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Monumenta Germaniae Historica
Literaturberichte Handschriftenkataloge
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Hans Butzmann

Über einige ältere grosse Handschriftenkataloge

(aus: Clemens Köttelwesch (Hg.): Zur Katalogisierung mittelalterlicher und neuzeitlicher Handschriften. Frankfurt a.M. : Klostermann 1963 (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. Sonderheft), S. 17-31

In dem Augenblick, in dem die westdeutschen Bibliotheken beginnen, ihre noch ungehobenen Handschriftenschätze durch neue Kataloge der Wissenschaft zu erschließen, dürfte es den älteren und jüngeren Bearbeitern dieser Kataloge wohl anstehen, sich einmal auf das zu besinnen, was schon vor unserer Zeit auf dem Gebiete der Handschriftenkunde geleistet wurde. Je mehr sie in ihrer Arbeit voranschreiten, desto deutlicher dürfte es ihnen werden, daß nicht eine bloße Anleitung oder ein Regelwerk genügen, um ihr Fachwissen in der Form eines Kataloges zu bewähren.

Indem ich mich anschicke, zu dieser Besinnung einen Beitrag zu liefern, erinnere ich mich an die Vorträge über allgemeine Handschriftenkunde, die Emil J a c o b s in der Berliner Universität Unter den Linden hielt, und die man in keinem bibliothekswissenschaftlichen Handbuch finden kann. Es ist sehr zu bedauern, daß das, was Jacobs, einer der letzten Humanisten, mit nun schon fast unwiederbringlichem Glanz der Rede vortrug, nie gedruckt wurde. Es war nicht eine Anleitung, Handschriften zu behandeln und zu beschreiben, kein Wort über Beschreibstoff und Schreibstoff, Foliierung, Zeilenzahl, Einband usw. Es war vielmehr eine Geschichte der Handschriftensammlung und Handschriftenerschließung, beginnend mit den ersten handschriftenhungrigen Reisenden und Sammlern der Renaissance, bis zu den Bibliothekaren, die sich vor die Aufgabe gestellt sahen, die durch die Säkularisation in Deutschland zusammengehäuften Handschriftenmassen zu ordnen und zugänglich zu machen, von Giovanni Aurispa, dem Florentiner, bis zu Johann Andreas Schmeller, dem Bayern, dem Bibliothekar von Gottes Gnaden, wie Jacobs ihn nannte. Nicht nur von Handschriften war die Rede, sondern auch von den Männern, die sie liebten und ihnen ihre Kraft und ihr Leben widmeten. Was man Liebe zur Sache nennt, geht immer aus der Persönlichkeit hervor, die sie entfacht. Wenn am Anfang unserer Bemühungen nicht die Neigung steht, so wird es kaum gelingen, das Mißvergnügen zu überbrücken, das gerade den zu beschleichen pflegt und zu überwältigen droht, der sein Leben zwischen Büchermassen und Notizenkram fristen muß. Wer ist noch gefeit gegen den andringenden Wust bloßer Informationsmittel und der Sisyphus-Arbeit ihrer Bewältigung?

[S. 18] Wenn ich hier den Schatten von Emil Jacobs beschwöre, so ist damit zugleich dargetan, daß es nicht meine Absicht ist, eine systematische Anleitung zu geben. Regeln und Instruktionen hat ja jeder Handschriftenbibliothekar ohnedies als Arbeitshilfen neben sich liegen. Ich will vielmehr versuchen, die eigentümliche Literaturgattung Handschriftenkataloge an einigen Beispielen - älteren und neueren - anschaulich zu machen. Mit diesen Katalogen müssen wir ja auch arbeiten, und es dürfte willkommen sein, wenn ich einiges zu ihrer Kenntnis beitrage und zu genauerer Kenntnisnahme anzuregen versuche. Am Anfang aller menschlichen Bemühungen stehen ja immer die Vorbilder, die Muster, nach denen man sich gerichtet hat und aus denen die Regeln erst abstrahiert worden sind.

