefan Schuler, "Campum artium perscrutari". Aspekte der Werkstoffbehandlung in ma. Texten zu den künstlerischen artes mechanicae (S. 45-55), der Isidor von Sevilla, Etymologiae 16 und 19, Vinzenz von Beauvais, Speculum naturale 7 sowie Theophilus (Roger von Helmarshausen), De diversis artibus behandelt, wobei er ein Fortschreiten von der reinen Beschreibung der Stoffe bei Isidor über Hinweise zur Verwertbarkeit bei Vinzenz bis hin zur eindeutigen Praxisorientierung bei Theophilus feststellt.
  782. &

    C. M.


  783. Richard C. Dales, The Intellectual Life of Western Europe in the Middle Ages. Second Revised Edition, Leiden - New York - Köln 1992, E. J. Brill, 322 S., ISBN 90-04-09622-1, NLG 70. - Die flüssig geschriebene Bildungsgeschichte ist für ein weiteres Publikum bestimmt, das sich für die erörterten Quellen im allgemeinen nur in englischen Übersetzungen interessieren sollte. Dies ermöglicht dem Autor kleine tendenzielle Verdeutlichungen, wie wenn er bei Gottschalk miserule ...puerule mit "little sinner" übersetzt (S. 97), der auch sonst die volle Strenge frommer Weltsicht zu spüren bekommt: "when he was to repeat for himself the vows his parents had earlier taken in his behalf", zeigt schon ein Einfühlungsvermögen in ma. Kategorien, das nicht durch anachronistische Reflexionen kompliziert wird, und folgerichtig wird erklärt, Gottschalk sei zur Verteidigung seiner Anschauungen bei der Synode von Mainz 848 erschienen "whether through arrogance or compulsion" (S. 96), was doch einen ziemlichen Unterschied macht und wo bei einem weniger unbequemen Geist sicher auch die Möglichkeit erwogen worden wäre, er hätte auch unter Lebensgefahr für seine Überzeugungen eintreten wollen. So ist mit Bedauern zu konstatieren, daß der Vf. auch darauf verzichtet, das Interesse des Lesers zu wecken, wenn dies nicht in sein sittlich gefestigtes Weltbild paßt: die Diskussion zwischen Petrus Damiani und Abt Desiderius von Montecassino ging nicht allein um die abstrakte Überlegung, ob Gott imstande wäre "to cause a past event not to have happened" (S. 266); vielmehr gingen die Briefpartner ausführlich auf die konkretere Frage einer "reparatio virginis lapsae" ein, was nicht nur die Leser zu weiterem Quellenstudium motivieren könnte, sondern auch die Beschreibung der Interessen von Petrus Damiani vervollständigt hätte. Leider erweist sich auch der sensationelle Fund als Enttäuschung, den der Leser auf der Rückseite des Titelblattes zu machen glaubt, wo auf "Martianus Capella, Satyricon" hingewiesen wird. Die genannte Pariser Hs. enthält kein neu entdecktes Werk, sondern nur "De nuptiis", und die Bezeichnung ist aus dem Katalog von 1893 übernommen.
  784. &

