Neues Archiv 43 (1921)

Rezensionen und Anzeigen

 

Verweise:

OPAC der MGH-Bibliothek - MGH-Homepage

Gesamtindex NA 40-50, DA 50-54,1


    S.409

    11. Die ‚Peutingerstudien' von Erich König (Studien und Darstellungen aus dem Gebiete der Geschichte im Auftrage der Görres-Gesellschaft herausgegeben von Hermann Grauert 9. Bd., 1. und 2. Heft, Freiburg i. Br. 1914, 179 S.) bringen besonders interessante Aufschlüsse über Konrad Peutingers enge Beziehungen zu de Augsburger Grosshandel. Sie sind hier wegen der Mitteilungen über P.'s ungedruckte Schriften, namentlich das Kaiserbuch, aus dem Proben mitgeteilt werden, und wegen des letzten, kurzen Kapitels über P. als Bücher- und Hss.-sammler und die Schicksale seiner Bibliothek zu nennen. Aeltere Arbeiten werden dadurch in erwünschter Weise ergänzt, und im einzelnen berichtigt, so durch den Nachweis, dass Ch. G. v. Murr 1784 nur das Inventar von 1597 ausgeschrieben, nicht die damals wirklich vorhandenen Hss. aufgenommen hat (wie steht es mit den Angaben Veiths? geben diese den wirklichen Bestand von 1783 wieder?). Dankenswert ist auch der Nachweis von 82 heute noch erhaltenen Hss. (von ehemals etwa 170) in acht verschiedenen Bibliotheken; ihnen ist die (sonst erwähnte,{410} aber in diese Zusammenstellung nicht wieder aufgenommene) Tabula Peutingeriana anzureihen. Weitere Ergänzungen werden - hoffentlich und dem Verf. wohl selbst am meisten erwünscht - kaum ausbleiben. Eine genauere Untersuchung von Peutingers Kollektaneen auf ihre Quellen wäre sehr zu wünschen. Die Stuttgarter Hs. Hist. 247 (datiert vom 14. Juli 1506) enthält, um darauf ergänzend hinzuweisen, von der Hand Peutingers u. a. f. 141 f. die Constitutio de expeditione Romana (in MG. Const. I nr. 447 ebensowenig wie der Text in P.'s Kaiserbuch, cod. Aug. 2° 145, f. 15r-17r, benutzt) und f. 114-121 eine von Olenschlagers Druck vielfach abweichende Abschrift von Fidem Catholicam 1338 Aug. 8 (so!), die freilich keineswegs gut, gelegentlich aber doch beachtenswert ist. So heisst es hier gegen Ende: ‚Quamobrem de consilio et assensu prelatorum omnium et principum Alemaniae congregatorum in opido nostro Frankenfurt denuncciamus et dicimus processus et sentencias ... fuisse et esse nullas', und in der Datierung: ‚Datum in oppido nostro Franckenfurt, praesentibus praelatis prefatis et principibus ibidem nobis assistentibus, die VIII mensis Augusti, anno Domini MCCCXXXVIII, regni nostri anno XXIIII, imperii vero XI°'. Aus f. 143v derselben Hs. ergibt sich, dass Reg. imp. VI 1382 auch bei den Antonitern in Memmingen vorhanden war, also nicht besonders auf Rossdorf bei Frankfurt a. M. zu beziehen ist. Auch die Wiener Hs. 3334 (Chronik des Otto von Freising und des Otto von St. Blasien) muss Peutinger nach meiner Erinnerung einmal in Händen gehabt, wenn auch nicht besessen haben. - Durchaus zuzustimmen ist dem Urteil Königs, dass P. bei all seiner Belesenheit und Gelehrsamkeit weder als Kritiker noch als Geschichtschreiber, sondern nur als Sammler, hier allerdings, durch Heranziehung der Inschriften, Münzen und Urkunden doch in gewissem Sinne als Bahnbrecher zu den Führern des deutschen Humanismus gehört.

    Adolf Hofmeister


    S.410

    12. In den Veröffentlichungen der Gesellschaft für fränkische Geschichte, 5. Reihe, Bd. 1 (1914), publiziert A. Amrhein die Archivinventare der katholischen Pfarreien in der Diözese Würzburg; auf S. 102 nr. 1 wird eine bei Vogt, Regesten der Erzbischöfe von Mainz fehlende Urkunde des Erzbischofs Gerhard von Mainz von 1293 Mai 5 nach dem Original aufgeführt. Das älteste Original ist von 1258 (S. 768 nr. 1). Im zweiten Bande derselben Reihe verzeichnet F. X. Buchner (1918) die Archivinventare der kath. Pfarreien in der Diözese Eichstätt. Das älteste Original ist vom J. 1253 (S. 423 nr. 1); aus dem 14. Jh. sind einige Diplome Ludwigs d. Bayern zu erwähnen. Im Anhang werden die z.T. noch nicht vollständig bekannten sogenannten Schatzurkunden Herzog Ludwigs des Gebarteten von Ingolstadt für die Liebfrauenkirche daselbst und sonst dahin gehörige Urkunden abgedruckt, im ganzen 52 Stücke, die mit einer Ausnahme dem zweiten Viertel des 15. Jhs. angehören, darunter einige Diplome K. Friedrichs III. (nr. 36-39. 41-45). Diplomatisch von Interesse ist die namentliche und monogrammatische eingenhändige Unterschrift des Herzogs (und seines Sohnes) auf den von ihnen ausgestellten Urkunden, der diesen sonst erst später in Deutschland üblichen Brauch aus Frankreich übernommen hat, nachdem er zweimal mit Französinnen verheiratet gewesen ist. Sie unterschreiben daher auch: Loys.

    H.W.


    S.411

    15. so sorgfältig auch die Ausgabe der mittelalterlichen Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz vorbereitet wird, auf deren ersten Band im N. Arch. 41, 764 hingewiesen wurde, so sind doch Ergänzungen aufgrund späterer Funde bei einem solchen Werke von vornherein zu erwarten, und so kann Paul Lehmann als ersten Nachtrag bereits ein ‚Bücherverzeichnis der Dombibliothek von Chur aus dem Jahre 1457' veröffentlichen{412} (Sitzungsberichte der Münchener Akademie der Wissenschaften, Phil.-hist. Klasse 1920, vierte Abhandlung). Erwähnt seien daraus der Liber Pontificalis (G 13), eine Chronik von Christi Geburt bis 939 (G 12), einige Hss. mit Heiligenleben (G 20 ist wohl ‚Aniani' statt ‚Ariani' zu lesen), Cassiodors Varien, wenn diese wirklich mit der Bezeichnung ‚Formolarium Cassiodori secundum curiam Romanam' (B 9) gemeint sind, und das Gedicht Heinrichs von Neumünster (vgl. N. Arch. 38, 390) über die römische Kurie (B 10: ‚Ganfredus de statu curie Romane'). Der Herausgeber stellt auch alle anderen Nachrichten zusammen, die er über die Bibliothek hat ermitteln können.

    W.L.


    S.412

    17. Einen neuen (9.) Band der von Hans Lietzmann herausgegebenen Tabulae in usum scholarum widmet A. Hulshof der ‚Deutschen und Lateinischen Schrift in den Niederlanden' von 1350 - 1650 (Bonn 1918), von der nach der Weise der Sammlung auf 50 vortrefflich ausgeführten Tafeln Proben gegeben werden, die mitunter auch für die Zwecke der MG. gute Dienste leisten können. Von Geschichtschreibern des späten Mittelalters sind berücksichtigt die Reimchroniken des Melis Stoke (Taf. 2) und Jan van Heelu (8b), die Holländische Chronik (3) und die Weltchronik (11) von Beyeren (Claes Heynensoen), die sogenannte alte Chronik von Gouda (10a), die Geschichte der Herren von Arkel des Wilhelm von Berchen (13), das Chronikon dominorum de Brederode (20a), die Chronik Bekas (21) und die Chronik von Friesland des Worp von Thabor (34). - Ich benutze die Gelegenheit zum Hinweis auf das Werk von Justus Hashagen, Geschichte der Familie Hoesch, Köln 1911-1916, wohl die eingehendste und quellenmäßig am sorgfältigsten aufgebaute Geschichte einer deutschen bürgerlichen Familie, die im ersten Doppelbande und in der ersten Hälfte des zweiten Bandes auf mehr als 70 Tafeln Nachbildungen von Urkunden und Akten meist des Gebietes zwischen Maas und Rhein, namentlich aus Limburg, vom Ende des 14. bis ins 17. Jh. enthält und von der Schriftentwicklung dieses Gebietes so reiche Anschauung gewährt.

    Wilhelm Levison


    S.413

    23. M. Wehrmanns Geschichte von Pommern ist jetzt in 2. Auflage erschienen (Gotha 1919). Sie umfasst in gedrängter, aber immer auf sorgfältiger Benutzung der Quellen und der Literatur (mit Ausnahme der polnischen){414} beruhender Darstellung die Zeit von den prähistorischen Anfängen bis 1523. Die Einleitung mit ihrer Uebersicht über die Quellen und älteren Darstellungen der Geschichte Pommerns (S.1-14) gibt eine gute Orientierung.


    S.414

    24. In seiner ‚Geschichte von Mecklenburg' (Gotha 1920, XXXIV und 610 S. 8°) gibt Otto Vitense eine fleissige und für die neuere Zeit wohl nicht unverdienstvolle, meist gut lesbare Zusammenfassung auf Grund zum Teil reichlich vorliegender älterer und neuerer Vorarbeiten, die jedoch das leider vorläufig nur bis 1755 reichende Werk von Witte an Selbständigkeit der Forschung und energischer Durchdrinung und Verlebendigung der Entwicklung nicht erreicht. Am wenigsten befriedigend die 148 Seiten über das Mittelalter und die einleitende literarische Uebersicht; hier macht sich ein grösserer Mangel an wirklicher Vertrautheit mit den Originalquellen und wichtigen Problemen bemerkbar, als bei einem Teil der ‚Allgemeinen Staatengeschichte', in deren Abteilung ‚Deutsche Landesgeschichte' das Werk aufgenommen ist, angängig erscheint. Ungenügend ist auch für diesen Zweck die nicht fehlerfreie ‚Stammtafel des mecklenburgischen Fürstenhauses'.

    Adolf Hofmeister.


    S.416

    32. P. Kehr, Das Erzbistum Magdeburg und die erste Organisation der christlichen Kirche in Polen (Abhandlungen der preuss. Akademie der Wissensch. 1920 n. 1) erbringt gegen die Autorität Thietmars von Merseburg, dem bisher die deutsche und polnische Geschichtsforschung fast ausschließlich gefolgt war, aus scharfer Zergliederung der älteren und zuverlässigeren urkundlichen Zeugnisse den Nachweis, dass das Bistum Posen niemals zur Magdeburger Kirchenprovinz gehörte, sondern vielmehr als freies Missionsbistum einsetzte, um im J. 1000 bei Errichtung des Erzbistums Gnesen einer anderen Organisation Platz zu machen. Hervorgerufen ist der Irrtum in letzter Linie durch eine zu Beginn des 11. Jhs. (nach 1004 oder spätestens nach 1012) in Magdeburg entstandene, nicht einmal einem bestimmten Papst zuzuweisende gefälschte Papsturkunde (JL. † 3823 zu Johann XIV.). Dagegen wird die Echtheit der Urkunde Johanns XIII. für Magdeburg JL. † 3729 verfochten und die bisher von ihr gesonderte und ebenfalls verworfene Urkunde † 3730 als spätere verkürzte Fassung der ersten und daher als selbständige Urkunde überhaupt nicht zu zählend erwiesen. Auch auf andere Fragen, aus der Frühzeit der Magdeburger Kirche (Vorrechte, Kardinalat) fällt erwünschtes Licht.

    Michael Tangl


    S.421

    50. Die Arbeit über den ‚mittelalterlichen Stadtgrundriss im nördlichen Deutschland in seiner Entwicklung zur Regelmässigkeit auf der Grundlage der Marktgestaltung' von Dr.-Ing. Franz Meurer, Berlin [1914], 99 S., will im Städtebau des Mittelalters eine systematische und ununterbrochene Grundriss-Entwicklung nachweisen und dabei, ohne Einzelheiten auch nur annähernd zu erschöpfen, nur die allgemeinen Bildungsformeln zu erkennen suchen. Der Kolonialstadtgrundriss ist keine zusammenhanglose Neuerscheinung, sondern die Entstehung dieses Normalplans kann an den Städten des älteren Deutschlands nachgewiesen werden. Den Ausgangspunkt für die äussere Gestaltung des Stadtkörpers sieht er in dem Marktplatz; in der Entwicklung der Marktform von einer gelegentlichen Verbreiterung der natürlich verlaufenden Handelsstrasse zu dem planmässigen Ausbau des Strassenmarktes und dann dem räumlich geschlossenen, aber zunächst noch längsseitig an eine Hauptstrasse angelegten und schliesslich dem quadratischen oder quadratähnlichen Marktplatz bei den in unabhängigster Weise vollzogenen Gründungen der letzten Zeit ist zugleich die des Gesamtgrundrisses gegeben, der, immer einheitlich gedacht und in ein gewisses Verhältnis zur zentralen Platzanlage, dem Markt, gesetzt, gleich weit entfernt bleibt von einer absichtlichen malerischen Unregelmässigkeit wie von dem endlosen und gedankenarmen Aneinanderreihen gleicher Blockfiguren in neuerer Zeit. Unter den 55 Stadtplänen, die eine bequeme Uebersicht und Prüfung gestatten, hat auch das süddeutsche München als Gründung Heinrichs des Löwen eine Stelle gefunden.


    S.422

    57. Aus der stattlichen und inhaltreichen Sammlung geschichtlicher Aufsätze in zwei Bänden, die dem Löwener Historiker Charles Moeller aus Anlass seines goldenen Professorjubiläums (1913) von Schülern und Freunden gewidmet worden ist (Mélanges d'histoire offerts à Charles Moeller I. II = Université de Louvain, Recueil de travaux publiés par les membres des conférences d'histoire et de philologie 40 und 41, Löwen und Paris 1914), sind hier{423} mehrere Aufsätze des ersten Bandes zu nennen. J. Paquay (S.244-265) wendet sich mit Recht gegen die Annahme von Fr. Wilhelm (vgl. NA. 37, 331), dass der Verfasser der Gesta Servatii ‚politische' Absichten verfolgt habe, eine Annahme, die u. a. auch ich selbst zurückgewiesen habe (Westdeutsche Zeitschrift 30, 512 f.). F. Baix (S. 266-285) handelt über die beiden Viten des h. Remaclus in allem Wesentlichen in Uebereinstimmung mit Krusch (SS. rer. Merov. 5, 88 ff.), indem er namentlich auf die zweite Vita (von Notker und Heriger) ausführlicher eingeht. D. De Bruyne (S. 321-327) stellt die Belege für die seit dem 9. Jh. Begegnende Bezeichnung littera oder scriptura Romana zusammen und erklärt sie in überzeugender Weise (Kuriale bei Papsturkunden, Unciale bei Bücherschrift). M. Jacquin (S.328-336) erörtert die nicht immer einwandfreie, dem übrigen Wesen des Erzbischofs entsprechende Art, in der Hinkmar von Reims Augustin benutzt hat, stellt auch (S. 328 f.) die von ihm geschenkten, noch in Reims vorhandenen Hss. zusammen. Aus dem Vaticanus Palatinus Lat. 485 (9. Jh.), aus dem Werminghoff , NA. 27, 578 ff. Diözesanstatuten Waltkauds von Lüttich herausgegeben hat, veröffentlicht E. Vykoukal (S. 337-349) ein vielleicht aus derselben Gegend stammendes Kapitulare, anscheinend ebenfalls ein Deözesanstatut, über liturgische Dinge. C. Mohlberg (S.350-360) verfolgt die Spuren eines verlorenen liturgischen Werkes, des Liber capitularis, des Bischofs Stephan von Lüttich († 920) und macht seinen Widmungsbrief an Ruotpert von Metz bekannt, den er unterdessen im 2. Bande seines Werkes über ‚Radulph de Rivo' (Bd. 42 der genannten Löwener Sammlung, Münster i. W. 1915) S. 23 f. (vgl. 309) abermals herausgegeben hat. F. Lohier (S. 407-419) bespricht das älteste erhaltene Sakramentar des Klosters Saint-Wandrille (Rouen Y. 196, aus dem 11. Jh.). Mit Notariatskonzepten wesentlich auf Grund Belgischen Materials beschäftigt sich ein Aufsatz von F. Discry (S. 548-562). Endlich A. Van Hove (S. 602-625) behandelt die Bibliothek der Löwener Artistenfakultät um die Mitte des 15. Jh. Und veröffentlicht ein Bücherverzeichnis derselben aus jener Zeit.