Im Jahre 1665 erschien der erste Band eines Werkes mit dem Titel "Commentarii de Augustissima Bibliotheca Caesarea Vindobonesi". Er enthält eine Art Geschichte der Wiener Hofbibliothek, eine Sammlung von Urkunden und gelehrten Notizen zum Ruhme der Bibliothek und des Kaiserhauses, das sie gestiftet hatte. Es war ein groß geplantes Unternehmen, das bis auf 25 Bände anschwellen sollte, jedoch nur bis zum 9. Band gedieh. Kein seltener Fall in der Geschichte von Monumentalwerken. Die Klage über das langsame Fortschreiten und die schließliche Stagnation solcher Werke ist auch heute noch zu hören und wird nie abbrechen. Das damals so großartig begonnene Werk sollte nun wirklich ein Monument sein und mit der reichen Sammlung, der es gewidmet war, die Zeiten überdauern. Ein einziger Mann traute es sich zu, dieses Gebäude aufzurichten. Es war Peter L a m b e c k (Lambecius, 1628-1680), aus Hamburg gebürtig. Er studierte auf niederdeutschen und französischen Hochschulen, hielt sich zu Paris und Rom auf, gefördert von gelehrten und hochmögenden Gönnern (Caspar Barlaeus, Gerhard J. Vossius, Cardinal Barberini), die seinen frühen Wissensdurst rühmten und in deren Umgang sein Ehrgeiz wuchs. Was Wunder, daß er kein Genügen fand an der ehrenvollen Position, die ihm die Vaterstadt bot. Im Jahre 1660 wurde er Rector perpetuus des Hamburgischen Gymnasiums Johanneum. Er fühlte sich beengt, nicht genug gewürdigt, ja verfolgt. Er suchte eine glänzendere Bühne für seine Persönlichkeit. Der Hof zu Wien schien ihm das zu bieten, was er in Hamburg entbehrte. Der Weg zum Ziel führte jedoch nur über das Bekenntnis zum katholischen Glauben. Er konvertierte zu Rom im Jahre 1662 und seinem Ehrgeiz wurde genüge getan. Als Günstling des Kaisers Leopold I. und Präfekt der Hofbibliothek hatte er bald Gelegenheit, sein universales Wissen in Freiheit zu demonstrieren und seine Commentarii auch zu einem Monument seiner eigenen Gelehrsam-[S. 19]keit zu machen. Im Jahre 1669, also nach einem Zeitraum von 4 Jahren, erschien der zweite Band des Werkes, über 1000 Seiten stark. Er wird eröffnet durch eine lange Abhandlung (S. 1-57) über den Namen der Stadt Wien in zwei riesigen Kapiteln. In den folgenden Kapiteln werden die Handschriften vorgeführt, die des Verfassers Ansicht, Vienna sei der echte alte und einzig richtige Name, stützen. Aus diesen Handschriften werden nicht nur die Belege für Lambecks These, sondern umfangreiche Textauszüge, ja ganze Texte publiziert; so - im 3. Kapitel - die Protokolle über das Wiener Provinzialkonzil von 1267 aus Cod. Vind. 566, im 4. Kapitel das Rationalium Austriae und das Rationalium Styriae des Helwich aus Cod. Vind. 543. Das riesige Kapitel 5 (S. 79-465) ist bezeichnend für Lambecks Arbeitsweise und die Anlage der Commentarii. In weitem Bogen gelangt er von Wien nach Paris und von dort in die Karolingerzeit. Das Kapitel beginnt mit dem Abdruck der Statuten der Wiener Universität und ihrer Fakultäten. Da die Wiener Universität nach dem Muster der Pariser gebildet wurde, werden auch einige auf diese bezügliche Texte beigebracht. Eine lose Gedankenverknüpfung - etwa so: auch schon in älterer Zeit blühten in Frankreich die Wissenschaften - bringt Lambeck dazu, in das 5. Kapitel noch die Erörterung, weiterer Handschriften hineinzustopfen. Nun stellt er alle Codices zusammen, die nur irgendwie sich auf Karl den Großen beziehen lassen, darunter so verschiedene Sachen wie den Dagulf-Psalter (Cod. Vind. 1861), die Sammelhandschrift mit Texten Gregors des Großen (IX. Jh., Cod. Vind. 1815; das althochdeutsche Glaubensbekenntnis, das sich in diesem Codex befindet, ist abgedruckt), den mittelhochdeutschen Karlsroman des Strickers (beide Handschriften, jetzt Cod. 2711 und 2715, sind erwähnt), Einhards Vita Caroli (mehrere Handschriften) und Otfrids Evangelienbuch (Cod. 2687), dessen Erörterung allein 50 Seiten umfaßt. Von dem Äußeren dieser Handschrift ist so gut wie gar nicht die Rede, es heißt vom Dagulf-Psalter nur: Codex membranaceus venerandae vetustatis, eiusque forma, quae vulgo vocatur in octavo maiori. Die Darlegung des Inhaltes wird umspielt von gelehrten Erörterungen aller Art, unter denen die längeren Auseinandersetzungen über die Geschichte einiger Handschriften besonders bemerkenswert sind. Alles, was Lambeck während seiner Arbeit auffiel, alle Handschriften, von denen er Notiz nahm, werden aufgeführt, so z. B. alle althochdeutschen Werke, die mit Otfrid von Weissenburg in Verbindung gebracht werden können. Man gewinnt den Eindruck, daß die Zusammenstellung dieses großen Handschriftenkomplexes eine Notizen- und Exzerpten-Sammlung ist zu einem Werk über Karl den Großen, und das meinen denn wohl auch die am [S. 20] Beginn jeder Handschrift wiederkehrenden Worte "Codex ad vitam et res gestas imperatoris Caroli Magni, de quo alias prolixius acturus sum". Ähnlich ist der ganze übrige Band angelegt. Immer sind verschiedene Handschriftengruppen unter einem mehr oder weniger umrissenen Sachbegriff zusammengestellt, indem jede Handschrift zu anderen Handschriften in irgendeine, oft ganz vage, Beziehung gebracht wird. Vom Leser wird offenbar erwartet, daß er sich in dem gelehrten Dickicht so wohl und angeregt fühle wie der Verfasser. Die äußere Form des Ganzen entspricht diesem Gewirr. Oft erkennt man nur schwer die Stelle, an welcher die Beschreibung einer neuen Handschrift beginnt, uind es wäre in der Tat fast ein Versteckspiel, wenn dem Band nicht ein äußerst reichhaltiges Register beigegeben wäre, das einzige Hilfsmittel, sich zurecht zu finden und denn nun doch auch für uns ein nützliches Werkzeug. Auch wir können für unsere Zwecke in diesem Register noch manchen wertvollen Hinweis, manche gute Notiz für unsere eigene Arbeit finden. Ohne einen Schuß von Alexandrinertum und Notizenseligkeit kann keine philologisch-historische Arbeit gedacht werden. Jedenfalls sollten wir die letzten sein, die sich dein Alexandrinertum gegenüber Gewissensbisse einreden lassen.