    G. S.


  785. Vocabulaire des écoles et des méthodes d'enseignement au moyen âge. Actes du colloque Rome 21-22 octobre 1989, édités par Olga Weijers (CIVICIMA - Études sur le vocabulaire intellectuel du Moyen Age 5) Turnhout 1992, Brepols, 219 S., ISBN 2-503-37005-5, BEC 1600; Vocabulaire des collèges universitaires (XIIIe-XVIe siècle). Actes du colloque Leuven 9-11 avril 1992, édités par Olga Weijers (CIVICIMA - Études sur le vocabulaire intellectuel du Moyen Age 6) Turnhout 1993, Brepols, 185 S., ISBN 2-503-37006-3, BEC 1550. - Das in etwa zweijährigen Abständen tagende Comité international du vocabulaire des institutions et de la communication intellectuelles au Moyen Age (die Auflösung des geheimnisvollen CIVICIMA im Reihentitel) vermag mit seinen kurzen, aber meist gehaltvollen Beiträgen die Bedeutung aufzuzeigen, die solide und quellennahe Wortuntersuchungen für das Verständnis ma. Einrichtungen haben können. Die geographische Streuung der Autoren und die Vielfalt ihrer Fachzugehörigkeiten innerhalb der Mediävistik gewährleisten unterschiedliche Zugangsweisen, so daß die übereinstimmenden und einander ergänzenden Ergebnisse einmal mehr die umfassende kulturelle Dynamik der ma. lateinischen Kultur bezeugen. Wer sich über die semantische Entwicklung von "facultas", die Bedeutungsnuancen von "professor" oder die Herkunft von "studium generale" informieren will, kann dies an Hand des "Index des termes techniques" in den vorliegenden Bänden mit Gewinn in Angriff nehmen. In der Regel sprechen die Titel für sich selbst: (Band 5) Marta Cristiani, Le vocabulaire de l'enseignement dans la correspondence d'Alcuin (S. 13-32). - Pierre Riché, Le vocabulaire des écoles carolingiennes (S. 33-41). - Claudia Villa, Il lessico della stilistica fra XI e XIII sec. (S. 42-59). - Jean-Yves Tilliette, Le vocabulaire des écoles monastiques d'après les prescriptions des consuetudines (XIe-XIIe siècles) (S. 60-72). - David Luscombe, Philosophy and Philosophers in the Schools of the Twelfth Century (S. 73-85). - Charles Vulliez, Le vocabulaire des écoles urbaines des XIIe et XIIIe siècles à travers les summae dictaminis (S. 86-101). - Danielle Jacquart, "Theorica" et "practica" dans l'enseignement de la médecine à Salerne au XIIe siècle (S. 102-110). - Victor Crescenzi, Linguaggio scientifico e terminologia giuridica nei glossatori bolognesi: "interpretari", "interpretatio" (S. 111-129). - Emilio Panella, Il "lector romanae curiae" nelle cronache conventuali domenicane del XIII-XIV secolo (S. 130-139). - Alfonso Maierù, La terminologie de l'université de Bologne de médecine et des arts: "facultas", "uerificare" (S. 140-156). - Antonio García y García, Vocabulario de las escuelas en la Península Ibérica (S. 157-176). - Carla Frova, Le scuole municipali all'epoca delle università (S. 177-190). - Jacques Verger, "Nova et vetera" dans le vocabulaire des premiers statuts et privilèges universitaires français (S. 191-205). - (Band 6) Olga Weijers, Le vocabulaire du Collège de Sorbonne (S. 9-25). - Marie-Henriette Jullien de Pommerol, Le vocabulaire des collèges dans le midi de la France (S. 26-45). - John M. Fletcher, The Vocabulary of Administration and Teaching at Merton College, Oxford, at the Close of the Middle Ages (S. 46-58). - Götz-Rüdiger Tewes, Terms used in Academic life and corresponding reality by the example of the Bursae of the Arts Faculty at Cologne (S. 59-71). - Peter Denley, The vocabulary of Italian colleges to 1500 (S. 72-79). - Anna Esposito, I collegi universitari di Roma: progetti e realizzazioni tra XIV e XV secolo (S. 80-89). - Ana Maria Carabias Torres, The Vocabulary of the Spanish ,Colegios Mayores' during the Middle and the Modern Age (S. 90-114). - František Šmahel, Scholae, Collegia et Bursae Universitatis Pragensis. Ein Beitrag zum Wortschatz der mittelalterlichen Universitäten (S. 115-130). - Luce Giard, La constitution du système éducatif jésuite au XVIe siècle (S. 131-148). - Giulia Barone, Les couvents des Mendiants, des collèges déguisés? Observations sur les liens entre les écoles des Ordres Mendiants et les collèges (XIII-XIVe s.) (S. 149-157). - George Makdisi, The Model of Islamic Scholastic Culture and its Later Parallel in the Christian West (S. 158-174).
  786. &

