Deutsches Archiv

für Erforschung des Mittelalters

Jahrgang 51. 1995, Heft 1

 

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1. Allgemeines

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DA 51.1995, Heft 2

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    Da511

    1. Allgemeines

    {S. 213-215}

  1. Festschrift für Eduard Hlawitschka zum 65. Geburtstag, hg. von Karl Rudolf Schnith und Roland Pauler (Münchener Historische Studien, Abteilung Mittelalterliche Geschichte 5) Kallmünz Opf. 1993, Michael Lassleben, XIV u. 511 S., 1 Frontispiz, ISBN 3-7847-4205-X. - Der Sammelband zu Ehren des inzwischen emeritierten Münchener Mediävisten enthält: Friedrich Prinz, Das 7. Jahrhundert: Verfallsepoche oder Neubeginn? (S. 1-10), reflektiert die "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" vornehmlich im Merowingerreich. - Wilhelm Störmer, Zu Herkunft und Wirkungskreis der merowingerzeitlichen "mainfränkischen" Herzöge (S. 11-21), vertritt eine Gleichsetzung des aus der Passio minor s. Kiliani bekannten Spitzenahns Hruodi mit dem von Fredegar bezeugten alemannischen dux Crodobert (631/32). - Albrecht Graf Finck von Finckenstein, Rom zwischen Byzanz und den Franken in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts (S. 23-36), bezweifelt die Bedeutung des Bilderstreits und der kaiserlichen Steuerpolitik für die Neuorientierung der Päpste und betont mehr das Gewicht der langobardischen Bedrohung. - Gertrud Thoma, Papst Hadrian I. und Karl der Große. Beobachtungen zur Kommunikation zwischen Papst und König nach den Briefen des Codex Carolinus (S. 37-58), beleuchtet neben dem Gesandtschaftsverkehr den Wandel der päpstlichen Ziele, was zu einer positiveren Wertung der Ergebnisse von Karls Rombesuch 781 führt. - Karl Schmid, Auf dem Wege zur Erschließung des Gedenkbuches von Remiremont (S. 59-96, 1 Abb.), bilanziert die wissenschaftliche Wirkung der MGH-Edition von 1970 und geht dann den erschließbaren Wandlungen in der Memorialpraxis der Frauenabtei nach. - Dieter Geuenich, Richkart, ancilla dei de caenobio Sancti Stephani. Zeugnisse zur Geschichte des Straßburger Frauenklosters St. Stephan in der Karolingerzeit (S. 97-109), schließt sich mit der Untersuchung zweier Konventslisten in den Verbrüderungsbüchern St. Gallens und der Reichenau an. - Adelheid Krah, Zeitgeschichtliche Aussagen in den Miracula Sancti Germani des Aimoin von Saint-Germain-des-Prés (S. 111-131), wertet die Schilderung des normannischen Überfalls auf Paris 845 im Hinblick auf den Ereignisablauf und seine religiöse "Bewältigung" aus. - Rudolf Schieffer, Karl III. und Arnolf (S. 133-149), wägt Kontinuität und Diskontinuität in Arnolfs Politik ab und beleuchtet näher die Verschiebung der Gewichte im ostfränkischen Adel (Selbstanzeige). - Wolfgang Giese, Ensis sine capulo. Der ungesalbte König Heinrich I. und die an ihm geübte Kritik (S. 151-164), sieht in der bekannten Stelle von Gerhards Vita Oudalrici c. 3 (MGH SS 4 S. 389) den Beweis für Tatsächlichkeit und demonstrativen Charakter des Salbungsverzichts von 919 und stützt seine Deutung auf das Verständnis von capulus als Knauf, nicht Griff. - Wolfgang Haubrichs, Die alemannische Herzogsfamilie des 10. Jahrhunderts als Rezipient von Otfrids Evangelienbuch? Das Spendenverzeichnis im Codex Heidelberg Palatinus lat. 52 (S. 165-211), schlägt in streckenweise kühner Argumentation vor, den Eintrag auf dem letzten Blatt der Otfrid-Hs. (vgl. DA 39, 646) als Liste von Seelgerätstiftungen an elf identifizierbare Kirchen (von Lorsch bis Disentis) zugunsten eines Verstorbenen des schwäbischen Herzogshauses, vielleicht Hermanns I. († 949), zu verstehen. - Joachim Wollasch, Neues zu Froumunds von Tegernsee Briefpartner R. (S. 213-229), erweist den von N. Hörberg (vgl. DA 43, 215) identifizierten Abt Reginbald von St. Ulrich und Afra in Augsburg, später Bischof von Speyer († 1039), mit Hilfe von Brief 89 der Tegernseer Sammlung (MGH Epp. sel. 3 S. 94 f.) und der cluniazensischen Nekrologien als Profeßmönch von Cluny (vor 1007). - Michael Borgolte. Die Stiftungsurkunden Heinrichs II. Eine Studie zum Handlungsspielraum des letzten Liudolfingers (S. 231-250), unterscheidet bei einer Durchsicht der Diplome zwischen religiösen Motivationen, Gebetsverpflichtungen und eigentlichen Stiftungen, die sich nur in Aachen, Nienburg/Saale, Bamberg und Hildesheim finden. - Heinz Thomas, Gregors VII. imperiale Politik und der Ausbruch seines Streites mit Heinrich IV. (S. 251-265), lenkt bei der Suche nach dem Gehalt der Vorwürfe im Wormser Absageschreiben von 1076 (MGH Dt. MA 1 Nr. 11) den Blick auf die Äußerungen Gregors VII. von 1074/75, die eine Relativierung der Stellung des bloßen rex Teutonicorum unter den Königen Europas ausdrückten. - Wilhelm Kölmel, Juditio rationis. Manegolds Theorie der Königsmacht (S. 267-282), widmet sich in einem Essay mit spärlichen Literaturnachweisen der publizistischen Debatte in den frühen 1080er Jahren. - Hansmartin Schwarzmaier, Dominus totius domus comitisse Mathildis. Die Welfen und Italien im 12. Jahrhundert (S. 283-305), nimmt die Intitulatio einer zu Unrecht angefochtenen Urkunde Welfs VI. von 1140 zum Ausgangspunkt einer gehaltvollen Studie über die Bedeutung des italienischen (azzonischen, mathildischen) Erbes für die politische Rolle der Familie in der frühen Stauferzeit. - Gerd Althoff, Friedrich von Rothenburg. Überlegungen zu einem übergangenen Königssohn (S. 307-316), erörtert Nachrichten, die auf Spannungen zwischen dem Sohn Konrads III. und seinem Vetter Friedrich Barbarossa hindeuten. - Stefan Weinfurter, Wer war der Verfasser der Vita Erzbischof Arnolds von Mainz (1153- 1160)? (S. 317-339), schreibt das Werk (Jaffé, Bibl. rer. Germ. 3 S. 604-675) mit guten Gründen dem erzbischöflichen Kapellan und Notar Gernot, zugleich Scholaster von St. Stephan in Mainz, zu. - Theo Kölzer, Ein Königreich im Übergang? Sizilien während der Minderjährigkeit Friedrichs II. (S. 341-357), stellt differenzierende Erwägungen zur historisch-politischen Bewertung des Jahrzehnts 1198 bis 1208 an. - Walter Koch, Zum "Maius-Transsumpt" Kaiser Friedrichs II. (S. 359-382, 10 Abb.), befaßt sich eingehend mit der Herstellung des Spuriums BF 3843 (MGH Const. 2 S. 640 f. Nr. 467) zur Bestätigung von DF. I †1040 auf der Basis des echten Privilegs BF 3842 (MGH Const. 2 S. 357 f. Nr. 260) vom Juni 1245 aus Verona und ordnet die Befunde in den Gesamtrahmen der Fälschungen Herzog Rudolfs IV. ein. - Harald Dickerhof, Der Beitrag des Tolomeo von Lucca zu "De regimine principum". Monarchia Christi und Stadtstaat (S. 383-401), geht der gedanklichen Eigenart einer verlorenen Schrift Tolomeos von 1301/03 nach, die in die mit dem Namen des Thomas von Aquin verbundene Kompilation von 1318/23 einfloß. - Alexander Patschovsky, Beginen, Begarden und Terziaren im 14. und 15. Jahrhundert. Das Beispiel des Basler Beginenstreits (1400/04-1411) (S. 403-418), bietet neues Quellenmaterial auf, um exemplarisch die prekären Existenzbedingungen der Semireligiosen in der städtischen Welt des Spät-MA aufzuzeigen. - Laetitia Boehm, Artes mechanicae und artes liberales im Mittelalter. Die praktischen Künste zwischen illiterater Bildungstradition und schriftlicher Wissenschaftskultur (S. 419-444), leitet aus einem Überblick neuerer Forschungen und spezifischer Quellenbestände die Warnung vor einer allzu strikten Kontrastierung ab. - Alfons Becker, Französische Italienpolitik im Mittelalter (S. 445-460), skizziert die Entwicklung von Karl dem Kahlen bis zu Karl VIII. - Roland Pauler, Wahlheiligkeit (S. 461- 477), hält ausdrückliche Nachrichten über die Anrufung des hl. Geistes vor deutschen Königswahlen (seit 1125) fest und betont die legitimierende Funktion bei fehlendem Geblütsanspruch. - Andreas Kraus. Das Königreich der Bayern. Bayerische Historiker der frühen Neuzeit zur Karolingerherrschaft in Bayern (S. 479-496). - Karl Rudolf Schnith, Zur historischen Staatlichkeit des "k. k. Antheils an Schlesien" (S. 497-511).
  2. R. S.


    {S. 215-217}

  3. Herrschaft, Kirche, Kultur. Beiträge zur Geschichte des Mittelalters. Festschrift für Friedrich Prinz zu seinem 65. Geburtstag, hg. von Georg Jenal unter Mitarbeit von Stephanie Haarländer (Monographien zur Geschichte des Mittelalters 37) Stuttgart 1993, Hiersemann, XXIII u. 629 S., ISBN 3-7772-9321-0, DEM 360. - Die mediävistische unter den beiden Festschriften, die dem Münchener Historiker aus demselben Anlaß gewidmet wurden, enthält: Frauke Stein, Grabkammern bei Franken und Alamannen. Beobachtungen zur sozialen Gliederung und zu den Verhältnissen nach der Eingliederung der Alamannen in das merowingische Reich (S. 5-41, 10 Abb.). - Wilhelm Volkert, Die Ortsnamen des Hachinger Tales (S. 43-60, 1 Karte). - Eugen Ewig, Die Klosterprivilegien des Metropoliten Emmo von Sens, das Reichskonzil von Mâlay-le-Roi (660) und der Sturz des Metropoliten Aunemund von Lyon (661/62) (S. 63-82), ordnet die beiden Urkunden für Sainte-Colombe und Saint-Pierre-le-Vif in Sens vom Herbst 660 in die Entwicklung der Gattung ein, erschließt aus den Subskriptionen das (neustroburgundische) Konzil und leitet daraus den Zeitansatz für die etwas rätselhaften Vorgänge in Lyon ab. - Hans Hubert Anton, Synoden, Teilreichsepiskopat und die Herausbildung Lotharingiens (859-870) (S. 83-124), zeigt, daß die unter Lothar I. ausgebliebene Formierung eines gemeinsam handelnden Episkopats im nördlichen Mittelreich erst zwischen 860 und 863 eintrat und sich auf Teile der Kirchenprovinzen Köln und Trier beschränkte. - Rudolf Schieffer, Karolingische Töchter (S. 125-139), veranschaulicht dynastisches Verhalten an der unterschiedlichen Einstellung karolingischer Herrscher zur Verheiratung ihrer Töchter und an den Grenzen ihres Erfolges (Selbstanzeige). - Gertrud Diepolder, Bemerkungen zur Frühgeschichte der Klöster Tegernsee und Ilmmünster (S. 141-164, 1 Karte), exemplifiziert die namenkundlich-besitzgeschichtliche Kombinationsmethode. - Jörg Jarnut, Ein Bruderkampf und seine Folgen: Die Krise des Frankenreiches (768-771) (S. 165-176), erörtert vor allem die Rolle der Königinwitwe Bertrada und die Ziele ihres jüngeren Sohnes Karlmann in der Zeit der Rivalität zu Karl d. Gr. - Franz J. Felten, Konzilsakten als Quellen für die Gesellschaftsgeschichte des 9. Jahrhunderts (S. 177-201), bezieht auch Kapitularien ein und erwägt vornehmlich am Problem der "ärmeren Freien" die Schwierigkeiten entwicklungsgeschichtlicher Interpretation. - Eduard Hlawitschka, Beiträge zur Genealogie der Burchardinger und Liutpoldinger (S. 203-217), wendet sich gegen die von H. C. Faußner (DA 37, 20 ff.) aufgestellte Behauptung, Herzog Konrad von Schwaben († 997), der sog. Kuno von Öhningen, sei Sohn des Babenberger Grafen Heinrich und Kunigundes, der Witwe König Konrads I., gewesen. - Wolfgang Giese, Venedig-Politik und Imperiums-Idee bei den Ottonen (S. 219-243), sieht das unterschiedliche Verhältnis der drei Ottonen zu Venedig im Zusammenhang ihrer gesamten Italienpolitik und ihrer jeweiligen Vorstellung vom Kaisertum. - Wilhelm Störmer, Grundzüge des Adels im hochmittelalterlichen Franken (S. 245-264), zieht eine willkommene Zwischenbilanz des Forschungsstandes über die wichtigsten Familien (10. -13. Jh.). - Jörg K. Hoensch, Verlobungen und Ehen Kaiser Sigismunds von Luxemburg (S. 265- 277), begründet mit den wechselnden politisch-dynastischen Konstellationen, daß Sigismund fünf Verlöbnisse einging, von denen nur zwei zu Ehen führten. - Salvatore Pricoco, La lettera di Fausto di Riez a Magno Felice (S. 281-295), betrifft Brief 6 von etwa 477 (CSEL 21 S. 195-200) und seinen Quellenwert für das südgallische Mönchtum. - Arnold Angenendt, "Mit reinen Händen". Das Motiv der kultischen Reinheit in der abendländischen Askese (S. 297-316), beleuchtet mit weitem Horizont die kultur- und religionsgeschichtlichen Wurzeln des Zölibatsideals und seine Auswirkung auf monastische und kanonikale Lebensformen im MA. - Heinrich Fichtenau, Monastisches und scholastisches Lesen (S. 317-337), breitet anregende Beobachtungen und Reflexionen über den Wandel der Lesegewohnheiten, der Aufbewahrung und Einrichtung von Büchern in der Zeit von der Spätantike bis zum Hoch-MA aus. - Hans Constantin Faußner, Zur Frühzeit des Klosters Seeon und ihren Quellen (S. 339-367), erklärt den frühen Urkundenbestand, u. a. DO. III 318 und JL 3900, ohne Rücksicht auf paläographische und diplomatische Befunde zu Fälschungen Wibalds von Stablo. - Gerold Bönnen, Alfred Haverkamp, Frank G. Hirschmann, Religiöse Frauengemeinschaften im räumlichen Gefüge der Trierer Kirchenprovinz während des hohen Mittelalters (S. 369-415, 4 Karten), entwerfen auf breiter Materialbasis ein regional differenziertes Bild der Entwicklungsphasen von etwa 1050 bis 1250, stets auch mit Seitenblick auf die entsprechenden männlichen Gemeinschaften. - Ovidio Capitani, L'allusione dantesca a Matteo d'Acquasparta (S. 417-429), bezieht sich auf die Haltung des Dichters zum franziskanischen Armutsstreit. - Friedrich Lotter, Das Judenbild im volkstümlichen Erzählgut dominikanischer Exempelliteratur um 1300: Die "Historiae memorabiles" des Rudolf von Schlettstadt (S. 431-445), wertet die bald nach 1303 niedergeschriebenen Geschichten als Widerspiegelungen verbreiteter Aversionen gegen die Juden. - Katharina und Volker Bierbrauer, Schuttern in der Karolingerzeit. Das Evangeliar in London, British Library, Add. 47673 (S. 449-491, 9 Tafeln, 7 Abb.), vermitteln einen Überblick des historischen und archäologischen Forschungsstandes zu den Anfängen des mit Pirmins Namen verbundenen Ortenauklosters und gehen näher auf den ornamentalen Schmuck des dort entstandenen Evangeliars (Ende 8. Jh.) ein, der deutliche Bezüge zum bayerisch-südostdeutschen Raum aufweist. - Walter Berschin, Gab es eine Augsburger Buchmalerschule des XI. Jahrhunderts? (S. 493-504, 5 Abb.): Nein, denn entsprechende Zuweisungen illuminierter Hss. erweisen sich als unbegründet. - Wolfgang Haubrichs, St. Georg auf der frühmittelalterlichen Reichenau. Hagiographie, Hymnographie, Liturgie und Reliquienkult (S. 505-537), präsentiert reichliche Zeugnisse des gegen Ende des 9. Jh. auf die Insel gekommenen Heiligenkults, lehnt aber eine Reichenauer Herkunft des althochdeutschen Georgslieds ab. - Gina Fasoli, Medievistica rinascimentale tra Bologna e l'Europa (S. 539-551), untersucht, welche ma. Quellen in Hss. und Drucken im Bologna des 15./16. Jh. greifbar waren. - Ernst Voltmer, Das Mittelalter oder wie die Gegenwart sich ein Bild von der Vergangenheit macht ... (S. 553-569), stellt Betrachtungen über die Fragwürdigkeit des traditionellen Mittelalter-Begriffs in Gegenwart und Zukunft an. - Der Band schließt mit einem Schriftenverzeichnis des Jubilars sowie einem Orts- und Personennamenregister von bemerkenswerter Präzision.
  4. R. S.


  5. Sabine Tanz (Hg.), Mentalität und Gesellschaft im Mittelalter. Gedenkschrift für Ernst Werner (Beiträge zur Mentalitätsgeschichte 2) Frankfurt am Main u.a. 1993, Peter Lang, 351 S., 1 Foto, ISBN 3-631-45545-3, DEM 89. - Erst kürzlich hatte sich die neue Reihe der Leipziger Universität mit ihrem ersten Band vorgestellt (vgl. DA 49, 740). Die in dem zweiten Band versammelten Beiträge sind Referate eines Kolloquiums, das zum 70. Geburtstag von Ernst Werner im November 1990 in Leipzig stattfand, und sollten dem Jubilar als Festschrift überreicht werden, doch hat sein Tod dies verhindert. So erschien der Band nun als Gedenkschrift: Silio P. P. Scalfati, Pia Fraus? Benediktinische Rechtskniffe und Urkundenfälschungen in Pisa im Zeitalter der Kirchenreform (S. 21-70).  - Daniela Müller, Giovannali - Eine Spurensuche nach Verschollenen (S. 71-94), beschreibt sehr einfühlsam anhand weniger Quellen eine häretische Bewegung des 14. Jh., die auf Korsika beheimatet war. - Martin Erbstößer, Strukturen der Waldenser in Deutschland im 14. Jh. (S. 95-106). - Sabine Tanz, St. Michel contra St. Denis. Mentalitäts- und nationalgeschichtliche Aspekte spätmittelalterlicher Heiligenverehrung (S. 107-125). - Peter Segl, Hexenhammer - eine Quelle der Alltags- und Mentalitätsgeschichte (S. 127-154), versucht, gestützt auf Ergebnisse des Hexenhammer- Kolloquiums in Bayreuth 1987 (vgl. DA 45, 281), eine mentalitätsgeschichtliche Exegese. - Klaus Peter Matschke, Die spätbyzantinische Öffentlichkeit (S. 155-223). - Ernst Ullmann, Ecclesia und Himmlisches Jerusalem - Gedanken zum Wandel der Jenseitsvorstellungen im Mittelalter (S. 225-235). - Siegfried Hoyer, Der Alltag an einer Universität des 15. Jahrhunderts. Magister und Scholaren an der Alma Mater Lipsiensis (S. 237- 260). - František Šmahel, Primat des Glaubens im hussitischen Böhmen (S. 261-270). - Jaroslav Pánek, Der böhmische Vizekönig Wilhelm von Rosenberg und seine deutschen Ehen (S. 271-300). - Frank Klaar, Die "Krise" als Gegenstand der Mentalitätsforschung und ihre Möglichkeiten, exemplifiziert am Beispiel von František Graus (S. 301-319). Inhaltlich gleicht die Schrift ein wenig dem "Leipziger Allerlei", aber das haben Festschriften manchmal so an sich. Viel bedenklicher hingegen ist die nachlässige Herstellung des Bandes: Der Beitrag von Scalfati z.B. wurde unautorisiert veröffentlicht, so daß der Autor seinen Aufsatz in einer italienischen Zs. überarbeitet erneut publizieren wird. Auch die Gestaltung läßt zu wünschen übrig. Kein Fußnotenaussehen gleicht dem anderen. Schon peinlich hoch ist die Anzahl der Druckfehler. Allein 17 davon finden sich auf den ersten Seiten, in Inhaltsverzeichnis, Widmung und Prolog. Auch für ein Register hat die Zeit wohl nicht gereicht. Wie sich die Reihe weiter entwickeln wird, bleibt abzuwarten.
  6. Olaf Rader


    {S. 218-219}

  7. L'écrit dans la société médiévale. Divers aspects de sa pratique du XIe au XVe siècle. Textes en hommage à Lucie Fossier, réunis par Caroline Bourlet et Annie Dufour, Paris 1991, Centre National de la Recherche Scientifique - Brepols, 300 S., ISBN 2-222-04584-3, BEC 1040. - Die Festschrift ist der angesehenenen Diplomatikerin anläßlich ihres Ausscheidens aus dem IRHT gewidmet und vermerkt ihre seit einem Vierteljahrhundert aktive Vorreiterrolle bei der Anwendung der elektronischen Datenverarbeitung in der Geschichtswissenschaft, ohne daß sie das Hilfsmittel zum Selbstzweck hochstilisiert hätte, wie das in einschlägigen Kreisen nicht selten eintritt (Bibliographie Lucie Fossier S. 17-22). - Jean Dufour, "Pio Abbone orbati sumus". L'annonce de décès d'Abbon, abbé de Fleury (1004) (S. 25-38), druckt und erörtert die in Abschriften erhaltene, zum Umlauf bestimmte Todesanzeige des großen Gelehrten, die seine Wertschätzung durch die Zeitgenossen wie auch Fleurys Bedeutung um die Jahrtausendwende widerspiegle. - André Vauchez, De la bulle "Etsi frigescente" à la décrétale "Venerabili": l'histoire du procès de canonisation de saint Maurice de Carnoët († 1191) d'après les registres du Vatican (S. 39-45). - Jean Longère, Un sermon de Jacques de Vitry († 1240) "Ad praelatos et sacerdotes" (S. 47-60), bringt den bei Pitra 1888 gedruckten Sermo jetzt nach acht Hss. - Anne Marie Legras - Jean-Loup Lemaitre, La pratique liturgique des Templiers et Hospitaliers de Saint-Jean de Jérusalem (S. 77-137), umreißen die von der Augustinerregel bestimmte Liturgie und machen den Inhalt von 79 liturgischen Bücherverzeichnissen von Templern und Johannitern bekannt. - Anne-Marie Hayez, D'Urbain V à Grégoire XI: un dangéreux retour au passé (S. 151-164), betont den Kontrast zwischen dem umgänglichen, zu seiner Familia großzügigen Gregor, der mit 19 Jahren Kardinal geworden war, und seinem zurückhaltenden Vorgänger. - Serge Lusignan, Lire, indexer et gloser: Nicole Oresme et la "Politique" d'Aristote (S. 167-181), versucht, aus allerhand statistischen Übersichten unterschiedliche Einstellungen des Übersetzers zu verschiedenen Textpartien zu erschließen. - Hélène Millet, Les votes des évèques à l'assemblée du clergé de 1398: analyse diplomatique et étude du comportement (S. 195-214), untersucht die erhaltenen 66 Stimmzettel von Bischöfen oder deren Beauftragten bei der namentlichen Abstimmung über die Haltung im Großen Schisma. - Es sei noch auf zwei gedämpft-optimistische Beiträge unter der Rubrik "L'écrit et l'informatique" hingewiesen: Jean Glenisson, Erudition et informatique (S. 277-288), sowie Jean-Philippe Genet, Le médiéviste, la naissance du discours politique et la statistique lexicale: quelques problèmes (S. 289-298).
  8. G. S.


  9. Mediaevalia historica Bohemica 3 (1993), Praha 1993, Historický ústav, 367 S. - Das dritte Heft des erneuerten Jb., das Dušan T_eštík zu seinem 60. Geburtstag gewidmet ist (S. 13-17 mit seiner Bibliographie), beinhaltet auch etliche Beiträge von allgemeinerem Interesse: Jacek Banaszkiewicz, Slawische Sagen De origine gentis (al-Masudi, Nestor, Kadlubek, Kosmas) - Dioskurische Matrizen der Überlieferung (S. 29-58), interpretiert die legendenartigen Anfänge der slawischen Geschichte in der Auffassung der vier im Titel angeführten Autoren. - Christian Lübke, Slaven und Deutsche um das Jahr 1000 (S. 59-90), verfolgt (besonders aufgrund seines großen Regestenwerkes) die engen wechselseitigen Beziehungen im sächsisch-elbslawisch-polnischen Raum. - Zden_k Klanica, Hlavní hrobka v moravské bazilice [mit einer deutschen Zusammenfassung: Die Hauptgruft in der mährischen Basilika] (S. 91-109), stellt die These auf, daß die leere Gruft unter der altmährischen Basilika in Mikul_ice die des hl. Methodius sein könnte. - Josef _emli_ka, "Omnes Bohemi": od svatováclavské _eledi ke st_edov_ké šlecht_ [mit einer deutschen Zusammenfassung: "Omnes Bohemi": von der "Gemeinde des hl. Wenzel" bis zum mittelalterlichen Adel] (S. 111-133), verfolgt den Prozeß der Herausbildung des grundherrschaftlichen Adels. - Marie Bláhová, ...kako jest koruna z Moravy vyšla... ("Translatio regni" ve Staro_eské kronice tzv. Dalimila) [mit einer deutschen Zusammenfassung: ...wie die Krone aus Mähren herauskam... "Translatio regni" in der Alttschechischen Chronik des sogenannten Dalimil] (S. 165-176), will zeigen, daß diese von Karl IV. propagierte Theorie bei Dalimil ihren Anfang hat und sich auf die Vorstellung der translatio imperii stützte. - Ji_í Sp_vá_ek, Petr _itavský a po_átky lucemburské dynastie v _echách [mit einer deutschen Zusammenfassung: Peter von Zittau und die Anfänge der Luxemburger Dynastie in den böhmischen Ländern] (S. 177-197). - Jaroslav Mezník, Mory v Brn_ ve 14. století [mit einer deutschen Zusammenfassung: Die Pestepidemien in Brünn im 14. Jh.] (S. 225-235), untersucht die städtischen Quellen der Zeit und versucht, daraus Schlüsse auf die Intensität der insgesamt drei Pestwellen zu ziehen. - Bo_ena Kopi_ková, Originální listiny Václava IV. ve Státním archivu v Lucemburku a jejich zp_ístupn_ní v edicích [mit einer deutschen Zusammenfassung: Die Originalurkunden Wenzels IV. im Staatsarchiv Luxemburg und der Stand ihrer Herausgabe in den Quelleneditionen] (S. 243-252), regestiert 8 bisher unpublizierte und 11 weitere Schriftstücke dieses Herrschers. - Miloslav Polívka, P_ípravy vojenských kontingent_ m_sta _ezna na ta_ení do _ech proti husit_m [mit einer deutschen Zusammenfassung: Die Vorbereitungen der Regensburger städtischen Kontingente für die Züge gegen die Hussiten] (S. 253-266), zeichnet auf Grund der städtischen Rechnungen ein lebendiges Bild der diesbezüglichen Aktivitäten.
  10. Ivan Hlavá_ek


    {S. 220}

  11. Giovanni Tabacco, Spiritualità e cultura nel Medioevo. Dodici percorsi nei territori del potere e della fede (Nuovo Medioevo 44) Napoli 1993, Liguori Editore, 334 S., ISBN 88-207-2244-5, ITL 35.000. - Der Band wiederholt in einem (leider unveränderten) Neudruck ein Dutzend Aufsätze aus dem breiten Spektrum des vielseitigen Gelehrten, die sich mit den Fragenkreisen "Macht und religiöse Erfahrung, Askese und Hagiographie" beschäftigen. Im einzelnen sind anzuzeigen: I. Religione e potere: Dalla Novalesa a S. Michele della Chiusa (S. 11-74) - Vescovi e monasteri fra XI e XII secolo (S. 75-95; vgl. DA 30, 598) - Sacerdozio e Impero fra intuizioni sacrali e procedimenti razionali (S. 97-117) - Il papato avignonese nella crisi del francescanesimo (S. 119-149) - Chiesa ed eresia nell,orizzonte giuridico e politico della monarchia papale (S. 151-156). - II. Aristocrazia di un'ascesi: Eremo e cenobio (S. 159-166) - «Privilegium amoris»: aspetti della spiritualità romualdina (S. 167-194) - Romualdo di Ravenna e gli inizi dell'eremitismo camaldolese (S. 195-248) - Pier Damiani fra edonismo letterario e violenza ascetica (S. 249-266) - Prodromi di edonismo elitario nell'età della riforma ecclesiastica (S. 267-285). - III. Agiografia e demonologia: Demonologia di età precarolingia e carolingia (S. 289-304) - Agiografia e demonologia come strumenti ideologici in età carolingia (S. 305-331; vgl. DA 48, 652).
  12. C. L.


    {S. 220}

  13. Raoul Manselli, Scritti sul Medioevo, Roma 1994, Bulzoni Editore, 527 S., ISBN 88-7119-745-3. - Anläßlich der Feier, die die Universität Rom zum 10. Todestag ihres am 20.11.1984 verstorbenen, langjährigen akademischen Lehrers, des international bekannten und verehrten Mediävisten Raoul Manselli (vgl. R. Elze, DA 42, 745 f.), veranstaltete, wurde dieser vom Dipartimento di Studi sulle Società e le Culture del Medioevo herausgegebene Band präsentiert. Er enthält nach einer Einleitung von Ludovico Gatto 21 Beiträge M.s zur ma. Geschichte, Kultur- und Geistesgeschichte, die zwischen 1954 und 1985 an z. T. entlegenen Orten erschienen sind und das ungemein weitgespannte Forschungsinteresse des Vf. widerspiegeln. Der letzte, 1976 verfaßte Artikel des Bandes wird hier aus dem Nachlaß erstmals veröffentlicht: La politica religiosa di Federico III d'Aragona (S. 471-481). Die von A. Cocci besorgte, nach den Erscheinungsdaten (1940-1992) geordnete Bibliographie der Arbeiten M. (S. 483-511) enthält 409 Titel, gegenüber 676 Titeln der "Bibliografia di Raoul Manselli a cura di Edith Pásztor", die der Centro italiano di studi sull'alto medioevo in Spoleto, dessen Präsident M. von 1977 bis 1984 war, 1994 als Bd. 9 der Reihe Studi e Testi (ISBN 88-7988-378-X, XXV, 64 S.) mit einleitenden Beiträgen von Ovidio Capitani und Edith Pásztor herausgab. Der Band wird von einem Namenindex (S. 513-527) beschlossen.
  14. M. P.


    {S. 220-221}

  15. Arnold Esch, Zeitalter und Menschenalter. Der Historiker und die Erfahrung vergangener Gegenwart, München 1994, Verlag C. H. Beck, 245 S., ISBN 3-406-38350-5, DEM 58. - Der vorliegende Band, auf den hier leider nur knapp hingewiesen werden kann, vereinigt 10 Beiträge des derzeitigen Direktors am Deutschen Historischen Institut in Rom aus den Jahren 1980-1984, die überwiegend auch im DA angezeigt wurden (vgl. DA 41, 246, 271, 282, 283 f., 572; DA 48, 258 und 797 f. sowie unten S. ••). Sie sind hier einem breiteren Publikum zugedacht und wurden deshalb ohne Fußnoten gedruckt, dafür aber mit einem bibliographischen Anhang versehen. Da es sich bei den ausgewählten Essays, ursprünglich überwiegend Vorträgen, um kulturhistorisch höchst interessante Skizzen mit sehr einprägsamen Quellenbeispielen handelt, ist diese Publikation sehr zu begrüßen, und der Erfolg dürfte ihr sicher sein.
  16. M. S.


    {S. 221}

  17. André Joris, Villes - Affaires - Mentalités. Autour du pays mosan (Bibliothèque du Moyen Age 2) Bruxelles 1993, De Boeck - Wesmael, 482 S., 16 Abb., ISBN 2-8041-1579-8, BEC 3950. - Der stattliche Band, mit dem der langjährige Lütticher Landeshistoriker zu seinem 70. Geburtstag geehrt wurde, bietet nach einem Vorwort von Georges Duby und dem umfangreichen Schriftenverzeichnis des Gelehrten 26 seiner Studien aus vielen Jahren, die der Geschichte der Stadt Huy, der wirtschaftlichen Entwicklung des Maasgebietes, rechtlichen Problemen der Lütticher Gegend und kleineren hilfswissenschaftlichen Problemen gelten. Die Auswahl der Beiträge belegt die vielseitigen Interessen des Jubilars.
  18. M. S.


    {S. 221-222}

  19. Institutionen und Geschichte. Theoretische Aspekte und mittelalterliche Befunde, hg. von Gert Melville (Norm und Struktur. Studien zum sozialen Wandel in Mittelalter und Früher Neuzeit 1) Köln - Weimar - Wien 1992, Böhlau, 446 S., ISBN 3-412-06291-X, DEM 118. - Der vorliegende Band geht auf Kolloquien zurück, die 1986 und 1987 in Bad Homburg stattfanden. Nach einer Einleitung des Hg. (Gert Melville, Institutionen als geschichtswissenschaftliches Thema, S. 1-24) haben auch Karl Acham (Struktur, Funktion und Genese von Institutionen aus sozialwissenschaftlicher Sicht, S. E="Garamond" SIZE=3>25-71), Wolfgang Balzer (Kriterien für Entstehung und Wandel sozialer Institutionen. Implikationen eines axiomatischen Modells, S. 73-95) und Hans Michael Baumgartner (Institution und Krise, S. 97-114) aus soziologischer und philosophischer Sicht allgemeine Kategorien zum Thema "Institution" entwickelt, ehe die eigentlich mediävistischen Beiträge beginnen, unter denen János Bak (Symbol - Zeichen - Institution. Versuch einer Systematisierung, S. 115-131) sehr allgemeine Bemerkungen über Zeichen und ihre Bedeutung macht, während sich Johannes Fried (Überlegungen zum Problem von Gesetzgebung und Institutionalisierung im Mittelalter, S. 133-136) dazu äußert, wie die Terminologie der Historiker über "Institution" und "Institutionalisierung" mit den Erkenntnissen der Soziologie abgestimmt werden kann. - Peter Landau, Die Durchsetzung neuen Rechts im Zeitalter des klassischen kanonischen Rechts (S. 137-155), trägt einige Beispiele zusammen, die zeigen, daß zwischen 1140 und 1234 Rechtsänderungen sehr schnell ins Kirchenrecht eingedrungen sind. Dabei achtet er auch auf die Frage nach der Effektivität dieses neuen Rechts. - Jürgen Miethke, Politische Theorie in der Krise der Zeit. Aspekte der Aristotelesrezeption im früheren 14. Jahrhundert (S. 157-186), macht deutlich, daß die Rezeption der Politik des Aristoteles in den staatstheoretischen Schriften seit Thomas von Aquin auch als Folge des Zusammenbruchs der kaiserlichen Macht nach 1250 zu verstehen ist. - Philippe Contamine, "Le royaume de France ne peut tomber en fille". Une théorie politique à la fin du Moyen Age (S. 187-207), beschäftigt sich mit den Traktaten von Jean de Montreuil und Jean Juvénal des Ursins aus der 1. Hälfte des 15. Jh. und mit anderen Traktaten des 14. und 15. Jh., die sich zur Thronfolge in Frankreich geäußert haben. - Bernhard Schimmelpfennig, Das Papsttum im hohen Mittelalter: eine Institution? (S. 209-229), untersucht die Papstwahl, die Rolle der Kardinäle und einige Teile der Kurie, nämlich Kanzlei und Hofämter, und hält daran fest, daß das Ausmaß der Institutionalisierung hinsichtlich des Papstes, der Kardinäle und der Kurie unterschiedlich gewesen sei. - Brigide Schwarz, Die römische Kurie im Zeitalter des Schismas und der Reformkonzilien (S. 231-258), interpretiert den Nepotismus und die Ämterkäuflichkeit als Versuche der Päpste, die Effektivität der Institutionen zu erhöhen. - Josef Semmler, Benediktinische Reform und kaiserliches Privileg. Zur Frage des institutionellen Zusammenschlusses der Klöster um Benedikt von Aniane (S. 259- 293), lehnt die Vorstellung ab, daß Benedikt von Aniane eine Kongregation von Klöstern geschaffen habe. Er habe vielmehr an der Autonomie der einzelnen Klöster festgehalten und auch von den Möglichkeiten der Gebetsverbrüderung zur Stärkung der Zusammengehörigkeit der Klöster keinen Gebrauch gemacht. - Klaus Schreiner, Dauer, Niedergang und Erneuerung klösterlicher Observanz im hoch- und spätmittelalterlichen Mönchtum. Krisen, Reform- und Institutionalisierungsprobleme in der Sicht und Deutung betroffener Zeitgenossen (S. 295- 341), zeigt, wie vor allem durch Verbandsbildung, Statutengebung und Visitation Wege zur Erneuerung des Mönchtums vom 12. bis zum 15. Jh. gesucht wurden. - Eva-Maria Pinkl, Die Neuorganisation des cluniazensischen Verbandes (1146- 1314) in der Reflexion der Betroffenen (S. 343-368), untersucht das Selbstverständnis der Äbte von Cluny von Petrus Venerabilis (1122-57) bis zu Heinrich I. (1308-19), indem sie die Prologe der Statuten interpretiert. - Franz J. Felten, Die Ordensreformen Benedikts XII. unter institutionengeschichtlichem Aspekt (S. 369-435), vergleicht die Reformbullen, die Papst Benedikt XII. 1335 für die Zisterzienser und 1336 für die Benediktiner erließ. Dabei wird deutlich, welche Unterschiede zwischen den zentralistisch organisierten Zisterziensern und den nicht zu einem einheitlichen Verband zusammengeschlossenen Benediktinern bestanden und wie sich diese Unterschiede für eine Rezeption der päpstlichen Bullen und ihre Umsetzung in die Praxis auswirkten. - Ein Sachregister erschließt den Band.
  20. W. H.


  21. Micrologus. Natura, scienze e società medievali. Nature, Sciences and Medieval Societies. Rivista della Società internazionale per lo studio del Medio Evo latino 1: I discorsi dei corpi. Discourses of the Body, Turnhout 1993, Brepols, 346 S., 22 Taf., zahlreiche Abb., keine ISBN, BEC 1800. - Die neue Serie hat sich die Publikation von Kongreßakten zum Ziel gesetzt, in denen die Interdependenz von Natur- und Geisteswissenschaften aufgezeigt werden soll, und kündigt folgerichtig thematisch heterogene Bände an. Die Leitung des Unternehmens teilen sich laut Impressum Agostini Paravicini Bagliani als "Direttore scientifico" und Claudio Leonardi als "Direttore responsabile", wobei unterstellt werden mag, daß den Hg. auch die jeweils komplementäre Eigenschaft zu Gebote steht. Die Beiträge bewegen sich in einem sehr weiten Rahmen vom Allgemein-Methodischen (Claudio Leonardi, Per una storiografia del piacere, S. 7-18) bis zum stärker vertieften Punktuellen (Barbara Obrist, Cosmology and Alchemy in an illustrated 13th century alchemical tract: Constantine of Pisa, "The Book of the Secrets of Alchemy", S. 115-160). Der Begriff "Körper" wird sehr umfassend, gleichsam von der Null-Stufe ausgehend behandelt (Jean-Claude Schmitt, Le corps des fantômes, S. 19-25, und Peter Dinzelbacher, Il corpo nelle visioni dell'aldilà, S. 301-326). - Alain Boureau, La redécouverte de l'autonomie du corps: l'émergence du somnambule (XIIe - XIVe s.) (S. 27-42), konstatiert eine intensivere Beschäftigung mit den Implikationen des Schlafwandels erst spät, während die Hauptsorge der Kirche auf diesem Gebiet seit Gregor d. Gr. der Schuldzumessung bei nächtlichen Pollutionen gegolten habe. - Christiane Klapisch-Zuber, Le corps de la parenté (S. 43-60), weist auf ma. Erklärungen hin, die Bereiche eines Arbor Consanguinitatis organologisch ausdeuten, d.h. mit Körperteilen gleichsetzen. - Danielle Jacquart, La morphologie du corps féminin selon les médecins de la fin du Moyen Age (S. 81-98), kommentiert die oft abwertenden anatomischen Beschreibungen der Frau (mulier est vir occasionatus), der wegen ihrer feuchten und kalten Komplexion ein kleineres Hirn, unschöner Körperbau und mangelnde Harmonie zugeschrieben werden. - Claude Thomasset, Le corps féminin ou le regard empêché (S. 99-114), sammelt ma. physiologische Argumente "quelque peu déroutant pour la pensée moderne" für die Inferiorität der Frau. - Michela Pereira, Un tesoro inestimabile: Elixir e "Prolongatio vitae" nell'alchimia del '300 (S. 161-187), gibt im Rahmen ihrer Vorbereitungen für eine Edition des pseudo-lullianischen Testamentum eine ungemein wertvolle Übersicht über die Tradition des Steins der Weisen und des Elixiers. - Chiara Crisciani, Il corpo nella tradizione alchemica: teorie, similitudini, immagini (S. 189-233), stellt die Tendenzen der alchemistischen Abhandlungen dar, in denen von der Mitte des 14. Jh. an die metallurgischen Erwägungen zurücktreten und organisch-pharmakologische Schriften vorherrschen. - Jole Agrimi, Fisiognomica e "Scolastica" (S. 235-271), versucht eine Scheidung der chiromantischen Disziplinen "physionomia", "physiognomonia", "physionomantica" u. dergl. - Francesco Santi, Un nome di persona al corpo e la massa dei corpi gloriosi (S. 273-300), findet beim rheinischen Dominikaner Johann von Dambach bemerkenswerte Feststellungen über die körperlichen Freuden der auferstandenen Leiber. - Man vermißt ein Register zu dem inhaltsreichen Band.
  22. G. S.


    {S. 223-224}

  23. Gli studi francescani dal dopoguerra ad oggi. Alla memoria di Ezio Franceschini (1906-1983) nel decimo anniversario della scomparsa. Atti del Convegno di studio Firenze 5-7 novembre 1990, a cura di Francesco Santi (Quaderni di cultura mediolatina 2) Spoleto 1993, Centro Italiano di Studi sull'alto medioevo, X und 416 S., 17 Abb., ISBN 88-7988-591-X. - Der dem Gedenken des großen Franziskaner-Forschers gewidmete Band soll den aktuellen Forschungsstand rekapitulieren und weiterführen. Folgende Sachkenner äußerten sich zu den Themenkreisen "Un Bilancio - Prospettive - Opinioni e iniziative": Grado G. Merlo, La storiografia francescana dal dopoguerra ad oggi (S. 3-32). - Edith Pásztor, La questione francescana (S. 33-46). - Guy Philippart, Les Bollandistes et le dossier de S. François (S. 47-71). - Kaspar Elm, Francescanesimo e movimenti religiosi del Duecento e Trecento. Osservazioni sulla continuità e il cambiamento di un problema storiografico (S. 91-110). - Ovidio Capitani, Dalla «fraternitas» all'ordine: impressioni di lettura di un «non francescanista» (S. 113-142). - Roberto Lambertini, La scelta francescana e l'Università di Parigi. Il «Bettelordenstreit» fino alla «Exiit qui seminat» (S. 143-172). - Jacques Paul, Les spirituels entre la sainteté e l'hérésie (S. 173-212). - Andrea Tabarroni, Avignone contro Assisi? (S. 213-243). - Enrico Menestò, Per un'edizione critica delle biografie e leggende francescane (S. 246-267). - Chiara Frugoni, Francesco, un'immagine in cammino (S. 269-282). - Jacques Guy Bougerol, I frati a Parigi. Lo studio primitivo e la fraternità (S. 285-297). - Adriano Gattucci, La «Compilatio Assisiensis» e il manoscritto 1046 della Biblioteca Comunale Augusta di Perugia alla luce del loro Sitz im Leben (S. 293- 297). - Servus Gieben, L'istituto storico dei Cappuccini e gli studi francescani (S. 299-302). - Mariano d'Alatri, Il francescanesimo dei secoli XIII-XIV nei volumi dell'Istituto storico dei Cappuccini (S. 303-308). - Luigi Pellegrini, «Laurentianum» e l'esegesi delle fonti francescane (S. 309-314). - Antonio Rigon, Storiografia francescana e storiografia antoniana (S. 315-324). - Roberto Rusconi, L'esperienza dei Convegni francescani (S. 325-328). Breite, lebhafte Diskussionsbeiträge nehmen die S. 331-394 ein. Register sind beigefügt.
  24. C. L.


    {S. 224-225}

  25. Peter G. Tropper, Urkundenlehre in Österreich vom frühen 18. Jahrhundert bis zur Errichtung der "Schule für Österreichische Geschichtsforschung" 1854 (Publikationen aus dem Archiv der Universität Graz 28) Graz 1994, Akademische Druck- und Verlagsanstalt, IX u. 270 S., ISBN 3-201-01617-9. - Die Arbeit stellt Rolle und Entwicklung der wissenschaftlichen Diplomatik in den österreichischen Ländern bzw. der Habsburgermonarchie mit besonderem Schwerpunkt auf der universitären Lehre dar. Da die Gründung des späteren Instituts für Österreichische Geschichtsforschung den Schlußpunkt der Untersuchung bildet, führt sie zu jenen respektablen älteren Forschern und Lehrern, auf welche die mächtige Gestalt Theodor von Sickels meist den Blick verstellt. Nach einleitenden Passagen über die französische Entwicklung und deren Einfluß auf die österreichischen Benediktinergelehrten wendet sich der Autor Leben, Kontakten und Werken der im 18. Jh. in Göttweig tätigen Diplomatiker Gottfried Bessel und Magnus Klein zu. Der Hauptteil des Bandes ist dann den Universitätslehrern des Faches in der gesamten Monarchie ab der zweiten Hälfte des 18. Jh. gewidmet, wobei ihre Karrieren, Berufungsmodalitäten, Arbeiten, Lehrveranstaltungen und -inhalte, nicht zuletzt aber auch die rechtliche und organisatorische Verankerung des Faches und die Erwartungshaltung der Obrigkeiten vorgestellt werden. Abschnitte über die verwendeten Lehrbücher und "Lehrsysteme" wie auch die detaillierter geschilderten Diplomatiken Mabillons, Bessels und Kleins folgen; ein Anhang gibt den Inhalt und teilweise die Texte von weniger bekannten Urkundenlehren wieder. Der Einblick in die Realität des Faches zwischen staatlichem Nützlichkeitsanspruch und wissenschaftlichem Interesse, mit seinen Höhen, Tiefen und persönlichen Bedingtheiten, ist ebenso willkommen wie die prosopographische Zusammenstellung. Besonders aber belegen Problemsicht, Fragestellungen und Lösungsversuche den potentiell hohen Standard der wissenschaftlichen Diplomatik lange vor der Zeit, in der man einen solchen gemeinhin vermuten würde.
  26. Herwig Weigl


    {S. 225}

  27. Benedictina 41 (1994): Il servo di Dio. A. Ildefonso Card. Schuster O. S. B. nel quarantesimo della morte (1954-1994). Der gelehrte Abt von S. Paolo fuori le mura, dann Erzbischof von Mailand und Spezialist für die ma. Geschichte des Mönchtums ist in den vierzig Jahren seit seinem Tode wiederholt selbst Gegenstand der Forschung geworden. Der Großteil der anzuzeigenden Schrift widmet sich daher dessen fruchtbarem Leben als Historiker und Theologe. Von forschungsgeschichtlichem Interesse sind hervorzuheben: Luigi Crippa, Alfredo Ildefonso Card. Schuster O. S. B., Saggio bibliografico (S. 13-39). - Gregorio Penco, L'opera del Cardinale Schuster nella storiografia monastica del novecento (S. 253-272). - Tersilio Leggio, Ildefonso Schuster storico di Farfa e della Sabina (S. 273-294). - Giovanni Spinelli, Ildefonso Schuster ed il «Monasticon Italiae» (S. 341-366). - Zwei weitere gelehrte Ordensbrüder Schusters sind in dieser "gemischten Gedenkschrift" Gegenstand von Würdigungen: Anzuführen ist zum einen ein Nachruf von Gregorio Penco, Jean Leclercq e il concetto di tradizione monastica (S. 317-339), und zum anderen ein Schriftenverzeichnis des Archivars von Montecassino, Mariano Dell'Omo, Bio-Bibliografia di Don Faustino Avagliano OSB nel trentesimo anno di sacerdozio (S. 477-501). - Zuletzt sei aufmerksam gemacht auf Giampietro Casiraghi, L'abbazia di S. Michele della Chiusa e la marca arduinica di Torino (S. 451-475), der die Geschicke des Klosters im 11. Jh. verfolgt.
  28. C. L.


    {S. 225}

  29. A biographical dictionary of Dark Age Britain. England, Scotland and Wales, c. 500 - c. 1050, edited by Ann Williams, Alfred P. Smyth and D. P. Kirby (Seaby's biographical dictionaries) London 1991, Seaby, 253 S., geneal. Tafeln, ISBN 1-85264-047-2, GBP 22,50. - Dieses Nachschlagewerk enthält mehrere Zeit- und Stammtafeln sowie ca. 500 Kurzbiographien von ungefähr gleichem Umfang wie die im Lexikon für Theologie und Kirche enthaltenen. Die Auswahlkriterien werden in der Einleitung nicht explizit formuliert und sind nicht ohne weiteres ersichtlich, aber nur wenige Lücken sind dem Rez. aufgefallen (Eadgifu, die Frau Karls des Einfältigen, wurde aufgenommen, Edith/Eadgyth, die Frau Ottos I., hingegen nicht). Das Werk wurde laut Vorwort November 1990 abgeschlossen, aber die Literaturangaben (in denen fremdsprachige Werke fast durchgehend fehlen) lassen auf einen etwas früheren Redaktionsschluß schließen. Z. B. wird der Ehemann der Ælfgifu, Tochter Edwards des Älteren, immer noch als Konrad von Burgund angegeben, obwohl Hlawitschkas viel plausiblerer Vorschlag (Ludwig, Bruder Rudolfs II.) in der Acht-Festschrift (vgl. DA 34, 214f.) einem englischen Leserkreis von Karl Leyser 1983 vermittelt wurde (vgl. DA 41, 638); zu S. Frideswitha fehlt der wichtige Aufsatz von Blair (Oxoniensia 50, 1987, S. 71-137, mit Neuedition der Vitae); das für viele angelsächsische Heilige einschlägige Buch von D. Rollason, Anglo-Saxon Saints and Relics (1989), wird nicht erwähnt. Als erste Orientierung ist das Buch trotz solcher kaum zu vermeidender Schwächen sehr zu empfehlen, zumal der Preis wirklich niedrig ist.
  30. T. R.


    {S. 226}

  31. Guido Hendrix, Bibliotheca auctorum traductorum et scriptorum Ordinis Cisterciensis. Vicariatus generalis Belgii tomus primus, Leuven 1992, Bibliotheek van de Faculteit der Godgeleerdheid, XXXVIII u. 415 S., 16 Abb., ISBN 90- 73683-08-4, BEC 1250. - In diesem ersten Band einer auf das moderne Belgien bezogenen Bibliotheca Cisterciensium - der zweite soll dem südlichen Landesteil gelten - sind Zisterziensertexte zur Theologie, Spiritualität, Kultur, aber auch zur Wissenschaft in zisterziensischen Klöstern bis zum Ende des Ancien Régime gesammelt. Über 700 Einträge verzeichnen in alphabetischer Folge nicht nur die eigentlichen Autoren bzw. Übersetzer aus dem Orden, sondern auch Kopisten, Miniatoren, Auftraggeber und Besitzer. Anonyme Texte sind nach dem Incipit oder unter dem Namen des Klosters, zu dem sie in enger Beziehung stehen, in der alphabetischen Reihe aufgeführt. Die Personeneinträge sind, soweit möglich, nach einheitlichem Schema behandelt und vereinigen biographische Daten sowie handschriftliche oder gedruckte Überlieferungen der Werke, allerdings keine ausführlichen kodikologischen Beschreibungen. Die Bibliographie zu den einzelnen Einträgen ist stark selektiv, ausführlich dagegen sind die verschiedenen Indices.
  32. Donatella Frioli


    2. Hilfswissenschaften und Quellenkunde

    {S. 226-227}

  33. Eckhart G. Franz, Einführung in die Archivkunde (Die Geschichtswissenschaft. Einführungen in Gegenstand, Methoden und Ergebnisse ihrer Teildisziplinen und Grundwissenschaften) 4. überarbeitete Auflage, Darmstadt 1993, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 158 S., ISBN 3-534-06085-7, DEM 25. - Das Buch ist 1974 in erster Auflage erschienen und hat sich sofort einen festen Platz bei allen schon im Beruf tätigen wie angehenden Archivaren, aber auch bei vielen Archivbenutzern erobert. Es gibt weit und breit kein anderes, damit vergleichbares Werk, das - ganz im Sinne einer Einführung - bei gedrängter, aber präziser Formulierung eine solche Informationsfülle bietet. Besonders besticht die einfache, klare Gliederung, die ein rasches Zurechtfinden problemlos ermöglicht; dies ist insofern von Bedeutung, als das Buch keine Register besitzt. In vier ungefähr gleichrangig behandelten Abschnitten werden die Archive (Entwicklung und Arten), das Archivgut (Bestände, Typologie), der Archivar und seine Aufgaben sowie die Benutzungsbedingungen abgehandelt. Jedem Abschnitt schließt sich eine Auswahlbibliographie an, die von Auflage zu Auflage aktualisiert wurde. Zwei Anhänge mit Namen und Adressen der Archive Deutschlands und seiner Nachbarstaaten schließen das Werk ab. Seit seinem ersten Erscheinen ist der Text des darstellenden Teils weitgehend unverändert geblieben. Eine Überarbeitung im eigentlichen Sinne bietet die dritte Auflage von 1989, während die vierte Auflage von 1993 die Änderungen im Archivwesen seit dem Ende der DDR zusätzlich berücksichtigt.
  34. Joachim Wild


    {S. 227}

  35. Maria Grazia del Fuoco, Itinerari di testi domenicani pugliesi. Dai fondi documentari locali all,archivio romano di S. Sabina. Presentazione di Horst Enzensberger (Studi e ricerche sul Mezzogiorno medievale 7) o.O. [Altavilla Silentina] 1992, Edizioni studi storici meridionali di G. Galardi, 154 S., ohne ISBN, ITL 20.000, untersucht die Wege des heute im Original meist verlorenen dokumentarischen Materials der einzelnen dominikanischen Niederlassungen der Ordensprovinz Apulien aus den lokalen Archiven und Bibliotheken in die Sammlung der Monumenta Annalium Ordinis Praedicatorum, heute Fondo Libri, im Generalarchiv des Ordens in S. Sabina in Rom. Der Apulien betreffende und nur zum geringsten Teil noch dem MA zugehörende Bestand findet sich heute in der Sektion II, Serie XIV dieses Fonds. An Hand seines Materials untersucht die Autorin außerdem die territoriale Organisation der Ordensprovinz und versucht in zwei Anhängen den ursprünglichen Dokumentenbestand einiger bedeutender Konvente zu rekonstruieren.
  36. M. P.


  37. Liliane Delaume-Boutet, Le chartrier de l'évêché de Limoges, cotation et inventaires, BECh 152 (1994) S. 159-203, rekonstruiert anhand von zwei Chartularen des 15. und 16. Jh. sowie von Verzeichnissen des 16.-18. Jh. die alten, im Archiv der Bischöfe von Limoges geltenden Ordnungsprinzipien, die aus administrativen Gründen mehrfach geändert wurden. Quellenmäßig kommt dem "Tuae hodie" genannten zweiten Chartular eine besondere Bedeutung zu, da es weniger ein Chartular im herkömmlichen Sinne als ein Besitzinventar darstellt.
  38. A. G.


    {S. 227}

  39. Índex de l'arxiu del monestir de Sant Feliu de Guíxols. Edició a cura d'Ernest Zaragoza i Pascual (Scripta et Documenta 42) Montserrat 1992, Abbadia de Montserrat, 214 S., ISBN 84-7826-298-9, ist eine Edition aus dem im Arxiu capitular de la Seu de Girona aufbewahrten Archivinventar von 1748, das etwa 1800 Dokumente z.T. sehr ausführlich verzeichnet. Da die ersten Seiten durch Feuchtigkeit beschädigt sind, hat der Bearbeiter zur Ergänzung zwei weitere Verzeichnisse des 18. Jh. in der Nationalbibliothek Madrid und im Kronarchiv in Barcelona herangezogen. In der Einleitung gibt er einen Überblick über die heutigen Aufbewahrungsorte der Archivalien. Es ist nun ersichtlich, daß das Archiv des Klosters (das eine Gründung Karls des Großen sein will, urkundlich aber erst in einem Diplom König Lothars von 968 genannt wird) keineswegs so unbedeutend ist, wie man bisher angenommen hatte.
  40. A. G.


    {S. 228}

  41. Die Handschriften der Bibliotheken St. Gallen - Zürich in alphabetischer Reihenfolge, bearbeitet von Beat Matthias von Scarpatetti, Rudolf Gamper und Marlis Stähli, unter Mitwirkung von Thomas Bitterli, Paul Bloesch, Philipp Büttner, Gertrud Gamper, Carlos Gilly, Elisabeth Gilomen-Schenkel, Hans-Jörg Gilomen, Christian Hunziker, Nikolaus Meier, Dominik Sieber, Benedikt Vögeli und Jörg Völlmy (Katalog der datierten Handschriften in der Schweiz in lateinischer Schrift vom Anfang des Mittelalters bis 1550, Bd. 3) Dietikon-Zürich 1991, Urs Graf Verlag, Text: XXXIV u. 350 S.; Abbildungen: 370 S. mit 857 Abb., ISBN 3-85951-127-0. - Der dritte und das Gesamtwerk abschließende Band (vgl. DA 36, 621; 40, 631) beschreibt die datierten Hss. der Bibliotheken St. Gallen, St. Maurice, Sarnen (Benediktinerkollegium), Schaffhausen, Sitten, Solothurn, Trogen, Val d'Illiez, La Valsainte, Vevey, Wil, Winterthur, Zofingen und Zürich. Eingeteilt ist der Katalog in die Gruppe der datierten (Nr. 1-738), der undatierten, aber mit Schreibernamen versehenen (Nr. 739-823), der nicht mit Sicherheit datierbaren (Nr. 824-899) und der ausgeschiedenen Hss. (Nr. 900-939). Erstmals katalogmäßig erschlossen wurde die Bibliothek der Benediktiner von Muri-Gries in Sarnen. Der Band umfaßt Hss. aus rund 1000 Jahren: von der auf der Reichenau entstandenen und in der Stadtbibl. Schaffhausen aufbewahrten Columba-Vita (um 700) bis zum umfangreichen Hss.-Corpus aus der Zürcher Reformationszeit. Weil der ins 11./12. Jh. gehörende Bestand des Schaffhauser Allerheiligenklosters nicht genauer datierbar ist und demzufolge nicht berücksichtigt werden konnte, klafft chronologisch eine große Lücke zwischen der Ottonenzeit und dem 13./14. Jh. Nebst der gewohnt knappen, aber konzisen Beschreibung der einzelnen Hss., wovon der größte Teil zweifarbig abgebildet ist, verdient das Verzeichnis der Schreibernamen (S. 281- 315) mit seinen z.T. bio-bibliographisch gestalteten Kurzartikeln besondere Erwähnung. Alle drei Bände des Katalogs zusammen erfassen jetzt gut 1000 Namen. In der sachkundigen Einleitung von B. M. von Scarpatetti (S. XI-XXVII) findet der Benützer die notwendigen Hinweise zu den Bibliotheksbeständen, zu Schreiberpersönlichkeiten und zu den paläographisch faßbaren Schriftprovinzen (z.B. im Wallis). Erschlossen wird das Inventar durch umfangreiche und sorgfältig erstellte Register im Textband (S. 317-350): Autoren und Werke, Incipits, Besitzer und Auftraggeber etc.
  42. R. D.


    {S. 228}

  43. Michele Camillo Ferrari, Sancti Willibrordi venerantes memoriam. Echternacher Schreiber und Schriftsteller von den Angelsachsen bis Johann Bertels. Ein Überblick (Publications du CLUDEM 6) Luxembourg 1994, Centre Luxembourgeois de Documentation et d'Etudes Médiévales, 125 S., 7 Farbtafeln, 32 Abb., ISBN 2-919979-03-5. - Der vorzüglich ausgestattete Band vermittelt einen Eindruck von der Entwicklung der Echternacher Schriftkultur in Gestalt eines chronologisch angelegten kritischen Forschungsberichts über die im Kloster hergestellten oder aufbewahrten Hss. sowie die dort entstandenen Texte von den Anfängen bis zum 12. Jh., mit einem Ausblick auf die folgende Zeit bis um 1600. An dieser Stelle hervorzuheben ist die Behandlung der in den MGH publizierten Echternacher Geschichtsschreibung des 12. Jh. (in zeitlicher Abfolge: MGH SS 13 S. 737-742, SS 23 S. 33-38, SS 15/2 S. 1305-1307, SS 23 S. 38-64, 64-72).
  44. R. S.


  45. Oliver Berggötz, Hrabanus Maurus und seine Bedeutung für das Bibliothekswesen der Karolingerzeit. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte der Klosterbibliothek Fulda, Bibliothek und Wissenschaft 27 (1994) S. 1-49, skizziert zunächst das Schicksal der Fuldaer Bibliothek bis in die Neuzeit und stellt dann für die einzelnen Schriften des Hrabanus die Hss. des 9. Jh. mit ihren Hinweisen auf Provenienz und Bibliotheksheimat zusammen, wodurch er zu einem Gesamtbild der Verbreitung von Hrabans Oeuvre in ostfränkischen Bibliotheken gelangt.
  46. M. S.


    {S. 229}

  47. Iter Helveticum, Partie V: Les manuscrits liturgiques du canton de Genève, par François Huot (Spicilegii Friburgensis Subsidia 19) Fribourg/Suisse 1990, Éditions Universitaires, 723 S., 68 Abb., ISBN 2-8271-0443-1, CHF 98. - Detailliert und nach dem bewährten Muster der früheren Bände (vgl. DA 36, 586 f.; 1984 ist von demselben Bearbeiter zusammmen mit Josef Leisibach der Band zum Kanton Wallis - ohne Kapitelsarchiv Sitten - erschienen) werden zunächst 48 Hss. der Bibliothèque Publique et Universitaire von Genf beschrieben (19 Stundenbücher, 6 Missalien, die restlichen anderen Gattungen zugehörig). Der Großteil entstammt dem 14. oder 15. Jh., nur das Epistolarium Sangallense (ms. lat. 37a) ist mit seiner paläographischen Fixierung auf Mitte 9. Jh. eine chronologische Ausnahme. Die Bodmeriana in Coligny bietet weniger und mehr: Ihre sieben liturgischen Hss. verteilen sich über das ganze MA, darunter aber ausgesprochene Preziosen: etwa das Graduale von Santa Cecilia in Rom mit dem altrömischen Gesang (Cod. Bodmer 74; vgl. DA 44, 607) oder das Homiliarium des Paulus Diaconus aus dem 9. Jh. (Cod. Bodmer 128). Eine ausführliche Einleitung eröffnet den Blick auf das geschichtliche Wachsen der besprochenen Hss.-Bestände und die Liturgie der Diözese Genf insgesamt, die bis 1586 zahlreiche Eigenheiten aufwies. Folgende Texte außerhalb der eigentlichen Liturgica verdienen Beachtung: ein Fragment der Aachener Kanonikerregel von 816 aus dem 9./10. Jh. (Genf, BUP Ms. lat. 28), sowie das Necrolog der Abtei Sixt (Haute-Savoie) (Ms. lat. 157). Die ausführlichen Indices der Incipits, der Namen und Sachen, wie auch die 68 Schwarz-Weiß-Abbildungen helfen zur Erschließung des Materials.
  48. H. S.


    {S. 229}

  49. Nicola Bux, Codici liturgici latini di terra santa. Liturgic latin codices of the holy land (Studium Biblicum Franciscanum. Museum. 8) Fasano (Brindisi) 1990, Schena editore, 145 S., 90 teils farbige Abb. u. Tafeln, ISBN 88-7514-392-7, ITL 70.000. - Insgesamt 19 liturgische Pracht-Hss. beherbergt das franziskanische Studium Biblicum in Jerusalem (Missalia, Breviaria, Antiphonaria, Gradualia und Psalteria), davon 8 aus dem MA - allesamt Import aus Europa, darunter allein drei notierte Antiphonarien, die der englische König Heinrich IV. an die Franziskaner schenkte. Die Liturgie ist franziskanisch, d.h. im wesentlichen jene der päpstlichen Kapelle seit Innozenz III. mit speziellen Zutaten des Hl. Landes z.B. im Heiligenkalender. Der Katalog ist aufwendig - in der Beschreibung wie in der Darbietung der Hss.
  50. H. S.


  51. Thomas Wilhelmi - Christian Bertin, Katalog der Inkunabeln in oberelsässischen Bibliotheken, Revue d'Alsace 120 (1994) S. 337-364, beschreiben 62 zum Teil seltene Wiegendrucke. Nicht berücksichtigt sind allerdings die umfangreichen Bestände der Stadtbibliothek sowie des Stadt- und des Departementalarchivs von Colmar.
  52. Rolf Große


  53. Erich Meuthen, Cusanus-Studien X. Die "Acta Cusana". Gegenstand, Gestaltung und Ertrag einer Edition (SB Heidelberg Jg. 1994 Nr. 5) Heidelberg 1994, Universitätsverlag C. Winter, 36 S., ISBN 3-8253-0270-9, berichtet über die konzeptionelle Entwicklung und über praktische Erfahrungen bei der Ausarbeitung der Dokumentation zur Lebensgeschichte des Cusanus (vgl. DA 33, 604; 41, 579 f.), die in weiterem Voranschreiten begriffen ist und ein Modell für den Umgang mit formal heterogenen Quellenmengen anbietet.
  54. R. S.


    {S. 230-231}

  55. Diplomata Hungariae antiquissima. Accedunt epistolae et acta ad historiam Hungariae pertinentia. Vol. I: Ab anno 1000 usque ad annum 1131, edenda operi praefuit Georgius Györffy, adiuverunt Johannes Bapt. Borsa, Franciscus L. Hervay, Bernardus L. Kumorovitz et Julius Moravcsik, Budapestini 1992, Academia Scientiarum Hungarica, 544 S., 6 Tafeln, ISBN 963-05-4953-0, USD 90. - Diese 157 Nummern umfassende Edition ist der erste Band eines 1957 von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften beschlossenen Projekts einer modernen Ausgabe der ältesten Urkunden, Rundschreiben und Verwaltungsschriftstücke Ungarns bis zum Tode König Belas III. († 1196) in zwei Bänden. Planung und Leitung des Unternehmens liegt bei György Györffy, dem Doyen der ungarischen Diplomatik. Aufgenommen sind Königsurkunden und Urkunden von Angehörigen des Königshauses, Urkunden kirchlicher Würdenträger und von "personae privatae", von den kroatischen und dalmatinischen Urkunden nur jene mit Bezug auf Ungarn, weiters Urkunden ausländischer Aussteller mit ungarischen Empfängern. Beziehen sie sich nur zum Teil auf Ungarn, werden sie bloß in Ausschnitten wiedergegeben. So fand etwa auszugsweise auch eine Urkunde Heinrichs V. (St. 3033) Aufnahme, obwohl der einzige Bezug auf Ungarn bloß darin bestand, daß es in der Datierungszeile ...cum de Vngaria rediremus heißt. Fälschungen und zweifelhafte Stücke, ebenso Deperdita - 47 an der Zahl - mit der Auflistung ihrer Erwähnungen (im Wortlaut) sind in die laufende Nummernfolge aufgenommen. Fünf Dutzend Urkunden weisen auswärtige Aussteller auf - darunter sind auch drei hebräische Urkunden des Mainzer Rabbiners Jehuda ha-Cohen (Nr. 59-61). Nahezu 50 Nummern tragen den Vermerk "falsum", "fictum", "dubiae fidei" oder "interpolatum". Was die editionstechnische Anordnung betrifft, so ist im "Vorspann" durch die herausgerückten Abschnittsbezeichnungen "orig(inale)", "transcr(iptum, -a)" oder "copia(e)", "ment(io, -ones)", "facs(imile, -ia)", "edd(itio, -ones)", "trad(uctio, -ones)", "reg(esta)" und "comm(entarius)" ein hohes Maß an Übersichtlichkeit gewährleistet. Zugleich fällt eine nach unserem Verständnis ungewöhnliche Überfülle an Informationen auf. So werden etwa - selbst bei Vorliegen des Originals und kopialer Überlieferung - bloße Erwähnungen der Urkunde die Jahrhunderte hindurch - und dies meist mit umfangreichen Textzitaten - angeführt. Dem Abschnitt "commentarius" ist nicht bloß eine reiche Bibliographie beigegeben, sondern oft auch seitenlange Ausführungen. Das Zusammentragen aller Belege mag Kompensation für die recht dürre Quellenbasis der frühen ungarischen Geschichte sein. Ein gewisses Ausufern zeigt auch der Variantenapparat. Bei der Textwiedergabe gibt es eine Reihe von Modifikationen gegenüber unseren Usancen, z.B. daß runde Klammern Ergänzungen aus anderen Überlieferungen kennzeichnen, eckige Klammern Ergänzungen durch den Editor, offene eckige Klammern mit jeweils drei Pünktchen Auslassungen bei nur ausschnittsweiser Edition. Unsichere Auflösungen von Kürzungen werden kursiv geboten. Eine erste Appendix enthält Urkunden, deren Einordnung zwischen 1000 und 1131 unsicher ist, eine zweite listet neuzeitliche Falsifikate auf. Im Vorwort - es ist wie alle vom Bearbeiter stammenden Textteile in einem klaren, ausgezeichnet verständlichen Latein geschrieben - bespricht G. die Beschäftigung mit Urkunden und die editorischen Bemühungen seit Beginn der Neuzeit in Ungarn - einschließlich der Publikationen in den nach dem Ersten Weltkrieg vom alten Ungarn abgetrennten Gebieten. Im Anhang enthält das Werk neben dem "Index bibliographicus", dem Namen- und Wortregister, auch ein Verzeichnis der Aussteller nach Standesgruppen. Abgeschlossen wird es mit fünf Bildtafeln, die Abbildungen von Königssiegeln, beginnend mit der nur mehr lose erhaltenen Bleibulle König Peters (1044-46), bieten, und einer Tafel zum Herrschermonogramm. Diese Edition des ältesten, Ungarn betreffenden Urkundenwesens, die den intensiven Arbeitsaufwand erkennen läßt, der aufzubringen war, ist eine wertvolle Bereicherung unserer Wissenschaft. Sie betrifft einen Raum, der im Schnittpunkt des deutschen, byzantinischen und venezianisch-adriatischen Einflusses lag.
  56. Walter Koch


  57. Jean-Yves Mariotte, Les Staufen en Alsace au XIIe siècle d'après leurs diplômes, Revue d'Alsace 119 (1993) S. 43-74, wertet die Diplomatabände Konrads III. und Friedrichs I. sowie die Reg. Imp. Heinrichs VI. aus und zieht Rückschlüsse auf die bevorzugten Aufenthaltsorte der Staufer im Elsaß, ihr Verhältnis zum lokalen Adel, den Bischöfen von Basel und Straßburg, den Städten (Straßburg und Hagenau) sowie den Klöstern. Abschließend geht er auf ein angebliches Deperditum Friedrichs I. von 1165 für das Zisterzienserkloster Pairis (dép. Haut-Rhin) ein.
  58. Rolf Große


    {S. 231-232}

  59. Die Zeit Karls IV. (1355 April - 1359), bearb. von Friedrich Battenberg (Quellen und Forschungen zur höchsten Gerichtsbarkeit im Alten Reich. Sonderreihe: Urkundenregesten zur Tätigkeit des deutschen Königs- und Hofgerichts bis 1451, Bd. 7) Köln - Weimar - Wien 1994, Böhlau, XLVI u. 409 S., ISBN 3-412-03394-4, DEM 148. - Der Band setzt das große Publikationsvorhaben (vgl. zuletzt DA 49, 253 f.) mit 522 Regestennummern fort. Die für die Forschung sehr notwendige Quellenpublikation hat mit gewichtigen Problemen zu ringen, von denen zwei hier nur kurz angedeutet werden können: Das erste und elementarste ist das der Auswahl. Geboten werden Urkunden, die entweder durch einen Hofrichter selbst mit einem Hofgerichtssiegel ergangen sind, oder aus denen hervorgeht, daß sie den Abschluß eines Rechtsstreits bildeten, der unter Vorsitz des Herrschers selbst geschlichtet wurde. Die kaiserlichen Urkunden liegen aber in Form von Privilegien, Mandaten oder Briefen vor und tragen Goldbullen oder Majestätssiegel. Daraus diejenigen auszuwählen, die Elemente eines gerichtlichen Verfahrens beschreiben, erscheint als sehr schwierig, weil die Übergänge zu anderen politischen Handlungen oft fließend waren. Ein zweites Problem mit bedauerlichen Folgen ergibt sich aus der Geschwindigkeit der Bearbeitung. Sollten die geplanten Bände 8-10 wie angegeben 1996 ff. fertiggestellt werden, so darf man dies zwar im Vergleich zu anderen Editionsprojekten geradezu atemberaubend nennen, aber diese Beeilung hat auch ihren Preis: Eine zunehmende Anhäufung von Ungenauigkeiten und Fehlern schlich sich ein, wie einige Stichproben ergaben: Der angebliche Registraturvermerk auf der Rückseite der Urkunde Nr. 301 ist gar nicht vorhanden und gehört zu dem Stück Nr. 300. Die in einer Fußnote angegebene Unklarheit des Textes von Nr. 301, daß der Beauftragte die "Zweiung aufrichten" soll und damit vielleicht eine "Streitbefestigung" gemeint sein könne, klärt sich ganz einfach, wenn man die Urkunde zur Hand nimmt. Statt "aufrichten" steht nämlich ausrichten, mhd. uzrichten, das in diesem Fall "ausgleichen, schlichten" bedeutet. Der Streit soll also geschlichtet und nicht befestigt werden. Oder: Bei der Urkunde Nr. 203 wäre der angegebene Kanzleivermerk "per dominum imperatorum Nicolaus de Chremsir" zu korrigieren in per dominum imperatorem Johannes de Glacz. Ein Druckort ist nicht angegeben, obgleich die Urkunde in MGH Const. 11 S. 523 Nr. 928 publiziert ist. Oder: Nr. 225, eine Urkunde für den Herzog von Pommern-Stettin, ist nach einer deutschen Abschrift des 15. Jh. in München aufgenommen worden. Es existieren aber zwei Originale im Vorpommerschen Landesarchiv in Greifswald, die nicht berücksichtigt wurden. Das lateinische Exemplar (!) mit Goldbulle an Seidenfäden trägt die Signatur "Rep. 2 Ducalia Nr. 113", das zweite deutsche Exemplar mit Majestätssiegel liegt unter "Rep. 2 Ducalia Nr. 111". Die angegebenen Beispiele illustrieren, daß Urkundenrecherchen und eine gründliche Untersuchung der Stücke eben ihre Zeit brauchen. Trotzdem, das sei unbenommen, liegt bei allen Bedenken mit dem vorliegenden Band für die an Quelleneditionen noch rare Kaiserzeit Karls IV. eine wichtige Publikation zur Verfassungs- und Rechtsgeschichte vor.
  60. Olaf Rader


  61. Hermann Jakobs, Anmerkungen zur Urkunde Benedikts VIII. für Bernward von Hildesheim (JL 4036) und zu den Anfängen von St. Michael, Niedersächsisches Jb. 66 (1994) S. 199-214, zieht zur zeitlichen Einreihung des undatiert, aber (bis 1943) original überlieferten Stücks außer dem Rombesuch Heinrichs II. vom Juli 1022 auch denjenigen von 1014 in Betracht und begründet dies mit der jahrelangen Unsicherheit, ob Kanoniker oder Mönche die Neugründung innehaben sollten; eben dies könnte die Papsturkunde entschieden haben.
  62. R. S.