    Wilhelm Levison


    S.423

    58. Die Studien zu Ammianus Marcellinus von Walter Klein, Klio, Beiträge zur alten Geschichte, 13. Beiheft, Leipzig 1914, 136 S., die teilweise auch als{424} Berliner Dissertation erschienen sind, behandeln im ersten Kapitel in eingehender Auseinandersetzung namentlich mit Seeck die Persönlichkeit des A. M., die Komposition seines Werkes und seine Entwicklung als Historiker, seine historischen Quellen (ausser persönlichen Erkundigungen und eigenen Aufzeichnungen die Annales des Virius Nicomachus Flavianus [- XXV 9, 363], ein nach Art des Thukydides rechnendes Werk eines anonymen Griechen [- 27. Mai 366], ein offizielles Verzeichnis der Präfekten von Rom mit genauen Daten und eine Chronik von Rom, endlich die Beschreibung des Perserkrieges von 363 durch Magnus von Carrhae). A. ist Heide, aber unparteiisch und kühl schwächt er häufig die Färbung seiner Quellen ab, die er vollständig wiederzugeben sucht, ohne bei Widersprüchen eine Entscheidung treffen zu können. Anfangs unselbständig, besonders wo er einer festgefügten Chronologie gegenübersteht, schiebt er die Abschnitte oder Sätze seiner Vorlagen ineinander und gibt so zunächst die Geschichte der Kaiser, die in einem festen chronologischen Schema von deren Aufenthaltsort und Taten unterrichtet.Von Buch XXI an zeigt er sich selbständiger bemüht, von höheren, allgemeineren Gesichtspunkten aus zu disponieren, und von Buch XXVIII an schreibt er von geographischen Gesichtspunkten aus Reichsgeschichte, wobei die Persönlichkeit der Kaiser zurücktritt und die Chronologie der geographischen Anordnung untergeordnet wird. Im zweiten Kapitel werden die Fragmente des Magnus von Carrhae aus Malalas, Zosimos, Ammian und Libanius zusammengestellt.


    S.427

    65. Emmanuel Munding, Das Verzeichnis der St. Galler Heiligenleben und ihrer Handschriften in Codex Sangall. N. 566 (Texte und Arbeiten herausgegeben durch die Erzabtei Beuron, 1. Abteilung, Heft 3/ 4), Beuron 1918, veröffentlicht aus der im Titel genannten Hs. Des früheren 10. Jhs. Ein Verzeichnis von damals im Kloster vorhandenen Heiligenleben. Es hat die Gestalt eines Kalenders, an dessen einzelnen Tagen mit den Namen der Heiligen ein Hinweis auf die ihre Passionen und Viten enthaltenden Hss. verbunden ist. Der Verf. untersucht im einzelnen, um welche selbst oder wenigstens in Abschrift noch vorhandenen Hss. es sich handelt, beschreibt sie eingehend und sorgfältig und erweitert so nicht unwesentlich unsere Kenntnis der St. Galler Passionare des 9. Und beginnenden 10. Jhs., wie er denn u.a. das zuerst von Krusch (SS. rer. Merov. 4, 38 f.; Ionae Vitae sanctorum S. 66 ff.) für die Merowingischen Heiligenleben herangezogene ‚Passionarium maius' (Zürich, Stadtbibliothek C. 10. i) vollständig analysiert. Das Verzeichnis selbst, auf das ebenfalls Krusch wiederholt Bezug genommen hatte, ist jetzt auch von Paul Lehmann, Mittelalterliche Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz 1, 1918 (s. NA. 41, 764), S. 89-99 veröffentlicht worden.

    Wilhelm Levison


    S.427

    67. George W. Robinson veröffentlicht in der Sammlung ‚Harvard Translations', die er 1914 mit einer Uebersetzung von Eugippius' Vita Severini begonnen hatte, die erste Uebersetzung von Willibalds Vita Bonifatii in englischer Sprache (The Life of Saint Boniface by Willibald, Cambridge, Harvard University Press 1916) und macht so diese Quelle auf der Grundlage meiner Ausgabe weiteren Kreisen des englischen Sprachgebiets zugänglich. Ueber die Beziehungen von Bonifatius zu dem Werke der keltischen Missionare sollte nicht nur auf die in Gesamtauffassung und Einzelheiten längst überholten Bücher von Ebrard verwiesen werden (S. 70 Anm. 4), und{428} Robinson zu Gunsten von 755 als Todesjahr des Bonifatius gegen 754 und Tangl geltend macht (S. 89 Anm. 2; vgl. S. 91 Anm. 1), ist teils ungenau, teils belanglos.

    Wilhelm Levison


    S.428

    68. Max Buchner, Forschungen zur karolingischen Kunstgeschichte und zum Lebensgange Einhards (Zs. Des Aachener Geschichtsvereins 40, 1918, S. 1-142; auch als Heft 210 der Studien zur deutschen Kunstgeschichte erschienen), führt Gedanken näher aus, die er kürzer bereits in der 3. Vereinsschrift der Görres-Gesellschaft für 1916, S. 27-38, vorgetragen hatte. Er legt dar, dass Einhard als Beseleel, wie er am Hofe Karls des Grossen bezeichnet wurde, nicht so sehr als Baumeister anzusehen sei, sondern, wie auch früher schon angesprochen worden ist, als Meister in kunstgewerblichen Arbeiten, vor allem im Erzguss, und dass seine Oberaufsicht über die ‚opera regalia' in Aachen nicht zum wenigsten den dortigen Werkstätten des Kunsthandwerks gegolten habe, wenn damit vermutlich auch die Aufsicht über die Bauten und ihre Ausstattung verbunden gewesen sei. Kann man soweit dem Verf. im wesentlichen unbedenklich folgen, so baut er darauf ein Fülle von Vermutungen auf, bei denen blosse Möglichkeiten sich in Wahrscheinlichkeit und Sicherheit verwandeln, ja bisweilen jeder feste Boden verlassen wird. So ist es doch nur eine unsichere Möglichkeit, dass der in Einhards Briefwechsel (n. 57, MG. Epist. 5, 138) begegnende Name Vussin aus Vulfin entstellt und sein Träger mit Meister Wolvin identisch ist, der kurz vor 835 für Erzbischof Angilbert II. von Mailand die kunstvolle Verkleidung des Hauptaltars in S. Ambrogio, den sogenannten Paliotto, geschaffen hat. Dass die karolingische Reiterstatuette im Museum Carnavalet in Paris nach einem Entwurfe Einhards hergestellt worden ist, ist ebenfalls nur eine unter vielen Möglichkeiten, zu deren Bejahung B. mehr geneigt ist, als mir im Tatbestand begründet zu sein scheint, zumal nicht einmal Sicherheit über die Person des dargestellten Reiters besteht. Auf alten Türen von St. Denis war noch im 18. Jh. zu sehen, wie der Künstler die Erzbeschläge dem hl. Dionysius darbrachte, mit einer an Ligaturen reichen, nicht ganz leicht lesbaren Widmungsinschrift, die zuerst Doublet (1625) so veröffentlicht hat:

    ‚Hoc opus Airardus, caelesti munere fretus,

    Offert, ecce! Tibi, Dionysi, pectore miti';

    {429} unter den dargestellten Personen las man ferner die Beischriften ‚Airardus monachus' und ‚Sanctus Dionysius'. Mabillon und Félibien, die nach eigener Anschauung über die Türen berichten, stimmen mit der Lesung Doublets überein, können dabei immerhin von ihm beeinflusst sein, und dieser könnte falsch gelesen haben - die Möglichkeit ist gewiss zuzugeben, aber ein besonderer Anlass zu dieser Annahme liegt nicht vor, und ich sehe keinerlei Notwendigkeit, Airardus mit B. in Ainhardus zu ändern und in Einhard den Schöpfer der Türen, in dem dargestellten Mönch sein Selbstbildnis zu erkennen. Sind uns denn alle damaligen Erzbildner bekannt, ist es denn sicher, dass nicht ein Mönch von St. Denis sich als ein solcher betätigt hat? Das älteste erhaltene Totenbuch von St. Denis stammt erst aus dem 12. oder 13. Jh., hat aber ältere Aufzeichnungen vom 9. Jh. an in sich aufgenommen (vgl. NA. 35, 19 Anm. 4); dort findet sich nicht weniger als viermal ein Airardus, Hairardus, Eirardus an 1. Stelle, einmal vor einem Bischof des 9. Jhs. (A. Molinier, Obituaires de la province de Sens [Recueil des historiens de la France] I, 1, 1902, S. 312. 315. 317. 331), zweimal an 2. Stelle (eb. 330. 332). Im Verbrüderungsbuch der Reichenau sind um 830 die ‚nomina monachorum ex cella Sancti Dyonisii, ubi confessor Christi Hilarus quiescit humatus' (eb. I, 2, 1021; Piper, MG. Libri confraternitatum S. 256), eingetragen worden, also der Mönche der von St. Denis abhängigen Zelle Salonnes im Metzer Sprengel (vgl. Tangl, NA. 32, 172. 191 ff.); der Vergleich mit der wenig späteren Liste von St. Denis selbst, die 838 bei der Gebetsverbrüderung mit St. Remi aufgestellt wurde (Molinier a. a. O. 1024), zeigt, dass Mönche aus dem Hauptkloster nach Salonnes geschickt worden sind, da nicht wenige Namen in derselben Folge (wenn auch teilweise durch andere Namen unterbrochen) in beiden Listen begegnen; da ist es zu beachten, dass sich in dem erstgenannten Verzeichnis ebenfalls ein Hairardus befindet (Piper Sp. 357, Z. 25). Es ist also wahrlich hinreichend mit der Möglichkeit zu rechnen, dass es damals in St. Denis einen Mönch dieses Namens gegeben hat, und welcher Unbefangene wird neben der Gestalt des hl. Dionysius bei der Unterschrift ‚monachus' an einen anderen denken als an einen Mönch des Heiligen selbst, ganz abgesehen von der Frage, ob Einhard bei allen mönchischen Neigungen und Betätigungen seines Alters einfach so als ‚monachus' bezeichnet werden konnte, wofür{430} man doch wohl einen Beleg verlangen darf? Dazu kommt die von B. nur in einem Nachtrag berücksichtigte Nachzeichnung der Inschriften, die der Utrechter Arnold van Buchel im September 1585 in sein Reisetagebuch eingetragen hat (s. die Ausgabe von L. A. van Langeraad und A. Vidier, Mémoires de la Société de l'histoire de Paris 26, 1899, S. 131), ohne die Buchstaben in ihren Verbindungen zu verstehen und nicht ganz ohne Versehen; aber seine Zeichnung bestätigt im allgemeinen die Lesung von Doublet, der ja auch öfter Gelegenheit und Musse zur Betrachtung hatte als der nur vorübergehend anwesende Niederländer, und zu den allerdeutlichsten Buchstaben von dessen Nachzeichnung gehört gerade das erste R im Namen des Mönches. So scheint mir die Umänderung des von Doublet und Nachfolgern Airard gelesenen Namens in Ainhard eine durch nichts begründete, recht willkürliche Vermutung, die durch das ältere Zeugnis van Buchels ohne weiteres widerlegt wird. In dem Empfänger G. von Einhards 18. Brief (Epist. V, 119), der als ‚gloriosus comes atque optimas' angeredet wird, sodass man in ihm den Pfalzgrafen Geboin vermutet hat, will B. den Hofbibliothekar Gerward erkennen, eine bare Unmöglichkeit bei jener Anrede, die nur auf einen hohen weltlichen Beamten, einen wirlichen Inhaber des Grafenamtes schliessen lässt, und so könnte man noch manche von diesen Ausführungen beanstanden, bei denen sich umfassende Gelehrsamkeit und ungezügelte Phantasie zu einem seltsamen Ganzen verbunden haben.

    Mit Einhard beschäftigt sich auch der dritte Aufsatz desselben Verfassers über das Formularbuch von St. Denis: ‚Zum Briefwechsel Einhards und des hl. Ansegis von Fontanelle (St. Wandrille)' in der Historischen Vierteljahrschrift 18 (1916), 353-385, in dem er meine ablehnenden Darlegungen zwar verzeichnet, aber eine Erwiderung erst für später in Aussicht stellt. Diesmal gelten seine Ausführungen Formular 17 (Zeumer, Formulae 504 f.), einem Briefe, dessen Verfasser und Empfänger er wieder mit beneidenswerter Sicherheit auf ganz unzureichende Gründe hin zu bestimmen weiss. Zwar lehnt er mit Recht eine Vermutung von Teulet ab, der den Brief Einhard hatte zuschreiben wollen; dafür sucht er den Abt Ansegis von St. Wandrille als Schreiber, Einhard als Empfänger und das Jahr 826 als Entstehungszeit zu erweisen. Daran ist richtig, dass es sich um zwei Aebte handelt, und dass das{431} Kloster des Absenders wohl nahe der Seine-Mündung gelegen war, wohin er Baustoffe gebracht haben wollte, was auf St. Wandrille, aber auch auf Jumièges passt. Wenn der Schreiber mit Bauarbeiten an seiner Klosterkirche (‚opus eclesie') beschäftigt war und dafür Blei und Bauholz nötig hatte, wo trifft dies bei Ansegis zu; aber wie viele Aebte jener Zeit werden in der gleichen Lage gewesen sein, ohne dass wir etwas davon wissen, weil ihr Koster keine Chronik von der Art der Gesta abbatum Fontanellensium hervorgebracht hat, und ich finde unter den von B. angeführten Tatsachen keine, die für Ansegis und Einhard besonders bezeichnend wäre. Vor allem hat B. es wieder versäumt, die Sammlung als Ganzes zu betrachten und bei der Deutung des Unsicheren von den gesicherten Daten auszugehen, wie ich es a. a. O. nach Zeumers Vorgang versucht habe, wo ich dessen Annahme erhärtet zu haben glaube, dass nichts in der Sammlung über die Zeit Karls des Grossen und das Jahr 802 hinausführt, dass vielmehr eine Reihe wesentlicher Tatsachen auf Abt Fardulf von St. Denis (793-806) als Urheber des Buches schliessen lässt. Es ist methodisch verfehlt, einzelne Briefe ohne zwingende Gründe aus dem örtlichen und zeitlichen Zusammenhang zu reissen, zumal auch hier eine bestimmte Zeit- und Ortsangabe auf 800 hinführt, also in den sich sonst ergebenden zeitlichen Rahmen hineinpasst, und mit vollem Recht haben Schüler Buchners (S. 365 Anm. 3), wenn man schon an St. Wandrille festhalten will, auf Abt Gervold (787-806) als wahrscheinlicheren Briefeschreiber hingewiesen, von dem gerade die Herstellung von Bleidächern auf zwei Kirchen neben anderen Bauten (dabei ‚sacrarium aecclesiae a fundamentis aedificavit') bezeugt ist, und ich vermag nicht einzusehen, warum ‚opus eclesie' nicht darauf gehen könnte. Wenn B. dem Absener des Briefes die Absicht zuschreibt, den Angeredeten auf einer Reichsversammlung zu Mainz zu vertreten (S. 360. 379), und daraus nicht unwichtige Folgerungen zieht (S. 381 f.), so hat er anscheinend die Worte ‚ut per nos veniatis' missverstanden; sie berichten nur von dem Plan des Empfängers, seinen Weg über das Kloster des Schreibers zu nehmen, von einer beabsichtigten Vertretung ist nicht die Rede. Nach den auch im übrigen wiederum mehr phantasiereichen als der Grenzen unseres Wissens und der Fülle der Möglichkeiten sich bewussten Ausführungen Buchners (wie der Deutung eines ‚locellus' auf eine Besitzung Einhards in Steinbach bei Michelstadt){432} scheint mir auch jetzt nicht der mindeste Anlass vorzuliegen, von der durch Zeumer begründeten Ansicht über die Entstehungszeit der Sammlung abzugehen.