Man hatte auf Lambecks langsames Vorankommen öffentlich, aber anonym, gestichelt. Ob er sich dadurch zu rascherer Arbeit veranlaßt sah, oder was immer der Grund gewesen sein mag: bereits im Jahre 1670 erschien der dritte Band der Commentarii, und andere folgten in relativ kurzen Abständen. Schlagen wir diese Bände auf, so stellen wir mit Befriedigung fest, daß Lambecks Werk von nun an ein anderes Gesicht bekommen hat. Von einem Katalog in unserem Sinne kann gegenüber den ersten beiden Bänden des Werkes keine Rede sein. Nun jedoch befinden wir uns auf vertrauterem Boden. Zum ersten Mal taucht jetzt das Wort Catalogus als Gattungsbezeichnung auf, zwar noch nicht auf dem Titelblatt, auf der ersten Seite, die der Vorrede folgt. Dieser Katalog ist ausschließlich griechischen Handschriften gewidmet, griechische Handschriften sind auch in allen anderen noch erschienenen Bänden beschrieben. Die Reihenfolge der Beschreibungen richtet sich jetzt nach der systematischen Aufstellung der Handschriften, beginnend mit den Codices theologici, an der Spitze steht jeweils die Signatur nach einer neuen Zählung. (Man gewinnt oft den Eindruck, daß Umsignierungen zur Haupttätigkeit der Bibliothekare gehören.) Unter der Nummer 2 erscheint die berühmte Wiener Genesis (Cod. theol. gr. 30) mit Angabe ihres mutmaßlichen Alters und der Zahl der Blätter. Die Beschreibung ist übersichtlich gegliedert, Ein Teil der Miniaturen dieses hervorra- [S. 21]genden spätantiken Codex ist auf großen Falttafeln in Kupferstich beigegeben, freilich nicht in erster Linie um ihres künstlerischen Wertes willen, sondern weil sie, wie eigens vermerkt, als Quelle für die Kenntnis antiker Kleidung und Gewohnheiten dienen können. Es ist eben nicht die Form, sondern der Stoff, mit dem Lambecks Geist beschäftigt ist. So ist denn auch hier von der äußeren Gestalt der Handschrift kaum etwas gesagt. Daß das Paläographische vollkommen verschwiegen wird, kann uns nicht wundern. Mabillons Werk erschien erst 1681 und hat erstaunlicherweise nur langsam in die kommende Zeit hineingewirkt, wie aus Katalogwerken des 18., ja des 19. Jahrhunderts noch zu erkennen ist.

Wir brauchen Wien nicht zu verlassen, wenn wir nach weiteren Beispielen Umschau halten. Da wäre zuerst zu nennen die Neuauflage der Commentarii Lambecks, besorgt durch Adam Franz K o 1 1 a r, einem Ungarn (1723-1783). Im Jahre 1748 hatte er sich vom Jesuitenorden losgesagt, nicht ohne sich vorher eine Stelle in der Hofbibliothek gesichert zu haben. Seine Sprachkenntnisse und sein rastloser Fleiß begründeten seinen zähen Aufstieg durch alle Ränge der Bibliotheksverwaltung. 1772 wurde er Nachfolger des berühmten Gerhard van Swieten. Der erste Band dieser Neuauflage erschien im Jahre 1766, also 100 Jahre nach dem ersten Band Lambecks. Lambecks zweiter Band war schon vorher - bezeichnenderweise - aus dem Gesamtwerk herausgenommen und im Jahre 1761 unter dem Titel Analecta monumentorum omnis aevi Vindobonensium opera et studio Adam Francisci Kollarii veröffentlicht worden. Kollar gab dann später, im Jahre 1790, noch Supplemente zu dem Werk heraus, ausschließlich Beschreibungen griechischer Handschriften enthaltend. Es ist eigen zu sehen, daß an eine wirkliche Fortsetzung des Kataloges, an die Aufarbeitung des gewaltigen Wiener Handschriftenbestandes niemand gedacht hatte.

Die Form der Beschreibung bleibt im großen und ganzen dieselbe. Lediglich die Beschreibung des Äußeren wird etwas präziser. Lambecks viele leere Worte gehören nun der Vergangenheit an, Kollars kürzere Angaben kommen dafür der Sache zugute. Wenn Lambeck etwa geschrieben hätte: Volumen rnembranaceum in quarto maiori, ante trecentos circiter annos, ut ex scriptura manifeste apparet, exaratum, quo continetur..., so gab nun Kollar bereits über diese Dinge in einem besonderen der Inhaltsbeschreibung vorangestellten Abschnitt Auskunft, etwa in der Form: Codex in folio, chartaceus, foliorum trecentorum sexaginta septem, saeculo, ut mea quidem fert opinio, sexto decimo scriptus, et teste Gentilotio nostro anno milesimo septingentesimo vigesimo tertio Imperatori Carolo sexto ab Apostolo Zenone, Veneto, [S. 22] dono oblatus, quo continentur Cyrilli Hierosolymitani aliorumque opera theologica. Weiterhin fällt an Kollars Katalog auf, daß nicht nur, wie bei Lambeck, die Blätter angezeigt werden, auf denen ein neuer Text beginnt, sondern außerdem noch die einzelnen Stücke von Sammelhandschriften durchgezählt sind. (Dieses Verfahren findet man bis heute in Handschriftenkatalogen. Ich halte aber dafür, daß jede Häufung von Zahlen an einer Stelle nur Verwirrung stiftet.) Die neue Art der Datierung, nämlich die Angabe der Zeit der Handschrift statt des Alters der Handschrift, ist hundert Jahre nach Lambeck und hundert Jahre nach Mabillon schon eine Selbstverständlichkeit. Wenn Kollar in der oben zitierten Stelle betont, daß er, was die Datierung angeht, nur seine persönliche Überzeugung vortrage, so ehrt ihn das, wie es jeden Handschriftenbeschreiber ehrt, wenn er hinter seine Zeitangabe auch einmal ein Fragezeichen setzt. Zur Feststellung des Ursprungsortes der Handschriften fehlten noch die Voraussetzungen. Erst die Lokalisierung macht uns in der Datierung sicher. Es gibt ja - wie zu jeder Zeit - auch im Mittelalter große Zentren, welche die Vorbilder schaffen, und kleinere, die diesen Vorbildern nacharbeiten. Es gibt ein landschaftliches Gefälle des Stils, und was in einem westfränkischen Kloster bereits als überwunden gilt, kann in einem ostfränkischen als das erstrebenswert Neueste angesehen werden. Bemerkenswert ist, daß Kollar bestrebt war, jeder einzelnen Handschrift ihr eigenes Recht zu geben, ob sie ihn persönlich ansprach oder nicht. Lambeck pflegte nicht selten gewisse Stücke, die ihm nicht besonders beachtenswert schienen, mit einer oder zwei Zeilen abzutun. Kollars Beispiel zeigt uns, daß man sich inzwischen daran gewöhnt hatte, subjektive Momente ganz wegzulassen und sich des Wertens zu enthalten. Der Bibliothekar findet sich nach und nach in seine Rolle als Vermittler, und der Gedanke, daß man ja nicht wissen kann, welchen Wert eine Handschrift für zukünftige Forschungen hat, gewinnt Raum.