  63. Uwe Dubielzig, Antikes aus der Schönfeldstraße. Bekanntes und Unbekanntes in einer bajuwarischen Urkunde, in: Niklas Holzberg, Friedrich Maier u.a., Ut poesis pictura II. Antike Texte in Bildern, Band 2: Untersuchungen, Bamberg 1993, C. C. Buchners Verlag, ISBN 3-7661-5433-8, S. 139-155, 2 Abb., macht in der Arenga einer Freisinger Traditionsnotiz von 772 (Nr. 50 der Ausgabe von Bitterauf) neben bekannten Formulierungsmustern auch den Einfluß einer offenbar verlorenen hexametrischen Dichtung heilsgeschichtlichen Inhalts wahrscheinlich.
  64. R. S.


  65. Odilo Engels, Die Kirchweihurkunde der Kathedrale von Seu d'Urgell aus dem frühen 9. Jahrhundert, in: Iberische Welten. Festschrift zum 65. Geburtstag von Günter Kahle, hg. von Felix Becker, Holger M. Meding, Barbara Potthast-Jutkeit, Karin Schüller, Köln-Weimar-Wien 1994, Böhlau, S. 485-498, hält die umstrittene Urkunde von angeblich 819 für grundsätzlich echt, nimmt aber eine Entstehung kurz vor Ludwigs des Frommen Diplom BM˛ 939 von 835 an und erörtert als sachlichen Hintergrund die Entwicklung von Eigenkirchenwesen und Pfarrorganisation im südlichen Pyrenäenraum.
  66. R. S.


    {S. 233}

  67. Le pergamene della basilica di S. Vittore di Varese (899-1202), a cura di Luisa Zagni (Pergamene Milanesi dei secoli XII-XIII 9) Milano 1992, Università degli Studi, XX u. 289 S., keine ISBN, ITL 50.000. - Der vorliegende Band, dem bald ein weiterer folgen soll, enthält 146 Urkunden aus dem Kapitelsarchiv, das sich noch heute größtenteils an Ort und Stelle befindet und einst einen reichen Bestand darstellte. Darüber gibt die Bearbeiterin in der Einleitung Auskunft. Zu diesen Stücken, die fast ausnahmslos in vollem Wortlaut abgedruckt sind, kommen in einem Anhang weitere 10 in Regestenform dargebotene Urkunden aus der Zeit von 1007 bis 1177 hinzu, von denen die Nr. I, II und IV bereits an anderer Stelle ediert wurden, jedoch hierher gehören, da sie aus dem Fonds von S. Vittore stammen; bei den übrigen Nummern handelt es sich um Urkundenauszüge, welche Z. im Vatikanischen Geheimarchiv entdeckt hat. Die Hauptreihe wird mit einer Verkaufsurkunde von 899 (in einer Abschrift des 11. Jh.) eröffnet und führt bis 1202, dem Jahr, in welchem Propst Ugo zum letztenmal urkundlich erwähnt wird. Hervorzuheben sind zwei Papsturkunden (Alexander III. [Nr. 89] und Cölestin III. [Nr. 139]) sowie die Urkunden Mailänder Erzbischöfe, von denen Nr. 81 von 1167/68 wegen der Besiegelung einige Probleme aufwirft. Erwähnenswert ist auch Nr. 24 aus dem Ende des 11. Jh., da es sich hier offenbar um ein Originalkonzept handelt. Der Band ist mit Namenregistern ausgestattet.
  68. A. G.


  69. Jérôme Belmon, Les débuts d'une prieuré victorin en Gévaudan: Le Monastier-Chirac (XIe-XIIe siècles), BECh 152 (1994) S. 5-90. - Es handelt sich um eine Darstellung und Dokumentierung der Anfänge und frühen Geschichte des im südlichen Zentralmassiv (im heutigen Département Lozère) gelegenen Priorats von St. Viktor in Marseille. Gegründet 1062 von den Herren von Peyre, blieb Monastier-Chirac noch lange unter dem Einfluß dieser mächtigen Familie und wurde kräftig gefördert. Nachdem die Originalurkunden größtenteils verlorengegangen sind, kommt dem Chartular-Rotulus mit Urkunden vom Ende des 11. bis zum Beginn des 13. Jh. quellenmäßig eine zentrale Bedeutung zu. Es wurde vom Vf. - zusammen mit einigen Dokumenten aus dem 11. und 12. Jh. (darunter der Gründungsurkunde) - vollständig ediert (68 Nummern); die Eigennamen sind durch einen Index erschlossen.
  70. A. G.


    {S. 233-234}

  71. English Episcopal Acta 6: Norwich, 1070-1214, ed. by Christopher Harper-Bill, Oxford 1990, Oxford University Press for the British Academy, LXXXVIII u. 439 S., ISBN 0-19-726091-8. - Der sechste Band des nunmehr rasch voranschreitenden Projektes (vgl. DA 48, 230), sämtliche englische Bischofsurkunden aus der Zeit vor dem Einsetzen einer kontinuierlichen Registerführung zu edieren, enthält Editionen bzw. Regesten von 442 Bischofsurkunden des für Norfolk und Suffolk (das ehemalige Königreich der Ostangeln also) zuständigen Bistums, dessen Sitz in den 1090er Jahren von Thetford nach Norwich verlegt wurde; circa 80% davon stammen aus der Zeit nach 1150. Die Urkunden bieten die aus früheren Bänden bekannte Mischung unterschiedlicher bischöflicher Interessenbereiche, mit leichter Akzentverschiebung gegenüber anderen Diözesen. So scheint man in Norwich im 12. Jh. ungewöhnlich viel Diözesansynoden abgehalten zu haben, und die bischöfliche Güterverwaltung hat auch verhältnismäßig viele Urkunden (verglichen etwa mit Canterbury oder Lincoln) hinterlassen: z.B. fallen etwa ein Achtel der von William Turbe ausgestellten Urkunden unter diese Rubrik. Bedauerlich wie immer ist die Praxis, diejenigen Urkunden, die in vermeintlich leicht zugänglichen Editionen schon ediert vorliegen, nur als Regesten zu bringen. Ebenfalls bedauerlich ist die Entscheidung, die Briefsammlung des Herbert Losinga (deren Edition weder modern noch leicht zugänglich ist) nicht einmal als Regesten aufzuführen (vgl. S. 358 f.): Die Vorstellung von so etwas wie ,personal letters' eines Bischofs im 12. Jh. ist in dieser Form nicht haltbar.
  72. T. R.


    {S. 234}

  73. English Episcopal Acta 7: Hereford 1079-1234, edited by Julia Barrow, Oxford 1993, Oxford University Press for the British Academy, ISBN 0-19-726109-4, CXVII u. 361 S., GBP 50. - B. bringt für diese nicht sonderlich reiche, institutionell leicht rückständige englische Diözese im walisischen Grenzbereich ca. 400 Urkunden als Volltext oder Regesten (wobei Zeugenreihen, so vorhanden, immer vollständig gedruckt werden). Erst seit dem Pontifikat Roberts de Béthune (1131-1148) fließen Urkunden etwas regelmäßiger; unter Robert Foliot (1174-1186) können wir nach B. von so etwas wie einer bischöflichen Kanzlei sprechen. Die Urkunden sind keineswegs gleichmäßig über die Diözese verteilt: Einige Klöster und Stifte - insbesondere Gloucester, Leominster, Llanthony, Shrewsbury und Monmouth - weisen einen überproportionalen Anteil an den erhaltenen, wohl auch an den jemals ausgestellten Urkunden auf. Diese Entwicklung mit vielem anderen Material wird von B. in einer langen und detaillierten Einleitung untersucht und beschrieben (hervorzuheben ist auch der Abschnitt über die Paläographie der Akten, S. C-CX). Ebenfalls hervorzuheben sind die Register (u.a. auch ein sehr nützliches Register der Sachen), die B. mit großer Sorgfalt vorbereitet hat. Der Verlag war weniger sorgfältig: Störende bzw. unmögliche Trennungen, Satzbefehle mitten im Text, Verunstaltungen des Schriftbildes durch schwarze und weiße Flecken sind alles Dinge, die man von Oxford nicht erwartet und hoffentlich in künftigen Bänden nicht finden wird.
  74. T. R.


    {S. 234-235}

  75. English Episcopal Acta 8: Winchester 1070-1204, ed. by M. J. Franklin, Oxford 1993, Oxford University Press for the British Academy, LXXXIII u. 257 S., ISBN 0-19-726123-X, GBP 40. - Bei diesem Band ist das Herausgebergremium von dem bisherigen Grundsatz, kopial überlieferte Texte nur im vollen Wortlaut wiederzugeben, wenn sie nicht bereits vorher ediert worden sind, abgewichen: Die Zahl der als Editionen akzeptierten Werke wurde stark eingeschränkt. Deswegen wird dem Leser ein vollständigeres Bild der bischöflichen Verwaltung vermittelt, als dies bei den vorigen Bänden der Fall war. Winchester, das reichste Bistum im Lande, wurde fast immer mit erfahrenen königlichen Beamten besetzt, was im späten 12. Jh. zur Folge hatte, daß die häufig noch mit dem König reisenden Bischöfe spürbar weniger Urkunden ausstellten, als ihre Mitbrüder in ähnlichen Diözesen. Auch zeigten sie wenig Begeisterung für diplomatische Neuerungen. Sogar Heinrich von Blois (1129-71) bildet, mit 99 Urkunden aus 42 Jahren, keine Ausnahme. In vieler Hinsicht ist Winchester aber nicht untypisch: Für die Zeit zwischen 1066 und 1107 fehlt die Überlieferung; der häufigste Urkundentypus ist die Bestätigung (oft von Pfarrkirchen oder Zehnten); wie in anderen Bistümern mit monastischen Domkonventen mußten die Bischöfe zahlreiche Haushaltskleriker anstellen. Zum letzten Thema ist die relativ karge Einleitung leider wenig hilfreich; auch kommt die diplomatische Analyse zu kurz. Die Edition ist meist verläßlich. Zu wünschen wäre die Verbesserung fehlerhafter Texte, wo sie nicht im Original überliefert sind, statt der Wiedergabe der inkorrekten Form mit "sic". Die historischen Anmerkungen, besonders bei der Erklärung von Daten, sind allzuoft unverständlich (Nr. 84, 92, 107, 116, 125, 168, 173) oder polemisch.
  76. Julia Barrow


    {S. 235}

  77. Carte dell'Archivio di Stato di Pisa 2 (1070-1100), a cura di Maria Luisa Sirolla, presentazione di Cinzio Violante (Biblioteca del "Bollettino Storico Pisano". Fonti 1) Pisa 1990, Pacini Editore, XVIII u. 197 S., keine ISBN, ITL 28.000. - Bd. 1 mit 77 Urkunden von 780-1070 ist 1978 erschienen. Der vorliegende Band setzt mit 86 Urkunden die Reihe bis zum Jahr 1100 fort, so daß jetzt sämtliche Pisaner Urkunden im Rahmen des von C. Violante in die Wege geleiteten Projekts bis zu diesem Zeitpunkt (und zum Teil weit darüber hinaus) ediert sind. An besonders bemerkenswerten Stücken sind hervorzuheben: DH. IV. 359 für das Domkapitel von Pisa (Nr. 39), das hier (wie bereits zuvor in den "Carte dell' Archivio Capitolare di Pisa" 3 [1977] S. 55 Nr. 23) nach dem Original gedruckt wurde, ferner mehrere Papsturkunden, darunter das Schutzprivileg Gregors VII. JL 5044 für S. Michele in Pisa, zu dem der Druck bei Santifaller, Quellen und Forschungen zum Urkunden- und Kanzleiwesen Papst Gregors VII. 1 (1957) S. 153 Nr. 139 nachzutragen ist, und schließlich eine Urkunde in sardischer Sprache (Nr. 46; der zitierte Aufsatz von Solmi ist nicht im Arch. Stor. Italiano, sondern im Arch. Stor. Sardo 2 [1906] erschienen). Der Band wird durch mehrere Register erschlossen.
  78. A. G.


    {S. 235-236}

  79. Stefanie Uhler, Untersuchungen zu den Traditionen des Stiftes Berchtesgaden, Diss. phil. masch. München 1983, Eigenverlag (Laubgasse 4, CH-8500 Frauenfeld) 1994, 141 S. - Von dem kurz nach 1100 gegründeten Augustinerchorherrenstift Berchtesgaden ist aus der Gründungszeit bis zur Mitte des 13. Jh. ein Traditionsbuch erhalten, in dem 210 Besitzübertragungen registriert wurden (Bayerisches Hauptstaatsarchiv Fp. BGD 1 [ehemals: Klosterliterale Berchtesgaden 3]). Auf Gründungsgeschichte, päpstliche Gründungsbestätigung, Gründungsausstattung durch die Grafen von Sulzbach mit einer Grenzbeschreibung und eine Besitzliste von Reichenhaller Gütern folgen die Einzeltraditionen. Bereits 1856 hatte K. A. Muffat diesen landes- und reichsgeschichtlich bedeutenden Codex ediert, der nun näher erschlossen wird. Daneben werden in der Studie weitere Archivalien, darunter Papstbullen, Kaiserdiplome und Privaturkunden kurz beschrieben und ausgewertet. Durch den langen Zeitraum zwischen Promotion und Drucklegung ist es wohl zu erklären, daß die "Geschichte von Berchtesgaden" von Brugger - Dopsch - Kramml (vgl. DA 48, 815 f.) nur unzureichend eingearbeitet wurde. Doch soll nicht übersehen werden, daß das Verdienst der Arbeit in der Beschreibung und modernen Kommentierung der Hs. liegt. Leider fehlt ein Register.
  80. C. L.


    {S. 236}

  81. Andrea Padovani, L'Archivio di Odofredo. Le pergamene della famiglia Gandolfi Odofredi. Edizione e regesto (1163-1499) (Miscellanea 7) Spoleto 1992, Centro italiano di studi sull'alto medioevo, 638 S., keine ISBN. - Aus dem in der Biblioteca comunale von Imola aufbewahrten Archiv der Bologneser Familie Gandolfi Odofredi, welcher der angesehene Jurist Odofredus († 1265) entstammte, veröffentlichte P. im Hauptteil 600 Dokumente, teils im Vollabdruck (Nr. 1-63 von 1177-1338), teils in Regestenform (Nr. 64-591 von 1163-1499, Nr. 592-600 von 1510 bis zum 18. Jh.), dazu als Ergänzung im Anhang 52 Stücke aus dem Staatsarchiv Bologna (von 1226-1265). Das Material ist nicht nur für die Geschichte der Odofredi und weiterer Bologneser Familien, sondern darüber hinaus auch für die Wirtschafts-, Sozial- und Kirchengeschichte Bolognas und seiner Umgebung von Belang. Der Band präsentiert sich mit Indices der Personen- und Ortsnamen sowie wichtiger Begriffe.
  82. A. G.


    {S. 236}

  83. Urkundenbuch zur Geschichte der Herren von Boventen, bearb. von Josef Dolle (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen 37. Quellen und Untersuchungen zur Geschichte Niedersachsens im Mittelalter 16) Hannover 1992, Hahnsche Buchhandlung, 507 S., ISBN 3-7752-5866-3, DEM 98. - In der vorliegenden, aus einer Göttinger Diss. von 1989/90 hervorgegangenen Edition sind sämtliche schriftlichen Zeugnisse versammelt, in denen die Herren von Boventen auftreten, ausgenommen die Urkunden, in denen sie als Zeugen erscheinen. Die Geschichte der Familie, die erstmals 1170 nachweisbar ist und vornehmlich um Göttingen, im unteren Eichsfeld und in der Nähe von Osterode begütert war, wird hier nur kurz behandelt. Eine ausführliche Darstellung (unter Einbeziehung der Zeugennennungen) aus der Feder des Bearbeiters findet sich im Plesse-Archiv 29 (1993). Die Grundlage der Edition bilden die heute nur noch zum Teil vorhandenen Archive der weitverzweigten Familie. Das UB umfaßt 684 Nummern für die Zeit von 1179-1644. Bis 1400 sind die Stücke im allgemeinen vollständig abgedruckt, danach in Regestenform wiedergegeben. Im Gegensatz zu den von der "Historischen Kommission für Niedersachsen" bisher herausgegebenen Editionen hat D. auch die Siegel beschrieben, außerdem abweichende Lesarten vermerkt sowie Drucke und Regestenwerke nachgewiesen. Ein Index der Personen- und Ortsnamen sowie ein Verzeichnis der Siegelinhaber sind dem Band beigegeben, der ein schönes Beispiel für die Dokumentation der Geschichte einer Familie des niederen Adels darstellt.
  84. A. G.


  85. Carmen Salvo, Regesti delle pergamene dell'Archivio Capitolare di Messina (1275-1628), Archivio storico messinese 62 (1992) S. 87-174, regestiert chronologisch in Kurzform mit alter und neuer Archivnummerierung und unter Angabe der handelnden Notare und Iudices, jedoch ohne Hinweise auf ältere Regestenwerke und Editionen, den Bestand des Kapitelarchivs der Kathedrale von Messina, überwiegend mit dem Kapitel abgeschlossene Privatverträge des 13. und 14. Jh. Verzeichnet sind außerdem 4 Papsturkunden bzw. -briefe: Clemens VI. (Nr. 53); Urban V. (Nr. 71); Martin V. (Nr. 126); Innocenz VIII. (Nr. 154). - Das im Indice cronologico dei documenti unter Nr. 149b angegebene Stück von 1168 fehlt im Text, außerdem eine Konkordanz der alten und neuen Signaturen.
  86. M. P.


  87. Roger Sablonier, Der Bundesbrief von 1291: eine Fälschung? Perspektiven einer ungewohnten Diskussion, Mitteilungen des Historischen Vereins des Kantons Schwyz 85 (1993) S. 13-25, erwägt offenbar als Erster die Möglichkeit einer Fälschung bzw. Nachherstellung dieser "Gründungsurkunde" der Eidgenossenschaft im 14. Jh. oder um 1400. Gegenüber dem paläographischen Befund (vgl. DA 47, 601) und dem Ergebnis der C 14-Datierung (85 % Wahrscheinlichkeit für 1252-1312) haben seine methodischen Zweifel und Überlegungen freilich einen schweren Stand. Nur eingehende Untersuchungen in die von ihm angegebene Richtung könnten einen ernsthaften Fälschungsverdacht überhaupt wecken. Ungeklärt ist vor allem die zentrale Frage nach dem Zweck einer solchen Fälschung. Der Bundesbrief hat also bis auf weiteres als echt zu gelten; dies steht der Annahme nicht entgegen, "daß wir bei den Vorgängen um 1300 in der Innerschweiz ein ganz normales regionales Geschehen vor uns haben" (S. 24).
  88. Ernst Tremp


    {S. 237}

  89. The Register of John Kirkby, Bishof of Carlisle 1332-1352 and the Register of John Ross, Bishop of Carlisle 1325-1332, Bd. 1, ed. Robin L. Storey (Canterbury and York Society 79) Woodbridge 1993, Boydell & Brewer, XV u. 176 S., ISBN 0-907239-48-X, GBP 29,50. - Neben dem Einblick in die Verwaltungsroutine eines spätma. englischen Bistums liegt die inhaltliche Bedeutung des hier vorgelegten Materials in den Informationen zur Situation im anglo-schottischen Grenzgebiet in den Jahren vor Beginn des Hundertjährigen Krieges. Allerdings enthält der Band keine vollständige Textedition, sondern die Regesten der beiden Bischofsregister, von denen eines (John Ross) nur als Fragment erhalten ist. Angesichts der bei Reparaturen der Hs. durcheinandergeratenen Reihenfolge der Lagen ist es das Verdienst des Hg., die ursprüngliche Folge der Einträge rekonstruiert zu haben. Wenig hilfreich ist die Benutzung nicht mehr gebräuchlicher Archivsignaturen des Public Record Office London (einzige Ausnahme: Nr. 192). Im zweiten Band sollen außer dem Index sechzehn ausgesuchte Stücke im Volltext ediert werden.
  90. Jens Röhrkasten


    {S. 237}

  91. Kurt Andermann, Das Kopialbuch des Engelhard von Neipperg († 1495). Urkundenregesten (um 1235) 1331-1493 (Heimatverein Kraichgau, Sonderveröffentlichung Nr. 11) Sinsheim 1994, Heimatverein Kraichgau, 109 S., 4 Abb., ISBN 3-921214-09-2. - Das Heft erschließt mit 125 Regesten die im Landesarchiv Speyer aufbewahrte Sammlung der Rechtstitel eines adligen Ritters in kurpfälzischen Diensten.
  92. R. S.


    {S. 237-238}

  93. Ferdinand Opll, Richard Perger, Kaiser Friedrich III. und die Wiener 1483-1485. Briefe und Ereignisse während der Belagerung Wiens durch König Matthias Corvinus von Ungarn (Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte 24) Wien 1993, Verein für Geschichte der Stadt Wien, 120 S., ISBN 3-7005-4642-4. - Der Band enthält die Regesten eines bisher unbeachteten Bestandes, der unter die Fridericiana des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs eingereiht wurde und, teils in einer Abschriftensammlung, teils aber auch als Konzept oder Ausfertigung, Korrespondenzen zwischen dem Kaiser und der belagerten Stadt enthält. Nicht überraschend sind die zahlreichen Hilfsanforderungen, Versprechungen und Vertröstungen, hingegen wird die Lage in der Stadt teilweise neu beleuchtet. Die Publikation ist mit ergänzenden Regesten bereits bekannter Quellen angereichert und durch ein kommentiertes Personen- und Ortsregister erschlossen.
  94. Herwig Weigl


    {S. 238-239}

  95. Cancelleria e cultura nel medio evo. Communicazioni presentate nelle Giornate di studio della commissione. Stoccarda, 29-30 agosto 1985 - XVI Congresso Internazionale di Scienze Storiche, a cura di Germano Gualdo, Città del Vaticano 1990, Archivio Segreto Vaticano, VIII u. 341 S., ISBN 88-85054-08-0, ITL 40.000. - Dank freundlichen Entgegenkommens des Vatikanischen Archivs konnten die Akten des im Rahmen des Stuttgarter historischen Weltkongresses von 1985 abgehaltenen Symposiums der Commission Internationale de Diplomatique publiziert werden. Mit "Kanzlei und Kultur im Mittelalter" war es - zumindest aus der Sicht der deutschen Diplomatik - eher einem Randbereich der Urkundenwissenschaft gewidmet, der allerdings über den engeren Bereich der Fachkollegen hinaus Interesse finden dürfte, zugleich die diplomatische Forschung im größeren historischen Rahmen sieht. Es überrascht freilich kaum, daß die Beiträge nahezu ausschließlich Frankreich, Spanien und Italien gelten, ebenso nicht, daß vornehmlich das späteste MA angesprochen ist. Zu bedauern ist zweifellos, daß ein über "Kanzlei und Kultur am Hofe Ludwigs des Bayern" gehaltenes Referat nicht zum Druck eingereicht worden war. Eingeleitet wird der stattliche Band, der unser Wissen über die Einbindung der Kanzleien in die zeitgenössische Bildungswelt und die oft maßgebliche Rolle ihrer führenden Angehörigen hierin entschieden bereichert, mit einem umfangreichen Grundsatzbeitrag aus der Feder von Robert-Henri Bautier, der für die Themenstellung des Kolloquiums maßgeblich verantwortlich gewesen ist: "Chancellerie et culture au Moyen Age" (S. 1-75). Die ungemein dichte Studie, die - von der Spätantike ausgehend - den Leser durch die maßgeblichen Regionen Europas bis hin zum Humanismus führt, gipfelt in der Feststellung, daß sich die ma. Kanzleien nicht nur der Kultur geöffnet hätten, sondern daß vielmehr sogar die Kanzler, Notare und Sekretäre der Päpste, der Könige, der Fürsten und die der Städte oft das treibende Element der intellektuellen Bewegung gewesen seien (S. 69). Die weiteren Beiträge: Charles Vulliez, L'apprentissage de la rédaction des documents diplomatiques à travers l'ars dictaminis français (et spécialment ligérien) du XIIe siècle (S. 77-95). - Theo Kölzer, Cancelleria e cultura nel regno di Sicilia (1130-1198) (S. 97-118). - Hans Martin Schaller, Kanzlei und Kultur zur Zeit Friedrichs II. und Manfreds (S. 119-127). - Peter Rück, Kanzlei und Chronistik in der spätmittelalterlichen Schweiz (S. 129-136). - Nicole Pons, Les chancelleries parisiennes sous les Règnes de Charles VI et Charles VII (S. 137-168). - Pascale Bourgain, Style professionel et style personel: les différents niveaux stylistiques chez Alain Chartier, secrétaire de Charles VII (S. 169-185). - Maria Josefa Sanz Fuentes, Cancilleria y cultura en la Castilla de los siglos XIV y XV (S. 187-199). - Angel Canellas López - José Trenchs Odena, La cultura de los escribanos y notarios de la Corona de Aragón (1344-1479) (S. 201-239). - Santos García Larragueta, Los cancilleros del reino de Navarra desde Martin de Zalba hasta Juan Beaumont (siglos XIV-XV) (S. 241-306). - Germano Gualdo, Umanesimo e segretari apostolici all'inizio del Quattrocento. Alcuni casi esemplari (S. 307-318). - Hermann Diener, Gli officiali della Cancelleria pontificia nel secolo XV e loro attività nelle arti e nelle lettere (S. 319-331). - Jerry H. Bentley, The Humanist Secretaries of the Aragonese Kings of Naples (S. 333-341). Die Beiträge von Th. Kölzer und H. Diener sind zuvor bereits in deutscher Sprache erschienen, und zwar QFIAB 66 (1986) S. 20-39 bzw. 69 (1989) S. 111-124.
  96. Walter Koch


  97. Heinrich Meyer zu Ermgassen, Nominis nostri conscripto caractere. Die Monogrammzeichnungen im Codex Eberhardi aus Kloster Fulda, AfD 39 (1993) S. 201-267. - Der Codex Eberhardi nimmt durch die große Zahl seiner Monogrammzeichnungen (101) eine Sonderstellung unter den Kopialbüchern ein. Dabei fallen die königlichen Monogramme am stärksten ins Auge. Nachdem die Eberhardschen Monogramme in der Diplomatik bisher nur am Rande behandelt wurden, hat der Vf. dieses Material erstmals im einzelnen analysiert und ist zu folgenden Ergebnissen gekommen: Eberhard kopierte die Monogramme nicht mit der Genauigkeit des Archivars, sondern begnügte sich vielmehr mit der Wiedergabe des "Typus". Sein Kopialbuch sollte mehr nach außen wirken als internes Nachschlagewerk sein und ist daher "in seinem offenkundig agitatorischen Gehalt eher Streitschriften vergleichbar" (S. 263). Die Propaganda habe sich gegen Vasallen und neue geistliche Richtungen gewendet, die den Fuldaer Besitzstand gefährdeten. Der Untersuchung sind eine Liste der Monogramme im Codex Eberhardi sowie 64 Abbildungen beigegeben.
  98. A. G.


    {S. 239-240}

  99. Die Wolfenbütteler Bilderhandschrift des Sachsenspiegels. Aufsätze und Untersuchungen. Kommentarband zur Faksimile-Ausgabe. Hg. von Ruth Schmidt-Wiegand, Berlin 1993, Akademie Verlag, 413 S., 28 Farbtafeln, mehrere Textabb., ISBN 3-05-002359-7, DEM 98. - Da der illuminierte Oldenburger Sachsenspiegel (= O) noch Mitte 1995 faksimiliert werden soll (bei der Akad. Druck- u. Verlagsanstalt Graz) und zwei der drei weiteren bebilderten Handschriften dieses Rechtsbuches (Dresden = D, und Heidelberg = H) schon 1902 und 1970 als Faksimiles vorgelegt wurden, verfügen wir in Kürze über eine komplette Editionsserie wenigstens der Bilderhandschriften. Mit dem von der Wolfenbütteler Herzog-August-Bibliothek besorgten Faksimile des illustrierten Cod. Guelf. 3.1. Aug. 2 (W) ist ein weiterer Schritt in diese Richtung getan. Ein wichtiges Resultat der in dem Kommentarband dargelegten Forschungen ist die Klärung der Abhängigkeiten: H (von 1295/1304) steht der erschlossenen obersächsischen Hs. Y am nächsten. Die parallele niederdeutsche Überlieferung wird allein durch O (von 1336) repräsentiert, deren Vorlage ein postulierter Codex der Lüneburger Welfen (N) aus der Zeit um 1314/20 gewesen sein dürfte. D (vor 1363) und W (vor 1365) gehen ebenfalls auf Y zurück, wobei W von D abhängt. Obersächsische und niederdeutsche Überlieferung werden auf die Stammhs. X zurückgeführt, die man sich 1292/95 im nordöstlichen Harzraum entstanden denkt. - Klaus Naß, Die Wappen in der Wolfenbütteler Bilderhandschrift des Sachsenspiegels (S. 97-105), postuliert als Zwischenstufe von X und O die am Lüneburger Welfenhof zu lokalisierende Hs. N. Zudem bietet er ein vollständiges Verzeichnis aller Wappen in W (meist aus dem Ostharzer und Meißner Raum) und macht deutlich, daß wir es nicht nur mit einem juristischen Fachbuch, sondern auch mit einem Wappenbuch zu tun haben. - Rolf Lieberwirth, Entstehung des Sachsenspiegels und Landesgeschichte (S. 43-61), geht den Entstehungsbedingungen und der Biographie Eikes von Repkow nach, wobei er über die Ergebnisse P. Johaneks (vgl. DA 44, 310) nicht hinausgelangt. - Roderich Schmidt, Kaiser, König und Reich in der Wolfenbütteler Handschrift des Sachsenspiegels (S. 87-95), stellt u.a. heraus, daß die Lanze als Symbol für den Königsdienst, die Krone für das Königtum steht. - Dagmar Hüpper, Die Bildersprache. Zur Funktion der Illustration (S. 143-162); Kleidung (S. 163-183). - Ulrike Lade-Messerschmied, Gebärdensprache der Wolfenbütteler Bilderhandschrift des Sachsenspiegels (S. 185-200). - Gernot Kocher, Die Rechtsikonographie (S. 107-117), legt grundsätzliche Beobachtungen zur Verwendung "rechtlicher Bilder" dar. Ohne hieraus z.B. zu entnehmen, daß ein Ast für ein Lehen (Investitursymbol) oder der Gefesselte für einen Unfreien stehen, kann niemand mit den Bildquellen adäquat umgehen. - Ruth Schmidt-Wiegand, Die Wolfenbütteler Bilderhandschrift im Kreis der Codices picturati des Sachsenspiegels (S. 1-24); Sprache und Stil der Wolfenbütteler Bilderhandschrift (S. 201-218); Rechtswortschatz (S. 219-232), führt gleichzeitig in das beigegebene Glossar der Rechtswörter ein, das Bärbel Müller, Werner Peters und Friedrich Scheele beigesteuert haben (S. 249-326). - Für die in Verlust geratenen Blätter der Handschrift ist mittels der parallelen Überlieferung aus D Ersatz geboten (S. 357-413). - Brigitte Janz, Die Dresdener Bilderhandschrift des Sachsenspiegels. Anmerkungen zur Kodikologie und zur "Aussagekraft" der Textlücken (S. 233-246), begründet, warum gerade die Bilderseiten bestimmter Passagen fehlen: Sie betreffen komplizierte Verfahrensschritte und die dabei zu beobachtenden Bekundungen. Ein damit befaßter Richter mag sie an sich genommen haben. - Ferner sind folgende Beiträge zu nennen: Clausdieter Schott, Der Sachsenspiegel als mittelalterliches Rechtsbuch (S. 25-42). - Rolf Lieberwirth, Die Wirkungsgeschichte des Sachsenspiegels (S. 63-86). - Norbert H. Ott, Rechtsikonographie zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Der "Sachsenspiegel" im Kontext deutschsprachiger illustrierter Handschriften (S. 119-143). - Für jeden Mediävisten, der mit Bildquellen zu Realien des Rechts- und Alltagslebens arbeitet, wird die Synopse der illustrierten Textstellen aller vier Codices von Rolf Lieberwirth (S. 333-355) unentbehrlich sein.
  100. Bernd Ulrich Hucker


  101. Poprav_í kniha pán_ z Ro_mberka [Das Strafgerichtsbuch der Herren von Rosenberg], hg. von Adolf Kalný, T_ebo_ 1993, Státní oblastní archiv T_ebo_, 128 S. - Das berühmte Rosenberg'sche Strafgerichtsbuch gilt als einer der seltenen Zeugen einer einst sicher blühenden Gattung und enthält Eintragungen zu 1389-1409 und 1420-1429. Da das Buch auch wichtige Nachrichten besonders zu den Anfängen des Hussitismus enthält, ist es über die Rechtsgeschichte und das Alltagsleben hinaus von Bedeutung. Die Edition läßt allerdings manche Wünsche offen, vgl. die Rez. von Fr. Hoffmann, in: _asopis Matice moravské 113 (1994) S. 192-194.
  102. Ivan Hlavá_ek


    {S. 241}

  103. Luciano e Marco Paolo Verona, Il processo di condanna di Jeanne la Pucelle dal Manuscrit d'Orléans (Convergenze. Collana di studi sulla civiltà francese 9) Milano 1992, Cooperativa libraria I. U. L. M., 154 S., ISBN 88-7695-097-4, ITL 25.000. - Die Autoren versuchen eine Neubewertung der wahrscheinlich zwischen 1498 und 1515 entstandenen Hs. 518 der Stadtbibliothek Orléans, deren zweiter Teil die französische Fassung einer protokollartigen Dokumentation des Prozesses gegen Jeanne d'Arc bietet. Bereits 1849 hatte Jules Quicherat diesen Text kritisch untersucht und stark bezweifelt, daß er Lücken des berühmten "Manuscrit d'Urfé" (2. Hälfte 15. Jh.) schließt, einer teilweisen Wiedergabe der verlorenen "Minute française", des Tag für Tag geführten und sogleich redigierten Prozeßprotokolls der Notare Manchon und Boisguillaume. Der Quellenwert der Hs. Orléans 518, von Pierre Tisset für seine Edition der Prozeßakten neu geprüft und als "oeuvre d'un rédacteur peu intelligent et très médiocre latiniste" (Procès de condamnation de J. d'A. 1, Paris 1960, S. XXV) charakterisiert, ist gering; um hier eine andere Auffassung zu begründen, müßten statt der Hypothesen eines sicherlich hervorragenden Kenners der französischen Literatur des 19./20. Jh. und seines historisch interessierten Helfers Handschriftenstudien vorgelegt werden.
  104. Joachim Ehlers


    {S. 241}

  105. Roger E. Reynolds, Law and Liturgy in the Latin Church, 5th-12th Centuries (Collected Studies Series CS 457) Aldershot 1994, Variorum, XII und 318 Seiten ohne durchgehende Paginierung, ISBN 0-86078-405-3, GBP 48,50. - Insgesamt 18 Aufsätze von R., publiziert zwischen 1968 und 1990, die vielfach italienische (Beneventana-)Hss. liturgischen und kanonistischen Inhalts behandeln, werden in der bekannten Weise zum Abdruck gebracht.
  106. M. S.


    {S. 241-242}

  107. Rudolf Riedinger, Die lateinischen Übersetzungen der Epistula encyclica Papst Martins I (CPG 9403) und der Epistula synodica des Sophronios von Jerusalem (CPG 7635), Filologia mediolatina 1 (1994) S. 45-69, stellt die Übersetzungstätigkeit im Rom des 7. Jh. nach Betrachtung der übersetzten Bibelzitate und typischer Übersetzungs-Termini in ein neues Licht, wobei ihm die elektronische Datenverarbeitung ("für sich genommen noch keine wissenschaftliche Leistung", heißt es sehr zu Recht S. 67) das Material liefert.
  108. G. S.


    {S. 241-242}

  109. Paenitentialia minora Franciae et Italiae saeculi VIII-IX, cooperantibus Ludger Körntgen et Ulrike Spengler-Reffgen edidit Raymund Kottje (Corpus Christianorum. Series latina 156) Turnholti 1994, Brepols, LII u. 239 S., ISBN 2-503-01561-1, BEC 4750. - Der Band eröffnet eine Serie, in der die auf dem Kontinent bis zum frühen 11. Jh. entstandenen Bußbücher insgesamt ediert werden sollen, und enthält die als Paenitentialia minora bezeichneten relativ kurzen und unsystematischen, zudem anonym überlieferten Texte des 8./9. Jh. Es handelt sich um 13 Fassungen (darunter drei zuvor ungedruckte, vgl. zuletzt DA 48, 615ff.), von denen acht wegen starker Überschneidungen in einer Synopse auf aufklappbaren Doppelseiten einander gegenübergestellt und dann noch einmal einzeln abgedruckt werden (Paenitentialia Burgundense, Bobbiense, Parisiense simplex, Sletstatense, Oxoniense I, Floriacense, Hubertense, Sangallense simplex). Das anschließende Paenitentiale Merseburgense a präsentiert sich im Paralleldruck dreier Rezensionen, während das Merseburgense b und das Oxoniense II nach je einem Textzeugen (bzw. einigen weiteren Fragmenten und Parallelzeugnissen) wiedergegeben sind. Die Anlage der Edition beruht auf der Einschätzung der Bußbücher als Gebrauchstexte, woraus gefolgert wird, "daß jede handschriftliche Überlieferung ... als grundsätzlich gleichwertig gilt" (S. XI) und demnach auch sinnstörende Entstellungen zu dokumentieren sind. An Vorlagen, die der Index fontium übersichtlich zusammenstellt, werden im Quellenapparat vornehmlich frühe Bußbücher insularer Herkunft nachgewiesen; die inhaltliche Erschließung hat von dem Index rerum auszugehen, der ausschließlich Substantive und Adjektive verzeichnet, damit aber bereits den vielfältigen Erkenntniswert für die Rechts-, Sozial- und Alltagsgeschichte des Früh-MA zu erkennen gibt.
  110. R. S.


  111. Bruce B. Brasington, ,Non veni Corinthum': Ivo of Chartres, Lanfranc, and 2 Corinthians 1.16-17, 23, Bulletin of Medieval Canon Law N. S. 21 (1991, erschienen 1994) S. 1-9, fordert eine umfassendere Beschäftigung mit Ivos exegetischen Quellen, wodurch neues Licht auf seine Gedankenwelt, besonders sein Rechtsverständnis fallen könnte.
  112. D. J.


  113. Klaus Zechiel-Eckes, Neue Aspekte zur Geschichte Bischof Hermanns von Augsburg (1096-1133). Die Collectio Augustana, eine Rechtssammlung aus der Spätzeit des Investiturstreits, Zs. f. bayerische LG 57 (1994) S. 21-43, untersucht, vornehmlich unter quellenkritischen Gesichtspunkten, die aus drei Hss. (Clm 3909, Clm 9661, Klosterneuburg, Stiftsbibliothek 638) bekannte Rechtssammlung und identifiziert sie als das in Augsburg entstandene Manuale eines visitierenden Bischofs. Inhaltliche Gründe sprächen für eine Datierung "zwischen etwa Jahresmitte 1108 und 1122/1123, unter dem Episkopat Bischof Hermanns."
  114. A. G.


  115. Gérard Fransen, Glosa Urgellensis, Bulletin of Medieval Canon Law N. S. 21 (1991, erschienen 1994) S. 11-24, analysiert eine Glosse zum Dekret Gratians in der Hs. Seu de Urgel MS 8, die während des Pontifikats Papst Lucius III. (1181-1185) entstanden sein dürfte.
  116. D. J.


  117. Robert W. Shaffern, A new canonistic text on indulgences: De quantitate indulgenciarum of John of Dambach O. P. (1288-1372), Bulletin of Medieval Canon Law N. S. 21 (1991, erschienen 1994) S. 25-45, kommentiert den Mitte des 14. Jh. niedergeschriebenen und in sieben deutschen Hss. überlieferten Traktat, in dem in zwölf Quästionen die Ausweitung des Ablasses verteidigt wird.
  118. D. J.


  119. Jacqueline Brown, The Declaratio on John XXII's decree Execrabilis and the early history of the Rota, Bulletin of Medieval Canon Law N. F. 21 (1991, erschienen 1994) S. 47-78: Die Declaratio zu Johannes' XXII. berühmter Bulle Execrabilis vom 19. November 1317 (Extrav. Jo. XXII. 9), durch die das Benefizial- und Provisionswesen neu geordnet wurde, ist in zwei Versionen überliefert. Die kürzere wurde in den Extrav. comm. 3.2.4 gedruckt, die längere wird hier ediert und kommentiert. Der Unterschied ist nicht erheblich, lediglich der Schluß Quaestio 23-25 ist in vorliegender Edition ausführlicher. Die Entstehung der Declaratio ist fast zeitgleich mit der Promulgation der Bulle anzusetzen und vereinigt Entscheidungen des Papstes und von Kurialbeamten. Die Autorin wertet sie daher als Dokument zur Vorgeschichte der Rota, die 1331 als Institution ins Leben trat.
  120. D. J.


    {S. 243}

  121. The "chartae" of the Carthusian General Chapter - Lambeth Palace MS 413, Part 1: 1411-39 (Ff. 1-135). Edited, with an introduction and notes, by James Hogg & Michael Sargent; Part 2 1440-1460 (Ff. 136r-300r), Part 3 1461-1474 (Ff. 301v-458v), Part 4 1475-1481 (Ff. 461r-522v) edited by John Clark (Analecta Cartusiana 100, 10-12) Salzburg 1988-1992, Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Salzburg, VIII u. 225 S., VI u. 197 S., 190 S., VI u. 144 S., Bd. 1: keine ISBN, Bd. 2: ISBN 3-7052-1403-03, Bd. 3: ISBN 3-7052-0203-10, Bd. 4: 3-7052-0201-42. - Die fleißige Werkstatt der Analecta Cartusiana gibt auf über 700 Seiten eine Edition des umfangreichsten erhaltenen Sammelbandes von Beschlüssen der Generalkapitel heraus. Die Herkunft des Codex ist unsicher, doch darf angenommen werden, daß er aus der Kartause von London stammt. Der Grad der Authentizität entspricht der von den Hg. als "2. Kategorie" bezeichneten Stufe. Aufgrund eines sprachlichen Mißverständnisses werden die darunter subsumierten Texte unglückseligerweise als "originales" bezeichnet und von den "Reinschriften" oder "exemplares" unterschieden (Bd. 1, S. V). Im 4. Teilband klärt in einer beigefügten Miszelle A. I. Doyle, Comments on the paleography and diplomatic of Lambeth 413 (S. 96-99) diesen sprachlichen Irrtum auf, der auf einer Fehlinterpretation des neutralen deutschen Begriffs Exemplar beruht. Der für den Leser sehr verwirrende Einstieg der Hg. hätte bereits durch einen Blick auf die Statuten des Generalkapitels von 1330 vermieden werden können: Item quod nullus portet cartam Capituli extra Domum Carthusiae nisi prius collacionatam ad originale (Bd. 1, S. 136, Z. 4 f.). Die Informationsflut ist vielseitig und steht weiterer Interpretation offen - vor allem auch unter dem Blickwinkel, ob der Reformgeist des 15. Jh. nicht doch auch hier seine Spuren hinterlassen hat, oder ob das traditionelle Dictum der Kartäuser auch hier bestätigt wird: Cartusia numquam reformata, quia numquam deformata. In einem Anhang wird der Text mit Parallelüberlieferungen verglichen, aber leider nicht durch ein Register erschlossen.
  122. C. L.


    {S. 243-244}

  123. Jörg Schillinger, Die Statuten der Braunschweiger Kollegiatstifte St. Blasius und St. Cyriacus im späten Mittelalter (Quellen und Studien zur Geschichte des Bistums Hildesheim 1) Hannover 1994, Verlag Hahnsche Buchhandlung, 249 S., ISBN 3-7752-5521-4, DEM 48. - In dieser Göttinger Dissertation werden die Statuten der um 1030 bzw. 1070 gegründeten Stifte St. Blasius von 1442 (S. 42-87) und St. Cyriacus von 1483 (S. 88-99) auf der Grundlage der ältesten Hss. (VII B Hs 228 und VII B Hs 264 des Staatsarchivs Wolfenbüttel) ediert. Die Hss. werden präzise beschrieben, die Edition basiert auf einleuchtenden Prinzipien und ist akkurat gearbeitet. In einem dritten Teil werden die Überlieferungen der Statutenbücher bzw. Statutensammlungen für das Domstift Hildesheim, das Moritzstift, Kreuzstift, Andreasstift, das Stift Mariae Magdalenae im Schüsselkorb sowie die Goslarer Stifte St. Simon und Juda und Petersbergstift zusammengestellt und beschrieben. Nach einem Vergleich der Statutengebung (Kap. IV) folgt ein inhaltlicher auf den Feldern: 1. Dignitäten, 2. Ordnung des Stiftslebens und 3. Varia. Als eines der Hauptergebnisse dieser ebenso nüchternen wie prägnanten Untersuchung sei festgehalten, daß sich zwar klar eine "Hildesheim-Goslarsche Stiftslandschaft" abzeichnet, daß aber die eng miteinander verflochtenen Braunschweiger Stifte dieser Stiftslandschaft nicht zugeordnet werden können. Ein Verzeichnis der in den Braunschweiger Statutenbüchern genannten Personen sowie die Edition von 9 Urkunden zur Geschichte der Stifte beschließen die Arbeit, der als "Appendix" noch die Statuten des Kreuz-, Andreas- und Simon und Juda-Stifts beigegeben sind.
  124. G. Sch.


    {S. 244}

  125. La visite des églises du diocèse de Lausanne en 1453, éditée par Ansgar Wildermann en collaboration avec Véronique Pasche, 2 Bde. (Mémoires et documents publiés par la Société d'histoire de la Suisse romande, 3e série, t. 19, 20) Lausanne 1993, 179 und 658 S., 12 Karten, 22 Abb., keine ISBN, CHF 135. - Für das ma. Bistum Lausanne sind acht Pastoralvisitationen zwischen 1328 und 1523 bekannt, von zwei von ihnen sind die Visitationsprotokolle überliefert (1416/17, 1453). Nachdem 1921 das Protokoll von 1416/17 ediert worden war, liegt nun in der gleichen Reihe jenes von 1453 vor. In sechs Monaten (26. Mai - 1. Dez. 1453) nahmen im Auftrag des Lausanner Bischofs Georg von Saluzzo die Visitatoren, Weihbischof François de Fuste und Abt Henri de Albertis, über 400 Pfarr- und Filialkirchen unter die Lupe. Im Unterschied zur Visitation von 1416/17 beschränkten sie sich auf die "visitatio rerum", die Prüfung der materiellen und rechtlichen Verhältnisse, auf die sie dafür um so größere Aufmerksamkeit verwenden konnten. Das Protokoll (heute Bern, Burgerbibl., Ms. Hist. Helv. 115) stellt dank seiner Genauigkeit und nahezu flächendeckenden Vollständigkeit eine Hauptquelle für den Zustand der spätma. Kirche in der Westschweiz dar. Die lang erwartete Edition ist daher sehr zu begrüßen. Sie enthält in ihrem zweiten Band eine Transkription des umfangreichen Textes, während der erste Band neben einer Einleitung ein beschreibendes, illustriertes Glossar zu Kirchengebäuden und liturgischen Gegenständen sowie ein Register der Orts- und Personennamen umfaßt. Hingegen gibt es zu den einzelnen Kirchen, Kapellen, Altären und Personen des Protokolls keinen weiterführenden historischen Kommentar - ein bedauerlicher, angesichts der drohenden Uferlosigkeit solcher Kommentierung aber begreiflicher Verzicht des Hg. Dem Benützer wird dadurch der Zugang zur Quelle nicht erleichtert. Das Fehlen von Sachanmerkungen kann freilich als Aufforderung an die Forschung verstanden werden, sich nun um so intensiver mit der Auswertung dieses kapitalen Textes zu beschäftigen.
  126. Ernst Tremp


    {S. 244-245}

  127. Raadsverdragen van Maastricht 1367-1579, D. 1: 1367-1428, bewerkt door M. A. Van der Eerden-Vonk, m. m. v. W. J. Alberts en Th. J. Van Rensch (Rijks Geschiedkundige Publicatiën, Grote serie 218) 's-Gravenhage 1992, Instituut voor Nederlandse Geschiedenis, XXXV u. 526 S., Abb., 4 Karten, ISBN 90-5216-032-5, NLG 80. - Im Rahmen des 1969 begonnenen Projektes einer Edition der Ratsbeschlüsse von Maastricht von 1367 bis 1579 ist der erste Teil erschienen. Die Veröffentlichung ist in mehrfacher Hinsicht beachtlich: für die Stadtgeschichte der nördlichen Niederlande, wo vergleichbares Material selten ist; für die Lokalgeschichte angesichts der Tatsache, daß für Maastricht aus dem ganzen MA nur eine Stadtrechnung für das Jahr 1399-1400 überliefert ist, und für die überregionale Geschichte, da Maastricht einer zweifachen Herrschaft unterworfen war (dem Kaiser und dem Bischof von Lüttich). Dem allem trägt die hervorragende Einleitung Rechnung. Die ältesten Register enthalten neben Urteilen und Beschlüssen des Rats auch Ernennungslisten städtischer Funktionsträger. Diese Listen sind mitediert (siehe auch die Übersicht in Beilage 2), ebenso die in das älteste Register für die Jahre 1367 bis 1379 eingetragenen Urteile, Bußauflagen, Zeugenvernehmungen usw., so daß die gesamte Quelle nicht bloß ein Licht auf das politische Leben der Stadt wirft, sondern auch auf die Führungsschicht Maastrichts und die Wirtschaft (Textilindustrie, Brauwesen, Geld- und Weinhandel). Erst ab 1379 wurden die Ratsbeschlüsse getrennt registriert in 45 Bänden, die bis 1795 reichen und von denen die beiden ersten (bis 1428) den zweiten Teil der Edition ausmachen.
  128. Marc Boone


  129. Jörg Oberste, Ut domorum status certior habeatur ... Cluniazensischer Reformalltag und administratives Schriftgut im 13. und frühen 14. Jahrhundert, Archiv für Kulturgeschichte 76 (1994) S. 51-76, betont den hohen Stellenwert, den administrative Regelungen in den zwischen 1200 und 1314 wiederholt erlassenen Statuten hatten, und legt dar, daß die Verwaltung des weltlichen Klostergutes so auf völlig neue Grundlagen gestellt wurde.
  130. G. Sch.


  131. Friedhelm Burgard und Johannes Mötsch, Die Rechnung des trierischen Kellners in Mayen aus dem Jahr 1344/45, AfD 39 (1993) S. 273-317, 2 Abb., edieren und kommentieren eine drei Doppelblätter umfassende Papierhs., die nicht nur einen Einblick in die Arbeitsweise der erzbischöflichen Verwaltung bietet, sondern darüber hinaus auch eine wichtige Quelle zur städtischen Entwicklung Mayens ist. Schließlich gibt die Rechnung auch für die Reichsgeschichte etwas her, da sich mit ihrer Hilfe der Kölner Fürstentag von 1344 auf die Woche vom 1.-7. August eingrenzen läßt.
  132. A. G.


  133. Élisabeth Lalou, Un compte de l'Hôtel du roi sur tablettes de cire, 10 octobre-14 novembre [1350], BECh 152 (1994) S. 91-127, beschreibt und ediert einen interessanten Fund aus der Bibliothèque Nationale Paris (Ms. lat. 8727B): acht Wachstäfelchen mit Rechnungen für die täglichen Ausgaben des königlichen Hofes im oben genannten Zeitraum des von der Vf. erschlossenen Jahres 1350.
  134. A. G.


  135. Kurt Andermann, Die ältesten Bodmaner Güterverzeichnisse (1367), Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung 111 (1993) S. 1-16, ediert und erörtert einen Teilbrief und einen Zinsbrief - die Ergebnisse einer Erbauseinandersetzung - als besonders frühe Beispiele für die Gesamtaufzeichnung niederadligen Familienbesitzes.
  136. R. S.


    {S. 246}

  137. Willem Kuppers, Die Stadtrechnungen von Geldern 1386-1423. Einführung, Textausgabe, Register (Geldrisches Archiv 2) Geldern 1993, Verlag Johannes Keuck, 125 und 436 S., ISBN 3-928340-03-4, DEM 79. - Bei dem vorliegenden Band handelt es sich um eine niederländische Diss., deren Einleitung und Apparat ins Deutsche übertragen wurden. Die im Gelderner Stadtarchiv verwahrten Rechnungsbücher, abgefaßt im Gelderner Dialekt, werden auf gut 400 Seiten ediert und durch ein Register erschlossen. Die älteste überlieferte Rechnung stammt von 1386, wenn auch schon früher solche angefertigt worden sein müssen, die sich jedoch nicht erhalten haben. Als Endpunkt der Edition wurde das Jahr gewählt, in dem der letzte Herzog aus dem Jülicher Haus, wozu Geldern gehörte, Reinald IV., starb, obwohl die Rechnungsbücher auch danach weitergeführt wurden und erhalten sind. Der Textausgabe mit ausführlicher Erläuterung der angewandten Transkriptionsregeln ist eine Einleitung von 125 Seiten vorangestellt, die Auskunft gibt über die Entwicklung der Stadt, die für die Einnahmen- und Ausgabenführung verantwortlichen Schöffen und Räte, die Art der Einkünfte und der Ausgaben etc. Angefertigt wurden jährlich zwei identische Exemplare der Stadtrechnungen, eines wohl für das Archiv der Schöffen, das andere für die Bürgerschaft.
  138. M. S.


  139. Fritz Steinegger, Die Münz- und Wirtschaftsordnung von Herzog Sigmund dem Münzreichen für Tirol vom 7. und 8. Oktober 1453, Tiroler Heimat 58 (1994) S. 43-55, kommentiert und ediert die vom Fürsten und den Ständen ausgehandelte Ordnung, die über die im Titel genannten Betreffe hinaus auch das Fehde- und Gerichtswesen regeln will.
  140. Herwig Weigl


    {S. 246-247}

  141. Beat Meyer-Flügel, Das Bild der ostgotisch-römischen Gesellschaft bei Cassiodor. Leben und Ethik von Römern und Germanen in Italien nach dem Ende des Weströmischen Reiches (Europäische Hochschulschriften Reihe III: Geschichte, Bd. 533) Frankfurt a. M. u.a. 1992, Peter Lang, 771 S., ISBN 3-261-04593-0, DEM 134. - Der Vf. setzt sich in seiner 1991/92 angenommenen Züricher althistorischen Diss. zum Ziel, in den Variae "Angaben über das Selbstverständnis der Ostgoten" und ihre verschiedenen Lebensbereiche sowie ihre ethischen Wertvorstellungen aufzuzeigen und zu analysieren, und tut das in wahrhaft epischer Breite. Nach einem ersten Teil über Cassiodors Herkunft, Laufbahn und seine Werke werden in fünf thematischen Blöcken die Variae unter der vorgegebenen Fragestellung untersucht, wobei zuweilen ergänzend auch andere Werke herangezogen werden: das Verhältnis der Goten zu den anderen Völkern, das Leben der verschiedenen Gesellschaftsschichten (der humiles, der mittleren Schicht, der nobiles), schließlich "das Zeitverständnis in den Variae" (S. 527). Insbesondere der umfangreiche Block über die Oberschicht (S. 319-526) behandelt eine breite Palette von Themen: von Abstammung und Charakter eines nobilis bis zu Naturwissenschaft und Rhetorik, von König und Senat über die Beamten bis zu kirchlichen Ämtern und Rechtswesen, von wirtschaftlichen Produkten bis zu Landschaft und Reisen. Dies alles wird mit einer Unzahl übersetzter Variae-Stellen (lat. Text jeweils in den Anm.) belegt, aber meist zu wenig problematisiert und in Auseinandersetzung mit der Forschung diskutiert. So wird z.B. der Barbaren-Begriff untersucht (Cassiodor vermeidet es, Goten als Barbaren zu bezeichnen), aber es fehlt in diesem Abschnitt (S. 53-65) jegliche neuere Literatur (vgl. nur Lex. MA 1, 1980, Sp. 1435 f.). Am instruktivsten scheinen mir die Beobachtungen zu den ganz konkreten Lebensbedingungen im ostgotischen Italien, zur Alltagsgeschichte, problematischer dagegen die Ausführungen zu den Motiven und "ethischen Normen": Hier vertraut M.-F. m. E. oft zu unkritisch den rhetorisch aufgeputzten Wendungen Cassiodors und bietet öfters ganz selbstverständliche und - pardon - banale Sachverhalte als Ergebnis seiner Analyse. Dennoch wird man nach der Lektüre der ungeheuer fleißigen Arbeit (562 Textseiten ohne Anm.) dem Vf. uneingeschränkt zustimmen, "daß diese Quelle dank ihrer Vielfalt an Adressaten und Themen ein viel umfassenderes Bild des Alltagslebens sowie der ethischen Werte der Bewohner des Ostgotenreiches bietet, als man dies bei einer amtlichen Korrespondenz vermuten könnte" (S. 539). Die ausführliche Zusammenfassung (S. 539-562) führt noch einmal die Vielfalt der Beobachtungen vor, weckt aber auch Zweifel, ob dazu ein so umfangreiches Buch notwendig war. Ein Ärgernis am Rande: In Zeiten der Textverarbeitung sollten die Anmerkungen auch bei Offsetdruck unter dem Text stehen.
  142. Ulrich Nonn


  143. Mary Alberi, The Patristic and Anglo-Latin Origins of Alcuin's Concept of Urbanity, The Journal of Medieval Latin 3 (1993) S. 95-112, sieht im Konzept einer christianisierten Urbanitas bei Hieronymus, Aldhelm und Bonifaz das Vorbild für Alkuins Darlegungen in den Briefen 139, 143 und 170.
  144. G. S.


  145. Philippe Depreux, Büchersuche und Büchertausch im Zeitalter der karolingischen Renaissance am Beispiel des Briefwechsels des Lupus von Ferrières, Archiv für Kulturgeschichte 76 (1994) S. 267-284, schildert die Schwierigkeiten bei der Büchersuche und -beschaffung und betont den Stellenwert, den Lupus in seiner Korrespondenz der Kollation zur Sicherung eines korrekten Textes beimaß.
  146. G. Sch.


  147. Ferruccio Gastaldelli, Le tre ultime lettere dell'epistolario di san Bernardo, Analecta Cisterciensia 50 (1994) S. 251-292, ediert und kommentiert die Briefe 549-551, die sowohl in der Ausgabe von Leclercq - Rochais (1957) wie auch in der des Vf. selbst (1987) fehlen. Die beiden erstgenannten wurden erstmals von Felix Heinzer, Zwei unbekannte Briefe Bernhards von Clairvaux in einer Handschrift der Zisterzienserinnenabtei Lichtenthal, Scriptorium 41 (1987) S. 97 ff., beschrieben und ediert; sie konnten daher erst für die jüngste Gesamtausgabe von G. B. Winkler (vgl. DA 49, 290) berücksichtigt werden. Der heutige Brief 551 war bereits bekannt, wurde aber von G. früher Nikolaus, dem Sekretär Bernhards, zugeschrieben. Thematisch unterscheiden sich die drei Schriftstücke; sie zeigen aber, daß sich der Heilige auch in seinen letzten Äußerungen einigen für ihn zentralen Fragen widmete: der Klosterreform, der persönlichen Konversion und der Spiritualität der Bischöfe. Dem "Jubiläumsband" ist ein nach Verfassernamen gegliedertes Gesamtverzeichnis aller bisher in der Zs. erschienen Aufsätze beigefügt.
  148. C. L.


    {S. 248}

  149. Paolo Diacono, Storia dei Longobardi, a cura di Lidia Capo (Scrittori greci e latini) Mailand 1992, Fondazione Lorenzo Valla, Mondadori, 648 S., 36 farbige Abb., ISBN 88-04-33010-4, ITL 50.000. - Nach Art der Reihe, in der dieses Buch erschien, besteht die Leistung der Bearbeiterin in einer Einleitung (S. IX-XXXIV), in der vor allem der Verfasser und sein Werk vorgestellt werden, in der italienischen Übersetzung und in einem ausführlichen Kommentar, der sich auf den Seiten 369-612 findet. Der lateinische Text beruht im wesentlichen auf der MGH-Ausgabe von L. Bethmann und G. Waitz, die durch die Ausgabe von Crivellucci (Rom 1918) und einige Konjekturen der Hg. verbessert ist. Der Kommentar besteht aus kürzeren Erklärungen zu einzelnen Textstellen sowie zu Personen, Orten und Sachen, er enthält aber auch längere Ausführungen, in denen auf die Quellen und auf Parallelen in anderen historiographischen Berichten eingegangen wird, und wo auch die Interpretationen der Forschung referiert und gelegentlich auch diskutiert werden. Vor allem werden hier die historischen Zusammenhänge und Hintergründe der Erzählung des Paulus Diaconus erläutert. Die kommentierten Passagen sind im italienischen Text gekennzeichnet, so daß man bei der Lektüre des Textes zum Blättern aufgefordert wird. Der Indexteil besteht aus einem Register der im Text vorkommenden Namen von Personen und Orten und einem Register der im Kommentar zitierten Quellenwerke.
  150. W. H.


  151. Paolo Chiesa, Un descriptus smascherato. Sulla posizione stemmatica della ,Vulgata' di Liutprando, Filologia mediolatina 1 (1994) S. 81-110, stellt die Hs. München, Bayer. Staatsbibliothek Clm 6388 (B in der Ausgabe MGH SS rer. Germ.) an die Spitze des Stemmas und hält sie für ganz oder teilweise autograph.
  152. G. S.


    {S. 248}

  153. Ilse Haari-Oberg, Die Wirkungsgeschichte der Trierer Gründungssage vom 10. bis 15. Jahrhundert (Europäische Hochschulschriften, Reihe 3 Bd. 607) Bern u.a. 1994, Peter Lang, 204 S., 17 Abb., ISBN 3-906752-50-X, DEM 52. - Bis gegen Ende des 10. Jh. bildete sich bekanntlich in Trier die sagenhafte Vorstellung von Trebeta, dem Stiefsohn der Semiramis, der die Stadt als babylonischer Flüchtling lange vor der Entstehung Roms begründet habe. Die Vf. dieser Bonner Diss. macht es sich zur Aufgabe, der ma. Verbreitung der heute meist nach den Gesta Treverorum (um 1100) wiedergegebenen Geschichte nachzugehen, und stellt in einem Katalog 52 lateinische oder deutsche Quellen (sämtlich gedruckt) vor, die bis 1500 davon handeln. Zur Auswertung der beträchtlichen Materialsammlung gibt sie am Schluß erste Hinweise, die die vielseitige Verwendbarkeit der Sage in kirchlichen und politischen Rangstreitigkeiten, für universalhistorische Konzepte oder auch zur literarischen Konstruktion einer deutschen Urgeschichte betreffen.
  154. R. S.


  155. Wolfgang Eggert, Das "geminderte" regnum Teutonicum bei Papst Gregor VII. und Bruno von Magdeburg, Zs. für Literaturwissenschaft und Linguistik 94 (1994) S. 82-91, hält die von Bruno (cc. 118, 120, MGH Dt. MA 2 S. 111, 113) überlieferten Inskriptionen der Gregor-Briefe JL 5106, 5108 (Cowdrey, Epistolae Vagantes Nr. 25, 26) für echt und sieht in der dort getroffenen Unterscheidung zwischen einem regnum Saxonum König Rudolfs und einem dementsprechend kleineren regnum Teutonicum Heinrichs IV. eine bestärkende Anregung für die politische Konzeption des Buches vom Sachsenkrieg.
  156. R. S.


  157. Ferdinand Kramer, Geschichtsschreibung zwischen Rückbesinnung auf Hirsauer Tradition und adeligem Machtanspruch. Eine quellenkritische Studie zur Scheyerner Chronik, Zs. für bayerische LG 57 (1994) S. 351-381, untersucht den Inhalt des Chronicon Schirense und die Arbeitsweise des Autors, der vor allem Papst- und Kaiserurkunden, daneben auch Traditionsnotizen verarbeitet hat (zur Neuedition vgl. DA 48, 681), und kommt zu folgenden Ergebnissen: Das Hauptanliegen des Vf. war die Dokumentierung des Klosterbesitzes. Daneben galt sein Augenmerk der Hirsauer Reformbewegung und einer unabhängigeren Stellung des Klosters gegenüber der Stifterfamilie zur Zeit des Abtes Konrad (1206-1225). Insgesamt sei die Chronik als "eine gegenwartsbezogene und zweckgebundene Interpretation der Geschichte des Klosters" einzustufen.
  158. A. G.


  159. Marie Bláhová, Letopis milevského opata Jarlocha a jeho pramenná hodnota [Die Annalen des Mühlhäuser Abtes Gerlach und ihre quellenkundliche Aussagekraft; mit Zusammenfassung] in: _eský stát na p_elomu 12. a 13. století, Opava 1993, S. 35-48, ist eine knappe Zusammenfassung der neueren Forschungen über die Herkunft und Verläßlichkeit des wichtigen Autors und Abtes des südböhmischen Prämonstratenserstiftes aus dem frühen 13. Jh. (vgl. auch DA 50, 271).
  160. Ivan Hlavá_ek


  161. Thomas A. P. Klein, Editing the Chronicle of Gui de Bazoches, The Journal of Medieval Latin 3 (1993) S. 27-33, kündigt eine Edition unter dem Titel Apologie et Cronosgraphie libri XI an und konstruiert ein Stemma der Überlieferungszeugen.
  162. G. S.


  163. Winfried Eberhard, Klerus- und Kirchenkritik in der spätmittelalterlichen deutschen Stadtchronistik, HJb 114 (1994) S. 349-380, umreißt die spezifischen Bedingungen und Grenzen des eigentlich zeitlosen Phänomens im 13.-15. Jh. und veranschaulicht seine differenzierende Einschätzung durch eine Fülle von Belegen, die er gewiß mit Recht als Reflexe des städtischen Meinungsklimas über bischöfliche Herrschaftsansprüche, über Ablaßhandel, Interdikte und Zehntforderungen sowie über das ganze Erscheinungsbild der Papstkirche bewertet.
  164. R. S.


    {S. 249-250}

  165. Church and Chronicle in the Middle Ages. Essays presented to John Taylor. Edited by Ian Wood and G. A. Loud, London 1991, The Hambledon Press, XXVI u. 271 S., Abb., ISBN 1-852-85046-9, GBP 36. - John Taylor hat vierzig Jahre lang in Leeds die ma. Geschichte vertreten und in seiner wissenschaftlichen Arbeit das Hauptgewicht auf die (nord-)englische Historiographie und die Kirche des Spät-MA gelegt - daher der Titel des Bandes. Auf eine warmherzige Würdigung T. s aus der Feder von Barrie Dobson, John Taylor: A tribute (S. XI-XX), folgen neunzehn Beiträge, von denen sich zehn mit Chronistik sowie Predigt- und Briefliteratur befassen. Einiges sei herausgehoben. Ian Wood, Saint-Wandrille and its Hagiography (S. 1-14), durchleuchtet das Geflecht der Geschichtsschreibung von Saint-Wandrille und schreibt ihr für die ältere Zeit eine "neustrische" Orientierung zu. Erst im 9. Jh. habe die Abtei eine enge Verbindung zu den Karolingern erstrebt. - Peter Sawyer, Swein Forkbeard and the Historians (S. 27-40), wertet Sven Gabelbart als erfolgreichen und dem Christentum geneigten König, dessen Bild von den ihm feindlich gegenüberstehenden Autoren - vor allem Adam von Bremen und Thietmar - zu Unrecht verdunkelt worden sei. - G. A. Loud, Anna Komnena and her Sources for the Normans of Southern Italy (S. 41-57), fragt, aus welchen Quellen Anna Komnena ihr Bild von den Normannen Süditaliens formte. Er hält einen Zusammenhang zwischen der Alexias und den Gesta Roberti Wiscardi - trotz mancher Gemeinsamkeiten - für sehr unwahrscheinlich. Doch besaß die Autorin Zugang zu Informationen von normannischer Seite, wobei ihr auch legendenhafte Überlieferungen zukamen. - Brenda Bolton, Too Important to Neglect: The Gesta Innocentii PP III (S. 87-99), würdigt die Gesta als aussagekräftige Quelle, die bisher zu wenig beachtet worden sei. - Lesley Johnson, Robert Mannyng's History of Arthurian Literature (S. 129-147), legt dar, daß Robert Mannyng in seiner 1338 abgeschlossenen Chronik zahlreiche Quellen zur britisch-englischen Geschichte von den Anfängen her heranzog und gleichzeitig eine selbständige Konzeption vom sprachlichen, kulturellen und historischen Erbe Englands entwarf. - W. R. Childs, ,Welcome, My Brother': Edward II, John of Powderham and the Chronicles, 1318 (S. 149-163), befaßt sich spekulativ mit dem in verschiedenen Chroniken erwähnten Auftreten eines englischen "Thronbewerbers" im Jahre 1318, der behauptete, ein älterer Bruder Edwards II. oder gar dieser selbst zu sein. - Barrie Dobson, Contrasting Chronicles: Historical Writing at York and Durham at the Close of the Middle Ages (S. 201-218), wirft am Beispiel von York und Durham die Frage auf, warum die historiographische Tradition im 15. Jh. weitgehend abbrach und episodische biographische Skizzen hier der Erzbischöfe, dort der Bischöfe und Prioren an die Stelle traten - "increasingly addressed by the lesser cathedral clergy to the pilgrim and the tourist". - Eine Reihe von Beiträgen zielt mehr oder minder stringent auf den Bereich "Kirche": Antonia Gransden, The Question of the Consecration of St. Edmund's Church (S. 60-86), neigt der Auffassung zu, daß die normannische Abteikirche von Bury St Edmunds niemals geweiht wurde. - David Luscombe, John Gerson and Hierarchy (S. 193-200), zeigt auf, wie Gerson zunehmend auf die hierarchischen Ideen des Dionysius Areopagita zurückgriff. - P. D. A. Harvey, Personal Seals in Thirteenth-Century England (S. 117-127), ordnet die zahlreich erhaltenen Siegel kleinerer englischer Grundbesitzer des 13. Jh. in deren Umfeld ein. Der Band schließt mit G. C. F. Forster, The First Medievalist in Leeds: Ralph Thoresby, F. R. S., 1658-1725 (S. 251-270).
  166. Karl Schnith


    {S. 250-251}

  167. Manuscrits hagiographiques et travail des hagiographes. Etudes réunies et présentées par Martin Heinzelmann (Beihefte der Francia 24) Sigmaringen 1992, Jan Thorbecke Verlag, 165 S., Karten, ISBN 3-7995-7324-0, DEM 78. - H. leitet seit 1981 zusammen mit François Dolbeau und Joseph-Claude Poulin ein Forschungsprojekt des DHI Paris "Les sources hagiographiques narratives composées en Gaule avant l'an mil" (vgl. DA 45, 651 f.), aus dem auch der vorliegende Band hervorgegangen ist. Martin Heinzelmann, Manuscrits hagiographiques et travail des hagiographes: L'exemple de la tradition manuscrite des vies anciennes de sainte Geneviève de Paris (S. 9-16), resümiert die fünf (statt bisher vier) verschiedenen Versionen der Vita (vgl. DA 44, 603) und zeigt an diesem Beispiel die Probleme hagiographischer Untersuchungen auf; insbesondere gelte es, von der (fast) ausschließlichen Suche nach dem Urtyp wegzukommen. - Guy Philippart, Le manuscrit hagiographique latin comme gisement documentaire. Un parcours dans les »Analecta Bollandiana« de 1960 à 1989 (S. 17-48), mustert anhand von Beispielen aus 30 Jahrgängen der Zs. Methoden und Ergebnisse hagiographischer Forschung und gibt Hinweise für zukünftige Arbeiten, wobei zuweilen allzu Selbstverständliches gefordert wird (z.B. S. 30, daß auch bei Vorliegen einer Edition - in diesem Fall von 1655! - das erhaltene Autograph erneut zu konsultieren ist). Überzeugend ist seine Anregung, die handschriftliche Überlieferung nicht nur chronologisch, sondern auch stärker geographisch zu untersuchen. - Einen anschaulichen Einblick in die Werkstatt hochma. Hagiographen bietet François Dolbeau, Les hagiographes au travail: collecte et traitement des documents écrits (IXe-XIIe siècles) (S. 49-76); er analysiert die Arbeitsweise der Vitenschreiber und stellt als ihr Ziel die Verankerung der Hagiographie in der allgemeinen Geschichte heraus, wozu manchmal ausführliche chronologische Erörterungen angestellt wurden. Als Beispiel dienen zwei aus St. Maximin stammende Texte aus dem 11. Jh., die die Lebenszeit des Heiligen diskutieren; der eine bisher ungedruckte wird im Anhang ediert. - Dominique Iogna-Prat entwirft ein "Panorama de l'hagiographie abbatiale clunisienne (v. 940 - v. 1140)" (S. 77-118), in dem er die reiche Viten-Überlieferung der quattuor cluniacenses abbates darstellt. In einer anschließenden "esquisse d'une problématique" untersucht er die chronologische Entwicklung der cluniazensischen Hagiographie, die innerhalb der literarischen Tätigkeit Clunys immer mehr in den Vordergrund rückte; die Vorstellung M. Manitius' von einem relativ homogenen Block der vier Abtsviten wird relativiert und auf gravierende Unterschiede vor und nach Odilo hingewiesen. - Joseph-Claude Poulin, Sources hagiographiques de la Gaule (SHG) III: Les dossiers de saints Melaine, Conwoion et Mervé (Province de Bretagne) (S. 119-160), setzt die Reihe seiner in Francia 15 (1987) und 17-1 (1990) fort für die Heiligen Melanius, Bf. von Rennes († vor 549), Conwoion, Abt von St-Sauveur de Redon († 868), und Merveus, Eremit in Cariacus (dép. Ille-et-Vilaine; † 6. Jh.). - Register der zitierten Heiligen und der Hss. beschließen den Band.
  168. Ulrich Nonn


  169. Hubertus Lutterbach, Der locus resurrectionis - Ziel der irischen Peregrini. Zugleich ein Beitrag zur Eschatologie im frühen Mittelalter, Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte 89 (1994) S. 26-46, untersucht Sterbeszenen in irischer Hagiographie mit dem Ergebnis, daß die göttliche Offenbarung des Todesortes offenbar als Zusage eschatologischer Vollendung betrachtet wurde.
  170. R. S.