    Wilhelm Levison


    S.432

    69. Kaiser Karls Leben von Einhard, die Geschichtschreiber d. deutschen Vorzeit Bd. 16, vierte Aufl., bearbeitet und erweitert von M. Tangl 1919, erscheint in ganz neuem Gewande. Abels Uebersetzung selbst machte nur wenige Aenderungen nötig, dagegen ist die Einleitung auf Grund der Fortschritte der Forschung, die zum nicht geringen Teil dem Bearbeiter selbst zu danken sind, völlig erneuert worden, und auch für die Erläuterungen war eine Neugestaltung unabweislich. Höchst dankenswert ist die Beigabe einer Auswahl aus den Einhardbriefen und der Winterfeldschen Uebersetzung von Pippins Avarensieg und des Planctus Karoli. Auch das Leben des heiligen Bonifazius von Wilibald, der h. Leoba und des Abtes Sturmi, nach den Ausgaben der Monumenta Germaniae übersetzt von M. Tangl, Geschichtschr. d. d. Vorz. 1919, Bd. 13, konnte als dritte vollständig neubearbeitete (und erweiterte) Auflage bezeichnet werden. Auch diesem Bande sind die Forschungen der letzten Zeit in weitestem Umfange zu gute gekommen, namentlich die Ausgabe der Vitae Bonifatii von Levison und der Bonifaziusbriefe von Tangl.

    Karl Strecker


    S.433

    72. Seinen 1870-81 erschienenen fünf Lieferungen der St. Gallischen Geschichtsquellen in den Mitteilungen zur vaterl. Geschichte usw. schliesst jetzt Meyer von Konau als 6. Band einen Neudruck des Monachus s. Galli an, der ja nunmehr viel sicherer als früher in Beziehung zu St. Gallen gesetzt sei. Derselbe 6. Band soll dann noch als zweite höchst erfreuliche Gabe Notkers Sequenzen herausgegeben von Jacob Werner bringen. Ein Anhang mit Nachträgen soll ein alphabetisches Ortsnamenverzeichnis zu dem gaugeographischen Exkurse zu Ratperts Casus S. Galli bringen. Der Abdruck folgt ganz der Jafféschen Ausgabe. Vorausgeschickt sind die bekannten Beweise für die Notkersche Autorschaft, wobei die Berührungen mit den Regesten der polymetrischen Vita s. Galli (vgl. NA. 38, 63 f.) vergessen sind, eine Besprechung des Werkes, Entstehung, Quellen, Inhalt. Ein kritischer Apparat ist nicht gegeben, dafür aber einzelne erklärende Noten. Den Schluß macht ein Verzeichnis der Orts- und Personennamen.

    L. Halphen, Revue historique 128, 260 ff., sieht in Notkers Werk eine Art Fürstenspiegel, dem jeder historische Wert abgehe.


    S.435

    76. Von grosser Bedeutung ist die Ausgabe der dänischen Annalen, die Ellen Jorgensen für Selskabet for Udgivelse af Kilder til dansk Historie besorgt (Annales Danici medii aevi. Editionem novam curavit Ellen Jorgensen. Forste Haefte. Kopenhagen, in Kommission bei G. Erich Casper Gad. 1920. 144 Seiten. Gross-8°). Die Quellen, die bisher meist bei Langebek und zum Teil am besten ganz oder auszugsweise in SS. 29 oder anderen Bänden der MG. gedruckt waren, werden hier auf umfassender handschriftlicher Grundlage und zum Teil etwas vollständiger und unter anderem Namen in übersichtlicher Sammlung vorgelegt. Die Einleitung unterrichtet knapp und klar über die infolge des grossen Brandes von 1728 besonders wichtige und verwickelte Ueberlieferungsgeschichte im allgemeinen und für jede Quelle besonders. Mit rühmlicher Vorsicht wird auch der Zusammenhang der verschiedenen Werke untereinander und ihr Verhältnis zu anderen Quellen berührt. Die Annahme verlorener Ann. Lundenses maiores als gemeinsamer Grundquelle erscheint jetzt, wohl mit Recht, als ganz aufgegeben. Nur am Schluss wird in Berührung mit C. Weibull wieder auf die Annahme eines verlorenen Annalenwerkes des 12. Jhs. als gemeinsamer Quelle für die Ann. Ryenses, Sorani, Lundenses und die von Weibull angenommene Quelle der Knytlingasaga zurückgegriffen. Sachliche Erläuterungen zu den Texten fehlen so gut wie ausnahmslos, doch wird am Rande auf benutzte Quellen oder Parallelberichte aus vermutlich gemeinsamer Vorlage hingewiesen und durch Anwendung verschiedener Drucktypen Entlehnung aus erhaltener oder, {436} soweit tunlich, aus mehr oder minder deutlich erkennbarer verlorener Quelle kenntlich gemacht. Die Ann. Waldemariani 1074-1219, Nestvedienses 1130-1228, Nestvedienses 821-1300, Sorani 1130-1300, Lundenses -1307 und Tyenses -1288 sind von 1130 an in Paralleldruck gegeben, dessen Verständnis jedoch jedesmal genaue Berücksichtigung der Einleitung voraussetzt. Als Ann. Sorani 1130-1300 werden hier die von Waitz sogenannten Ann. Vitescolenses bezeichnet, für die auch Schmeidler kürzlich Herkunft aus Soro vermutut hat (Hamburg-Bremen und Nordosteuropa S.31). Im Text der Ann. Lund. fehlt hier zu 767 das Chron. Lethrense, das bereits Gertz in den SS. minores historiae Danicae medii aevi I neu herausgegeben hat. Ausserdem werden hier gebracht der ältere Teil der Ann. Colbazenses -1181 (einschliesslich des kurzen bisher ungedruckten Abrisses der alten Geschichte vor Christi Geburt), Ann. Dano-Suecani 916-1263 (in einem dänischen Dominikanerkonvent geschrieben -1254, in einem schwedischen ergänzt und fortgesetzt), Ann. Slesvicences -1270 (hier zum erstenmal unter diesem Namen und vollständig, soweit in Vedels flüchtigen Notizen erhalten; vgl. NA. 12, 33 ff.), Annales 67 - 1287 (im Memorienbuch der Franziskaner von Wisby), Ex Annalibus Dano-Suecanis (826-1415, Ann. Sorani 1202-1347. In den Ann. Essenbecenses bricht diese erste Lieferung mit 1139 ab.

    Adolf Hofmeister


    S.436

    Curt Weibull antwortet in einer eigenen Streitschrift: Saxoforschung (Sonderabdruck aus der Historisk Tidskrift för Skaneland Bd. 7, 61 Seiten), auf die in dieser Zeischrift Bd. 41, n. 133, S. 774 f., genannten Ausführungen von Knud Fabricius, die gegen frühere Darlegungen von Weibull gerichtet waren. Unter Uebergehung der Elemente persönlicher Polemik sei folgender Sachgehalt aus W.'s Ausführungen wiedergegeben. Dass Stellen wörtlicher Uebereinstimmung zwischen Saxo und Sven Ageson durch den Gertzschen Text des letzteren wegfallen, sei richtig, erschüttere aber nicht die Tatsache der quellenmässigen Abhängigkeit Saxons von Sven. Dem ist unbedingt zuzustimmen. Die verlorene gemeinsame Grundlage von Saxo und der Knytlingasaga seien nach seinen früheren Ausführungen nicht verlorene dänische Reichsannalen gewesen - das sei lediglich ein Missverständnis von F. aus W.'s älterem Werk -, sondern ein Geschichtswerk von annalenartigem Charakter, etwa wie die grossen karolingischen Annalen und die späteren grossen deutschen Annalenwerke. Stellenweise hätten diesem Werke vielleicht auch direkt verlorene gleichzeitige Annalen zugrunde gelegen, aber es sei nach seiner Meunung nicht selbst ein einfaches Annalenwerk gewesen. F.'s eigene Hypothesen zur Erklärung des Zusammenhanges zwischen Saxo und Knytlinga-Saga lehnt er ab, an einen Ur-Saxo sei nicht zu denken; F. habe die Unterschiede zwischen beiden Werken viel zu gering eingeschätzt und vielfach direkt übersehen. F.'s Annahme, Saxo habe Helmold benutzt, lehnt er mit Recht ab, das ist vor Jahren bereits von Wigger gegen Schirren ausführlich widerlegt worden. Dass Waldemar I. selbst ein Hauptgewährsmann für Saxos Geschichtschreibung sei, F.'s Versuch einer Saxo-Chronologie auf Grundlage dieser Hypothese schwebe völlig in der Luft. Gegen F.'s gesamte Forschungsmethode und Darstellungsart (auch in der Polemik) richtet er sehr scharfe Angriffe, zum Schluss charakterisiert er grundsätzlich die alte und die neue Saxoforschung und sucht als den Hauptgehalt seiner Forschungen ebenso wie der seines Bruders L. Weibull herauszuheben, dass sie die dänische wie die gesamte nordische Geschichte von der alten Grundlage der einfachen Umschreibung der Worte der Chronisten (Saxo, Suorri Sturluson usw.) lösen und auf die allein zuverlässigen Quellen der Urkunden und der überall eindringenden Sachkritik stellen wollten. Ueber alle einzelnen Aufstellungen der Brüder Weibull wird noch viel gestritten werden können, die gesamte Richtung ihrer Untersuchungen ist jedenfalls, auch für die deutsche Wissenschaft, ausserordentlich beachtenswert.

    Bernhard Schmeidler


    S.439

    83. Als Vorarbeit zu einer Darstellung des äusseren und inneren Lebensganges des 'grossen Philosophen' gibt Franz Pelster S. J. 'Kritische Studien zum Leben und zu den Schriften Alberts des Grossen' (Ergänzungshefte zu den Stimmen der Zeit. 2. Reihe: Forschungen. Heft 4. 1920), in denen er zunächst die Quellen zum Leben des Albertus, unter denen ja Heinrich von Herford eine besondere Rolle spielt, kritisch untersucht, dann eine Reihe Daten, das Geburtsjahr, die Zeit des Kölner Aufenthalts u. a., feststellt und endlich zur Chronologie der philosophischen und dogmatischen Schriften, darunter des Aristoteles-Kommentars und der Summa, neue Aufschlüsse gibt. Ungedrucktes Material ist in reichem Umfange herangezogen und auch zur Lebensgeschichte des hl. Thomas wie zur Frage der Entstehung der Enzyklopädie des Vincenz von Beauvais enthält die Schrift beachtenswerte Ausführungen.

    Mario Krammer


    S.439

    84. In den Sitzungsberichten der Münchener Akademie 1920, 8. Abhandlung, veröffentlicht Cl. Bäumker aus Cod. Amplon. fol. 335 der Stadtbibliothek zu Erfurt einen Vortrag des Mag. Petrus de Hibernia, des Lehrers Thomas' von Aquino, der nach einer von König Manfred angeregten und vor ihm abgehaltenen Disputation über den Zweck in der Natur die Entscheidung gibt. Wir erhalten so ein neues Zeugnis für die Intensität der wissenschaftlichen, insbesondere philosophischen Interessen am neapolitanischen Hofe, und zugleich gewährt das bisher unbekannte Stück 'einen neuen Beitrag zur Geschichte der Umwälzung des philosophischen Denkens im aristotelischen Sinne, in der damals das eigentliche philosophische Leben sich abspielt'.

    Harry Bresslau


    S.440

    86. Georg Graber, Der Eintritt des Herzogs von Kärnten am Fürstenstein zu Karnburg (Sitzungsber. d. Wiener Akad. phil.-hist. Kl. 190 (1919) 5. Abhandlung) versucht es auf dem Wege einer volkskundlichen Untersuchung die einzigartigen Vorgänge bei der Erhebung der Kärntner Herzöge, welche die Forschung in den letzten zwei Jahrzehnten lebhaft beschäftigt haben, entgegen der bisher herrschenden Annahme starker slavischer Grundlage 'aus rein deutschem Rechtsempfinden heraus' zu erklären. Die Grundlage zu diesem Ergebnis schafft er sich dadurch, dass er anstelle der österreichischen Reimchronik und Johanns von Viktring den bisher allgemein als unbrauchbar erachteten Bericht bevorzugt, der sich als Nachtrag zu zwei Hss. des sogenannten Schwabenspiegels findet. Ich bedaure, die Arbeit als in Grundlage und Methode und daher auch in den Ergebnissen vollkommen verfehlt ablehnen zu müssen. Die nähere Begründung dieses Urteils und eine eigene quellenkritische Untersuchung der schwierigen Frage werde ich im NA. 44. Bd. 1. Heft vorführen.

    Michael Tangl


    S.440

    89. Mit den Werken des Veit Arnpeck von Georg Leidinger ist die wichtige Sammlung der bayerischen Landeschroniken des 15. Jhs. nur 12 Jahre {441} nach dem Erscheinen des 1. Bandes zum Abschluss gekommen, mit deren Durchführung die Historische Kommission bei der Münchener Akademie der Wissenschaften vorbildlich auf dem noch nicht genügend angebauten Felde der Quellenausgaben des späteren Mittelalters gewirkt hat (Quellen und Erörterungen zur bayerischen und deutschen Geschichte. Neue Folge. Dritter Band. Veit Arnpeck, Sämtliche Chroniken. Herausgegeben von Georg Leidinger. München 1915. CXXXV und 1014 Seiten 8°). Der stattliche Band enthält ausser einer ausführlichen Untersuchung über Leben und Werke des Schriftstellers (eines einfachen Geistlichen zunächst in Landshut, dann in Freising, von wo er vielleicht gebürtig war, Student in Wien 1454-57, † nach 22. September 1495, vielleicht bei der grossen Pest zu Ende dieses Jahres) die kritisch, "wenn auch nicht im Rahmen der 'Monumenta', so doch in ihrem Geiste" hergestellten Texte der lateinischen Chronica Baioariorum, der deutschen Bayerischen Chronik (meist Bearbeitung des lateinischen Textes, aber zuweilen doch offenbar früher geschrieben), des Chronicon Austriacum und des Liber de gestis episcoporum Frisingensium. Die mit letzterem übereinstimmende ausführlichere Fortsetzung des Conradus Sacrista seit 1381 nimmt L. wohl mit Recht gegen Waitz (in SS. 24) für A. als Verfasser in Anspruch. Durch knappe sachliche Erläuterungen und vor allem durch die mit unermüdlichem Fleiss und grosser Gelehrsamkeit nachgewiesenen Quellen ist die Benutzung in jeder Hinsicht erleichtert und eine höchst wertvolle Grundlage für weitere Forschungen geschaffen worden. Wenn hier kleine Ergänzungen und Verbesserungen möglich sind, so kann das die dankbare Anerkennung für das wohlgelungene Werk in keiner Weise beeinträchtigen. Für Otlohs Vita Bonifatii z. B. ergeben sich zu S. 73 aus Levisons Ausgabe der Vita s. Bonifatii (1905) ein paar Kleinigkeiten; die kleinen Abweichungen von der älteren Transl. Dionysii (die in SS. 30, 2 neu herausgegeben werden soll) sind nicht ganz genau angegeben (S. 109 ff.). Ein Zusammenhang des Conradus Sacrista mit der Wittelsbachischen Interpolation bei Otto Fris. Christlich. 6, 20 ist nicht nachzuweisen (zu S. 129 A. 3). Diese ist in Weihenstephan zwischen 1183 und 1200 entstanden; ihr Original liegt in Clm. 1001 aus Weihenstephan (A 3*) vor. 'Di römisch kronik' (S. 477 A. 1 und S. LXXXXIX) stammt aus Otto Fris. Christlich. 6, 13 ('Repperi ego in quibusdam Romanorum gestis ... Arnolfum in catalogo imperatorum taceri ... '),{442} vgl. 22. Nach Scheftlarn hatte Arnpeck wohl sicher Verbindungen (zu S. LVII und 225, 3), denn er hat anscheinend nach der Scheftlarner Hs. der Chronik Ottos von Freising den Text seiner Abschrift in Cod. Guelf. Helmst. 205 verbessert. Bei den Registern kann nicht leicht des Guten zuviel getan werden. Die Raumersparnis fällt meist kaum ins Gewicht. Ich habe den Grundsatz der MG., jedem Namen ohne Ausnahme einen eigenen Platz in der alphabetischen Reihenfolge anzuweisen und gleichzeitig reichliche Verweisungen zu geben, bei der Benutzung im allgemeinen doch als bequemer empfungen als das sonst weit verbreitete abgekürzte Verfahren (Fürsten usw. nur unter dem Landes- oder Geschlechtsnamen, Frauen ud Kinder nur unter dem Namen des Familienhauptes aufzuführen). Auch für ein lateinisches Glossar wäre mancher Stoff vorhanden (z. B. baronissa 311, 28; civissa 399, 11; cognata = Schwägerin 311, 31-32; ducare = Herzog sein 65, 3; mercancia 312, 23; merusa 280, 23; preurbium 6, 29; quittitas 68, 19; testudinare 62, 15).