Im eben angedeuteten Sinne wirkte auch der Wiener Jesuit, Klopstock'sche Barde und Ossian-Übersetzer Michael D e n i s aus Schärding (1729-1800). Nach Aufhebung des Jesuitenordens durch Joseph II. (1773) nahm sich die Hofbibliothek des gelehrten Mannes an. Er stieg zum ersten Kustos auf. Als Fortsetzer Kollars nahm er die Wiener theologischen Handschriften, nun vornehmlich die lateinischen, in Angriff und beschrieb 945 Manuskripte in fünf stattlichen Folianten. Das 18. Jahrhundert war die klassische Zeit der Sammelwerke in Folio und Groß-Folio. Man denke an die Acta Sanctorum, den Thesaurus antiquitatum romanorum des Graevius, an Muratoris Scrip- [S. 23]tores. Auch die Monumenta Germaniae historica standen noch unter diesem Gesetz.

In Folio trat auch ein Werk dieser Zeit ans Licht, das gleichfalls im damals österreichischen Herrschaftsbereich entstand: der Katalog der Biblioteca Laurenziana zu Florenz, verfaßt von Angelo Maria B a n d i n i (1726-1803). Er war in Florenz geboren und widmete seine Arbeitskraft dem Ruhme dieser Stadt und ihrer berühmten Bürger, wie des Amerigo Vespucci oder der Druckerfamilie der Giunti, unermüdlich in Bibliotheken das Leben suchend. 1756 wurde er Kanonikus von S. Lorenzo und Vorsteher der Laurentiana, eine Stelle, die er fast ein halbes Jahrhundert lang bekleidete. Der erste Band erschien im Jahre 1774, es wurden im ganzen sechs Bände (Bibl. Mediceo-Laurentiana und Leopoldino-Laurentiana). Über den Seiten dieses schön gedruckten Kataloges liegt ein Glanz und eine Anmut, die nicht nur durch die schöne Gemessenheit der Beschreibungen zu erklären sind. Ist es der Widerschein eines Gelehrtenlebens, das - in gewissem Gegensatz zu den gebrochenen Lebensbahnen Lambecks, Kollars, Denis - gradlinig und in schön angewandter Muße verlief? Samuel Baur, in Ersch und Grubers Enzyklopädie, nennt den Katalog ein "Mit musterhaftem Fleiß und ungemeiner Genauigkeit bearbeitets gelehrtes Literaturwerk, das, unter anderem, auch zu einer gründlichen bibliothekarischen Bildung die nützlichsten Dienste leistet". Uns fällt an dem Werk ins Auge, daß Schriftcharakter, Ausstattung und Erhaltungszustand jeder Handschrift erwähnt werden. Es sind nicht paläographische Bestimmungen in unserem Sinne, es sind vielmehr ästhetische Werturteile. So wird ein Codex etwa pulcherimus optimeque servatus genannt, von einem anderen heißt es, er sei elegantissimae scripturae. Aber auch das Häßliche, dem Auge Unerfreuliche, wird benannt: "pessimae et intricatissimae scripturae", "difficili et perquam mendoso charactere exaratus". Auch der Buchschmuck bleibt nicht unerwähnt. So lesen wir etwa: "Codex membranaceus manuscriptus in folio saeculo undecimo optimae notae (d. h. ersten Ranges) cum titulis et initialibus epistularum ... graecis verbis maiori littera adiectis", "Mirae pulchritudine et elegantiae, in cuius prima pagina pictura ... mirifice delineata". War es der Schönheitssinn des geborenen Florentiners, der sich hier ausspricht? Wir stehen heute ästhetischen Urteilen in der Handschriftenbeschreibung skeptisch gegenüber und möchten solche Dinge gern zu den verbotenen Subjektivismen rechnen, die dem nicht anstehen, der sein Urteil zurückzuhalten hat, weil er Bibliothekar ist, ein Urteil, das obendrein, da es ein ästhetisches ist, als zeitbedingt angesehen wird. Vielleicht sind wir in der Tat enttäuscht, wenn wir eine Handschrift aufschlagen, deren Schrift Bandini als [S. 24] äußerst elegant verzeichnet hat. Ich habe die Probe nicht machen können, bin aber überzeugt davon, daß sie positiv ausfallen würde. Ich bin auch der Überzeugung, daß man schöne Dinge immer und überall schön nennen wird. Ich habe mich jedenfalls daran gewöhnt, auch das Form-Niveau jeder Handschrift mit irgendeinem Wort zu charakterisieren. Es genügt meiner Ansicht nach nicht immer, nur zu vermerken, daß es sich um karolingische Minuskel, Bastarda, Textura usw. handelt. Ich meine, daß ich der Strenge der Wissenschaft damit kein Tüttelchen nehme. Im Gegenteil, ich fühle mich geradezu verpflichtet, einen Hinweis auf den Rang der jeweiligen Schreibstube zu geben. Dieser Rang läßt sich nur feststellen, wenn man ein Werturteil wagt. Die Reife dazu sollte man sich erwerben oder zutrauen.