  171. Gaël Milin, De Saint-Jacques-de-Compostelle à Notre-Dame-du-Folgoët: les voies de l'acculturation, Annales de Bretagne et des Pays de l'Ouest 101 n. 3 (1994) S. 7-47, untersucht verschiedene Motive der hagiographischen Literatur vom 7. Jh. bis in die Neuzeit. Breiten Raum widmet er der in der Bretagne beliebten Geschichte vom Gehenkten, der durch einen Heiligen oder Maria vor dem Tod gerettet wird; sie findet sich u.a. bei Gregor von Tours und in der Legenda aurea.
  172. Rolf Große


    {S. 252}

  173. Petra Kehl, Kult und Nachleben des heiligen Bonifatius im Mittelalter (754-1200) (Quellen und Abhandlungen zur Geschichte der Abtei und der Diözese Fulda 26) Fulda 1993, Verlag Parzeller, 264 S., ISBN 3-7900-0226-7, DEM 30. - Bereits 1954 hatte Th. Schieffer in seiner grundlegenden Monographie über Bonifatius darauf hingewiesen, daß die Geschichte seines Kultes noch geschrieben werden müsse. Die vorliegende Marburger Diss. tut dies in umfassender Weise und ist zudem gut lesbar. K. zeichnet in einem ersten Teil zunächst den Weg der Überführung des Märtyrers nach, von Dokkum über Utrecht und Mainz bis nach Fulda und schildert die dortige Verehrung (bis zur Translation der Reliquien 819). Danach sichtet sie die Zeugnisse im angelsächsischen Bereich (vor allem bei Alkuin), in Mainz, Dokkum und Utrecht sowie die Ausbreitung des Kultes. In einem zweiten Teil (819-1200) verfolgt sie dies für die genannten Orte weiter und gelangt zu interessanten Ergebnissen: In Mainz konnte wegen fehlender Reliquien trotz der Bemühungen von Lull, Hrabanus Maurus u.a. die Verehrung nicht dauerhaft gefördert werden, und in England schwand sie nach der normannischen Eroberung 1066 völlig; in Dokkum und Utrecht dagegen wurde sie langfristig gepflegt, den größten Einfluß aber hatte verständlicherweise Fulda, auch durch seinen engen Kontakt mit anderen Klöstern. Es ist im Rahmen dieser Besprechung leider nicht möglich, auf weitere Detailergebnisse einzugehen, hingewiesen sei aber noch auf den Anhang mit bislang unedierten Texten zu Bonifatius (Gebetstexten, einer Kurzvita und Texten aus dem Lectionarium Ellwangense). Mehrere Register runden diesen höchst informativen Band ab, der eine Lücke schließt.
  174. M. S.


  175. Christian Wilsdorf, Remarques sur la première Vie connue de saint Adelphe de Metz et le pélerinage de Neuwiller-lès-Saverne (IXe-XIIe siècles), Revue d'Alsace 119 (1993) S. 31-41, stellt die beiden Viten des hl. Adelphus (BHL 75v, 76) vor. Er wertet ihre Nachrichten zu Translation und Verehrung des Heiligen in Neuweiler im Unterelsaß aus und grenzt den Zeitraum ihrer Abfassung ein.
  176. Rolf Große


  177. Mary Clayton, Centralism and uniformity versus localism and diversity: the Virgin and native saints in English monastic reform, Peritia 8 (1994) S. 95-106, kontrastiert die vom englischen Königshaus und den Reformbewegungen des 10. und 11. Jh. geförderte Marienverehrung mit der Verehrung lokaler Heiliger, die eine zentrifugale kirchliche und politische Strömung widerspiegle.
  178. G. S.


  179. Annegret Wenz-Haubfleisch, Die älteste Überlieferung der Mirakel des hl. Vitalis im Cod. 339 der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien, Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 134 (1994) S. 167-172, weist auf den (Wieder-)Fund des von Wattenbach übergangenen und bisher nur aus später Überlieferung bekannten Wunderberichts des frühma. Salzburger Heiligen in einer Hs. des 12./13. Jh. hin.
  180. Herwig Weigl


    {S. 253}

  181. Vies et légendes de saint Bernard de Clairvaux. Création, diffusion, réception (XIIe-XXe Siècles). Actes des Rencontres de Dijon, 7-8 juin 1991. Publiés par Patrick Arabeyre, Jacques Berlioz et Philippe Poirrier (Commentarii cistercienses, Textes et Documents, vol. 5) Cîteaux 1993, Abbaye de Cîteaux, XII und 436 S., ISBN 90-800413-6-X, BEC 1240. - Der heterogene Tagungsband, auf dessen Erscheinen hier hingewiesen sei, enthält neben fünf neuzeitlichen Untersuchungen 16 ma. Beiträge zu folgenden Themenkreisen: "Les Vitae et les Miracula - Une légende noire - Saint Bernard dans l'historiographie médiévale". Die letztgenannte Sektion wird gebildet von Monique Paulmier-Foucart, Bernard de Clairvaux dans trois chroniques universelles françaises du XIIIe siècle (S. 263-281), die das unterschiedliche Bild des Heiligen in den Weltchroniken des Prämonstratensers Robert von Auxerre, des Zisterziensers Hélinand von Froidmont und des Dominikaners Vincenz von Beauvais beschreibt, sowie von Marc du Pouget, La place de saint Bernard de Clairvaux dans l'historiographie de l'Abbaye de Saint-Denis à la fin du Moyen Âge (S. 282-288), der mit der wachsenden zeitlichen Distanz zum persönlichen Wirken Bernhards ein steigendes Interesse der dortigen Historiographen an seiner Person einhergehen sieht. Neben einem Namen- und Ortsverzeichnis sind die Zusammenfassungen in französischer, englischer und deutscher Sprache besonders zu begrüßen.
  182. C. L.


    {S. 253}

  183. Francesco d'Assisi attraverso l'immagine [Roma, Museo Francescano, Cod. Inv. Nr. 1266]. Ed. a cura di Servus Gieben/Vincenzo Criscuolo/Jürgen Werinhard Einhorn (Iconografia francescana 7) Roma 1992, Istituto storico dei Cappuccini, 48 u. 9 S., 107 Blätter Abb., ohne ISBN. - Der Codex mit der Legenda Maior des Bonaventura wurde am 30. März 1457 vollendet und enthält auf 107 Pergamentblättern 183 gerahmte Miniaturen und zwei historisierte Initialen; unter den Abschriften des Textes vor 1500 ist dies der umfangreichste. Das Buch bietet ein farbiges Vollfaksimile der Pergamentseiten, eine vierzehnseitige Einführung in deutscher Sprache mit Übersetzungen ins Italienische und Englische, sowie eine Transkription des Abbildungsverzeichnisses (tabula super istorias) auf fol. 1r-5v (»elenchus imaginum«). Die Einführung besteht aus einer knappen Präsentation des Codex, einer ausführlicheren Beschreibung der Miniaturen und einem kurzen Exkurs über das Betrachten der Bilder. Die Wiedergabe der Bildseiten (Maßstab 1:1) ist mitunter leicht verschwommen, wirkt sonst aber gut getroffen.
  184. Christine Jakobi-Mirwald


    {S. 253-254}

  185. Iris Geyer, Maria von Oignies. Eine hochmittelalterliche Mystikerin zwischen Ketzerei und Rechtgläubigkeit (Europäische Hochschulschriften, Reihe 23 Theologie, Bd. 454) Frankfurt a. Main u.a. 1992, Peter Lang, 252 S., ISBN 3-631-44704-4, DEM 74. - Diese Heidelberger theologische Diss. - auf der Höhe sowohl der Beginen- wie auch der Katharerforschung - arbeitet deutlicher als vorhergehende Versuche zum Thema den Charakter der von Jakob von Vitry verfaßten und von Fulko von Toulouse inspirierten Vita der hl. Maria heraus: Als anti-katharische Propaganda-Schrift sollte vor allem den Frauen der Lütticher Gegend und noch mehr denen Südfrankreichs vor Augen gestellt werden, wie radikale weibliche Askese innerhalb der Orthodoxie in der Lebensform einer perfecta, d.h. als Begine, möglich sei. Schlüsselkapitel des Buches sind jene, die von Gemeinsamkeiten Marias mit den Katharern (Armut, Arbeit, Keuschheit, Gehorsam), aber auch der Abgrenzung Marias ihnen gegenüber handeln (Kap. 5-8), und auch die Schlußbetrachtung "Beginische Frömmigkeit als Gratwanderung zwischen Häresie und Orthodoxie" ist beachtenswert.
  186. Malcolm Lambert


    {S. 254}

  187. Barbara Fleith, Studien zur Überlieferungsgeschichte der lateinischen Legenda Aurea (Subsidia Hagiographica 72) Bruxelles 1991, Société des Bollandistes, L u. 529 S., ISBN 2-87365-001-X, BEC 4000. - Die Vf. postuliert eine wirkungsgeschichtliche Texterstellung als für die Legenda Aurea angemessen und erstellt als Vorarbeit dazu eine Liste der über 900 im Legendenbestand recht unterschiedlichen Hss., wobei sie mittels Gemeinsamkeiten in Reihenfolge und Bestand Hss.-Gruppen ausmachen kann. Für die weitere Forschung am Text der Legenda Aurea wird diese Materialsammlung unverzichtbar sein, doch bietet sie darüber hinaus auch Erkenntnisse über die Benutzung von Hss.-Gruppen zu unterschiedlichen Zwecken (Predigtvorbereitung, Unterricht) und über die Verbindungen der Dominikanerkonvente miteinander und mit anderen Orden sowie über das dominikanische Schulsystem.
  188. G. S.


  189. Giovanni Paolo Maggioni, L'uso delle fonti in sede di recensio nella filologia mediolatina. Riflessioni su di un'esperienza, Filologia mediolatina 1 (1994) S. 37-44, möchte bei der Geschichte von den Siebenschläfern in der Legenda Aurea auf Grund von elf im einzelnen eher unerheblichen Übereinstimmungen Überlieferungszusammenhänge wahrscheinlich machen.
  190. G. S.


    {S. 254}

  191. Anglo-Saxon Litanies of the saints. Edited by Michael Lapidge (Henry Bradshaw Society 106) London 1991, The Boydell Press, XI u. 328 S., ISBN 1-870252-01-2, GBP 25. - Der erste Band mit angelsächsischen Heiligen-Litaneien - ein zweiter soll die Zeit nach der normannischen Eroberung zum Gegenstand haben - führt kenntnisreich ein in die im allgemeinen etwas stiefmütterlich behandelte Gattung. Eine Schlüsselrolle wird dabei der Hs. Galba A. XVIII (2. Hälfte 9. Jh.) zugewiesen: "arguable the earliest surviving litany of the saints known to the Western Church, and from which all later litanies derive their origin" (S. 71), und Royal 2. A. XX. Deutlich, wenngleich nur erschlossen, wird vor allem die eminente Vermittlerrolle des Erzbischofs von Canterbury Theodor aus Tarsus für die ursprünglich im Osten entwickelten Heiligen-Litaneien, die sich ab dem endenden 7. Jh. zunächst auf den britischen Inseln und von da aus auf dem Kontinent verbreitet hätten: "All the early evidence for the use of litanies points to England" (S. 25). Auswirkungen auf die laudes regiae, die in England erst nach der normannischen Eroberung festzustellen sind, sowie auf die lateinische Poesie vervollständigen den gattungsgeschichtlichen Abriß. Die eigentliche Edition der 60 Litaneien aus 46 Hss. gibt ohne weiteren Kommentar die Texte wieder (in den formelhaften Bitten standardisiert). Ihren Überlieferungskontext (meist Kirchweihordines, Psalterien, Krankenvisitation) erfährt man aus den Hss.-Beschreibungen. Damit ist der seit einiger Zeit zu beobachtende Aufschwung der Reihe würdig fortgesetzt.
  192. H. S.


  193. Richard A. Jackson, Who wrote Hincmar's Ordines?, Viator 25 (1994) S. 31-52, untersucht und ediert im Vorgriff auf eine angekündigte Monographie zum Thema Ordines coronationis Franciae die Krönungsordines für die Königin Irmintrud von 866 (MGH Capit. 2 S. 451 ff.; Schrörs Reg. Nr.-) und für Karl den Kahlen von 869 (MGH Capit. 2 S. 338 ff.; Schrörs Reg. Nr. 241), die Sirmond nach einer verschollenen Hs. aus Lüttich gedruckt und mit Recht, wie J. darlegt, Hinkmar von Reims zugeschrieben hatte. Als Hauptquelle des Erzbischofs macht J. das Sacramentarium Gelasianum namhaft.
  194. M. S.


    {S. 255}

  195. The Durham Collectar. Edited by Alicia Corrêa (Henry Bradshaw Society 107) London 1992, The Boydell Press, XII u. 302 S., 2 Tafeln, ISBN 1-870252-03-9, GBP 25. - Der erfreuliche Aufschwung der Henry Bradshaw Society beschert den Liturgiewissenschaftlern mit der vorliegenden Edition die sorgfältige Erschließung des ersten angelsächsischen Zeugen eines Kollektars, also der Sammlung der die Stundengebete abschließenden Gebete samt den kurzen biblischen Lesungen (Capitula). Die Hg. unternimmt erfolgreich die schwierige Einordnung dieses um 900 von einem Angelsachsen geschriebenen Buches in die anderen, vor allem kontinentalen Vertreter der Gattung und macht glaubhaft, daß der ursprüngliche Bestand - spätere Zusätze in Chester-le-Street sowie Benediktionen, Ordalien u.ä. ausgeschlossen - auf die Erzdiözese Reims weist, aber auch in enger Ahnenreihe zum "Gebetbuch" Ælfwines (siehe die folgende Anzeige) steht. Da der Text schon ediert (U. Lindelöf, in: Surtees Society 140, London 1927) und sogar faksimiliert greifbar ist (T. J. Brown u. a., The Durham Ritual, in: Early English Manuscripts in Facsimile 16, 1969), hat sich C. zu Recht dazu entschlossen, eine "emended version", das soll heißen: keine diplomatische Edition, herzustellen. So liegt die Stärke dieses Buches zweifellos in der ausführlichen Einleitung, welche die eigentliche Textedition an Umfang übertrifft.
  196. H. S.


    {S. 255}

  197. Aelfwine's Prayerbook (London, British Library, Cotton Titus D. XXVI + XXVII). Edited by Beate Günzel (Henry Bradshaw Society 108) London 1993, The Boydell Press, XI u. 227 S., 3 Tafeln, ISBN 1-870252-04-7, GBP 25. - Die Münchener Diss. von 1988 erschließt vorbildlich das Gebetbuch des Mönchs, Dekans und späteren Abts vom New Minster in Winchester aus der ersten Hälfte des 11. Jh. (geschrieben von einem Mönch Ælsinus. Der Inhalt der ursprünglich zusammengebundenen Hss. erschöpft sich beleibe nicht in Gebeten, sondern bietet gattungsüblich zusätzlich Kalender und Nekrolog, Komputistik, Offizien zur Trinität, dem Hl. Kreuz und Maria, ein Kollektar. Außerdem sind darin auch ,weltliche' Texte (u.a. das Somnium Danielis), teils auch altenglische, gesammelt. Die minutiöse Einleitung nicht nur in die Kodikologie und Paläographie der Hs., sondern auch in den Inhalt, bietet u.a. sogar eine Übersetzung von Ælfrics De temporibus anni - ein Text, der dann allerdings nicht ediert wird. Keinen vollwertigen Ersatz für Sachanmerkungen stellen die kurzen "Notes to the text" (S. 198-202) dar: So wird man darüber z.B. nicht zur Auflösung des Kryptogramms (Edition Nr. 14) auf S. 70 der Einleitung geführt und manch wertvolle Hinweise werden so dem punktuellen Benutzer entgehen. Verdienstlich wiederum sind die Appendices: "Anglo-Saxon Manuscripts Containing Computistical Material", "Manuscripts containing Private Prayers" und Vergleichstabellen zum anderweitigen Vorkommen der Formeln.
  198. H. S.


  199. Patrizia Carmassi, Ein wiedergefundenes mittelalterliches Lektionar der ambrosianischen Kirche. Milano, Biblioteca Nazionale Braidense, Fondo Castiglioni, ms. 16 (= CLLA Nr. 548), Archiv für Liturgiewissenschaft 35/36 (1993/94) S. 358-365, beschreibt die verloren geglaubte Hs. aus der ersten Hälfte des 12. Jh. (Inhalt: die nicht-evangelischen Lesungen des Mailänder Gottesdienstes) und verfolgt ihr Schicksal im 20. Jh.
  200. H. S.


    {S. 256}

  201. Missale Ragusinum. The Missal of Dubrovnik (Oxford, Bodleian Library, Canon. Liturg. 342). Ed. with an introductory study by Richard Francis Gyug (Studies and texts 103 = Monumenta Liturgica Beneventana 1) Toronto 1990, Pontifical Institute of Mediaeval Studies, XXX u. 434 S., ISBN 0-88844-103-7, USD 59,95. - Als Auftakt einer neuen Reihe erfährt dieses dalmatinische Meßbuch (2. Hälfte 13. Jh.) erstmals (auch musikologisch) eine ausführliche liturgiegeschichtliche Würdigung und Edition. Die detailierte Einführung macht deutlich, wie sehr sich alt-beneventanische, römische, römisch-fränkische und lokale Liturgie zu einem eigenen Amalgamat mischten, was auch im Apparat der Parallelen deutlich wird (wenn man sich an die etwas ungewöhnlichen Siglen gewöhnt hat). Register der musikalischen Stücke, der Gebete und Benediktionen sowie der Lesungstexte gewähren schnelle Orientierung in diesem sorgfältig gearbeiteten Band.
  202. H. S.


    {S. 256-257}

  203. Der Landgrafenpsalter. Vollständige Faksimile-Ausgabe im Original-Format der Handschrift HB II 24 der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart (Codices selecti 93), und Kommentarband, hg. von Felix Heinzer (Codices selecti 93*) Graz u. Bielefeld 1992, Akademische Druck- und Verlagsanstalt bzw. Verlag für Regionalgeschichte, Faksimile: 384 S., Kommentar: X u. 224 S., 14 Abb., ISBN 3-927085-95-2, DEM 5560. - Der Landgrafenpsalter, zwischen 1210 und 1213 angefertigt, wäre besser als Landgräfinnenpsalter zu bezeichnen, da er wohl für die Landgräfin Sophia (geb. von Wittelsbach) angefertigt worden ist - wenn auch auf Wunsch ihres Mannes, des Landgrafen Hermann I. von Thüringen. Gerade hatte dieser sich an der Königswahl Friedrichs II. beteiligt und steuerte eine Verbindung mit dem Hause Andechs-Meranien an, die dann auch 1211 durch die Verlobung seines Sohnes Ludwig mit Elisabeth von Ungarn, der Tochter Gertruds von Andechs, abgesichert wurde. Diese ist außer dem Landgrafenpaar dann auch nebst ihrem Mann, König Andreas II., abgebildet. Wir sehen weiter das böhmische Königspaar, wie die beiden anderen Paare durch Inschriften ausgewiesen. Gleich auf der Seite nach Sophia und Hermann (Bl. 175r) folgen zwei Bischöfe ohne Namen. - Renate Kroos, Der Landgrafenpsalter - kunsthistorisch betrachtet (S. 63-140), hält sie für Ekbert, Bischof von Bamberg, und Bertold, Elekt von Kalocsa, die Brüder Gertruds. - Felix Heinzer, Äußeres, Inhalt und Geschichte der Handschrift (S. 1-29), schlägt Siegfried von Mainz und Albrecht von Magdeburg vor (S. 8 f.). Tatsächlich gehörten die Erzbischöfe neben dem Böhmen, dem Landgrafen und den Andechs-Meraniern 1211 zu den Wählern Friedrichs II., so daß Heinzers Deutung der Vorzug zu geben ist. Das Personalprogramm des Psalters zeigt mithin die Häupter der Opposition gegen Kaiser Otto IV. im Gebet vereint, und dazu paßt, daß sich die Fürbitte in der sonst Kaiser und Papst vorbehaltenen Formel ut famulum tuum ... in tua misericordia confidentem confortare et regere digneris für Hermann zuspitzt (Heinzer S. 14). Die Hs., die vermutlich in Hildesheim entstand und bis zur Reformation von den thüringisch-hessischen Landgrafen verwahrt wurde, ist dem sog. Elisabethpsalter an die Seite zu stellen, der ebenfalls für Sophia angefertigt wurde und an die hl. Elisabeth gelangte, die ihn 1229 dem Domkapitel in Cividale schenkte. Man hat deshalb angenommen, daß auch unser Psalter vorübergehend in deren Besitz war. - Der Kommentar enthält ferner die Studien von Herrad Spilling, Der Landgrafenpsalter in paläographischer Sicht (S. 31-52) und Klaus Schreiner, Psalmen in Liturgie, Alltag und Frömmigkeit des Mittelalters (S. 141-183). - Fred Schwind schließlich untersucht Thüringen und Hessen um 1200 (S. 185-215) und Vera Trost Die Technik der Goldmalerei (S. 53-62).
  204. Bernd Ulrich Hucker


  205. John C. Moore, The Sermons of Pope Innocent III, Römische Historische Mitteilungen 36 (1994) S. 81-142, charakterisiert nach einem Überblick über die Überlieferung der erhaltenen, wohl aus der Frühzeit des Pontifikats stammenden Predigten, Methode, Stil, Inhalt und Adressaten, gibt in Anhang I eine Konkordanz zwischen Schneyers "Repertorium", dem Druck von Migne, PL 217, und der handschriftlichen Überlieferung in Vat. lat. 700 und 10902 sowie Ottob. lat. 132 und ediert in Anhang II mit englischer Übersetzung aus Vat. lat. 700 den Sermo 27 (Schneyer Nr. 82, PL -): In Resurrectione domini.
  206. M. P.


    {S. 257-258}

  207. David L. D'Avray, Death and the Prince. Memorial Preaching before 1350, Oxford 1994, Clarendon Press, 315 S., ISBN 0-19-820396-9, GBP 40. - Mit guter Kenntnis und kritischer Würdigung sowohl der französischen als auch der deutschen Forschung enthält das Buch einleitend einen Überblick zu Leichenreden und Gedenkpredigten auf Herrscher und Fürsten seit der Spätantike. Da das Repertorium der lateinischen Sermones von J. B. Schneyer (vgl. DA 26, 267 f.) bis 1350 reicht, wird dann vornehmlich die Zeit von der Mitte des 13. bis zur Mitte des 14. Jh. behandelt, Predigten von Jacques de Vitry, Guibert de Tournai, Eudes de Chateauroux, Remigio de'Girolami, Giovanni da San Gimignano, Nicoluccio di Ascoli, Jacopo da Viterbo, Federico Franconi da Napoli, Giovanni da Napoli, Bertrand de la Tour, Johann von Aragón († 1334), um die wichtigsten Autoren zu nennen. Soweit es sich nicht um abstrakte Mustertexte handelt, waren u.a. Eduard I. von England († 1307), Philipp IV. von Frankreich († 1314), seine Söhne Ludwig X. († 1316) und Philipp V. († 1322), dann Karl II. von Anjou († 1309), seine Söhne Prinz Raymond Berengar († 1305), Herzog Johann von Durazzo († 1335) und Herzog Philipp von Tarent († 1332), sein Enkel Herzog Karl von Kalabrien († 1328) sowie bei Johann von Aragón sein Vater Jakob II. († 1327) und sein Bruder Alfons IV. († 1336), ferner Innozenz IV. († 1254) und der Bischof von Winchester John Gervais († 1268) Gegenstand der Predigten. Aus vielfach ungedruckten Texten erhält man Einblicke, wie konkrete Ereignisse dargestellt und kommentiert wurden, sowohl an der römischen Kurie als auch an den Königshöfen in Paris und Neapel, obwohl solche Fragen den Vf. eher am Rand interessieren. In erster Linie möchte er zeigen, welche Idealvorstellungen (die Kardinaltugenden, Reichtum, Schönheit, edle Abkunft, Ruhm) und Theorien (Aristoteles, Thomas von Aquin) sich in den Texten erkennen lassen. Ausführlich beleuchtet wird dabei die Vorbildrolle biblischer Herrscher. Wie in späterer Humanistenrhetorik, so lautet überzeugend die Hauptthese, hätten in der untersuchten Zeit ebenfalls diesseitsbezogene Tugenden, nicht weltabgewandte Frömmigkeit vorgeherrscht. Himmel, Hölle und Fegefeuer würden angeführt, um die Lebenden zur Fürbitte für die Verstorbenen und zu Stiftungen anzuregen, gerade auch dann, wenn der Tote zuvor als Muster von Tugend gelobt wurde. Spätestens seit Thomas von Aquin seien weltliche und geistliche Ziele der Menschen einschließlich der Herrscher miteinander versöhnt. "Since ,secularization' and ,orientation towards death' are both commonplaces of historical writing about the second half of the Middle Ages, it is a pity that the harmony between the trends has not been better appreciated" (S. 204). Bei solchem Ansatz bleibt die Sündenangst der Menschen unerklärlich, nicht zuletzt der Herrscher, die auf dem Totenbett Entscheidungen widerriefen und Unrecht wiedergutzumachen versuchten. Der Mangel resultiert vielleicht aus der Quellengattung der Predigten, die allein dem Buch zugrunde liegen. Immerhin ist es ein großes Verdienst, die wenig benutzten Predigten detailliert auszuwerten. Wer sich mit Politik und Frömmigkeit im Spät-MA beschäftigt, wird das Buch mit Gewinn heranziehen. Lesenswert ist der Exkurs über neuere Forschung (S. 177-184) zum Thema Tod und Sterben im MA. Ediert werden zehn Predigten (S. 228-278): ein Anonymus (Berlin, Staatsbibliothek, Theol. lat. qu. 298); vier von Bertrand de la Tour (Sevilla, Biblioteca Capitolar Colombina 82-4-1, Kremsmünster 44 und weitere Hss.); fünf anonyme Predigten (Roma, Angelica 158), eine Predigt im Auszug, die nach Meinung des Vf. möglicherweise von Bertrand de la Tour stammt (Troyes 2001 und andere Hss.).
  208. K. B.


    {S. 258}

  209. Rogerii de Platea, O. Min., Sermones, Vol. 1, edidit Cataldo Roccaro (Franciscana 5) Palermo 1992, Officina di Studi Medievali, 222 S., 6 Taf., ohne ISBN, ITL 50.000. - Die hier erstmals veröffentlichten Predigten des Sizilianers Ruggero da Piazza († 1383) sind allein in der Hs. Assisi, Biblioteca del Sacro Convento 492 überliefert und enthalten u.a. (Sermo VII) die detaillierte Schilderung einer schwarzen Messe mit unverkennbarer Freude am obszönen Detail, ein kulturgeschichtlich bemerkenswertes Lob des Fachmannes und wirksamer Heilmittel (als Parallele zum Nutzen der Sakramente) in Form einer scholastischen Quaestio. Die beigegebenen Abbildungen vermitteln einen Eindruck von den Mühen, die die Entzifferung der Texte bereitet haben mag (S. 62 Z. 36, 37, 41 würde man eher premittet statt promittet lesen).
  210. G. S.


    {S. 258}

  211. L'obituaire des prêtres filleuls de Liginiac, publ. par Jean-Loup Lemaitre (Mémoires et documents sur le Bas-Limousin publiés par le Musée du pays d'Ussel) Ussel 1994, Musée du pays d'Ussel, VIII u. 184 S., 16 Tafeln, ISBN 2-903920-20-6, FRF 150. - Veröffentlicht wird das in Paris (Bibl. Nat., Nouv. acq. lat. 3015) erhaltene, 1562 angelegte Totenbuch einer dörflichen Pfarrei des Limousin, dessen 465 Einträge der Memorialpraxis einer eigens gebildeten Klerikergemeinschaft ("in Patenschaft" des Ortes) dienten und manche namenkundliche und sozialgeschichtliche Aufschlüsse bieten. Hervorzuheben ist eine in der Einleitung S. 15 ff. gegebene Übersicht weiterer Bücher dieses Typs aus dem 13.-17. Jh.
  212. R. S.


  213. Anders Ekenberg, Germanus oder Pseudo-Germanus? Pseudoproblem um eine Verfasserschaft, Archiv für Liturgiewissenschaft 35/36 (1993/94) S. 135-139, differenziert die Verfasserfrage der sogenannten altgallikanischen Liturgieerklärung (Hs. Autun, Bibl. mun., ms. 184, 9. Jh. Anfang). Der uns unbekannte Verfasser habe darin den Bischof Germanus von Paris (555-576) wohl noch zu dessen Lebzeiten als Autorität zitiert.
  214. H. S.


    {S. 259}

  215. Philippe Buc, L'ambiguïté du Livre. Prince, Pouvoir, et Peuple dans les commentaires de la Bible au Moyen Age (Théologie Historique 95) Paris 1994, Beauchesne Éditeur, XVI u. 427 S., ISBN 2-7010-1298-8, FRF 270. - Die Studie beschäftigt sich, das Versprechen des Titels nicht voll einlösend, mit den Glossenwerken und Kommentaren zur Bibel, die zwischen 1100 und 1350 in Nordfrankreich, d.h. überwiegend in Paris, entstanden. Sie befragt die am Anfang des 12. Jh. von Anselm von Laon und seinem Kreis angelegten, später in Paris erweiterten und um 1200 schließlich zur Glossa ordinaria angewachsenen Glossensammlungen wie die vielfach darauf basierenden Bibelkommentare etwa des Petrus Comestor, Petrus Cantor, Radulfus Niger, Stephen Langton, Hugo von St. Cher, Johannes von La Rochelle, Petrus von Tarantaise, Nikolaus von Gorran oder Nikolaus von Lyra, meist noch ungedruckte Texte also; vereinzelt und etwas willkürlich zieht sie daneben andere Quellengattungen heran, so den Policraticus des Johann von Salisbury oder den Fürstenspiegel des Girald von Wales, Hugos von St. Viktor Schrift De sacramentis und sogar den Sachsenspiegel. Anhand der in diesem umfangreichen Material gebotenen Auslegungen einschlägiger Bibelstellen wie Gen. 1,24-30, 2,22 oder 3,16, 1. Reg. 8, Matth. 22,17-22, Rom. 13,1-7 oder 1. Cor. 15,24 zeichnet Buc ein farbiges, nuancenreiches Bild der von der Bibelexegese jener Epoche vertretenen Thesen über den Ursprung der Herrschaft unter den Menschen und ihre schließliche Aufhebung am Ende der Zeiten, über das Gewicht von sapientia und violentia für die Machthaber, über die Möglichkeiten und Grenzen der - insbesondere finanziellen - Belastung der Untertanen (auch der Geistlichkeit) durch die Könige, über Formen der Beteiligung des Volkes an der Herrschereinsetzung und sein Recht auf Widerstand gegen ungerechtes Regiment. Dabei sieht der Vf. hinter der Vielfalt der Einzelantworten in seinen Quellen nicht nur eine theokratische und eine monarchistische, sondern daneben auch eine "egalitäre", auf die ursprüngliche Gleichheit aller Menschen abhebende Grundströmung wirksam, als deren wichtigster Zeuge ihm Petrus Cantor gilt; sie mußte das Feld freilich seit dem 13. Jh. mehr und mehr den Verteidigern einer hierarchischen Gesellschaftsordnung räumen. Das Verdient der Arbeit Bucs liegt gewiß darin, sehr eindrücklich auf bislang immer wieder vernachlässigte und noch kaum edierte Texte hingewiesen, den Wert der Bibelkommentare gerade für die Geschichte des politischen Denkens grundsätzlich überzeugend vor Augen geführt zu haben. Freilich bleibt noch weiter zu überprüfen, wie weit der Einfluß dieser Kommentare tatsächlich reichte, auf welche Weise sie jeweils wirksam wurden und in welchem Verhältnis sie zu verwandten literarischen Gattungen standen. Jedenfalls ist mancher hier hervorgehobene Zug von dort bereits wohl bekannt, so generell die Tatsache, daß von einer geschlossenen, die ma. Gesellschaft beherrschenden Ideologie "der" Kirche schwerlich die Rede sein kann.
  216. Wolfgang Stürner


    {S. 260}

  217. Bernard de Clairvaux, A la louange de la Vierge Mère. Introduction, traduction, notes et index par Marie-Imelda Huille - Joël Regnard (Sources Chrétiennes 390) Paris 1993, Les Éditions du Cerf, 261 S., ISBN 2-204-04784-8, FRF 178. - Auf das Krankenlager geworfen, verfaßte der junge Abt Bernhard zwischen 1120 und 1125 im Alter von 30-35 Jahren vier mystische Predigten zum Lobe der Gottesmutter. In Maria erkennt er die Tugenden des Mönchtums, allen voran die Jungfräulichkeit. Die Ausgabe des in 3 bzw. 4 Rezensionen überlieferten und in 78 "frühen" Hss. des 12. und 13. Jh. erhaltenen Sammelwerkes folgt der Edition von Leclercq - Rochais - Talbot, Sancti Bernardi Opera 4 (1966) S. 1-58 und verzichtet auf den dort erstellten kritischen Apparat. Dafür wird hier ein sachkundiger Kommentar nachgereicht, der in der kritischen Ausgabe fehlt. Mit dieser Schrift wird der zweite Band des zweisprachigen Großprojekts einer erneuten Gesamtausgabe der Werke des Doctor mellifluus (vgl. DA 49, 290 und 50, 330 f.) publiziert.
  218. C. L.


  219. Johannes R. Bauer, Bibelzitate und Agrapha im mittellateinischen Schrifttum am Beispiel Bernhards von Clairvaux, Mittellateinisches Jahrbuch 27 (1992) S. 53-63, verweist nach genauerer Quellenuntersuchung auf bisher übersehene Einflüsse, u.a. des Origenes.
  220. G. S.


  221. Jan M. Ziolkowski, The Humour of Logic and the Logic of Humour in the Twelfth-Century Renaissance, The Journal of Medieval Latin 3 (1993) S. 1-26, sieht ersteres in Trugschlüssen wie omnis homo est animal, asinus est animal, ergo ..., und hebt einschlägige Stellen im Geta des Vitalis von Blois und im Speculum Stultorum des Nigellus von Longchamps hervor.
  222. G. S.


    {S. 260}

  223. Inghetto Contardo, Disputatio contra Iudeos. Controverse avec les juifs. Introduction, édition critique et traduction par Gilbert Dahan (Auteurs latins du moyen âge) Paris 1993, Les Belles Lettres, 321 S., ISBN 2-251-33634-6, FRF 230. - In einer bereits 1983 abgeschlossenen Ausgabe (S.83) wird hier mit wertvoller inhaltlicher Einführung und französischer Übersetzung die Aufzeichnung der Disputation eines Genueser Kaufmanns mit einer Gruppe von Juden im Jahre 1286 auf der Insel Mallorca publiziert. Die Grundlage bilden zwölf Hss., während sich die inzwischen vorliegende Edition von O. Limor (MGH Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters 15, 1994), die außerdem die Disputation von Ceuta (1179) enthält, auf 18 Textzeugen stützt; sie wurde auf der Basis der Diss. der Hg. (Jerusalem 1985) unabhängig von dieser erarbeitet.
  224. R. S.


    {S. 260-261}

  225. César et le Phénix. Distinctiones et Sophismata Parisiens du XIIIe siècle, édités par Alain de Libera (Centro di cultura medievale 4) Pisa 1991, Scuola Normale Superiore di Pisa, XXXI u. 262 S., ISBN 88-7642-027-4, ITL 50.000. - Die logische Stimmigkeit einer Behauptung wie omnis homo de necessitate est animal ist nur für den Laien offensichtlich, und daß die hier erörterten ähnlichen Sätze im 13. Jh. vielerorts mit großer Gedankentiefe (und -breite) diskutiert wurden, geht schon aus den zahlreich erhaltenen Hss. hervor, die in den letzten Jahrzehnten zunehmend Interessenten und Herausgeber finden. Die lobenswerte Sitte, einen Index sophismatum et exemplorum beizufügen (S. 255-258) ermöglicht wieder den Vergleich mit der Behandlung gleichartiger Äußerungen anderwärts. Der Titel der Edition ist von angeführten Beispielen herzuleiten (Caesar est homo ipso mortuo, auch sprachlich zweifelhaft, und Omnis phoenix est), die allerdings nicht gemeinsam verwendet werden und rein theoretisch bleiben, wie man auch die überaus beliebte Aussage Omnis homo currit nicht als Zeugnis für besondere Sportlichkeit ma. Denker werten sollte.
  226. G. S.


    {S. 261}

  227. John R. Eastman, Aegidius Romanus, De renunciatione pape (Texts and studies in religion 52) Lewiston/N. Y. 1992, Edwin Mellen Press, XII u. 410 S., ISBN 0-7734-9623-8, USD 99,95. - Nach seiner Studie zum Leben des Augustinereremiten Aegidius Romanus († 1316) und seiner Untersuchung zur Papstabdankung im Denken des Mittelalters (vgl. DA 49, 351) legt E. jetzt den Hauptteil seiner Würzburger Diss. vor, die Edition des Traktats De renuntiatione pape, den Aegidius Romanus im Sommer 1297 für Bonifaz VIII. verfaßte, um Vorwürfe der Kardinäle Jakob und Peter Colonna zu widerlegen, die Abdankung Cölestins V. 1294 und damit der Pontifikat seines Nachfolgers seien unrechtmäßig. In seiner Einführung (S. 1-28) betont E. erneut im Anschluß an Jean Rivière, Aegidius Romanus habe seine Anschauungen von De regimine principum (um 1280) bis zu De ecclesiastica potestate (um 1302) nicht grundlegend geändert, sondern stets die gleiche Herrschaftslehre vertreten. Soweit es um die Monarchie an sich geht, leuchtet dies ein; das Verhältnis von geistlicher und weltlicher Gewalt zueinander ist jedoch eine andere Frage, die weder in De renuntiatione pape noch von E. erörtert wird. S. 29-120 bringt eine ausführliche Inhaltsangabe des Werkes und erleichtert damit sowohl die Benutzung als auch das Verständnis der 25 Kapitel von De renunciatione pape. Einführung und Inhaltsangabe sind auf Deutsch geschrieben; S. 363-383 folgt eine Zusammenfassung in Englisch. Die Edition selbst S. 133-362 beruht auf den beiden einzigen Hss., Paris, Bibl. nat., lat. 3160 fol. 86-111, Anfang 14. Jh., und Rom, Bibl. Vaticana, Vat. lat. 4141 fol. 1-50, Anfang 15. Jh. Beigegeben sind erstens ein knapper Index seltener Wörter, wichtiger Begriffe und Eigennamen sowie zum Vergleich herangezogener Quellen (S. 401-404), zweitens zum deutschen Kommentar ein längeres Wort- und Sachregister (S. 405-410). Ein wichtiges Werk zur spätma. Papst- und Kirchengeschichte liegt hiermit in moderner, kritischer Edition vor.
  228. K. B.


    {S. 261-262}

  229. Alcuin Blamires - C. W. Marx, Woman Not to preach: A Disputation in British Library MS Harley 31, The Journal of Medieval Latin 3 (1993) S. 34-63, drucken und interpretieren den in anti-wiclifitischer Umgebung überlieferten Text, der - in der Tradition des Aquinaten und Heinrichs von Gent - vor allem die Gefahr sieht, daß eine in der Öffentlichkeit predigende Frau mehr accenderet auditores ad libidinem quam illam in eis extingueret.
  230. G. S.


    {S. 261-262}

  231. Pauli Veneti Logica Magna. Prima pars: Tractatus de necessitate et contingentia futurorum, edited with an English Translation and Notes by C. J. F. Williams (Classical and medieval logic texts 8) Oxford 1991, Oxford University Press, XXX u. 2 x 151 S. (parallel paginiert) S.152-205, ISBN 0-19-726101-0, GBP 20. - Das hier ausgewählte Kapitel aus dem umfangreichen Werk des Augustiners, aktiven Diplomaten und zeitweiligen Rektors der Universität Bologna († 1429) behandelt die Frage, ob die Seele des Antichrist notwendigerweise oder nur als Möglichkeit (per contingentiam) existieren wird und entscheidet sich für das erste. Es handelt sich um das 8. Kapitel des ersten Teiles (Teil 1 hat 23, Teil 2 15 Kapitel), und wenn schon der Hg. als Interessent einräumt, daß Teile des Werkes weder die Aufmerksamkeit des Philosophen noch des Logikers verdienen, schon der Anfang des Werkes kindisch sei ("the very first argument is puerile", S. XVII), so wird auch der einfache Mediävist nicht unbedingt auf einer vollständigen Neuausgabe bestehen wollen.
  232. G. S.


  233. Jana Zachová, Postilla Dicta de tempore [mit englischer Zusammenfassung], _eský _asopis historický 92 (1994) S. 228-241. - Die Editorin der Opera von Hus analysiert die Hs. der Bibliothek des Prager Nationalmuseums XIII D 1 und kommt zum Schluß, daß es sich bei dem in Frage stehenden Stück nicht um eine nachträglich eingetragene Predigt handelt, sondern um ein Werk mit Buchcharakter, und versucht, dessen Verwandtschaft mit anderen Werken von Hus nachzuweisen.
  234. Ivan Hlavá_ek


    {S. 262}

  235. Arno Borst, Das Buch der Naturgeschichte. Plinius und seine Leser im Zeitalter des Pergaments (Abh. Heidelberg 1994/I) Heidelberg 1994, Universitätsverlag C. Winter, IX und 431 S., ISBN 3-8253-0132-X, DEM 98. - Für die Naturgeschichte des älteren Plinius fehlte bisher eine Rezeptions- und Traditionsgeschichte. Die hier vorgelegte bezieht die antike Papyruszeit und die moderne Papierzeit mit ein, streift auch die byzantinische und die islamische Überlieferung, konzentriert sich aber auf das lateinische MA. Sie untersucht alle rund 360 erhaltenen Pergamente mit Pliniustexten und etwa 200 Werke von bekannten Pliniuslesern. Widerlegt wird die herrschende Meinung, das umfangreichste Buch der römischen Antike sei in Europa zwischen dem 6. und 14. Jh. jederzeit geschätzt und überall benutzt worden. Nachfragebreite und Überlieferungsdichte änderten sich vielmehr in sieben Phasen, die nicht in das Raster der "Renaissancen", die Rubrik der "Enzyklopädien" oder die Stereotypen vom "Buch der Natur" passen. Hier sei nur der wichtigste Einschnitt hervorgehoben: Die Erforschung der Natur begann im lateinischen Europa nicht um 1120 an den Hochschulen Frankreichs, sondern um 780 am fränkischen Königshof; ihr erster Anstoß kam nicht vom Staunen über die Vernunft im Kosmos, sondern vom Zwang zur Regelung der Feiertage und Arbeitszeiten; ihre frühesten Lehrmeister hießen nicht Platon und Aristoteles, sondern Plinius und Beda. Die Abhandlung bespricht ausführlich drei Gruppen von Schriften zur Zeitbestimmung, die sich seitdem auf Plinius stützten und die ich in den MGH herausgeben will: den Lorscher Reichskalender von 789 mit fünf Fassungen bis 1050; die karolingische Enzyklopädie der Zeitenordnung in drei Fassungen von 793, 809 und 818 mit Folgekopien bis 1150; die sieben Schriften Hermanns des Lahmen zu Zeitrechnung, Stern- und Astrolabkunde von 1040/50 mit Nachklängen bis 1250.
  236. Arno Borst (Selbstanzeige)


  237. Joachim Wiesenbach, Der Mönch mit dem Sehrohr. Die Bedeutung der Miniatur Codex Sangallensis 18, p. 45, Schweizerische Zs. für Geschichte 44 (1994) S. 367-388, 3 Abb., erklärt zum ersten Mal aus dem Zusammenhang anderer, gleichartiger Darstellungen heraus (Vat. lat. 644 fol. 76r; Marc. lat. VIII. 22 fol. 1r; Chartres 214, in Abschrift) die um das Jahr 1000 entstandene Miniatur als horologium nocturnum des Pacificus von Verona († 844). Gedeutet werden die Darstellungen jeweils durch ein Gedicht (abgedruckt). Das Kloster St. Gallen habe nachgewiesenermaßen Anfang des 11. Jh. ein solches Gerät besessen, das zur Messung der Nachtstunden und zu pünktlichem Wecken der Mönche benutzt wurde.
  238. D. S.


    {S. 263}

  239. Baudouin Van Den Abeele, La Fauconnerie au Moyen Age. Connaissance, affaitage et médecine des oiseaux de chasse d'après les traités latins (Collection "Sapience") o. O. 1994, Éditions Klincksieck, 343 S., 22 Abb., ISBN 2-252-02960-9. - In seiner umfangreichen, als ganzer ungedruckten Thèse (Univ. Cath. de Louvain 1991) behandelte der Autor die zum überwiegenden Teil unedierten lateinischen Falkentraktate des 10. bis 14. Jh. Der vorliegende Band bietet daraus den systematischen Teil zur Ornithologie, Cynegetik und Therapeutik. Ein kursorischer Überblick informiert knapp über die 28 einschlägigen Texte und ihre handschriftliche Verbreitung, wobei das Königreich Sizilien und die Höfe italienischer Renaissance-Fürsten hervorragen, sowie über die ergänzenden volkssprachlichen, enzyklopädischen, fiktiven und bildlichen Quellen. Die fachliche Leistung der ma. Falkner wird an der modernen Ornithologie und Veterinärmedizin überprüft. Das zentrale cynegetische Kapitel berührt auch das soziale Umfeld der Falknerei, den Falkenhandel und ikonographische Fragen. Die Tradition, in der das Falkenbuch Friedrichs II. steht, wird deutlich, doch damit zugleich dessen exzeptioneller Rang, den es im Vergleich nicht nur mit älteren und gleichzeitigen, sondern auch mit jüngeren Schriften einschließlich der aus dem Arabischen übersetzten Traktate einnimmt. Insgesamt liegt hier eine hervorragende und grundlegende Monographie zur ma. Beizkunst vor, die durchaus über den speziellen Themenbereich hinaus für die allgemeine Wissenschaftsgeschichte von Interesse ist. Angekündigt wird eine Edition des bislang unedierten lateinischen Moamin.
  240. Johannes Fried


    {S. 263-264}

  241. Bartholomaeus Anglicus and his Encyclopedia. By M. C. Seymour and Colleagues, Aldershot 1992, Variorum, VII u. 263 S., ISBN 0-86078-326-X, USD 69,95. - Der Band erwuchs aus den Arbeiten an der mittelenglischen Fassung von De proprietatibus rerum, die die Autoren herausgebracht haben (On the Properties of Things: John Trevisa's Translation of Bartholomaeus Anglicus De proprietatibus rerum, 2 Bde., Oxford 1975-1988), und stellt eine äußerst nützliche Ergänzung der Edition dar. Die Einleitung führt die verfügbaren Daten zu Leben und Werk des Bartholomaeus Anglicus zusammen und kommt zu dem Ergebnis, daß die Enzyklopädie um 1245 geschrieben wurde, als der Autor als Lektor am franziskanischen Studium provinciale in Magdeburg wirkte. Unter den Vorlagen, die er heranzog, ragen - neben der Heiligen Schrift - Gilbert von Poitiers, Petrus Lombardus, der ältere Plinius, Isidor und die naturwissenschaftlichen Schriften des Aristoteles in zeitgenössischen Übersetzungen hervor. Sie haben als "basic sources" zu gelten, die durch die Kirchenväter, Orosius, Boëthius, Beda, Hrabanus Maurus und andere Autoritäten, aber auch durch eine Reihe neuerer Autoren (wie etwa Alexander von Hales, Petrus Hispanus, Jacques de Vitry) ergänzt wurden. Den Nachweis im einzelnen führt ein umfänglicher Stellenkommentar zu den 19 Büchern der Enzyklopädie. Zusammen mit einem aktualisierten Verzeichnis der Hss. und frühen Drucke gibt er nicht nur künftigen Untersuchungen zu Bartholomaeus Anglicus ein sicheres Fundament, sondern wird auch die Forschung zu den gelehrten Kompendien und Enzyklopädien, zu Wissen, Wissenschaft und Bildung im späteren MA, befruchten.
  242. Folker E. Reichert


  243. Bernhard Schnell, Mittelalterliche Vokabularien als Quelle der Medizingeschichte: Zu den "Synonima apotecariorum", Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 10 (1992) S. 81-92, weist 40 Hss. des 14./15. Jh. nach, die ein noch ungedrucktes alphabetisches Pflanzenglossar mit insgesamt rund 4000 lateinischen, griechischen, arabischen, hebräischen und deutschen Bezeichnungen, offenbar für die Bedürfnisse akademisch gebildeter Mediziner, enthalten.
  244. R. S.


    {S. 264}

  245. Paolo Mastandrea, De fine versus. Repertorio di clausole ricorrenti nella poesia dattilica Latina dalle origini a Sidonio Apollinare. Elaborazioni al computer di Luigi Tessarolo, Bd. 1: A - O; Bd. 2: P - X, Indice dei luoghi, Hildesheim - Zürich - New York 1993, Olms-Weidmann, XXIII u. 1133 S., ISBN 3-487-09694-3, DEM 396. - Der Altphilologe und Mittellateiner Otto Schumann († 1950) hatte als erster die Erkenntnis konsequent verwertet, daß Übereinstimmungen in lateinischer daktylischer Dichtung vornehmlich am vorletzten, meist semantisch hervorgehobenen Wort festgestellt werden können. Das postum veröffentlichte fünfbändige Hexameter-Lexikon (MGH Hilfsmittel 4), dessen alphabetisches Ordnungsprinzip vom vorletzten Wort im Vers ausgeht, wird inzwischen in zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten herangezogen, zitiert und in seinem Nutzen bestätigt. Schumann hatte für seine Kartei rund vierzigtausend Zettel von Hand geschrieben und dafür - nach eigener Lektüre! - aus der lateinischen Dichtung von Ennius bis zum Archipoeta diejenigen Verse notiert, die ihm "zitatverdächtig" waren. Angeregt von Schumanns Vorgehen, aber mit den Mitteln der modernen Technik erstellt, liegt nun ein Nachschlagewerk vor, das sozusagen die Entwicklung geisteswissenschaftlicher Technik symbolisiert. Da die klassischen lateinischen Autoren inzwischen alle in elektronischen Speichermedien erfaßt sind, ließ sich ohne großen geistigen Aufwand eine Liste aller Hexameterschlüsse zusammenstellen, die zweimal oder öfter vorkommen. Die Stellennachweise sind aus Gründen der Raumökonomie sehr knapp gehalten und nachschlage- oder gewöhnungsbedürftig ("AU 20 01" ist die Mosella des Ausonius), doch konnte eine für das menschliche Gedächtnis unerreichbare Vollständigkeit erzielt werden - soweit eben die Texte erfaßt waren, also unter Ausschluß der ma. Dichtung. Schon deshalb bleibt für den Mediävisten Schumanns Hexameterlexikon unverzichtbar, zumal dort auch solche Verse verzeichnet sind, die zwar im antiken Material nur einmal vorkommen, aber im MA zitiert wurden oder auch nur Schumann zitierfähig vorkamen - eine Überlegung, die vorläufig außerhalb der Möglichkeiten apparativer Textverarbeitung liegt.
  246. G. S.


    {S. 265}

  247. Rita Copeland, Rhetoric, Hermeneutics, and Translation in the Middle Ages. Academic traditions and vernacular texts (Cambridge Studies in medieval literature 11) Cambridge u.a. 1991, Cambridge University Press, XIV u. 295 S., ISBN 0-521-38517-2, GBP 35. - In einer weit ausgreifenden Übersicht von Cicero bis Chaucer sammelt die Vf. grundsätzliche Äußerungen über die Möglichkeiten des Übersetzens aus fremden Sprachen und verweist auf den Zusammenhang und oft fließenden Übergang zwischen Übersetzungs- und Kommentierungstätigkeit. Die Grundlage der Untersuchung bieten Kommentare zum Artes-Schrifttum, das Gebiet der Bibelexegese bleibt - auch weil schon weitgehend erforscht - unberücksichtigt, wohl aber werden exegetische Aspekte der Predigtlehren behandelt. Als Ergebnis wird der Einfluß der Rhetorik auf Kommentare aller Art deutlich, auch in volkssprachlichen Kommentaren, Paraphrasen und Übersetzungen, wie sich an Notker von St. Gallen für das 10., dem Ovide moralisé für das 14. Jh., weiterhin an englischen und französischen Übertragungen von Boethius' Consolatio zeigen läßt. An Chaucer und an John Gowers Confessio amantis bringt die Vf. Abweichungen von den lateinischen Vorlagen in Zusammenhang mit den Dichtungslehren des 12. und 13. Jh. Unter den vielen Publikationen der letzten Jahre zur ma. Übersetzungstätigkeit zeichnet sich die vorliegende durch konsequente Beachtung allgemein gültiger hermeneutischer Problemstellungen aus und bietet einen beeindruckenden Überblick über die einschlägige Sekundärliteratur. Etwas bedauerlich ist, daß die sehr substantiellen Anmerkungen zusammengefaßt am Schluß des Bandes stehen.
  248. G. S.


    {S. 265}

  249. Joseph Szövérffy, Secular Latin Lyrics and Minor Poetic Forms of the Middle Ages. A historical survey and literary repertory from the tenth to the late fifteenth century 3 (Medieval Classics: Texts and Studies 27) Concord, New Hampshire 1994, Classical Folia Editions - Brepols, 580 S., ISBN 0-929534-00-XIV, BEC 4200. - Der Doyen der ma. Hymnologie hat nunmehr den dritten Band des DA 50, 292 angezeigten Werkes vorgelegt, der den Zeitraum bis etwa 1200 umfaßt, und als inhaltlich geschlossene Einheit sollen die drei Bände des neuen Repertoriums durch einen kumulativen Indexband erschlossen werden, dessen Erscheinen für die nähere Zukunft angekündigt ist. Die eindrucksvolle Fülle des zusammengetragenen Materials muß auch hier etwas über die nicht sonderlich ausgeprägte Strukturierung des Werkes hinwegtrösten, doch ist das Handbuch ohnehin auf Weiterarbeit und Kontrolle durch den Benützer angelegt, der nach einem Hinweis auf einen ersten Einstieg zu seriöser Forschung Flüchtigkeiten bei Zitaten und Literaturangaben richtigstellen wird. Unstreitig ist es der Hauptvorzug des Werkes (wie vieler anderer Publikationen des Vf.), auf Entlegenes aufmerksam zu machen und schon allein auf Grund jahrzehntelanger Sammelarbeit eine sonst nirgends gebotene Fülle von Material leicht zugänglich anzubieten.
  250. G. S.


  251. Danuta Shanzer, "Iuvenes vestri visiones videbunt:" Visions and the Literary Sources of Patrick's Confessio, The Journal of Medieval Latin 3 (1993) S. 169-201, bringt Argumente gegen einen Aufenthalt Patricks auf dem Kontinent und gegen den Versuch, ihm Augustinisches Gedankengut nachzuweisen.
  252. G. S.


  253. Gernot Wieland, Alcuin's Ambiguous Attitude Towards the Classics, The Journal of Medieval Latin 2 (1992) S. 84-95, sieht die Erklärung für die zwiespältige Haltung Alkuins gegenüber Vergil in der Differenzierung zwischen bösem Inhalt und vorbildhafter Sprache.
  254. G. S.


  255. Dieter Schaller, Theodulfs Exil in Le Mans, Mittellateinisches Jahrbuch 27 (1992) S. 91-101, bringt aus Theodulfs eigenen Hinweisen Belege für einen Wechsel des Verbannungsortes 819 von Angers nach Le Mans.
  256. G. S.


  257. Dominique Poirel, Un poème inédit d'Almanne de Hautvillers, Revue d'histoire des textes 24 (1994) S. 275-290, publiziert nach acht Hss., darunter einer des 9./10. Jh., ein Epytaphium sanctae Helenae in 33 Hexametern (Walther, Initia carminum Nr. 5372), das einhellig dem bei Flodoard (MGH SS 13 S. 552) und durch sein eigenes Epitaph (MGH Poetae 4 S. 1030) als Zeitgenossen Hinkmars bezeugten Mönch Altmann von Hautvillers zugewiesen wird und dessen hagiographische Prosaschriften über die hl. Helena (BHL Nr. 3772-3775) ergänzt.
  258. R. S.


  259. Peter Dinzelbacher, Die Verbreitung der apokryphen ,Visio S. Pauli' im mittelalterlichen Europa, Mittellateinisches Jahrbuch 27 (1992) S. 77-90, zeigt die wachsenden Freude des MA an den "meist widerwärtigen bis sadistischen Details" der Höllenschilderungen, während im Laufe der Umarbeitungen des Textes Gnadenregionen und Lohn der Gerechten mehr und mehr in den Hintergrund treten.
  260. G. S.


  261. Birger Munk Olsen, Chronique des manuscrits classiques latins (IXe-XIIe siècles), II, Revue d'histoire des textes 24 (1994) S. 199-249, setzt die bibliographischen Ergänzungen zu seinem großen Repertorium der lateinischen Klassiker-Hss. fort (vgl. zuletzt DA 49, 684).
  262. R. S.


  263. Scott Gwara, Three Acrostic Poems by Abbo of Fleury, The Journal of Medieval Latin 2 (1992) S. 203-235, druckt und interpretiert die gitterförmigen Figurengedichte MGH Poetae 5, 470 ff.
  264. G. S.


    {S. 266-267}

  265. The Battle of Maldon: Fiction and Fact, edited by Janet Cooper, London 1993, The Hambledon Press, XII u. 265 S., Pläne und Tabellen, ISBN 1-85285-065-5, GBP 34. - Die "Maldon-Industrie" (so, offenbar selbstironisch, auf S. 237) blüht nach wie vor. Pünktlich zum tausendsten Jahrestag der Schlacht bei Maldon in Essex (991) und des wohl relativ bald danach entstandenen gleichnamigen altengl. Gedichts über diesen verlorenen Abwehrkampf der Angelsachsen gegen die Wikinger war ein von D. Scragg herausgegebener Sammelband mit 18 Beiträgen erschienen (vgl. DA 47, 656). Zwei Jahre danach hat nun J. Cooper einen Band mit 13 weiteren Aufsätzen vorgelegt, die größtenteils auf eine Gedenktagung zurückgehen und überwiegend von anderen Autoren stammen. Ähnlich wie in dem Scragg-Band ist auch in dem Cooper-Band der Ansatz interdisziplinär: Einige Beiträge sind eher literarisch orientiert und beschäftigen sich mit Interpretationsproblemen des Gedichtes, z.B. seiner historischen Glaubwürdigkeit, seiner Gattungszugehörigkeit, seiner schwachen späteren Rezeption; andere gehen, z.T. sehr weit ausgreifend, auf den historischen Hintergrund ein und behandeln Skandinavien, England, Essex im 10. Jh., die frühma. Kriegsführung, die dänische Militärorganisation und selbst die etwas spätere Schlacht von Assandun in Essex (1016), die - wenn ich recht sehe - nichts unmittelbar mit der Schlacht von Maldon zu tun hat. Die Planung der Gedenktagung und des resultierenden Bandes verlief anscheinend weitgehend unabhängig von dem Scragg-Band; als Folge geht der Cooper-Band zwar teils auf Themen ein, die bei Scragg noch nicht behandelt wurden, wie die Münzen aus Essex, teils aber wieder auf die gleichen Themen (wenn auch aus anderer Perspektive), wie die Lage des Schlachtfeldes oder Byrhtnoths Familie und Verwandtschaft (mit besonderer Betonung auf den Frauen). Der Band enthält einen Index, aber anders als Scragg weder eine Edition oder Übersetzung noch eine Gesamtbibliographie. Schon insofern wird der Scragg-Band der grundlegendere bleiben, aber der Cooper-Band bietet einige nützliche Ergänzungen.
  266. Hans Sauer


    {S. 267}

  267. Medieval Literary Theory and Criticism c. 1100 - c. 1375. The Commentary Tradition. Revised Edition, edited by A. J. Minnis and A. B. Scott with the assistance of David Wallace, Oxford 1991, Clarendon Press, XVI u. 544 S., ISBN 0-19-811274-2, GBP 17.95, ist eine Anthologie englischer Übersetzungen gut ausgewählter Exzerpte aus ma. Kommentaren, mit nützlichen Anmerkungen und informativen Einleitungen zu den Textgruppen. Hätten die Hg. die lateinischen Originaltexte beigefügt (oder statt der englischen Übersetzungen geboten), läge ein höchst verdienstliches Handbuch vor.
  268. G. S.


    {S. 267}

  269. Ralph of Beauvais, Liber Tytan, edited with an introduction, notes and indices by C. H. Kneepkens (Aristarium 8) Nijmegen 1991, Ingenium Publishers, XLII u. 151 S. ISBN 90-70419-31-9. - Der Engländer Radulfus, Schüler von Abaelard und Lehrer in Beauvais, war Autor einer Glosa super Donatum (hg. C. H. Kneepkens 1981) sowie des hier anzuzeigenden Kommentars zu einzelnen Versen aus Ovid und Lucan, an Hand derer grammatische, semantische und prosodische Fragen erläutert werden. Wegen seiner Vorliebe für Klassiker, auch im 12. Jh. allenfalls als jugendliche Verirrung toleriert, wurde Radulfus kritisiert, u.a. von Petrus von Blois, der ihn in Umdrehung eines Topos als puer centum annorum und elementarius senex beschimpfte - nicht ohne Anlaß, zumal auch im kommentierenden Text reichlich Klassiker angeführt sind, vornehmlich Vergil, Horaz und Terenz. Die sorgfältige Edition nimmt als Grundlage die Hs. London BL Add. 16380 (12./13. Jh.) und führt im Variantenapparat die Lesarten der zweiten Hs. auf, die den vollständigen Text enthält (Bern, Burgerbibl. 519). Es sei darauf hingewiesen, daß neben einem Index locorum und rerum notabilium auch ein Index exemplorum erstellt wurde (doceor grammaticam, omnis homo diligit se), der einen inhaltlichen Vergleich mit anderen Schriften ganz unterschiedlichen Aufbaus erheblich erleichert.
  270. G. S.


    {S. 267-268}

  271. Glynn Meter, Walter of Châtillon's "Alexandreis" Book 10 - A Commentary (Studien zur klassischen Philologie 60) Frankfurt am Main u.a. 1991, Peter Lang, 328 S., ISBN 3-631-43030-2, DEM 89. - Die schon im MA erfolgreiche und kommentierte Alexandreis ist auch in der Neuzeit weidlich behandelt worden. Das hier behandelte letzte Buch der Dichtung nimmt eine gewisse Sonderstellung ein, weil die Vorlage für die geschilderten Ereignisse, die Historia Alexandri Magni des Curtius Rufus, hier ausfällt. Die 479 Verse sind, wie schon ein Blick auf den Umfang des Buches zeigt, sehr ins einzelne gehend erörtert, wobei der abschnittweise gedruckte Text übersetzt, in kleinste Elemente gegliedert und vor allem auf rhetorische Kunstgriffe und klassische Reminiszenzen hin untersucht wird. Als Ergebnis wird - neben dem Hinweis auf Parallelen zur zeitgenössischen Kosmologie (Alanus ab Insulis) - die Erkenntnis geboten, daß in der Alexandreis klassische Vorlagen mit Elementen aus frühma. Bibeldichtungen zu einem fundamental christlichen Werk vereinigt sind, womit diese Dissertation der Universität von Pretoria wenig Kontroversen provozieren dürfte.
  272. G. S.


  273. David Wulstan, Goliardic rhythm: with special reference to the Play of Daniel, the Dublin Sepulchre Drama, and the Carmina Burana, Peritia 8 (1994) S. 180-215, kommt auf Grund musikhistorischer Überlegungen zum Schluß, daß geistliche Dichtung und liturgische Spiele nicht Vorbild gewesen seien, sondern ihrerseits von "goliardischem" Material abhingen.
  274. G. S.


  275. Manfred Lemmer, Fürstenlob und -tadel in mittelalterlicher deutscher Literatur, Blätter für deutsche LG 129 (1993) S. 63-78, behandelt insbesondere Walther von der Vogelweide, der dieses Thema in der Spruchdichtung heimisch machte, und Reimar von Zweter, gibt S. 70 f. eine Liste der Dichter und der von ihnen Gepriesenen und hebt die milte als herrscherliche Haupttugend hervor.
  276. G. Sch.


    {S. 268}

  277. Lodovico Lazzarelli, Fasti Christianae religionis. Testo edito per la prima volta, corredato di apparato critico e di introduzione a cura di Marco Bertolini, Napoli 1991, M. D'Auria Editore, 675 S., ISBN 88-7092-073-9, ITL 160.000. - Die 1480 vollendete aitiologische Dichtung des Übersetzers hermetischer Schriften ("Septempedanus": aus San Severino in den Marken) ist vom Dichter in verschiedenen Redaktionen zunächst Papst Sixtus IV., dann Ferdinand von Aragon, darauf diesem und seinem Sohn Herzog Alfons von Kalabrien und schließlich Karl VIII. von Frankreich gewidmet worden. Nach eigenem Bekunden des Autors von Ovid inspiriert, enthält das Werk eine Darstellung des liturgischen Jahres mit Ausblick auf das Jüngste Gericht und jahreszeitlichen Hinweisen für Landwirte. Der Variantenapparat am Ende jeden Buches veranschaulicht die im Laufe der Zeit vom Autor angebrachten textlichen Zusätze, die - das Jahr ließ sich glücklicherweise nicht erweitern - gern das Lob des gerade behandelten Heiligen vertiefen. Daß der Hg. für die Bewältigung der großen Textmasse (önologische?) Hilfe brauchte, scheint aus dem Druckfehler S. 8 hervorzugehen, demzufolge die Dichtung "composta da 16 litri" sei.
  278. G. S.


    {S. 268-269}

  279. Michel Banniard, Viva Voce. Communication écrite et communication orale du IVe au IXe siècle en Occident latin, Paris 1992, Institut des Études Augustiniennes, 596 S., ISBN 2-85121-112-9, BEC 3200. - Der Vf. geht das Problem des Übergangs vom lateinischen zu den romanischen Sprachen von der Interlokution, der ethnische, soziale und kulturelle Distanzen überwindenden Verständigung her an. Das Entstehen eines entsprechenden Problembewußtseins verknüpft er mit der Ausbreitung des christlichen Glaubens. Von wann an, so seine Frage, waren sich die in der klassisch-lateinischen Tradition lebenden und lehrenden Prediger bewußt, daß sie in eine andere Sprache wechseln mußten, um die der Schriftsprache nicht mächtigen Adressaten ihrer Verkündigung zu erreichen? Ab wann konfrontierte sie die gesprochene Sprache mit einem Übersetzungsproblem? Quellengrundlage der breit angelegten Analysen sind außer den Werken "großer" Autoren auch praxisorientierte Texte wie Konzilskanones und Kapitularien, hagiographische Schriften und Klosterregeln. Das umfangreiche und heterogene Quellenmaterial wird in sieben meist auf einzelne große Kirchenlehrer zentrierten Kapiteln analysiert: vom augustinischen 5. Jh. über Gregor d. Gr., Isidor von Sevilla, das merowingische Gallien, Alcuin, die Laienkultur der Karolingerzeit bis zum mozarabischen Spanien des 9. Jh. An den Anfang stellt der Vf. Augustinus, der bei seiner noch durchweg lateinisch sprechenden Zuhörerschaft phonetische Besonderheiten festgestellt und den christlichen Predigern empfohlen hatte, diese um der Klarheit der Katechese willen aufzunehmen und die Verständlichkeit der klassischen sprachlichen Korrektheit überzuordnen. Er arbeitet dann in kritischer Auseinandersetzung mit der Theorie der Diglossie drei Phasen des Übergangs von der lateinischen zur romanischen Romania heraus. Für das Frankenreich sei das 7. Jh. die kritische Phase gewesen: die Vf. der Heiligenviten hätten als Adressaten eine Zuhörerschaft vor Augen gehabt, die durch literarisch anspruchsvolle lateinische Texte überfordert gewesen sei, aber keine Übersetzung gebraucht habe, um einen lateinischen sermo rusticus oder tenuis zu verstehen. In der karolingischen Bildungsreform sieht er für das Frankenreich das Ende des langsamen Transformationsprozesses: das Einschärfen der norma rectitudinis erweise das Lateinische als Sprache einer dünnen Schicht lateinisch Gebildeter, die dem hörenden Volk die Glaubenstexte in Übersetzung habe vermitteln müssen (Synode von Tours 813). Das opus magnum enthält eine Fülle intensiver Einzelinterpretationen. Nicht zuletzt dürften die Ausführungen zur karolingischen Bildungsreform in der neuerdings wieder aufgelebten Diskussion um die praktische Bedeutung der karolingischen Rechtstexte eine wichtige Rolle spielen.
  280. Hanna Vollrath


    {S. 269-270}

  281. Lexicon Latinitatis medii aevi Hungariae, Vol. 2: C, hg. von Iván Boronkai u. a., Vol. 3: D - E, hg. von Iván Boronkai - Ibolya Bellus, Vol. 4: F - H, hg. von Iván Boronkai - Kornél Szovák, Budapest 1991, 1992, 1993, Akadémiai kiadó (2), Argumentum kiadó - Akadémiai kiadó (3), Argumentum kiadó (4), 461, 501, 307 S., ISBN 963-05-4185-8. - In anerkennenswerter Geschwindigkeit ist das DA 48, 290 f. angezeigte Unternehmen bis zum Ende des Buchstaben H gelangt und bietet so bereits für fast die Hälfte des Wortschatzes eine Nachschlagemöglichkeit. Die Steigerung des Umfanges gegenüber dem Glossarium von Bartal (von 1901) ist zum einen auf die größere Zahl der exzerpierten Texte zurückzuführen, zum anderen auf die ausführliche Zitierweise, die schon durch die volle Schreibung der Lemmata das Lesen erleichtert und demonstriert, daß man nicht an Platz sparen mußte, um das Material zu erfassen. Daß das Werk jetzt in Bänden erscheint, die zunächst aus je drei Faszikeln vereinigt werden mußten, ist eine akzeptable Entscheidung.
  282. G. S.