    G. S.


  787. Geschichte der Universität in Europa. Bd. 1. Mittelalter. Hg. von Walter Rüegg, München 1993, Beck, 435 S., ISBN 3-406-36952-9, DEM 128. - Das auf 4 Bände angelegte Werk ist "für den gebildeten Leser bestimmt" (S. 11) und nicht für Spezialisten. Bestimmend sollen dabei sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Aspekte sein. Der erste Band, der abschließend das MA beschreibt, umfaßt 13 als "Kapitel" titulierte Beiträge, zu denen noch ein Vorwort und ein Epilog des Hg. treten. Das tektonische Grundproblem einer zeitlich und räumlich so weit gefaßten Gesamtdarstellung: Wahrung der Übersichtlichkeit bei gleichzeitiger gründlicher Detailinformation wurde von den Autoren in unterschiedlicher Weise bewältigt. Während Rüegg seine grundsätzlich gehaltenen Beiträge exakt auf dem angekündigten Level eines Handbuchs hält, verzweigt sich etwa Aleksander Gieysztor, Organisation und Ausstattung (S. 109-138), hoffnungslos zwischen den Universitäten, Regionen und Jahrhunderten und läßt seinem Leser kaum eine Chance, ihm folgen zu können. Hervorzuheben sind die Kapitel über Lebenswege und soziale Stellung der Universitätsangehörigen: Jacques Verger, Die Universitätslehrer (S. 139-160), Rainer Christoph Schwinges, Die Zulassung zur Universität und ders., Der Student in der Universität (S. 161-226), Peter Moraw, Der Lebensweg der Studenten (S. 227-254).
  788. &

    A. M.-R.


  789. Domenico Maffei, Studi di storia delle università e della letteratura giuridica (Bibliotheca Eruditorum. Internationale Bibliothek der Wissenschaften Bd. 1) Goldbach 1995, Keip Verlag, XIX u. 590 S., ISBN 3-8051-0201-1, DEM 178. - Insgesamt 27 Studien des Mithg. der Reihe aus den Jahren 1967 bis 1993 werden hier in gewohnter Weise präsentiert und durch Personen- und Sachregister sowie ein Hss.-register erschlossen.
  790. &

    M. S.


  791. Frank Rexroth, Finis scientie nostre est regere. Normenkonflikte zwischen Juristen und Nichtjuristen an den spätmittelalterlichen Universitäten Köln und Basel, Zs. für Historische Forschung 21 (1994) S. 315-344, beschreibt den Widerstand der Kölner Juristen gegen das "Gleichheitspostulat der Gesamtuniversität" (S. 330), wie es die drei anderen Fakultäten erhoben, und die erfolglosen Versuche, in Basel eine eigenständige Juristenuniversität nach italienischem Vorbild zu bilden. Anspruch der Juristen auf die Spitzenstellung in der Hierarchie der Wissenschaften, wirtschaftlich begründetes städtisches Interesse an vermögenden Studenten und an intensiver, nicht durch Selbstverwaltungsaufgaben reduzierter Lehrtätigkeit der Professoren ließen besonders in Basel das italienische Universitätsmodell als vorbildlich erscheinen.
  792. &

    E.-D. H.