Man könnte bei dem Werk des ausgezeichneten Bandini noch länger verweilen. Ich erwähne nur, daß unter seinen ausführlichen Registern auch Initienverzeichnisse sich finden, nämlich die Initien derjenigen Handschriften, welche viele kleinere Stücke enthalten, z. B. Predigtenhandschriften.

Rückblickend auf die großen Kataloge der fleißigen und so zuverlässigen Gelehrten des 17./18. Jahrhunderts, die uns eine ganze Reihe unentbehrlicher Monumentalwerke beschert haben, möchte ich noch einmal ausdrücklich betonen, daß die hier kurz charakterisierten Kataloge auch für uns noch in vielen Fällen ganz unentbehrlich sind, nämlich dann, wenn man Genaueres wissen will, etwa über besondere Lesarten und Titelfassungen, über Handschriften-Verwandtschaften, alte Editionen und dergleichen mehr. Es kommt vor, daß man, nicht zufriedengestellt von den Angaben bloßer Inventare und Kurzverzeichnisse, etwa der Tabulae codicum manuscriptorum ... in Bibliotheca Palatina Vindobonensi asservatorum (1864 ff.) zum alten Lambeck seine Zuflucht nehmen muß.

Wenn ich mich nun zum 19. Jahrhundert wende, das auf seine strenge philologische Schulung und seine Kargheit und Nüchternheit so stolze Jahrhundert, so denke ich besonders an seine zweite Hälfte, denn ich habe den Eindruck gewonnen, daß, wenigstens was unseren Gegenstand angeht, das 18. noch bis zur Mitte des 19. sich erstreckt. Noch im Jahre 1873 erschien ein Katalog unter dem Titel Bibliotheca Casinensis seu codicum manuscriptorum qui in tabulario Casinensi asservatur series, eine Art Überlebender der alten Gattung. Auch in diesem Katalog finden wir eine eingehende Inhaltsbeschreibung und weitläufige Auseinandersetzung mit den Texten. Schon der umständliche Titel erinnert an die Zeiten des Barock, auch hier findet sich das Wort Catalogus nicht im Titel, vielmehr tritt das Werk mit dem Anspruch auf, die Bibliothek gleichsam zu vertreten. Man gewinnt fast den Eindruck, [S. 25] als sei es dazu bestimmt, die Benutzung der Handschriften selbst geradezu auszuschließen. Da in ihm obendrein, wie bei Lambeck, ja ausführlicher als bei ihm, Texte publiziert werden, nämlich in dem bibliographisch zu ihm gehörenden Florilegium Casinense, rückt es in die Nähe bloßer Textpublikationen wie das Spicilegium Liberianum und ähnlicher Werke. Handschriftenkataloge werden heute mit Recht nicht mehr als Vehikel für Textpublikationen benutzt, sie erübrigen sich, da ja alle Bibliotheken weit geöffnet sind; es sei denn, man schreibt kurze Eintragungen auf Vorsatzblättern und Rändern ab, etwa kleine Lieder oder kurze Gebete, wenn man meint, daß sie der Nachwelt nur auf diese Weise erhalten werden können. Auch für wissenschaftliche Auseinandersetzungen ist in Katalogen kein Platz mehr. Hierfür ist nun die Zeitschrift da.

Aus der großen Reihe der Zeitschriften möchte ich eine Art von Veröffentlichungen herausheben, die man Zeitschriften aus Bibliotheken nennen könnte und die, weniger aufwendig als die großen Kataloge, nicht nur Gelehrte, sondern auch das Bildungspublikum, das um 1800 da ist, ansprechen wollen. Ich spreche von der mir besonders liebenswürdig erscheinenden Literaturgattung auch deshalb gern, weil L e s s i n g sie eigentlich begründet hat. Im Jahre 1773, also fast gleichzeitig mit Bandinis Folianten, erschien eine kleine Serie von handlich leichten Octav-Bänden mit dem Titel: Zur Geschichte und Literatur, aus den Schätzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel. Die bemerkenswerte Vorrede, die dem ersten Bande dieser Reihe vorangestellt ist, kann ich mich nicht enthalten zu zitieren: in ihr werden nämlich die Gründe angeführt, warum Lessing sich entschlossen hat, keinen Wolfenbütteler Handschriftenkatalog zu verfassen. Er sagt, daß die Bekanntmachung eines Verzeichnisses, das nur die Titel der Manuskripte enthält "am Ende pompöser als ersprießlich sein würde". "Sie würde", fährt er fort, "bei den Gelehrten so manche überflüssige Neugierde, so manche eitle Erwartung erregen, sie würde dem Bibliothekar auf ewige Zeiten so manche vergebene Mühe, so manchen Zeitverlust machen, ihn so manchen auf diese hinauslaufenden Fragen aussetzen ... oder meinet man ein Verzeichnis, welches bei jedem Manuskripte zugleich mit anmerkt, ob es bereits herausgegeben sei oder nicht; ob es genutzt zu werden verdiene? Ist ein solches Verzeichnis das Werk einiger Jahre? Ist es das Werk eines einzelnen Mannes? Und würde ich dieser einzige Mann sein?" Fürwahr, merkwürdige Worte im Zeitalter eines Kollar, Denis, Bandini. Diese sehen ihre Aufgabe doch in erster Linie darin, Material vorzulegen und dann abzuwarten, wie es genutzt würde. Lessing scheint ein Werk vor Augen gehabt zu haben, dem nicht ganz un-[S. 26]ähnlich, das Lambeck in seinen ersten Bänden verwirklicht hat. Auch Lessing war ja exzerptenfroh und hat man dies Blatt mit gelehrten Kleinigkeiten bedeckt. Seine Beiträge, wie sein ganzes Werk, legen Zeugnis ab von der Kenntnis entlegenster Dinge, aber er betete doch nicht die stoffhäufende Gelehrsamkeit an, fand in ihr kein Genügen. Seine Muse war die Polemik, die ihn auf dem Wege zur ewig verhüllten Wahrheit begleitete. Sie fachte seinen Eifer an und gab ihm den Geist zum Suchen und Finden des Entlegenen und Besonderen. Unseres Amtes ist es nicht, Stellung zu nehmen, und wir lieben die nüchterne Feststellung, die Kritik ohne Leidenschaft. Immerhin: sollten wir es nicht doch ab und an wagen, ein wirklich unbedeutendes Produkt so kurz abzutun, wie es das verdient?