    {S. 270}

  283. Il Donatus di Paolo Camaldolese. Edizione critica a cura di Vito Sivo (Testi, studi, strumenti 2) Spoleto 1990, Centro italiano di studi sull,alto medioevo, 187 S., ohne ISBN. - Der sonst nicht nachweisbare Autor (wohl des 12. Jh.) ist Vf. einer Briefsammlung, einer Verslehre und der hier gedruckten Grammatik (Donatus ist als Gattungsname für grammatische Schriften gebraucht); diese Werke sind einzig in der Hs. Paris BN lat. 7517 vom Ende des 12. Jh. erhalten. Den Lehrstoff, wie üblich auf Donat und Priscian zurückgehend, gibt die Schrift in Dialogform wieder und demonstriert einmal mehr die Schwierigkeiten bei Quellennachweisen zu dieser Art von Literatur, wobei immerhin die Erkenntnis von Bengt Löfstedt gestützt wird, daß Paulus die Ars Laureshamensis benützt habe und nicht die ähnliche Schrift des Muridac. Als weitere Quelle läßt sich mit einiger Sicherheit die "Ianua" betitelte grammatische Einführung belegen, insgesamt führt der Apparat 45 grammatische Schriften als Quelle oder Vergleichstext auf. Die Bibliographie enthält nützliche Hinweise auf entlegene (vorwiegend italienische) Publikationen zur Tradition der lateinischen Grammatikstudien im MA.
  284. G. S.


  285. Ruth Mazo Karras, The Latin Vocabulary of Illicit Sex in English Ecclesiastical Records, The Journal of Medieval Latin 2 (1992) S. 1-17, weist auf den unspezifischen Gebrauch der Termini fornicare, adulterare, concubina, meretrix, pronuba u.ä. hin.
  286. G. S.


  287. Manfred Kobuch, Leisnig im Tafelgüterverzeichnis des Römischen Königs, Neues Archiv für sächsische Gesch. 64 (1993) S. 29-52, untersucht die Identität des Belegs (MGH Const. 1, 647, jedoch Licendic, nicht "Licendice"!) mit der pleißenländischen Burg (zum Namen vgl. DA 49, 690 f.), die von Friedrich I. 1158 mit DF. I 199 zum Reichsgut erhoben, deshalb wahrscheinlich erst nachträglich in das Verzeichnis aufgenommen und 1188 gemäß DF. I 981 von ihm aufgesucht wurde, und führt dafür Zeugnisse des 13.-16. Jh. an, aus denen die Kontinuität von Verwaltung und Ertragskraft des Güterkomplexes zu ersehen ist.
  288. Manfred Kobuch (Selbstanzeige)


  289. František Šmahel, Die zweideutige Idee Tabors im hussitischen Böhmen, Husitský Tábor 11 (1994) S. 21-28. - Gegen die vorherrschende Richtung, den Namen "Tabor" aus der kämpferischen alttestamentlichen Tradition zu erklären, folgt Š. der Ansicht H. Kaminskys von einer friedensstiftenden Inspiration durch das Neue Testament ("Tabor" als Ort der Verklärung Christi) und bereichert diese Hypothese um weitere und ältere Belege.
  290. Ivan Hlavá_ek


    {S. 270-271}

  291. Guida a una descrizione uniforme dei manoscritti e al loro censimento, a cura di Viviana Jemolo e Mirella Morelli, Roma 1990, Istituto Centrale per il Catalogo Unico delle Biblioteche Italiane e per le informazioni bibliografiche, 200 S., Abb., ISBN 88-7107-023-2, ist die Anweisung für ein einheitliches Schema bei der äußeren und inhaltlichen EDV-gerechten Beschreibung von Hss. für das italienische Großunternehmen. Ähnlich wie seinerzeit im deutschen Band über Handschriftenkatalogisierung von 1963 (Sonderheft der Zs. für Bibliothekswesen) der Beitrag von Virgil Fiala und Wolfgang Irtenkauf ein gern benutztes Hilfsmittel zur Orientierung über liturgische Hss. wurde, dürfte hier der Beitrag von Bonifacio Baroffio, I manoscritti liturgici (S. 143-192) nicht nur den italienischen Forschern nützliche Dienste leisten.
  292. G. S.


    {S. 271}

  293. Die Schule von Reims. Erster Teil: Von den Anfängen bis zur Mitte des 9. Jahrhunderts (Die karolingischen Miniaturen Bd. 6, hg. von Wilhelm Koehler und Florentine Mütherich) Berlin 1994, Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, Textband: 196 S., Tafelband: 123 Tafeln, ISBN 3-87157-113-X, DEM 375. - Der sechste Band dieser in den dreißiger Jahren begonnenen, aufwendig gestalteten Reihe, in der zuletzt 1982 "Die Hofschule Karls des Kahlen" behandelt worden war, bietet nun einen ersten Teil über die Schule von Reims bis zur Mitte des 9. Jh. Dabei geht es um hochberühmte Hss. wie das Ebo-Evangeliar, den Utrecht-Psalter, den Berner Physiologus etc. In dem die Kunsttafeln begleitenden Textband stellt die ausgewiesene Kennerin karolingischer Handschriften F. M. zunächst konzis die Geschicke des Reimser Bistums in dieser Zeit dar, geprägt vor allem durch die Absetzung und kurze Wiedereinsetzung Erzbischof Ebos, was natürlich nicht ohne Auswirkung auf die Reimser Scriptorien blieb. Die Problematik, diese Scriptorien überhaupt genauer zu lokalisieren, wird anschaulich gemacht, sowie die besondere Rolle des Klosters Hautvillers für Ebo und seine Anhänger und für die Buchproduktion. Nach einem allgemeinen Teil über die Ausstattung der Reimser Hss. und die Texte wird jeder Codex sorgfältig beschrieben, versehen mit Hinweisen auf die jeweiligen Tafeln und mit ausgiebigen Literaturangaben. Ein Band, der wohl keine Wünsche übrigläßt und für Kunsthistoriker wie Historiker ergiebig sein dürfte.
  294. M. S.


    {S. 271-272}

  295. Elisabetta Barile, Littera Antiqua e scritture alla Greca. Notai e cancellieri copisti a Venezia nei primi decenni del Quattrocento (Memorie - Classe di scienze morali, lettere ed arti 51) Venezia 1994, Istituto Veneto di Scienze, Lettere ed Arti, 155 S., 24 Tafeln mit Schriftproben, ISBN 88-86166-09-5, ITL 28.000. - Anhand vieler Verwaltungsdokumente und venezianischer Codices aus den verschiedensten Bibliotheken Europas erarbeitet B. Biographie und Wirkungskreis von mehreren Persönlichkeiten (Ruggero Cataldo, Sebastiano Borsa, Bartolomeo Fasolo und Michele Salvatico) und belegt sie mit Handschriftenbeispielen. Sowohl Notare, Kanzlisten, kleinere Magistrate oder Kopisten gehörten zu humanistischen Zirkeln um Patrizier wie Francesco Barbaro Leonardo Giustinian oder Guarino Veronese. Dieser Hintergrund erklärt die Bildung einer für Venedig typischen "Antiqua" sowohl in Codices wie in öffentlichen und privaten Dokumenten. Diese ist schneller und der Kursive ähnlicher als etwa gleichzeitige florentiner Schriften. Die untersuchten Dokumente zeigen zudem eine spezielle Entwicklung: Die Schrift in den Codices scheint von stilisierter Kanzleischrift beeinflußt und nicht umgekehrt die öffentlichen Dokumente von einer Buchschrift. In einem zweiten Schritt analysiert die Vf. byzantinische Elemente in der venezianischen Schrift, wie das grosse M mit senkrechtem, bis zur Linie gezogenem Mittelbalken, oder das r, das bis unter die Schreiblinie gezogen wird. Vor allem Inschriften in Venedigs Kirchen zeugen von den Beziehungen zu Byzanz und der "griechischen Renaissance" unterstützt durch die Zuwanderer und die stetigen Kontakte zu griechischen Stützpunkten unter venezianischer Verwaltung. Ein detailliertes Personen- und Ortsregister sowie Angaben der benutzten Quellen und Inschriften ergänzen den Band.
  296. D. S.


  297. Arnold Esch, Deutsche Frühdrucker in Rom in den Registern Papst Pauls II., Gutenberg-Jb. 1993, S. 44-52, stellt zusammen, was sich bei den Arbeiten am Repertorium Germanicum über sieben aus Deutschland stammende Buchdrucker ergab, und weist daneben auf den Erkenntniswert römischer Notarsimbreviaturen und Zollregister hin.
  298. R. S.


  299. Friedrich Hausmann, Die Grafen zu Ortenburg und ihre Vorfahren im Mannesstamm, die Spanheimer in Kärnten, Sachsen und Bayern, sowie deren Nebenlinien. Ein genealogischer Überblick, Ostbairische Grenzmarken 36 (1994) S. 9-62, legt ergänzend zu seinem Archivinventar (vgl. DA 42, 636 f.) einen prosopographischen Katalog vor, der das bedeutende Adelsgeschlecht von Markgraf Siegfried der "Ungarnmark" († 1065) über 27 Generationen bis in die Gegenwart verfolgt.
  300. R. S.


  301. Herjo Frin, Die Herkunft Hildegards von Büren, Vestische Zeitschrift. Zs. der Vereine für Orts- und Heimatkunde im Vest Recklinghausen 90/91 (1991/1992) S. 7-16 (1 Stammtafel), kritisiert die gängige Herleitung der Frau des Pfalzgrafen und Staufers Friedrich von Büren aus der Ehe des Grafen Ludwig von Bar-Mousson mit Sophie von Lothringen und bemüht sich vielmehr um den Nachweis ihrer Abstammung aus dem Geschlecht derer von Chiny, gestützt auf die Leitnamen.
  302. H. S.


    {S. 272}

  303. Walter Koch, Auszeichnungsschrift und Epigraphik. Zu zwei Westschweizer Inschriften der Zeit um 700 (SB München, Jg. 1994 Heft 6) München 1994, Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in Kommission bei C. H. Beck, 37 S., 9 Abb., ISBN 3-7696-1577-8, führt das Schriftbild zweier Grabplatten (heute in Yverdon und Lausanne) auf Anregungen durch den handschriftlichen Luxeuil-Stil zurück und nimmt den Befund zum Anlaß für grundsätzliche Überlegungen zum (spärlichen) insularen Einfluß auf die spätmerowingisch-karolingische Epigraphik sowie zum Wechselverhältnis von buchschriftlicher und inschriftlicher Paläographie.
  304. R. S.


    {S. 272-273}

  305. Die Inschriften der Stadt Aachen, gesammelt und bearb. von Helga Giersiepen. Geleitwort von Raymund Kottje (Die Deutschen Inschriften 32, Düsseldorfer Reihe 2) Wiesbaden 1993, Dr. Ludwig Reichert-Verlag, XXXIV u. 136 S., 31 Tafeln, ISBN 3-88226-527-2, DEM 88. - Nach dem Erscheinen des Inschriftenbandes über den Aachener Dom (vgl. DA 49, 304) konnte die Vf. in rascher Folge die Inschriften der Stadt (in ihren heutigen Grenzen) vorlegen. Nur ein starkes Viertel der 210 Katalognummern - und dies ist vergleichsweise ungemein niedrig - gelten dem Totengedenken. Das nahezu völlige Fehlen von Epitaphien des Stadtbürgertums scheint nicht so sehr an der Überlieferungslage zu liegen, sondern darauf hinzudeuten, daß die Anfertigung von Epitaphien für Weltliche offensichtlich in Aachen nicht üblich war, mag auch die nichtoriginale Überlieferung insgesamt als dürftig anzusprechen sein. Der gut vertretenen Gruppe der liturgischen Geräte und Gewänder gehören sämtliche noch im Original erhaltenen epigraphischen Denkmäler vor 1400 an. An Gebäudeinschriften verdienen - neben den Bauinschriften - insbesondere jene Texte besonderes Interesse, die das Bewußtsein an die Rolle Aachens als sedes bzw. caput regni, die erstmals in dem vor 1158 gefälschten Karlsprivileg schriftich bekundet wurde, durch Jahrhunderte wachhielten.
  306. Walter Koch


    {S. 273}

  307. Die Inschriften der Stadt Jena bis 1650, gesammelt u. bearb. von Luise und Klaus Hallof (Die Deutschen Inschriften 33, Berliner Reihe 5) Berlin 1992, Akademie Verlag in Verbindung mit Dr. Ludwig Reichert-Verlag Wiesbaden, LI u. 247 S., 42 Tafeln, ISBN 3-05-001988-3, DEM 164. - Dieser Inschriftenband, der auf eine von der Universität Jena angenommene Diplomarbeit zurückgeht, ist der erste Band, der - nach mehr als zwanzigjähriger, von den politischen Umständen erzwungenen Absenz - von Berlin aus wieder zum Gesamtunternehmen beigesteuert werden konnte. Das im Original erhaltene Material ist mit 19% vergleichsweise nur mehr sehr gering. Es ist zur Gänze abgebildet. Die kopiale Überlieferung verdanken wir vornehmlich Abschriften des 17. Jh. Bis 1500 bietet der Band, der insgesamt 265 Katalognummern umfaßt, 39 Texte (davon 16 im Original). Die geringe Zahl an ma. Inschriften liegt in erster Linie im Verlauf der Reformation begründet, die in Jena besonders radikal gegen die Zeugnisse der alten Religion vorging. Entscheidend für das epigraphische Material Jenas und seine soziologische Ausrichtung - und hierin liegt die große Bedeutung des Bandes - sollte die Gründung der Universität (1548/58) werden, die die höhere bürgerliche Intelligenz und den Humanismus der nachreformatorischen Zeit in die Stadt führte. Die Vf. widmeten im Einleitungsteil mit gutem Grund einen eigenen Abschnitt einer "akademischen" Epigraphik. In der Zeit zwischen 1550 und 1650 entfallen immerhin 107 von 147 Grabinschriften auf Professoren und ihre Angehörigen, auf Mitarbeiter der Universität und die Studentenschaft.
  308. Walter Koch


    {S. 273-274}

  309. Die Inschriften des Landkreises Bad Kreuznach, gesammelt u. bearb. von Eberhard J. Nikitsch (Die Deutschen Inschriften 34, Mainzer Reihe 3) Wiesbaden 1993, Dr. Ludwig-Reichert-Verlag, LIX u. 509 S., 115 Tafeln, ISBN 3-88226-585-X, DEM 180. - Mit 150 Neufunden, darunter der sensationellen Entdeckung von mehr als 60 Grabplatten im Bereich der Klosterruine Disibodenberg, sowie mit 40 bisher unpublizierten Texten aus archivalischer Überlieferung enthält der mehr als 620 Nummern umfassende stattliche Band einen vergleichsweise ungemein hohen Prozentsatz an noch völlig unbekanntem Material. Dieser Tatsache entsprechen die verhältnismäßig zahlreichen, der Publikation beigegebenen Abbildungen. Die Überlieferung beginnt im Landkreis Bad Kreuznach mit einer fragmentarisch erhaltenen Grabplatte im Kloster Sponheim, die in die zweite Hälfte des 11. oder in die erste Hälfte des 12. Jh. zu setzen ist. Die große Materialdichte an Grabdenkmälern in Disibodenberg und die daraus erkennbare Gemeinsamkeit in einer Reihe von Merkmalen, in der künstlerischen Behandlung der Buchstaben, ihrer Bestandteile und der Zierformen, ließ den Vf. für das 14. Jh. mit Erfolg nach der Existenz einer klostereigenen Werkstatt fragen, wobei er für die zweite Jahrhunderthälfte eine weitere Werkstatt im Naheraum nachweisen konnte.
  310. Walter Koch


    {S. 274}

  311. Die Inschriften der Stadt Hannover, gesammelt u. bearb. von Sabine Wehking (Die Deutschen Inschriften 36, Göttinger Reihe 6) Wiesbaden 1993, Dr. Ludwig Reichert-Verlag, XXXI u. 299 S., 32 Tafeln, ISBN 3-88226-551-5, DEM 120. - Nur mehr 30% der Denkmäler des 374 Katalognummern umfassenden Bandes liegen noch im Original vor. Die Ursache für die hohe Verlustrate lag in erster Linie bei den verheerenden Bombenangriffen des Zweiten Weltkrieges, die insbesondere die zahlreichen Inschriften an den Fachwerkbauten der Altstadt - und Hausinschriften stellten wie auch sonst im nordwestdeutschen Bereich mengenmäßig einen ganz entscheidenden Anteil des inschriftlichen Materials dar - fast völlig vernichteten. Dank einer vielfältigen kopialen Überlieferung seit dem 17. Jh. und der Inventarisierungsmaßnahmen im 19. Jh. macht das Hannoversche Corpus nichtsdestoweniger einen recht geschlossenen Eindruck. Mit 122 Nummern stellen die Hausinschriften die größte Gruppe dar, gefolgt von den Grabinschriften mit 117 Denkmälern. Neben dem regionalhistorischen Quellenwert bietet das Material interessante Einblicke in die Ablösung des Niederdeutschen durch das Hochdeutsche.
  312. Walter Koch


    {S. 274}

  313. Die Inschriften des Rems-Murr-Kreises, gesammelt und bearb. von Harald Drös und Gerhard Fritz, unter Benutzung der Vorarbeiten von Dieter Reichert (Die Deutschen Inschriften 37, Heidelberger Reihe 11) Wiesbaden 1994, Dr. Ludwig Reichert-Verlag, LVIII u. 228 S., 48 Tafeln, ISBN 3-88226-643-0, DEM 110. - Das historisch gesehen uneinheitliche Gebiet dieses württembergischen Landkreises verdankt seine Entstehung der Gebietsreform des Jahres 1973 und besteht im wesentlichen aus den ehemaligen Kreisen Backnang und Waiblingen. Von den 320 Inschriften des Bandes sind noch mehr als zwei Drittel im Original erhalten. 87 Nummern stellen Erstveröffentlichungen dar. Das Material ist auf einige Zentren konzentriert, wobei die Stadt Schorndorf und der Klosterbereich von Murrhardt zahlenmäßig an der Spitze liegen. Trotz der in die Karolingerzeit zurückreichenden Anfänge des Klosters Murrhardt und der großen Bedeutung Waiblingens in salischer und staufischer Zeit setzt die epigraphische Überlieferung erst verhältnismäßig spät - im 13. Jh., sieht man von einer Tympanoninschrift (1170/80) an der Walterichskirche zu Murrhardt ab - ein. Die herausragenden graphischen Fähigkeiten von H. Drös, die von ihm gezeichneten Alphabete und Versalien, kommen der dichten Erörterung der schriftkundlichen Eigenheiten des publizierten Materials im Rahmen des Einleitungsteils in höchstem Maße zugute.
  314. Walter Koch


  315. Hermann Fillitz, Bemerkungen zur Datierung und Lokalisierung der Reichskrone, Zs. für Kunstgeschichte 56 (1993) S. 313-334, 18 Abb., hält gegen M. Schulze-Dörrlamm (vgl. DA 49, 173 ff.) am ottonischen Ursprung der Krone fest und sucht einen Fixpunkt in der Datierungsdebatte durch den Nachweis zu gewinnen, daß das (zum Ersatz für ein älteres hergestellte) Kronenkreuz stilistisch der Zeit Heinrichs II. entstammt. Die Platten möchte er am ehesten um 980 ansetzen und Goldschmieden aus Italien zuweisen, von wo jedenfalls der "sehr traditionsgebundene" Kronentypus herzuleiten sei.
  316. R. S.


    {S. 275}

  317. José Manuel Nieto Soria, Ceremonias de la realeza. Propaganda y legitimación en la Castilla Trastámara, Madrid 1993, Editorial Nerea, 290 S., 8 Abb., ISBN 84-86763-77-0, ESB 2490. - Das Königszeremoniell, welches in der Zeit der Trastámara-Dynastie (1359-1516) für die Herrschaft des durch Krisen geschwächten Königtums besondere Bedeutung gehabt habe, wird systematisch abgehandelt, und zwar recht abstrakt. Regierungsantritt, Geburt, Taufe, Vermählung, Zusammenwirken von König und Adel (Cortes, Ritter), Königsgericht, Liturgie, Tod und Exequien, Empfang des Königs, von Gesandten, Heimkehr des Siegers usw. In den Anmerkungen (S. 217-255) findet man dankbar das Konkrete, Anschauliche.
  318. R. E.


  319. Maria Monica Donato, Testi, contesti, immagini politiche nel tardo Medioevo: esempi toscani, Annali dell'Istituto storico italo-germanico in Trento. Jahrbuch des italienisch-deutschen historischen Instituts in Trient 19 (1993) S. 305-355, versucht, ausgehend vom bekannten Fresko des "Buon governo" im Palazzo Pubblico von Siena, den ideologischen und propagandistischen Hintergrund dieser und ähnlicher Darstellungen zu erkunden. Die darin enthaltene Botschaft entzieht sich offensichtlich in ihrer Vielfalt der Aussagemöglichkeit einer eindeutigen Interpretation.
  320. Josef Riedmann


    3. Politische und Kirchengeschichte des Mittelalters

  321. Peter Segl, Europas Grundlegung im Mittelalter, in: Europa - aber was ist es? Aspekte seiner Identität in interdisziplinärer Sicht, hg. von Jörg A. Schlumberger und Peter Segl (Bayreuther Historische Kolloquien 8) Köln - Weimar - Wien 1994, Böhlau, ISBN 3-412-15293-5, S. 21-43, 1 Karte, hebt in einem weitgespannten Vortrag die Prägung Europas durch historische "Strukturgrenzen" hervor, die sich aus der unterschiedlichen Ausdehnung des Imperium Romanum, der lateinischen und der griechischen Kirche sowie des Karolingerreiches ergaben.
  322. R. S.


    {S. 276}

  323. Peter Schreiner, Byzanz. 2., überarbeitete Aufl. (Oldenbourg Grundriß der Geschichte 22) München 1994, Oldenbourg, XVI u. 260 S., ISBN 3-486-53072-0, DEM 38. - Da der Band bei seinem ersten Erscheinen 1986 im DA unbeachtet blieb, sei diese Zweitauflage zum Anlaß genommen, um darauf hinzuweisen, daß hier ein dichtes, präzise formuliertes Kompendium der byzantinischen Geschichte vorliegt. Neben den politischen Vorgängen kommt darin betont die Entwicklung von Verfassung, Wirtschaft und Gesellschaft zur Sprache, wobei immer wieder auch die spezifische Quellenproblematik reflektiert wird. Bemerkenswert sind ferner die starke Berücksichtigung der Periode nach 1204 und die gleichgewichtige Behandlung des Verhältnisses zum Okzident wie zum sonstigen ethnisch-politischen Umfeld. Das Buch ist seiner Bestimmung gemäß bestens geeignet zur raschen Orientierung von Anfängern, vermag aber im mittleren Teil über "Grundprobleme und Tendenzen der Forschung" auch zum allgemein-mediävistischen Vergleich über Phänomene wie Feudalismus oder Zentralismus anzuregen. Sehr zu begrüßen ist die aktuelle, in der 2. Auflage von 670 auf 964 Titel angewachsene Bibliographie.
  324. R. S.


    {S. 276}

  325. Ralph-Johannes Lilie, Byzanz. Kaiser und Reich (Böhlau Studienbücher, Grundlagen des Studiums) Köln - Weimar - Wien 1994, Böhlau, 277 S., 5 Karten, 2 Listen, ISBN 3-412-00394-8, DEM 39,80. - Das Studienbuch soll Einführung und erste Orientierung für mit Byzanz nicht vertraute Studenten sein und zugleich dazu anregen, die Rolle des tausendjährigen Reiches für die Geschichte des Abendlandes besser verständlich zu machen. In einem ersten Teil führt der Autor in ideologische Grundlagen wie das Verhältnis von Kaiser, Kirche, Verwaltung und Aristokratie ein. Besonders fruchtbar sind die regelmäßigen Hinweise auf Unterschiede zur Entwicklung im Westen und die Kritik festgefahrener Lehrmeinungen und Schlagwörter. Der zweite Teil erläutert die Beziehungen zur Außenwelt und die politische Geschichte in chronologischer Übersicht. Die dichte und sehr präzise Synthese teilt die Gesamtentwicklung in verschiedene Phasen, die die Eigenart byzantinischen Selbstverständnisses und die wechselseitige Beziehung zum Abendland mit allen Facetten zwischen Vorbild und Konkurrenz bis zum Triumph des Westens deutlich werden lassen. Im Anhang bringt der Autor einen kurzen Abriß des Byzanzbildes in Europa, das auch für die griechische Geschichtsschreibung weitgehend vom Idealbild der Antike verdrängt worden ist. Knappe und übersichtliche Karten (bei denen die Legende nicht ganz vollständig ist) erleichtern das Verständnis der sehr dichten Darstellung. Um aber die weitere Beschäftigung mit Byzanz zu erleichtern, hätte man sich dennoch eine ausführliche Bibliographie gewünscht.
  326. D. S.


    {S. 276-278}

  327. Ethnogenese und Überlieferung. Angewandte Methoden der Frühmittelalterforschung, hg. von Karl Brunner und Brigitte Merta (Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 31) München 1994, Oldenbourg, 310 S., zahlr. Abb., ISBN 3-486-64831-4, DEM 98. - Der mit einer etwas verklausulierten Widmung an Herwig Wolfram versehene und jedenfalls deutlich auf die Forschungsinteressen des Direktors des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung ausgerichtete Sammelband enthält: Walter Pohl, Tradition, Ethnogenese und literarische Gestaltung: eine Zwischenbilanz (S. 9-26), beleuchtet kritisch die neuere Methodendiskussion um den Umgang mit erzählenden Quellen über die werdenden Völker. - Gerhard B. Ladner, Über einige Grundzüge der Symbolik und Mythologie der Kelten (S. 27-58, 33 Abb.), macht den "Versuch einer Zusammenschau von Wesentlichem" an Hand ausgewählter gallischer und irischer Quellen und Denkmäler. - Bernard S. Bachrach, The Hun Army at the Battle of Chalons (451): An Essay in Military Demography (S. 59-67), kalkuliert auf hunnischer wie römischer Seite jeweils etwa 40 000 bis 50 000 aufgebotene Krieger von recht heterogener Herkunft. - Bettina Pferschy-Maleczek, Heilbäder und Luftkurorte im ostgotischen Italien. Zur Bewertung der Krankheit am Übergang von der Antike zum Mittelalter (S. 68-94), gibt einen Überblick des antik-römischen Bäderwesens und prüft seinen Fortbestand im 6. Jh., vornehmlich nach dem Zeugnis Cassiodors. - Christian Rohr, Überlegungen zu Datierung und Anlaß des Theoderich-Panegyricus (S. 95-106), setzt den MGH Auct. ant. 7 S. 203-214 edierten Text des Ennodius (demnächst gesondert in MGH Studien und Texte) ins Jahr 507, hält statt eines mündlichen Vortrags die schriftliche Einreichung am Hof für wahrscheinlicher und vermutet als Anlaß eine Intervention zugunsten des Hofbeamten Faustus Iunior niger. - Jean Durliat, De l'ethnogenèse à la Staatsgenese. À propos du monnayage germanique (S. 107-116), unterstreicht die staatstheoretische Bedeutung der Münzprägungen im eigenen Namen, die barbarische Herrscher des 6. Jh. begannen. - Andreas Schwarcz, Überlegungen zur Chronologie der ostgotischen Königserhebungen nach der Kapitulation des Witigis bis zum Herrschaftsantritt Totilas (S. 117-122), rückt die Ermordung König Hildebads erst ans Ende des Jahres 541 und diejenige seines Nachfolgers Erarich in die Mitte 542. - Johann Weißensteiner, Cassiodors Gotengeschichte bei Gregor von Tours und Paulus Diaconus? Eine Spurensuche (S. 123-128), verneint in beiden Fällen die (gelegentlich vermutete) Kenntnis des verlorenen Werkes. - Jörg Jarnut, Gregor von Tours, Frankengeschichte II, 12: Franci Egidium sibi regem adsciscunt (S. 129-134), glaubt, daß die Franken zwischen 457 und 463 den römischen magister militum Aegidius statt des Merowingers Childerich als König anerkannt haben könnten. - Georg Scheibelreiter, Von der Aneignung des Heiligen. Ein weiterer Versuch über das 7. Jahrhundert (S. 135-156), reflektiert den Umgang mit der Wirklichkeit in den beiden zeitgenössischen Viten Leodegars von Autun († 679). - Joachim Jahn, Bischof Arbeo von Freising und die Politik seiner Zeit (S. 157-162), hebt Arbeos Loyalität zu Herzog Tassilo und sein Bemühen um Diözesanhoheit durch Erwerb möglichst vieler Kirchen hervor. - Brigitte Pohl-Resl, Ethnische Bezeichnungen und Rechtsbekenntnisse in langobardischen Urkunden (S. 163-171), diskutiert die spärlichen Belegstellen mit dem Ergebnis, daß in echten Urkunden vor 774 keine professio legis vorkommt und daß ausdrückliche ethnische Zuweisungen von Personen nicht selten im Widerspruch zum namenkundlichen Befund stehen. - Brigitte Merta, Durchsetzung von Besitzansprüchen: zu Triers Streit um Mettlach und St. Goar (S. 172-179), behandelt die Gerichtsurkunde D. Kar. I 148 wohl von 782/83 und ihre Hintergründe. - Erich Reiter, Mondseer Annalen in Exzerpten des bayerischen Humanisten Aventin (1477-1534) (S. 180-188), druckt die gelegentlich erörterten, aber nie edierten Auszüge über die Jahre 508 bis 812 nach clm 1201 Fasz. I ab. - Ian Wood, Missionary Hagiography in the Eighth and Ninth Centuries (S. 189-199), beobachtet (nicht ganz unbekannte) literarische Beziehungen und perspektivische Unterschiede in den Viten vornehmlich des Bonifatius-Kreises. - Anton Scharer, Zu drei Themen in der Geschichtsschreibung der Zeit König Alfreds (871-899) (S. 200-208), liest an der Angelsächsischen Chronik, an Assers De rebus gestis Aelfredi sowie an Alfreds Gesetzen und Übersetzungen Kennzeichnendes über die Vorherrschaft des Königs unter den Angelsachsen, über das Postulat gerechter Regierung und über das Ideal der Treue zwischen Herrn und Mann ab. - Peter Štih, Priwina: slawischer Fürst oder fränkischer Graf? (S. 209-222), möchte den geflohenen Widersacher des Mährers Mojmir wegen seiner Abhängigkeit von Ludwig dem Deutschen eher in der Rolle eines fränkischen Beauftragten in Unterpannonien sehen. - Fritz Lošek, Non ignota canens? Bemerkungen zur Chronik ("Historia") des Frechulf von Lisieux (S. 223-231), befaßt sich vorwiegend textkritisch mit ausgewählten Stellen, darunter auch solchen der Widmungsbriefe (MGH Epp. 5 S. 317 ff. Nr. 13, 14) und des Widmungsgedichts (MGH Poetae 2 S. 669 f. Nr. 23). - Heinrich Fichtenau, "Stadtplanung" im früheren Mittelalter (S. 232-249), verbindet gedankenreich die verschiedensten Quellenzeugnisse über die kirchliche Topographie bischöflicher civitates sowie zur antiken Tradition der Stadtgründung (nach ruhmreichen Vorbildern). - Karl Brunner, Serio et ioco festivus. Scherz, Didaktik und Tradition (S. 250-255), erklärt das Waltharius-Epos für unvereinbar mit dem im St. Gallen des frühen 10. Jh. zu unterstellenden Hunnen/Ungarn-Bild und reiht dann heitere Stellen bei Notker, Ekkehard IV. sowie Froumund von Tegernsee auf. - Patrick J. Geary, Imperial Memory in Eleventh Century Provence (S. 256-263), führt den Bericht des Chronicon Novaliciense, Appendix c. 11 (ed. Cipolla S. 299 f.) über die Aufdeckung eines Prunkgrabes des römischen Kaisers Maximian († 310) in Marseille um 1050 literarisch auf die Passio Acaunensium martyrum zurück und sieht in der wohl falschen Identifizierung des Toten den Ausdruck eines bemerkenswerten lokalen Geschichtsbewußtseins. - Rajko Brato_, Die antike Geschichte des Gebietes zwischen Donau und Adria in den Vorstellungen der mittelalterlichen Autoren (S. 264-292), verzeichnet, nicht immer nach den maßgeblichen Ausgaben, mehr als 70 byzantinische und lateinische Werke chronikalischen Zuschnitts aus dem 7. bis 15. Jh. und konstatiert eine von wenigen spätantiken Vermittlern bestimmte Nachrichtenauswahl. - Evangelos Chrysos, Perceptions of the International Community of States During the Middle Ages (S. 293-307), setzt sich vergleichend mit älteren und neueren Ansichten über ma. Völkerrecht, eine Hierarchie der Herrscher und Reiche, die "Familie der Könige" u.ä. auseinander.
  328. R. S.


    {S. 278-279}

  329. Kenneth Rainsbury Dark, Civitas to Kingdom. British Political Continuity 300-800 (Studies in the Early History of Britain, hg. von Nicholas Brooks) Leicester - London - New York 1994, Leicester University Press, XIV u. 322 S., 61 Abb. u. Skizzen, ISBN 0-7185-1465-3, GBP 42,50. - Der als Archäologe ausgewiesene Vf. gibt aufgrund aktueller Grabungsergebnisse einen Überblick über die Entwicklung der britischen Provinzen im frühen MA. Im Mittelpunkt steht dabei das Nachleben römischer Kultur bei den Briten; die Angelsachsen - 1989 in der gleichen Reihe behandelt (vgl. DA 47, 277) - hätten im 5. Jh. nur einen kleinen Teil des späteren England besetzt und erst im 7. Jh. die Briten auf Wales und Cornwall beschränkt. Die Lösung der britischen Provinzen vom Imperium um 410 habe im Zeichen eines militanten Christentums, geprägt durch Martin von Tours, und einer Bauernrevolte (Bagauden) gestanden. Der Wegfall von Reichsheer, -steuern, -bürokratie und -aristokratie habe es lokalen Machthabern ermöglicht, eine christliche Volkskultur zu entfalten, welche bis zum 7. Jh. stark römisch geprägt gewesen sei. Einen allgemeinen Verfall habe es nicht gegeben, sondern die bei Grabungen oft gefundene schwarze Schicht könne auch fortdauernde Nutzung beweisen (S. 15-18), Teppiche könnten die Mosaiken abgelöst haben. Die Klasse I der britischen Grabstelen mit metrischen Inschriften (S. 181 u. Abb. 46A, S. 267-269) und Gildas, vorsichtig im frühen 6. Jh. im Königreich Durotrigan vermutet (S. 259-266), würden eine lateinische Hochkultur beweisen. Sogar der Vergilius Romanus (Vat. Lat. 3867) könne wegen seiner Miniaturen, die u.a. eine nur in Britannien übliche Schildform zeigen, dort entstanden sein (S. 184-191). Bergbefestigungen würden auf Planung durch örtliche reges hinweisen. Bemerkenswert ist Karte 57 (S. 247), welche Britannien neben Byzanz als einziges römisches Restgebiet zeigt. Dabei gibt der Autor zu, daß keine Münzprägung mehr stattfand, allenfalls noch Münzen umliefen, und daß die Machthaber sich wenig von keltischen Fürsten außerhalb der ehemaligen Provinz unterschieden. Trotzdem überdecken Kontinuitäten der Volkskultur für den Vf. offenbar den gravierenden Unterschied, den das Fehlen von Kaiser, Reichsverwaltung und -kirche in Britannien gegenüber Byzanz bedeutet. Knapp erörtert werden Parallelen und Unterschiede der britischen Entwicklung gegenüber Gallien, Spanien, Italien, Afrika, Ägypten, Syrien und Byzanz aufgrund neuerer englischsprachiger Monographien. Die grundsätzliche Kritik des Vf. an Klimaveränderungen, ökonomischen, demographischen oder militärischen Erklärungen des Wandels von der Antike zum MA und seine Ansätze, archäologische Befunde für gesellschaftlichen Wandel auszuwerten, machen die Lektüre allemal gewinnbringend.
  330. K. B.


    {S. 279-280}

  331. Gottfried Schramm, Anfänge des albanischen Christentums. Die frühe Bekehrung der Bessen und ihre langen Folgen (Rombach Wissenschaft: Reihe Historiae 4) Freiburg im Breisgau 1994, Rombach Verlag, 270 S., Abb., Karten, ISBN 3-7930-9083-3, DEM 90. - Aufbauend auf seine früheren Untersuchungen zur Umwandlung der ethnischen Landkarte Südosteuropas in Spätantike und Früh-MA legt Sch. einen Entwurf der Ethnogenese der Albaner vor. Gegen die auch von anderen Forschern bestrittene Autochthonie der Albaner sprechen sowohl linguistische Gründe als auch das Fehlen von historischen Quellenzeugnissen in einer Region mit einer relativ guten Überlieferungslage. Zwei Hauptargumente verweisen auf eine Herkunft der Albaner aus dem Gebirge im heutigen serbisch-makedonisch-bulgarischen Grenzgebiet: Nur das auf Hochgebirgsweidewirtschaft bezogene Vokabular enthält keine slavischen und griechischen Entlehnungen; die zahlreichen sprachlichen Berührungspunkte zwischen Albanisch und Rumänisch lassen auf ein zeitweiliges Miteinander von Albanern und "Urrumänen" schließen, das am ehesten in diesem Raum zu postulieren ist. In der Spätantike lebten hier die Bessen. Sch.s Anliegen ist nun zu zeigen, daß die Bessen die Vorfahren der Albaner waren: Sie wurden, wie bezeugt ist, im 4. Jh. christianisiert und erhielten, wie Sch. annimmt, analog zu den Goten Ulfilas eine eigene Kirchensprache und Schrift. Erst unter dem Druck der Bulgaren wurde der eine Teil der Bessen assimiliert, der andere zog nach Westen auf byzantinisches Territorium in das Gebiet von Arbanon. An die Stelle des alten Ethnonyms trat der vom Horonym abgeleitete neue Name. Kirchensprache und Schrift gingen verloren; eine Reihe von erhaltenen Einzelzeugnissen lassen sich mittelbar darauf zurückführen. Diese Rekonstruktion bleibt, weil sie auf eine Kette nicht durch Quellen belegter Voraussetzungen aufbaut, in vielem hypothetisch; doch dürfte es kaum möglich sein, den Ansatz in seinen Grundlinien zu falsifizieren.
  332. Ludwig Steindorff


    {S. 280}

  333. Franziska E. Shlosser, The Reign of the Emperor Maurikios (582-602). A reassessment (Historical Monographs 14) Athen 1994, Basilopoulos, 189 S., ISBN 960-7100-78-6. - Diese Monographie, ursprünglich eine kanadische Diss., aus der schon wiederholt angezeigten Reihe wendet sich dem 602 im Verlaufe eines Putsches umgekommenen byzantinischen Kaiser zu. Nach einer Analyse der einschlägigen Quellen untersucht die Vf. zunächst die Umgebung des Kaisers bei Hofe, seine Beziehung zur Kirche und zu ausländischen Mächten (darunter auch den Franken), bevor sie eine umfassende Analyse der Armee zu dieser Zeit unternimmt sowie der Verwaltung des Staates. Alles in allem stellt S. dem glücklosen Herrscher ein "gutes Zeugnis" aus als dem fähigsten von Justinians Nachfolgern auf dem byzantinischen Thron, der jedoch nicht in der Lage war, die unter seinen Vorgängern eingetretenen Mißstände abzuschaffen, und die Armee falsch einschätzte. In den nachfolgenden Jahrhunderten wurde dagegen die Herrschaft des Maurikios glorifiziert. Ein Namenregister beschließt den Band.
  334. M. S.


    {S. 280}

  335. Ilse Rochow, Kaiser Konstantin V. (741-775). Materialien zu seinem Leben und Nachleben. Mit einem prosopographischen Anhang von Claudia Ludwig, Ilse Rochow und Ralph-Johannes Lilie (Berliner Byzantinistische Studien 1) Frankfurt am Main u.a. 1994, Peter Lang, XXVII u. 253 S., ISBN 3-631-47138-6, DEM 89. - Die Autorin dieser seit 1902 ersten neueren Monographie über einen zu Unrecht fast nur als "Bilderstürmer" bekannten oströmischen Herrscher behandelt die Themen Familie und Privatleben des Kaisers, seine Innen-, Religions- und Kirchenpolitik, sehr ausführlich die Außenpolitik und schließlich die Rezeptionsgeschichte, mit einem Überblick auch über das Bild Konstantins in der Belletristik seit dem frühen 19. Jh. Ein Anhang enthält die überlieferten Fragmente aus den "Peuseis" (theologischen Propagandaschriften des Kaisers), eine Zeittafel, eine genealogische Tafel und - alphabetisch angeordnet - eine zeitgenössische Prosopographie. In ihrer Zurückhaltung gegenüber den oft tendenziösen Quellenangaben zur bilder- und reliquienfeindlichen sowie zur antimonastischen Politik Konstantins (S. 56-70) erweist sich die Vf. ebenso auf dem Stand der Forschung wie in dem für Leser des DA besonders relevanten Kapitel über Konstantins Westpolitik (S. 105-122). Mit Recht betont sie (S. 119), daß weniger der (zu oft überbewertete) Ikonoklasmus die Hinwendung des Papsttums zu den Franken bewirkte als vielmehr die Unfähigkeit Ostroms - wegen militärischer Bindung an den Fronten Kleinasiens und des Balkans - den Päpsten Schutz zu garantieren. Ein nüchternes, gediegenes, bei aller Vielseitigkeit ausgewogenes Buch!
  336. Franz Tinnefeld


    {S. 281}

  337. Alain Stoclet, Autour de Fulrad de Saint-Denis (v. 710-784) (Ecole Pratique des Hautes Etudes: Hautes Etudes Médiévales et Modernes 72), Genf 1993, Librairie Droz, 695 S., keine ISBN. - Der enge Vertraute Pippins, dessen Mission in Rom zur Königserhebung von 751 wesentlich beitrug und mit der Abtei Saint-Denis belohnt wurde, erfuhr seine letzte monographische Behandlung 1902 durch J. Dubruel. Der vorliegende, auf breiter Quellen- wie Literaturbasis gearbeitete Band will, wie schon der Titel andeutet, keine Biographie im eigentlichen Sinne liefern, sondern steht in erklärter Auseinandersetzung mit Josef Fleckenstein (Fulrad von Saint-Denis und der fränkische Ausgriff in den süddeutschen Raum, Forschungen zur oberrheinischen Landesgeschichte 4, 1957) unter der Fragestellung: "Comment Fulrad s'y prend-il pour constituer le patrimoine qu'il lèguera ensuite à Saint-Denis?" (S. 3). Dies ist zweifellos eine interessante Frage, denn Fulrad gelangte zu Ruhm nicht zuletzt durch seinen umfangreichen Eigenbesitz, der durch verschiedene Klostergründungen zur Ausstrahlung der karolingischen Herrschaft beitrug. So geht St. von Fulrads erhaltenem Testament sowie seinen interpolierten Fassungen aus und klärt die Zusammenhänge; in weiteren Kapiteln setzt er sich mit den Thesen von Fleckenstein (u. a.) auseinander und betont, daß die austrasische Reichsaristokratie nicht nur als loyaler und homogener Block hinter den Karolingern betrachtet werden darf, sondern durchaus auch als deren Rivalin mit eigenen Interessen. St. wendet sich zudem gegen eine Sicht, die Fulrads Maßnahmen allzu planmäßig und en detail vorausberechnet wertet. In den folgenden Kapiteln stellt er Fulrads Erwerbungspolitik im Moselraum, im Elsaß, Breisgau, in Alemannien und in Bayern dar. Das achte Kapitel ist genealogischen Fragen rund um Fulrad gewidmet. Eine ausgiebige Zusammenfassung dieser detaillierten Untersuchung sowie ein Register runden den Band ab, dessen Inhalt eine Anzeige an dieser Stelle natürlich kaum adäquat zusammenfassen kann. Die Thesen werden sicherlich zur Diskussion Anlaß geben.
  338. M. S.


    {S. 281-282}

  339. 794 - Karl der Große in Frankfurt am Main. Ein König bei der Arbeit. Ausstellung zum 1200-Jahre-Jubiläum der Stadt Frankfurt am Main, hg. von Johannes Fried, Rainer Koch, Liselotte E. Saurma-Jeltsch und Andreas Thiel, Sigmaringen 1994, Thorbecke Verlag, 184 S., zahlreiche Abb., ISBN 3-7995-1204-7, DEM 38. - Die erste urkundliche Nennung von "Franconofurt" in einer Urkunde Karls des Großen von 794 und die berühmte, ebenda abgehaltene Synode war der Anlaß für mehrere Publikationen zum Stadtjubiläum, wozu nicht zuletzt der vorliegende mit zahlreichen Photos von sehr guter Qualität ausgestattete Katalog gehört, auf den hier leider nur kurz hingewiesen werden kann: Nach dem einleitenden Essay von Johannes Fried werden die Ausstellungsobjekte unter neun thematischen Schwerpunkten von namhaften Vertretern des Faches präsentiert mit knapper, auf ein breiteres Publikum zugeschnittener Einleitung und anschließenden Einzelbeschreibungen (mit Literaturangaben). Die Themen sind: I. Pfalz (Egon Wamers), II. Quellen (Hubert Mordek; Herrad Spilling), III. Adoptianismus (Matthias Th. Kloft), IV. Bilderstreit und karolingische Bildtheologie (Andreas Thiel; Lieselotte E. Saurma-Jeltsch), V. Tassilo (Johannes Fried; Egon Wamers), VI. Münze, Maß und Gewicht (Harald Witthöft), VII. Kirchenrecht (Hubert Mordek), Kirchenbau (Renate Köchling-Dietrich), Reliquien, Liturgica (Matthias Th. Kloft; Egon Wamers), VIII. Mönchtum (Matthias Th. Kloft) und IX. Volksfrömmigkeit (Horst Dieter Schlosser).
  340. M. S.


    {S. 282}

  341. Richard E. Sullivan, Christian Missionary Activity in the Early Middle Ages (Collected Studies Series CS 431) Aldershot 1994, Variorum, X und 265 S. ohne durchgehende Paginierung, ISBN 0-86078-402-9, GBP 42,50. - Nur sechs, aber dafür recht umfangreiche, in den Jahren 1953 bis 1979 veröffentlichte Beiträge zu karolingischer wie päpstlicher Mission und zur Christianierung Bulgariens werden hier in einem thematisch recht geschlossenen Band präsentiert.
  342. M. S.


    {S. 282}

  343. Lubomír Košnar, Severní Evropa v raném st_edov_ku a vikinská expanze [mit einer Zusammenfassung: Nordeuropa im frühen Mittelalter und die Wikingische Expansion] (Studia mediaevalia Pragensia 3) Praha 1992, Karolinum, 217 S. mit 49 Abb. und Karten, ISBN 80-7066-732-X. - Die im Grunde archäologische Arbeit ist auch für den Frühmittelalterforscher von Interesse, da dem archäologischen Hauptteil nicht nur ein guter historischer Überblick vorausgeschickt wird, sondern die wikingische Expansion in fast alle Himmelsrichtungen auch aufgrund der schriftlichen Quellen geschildert wird. Die fast achtseitige Bibliographie bietet freilich nicht mehr als eine Auswahl.
  344. Ivan Hlavá_ek


  345. Karl Ferdinand Werner, Von den "Regna" des Frankenreichs zu den "deutschen Landen", Zs. für Literaturwissenschaft und Linguistik 94 (1994) S. 69-81, faßt prägnant die neuere Reflexion über die ethnische Struktur des Frankenreiches und seiner Nachfolgestaaten zusammen, wobei besonderes Augenmerk den Konsequenzen für das Problem der "Personalität" des Rechts gilt.
  346. R. S.


  347. Rudolf Hiestand, Arnulf von Kärnten, der Basileus Leon VI., der hl. Dionysius und St. Emmeram in Regensburg, Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 133 (1993) S. 7-15, entnimmt der Translatio s. Dionysii Areopagitae c. 25 (MGH SS 11 S. 365) die glaubwürdige Nachricht von einem goldgewirkten Tuch, das Arnulf 894 oder 896 von einer byzantinischen Gesandtschaft zum Geschenk gemacht wurde und nach seinem Tode anscheinend in den Besitz von St. Emmeram in Regensburg überging.
  348. R. S.


  349. Rudolf Hiestand, Pressburg 907. Eine Wende in der Geschichte des ostfränkischen Reiches?, Zs. für bayerische LG 57 (1994) S. 1-20, bejaht die im Titel gestellte Frage, indem er anhand der Diplome Ludwigs des Kindes nachweist, daß seit der Schlacht von Preßburg die weltlichen bayerischen Großen schlagartig aus der Umgebung des Königs verschwanden und die dominierende Stellung, die bislang der bayerische Markgraf eingenommen hatte, nunmehr auf die Konradiner überging. Gleichzeitig taucht Bayern auch nicht mehr im Itinerar Ludwigs auf. Hinsichtlich der Entwicklung von einem ostfränkischen zu einem deutschen Reich erweise sich Preßburg als "weit mehr denn eine militärische Niederlage und der Untergang eines großen Teils der bayerischen Führungsschicht" (S. 18). In einem "Exkurs zur Königswahl Arnulfs" (S. 19-20) stellt H. abschließend fest, daß man "mindestens von Königsplänen Arnulfs" sprechen könne.
  350. A. G.


    {S. 283}

  351. Joachim Ehlers, Die Entstehung des deutschen Reiches (Enzyklopädie deutscher Geschichte 31) München 1994, Oldenbourg, VIII u. 152 S., ISBN 3-486-55740-8, DEM 68 (Ln.), DEM 29,80 (kart.). - Entschiedener als andere Bände der Reihe nimmt dieser von vornherein eine Interpretation von Geschichte ins Visier und beginnt mit dem einprägsamen Satz: "Die Rede vom deutschen Reich des Mittelalters ist ein Mythos" (S. 3). Demgemäß widmet sich der "Enzyklopädische Überblick" (S. 3-62) weniger der komprimierten Darbietung historischer Sachverhalte als der kritischen Beleuchtung der einzelnen Betrachtungsebenen, die zu der Vorstellung von der Entstehung eines Reiches der Deutschen im 9./10. Jh. miteinander verbunden worden sind. Dazu gehören politische Leitbilder des 19./20. Jh. ebenso wie die Analysen der Auflösung des Karolingerreiches und einer Reichsverfassung in ottonisch-salischer Zeit, das Geschichtsbild und die Terminologie der zeitgenössischen Quellen wie auch die Genese des deutschen Volksnamens und der deutschen Sprache, schließlich die vergleichende Charakterisierung des Reiches im gesamteuropäischen Rahmen. Als roter Faden der Überlegungen, die dann im gleichermaßen aufgebauten zweiten Teil über "Grundprobleme und Tendenzen der Forschung" (S. 63-110) an Hand der Literatur weiter spezifiziert und abgesichert werden, ergibt sich, daß der am karolingischen Erbe partizipierende und auf mindestens vier eigenständige Regna gestützte ostfränkische Reichsverband im 10. Jh. durch die Relativierung des nachkarolingischen Königtums und dessen anschließende Überhöhung zur römischen Kaiserwürde einem substantiellen Wandel unterlag, der einer supragentilen "deutschen" Ethnogenese zuwiderlief und einen solchen Prozeß auch in späteren Jahrhunderten im "internationalen" Maßstab nur in eingeschränkter und verzögerter Form zuließ. Das Buch trägt damit präzise dem jüngsten Diskussionsstand Rechnung und dürfte zugleich weitere Reflexionen anregen, wozu im 2. Teil auch wiederholt explizite Hinweise gegeben werden. Nicht von gleicher Güte ist das nach einer Bibliographie von 431 Titeln am Schluß gebotene Register, in dem u.a. nebeneinander "Adalbert von Magdeburg" und "Adalbert von Weißenburg", "Brun (hl.)" und "Brun von Köln, Erzbischof", "Karl der Kahle" und "Karl II., westfränkischer König" figurieren, dafür aber hinter "Ludwig III., der Jüngere" sowohl der westfränkische wie der ostfränkische verborgen ist.
  352. R. S.


    {S. 283-284}

  353. John W. Bernhardt, Itinerant Kingship and Royal Monasteries in Early Medieval Germany c. 936-1075 (Cambridge Studies in Medieval Life and Thought. Fourth Series 21) Cambridge 1993, Cambridge University Press, XIX u. 376 S., 11 Karten, ISBN 0-521-39489-9, GBP 45. - B. baut auf den Vorarbeiten von Rieckenberg, Metz und letztens Müller-Mertens und seinen Schülern sowie dem Standardwerk Brühls zum Servitium Regis auf und führt ihre Ansätze konsequent weiter. Seine Frage ist die nach der Rolle und Funktion der Reichsabteien und -stifte in Sachsen, Westfalen, Hessen und Thüringen im Itinerar der Ottonen und Salier. Grundlegende methodische Überlegungen führen ihn zu der im Grunde selbstverständlichen, aber in der Itinerarforschung bisher fast durchweg mißachteten Einsicht, daß nicht nur die Reichsklöster selber als Itinerarstationen ins Auge gefaßt werden müssen, sondern auch die von ihnen abhängigen Propsteien und weltlichen Außenstellen. Im Falle so zentral gelegener Klöster wie Hersfeld und Fulda (dazu S. 235-289) bedeutet dies, daß sich zwischen der Wetterau und dem westlichen Thüringen ein dichtes Netz von Itinerarstationen im Besitz dieser beiden Abteien befand, daß die Herrscher also praktisch lückenlos das Servitium dieser Klöster beanspruchen konnten, wenn sie von Frankfurt in den Nordosten des Reiches unterwegs waren. Im Falle des Hellwegs gelingt es B. nachzuweisen, daß zwischen Duisburg und Corvey ebenfalls eine praktisch lückenlose Abfolge von Reichsklöstern und Bischofsstädten bzw. ihren Außenstellen das Servitium erbrachte (dazu S. 177-210). Neben diesen vor allem systematisch interessanten Ergebnissen stehen punktuelle Überlegungen zu und Einsichten in sattsam bekannte Quellen zum Servitium Regis, etwa zu denen Werdener oder Fuldaer Provenienz (S. 181-190 bzw. 265-282), unter denen der Hinweis auf die möglicherweise einzige wörtliche Übertragung des italienischen Begriffes "fodrum regis" in das Deutsche ("konigesphuter") in einer Fuldaer Quelle hervorzuheben ist (S. 279-281). - Die Arbeit ist durchweg solide gearbeitet, macht von der umfangreichen deutschen Literatur überzeugend Gebrauch und stellt einen wesentlichen Beitrag zur Erforschung der herrschaftspraktischen Aspekte des ottonisch-salischen Reichskirchensystems dar.
  354. Thomas Vogtherr


    {S. 284-285}

  355. Politik und Heiligenverehrung im Hochmittelalter, hg. von Jürgen Petersohn (Vorträge und Forschungen 42) Sigmaringen 1994, Thorbecke Verlag, 652 S., 13 Abbildungen, ISBN 3-7995-6642-2, DEM 196. - Der Band umfaßt die Ergebnisse zweier Reichenau-Tagungen im Oktober 1990 und März 1991. Im ersten Abschnitt, "Theologische und rechtliche Grundlagen", gibt Arnold Angenendt, Der Heilige: auf Erden - im Himmel (S. 11-52), einen ausführlichen Abriß der Umgestaltung, Bedeutung und Rolle der Heiligen von der Antike bis zur Reformation und Aufklärung. - Hans-Jürgen Becker, Der Heilige und das Recht (S. 53-70), zeigt wegen mangelnder Vorarbeiten nur einige Kontaktpunkte zwischen Recht und Heiligen. - In bezug auf "Die Universalgewalten" betont Bernhard Schimmelpfennig, Heilige Päpste - päpstliche Kanonisationspolitik (S. 73-100), wie die päpstliche Kanonisationspolitik eine bedeutendere Rolle spielte als die Verehrung von heiliggesprochenen Päpsten. - Jürgen Petersohn, Kaisertum und Kultakt in der Stauferzeit (S. 101-146), stellt zuerst die Abwesenheit echter dynastischer Heiliger für das ganze Reich fest und analysiert die sechs "Kultakte" (liturgische Verehrung Karls d. Gr., der hl. Elisabeth usw.) der staufischen Kaiser, die in der Folge im Spät-MA als Muster grundlegend blieben. - Im dritten Abschnitt, "Die monarchischen Herrschaftsverbände des lateinischen Europa", untersucht Joachim Ehlers, Politik und Heiligenverehrung in Frankreich (S. 149-175), zwei mißlungene Versuche in der Normandie und in Saint-Martial de Limoges, "politische" Kulte einzusetzen. - Klaus Herbers, Politik und Heiligenverehrung auf der Iberischen Halbinsel. Die Entwicklung des "politischen Jakobus" (S. 177-275), bietet eine breite und schlüssige Darstellung des Jakobuskultes und seiner Bedeutung in der historischen Entwicklung des spanischen Nationalgefühls bis zur Neuzeit. - Erich Hoffmann, Politische Heilige in Skandinavien und die Entwicklung der drei nordischen Reiche und Völker (S. 277-324), Aleksander Gieysztor, Politische Heilige im hochmittelalterlichen Polen und Böhmen (S. 325-341), und Gabor Klaniczay, Königliche und dynastische Heiligkeit in Ungarn (S. 343-361), behandeln Gebiete, in denen Bekehrung, Heiligsprechung des Königs und Durchsetzung einer königlichen Dynastie (mit Ausnahme Polens) oft zusammengehörten. - Im Abschnitt "Der orthodoxe Osten" zeigen Peter Schreiner, Aspekte der politischen Heiligenverehrung in Byzanz (S. 365-383), und Rosemary Morris, The Political Saint in Byzantium in the tenth and eleventh Centuries (S. 385-402), die einflußreiche Rolle der am Hof tätigen "holy men". - Andrzej Poppe, Politik und Heiligenverehrung in der Kiever Rus. Der Apostelgleiche Herrscher und seine Märtyrersöhne (S. 403-422), schildert die Figuren von Boris und Gleb, beide als heilige Märtyrer verehrte Söhne von Vladimir, der die Bekehrung der Kiever Rus bewirkte. - Frank Kämpfer, Herrscher, Stifter, Heiliger. Politische Heiligenkulte bei den orthodoxen Südslaven (S. 423-445), betont den Anspruch der herrschenden Nemanjaden, eine Dynastie von Heiligen (etwa wie die Arpaden) darzustellen. - Im letzten Abschnitt, "Regionen und Städte", bietet Matthias Werner, Mater Hassiae-Flos Ungariae-Gloria Teutoniae. Politik und Heiligenverehrung im Nachleben der hl. Elisabeth von Thüringen (S. 449-540), ein überzeugendes Beispiel der Verflechtung der verschiedensten Kräfte und Interessen (Staufer, herrschende Familie von Hessen und Thüringen, Bettelorden, Deutsches Haus, Arpaden und Anjou von Ungarn), die zur Ausbreitung und Politisierung eines Kultes führen konnten. - Alfons Zettler, Die politischen Dimensionen des Markuskults im hochmittelalterlichen Venedig (S. 541-571), und Paolo Golinelli, Il Comune italiano e il culto del santo cittadino (S. 573-593), untersuchen zwei verschiedene Aspekte der städtischen Heiligen: Einerseits kann Markus als Stadtpatron und unentbehrliche Identifikationsfigur für das venezianische Selbstbewußtsein gelten, andererseits zeigt sich in der Entwicklung der italienischen "Comuni" die Neigung zur Schaffung von Heiligenkulten, in denen sich nicht mehr die ganze Stadt, sondern nur ein oft die Macht anstrebender Teil der Bevölkerung wiedererkannte. - Nach dem Resümee von Jürgen Petersohn, Politik und Heiligenverehrung im Hochmittelalter. Ergebnisse und Desiderate (S. 597-609), schließt diesen erfreulich konzipierten Band ein Personen- und Ortsregister.
  356. Francesco Panarelli


  357. Werner Vogler, Ulrich von Eppenstein, Patriarch von Aquileja und Abt von St. Gallen, und das Kloster Moggio im Friaul, Zs. für Schweizerische Kirchengeschichte 87 (1993) S. 83-103, 3 Karten, stellt das Abbatiat Ulrichs (1077-1121) an den Beginn des "politischen" Zeitalters des im Investiturstreit mehrheitlich kaisertreuen Klosters St. Gallen, also an den Anfang des Niedergangs. Nur gerade in Zeiten seiner Abwesenheit, z.B. zur Ernennung zum Patriarchen von Aquileja durch Heinrich IV. 1086, gelang es den papsttreuen Zähringern und den Äbten der Reichenau, vermehrt Einfluß zu üben. Ulrich behielt auch in Italien seine religiöse Beziehung zu St. Gallen bei, was die Gründung von St. Gallus in Moggio/Moosach und die Einführung der Benediktinerregel deutlich machen. Drei Karten illustrieren die Besitzverhältnisse St. Gallens, der Eppensteiner in Kärnten und der Steiermark sowie des Klosters Moggio.
  358. D. S.


    {S. 285-286}

  359. Lotte Kéry, Die Errichtung des Bistums Arras 1093/94 (Beihefte der Francia 33) Sigmaringen 1994, Jan Thorbecke Verlag, XXXVI u. 464 S., mehrere Abb., ISBN 3-7995-7333-X. - Gegenstand dieser bei Max Kerner in Aachen angefertigten umfangreichen Diss. ist die Verselbständigung der Kirche von Arras gegenüber dem Reichs- und Reimser Suffraganbistum Cambrai, die ein nicht geringes Echo in den Quellen fand. So analysiert die Vf. in einem Teil A (S. 10-144) die verwickelte Überlieferungslage der sog. Gesta Atrebatensium, einer Darstellung, die erwachsen ist aus einem Dossier, welches zusammengestellt wurde aus den zahlreichen zwischen Papst, Erzbischof und Stiftsklerikern von Arras in der Angelegenheit gewechselten Briefen. K. kann aufgrund der einzigen ma. Hs. des späten 11. Jh. (Boulogne-sur-Mer, Bibl. mun. 84) sowie den frühneuzeitlichen Abschriften und Erstdrucken (d'Achéry, Baluze, Sirmond u. a.) mindestens vier Redaktionsstufen dieser Quelle unterscheiden. Eine wohl in Reims entstandene Kurzfassung stellt die in drei Codices Reimser Provenienz überlieferte Schrift De restitutione episcopi in Atrebatensi ecclesia dar, die die Errichtung des Bistums Arras für kirchenrechtliche Verwendung dokumentierte. Teil B des Buches (S. 145-210) bietet dann die kritische Edition der genannten Werke, wobei die Gesta in ihrer umfassendsten Redaktionsstufe präsentiert werden. Mit der Aufarbeitung der komplizierten Quellenlage und ihrer Überlieferung hat K. den Boden bereitet für den darstellenden Teil C (S. 211-417), der die politischen Hintergründe und die kirchenrechtliche Bedeutung der Bistumsgründung untersucht. Sie kommt zu folgenden überzeugenden Ergebnissen, die gar nicht alle im Einzelnen aufgezählt werden können: Die ambivalente Stellung des Reichsbistums Cambrai, zu dessen Bischöfen vom deutschen Herrscher meist landfremde Mitglieder der Hofkapelle ernannt wurden, das aber gleichzeitig zum mächtigen Reimser Metropolitanverband gehörte, begünstigte die Gründung des Bischofssitzes von Arras wie auch das langjährige Schisma, welches nach dem Tode Gerhards II. von Cambrai 1092 ausbrach; entscheidend war aber die Unterstützung Papst Urbans II., der hier die Möglichkeit sah, mit Hilfe eines Präzedenzfalles die alleinige Entscheidungsgewalt über die Bistumsorganisation an das Papsttum zu ziehen. Weitere Faktoren waren der wirtschaftliche Aufschwung von Arras im 11. Jh. mit erheblichem Bevölkerungsanstieg, der den Wunsch nach kirchlicher Selbständigkeit begründete, sowie die Eheaffäre Philipps I. von Frankreich, die seine Handlungsfähigkeit erheblich einschränkte. Die Arbeit, die in ihrem darstellenden Teil auch die einschlägigen Synoden und ihre Argumentation (Reims 1093 und 1094 sowie Clermont 1095), die Rolle der päpstlichen Legaten und die Maßnahmen Urbans II. untersucht, besticht durch ihre enge Verbindung von Quellenanalyse sowie -edition und Darstellung.
  360. M. S.


    {S. 286-287}

  361. Thomas Groß, Lothar III. und die Mathildischen Güter (Europäische Hochschulschriften Reihe III, 419) Frankfurt am Main u.a. 1990, Peter Lang, 350 S., Karten, ISBN 3-631-42399-3, CHF 75. - G. schildert zusammenfassend die komplizierte Geschichte der Mathildischen Güter: die Frühgeschichte der Markgrafen von Canossa, die verschiedenen und widersprüchlichen von Mathilde getroffenen Erbfolgeregelungen, das Schicksal der Güter in der Zeit zwischen dem Abzug Heinrichs V. und der Ankunft Lothars III. Dies alles dient als Hintergrund zu einer sehr ausführlichen Untersuchung des ersten Italienzugs Lothars III. Neu daran ist vor allem die Feststellung, Lothar habe schon vor der Kaiserkrönung erhebliche Zeit und Energie auf die Inbesitznahme der Mathildischen Güter verwendet. Die weitere Geschichte in der Spätzeit Lothars und unter Konrad III. und Friedrich I. wird nur kurz zusammengefaßt. Weit mehr als die Hälfte der Diss. besteht aus Urkundeneditionen und -regesten: ein Verzeichnis aller ,canusinischen Güter' (S. 144-282), d.h. aller Ortschaften (möglichst mit Identifizierungen und Angaben der modernen Namensformen), an denen Besitz oder Gerechtsame der Markgrafen, von Adalbert-Atto bis Mathilde, belegt sind; Regesten der Amtsmarkgrafen Rapoto und Albert von Verona (S. 283-287); Editionen von 7 bisher ungedruckten oder für die Argumentation besonders wichtigen Urkunden (S. 292-301), unter denen der wiederentdeckte Volltext von D Lo. III. 112 (S. 300-301) besonders erwähnenswert ist (aber S. 301 Z. 9: irritamus esse] irritam esse). Mehrere etwas zu klein geratene Stammtafeln und Karten (S. 289-291, 302-304) sowie eine lose beigegebene Karte der Besitzorte runden diesen besonders wertvollen Teil einer sehr nützlichen und handwerklich sauber gearbeiteten Münsteraner Diss. ab.
  362. T. R.


  363. Jürgen Petersohn, Die Ludowinger. Selbstverständnis und Memoria eines hochmittelalterlichen Reichsfürstengeschlechts, Blätter für deutsche LG 129 (1993) S. 1-39, behandelt das Eigenverständnis des seit den 60er Jahren des 11. Jh. in Thüringen verwurzelten, in Königsgegnerschaft groß gewordenen und 1131 zur thüringischen Landgrafenwürde aufgestiegenen Adelsgeschlechts an vier Punkten: Formierung und territoriale Verwurzelung, Selbstverständnis nach dem Erwerb der Landgrafenwürde, Traditionslinien und Traditionsbrüche sowie genutzte und vertane Chancen für das dynastische Selbstverständnis. Herausgearbeitet wird u.a. ein bei Heinrich I. (1190-1217) erkennbarer Traditionsbruch und die Tatsache, daß das Gedenken der hl. Elisabeth sich für das Identitätsbewußtsein eher polarisierend als integrierend ausgewirkt habe: Versäumt wurde jedenfalls die Chance, sie zur patrona Thuringie zu erheben. Noch extremer als sein Vater löste sich Heinrich Raspe von der Tradition: "der letzte Ludowinger (nimmt sich) wie ein Fürstensproß völlig unspezifischer Herkunft aus" (S. 37).
  364. G. Sch.


    {S. 287-288}

  365. Kaiser Friedrich Barbarossa. Landesausbau - Aspekte seiner Politik - Wirkung, hg. von Evamaria Engel und Bernhard Töpfer (Forschungen zur mittelalterlichen Geschichte 36) Weimar 1994, Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, 225 S., Abb. u. Karten, ISBN 3-7400-0923-3, DEM 68. - Der Band vereint Aufsätze mit Beiträgen zu Tagungen zum 800. Todestag Kaiser Friedrichs I. 1990 in Halle, Leipzig und Chemnitz. Bernhard Töpfer, Kaiser Friedrich Barbarossa - Grundlinien seiner Politik (S. 9-30), zeichnet Barbarossa als König, der konsequent und auch der Geldwirtschaft gegenüber durchaus aufgeschlossen die königliche Macht und den königlichen Besitz ausbaute und dabei grundsätzlich auf die Absicherung seines Vorgehens durch die Fürsten bedacht war. - Hansjürgen Brachmann gibt einen Überblick über "Archäologische Forschungen zum stauferzeitlichen Landesausbau in Sachsen" (S. 31-50). - Karl Brunner, Erzbischof Wichmann von Magdeburg, "Nachbar" in Sachsen und Österreich (S. 51-62), weist auf die zahlreichen Beziehungen zwischen Sachsen und dem österreichischen Raum bis ins 12. Jh. hin. - Jan-Peter Stöckel, Reichsbischöfe und Reichsheerfahrt unter Friedrich I. Barbarossa (S. 63-79), zeigt gegen die These Julius Fickers, daß die Reichsbischöfe unter Barbarossa zumindest bezüglich ihrer persönlichen Anwesenheit bei Reichsheerfahrten nicht in stärkerem Ausmaß verpflichtet wurden als vergleichbare weltliche Reichsfürsten. - Josef Riedmann, Die Bedeutung des Tiroler Raumes für die Italienpolitik Kaiser Friedrich Barbarossas (S. 81-99), schildert anschaulich die Schwierigkeiten der Alpenüberquerung eines kaiserlichen Heeres sowie die Auswirkungen seiner Verpflegung auf die im Gebirge ansässige Bevölkerung und versucht, Licht in die Organisation der Heerzüge zu bringen. - Jiri Kejr handelt über "Böhmen zur Zeit Friedrich Barbarossas" (S. 101-113). - Thomas Krzenck behandelt "Kultur und Gesellschaft in den böhmischen Ländern im Spannungsfeld der deutsch-böhmischen Beziehungen zur Zeit Friedrichs I. Barbarossa" (S. 115-127). - Günther Hödl, Ungarn in der Außenpolitik Kaiser Friedrich Barbarossas (S. 129-140). - Torsten Fried faßt "Die Münzprägung unter Friedrich I. Barbarossa in Thüringen" (S. 141-150) zusammen. - Michael Lindner, Fest und Herrschaft unter Kaiser Friedrich Barbarossa (S. 151-170), betont die kulturellen, politischen und gemeinschaftstiftenden Aspekte der Hoffeste. - Mit den letzten Nachwirkungen der Person des Kaisers auf die Vorstellungswelt des 19. Jh. schließlich befaßten sich Walter Schmidt, Barbarossa im Vormärz (S. 171-204), und Gustav Seeber, Von Barbarossa zu Barbablanca. Zu den Wandlungen des Bildes von der mittelalterlichen Kaiserpolitik im Deutschen Reich (S. 205-220).
  366. Bettina Pferschy-Maleczek


    {S. 288}

  367. Cornelia Kirchner-Feyerabend, Otto von Freising als Diözesan- und Reichsbischof (Europäische Hochschulschriften Reihe III, 413) Frankfurt am Main u.a. 1990, Peter Lang, 354 S., ISBN 3-631-42408-6, CHF 81. - Otto von Freising ist nicht gerade ein Stiefkind der Mittelalterforschung, selbst wenn man seine Tätigkeit als Historiker weitgehend ausklammert, wie K.-F. es absichtlich und gut begründet tut. Daß ihre Erlanger Diss. trotzdem so umfangreich geworden ist, liegt weder an langen Auseinandersetzungen mit der neueren Literatur noch an der Fülle neuer Erkenntnisse. Schon im Anfangskapitel über Ottos Jugend und Ausbildung in Frankreich wird der Grundton des Buches evident. Stilistisch unsicher, sprachlich zuweilen unbeholfen, häufig jenseits der Grenze des Relevanten, quält die Vf. sich und den Leser durch lange, aber im Grunde ergebnislose Spekulationen über die Orte, an denen Otto sich aufgehalten, und über die Lehrer, bei denen er gehört haben könnte. Ähnlich geht es in den folgenden Kapitel über Otto als Diözesanbischof, als Legat Konrads III. in Italien, auf dem zweiten Kreuzzug und während der letzten Jahre. Die Neigung K.-F.s zu einer ,Wie-es-wohl-gewesen-sein-könnte-Methode ist nicht die einzige gravierende Schwäche der Studie. Neuere Literatur wird öfters ignoriert. Um beim ersten Kapitel zu bleiben: Daß Joachim Ehlers einen wichtigen Aufsatz über deutsche Studenten in Frankreich im 12. Jh. 1986 veröffentlicht hat (vgl. DA 45, 360), ist der Vf. unbekannt, und von der Forschungskontroverse zwischen Southern, Häring und anderen über Existenz und Umfang der Schule von Chartres erfährt der Leser ebenfalls nichts. Ältere Editionen werden fast grundsätzlich neueren vorgezogen: das Metalogicon des Johannes von Salisbury nach PL statt nach Webb, die Briefe Bernhards von Clairvaux ebenfalls nach PL statt nach Leclerq, Wilhelm von Tyrus sogar nach der amerikanischen Übersetzung (mit falschem Übersetzernamen und Erscheinungsjahr) statt nach Huygens. Die vielen Fehler der Bibliographie sind meist Kleinigkeiten, kumulativ aber gravierend. Kurz: Weder die Materie noch das Handwerkszeug wird beherrscht.
  368. T. R.