    Adolf Hofmeister


    S.445

    104. G. Baeseler behandelt in ihrem Buche 'Die Kaiserkrönungen in Rom und die Römer von Karl d. Gr. bis Friedrich II. (1919)' den konstanten Gegensatz zwischen dem geistlichen und weltlichen Rom, wo im Anschluss an die Erhebung Karls erst die päpstliche Beamtenaristokratie, dann die Stadtgemeinde Einfluss auf die Besetzung des Kaiserthrones zu erringen suchte, und der nur ruhte in der Periode Theophylacts und der Crescentier, weil der Adel damals geistliche und weltliche Macht miteinander verband. Bei der Erhebung Friedrichs II. wäre ein Hinweis auf den Bericht des Chron. Ursp. (p. 99) über dessen Erwählung durch die Römer i. J. 1211 am Platze gewesen. Leider ist die Behandlung der für diese Fragen so wesentlichen Verhältnisse des 14. Jhs. auf spätere Gelegenheit vertagt.

    Mario Krammer


    S.445

    107. Nachdem in den letzten Jahren von verschiedenen Forschern die Wahlkapitulationen der Bischöfe von Mainz, Würzburg, Bamberg und Trier bearbeitet worden waren, liegt jetzt auch für das Eichstätter geistliche Territorium eine Untersuchung seiner alten 'Verfassungsurkunden{446} vor. Im 18. Heft der 'Freiburger theologischen Studien' behandelt L. Bruggaier eingehend und sorgfältig 'Die Wahlkapitulationen der Bischöfe und Reichsfürsten von Eichstätt (1259-1790)' sowohl nach der historischen wie nach der staatsrechtlich-kanonistischen Seite hin. Im Anhang sind die vier ältesten Urkunden z. T. erstmalig nach den Originalen bezw. Kopien abgedruckt.


    S.447

    112. In einer fleissigen, auch genealogisch interessanten Bonner (phil.) Dissertation v. J. 1918 behandelt J. Bast 'Die Ministerialität des Erzstifts Trier'. Den Mangel eines Dienstrechts und die Spärlichkeit der urkundlichen Ueberlieferung in diesem Gebiet sucht er durch eine Zusammenstellung der Ministerialengeschlechter zu ersetzen. Auf dieser Grundlage werden Ursprung, Verwendung und Entwicklung des Standes in Auseinandersetzung mit den landläufigen Theorien erörtert.


    S.447

    113. Der dritte Band der vom Verein für Geschichte der Stadt Wien (dem Nachfolger des 'Altertumsvereins') herausgegebenen 'Abhandlungen zur Geschichte und Quellenkunde der Stadt Wien' bringt unter dem Titel 'Aus der Zeit des österreichischen Faustrechts 1440-1463' eine schon im Herbst 1916 abgeschlossene Arbeit Karl Schalks, die erst nach dessen Tode 1919 erschienen ist. Sie darf wohl als das Lebenswerk des überaus fruchtbaren Wirtschaftshistorikers bezeichnet werden, da sie aus Anregungen hervorging, die der Verstorbene vor gut vierzig Jahren bei Uebungen im Institut für österreichische Geschichtsforschung unter Albert Jäger und Heinrich von Zeissberg empfing.

    Nach einer Einleitung über die soziale Gliederung der Wiener Bevölkerung im allgemeinen folgt der in fünf Kapitel mit zahlreichen Unterabschnitten gegliederte und mit mancherlei Beilagen ausgestattete Inhalt des Buches selbst. Das erste Kapitel behandelt die Finanzlage von Niederösterreich beim Tode König Albrechts II., das zweite die Landesfeinde während der Jahre 1440-61, das dritte den Bürgerkrieg in den Jahren 1461-62 bis zur Absage der Stadt Wien. Kapitel 4 bespricht das Verhalten des Wiener Patriziats in den Jahren 1452-1463, das letzte bringt Lebensläufe der führenden Patrizier dieser Zeit, die teils zum Kaiser standen, teils seine Gegner waren oder sich abseits hielten. Es folgen noch Mitteilungen über die patrizischen Organisationen und die geistige Kultur in Wien zu jener Zeit und Zusammenfassungen:{448} S. 485-491 über die Gründe, welche die Wiener zum Aufstand wider Kaiser Friedrich III. bewogen und S. 517-520 ein systematischer Hinweis auf jene Stellen des Werkes, die über Einrichtungen der Verfassung und Verwaltung von Staat, Land und Stadt sowie über die soziale Schichtung der Gesellschaft Aufschluss bieten. Sachindex und Glossar auf S. 503-516, die sich erfreulicherweise auch auf die ergänzende Abhandlung des Verf. im Jahrbuch 1914/15 des Ver. f. Landeskunde v. NÖ. über 'die Wiener Handwerker um die Zeit des Aufstandes 1462 und die Bevölkerungszahl von Wien' erstrecken, nebst Inhaltsverzeichnis auf S. 521-524 beschliessen und erschliessen das Werk, das der Verf. bescheiden als moderne kritische Chronik bezeichnet hat. Ueber den Leserkreis hinaus, den Schalk dabei im Auge hatte, wird seine Arbeit, zumal dem Forscher auf dem Gebiet der Gesellschaftsgeschichte, mannigfache Anregung bieten und verlässliche Stütze sein.

    Arnold Luschin von Ebengreuth


    S.449

    117. Liegt 'das fränkische Sacramentarium Gelasianum in alamannischer Ueberlieferung' des Codex Sangallensis, n. 348, mit dessen Ausgabe P. Kunibert Mohlberg eine neue Sammlung: 'Liturgiegeschichtliche Quellen' eröffnet (Münster i. W. 1918), auch im allgemeinen dem Arbeitsgebiet der MG fern, so sei doch auf den Versuch hingewiesen, die Hss. in 'rätischer' Schrift zusammenzustellen (S. LXXXVII ff.), und auch die Zusammenstellung der orthographischen Besonderheiten des codex (S. LXVIII ff.) kann bei anderen Arbeiten von Nutzen sein Aus dem Text der St. Galler Hs. erwähne ich das Horologium, eine Stundentafel mit der Länge des menschlichen Schattens für die einzelnen Monate (S. 254, vgl. S. LV ff.). Ueber die bisher geleistete Arbeit auf dem Gebiete der Liturgiegeschichte und die Ziele des neuen, von deutschen Benediktinern begonnenen weitausgreifenden Unternehmens berichtet derselbe Verfasser in einem ersten Hefte 'Liturgiegeschichtlicher Forschungen' (Ziele und Aufgaben der liturgiegeschichtlichen Forschung, Münster 1919).

    Wilhelm Levison


    S.449

    119. Die Arbeit von P. Odilo Schmidt O. F. M. 'Untersuchungen zu den Breslauer Bischofskatalogen' (Darstellungen und Quellen zur schlesischen Geschichte Bd. 25, 1917) gibt nach einer Uebersicht der Hss. und Ausgaben dieser Quellengruppe die Geschichte ihrer Entwicklung bis zum Ende des 15. Jhs. und Einzeluntersuchungen über den Heinrichauer, den Leubuser und den 'Urkatalog-Chorus Wratislaviensis'.


    S.450

    126. Die Königsberger Dissertation von Hans Schmauch, die zugleich in der Zeitschr. f. ermländische Geschichte und Altertumskunde 20. Bd. 1919 erschienen ist, untersucht 'die Besetzung der Bistümer im Deutschordenstaate bis zum J. 1410', indem sie zunächst die tatsächlichen Vorgänge bei den Neubesetzungen in den einzelnen Bistümern nach chronologischer Reihenfolge feststellt. Ein 2. und 3. Teil, der im 21. Bd. derselben Zeitschrift erscheint, wird die Untersuchung über die Abgrenzung päpstlichen und territorialen Einflusses bringen.


    S.451

    129. Georg Schreiber liefert auf Grund umfassender Forschung in seinem Buch 'Mutter und Kind in der Kultur der Kirche', Freiburg i. Br. Herder, 1918, dessen Hauptziele an Gegenwartsfragen anknüpfen, auch wertvolle Ausführungen zur Geschichte der Caritas im Mittelalter, da er seine Darlegungen auf der Grundlage der Synodalbeschlüsse, der Bussbücher, des Corpus iuris canonici und der Diözesanstatuten aufbaut und im späteren Teil auch unveröffentlichtes Material heranzieht.


    S.454

    142. Unter dem Titel 'Untersuchungen zu Urkundenfälschungen des Mittelalters' veröffentlicht Wilhelm M. Peitz S. J., im 3. Ergänzungsheft zu den Stimmen der Zeit, zweite Reihe, sein mehrfach angekündigtes Buch über die Hamburger Fälschungen (Freiburg i. Br. 1919 bei Herder), und setzt damit seine grossen Offensiven gegen die alte Diplomatik und ihre bisher als uneinnehmbar geltenden Positionen fort. Gelehrsamkeit, Scharfsinn, dialektische Geschicklichkeit sind auch dieser Arbeit wie den früheren, mit denen Peitz Aufsehen erregte, in hohem Masse eigen, und immer bleibt es sein Verdienst, dass er die Forschung nötigt, ihre bisherigen Ergebnisse zu revidieren und die neuen Gedanken zu erwägen, die er vorbringt. Es sind unzweifelhaft Ideen von grosser methodischer Bedeutung. So dringt er auf eine Revision unserer bisherigen Vorstellungen von den mittelalterlichen Fälschungen: das ist wohl seine Generalidee. Auch im einzelnen betätigt er sich als - manchmal glücklicher - Neuerer, wie wenn er in den vorliegenden Untersuchungen den Liber diurnus in den Vordergrund stellt und aus dessen Verwertung wichtige Ergebnisse zu gewinnen versucht. Trotzdem halte ich seine Offensive gegen die Hamburger Fälschungen für im wesentlichen gescheitert. Dass eines seiner Hauptargumente, die Kritik der Vita Anskarii und ihrer Ueberlieferung, völlig zusammengebrochen ist, davon hat wenigstens mich der ausgezeichnete Aufsatz von W. Levison in der Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte Bd. 23 in jeder Richtung überzeugt. Aber auch seine anderen Argumentationen erscheinen mir je länger je weniger sicher und brüchig. Ich hoffe bald Gelegenheit zu haben, die Bewertung der Hamburger Papsturkunden durch Peitz im Rahmen der Germania pontificia genauer nachzuprüfen und meinen abweichenden Standpunkt ausführlicher darzulegen.

    Paul Kehr


    S.455

    146. H. Bresslau 'Aus der ersten Zeit des grossen abendländischen Schismas' (Abhandlungen der preuss. Akad. d. Wiss. 1919 nr. 6) veröffentlicht und erläutert aus zwei Hss. aus Reims und Carpentras-Paris mehrere bisher ungedruckte Urkunden und Aktenstücke, die auf Fragen der Ausgestaltung der Obödinez des avignonesischen Gegenpapstes Bezug nehmen. Am bedeutsamsten ist das auch im Faksimile beigegebene Stück n. VIII, eine eigenhändige Aufzeichnung P. Clemens' VII., in der er die Wege erörtert, die aus dem Schisma herausführen könnten, und Vorschläge und Gegenvorschläge nebeneinanderstellt.


    S.456

    148. Die 'Geschichte des Hafenorts Warnemünde' von Friedrich Barnewitz, Rostock 1919, kann auch an dieser Stelle genannt werden, weil in ihr neben vielen anderen ansprechenden, leider nirgends zusammengestellten Abbildungen die Urkunden des Fürsten Heinrich Borwin III. von Rostock vom 25. März 1252 (MUB. II, nr. 686; in der Mitte zwei Zeilen stark beschädigt; das Datum ist ganz in Ordnung) und des Fürsten Heinrichs II. des Löwen von Mecklenburg vom 11. März 1323 (MUB. VII, nr. 4424) mit ihren Siegeln, die zweite freilich in der starken Verkleinerung nicht sehr deutlich, wiedergegeben sind. Das Buch ist ein mit grosser Liebe gearbeiteter Beitrag zur niederdeutschen Volkskunde und Ortsgeschichte.

    Adolf Hofmeister


    S.460

    168. Im 26. Bande der Darstellungen und Quellen zur schlesischen Geschichte (Breslau 1919) handelt Konrad Wutke eingehend 'über schlesische Formelbücher des Mittelalters'. In der Einleitung wird eine grössere Reihe von Formularbüchern besprochen, ihre Abhängigkeitsverhältnisse und Grundlagen erörtert; sodann werden die auf Schlesien bezüglichen Stücke der Summa Nicolai aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhundert. aus einer Innsbrucker Hs. vollständig mitgeteilt und ausführlich erläutert (bei drei Formularen sind die zugrunde liegenden Urkunden in der Urschrift erhalten), endlich folgen Analysen eines Formularbuches der bischöflich Breslauer Kanzlei und einer aus der Propstei Grünberg stammenden Sammlung, die zu einer Oberschlesischen in enger Beziehung steht. Da sich als Quellen teilweise die Briefsteller des Thymo von Erfurt, Peter von Hall und Nikolaus von Habelschwerdt ergeben, berührt das Buch sich so mit der im NA. 37, 381 besprochenen Arbeit des als Opfer des Krieges weiteren Studien auf diesem Gebiet entrissenen Peter Wolff und fördert ebenfalls beträchtlich unsere Kenntnis der Formularbücher des späteren Mittelalters. Leider fehlt ein Verzeichnis der Textanfänge, das die Benutzung solcher Quellen für manche Zwecke wesentlich erleichtern würde.

    Wilhelm Levison


    S.461

    172. Das von Dr. Johannes Meyer für den Thurgauer historischen Verein herausgegebene Thurgauische Urkundenbuch hat eine eigentümliche Geschichte. Es begann mit dem zweiten Bande, der mit dem Jahre 1018 einsetzte; die für einen ersten Band bestimmten Urkunden, die grösstenteils schon im St. Gallischen Urkundenbuch gedruckt waren, sollten gelegentlich später nachfolgen. Von diesem zweiten Bande sind in den Jahren 1882-1884 vier Hefte erschienen, in denen die Sammlung bis zum Jahre 1246 geführt war; dann stellte der Herausgeber, dessen eigenartige Editionsgrundsätze allgemein missbilligt waren, verärgert die Publikation ein, und die vier Hefte blieben ein Torso, schwer benutzbar auch durch den Mangel an Registern. Erst 1917 ist die Arbeit wieder aufgenommen worden; der Kantonsarchivar F. Schaltegger hat in diesem Jahre das fünfte und Schlussheft des zweiten Bandes, das bis 1250 reicht und Berichtigungen und Nachträge, sowie Orts- und Personenregister enthält, herausgegeben; ihm sind dann bis 1919 zwei Hefte des dritten Bandes (bis 1270) gefolgt. Hier sind die eigentümlichen Editionsregeln Meyers natürlich aufgegeben, und man darf nun auf ein regelmässiges Fortschreiten des Werkes hoffen.