Lessings Beiträge haben Schule gemacht, jedenfalls haben antiquarisch gesinnte Bibliothekare gern den Titel übernommen. Da haben wir etwa des. Frhn. J. Ch. v. Aretin Beiträge zur Geschichte und Literatur vorzüglich aus den Schätzen der pfalz-bayrischen Zentralbibliothek zu München (1803 ff.) oder auch Beiträge zur älteren Literatur oder Merkwürdigkeiten der herzoglichen öffentlichen Bibliothek zu Gotha, herausgegeben von Friedrich Jacobs und Friedrich August Ukert (1835 ff.). Alle diese Schriften enthalten Abhandlungen, und Handschriftenverzeichnisse in buntem Wechsel. Es liegt über ihnen ein Hauch bibliophilen Liebhabertums. Den Titel "Merkwürdigkeiten" übernahm K. Ph. Chr. Schönemann: 100 Merkwürdigkeiten der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel, 1849. Hier wird Liebhabern und Besuchern der Bibliothek eine Handhabe zur Betrachtung ihrer Schätze geboten.

Genug davon. Was uns hier zusammenführt, ist das Streben nach einer endgültigen und großen Bilanz unseres Gesamtbesitzes, ist die Absicht, einen Plan, dessen Ausführung von einer Menschheitskatastrophe verhindert wurde, doch - trotz fortdauernder Bedrohung - noch einmal in Angriff zu nehmen, ein Werk zu schaffen, das sich den großen französischen und italienischen Handschriftenverzeichnissen an die Seite stellen kann. Wir wollen das auf deutsche Weise tun, indem wir dem Individuellen so viel Spielraum lassen, wie es innerhalb eines gemeinschaftlichen, von einer großen überlokalen Instanz geförderten Unternehmens nur möglich ist

Ich sehe ab von der Erörterung der französischen und italienischen Katalog-Unternehmen. Ich möchte nur noch zwei Katalogwerke schildern - zwei deutsche Katalogwerke, die verschiedene Möglichkeiten des Vorgehens sehr gut zu illustrieren vermögen und die hier an der Stelle des bunten Bildes stehen sollen, welches die große Menge der im Laufe der letzten hundert Jahre erschienenen Kataloge bietet.

[S. 27] Im Jahre 1887 erwarb die Preußische Staatsbibliothek aus dem Besitz des Sir Thomas Phillipps auf Middlehill eine Handschriftengruppe von großer Geschlossenheit, 221 mittelalterliche Handschriften, die einmal dem Jesuitenkollegium zu Paris gehört hatten. Valentin R o s e (aus Berlin, 1829-1916, seit 1855 im Dienste der Königlichen Bibliothek) mit der Verzeichnung der Berliner lateinischen Handschriften beauftragt, begann seine Arbeit 1889 mit dieser Gruppe, deren Erwerbung er betrieben hatte. Der Katalog erschien als 12. Band der Handschriftenverzeichnisse der Königlichen Bibliothek zu Berlin im Jahre 1893. Oft zitiert ist das Wort, das Leopold Delisle, der Leiter und Reorganisator der Bibliothèque Nationale zu Paris über diesen Band gesagt hat: C'est un modéle. Der Katalog ist systematisch angeordnet, er berücksichtigt die Signaturenfolge nicht. Das begründet Rose in der Einleitung mit den Worten: "Beinahe nur aus alten Pergamenthandschriften (vom 7. bis 13. Jahrhundert) bestehend, gibt diese Sammlung ein für sich zeugendes Bild der geistigen Arbeit in den Klöstern Frankreichs und der Geistesentwicklung karolingisch-französischer Zeit vom 8./9. bis 12./13. Jahrhundert." Roses Systematik sollte also auch dazu dienen, dem Benutzer und Leser seines Kataloges ein gegliedertes Bild des mittelalterlichen Geisteslebens vor Augen zu führen. Die Hauptüberschriften lauten: Lehre und Zucht, Staat und Geschichte, Leben und Gesundheit, Rede und Wissenschaft. Man erahnt schon hieraus die Bedächtigkeit und die Liebe, mit welcher Rose ans Werk ging. Jede seiner Beschreibungen beginnt mit einer laufenden Nummer, daneben steht die Signatur und in Klammern die alte Bibliotheksheimat der Handschrift. Eine neue Zeit beginnt mit der Angabe des Beschreibstoffes und dem Format. Dann folgt in Klammern die Größe in cm, auf ganze Zahlen abgerundet, schließlich in kleinerer Schrift die genauere Beschreibung des Äußeren, beginnend mit dem Einband, dem Teil also, der als erster ins Auge fällt. Das Ganze schreitet nicht nach einem besonderen Schema fort, sondern so, wie es dem Verfasser jeweils richtig zu sein schien. Auch die Geschichte der einzelnen Handschriften wird in den Kontext aufgenommen. Diese Vorbemerkungen weiten sich oft zu kleinen Abhandlungen aus, die aus dem immensen Wissen Roses gespeist sind. In diesem Stile sind auch die Inhaltsangaben abgefaßt. Es sind Beschreibungen im eigentlichen Sinne, nicht bloße Aufzählungen von Merkmalen, Zitaten und Nachweisen. Da heißt es denn etwa: Die folgenden beiden Blätter der Lage (mit der anderen Hälfte der Predigt, die gerade noch eine Seite füllen mußte) sind, eben weil großenteils leer, weggeschnitten worden. Die letzte leere Seite der Handschrift enthält verschiedene spätere, schön geschriebene Eintragungen (12. Jahrhunderts), [S. 28] Weingüter des Klosters und ihre Abgaben betreffend". Es liegt auf der Hand, daß wir uns eine so behagliche Weitschweifigkeit nicht mehr leisten können. Jedoch steht es uns auch nicht an, ihren Verlust zu bedauern, eben deswegen nicht, weil wir nicht die Muße haben, in der Stille das zu erwerben, was Valentin Rose noch besaß. Daher ziemt es sich auch nicht, über ihn abzusprechen oder gar zu bedauern, daß er zum Abfassen eines einzigen Kataloges mehrere Jahre brauchte. Nehmen wir es also, wie es ist: Rose ist das letzte Glied einer Reihe, die mit Lambeck beginnt.