    {S. 289}

  369. Ferdinand Opll, Friedrich Barbarossa (Gestalten des Mittelalters und der Renaissance) Darmstadt 1990, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, ISBN 3-534-04131-3, XII u. 344 S. - Barbarossa ist in den letzten Jahrzehnten wiederholt Objekt (gelegentlich Opfer) von Biographen gewesen: Munz (1969; vgl. DA 26, 610 f.); Pacaut (1969; vgl. DA 28, 285 f.); Cardini (1990; siehe unten). Das hier zu besprechende Werk ist aber die erste Biographie seit langer Zeit, die aus der Feder eines selbst über Barbarossa und seine Zeit forschenden Gelehrten stammt. O. war an der 1990 abgeschlossenen Edition der Diplomata Barbarossas beteiligt, hat die entsprechenden Regesta-Imperii-Bände veröffentlicht bzw. vorbereitet und sich zudem als Verfasser zwei Monographien über Barbarossas Itinerar (1978; vgl. DA 35, 295 f.) bzw. Städtepolitik (1985; vgl. DA 46, 269) für die Aufgabe des Biographen bestens qualifiziert. Nach einem knappen einleitenden Abschnitt über die Quellen, wobei bezeichnenderweise die erzählenden Quellen erst an zweiter Stelle erscheinen, bringt O. zuerst eine narrative Darstellung der Regierung Barbarossas (S. 19-170). Danach kommen ,strukturelle Zusammenhänge' (S. 175-298): Italien und Burgund; Barbarossa und die Kirche; Barbarossa und die politisch signifikanten Laien; Barbarossa und die Städte; Stellung des Imperiums. Abschließend behandelt O. kurz das Nachleben und die historische Größe Barbarossas (S. 299-308). Was vor allem auffällt, ist der völlig unpathetische Tonfall. Barbarossa erscheint hier weder als Reaktionär noch als Staatsmann (um den etwas merkwürdigen Gegensatz Karl Bosls zu zitieren); die Frage, ob denn gerade in seiner Regierungszeit die Weichen für die politische Sonderentwicklung Deutschlands im SpätMA gestellt wurden (bzw. ob - mit leicht geänderter Metapher - der Zug in Richtung des frühneuzeitlichen Zentralstaates endgültig verpaßt wurde, weil die Lektionen der englischen, französischen und sizilianischen Vorbilder ignoriert wurden), interessiert O. nicht sonderlich. Wenn das besonnene Buch überhaupt eine Schwachstelle hat, dann vielleicht diese: Nicht, daß es nötig gewesen wäre, die alten Kämpfe nochmals durchzuspielen, aber etwas mehr über die Barbarossa zur Verfügung stehenden Mittel und über seine Herrschaftstechniken und -auffassung hätte sicherlich nicht geschadet. Auch das Verhältnis zwischen Herrscher und Fürsten bzw. Adel ließe sich nicht nur unter der Rubrik ,Territorialpolitik' behandeln: es gäbe das Hofgericht etwa, oder Hoftage als Instrument der politischen Inszenierung und Sympathiewerbung, um nur zwei Themen zu nennen, die bei O. etwas zu kurz kommen. Das sind aber eher nebensächliche Kritikpunkte, gemessen an der Leistung O.s: Er hat die erste Biographie Barbarossas geschrieben, die das Prädikat ,wissenschaftlich' nicht nur beansprucht, sondern auch wirklich verdient hat.
  370. T. R.


    {S. 289}

  371. Franco Cardini, Friedrich I. Barbarossa, Kaiser des Abendlandes, Graz 1990, Verlag Styria, ISBN 3-222-11971-6, DEM 49. - Bei Barbarossa-Biographien sollte der Leser zuerst den Otto-von-Freising-Test durchführen. Man schlage das Buch etwa in der Mitte auf: Befindet man sich noch im Jahre 1159 oder 1160, dann hat der Vf. sich von der Perspektive der Gesta Friderici nicht befreien können. So verhält es sich auch mit diesem für ein breites Publikum geschriebenen Werk; da die auf ganz anderer Basis beruhende Biographie Oplls (siehe die vorige Anzeige) im selben Jahr erschienen ist, braucht man Cardinis opus für wissenschaftliche Zwecke nicht zu berücksichtigen.
  372. T. R.


    {S. 290}

  373. Welf VI. Wissenschaftliches Kolloquium zum 800. Todesjahr vom 5. bis 8. Oktober 1991 im Schwäbischen Bildungszentrum Irsee, hg. von Rainer Jehl (Irseer Schriften 3) Sigmaringen 1995, Jan Thorbecke, 127 S., 9 Abb., ISBN 3-7995-4173-X, DEM 38. - Der Wert dieses Tagungsbandes ist dadurch geschmälert, daß einige Beiträge bedingt durch die lange Entstehungszeit bereits in anderen Publikationsreihen veröffentlicht worden sind. Karin Baaken, Herzog Welf VI. und seine Zeit (S. 9-28), beschreibt facettenreich Kontinuität und Brüche im von dynastischen Zufällen und politischen Erfordernissen, besonders dem Verhältnis zu den Staufern, bestimmten Leben Welfs. - Dem tragischen Schicksal seiner Gemahlin, Uta von Schaumburg, wendet sich Hansmartin Schwarzmaier (S. 29-42; vgl. ZGORh 142 [1994] S. 1-17) zu und kommt trotz weniger Quellenbelege in genealogischen, chronologischen und deren Klostergründung Allerheiligen betreffenden Fragen zu überzeugenden Ergebnissen. - Die Frage: "Welf VI. - Letzter der schwäbischen Welfen oder Stammvater der Könige (?)", beantwortet Armin Wolf (S. 43-58; z.T. ZRG Germ. 109 [1992] S. 48-94), animiert von einer Aussage in der habsburgischen Hausüberlieferung über deren Abstammung von den Welfen, mit der kühnen These, daß Elisabeth, die Schwiegermutter Albrechts von Habsburg, eine Schwester Welfs VII. gewesen sei. Als gravierendes Gegenargument bleibt das völlige Fehlen einer solchen Nachricht in der welfischen Überlieferung des 12. Jh. - Odilo Engels, Friedrich Barbarossa und die Welfen (S. 59-74), vergleicht das Selbstverständnis des norddeutschen Welfenzweiges mit dem süddeutschen und erörtet neben schriftlichen Beispielen die Bedeutung bildlicher Darstellungen. - Gerd Althoff, Welf VI. und seine Verwandten in den Konflikten des 12. Jahrhunderts (S. 75-89; z.T. in: Frühmittelalterliche Studien 26 [1992] S. 331-352), wertet die Darstellung der Tübinger Fehde in der Historia Welforum unter dem Aspekt ma. Konfliktführung aus und zeigt die Unterschiede zu den Auseinandersetzungen Konrads III. mit den Welfen und Friedrich Barbarossas mit Heinrich dem Löwen auf. - Hans Pörnbacher, Welf VI. und die Literatur (S. 91-97), sieht in Welf den Auftraggeber für die Epen "König Rother" und "Herzog Ernst". - In einer detaillierten Untersuchung zeigt Josef Riedmann, Die Welfen im Tiroler Raum zur Zeit Welfs VI. (S. 99-112), daß auf eine Herrschaftsbildung in diesem Gebiet verzichtet wurde, als nach dem Tod Welfs VII. die Herrschaft in Italien wegfiel und damit die Funktion Tirols als Bindeglied zum süddeutschen Besitz. - Pankraz Fried, Vorstufen des frühen Staatsaufbaues. Die Welfen in Ostschwaben im Lichte der historischen Atlasforschung (S. 113-115), sieht als Ziel Welfs VI., "in Konkurrenz zu den Staufern einen frühen Territorialstaat mit Beamtenverwaltung in Schwaben aufzubauen". - Hans Pörnbacher, Die Welfengenealogie in Steingaden. Zur Exkursion am 7. Oktober 1991 (S. 116-120), identifiziert die Bildmotive des um 1600 in der Vorhalle des Steingadener Münsters entstandenen Freskos. - Das Namenregister, bearbeitet von Gabriele Tauchburg-Kuhnle, birgt neben sachlichen Fehlern (Konrad III. als "Konrad, Bruder v. Welf, Gegenkönig") die Tücke, daß etliche Personen unter ihrem Herkunftsort, -gebiet oder -land eingeordnet sind. So finden wir Friedrich Barbarossa unter "Staufen, Friedrich II. (!) Barbarossa v., Kaiser" und dergleichen mehr.
  374. C. Z.


  375. Uwe Roeder, Heinrich VI. in Lüttich 1185. Zu den Zielen staufischer Politik in Niederlothringen, Geschichte in Köln 36 (1994) S. 33-54, sucht durch quellenkritische Überlegungen zu Robert von Torigny, Gervasius von Canterbury und Giselbert von Mons den Eindruck von politischen Divergenzen zwischen Friedrich I. und Heinrich VI. im Verhältnis zu Graf Balduin V. von Hennegau und zum französischen König auszuräumen.
  376. R. S.


    {S. 291}

  377. Jacques Berlioz, "Tuez-les tous, Dieu reconnaîtra les siens." Le massacre de Béziers (22 juillet 1209) et la croisade contre les Albigeois vus par Césaire de Heisterbach, Portet-sur-Garonne 1994, Loubatières, 134 S., mehrere Abb., ISBN 2-86266-215-1. - Der Vf. überholt die letzte gründliche Untersuchung der angeblichen Worte des päpstlichen Legaten bei der Belagerung von Béziers 1209, eine Arbeit des Amateurhistorikers Philippe Tamizey de Larroque von 1862. Für die Historizität der Worte fehlen direkte Beweise - Caesarius schwächt ab mit den Einführungsworten fertur dixisse, dennoch sind sie nicht so völlig unglaubwürdig, wie Tamizey de Larroque glaubte. Das Buch ist für ein breiteres Publikum gedacht, hat aber durch ausführliche Anmerkungen auch seinen Reiz für den Fachmann. Die Auseinandersetzung mit M. H. Vicaire (S. 119) und das Kapitel über die Offenbarungen des Gespensts von Beaucaire bei Gervasius von Tilbury (S. 85-98) sind besonders interessant.
  378. Malcolm Lambert


  379. Theo Kölzer, Magna imperialis curia. Die Zentralverwaltung im Königreich Sizilien unter Friedrich II., HJb 114 (1994) S. 287-311, gibt in seiner Bonner Antrittsvorlesung einen materialreichen Überblick, bei dem nach den normannischen Voraussetzungen die Veränderungen in Kanzlei, Justiz und Kammer zur Sprache kommen und eine erhebliche Steigerung der Schriftlichkeit betont wird. Insgesamt neigt K. zu einer pragmatischen Deutung und relativiert den Eindruck von modellhafter Modernität.
  380. R. S.


    {S. 291-292}

  381. La chiesa di Celestino V: S. Antonio abate a Ferentino. Atti dei convegni Ferentino, 19 marzo 1991, 20-21 giugno 1991 (Pubblicazioni dell' Associazione culturale "Gli Argonauti" Ferentino 8) Casamari 1991, Abbazia di Casamari, 141 S., Abb., ohne ISBN, ITL 25.000. - Aspetti della spiritualità ai tempi di Celestino V. Atti dei convegni Ferentino, 23 febbraio e 21 maggio 1992 (Pubblicazioni dell' Associazione culturale "Gli Argonauti" Ferentino 9) Casamari 1993, Abbazia di Casamari, 159 S. - Ferentino liegt unweit Castel Fumone, wo Bonifaz VIII. seinen Vorgänger Peter vom Murrone, Cölestin V., nach dessen Abdankung gefangenhielt. Peter starb 1296, wurde in der Kirche S. Antonio abate außerhalb von Ferentino beigesetzt, 1313 heiliggesprochen und 1329 nach S. Maria di Collemaggio außerhalb von Aquila überführt. Die Kirche S. Antonio abate gehörte seit den 60er Jahren des 13. Jh. den Mönchen des Peter vom Murrone, welche dort ein Kloster zur Betreuung von Wanderhirten einrichteten; im 17. Jh. sank sie zur Grangie des Cölestinerklosters S. Eusebio in Rom herab. Nach Erdbebenschäden 1980 und 1984 wird ihr Gebäudekomplex jetzt restauriert. Drei frühere Publikationen mit aus diesem Anlaß vorgestellten Untersuchungen - Territorio e ricerca. Atti del convegno "I Celestini a Ferentino" 1982 maggio 8-9; Tecniche di stauro ed interventi operativi per la tutela e la valorizzazione del patrimonio artistico di Ferentino. Atti del convegno 1985 giugno 22-23; Il complessso monumentale di S. Antonio abate: conservazione, restauro e tradizione religiosa. Atti del convegno 1989 ottobre 21 (Pubblicazioni dell' Associazione culturale "Gli Argonauti" Ferentino 1, 3, 6), Casamari 1985, 1986, 1990 - werden durch die vorliegenden zwei Bände fortgeführt. Der erste Band enthält vorwiegend Berichte und Fotos über die Restaurationsarbeiten, außerdem einen Beitrag von Raniero Orioli, Celestino V agli occhi dei contemporanei (S. 39-64) zur italienischen Chronistik der Zeit. Der zweite Band ähnelt den Atti der Convegni Celestiniani in L'Aquila (vgl. DA 47, 688 f.; 50, 334 f.), weil er über das Lokalhistorische hinaus - Ludovico Gatto, Prolusione. La Chiesa di Celestino V: S. Antonio Abate a Ferentino (S. 7-25) - vier Untersuchungen zur Religiosität der Zeit enthält: Jacques Dalarun, Parole di simplices. Da Celestino V alle sante donne d'Italia tra duecento e trecento (S. 27-56); Marco Bartoli, Celestino V, il caso del papa eretico, e i Francescani Spirituali (S. 57-73); Alberto Forni, Pietro di Giovanni Olivi di fronte alla rinuncia di Celestino V (S. 75-110); Raniero Orioli, I Guglielmiti: un singolare processo di "normalizzazione" postcelestiniana in Lombardia (S. 111-159) über den Inquisitionsprozeß in Mailand 1300 gegen die Anhänger der Guglielma da Boemia († 1281).
  382. K. B.


  383. Lenka Bobková, Územní politika prvnich Lucemburk_ na _eské tr_n_ [mit Zusammenfassung: Die territoriale Politik der ersten Luxemburger auf dem böhmischen Thron] (Acta Universitatis Purkynianae, Studia historica, Monographiae I) Ústí n. Labem 1993, Univerzita J. E. Purkyn_, 318 S., 5 Karten, ISBN 80-7044-067-8. - Trotz regen Forschungsinteresses besaßen wir bis jetzt (mit Ausnahme Grotefends) keine systematische Bearbeitung der Territorialpolitik Johanns von Luxemburg und Karls IV. Wichtige Beilagen veranschaulichen die böhmischen Lehen Karls IV., leider aber ohne entsprechende Quellenhinweise. Die fleißige Arbeit wird durch ein umfangreiches Literaturverzeichnis und Register vervollständigt.
  384. Ivan Hlavá_ek


    {S. 292}

  385. František Kavka, Vláda Karla IV. za jeho císa_ství (1355-1378). Zem_ _eské koruny, rodová, _íšská a evropská politika II. díl (1364-1378) [Die Regierung Karls IV. in der Zeit seines Kaisertums (1355-1378). Die Länder der böhmischen Krone. Hausmacht-, Reichs- und europäische Politik II. Teil (1364-1378)] Praha 1993, Univerzita Karlova, 292 S., 14 Abb., ISBN 80-7066-760-5. - In rascher Folge kann der abschließende Band dieses Werkes angezeigt werden. Das in DA 49, 725 Gesagte könnte, was die Gesamtwürdigung betrifft, wiederholt werden, jedoch mit der Einschränkung, daß zum Schluß des zweiten Bandes eine deutsche Zusammenfassung von kaum zwei Seiten geboten wird, die nichts über den Gedankenreichtum K. s aussagen kann. Im Unterschied zum durch J. Sp_vá_ek forcierten Bohemozentrismus erscheint Karl IV. als Herrscher, der sowohl Böhmen als auch das Reich als Instrument der Festigung der luxemburgischen Hegemonie betrachtete. Die chronologische Darstellungsweise ermöglicht dem Autor, die konkrete Durchführung von Karls Absichten genau zu verfolgen. Besonderer Wert wird dabei auf Geld als "Politikhelfer", ja "Politikmacher" gelegt. Auch der (ziemlich knappe) Anmerkungsapparat verdient Erwähnung, da dort viel Mühe der Klärung quellenkundlicher Fragen geschenkt wurde.
  386. Ivan Hlavá_ek


    {S. 293}

  387. Ellen Widder, Itinerar und Politik. Studien zur Reiseherrschaft Karls IV. südlich der Alpen (Forschungen zur Kaiser- und Papstgeschichte des Mittelalters. Beihefte zu J. F. Böhmer, Regesta Imperii 10) Köln - Weimar - Wien 1993, Böhlau, 533 S., 7 Karten, ISBN 3-412-06592-7, DEM 134. - Diese überarbeitete Münsteraner Diss. von 1986 versucht, auf einem "kaum beackerten Feld" der Italienpolitik der spätma. römisch-deutschen Herrscher einen Beitrag zu leisten. Zwar ist heute die Meinung des 19. Jh. über Karls Italienpolitik als der "tiefsten Entwürdigung der Reichsautorität zu einem leeren Titel" (S. 11) überholt, doch bedurfte die Frage nach langfristigen politischen Konzeptionen, die über einen einfachen Krönungszug hinauszugehen scheinen, tiefergehender Forschung. So hat die Vf. die fast fünf Jahre währenden Tirol- und Italienaufenthalte des jungen Luxemburgers in ihre Überlegungen über die transalpinen Züge Karls als deutscher König und römischer Kaiser miteinbezogen. Auch der bis heute wenig beachtete Zug von 1347, der zwar nicht das ersehnte Tirol einbrachte, aber wenigstens die 1342 an die Wittelsbacher verlorenen Städte Feltre und Belluno, erscheint als Teil eines weitergreifenden Konzepts. In der Gesamtschau sind so erst Vergleiche möglich, wie etwa die Frage nach der Ausschöpfung politischer Spielräume, den Verdichtungszonen des Itinerars oder den materiellen Ressourcen. Bei allem zeigt sich deutlich, "wie beharrlich, langfristig, weitblickend und ausgesprochen realistisch ... von Karl IV. Reichspolitik in Italien gestaltet worden ist" (S. 369). Besonders wertvoll dürfte neben den Forschungsergebnissen die Erweiterung der Quellenbasis zur Geschichte des Luxemburgers in Italien sein, die der Band im Anhang bietet: Vier bislang ungedruckte Urkunden Karls IV. des Jahres 1355 - auch in den MGH Const. 11 nicht erwähnt - aus den Staatsarchiven Turin und Siena sind als Volldruck beigegeben. Zum anderen bietet der Band ein Itinerar Karls IV. auf italienischem Boden, in das neben den Böhmer/Huber-Regesten und den Hinweisen der neueren Literatur auch weitere von der Vf. in Italien ermittelte Urkunden eingegangen sind. Dieses Itinerar könnte bei einer Neubearbeitung der Regesta Imperii für die Zeit Karls IV. für die Italienaufenthalte einen bedeutenden Grundstock darstellen.
  388. Olaf Rader


    {S. 293-294}

  389. Wilhelm Klare, Die Wahl Wenzels von Luxemburg zum Römischen König 1376 (Geschichte Bd. 5) Münster 1990, Lit Verlag, XVI u. 342 S., ISBN 3-88660-559-0, DEM 68. - Diese von Heinz Stoob betreute Diss. mustert zunächst gründlich und kritisch die ältere Literatur zur Wahl Wenzels und stellt sich die Aufgabe, dem Fehlen neuerer Spezialdarstellungen zu diesem Thema abzuhelfen. Dieses Ziel erreicht zu haben, kann dem Vf. vorbehaltlos zugestanden werden. Die eigentliche Darstellung ist dreigeteilt. Sie beginnt mit der Untersuchung der Vorgeschichte der Wahl und spannt dabei den Bogen von der Geburt Wenzels bis zur unmittelbaren Gewinnung aller Kurstimmen. Der zweite Teil befaßt sich mit den Quellen, den Verhandlungsgegenständen und den Beteiligten der Auseinandersetzung Kaiser Karls IV. mit der Kurie in der Wahlfrage. Die päpstlichen Gesandten und die Rolle der Kardinäle werden ausführlich berücksichtigt. Den Abschluß bildet die Beschäftigung mit den konkreten Vorgängen der Wahl, ihren Wirkungen auf die Nachbarländer und den ersten Anzeichen der schwerwiegenden Folgen (Weigerung zahlreicher schwäbischer Reichsstädte, König Wenzel vorbehaltlos zu huldigen) des rigorosen kaiserlichen Vorgehens zur Beschaffung der Mittel, die aufzubringen waren, um die Wähler zu gewinnen. Zuletzt werden die Haupterkenntnisse noch einmal zusammengefaßt dargeboten. Zahlreiche Verzeichnisse erleichtern die Benutzung des Bandes, eine Beilage bietet den wichtigen Brief Papst Gregors XI. vom 4. Mai 1376 an den Kaiser in zwei Fassungen.
  390. Michael Lindner


    {S. 294}

  391. František Šmahel, Zur politischen Präsentation und Allegorie im 14. und 15. Jahrhundert (Otto-von-Freising-Vorlesungen der Katholischen Universität Eichstätt 9) München 1994, Oldenbourg, 75 S., 3 Abb., ISBN 3-486-56077-8, enthält zwei Vorträge: Spectaculum et pompa funebris. Das Leichenzeremoniell bei der Bestattung Kaiser Karls IV. (S. 1-37), beschreibt quellennah die Feierlichkeiten vom Todestag 29.11. (allerdings einem Montag, nicht Sonntag) bis zur endgültigen Beisetzung im Prager Veitsdom am 15.12.1378 und prüft die Frage nach zeremoniellen Vorbildern im gesamteuropäischen Rahmen. - Das zerbrochene Szepter des böhmischen Königs. Eine ikonographische Marginalie zu den Beziehungen des hussitischen Böhmens zum Reich (S. 39-75), geht dem Bedeutungsgehalt eines anscheinend zuerst 1468/69 entstandenen, allegorisch Kaiser und Papst karikierenden Flugblatts böhmischer Provenienz nach.
  392. R. S.


  393. Václav Št_pán, Osobnost Lacka z Krava_. Erster Teil: Lack_v politický vzestup; Zweiter Teil: Na vrcholu politické dráhy [mit einer Zusammenfassung: Die Persönlichkeit des Adeligen Lacek von Krava_e - Krawarn. Laceks politischer Aufstieg; Auf der Höhe der politischen Karriere], _asopis Matice moravské 110 (1991) S. 217-238 und 112 (1993) S. 11-41. - Es handelt sich um den ernsthaften Versuch, die Vielschichtigkeit des Handelns eines der profiliertesten Magnaten der böhmischen Krone im Zeitalter Wenzels IV. zu verfolgen und zu erklären. Lacek, der im Königreich Böhmen die höchsten staatlichen Funktionen ausübte, seine wichtigsten Güter jedoch in Mähren besaß, wurde zum repräsentativsten Anhänger des Hussitismus innerhalb des böhmischen Adels und hat auf diese Weise die Empörung des Konstanzer Konzils hervorgerufen.
  394. Ivan Hlavá_ek


    {S. 294-295}

  395. František Šmahel, Husitská revoluce 1-4 (Opera Instituti historici Pragae 1,9/1-4) Praha 1993, Historický ústav, 498 S., 3 Diagramme, 28 Tafeln, 3 Karten bzw. 362 S., 5 Karten bzw. 416 S., 15 Karten, bzw. 605 S., 116 Abb., ISBN 80-85268-24-8. - Das opus magnum des wohl derzeit besten Kenners des Hussitismus bleibt vorerst eine bibliophile Rarität, da es nur in 500 Exemplaren in Kleindruck herausgegeben wurde; eine Studienausgabe ist allerdings ins Auge gefaßt. Der Vf. ordnet das weltgeschichtliche Phänomen des Hussitismus in einen breiten europäischen Horizont ein, und geht seinen Gegenstand unter vielfältigen Blickwinkeln an (Wirtschaft, Politik, Recht, Verwaltung, Historiographie usw.). Die Belesenheit des Vf. zeigt sich u.a. an dem reichen Anmerkungsapparat und den über 160 S. Bibliographie. Zum Einstieg sei dem Leser empfohlen, das ausgefeilte Inhaltsverzeichnis am Ende des letzten Bandes ("Katalog der Hauptthemen") zu studieren. Ein Schlüssel zum reichhaltigen Inhalt liegt auch in den Registern der Personen- und Ortsnamen. Ohne die Detailergebnisse in reicher Menge nennen zu können, sei das Hauptergebnis mit den Worten des Vf. selbst resümiert: "Das tschechische Hussitentum ist dank seiner geschichtsmächtigen Initiative das erste Glied im Zyklus der europäischen Reformationen. Da es jedoch die damalige Gesellschaft nur im Geiste eines 'gerechteren' Feudalismus zu verbessern bemüht war und nicht von Grund auf, blieb es unter den gegebenen historischen Bedingungen die Revolution vor den Revolutionen." Leider fehlt eine fremdsprachige Zusammenfassung.
  396. Ivan Hlavá_ek


    {S. 295}

  397. Wilhelm Baum, Kaiser Sigismund. Hus, Konstanz und Türkenkriege, Graz - Wien - Köln 1993, Styria, 335 S., ISBN 3-222-12203-2, DEM 59. - In der populären Reihe mit Biographien berühmter Herrscher kommt diesem Band eine besondere Bedeutung zu: Zum ersten, weil seit der vierbändigen Darstellung von Joseph von Aschbach aus den Jahren 1838/45 diese Biographie sich wieder einer Gesamtschau des letzten Luxemburgers auf dem deutschen Thron stellt. Zum anderen, weil die erste Verbindung von Ungarn, Böhmen und dem Reich als eine erste Grundlegung der "Großmacht Donauraum" begriffen werden kann. Legt man die wissenschaftliche Latte nicht allzu hoch an, dann wird der Leser mit dem Band recht gut bedient. In 21 Kapiteln legt der Autor in flüssiger Darstellung die Geschichte des zweitjüngsten Sohnes Karls IV. im Spannungsfeld von Kirchenspaltung, Bedrohung seiner drei Reiche durch Türken, Venezianer und Hussiten und versuchter Reichsreform dar. Zeittafeln und Literaturhinweise ergänzen den Band. Trotzdem bleibt eine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Biographie Kaiser Sigismunds weiter ein Desideratum.
  398. Olaf Rader


  399. Sabine Weiß, Salzburg und das Konstanzer Konzil (1414-1418). Ein epochales Ereignis aus lokaler Perspektive - die Teilnehmer aus der Erzdiözese Salzburg einschließlich der Eigenbistümer Gurk, Chiemsee, Seckau und Lavant. Register - Nachträge - Korrekturen, Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 134 (1993) S. 173-189, erschließt die DA 49, 324 angezeigte Arbeit.
  400. Herwig Weigl


  401. Christiane Schuchard, Karrieren späterer Diözesanbischöfe im Reich an der päpstlichen Kurie des 15. Jahrhunderts, Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und KG 89 (1994) S. 47-77, kommt auf breiter prosopographischer Materialbasis (vgl. auch DA 48, 765) zu dem Schluß, daß auf dem Weg zur Mitra ein Kurienamt jedenfalls von geringerem Wert war als die Protektion des jeweiligen Landesherrn.
  402. R. S.


  403. Rolf Köhn, Krieg im ausgehenden Mittelalter: Die Eroberung der habsburgischen Nordostschweiz durch die Eidgenossen im Herbst 1460, Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung 111 (1993) S. 67-104, verbindet die Schilderung der militärischen Vorgänge samt ihren (bis zum Papst reichenden) politischen Hintergründen und ökonomischen Folgen mit einer detaillierten Aufbereitung der Quellen in Gestalt chronologisch angeordneter Regesten.
  404. R. S.


  405. Thomas Willich, Der Rangstreit zwischen den Erzbischöfen von Magdeburg und Salzburg sowie den Erzherzogen von Österreich. Ein Beitrag zur Verfassungsgeschichte des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation (ca. 1460-1535), Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 134 (1994) S. 7-166, untersucht die Sessionsstreitigkeiten auf Reichstagen, die v.a. durch die im Privilegium maius formulierten österreichischen Ansprüche auf den Platz nach den Kurfürsten hervorgerufen wurden, und stellt die historischen Argumente der Gegner vor.
  406. Herwig Weigl


    {S. 296}

  407. Neithard Bulst, Die französischen Generalstände von 1468 und 1484. Prosopographische Untersuchungen zu den Delegierten (Beihefte der Francia 26) Sigmaringen 1992, Thorbecke, 495 S., ISBN 3-7995-7326-7, DEM 164. - Kap. 1 dieser sozialgeschichtlichen Untersuchung mit prosopographischem Ansatz skizziert Vorgeschichte, politische Funktion und institutionelle Bedeutung der Generalstände unter Ludwig XI. und Karl VIII. Schon hier wird deutlich, daß ihre Bedeutung größer war, als zeitgenössische Quellen ihnen zumessen. Den Hauptteil bildet Kap. 2 mit einer detaillierten Untersuchung der Delegationen zu den beiden Generalständen, geordnet nach der Rangfolge der entsendenden Städte bzw. Verwaltungseinheiten; für 1484 überliefern die offiziellen Delegiertenlisten das verfügbare Material zu personeller Zusammensetzung der Delegationen, Ämtern, Titeln und sozialem Rang der Delegierten sowie zu Wahlvorgang und Kostenregelung zusammen. In Auswertung des prosopographischen Materials vergleicht B. in Kap. 3 die Delegationen beider Jahre nach Wahlmodus, Mandat und Bezahlung der Delegierten und fragt nach deren Handlungsspielraum und sozialer Zusammensetzung. Dabei erweist sich, daß ein großer Teil der Delegierten untereinander in "sozialen Netzen" (d.h. verwandtschaftlichen Beziehungen) verbunden war. Schließlich wird die Frage nach Zustandekommen und Auswirkungen des veränderten Wahlmodus von 1484 erörtert: An die Stelle individueller Einberufung der Vertreter des ersten und zweiten Standes war eine Wahl der Delegierten aller drei Stände in den königlichen Verwaltungsbezirken getreten, was zu einem höheren Anteil königlicher Amtsträger besonders unter den Delegierten des dritten Standes führte. Diese Entwicklung sollte sich für eine Institutionalisierung der Generalstände als eines zentralen, dem König gegenüberstehenden Repräsentativorgans nachteilig auswirken. In seiner Schlußbemerkung stellt der Vf. einer gewissen unmittelbaren Erfolglosigkeit der Generalstände von 1484 ihre langfristige Bedeutung gegenüber: Sie wirkten traditionsbildend für die Generalstände des 16. Jh.; das Auftreten königlicher Amtsträger als Repräsentanten des dritten Standes spiegele den zunehmenden Ausbau von Verwaltung und Bürokratie seit dem ausgehenden 15. Jh. wider. Der Anhang enthält dreißig bisher unedierte Texte zu den Generalständen von 1468 (Nr. 1-9) und 1484 (Nr. 10-30), eine Übersicht über die 1468 einberufenen Städte und die Wahlbezirke von 1484 (Tabelle und Übersichtskarte), einen Katalog der persönlich einberufenen Teilnehmer von 1468 mit Angaben zu deren Titeln, Ämtern und verwandtschaftlichen Beziehungen und sechs genealogische Tafeln. Es folgen ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis mit Signaturen der verwendeten Archivbestände sowie ein Personen-, Orts- und Sachregister.
  408. Ulrike Hohensee


  409. Bernard McGinn, John Meyendorff, Jean Leclercq, Geschichte der christlichen Spiritualität. Erster Band: Von den Anfängen bis zum 12. Jahrhundert. Mit einer Einführung für die deutsche Ausgabe von Josef Sudbrack, Würzburg 1993, Echter Verlag, 488 S., 33 Abb., ISBN 3-429-01500-6, DEM 68. - Die in DA 48, 770 f. angezeigte englische Erstausgabe wird hier in einer deutschen Ausgabe vorgelegt, die in manchem den Vorzug verdient: sie ist bereichert um eine orientierende Einführung durch den deutschen Mystik-Fachmann, den Jesuiten Sudbrack, zum anderen aber hat sie weiterführende Anmerkungen (und ein leicht verändertes Register) erhalten. Lediglich in der Übersetzung schafft manches Mal erst der Rückbezug auf die Originalausgabe Klarheit (so stört z.B. S. 438 "stets ein wachsendes Gespür für die Rolle des Heiligen Geistes", wo es englisch - S. ONT FACE="Garamond" SIZE=1> 445 - hieß: "has always retained a strong sense of the role of the Holy Spirit"; S. 445 zeigt sich die Kontinuität der kirchlichen Tradition "auf zweifelhafte Weise" statt auf die gemeinte "zweifache" - "doubly" - usw.).
  410. H. S.


    {S. 297}

  411. Georg Jenal, Caput autem mulieris vir (I Kor. 11, 3). Praxis und Begründung des Doppelklosters im Briefkorpus Abaelard - Heloise, Archiv für Kulturgeschichte 76 (1994) S. 285-304, sieht in dem Abaelard und Heloise zugeschriebenen Briefcorpus eine Art "Theorie des Doppelklosters" und schildert die vorgesehene (oder tatsächliche) Arbeitsteilung von Frauen- und Männerkloster: Während die Mönche die cura animarum (im weitesten Sinn) wahrnahmen und die Konversen schwere und für Frauen unzuträgliche Feldarbeiten erledigten, waren diese mit eher ,weiblichen' Tätigkeiten betraut: Nähen, Waschen, Backen u.a. m. Mit den für die Frauen vorgesehenen Ausnahmen von der Benediktinerregel verstehe sich die "Konzeption des Doppelklosters als Antwort auf die debilis et infirma natura der Frau, als Versuch, in der asketischen Selbstverwirklichung die Möglichkeit zu einer Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen zu schaffen" (S. 303 f.).
  412. G. Sch.


    {S. 297-298}

  413. Zisterziensische Spiritualität. Theologische Grundlagen, funktionale Voraussetzungen und bildhafte Ausprägungen im Mittelalter, bearbeitet von Clemens Kasper und Klaus Schreiner (StMGBO 34. Ergänzungsband) St. Ottilien 1994, EOS Verlag, 299 S., ISBN 3-88096-729-6. - Der Band dokumentiert ein Kolloquium, das 1990 anläßlich des Bernhardjubiläums im Kloster Himmerod gehalten wurde. - Ulrich Köpf, Bernhard von Clairvaux - ein Mystiker? (S. 15-32), kommt zu einer bejahenden Einschätzung, auch wenn Bernhard nicht über ekstatische oder visionäre Erfahrungen verfügte. - Otto Langer, Affekt und Ratio. Rationalitätskritische Aspekte in der Mystik Bernhards von Clairvaux (S. 33-52), erörtert die Stellungnahme der "Mönchstheologie" gegen die aufkommende dialektische Theologie, insbesondere anhand der Auseinandersetzung Bernhards mit Abaelard. - Pia Schindele, Rectitudo und Puritas. Die Bedeutung beider Begriffe in den Gründungsdokumenten von Cîteaux und ihre Auswirkungen in der Lehre des hl. Bernhard von Clairvaux (S. 53-73), verfolgt die theologische Bedeutungsvertiefung dieser Schlüsselworte; ursprünglich bezeichneten sie die strenge Regelbeobachtung, bei Bernhard meinen Sie eine der Heilsgnade gemäße Lebensgestaltung. - Klaus Schreiner, Puritas Regulae, Caritas und Necessitas. Leitbegriffe der Regelauslegung in der monastischen Theologie Bernhards von Clairvaux (S. 75-100), erläutert die bernhardinische Haltung zur damals strittigen Legitimität monastischer Neuerungen der programmatische Anspruch, die Benediktsregel wortgetreu zu befolgen, vertrage sich mit situationsbedingtem Normwandel. - Peter Dinzelbacher, Zum Konzept persönlicher Heiligkeit bei Bernhard von Clairvaux und den frühen Zisterziensern (S. 101-133), stellt die uneinheitlichen Vorstellungen zisterziensischer Hagiographen heraus: Während für Bernhard noch Wundertätigkeit Heiligkeit verbürge, hielten "modernere" Zeitgenossen charismatische Erlebnisfähigkeit für das entscheidende Kriterium. - Adriaan H. Bredero, Bernhard von Clairvaux zwischen Kult und Historie: Das Heiligkeitsbild Bernhards in der Zisterzienserhagiographie des 12. Jahrhunderts (S. 135-151), nimmt an, die Viten würdigten im Zuge des laufenden Kanonisationsverfahrens apologetisch Bernhards nicht unumstrittenes öffentliches Wirken für die Kirche und sie verzichteten auf die übliche Schilderung von Wundern, um Wallfahrer zurückzuhalten. - Hans-Werner Goetz, Eschatologische Vorstellungen und Reformziele bei Bernhard von Clairvaux und Norbert von Xanten (S. 153-169), hält Endzeiterwartung für eine treibende Kraft beider Männer, weniger stark allerdings für Bernhards Reformstreben. - Georg Steer, Virtus und Sapientia. Der Einfluß Bernhards von Clairvaux auf Davids von Augsburg deutsche Traktate "Die sieben Vorregeln der Tugend" und "Der Spiegel der Tugend" (S. 171-188), macht auf die ordensübergreifende Wirkung zisterziensischer Spiritualität aufmerksam; der Franziskaner David knüpfte seine Lehre über Nachfolge und Nachahmung Christi an bernhardinische Gedanken. - Heinrich Rüthing, Die mittelalterliche Bibliothek des Zisterzienserinnenklosters Wöltingerode (S. 189-216), sichtet den vergleichsweise reichen Buchbestand, der den Nonnen, zumal nach einer Reform im 15. Jh., spirituelle Orientierung und Rat in rechtlich-disziplinarischen Fragen bot. - Sabine Leutheußer-Holz, Verbildlichung mittelalterlicher Zisterzienserspiritualität, Caesarius von Heisterbach und die Kuppelausmalung der ehemaligen Zisterzienser-Abteikirche Waldsassen (S. 217-248), führt das barocke Freskenprogramm auf ein Exemplum des Dialogus miraculorum zurück und deutet es als Ausdruck gesuchten Traditionsbezuges nach dem Trienter Konzil. - Benno Artmann, Zur Geometrie gotischer Maßwerkfenster in Zisterzienserklöstern. Der Kreuzgang von Hauterive (S. 249-267), interpretiert die bildhauerische Gestaltung des Baus als Kommentar zum vierten Buch Euklids, das sich mit den symmetrischen Einteilungen des Kreises befaßt. - Winfried Schich, Zum Wirken der Zisterzienser im östlichen Mitteleuropa im 12. und 13. Jahrhundert (S. 269-294), behandelt die Ausbreitung der Zisterziensermönche im Raum zwischen Elbe und Weichsel und deren Anteil an der Gestaltung der dortigen Siedlungs- und Wirtschaftsstruktur, der von der Forschung nicht mehr zur kolonisatorischen Leistung zugespitzt wird.
  414. Anja Ostrowitzki


    {S. 298-299}

  415. Bernhard von Clairvaux. Rezeption und Wirkung im Mittelalter und in der Neuzeit, hg. von Kaspar Elm (Wolfenbütteler Mittelalter-Studien 6) Wiesbaden 1994, Harrassowitz, 436 S., Abb., ISBN 3-447-03518-8, DEM 128. - Mit einem Vorwort des Hg. und einem Personenregister versehen werden 15 Referate veröffentlicht, welche im Oktober 1990 anläßlich des Bernhard-Jahres bei einem Symposium in Wolfenbüttel gehalten wurden: Ulrich Köpf, Die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte Bernhards von Clairvaux. Forschungsstand und Forschungsaufgaben (S. 5-65 mit 7 Abb.), bietet mit reichem Anmerkungsapparat eine Einführung in die Problematik auf aktuellem Stand. - Ursula Nilgen, Historischer Schriftsinn und ironische Weltbetrachtung. Buchmalerei im frühen Cîteaux und der Stein des Anstoßes (S. 67-140 mit 46 Abb.), vertritt die These, Bernhards Verdikt gegen die cluniazensische Bauplastik habe sich im Kern eher gegen eine bestimmte Art von Buchmalerei gerichtet, die Abt Stephan Harding in Cîteaux förderte. - Fünf Beiträge behandeln die Bernhard-Rezeption im SpätMA: Adriaan H. Bredero, Der heilige Bernhard von Clairvaux im Mittelalter: von der historischen Person zur Kultgestalt (S. 141-159). - Christopher Holdsworth, The Reception of St Bernard in England (S. 161-177). - Brian Patrick McGuire, A Saint's Afterlife. Bernard in the Golden Legend and in Other Medieval Collections (S. 179-211). - Peter Ochsenbein, Bernhard von Clairvaux in spätmittelalterlichen Gebetbüchern (S. 213-232). - Georg Steer, Bernhard von Clairvaux als theologische Autorität für Meister Eckhart, Johannes Tauler und Heinrich Seuse (S. 233-259). - Die acht folgenden Beiträge widmen sich der neuzeitlichen Bernhard-Rezeption: Gerhard B. Winkler, Die Bernhardrezeption bei Erasmus von Rotterdam (S. 261-270). - Bernhard Lohse, Luther und Bernhard von Clairvaux (S. 271-301). - Anthony Lane, Calvin's Use of Bernhard of Clairvaux (S. 303-332). - Ernst Koch, Die Bernhard-Rezeption im Luthertum des 16. u. 17. Jahrhunderts (S. 333-351). - Johannes Wallmann, Bernhard von Clairvaux und der deutsche Pietismus (S. 353-374). - Jean Mesnard, Pascal et Bernard de Clairvaux (S. 375-387). - Viviane Mellinghoff-Bourgerie, Bernhard von Clairvaux in der französischen Frömmigkeitsliteratur des 17. Jahrhunderts: François de Sales (S. 389-420). - Marcel Pacaut, Saint Bernard dans l'historiographie française du 19ème siècle (S. 421-430). - Insgesamt wird die Zeitgebundenheit aller Beschäftigung mit Bernhard erhellt.
  416. K. B.


  417. Jörg Oberste, Normierung und Pragmatik des Schriftgebrauchs im cisterziensischen Visitationsverfahren bis zum beginnenden 14. Jahrhundert, HJb 114 (1994) S. 312-348, trägt Hinweise auf das Erfordernis der Schriftform in ordensrechtlichen Regelungen seit dem späten 12. Jh. zusammen und beleuchtet die wachsende Bedeutung von Aufzeichnungen in der Visitationspraxis als Ausdruck fortschreitender Verrechtlichung an Hand verschiedener Formularsammlungen in Ars dictandi-Hss. des 13. und frühen 14. Jh. sowie des Briefregisters des Abtes Stephan Lexington (1227-1239). Im Anhang werden die 115 tituli eines solchen Formularbuches aus dem Languedoc nach einer Abschrift von 1640 abgedruckt.
  418. R. S.


  419. Ernst Tremp, Chorfrauen im Schatten der Männer. Frühe Doppelklöster der Prämonstratenser in der Westschweiz - eine Spurensicherung, Zs. für schweizerische KG 88 (1994) S. 79-109, 1 Karte, geht der religiösen Frauenbewegung im 12. Jh. und der Reaktion der Männerkirche am Beispiel der von Norbert von Xanten (um 1082-1134) gegründeten Prämonstratenser nach. Norbert bot in seinen Doppelklöstern den Frauen die Möglichkeit, am religiösen Leben aktiv teilzunehmen. Obwohl er ihnen viel striktere Regeln als den Männern auferlegte, scheint sein Erfolg bei arm und reich enorm gewesen zu sein. Bereits im Laufe des 12. Jh. begann unter der Kritik einflußreicher Kreise (Bernhard von Clairvaux) aber die Entflechtung der Klöster, aktive Mitwirkung der Frauen wurde verboten, und die entsprechenden Paragraphen der Regel verschwanden. Am Beispiel der Doppelklöster Lac de Joux und Humilimont-Marsens zeigen sich Spuren dieser Entwicklung: Um ca. 1140 wurden die Frauen nach Rueyres und Posat verdrängt, und die Konvente starben aus. Während der Aufbruch im französischen Raum auf keinen fruchtbaren Boden stieß, fand eine neue Belebung der religiösen Frauenbewegung rund ein Jh. später vor allem im deutschprachigen Raum statt. Im Anhang findet sich die Liste der Chor- und Konventsschwestern im Nekrolog der Prämonstratenserabtei Humilimont.
  420. D. S.


    {S. 300}

  421. Chiara di Assisi. Atti del XX Convegno internazionale Assisi, 15-17 ottobre 1992 (Atti dei Convegni della Società internazionale di studi francescani e del Centro interuniversitario di studi francescani, Nuova serie 3), Spoleto 1993, Centro italiano di studi sull' Alto Medioevo, XXVI u. 446 S., ISBN 88-7988-432-8, ITL 90.000. - In vergleichsweise kurzer Frist werden zwölf der 13 Vorträge vorgelegt, die sich im Oktober 1992 in Assisi mit Klara († 1253) und den Klarissen beschäftigten. - Peter Dinzelbacher, Movimento religioso femminile e santità mistica nello specchio della "Legenda sanctae Clarae" (S. 3-31), ordnet Klara und die Klarissen in die religiöse Frauenbewegung Europas im 13. Jh., Giulia Barone, Ideali di santità fra XII e XIII secolo (S. 33-55), in die zeitgenössischen Heiligentypen ein. - Anna Benvenuti, La fortuna del movimento damianita in Italia (sec. XIII): propositi per un censimento da fare (S. 57-106), studiert die Ausbreitung des zweiten Ordens des hl. Franziskus in Italien mit fast 200 Niederlassungen bis zum Beginn des 14. Jh. - Alfonso Marini, "Ancilla Christi, plantula sancti Francisci". Gli scritti di Santa Chiara e la Regola (S. 107-156), untersucht die Regeln für Klarissen, den Briefwechsel Klaras mit Agnes von Böhmen, ihr Testament und die kurzen, im Titel seines Beitrags zitierten Verse. - Marco Bartoli, "Novitas clariana". Chiara, testimone di Francesco (S. 157-185), stellt den Beitrag Klaras zum Nachleben des hl. Franziskus heraus. - Servus Grieben, L'iconografia di Chiara d'Assisi (S. 187-236 mit 32 Abb.), stellt 83 Bildtypen vor. - Jacques Dalarun, Donne e Donna, femminile e femminizzazione negli scritti e le leggende di Francesco d'Assisi (S. 237-267), zeigt auf, wie selten Klara und Frauen überhaupt in den Schriften des Franziskus und seinen Legenden auftreten, was seine Wirkung auf Frauen aber nicht beeinträchtigt habe. - Ludovico Gatto, Monachesimo al femminile e Chiara di Assisi nella cronaca di Salimbene (S. 269-298), faßt die Äußerungen des Chronisten zu Klara und den Klarissen zusammen. - Giovanna La Grasta, La canonizzazione di Chiara (S. 299-324), berichtet über die von Alexander IV. 1255 vorgenommene Heiligsprechung. - Stefano Brufani, Le "legendae" agiografiche di Chiara d'Assisi del secolo XIII (S. 325-355), analysiert fünf Heiligenlegenden über Klara. - Marina Soriani Innocenti, I sermoni latini in onore di santa Chiara (S. 357-380 mit vier Abb.), erläutert die selten benutzten Predigten auf Klara und ediert einen Text aus Assisi, Bibl. Com., ms. 505. - Giovanna Casagrande, Le compagne di Chiara (S. 381-425), behandelt die Mitschwestern Klaras in S. Damiano zu Assisi. - Ein Index der Namen (S. 427-446) macht den Band leichter benutzbar.
  422. K. B.


    {S. 300-301}

  423. Bernadette Paton, Preaching Friars and the Civic Ethos: Siena, 1380-1480 (Westfield Publications in Medieval Studies 7) London 1992, Westfield College, VII u. 367 S., ISBN 1-870059-06-9, GBP 27,50. - Diese überarbeitete Oxforder Diss. behandelt anhand von Predigten, Beichthandbüchern und anderen unveröffentlichten Quellen jene Aspekte der Mendikantenpredigt in Siena, die der Fragestellung der modernen Sozialgeschichte entsprechen: Aussagen zur Stadtpolitik, Wirtschaft, Sexualität, Kindererziehung, Aberglauben, Zauberei, Spiel, Frauenschmuck usw. Eine ausführliche Zusammenfassung der reichen Einzelergebnisse muß hier unterbleiben; zwei Beispiele seien aber angeführt: erstens die Feststellung einer Synthese von ciceronianischen, platonischen und aristotelisch-thomistischen Elementen bei dem Dominikaner Salimbeni und zweitens die Unterscheidung der Verfasserin zwischen den Auffassungen der Observanten und der Konventualen den Reichen gegenüber. Die Observanten wirkten, was das Freizeitvergnügen betrifft, regelrecht puritanisch, während die Konventualen als verhältnismäßig weltbejahend bezeichnet werden können. Insgesamt kann man das Buch nicht nur Wissenschaftlern, sondern auch Studenten als wichtigen Beitrag zur Ordens- und Mentalitätsgeschichte Italiens empfehlen.
  424. David d'Avray


    {S. 301-302}

  425. Il beato Pietro da Mogliano (1435-1490) e l'osservanza francescana, a cura di Giuseppe Avarucci (Bibliotheca seraphico-capuccina 43) Roma 1993, Istituto storico dei Cappuccini, 382 S., ohne ISBN, ITL 40.000. - Publiziert werden 13 Vorträge eines Kongresses vom Oktober 1990 in Mogliano (Macerata), welcher sich mit dem Franziskanerobservanten Pietro da Mogliano († 1490) und seiner Zeit befaßte, über den I. Brandozzi, Il beato Pietro da Mogliano minore osservante, 1435-1490 (1968), die grundlegende Monographie vorlegte. - Roberto Bizzocchi, Istituzioni ecclesiastiche e vita religiosa nel Quattrocento (S. 9-21), gibt einen kurzen, aber präzisen Problemaufriß zu geistlichen Institutionen und religiösem Leben Italiens im 15. Jh. - Pier Luigi Falaschi, Quadro socio-politico del Quattrocento marchigiano (S. 23-54), führt ebenso kurz, aber aspektreich in die Geschichte der Marken im 15. Jh. ein. - Mariano D'Alatri, L'osservanza marchigiana nel Quattrocento (S. 55-69), umreißt die Ausbreitung der Franziskanerobservanten in den Marken seit dem Ende des 14. Jh. - Adriano Gattucci, Il "Felice transito del B. Pietro da Mogliano" della B. Battista da Varano (S. 71-94), analysiert den von der mit Pietro befreundeten Nonne verfaßten Text über seinen Tod. - Ders., Per uno studio del ms 2 della biblioteca comunale di Mogliano (S. 95-136 mit 2 Abb.), untersucht eines der beiden Autographen Pietros, eine Anleitung für Prediger in drei Teilen De vita monastica, iconomica, et politica, Giuseppe Avarucci, Il sermonario del beato Pietro da Mogliano (S. 137-174 mit 2 Abb.), das andere Autograph, ms. 3, mit Predigten Pietros, von denen er ein Beispiel ganz, ein zweites, teilweise italienisch verfaßtes auszugsweise ediert. - Ugo Paoli, Presenza del beato Pietro a Fabriano (S. 175-188), erläutert Pietros Rolle 1469 bei der Aussöhnung mit Aufständischen in Fabriano. - Delio Pacini, Il culto del beato Pietro da Mogliano (S. 189-242 mit 1 Abb.), schildert die Verehrung des 1760 seliggesprochenen Pietro. - Bernardino Pulcinelli, Iconografia del beato Pietro da Mogliano (S. 243-261 mit 8 Abb.), beschreibt 35 Darstellungen Pietros bis zum 19. Jh. - Simonetta Nicolini, Biblia pulcerrima Augustinus pulcerrimus. Su alcuni codici miniati della libreria di S. Giacomo della Marca (S. 263-294 mit 7 farbigen Abb.), berichtet über ein gutes Dutzend bebilderter Hss. vom 13. bis 15. Jh. aus der Ende 18. Jh. verstreuten Bibliothek des Franzskanerobservantenkonvents S. Maria delle Grazie in Monteprandone. - Maria Grazia Bistoni Grilli Cicilioni, L'intervento del beato Pietro nella costituzione della biblioteca di S. Giacomo della Marca (S. 295-332), über die Tätigkeit Pietros als Kopist anhand der drei Codices Monteprandone, Bibl. Com., ms. 57-58-59. - Gian Carlo Alessio, Manoscritti di autori classici nelle biblioteche dell'Osservanza (S. 333-351), erfaßt hauptsächlich mittelitalienische Bibliotheken der Fraziskanerobservanten. - Rino Avesani, Il beato Pietro e la letteratura profana (S. 353-365), erörtert ausgehend von der Summa des Ostiensis Pietros Verhältnis zur heidnischen Literatur. - Ein Index der Personen- und Ortsnamen (S. 367-382) erleichtert die Benutzung. Der Band würdigt einen Franziskanerobservanten, der im Schatten von Bernardino da Siena, Giovanni da Capestrano oder Giacomo della Marca steht, und gewährt Einblick in religiöse, geistige, politische und soziale Verhältnisse der Marken im 15. Jh.
  426. K. B.


    {S. 302-303}

  427. Auf den Spuren des heiligen Antonius. Festschrift für Adalbert Mischlewski zum 75. Geburtstag, hg. von Peer Frieß, Memmingen 1994, Memminger Zeitung, X u. 370 S., 18 Abb., ISBN 3-927003-12-3. - Rechtzeitig zu seinem 75. Geburtstag wurde Adalbert Mischlewski, dem Nestor der Antoniterforschung, eine Festschrift gewidmet, welche auch seine wichtigsten Publikationen verzeichnet (S. 351-354). Sieben der 25 Beiträge widmen sich allerdings ausschließlich neuzeitlichen oder kunstgeschichtlichen Themen und können deshalb hier nicht notiert werden. - Karl Borchardt, Antoniter in Deutschland und die römische Kurie 1378-1471 (S. 3-26), wertet das Repertorium Germanicum aus (Selbstanzeige), und Katherine Walsh, John (XXIII), the Order of St. Anthony and the Council of Constance: Documents in the Register of John Swayne, Archbishop of Armagh 1418-1439 (S. 27-36), das Register eines päpstlichen Sekretärs; beiden geht es um Probleme der Ordensverfassung und der päpstlichen Ordenshoheit. - Alfred A. Strnad, Herzog Sigmund von Österreich, Alienor (Elionor) von Schottland und der Antoniterorden. Mit einer Edition ihres Konfraternitätsbriefes von 1480 (S. 37-48). - Jörn Henning Wolf, Die Antoniter-Präzeptorei Mohrkirchen (1391-1541). Konturen ihrer Geschichte im Streiflicht spärlicher Überlieferung (S. 49-59), stellt Quellen zu der Niederlassung im Herzogtum Schleswig zusammen. - Albrecht Eckhardt, Spuren almosensammelnder Antoniter zwischen Weser und Ems (S. 60-64). - Peer Frieß, Die Reformation und der Niedergang des Antoniterordens in Deutschland (S. 65-85), behandelt die spätma. Krise sowie das für die Archivalienüberlieferung wichtige 16. Jh. - Hans Martin Schaller, Die Übertragung des Patronats der Pfarrkirche St. Martin in Memmingen an die Antoniter durch Friedrich II. (S. 89-96), ediert die Schenkungsurkunde von 1214, deren Inkarnationsjahr fälschlich 1215 lautet (BF 730), und deren Bestätigung durch Honorius III. 1217. - Hermann J. Hallauer, Die Memminger Antoniter und das Bistum Brixen im 15. Jahrhundert - Ein Überblick (S. 97-106). - Raimund Eirich, Antoniter und Patriziat in Memmingen im Mittelalter (S. 107-123), der die Schenkung Friedrichs II. 1215 ansetzt, ohne Kenntnis des falschen Inkarnationsjahres. - Italo Ruffino, Les Prieurs de l'ancien Hôpital de Saint-Antoine de Rome (S. 135-146), gibt eine Namensliste vom 13. bis 18. Jh. - Jean de Montchenu, Temoignages sur les Hospitalier Antonins à Bordeaux (S. 147-170). - Sabine Weiss, Das Antoniterkloster Nimburg und die Universität Freiburg (S. 171-186), verfolgt die Geschichte der 1456 durch Markgraf Karl von Baden begründeten Ordensniederlassung. - Stanis_aw _widzi_ski, Der heilige Paulus von Theben Protagonist des heiligen Antonius von Keman. Vorbild für klösterliches Leben in Ägypten und Europa (S. 201-214), geht auf die Paulinereremiten ein. - Thomas M. Izbicki, Saint Anthony's Self Knowledge in a Sermon of Jean Gerson (S. 215-221). - Elisabeth Clémentz, Le culte de St. Antoine en Alsace (S. 222-236, 3 Karten). - Herbert Schneider, Hartmann Schedel, ein Antoniterfreund im deutschen Humanismus (S. 237-248, 1 Abb.), behandelt Schedels Aufnahme in die Antoniusbruderschaft zu Maastricht 1468 und andere Zeugnisse seiner Antoniusverehrung. - Georges Fréchet, La construction et les trésors d'art d'une commanderie alsacienne: Isenheim (S. 255-277), und Dankward Leistikow, Spurensuche zur Antoniterarchitektur in Europa (S. 278-294, 9 Pläne und Risse) bringen wichtige Hinweise zu Bauten der Antoniter und zur Ausstattung ihrer Präzeptoreien.
  428. K. B.


  429. Michael Skopal, Zalo_eni komendy Johanit_ na Malé Stran_. P_ísp_vek k otázce p_íchodu _ádu do _ech [mit Zusammenfassung: Die Gründung der Johanniterkommende auf der Prager Kleinseite. Ein Beitrag zur Klärung der Frage über die Ansiedlung des Ordens in Böhmen], Pra_ský sborník historický 26 (1993) S. 7-37: In recht komplizierter Weise zeichnet der Vf. den Einzug der Johanniter in Böhmen nach und datiert die entsprechende Urkunde (Codex diplomaticus regni Bohemiae 1, Nr. 245 = Delaville le Roulx, Cartulaire etc. 1, Nr. 278) auf 10. März bis 30. Mai 1169.
  430. Ivan Hlavá_ek


    {S. 303-304}

  431. Sonja Neitmann, Von der Grafschaft Mark nach Livland. Ritterbrüder aus Westfalen im livländischen Deutschen Orden (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz, Beiheft 3) Köln - Weimar - Wien 1993, Böhlau, X u. 673 S., ISBN 3-412-04992-1, DEM 178. - Die von Norbert Angermann betreute Hamburger Diss. gehört in eine Reihe mit anderen personen- und sozialgeschichtlichen Untersuchungen zum Deutschen Orden wie denen von K. Scholz und D. Wojtecki (1971; vgl. DA 28, 316). Eine Besonderheit ist die enge Verbindung zum parallel erschienenen Band von L. Fenske und K. Militzer (vgl. DA 50, 769), zu dem N. selbst die Beiträge über Ritterbrüder aus der Grafschaft Mark und dem westfälischen Münsterland beigesteuert hat und der auch eine Grundlage ihrer Arbeit bildet. N. geht es um "die Familiengeschichte der im Deutschen Orden vertretenen Geschlechter" (S. 6). Kern der Arbeit sind somit 83 Familienartikel, die 160 Ritterbrüder aus der Grafschaft Mark, dem Stift Essen, der Abtei Werden und ab 1449 aus Soest erfassen und auf umfangreichem, auch ungedrucktem Quellenmaterial aufbauen. Dem sind zwei einleitende Kapitel vorangestellt, in denen die Rolle Westfalens als Rekrutierungsgebiet für den Deutschen Orden in Livland untersucht und die Entwicklung des "Zungenstreits" zwischen "Westfalen" und "Rheinländern" in größerem Zusammenhang dargestellt wird, vor allem anhand der Ämterwechsel (ohne tabellarische Umsetzung allerdings etwas unübersichtlich, zumal N. in einigen Fällen Korrekturen der bisher angenommenen Amtsdaten vorschlägt). Die Familienartikel sind am Ende zusammenfassend ausgewertet (mit Blick auf die soziale Herkunft aus dem niederen Adel und auf die Karrieren der Brüder). Den Abschluß des Bandes bilden ein Anhang mit den Visitationen von 1442 und 1451 sowie das Quellen- und Literaturverzeichnis; ein Register fehlt. Auch wenn die (wohl notwendige) Beschränkung auf mit Vor- und Familiennamen belegte Ritterbrüder ein nicht immer repräsentatives Bild von der Rolle der Märker im livländischen Ordenszweig ergeben mag, geht die solide Arbeit (ungeachtet kleinerer Versehen, z.B. S. 154 Anm. 920 "Johann" statt Heidenreich Vincke von Overberg) doch in vielen Aspekten über bisherige Forschungen zur Personen- und Sozialgeschichte Livlands und Westfalens vom 13. bis zum 16. Jh. deutlich hinaus.
  432. Jürgen Sarnowsky


    {S. 304}

  433. Gerhard Rottenwöhrer, Der Katharismus IV, 1-3: Glaube und Theologie der Katharer, Bad Honnef 1993, Bock und Herchen, 493 S., 448 S., 424 S., ISBN 3-88347-173-9. - Der Vf., als Theologe und ausgezeichneter Quellenkenner bestens ausgewiesen, bietet eine umfassende Darstellung katharischer Lehren nach den geographischen Räumen (Italien, Frankreich, Deutschland und Spanien) und Themen (Schöpfung, Satan, Johannes der Täufer usw.). Dabei werden die einzelnen Stellungnahmen genau und im Einzelnen wiedergegeben. Das erschwert zwar die Lektüre, führt aber zu mancher Korrektur am bisherigen Bild und differenziert überzeugend zwischen den verschiedenen Richtungen. Einige neue Ergebnisse: Die Kluft zwischen den italienischen Bekenntnissen, den Albanensern und Concorezzensern war groß und erklärt sich keineswegs nur auf Grund von Verleumdung oder persönlichen Konflikten. Hinter dem lateinischen Katharerritual wird ein sehr selbständiger Theologe sichtbar. Die katholischen Kontroverstheologen geben trotz einiger Mißverständnisse die Positionen verläßlich wieder. Die Theorien von R. Nelli über das katharische Verständnis vom ,Nichts' und über eine angebliche katharische Philosophie entbehren der Grundlage. Eine Art Radikaldualismus - R. bevorzugt den Ausdruck ,Diprinzipialismus' - herrschte in Südfrankreich; der Monoprinzipialismus der Concorezzensischen Art war nur eine Randerscheinung. Höchst interessant ist bei R. die Darstellung von Guillelmus Belibasta (IV, 2 S. 349-369); er wird nicht als ,dekadent', sondern als "eigenständig denkender Theologe" innerhalb des Katharismus bezeichnet. Die dichte Zusammenfassung (IV, 3 S. 279-383) verdient, immer wieder gelesen zu werden, und das Werk insgesamt wird sich für jeden Katharismus-Forscher als unverzichtbar erweisen.
  434. Malcolm Lambert


    {S. 304-305}

  435. Essential Papers on Judaism and Christianity in Conflict from Late Antiquity to the Reformation, ed. by Jeremy Cohen, New York 1991, New York University Press, XIV u. 577 S., ISBN 0-8147-1443-9, GBP 19,95. - Der Sammelband vereinigt Aufsätze und Kapitel aus Sachbüchern der letzten sechs Jahrzehnte, von denen sich etliche auch mit den ma. Beziehungen zwischen Juden und Christen befassen. Es sind im einzelnen zu nennen: B. Blumenkranz, The Roman Church and the Jews (S. 193-230; ursprünglich 1966), zur päpstlichen Judenpolitik des 8.-11. Jh. - S. Grayzel, The Papal Bull "Sicut Iudaeis" (S. 231-259; 1962), zur Wirkungsgeschichte der von Calixt II. im Jahre 1120 promulgierten Bulle. - H. Liebeschütz, The Crusading Movement in its Bearing on the Christian Attitude towards Jewry (S. 260-275; 1959), zu den geistigen und ökonomischen Hintergründen der Judenpogrome von 1096. - L. K. Little, The Jews in Christian Europe (S. 276-297; 1978), zur Ritualmordbeschuldigung und zur Dämonisierung des Judenbildes im Hoch-MA. - Dasselbe bei C. Roth, The Medieval Conception of the Jew (S. 298-309; 1938). - J. Cohen, Scholarship and Intolerance in the Medieval Academy: The Study and Evaluation of Judaism in Europaean Christendom (S. 310-341; 1986), zur Rezeption jüdischer Bibelauslegung durch christliche Theologen im 12. und 13. Jh. und zur christlichen Auseinandersetzung mit dem Talmud seit dem 13. Jh. - J. Katz, Social and Religious Segregation (S. 458-468, 1962), zum Genußverbot und der ökonomischen Nutznießung nichtjüdischen Weins durch Juden. - I. G. Marcus, From Politics to Martyrdom. Shifting Paradigms in the Hebrew narratives of the 1096 Crusade Riots (S. 469-483; 1982), zur jüdisch-theologischen Deutung der Selbstmorde zahlreicher Juden anläßlich der Ausschreitungen des 1. Kreuzzugs. - D. Berger, The Jewish-Christian Debate in the High Middle Ages (S. 484-513; 1979), zur antichristlichen jüdischen Exegese von AT und NT auf dem Hintergrund der ökonomischen und politischen Verschlechterung des Judenstatus im 12. und 13. Jh. - D. B. Ruderman, Champion of Jewish Economic Interests (S. 514-535; 1981), zur Rolle Abraham Farissols als Verteidiger der jüdischen Zinsnahme in Italien am Ende des 15. Jh.
  436. Hans-Georg von Mutius


  437. Gavin I. Langmuir, Towards a definition of antisemitism, Berkeley 1990, University of California Press, X u. 417 S., ISBN 0-520-06144-6. - Dieses Buch behandelt hauptsächlich historiographische und methodologische Probleme sowie einige Aspekte der Geschichte der Juden im Früh- und Hoch-MA (Verhältnis zum König, Vorwurf des Ritualmordes an Christen). Es besteht zum größten Teil aus schon veröffentlichten Aufsätzen des Vf. aus den Jahren 1960-1987; der Vf. hat lediglich den wissenschaftlichen Apparat vereinheitlicht und zu Endnoten umgestaltet. Nur die Kapitel 5, 8 und 11 sind neu; trotzdem macht das Buch einen sehr einheitlichen und überzeugenden Eindruck. Es erschien gleichzeitig mit einer größeren Synthese (History, Religion, and Antisemitism, 1990), und liefert vor allem die wissenschaftliche Untermauerung einer Hauptthese des Vf.: das Aufkommen einer neuen, irrationalen Qualität des Judenhasses im Christentum des westlichen Europas am Ende des 11. Jh. Die Tatsache ist unbestreitbar (Judenpogrome während des ersten und zweiten Kreuzzuges, Vorwurf des Ritualmordes ab 1144, Fantasien über Hostienschändung und Brunnenvergiftung). L. erklärt sie als Auswirkung der Veränderungen innerhalb der westeuropäischen Gesellschaft des Hoch-MA, und zwar nicht banal allgemein-soziologisch, sondern ganz präzis: Die neuartigen rational-empirischen Denkweisen sind nachweislich durch erhöhte Zweifel an der Richtigkeit und Wahrheit der christlichen Religion begleitet worden, auch und gerade bei den besonders frommen und gelehrten Mitgliedern der Gesellschaft. Unter solchen Umständen wurden die offen andersglaubenden Juden zu einer unerträglichen ständigen Erinnerung an die eigenen Unsicherheiten und Zweifel; daher die neue irrationale Dimension des Hasses, die als Antisemitismus zu bezeichnen sei. L. betritt dieses verminte Gelände mit erstaunlicher Sicherheit und Sensibilität und stellt seine Hauptthese umsichtig, methodisch durchreflektiert und sprachlich präzis vor. Ob sie richtig ist, hängt wohl in erster Linie von einer Beurteilung des Verhältnisses zwischen Christentum und Judentum in frühchristlicher Zeit ab, für die der Rez. sich nicht kompetent fühlt.
  438. T. R.


    4. Rechts- und Verfassungsgeschichte

    {S. 306-307}

  439. Gerhard Dilcher, Heiner Lück, Reiner Schulze, Elmar Wadle, Jürgen Weitzel, Udo Wolter, Gewohnheitsrecht und Rechtsgewohnheiten im Mittelalter (Schriften zur Europäischen Rechts- und Verfassungsgeschichte 6) Berlin 1992, Duncker & Humblot, 161 S., ISBN 3-428-07500-5, DEM 98. - Reiner Schulze, "Gewohnheitsrecht" und "Rechtsgewohnheiten" im Mittelalter - Einführung (S. 9-20), skizziert die mit dem Begriff "Gewohnheitsrecht" verbundenen Probleme, ordnet es (oder nach einem Vorschlag K. Kroeschells besser: die "Rechtsgewohnheit") einer weithin schriftlosen, oralen Rechtskultur zu und plädiert für die Überwindung nationalgeschichtlicher Verengung und die Betrachtung der Rechtsgewohnheiten als Teil der europäischen Rechtsgeschichte. - Gerhard Dilcher, Mittelalterliche Rechtsgewohnheit als methodisch-theoretisches Problem (S. 21-65), hebt zwei methodische Probleme hervor: Das Übersetzungsproblem (Übertragung volkssprachlicher Inhalte ins Lateinische und umgekehrt bis hin zur Schaffung von volkssprachigen Wörtern zur Erfassung lateinischer Bedeutungen) und die Frage, ob dem älteren Rechtsdenken vor allem des "Ersten Mittelalters" überhaupt der Begriff der "Rechtsordnung in unserem Sinn" unterlegt werden kann. Der Vf. betont die qualitative Andersartigkeit des Gewohnheitsrechts, gibt einen Überblick über die Ansätze der älteren Forschung und skizziert Zugänge von einem ethnologisch-anthropologisch begründeten Rechtsverständnis, wobei u.a. die Fruchtbarkeit der Annales-Schule und der Mentalitäts- und Sozialgeschichte betont wird. Schließlich werden die Probleme erörtet, die sich aus den Interferenzen der zwei Kulturen der ma. Gesellschaft - der lateinisch-klerikalen und der volkssprachlichen, fast rein oralen Laienkultur - für das Recht und seine Aufzeichnung ergeben. - Jürgen Weitzel, Gewohnheitsrecht und fränkisch-deutsches Gerichtsverfahren (S. 67-86), beschließt seinen Beitrag mit zwölf Thesen, als deren wichtigste vielleicht hervorgehoben werden darf, daß für den ma. und in den Kategorien des régime coutumier und der Oralität denkenden Menschen Recht Überzeugungsrecht war, das des Konsenses bedurfte, deshalb genossenschaftliche Elemente aufwies und außerhalb des Rechtskonsenses geltungsschwach war. - Udo Wolter, Die "consuetudo" im kanonischen Recht bis zum Ende des 13. Jahrhunderts (S. 87-116), geht dem Ursprung und dem Geltungsgrund von consuetudines (= nichtschriftlichen Rechtsquellen), deren Rolle auch im kirchlichen Bereich nicht unterschätzt werden darf, von Tertullian bis zu Hostiensis und Johannes Andreae nach. Geltungsgrund war die ratio und veritas, wobei die Dekretisten der consuetudo eine derogierende Kraft zusprachen, freilich unter der Fiktion der päpstlichen Zustimmung (auch eines tacitus consensus) und einer legitima praescriptio von vierzig Jahren. - Elmar Wadle, Gewohnheitsrecht und Privileg. Allgemeine Fragen und ein Befund nach Königsurkunden des 12. Jahrhunderts (S. 117-148), untersucht das Bedeutungsfeld von mos, usus und consuetudo in den Diplomen Lothars III. bis Friedrich I. Consuetudo wird demnach verwendet zur Legitimation eigenen Handelns, zur Bezeichnung für das Recht selbst und zur Beschreibung regionaler Herkömmlichkeiten. Kirchenrechtliche Vorstellungen dringen jedoch in die Diplome ein: Kriterien, eine consuetudo als perversa oder bona zu definieren, sind ratio und veritas, und für DF I. 606 hält der Vf. gar die Beiziehung des Decretum Gratiani für wahrscheinlich. - Heiner Lück, Nach Herkommen und Gewohnheit. Beobachtungen zum Gewohnheitsrecht in der spätmittelalterlichen Gerichtsverfassung Kursachsens (S. 149-160), behandelt den Zeitraum von 1423 bis 1559 und hebt hervor, daß vor allem auf lokaler Ebene das Gewohnheitsrecht eine dominierende Rolle spielte.
  440. G. Sch.