  793. Michael Lapidge, Anglo-Latin Literature 900-1066, London and Rio Grande 1993, The Hambledon Press, XIV u. 506 S., ISBN 1-85285-012-4, GBP 40. - A. G. Rigg, A history of Anglo-Latin literature 1066 - 1422, Cambridge 1992, Cambridge University Press, XVIII u. 414 S., ISBN 0-521-41594-2, GBP 65. - Es handelt sich um zwei durchaus unterschiedliche Werke, die nur scheinbar dem Titel nach aufeinander abgestimmt sind. Das Buch von Lapidge ist ein Wiederabdruck von 16 Aufsätzen aus den Jahren 1972-1992, großenteils an leicht zugänglichen Stellen erschienen, und auch in ihrer Gesamtheit "no comprehensive and authoritative history of pre-Conquest Anglo-Latin literature", wie der Vf. selbst versichert (S. VII). Eine solche für die Zeit nach Hastings will dagegen Rigg vorlegen, der am rührigen Centre for Medieval Studies der Universität Toronto lehrt. Die Bedeutung des Werkes erhellt schon aus dem im Titel genannten Zeitraum, für den das Werk die erste moderne Darstellung bietet. Einleitend werden der geographische Rahmen und die inhaltlichen Aufnahmekriterien begründet, so daß man nicht überrascht ist, auch Petrus Alfonsi anzutreffen, weil er eine Zeit lang Leibarzt Heinrichs I. war, sich aber auch nicht wundert, daß der Eintrag über ihn (S. 31) nicht den Umfang im Tuskulum-Lexikon erreicht, weil der apologetische "Dialogus", wohl als nicht hinreichend literarisch, stillschweigend übergangen wird. Im Aufbau (nicht im Reichtum an Material!) ähnlich wie Manitius, bringt Rigg eine chronologische Reihung von Einzeldarstellungen, die reichlich mit Textbeispielen illustriert sind. Diesen ist ausnahmslos eine englische Übersetzung beigegeben. Eine fortlaufende Literaturgeschichte, die Traditionen und Entwicklungen aufzeigt, findet sich nur ansatzweise in den überleitenden Kapiteln zwischen den einzelnen Abschnitten. Daß die knappen Anmerkungen gesammelt am Schluß stehen, nimmt man bedauernd zur Kenntnis. Einen besonderen Hinweis verdient der Anhang über die ma. Versformen (S. 313-329), der nicht nur bei anglo-lateinischer Dichtung von Nutzen sein kann.
  794. &

    G. S.


  795. Fritz Peter Knapp, Die Literatur des Früh- und Hochmittelalters in den Bistümern Passau, Salzburg, Brixen und Trient von den Anfängen bis zum Jahre 1273 (Geschichte der Literatur in Österreich von den Anfängen bis zur Gegenwart 1) Graz 1994, Akademische Druck- und Verlagsanstalt, ISBN 3-201-01611-X, 666 S., DEM 87. - Für die auf sieben Bände angelegte österreichische Literaturgeschichte wurde K. als Bearbeiter der dem MA gewidmeten ersten beiden Bände gewonnen. Erfreulicherweise werden im vorliegenden ersten Teilband lateinische und volkssprachliche Dichtung in gleicher Weise berücksichtigt. Der Literaturbegriff ist weit gefaßt und durch Hinzuziehung kodikologischer Fragestellungen heuristisch gesichert; liturgische Texte finden darin ebenso ihren Platz wie Gebrauchsprosa. Hagiographie, Historiographie und lateinische Versdichtung werden ausführlich gewürdigt, mit besonderem Interesse wird man auch die Kapitel zur hebräischen Literatur lesen, die in vergleichbaren Literaturgeschichten meist vergessen wird. Die Abgrenzung "Österreichs" gegenüber dem umliegenden deutschen Sprachraum wird von Knapp pragmatisch gehandhabt. Er legt für das Hoch-MA die Grenzen der Bistümer Passau bzw. Salzburg, Brixen und Trient zugrunde; bei Autoren und Textgruppen, die nur zum Teil diesen Regionen zuzurechnen sind, holt er dennoch weiter aus. So kommen auch die Carmina Burana oder Walther von der Vogelweide zu einer umfassenden Würdigung.
  796. &