    Harry Bresslau


    S.462

    173. Otto Seeck, durch seine Ausgabe des Symmachus einst auch Mitarbeiter der MG., veröffentlicht ein einem umfangreichen Quartbande ‚Regesten der Kaiser und Päpste für die Jahre 311 bis 476 n. Chr.' (Stuttgart 1919). Bekanntlich sind zahlreiche Datierungen des Codex Theodosianus falsch und wenigstens in vielen Fällen nicht durch Schuld der Ueberlieferung, sondern sind von vornherein durch die Bearbeiter der Rechtssammlung entstellt worden. Seeck, den seine soeben mit dem 6. Bande vollendete ‚Geschichte des Untergangs der antiken Welt' dauernd zur Beschäftigung mit dem Rechtsbuche nötigte, hat sich bereits früher nicht ohne den Widerspruch Mommsens bemüht, über die blosse Feststellung des Falschen hinaus zu dessen Erklärung und Berichtigung zu gelangen, und so dient auch das vorliegende Buch als Abschluss dieser Studien vor allem der ‚chronologischen Kritik' des Theodosianus. In einleitenden Untersuchungen behandelt der Verf. systematisch die Fehler und Fehlerquellen der Zeitangaben (so der Konsulate, Postkonsulate und Tagesangaben), der Ortsangaben und Ueberschriften, die Aenderungen, Tilgungen und Zusätze, die sie erfahren haben; diese Kritik bildet die Grundlage für den Hauptteil des Bandes, die ‚Regesten'. Ihren Kern stellt dar ein zeitlich geordnetes Verzeichnis der 311 beginnenden einzelnen Gesetze des Theodosianus und darüber hinaus des Codex Iustinianus bis zum Ende des abendländischen Reiches, wobei der Inhalt nur durch kurze Schlagworte angedeutet wird, sodass es sich nicht um Regesten im landäufigen Sinne handelt; in diese Reihe der Gesetze hat Seeck andere bedeutsame Tatsachen und Ereignisse eingeordnet, deren Tag feststeht oder deren Zeit sich wenigstens in engere Grenzen einschliessen lässt, wie zeitlich bestimmte Papstbriefe, auch Himmelserscheinungen. Die Regesten umfassen so nicht nur das Itinerar der Kaiser, sondern ergeben ein chronologisches Gerippe des ganzen Zeitraums, das als Hilfsmittel für die Benutzung der in die Auctores antiquissimi aufgenommenen Quellen auch an dieser Stelle des Hinweises bedarf. Im einzelnen hat Seecks Versuch, die unrichtigen Datierungen des Codex Theodosianus auszuscheiden und durch die wirklichen Daten zu ersetzen, oft natürlich nur zu Wahrscheinlichkeiten geführt, deren grösseres oder geringeres Mass hier nicht beurteilt werden kann; da er aber durch kursiven Druck in den Regesten alle Abweichungen von den überlieferten Angaben gekennzeichnet und diese daneben verzeichnet hat, so bleibt die Brauchbarkeit der Regesten bestehen, auch wenn seine Vermutungen hie und da fehlgegangen sein sollten. Ein Verzeichnis der Gesetze nach der Ordnung der Sammlungen mit den berichtigten Zeitansätzen ermöglicht es, jedes von ihnen in den Regesten aufzufinden. Endlich sind Register beigegeben, unter denen Verzeichnisse der Personen im allgemeinen und der weltlichen und kirchlichen Beamten im besondern das Werk auch als ‚Vorarbeit zu einer Prosopographie der christlichen Kaiserzeit' benutzbar machen, als welche es der Untertitel des Bandes bezeichnet.

    Wilhelm Levison


    S.464

    180. Es sind rund hundert Jahre verflossen, seit die Palimpsestfunde besonders von Angelo Mai und Niebuhr die Begeisterung der Zeitgenossen weckten, genau ein Jahrhundert, seit Leopardi jenen als den ‚scopritor famoso' verherrlicht hat (vgl. Traube, Vorlesungen und Abhandlungen 1, S. 97 ff.). Vielleicht hat heute ein neuer Zeitraum solcher Entdeckungen begonnen, seit an die Stelle der Verwendung chemischer Reagenzien mit ihren schädlichen Nachwirkungen verschiedene photographische Verfahren getreten sind. E. Pringsheim und Gradenwitz haben vor bald einem Menschenalter damit den Anfang gemacht (Verhandlungen der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin 13, 1894, S. 58-60; Eders Jahrbuch für Photographie und Reproduktionstechnik 15, 1901, S. 52-56); dann haben sich die Benediktiner von Beuron der Sache angenommen, besonders P. Raphael Kögel und P. Alban Dold (vgl. u. a. Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens 33, 1912, S. 309-315 und 34, 1913, S. 127-136; Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1914, S. 974-978; Zentralblatt für Bibliothekswesen 34, 1917, S. 233-250), haben ein eigenes Palimpsestinstitut begründet, das auch Aufnahmen für andere besorgt, und haben nun begonnen, mit den Ergebnissen ihrer Tätigkeit hervorzutreten. Brachten die ersten Veröffentlichungen (Spicilegium Palimpsestorum I, 1913; Texte und Arbeiten herausgegeben durch die Erzabtei Beuron, 1. Abteilung, Heft 1/2 und 5, 1917 und 1919) Neues zur Geschichte des Vulgatatextes und der Liturgie, worauf hier nicht näher einzugehen ist, so kommt die neueste Mitteilung von P. Emmanuel Munding umsomehr für weitere Kreise der Geschichtsforschung in Betracht (eb. Heft 6: Königsbrief Karls d. Gr. an Papst Hadrian über Abt-Bischof Waldo von Reichenau-Pavia, Beuron 1920, Vertrieb durch O. Harrassowitz in Leipzig). Aus dem Münchener Codex Latinus 6333, den schon Niebuhr 1816 als Palimpsest erkannte, indem er das Getilgte ‚beinahe ganz unlesbar' fand und unrichtig als Rest eines Evangeliars bestimmte (Lebensnachrichten über Barthod Georg Niebuhr II, 1838, S. 229), veröffentlicht Munding einen Brief Karls des Grossen an Hadrian I., ein Schreiben, das wie die beigegebene verkleinerte Nachbildung zeigt, dort als untere Schrift in gleichzeitiger Abschrift fast vollständig erhalten ist (U. 7 ist ‚Veri' wohl in ‚Vestri' zu verbessern); auch die kleinen, durch Beschneiden der Ränder entstandenen Lücken sind mindestens dem Sinne nach einwandfrei ergänzt. Karl fordert darin den Papst auf, dem von ihm zum Bischof von Pavia bestimmten Walto die bischöfliche Weihe zu erteilen. Es handelt sich offenbar um Waldo, Abt von St. Gallen (782-784), dann der Reichenau (786-806), schliesslich von St. Denis, einen Schützling Karls, dem dieser nach einer nun teilweise bestätigten Angabe der Translatio sanguinis Domini c. 3 und 11 (SS. 4, 447 f.) eine Zeit lang die Bistümer Pavia und Basel übertragen hat. Bekanntlich sind im Codex Carolinus nur die meisten Briefe der Päpste an die Karolinger bis 791 erhalten, aber die entsprechenden Schreiben der Frankenfürsten verloren; um so erwünschter ist der Fund, dessen Inhalt ein Gegenstück zu Codex Carolinus 70 (MG Epist. 3, 600) bildet, wo Hadrian berichtet, dass er auf Karls Wunsch einen Bischof Petrus geweiht habe. Der neue Brief fällt in die Zeit von 781-795; der Herausgeber sucht ihn im Hinblick auf die für diese Zeit recht fragwürdigen Bischofskataloge von Pavia und aus anderen auch kaum ausreichenden Gründen genauer dem Jahre 791 zuzuweisen, was doch sehr unsicher bleibt, und ich weiss auch nicht, ob das Schweigen des Codex Carolinus bei dessen Lücken berechtigt, wenigstens die Jahre 791-795 anzunehmen. Zweifelhaft bin ich auch, ob Munding die vorliegende Abschrift mit Recht auf Waldos Kloster Reichenau zurückgeführt hat. Die Hs. ist später in Freising gewesen, und auf Bayern weisen von Teilen der getilgten Schrift doch wohl auch eine Litanei mit den Namen von Rupert, Korbinian und Emmeram (S. 49) und eine neue Fassung der Synodalbeschlüsse von Reisbach, Freising und Salzburg (vgl. Werminghoff, MG. Concilia 2, 205 ff. und in der Festschrift Heinrich Brunner dargebracht, 1910, S. 39 ff.) - die Abschrift könnte so z. B. mit Karls bayrischem Aufenthalt von 791-793 in Zusammenhang stehen. Doch das sind Fragen von untergeordneter Bedeutung, die das Verdienst des Herausgebers nicht mindern, und man darf auf weitere Mitteilungen aus der Hs. gespannt sein,{466} namentlich auch auf ein nach ‚villae' geordnetes Verzeichnis (‚breve') von Einkünften und Besitzgegenständen (S. 47, 59), in dem der hl. Bavo öfter genannt wird, im Hinblick auf Dopsch, Die Wirtschaftsentwicklung der Karolingerzeit 1, S. 64 ff. Der Brief eines Bischofs an Karl scheint leider grösstenteils unlesbar zu sein (S. 46).

    Wilhelm Levison


    S.466

    181. Das Buch von Ernst Perels: ‚Papst Nikolaus I. und Anastasius Bibliothecarius. Ein Beitrag zur Geschichte des Papsttums im neunten Jahrhundert', Berlin (Weidmann) 1920, ist aus der Bearbeitung der Briefe jenes Papstes für die MG. (Epist. 6, 2, fasc. 1, 1912) hervorgegangen, und der zweite Teil des Bandes dient unmittelbar dem Bedürfnis des Herausgebers, sich von der Herkunft und Entstehung der von ihm bearbeiteten Quellen ein deutliches Bild zu verschaffen, während der erste, grössere Teil seinen Ursprung mehr dem begreiflichen Wunsche verdankt, mit dem entsagungsvollen Pflichten des Editors die reizvollere Aufgabe des Darstellers zu verbinden. Perels gibt hier die Geschichte des Papstes und seines Pontifikats, indem er unter Verzicht auf viele Einzelheiten mit ruhigem Urteil und vorsichtiger Scheidung von Sicherem und Wahrscheinlichem die ‚Grundzüge' seiner Politik erzählt und nach der Uebersicht über die Geschehnisse auch Nikolaus' Auffassung von der Stellung und den Aufgaben seines Amtes kurz und treffend kennzeichnet, mit dem Ergebnis, dass die Bedeutung von Persönlichkeit und Pontifikat für die Geschichte des Papsttums nicht sowohl auf dem Gebiete der Theorie wie auf dem der praktischen politischen Betätigung liegt. Fällt somit der erste, darstellende Teil des Buches im allgemeinen aus dem Rahmen dieser Zeitschrift, die es nur mit den Quellen, nicht mit dem aus ihnen erschlossenen Geschehen zu tun hat, so fällt der zweite, überwiegend den charakter der Untersuchung tragende Teil unmittelbar in ihren Bereich. A. Lapôtre hat in seinem heute schwer zugänglichen Buche über den Bibliothekar Anastasius (1885) die Anschauung vertreten, dass die Politik Nikolaus' I. viel weniger von dem Papste selbst bestimmt worden sei als von seinem Berater Anastasius, dass im besondern auch die im Namen des Papstes ergangenen Briefe, in denen sich schon den Zeitgenossen, dessen machtvolle Persönlichkeit zu bekunden schien, in Wirklichkeit von Anastasius verfasst worden seien. So beschäftigt sich Perels denn im zweiten Teil mit der Frage nach dessen Anteil an Nikolaus' Briefen und der darin vertretenen Politik, indem er eine Geschichte des bewegten Lebens des gelehrten Abtes und späteren päpstlichen Bibliothekars vorausschickt, für dessen Identität mit dem Kardinalpriester und Gegenpapst von 855 er in einem besonderen Exkurse mit Recht eintritt; das Schwergewicht ist auf die politische Seite in Anastasius' Leben gelegt, seine Uebersetzungs- und überhaupt seine literarische Tätigkeit wird dagegen nur zusammenfassend berührt. Sodann wird gegenüber den scharfsinnigen, aber willkürlichen Phantasien von Lapôtre mit Umsicht und Vorsicht durch den Vergleich mit Form und Inhalt der gesicherten Schriften des Anastasius festgestellt, dass er in der Tat um die Wende vo 861 auf 862 vor allem wegen seiner griechischen Kenntnisse in den Dienst des Papstes gezogen worden ist und ohne förmliches Amt als ‚Sekretär' an der Abfassung von dessen Briefen teilgenommen hat, dass andererseits aber auch ein unmittelbarer Anteil von Nikolaus, mitunter an demselben Briefe, sich mit ziemlicher Gewissheit, erkennen lässt und alle Wahrscheinlichkeit dafür spricht, dass der Papst, auch wo er die Fassung des Wortlauts dem Gehilfen überliess, doch selbst ‚Inhalt und Geist' der Briefe bestimmt und überhaupt die Zügel der Regierung in der Hand behalten hat. Anastasius hat so zwar am ‚Diktat' der Briefe bedeutenden Anteil gehabt, aber der darin sich äussernde Wille und teilweise auch die Form gehören dem Papste an, sowenig sich die Herkunft des Wortlauts im einzelnen oft abgrenzen lässt - dies ist das Hauptergebnis der Untersuchung, die mir in allem Wesentlichen überzeugend erscheint. - Noch eine Einzelheit: Das Vorbild für eine S. 251 f. erörterte ‚wohl nicht originelle Redensart' ist vielleicht Hieronymus' Epitaphium Paulae c. 13 (Epist. 108 ed. Hilberg, Corpus script. eccles. Latin. 55, 323): ‚Dies me prius quam sermo deficiet, so voluero cuncta percurrere'.

    Wilhelm Levison


    S.468

    187. Von den ‚Fontes rerum Austriacarum' 2. Abt. erschien als 68. Band: Der Briefwechsel des Eneas Silvius Piccolomini, herausg. von Rud. Wolkan, III. Abt.: Briefe als Bischof von Siena, 1. Bd.: Briefe von seiner Erhebung zum Bischof von Siena bis zum Ausgang des Regensburger Reichstages (23. September 1450 bis 1. Juni 1454). (Wien 1918, in Komm. bei Alfr. Hölder).{469} Der Band umfasst 292 private Briefe und19 amtliche Schreiben aus Eneas' Feder; davon stehen in der Nürnberger und Basler Ausgabe nur 38, während 102 überhaupt noch ungedruckt waren. Besonders umfangreiche Schriftstücke sind: nr. 12. Contra Bohemos et Thaboritas, de communione sub utraque, nr. 178. De poesi und nr. 291. Die dieta Ratisponensi. Die Ausgabe stützt sich in erster Linie auf die bereits von Ant. Weiss (Aeneas Silvius Piccolomini als Papst Pius II. Graz 1897) benutzte Hs. im Cod. 3389 der Wiener Hofbibliothek; W. hält dieselbe aber nicht, wie Weiss und Voigt, für ein Konzeptbuch des Eneas, sondern für eine spätere Abschrift zu literarischen Zwecken, von Eneas redigiert zu der Zeit, als er bereits Kardinal war. Dazu schöpfte der Herausgeber noch aus den eng zu einander gehörenden Hss. Ottob. 347, Vatic. lat. 1787, Urb. 401 und Laur. 54, 19, sowie aus der angeblich aus Wolfenbüttel stammenden Hs. Weiss. 90, deren Herkunftsort er aber in Böhmen vermutet. Ein Register der Orts- und Personennamen beschliesst die 634 Seiten starke Ausgabe.

    Karl Demeter


    S.469

    188. In den Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein Heft 102 (1918), S. 40-81 druckt, übersetzt und erläutert F. Schröder den Bericht des Klevers Arnold Heymerick, Dekans von Xanten, über seine Reise über den Grossen St. Bernhard Anfang November 1460, den dieser unter dem Namen seines Begleiters Ludwig von Koblenz an dessen Bruder Peter schickte (‚Epistula Ludovici de Confluentia, ibidem canonici, servitoris domini Arnoldi decani Xantensis, ad fratrem suum, scholarem Xantensem, de successu Romani initeris, dictata per eundem decanum').