    {S. 307}

  441. Susan Reynolds, Fiefs and Vassals. The Medieval Evidence Reinterpreted, Oxford 1994, Oxford University Press, XI u. 544 S., ISBN 0-19-820458-2, DEM 78,90. - Nicht wenig nimmt sich die Vf. vor: Sie interpretiert "das Lehnswesen" für die Zeitspanne zwischen 500 und 1300 und in den Räumen Frankreich, Italien, England und Deutschland neu und sieht in den Begriffen Lehnswesen, Vasallität oder Feudalismus zeitferne Konstrukte der Forschung. Sie widerspricht der vorherrschenden Lehrmeinung, daß das Lehen als dingliche und der Vasallenstatus als personelle Seite seit dem frühen 9. Jh. zum Lehnswesen verschmolzen seien, untersucht dazu zunächst die wichtigsten Quellen unter rein wirtschaftlichem Aspekt und begreift das Lehen als eine von vielen Besitz- und Eigentumsformen des MA, die primär nichts oder wenig mit vasallitischen (Rechts-)Beziehungen zu tun haben (wobei sie zu interessanten Beobachtungen auch zum Allod gelangt). Dann betrachtet sie die auf wirtschaftlicher Basis ruhenden Personenbeziehungen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Diese können, müssen aber nicht zwangsläufig durch politische Abhängigkeiten und eine hierarchisch strukturierte Über- bzw. Unterordnung geprägt sein. Die Vf. stellt fest, daß sich im gesamten Untersuchungszeitraum Lehen und Vasall-Sein zu keiner sich gegenseitig bedingenden und unlösbaren Einheit, gar zu einem Lehnsrecht entwickelt hätten. Überzeugend legt sie dar, daß die wirtschaftlichen und personellen Beziehungen erst im 13. Jh. (regionale Frühformen im 12. Jh.) von den gelehrten Juristen einer im jeweiligen politisch-herrscherlichen Interesse stehenden, spezifisch rechtlichen Auslegung unterzogen wurden. Die Juristen der frühen Neuzeit haben die juristische (Um-)Deutung im einzelnen ausgearbeitet. So ist erst im späteren MA, vielleicht sogar noch später die Konzeption entstanden, welche die Auffassung der Forschung vom "Lehnswesen" bis heute entscheidend beeinflußt hat. Die juristische Sichtweise wurde und wird rückblickend auf die frühma. Verhältnisse angewandt. Der große Wurf ist der Vf. gelungen. Im Detail wird sicherlich das eine oder andere zu kritisieren sein (Auslegung einzelner Quellen; zu geringe Berücksichtigung von abweichenden Meinungen in der Forschung, die die Annahmen der Vf. untermauern könnten), doch sind dies Marginalien. Bestehen bleibt die Notwendigkeit, sich erneut mit den Grundlagen und dem Herrschaftsgefüge des ma. Königtums auseinanderzusetzen - außerdem mit einem weiteren "Konstrukt" der Forschung: der "Grundherrschaft". Hier scheint ähnliches wie beim "Lehnswesen" passiert zu sein.
  442. Brigitte Kasten


  443. Annali dell'Istituto storico italo-germanico in Trento. Jahrbuch des italienisch-deutschen historischen Instituts in Trient 19 (1993) S. 393-575, veröffentlicht die Akten des Seminars "Il sacramento del potere", das in Pisa im Februar 1993 abgehalten wurde und das sich insbesondere mit den von Paolo Prodi betriebenen Forschungen auseinandersetzte. Mittelalterliche Aspekte behandeln: Giuseppe Sergi, Una dialettica gelasiana contro le nuove ordalie (S. 417-421), Gabriella Rossetti, Il principio di sovranità nell'età dei communi (S. 423-429), Mario Ascheri, Giuramento e storia del potere (S. 431-435) und Giorgio Chittolini, Il tardo medioevo: una "società corporata" (S. 437-447).
  444. Josef Riedmann


  445. Othmar Hageneder, Die Länder im spätmittelalterlichen Verfassungsgefüge, in: Bericht über den neunzehnten österreichischen Historikertag in Graz 1992 (Veröffentlichungen des Verbandes österreichischer Historiker u. Geschichtsvereine 28) Wien - Graz 1993, Verband österreichischer Historiker u. Geschichtsvereine, keine ISBN, S. 11-25, skizziert Grundsätzliches zum Wesen der Länder und geht besonders auf die Probleme dynastischer Landes- und Länderteilungen ein.
  446. Herwig Weigl


  447. Bernhard Stettler, Reichsreform und werdende Eidgenossenschaft, Schweizerische Zs. für Geschichte 44 (1994) S. 203-229, legt den Zusammenhang der Neudefinition der Regeln eidgenössischen Zusammenlebens mit der Reichsreform in den 1430er Jahren dar. Die geographische Lage der einzelnen Orte führte im Vorfeld zu auseinanderdriftenden Interessen: Zürich, zwischen Bodenseegebiet und der ländlichen Unordung in der Innerschweiz, bekannte sich zum Reich, Schwyz hatte dagegen rein lokale Interessen, während Bern sich an die Bündnisgemeinschaft hielt. Der gemeinsame Wille zur Findung einer festeren Form führte zu einem pragmatischen Kompromiß, der "von gelehrtem Recht her beurteilt als primitiv zu bezeichnen ist" - die Reichsreform wirkte dabei als Katalysator.
  448. D. S.


  449. Paul Mikat, Die Inzestgesetzgebung der merowingisch-fränkischen Konzilien (511-626/27) (Rechts- und Staatswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft, N.F. 74) Paderborn u.a. 1994, Schöningh, 149 S., ISBN 3-506-73375-3, DEM 36. - Nach Vorstudien über die Inzestverbote des Konzils von Epao 517 (1970) und des 3. Konzils von Orléans 538 (vgl. DA 49, 746) sowie zwei weiteren Aufsätzen über die merowingisch-fränkische Inzestgesetzgebung jüngsten Datums in den Festschriften für E. Kaufmann (vgl. DA 50, 731) und W. Trusen wird hier unter fast redundanter Zitation der Quellen eine Gesamtanalyse vorgelegt, die die Bestimmungen der Synoden von 511 (Orléans I) bis 626/627 (Clichy) behandelt, wobei mit der zuletzt genannten Synode die kirchliche Inzestgesetzgebung zu ihrem inhaltlichen Abschluß gekommen ist.
  450. G. Sch.


    {S. 308-310}

  451. Heinz Wilhelm Schwarz, Der Schutz des Kindes im Recht des frühen Mittelalters. Eine Untersuchung über Tötung, Mißbrauch, Körperverletzung, Freiheitsbeeinträchtigung, Gefährdung und Eigentumsverletzung anhand von Rechtsquellen des 5. bis 9. Jahrhunderts (Bonner Historische Forschungen 56) Siegburg 1993, Verlag Franz Schmitt, XXXIX u. 237 S., ISBN 3-87710-203-4, DEM 78. - Die behandelten Themenfelder dieser fleißigen und mit 1451 Anmerkungen gespickten Arbeit sind im Untertitel grob umrissen; herangezogen sind Leges, Kapitularien, Konzilien und - vor allem - Bußbücher. Das Ergebnis in des Autors eigenen Worten: "Insgesamt bleibt festzuhalten, daß das Frühmittelalter im Bereich des - hier nicht nur quantitativ dominanten - kirchlichen wie des weltlichen Rechts eine weitgehend an Einzelfällen orientierte (v.a. Leges), gelegentlich aber auch zur Abstrahierung neigende (z.B. Bußbücher im Bereich der Kindestötung) originelle Gesetzgebung zum Schutz - nicht nur - des Kindes, das als solches häufig nur sehr schwer zu identifizieren ist, hervorgebracht hat, die in vielen Einzelfällen bereits Züge modernen Rechts trägt und oft Vorbildfunktion gehabt haben dürfte" (S. 197). Man wird die zahlreichen hier zusammengeführten Belege dankbar begrüßen, allerdings gerät eine durchgängige Lektüre des Buches zur Poenitenz, denn hier wird dem Leser mit magistralem Gestus ein Zettelkasten über den Kopf gestülpt. Nach Genre geordnet und an der Kasuistik der Quellen orientiert wird Norm für Norm abgehandelt (für den die Kindestötung betreffenden, umfangreichsten Teil des Buches sind es "gut 350", S. 96), gleichgültig, ob sie weitverbreitet oder eher marginal waren, ob sie aus Irland oder Spanien stammten. Einmal abgesehen davon, daß dies zwangsläufig zu Wiederholungen führt (allein daß Theodulfs Kapitular II "vor 813 entstand" oder "zwischen 798 und 813", erfährt man mindestens fünfmal), hat der Autor durchaus nicht immer alles fest im Griff: Isaaks von Langres Kapitular ist nichts als ein Auszug aus der Sammlung des Benedictus Levita, und so ist es nicht sinnvoll, darüber zu spekulieren, er könne "auch direkt aus dem C. Th. geschöpft haben, wie sich aus T. IV, Cap. VIII ergibt" (S. 14). Nichts davon, und die S. 118 angeführte "originelle Vorschrift" Isaaks ist nichts anderes als Ben. Lev. 3, 356. Isaak hätte überhaupt nur als Rezipient Benedicts erwähnt werden dürften. Zu letzterem sind dem Vf. die Quellenstudien von E. Seckel (bis auf die Anm. 809 zitierte Studie II) unbekannt geblieben, weshalb er sich mehrfach auf Knust stützen muß (z.B. S. 59 Anm. 425 oder S. 73 Anm. 514 u. ö.). Überhaupt werden die Editionen recht unbefangen benutzt: Von einem "fränkischen Kapitular aus dem Jahre 803" (S. 30 mit Anm. 243) kann keine Rede sein, und das MGH Capit. 1 Nr. 129 als "Iudicatum regium" gedruckte Stück ist auch nicht von Ludwig II. 856 "erneut verkündet" worden, wie A. Boretius, Die Capitularien im Langobardenreich S. 191 f. schon 1864 dargetan hat, und das S. 176 mit Anm. 1289 nach Baluze zitierte "Capitulare incerti anni" ist nichts anderes als ein Exzerpt aus Benedictus Levita (mit einem Ansegis-Kapitel), weshalb es überflüssig ist, sich über eine "Vorschrift Childerichs III." Gedanken zu machen. Im übrigen hat schon Baluze am Charakter dieses Stückes seine Zweifel gehabt, wie man sich leicht MGH Capit. 1 S. 451 Anm. 1 überzeugen kann. 796/97 fand auch kein Konzil in "Fréjus" (S. 130 f.) statt, sondern in Cividale del Friuli. C. 22 der "Capitula de ordinibus ecclesiasticis Hludowici II." (S. 130) wäre als c. 22 der Synode von Pavia 850 zu identifizieren und nach MGH Conc. 3 S. 228, 17-24 zu zitieren gewesen, und zu einem "vielleicht im Jahre 813 zu Rouen zusammengetretenen Konzil" (S. 19) hätte man vielleicht bemerken können, daß wir über dieses Konzil überhaupt nichts wissen und uns diese - vermutlich echten - Kanones nur durch die Sammlung Reginos von Prüm (ansonsten nicht mehr berücksichtigt, weil dessen Libri duo "ein neues Kapitel der kirchlichen Bußrechtsgeschichte insgesamt darstellen", vgl. S. 3 Anm. 12) überliefert sind. Dies mögen nun alles Marginalien sein, aber verbunden mit einer höchst schematischen Gliederung (was z.B. dazu führt, daß S. 60 f. einem Textabschnitt von 25 Zeilen eine "Zusammenfassung" eben dieses Abschnittes von 10 1/2 Zeilen folgt), einer wahren Abkürzungswut (FZ=Fastenzeit; B=bei Brot; B+W=bei Brot und Wasser) und dem Umstand, daß auch Dinge behandelt werden, die mit dem Schutz des Kindes direkt jedenfalls nichts zu tun haben (Verursachung von Sterilität bei der Frau, Empfängnisverhütung) sinkt die Lust am Lesen beträchtlich: Erfreulicherweise ist das Buch durch verschiedene Register gut erschlossen.
  452. G. Sch.


    {S. 310}

  453. Michael Kißener, Ständemacht und Kirchenreform. Bischöfliche Wahlkapitulationen im Nordwesten des Alten Reiches 1265-1803 (Rechts- und Staatswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft N. F. 67) Paderborn 1993, Schöningh, 318 S., 10 Abb., ISBN 3-506-73367-2, DEM 68. - Die Bonner Diss. von 1991, angefertigt bei K. Repgen, behandelt die bischöflichen Wahlkapitulationen (WKap.) des Erzbistums Köln sowie seiner Suffraganbistümer Münster, Osnabrück und Minden von ihrem ersten Aufkommen bis zum Ende des Alten Reiches. Im Kern handelt es sich also um eine Studie zur Kirchenverfassungsgeschichte der Frühen Neuzeit, aber auch für den Mediävisten bietet sie Interessantes, reichen doch die Wurzeln der WKap. in den behandelten Bistümern bis in die Jahre 1265 (Osnabrück), 1301 (Münster), 1353 (Minden) bzw. 1414 (Köln) zurück. K. behandelt den Einfluß der Domkapitel und der jeweiligen Landstände auf die WKap., gibt eine detaillierte Geschichte der WKap. für die vier Bistümer und äußert sich zur Stellung des bischöflichen Schwurs auf die WKap. innerhalb des Vorgangs der Bischofserhebung. In einer ausführlichen inhaltlichen Analyse der überlieferten WKap. (S. 145-194) arbeitet K. ein "relativ fest umrissenes Konvolut weltlicher Forderungen" heraus (S. 177), das im MA vor allem die Mitregierung des Domkapitels innerhalb der Bistümer sowie seine herausragende Stellung unter den Ständen sichern sollte. Umfangreiche, tabellenartig aufbereitete Aufgliederungen des Inhalts überlieferter WKap. (S. 211-295) bilden eine wichtige Ergänzung der soliden und für einen wichtigen Aspekt der Geschichte der Kirchenverfassung grundlegenden Arbeit.
  454. Thomas Vogtherr


    {S. 310-311}

  455. Illegitimität im Spätmittelalter, hg. von Ludwig Schmugge unter Mitarbeit von Béatrice Wiggenhauser (Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien 29) München 1994, Oldenbourg, X u. 314 S., ISBN 3-486-56069-7, DEM 98. - Veröffentlicht werden die Referate eines internationalen Kolloquiums vom April 1992 in München. Nach der Einleitung des Hg. (S. 1-9) befassen sich die ersten sieben Beiträge mit der "Theorie", den rechtlichen und sozialen Normen hinsichtlich unehelicher Geburt: Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, Soziologische Marginalien zur Marginalisierung durch "illegitime" Geburt (S. 11-20). - Neithard Bulst, Illegitime Kinder - viele oder wenige? Quantitative Aspekte der Illegitmität im spätmittelalterlichen Europa (S. 21-39). - Peter Landau, Das Weihehindernis der Illegitimität in der Geschichte des kanonischen Rechts (S. 41-53). - Dietmar Willoweit, Von der natürlichen Kindschaft zur Illegitimität. Die nichtehelichen Kinder in den mittelalterlichen Rechtsordnungen (S. 55-66). - Knut Schulz, Die Norm der Ehelichkeit im Zunft- und Bürgerrecht spätmittelalterlicher Städte (S. 67-83). - Klaus Schreiner, "Defectus natalium" - Geburt aus einem unrechtmäßigen Schoß als Problem klösterlicher Gemeinschaftsbildung (S. 85-114). - Michael M. Sheehan, Illegitimacy in Late Medieval England. Laws, Dispensation and Practice (S. 115-121). - Die folgenden neun Beiträge beschäftigen sich mit der "Praxis" anhand der im 15. Jh. an der römischen Kurie entstandenen Quellen, einschließlich der von Ludwig Schmugge und seinen Mitarbeitern erstmals herangezogenen Register der Pönitentiarie (37916 Suppliken um Dispens vom Geburtsmakel aus den Jahren 1449 bis 1533), die er, soweit nötig, schon vor der von ihm geplanten Publikation großzügig den Referenten zur Verfügung gestellt hat: Filippo Tamburini, Die Apostolische Pönitentiarie und die Dispense "super defectu natalium" (S. 123-132). - Brigide Schwarz, Dispense der Kanzlei Eugens IV. 1431-1447 (S. 133-147). - Christiane Schuchard, "Defectus natalium" und Karriere am römischen Hof. Das Beispiel der Deutschen an der päpstlichen Kurie 1378-1471 (S. 149-170). - Federico R. Aznar Gil, Die Illegitimen auf der Iberischen Halbinsel im Spätmittelalter (S. 171-206). - Michael Haren, Social Structures of the Irish Church: A New Source in Papal Penitentiary Dispensations for Illegitimacy (S. 207-226). - Francis Rapp, Klerus und Illegitimität in der Diözese Straßburg 1449-1523 (S. 227-237). - Karl Borchardt, Illegitime in den Diözesen Würzburg, Bamberg und Eichstätt (S. 239-273) (Selbstanzeige). - Christian Hesse, Vorgezeichnete Karriere? Die Bemühungen von Eltern, ihre unehelichen Söhne mit Pfründen zu versorgen, dargelegt an Beispielen aus den Diözesen Basel und Konstanz (S. 275-292). - Georg Wieland, Römische Dispense "de defectu natalium" für Antragsteller aus der Diözese Konstanz 1449-1533. Fallstudie an dispensierten Klerikern aus dem Bistum Konstanz (S. 293-299). - Ein Personenregister erschließt den Band nach Vor- und Zunamen (S. 301-314). Der Band liefert anhand der Dispense zur Illegitimität Einsichten über Zustand, Reformbedürftigkeit und -fähigkeit der Kirche im 15. Jh, insbesondere die Rolle der päpstlichen Kurie beim Ausgleich zwischen universaler Norm und regionaler Wirklichkeit.
  456. K. B.


    {S. 311}

  457. L'inquisizione e gli Ebrei in Italia, a cura di Michele Luzzati (Biblioteca di Cultura Moderna 1066) Roma - Bari 1994, Laterza, XVI u. 340 S., ISBN 88-420-4498-9, ITL 48.000. - Das Buch beruht auf den Beiträgen zu einem internationalen Kongreß, der im November 1992 von der jüdischen Gemeinde in Livorno zum Gedächtnis an die Vertreibung der Juden aus Spanien veranstaltet wurde. Nach einer informativen, das Thema differenzierenden Einleitung des Hg. (S. IX-XVI), der sich große Verdienste um die Intensivierung der Forschung über die ma. Geschichte der Juden in Italien erworben hat, folgen 14 Aufsätze, die sich weit überwiegend auf die Inquisitionen vornehmlich gegen getaufte Juden in den größeren Herrschaftsgebieten der Halbinsel und auf Sizilien und Sardinien während des 16. und 17. Jh. konzentrieren. So bleiben hier nur zu nennen der nicht auf Italien beschränkte Überblick von Kenneth R. Stow, Ebrei e inquisitori. 1250-1350 (S. 3-18) und die instruktive Studie von Diego Quaglioni, Il processo di Trento del 1475 (S. 19-34), die auch deshalb außerhalb des engeren Themas liegt, weil im Trienter Prozeß das Inquisitionsverfahren nicht zur Anwendung kam.
  458. Alfred Haverkamp


    {S. 312}

  459. Christoph Terharn, Die Herforder Fehden im späten Mittelalter. Ein Beitrag zum Fehderecht (Quellen und Forschungen zur Strafrechtsgeschichte 6) Berlin 1994, Erich Schmidt Verlag, 164 S., ISBN 3-503-03090-5, DEM 68. - Diese Münsteraner Diss. von 1993 behandelt das Problem "Fehde" insgesamt, wobei Vorgänge in und um Herford dank der günstigen Quellenlage als Illustration dienen. Der Autor beschreibt umfassend - und manchmal etwas langatmig - Voraussetzungen, Führung und Beendigung einer Fehde, wobei unter anderem Fehdeansage, vorgenommene Fehdehandlungen (Raub, Brandstiftung, Zerstörung fester Häuser, Gefangennahme) sowie Sühne und Urfehde abgehandelt werden; schließlich geht es noch um die Beteiligung an Landfriedensbündnissen, d.h. vertraglichen Zusammenschlüssen von adligen Herrschern und Städten, welche zur Bekämpfung der Fehden besser geeignet waren als vom König erlassene Landfriedensgesetze, die hier weitgehend nur Normen aufstellen konnten. Wie Otto Brunner und andere legt T. Wert darauf, das Fehdewesen als "grundsätzlich rechtmäßige Erscheinung" während des Spät-MA darzustellen, deren Abschaffung trotz wiederholter intensiver Versuche nicht gelang; nur Fehden der Städtebürger untereinander bzw. solche von Bürgern gegen Außenstehende gab es nicht, während sie aber gegen Stadtgemeinden wie auch gegen einzelne Bürger möglich waren. Fehde wird definiert als rechtmäßige Art der Selbsthilfe, die der Durchsetzung eines verletzten Rechtes diente; letztlich entscheidend dafür, daß bei den oben aufgezählten Handlungen keine rechtswidrigen Verbrechen vorlagen, war die Fehdeansage. Lag eine solche vor und wurde hiernach eine - meist dreitägige - "Schonfrist" eingehalten, so verpflichteten die dann verübten Gewalttaten beider Fehdeparteien nicht zum Schadenersatz. Daß somit die Fehde auch ein Mittel sein konnte, "sich in einer rechtlich geduldeten Form zu bereichern", wird durchaus gesehen. - Es verblüfft etwas, daß Levolds von Northof Chronik oder Wernhers des Gärtners "Helmbrecht" unter "Literatur", nicht unter "Quellen" in den entsprechenden Verzeichnissen erscheinen; auch sind hier nicht immer die heute üblichen Ausgaben genannt, was besonders bei der Goldenen Bulle Karls IV. auffällt.
  460. Wolfgang Eggert


  461. Marie-Luise Favreau-Lilie, Civis peregrinus. Soziale und rechtliche Aspekte der bürgerlichen Wallfahrt im späten Mittelalter, Archiv für Kulturgeschichte 76 (1994) S. 321-350, zeigt vor allem die rechtlichen Probleme, die ein Bürger lösen mußte, wenn er eine (Fern-)Pilgerfahrt nach Rom, Jerusalem oder Santiago de Compostela antreten wollte (Pilgererlaubnis, Sicherung seiner Rechte in der Stadt u.a.). Die Städte standen den Pilgerwünschen durchaus nicht immer positiv gegenüber, manches Pilgerziel wurde schlichtweg verboten. Die große Mehrzahl der Bürger bevorzugte im übrigen nahegelegene Wallfahrtsorte.
  462. G. Sch.


    5. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte

    {S. 313-315}

  463. Jürgen Miethke und Klaus Schreiner (Hg.), Sozialer Wandel im Mittelalter. Wahrnehmungsformen, Erklärungsmuster, Regelungsmechanismen, Sigmaringen 1994, Jan Thorbecke, 452 S., ISBN 3-7995-4235-3, DEM 138. - In diesem Band werden zwei Kolloquien, die 1988 und 1989 an den Universitäten Bielefeld und Heidelberg stattfanden, dokumentiert: Jürgen Miethke und Klaus Schreiner, Vorbemerkungen zur Fragestellung und zu Ergebnissen von zwei Tagungen über die Wahrnehmung sozialen Wandels im Mittelalter (S. 9-26), fassen die Ergebnisse zusammen und erörtern die methodischen Probleme bei dem Versuch, die Selbstwahrnehmung und Selbstdeutung sozialen Wandels im MA in den Blick zu nehmen, zumal auch die Wahrnehmungsformen und die ma. Erklärungsmuster ihre eigene Geschichte haben. - Rudolf Stichweh, Soziologische Differenzierungstheorie als Theorie sozialen Wandels (S. 29-43). - Otto Gerhard Oexle, "Die Statik ist ein Grundzug des mittelalterlichen Bewußtseins". Die Wahrnehmung sozialen Wandels im Denken des Mittelalters und das Problem ihrer Deutung (S. 45-70), behandelt die spannungsreiche Problematik von Statik und Dynamik in der ma. (und frühneuzeitlichen) Ständegesellschaft und zeigt u.a. an der Bewertung von Arbeit, wie einesteils der anfangs diffamierte Stand der Kaufleute seinen Platz in der Gesellschaft fand und andererseits die Bettler spätestens seit der Mitte des 14. Jh., als Armut und Arbeit als polare Gegensätze verstanden zu werden begannen, marginalisiert werden konnten. Abschließend wird dargelegt, daß dem vom Transzendentalen her bestimmten Standesbegriff des Christentums zugleich Elemente seiner eigenen Auflösung immanent sind. - Johannes Fried, Gens und regnum. Wahrnehmungs- und Deutungskategorien politischen Wandels im früheren Mittelalter. Bemerkungen zur doppelten Theoriebindung des Historikers (S. 73-104), erörtert die doppelte Theoriebindung des modernen Historikers ("deren eine ihn selbst fesselt, deren andere sein Objekt konstituiert, und die er beide miteinander verbinden muß", S. 91) am Verhältnis von Franken und Normannen: Die Franken - gebunden an ihr letztlich als Handlungseinheit gedachtes Konzept von König und ,Volk' - vermochten die Normannen nur unter diesem Blickwinkel zu sehen und begriffen deshalb deren andersartige Struktur und Handlungsmotive überhaupt nicht. Im zweiten Teil vertieft und verteidigt Fried seine Theorie, daß es zur Karolingerzeit einen vom König losgelösten regnum-Begriff als institutionelles Abstractum nicht gegeben habe, gegen die von H. W. Goetz vorgetragenen Einwände (DA 45, 229). - August Nitschke, Wahrnehmung und Beschreibung eines gesellschaftlichen Wandels durch Autoren des Mittelalters und der Renaissance (S. 105-118), behandelt exemplarisch die je unterschiedliche Wahrnehmung gesellschaftlichen Wandels bei Karl dem Großen, Friedrich Barbarossa und Machiavelli und deren Erklärungsmuster. - Ulrich Meier, Molte rivoluzioni, molte novità. Gesellschaftlicher Wandel im Spiegel der politischen Philosophie und im Urteil von städtischen Chroniken des späten Mittelalters (S. 119-176), konzentriert sich nach einem Überblick über die Aristotelesrezeption bei Nikolaus von Oresme, im Fürstenspiegel des Thomas von Aquin und bei Bartolus von Saxoferrato und der Antikenrezeption bei Albertino Mussato, Jean de Hocsem und Clemens Jäger und deren Verständnis des Wandels von Herrschaftsformen vor allem auf die florentinische Stadtgeschichtsschreibung, wo die Stadtverfassung als veränderbares Gebilde auf Zeit begriffen wird: "sempre siamo in mutazioni". - Arnold Esch, Wahrnehmung sozialen und politischen Wandels in Bern an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit (S. 177-193), behandelt die Stadtgeschichten von Thüring Fricker (etwa 1430-1519) und Valerius Anshelm (1475-1547) und arbeitet anschaulich heraus, daß der "Wandel der Zeit ... vor allem als Generationenwechsel oder gar als Generationenkonflikt erfahren (wird)". - Ludger Honnefelder, Naturrecht und Normwandel bei Thomas von Aquin und Johannes Duns Scotus (S. 197-213). - Peter Landau, Wandel und Kontinuität im kanonischen Recht bei Gratian (S. 215-233), hebt auf den Sammler (nicht auf den Begründer der kanonistischen Rechtswissenschaft) ab und zeigt die im Vergleich zu Burchard andere Sammeltechnik auf den Gebieten des altkirchlichen Rechts (bis 600), bei Pseudo-Isidor und der Patristik. Als ,ius novum' erscheint bei Gratian im Dekretalenrecht die meist über Ivo von Chartres vermittelte Rezeption der Collectio Britannica (eine Tabelle der 158 aus der Coll. Brit. stammenden Gratian-Kapitel ist als Appendix beigegeben). Insofern war auch der Sammler Gratian "wie vor ihm wohl nur Ivo von Chartres zugleich ein Neuerer". - Winfried Trusen, Das Verbot der Gottesurteile und der Inquisitionsprozeß. Zum Wandel des Strafverfahrens unter dem Einfluß des gelehrten Rechts im Spätmittelalter (S. 235-247), schildert die Wandlung im Prozeßrecht, die zuerst im kirchlichen Bereich (c. 18 des 4. Laterankonzils von 1215 und später generelle Verbote der Gottesurteile) einsetzte und durch gelehrte Juristen auch auf den weltlichen übertragen wurde (allerdings in Deutschland erst relativ spät). Der Inquisitionsprozeß machte eine rationale Überführung des Angeklagten möglich, während das nicht auf die Erforschung der materiellen Wahrheit gerichtete alte Prozeßrecht als "Versuchung Gottes" in Verruf geriet. - Gert Melville, Die cluniazensische Reformatio tam in capite quam in membris. Institutioneller Wandel zwischen Anpassung und Bewahrung (S. 249-297), konzentriert sich auf den in acht Phasen unterteilten Umstrukturierungsprozeß der ecclesia Cluniacensis im 13. Jh., in denen das Pendel genauso oft zwischen der stärkeren Betonung der monarchischen bzw. der genossenschaftlichen Verfaßtheit hin- und herschwang, ein Phänomen, das sich auch in den Konzepten der jeweils regierenden Päpste gezeigt habe. Für andere Reformansätze (wie etwa die Einrichtung des Generalkapitels) haben die Zisterzienser den Weg gewiesen, so daß sich die Entwicklung Clunys sehr gut in das Erscheinungsbild jener Zeit einpaßt. Das Besondere liege darin, daß Cluny - anders als die Reformorden - in Jahrhunderten Gewachsenes an Zeiterfordernisse habe anpassen müssen, was u.a. in der ordensspezifischen Herausbildung eines Definitoriums seinen Ausdruck gefunden habe. - Rolf Köhn, Wahrnehmung und Bezeichnung von Leibeigenschaft in Mittel- und Westeuropa vor dem 14. Jahrhundert (S. 301-334), hebt hervor, daß die ma. Unfreiheit ein vielschichtiges und abgestuftes Phänomen darstellt, für das schon die Zeitgenossen eine verwirrende und diffuse Begrifflichkeit hatten, und geht dem Begriff der ,Leibeigenschaft' nach, deren entscheidende Merkmale die mangelnde Freizügigkeit und der Zwang zum Frondienst gewesen seien. - Bernhard Töpfer, Naturrechtliche Freiheit und Leibeigenschaft. Das Hervortreten kritischer Einstellungen zur Leibeigenschaft im 13.-15. Jahrhundert (S. 335-351), geht dem (dem MA durchaus bewußten) Spannungsverhältnis von natürlicher Freiheit und tatsächlicher Unfreiheit anhand von Äußerungen ma. Autoren nach und sieht - abgesehen von einer vereinzelten Äußerung Smaragds - in Eike von Repgow den ersten, der Leibeigenschaft und Unfreiheit als wider Gott gerichtet verworfen habe. Radikaler wenden sich Stimmen des 14. und 15. Jh. gegen die Leibeigenschaft. - Antony Black, Harmony and Strife in Political Thought c. 1300-1500 (S. 355-363), legt an oberitalienischen Beispielen dar, daß Konfliktfreiheit und Harmonie das Ziel der ma. Gesellschaften und Marsilius von Padua der erste gewesen sei, bei dem sich Hinweise auf Konflikte als inhärentes Element menschlicher Gesellschaften finde, wohingegen Machiavelli den "crucial step" getan habe, in Konflikten "an actual source of benefits" zu sehen. - Tilman Struve, Kontinuität und Wandel in zeitgenössischen Entwürfen zur Reichsreform des 15. Jahrhunderts (S. 365-382), behandelt Nikolaus' von Kues De concordantia catholica, die Reformatio Sigismundi und Peters von Andlau Libellus de cesarea monarchia. So unterschiedlich sie im einzelnen sind, gemeinsam ist ihnen, daß sie den Zustand des Reiches als Krankheit verstehen, für deren Heilung die Rezepte in der Vergangenheit liegen. - Helmut G. Walther, Regnum magis assimilatur dominio quam simplici regimini. Zur Attraktivität der Monarchie in der politischen Theorie gelehrter Juristen des 15. Jahrhunderts (S. 383-399). - Wolfgang Mager, Spätmittelalterliche Wandlungen des politischen Denkens im Spiegel des res publica-Begriffs (S. 401-410), untersucht die Bedeutung von res publica im späteren MA: gleichzeitig mit dem "institutionellen Flächenstaat" habe sich der "transpersonelle Staatsbegriff" ausgebildet, der durch die Souveränitätslehre Bodins zum "modernen Staatsbegriff" geworden sei. - Michael Wolff, Mehrwert und Impetus bei Petrus Johannis Olivi. Wissenschaftlicher Paradigmenwechsel im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen im späten Mittelalter (S. 413-423): Während normalerweise Geld als steril und unproduktiv betrachtet wurde und der Handelsgewinn, wenn überhaupt, nur als Entgelt für die industria des Kaufmanns gerechtfertigt werden konnte, anerkenne Petrus Olivi auf dem Hintergrund der Impetustheorie eine ratio seminalis im Geld, die ihm eine produktive Kraft verleihe. - Neithard Bulst, Bevölkerung - Entvölkerung. Demographische Gegebenheiten, ihre Wahrnehmung, ihre Bewertung und ihre Steuerung im Mittelalter (S. 427-445): Sachverhalte in Zahlen und Quantitäten zu beschreiben, gehört nicht zu den Stärken des MA. Daß über die Bevölkerungsentwicklung und die damit verbundenen sozialen Veränderungen gleichwohl nachgedacht wurde und man die Konsequenzen (etwa durch Zuzugsregelungen in den Städten) aufzufangen versuchte, zeigt der Vf. in differenzierter und informativer Weise.
  464. G. Sch.


    {S. 315-316}

  465. Memoria in der Gesellschaft des Mittelalters, hg. von Dieter Geuenich und Otto Gerhard Oexle (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 111) Göttingen 1994, Vandenhoeck & Ruprecht, 371 S., Abb., ISBN 3-525-35648-X, DEM 78. - Der Band beruht auf einem internationalen Colloquium, das im Mai 1991 in Duisburg stattfand, wo sich mittlerweile die Datenbank des Projekts "Societas et Fraternitas" mit einem Bestand von etwa 400 000 Personennamen befindet, und enthält: Joachim Wollasch, Das Projekt "Societas et Fraternitas" (S. 11-31), referiert in seinem Rückblick auf die Entwicklung des Unternehmens seit 1975 (vgl. DA 32, 277) beispielhafte Erfahrungen mit der editorischen Darbietung und der historischen Auswertung von Memorialquellen. - Uwe Ludwig, Die Gedenklisten des Klosters Novalese - Möglichkeiten einer Kritik des Chronicon Novaliciense (S. 32-55, 2 Abb.), ist ein wichtiger quellenkundlicher Beitrag, der an Hand der Einträge im Reichenauer Verbrüderungsbuch (pag. 9) die Unzuverlässigkeit der Abtsliste in der Chronik des 11. Jh. dartut und Neues zur Herkunft von Witgar, dem ersten Kanzleivorsteher Lothars I. in Italien (822-825), erbringt. - Gerd Althoff, Zur Verschriftlichung von Memoria in Krisenzeiten (S. 56-73), faßt die Grundgedanken seines Buches "Amicitiae und Pacta" (MGH Schriften 37, 1992) zusammen. - Karl Schmid, Bemerkungen zur Personen- und Memorialforschung nach dem Zeugnis von Abaelard und Heloise (S. 74-127, 1 Abb.), stellt einfühlsame Betrachtungen über den (im ganzen als echtes Werk Abaelards eingeschätzten) Briefwechsel an und beleuchtet dabei u.a. den Memorialcharakter der wiederholten Gebetsbitten sowie der ganzen Gründung des Paraklet-Klosters. - Otto Gerhard Oexle, Die Memoria Heinrichs des Löwen (S. 128-177), stuft die Bemühungen des Doppelherzogs um Selbstdarstellung und Nachruhm als "singulär" in seiner Zeit ein und belegt dies mit dem Braunschweiger Löwendenkmal von 1166 als rein profaner Manifestation des Herkunftsbewußtseins sowie mit dem (auf 1185/88 datierten) Evangeliar als einem Zeugnis religiöser und profaner Memoria, das zugleich eine weitere und anspruchsvollere Vorstellung von den eigenen Vorfahren offenbart. - Franz Neiske, Gebetsgedenken und päpstlicher Ablaß. Zur liturgischen Memoria französischer Könige und Grafen im Spätmittelalter (S. 178-206), erörtert an ausgewählten Beispielen (u.a. den Grafen Simon von Montfort, Thibaud V. von Champagne, König Ludwig IX.) die Wirkung päpstlicher Anordnungen sowie der zentralen Organisation der Orden für eine weit verbreitete Memoria. - Jan Gerchow, Memoria als Norm. Aspekte englischer Gildestatuten des 14. Jahrhunderts (S. 207-266, 6 Abb.), analysiert die in auffälliger Gleichförmigkeit überlieferten Texte von 1388/89 und erklärt sie als Ergebnisse einer königlichen Untersuchung nach zentral vorgegebenen Mustern, die lokale Besonderheiten kaum hinreichend widerspiegeln dürften. - Michael Borgolte, Stiftungen des Mittelalters im Spannungsfeld von Herrschaft und Genossenschaft (S. 267-285), wägt unterschiedlich ausgerichtete Forschungen, vornehmlich zu Kollegiatkirchen und Universitäten des späteren MA, gegeneinander ab. - Dietrich W. Poeck, Rat und Memoria (S. 286-335), führt in die Welt der Hansestädte und demonstriert an Wismarer und Lübecker Quellen, welchen Wert die Ratsobrigkeit auf bürgerliche Stiftungen und schriftlich gesichertes Totengedenken legte. - Frank Rexroth, Armut und Memoria im spätmittelalterlichen London (S. 336-360, 6 Abb.), wertet Spitals- und Armenhausstatuten sowie reichlich überlieferte Testamente daraufhin aus, welche sozialen Leistungen mit dem Gebetsgedenken an die Stifter verbunden waren und welche (moralischen) Erwartungen den Kreis der Begünstigten abgrenzten. - Monique Bourin, Ein europäisches Projekt zur Erforschung der mittelalterlichen Ursprünge moderner Namengebung (10. bis 13. Jahrhundert) (S. 361-371), berichtet von einer französischen Initiative, auf breiter Materialbasis den Übergang von der Einnamigkeit zur Verwendung erblicher Zweitnamen zu ergründen.
  466. R. S.


    {S. 317}

  467. Aux sources de la gestion publique 1. Enquête lexicographique sur fundus, villa, domus, mansus. Textes réunis par Elisabeth Magnou-Nortier, Lille 1993, Presses Universitaires de Lille, 275 S., Karten u. Abb., ISBN 2-86531-052-3. - Für den Berichtszeitraum dieser Zs. einschlägig sind folgende Beiträge: Jean Durliat, Fundus en Italie pendant le premier millénaire (S. 11-33), untersucht in Weiterführung seiner Ausführungen zu den Finances publiques de Dioclétien aux Carolingiens (1990; vgl. DA 47, 623 f.) den quantitativen Umfang von fundus in Quellen aus der Zeit Trajans, Konstantins, Odoakers und aus Ravenna. - Martin Heinzelmann, Villa d'après les oeuvres de Grégoire de Tours (S. 45-70), listet alle Stellen im Werk auf, an denen villa und verwandte Begriffe vorkommen, und interpretiert den differenzierten und bewußten Sprachgebrauch Gregors. - Noel-Yves Tonnerre, Les exploitations rurales dans la Bretagne du IXème siècle (S. 71-84), erläutert und analysiert die volkssprachlichen Begriffe im Chartular von Redon und gibt eine knappe Beschreibung der agrarischen Strukturen des Gebietes. - Léopold Génicot, La centena et le centenarius dans les sources ,belges' antérieures à 1200 (S. 85-102). - Michel Rouche, Le polyptyque de Saint-Pierre-le-Vif (S. 103-121), untersucht eine im 11. Jh. auf den Namen Chlodwigs gefälschte Liste mit Einkünften des Klosters und die Hintergründe, d.h. die wirtschaftliche Situation von Saint-Pierre und dem 818 gegründeten Priorat von Mauriac. - Elisabeth Magnou-Nortier, Trois approches de la question du manse d'après le polyptyque d'Irminon, les chartes de la Chapelle-Aude et les cartulaires méridionaux pour le casal (S. 123-207), reflektiert über den unterschiedlichen Bedeutungsinhalt des Begriffs und bietet einen umfangreichen Quellenanhang, dem allerdings nicht immer die einschlägigen Editionen zugrunde liegen. - Elisabeth Magnou-Nortier et Philippe Racinet, La villa et le prieuré de Nottonville du XIème au XIIIème siècle. Approche pluridisciplinaire (S. 209-269), rekonstruieren diese durch archäologische und numismatische Funde sowie Schriftquellen recht gut dokumentierte villa unter Beigabe mehrerer Zeichnungen und Karten.
  468. M. S.


    {S. 317-318}

  469. Ralf Peters, Die Entwicklung des Grundbesitzes der Abtei Saint-Denis in merowingischer und karolingischer Zeit, Aachen 1993, Verlag Mainz 264 S., 12 Karten, ISBN 3-930085-03-8, DEM 39,80. - P. unternimmt es in seiner Düsseldorfer Diss. von 1992, anhand der günstigen urkundlichen Überlieferung (Originalurkunden-Fonds in den ChLA!), ergänzt durch Nachrichten aus narrativen Quellen, das stetige Anwachsen des Klosterbesitzes vom 6. Jh. bis zum Tod Karls d. K. nachzuzeichnen und diese Entwicklung im Rahmen der fränkischen Reichsgeschichte zu diskutieren. Im ersten Teil (S. 7-83) geht der Vf. streng chronologisch das Quellenmaterial durch, bemüht sich um Klärung bisher nicht identifizierter Ortsnamen (wobei manches weiter offenbleibt) und erarbeitet so Punkt für Punkt ein Bild der Neuerwerbungen im Pariser Becken, zwischen Seine, Somme und Oise, im Orléanais, in der Maine, im Limousin, im Veltlin, in Lothringen, Elsaß und Alemannien, wobei auch die Aussagekraft der Fälschungen umsichtig erörtert wird. Das so gewonnene Bild der phasenweise veränderten "Besitztumsverhältnisse" (warum nicht einfach Besitzverhältnisse?) wird in 12 Karten veranschaulicht; nützlich wäre noch eine größere Übersichtskarte des am Ende des Untersuchungszeitraums erreichten Besitzstandes gewesen. Ergänzend wird in einem Exkurs (S. 84-94) die Ausstattung der von Saint-Denis aus besiedelten "Nebenklöster" dargestellt. Nach diesem eher statistischen Teil widmet sich der zweite Teil "Saint-Denis im fränkischen Reich" (S. 95-201) der Besitzgeschichte der Abtei im Rahmen der politischen Entwicklung des fränkischen Großreichs (wobei natürlich zahlreiche Wiederholungen aus dem ersten Teil nicht ausbleiben - warum keinerlei Rückverweise in den Fußnoten?). Dabei kann manche Besitzveränderung aus politischen Gegebenheiten erklärt werden; umgekehrt bietet die Klostergeschichte den Schlüssel zum Verständnis mancher politischen Entwicklung (Ausgriff über Neustrien hinaus; Saint-Denis "zwischen den Fronten: Karl Martell und Raganfrid" [S. 129]; Expansion in den elsässischen und alemannischen Raum usw.). Höhepunkte der Förderung des Klosters bilden die Regierung Dagoberts I., der Abbatiat Fulrads und die Herrschaft Karls d. K. (der 867 selbst die Abtwürde übernahm). Eine Zusammenfassung (S. 202-211; leider ohne jegliche Rückverweise auf den Hauptteil) beschließt die gründliche Untersuchung, deren äußere Form allerdings die Lektüre zum Ärgernis werden läßt: Schwächen in Stil und Grammatik, allzu viele Tipp- = Druckfehler (Fotodruck), besonders auch in den Quellenzitaten, wenig leserfreundliches Typoskript, allzu kleine Kartenbilder u.a. m. Mein Rezensionsexemplar gleicht inzwischen eher einer Fahnenkorrektur - schade.
  470. Ulrich Nonn


    {S. 318}

  471. Ulrich Weidinger, Untersuchungen zur Wirtschaftsstruktur des Klosters Fulda in der Karolingerzeit (Monographien zur Geschichte des Mittelalters Bd. 36) Stuttgart 1991, Anton Hiersemann Verlag, IX u. 326 S., mehrere Karten, ISBN 3-7772-9126-9, DEM 268. - In dieser Erlanger Diss. wird die bislang eher vernachlässigte innere Struktur der Klosterwirtschaft Fuldas untersucht. Wichtigste Quelle ist das vom Vf. im Anhang neu edierte und durch mehrere Karten sowie ein Glossar erschlossene Güterverzeichnis der Abtei aus dem frühen 9. Jh., das uns durch den sog. Codex Eberhardi des 12. Jh. überliefert ist. Nach einer Einleitung zum Forschungsstand, der Überlieferungslage und dem methodischen Verfahren gliedert sich die Arbeit in folgende vier Hauptabschnitte: Strukturelemente der Klosterwirtschaft (z.B. zu den Punkten: Herrenland, Ackerland, Weinland), Topographische und geokulturelle Rahmenbedingungen der Klosterwirtschaft (z.B. zu den naturräumlichen Gegebenheiten und der Infrastruktur, den Gauen und regionalen Besitzlandschaften), Besitzorganisation und Strukturaufbau nach dem Güterverzeichnis (z.B. zu den Fronhöfen, Gutshöfen und Hebestellen) sowie Innere Verfassung und Entwicklungsstand der Klosterökonomie (z.B. zum Besitzumfang, der Besiedlungs- und Bevölkerungsdichte, der Besitzstreuung und der Initiative des Grundherrn). Aufgrund dieser detaillierten Analyse kommt W. zu dem Ergebnis, daß die Fuldaer Klosterökonomie bestimmt war durch ein Nebeneinander von Gutsbetrieb und Grundherrschaft, und damit im Gegensatz zur klassischen Form der Villikationsherrschaft, wie sie sich im Gebiet zwischen Loire und Rhein ausgebildet hatte, noch geradezu archaische Strukturelemente enthielt.
  472. M. S.


  473. Ernst Münch, Zur Struktur der Bauernschaft im hohen und späten Mittelalter in ost- und westelbischen Territorien (Mecklenburg, Pommern, Bayern), Blätter für deutsche LG 129 (1993) S. 117-137, entdeckt auf agrarischem Felde "durchaus Gemeinsamkeiten zwischen den genannten Territorien" und hebt neben der Besitzkontinuität im ostelbischen Raum als wichtige Bedingung für die Entwicklung der gutsherrschaftlichen Struktur hervor, daß sich dort die Landesherrn nicht im gleichen Umfang wie der bayerische Herzog als alleinige Herrschaftsträger durchsetzen konnten.
  474. G. Sch.


  475. Gerhard Rösch, Wucher in Deutschland 1200-1350. Überlegungen zur Normdidaxe und Normrezeption, HZ 259 (1994) S. 593-636, untersucht, inwieweit die scholastisch-kanonistischen Theorien zur Abgrenzung verbotener usura der damaligen Geschäftswelt überhaupt nahegebracht wurden, und kommt bei Prüfung von Synodalbeschlüssen, Predigtliteratur, Beichtsummen, Einzelprivilegien und Rechtsbüchern zu einem vorwiegend skeptischen Urteil. Relativ starken Einfluß schreibt er der Übernahme kanonischer Bestimmungen in den Schwabenspiegel zu, durch den sich strengere Vorschriften in die Stadtrechte hinein und räumlich von Süden nach Norden verbreitet hätten.
  476. R. S.


    {S. 319-320}

  477. Der hansische Sonderweg? Beiträge zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Hanse, hg. von Stuart Jenks und Michael North (Quellen und Darstellungen zur hansischen Geschichte N. F. 39) Köln - Weimar - Wien 1993, Böhlau Verlag, XVI u. 279 S., ISBN 3-412-11492-8, DEM 68. - Der vorliegende Band - er ist Klaus Friedland gewidmet - publiziert Vorträge, die 1991 in Lübeck auf dem "Kolloquium zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Hanse" gehalten wurden, ergänzt um die Aufsätze von St. Jenks und R. Holbach. Alle Beiträge gruppieren sich um das Thema des hansischen Ost-West-Handels mit seinen rechtlichen Rahmenbedingungen, organisatorischen Abläufen, Trägern, Waren und Techniken. - Anna Choroškevi_, Der Ostseehandel und der deutsch-russisch-gotländische Vertrag 1191/1192 (S. 1-12), analysiert die deutsch-russischen Verträge des 12. und 13. Jh. und setzt sie zu anderen zeitgenössischen Abkommen in Beziehung. - Birte Schubert, Die russische Kaufmannschaft und ihre Beziehung zur Hanse (S. 13-22), geht der Bedeutung der Kaufleute aus Novgorod im Hansehandel nach. - Henryk Samsonowicz, Die Handelsstraße Ostsee-Schwarzes Meer im 13. und 14. Jh. (S. 23-30), untersucht die Handelsbilanz im preußisch-hansischen Schwarzmeerhandel. - Klaus Militzer, Geldüberweisungen des Deutschen Ordens an die Kurie (S. 31-48), verfolgt die Zahlungstechniken des Ordens im Geldverkehr mit der Kurie und das unterschiedliche Entwicklungsniveau zwischen Ost und West bei bargeldloser Zahlung. - Wim P. Blockmans, Der holländische Durchbruch in der Ostsee (S. 49-58), stellt die Ursachen der am Ende des MA zunehmenden Unterlegenheit der Hanse gegenüber der holländischen Konkurrenz fest. - Stuart Jenks, Der Frieden von Utrecht 1474 (S. 59-76), bietet eine detailreiche Neuinterpretation dieses Friedensschlusses in Auseinandersetzung mit der bisherigen Forschung. - Rolf Hammel-Kiesow, Hansischer Seehandel und wirtschaftliche Wechsellagen. Der Umsatz im Lübecker Hafen in der zweiten Hälfte des 14. Jh., 1492-6 und 1680-2 (S. 77-93), verfolgt die Wechselwirkung zwischen den Seehandelsumsätzen und der wirtschaftlichen Lage Lübecks. - Marie-Louise Pelus, Investitionsformen in Lübeck und ihre Rolle in der Vermögensbildung (S. 95-108), untersucht die Beziehung zwischen Investitionen und Vermögensbildung an Hand von Nachlaßinventaren und Testamentbüchern. - Antjekathrin Graßmann, Die Greveradenkompanie. Zu den führenden Kaufleutegesellschaften in Lübeck um die Wende zum 16. Jh. (S. 109-134), stellt mit der Greveradenkompanie eine bisher nur wenig beachtete Vereinigung von Kaufleuten vor und publiziert im Anhang die "Ordnung der Greveradenkompanie von 1490" sowie eine Liste der Mitglieder dieser Gesellschaft für die Jahre 1476-1539. - Rudolf Holbach, Zur Handelsbedeutung von Wolltuchen aus dem Hanseraum (S. 135-190), betont den überregionalen Charakter des hansischen Tuchhandels und erarbeitet eine Aufstellung der Tuchproduktionsstätten im Hanseraum. - Walter Stark, Über Techniken und Organisationsformen des hansischen Handels im Spätmittelalter (S. 191-201), analysiert die im Ostseeraum gebräuchlichen kaufmännischen Techniken, wie Kontor, Handelsgesellschaften, Buchführung u. a., unter dem Blickwinkel ihrer Modernität. - Harald Witthöft, Zeichen, Verpackung, Maß/Gewicht und Kommunikation im hansischen Handel (S. 203-224), beobachtet seit dem ausgehenden 12. Jh. Bemühungen um eine Vergleichbarkeit der Maße und Gewichte und eine Einheitlichkeit in ihrem Gebrauch. - Thomas Wolf, Massentransport zur See und die Quantifizierung für die historische Forschung (S. 225-234), fragt nach den Möglichkeiten des modernen Betrachters, die Auslastung der Schiffe und ihre reale Transportleistung zu ermitteln. - Wolfgang Starke, Ein nye Rekensboeck up aller Koepmanshandelinge - kommerzielles Wissen in den niederdeutschen Arithmetiken des 16. und 17. Jh. (S. 235-254), geht der Editionsgeschichte der sogenannten Rechenbücher und deren Nutzen für die Kaufleute nach. - Volker Henn, Innerhansische Kommunikations- und Raumstrukturen. Umrisse einer neuen Forschungsaufgabe? (S. 255-268), erforscht den Informationsaustausch im hansischen Westen. - Matthias Puhle, Geldpolitik und soziale Konflikte in Hansestädten am Vorabend der Reformation (S. 269-279), zeigt den Zusammenhang städtischer Münzpolitik und sozialer Unruhen am Beispiel ausgewählter Städte. - Ein Autorenverzeichnis beschließt den Band.
  478. Michael Lindner


    {S. 320-321}

  479. Stuart Jenks, England, die Hanse und Preußen. Handel und Diplomatie 1377-1474, 3 Teile (Quellen und Darstellungen zur hansischen Geschichte N. F. 38) Köln - Wien 1992, Böhlau Verlag, XXII, VI, VI, 1265 S., 1 Kt., 51 Tab., 34 Graphiken, ISBN 3-412-00990-3, DEM 196. - Diese Berliner Habilitationsschrift von 1985 untersucht die Entwicklung des hansisch-englischen Handels unter Einschluß Preußens zwischen dem Regierungsantritt Richards II. 1377 und dem Frieden von Utrecht 1474 und betrachtet, darauf aufbauend, die diplomatischen Beziehungen im gleichen Zeitraum. Das Thema lag sichtlich so sehr in der Luft, daß zeitlich parallel, aber völlig unabhängig von J. auch ein britischer Historiker daran arbeitete (T. H. Lloyd, England and the German Hanse. A Study of their Trade and Commercial Diplomacy, 1157-1611, Cambridge 1991; vgl. Hansische Geschichtsblätter 110, 1992, S. 158-160), wodurch ein reizvoller internationaler Vergleich ermöglicht wird. J.s Ansatz ist explizit wirtschaftsgeschichtlich. Eine Analyse der Quellen, vor allem der nicht leicht zu interpretierenden englischen Zollakten, steht an der Spitze der Arbeit (S. 1-38). Am Beispiel des wirtschaftlich wichtigen Tuchhandels verfolgt J. sodann (S. 39-256) die Frage, wie sich Handelsvolumen und -struktur im Laufe des in sechs Phasen geteilten Untersuchungszeitraumes änderten. Der Tuchexport erweist sich als hochgradig von der handelspolitischen Entwicklung beeinflußbar, der Anteil der Hansen am Tuchhandel während des 15. Jh. ist mit reichlich einem Fünftel dennoch recht stabil. Wichtig ist dabei jedoch, daß diese oberflächliche Konstanz in Wahrheit Einbußen der Osthansen bei gleichzeitigem Ausbau des kölnischen Handels bedeutete. In einem dritten Hauptteil geht J. der Frage nach, inwieweit die für den Tuchhandel ermittelten Werte für den gesamten hansischen Englandhandel (und englischen Hansehandel) typisch sind (S. 257-303). Die Problematik der Quellen macht eine definitive Aussage darüber nahezu unmöglich, aber auch der Weg zu dieser Feststellung ist methodisch interessant, denn andere als die mit vielerlei Interpretationshürden versehenen Zollakten sind über einen hinreichend langen Zeitraum nicht vorhanden. Es bleibt hier bei der Feststellung, "daß England nicht nur einen besonderen Stellenwert in den kommerziellen Überlegungen der Hansekaufleute, sondern auch in den politischen Überlegungen der Stadträte und Hansetage gehabt haben muß" (S. 302), näherhin: daß der englische Außenhandel zu etwa einem Zehntel mit den Hansen abgewickelt wurde (S. 295 f.). In einem langen Kapitel über die Periodizität des hansischen Englandhandels (S. 304-471) geht es um die Frage, wieso die englischen Zollakten nur an relativ wenigen Tagen im Jahr, dann aber gehäuft Schiffsverkehr von Hansen mit England nachweisen. J. erklärt dies mit der Winterruhe der Schiffahrt und der Konvoischiffahrt im Sommer, vor allem aber auch mit der Messeorientierung des Handels der Westhansen. Insbesondere der Londoner Handel war auf die niederländischen Messen hin orientiert, der ostenglische Handel auf Hamburger, preußische und Lübecker Hansen, also generell auf die Ostsee hin. J. weist eine faktische Bilateralität des Handels nach, die dazu führte, daß die Kölner im expansiven Londoner Markt wirtschaftlich am erfolgreichsten sein konnten, während die Preußen in Lynn und Hull zwar große wirtschaftliche Chancen hatten, sie aber nicht recht zu nutzen vermochten. Im diplomatiegeschichtlichen Teil arbeitet J. besonders die Bedeutung des (zweiten) Vertrages von London 1437 heraus (S. 588-623) und zeigt, daß die geographische Spezialisierung der hansischen Englandfahrer mittelfristig die Ausbildung von Partikularinteressen innerhalb der Hanse förderte, an denen die Gemeinsamkeit der Hansestädte letztlich zerbrach. Insgesamt sieht er die Hanse schon um 1420 deutlich geschwächt und stellt die plakative, aber durch weitere Untersuchungen aufzugreifende Frage, "ob England nicht die Klippe war, an der die Hanse zerbrach" (S. 745). Aus dem abschließenden dritten Teil sei lediglich noch das umfangreiche Verzeichnis der hansischen Englandfahrer genannt (S. 847-982), in dem die Namen, die nachgewiesenen Zeiten des Handels und die vorwiegende Ausrichtung für Hunderte von Kaufleuten nachgewiesen werden.
  480. Thomas Vogtherr


  481. Christoph Dette, Kinder und Jugendliche in der Adelsgesellschaft des frühen Mittelalters, Archiv für Kulturgeschichte 76 (1994) S. 1-34, widmet sich hauptsächlich der Jugend Ludwigs d. Fr., die er für typisch für einen nobilissimus seiner Zeit hält und umrahmt dies mit eher allgemeineren Betrachtungen über die Erziehung im Früh-MA.
  482. G. Sch.


  483. Wölfgang Schöller, Frauenarbeit in der mittelalterlichen Bauwirtschaft, Archiv für Kulturgeschichte 76 (1994) S. 305-320, verkennt nicht, daß diesem nicht gerade typischen weiblichen Betätigungsfeld insgesamt nur eine eher marginale Bedeutung zukommt, aber immerhin, es gab sie: die Frauen vom Bau. In den Pariser Steuerrollen (Ende 13. Jh.) sind sie ebenso nachweisbar wie beim Bau der Burg von Winchester (1222) oder in spätma. Quellen aus Deutschland. Meist verrichteten sie ungelernte Arbeit und Hilfsdienste - und wurden schon damals schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen.
  484. G. Sch.


    {S. 322}

  485. Peter Schuster, Das Frauenhaus. Städtische Bordelle in Deutschland 1350-1600, Paderborn 1992, Schöningh, 239 S., 14 Abb., ISBN 3-506-78251-7, DEM 48. - Das Spät-MA war bekanntlich die Blütezeit der öffentlichen Prostitution: Sie wurde im Rahmen wachsender obrigkeitlicher Kontrollabsichten von der städtischen Obrigkeit nicht nur toleriert, sondern in "Frauenhäusern" auch geregelt. Trotz "zunftähnlicher Organisationsstrukturen" wurden Frauenwirtseide ständig gebrochen, so daß "Gewalt, Willkür und Ausbeutung" den Alltag bestimmten. Wegen einer meist dünnen Quellenlage hat sich S. in dieser Bielefelder Diss. dazu entschlossen, nicht so sehr lokale Beziehungen, als vielmehr die allgemeine Entwicklung in Deutschland in den Mittelpunkt seiner Untersuchung zu stellen. Er unterscheidet zwischen normativen Quellen, die einen Wunschzustand wiedergeben, und deskriptiven Zeugnissen wie z.B. Verhörprotokollen und Ratsbüchern. Die Lebensformen in den Bordellen, die Einstellung der Gesellschaft dazu und die systematische Marginalisierung der Prostituierten ab dem ausgehenden 15. Jh. aus gesundheitlichen wie religiösen Gründen bilden die drei Schwerpunkte der Studie. Ausgespart wird die grundsätzliche, bereits bekannte Sittenlehre der Kirche, wie sie sich seit Augustin und Thomas in der Tolerierung des kleineren Übels ausdrückt, sowie die Aufnahme von ehemaligen Prostituierten in ordensähnlichen Häusern der Reuerinnen oder in den etablierten Frauenorden. Neben zahlreichen Einzeldetails wie u.a. niedrigen Preisen oder Jugendschutz sind zwei grundlegende Beobachtungen beachtenswert und sicherlich noch diskussionswürdig, nämlich daß bisher fälschlicherweise Badehäuser mit Bordellen gleichgesetzt wurden und daß die Syphilis keineswegs die alleinige Ursache für den Niedergang der Frauenhäuser gewesen sei. Verdammten doch ausgerechnet Martin Luther und andere Reformatoren diese als "heidnische" Einrichtungen. Ausführliche Hinweise auf gedruckte und ungedruckte Quellen, sowie ein umfassendes Literaturverzeichnis bestätigen den wissenschaftlichen Grundcharakter dieses auch für interessierte Laien anregenden Buches.
  486. C. L.


  487. Peter Schuster, "Sünde und Vergebung". Integrationshilfen für reumütige Prostituierte im Mittelalter, Zs. für Historische Forschung 21 (1994) S. 145-170: Die Reintegrationsangebote gesellschaftlicher und religiöser Art für ehemalige Prostituierte durch Eheschließung und Klostereintritt sind komplementär zur Bewertung der Prostitution als Sünde und ihrer Duldung als kleinerem Übel zur Vermeidung eines größeren. Erst als man in der frühen Neuzeit der Prostitution ihren "gesellschaftlichen Nutzen" absprach und sie kriminalisierte, bestand keine innere Notwendigkeit mehr, diese Reintegrationsmöglichkeiten offen zu halten. Auch für die Zeit zuvor darf man ihre Wirksamkeit nicht überschätzen: Zunftordnungen verbieten teilweise die Eheschließung mit einer ehemaligen Prostituierten, und auch die speziell für diese gegründeten Reuerinnenklöster nahmen sie in immer geringerer Zahl auf.
  488. E.-D. H.


    {S. 323}

  489. Ulrich Meier, Mensch und Bürger. Die Stadt im Denken spätmittelalterlicher Theologen, Philosophen und Juristen, München 1994, Oldenbourg, 246 S., ISBN 3-486-55975-3, DEM 88. - In dieser überarbeiteten Bielefelder Diss. von 1990/91 fragt M. "nach dem Begriff des Bürgers und der Gestalt seiner Lebensordnung im mittelalterlichen Denken" (S. 9), wobei die "Stadt" als gesellschaftliches Phänomen (siehe Untertitel) ganz selbstverständlich mit in den Blick rückt. Untersucht werden - jeweils in einem gesonderten Abschnitt - theologische, politisch-philosophische und Rechtsquellen, wobei hinsichtlich der ersteren (Wilhelm von Auvergne, Albertus Magnus, Giordano da Pisa) sich mehrfach das Vorbild der irdischen für die Verfaßtheit der "himmlischen" Städte herausschält (bezüglich pax, unitas, fraternitas, aber auch der communicatio rerum et negotiorum!). Die dann folgende Beschäftigung mit verschiedenen Kommentaren zur Politik des Aristoteles (wiederum Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Petrus von Alvernia, Nikolaus von Oresme u. a.) führt der Autor zu einer schärfer als von der Forschung bisher wahrgenommenen Unterscheidung dreier Grade von Bürgern: es stehen zuoberst der "Bürger schlechthin" mit angestammtem Recht auf Herrschaft, am unteren Rand der "Bürger mit Einschränkung" ohne Partizipation an der Herrschaft; dazwischen die Mittelschicht, welche raten, richten und vor allem wählen darf und um welche die Debatte der Kommentatoren hauptsächlich kreist. Und aus den zusammengefaßten "Theoriestücken", die aus der Interpretation der Arbeiten gelehrter Juristen (etwa des Bartolus de Saxoferrato sowie des Baldus de Ubaldis) gewonnen werden, ist besonders die Scheidung von civitates superiorem non recognoscentes ("unabhängige" Städte mit selbständiger Gerichts-, Gesetzgebungs- und Herrschaftsgewalt) und civitates superiorem recognoscentes ("autonome" Städte, die für die Ausübung solcher Gewalt einer concessio principis bedürfen) erwähnenswert, aber auch, daß hier der civis-Begriff an dem orientiert wird, was allen Bürgern gemeinsam war: Lebensform, Rechtsgleichheit und Freiheit. Hiermit sind nur einige Erkenntnisse des flüssig geschriebenen und immer vorsichtig abwägenden Buches angedeutet, welches allgemein auch sehr deutlich macht, in wie vielfältiger Weise schließlich eine Identifizierung von homo civilis und civis vorgenommen werden konnte.
  490. Wolfgang Eggert


    {S. 323-324}

  491. Stadtgeschichtsforschung. Aspekte, Tendenzen, Perspektiven, hg. v. Fritz Mayrhofer (Beiträge zur Geschichte der Städte Mitteleuropas 12) Linz 1993, Österreichischer Arbeitskreis für Stadtgeschichtsforschung, XII u. 272 S., ISBN 3-900387-52-4, ATS 650. - Der Band enthält Referate, die im Mai 1990 auf einer Tagung in Linz gehalten wurden. Ziel war es, "die gesellschaftliche Relevanz der Stadtgeschichtsforschung ... zu orten, ihre gegenwärtige Position in der Geschichtsforschung festzustellen und ihre Methodik zu diskutieren..." Zudem sollte ein von jüngeren Forschern beklagtes "nicht zu übersehendes Theoriedefizit" berücksichtigt werden. Folgende, für das MA einschlägige Artikel seien herausgestellt: Heinrich Koller, Zur Entwicklung der Stadtgeschichtsforschung im deutschsprachigen Raum (S. 1-18), gibt einen Abriß vom endenden 18. Jh. bis zur Mitte dieses Jh. - Susan Reynolds, Stadtgeschichtsforschung in England (S. 19-35), verteidigt ihre Begrifflichkeit, etwa von "Oligarchie", engt die Betrachtung auf das MA ein und steht damit vor einem Dilemma, weil die Stadtgeschichtsforschung in Großbritannien sich "stark auf die Moderne konzentriert". - Etienne François, Die französische Stadtgeschichtsforschung: Schwerpunkte und neue Richtungen (S. 133-141), legt dar, daß in der französischen Forschung die Stadt als "eigenständiger Forschungsgegenstand" Mitte der siebziger Jahre entdeckt wurde. Seither entstand eine große Reihe von Stadtmonographien, neuere Arbeiten untersuchen "die Städte als System" und in ihrem Verhältnis zum Raum, sie behandeln Fragen der Mobilität, der Migration, unter Einsatz quantitativer Methoden. - Evamaria Engel, Stadtgeschichtsforschung zum Mittelalter in der DDR - Ergebnisse, Probleme, Perspektiven (S. 81-99), hebt als Schwerpunkt die "sozialen Kämpfe in der mittelalterlichen Stadt" mit deren "revolutionärem Gehalt" hervor, ferner Untersuchungen zu den "plebejischen Schichten", etwa den Gesellen. - Miri Rubin, Stadtgeschichte und Laienfrömmigkeit - das englische Beispiel (S. 37-53), bezieht sich anmerkungsarm auf französische Beispiele oder Arbeiten von englischen Kollegen, etwa über die Renaissance in Venedig. - Erika Uitz, Stadtgeschichte und Geschlechtergeschichte (S. 101-107), möchte "einige methodische Erfahrungen mit Kriterien für den Anteil von Frauen am Geschichtsprozeß im Rahmen der mittelalterlichen Stadt" vermitteln und weist zudem auf den "progressiven Charakter des mittelalterlichen Städtebürgertums" hin. - Heiko Steuer, Der Beitrag der Archäologie zur Stadtgeschichtsforschung (S. 173-196), irritiert mit seiner Abbreviatur: "schon erlebt die SA eine ungeahnte Blüte" - vielleicht sollte man für Stadtarchäologie doch eine andere Abkürzung wählen. Nach den Erkenntnissen der "SA" jedenfalls verläuft die Geschichte der Städte "europaweit regelhaft vergleichbar". Die Stadtarchäologie liefert Aufschlüsse in quellenarmen Zeiten: über Baugeschichte, Topographie, Infrastruktur, Ausstattung der Haushalte und Ernährung, sie wird "zur entscheidenden Quelle fast aller Aspekte städtischer Geschichte". - Heinz Stoob, Versorgung und Entsorgung in der mittelalterlichen Stadt. Überlegungen anhand der Atlasarbeiten in Münster (S. 237-264), berichtet sehr persönlich von seinen Arbeiten am Deutschen Städteatlas. - Weitere Abhandlungen befassen sich etwa mit Urbanisierungsforschung und der "Ethnologisierung der Geschichte". - Albert Müller, Über vergangene und zukünftige Probleme der österreichischen Stadtgeschichte (S. 143-172), sollte wohl das Theoriedefizit abdecken. Er stützt sich für seinen Ansatz auf das Buch von Kuhn über die "Struktur der wissenschaftlichen Revolutionen", bezieht dann auch den Ansatz von Pierre Bourdieu ein. Er zeigt auch, wie in Österreich die Fragen der Mentalität, besonders aber der materiellen Kultur behandelt wurden. Sehr viel ist hier auf engem Raum komprimiert, eine ausführlichere Diskussion schiene aber durchaus angebracht. Der vorliegende Band enthält ein breites und heterogenes Spektrum. Sehr viel bereits Bekanntes steht neben recht wenig Reflexion. Der deskriptive Bereich der "Aspekte" überwiegt. Tendenzen ergeben sich aus dem, was gerade getan und geforscht wird. Weitere Perspektiven fehlen - und das Theoriedefizit existiert nach Ausweis dieses Bandes weiterhin.
  492. Lothar Kolmer


    {S. 324-326}

  493. Verwaltung und Politik in Städten Mitteleuropas. Beiträge zur Verfassungsnorm und Verfassungswirklichkeit in altständischer Zeit, hg. von Winfried Ehbrecht (Städteforschung, Reihe A: Darstellungen, Bd. 34) Köln 1994, Böhlau, 291 S., ISBN 3-412-12893-7, DEM 88. - Vorliegende Publikation geht auf eine Tagung des Kuratoriums für vergleichende Städtegeschichte im Frühjahr 1990 zurück, die "Städtische Selbstverwaltungsorgane vom 14. bis zum 19. Jahrhundert" zum Thema hatte. Die Vorträge befaßten sich weniger mit den obersten städtischen Organen Bürgermeister und Rat, sondern nahmen Entscheidungsträger wie Zünfte oder andere Bürgervertretungen in den Blick. Dem zeitlichen Rahmen der Tagung entsprechend bewegen sich viele Beiträge hauptsächlich in der Neuzeit. Hier seien nur diejenigen kurz angezeigt, die auch das Spätma. betreffen: Knut Schulz, Die politische Zunft. Eine die spätmittelalterliche Stadt prägende Institution? (S. 1-20), verfolgt den Wandel der Verfassungsstrukturen durch die Übernahme politischer Funktionen seitens der Zünfte anhand der Beispiele Straßburg und Köln und geht dabei vor allem auf strukturelle Änderungen innerhalb der Zünfte ein. - Zwei Beiträge zur niederländischen Stadtgeschichte behandeln die Besetzung der Schöffenbänke flandrischer Städte: Marc Boone, Städtische Selbstverwaltungsorgane vom 14. bis zum 16. Jahrhundert. Verfassungsnorm und Verfassungswirklichkeit im spätmittelalterlichen flämischen Raum am Beispiel Gent (S. 21-46), sowie die Utrechter Zunftverfassung: Johanna Maria van Winter, Verfassung und Verwaltung im spätmittelalterlichen Utrecht (S. 47-54). - Wolfgang Herborn, Kölner Verfassungswirklichkeit im Ancien Régime (1396-1795/6) (S. 85-113), untersucht die Besetzung des Bürgermeisteramtes und kann eine auch auf andere Ämter übergreifende, zunehmende Clanbildung feststellen, die nur nach mißwirtschaftsbedingten Revolten unterbrochen wurde. - Ernst Pitz, Einstimmigkeit oder Mehrheitsbeschluß? Ein heimlicher Verfassungsstreit um die Vollmachten der Ratssendeboten auf den Hansetagen (S. 115-146), gewinnt auf dem Weg der vergleichenden Verfassungsgeschichte sehr interessante Einsichten in das Wesen der Hanse, die er trotz Versuchen Lübecks, die Königsrolle zu übernehmen, als aus politischen und rechtlichen Gründen doppelt defizitäres System einstuft; politisch, weil das schwache Königtum den Städten keinen verfassungsmäßigen Platz in der Politik zuwies und sie entsprechend nicht an den königlichen Prärogativen teilhaben und folglich keine Generalvollmachten der Ratssendeboten erzwingen konnten; und rechtlich, weil sich weder aus den Fahrtgemeinschaften noch aus den Bürgerschaften der Hanse eine die königliche Führung ersetzende Eidgenossenschaft formen ließ, da beide nur ständische Interessen vertraten. - Konrad Fritze, Bürgervertretungen in wendischen Hansestädten vom 14. bis zum 16. Jahrhundert (S. 147-157). sieht in der Einführung von Bürgervertretungen, die ein oligarchisches Ratsregime einschränkten, keine "politische Revolution", sondern eine "notwendig erscheinende Ergänzung der bestehenden Stadtverfassung durch Reformen" (S. 157). - Heidelore Böcker, Verfassungswirklichkeit - ein gelungener Balanceakt der Landesherren. Städtische Entwicklung unter dem Einfluß landesherrlicher Territorialpolitik und kaufmännischen Konkurrenzdenkens in Vorpommern und Rügen vom 13. bis zum 16. Jahrhundert (S. 159-176), behandelt vor allem die verkehrsgeographisch benachteiligten kleinen Territorialstädte, deren Bild sich aber keineswegs einheitlich darstellt. - Helmut Bräuer, Artikulationsformen, Aktionsfelder und Wirkungsgrenzen der Bürgerschaftsvertretungen in obersächsischen Städten des 15. bis 17. Jahrhunderts (S. 191-206), stellt fest, daß Bürgerschaftsvertretungen zu schrittweisem Selbständigkeitsverlust des Stadtrates geführt haben und so der Zerstörung der relativen Selbständigkeit der Städte durch den Territorialstaat ungewollt Vorschub leisteten, wodurch sie sich auch selbst die letztlich entscheidenden Grenzen setzten. - Rudolf Endres, Verfassung und Verfassungswirklichkeit in Nürnberg im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit (S. 207-219), beschreibt Zusammensetzung, Funktionen und Organisation des patrizischen Rates, dessen Abschließung und Ämterhäufung zur unvermeidlichen Erstarrung führte und zum Niedergang der Reichsstadt beitrug. Nur die Wirtschaftspolitik konnte der Rat nicht mehr völlig beherrschen; trotzdem wirkte sich seine kurzsichtige Politik hier nachteilig aus. - In einer Zusammenfassung und Weiterführung läßt der Hg. die Beiträge noch einmal Revue passieren und bezieht wichtige Diskussionsbeiträge der Tagung ein. Dem Band ist ein Index der Orts- und Personennamen beigegeben.
  494. Gertrud Thoma


    {S. 326-327}

  495. Landesherrliche Städte in Südwestdeutschland, hg. von Jürgen Treffeisen u. Kurt Andermann (Oberrheinische Studien 12) Sigmaringen 1994, Jan Thorbecke, 271 S., 6 Abb., ISBN 3-7995-7812-9, DEM 62. - Veröffentlicht werden neun Vorträge, von denen acht im Oktober 1992 anläßlich des 800jährigen Jubiläums der Stadt Ettlingen gehalten wurden: Peter Johanek, Landesherrliche Städte - kleine Städte. Umrisse eines europäischen Phänomens (S. 9-25), vergleicht Stadtgründungen des 12./13. Jh. von Böhmen bis England. - Jürgen Sydow, Der spätmittelalterliche Markt im deutschen Südwesten (S. 27-43), gibt mit wissenschaftlichem Apparat einen im April 1993 in Bretten gehaltenen Vortrag wieder, welcher erstmals systematisch verschiedene Marktrechte (Wochenmarkt, Jahrmarkt, Messe) beschreibt. - Sigrid Schmitt, Landesherr, Stadt und Bürgertum in der Kurpfalz des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit (S. 45-66), behandelt auswählend vornehmlich Bacharach, Alzey, Neustadt und Heidelberg. - Kurt Andermann, Die Städte der Bischöfe von Speyer um die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit (S. 67-88), untersucht die rund zehn Städte des Hochstifts Speyer, von denen Deidesheim, Udenheim (heute Philippsburg) und Bruchsal wohl die bekanntesten sind. - Rüdiger Stenzel, Die Städte der Markgrafen von Baden (S. 89-130), behandelt ebenfalls sämtliche Städte dieses Territoriums, insbesondere Pforzheim und Sinsheim. - Volker Trugenberger, Ob den portten drey hirschhorn in gelbem veld - Die württembergische Amtsstadt im 15. und 16. Jahrhundert (S. 131-156), umreißt systematisch deren Rolle im Territorium. - Jürgen Treffeisen, Aspekte habsburgischer Stadtherrschaft im spätmittelalterlichen Breisgau (S. 157-229), ist nicht nur vom Umfang her ein überaus gewichtiger Beitrag; der Vf. hat zahlreiche Quellen im Stadtarchiv Freiburg/Br. gesichtet und kann die selbstbewußte Politik Freiburgs und seiner Nachbarstädte vor, während und nach der Übernahme der Stadtherrschaft durch die Habsburger 1368 einschließlich ihrer sozialen und wirtschaftlichen Hintergründe beleuchten. - Benoît Jordan, Landesherrliche Städte im Oberelsaß während des Mittelalters (S. 231-244), lenkt zu Recht den Blick über heutige Grenzen auf die von den Habsburgern mitgeprägte Städtelandschaft westlich des Rheins. - Meinrad Schaab, Landesherrliche Städte in Südwestdeutschland - eine Zusammenfassung (S. 245-254), weist nachdrücklich auf die Notwendigkeit hin, gerade bei kleineren Städten deren landwirtschaftlichen Verflechtungen nachzugehen. - Drei kurze Register der Orte, Personen und, in Auswahl, der Sachen erleichtern die Benutzung (S. 255-267). Für die Geschichte der südwestdeutschen Städte liegt hiermit ein nützliches Sammelwerk vor, das zum Vergleich mit anderen Landschaften anregt.
  496. K. B.