    A. M.-R.


  797. Otto von Botenlauben: Minnesänger, Kreuzfahrer, Klostergründer. 750 Jahre 1244-1994, hg. Peter Weidisch (Bad Kissinger Archiv-Schriften, Bd. 1) Würzburg 1994, Schöningh, 503 S., ISBN 3-87717-703-4, DEM 48. - Den fränkischen Dynasten Otto I. von Botenlauben (†1244) würdigen 13 Autoren in 17 Beiträgen. Neben germanistischen, kunst- und musikgeschichtlichen sowie archäologischbaugeschichtlichen Untersuchungen, auf die hier nicht eingegangen werden kann, sind hervorzuheben: Bernd-Ulrich Hucker, Otto Graf von Henneberg-Botenlauben und die imperiale Politik in Europa und Outremer (1196-1244) (S. 89-116). - Ders., Regesten des Grafen Otto von Botenlauben 1197-1244 (S. 471-498). - Enno Bünz, Der Besitz Ottos von Botenlauben im Königreich Jerusalem (S. 71-88), über Ottos durch Heirat mit Beatrix von Courtenay erworbene, 1220 verkaufte Güter. - Ders., Otto von Botenlauben, die Gründung des Klosters Frauenroth und die religiösen Bewegungen des 13. Jahrhunderts (S. 117-151), über die Zisterzienserinnen von Frauenroth 1231. - Heinrich Wagner, Genealogie der Grafen von Henneberg bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts (S. 401-469), mit einer beigelegten Stammtafel. - Rolf Sprandel, Der Adel des 13. Jahrhunderts im Spiegel des "Renner" von Hugo von Trimberg (S. 296-308). - Einleitend faßt der Hg. Peter Weidisch, Otto von Botenlauben, Minnesänger - Kreuzfahrer - Klostergründer (S. 17-55) das Bild Ottos zusammen und verweist auf Fragen, welche die Autoren des Bandes kontrovers beurteilen. Dies betrifft nicht nur Einzelheiten wie den Zeitpunkt der Heirat von Otto und Beatrix, die Zahl ihrer Söhne oder den Schild mit Kreuz am Grabdenkmal der Beatrix in Frauenroth, den Rainer Kahsnitz, Das Grabmal des Otto von Botenlauben und der Beatrix von Courtenay in Frauenroth (S. 153-202), zu Unrecht als Hinweis auf den Johanniterorden in Frage stellt, dessen confratres Otto und Beatrix 1208 waren. Strittig sind darüber hinaus ganz generell die Hintergründe für den Verkauf von Botenlaube und die Klostergründung, durch welche die Henneberger wichtige Positionen im fränkisch-thüringischen Raum verloren, wie Wilhelm Störmer, Die Region Rhön-Saale in der Salier- und Stauferzeit - Eine territorialgeschichtliche Bestandsaufnahme (S. 277-295), herausarbeitet. Ob Otto I. und Beatrix mit den Entscheidungen ihrer Erben einverstanden waren - Otto II. wurde Deutschordensritter, seine Gemahlin Adelheid von Hildenburg Dominikanerin, ihr Sohn Albert Domkanoniker, später auch Deutschordensritter, ein weiterer Sohn Heinrich (nach Bünz; anders Wagner) Chorherr im Stift Haug -, ob Ottos I. älterer Bruder Poppo VII. (†1242) und dessen Söhne den Übergang des Familienbesitzes in fremde Hände billigten, läßt sich nicht eindeutig entscheiden. Erwähnenswert ist der günstige Preis trotz 59 guter, oft farbiger Abbildungen und zahlreicher Skizzen.
  798. &

    K. B.


  799. Heribert R. Brennig, Der Kaufmann im Mittelalter. Literatur - Wirtschaft - Gesellschaft (Bibliothek der Historischen Forschung Bd. 5) Pfaffenweiler 1993, Centaurus, XIV und 481 S., Abb., ISBN 3-89085-582-2. - Diese Bonner germanistische Diss. vereinigt sehr Disparates in einem Band. Der zweite Teil, der drei Viertel der Untersuchung ausmacht, bespricht den Kaufmann in der Literatur, wobei sich die Diskussion auf König Rother, Tristan und Isolde, Parzival und Willehalm konzentriert. Es ist also ein Ausschnitt aus der Epik, der zeigen soll, daß sich typische Verhaltensweisen des Kaufmanns in der Literatur niederschlugen und daß der Kaufmann kein verachteter Außenseiter war. Dem ist eine historische Einleitung vorangestellt, die zunächst ausführlich das frühe MA bespricht, danach auf neun Seiten Kaufmann und Handel vom 10. Jh. bis zum späten MA darstellt, um dann berufsspezifische und gesellschaftliche Einzelaspekte darzulegen. Dabei betont B. völlig zu Recht, daß die ältere Literatur den Kaufmann einseitig von Modellen des 19. Jh. gesehen hat. Doch ist er dabei über das Ziel hinausgeschossen. Sätze wie: "Selbst norwegische Königssöhne oder Kaiser Friedrich II. betätigen sich als Kaufleute. Friedrich II. betrieb engagiert den Export von Lebensmitteln, in erster Linie Getreide, stand mit anderen Kaufleuten, z. B. dem Wiener Kaufmann Heinrich Baum, in Geschäftsverkehr und war sogar an der Partenreederei beteiligt" (S. 46 f.), sind absurd. So richtig es ist, daß das traditionelle Kaufmannsbild der Forschung, das auf Typisierung und theoretischen Modellen beruhte, die Forschung behindert hat, so darf man doch nicht unbesehen überall das genaue Gegenteil lehren. Dies nimmt mancher These des anregenden Buches seine Wirkung.
  800. &