Neben diesen liebenwürdigen Katalog persönlicher Prägung stelle ich als Gegenbeispiel ein Werk, das sich ganz unpersönlich gibt, dessen Verfasser bewußt davon absieht, den Leser seine doch durchaus vorhandene Liebe zu alten Codices spüren zu lassen. Er vermeidet es geradezu, irgendeine - und sei es auch die geringste - Stellung zu beziehen. Ich meine den von Alfred H o 1 d e r (1840-1916, aus Wien, 1911 Direktor der Landesbibliothek Karlsruhe) geschaffenen Katalog der in der Landesbibliothek zu Karlsruhe verwahrten alten Bibliothek des Klosters auf der Reichenau. Der erste Band, die Pergamenthandschriften enthaltend, erschien im Jahre 1906. Der erste Satz des Vorberichtes lautet: "Nach wiederholter Umarbeitung und mannigfacher Kürzung beginnt jetzt der vor einem Menschenalter in Angriff genommene Katalog der Reichenauer Handschriften im Drucke zu erscheinen." Wer das liest und dann den Katalog aufschlägt und in ihm zu lesen sich anschickt, muß vermuten, daß die Kürzungen ganz erheblich gewesen sein müssen. Auf die Angabe von Blattzahl, Größe in mm und Saeculum folgt eine schematische Darstellung der Lagen, nur in Zahlen, z. T. mit graphischer Darstellung der vom üblichen abweichenden Blattfolge. Dann folgen sogleich alle nur irgendwie bemerkenswerten Texte und Textanfänge in diplomatisch genauer Wiedergabe, alles aus der Handschrift Entnommene in normaler Schrift, alles Hinzugefügte - also Silben, die durch Abbreviatur verloren gingen - in Kursive. In Kursive erscheint auch die ganz kurze Beschreibung der Fundstellen der Texte. Am Schluß dann eine äußerst lapidare Schilderung des Äußeren, etwa in dem Stile: "Stark beschnitten, Holzdeckel, mit grauem, gepreßtem Leder überzogen; vorn 4 Buckeln, hinten 5 Buckeln, von zwei mit Metall beschlagenen Spangen die untere ab«. Man kann nicht knapper sein, nicht bescheidener. Die Zurückhaltung des Bibliothekars feiert Triumphe. In der Vorrede hatte Holder gesagt, daß die Handschrift selbst sprechen solle. In Wirklichkeit aber macht sie sich fast unsichtbar, und es bleibt höchstens ein Skelett stehen. Doch wollen wir auch Holder nicht zu nahe treten. Schließlich erhält der Katalog durch die Strenge des Verfahrens auch eine persönliche Note.

[S. 29] Wenn Rose noch ein Buch geschaffen hat, in welchem man lesen sollte und auch konnte, so haben wir im Karlsruher Katalog kein Lesewerk, sondern ein Nachschlagewerk vor uns. Man kann es benutzen, wie man eine Logarithmentafel benutzt.

Jedoch, ich will nicht übertreiben, will nur zum Ausdruck bringen, welche von den beiden Darstellungsarten meine Sympathie hat. Sympathie? Gewiß geschah es nicht aus Sympathie, es lag vielmehr in der Natur der Sache, daß man sich nicht an Holders Vorbild hielt, als man sich anschickte, einen nationalen Katalog vorzubereiten und als es nötig wurde, den Mitarbeitern an den verschiedenen Bibliotheken eine Handhabe zu bieten, damit ein einigermaßen gleichmäßiges Bild des ganzen Unternehmens zustande kommt. Die ausführliche Anleitung, die aus den Händen von Karl Christ und seiner Helfer Ludwig Denecke und W. Göber hervorging und auf der im allgemeinen die in unseren Händen befindlichen Richtlinien der Deutschen Forschungsgemeinschaft beruhen, knüpfte im großen und ganzen an die Tradition des Ortes an, in welchem diese Regeln aufgestellt wurden. Es war die Berliner Tradition, es war letzten Endes denn doch die von Valentin Rose geschaffene Tradition.