    S.469

    189. Aus W. Meyers letzten Lebensjahren ist eine Reihe seiner stets so fördernden Beiträge zur Kenntnis der mittellateinischen Literatur, speziell ihrer Formen, hier anzuführen; sie sind sämtlich in den GGN. erschienen. In einem Festvortrage 1914 ‚Der Kölner Archipoeta' legt er seine bekannte Auffassung dieses Mannes dar. 1915 ‚Der Rhythmus über den h. Placidas-Eustasius'. Im Anschluss an diesen Rhythmus hat er eingehende Studien über diese anziehende Passion gemacht und gefunden, dass nicht die von den Bollandisten gedruckte Fassung die Vorlage gewesen ist, sondern eine kürzere lateinische Form, die er in sechs italienischen Hss. aufgespürt hat und hier{470} zum ersten Mal drucken läßt. Dabei wendet er sich lebhaft gegen die verbreitete Anschauung, dass bei einer Legende, die in lateinischer und griechischer Fassung vorliegt. die griechische im allgemeinen als die ursprünglichere anzusehen sei. Ferner hat er beobachtet, dass die Strophen des Rhythmus sämtlich gereimt sind, dass aber e mit i, o mit u reimen kann; dasselbe Gesetz wird noch in anderen lateinischen Gedichten der Merovinger- und Karolingerzeit nachgewiesen oder wahrscheinlich gemacht. Seine Ausführungen über den Zeilenbau des Rhythmus haben mich nicht völlig überzeugt. - Gegen W. Meyers Wertung der kürzeren lateinischen Fassung wandte sich W. Bousset GGN. 1916, 745 ff. siegreich ab. Seine Auffassung findet er dann bestätigt 1917, 1 ff. ‚Ueber die Neuaramaeische Placidas-Wandergeschichte von A. Hilda und W. Meyer. - 1916 ‚Die Verskunst derIren in rythmischen lateinischen Gedichten'. An der Hand von Blumes Hymnodia Hiberno-Celtica An. hymn. LI legt er die schon oft von ihm berührte grosse Bedeutung der Iren für die lateinische Rhythmik dar; vornehmlich handelt er über Silbenzahl, Reim und Stabreim. Bei den Iren gingen die Angelsachsen in die Schule, so wird anschliessend die Verskunst Aethilwalds Auct. antiquiss. 15 besprochen. Aus seinem Nachlass herausgegeben wurde 1917 das Bruchstück eines Gedichtes aus der Karolingerzeit aus Bodlej. Laud. n. 252 und eine rhythmische Paraphrase des Sedulius aus Paris. 9347, im 9. Jh. in Reims von einem Iren geschrieben. Schliesslich 1917, 597 ff. eine poetische Nachlese aus dem sogenannten Book of Cerne in Cambridge und dem Londoner Codex Regius 2 A XX. Aus dem reichen Inhalt interessieren vor allem Verse, die W. Meyer mit Manitius für den erklärenden Text eines Bildes hält, das Christi Himmelfahrt und die Haltung der einzelnen Jünger unter dem Eindruck dieses Ereignisses darstellte, und Gedichte Bedas. Auf die Verskünste der Iren fällt S. 600-607 neues Licht, S. 620 ff. sind für die Geschichte der Reimprosa wichtig.

    Karl Strecker


    S.471

    193. L. Simons hat seine zahlreichen Arbeiten über den Waltharius ein einem dicken Buche ‚Waltharius en de Walthersage' 1914 zusammengefasst, vgl. NA. 39, S. 591. Man liest das Buch mit grossem Interesse, wenn auch nicht überall mit Zustimmung, doch kann hier auf Einzelheiten nicht eingegangen werden. Auf die Deutung von v. 735 in austrum = in den Wind, mache ich besonders aufmerksam. Hofst. III will nachweisen, dass wir die Bearbeitung Ekkehards IV. haben, was ich noch immer nicht glaube, wenn ich auch Winterfelds These, dass Hrotsvit das Gedicht gelesen habe, längst fallen gelassen habe (NA. 37, S. 876, n. 255); wie schwierig die Frage zu entscheiden ist, ersieht man daraus, dass M. Wilmotte, La patrie du Waltharius, Revue historique 127, 1918, 1 ff. den Geraldus wieder zum Dichter des Epos macht und ihn nach St. Èvre setzt in der ausgesprochenen Absicht, es für Frankreich zurückzugewinnen. Darüber habe ich einiges in einem kurzen Aufsatz Franci nebulones Zs. f. d. A. 57, 185 gesagt.

    Einen direkten Zusammenhang zwischen Waltharius und Waldere, vermittelt durch Bischof Cynewold von Worcester, der St. Gallen besuchte und dort Gerald und Notker kennen lernte, möchte A. Leitzmann, Walther und Hiltgunt bei den Angelsachsen, 1917, annehmen.

    Karl Strecker


    S.471

    194. In der Geschichte der deutschen Literatur bis zur Mitte des elften Jahrhunderts von Wolf von Unwerth und Theodor Siebs, 1920, ist die Behandlung der in Betracht kommenden lateinischen Stücke verhältnismässig kurz und wenig fördernd, oft zum Widerspruch reizend. Vom Waltharius haben wir nach {472} Siebs die Bearbeitung Ekkehards IV., während er dies 1916 in den Mittteil. d. schles. Ges. f. Volkskunde 18, 232 glatt ablehnt. Darüber sind ja bekanntlich die Ansichten geteilt, aber mit welchem Recht der Vf. behauptet, Walth. 1453-55 seien von Ekkehard IV. zugefügt, ist mir nicht klar. Er hat wohl niemals Verse des letzteren mit dem Waltharius verglichen, denn dann würde er schwerlich diese These mit solcher Sicherheit (‚offenbar') vertreten. Lebhaft interessiert hat mich § 54 ‚Der althochdeutsche Reimvers'. Die dort S. 193 erwähnten lat. Gedichte stehen PAC IV, S. 637-640 und 484.

    Karl Strecker


    S.475

    209. Auf den Zusammenhang zwischen Beständen der Klosterbibliotheken und den Reliquien in den Altären der Klosterkirchen weist E. A. Stückelberg hin (Zs. f. d. Gesch. des Oberrheins NF. 35, 103 ff.) an Hand der St. Galler Reliquienverzeichnisse, mit dem Ergebnis, dass zu jeder Reliquie sich auch in der Bibliothek Literatur über den betr. Heiligen befindet. Er schliesst daraus, dass bei Erwerbung resp. Ueberweisung solcher Reliquien auch darauf Wert gelegt wurde, was zu Schlüssen auf die Herkunft vieler Codices führen könne, sowie umgekehrt, dass aus der Existenz solcher Codices in der Bibliothek z. B. einer Columban-Hs. in Reichenau einstiges Vorhandensein von Reliquien dieses Heiligen daselbst zu entnehmen sei.


    S.476

    214. A. Mayer unterzieht in seiner Münchener Dissertation vom Jahre 1916 die Quellen zum Fabularius des Konrad von Mure einer sorgfältigen und eingehenden Kritik. Wenn er mit der Frage schliesst, ob es nicht zweckmässsig sei, den alten Kantor von Zürich eine fröhliche Urständ erleben zu lassen und seinen Fabularius als Repräsentanten für die Geistes- und Unterrichtsgeschichte der Zeit neu herauszugeben, so ist diese Frage durch die lehrreiche Arbeit durchaus im bejahenden Sinne beantwortet, und es ist zu wünschen, dass des Mayer noch einmal beschieden ist, uns diese Neuausgabe zu schenken.


    S.628, 43

    220. Von der Neubearbeitung des Verzeichnisses der Münchener deutschen Hss. ist der erste Band erschienen, Die deutschen Pergamenthandschriften 1-200 der Staatsbibliothek in München beschrieben von Erich Petzet 1920. Die zuerst 1909 bei den Sanskrithss. durchgeführte eingehendere Art der Beschreibung ist erfreulicherweise auch hier beibehalten worden; wie gross der Fortschritt ist, mag man daraus ersehen, dass den 360 Textseiten des Bandes nur 20 Seiten der ersten Bearbeitung entsprechen. Dazu kommen 4 Indices. Wenn auch die lateinischen Hss. einmal in dieser Weise bearbeitet sein werden!


    S.628, 43

    221. Die Liste der von Maugérard aus Luxemburg nach Paris geschafften Hss. war bisher trotz der Arbeiten von Delisle, Reiners, der Bollandisten und Traubes nur sehr unvollständig und unsicher bekannt. H. Degering, Hss. aus Echternach und Orval, Festschrift für F. Milkau 1921, 48 ff., zeigt, dass sie festzustellen ist mit Hilfe der von Maugérard ausgestellten Quittung, die, schon 8146 von Clasen gedruckt, unbeachtet geblieben ist; eine zweite inhaltlich völlig gleiche Liste liegt im Düsseldorfer Staatsarchiv. Degering druckt am Schluss beide Listen neben einander ab und identifiziert die 84 Hss. mit voller Sicherheit, einige wenige mit grosser Wahrscheinlichkeit. Darauf folgen 2 Tabellen nach der Standortsnummer im suppl. lat. und der jetzigen Signatur. - Neben diesem wichtiger Ergebnis fällt neues Licht auf Maugérards Tätigkeit.

    Karl Strecker


    S.628, 43

    222. In der Festschrift für Adolf v. Harnack ‚Fünfzehn Jahre Königliche und Staatsbibliothek' (Berlin 1921) behandelt H. Degering ‚Das Prümer Evangeliar in Berlin' (Ms. lat. theol. Fol. 733), dessen Erwerbung aus der Sammlung Görres mit Recht als ein Ruhmestitel der Harnackschen Verwaltung gepriesen worden ist. Es wird es auch bleiben, selbst wenn D. Recht behält, dass diese Hs. nicht das berühmte Evangeliar ist, das Kaiser Lothar U. im J. 852 der Abtei Prüm schenkte, wie bisher allgemein angenommen worden ist. Das soll vielmehr der Pariser Codex lat. 266 sein. Darüber hinaus erörtert D. auch die berühmte These L. Delisle's über die Schreibschule von Tours und deren Entwicklung und Ausbreitung; er neigt dazu, das Prümer Evangeliar einer der rheinischen, von Tours abhängigen Schreibschulen, Aachen oder Cornelimünster oder Prüm selbst, zuzuweisen.


    S.629, 43

    225. Die übliche Jahrhundertfeier hat auch die Erinnerung an die 1817 ‚aufgefundene' Königinhofer Handschrift geweckt und zu dem Berg von Schriften über dieses Thema aus früherer Zeit eine neue hinzugefügt, die Erwähnung verdient. Unter dem auf den ersten Blick etwas bangmachenden Titel ‚Hat Hanka die Königinhofer Handschrift geschrieben?' (tschechisch), untersucht V. Hruby die Fälschung ausschliesslich von der paläographischen Seite. Aber mit einer Genauigkeit und Gründlichkeit, dass man vielleicht sagen darf: dass, wenn man gleich zu Beginn des Streites in dieser Weise die Schrift des Falsifikats geprüft hätte, zum mindesten ein höchst beachtenswertes Verdachtsmoment aufgedeckt worden wäre. Die K. H. ist bekanntlich nicht Hankas einzige Leistung auf dem Gebiet der Handschriftenfälschung; die Liste ist vielmehr ganz ansehnlich: die Grüneberger Handschrift, das Fragment des Johannes-Evangeliums, die Glossen in der Mater verborum, die Uebersetzung des Psalms 109 und des Anfangs von Psalm 145, das Lied auf den Wischehrad, das Liebeslied des Königs Wenzel, die Weissagung der Libuscha, abgesehen von Beischriften in einigen Bilderhandschriften, durch die deren heimische Provenienz erwiesen werden sollte. H. unterzog sich der mühseligen Arbeit, aus jedem dieser Stücke das Alphabet paläographisch festzustellen und nachzuweisen, dass gewisse Buchstabenformen in völlig übereinstimmender Weise in ihnen wiederkehren, ferner dass bald diese bald jene aus diesen Stücken erwiesene Form in der Schrift der K. H. von neuem auftaucht, schliesslich das Hanka's eigene Handschrift, die man zur Genüge kennt, manchen charakteristischen Zug aufweist, der in den gefälschten Schriften auffällt. Auf diesem Wege stellt H. eine ganz beachtenswerte ‚Filiation' her, die, wie er im Schlusswort betont, eigentlich auch den Ungläubigsten überzeugen müsste, deren es also offenbar noch immer etliche zu geben scheint. Durch genügende photographische Beigaben wird die Möglichkeit gegeben, {630} sich selber eine Vorstellung von diesen Schriften zu machen, die zum Teil so vorzüglich gefälscht sind, dass sie nicht nur einen Palacky, sondern auch - um nur ihn zu nennen - einen Wattenbach täuschen und irreführen konnten. Und nicht nur das, sondern Palacky und andere zu bewussten, begeisterten Verteidigern der Echtheit dieses und jenes Stückes machten, und sich durch die von anderen Seiten längst und entschieden ausgesprochenen Zweifel nicht belehren liessen, sie vielmehr auf das bestimmteste bekämpften. Die fleissige Studie erschien im Cesky casopis historicky 23, 1-37, 280-309 (1917), mit einem kurzen Nachtrag S. 399/400.

    Berthold Bretholz


    S.630, 43

    228. In einer Auseinandersetzung mit Friedrich Sönnecken, dem Vorkämpfer der Antiqua, hat Gustav Milchsack (†), ‚Was ist Fraktur' in Kommission bei Friedr. Vieweg & Sohn in Braunschweig 1918, 51 Seiten, aus eingehender Kenntnis des Gegenstandes heraus sehr anregende und fördernde Studien zum Verständnis des Wesens der Fraktur und über die Entwicklung der Druckschriften bis ins 16. Jh. veröffentlicht. Er betont die Initiative Albrecht Dürers bei der Schaffung der Fraktur, die freilich schon 1524, früher als Dürer selbst mit ihr in die Oeffentlichkeit trat, in der Offizin Lukas Cranachs d.ä. in Wittenberg und kurz hernach und in anderer Zurichtung bei Petrejus in Nürnberg erschien und mit der in demselben Jahre bei Wolf Klöpfel in Strassburg mehrere Bücher gedruckt wurden, ‚jedoch in einem etwas verschiedenen, vielleicht von Dürer verworfenen Schnitt'. Es ist sehr zu bedauern, dass der Tod des gelehrten Verfassers die weitere {631} Ausführung und nähere Begründung dieser temperamentvollen und mehrfach umstrittenen, aber immer belehrenden Ausführungen verhindert hat. Den Widerspruch von J. Zeitler in der Zeitschr. f. Bücherfreunde 11 (1819/20), 1. Spalte, 56 f. und die dort angeführten Darlegungen von Kuhlmann hat er noch kurz vor seinem Tode brieflich ausdrücklich als unhaltbar bezeichnet.

    Adolf Hofmeister


    S.631, 43

    229. Vor ganz neue Aufgaben stellt E. Norden die Forschung durch sein ausserordentlich fesselndes Buch Die germanische Urgeschichte in Tacitus' Germania, 1920 bei Teubner. Die vergleichende Methode, die man bisher auf dies Grundbuch deutscher Geschichte nicht in ausreichendem Masse angewendet hat, liefert dem Vf. überraschende Ergebnisse: die germanische Ethnographie steht am Ende einer langen Reihe, die mit den Altioniern anhebt, die archaiomania Germanikhder ersten Kapitel trägt griechisches Kolorit, Züge, die wir uns gewöhnt haben als besonders charakteristisch für unsere Vorfahren anzusehen, insbesondere das ‚tantum sui similis gens' sind völkerkundliche Wandermotive, die bei alten griechischen Ethnographen nachgewiesen werden, und der so unendlich oft behandelte ‚Namensatz' Cap. 2 findet durch die Erkenntnis seine Erklärung, dass er griechisch stilisiert ist (‚a victore' = apo tou nichsantoV , ‚a se ipsis' = uj eautwn). Die Fülle des Stoffes, der hier seinen Meister gefunden hat, ist ungeheuer. Eine Frage aber, die dem Leser ständig vorschwebt, wird nur gestreift: Wie weit steht hinter der typologischen Fassung Realität?

    Karl Strecker


    S.631, 43

    Das zweibändige Werk von Alfons Dopsch, Wirtschaftliche und soziale Grundlage der europäischen Kulturentwicklung aus der Zeit von Caesar bis auf Karl d. Gr. (1, Wien, Seidel, 1918, 404 S., und 2, 1920, 542 S.) ist eine Leistung grossen Zuges, auf die kritisch und im einzelnen einzugehen hier viel zu weit führen und von unseren engeren Aufgaben, für die sich das Werk nur mit den beiden ältesten und so gut wie abgeschlossenen Abteilungen näher berührt, ablenken würde. Auf die allgemeine und grosse Bedeutung für die Wirtschafts-, Kultur- und Rechtsgeschichte sei aber mit Nachdruck hingewiesen. Der grosse und allgemeine Hauptgedanke ist der, den Zusammenhang zwischen römischer Grundlage und germanischer Weiterentwicklung als einen möglichst engen, vielseitigen, durch die Stürme und Wandlungen der sog. Völkerwanderung nur unwesentlich gestörten, zu keiner Zeit und auf keinem{632} Gebiet ernstlich, geschweige denn vollständig unterbrochenen zu erweisen. Das wird nacheinander auf dem Gebiet der Landnahme und Bodenwirtschaft, der Städtesiedlungen und des Münzwesens, aber auch für die frühmittelalterliche Kirche und das Lehenswesen verfolgt, dessen Anfänge weit in die Merovingerzeit hinaufgerückt werden.