    Gerhard Rösch


  801. Literatur im Umkreis des Prager Hofs der Luxemburger. Schweinfurter Kolloquium 1992, hg. von Joachim Heinzle, L. Peter Johnson und Gisela Vollmann-Profe (Wolfram-Studien 13) Berlin 1994, Schmidt, 323 S., Abb., ISBN 3-503-03089-1, DEM 124. - Der Band kann, mehr als sein Titel und Anlaß - die Tagung der Wolfram-von-Eschenbach-Gesellschaft 1992 in Schweinfurt - erwarten ließen, als interdisziplinär angesehen werden. Ziel der Vorträge ist es, den in der Germanistik oft vernachlässigten Zusammenhang zwischen der historisch greifbaren Situation - hier: Böhmen an der Wende zum 15. Jh. - und dem literarischen Schaffen herzustellen. Dabei werden besonders Texte der lateinischen, deutschen und tschechischen Fachprosa - Gebete, Chroniken, Bibelübersetzungen, aber auch Urkunden - herangezogen. Die allgemeine geistesgeschichtliche Lage beleuchtet Benedikt Konrad Vollmann, Prager Frühhumanismus? (S. 58-80). - Hans Joachim Behr beschäftigt sich mit dem "Herrschaftsverständnis im Spiegel der Literatur: die ,Vita Caroli Quarti'" (S. 81-91). - Eine ganze Reihe von Beiträgen befaßt sich mit Autoren, die im Auftrag Karls IV. arbeiteten. - Peter Ochsenbein, Johann von Neumarkt als geistlicher Schriftsteller (S. 67-80), kritisiert die Editionstechnik Konrad Burdachs und versucht eine neue Eingrenzung der Schriften des Kanzlers Karls IV. - Sabine Schmolinsky, Prophetisch-endzeitliches Denken im Umkreis Karls IV. (S. 92-105), beschäftigt sich nochmals mit Karls Autobiographie und mit einer Reihe lateinischer Vaticinien, der "Exhortatio ad Carolum IV" des Dominikaners Johannes Dambach und verschiedenen vorhussitischen Schriften sowie der Rolle des Nicola di Rienzi am Kaiserhof. - Die deutschsprachige Herrscherpanegyrik behandelt Michael Stolz, Heinrichs von Mügeln Fürstenpreis auf Karl IV. (S. 106-141). - Xenja von Ertzdorff, Et transivi per principaliores mundi provincias (S. 142-173), geht die für Karl geschriebene lateinische Böhmenchronik des Johannes von Marignoli auf ihre reisegeschichtlichen Aspekte (China, Indien) durch. - Arno Mentzel-Reuters, Oufsliessen deiner schrifte tor (S. 174-206), behandelt den böhmischen Biblizismus vor Hus und versucht, die Textkonstitution der für König Wenzel angelegten Hs. einer deutschen Bibelübersetzung (Cod. Vind. 2759-2764) darin einzuordnen; darin schließt sich eine Widerlegung der These ein, Karl IV. habe 1369 im sogenannten Edikt von Lucca die volkssprachliche Bibel verboten (Selbstanzeige).
  802. &