    249.

  497. Uwe Heckert, Die Ratskapelle als Zentrum bürgerlicher Herrschaft und Frömmigkeit. Struktur, Ikonographie und Funktion, Blätter für deutsche LG 129 (1993) S. 139-164, hebt die Bedeutung der Ratskapelle (worunter je nachdem "geweihte Räume innerhalb der Rathausgebäude selbst, freistehende Kapellenbauten oder abgegrenzte Seitenkapellen innerhalb von Stadtpfarrkirchen" zu verstehen sind) als legitimierendes und Eintracht (concordia) stiftendes Element für das Stadtregiment hervor. Praktischerweise konnten die dort angestellten Kapläne auch noch für allerlei Verwaltungsaufgaben herangezogen werden.
  498. G. Sch.


    6. Landesgeschichte

  499. Peter Moraw, 1292 und die Folgen. Dynastie und Territorium im hessischen und deutschen Spätmittelalter, Blätter für deutsche LG 129 (1993) S. 41-62, schildert in komparatistischer Perspektive die Entwicklung der Landgrafschaft Hessen von der 1292 durch Adolf von Nassau erfolgten Erhebung Heinrichs I. von Brabant-Hessen in den Fürstenstand zur Entwicklung einer "Macht zweiten Ranges im Reich" am Ende des MA.
  500. G. Sch.


    {S. 327-328}

  501. Andreas Hafer, Wimpfen. Stadt-Raum-Beziehungen im späten Mittelalter (Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg 130) Stuttgart 1993, Kohlhammer Verlag, XIII u. 457 S., Karten, ISBN 3-17-012701-2, DEM 65. - In dieser Darmstädter Diss. von 1991 werden die Beziehungen einer Stadt zu ihrem Umland am Beispiel von Wimpfen behandelt. Die Arbeit setzt ein mit einer Untersuchung der städtischen Topographie sowie ihres Rechtes und der städtischen Territorialpolitik in ihren vielfältigen weiteren wirtschaftlichen und verwandtschaftlichen Verflechtungen. Sie gerät so zugleich zu einer Stadtgeschichte von Wimpfen im späten MA. Dort lassen sich die auch in anderen Städten beobachteten Tendenzen erkennen, so die oligarchische Strukturierung des Rates, dessen personelle Kontinuität und Kontrolle über die kirchlichen Verhältnisse. Dem Handwerk, gerade dem in Verbindung mit dem Transportwesen, kam größere Bedeutung zu, da die Stadt an einem überregional bedeutenden Straßenkreuz lag. Der außenpolitische Spielraum war begrenzt, die Stadt ließ sich auf Reichsversammlungen gewöhnlich vertreten. Nur die Bindung an Heilbronn sicherte überhaupt die Freiräume. Selbst im Umland mußte auf die dortigen Rittergeschlechter Rücksicht genommen werden. Die Markung umfaßte im 15. Jh. dennoch den vergleichsweise großen Bereich von etwa 1350 ha und konnte weitgehend rechtlich eingegliedert werden. Dort konzentrierte sich auch bürgerlicher Besitz, ähnliches gilt auch für die sonstigen, eher kleinräumigen Wirtschaftsbeziehungen der Bürger. Selbst der Universitätsbesuch von Wimpfenern erfolgte überwiegend im nahen Heidelberg. Auch die Migration weicht vom bekannten Bild nicht ab, ein starker Zuzug erfolgte aus dem Nahbereich, aus ländlichen Orten, kaum aus dem städtischen Fernbereich. Im engeren Umraum nahm die Stadt zentrale Funktionen in politischer, sozialer, religiöser, kultureller Hinsicht ein: als Versorgungs- und Handwerkszentrum, daneben bildete sie einen politischen und wirtschaftlichen Mittelpunkt. Dies sicherte eine gewisse Attraktivität und Prosperität. Der Verlust dieser Funktion in der Neuzeit führte zu Problemen in der Stadt, die auch heute noch spürbar sind. - H. hat eine solide Arbeit vorgelegt, die sich auf bislang unzureichend ausgewerte Quellen und eine breite Literaturbasis stützt. Sie bietet Material auch für Vergleiche, etwa zu Migrationsbewegungen, womit sich in der Forschung noch offene Fragen weiter einer Antwort nähern.
  502. Lothar Kolmer


  503. Rheinische Lebensbilder. Band 13, im Auftrag der Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde hg. von Franz-Josef Heyen, Köln 1993, Rheinland Verlag (in Kommission bei Rudolf Habelt, Bonn), 326 S., 14 Abb., ISBN 3-7927-1363-2. - Der Band enthält drei mediävistische Beiträge: Odilo Engels, Kaiserin Theophanu (ca. 960-991) (S. 7-27). - Peter Brommer, Burchard von Worms (ca. 965-1025) (S. 29-49). - Werner Beutler, Hermann IV. der Friedsame von Hessen, Erzbischof von Köln (1480-1508) (S. 51-71).
  504. R. S.


    {S. 328-329}

  505. Territorium und Residenz am Niederrhein. Referate der 7. Niederrhein-Tagung des Arbeitskreises niederrheinischer Kommunalarchive für Regionalgeschichte (25.-26. September 1992 in Kleve), hg. von Klaus Flink und Wilhelm Janssen (Klever Archiv 14) Kleve 1993, Stadtarchiv, 234 S., ISBN 3-922412-13-0. - Dankenswerterweise wird die Frage der Residenzbildung hier an ein in dieser Hinsicht kaum untersuchtes Gebiet mit Erfolg gestellt: Dietmar Flach, Pfalz und Reichsgut. Frühformen der Territorienbildung am Niederrhein (S. 9-31). - Bert Thissen, Die Pfalz Nimwegen zwischen Reichs- und Territorialgewalt (1247-1371) (S. 33-66, mit Karte von Nimwegen). - Klaus Flink, Territorialbildung und Residenzentwicklung in Kleve (S. 67-96, mit Karte). - Severin Corsten, Die Residenzen des Herzogtums Jülich (S. 97-118, mit Karte). - Gerard Nijsten, De ontwikkeling van residenties in het hertogdom Gelre ten tijde van de vorsten uit het huis Gulik en Egmond (S. 119-149). - Wilhelm Janssen, Regierungsform und Residenzbildung in Kurköln und anderen niederrheinischen Territorien des 14. und 15. Jahrhunderts (S. 151-169). - Brigitte Kasten, Die Hofhaltung in Jülich und Berg im 15. und beginnenden 16. Jahrhundert (S. 171-187). - Clemens von Looz-Corswarem, Wo residierte der Fürst? Überlegungen zu den Aufenthaltsorten der Herzöge von Jülich-Berg bzw. Jülich-Kleve-Berg und ihres Hofes im 15. und 16. Jahrhundert (S. 189-209), und Knut Schulz, Residenzstadt und Gesellschaft vom Hoch- zum Spätmittelalter (S. 211-227). - Peter Johanek, Zusammenfassung der Referat- und Diskussionsbeiträge (S. 229-234). Ein Register vermißt man. Der Band ist von überregionaler Bedeutung und sollte dementsprechend beachtet werden.
  506. Ivan Hlavá_ek


  507. Wolfgang Georgi, Erzbischof Gunthar von Köln (850-863 / † nach 871). Tyrann oder piissimus doctor?, Geschichte in Köln 36 (1994) S. 5-31, sucht dem von Nikolaus I. abgesetzten Erzbischof gerechter zu werden als die durchweg polemisch gestimmten Quellen der Zeit, indem er das Typische seines Verhaltens hervorhebt und ihm das Hauptverdienst an dem 870 geweihten Dombau zuschreibt.
  508. R. S.


    {S. 329}

  509. Hermann-Josef Hüsgen, Zisterzienserinnen in Köln. Die Klöster Mariengarten, Seyne und St. Mechtern/St. Apern (Bonner Beiträge zur Kirchengeschichte 19) Köln - Weimar - Wien 1993, Böhlau Verlag, XIII u. 491 S., Abb., ISBN 3-412-10292-X, DEM 98. - H. widmet seine Bonner theologische Diss. der Geschichte der drei Zisterzen, die im Zuge der religiösen Bewegung unter den Frauen in Köln gegründet wurden und vom 13. Jh. bis zur Säkularisation bzw. zur Aufhebung durch eine erzbischöfliche Reformmaßnahme 1614 (Seyne) bestanden. Für alle drei Klöster kam der Gründungsvorgang mit der Ordensinkorporation zum Abschluß. Der Autor verfolgt das Ziel, gestützt vornehmlich auf die stadtkölnische Überlieferung, Einblick in die konkreten Lebensverhältnisse der Kölner Klöster zu geben und zugleich einen Beitrag zur regionalen Ordensgeschichte zu leisten. Nach einleitenden Bemerkungen zur Frage der Ordenszugehörigkeit und der städtischen Lage betrachtet er in einem systematisch angelegten Kapitel Überlieferung, Leben und Spiritualität, Beziehungen zu Erzbischof und Papst sowie Wirtschaft und Verfassung. In den folgenden Kapiteln wendet er sich den einzelnen Abteien zu und breitet nach einer historischen Übersicht die Quellen über Klosterkirchen und ihre Ausstattung, Besitz, Siegel, Verfassung, Ordensaufsicht und Personal (mit Listen) aus. - Indem die drei Klostergeschichten jetzt umfassend dokumentiert vorliegen, hat H. für die Geschichte Kölns und des Rheinlands verdienstvolle Arbeit geleistet. Überdies stellt er der vergleichenden Ordensforschung reiches Material bereit.
  510. Anja Ostrowitzki


  511. Die Benediktinerabtei Brauweiler, im Auftrage des Max-Planck-Instituts für Geschichte bearb. von Erich Wisplinghoff (Germania Sacra N. F. 29: Die Bistümer der Kirchenprovinz Köln. Das Erzbistum Köln 5) Berlin - New York 1992, Walter de Gruyter, XII u. 358 S., 4 Abb., ISBN 3-11-013223-0, DEM 188. - Der als hervorragender Kenner der Geschichte Brauweilers - vor allem durch seine Untersuchung der Urkundenfälschungen (vgl. DA 14, 293) und die Edition der frühen Urkunden im "Rheinischen Urkundenbuch" (vgl. DA 28, 575) - ausgewiesene Vf. hat nunmehr im Rahmen der "Germania Sacra" die erste wissenschaftliche Gesamtdarstellung der Klostergeschichte vorgelegt. Die Quellenlage für die 1024 in der Nähe von Köln als Familienkloster der Ezzonen gegründete Benediktinerabtei ist nicht sonderlich günstig. Von den ca. 250 Urkunden, die das Kloster noch am Ende des 15. Jh. besessen hat, ist nur noch etwa die Hälfte erhalten geblieben; die ältesten Stücke sind zudem von Fälschungen durchsetzt. Etwas besser ist es um die chronikalische Überlieferung bestellt. Eine Chronik (1030-1515) und die Acta abbatum Brauweilerensium (1024-1778) "gestatten in fast allen Jahrhunderten Einblicke in den klösterlichen Alltag, wie sie sonst im westdeutschen Raum kaum einmal möglich sind." Dazu kommen sieben vollständig erhaltene Jahrgänge der Kellnereirechnungen aus der Mitte des 14. Jh. mit wertvollen Angaben über den Klosterhaushalt. Die ma. Geschichte der Abtei ist in erster Linie durch die Beziehungen zur Kölner Kirche geprägt, in deren Besitz Brauweiler um 1051 überging. Nicht geringe Bedeutung hatten sodann die Beziehungen zu den Erzbischöfen von Trier, den Grafen und Herzögen von Jülich-Berg und zur Stadt Köln. Als 1467 die adligen Mönche "das von ihnen heruntergewirtschaftete Kloster" verließen, wurden Mönche bürgerlicher Herkunft aus Groß-St. Martin in Köln eingesetzt, die der Bursfelder Kongregation angehörten.
  512. A. G.


    {S. 330}

  513. Gunther Hirschfelder, Die Kölner Handelsbeziehungen im Spätmittelalter (Veröffentlichungen des Kölnischen Stadtmuseums 10) Köln 1994, Stadtmuseum, IX u. 656 S., 23 Karten, ISBN 3-927396-58-3. - Diese auf breiter Basis gedruckter Quellen fußende Trierer Diss. legt das Hauptaugenmerk auf die Raumbeziehungen des Kölner Handels und deren Entwicklung. Sie untersucht in Längsschnitten und geographisch gegliedert Handelsziele, die mehr als 2 Tagreisen (50-60 km) von Köln entfernt sind und unterstützt die Ausführungen mit kartographischer Aufarbeitung der Ergebnisse (Iberische Halbinsel, Italien, Südosteuropa, Böhmen, Schlesien, Ostsee, Niederlande, England, engeres Reichsgebiet). Dabei werden einzelne Dokumente aufgearbeitet, die kurzen Einblick in verschiedene Händlerdynastien bieten, zu deren detaillierterer Kenntnis Einzelstudien wohl noch einiges beitragen könnten. In der gut strukturierten Zusammenfassung werden dann drei Phasen des Kölner Fernhandels sichtbar gemacht, denen jeweils andere Hauptachsen entsprechen. Man gewinnt hier auch einen Überblick über die gehandelten Produkte. Die Organisation des Fernhandels kommt nur andeutungsweise zur Sprache. Diese Gesamtdarstellung wird durch ein Orts- und Personenregister auch für Wirtschaftshistoriker anderer Regionen nützlich und ist durch eine ausführliche Bibliographie ergänzt. Eine sprachliche Eigenheit (oder ist es regionaler Einfluß?) sei noch erwähnt: Das in keinem der geläufigen Lexika und auch im Grimmschen Wörterbuch nur als veraltetes Verbum vorkommende "bekümmern" und das nirgends erwähnte "Bekümmerung" werden anstelle von ausrauben oder Beschlagnahmung durch das ganze Werk hindurch benutzt und bedürfen, vor allem im Zusammenhang mit Personennamen, die als solche schwierig zu erkennen sind, einiger Gewöhnung (z.B. S. 59).
  514. D. S.


  515. Martin Schoebel, Die Mainzer Rheinmühlen im Mittelalter. Ein Beitrag zur Geschichte der rheinischen Schiffmühle, Blätter für deutsche LG 129 (1993) S. 79-115 (5 Abb.). - Im Gegensatz zu Köln, wo zeitweise 35 Schiffsmühlen in Betrieb waren, gab es in Mainz bis ins 14. Jh. derer nur zwei. Die erste ist 1104, die zweite 1112 urkundlich erwähnt (Mainzer UB I Nr. 418 bzw. 457). Soweit wie möglich geht der Vf. deren Geschichte und Besitzverhältnissen nach und ediert im Anhang drei Urkunden (von 1274, 1304, 1357), die Rechte an Mühlgängen betreffen.
  516. G. Sch.


    {S. 331}

  517. Otto P. Clavadetscher, Rätien im Mittelalter. Verfassung, Verkehr, Recht, Notariat. Ausgewählte Aufsätze. Festgabe zum 75. Geburtstag, hg. von Ursus Brunold und Lothar Deplazes, Disentis bzw. Sigmaringen 1994, Desertina bzw. Thorbecke, XII u. 607 S., ISBN 3-85637-223-7, CHF 92 bzw. DEM 92, enthält 31 Aufsätze aus den Jahren 1947-94, die oft in den entlegensten Zeitschriften erschienen, zum großen Teil aber im DA bereits erwähnt worden sind. Die Aufsätze, die auch Kirchengeschichtliches einschließen, reichen von der Entwicklung des römischen Rätien über seine Integration ins Frankenreich bis zur Herausbildung der Kommunen im Spätma. Die gründliche Erfassung der Quellen ermöglicht es dabei, durch die Vielfalt der Verhältnisse einer Region im Kontext politischer, wirtschaftlicher und sozialer Entwicklungen, allgemeine historische Prozesse sichtbar zu machen. Eine Bibliographie des Jubilars ab 1985 ergänzt die bereits bestehende in der Festschrift zum 65. Geburtstag (vgl. DA 42, 345 ff.), und ein Register der Personen- und Ortsnamen macht die einzelnen Aufsätze zugänglich.
  518. D. S.


    {S. 331-332}

  519. Innerschweiz und frühe Eidgenossenschaft, Bd. 1: Verfassung, Kirche, Kunst; Bd. 2: Gesellschaft, Alltag, Geschichtsbild, hg. vom Historischen Verein der Fünf Orte, Olten 1991, Verlag Walter, 371 u. 439 S., 361 Abb., ISBN 3-530-39555-2, DEM 108. - Das Jubiläumsjahr 1991 nahmen die Hg. zum Anlaß, die "Geschichte des Raumes, von dem die Eidgenossenschaft ausging, und seine Einordnung in die größeren, übergreifenden Zusammenhänge" mit der zeitlichen Begrenzung auf das 13. und 14. Jh. von sechs Autoren in einer leicht verständlichen Sprache darstellen zu lassen. Entstanden ist ein reich illustriertes, mit Anmerkungen versehenes Werk, das auch dem Fachhistoriker wertvolles Material und neue Anregungen zu einem alten Thema bietet. Die Beiträge weisen in der Konzeption erhebliche Unterschiede auf, weshalb als erste die beiden nicht nur im Umfang gewichtigsten Studien vorzustellen sind. - Peter Blickle, Friede und Verfassung. Voraussetzungen und Folgen der Eidgenossenschaft von 1291 (Bd. 1, S. 15-202), stellt die Bünde als Elemente der Friedenssicherung nach innen und nach außen dar. Weder enthalten sie eine antihabsburgische Stoßrichtung, noch greift die überlieferte "Unterdrückungstheorie". Der Emanzipationsprozeß der Länder und Städte wird wieder in den europäischen Rahmen kommunaler Freiheitsbewegungen eingebunden, nachdem die Forschung jahrzehntelang durch die Betonung des "Sonderfalls" Schweiz einen übernationalen Ansatz verhindert hat. Doch im Gegensatz zu neuen strukturgeschichtlichen Forschungen betont B. den Unterschied in der Entwicklung hinsichtlich Zeitpunkt (sehr früh) und Erfolg, weshalb er auch den Krieg als wesentliches Element der Durchsetzung einer alternativen Gesellschaftsordnung einbezieht. Die Studie betont die Gemeinsamkeiten von Ländern und Städten ("beider Verfassungen sind nahezu austauschbar" S. 131), die Rolle des Ausbürgerwesens für die Territorialpolitik und die Bedeutung von persönlicher Freiheit und Grundeigentum. - Roger Sablonier, Innerschweizer Gesellschaft im 14. Jahrhundert. Sozialstruktur und Wirtschaft (Bd. 2, S. 11-233), versucht zum ersten Mal eine Darstellung der innerschweizer Gesellschaft als ganzer. Aufgrund eines breiten Quellenstudiums wird die traditionelle Vorstellung einer alpinen Hirtenkultur widerlegt und dafür eine ausführliche Analyse des sozialen Aufbaus, der Formen des Zusammenlebens sowie der städtischen und ländlichen Wirtschaft geboten. S. zeichnet das Bild einer sich wandelnden Gesellschaft, die von hoher vertikaler wie horizontaler Mobilität zu Abgrenzung und Verfestigung findet, von Verbesserungen der Subsistenzwirtschaft zur viehwirtschaftlichen Spezialisierung übergeht, von einer ständisch gegliederten Hierarchie zu wirtschaftlich begründeten Abhängigkeitsformen wechselt. - Überblicksartig präsentiert Carl Pfaff, Pfarrei und Pfarreileben. Ein Beitrag zur spätmittelalterlichen Kirchengeschichte (Bd. 1, S. 205-284), die rechtliche und soziale Situation der Niederkirchen und ihrer Geistlichen. Als Eigenheit der Region darf die mit den kommunalen Emanzipationsbewegungen parallel gehende Verbesserung der Seelsorge auf Initiative der Kirchgenossen gelten, welche sich in Separationen und besonders in der Leutpriesterwahl durch die Pfarrgemeinde äußert, eine Entwicklung, die im 15. Jh. bis zur Wahl des Kirchherrn durch die Gemeinde oder auch das Land führen wird. Die Unverhältnismäßigkeit bei der Verhängung kirchlicher Strafen über ganze Orte und Länder durch die hohe Geistlichkeit wirkte wiederum fördernd auf die Unabhängigkeitsbestrebungen der Täler. - Neben dem sich schon aus dem Titel erklärenden Beitrag von Adolf Reinle, Die Kunst der Innerschweiz von 1200 bis 1450. Ein Überblick (Bd. 1, S. 285-371), kommt auch Werner Meyer, Siedlung und Alltag. Die mittelalterliche Innerschweiz aus der Sicht des Archäologen (Bd. 2, S. 237-308), in einer nach Sachgebieten gegliederten Übersicht über die materielle Kultur zum absehbaren Schluß, daß diese sich nicht von vergleichbaren Regionen abgrenzen läßt. M. legt dabei eine Zusammenfassung seiner langjährigen Forschungsarbeit vor, so auch mit seiner (überzeugenden) Widerlegung der mit der Entstehungsgeschichte der Eidgenossenschaft eng verknüpften Legende eines systematischen "Burgenbruchs" durch die unterdrückten Bauern. - Guy P. Marchal, Die "Alten Eidgenossen" im Wandel der Zeiten. Das Bild der frühen Eidgenossen im Traditionsbewußtsein und in der Identitätsvorstellung der Schweizer vom 15. bis ins 20. Jahrhundert (Bd. 2, S. 309-403), versucht im hier interessierenden ersten Teil zum späten MA, die Erkenntnisse der Forschung über mündliche Erzählkultur auf die Stoffe der Befreiungstradition anzuwenden. Ihre Verdichtung zu einer legitimatorischen Gründungsgeschichte hängt mit der Bewußtwerdung der eigenen Staatlichkeit im 15. Jh. zusammen. - Kontroverse Sichtweisen, besonders in den Arbeiten von Blickle und Sablonier, regen durch die sorgfältige Begründung zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Stoff an und lassen auf eine fruchtbare Diskussion hoffen. Das ausführliche Orts- und Personenregister (S. 424-438) zeigt mit seinen mehrfachen Verweisen auch bei Stichworten wie Berlin, London oder Paris auf seine Weise, daß der übliche nationale Rahmen gesprengt wurde und das Werk auch für Nichtschweizer zu empfehlen ist.
  520. Catherine De Kegel


    {S. 332-333}

  521. Der schweizerische Teil der ehemaligen Diözese Konstanz. Referate, gehalten an der Tagung der Helvetia Sacra in Fischingen/Thurgau vom 16.-18. September 1993. Redaktion: Brigitte Degler-Spengler (Itinera 16) Basel 1994, Schwabe & Co., 136 S., ISBN 3-7965-0966-5. - Hervorzuheben sind aus unserem Arbeitsgebiet: Brigitte Degler-Spengler, Das Besondere an der Diözese Konstanz. Einführung in das Tagungsthema (S. 11-26). - Hubertus Seibert, Konstanz und St. Gallen. Zu den Beziehungen zwischen Bischofskirche und Kloster vom 8. bis 13. Jahrhundert (S. 27-49). - Detlev Zimpel, Das weltliche Territorium der Bischöfe von Konstanz in der Mitte des 13. Jahrhunderts. Mittel und Möglichkeiten des Besitzerwerbs (S. 50-59). - Brigitte Hotz, Die Truchsessen von Diessenhofen und das Konstanzer Domkapitel zu Beginn des Grossen Schismas (S. 60-73). - Guy P. Marchal, Die Eidgenossen, das Bistum Konstanz und die Rheingrenze im 15. Jahrhundert (S. 74-89).
  522. R. S.


  523. Guido Castelnuovo, Nobili e nobiltà nel Vaud medievale (secoli X - XV). Ordinamenti politici, assetti documentari, tipologie lessicali, Annali dell' Istituto storico italo-germanico in Trento. Jahrbuch des italienisch-deutschen historischen Instituts in Trient 18 (1992) S. 11-56, untersucht, eingebettet in die aktuelle internationale Adelsforschung, in einem weiten zeitlichen Rahmen Kontinuitäten und Veränderungen in der Führungsschicht dieser Schweizer Landschaft.
  524. Josef Riedmann


    NrNr263 {S. 333}

  525. Peter Jäggi, Untersuchungen zum Klerus und religiösen Leben in Estavayer, Murten und Romont im Spätmittelalter (ca. 1300-ca. 1530), Kloster Einsiedeln 1994, Selbstverlag, 545 S., 1 Karte, viele Graphiken, ISBN 3-9520625-0-2, CHF 48. - Diese Diss. beruht auf intensivem Quellenstudium in den einschlägigen Archiven der Region. Die Grundlagen finden sich im 2. Teil (S. 253-512) in Form von Biogrammen der faßbaren Geistlichen, einer Übersicht über den auswärtigen Pfründenbesitz, Altar- und Ewigmessestiftungen, Rechnungen, Testamenten, der Statuten von Romont 1513 und Dokumenten zum Gottesdienst sowie der Kantorfrage in Estavayer. Die Arbeit versteht sich als kleinräumige Detailstudie, die, ergänzt durch vergleichbare Studien der Region, ermöglichen soll, "den großen Strom der Erfahrungen und des kollektiven Verhaltens der Menschen" zu erfassen. Klar gegliedert sind die Untersuchungen zu den Pfarrern, Vikaren und Kaplänen, deren Residenz und Kumulation von Pfründenbesitz. Obwohl Unterschiede bestanden haben, waren die Pfarrer im allgemeinen gut vermögende und oft auswärtige Leute, ohne Bindung an die Pfarrei, die die Seelsorge Stellvertretern überließen. Wenn die drei Beispiele für die Waadt repräsentativ sind, wäre diese Region im Vergleich mit der Ostschweiz im 15. Jh. wohl als rückständig zu bezeichnen. Die lokalen Geistlichen haben aber auch den Schuldienst versehen und zum Teil bei der Herstellung der nötigen Bücher mitgewirkt. Der Bücherbesitz der einzelnen Kirchen gibt Einsicht in die lokale Liturgie. Die Kapitel über die Stiftungsfrömmigkeit zeigen das religiöse Verhalten der Laien und vermitteln insgesamt ein positives Bild der traditionellen Frömmigkeit. Gerade im Bereich der Klerikergemeinschaften und des religiösen Lebens werden viele Fragen nur kurz angedeutet; die Fülle des Materials kann wohl noch zu tiefergehenden Studien dienen. Ein Personen- und Ortsnamenregister und eine Karte der Pfarreien ergänzen den Band.
  526. D. S.


    {S. 333-334}

  527. Savoie et Région alpine (Actes du 116e Congrès National des Sociétés Savantes. Sections d'Histoire médiévale et de Philologie, d'Histoire moderne et contemporaine et d'Archéologie et d'Histoire de l'art. Chambéry - Annecy, 1991) Paris 1994, Editions du C.T.H.S., 377 S., ISBN 2-7355-0270-8, FRF 230. - Der Sammelband eines interdisziplinären Kolloquiums enthält folgende, für diese Zs. einschlägige Beiträge, auf die hier nur hingewiesen werden kann: Bernard Andenmatten, La Maison de Savoie et l'aristocratie vaudoise au XIIIe siècle: les limites d'une expansion (S. 85-96). - Guido Castelnuovo, Centres et périphéries: les châtelains en terre savoyard (moitié XIVe - moitié XVe siècle) (S. 97-108). - Elisabeth Chalmin-Sirot, Résidences seigneuriales fortifiées dans l'ancien comté de Genève: resultats de travaux préliminaires (S. 109-115). - Pierre Dubuis, Aspects de la récupération démographique de la fin du Moyen Age dans les Alpes: le Valais du XIVe au XVe siècle (S. 119-130). - Frédéric Chartrain, Par terre et par eau: l'administration des gabelles et péages en Dauphiné d'après les comptes de monnaies et gabelles (1339-1349) (S. 189-209). - Jean-Claude Hocquet, Marchés et routes du sel dans les Alpes (XIIIe-XVIIIe siècles) (S. 211-226). - Henri Falque-Vert, Prairies et alpages en haut-Dauphiné au milieu du XIIIe siècle (S. 227-243). - Christian Guilleré, Etude comparée des finances des Maisons de Barcelone et de Savoie au début du XIVe siècle (S. 245-259).
  528. M. S.


  529. Berthe Widmer, Francesco Petrarca über seinen Aufenthalt in Basel 1356, Basler Zs. für Geschichte und Altertumskunde 94 (1994) S. 17-27, erläutert Petrarcas positive Äußerungen in einer Spätfassung von De otio religioso zur Stadt Basel, in der er einen Monat lang vergeblich auf Kaiser Karl IV. gewartet hatte. Er erfuhr erst nach seiner Rückkehr nach Italien vom Erdbeben des 18. Oktober 1356 und benutzt das Bild der plötzlichen Zerstörung dieser gelobten "halblateinischen" Kultiviertheit als Beispiel für die Willkür der Fortuna.
  530. D. S.


    {S. 334}

  531. Hans-Rudolf Dütsch, Die Zürcher Landvögte von 1402-1798. Ein Versuch zur Bestimmung ihrer sozialen Herkunft und zur Würdigung ihres Amtes im Rahmen des zürcherischen Stadtstaates, Zürich 1994, Chronos, 338 S., 1 Karte, viele Graphiken, ISBN 3-905311-11-9, CHF 68. - Die Frage nach der sozialen Herkunft (Reichtum, familiäres Umfeld, Zunftmitgliedschaft) und möglichen Karrieren der Landvögte wird mit quantitativen Methoden in dieser Zürcher Diss. zu beantworten versucht. Unzählige Tabellen und Statistiken stellen den "Wert" der Landvogteien für den Stadtstaat Zürich fest und zeigen die Beziehungen der Ratsmitglieder, der Zünfte und der einzelnen Familien zum Posten des Landvogtes. Das aufbereitete Material - insbesondere die Personenlisten mit Angaben zu Herkunft und Ämterlaufbahn - erschließt viele neue Informationen, die auch der weiteren Forschung dienen werden. Man vermißt zuweilen aber einen prägnanten Kommentar, der es ermöglicht, einen klaren Überblick zu gewinnen. Erst in Teil IV (S. 199-260) wird - ausgehend von den Resultaten der frühen Neuzeit - das hier interessierende 15. Jh. untersucht.
  532. D. S.


  533. Walter Haas, Hans von Waltheyms Pilgerreise und sein Besuch in Freiburg (1474), Freiburger Geschichtsblätter 69 (1992) S. 7-39, untersucht die Aufzeichnungen des sächsischen Pilgers Hans von Waltheym aus Halle an der Saale, der unterwegs nach St. Maximin in der Provence an Ostern 1474 in Freiburg im Üchtland weilte. Waltheym liefert eine Beschreibung der Stadt nach ihren topographischen, demographischen und politischen Verhältnissen. Er teilt zudem eine historische Notiz über die Wegführung des Tafelsilbers der städtischen Oberschicht durch den österreichischen Stadtherrn Albrecht VI. im Jahr 1449 mit, die, für die Mythenbildung erhellend, die Anfänge einer "Freiburger Befreiungstradition" nach dem Abfall der Stadt von Österreich belegt.
  534. Ernst Tremp


  535. Maurice de Tribolet, Le comte de Neuchâtel, l'Empire et le modèle confédéré au XVe siècle: aspects institutionnels, Schweizerische Zs. für Geschichte 44 (1994) S. 230-251, beleuchtet die Krisen zwischen Grafen und Bürgern Neuenburgs, die einerseits soziale Ursachen hatten, andrerseits aber im Zusammenhang mit der Reichsreform gesehen werden müssen. Die Bürger erstrebten ähnliche Autonomie, wie sie die Reichsstadt Besançon besaß, während die Grafen auf ihren Sonderregalien von 1356 bestanden.
  536. D. S.


  537. Giuseppe Chiesi, Venire cum equis ad partes Lumbardie. Mercanti confederati alle fiere prealpine nella seconda metà del XV secolo, Schweizerische Zs. für Geschichte 44 (1994) S. 252-265. - Obwohl die Verträge von 1426 zwischen den Eidgenossen und Mailand deren Verzicht auf territoriale Ansprüche mit Steuerbefreiung in der Lombardei ausglichen, kam es immer wieder zu Mißverständnissen und zu Protesten der von nördlich der Alpen nach Bellinzona und Chiasso zum Pferdemarkt angereisten Kaufleute. Die benutzten Quellen sind weitgehend im Archivio Storico Ticinese 114-115 (1993-1994) publiziert.
  538. D. S.


  539. Klaus Graf, Geschichtsschreibung und "Landesdiskurs" im Umkreis Graf Eberhards im Bart von Württemberg (1459-1496), Blätter für deutsche LG 129 (1993) S. 165-193, legt dar, daß es anders als bei anderen Landesfürsten eine höfisch orientierte Historiographie im Umkreis Herzog Eberhards nicht gegeben habe, obgleich dessen Interesse an Geschichte - sowohl an praxisleitenden "exempla" als auch am Herkommen der eigenen Familie - durchaus gegeben war. Im zweiten Teil geht der Vf. dem "Landesdiskurs" ("Landesbewußtsein") nach und hebt hervor, wie Eberhard "Schwaben als Legitimationshintergrund seines Territoriums Württemberg anerkannte".
  540. G. Sch.


  541. Christian Wilsdorf, Les très anciennes forteresses du Mont Sainte-Odile et de Frankenbourg dans les textes du Moyen Age, Cahiers alsaciens d'Archéologie, d'Art et d'Histoire 36 (1993) S. 207-210, zeigt an Quellenzeugnissen der Jahre 783 bis 1202, daß die Befestigungsanlagen des Odilienbergs (Hohenburg) bis ins 10. Jh. ihre militärische Bedeutung bewahrten und die Äbtissin im 12. Jh. den gesamten Komplex in den Besitz ihres Klosters bringen konnte; die legendäre Bezeichnung der Hohenburg als "Altitona" ist wohl erst eine Wortschöpfung des 12. Jh. Vorläufer der im 12. Jh. erbauten Frankenburg (nordwestlich von Schlettstadt) war eine in fränkischer Zeit genutzte Fluchtburg.
  542. Rolf Große


  543. Ludwig Holzfurtner, Die Grafschaft Dillingen. Eine Studie zur Verfassungsgeschichte Ostschwabens im hohen Mittelalter, Zs. für bayerische LG 57 (1994) S. 321-349, befaßt sich mit der Lokalisierung der ursprünglichen Grafschaft Dillingen und der Herkunft der gleichnamigen Grafen. Diese seien "in einem mächtigen und angesehenen ... Herrengeschlecht auf der östlichen Alb zu suchen" (S. 346). Grundlagen, Aufbau und Verwaltung der Grafschaft lassen sich wegen der dürftigen Quellenlage nicht mehr rekonstruieren.
  544. A. G.


  545. Alois Zauner, Die Gegend von Wesen und Neukirchen am Walde im Mittelalter, Jb. des oberösterreichischen Musealvereines 138/I (1993) S. 131-197, sammelt Nachrichten über den lokalen Adel östlich von Passau, wobei v.a. die Ministerialen dieses Hochstifts von Interesse sein dürften.
  546. Herwig Weigl


    {S. 336}

  547. Tausend Jahre Benediktiner in den Klöstern B_evnov, Braunau und Rohr, im Auftrag der Abteien B_evnov und Braunau in Rohr bearbeitet von P. Johannes Hofmann (StMGBO 33. Ergänzungsband) St. Ottilien 1993, Eos Verlag, LI u. 852 S., Abb., ISBN 3-88096-623-0. - Eine Frucht der 1000-Jahr-Feier des Klosters B_evnov ist diese Festschrift mit internationalem Mitarbeiterkreis: Johannes Zeschick, Die Benediktiner in Böhmen und Mähren (S. 3-82), ist ein souveräner Überblick. - Ein Teil der Beiträge widmet sich der Person des Klostergründers, dem hl. Adalbert: Rudolf Turek, Das Verhältnis der Kirche zur weltlichen Macht zur Zeit der P_emysliden (S. 87-99), sowie ders., Libice - Residenz der Slavnikiden und wahrscheinlicher Geburtsort St. Adalberts (S. 101-118). - Jerzy Wyrozumski, Der hl. Adalbert in der Polenmission im Lichte der polnischen Historiographie (S. 119-136). - Thomas von Bogyay, B_evnov und die Ungarnmission (Gedanken über historische Fragen, die vielleicht nie beantwortet werden) (S. 137-146). - Peter Hilsch, Der hl. Adalbert in der neueren deutschen Historiographie (S. 147-156). - Pavol _erný, Das Leben des hl. Adalbert von Prag auf der Bronzetür zu Gnesen (S. 157-216, 19 Abb.). - Weitere Beiträge gelten dem Thema: "Von den Anfängen bis zur hussitischen Bewegung": Dana Koutná-Karg, Die Anfänge des Klosters B_evnov (S. 219-230). - Vladimir Píša, Das frühmittelalterliche B_evnov - Zeugnis eines großen Traumes (S. 231-295, 15 Abb.). - Jaroslav Kadlec, Horní Cerekev, Das Kloster des hl. Prokop an der Sasau (S. 297-307), und dies., Der heilige Prokop (S. 309-324). - Dana Stehlíková, Das Plenar und der Arm der hl. Margarete in B_evnov (S. 325-340, 6 Abb.). - Josef Bujnoch, Die Benediktinerklöster der böhmischen Länder im Hussitensturm (S. 341-355). - Der größere Teil der Festschrift betrifft dann die Neuzeit. Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auch auf den großen Ausstellungsband: Tausend Jahre Benediktiner-Kloster in B_evnov. Benediktinerabtei der hl. Margarethe in Prag-B_evnov, 1993, 275 S., der in tschechisch und deutsch erschien.
  548. Ivan Hlavá_ek


  549. Zde_ka Hledíková, Litomyšlské biskupství [mit Zusammenfassung: Das Bistum Litomyšl], in: Litomyšl. Duchovní tvá_ _eského m_sta, Litomyšl 1994, S. 29-52. - Die Geschichte des einzigen böhmisch-mährischen Bistums, das im Spät-MA gegründet wurde, war kurz. Im Zusammenhang mit der Erhebung Prags zum Erzbistum (1344) gegründet - vier Prager Dekanate in Ostböhmen und ein kleiner Teil der Olmützer Diözese bildeten sein Territorium -, fand es am Anfang der hussitischen Revolution sein Ende. Die Autorin skizziert die Vorbedingungen seiner Existenz sowie die folgende Geschichte im Rahmen der politischen und kirchenpolitischen Ambitionen Karls IV. Eine willkommene Vervollständigung dazu bringt Old_ich Pakosta, Pe_eti litomyšlských biskup_ [mit einer Zusammenfassung: Die Siegel der Bischöfe von Litomyšl], ebenda S. 53-70 (mit 3 Abb.).
  550. Ivan Hlavá_ek


  551. Eduard Maur, Lokální záští a p_edpoklady husitstvi v západních _echách [mit Zusammenfassung: Lokale Fehden und die Voraussetzungen der Hussitenbewegung in Westböhmen], in: Minulostí Západo_eského kraje 29 (1994) S. 15-47. - Diese Neuinterpretation mehrerer Quellen über bewaffnete Aktionen in Westböhmen im zweiten Dezennium des 15. Jh., besonders um Pilsen, hat breitere Bedeutung für die Anfänge und Formierung des hussitischen (wie des antihussitischen) militärischen Potentials während der letzten Versuche der königlichen Zentralmacht vor der endgültigen Desintegration des Landes.
  552. Ivan Hlavácek


    {S. 337-338}

  553. Helge Steenweg, Göttingen um 1400. Sozialstruktur und Sozialtopographie einer mittelalterlichen Stadt (Veröffentlichungen des Instituts für Historische Landesforschung der Universität Göttingen 33) Bielefeld 1994, Verlag für Regionalgeschichte, X u. 365 S., 8 Karten, ISBN 3-89534-112-6, DEM 48. - Die programmatischen und technischen Fortschritte der EDV spiegeln sich in Umfang und Auswertung historischer Quellen wider. So mußte in der vorliegenden Göttinger Diss. von 1990 noch auf das fast gänzliche Fehlen methodischer und empirischer Untersuchungen zur Sozialtopographie ma. Städte hingewiesen werden. Dies ist auf einen Mangel an quantifizierbaren Quellen und Grundkarten zurückzuführen und doch hier exemplarisch an einer Stadt behoben werden. Einen nicht unproblematischen Ausgangspunkt bildet dabei die "Rückzeichnung" der Urkataster des 19. Jh. auf viel frühere Zeiten, doch ohne Stadtplan läßt sich keine Quelle, kein Steuerregister topographisch umsetzen. Auch ein Ergebnis der archäologischen Stadtkernforschung, der Kellerkatasterplan, fließt in die Untersuchung mit ein. Die unterschiedlichsten Quellen werden im Rechner zusammengeführt und verglichen, wobei sich der Vf. der analytischen und methodischen Probleme der Registerauswertung bewußt ist und den Quellenwert zuvor kritisch untersucht. In vielen Städten sind listenförmige Quellen erhalten, freilich aus unterschiedlichen Amtsbereichen und Zeiten. Das "record linkage" erfordert einen hohen Arbeitsaufwand, führt aber zu neuen Ergebnissen: Wie hier lassen sich die Einwohner der Stadt, dieVerwandtschaftsverhältnisse zwischen Eigentümern eines Hauses und dessen Bewohnern erfassen. Das hohe Maß an "Single-Haushalten" in Göttingen, mit einer großen Zahl von Witwen, wird für die Errechnung der Bevölkerungszahl wichtig. Es lassen sich zudem Aussagen zu Vermögen wie Vermögensänderungen erzielen. Auch Grundstücksbesitz, etwa der von Beginen und Beginenkonventen, ist erweisbar, wie die bevorzugte Wohnlage des Adels oder bestimmter Berufe, die Lage der jüdischen Synagoge vor 1350. Eine geschickt vorgenommene Kombination von Verordnungen zum Brauwesen mit Analysen des Silberfeingehaltes der Münzen erweist Vermögensänderungen, wobei auch hier die übliche pyramidale Gliederung der Vermögen und die Dominanz einzelner patrizischer Familien zutage tritt. Der Göttinger Rentenmarkt gibt Aufschlüsse über die städtische Haushaltspolitik, über den direkten Zusammenhang von politischer Aktivität und erhöhter Kapitalaufnahme, auch hier wieder mit einer Überbezahlung der Leibrenten. Davon profitierten die Rentiers, vorzüglich die Geistlichkeit. Die Arbeit legt das methodische Vorgehen dar, erbringt eine Fülle von Erkenntnissen zur Sozialtopographie einer Stadt und könnte damit als Muster für ähnliche weitere Arbeiten dienen.
  554. Lothar Kolmer


  555. Heinrich Schmidt, Zur Frühgeschichte des Benediktinerklosters Rastede, Jb. der Gesellschaft für niedersächsische KG 90 (1992) S. 7-30, setzt sich mit den legendenhaften und unklaren Berichten der Historia monasterii Rastedensis und der an ihrer Spitze überlieferten Fundatio (MGH SS 25 S. 495-511) auseinander und erklärt die Abfassung am Ende des 13. Jh. aus aktuellen Spannungen zwischen dem (1091 eingeweihten) Kloster und dem damaligen Grafen von Oldenburg.
  556. R. S.


  557. Helmut Assing, Die Rätsel der ersten Potsdamer Urkunde, Jb. für brandenburgische LG 44 (1993) S. 11-33, spürt dem zeithistorischen Hintergrund des DO. III 131 nach und vermutet, daß das an Mathilde von Quedlinburg geschenkte (und so erstmals erwähnte) Potsdam damals noch gar nicht in ottonischer Hand war; der Rechtsakt könnte der vorausschauenden Abgrenzung der Interessen gegenüber Boleslaw von Polen gedient haben, der sich kurz zuvor in Köpenick festgesetzt zu haben scheint.
  558. R. S.


    {S. 338-339}

  559. Piotr Górecki, Economy, Society, and Lordship in Medieval Poland 1100-1250, New York - London 1992, Holmes & Meier, XII u. 323 S., 5 Kartenskizzen, ISBN 0-8419-1318-8, USD 45. - Nach Richard C. Hoffmann, Land, Liberties, and Lordship in a Late Medieval Countryside. Agrarian Structures and Change in the Duchy of Wroc_aw, Philadelphia 1990, über die Agrarstruktur vom 13. bis 16. Jh. ist eine zweite englischsprachige Publikation erschienen, welche jüngere polnische Forschung kritisch verarbeitet und dem des Polnischen nicht Mächtigen einen ausgezeichneten Zugang zur Problematik eröffnet. Der Vf. hat etwa 600 Urkunden aus dem Zeitraum von 1100 bis 1250, daneben Chroniken und Rechtsaufzeichnungen detailliert durchgesehen, um die geistlichen Grundherrschaften in den piastischen Ländern von Schlesien über Groß- und Kleinpolen bis Kujawien und Masowien zu beleuchten. In den ersten vier Kapiteln untersucht er die landwirtschaftliche Produktion, die Einkünfte der Grundherrschaften, die Dienstpflichten der Bauern und die Gerichtsbarkeit über die Bauern. Die verschiedenen Gruppen der ländlichen Bevölkerung, ihre wirtschaftliche Tätigkeit, ihre Beziehungen zu den Grundherrn wie zu den Herzögen und deren Vertretern (Palatine, Kastellane) werden klar herausgearbeitet. Die letzten drei Kapitel sind dem Eindringen des ius Theutonicum in die polnischen Länder gewidmet, das er überzeugend aus den Interessen der örtlichen Grundherrn einschließlich der Herzöge ableitet. Der Vf. bemüht sich, die Entwicklung in den europäischen Kontext einzuordnen; dabei fällt seine Zurückhaltung gegenüber theoretisierenden Erklärungsmodellen angenehm auf. Sichtbar wird vielmehr anhand der Quellen die Komplexität der polnischen Gesellschaft und deren durch innere wie äußere Kräfte bewirkte Umgestaltung, die nach Meinung des Vf. Begriffe wie "Modernisierung" oder Schlagworte wie "deutsche Ostkolonisation" unzureichend erfassen. Bei der Errichtung von Wassermühlen mögen Deutsche eine Rolle gespielt haben; andere Techniken aber, so lautet das Ergebnis des Vf., könnten ihnen nicht ausschließlich zugeschrieben werden. Regionale Besonderheiten beispielsweise in Schlesien, die Funktion der seit dem 13. Jh. entstehenden Städte und ihrer Bürger, die Entstehung des Niederadels, auch ein Vergleich der deutschen und polnischen Erbrechte, die bisher schon gut erforscht waren, werden nicht näher betrachtet. Im Literaturverzeichnis dominieren englische und polnische Veröffentlichungen; die Standardwerk von Charles Higounet, Die deutsche Ostsiedlung, 1986, frz. 1989, fehlt. Ingesamt liegt eine gründliche, aus den Quellen erarbeitete Darstellung vor, an der niemand vorbeigehen darf, der sich mit einschlägigen Fragen befaßt. Ein Register erschließt neben Namen auch Sachbegriffe und erleichtert die Benutzung.
  560. K. B.


  561. Jan Drabina, Breslauer Domherren in päpstlichen Diensten zur Zeit des Abendländischen Schismas (1378-1417), Archiv für schlesische KG 50 (1992) S. 205-213, stellt die Nachrichten über neun Inhaber von Breslauer Domherrenpfründen zusammen, die sich als Legaten und Nuntien der Päpste beider Obedienzen betätigten.
  562. R. S.


    {S. 339}

  563. Claudio Azzara, Venetiae. Determinazione di un'area regionale fra antichità e alto medioevo (Studi veneti 4) Treviso 1994, Fondazione Benetton Studi Ricerche, 178 S., ISBN 88-86177-36-4, ITL 22.000, versucht zunächst die Grenzen der X. römischen Provinz "Venetien und Istrien" unter Augustus abzustecken. Ohne daß ein radikaler Umbruch festzustellen wäre, verlagert sich das Zentrum des Interesses nach dem Langobardeneinfall zunehmend weg von der römischen Provinz mit festem Straßennetz hin zur Lagune, und die städtische Einheit des doganalen Venedig gewinnt an Einfluß. Es resultiert daraus eine - auch politische - Trennung des byzantinisch verwalteten Küstenstreifens vom Festland, die erst im 15. Jh. mit Venedigs Ausgreifen in die Terra Ferma wieder gemildert wird. Ein Register beschließt die Studie.
  564. D. S.


    {S. 339-340}

  565. Daniela Rando, Una chiesa di frontiera. Le istituzioni ecclesiastiche veneziane nei secoli VI-XII, Bologna 1994, Il Mulino, 324 S., ISBN 88-15-04325-5, ITL 40.000. - Die zur Publikation erweiterte Diss. versucht, die Sonderentwicklung der weniger als das nahe Festland im Einflußbereich der Langobarden liegenden, dafür umso stärker von Byzanz und den slavischen Traditionen geprägten Kirche der Lagune herauszuarbeiten. Trotz geringer Quellendichte ergeben sich auch für die frühe Periode einige Erkenntnisse. Parallel zur Kirchenstruktur entwickelt sich das Selbstverständnis der Dogen als Herren kirchlicher Angelegenheiten von Gottes Gnaden, denen der Klerus direkt unterstellt ist und die der päpstlichen Gewalt nur wenig Macht einräumen. Der Erwerb der Reliquien des hl. Markus verschafft San Marco mehr Prestige, einen Eliteklerus und mehr Autonomie als anderen Ortskirchen, aber gerade an diesem Beispiel lassen sich auch mögliche Einflüsse der karolingischen Hofkapelle und der byzantinischen Palastkirche feststellen. Anders als die westlichen Kirchen kannte Venedig keine Vermischung von weltlicher und kirchlicher Gewalt. Das zeigt sich deutlich für den Kirchenzehnten, dessen Bestimmung für religiöse Zwecke im Bistum stets bestehen bleibt, der auf die Person bezogen ist und nicht auf den Besitz von Immobilien ausgedehnt wird (außer sie würden verkauft). Die Reformbestrebungen des 11. und 12. Jh. werden in Venedig begleitet von der Gründung von Cluniazenserklöstern und größeren Kanonikerstiften, bringen auch verstärkten Einfluß des apostolischen Stuhls und führen im Ganzen zu einer Homogenisierung der Strukturen mit denen anderer Lokalkirchen. Insgesamt läßt sich ein enger Kontakt des Kirchenvolkes zu seinem Sprengel feststellen, der sich in der Mitbestimmung bei der Priesterwahl oder der weltlichen Verwaltung der Kirchen äußert, aber auch bei den als Notare auf Handelsschiffen mitreisenden Geistlichen. Der Band wird durch eine ausführliche Bibliographie ergänzt und durch ein Namenregister erschlossen.
  566. D. S.


  567. Giovanna Petti Balbi, Una città e il suo mare. Genova nel Medioevo (Biblioteca di storia urbana medievale 5) Bologna 1991, Cooperativa Libraria Universitaria Editrice, 362 S., keine ISBN, ITL 42.000. - Der Neudruck von 14 zwischen 1966 und 1989 erschienenen Artikeln über die Geschichte Genuas vom 12. bis zum 15. Jh. legt den Schwerpunkt anders als die meisten neueren Untersuchungen zur genuesisichen Geschichte auf die gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen in Genua selbst; nur wenige Aufsätze behandeln die sonst so stark betonten Aktivitäten der Genuesen in ihren Kolonien. Ob die Vf. die Namen der genuesischen Schiffe, die Annalistik der Nachfolger Caffaros oder die Zusammensetzung des genuesischen populus untersucht, sie überrascht immer mit außerordentlicher Detailkenntnis (allerdings gibt es keinen Grund, Benjamin von Tudela als "Rabbiner" [S. 25] anzusehen; und der Jurist Bartolomeo Bosco, der als Mann des späten Quattrocento vorgestellt wird [S. 135, Anm. 52], lebte etwa einhundert Jahre früher). Werke, die nach dem Erstdruck der verschiedenen Aufsätze erschienen sind, werden im Rahmen einer ausführlichen Bibliographie (S. 327-339) nachgetragen.
  568. Benjamin Z. Kedar


    {S. 340-341}

  569. Giovanna Petti Balbi, Simon Boccanegra e la Genova del '300, Genua 1991, Casa Editrice Marietti, 458 S., ISBN 88-211-8989-9, ITL 70.000. - Die Herrschaft des ersten Genueser "Dogen" (1339-1344 und 1356-1363) wird hier erstmals auf stark erweiterter Quellenbasis untersucht: Neben verschiedenen italienischen Chroniken sind es besonders die 84 Bände der Genueser Notariatsakten der betreffenden Jahre, die 53 sachdienlichen Bände des Fonds "Antico Comune" und ein Teil der Genueser Finanzregister. So fällt ein neues Licht nicht nur auf die Herkunft Boccanegras, sondern auch auf die sozialen Kräfte, die ihn ans Ruder brachten, seine Beamtenschaft und seine Finanzpolitik. Ein zweiter Teil der Arbeit beleuchtet die Genueser Gesellschaft der Zeit: die vier führenden Adels-Familien (Grimaldi, Fieschi, Doria, Spinola), aber auch die drei nächstwichtigen (Lercari, Zaccaria und Lomellini). Wichtig dabei ist das Ergebnis, daß führende Familien durch die Revolution von 1339 neben dem politischen auch einen wirtschaftlichen Machtverlust erlitten, während andere - wie z.B. die Lomellini - gerade durch die Revolution einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebten. Außerdem gelten wichtige Ausführungen den verschiedenen Berufsgruppen: Juristen, Ärzte, Notare, Schullehrer, mercatores (bes. die Familien Adorno, Maruffo und Drizzacorne) und den artifices (Bankiers, Tuchwarenhändler, Apotheker und Wollwarenhersteller). Ein dritter Teil gilt Boccanegras Verwaltung des Genueser Besitzes in Ligurien und Korsika, ein vierter der "Außenpolitik" mit Italien und den Mittelmeeranrainern mit der Schwerpunktverlagerung in das westliche Mittelmeerbecken. Hier erschwert der Entschluß, die politischen Geschehnisse in den verschiedenen geographischen Gebieten gesondert zu behandeln, den synchronen Überblick, und manchmal (z.B. S. 186 und 194) wird die Sekundärliteratur nicht ganz sachgemäß ausgewertet; aber solch geringfügige Mängel schmälern nicht das Verdienst dieser bahnbrechenden Arbeit.
  570. Benjamin Z. Kedar


  571. Arturo Pacini, La tirannia delle fazioni e la repubblica dei ceti. Vita politica e istituzioni a Genova tra Quattro e Cinquecento, Annali dell' Istituto storico italo-germanico in Trento. Jahrbuch des italienisch-deutschen historischen Instituts in Trient 18 (1992) S. 57-119, verweist auf die große Bedeutung der "ceti", der Stände im Sinne Otto Brunners, in Genua, die offenbar die Etablierung einer klassischen Signorie in dieser Stadt verhinderte.
  572. Josef Riedmann


    {S. 341-342}

  573. The "Other Tuscany". Essays in the History of Lucca, Pisa, and Siena during the Thirteenth, Fourteenth, and Fifteenth Centuries, ed. by Thomas W. Blomquist and Maureen F. Mazzaoui (Studies in medieval culture 34) Kalamazoo, Michigan 1994, Medieval Institute Publications, Western Michigan University, 233 S., ISBN 1-879288-41-9, USD 28. - Mit den neun auf Kongreßbeiträgen beruhenden Aufsätzen soll - wie die Hg. in der ausführlichen Einführung (S. 1-17) darlegen - versucht werden, auf der Grundlage der neueren Forschungen einen weiteren Interessentenkreis über Verhältnisse in der Toskana während des späteren MA näher zu informieren, die nicht unmittelbar von dem vorherrschenden Zentrum Florenz bestimmt waren und demgemäß auch nicht aus dem Quellenmaterial florentinischer Provenienz eruiert werden können: Michael E. Bratchel, Lucca, 1430-94. The Politics of the Restored Republic (S. 19-39), konzentriert sich auf das politische Verhalten führender lucchesischer Familien gegenüber den vorrangigen Mächten Reichsitaliens seit dem Sturz der Herrschaft des Paolo Guinigi. - Christine Meek, Public Policy and Private Profit: Tax Farming in Fourteenth-Century Lucca (S. 41-82), gibt neue Aufschlüsse über die personelle Zusammensetzung der Steuerpächter, die etwa die Hälfte der städtischen Einnahmen einbrachten. - Antonio Romiti, Archival Inventorying in Fourteenth-Century Lucca: Methodologies, Theories, and Practices (S. 83-109), zeigt Wege auf, genauer die vor allem durch die kriegerischen Vorgänge von 1314, 1329 und 1333 eingetretenen Archivalienverluste abzuschätzen, und beschreibt die kommunale Verwaltung der schriftlichen Überlieferung. - Giorgio Tori, Coluccio Salutati, Chancellor of the Republic of Lucca, and the Problem of the Minute di Riformaggioni Pubbliche (1370-71) (S. 111-122), stellt erhebliche Unterschiede fest zwischen dem von Coluccio während seiner Amtszeit als Cancelliere delle Riformaggioni verfaßten offiziellen Aufzeichnungen und seinen privaten Notizen, die freilich nur für die Zeit von April bis Juli 1371 überliefert sind. - Maria Luisa Ceccarelli-Lemut, Pisan Consular Families in the Communal Age: The Anfossi and the Ebraici (or Verchionesi or da Parlascio) in the Eleventh to Thirteenth Centuries (S. 123-152), schildert die Tätigkeitsfelder und Verbindungen der Angehörigen dieser bisher von der Forschung vernachlässigten, für die Konsulararistokratie typischen Familien, die sich in Stadt und Land und im weitreichenden Seehandel engagierten. - Emilio Cristiani, The Political and Economic Relations of Pisa and the Guelf League in the Late Thirteenth and Early Fourteenth Centuries (S. 153-162), skizziert mit sicheren Strichen den Forschungsstand, an dem er selbst einen hohen Anteil hat. - Ähnliches gilt für Mario Ascheri, Siena in the Fourteenth-Century: State, Territory, and Culture (S. 163-197), der sich dabei auf die Langzeitwirkung des 1355 gestürzten Regimes der Neun (Noveschi) konzentriert. - Duccio Balestracci, From Development to Crisis: Changing Urban Structures in Siena between the Thirteenth and Fifteenth Centuries (S. 199-213), verdeutlicht, wie die Regierung der Neun die Grundzüge und das Aussehen der Stadt in der Folgezeit bestimmt hat. - Gabriella Piccinni, Economy and Society in Southern Tuscany in the Late Middle Ages: Amiata and the Maremma (S. 215-233), gibt insbesondere für die Zeit nach der Großen Pest von 1348 einen Einblick in die Vielfalt der ländlichen, dennoch städtisch beeinflußten Gegebenheiten in dem mineralreichen Hügelland von Amiata und der von Sümpfen durchzogenen, malariaverseuchten Ebene der Maremmen.
  574. Alfred Haverkamp


    {S. 342}

  575. Charles M. de La Roncière, Religion paysanne et religion urbaine en Toscane (c. 1250 - c. 1450) (Collected Studies Series CS 458) Aldershot 1994, Variorum, X und 319 S. ohne durchgehende Paginierung, ISBN 0-86078-445-2, GBP 52,50. - Verschiedene Aspekte spätma. Religiosität in der Toskana wie Bruderschaften, Volksfrömmigkeit usw. behandeln neun Studien des französischen Mediävisten, deren Erstpublikation zwischen 1973 und 1992 an z.T. etwas entlegener Stelle war.
  576. M. S.


    {S. 342-343}

  577. Jean-Marie Martin, La Pouille du VIe au XIIe siècle (Collection de l'Ecole française de Rome 179) Rome 1993, Ecole française de Rome, 966 S., 33 Abb. und 23 Karten, ISBN 2-7283-0292-8. - Mehr als dreißig Jahre Arbeit sind in diese dichte Monographie eingeflossen, zu deren Vorbereitung zahlreiche Beiträge und nützliche Quelleneditionen des Vf. gehören. Der erste Teil ist der Quellenlage und einer ausführlichen geographischen Beschreibung Apuliens (S. 7-109) gewidmet. Die Dürftigkeit der Quellen erklärt die häufige und ergiebige Verwendung von archäologischen Funden und Hinweisen. Im zweiten Teil (S. 113-251), wo der Übergang von der Spätantike in die langobardische Herrschaft analysiert wird, betont M., wie der Einfluß des byzantinischen Reiches in ganz Apulien immer geringer wurde, bis er im 9.-10. Jh. wieder zunahm und endlich mit der normannischen Eroberung langsam verschwand. Die breit angelegte Analyse (Siedlungen, Wirtschaft, soziale Gliederung, Münzwesen, kirchliche Organisation und öffentliche Gewalt, S. 255-828) kann hier nicht einmal kurz zusammengefaßt werden. Hier sei nur auf einige Ergebnisse hingewiesen; M. betont als wichtiges Merkmal Apuliens die Beständigkeit von kleinen und mittleren Grundbesitzern, besonders in den zentralen Gebieten, als Erbe auch der byzantinischen Organisation der Besteuerung. Das Überleben dieser Besitzerschicht stehe in engem Zusammenhang mit dem starken Gefühl für das Gemeinwesen (trotz der ständigen Einfälle von Langobarden, Arabern und Normannen), was eigentlich eine Ausnahme im Vergleich mit dem allgemeinen Zerfall der öffentlichen Gewalt in Italien im 9.-11. Jh. darstelle. Eine echte Anarchie habe nur für kurze Zeit nach dem Einbruch der normannischen Grafen bestanden, bis Roger II. um 1140 die königliche Macht auch in Apulien durchsetzte. Mit Recht folgt der Vf. der Geschichte der wichtigsten Grafenfamilien, die meistens mit der Gründung des Königtums nicht nur ihre unabhängige Rolle verloren, sondern einfach verschwanden; diese Ergebnisse stimmen im allgemeinen mit denen von W. Jahn (DA 47, 759) überein. Der Musterstaat Rogers II. und Friedrichs II. habe anknüpfen können an die Tradition der zentralisierten Verwaltung der byzantinischen und langobardischen Fürstentümer. Es muß offen bleiben, ob diese Interpretation auch für die anderen süditalienischen Gebiete gilt, was diesen mit einer ausführlichen Bibliographie und einem allgemeinen Register ausgestatteten Band als Ansporn zu ähnlichen Arbeiten noch wertvoller macht.
  578. Francesco Panarelli


    {S. 343}

  579. Francesco Cesare Casula, La Sardegna aragonese, 1: La corona d'Aragon, 2: La Nazione Sarda (Storia della Sardegna antica e moderna 6) Sassari 1990, Chiarella, LXXXVIII u. 749 S., 15 Karten, 74 Tafeln, ITL 75.000. - Mit diesen beiden reich illustrierten Bänden beabsichtigt der Vf. nicht nur die Darstellung einer Periode der sardischen Geschichte, sondern auch die Stärkung des Selbstbewußtseins des sardischen Volkes, das sich nicht als eine der letzten vernachlässigten Regionen Italiens, sondern als ersten und ursprünglichen Kern der italienischen Nation empfinden soll (S. 13). Die stellenweise sehr interessante und spannende Erzählung der Geschichte Sardiniens unter aragonesischer Herrschaft (13. bis 15. Jh.) läßt häufig die große Liebe des Autors zu seiner Heimat erkennen. Zu den einzelnen Kapiteln wird jeweils vor dem in beiden Bänden vorhandenen Anhang (Bibliographie, Register und Inhaltsverzeichnis) weiterführende Literatur und so manche Quellenangabe vermerkt.
  580. Roland Pauler


  581. Flocel Sabaté, Femmes et violence dans la Catalogne du XIVe siècle, Annales du Midi 106 (1994) S. 277-316, untersucht anhand katalanischer Justizakten des 14. Jh. detailliert die von und an Frauen verübten Gewalttaten. Er behandelt zunächst die einzelnen Formen der Gewalt, darunter auch den Selbstmord, um sie schließlich in den ethnischen, juristischen und sozialen Kontext zu stellen.
  582. Rolf Große


    {S. 343-344}

  583. Bernard S. Bachrach, Fulk Nerra, the Neo-Roman Consul, 987-1040. A Political Biography of the Angevin Count, Berkeley-Los Angeles-London 1993, University of California Press, ISBN 0-520-07996-5, XVI u. 392 S., Karten u. Abb., USD 55. - Fulko Nerra, Graf von Angers, der 1040 auf dem Rückweg vom Hl. Land während seiner dritten Pilgerreise starb, war eine bedeutende politische Persönlichkeit: durchaus machtbewußt und auf territoriale Ausdehnung und Stärkung seiner Grafschaft bedacht, gleichzeitig aber loyaler Vasall der Kapetinger, deren Aufstieg sich zeitgleich mit seinem vollzog. B., der bereits zahlreiche Einzelstudien zu verschiedenen Aspekten von Fulkos Herrschaft publiziert hat, legt hier eine ,politische Biographie' gewissermaßen als Summe seiner Forschungen vor, die, wie der Untertitel sagt, zeigen will, daß Fulko, den B. als "key figure in this Angevin success story" bezeichnet, sehr bewußt auf antike Ideen, Repräsentationsformen und Taktiken zurückgriff (z.B. zeigt B. den Einfluß von Vegetius' De re militari auf die angiovinische Militärorganisation auf) und dies ein Geheimnis seines Erfolges gewesen sei. Daneben betont B. immer wieder die Unterstützung durch die Familie, die Fulkos Aufstieg begünstigte. Dem Autor gelingt ein lebendiges Portrait einer schillernden Persönlichkeit, der schon die Zeitgenossen zwar den Respekt für die politischen Leistungen nicht versagen konnten, deren Gewalttätigkeit sie aber ebenso hervorhoben wie fürchteten. Darüberhinaus stellt das Buch einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des werdenden französischen Staates dar.
  584. M. S.


  585. Jean-Luc Chassel, A propos de quelques documents de Saint-Bénigne de Dijon au XIe siècle, Annales de Bourgogne 65 (1993) S. 147-160, behandelt die Auseinandersetzung zwischen König Robert dem Frommen und Graf Otto-Wilhelm von Mâcon um die Nachfolge im Herzogtum Burgund (1002-05). Beim Friedensschluß fungierte Bischof Gautier von Autun als Vermittler und stellte im eigenen Namen eine Urkunde aus, die vielleicht (ein Sonderfall in dieser Zeit) durch das aufgedrückte Siegel König Roberts beglaubigt wurde. Ch. korrigiert ferner die Liste der Vizegrafen und herzoglichen Prévôts von Dijon im 11. Jh. und geht dabei auf die familiäre Herkunft Bernhards von Clairvaux ein.
  586. Rolf Große


    {S. 344-345}

  587. Linda M. Paterson, The World of the Troubadours. Medieval Occitan Society c. 1100 - c. 1300, Cambridge 1993, Cambridge University Press, XIII u. 367 S., 25 Abb., GBP 35. - P. legt eine umfassende Analyse der okzitanischen Gesellschaft vor, in der die Troubadoure lebten. Neben Chroniken, medizinischen und wissenschaftlichen Traktaten sowie rechtlichen und religiösen Dokumenten stützt sie sich vor allem auf literarische Quellen aus dem provenzalischen Raum, die aus sprachlichen Gründen oft von Historikern vernachlässigt worden seien. So wird anhand etwa der von Dichtern wie Bernart de Ventadorn, Bertran de Born, Giraut de Borneil, Marcabru oder Raimbaut de Vagueiras behandelten Themen auf die hinter der poetischen Dichtung stehende Welt geschlossen, wobei der historische Gehalt der Fiktion nach Ansicht der Rezensentin allerdings teilweise überschätzt wird. Nach einem Kapitel über die Identität Okzitaniens, die nicht in politischen Grenzen, sondern in seiner Kultur und Sprache, eben der langue d'oc liegt, widmet sich P. überblicksartig den Bereichen von Ritterschaft und Leben am Hof, Bauern und Städtern, dem Status von Frauen und Kindern sowie der Rolle der Kirche, wobei sie auch den Forschungsstand zu den Katharern resumiert. Besonders hervorgehoben sei eine ausführliche Abhandlung über die Medizin in Okzitanien, bei der P. auf ihre früheren Forschungen zu diesem Thema zurückgreifen kann. Betont wird die Rolle Montpelliers als Zentrum von Medizin und Chirurgie schon im frühen 12. Jh., wo sich aufgrund nicht zuletzt der geographischen Lage italienischer Einfluß (Salerno) mit Strömungen aus dem christlichen und maurischen Spanien traf und auch aus Andalusien emigrierte Juden einen Zufluchtsort fanden. P. schildert nicht nur eingehend Ablauf und Entwicklung des dortigen Medizinstudiums, sondern liefert darüber hinaus zahlreiche Beispiele für hochma. Behandlungsmethoden. Abgerundet wird die anschauliche Darstellung, die vor allem dem Literaturwissenschaftler die hinter der Troubadourlyrik verborgene Realität erschließen will, durch einen Index sowie 25 schwarz-weiße Abb.
  588. Marlene Meyer-Gebel


  589. H. R. Loyn, Anglo-Saxon England and the Norman conquest, 2. Auflage, London 1991, Longman, XVII u. 433 S., Karten, ISBN 0-582-07297-2, GBP 28. - Es handelt sich um eine in den Details überarbeitete, in der Grundtendenz unveränderte Neuauflage des 1962 erschienenen Werkes: kenntnisreich, aber hyperorthodox und vielleicht deswegen eine Spur langweilig.
  590. T. R.