    Von demselben Vf. ist der 1. Bd. der ‚Wirtschaftsentwicklung der Karolingerzeit' (vgl. NA 38, 352 n. 77) in zweiter, veränderter und erweiterter Auflage erschienen (Weimar, Böhlau, 1921, 402 S.), die vor allem wieder auf den Verlauf der Streitfrage über das Capitulare de villis eingeht.


    S.632, 43

    231. Das bekannte Werk, von O. Kämmel, ‚Der Werdegang des deutschen Volkes', behandelt in seinen ersten beiden Bänden, die jetzt in vierter Auflage (bearbeitet von A. Reimann) vorliegen, die Urzeit und deutsch-römische Kaiserzeit (bis 1273), sowie das ausgehende Mittelalter und die Reformation (bis 1648) unter starker Berücksichtigung auch des wirtschaftlichen und kulturgeschichtlichen Elements.


    S.632, 43

    233. Aus der ‚Festgabe, Gerhard Seeliger zum 60. Geburtstage dargebracht', Dieterichsche Verlagsbuchhandlung Leipzig 1920, 240 S., ist hier die sehr knappe, oft nur andeutende, aber recht erwünschte Uebersicht über ‚Die deutschen Reichsfarben' während des alten Reiches von Erich Gritzner zu nennen, in der namentlich das erste Auftreten der verschiedenen Farben und ihrer Verbindungen (immer zu 2, nie zu 3) festzustellen gesucht wird. (Der Adler ist, wie ergänzend bemerkt sei, schwarz schon auf der Scheide des Zeremonienschwertes der Wiener Schatzkammer, für dessen Beziehung auf die Heirat Heinrichs VI. mit Konstanze von Sicilien Anfang 1186 neuerdings W. Erben in der Zeitschr. f. hist. Waffenkunde 8, Heft 12, S. 363 entschieden eingetreten ist). Von den übrigen Beiträgen sind neben Benno Hillingers Untersuchung über den ‚Rauminhalt der Kölner Hohlmasse des Mittelalters', die von einer Aufzeichnung aus St. Severin um die Mitte des 13. Jhs. ausgeht, und {633} Walter Gerlachs Bemerkungen ‚Ueber den Marktflecken- und Stadtbegriff im späteren MA. und in neuerer Zeit', vor allem zu nennen die scharfsinnigen Beobachtungen von Joh. Kühn ‚Zur Kritik der Weistümer', die, wesentlich an oberrheinischen Quellen gewonnen, allgemein fruchtbar erscheinen, ferner die anregende Studie von Fritz Rörig, ‚Luft macht eigen', und die Schilderung der inneren Organisation der ‚deutschen Marken im Sorbenland' (bis rund 1200) von Rudolf Kötzschke, der ein ‚Verzeichnis der Reichslehen des Markgrafen Friedrich des Strengen' von Meissen aus dem Jahre 1349 beigegeben ist.

    Adolf Hofmeister


    S.633, 43

    234. In der Reihe der deutschen Landesgeschichten herausgegeben von Armin Tille erschien 1920 von Hans Pirchegger, dem verdienten Mitarbeiter am histor. Atlas der österr. Alpenländer, der erst bis 1283, das ist bis zum Beginn der Habsburger Herrschaft reichende Band einer ‚Geschichte der Steiermark' (Gotha, Perthes 436 S.). Die Stärke des Werkes ruht in den historisch-topographischen und dann in den genealogischen Untersuchungen, bei denen manch neue und nicht unwichtige Ergebnisse gewonnen werden. In der Frage der Ortsnamenforschung gibt P. die Erkenntnis aus den verschiedenen philologischen Lagern wieder, ohne sich einseitig festzulegen. Die wichtigen Geschehnisse der Reichsgeschichte sind für die Darstellung in guter Auswahl und im allgemeinen auch zuverlässig übernommen, bis auf die vereinzelte, aber bösartige Entgleisung S. 156, wo die Königskrönung Friedrichs I. in den Juli 1152 und nach Regensburg verlegt wird. Die richtige Deutung des irreführenden Ausdrucks bei Otto von Freising (coronatur = ging unter Krone) steht bereits bei Simonsfeld, JB. Friedrichs I., 1, 100 A. 312. Gegen die Darstellung der wichtigen Vorgänge, welche den Anfall Steiermarks an Osterreich vorbereiteten, habe ich doch mehrfache Einwendungen. Die rechtsgeschichtlich überaus wichtige Nachricht von der Vorbereitung der Vereinigung durch einen symbolischen Scheinkauf ist S. 167 viel zu sehr obenhin abgetan. Sie findet sich nicht allein in der Vorauer Fälschung, deren Tendenz nicht gerade hierin steckt und die daher die Stelle doch schon aus ihrer Vorlage übernommen haben dürfte, sondern auch bei Enikel mit Berufung auf schriftliche Aufzeichnungen bei den Schotten und, doch wohl unabhängig von beiden, auch in der österr. Reimchronik. Für den Georgenberger Vertrag ist die neue Arbeit von Rauch (Zeitschr. d. Savigny-Stiftung f. Rechtsgesch.{634} germ. Abt. 38 B.) auffälligerweise nicht benutzt. Die Herzogsurkunde mit dem ‚Fridericus puer dux Austriae' als Zeugen ist nicht, wie P. S. 168 annimmt, Weihnacht 1185, sondern 1186 ausgestellt (vgl. Arch. f. österr. Gesch. 76, 61 f. A. 1) und daher nicht Vorstufe, sondern Folgeerscheinung des Georgenberger Vertrags. Die in der Tat sehr schwer zu fassende Urkunde K. Friedrichs II. von 1249 April 20 BF. 3773 wird S. 207 entsprechend der allgemeinen, auch von Ficker vertretenen und von mir früher geteilten Annahme als Fälschung verworfen. Aber Ficker selbst hat a.a.O. daneben den Weg der Deutung als echte Empfängerausfertigung gewiesen, der mir jetzt näher zu liegen scheint.

    Michael Tangl


    S.634, 43

    237. Von F. Güterbock ist nun zur Stellungnahme zu den inzwischen neu aufgeworfenen oder beleuchteten Streitfragen und zu Ergänzung und Berichtigung seiner früheren Darlegungen ein neues Werk: Die Gelnhäuser Urkunde und der Prozess Heinrichs des Löwen (Hildesheim und Leipzig 1920) erschienen, das 1914 schon im wesentlichen fertiggestellt war. Als das gesichertste und wohl auch bedeutendste positive Ergebnis ist zu bezeichnen, dass das Original der Gelnhäuser Urkunde, das grundlegende Dokument über den Prozess wider den Löwen, wieder voll und fraglos lesbar und daher benutzbar gemacht wurde, indem es ihm gelang durch komplizierte, zum Teil erst durch Prof. Mente erfundene Verfahren und durch Behandlung mit Reagentien den ursprünglichen Text wieder ans Licht zu bringen. Durch eine gelungene Reproduktion ist dieser Zustand festgehalten und kann an seinem, dem nun allein zuverlässigen, weil fehlerfreien Abdruck nachgeprüft werden. Allerdings ist auch in dieser Reproduktion{635} nicht jede Einzelheit sichtbar, aber G. hat photographische Aufnahmen in den verschiedenen Stadien des Wiederherstellungsprozesses machen lassen und ausserdem seinen Druck unter fortwährender Beachtung alles dessen, was auf dem Original bei günstigster Beleuchtung noch hervortrat, veranstaltet. Die erfolgreiche technische Behandlung zeitigte auch die Tatsache, dass Z. 6 die Lesung trina citatione, welche Haller an dieser halbzerstörten Stelle vorgeschlagen hatte und welche auch mir nach dessen unvollkommener Photographie paläographisch einleuchtend erschien (NA. 37, 872), ausgeschlossen, dass vielmehr mit der ältesten Kopie quia citatione zu lesen ist. Ich habe die Beweisführung Güterbocks für diesen wichtigen Punkt nachgeprüft und muss ihr vollständig beistimmen. Ich füge noch hinzu, dass sich im ursprünglichen Zustand der Schrift nirgends ein seitlich so ausgeschwungener t-Schaft findet, wie er nach den erhaltenen Regesten angenommen werden müsste, wohl aber der Bauch des q wiederholt, so namentlich Z. 3 quam, Z. 5 quoniam, Z. 7 quam, Z. 8 qui die gleiche Form hat; dass der Schaft mit Unterlänge an dieser Stelle von dem Auslauf des a ebenso weit entfernt ist wie in quis Z. 15 jener des q vom s, um 2 mm weniger als in Z. 4 bei trino r von o absteht. Das obige Werturteil gilt in gleicher Weise auch von dem Nachweis, das das Diplom, wie ich schon früher angedeutet hatte, von einem Kanzleinotar herrührt, welchen G. auf Grund eines von ihm zusammengebrachten weitschichtigen Materials konstatiert, - soweit mir das zu gebote stehende Material eine Nachprüfung gestattet - vollständig zutreffend (nur bei St. 4563b möchte ich einen Vorbehalt machen). Die Person des Diktators festzustellen ist aus dem vorhandenen Material auch G. nicht geglückt. Er denkt nach Wichtigkeit des Inhaltes und Künstlichkeit des Stils an Kanzler oder Protonotar; mir ist diese Vermutung nicht spruchreif. Wir haben es also in diesem Abschnitt mit einer wertvollen, methodisch durchaus richtig angelegten, scharfsinnig durchgeführten Untersuchung zu den Diplomen Friedrichs I. zu tun. - Auf die weiteren Erörterungen über den Prozess gegen Heinrich den Löwen einzugehen, ist nicht meine Sache, ich unterlasse es umsomehr, als die vorhandenen Quellen zu einer zwingend eindeutigen Interpretation vielfach nicht auszureichen scheinen.

    Emil von Ottenthal


    S.635, 43

    238. Die etwas formlose, aber Scharfsinn und gründliche Kenntnisse zeigende Arbeit von Kurt Bruns-Wüstefeld über ‚Die Uckermark in slavischer Zeit, ihre Kolonisation und Germanisierung', Prenzlau 1919, 225 S., ist über ihren engeren Kreis hinaus für die Geschichte der nordostdeutschen Kolonisation von erheblichem Interesse, wenn sie auch meist noch keine sichere Lösung der zahlreichen und mutig angegriffenen Fragen und öfter Anlass zu erheblichen Zweifeln und offenem Widerspruch, dafür aber auch vielfach Anregungen in verschiedenster Richtung bietet. Der Versuch, die slavischen Verhältnisse vor der Germanisierung zu schildern (Abschnitt I und II), ist jedesfalls als solcher und als Anreiz zur Nachfolge dankenswert. Festeren Boden und sichere Ergebnisse im einzelnen gewinnt die Behandlung der deutschen Siedelung (Abschnitt III, auch gesondert als Kieler Dissertation 1915 unter dem Titel ‚Beiträge zur Geschichte der Kolonisation und Germanisierung der Uckermark' erschienen, aber hier mit einigen Ergänzungen und Verbesserungen), die sehr zu ihrem Vorteil durchaus von den Einzelzeugnissen ausgeht und durch ihre eindringende Behandlung mehrfach fördert.

    Adolf Hofmeister


    S.636, 43

    239. Das inhaltreiche Buch von Albert Werminghoff über ‚Ludwig von Eyb den Aelteren (1417-1502)', Halle a. S. 1919, 614 S., bringt im Rahmen einer Biographie dieses als Politiker und Verwaltungsmann bedeutenden und zugleich schriftstellerisch tätigen Ritters in den Diensten der fränkischen Hohenzollern wichtige Ausführungen zur deutschen Territorial- und Bildungsgeschichte des späteren 15. Jhs., die sich auf umfangreichen Archivstudien aufbauen und hier besonders wegen der eingehenden Darlegungen über die von Eyb verfassten (z. B. das ungedruckte ‚Familienbuch' S. 38 ff., die ‚Denkwürdigkeiten zur Geschichte der hohenzollerischen Fürsten' S. 66 ff., 301 ff. u. ö.) oder mit ihm in Verbindung stehenden Quellen (wie das ‚Herrschaftliche Buch', seine Quellen und seinen Inhalt S. 110 ff.) zu nennen sind. Die Hss. mit Werken Eybs in Bamberg, Nürnberg, Charlottenburg und anderwärts werden sorgfältig verzeichnet und beschrieben. Beigegeben ist auch eine Uebersicht über die Reihenfolge der Schriften Eybs in der von dem Vf. vorbereiteten und hoffentlich durch die Not der Zeit nicht dauernd von der Drucklegung ausgeschlossenen Ausgabe. Ausführlich wird die Genealogie der Familie von Eyb bis zum Ende des 13. Jhs. zurück behandelt.


    S.636, 43

    240. Das wertvolle Buch von L. Klüpfel, ‚Verwaltungsgeschichte des Königreichs Aragon zu Ende des {637} 13. Jh.' (1915; nach des Vfs. Tode - 1913 - herausgegeben von H. E. Rohde) aus der Schule Heinrich Finkes gibt auf Grund umfangreicher, grossenteils archivalischer Einzelstudien ein anschauliches Bild der Verfassungs- und Verwaltungsverhältnisse des Gesamtstaates und seiner Teile in der Zeit jener politischen Bewegungen, die eine weitgehende Bindung des Königtums an den Willen der Stände zur Folge hatten.


    S. 638, 43

    247. Anselm Sparber, Abriss der Geschichte des Chorherrenstiftes Neustift bei Brixen (143 S. Mit fünf Illustrationen in Kunstdruck, Brixen 1920) enthält eine kurz gefasste Geschichte der Pröbste, die sich vor ähnlichen der kirchlichen Ortsgeschichte dienenden Arbeiten durch die fortlaufende Nachweisung der urkundlichen und erzählenden Quellen auszeichnet. Die Einleitung bietet eine Quellenkunde von Neustift, aus welcher die Wiederauffindung von Abschriften des 1463 verfassten Memoriale benefactorum von Librarius, eines Seitenstückes zu den in Necr. 3,28 ff. gedruckten Werken desselben Vfs., Erwähnung verdient. Im Anhang folgt ein Abdruck des doch wohl gleichzeitig (vgl. Martin in Mitt. des Inst. 9. Ergbd. 622 f.) mit der Datierung vom 11. November 1157 versehenen Originals der Urkunde des Gründers, Bischof Hartmann von Brixen, und ein Nachweis der von Mairhofer in Fontes rer. Austr. II, 34 zum Teil aus Kopialbüchern gedruckten Urkunden, deren Originale in dem gut geordneten Stiftsarchiv unter den angegebenen Signaturen erhalten sind.