    A. M.-R.


  803. Théâtre et spectacles hier et aujourd`hui. Moyen âge et Renaissance. Actes du 115e Congrès national des sociétés savantes (Avignon 1990) Paris 1991, Editions du Comité des Travaux Historiques et Scientifiques, 321 S., ISBN 2-7355-0219-8, FRF 200. - Für einen der Theatergeschichte eher fernstehenden Leser - "Le sujet est vaste" (S. 9) - ist besonders aufschlußreich der Beitrag von Elisabeth Lalou, Le théâtre et les spectacles publics en France au Moyen-Âge. État des recherches (S. 9-33), der die ungeheuer rege Aktivität der einschlägigen Fachleute dokumentiert, die ihren Ausfluß in zahllosen Kolloquien findet, welche ihrerseits, vermutlich während der kurzen Intervalle, Sammelbände hervorbringen oder die Gründung von - gelegentlich kurzlebigen - Zeitschriften und Vereinen anregen. Dieselbe Autorin verzeichnet in ihrem Beitrag: Les rolets de théâtre, étude codicologique (S. 51-71) volkssprachliche Schauspieltexte auf Rollen bis zum 16. Jh., in denen die Sprechpartien der einzelnen Schauspieler gekennzeichnet sind. - Guy Paoli, Taverne et théâtre au Moyen Age (S. 73-82), zeigt am Beispiel der raffgierigen Bürger von Arras den Quellenwert von Burlesken für Wirtschafts- und Mentalitätsgeschichte und verweist auf die Mitwirkung von Gastwirten bei Theateraufführungen. - Philippe Bernard, Le drame liturgique pour la présentation de la Sainte Vierge au temple, de Philippe de Mézières (1372): Entre Hapax théâtral et centon liturgique (S. 93-113), lenkt die Aufmerksamkeit auf ein Drama, das der Ratgeber Karls V. verfaßte, um die Darstellung Mariens als fünftes Marienfest zu propagieren.
  804. &

    G. S.


  805. Karl der Große als vielberufener Vorfahr. Sein Bild in der Kunst der Fürsten, Kirchen und Städte, hg. von Liselotte E. Saurma-Jeltsch (Schriften des Historischen Museums 19) Sigmaringen 1994, Jan Thorbecke, 173 S., 55 Abb., ISBN 3-7995-1205-5, DEM 36. - Der Sammelband ist ein kunsthistorischer Beitrag zum Frankfurter Stadtjubiläum von 1994. Nach einer Einführung der Hg. (S. 9-21) erörtert Werner Jacobsen, Die Pfalzkonzeptionen Karls des Großen (S. 23-48; Abb. 1-9), die Bauten in Paderborn, Ingelheim und Aachen nach den gegenständlichen Befunden wie den schriftlichen Zeugnissen, setzt sich aber über die Ergebnisse der neueren historischen Forschung hinweg, indem er das sog. Paderborner Epos als Text der Jahre 799/800 verwendet und die Aachener Palastaula als "Lateran" versteht. Fragwürdig ist daher auch seine These, "die endgültige Anlage der Pfalz" in Aachen gehe "auf die ersten Kaiserjahre Karls" zurück (S. 44). Die Studie weist zudem Schnitzer im Gebrauch der lateinischen und der deutschen Sprache auf. - Renate Kroos, Zum Aachener Karlsschrein. "Abbild staufischen Kaisertums" oder "fundatores ac donatores"? (S. 49-61, Abb. 10-15), tritt überzeugend dafür ein, das Bildprogramm des 1215, teilweise vielleicht noch später vollendeten Schreins nicht aus dem Umkreis Barbarossas und der Kanonisation von 1165, sondern aus der Erinnerung des Aachener Marienstifts an seine königlichen Wohltäter herzuleiten. - Hans-Joachim Jacobs, Das Bild Karls des Großen in der Stadt Frankfurt im 14. Jahrhundert (S. 63-86, Abb. 16-29), skizziert eingangs die Genese der Vorstellung von Karl dem Großen als dem Gründer des Frankfurter Bartholomäusstifts (mit Urkundennachweisen ohne Kenntnis der MGH DD) und bespricht vor diesem Hintergrund Darstellungen des Kaisers auf dem Chorgestühl und am Querhausportal der Kirche sowie am Galgentor der Stadtmauer aus den Jahren 1345 bis 1365. - Norbert H. Ott, Reich und Stadt. Karl der Große in deutschsprachigen Bilderhandschriften (S. 87-111, Abb. 30-37), bietet einen materialreichen Überblick der Illustrationen zum Rolandslied, zum "Karl" des Strickers, zum "Willehalm", zu den weltchronistischen Kompilationen Heinrichs von München wie auch zu diversen Rechtsbüchern, die noch am ehesten den Obertitel der Studie rechtfertigen. - Kristina Domanski/Doerte Friese, Roland und Karl der Große am Rathaus in Bremen: Legitimation einer städtischen Oberschicht (S. 113-137, Abb. 38-49), beleuchtet die ideellen Voraussetzungen für die Errichtung des bekannten Standbildes von 1404 und den gleichzeitigen Figurenschmuck der Bremer Rathausfassade, die im Zusammenhang mit Urkundenfälschungen des Bürgermeisters Johann Hemeling d. J. gesehen werden. - Carmen Schenk/Burkhard Kling, Karl der Große und Frankfurt. Der Aufbau einer Tradition und die Bildwerke vom Spätmittelalter bis zum 19. Jahrhundert (S. 139-173, Abb. 50-55), führen 20 Darstellungen vom 14. bis zum frühen 20. Jh. vor.
  806. &