    {S. 345-346}

  591. Everett U. Crosby, Bishop and Chapter in Twelfth-Century England. A Study of the Mensa episcopalis (Cambridge Studies in Medieval Life and Thought; 4th series, 23) Cambridge 1994, Cambridge University Press, XIV u. 450 S., ISBN 0-521-44507-8, GBP 45. - Anders als der Titel nahelegt, gilt das Hauptaugenmerk der materialreichen Studie der Herausbildung der Mensa capitularis, der Sondervermögen der Domstifte und Dompriorate Englands in der Zeit von der normannischen Eroberung bis ins frühe 13. Jh. Nach einleitenden Kapiteln zur Forschungslage folgen im Hauptteil monographische Untersuchungen zur Entwicklung in den zehn Bistümern mit Dompriorat und den sieben Bistümern mit kanonikalem Domkapitel. Abschließend werden die Auswirkungen königlicher Verwaltung bei Sedisvakanz, der militärischen Pflichten der Bischöfe, des Wahlrechts und der Kanonistik auf die Mensenteilung und die Herausbildung der Domkapitel als eigenständiger Korporationen untersucht. An der Bedeutung des Themas ist nicht zu zweifeln. Die Jahrzehnte nach der normannischen Eroberung brachten eine tiefgreifende Neuordnung der englischen Kirchenorganisation, die bis zum Ausgang des MA Bestand hatte. Durch Reform, Umwandlung und Neugründung entwickelten sich auch jetzt erst allmählich aus den vielfach schwer faßbaren Klerikergemeinschaften der angelsächsischen Bischofskirchen eigenständige monastische und kanonikale Domkapitel. Als Schlüssel zur vergleichenden Untersuchung dieser Entwicklung wählt C. die Mensenteilung. Offenbar hat er aber seinem Ansatz selber nicht ganz getraut oder ist vor den enormen Schwierigkeiten der überwiegend urkundlichen Quellengrundlage zurückgewichen. Da gilt es nämlich, Kriterien für die Datierung der in England im Untersuchungszeitraum größtenteils undatierten Urkunden und die Kritik allgegenwärtiger Fälschungen zu finden, um dann historische Entwicklungen herauszuarbeiten, ohne in Zirkelschlüsse zu geraten. Die 17 Einzeluntersuchungen des Hauptteils bieten dagegen weitgehend traditionelle Institutionengeschichte. Quellen zur Besitzentwicklung, Güterverwaltung und Verfassung der Domkapitel sowie die entsprechende Literatur werden zwar ausführlich referiert, aber kaum analysiert. Querverbindungen werden nur selten gezogen. Eine vergleichende Auswertung des reichlich gebotenen Materials fehlt. Als Summe steht nur die an sich schon plausible These, daß wir es mit einer langen und vielschichtigen Entwicklung zu tun haben, die erst im 13. Jh. einen vorläufigen Abschluß fand.
  592. Falko Neininger


    {S. 346}

  593. David Crouch, William Marshal. Court, career and chivalry in the Angevin Empire, 1147-1219, London 1990, Longman, XI u. 233 S. Karten u. genealog. Tafeln, ISBN 0-582-03786-7. - Wegen der Histoire de Guillaume le Marechal, fast der einzigen Biographie eines nichtköniglichen und nichtheiligen Laien aus dieser Zeit, hat Wilhelm wiederholt das Interesse der Mediävistik gefunden. Meist steht er geradezu idealtypisch für den neuen, durch Rittertum und persönliche Aufstiegsmöglichkeiten geprägten Adel des Hoch-MA, eine Rolle, die in der Biographie Dubys (1974) fast zur Karikatur geraten ist. Gegenüber bisherigen Studien bietet die neue Biographie den großen Vorteil, daß C. als anerkannter Kenner der Überlieferung des 12. und 13. Jh. das urkundliche Material vollständig herangezogen hat (vgl. vor allem die Kapitel über die Gefolgschaft Wilhelms, S. 133-149 und Anhang S. 195-204, und über Heirat und Herrschaft, S. 150-170; aber auch sonst bieten die Urkunden immer wieder Korrekturen zur Chronologie und Sichtweise der erzählenden Quellen). Außerdem profitiert sie von der nüchternen, wertfreieren Sichtweise der jüngeren Generation englischer MA-Historiker; hier findet man weder den edlen Ritter noch den verritterten Vollidioten Dubys, sondern einen Krieger und Politiker, der in den unterschiedlichen Lebensphasen einer damaligen adligen Karriere - als jugendlicher Krieger, als Großgrundbesitzer und Führer einer adligen Gefolgschaft im mittleren Alter, als wegen Erfahrung und Zuverlässigkeit allseits respektierter älterer Politiker - fast durchgehend ungewöhnlich gute Noten von seinen Zeitgenossen und von C. bekommen hat. Eine gründlichere Redaktion hätte nicht geschadet. Die Literatur wird gemischt nach zwei sehr unterschiedlichen Systemen zitiert, ein etwas irritierender Schönheitsfehler. Die maßgebliche Ausgabe der Histoire von Paul Meyer ist natürlich wiederholt zitiert, wird aber an keiner Stelle vollständig angegeben, auch in der Bibliographie nicht (!). Dort fehlen ebenfalls die bedeutenden früheren Biographien von Painter (1933) und Duby (1974) sowie die wichtige Kritik Gillinghams an Dubys Bild. Diese Werke werden zwar S. 2-5 bzw. S. 81 Anm. 1 vollständig angeführt, aber ansonsten zitiert C. sie durchgehend nach Verfassernamen allein, ein kaum benutzerfreundlich zu nennendes Verfahren.
  594. T. R.


    {S. 346-347}

  595. James Given, State and society in medieval Europe. Gwynedd and Languedoc under outside rule, Ithaca 1990, Cornell University Press, XII u. 302 S., ISBN 0-8014-2439-9, USD 37,95. - Die Eroberung Gwynedds (eines Fürstentums in Nordwestwales) durch Eduard I. 1277-83 und die Einverleibung des Languedoc in den Machtbereich der französischen Könige infolge des Albigenserkreuzzugs werden von G. in komparativer Methode und unter Rückbezug auf die Diskussion der Politologen und Soziologen über den Staatsbegriff als Fallbeispiele herangezogen, um die Auswirkungen der jeweiligen Machtübernahme auf die örtlichen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen zu untersuchen: "the histories of these societies are used as devices with which to analyze the dynamics of the process of ,state-building' in medieval Europe" (S. 1-2). So werden die Veränderungen in den beiden Regionen im Herrschaftsapparat und in der Rechtslage, in den Verhältnissen zwischen Ober- und Unterschichten und innerhalb der Schicht der Grundbesitzer und im Vorhandensein und Wesen örtlicher Konflikte untersucht; abschließend behandelt G. Widerstand und Widerstandsbewegungen nach den jeweiligen Eroberungen. In Gwynedd wurde die herrschende Elite fast völlig ausgetauscht, während in Languedoc die Zugereisten aus dem nördlichen Frankreich bald in die örtliche Aristokratie integriert wurden. Gwynnedd wurde auch eine polyethnische Gesellschaft, in der die englische Elite fast apartheidartig über die Einheimischen herrschte: einen Nichtwaliser als Waliser zu bezeichnen, so wurde vor Gericht in Dyffryn Clwyd argumentiert, sei als strafbare Handlung zu betrachten (S. 212). Ein intelligentes und lesenswertes Buch.
  596. T. R.


    {S. 347}

  597. James Sherborne, War, Politics and Culture in Fourteenth-Century England, edited by Anthony Tuck, London - Rio Grande 1994, The Hambledon Press, XVI u. 200 S., ISBN 1-85285-086-8, GBP 35. - Der Band vereinigt insgesamt 11 zwischen 1964 und 1990 in englischsprachigen Zss. und Sammelbänden publizierte Studien des 1990 verstorbenen Mediävisten. Die ersten sechs Beiträge gelten der englischen Marine und militärischen Expeditionen nach Frankreich in den Jahren nach 1369, und die letzten fünf Aufsätze handeln von der Herrschaft und dem Hof Richards II. von England. Das Schriftenverzeichnis des Gelehrten, das nach Aussage des Hg. "small in quantity, but ... characterised by meticulous scholarship and an insight that came from a detailed knowledge of the sources" (S. IX) ist, umfaßt außer den 11 hier veröffentlichten Studien weitere 5 (!) Titel. Ein Register erschließt den Band.
  598. M. S.


    {S. 347-348}

  599. Simon Payling, Political Society in Lancastrian England. The Greater Gentry of Nottinghamshire, Oxford 1991, Clarendon Press, XIV u. 276 S., Skizzen und Tabellen, ISBN 0-19-820209-1, GBP 30. - In der behandelten Grafschaft gab es nur relativ wenig baronialen Besitz. Die Ländereien waren im Spät-MA großenteils in der Hand der Gentry. Ein Dutzend wohlhabender Ritter-Geschlechter ragt als Elite heraus. Im 15. Jh. erloschen mehrere dieser Familien, so daß sich eine Konzentration des Besitzes ergab. P. untersucht die Zusammensetzung der Führungsgruppe und ihre Verwandtschaftsbeziehungen. Viel Platz wird der von ihr - weitgehend unabhängig - ausgeübten politischen Rolle eingeräumt. Die Verhältnisse unterscheiden sich grundlegend von denen in Warwick oder Devon, wo der Einfluß des Hochadels stark war. In Nottinghamshire gab es eine Hierarchie der Ämter (mit der shrievalty an der Spitze), doch wird aus den Quellen nicht hinreichend klar, nach welchen Kriterien diese Würden - meist an Mitglieder der greater gentry - vorgegeben wurden. Vielfach ging die Zugehörigkeit zum Parlament dem Aufstieg in der Grafschaft voraus. P. äußert sich etwas widersprüchlich zu dem Problem, ob eine korporative Identität die Elite zusammenhielt. Diese suchte auch über Nottinghamshire hinaus Besitz und Ansehen zu gewinnen. Wenn ihre Teilnahme an county bench und county court zu wünschen übrig ließ, so vielleicht deshalb, weil es andere Möglichkeiten der Begegnung gab. Dabei mögen die Weichen für den um 1460 erfolgenden Übergang von Lancaster zu York gestellt worden sein - aber diese Überlegung führt schon in den Bereich der Spekulation hinein. Die traditionelle Anhänglichkeit an das Haus Lancaster schrumpfte wohl deshalb, weil die königliche Patronage keine neuen Chancen mehr eröffnete.
  600. Karl Schnith


    {S. 348}

  601. Michael Hicks, Richard III and his rivals. Magnates and their motives in the War of the Roses, London 1991, Hambledon Press, XIV u. 447 S., ISBN 1-85285-053-1, GBP 38. - Der Band enthält 23 Aufsätze; 18 davon sind schon in den Jahren 1978-1988 veröffentlicht worden. Sie betreffen vor allem Aspekte des politischen und religiösen Verhaltens englischer Magnaten im Zeitalter des Rosenkriegs (Pietät, Aufbau von politischen Gefolgschaften, dynastisches und erbrechtliches Denken). Kernstück der Sammlung sind die zwei ersten, bisher unveröffentlichten Aufsätze: Bastard Feudalism: Society and Politics in Fifteenth-Century England (S. 1-40); Idealism in Late Medieval English Politics (S. 41-60). Darin plädiert H. eindringlich gegen die seit den Arbeiten McFarlanes herrschende Tendenz, das politische Verhalten des spätma. englischen Adels vulgärmaterialistisch zu verstehen und zu erklären; es habe doch ein Adelsethos gegeben, das häufig genug dazu führte, daß führende Mitglieder der politischen Oberschicht entgegen ihren eigenen Interessen (im engeren Sinne) handelten.
  602. T. R.


    {S. 348}

  603. Alexander Grant, K. J. Stringer, Medieval Scotland: Crown, Lordship and Community. Essays presented to G. W. S. Barrow, Edinburgh 1993, Edinburgh University Press, 319 S., ISBN 0-7486-0418-9, USD 25. - Anläßlich der Emeritierung des international renommierten Fachmanns für die ma. Geschichte Schottlands haben 13 ihm verbundene Kollegen diesen Band verfaßt. Die Beiträge reichen zeitlich von ca. 400 bis 1472 mit Schwerpunkt auf dem 12., 13. und 14. Jh. und konzentrieren sich hauptsächlich auf das Verhältnis zwischen königlicher Zentralmacht und regionalen oder lokalen Interessengruppen. Sie sind gewissenhaft gearbeitet, verwerten auch unpublizierte Quellen und identifizieren genau die einzelnen Dienstleute, die Landbesitzer und deren Familienverbindungen. Einige Aufsätze werden nur richtig geschätzt werden können von Lesern mit fortgeschrittener Kenntnis der schottischen Geschichte und Geographie. Andere wiederum zielen auf ein breiteres Publikum: Alexander Grant, Thanes and Thanages (S. 39-81), William W. Scott, The March Laws Re-considered (S. 114-130) und Donald E. R. Watt, The Provincial Council of the Scottish Church 1215-1472 (S. 140-155). Eine erschöpfende Bibliographie des zu Ehrenden mit Publikationen über mehr als vier Jahrzehnte wird seiner Tochter, Dr. Julia Barrow, verdankt.
  604. Donald A. Bullough


    {S. 348-349}

  605. Birgit und Peter Sawyer, Medieval Scandinavia. From Conversion to Reformation, circa 800-1500 (The Nordic Series 17) Minneapolis-London 1993, University of Minnesota Press, XVI und 265 S., 16 Abb. bzw. Karten, ISBN 0-8166-1739-2, USD 19.95. - Dieses Buch bietet eine weitgespannte und zugleich knappe Einführung in die Geschichte Skandinaviens (Dänemarks, Norwegens und Schwedens sowie, etwas am Rande, Islands). Weitgespannt, denn der Themenbogen reicht von einem Überblick über die wesentlichen Quellengruppen, die Geographie Skandinaviens, Klima, Fauna und Flora, Siedlungsgeschichte und demographische Entwicklung und einem Abriß der politischen Geschichte bis hin zur Verfassungs-, Kirchen- und Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Ein Abschnitt über die skandinavische Geschichtsschreibung ("Uses of the past") - betrachtet in ihrem jeweiligen zeitgenössischen Verwertungszusammenhang - beschließt den umfassenden Überblick. Daß bei einem solch weiten Themenfeld nicht viel mehr als Grundzüge dargestellt werden können, versteht sich von selbst, und da dies in klarer Sprache und ohne grobe Vereinfachungen geschieht, kann das Buch jedem, der sich über die Geschichte Skandinaviens informieren will, als Einstieg empfohlen werden.
  606. G. Sch.


    {S. 349}

  607. Thomas Hill, Könige, Fürsten und Klöster. Studien zu den dänischen Klostergründungen des 12. Jahrhunderts (Kieler Werkstücke. Reihe A: Beiträge zur schleswig-holsteinischen und skandinavischen Geschichte 4) Frankfurt am Main 1992, Peter Lang, 392 S., ISBN 3-631-44795-7, DEM 98. - Für die 11 Klöster mit der Benediktsregel wird anhand von 6 Kriterien die Frage gestellt, ob sie als Hauskloster der Königsfamilie bzw. einer Adelsfamilie fungierten: Gründung oder Mitteilhabe an der Stiftung durch die Familie; Stifter- oder Familiengrab; Gebetsverpflichtung für die Stifter; Schutz bzw. Beeinflussung durch die Stifterfamilie; Heiligengrab/Pilgerziel; Gastung oder andere Pflichten des Klosters gegenüber der Stifterfamilie. Indes ist dieser Katalog von Kriterien nicht gleichermaßen auf die genannten Klöster anzuwenden. Für die beiden jütischen Klöster Tvis (gegründet 1163) und Guldholm/Rüdekloster (Ry kloster) kann die Funktion eines Hausklosters nur vermutet werden. Für die Zisterze Sorø auf Seeland ergeben sich immense genealogische und prosopographische Probleme, die H. allerdings gut gemeistert hat. Die königliche Stiftung Ringsted (gegründet 1135) erfüllt als Grablege vieler dänischer Könige fünf der genannten Kriterien. Das älteste der untersuchten Klöster, St. Knut in Odense (gegründet 1095), kann nicht als bloß königliches Hauskloster gelten: Das dänische Königreich am Ende des 11. Jh. entsprach nicht dem Maß an Staatlichkeit, welches die 6 Kriterien voraussetzen. Die junge dänische Monarchie bedurfte damals vielmehr der Stützung durch die Kirche, die wiederum in der Heiligsprechung Knuts († 1086) dessen soziales Programm zum Vorbild erheben und mit Odense auch den Kern einer Diözesanverwaltung schaffen wollte. Die Polemik von H. gegen den Rezensenten hinsichtlich des Rechts des Klosters auf freie Priorenwahl und dem dann doch nachweisbaren faktischen Einfluß des Königs ist überflüssig, wenn man zwischen Rechtstitel und -wirklichkeit unterscheidet.
  608. Tore Nyberg


    7. Kultur- und Geistesgeschichte

    {S. 350}

  609. Jean-Claude Schmitt, Die Logik der Gesten im europäischen Mittelalter. Aus dem Französischen von Rolf Schubert und Bobo Schulze, Stuttgart 1992, J. G. Cotta'sche Buchhandlung, 419 S., 32 Tafeln, zahlreiche Abb., ISBN 3-608-93167-8, ist die deutsche Übersetzung des in DA 49, 418 f. angezeigten Werkes.
  610. H. S.


  611. Dilwyn Knox, "Disciplina". Le origini monastiche e clericali della civiltà delle buone maniere in Europa, Annali dell'Istituto storico italo-germanico in Trento. Jahrbuch des italienisch-deutschen historischen Instituts in Trient 18 (1992) S. 335-370, ist die italienische Fassung des in der Festschrift für Eugene F. Rice, New York, New York 1991 erschienenen Beitrages, der sich - Bezug nehmend auf die Thesen von Norbert Elias - mit den kirchlichen Wurzeln und Prägungen sowie mit den weiteren Anwendungen von Verhaltensvorschriften und Erziehungsnormen bis hin in die frühe Neuzeit beschäftigt.
  612. Josef Riedmann


    {S. 350}

  613. Ursula Schaefer (Hg.), Schriftlichkeit im frühen Mittelalter (Script Oralia 53) Tübingen 1993, Gunter Narr Verlag, VIII u. 292 S., Abb., ISBN 3-8233-4268-1, DEM 124. - Von den Beiträgen eines 1992 in Freiburg veranstalteten, interdisziplinären Symposiums sind für diese Zs. folgende einschlägig: Karl Suso Frank, Lesen, Schreiben und Bücher im frühen Mönchtum (S. ramond" SIZE=1> 7-18), sichtet die verschiedenen Mönchsregeln auf Anweisungen zu Lese- und Schreibfähigkeit. - George Hardin Brown, Latin Writing and the Old English Vernacular (S. 36-57). - Hildegard L. C. Tristram, Vom Abschaben irischer Handschriften im alten England (S. 155-177). - Ludolf Kuchenbuch, Teilen, Aufzählen, Summieren: Zum Verfahren in ausgewählten Güter- und Einkünfteverzeichnissen (S. 181-206), behandelt unter diesem Aspekt in lebendiger Form Beispiele aus den Jahren 830 bis 860: eine langobardisch-karolingische Gerichtsurkunde, Kircheninventare aus dem Freisinger Traditionsbuch und aus den Gesta abbatum von Saint-Bertin sowie das Güterverzeichnis der Abtei Montierender. - Eckhard Wirbelauer, Zum Umgang mit kanonistischer Tradition im frühen Mittelalter: Drei Wirkungen der Symmachianischen Documenta (S. 207-228), zeigt diese anhand der Hs. Köln, Dombibl. 213 (kurz nach 700 in Northumbrien entstanden), an der von Alkuin ideologisch vorbereiteten Vorgehensweise bei der Restitution Papst Leos III. 799/800 und an den Pseudoisidorischen Fälschungen. Fazit: "auch im 7. - 9. Jh. ... ist der soziokulturelle Sektor Kirchenrecht von Schriftlichkeit geprägt" (S. 225). - Hans-Werner Goetz, Verschriftlichung von Geschichtskenntnissen: Die Historiographie der Karolingerzeit (S. 229-253).
  614. M. S.


  615. Ernst Tremp, Rückkehr zu einem finsteren Mittelalter? Geschichten um Ekkehardus Palatinus, von den Casus sancti Galli zum Fernsehfilm, Archiv für Kulturgeschichte 76 (1994) S. 451-487, skizziert die historische Figur Ekkehards II. von St. Gallen und vergleicht an vier Beobachtungsfeldern (Umwelt und Natur, Gastfreundschaft und Gasthaus, Frauenbild, Krieg) das, was wir (vor allem) aus den Casus sancti Galli wissen, mit den Umsetzungen in Victor von Scheffels Ekkehard und dem 1989/90 in der Schweiz, Österreich und Deutschland ausgestrahlten sechsteiligen Fernsehfilm.
  616. G. Sch.


    {S. 351}

  617. Loris Sturlese, Die deutsche Philosophie im Mittelalter. Von Bonifatius bis zu Albert dem Großen 748-1280, in Zusammenarbeit mit dem Autor aus dem Italienischen übersetzt von Johanna Baumann, München 1993, C. H. Beck, 439 S., ISBN 3-406-37749-1, DEM 128. - Mit diesem Buch, einer erweiterten Fassung des 1990 erschienenen italienischen Originals, unternimmt der italienische Philosophiehistoriker den Versuch, eine "regionale Philosophiegeschichte" zu schreiben. Und er hat sich für diesen Versuch ein Gebiet, nämlich den deutschen Sprachraum, ausgesucht, das in den herkömmlichen Philosophiegeschichten wegen der fehlenden Zeugnisse philosophischen Denkens weitgehend ausgespart geblieben ist. Die Gründe für die "Provinzialität" und das zeitweise völlige Fehlen philosophischer Anstrengungen in Deutschland werden von S. immer wieder thematisiert. Das Jahr 748 als Anfang ergibt sich aus der Tatsache, daß wir aus diesem Jahr einen Papstbrief besitzen, der sich mit der Kontroverse zwischen Bonifatius und Virgil von Salzburg über die Antipoden befaßt. Auch wenn man bezweifeln kann, ob es sinnvoll ist, die "deutsche" Philosophie mit dieser Kontroverse beginnen zu lassen, so hebt der Vf. mit Recht hervor, daß die Antipodenfrage auch im hohen MA immer wieder ein Thema "deutscher" Philosophie gewesen ist. An dieser Beachtung der naturwissenschaftlichen Spekulation zeigt sich die inhaltliche Ausweitung des Philosophiebegriffs, die S. vornimmt: durch den Einbezug der Naturphilosophie wird das Bild der Philosophie wesentlich erweitert. Ungewöhnlich, aber konsequent, wenn man den hier gewählten territorialen Bezug der Philosophiegeschichte ernst nimmt, ist auch, daß S. die philosophischen Bemühungen der im ma. Reich lebenden Juden miteinbezieht. - Obwohl der Schwerpunkt der bisherigen Forschungsarbeiten des Vf. im ausgehenden 13. und im 14. Jh. liegt, gelangt er auch für die Autoren aus dem 10. bis 12. Jh. zu Ergebnissen, die zum Teil weit über die bisherigen Einschätzungen hinausreichen. Dies gilt z.B. für Honorius Augustodunensis oder für Hildegard von Bingen. Wenn im 12. Jh. Petrus von Wien und Hugo von Honau oder Gottfried von Viterbo und der deutsche "Lucidarius" eingehender behandelt werden als Gerhoch von Reichersberg und Rupert von Deutz, dann ist dies Ausdruck der Zurückhaltung des Vf. gegenüber diesen Repräsentanten des sog. deutschen Symbolismus, die m. E. durchaus berechtigt ist. Man wird jedenfalls nicht den Fehler begehen dürfen, das vorliegende Buch als bloßes Handbuch mit einem etwas sonderbaren Blickwinkel abzutun, sondern wird gut daran tun, die hier gewonnenen Einsichten für künftige Forschungen weiter fruchtbar zu machen.
  618. W. H.


    {S. 352}

  619. Günther Mensching, Das Allgemeine und das Besondere. Der Ursprung des modernen Denkens im Mittelalter, Stuttgart 1992, J. B. Metzler, 380 S., ISBN 3-476-00827-4, DEM 78. - Ziel der Untersuchung ist es, am ma. Universalienproblem, d.h. am Verhältnis des einzelnen zum Allgemeinen "den sukzessiven Kontinuitätsprozeß der Moderne zu verfolgen" (S. 14). Die Arbeit setzt mit dem Neuplatonismus ein, der für M. "der Inbegriff der Metaphysik des Allgemeinen" ist, das Einzelne ist ontologisch irrelevant. Die politische Dimension des Neuplatonismus sieht M. im Gedanken der Renovatio imperii, wenn die Einheit des Seienden als "Urbild der politischen Einheit des erneuerten Römischen Reiches" verstanden wird. Dem chronologischen Faden folgend, gelangt M. über Roscelin zu Abälard, bei dem das Denken neue Horizonte erreicht, indem er "als erster im Mittelalter offen ausgesprochen hat, daß die objektiven Begriffe von ihrer Genesis im menschlichen Denken nicht unabhängig sind, sich aber auch nicht auf Subjektivität beziehen" (S. 148). Abälards Originalität erscheint dabei als Präformation der Moderne. Es bleibt Johannes Duns Scotus vorbehalten, auf der Grundlage seiner spezifischen Individuationstheorie "das Individuum zur ultima realitas zu erheben" (S. 211). Wilhelm von Ockham wird dann zur Scharnierstelle zwischen ma. und neuzeitlichem Denken. "Die meisten Denkmodelle der neueren Philosophie, die nach geläufiger Überzeugung erst mit Descartes beginnt, sind hier bereits versammelt" (S. 319). Lag bislang das die Identität eines Individuums bestimmende Wesen in der Anbindung an ein Allgemeines, an Gemeinsamkeiten mit anderen Individuen, so änderte Ockham dieses Verständnis radikal, indem er nicht nur die numerische, sondern auch die wesensmäßige Singularität des Einzelnen festschrieb: "Die Identität des Dinges geht nur auf es selbst zurück, die Gemeinsamkeiten mit anderen sind ihm insoweit gleichgültig" (S. 322). M. geht den Implikationen dieses Grundgedankens für das Verständnis von Wahrheit und Wissenschaft und für Ockhams politische Theorie nach. Dabei offenbart sich aber auch die "Ambivalenz der Moderne", indem der auf der Grundlage des Herrschaftsvertrages von den Individuen konstituierte Staat vor Willkürakten der anderen schützt, auf der anderen Seite aber gerade dadurch repressiv wird, indem die Staatsgewalt das eindämmt, "was doch als einzig reale Wesensäußerung der Individuen das Leben der Gesellschaft ausmachen soll: die freie Äußerung des individuellen Willens. Was dem Nominalisten als alleinige Realität gilt, muß er vor sich selbst schützen" (S. 366). Alles in allem ein sehr anregendes Buch. Besonders erwähnenswert ist die von M. immer wieder vorgenommene Rückkoppelung der Denkinhalte an die sozio-ökonomischen Umstände der jeweiligen Zeit. Für den Historiker etwas schwieriger nachzuvollziehen ist die sich aus der die Studie bestimmenden Leitidee ergebende Geradlinigkeit, ja innere Notwendigkeit der Entwicklung der Emanzipation des Individuums. Es wird zu wenig Raum gelassen für das Offene und mitunter auch Zufällige der Situation, in der die jeweiligen Philosophen bzw. deren Denken gestanden haben.
  620. R. D.


    {S. 352-353}

  621. From Athens to Chartres. Neoplatonism and Medieval Thought. Studies in Honour of Edouard Jeauneau edited by Haijo Jan Westra (Studien und Texte zur Geistesgeschichte des Mittelalters 35) Leiden - New York - Köln 1992, E. J. Brill, ISBN 90-04-09649-3, XXX u. 521 S., Abb., NLG 187. - Die gewichtige und eindrucksvolle Festschrift ist einem Gelehrten gewidmet, der in ungewöhnlichem Maße die Vorzüge des sorgfältigen Editors mit der souveränen Beherrschung philosophischer Texte verbindet und zweifellos zu den besten Kennern der geistigen Strömungen sowohl der Karolingerzeit wie des 12. Jh. gehört. Jeauneaus Bibliographie (S. XVII-XXVI) ist zusammengestellt von seinem Schüler Paul Edward Dutton, dem auch ein kodikologischer Beitrag verdankt wird: Evidence that Dubthach's Priscian Codex once belogend to Eriugena (S. 15-45), worin in der oft behandelten Hs. Leiden B. P. L. 67 die Randbemerkungen der irischen Hand "i2" aus inhaltlichen Gründen Eriugena zugewiesen werden. - Lesley Smith, Yet more on the autograph of John the Scot: MS Bamberg PH. 2/2 and its place in Periphyseon tradition (S. 47-70), weist auf die Subjektivität der Hände-Bestimmungen durch die großen Paläographen hin und deutet die Möglichkeit an, unter den Korrektoren die Hand des Heiric von Auxerre auszumachen. - Rosamond McKitterick, Knowledge of Plato's Timaeus in the ninth century: The implications of Valenciennes, Bibliothèque Municipale MS 293 (S. 85-95), betont einmal mehr das philosophische Verständnis, das auch in der Karolingerzeit zu finden sei. - Michael Lapidge, Israel the Grammarian in Anglo-Saxon England (S. 97-114), konstruiert eine hypothetische Biographie des Gelehrten, die mit der Verbreitung der von ihm verfaßten oder gesammelten Schriften in Einklang gebracht werden kann. - Guy H. Allard, Jean Scot et la logique des propositions contraires (S. 181-193), tritt gegen eine enge Auslegung von Eriugenas Philosophie ein, die hauptsächlich um seinen Gottesbegriff kreise, während doch die Verwendung des Präfixes super-, das bekanntlich Affirmation mit Negation vereinige, eine fundamentale Struktur seines Systems sei. - Gangolf Schrimpf, Vita - anima - corpus spirituale. Ein Vorschlag zur Interpretation von Periphyseon III cap. 36-39 und V col. 978B - 994B (S. 195-221). - Gilbert Dahan, Elements philosophiques dans l'Elementarium de Papias (S. 225-245), untersucht 27 auf die Philosophie bezügliche Termini, zumeist aus Isidor ausgeschrieben, z.T. aber auch ohne nachweisbare Quelle. - Giles Constable, Moderation and restraint in ascetic practices in the Middle Ages (S. 315-327), trägt Äußerungen gegen übermäßige Askese zusammen, die meist mit dem Vorwurf der Heuchelei verbunden waren. - Peter Dronke, Platonic-Christian allegories in the homilies of Hildegard of Bingen (S. 381-396), rühmt Hildegards Belesenheit, die u.a. so ausgefallene Autoren benutzt habe wie Aethicus Ister, Asclepius, Claudianus Mamertus, Filastrius und Origenes. - Tanja Kupke, Où sont les Muses d'antan? Notes for a study of the Muses in the Middle Ages (S. 421-436), zeichnet die verschiedenen Deutungen nach, wie kognitive Fähigkeiten, Weltharmonie, poetische Inspiration, welche die Musen über sich ergehen lassen mußten. - Zenon Kaluza, La voix créatrice de Dieu. Remarques sur l'Alphabetum de Heimeric de Campo (S. 439-468), druckt und erläutert erstmals nach dem einzigen Textzeugen (Brüssel, BR 11571-75) die philosophisch-theologisch-moralische Ausdeutung des Alphabets durch den 1460 verstorbenen Professor der Theologie in Köln und Löwen.
  622. G. S.


    {S. 353-354}

  623. Rechts- und Sozialphilosophie des Mittelalters, hg. von Erhard Mock und Georg Wieland (Salzburger Schriften zur Rechts-, Staats- und Sozialphilosophie 12) Frankfurt a. M. 1990, Peter Lang, 198 S., 3-631-12939-8, DEM 60. - Das Buch vereinigt die Vorträge, die anläßlich eines internationalen Kolloquiums an der Universität Salzburg 1987 gehalten wurden. Im einzelnen handelt es sich um folgende Referate: Cornelius Mayer, Legitimation des Rechts bei Augustinus (S. 9-27). - Franz-Martin Schmölz, Recht und Politik bei Thomas von Aquin (S. 29-45), betont die unbedingte Ausrichtung der thomasischen Vorstellung von Recht und Friede auf eine Naturrechtsordnung und auf das göttliche Gesetz. - Jakob H. J. Schneider, Thomas von Aquin und die Grundlegung der politischen Philosophie in "De regno" (S. 47-66), analysiert den aus der Kommentararbeit an der aristotelischen Ethik und Politik hervorgegangenen, aber unvollendet gebliebenen Traktat und sieht das Konstitutivum für die Selbständigkeit des Politischen in der Hinordnung des Handelns auf das bonum commune. - Georg Wieland, Die Rezeption der aristotelischen "Politik" und die Entwicklung des Staatsgedankens im späten Mittelalter: Am Beispiel des Thomas von Aquin und des Marsilius von Padua (S. 67-81), untersucht anhand der Fragen nach dem "Ursprung staatlicher Autorität", nach dem "Sinn staatlicher Gemeinschaft" und dem Verhältnis von Politik und Moral den Wandel im Staatsverständnis des 13. und 14. Jh. - Peter Herde, Dante als Sozialphilosoph (S. 83-102), setzt Dantes Monarchia in das politisch-soziale Umfeld der Stadt Florenz, namentlich in den Kampf zwischen Guelfen und Gibellinen, und interpretiert Dantes philosophisch-theologische Auffassung bezüglich der Lehre von der doppelten Wahrheit und des Monopsychismus. - Jürgen Miethke, Ockhams Theorie des politischen Handelns (S. 103-114), stellt die aus konkreter historischer Situationsbezogenheit erwachsene Eigentums- und Herrschaftslehre Ockhams vor, die, eine bloß tagespolitische Relevanz übersteigend, "neue Lösungsansätze für langdauernde Probleme anbot". - Helmut G. Walther, Die Legitimität der Herrschaftsordnung bei Bartolus von Sassoferrato und Baldus de Ubaldis (S. 115-139). - Wolfgang Schild, Recht und Gerechtigkeit bei Christine de Pizan (S. 141-167). - Werner Krämer, Repräsentation, Konsens und Rezeption bei den Basler Konzilstheologen (S. 169-178), skizziert die für das Verständnis der Basler Kirchenverfassungsdiskussion zentralen Begriffe und gibt damit eine Kurzfassung seiner 1980 erschienenen Arbeit (siehe DA 40, 315) zum gleichen Thema. - Michael W. Fischer, Lachende Wiesen, schweigende Wälder. Ein Ausblick in die Gegenwart (S. 179-198).
  624. R. D.


  625. Eva-Maria Engelen, Zeit als Prozeß und Abbild. Der Zeitbegriff bei Johannes Scottus Eriugena, Archiv für Kulturgeschichte 76 (1994) S. 35-49, hebt darauf ab, daß Eriugena in seinem Periphyseon Raum und Zeit als Formen des Denkens verstanden habe, "die unserer Vorstellung vom Werden vorangehen müssen", denn: "Werden wäre sonst nicht denkbar".
  626. G. Sch.


    {S. 354-355}

  627. Rolf Schönberger, Was ist Scholastik? Mit einem Geleitwort von Peter Koslowski (Philosophie und Religion. Schriftenreihe des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover 2) Hildesheim 1991, Bernward Verlag, 125 S., ISBN 3-87065-577-1, DEM 28. - Die eine definitorische Antwort verlangende Was-ist-Frage weckt Erwartungen, um so mehr als Sch. angesichts der neueren und neuesten philosophiehistorischen Arbeiten feststellt, daß "der Begriff der Scholastik aufgehört hat, ein Thema der Mediävistik zu sein" (S. 36). Sch. möchte den Begriff wieder in die wissenschaftliche Diskussion einbringen und bringt im Hauptteil seiner Untersuchung (S. 52-115) fünf charakteristische Elemente einer Beschreibung des Phänomens: die Institutionalisierung der quaestio; die außerordentliche Schriftlichkeit, die Textmassen; die Kommentare, die eine ganz eigenwillige, höchst freie und rationale Form der Textzuwendung darstellen, die - etwas überspitzt formuliert - in der Gleichung ausgedrückt werden kann: kommentieren = philosophieren; die auctoritas, die nicht in erster Linie Anerkennung beansprucht, sondern "eine unterschiedlich starke, aber vielfach anwendbare Relativierung" erfährt; das "gewandelte Verhältnis zu Sprache", das sich hauptsächlich in der "epochalen Verdrängung der frühmittelalterlichen symbolischen und quasi-natürlichen Sprachauffassung" (S. 110) durch eine Sprachkonventionalisierung im Zuge der Aristotelesrezeption äußert, ein Prozeß, der im 14. Jh. radikalisiert wird. Mit der Scholastik, so resümiert Sch., ist ein ganz spezifischer Rationalisierungsschub festzustellen, der jede Vorstellung einer "linearen Geschichte der Rationalität irritieren" muß (S. 119).
  628. R. D.


  629. Les textes prophétiques et la prophétie en occident (XIIe-XVIe siècle). Actes de la table ronde organisée par l'U. R. A. 1011 du CNRS et le Centre de recherche "Histoire sociale et culturelle de l'Occident, XIIe-XVIIIe siècle" de l'Université de Paris X - Nanterre (Chantilly, 30-31 mai 1988) sous la direction d'André Vauchez (Publications de l'École française de Rome) Rom 1990, École française de Rome, 414 S., 10 Abb., ISBN 2-7283-0232-0 (zugleich: Mélanges de l'École française de Rome. Moyen Âge 102,2, 1990, S. 291-683). - Im ersten Teil sind Beiträge zu Johannes Rupescissa und Prophetien seiner Zeit vereinigt: Christine Morerod-Fattebert, L'édition du Liber secretorum eventuum de Jean de Roquetaillade (S. 7-14 = 297-304); die Ausgabe ist inzwischen erschienen (vgl. DA 50, 690). - Paul Amargier, Jean de Roquetaillade et Robert d'Uzès (S. 15-20 = 305-310). - Robert E. Lerner, Millénarisme littéral et vocation des Juifs chez Jean de Roquetaillade (S. 21-25 = 311-315), hebt aus Rupescissas Liber dessen Theorie über das Tausenjährige Reich und einen jüdischen Endzeitkaiser in Jerusalem hervor. - Martin Aurell, Prophétie et messianisme politique. La péninsule ibérique au miroir du Liber Ostensor de Jean de Roquetaillade (S. 27-71 = 317-361), zeigt Bezüge zwischen der politischen Entwicklung in den spanischen Königreichen Mitte des 14. Jh. und ihrer prophetischen Bearbeitung durch Rupescissa. - Miquel Batllori i Munné, La Sicile et la couronne d'Aragon dans les prophéties d'Arnaud de Villeneuve et de Jean de Roquetaillade (S. 73-90 = 363-379). - Jean-Claude Maire Vigueur, Cola di Rienzo et Jean de Roquetaillade ou la rencontre de l'imaginaire (S. 91-99 = 381-389). - Louis Boisset, Visions d'Orient chez Jean de Roquetaillade (S. 101-111 = 391-401). - Der zweite Teil umfaßt Beiträge zu prophetischen Texten und Sammlungen von Hildegard von Bingen bis zur frühen Neuzeit: Danièle Sansy, Iconographie de la prophétie. L'image d'Hildegarde de Bingen dans le Liber divinorum operum (S. 115-126 = 405-416), mit Bildern aus der Hs. Lucca, Bibl. governativa, 1942. - Matthew Tobin, Une collection de textes prophétiques du XVe siècle: le manuscrit 520 de la Bibliothèque municipale de Tours (S. 127-133 = 417-423), ein Beitrag ohne jegliche Anmerkungen. - Hélène Millet, Écoute et usage des prophéties par les prélats pendant le Grand Schisme d'Occident (S. 135-165 = 425-455), zeigt exemplarisch, wie Prophetiensammlungen in ihrem historischen Gebrauchszusammenhang analysiert werden können. - Rosa Maria Dessi, Entre prédication et réception. Les thèmes eschatologiques dans les "reportationes" des sermons de Michele Carcano de Milan (Florence, 1461-1466) (S. 167-189 = 457-479). - Roberto Rusconi, Les collections prophétiques en Italie à la fin du Moyen Âge et au début des temps modernes. Remarques à propos de divers manuscrits italiens conservés dans les bibliothèques de Paris (S. 191-221 = 481-511), war in der italienischen Originalfassung erschienen in: Florensia 2 (1988) S. 61-90. - Laurent Morelle, Le prophétisme médiéval latin dans l'śuvre et l'enseignement de Paul Alphandéry. À propos d'archives récemment mises au jour (S. 223-242 = 513-532). - Die Beiträge des dritten Teils untersuchen im besonderen das Wechselspiel von Prophetien und gesellschaftlichen Institutionen. Nicole Bériou, Saint François, premier prophète de son ordre, dans les sermons du XIIIe siècle (S. 245-266 = 535-556), zeigt, wie die nur im Medium der Predigt zum Ausdruck kommende Gabe der Prophetie als Bestandteil der Heiligkeit des gottgesandten Franziskus konzipiert wird (mit Auszügen aus einer Predigt Guiberts von Tournai). - Jean-Pierre Torrell, La conception de la prophétie chez Jean de Roquetaillade (S. 267-286 = 557-576). - André Vauchez, Les théologiens face aux prophéties à l'époque des papes d'Avignon et du Grand Schisme (S. 287-298 = 577-588). - Claudio Leonardi, Jérôme Savonarole et le statut de la prophétie dans l'Église (S. 299-306 = 589-596). - Colette Beaune et Nicole Lemaître, Prophétie et politique dans la France du Midi au XVe siècle (S. 307-326 = 597-616), mit Abdruck der Prophetie Karolus nomine filius Karoli. - Jean-Patrice Boudet, Simon de Phares et les rapports entre astrologie et prophétie à la fin du Moyen Âge (S. 327-358 = 617-648), mit kommentiertem Abdruck einer volkssprachlichen Weissagung für 1384-1386. - Gabriella Zarri, Les prophètes de cour dans l'Italie de la Renaissance (S. 359-385 = 649-675), analysiert die geistlich-politischen Funktionen der italienischen Hofprophetie, die ca. 1490-1530 vornehmlich von charismatischen Frauen, meist Tertiarinnen, ausgeübt wurde. - Philippe Contamine, Conclusion (S. 387-395 = 677-685).
  630. Sabine Schmolinsky


  631. Robert E. Lerner, Himmelsvision oder Sinnendelirium? Franziskaner und Professoren als Traumdeuter im Paris des 13. Jahrhunderts, HZ 259 (1994) S. 337-367, 2 Abb., handelt von den divergierenden Auffassungen über die Möglichkeit prophetischer Träume, die im 13. Jh. durch die Aristoteles-Rezeption (zumal De insomniis et de divinatione per somnum) sowie durch die Berichte über Franziskus Verbreitung fanden und zumal in Paris aufeinanderprallten. Die kirchlichen Verurteilungen der aristotelischen Sätze 1277 in Paris sowie der franziskanischen Anschauungen über Prophetie (Petrus Olivi) durch Johannes XXII. 1317/26 richteten sich nach L. gegen "die extremen Positionen" beider Seiten.
  632. R. S.


    {S. 356-357}

  633. Lawrence Moonan, Divine Power. The Medieval Power Distinction up to its Adoption by Albert, Bonaventure, and Aquinas, Oxford 1994, Clarendon Press, XI u. 396 S., ISBN 0-19-826755-X, GBP 40. - Das umfangreiche Werk zeichnet nach, wie sich im 13. Jh. vorwiegend unter den Angehörigen der theologischen Fakultät der Pariser Universität die Unterscheidung zwischen der potentia absoluta dei und der potentia ordinata dei ("Power Distinction") herausbildete und durchsetzte, mit deren Hilfe die gelehrten Autoren die Vorstellung von Gottes absoluter Freiheit des Vermögens und die Bindung seines Handelns etwa an die von ihm geschaffene und erhaltene Ordnung des Kosmos oder an seine in Christus gegebene Heilszusage in Einklang zu bringen gedachten. Nach einleitenden methodischen Bemerkungen und dem Hinweis auf die Bedeutung der einschlägigen Fragen Abaelards und ihrer Tradierung in den Sentenzenbüchern des Petrus Lombardus behandelt die Untersuchung die ersten Textpassagen, die der Sache nach von den genannten beiden Formen göttlicher Gewalt reden. Sie begegnen bei Gottfried von Poitiers (vor 1219), Wilhelm von Auxerre, Philipp dem Kanzler und Wilhelm von Auvergne und stammen durchweg aus den Jahren vor 1230. Große Folgen hatte dann offenbar die bewußte Anwendung der Unterscheidung durch Roland von Cremona, Hugo von St. Cher und Alexander von Hales. Deren Einfluß machte sie nämlich im Dominikaner- und Franziskanerorden bekannt, und damit war die Voraussetzung für ihre Übernahme durch Albertus Magnus, Bonaventura und Thomas von Aquin geschaffen. Insbesondere Thomas setzte sich mit der in Frage stehenden Potentia-Lehre denn auch eingehend auseinander; er war derjenige, der sich am gründlichsten um ihr rechtes Verständnis, um die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Anwendung mühte. Ihm gelten deshalb die beiden zentralen Kapitel des Buches. Abschließend beschäftigt sich die Studie noch mit dem ersten Auftreten der Lehre außerhalb von Paris in Oxford (bei Robert Kilwardby) sowie außerhalb der Theologie in der Kanonistik (bei Heinrich von Susa, Hostiensis) und in der Naturwissenschaft (bei Roger Bacon), endlich außerhalb des engeren akademisch-wissenschaftlichen Bereichs überhaupt (bei Hugo Ripelin von Straßburg), um damit gewissermaßen den Rahmen ihrer künftigen Geltung abzustecken.
  634. Wolfgang Stürner


  635. Stephen F. Torraco, Priests as Physicians of Souls in Marsilius of Padua's Defensor Pacis, San Francisco 1992, Mellen Research University Press, XXV und 497 S., ISBN 0-7734-9965-2, USD 99,95. - Das Buch, im Schreibmaschinen-Look ohne Namenregister und mit einer Bibliographie versehen, welche die deutsche Marsilius-Forschung souverän mißachtet, untersucht die Lehre vom Priestertum im Defensor pacis in systematischer und historischer Hinsicht mit besonderer Berücksichtigung der Beziehungen zwischen dem transpolitischen und übernatürlichen Charakter des Priesters und der rationalistischen Haltung des Philosophen und Metaphysikers. Marsilius' politische Philosophie und Lehre der Kirche dürfte nach T. uns dabei helfen, "nature's perennial design" wiederzuentdecken (S. XVII) und hiermit "the root of our present moral and spiritual illness and bankruptcy" (S. XIX) erfolgreich auszureißen.
  636. Loris Sturlese


    {S. 357-358}

  637. Stefan Swiezawski, Histoire de la philosophie européenne au XVe siècle, adaptée par Mariusz Prokopowicz, traduit du polonais par Henry Rollet et Mariusz Prokopowicz, Paris 1990, Beauchesne, 318 S., ISBN 2-7010-1215-5, FRF 393. - P. hat das siebenbändige in polnischer Sprache zwischen 1974-87 erschienene Werk von S. (em. Philosophiehistoriker an der Universität Lublin) auf einen Band komprimiert, neu gegliedert und dank der Übersetzung ins Französische einem breiteren Fachpublikum zugänglich gemacht. Die großen historischen Zäsuren im 14./15. Jh. (Pest, Schisma, Hundertjähriger Krieg) haben sich auch auf die intellektuelle und wissenschaftliche Entwicklung des Abendlandes ausgewirkt. Das endgültige Auseinanderbrechen des alten ordo christianus, die Veränderungen auf der Landkarte der Studienzentren (Paris und Oxford erhalten Konkurrenz durch Universitäten wie Padua, Prag, Krakau, Wien), der Beginn der Ablösung der theoretischen Philosophie (Theologie, Metaphysik) durch die praktische Philosophie (Ethik, Politik) an der Spitze der Wissenschaftshierarchie, die Krise der Metaphysik ("le contact avec l'être a été perdu"), die Emanzipation der naturwissenschaftlichen Fächer (Mathematik, Physik, Astronomie, Astrologie) und die Erstarrung der Schulphilosophie, der Aufschwung von Geschichte und Philologie durch die Humanisten usw. markieren die Komplexität und die Heterogenität des intellektuellen Lebens im ,Herbst des Mittelalters'. Im Kapitel zur politischen Theorie (S. 165-179) wird zwar ein "ratachement aux idéaux civiques de l'antiquité" festgestellt (ausgeprägt etwa in Florenz), man vermißt aber einen Hinweis auf die große Bedeutung der aristotelischen "Politik" in den verfassungstheoretischen Diskussionen der Zeit. Bedauerlich ist, daß die reiche Literaturliste (S. 299-311) nur bis in die 70er Jahre geführt wurde und neueste Arbeiten nicht mehr verzeichnet sind. Insgesamt dient das Buch aber als kompetente und nützliche Einleitung in die vielfältigen Aspekte der Philosophie des 15. Jh.
  638. R. D.


    {S. 358}

  639. Marie-Claire Amouretti - Georges Comet, Hommes et techniques de l'Antiquité à la Renaissance, Paris 1993, Armand Colin, 186 S., ISBN 2-200-21390-5. - Sehr zu begrüßen ist dieser schlanke Überblick zweier bereits bewährter Technikhistoriker aus Aix-en-Provence, die sichtlich aus ihrer Erfahrung im akademischen Unterricht geschöpft haben. Die Konzeption ist neu: ein straff geführter Durchgang durch drei Jahrtausende, der in zehn Abschnitten von den frühesten Kulturen bis zur europäischen Renaissance führt und dabei auch China und den arabischen Kulturbereich mit einbezieht. Gerade die Zeit des frühen MA tritt so in ein völlig neues Licht, denn sie zeigt im Westen in der Tag einen Rückgang auf einfache, längst bewährte, meist ländliche Techniken, aber dieselbe Zeit erreicht im China der Tang-Dynastie (7.-9. Jh.), in der indischen und arabischen Wissenschaft wie auch in Persien und Zentralasien den Rang von technischen Hochkulturen. Die beiden Autoren haben deshalb diese Kulturen, die später über Syrien und Spanien nach Europa ausstrahlten, mit vollem Recht in ihre Darstellung einbezogen. Ihre Arbeit spiegelt auch sonst einen aktuellen Wissensstand wider, wobei sich auszahlt, daß A. 1986 bereits mit einem Werk zur griechischen Ernährungsgeschichte hervorgetreten ist und C. seinerseits 1992 mit einer umfangreichen, sehr anregenden Geschichte zum Getreideanbau und den Verarbeitungstechniken bekannt wurde. Hier bieten die Autoren neben fast allen anderen Techniken der vorindustriellen Zeit immer auch Bezüge zur gesellschaftlichen und sozialen Entwicklung. Geschickt eingeschaltete Zeichnungen veranschaulichen die Dinge. Zu bedauern sind nur das viel zu kleine Format des Bändchens und die allzu kleine Drucktype. In einer größeren Neuauflage sollte eine ausführliche Bibliographie beigegeben werden.
  640. Dietrich Lohrmann


    {S. 359-360}

  641. Science in Western and Eastern Civilization in Carolingian Times, edited by Paul Leo Butzer and Dietrich Lohrmann, Basel-Boston-Berlin 1993, Birkhäuser Verlag, X u. 605 S., mehrere Abb., ISBN 3-7643-2863-0, DEM 98. - Der Band enthält die Beiträge eines im September 1991 in Aachen abgehaltenen interdisziplinären Symposiums. Zunächst stellt Josef Fleckenstein, Alcuin im Kreis der Hofgelehrten Karls des Großen (S. 3-21), die zentrale Gestalt am Hofe Karls in seinem einleitenden Beitrag in den Mittelpunkt. - Edward James, Alcuin and York in the Eighth Century (S. 23-39), präsentiert die Stadt, aus der Alkuin kam, aufgrund von Schriftquellen und archäologischen Funden. - Dáibhí O Cróinín, The Irish as Mediators of Antique Culture on the Continent (S. 41-52), diskutiert erneut den Beitrag der Iren zur europäischen Kultur, auch mit Hilfe prosopographischer Erkenntnisse. - Arno Borst, Alkuin und die Enzyklopädie von 809 (S. 53-78), erläutert in Vorbereitung seiner Edition Alkuins Traktate zur Zeitrechnung und ihre Wirkung. - Dietrich Lohrmann, Alcuins Korrespondenz mit Karl dem Großen über Kalender und Astronomie (S. 79-114), diskutiert erneut die Verfasserschaft der von Frobenius Forster 1777 Alkuin zugeschriebenen Traktate. - Nigel Hiscock, The Aachen Chapel: A Model of Salvation? (S. 115-126). - David Ganz, The ,Liber Glossarum': A Carolingian Encyclopedia (S. 127-135). - Stephen C. McCluskey, Astronomies in the Latin West from the Fifth to the Ninth Centuries (S. 139-160), gibt einen Überblick über das astronomische Wissen. - Bruce Eastwood, The Astronomies of Pliny, Martianus Capella and Isidore of Sevilla in the Carolingian World (S. 161-180), untersucht die durchaus unterschiedliche Rezeption der genannten Autoren. - Anne Tihon, L'astronomie à Byzance à l'époque iconoclaste (VIIIe - IXe siècles) (S. 181-203), unterstreicht die äußerst fragmentarische Überlieferungslage zur Beurteilung dieser Frage. - Paul Kunitzsch, Arabische Astronomie im 8. bis 10. Jahrhundert (S. 205-220). - Wolfhard Schlosser - Bernhard Hoffmann, Ptolemy's Milky Way and modern surface. Photometries in the visual spectral range (S. 221-228). - Joachim Wiesenbach, Pacificus von Verona als Erfinder einer Sternenuhr (S. 229-250), kommt zu dem Ergebnis, daß eine Sternenuhr schon vor Gerbert von Aurillac existierte, deren Erfindung Pacificus beanspruchte. - Anton von Euw, Die künstlerische Gestaltung der astronomischen und komputistischen Handschriften des Westens (S. 251-269), sieht als einen der Höhepunkte den Codex Köln, Dombibl. 83II an. - Menso Folkerts, Die Alkuin zugeschriebenen ‹Propositiones ad acuendos iuvenes› (S. 273-281), ist die Einleitung zu: Menso Folkerts - Helmuth Gericke, Die Alkuin zugeschriebenen Propositiones ad acuendos iuvenes (Aufgaben zur Schärfung des Geistes der Jugend) (S. 283-362), mit einer ausführlichen Erläuterung des Rätselwerkes (Migne PL 101 Sp. 1143-1159) auf der Basis eines zuerst 1978 neuerstellten Textes. Übersetzung und Erläuterungen. - Wesley M. Stevens, Computus-Handschriften Walahfried Strabos (S. 363-381), behandelt die Codices Oxford, Bodl. can. misc. 353 und Sankt Gallen, Stiftsbibl. 878. - Vassilis Katsaros, Leo the Mathematician, his literary presence in Byzantium during the 9th century (S. 383-398), unterstreicht den Einfluß des Gelehrten in seiner Zeit, die als frühbyzantinische Renaissance bezeichnet wird. - Jacques Sesiano, Arabische Mathematik im 8.-10. Jahrhundert (S. 399-442), gibt einen Überblick. - Paul L. Butzer, Mathematics in West and East from the fifth to tenth centuries: an Overview (S. 443-481). - Donald R. Hill, Science and technology in ninth-century Baghdad (S. 485-502). - Harald Witthöft, Thesen zu einer karolingischen Metrologie (S. 503-524), vermutet einen islamischen Einfluß auf die Maß- und Gewichtsreformen Karls d. Gr. 793/94. - Werner Bergmann, Dicuils ‹De mensura orbis terrae› (S. 525-537), bewertet diesen bislang als unoriginelle Kompilation antiker Quellen eingeschätzten Traktat neu und weist auf die Angaben über eine Reise des Autors nach Ägypten und ins Hl. Land hin und auf den kritischen Umgang mit seinen Quellen. - Karl W. Butzer, The classical tradition of agronomic science: perspectives on Carolingian agriculture and agronomy (S. 539-596), ist ein instruktiver Überblick, der die Auswirkungen der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der karolingischen Renaissance zur Agronomie aufzeigt. - Appendix: Paul L. Butzer, Table of scholars and works in science (AD 400-950) (S. 599-605), stellt in einer Synopse die wichtigsten Gelehrten und ihre Werke im lateinischen Westen, in Byzanz und in der islamischen Welt einander gegenüber.
  642. M. S.


  643. Hermann Schefers, Iste est laudabilis ordo. Ein Beitrag zum Stellenwert der Medizin am Hof Karls des Großen und zum Problem der karolingischen "Hofschule", Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 11 (1993) S. 175-203, 1 Abb., nimmt einen Halbvers Alkuins über die Hippocratica secta (MGH Poetae 1 S. 245 f. Nr. 26) zum Motto einer eindringlichen Studie über die Wertschätzung medizinischer Kenntnisse in den Bildungsbestrebungen Karls und sieht im Lorscher Arzneibuch (vgl. zuletzt DA 48, 403 f.) einen Reflex der rechtfertigenden Begründung dafür.
  644. R. S.


    {S. 360-361}

  645. Practical medicine from Salerno to the Black Death, hg. Luis García-Ballester, Roger French, Jon Arrizabalaga, Andrew Cunningham, Cambridge 1994, Cambridge University Press, XIII u. 402 S., Abb., ISBN 0-521-43101-8, GBP 40. - Die hier veröffentlichten Ergebnisse einer Tagung in Barcelona im April 1989 beleuchten den Einfluß der Naturphilosophie auf praktische Medizin und Chirurgie vornehmlich im Mittelmeergebiet während des 12.-14. Jh. mit besonderer Berücksichtigung der verschiedenen Abgrenzungen zwischen den angesehenen "richtigen" Ärzten und den erheblich weniger geachteten Chirurgen. Der reiche Inhalt des Sammelbandes läßt es bedauern, daß der Index (nur eine Auswahl der Namen) eher dürftig geraten ist. - Roger French, Astrology in medical practice (S. 30-59), zeichnet ein informatives und lebendiges Bild von der Übersetzungstätigkeit im 12. Jh. und deren Wirkung auf medizinische Diagnostik und Prognostik. - Jole Agrimi - Chiara Crisciani, The science and practice of medicine in the thirteenth century according to Guglielmo da Saliceto, Italian surgeon (S. 60-87), betonen Wilhelms Zwischenstellung zwischen dem von Meister zu Schüler überlieferten, mehr handwerklichen Können und der später überwiegenden universitären Fachtradition. - Nancy G. Siraisi, How to write a Latin book on surgery: organizing principles and authorial devices in Guglielmo da Saliceto and Dino del Garbo (S. 87-109), sieht in dem Kommentar des Dino († 1327) zu den chirurgischen Partien von Avicennas Canon eine Tendenz hin zu einer nach heutiger Auffassung "ganzheitlichen" Medizin auf der Basis von scholastischer Denkweise. - Pedro Gil-Sotres, Derivation and revulsion: the theory and practices of medieval phlebotomy (S. 110-155), skizziert den komplexen theoretischen Hintergrund der ma. Aderlaßpraxis, wobei offenbleibt, wie weit dieser in der praktischen Anwendung durch die Bader zur Kenntnis genommen wurde. - Cornelius O'Boyle, Surgical texts and social contexts: physicians and surgeons in Paris, c. 1270 to 1430 (S. 156-185), handelt vom allmählichen Übergang der Chirurgie vom handwerklich betriebenen Geschäft in das Universitätscurriculum und den daraus resultierenden Bestrebungen der akademischen Absolventen, ihr Fach zu monopolisieren. - Danielle Jacquart, Medical practice in Paris in the first half of the fourteenth century (S. 186-210), sammelt aus der reichen Fachliteratur bemerkenswerte Details u.a. über den Kampf seriöser Mediziner gegen geldgierige Kollegen und gegen Quacksalber. - Michael R. McVaugh, Royal surgeons and the value of medical learning: the Crown of Aragon 1300-1350 (S. 211-236), schildert und interpretiert die unterschiedlichen Einkommensverhältnisse und Einkunftsarten der königlichen Leibärzte. - Jon Arrizabalaga, Facing the Black Death: perceptions and reactions of university medical practitioners (S. 237-288), stellt sechs frühe Pestschriften vor. - Peter Murray Jones, John of Arderne and the Mediterranean tradition of scholastic surgery (S. 289-321), charakerisiert den Vf. der stark verbreiteten Schrift Fistula in ano in als "weak Latinist, even by the standards of the scholastic surgeons", was freilich den betroffenen Patienten wenig ausgemacht haben dürfte. - Monica H. Green, Documenting medieval women's medical practice (S. 322-352), weist auf die Schwierigkeit hin, zuverlässige Nachrichten über weibliche Fachkräfte zu sammeln, da Frauen wegen ihrer unvollkommenen Rechtspersönlichkeit in den Quellen seltener nachweisbar seien; die wenigen Belege für eine fisica oder sirurgica bleiben zudem hinsichtlich näherer Umstände zumeist unklar. - Luis García-Ballester, A marginal medical world: Jewish, Muslim and Christian medical practitioners, and the use of Arabic medical sources in late medieval Spain (S. 353-394), unterstreicht die Rolle der Juden bei der Vermittlung medizinischen Fachschrifttums während der Symbiose der drei Konfessionen in Kastilien.
  646. G. S.


    {S. 361}

  647. Rosamond McKitterick, Books, Scribes and Learning in the Frankish Kingdoms, 6th-9th centuries (Collected Studies Series CS 452) Aldershot 1994, Variorum, X u. 340 Seiten ohne durchgehende Paginierung, ISBN 0-86078-406-1, GBP 49,50. - Der Sammelband gibt 13 Beiträge der vor allem über Schriftlichkeit und Hss. des Früh-MA arbeitenden englischen Historikerin wieder, die aus den Jahren 1976 bis 1992 stammen. Der letzte Beitrag über "Women and literarcy in the early middle ages", der hier in englischer Sprache publiziert wird, erschien ursprünglich auf deutsch (vgl. DA 47, 681).
  648. M. S.


    {S. 361-362}

  649. Alexander Patschovsky und Horst Rabe (Hg.), Die Universität in Alteuropa (Konstanzer Bibliothek 22) Konstanz 1994, Universitätsverlag Konstanz, 239 S., ISBN 3-87940-450-X, DEM 68. - Aus diesem Sammelband, der auf einer zum 25. Gründungsjubiläum der Universität Konstanz im Sommer 1992 gehaltenen Ringvorlesung beruht, sind anzuzeigen: Peter Moraw, Einheit und Vielfalt der Universität im alten Europa (S. 11-27), der in seinem weitgespannten Überblick zwischen einem "älteren" und einem "jüngeren" Europa unterscheidet und bei ersterem die größere Urbanität, eine höhere soziale Mobilität und ein größeres Maß an Schriftlichkeit als eine der Entstehungsbedingungen für Universitäten betont. Ferner wird die Bedeutung der Papstkirche für Entstehung und Entwicklung der Universitäten und die besondere Rolle der Juristen hervorgehoben. - André Gouron, Montpellier - eine Universität zwischen Paris und Bologna (S. 29-41), beschäftigt sich mit der Vor- und Frühgeschichte dieser 1289 durch Papst Nikolaus IV. offiziell gegründeten Universität, die eigentlich aus zwei Universitäten bestand: der der Mediziner und der der Juristen, wobei für den Niedergang der letzteren die Rückkehr des Papsttums nach Rom ein mitentscheidender Faktor war. - Agostino Sottili, Zum Verhältnis von Stadt, Staat und Universität in Italien im Zeitalter des Humanismus, dargestellt am Fall Pavia (S. 43-67), schildert die Struktur und Geschichte dieser "Staatsuniversität im modernen Sinn des Wortes" (S. 51) im Spannungsfeld zwischen der Stadt, für die die gut besuchte Universität ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor war, und dem Mailänder Herzog. - Katherine Walsh, Die englische Universität nach Wyclif: Von geistiger Kreativität zur Beamtenausbildung? (S. 85-110), differenziert die Vorstellung, daß Oxford dank Wyclifs Irrlehren als Ketzeruniversität stigmatisiert gewesen, Cambridge hingegen im 15. Jh. vom Makel der Ketzerei freigeblieben und aufgeblüht sei: Die Zensurmaßnahmen, die Erzbischof Thomas Arundel von Canterbury 1411 gegen die Irrlehren und zur Verteidigung der Orthodoxie ergriff, trafen beide Universitäten, Oxford jedoch stärker, weil dort die Theologie eine wesentlich größere Rolle spielte. Von kontinental-europäischen Entwicklungen verschieden war, daß in England zahlreiche Theologen im Fürstendienst standen, während für entsprechende Positionen auf dem Kontinent das Jurastudium immer mehr zu einer conditio sine qua non wurde. - František Šmahel, Die Prager Universität und der Hussitismus (S. 111-128), zeichnet den Weg der Prager Universität von einer ,internationalen' Hochschule zur Landesuniversität, der Schrumpfung zu einer geistigen Instanz der Prager Hussitenbünde und nach einer durch die Eroberung Prags 1448 durch Georg von Podiebrad abgebrochenen Restaurationsphase zu einer Lehrstätte der Utraquistenkirche, was für lange Zeit das Absinken der Universität in abgekapselten Provinzialismus bedeutete. - Rainer Christoph Schwinges, Europäische Studenten des späten Mittelalters (S. 129-146), gliedert den "konturenlos(en) Begriff Student" in fünf Typen, von denen drei der Artistenfakultät zuzuordnen sind: der scholaris simplex, der Bakkalar und der Magisterstudent. Weitere Typen sind der "Standesstudent" (hauptsächlich mit dem Jurastudium befaßt) und schließlich der "Fachstudent", der sein Studium mit dem Lizenziat oder Doktorgrad abschließt und in mancher Hinsicht vielleicht am ehesten mit einem heutigen Studenten zu vergleichen ist. In einem zweiten Teil wird die Herkunft, die Sozialstruktur und die räumliche Mobilität behandelt.
  650. G. Sch.


  651. Marie Bláhová, Pra_ské školy p_eduniverzitního období [Prager Schulen der voruniversitären Zeit], in: Documenta Pragensia 11 (1993) S. 26-39, berichtet kenntnisreich über die Kapitel-, Kloster- und auch Pfarrschulen.
  652. Ivan Hlavá_ek


  653. Marie Bláhová, Studenten aus den böhmischen Ländern in Italien im Mittelalter. Die P_emyslidische Zeit, Civis. Studi e testi 17 (1993) S. 153-178, beachtet nicht bloß den Aufenthalt der Studenten in Italien - was bis 1306 eigentlich nur Bologna oder Padua bedeutet -, sondern auch ihre Wiedereingliederung zu Hause.
  654. Ivan Hlavá_ek


  655. Paul Uiblein, Ein Niederösterreicher als Magister an der Sorbonne. Peter Pergöchsel von Arnsdorf († 1414), Unsere Heimat 65 (1994) S. 88-106, stellt Nachrichten über im 14. und frühen 15. Jh. an der Pariser Universität wirkende Österreicher zusammen, schildert die Laufbahn des im Titel genannten Petrus de Austria, füllt Fußnoten mit reichen Angaben über dessen Kollegen in Paris und Wien und ediert schließlich das Zeugnis (1406) der Pariser "englischen" Nation über Peters Promotion zum Magister artium (samt Abb.) sowie die wissenschaftsgeschichtlich leider unergiebige Eröffnung seines Testaments vor dem Wiener Rat (1414).
  656. Herwig Weigl


    {S. 363-364}

  657. Sonja Zöller, Kaiser, Kaufmann und die Macht des Geldes. Gerhard Unmaze von Köln als Finanzier der Reichspolitik und der "Gute Gerhard" des Rudolf von Ems (Forschungen zur Geschichte der älteren deutschen Literatur 16) München 1993, Wilhelm Fink Verlag, 396 S. mit 18 Abb., ISBN 3-7705-2850-6, DEM 78. - Der "Gute Gerhard", ein Frühwerk des Rudolf von Ems, ist die Geschichte eines Kölner Kaufmanns, der in wahrhaft christlich-demütiger Gesinnung große Taten vollbringt, den Lohn dafür aber ausschlägt und durch sein Beispiel Kaiser Otto I. von der superbia heilt. Auf die Möglichkeit eines historischen Vorbilds für den Guten Gerhard in Gestalt des reichen und mächtigen Kölner Kaufmanns Gerhard Unmaze († wohl 1198) hat bereits Sengle 1950 hingewiesen. Die Vf. greift diese bisher wenig beachtete These auf. Der erste Teil ihrer von W. von Stromer angeregten Arbeit ist eine vor allem aus unveröffentlichtem Archivmaterial erarbeitete ausführliche Darstellung von Leben und Wirkungskreis des Gerhard Unmaze einschließlich seiner Beziehungen zur englischen Krone und der Rolle, die Köln im deutschen Thronstreit spielte. Im zweiten Teil weist sie überzeugend nach, daß der "Gute Gerhard" keineswegs, wie bisher angenommen, eine bloße Lehrdichtung ist, sondern daß vielmehr "die religiöse Exempelmoral einem spezifischen politischen Interesse dienstbar gemacht wurde" (S. 14): Die Orient- und die Englandreise des Guten Gerhard sind auf dem Hintergrund der Handelspolitik des 12. Jh. sowie des 3. Kreuzzugs und der Gefangennahme des Richard Löwenherz zu sehen. Otto I. steht für Otto IV. Das Werk ist eine Warnung an den Kaiser, der zum Einlenken im Konflikt mit Papst Innozenz III. ermahnt werden soll. Die Vf. grenzt den Entstehungszeitraum genau ein: um 1210, spätestens Anfang 1211, und liegt damit zeitlich noch früher als bisherige vereinzelte Verfechter einer Frühdatierung (um 1215). Der Schluß mit dem büßenden Kaiser könne allerdings erst anläßlich einer Überarbeitung des gesamten Werks nach der Schlacht von Bouvines entstanden sein. Trotz des Auftraggebers, des Konstanzer Ministerialen Rudolf von Steinach, ist der "Gute Gerhard" nicht - wie bisher behauptet - eine staufernahe Dichtung. Vielmehr war 1210/11 der Konstanzer Bischofshof, an dem das Werk wohl entstanden ist, welfisch gesinnt. Der Frühdatierung widerspricht auch nicht das seit Ehrismann geltende Vorurteil, Rudolf von Ems sei abhängig von Gottfried von Straßburg und Wolfram von Eschenbach - eine Meinung, die die Vf. mit recht schlüssigen Argumenten aus dem Weg zu räumen sucht.
  658. Brigitte Schaller


  659. Alan Robertshaw, Oswald von Wolkenstein, Schloß Neuhaus und das ,Hans Maler'-Lied (Kl. 102), Tiroler Heimat 58 (1994) S. 31-41, stellt weitere Überlegungen zu autobiographischen Aussagen in Oswalds Liedern an.
  660. Herwig Weigl


    {S. 364}

  661. Dorothee Esser, "Ubique diabolus - der Teufel ist überall". Aspekte mittelalterlicher Moralvorstellungen und die Kulmination moralisierender Tendenzen in deutschen und niederländischen Weltgerichtsbildern des 15. Jahrhunderts (Erlanger Studien 87) Erlangen 1991, Palz & Enke, 248 S., 25 Abb., ISBN 3-7896-0187-X, DEM 58. - Die Aachener Diss. versucht, 22 Tafelbilder mit Weltgerichtsdarstellungen "unter dem Aspekt moraltheologischer und moralphilosophischer Tendenzen in Korrespondenz mit didaktischer Literatur und Rechtssymbolik" zu analysieren. Mit eher zufällig anmutenden Zitaten aus der europäischen Geistesgeschichte von Aristoteles bis Vasari kann E. für ihre Untersuchungen am konkreten Gegenstand nur wenig Erhellendes beitragen.
  662. Catherine De Kegel


  663. Gabriella Zarri, La nave di sant'Orsola, Annali dell'Istituto storico italo-germanico in Trento. Jahrbuch des italienisch-deutschen historischen Instituts in Trient 19 (1993) S. 277-303, dokumentiert Vorkommen und Bedeutung der bekannten Darstellung des Martyriums der Kölner Heiligen und ihrer Begleiterinnen als Beispiel für die "Iconologia politica" in der vorreformatorischen Periode. Die Beispiele stammen vor allem aus der Druckgraphik.
  664. Josef Riedmann


    {S. 364-365}

  665. Bernard Merdrignac, Les Vies des saints bretons durant le haut Moyen Age. La culture, les croyances en Bretagne (VIIe-XIIe siècle) Rennes 1993, Éditions Ouest-France, 149 S., 5 Abb., ISBN 2-7373-1141-1, FRF 120. - Die Bretagne nimmt in hagiographischer Hinsicht eine Sonderstellung ein: Noch Bernhard von Clairvaux bezweifelte die Religiosität ihrer Bewohner, und doch hat die Landschaft die unübertroffene Dichte von 800 Heiligen-Nennungen und 60 Heiligenviten aufzuweisen. In einem Frageansatz im Sinne der "Annales" wird die Hagiographie mit der volkskundlichen Folklore-Forschung, der Anthropologie wie auch der allgemeinen Religionswissenschaft verquickt: Schließlich ist Hagiographie ein Produkt geistlicher Gelehrsamkeit nicht zuletzt mit der Zielsetzung der Erbauung des einfachen Volkes. Durch den Verzicht auf Anmerkungen und Register einerseits sowie durch ins Französische übersetzte Auszüge andererseits wird diese ma. Vorgabe übertragen und die Quellengruppe für ein breiteres Publikum aufbereitet. Ob diese avisierte Zielgruppe aber auch mit den Diagrammen zurecht kommt, mag bezweifelt werden. Jedenfalls erweitern die Schaubilder den methodischen Horizont des ungeübten Historikers, wenn z.B. auf S. 95 ein Maßstab für die relative Wunderhäufigkeit in den einzelnen Jh. erstellt wird, indem die Zahl der Wunder in Beziehung zur Zahl der Viten pro Jh. gesetzt und dabei für das 13. Jh. ein Quotient von 0,12 bei einem Mittelwert von 0,41 errechnet wird.
  666. C. L.