Es waren zwei Dinge, freilich wesentliche, die inzwischen dazugetreten waren, nämlich die moderne Paläographie und die Einbandkunde. Traube und Sickel hatten eine neue Ara der Paläographie eröffnet, das Lehrbuch von Bretholz erschien 1912. Es geht eben doch heute nicht mehr an, wie Rose nur zu sagen: »Schöne, in den Glossen zierliche Schrift verschiedener gleichzeitiger Hände", ohne die Schriftart zu nennen. Im übrigen mußte den Verfassern dieser Berliner Instruktionen daran liegen, auf deutlichere Gliederung zu dringen, d. h. alle Fragen, die an eine Handschrift gestellt werden müssen, herauszupräparieren. Nun wird genau unterschieden zwischen Beschreibung des Äußeren (Beschreibstoff, Lagen, Schrift, Einband usw.) einerseits und der Geschichte der Handschrift andererseits. Diese Gliederung ist notwendig um der Einheitlichkeit des ganzen Katalogwerkes willen, auch soll ja vermieden werden, daß man etwas übergeht. In der Praxis werden sich so genaue Einteilungen nicht immer durchführen lassen. Die meisten Handschriften des frühen und Hochmittelalters sind einmal neu gebunden worden, oft finden sich aber auch Spuren eines älteren Einbandes. Gehört die Mitteilung solcher Beobachtungen zur Beschreibung des Äußeren oder zur Geschichte der Handschrift? Der Bearbeiter wird also doch immer wieder in die Lage versetzt, sich zu entscheiden. Immer wieder wird man doch einmal nach einem Muster sich umsehen, immer wieder fragen müssen: wie machten und machen es andere?

Zum Schluß möchte ich noch auf eine besondere Gattung des Handschrif-[S. 30]tenkataloges eingehen, die nun wirklich ein Novum ist und ein echtes Kind des 19. Jahrhunderts. Ich meine die Kataloge illuminierter Handschriften, die wir dem Aufschwung der wissenschaftlichen Kunstgeschichte verdanken. Als erstes Werk dieser Art nenne ich den Miniaturen-Katalog der Heidelberger Universitäts-Bibliothek von Adolf 0 e c h e l h ä u s e r, dessen erster Teil im Jahre 1887 erschien. Das Werk ist mit schönen Tafeln ausgestattet, die Kunstgeschichte geht ja mit der weltverwandelnden Fotografie Hand in Hand. Zu jeder Handschrift bietet Oechelhäuser eine ausführliche Abhandlung, deren Hauptzweck ist, die jeweiligen Bilder in die allgemeine Kunstgeschichte des Mittelalters einzuordnen. Minutiöse Beschreibungen von Einzelheiten meidet er im allgemeinen. Der Text ist ein Lesetext. Rein beschreibend ist das größte Unternehmen, das eigens zu dem Zwecke der Verzeichnung mittelalterlicher Buchkunst ins Leben gerufen wurde, ich meine das beschreibende Verzeichnis der illuminierten Handschriften in Österreich. Hier ist der Stil der Abhandlung fast ganz verlassen, hier wird Punkt für Punkt aufgezählt, was an Schmuck in einer Handschrift zu finden ist. Es wird nicht die kleinste Initiale vergessen. jeder dieser umfangreichen Analysen sind historische Daten über die Handschrift und kurze Angaben über den Inhalt vorangestellt. jedoch ist die Inhaltsangabe nun nicht mehr die Hauptsache, wie sie es in den alten Katalogen war, in denen der Buchschmuck oft kaum erwähnt wurde. Der kunsthistorische Katalog von und für Kunsthistoriker, von und für Spezialisten, hat sich Bahn gebrochen und sich als Gattung etabliert. Wir werden auch weiterhin an Kataloge von Miniaturen-Handschriften, von kundiger Hand verfaßt, denken müssen und gegen den Vorwurf der Einseitigkeit, der etwa erhoben werden könnte, kann der Einwurf einer einseitigen philologischen Betrachtung einer Handschrift gestellt werden.

Mir scheint angesichts dieses Widerstreites zweier Typen die Stunde gekommen, da der Bibliothekar, der die Handschrift als ein Ganzes vor Augen hat, sie auch als ein Ganzes betrachtet und beschreibt. Mangel an Spezialkenntnissen sollten ihn nicht daran hindern, die Erkenntnis, daß eben jede Handschrift ein Ganzes ist, in die Tat umzusetzen, nüchterner gesprochen, er sollte, da er doch den Einband schon genau zu beschreiben sich gewöhnt hat und die Einbandkunde auch eine bibliothekarische Wissenschaft ist, sich auch daran gewöhnen, Buchschmuck, Initialen, Miniaturen etwas genauer zu beschreiben als üblich ist. Er sollte zumindest soviel sagen, daß der Kunsthistoriker, der seinen Katalog benutzt, diejenigen Winke findet, die ihm, dem Kenner und Spezialisten, von Wert sein müssen. Verhalten wir uns doch dem Philologen, dem Theologen, dem Historiker gegenüber nicht anders. Wer [S. 31] verlangt genaue Kenntnis des kanonischen Rechts als Befähigungsnachweis für die Beschreibung einer kanonistischen Handschrift? Ich könnte das weiterspinnen, ich sage nur noch, daß ich mich in meiner Praxis daran gewöhnt habe, Beschreibungen des Buchschmuckes an das Ende der Gesamtbeschreibung zu stellen.

 
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