    R. S.


  807. The Ordo Virtutum of Hildegard of Bingen. Critical Studies, edited by Ekdahl Davidson (Early Drama, Art, and Music Monograph Series 18) Kalamazoo 1992, Western Michigan University, XI u. 128 S., 12 Taf., ISBN 1-879281-176, USD 25, ist eine Sammlung von sechs Beiträgen, die im Rahmen der Theaterforschung Fragen der Musik und Aufführungspraxis des Singspieles ("Reigen der Tugenden") untersuchen, zu dem Hildegard eine Vision aus Scivias neu verwertet hat. Es genügt hier, anzumerken, daß die Beiträge manchmal einen apologetischen Charakter haben und die Ansicht vertreten, das Gesamtkunstwerk ("total art-work") sei bisher zu Unrecht vernachlässigt worden.
  808. &

    G. S.


  809. Hugh Kennedy, Crusader Castles, Cambridge 1994, Cambridge University Press, XVI u. 221 S., 1 Karte, 7 farbige u. 81 schwarzweiße Abb., 25 Pläne, ISBN 0-521-42068-7, GBP 27,95, ist eine wohltuende und gescheite Abweichung von den zahlreichen katalogartigen Büchern über dasselbe Thema, obwohl die Burgen, regional gegliedert, nach und nach beschrieben werden. Es geht dem Vf. vielmehr um die Funktion der Burgen in der Verteidigung der Kreuzfahrerstaaten, um die wechselseitige Befruchtung der Burgenarchitektur im Abendland und im lateinischen Osten. Die bedeutsamsten Entwicklungen waren hier wie dort einmal die Zurückdrängung des Donjons durch ein Verteidigungssystem konzentrischer Mauern, das den feindlichen Angriff möglichst lange vom Zentrum der Burg fernhielt und überdies die akute Gefährdung der ganzen Burg reduzierte, die eintrat, wenn der Donjon unterminiert werden konnte, zum anderen der Wechsel vom rechteckigen zum runden Turm in der Mauer, der weniger totes, d.h. von eigenen Bogenschützen nicht zu erreichendes Gelände unmittelbar vor dem Turm hatte. Im Anhang gibt der Vf. eine englische Übersetzung des von Huygens herausgegebenen Traktats über den Bau der Burg Safad.
  810. &

    H. E. M.