    Wilhelm Erben


    S.638, 43

    248. In vorbildlicher Weise hat G. Sello die Entwicklung des Gebietes des ehemaligen Herzogtums Oldenburg untersucht und auf 12 vortrefflich ausgeführten Karten zur Anschauung gebracht. (‚Die territoriale Entwicklung des Herzogtums Oldenburg', 252 S., 4° und Atlas 2°, 1917, ‚Studien und Vorarbeiten zum Historischen Atlas Niedersachsens' 3, in den Veröffentlichungen der Hist. Kommission für die Provinz Hannover usw.). Auch die geistlichen Grenzen sind berücksichtigt. In dem Textbande handelt er zunächst von den Kirchspielen als der historisch-geographischen Einheit, von der aus sich die Wandelungen der territorialen Lagerung und Abgrenzung erfassen lassen, und den höheren Gerichts- und Verwaltungsbezirken, ermittelt dann die Grenzen der Engern, Westfalen und Friesen, soweit das heutige Oldenburg in Frage{639} kommt, und stellt die Gaue und die nur wenig bekannten Amtsgrafschaften dar. Nach einem Ueberblick über die geistlichen Stifter und die Mittelpunkte politischer und administrativer Neugestaltung (Landesburgen usw.), sowie die Land- und Wasserstrassen, schildert er weiter die Entstehung und Fortbildung der Kleinstaaten auf friesischem und westfälischem Boden bis zu ihrer Vereinigung mit der engernschen Grafschaft (bezw. dem Herzogtum) Oldenburg, deren Anfänge, Teilungen, Gebietsverluste und Landgewinne den Schluss der Darstellung bilden. In einer Einzelheit, die Grenze im Wattenmeer auf Grund der Goldenen Linie der Verträge von 1666, 1743 und 1868 betreffend, hat inzwischen [G.] Rüthning, ‚Die Hoheitsgrenze zwischen Spiekeroog und Wangeroog', im Oldenburger Jahrbuch 1919/20, S. 349 ff., Sellos Auslegungen der ungedruckten Schlussbestimmung des Vertrages von 1743 als irrig gekennzeichnet, sodass danach doch der ‚Stert' von Spiekeroog zu Oldenburg gehören müsste, sobald er landfest wird. - ‚Die Häuptlinge von Jever' vom Ende des 14. Jhs. bis 1575 behandelt eingehend Wolfgang Sello im Oldenburger Jahrbuch 1919/20 S. 1-67.


    S.639, 43

    250. Die mit sehr nützlichen Belegen versehene Arbeit von Fritz Curschmann, ‚Zwei Ahnentafeln. Ahnentafeln Kaiser Friedrichs I. und Heinrichs des Löwen zu 64 Ahnen', Leipzig 1921 (Mitteil. der Zentralstelle f. deutsche Personen- und Familiengesch. E. V. 27. Heft) wird hoffentlich den Ergebnissen der neueren historischen Kritik auch in den Kreisen der Genealogen die gebührende Beachtung sichern. Sie vermeidet erfreulicherweise durchweg allzu unsichere Vermutungen, obgleich auch sie mit Fragezeichen (besonders bei den älteren Welfen, aber auch sonst) noch freigebiger sein könnte und manche Altersbestimmungen als gar zu unbestimmt zumal auf den Tafeln fehlen könnten. Die Abstammung der Kaiserin Gisela († 1043), sicher Tochter Herzog Hermanns' II. von Schwaben, wird leider irrig angegeben (vgl. auch F. Curschmann, ‚Stammtafeln der Herzöge von Schwaben und Baiern' vom 10.-12. Jh. in der Vierteljahrsschrift für Wappen, Siegel- und Familienkunde des Vereins ‚Herold' 1920, Heft 2, S. 55 ff.). Hingewiesen sei auf Verbesserungen zu Bernhardis Jahrbüchern Lothars von Supplinburg (Todesjahr des Grafen Friedrich von Formbach nicht 1059; über Lothars Geburtsjahr s. unten nr. 252). Auf die ‚Ergebnisse und Erwägungen' ist hier nicht einzugehen.

    Adolf Hofmeister


    S.640, 43

    251. Der ‚Stammbaum der Welfen. Berichtigt von Dr. Bernhard Sepp', München 1915. M. Riegersche Universitätsbuchhandlung' (G. Himmer), der bis auf Otto das Kind ausführlich geführt ist (mit Belegen nur bis Welf III. † 1055) entspricht nicht nur den Anforderungen, die an eine solche Arbeit gestellt werden müssen. Weder sind alte und neue Vermutungen (wie die Abzweigung der älteren deutschen Welfen, die Verdoppelung Rudolfs von Altorf, die Aufnahme des Grafen Konrad vom Linzgau, des Bischofs Eticho von Augsburg, der Willa von Tuscien als Tochter Rudolfs I. von Burgund, Konrads † 882 und Welfs † 881 als Söhne Rudolfs †866) auf den Tafeln als solche gekennzeichnet und von den wirklich bezeugten Tatsachen unterschieden, noch sind die Angaben vollständig oder genügend zuverlässig. Für die burgundische Linie hätte vor allem Poupardin, Le royaume de Bourgogne, Paris 1907, herangezogen werden müssen, dessen Angaben auch noch in Einzelheiten zu ergänzen sind (Agiltrude, die erste Gemahlin Rudolfs III., lebte noch am 6. Juni 1009, Chevalier, Cart. de St.-André-le-Bas de Vienne nr. 38* S. 249 f.; ihre depositio am 17. Februar, Nekrologium von Münchenwiler herausg. von Schnürer S. 14, gehört also zu 1010 oder 1011; die zweite Heirat Rudolfs III. mit Irmingard fand 1011 zwischen 24. April, Cart. de St.-André nr. 41* S. 251 F.: coniunx, statt; über Erzbischof Burchard I. von Lyon und den Tod der Königin Bertha vgl. Zs. f. d. Gesch. d. Oberrheins NF. 25, S. 221 ff., 228). Heinrichs des Schwarzen Tochter Judith, Gemahlin Friedrichs II. von Schwaben, starb am 22. Februar nicht 1126, sondern wohl zwischen 1125 und 1135 (vgl. Mitt. d. Inst. f. öst. Geschichtsf. 38, 351), vermutlich 1130/35 (weil sie im Frühjahr 1129 bei dem Ueberfall in Zwifalten bei Otto Fris. G. Fr. I 20 S.33, 12 f. anscheinend noch als lebend gedacht und somit wohl auch in der Ende 1129 in Speyer belagerten Gemahlin Friedrichs zu erkennen ist). Der junge Heinrich, Sohn des Pfalzgrafen Heinrich, starb nicht am 1. Mai, sondern am 16. April 1214 (Veit Arnpeck, Chron. Baioar. V., 18, herausg. von Leidinger S. 228), usw. Auch das älteste der regierenden Geschlechter Europas sind die Welfen nicht gewesen, da bei Berücksichtigung der weiblichen Abstammung, wie es dabei geschehen müsste, kein Geschlecht vor dem anderen etwas voraus hat.

    Adolf Hofmeister


    S.641, 43

    255. Eine sehr erfreuliche Bereicherung der genealogischen Literatur ist ‚Das Haus Brabant. Genealogie der Herzoge von Brabant und der Landgrafen von Hessen' von C. Knetsch, dessen I. Teil (1918 im Selbstverlag des Historischen Vereins für das Grossherzogtum Hessen in Darmstadt erschienen) vom 9. Jh. bis zu Philipp dem Grossmütigen führt. Als wichtiges Hilfsmittel wird das Buch vielen vielfach nützlich werden und vermutlich in seinen Einzelangaben lange und weithin nachwirken, zumal diese mit zahlreichen Belegen versehen sind. Es darf daher bei allem Dank und aller Anerkennung doch nicht verschwiegen werden, dass es jedenfalls in den älteren (hennegauisch-brabantischen){642} Generationen nicht immer das bietet, was man erwarten könnte. Das bedarf gegenüber einem so ernsten Werke wie diesem näherer Begründung. Für sonst nicht zu belegende Daten des 10. und 11. Jhs. (auch nicht des 14. Jhs.) ist ein genealogisches Sammelwerk des 19. Jhs., mag es auch noch so sorgfältig gearbeitet sein, wie Behrs Genealogie der in Europa regierenden Fürstenhäuser, kein genügender Gewährsmann. So war z. B. eine so wenig begründete Annahme wie die von Reginars II. (916. 924) Vermählung mit einer Tochter Richards von Burgund mindestens nicht in die tabellarische Uebersicht aufzunehmen. Zu streichen sind auch die aus Behr übernommenen Todesjahre für Reginar III. (973) und für Lamberts I. Gemahlin Gerberga (1008; Gerberga hat vielmehr ihren 1015 † Gemahl überlebt nach F. Lot, Les derniers Carolingiens S. 288; übrigens sind auch Lots Aufstellungen oft widerspruchsvoll und unhaltbar). Für Gerberga, die Tochter des deutschen Königs Heinrichs I. ist 969 nicht das sichere, sondern nur das früheste mögliche Todesjahr (Lot S. 61 f.); dagegen ist als ihr Todestag durch die Grabschrift (Recueil des hist. de la France IX, 104) der 5. Mai überliefert. Unter ihren Kindern von Herzog Giselbert von Lothringen fehlt auf Taf. I. Albrada, vermählt mit Graf Rainald von Roucy, die nur im Begleittext S. 14 zweifelnd erwähnt, aber durch die bei Köpke-Dümmler, Otto der Grosse S. 100 A. 2 angeführten Quellen völlig gesichert ist, Dass die Witwe Herzog Bertholds von Bayern, Biletrud (976), nicht mit der ihm 939 verlobten Tochter Giselberts und der Gerberga identisch sei, ist nur eine nicht ohne weiteres einleuchtende Annahme von Köpke-Dümmler S. 100. Auf das späte Chron. Bavar. (-1328, bei Pez SS. rer. Austr. II, 73) darf man sich schon deswegen nicht berufen, weil Berthold danach überhaupt keine Witwe hinterlassen haben könnte. Von einer früheren Ehe Bertholds mit einer Beatrix von Ungarn weiss erst das fabelhafte c. 16 in Konrads Chron. Schir., das jetzt sogar erst als Interpolation vom Ende des 15. Jhs. gilt (dann allerdings in Andreas von Regensburg und Veit Arnpeck Vorgänger haben würde). Weniger gut scheint eine dritte, der Mutter gleichnamige Tochter der Gerberga bezeugt zu sein; auch würde zweifelhaft bleiben, ob diese, die Gemahlen des Grafen Albert von Vermandois, eine Tochter Giselberts von Lothringen oder Ludwigs IV. von Frankreich war. Für Heinrich I. von Brabant († 1235) und seine Familie führt G. Smets (Henri I. duc de Brabant. Thèse Bruxelles 1908) in einigem weiter. Pfalzgraf Heinrich{643} der Jüngere bei Rhein starb nicht am 1. Mai (Taf. II) oder 25. oder 26. April (S.24) 1214, sondern nach der Grabschrift bei Veit Arnpeck (der sie freilich falsch auf seinen gleichnamigen Vater bezieht, Ausgabe von G. Leidinger S. 228) am 16. April 1214. Kaiser Heinrich VII. (von Luxemburg) ist wohl sicher nicht ‚wohl etwa 1247', sondern erst 1276/79, frühestens 1275/76 geboren, vgl. A. Hofmeister, ‚Das Geburtsjahr Kaiser Heinrichs VII. in den Forsch. z. brand. u. preuss. Gesch. 33, 409 ff. (S. 411 lies '17. Juli' statt ‚Juni' 1262) gegenüber den Ausführungen von Georgina R. Cole-Baker in der English Hist. Review 35, nr. 138 (April 1920), S. 224 ff., die für 1278 oder 1279 eintritt, während N. van Werweke 1276 annahm. Dazu kommt ein freundlicher Hinweis von A. Cartellieri auf Finke, Acta Arag. I. nr. 194 S. 279, wo Christian Spinula am 14. Dezember 1311 das Alter Heinrichs auf 37 Jahre angibt (auch von K. Gräfe, Die Persönlichkeit Heinrichs VII., Leipzig 1911, S. 12 herangezogen). Das Geburtsjahr 1274/75, das sich daraus ergibt, ist freilich mit dem Dispens vom 13. Dezember 1274 und der Erzählung des Johann von Warnant (Balau, Chron. Liég. I. 61), wenn diese richtig verbunden werden, als 1-2 Jahre zu früh nicht vereinbar, spricht aber jedesfalls eher gegen als für den späten Ansatz von Cole-Baker. - Heinrichs VII. Gemahlin Margarete ist nicht in Pisa, sondern in Genua bei den Minoriten begraben (z. B. Nicol. Butront. herausg. von Heyck S. 36; Basler Barfüsserchron. im Arch. Franc. hist. IV, 681; Mathias von Neuenburg herausg. von Studer c. 37, S. 51; Finke, Acta Arag. I, 278 nr. 194; demgegenüber kommt der ganz verwirrte Bericht der fernstehenden Lübecker Annalen nicht in Betracht). Die Hochzeit der Herzogin Johanna von Brabant mit Wenzel von Luxemburg fand im März 1352 (nicht 1354) statt (vgl. das zweimalige Zeugnis des Mathias von Neuenburg c. 65 S. 98 und forts. S. 197). Für die hessischen Tafeln IV und V habe ich keine Stichproben angestellt. Im übrigen liegen die Vorarbeiten für das so ausserordentlich weitschichtige genealogische Material des Mittelalters bekanntlich noch sehr im argen, dass einzelne Irrtümer keinen ernsten Vorwurf begründen können und dass nur, wer den Mut hat, auch solche mit in den Kauf zu nehmen, wirklich weiterführende Arbeit zu leisten vermag. Beigegeben ist der verbesserte Abdruck einer Aufzeichnung von ‚Sterbe- und Geburtsdaten einiger Mitglieder des hessischen Fürstenhauses aus den Jahren 1366-1500'.

    Adolf Hofmeister


    S.646, 43

    263. Das Buch von Heinrich Hoffmann, Karl der Grosse im Bilde der Geschichtschreibung des frühen Mittelalters (Historische Studien herausgegeben von Ebering 137), Berlin 1919, eine Dissertation von Giessen, die Joh. Haller angeregt und Rob. Holtzmann aus dem Nachlass des 1915 gefallenen Verfassers herausgegeben hat, ist eine recht tüchtige Arbeit, in der das Fortleben Karls in der Geschichtschreibung (nicht in der Dichtung) bis zur Mitte des 13. Jh. verfolgt und der umfangreiche Stoff in geschickter sachlicher Gliederung in mehreren Abschnitten übersichtlich zusammengefasst wird (Das Fortleben des historischen Bildes, Karl wird zum Idealherrscher, Karl als Ordner von Kirche und Staat, Karl und die Neubegründung des Imperium Romanum, Kaiser Karl und das Recht, Karl ein Kreuzfahrer und Heiliger). Nachzutragen ist etwa die Visio Rotcharii (ed. Wattenbach, Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit, NF. 22, 1875, Sp. 73 f.; vgl. SS. R. Merov. 5, 372, 375) und die Verfälschung der Translatio des hl. Germanus von Paris (jetzt eb. 7, 424; vgl. eb. 368); zu den Angaben im Martyrologium Ados (S. 106) ist zu vergleichen H. Quentin, Les martyrologes historiques du moyen âge, 1908, S. 507 ff. Die in der Chronik von Lorsch überlieferte Sage von Einhard und Emma, mit der sich der erste Exkurs beschäftigt,{647} findet sich als gesonderter Bericht auch bei Andreas von Michelsberg (vgl. J. Fassbinder, Der Catalogus sanctorum ordinis sancti Benedicti des Abtes Andreas von Michelsberg, Diss. Bonn 1910, S. 84 f.; vgl. 121), dessen Verhältnis zu der anderen Ueberlieferung (davon abhängig oder gemeinsame Quelle?) vielleicht noch eine Untersuchung verlohnt. Der zweite Exkurs tritt für die Echtheit der vielerörterten Urkunden Friedrichs I. für Aachen von 1166 eine und für die Annahme, dass die Aachener Fälschung auf den Namen Karls nicht lange vor dessen Heiligsprechung entstanden ist; vgl. dazu jetzt auch NA. 41, 564 ff. - L. Halphens Erörterungen über Notker (s. oben S. 433 n. 72) konnten natürlich von dem Vf. noch nicht berücksichtigt werden.

    Wilhelm Levison


    S.647, 43

    265. Gleichzeitig mit G'sell (NA. 43, 27 ff. und 317 ff.), von dessen Arbeit nachträglich noch der erste Teil im Druck benutzt und der zweite Teil im Msc. eingesehen werden konnte, hat Peter Wackernagel in einer fleissigen Breslauer Dissertation 1921 ‚Kritische Studien zur Vita Arnoldi archiepiscopi Moguntini' veröffentlicht und ebenfalls, zum Teil mit ähnlicher Begründung, gegenüber den Anzweiflungen von Ilgen (s. dazu auch NA. 38, 336 n. 46) die Echtheit dieser wichtigen Quelle des 12. Jhs.{648} erwiesen. Nicht gelungen ist sein Versuch, vor der auch nach ihm spätestens 1177 abgeschlossenen Vita als deren Quelle eine verlorene Passio Arnoldi nachzuweisen, die noch in der Chronik des Grafen von Zimmern im 16. Jh. benutzt sei. Diese geht vielmehr sicher ebenso wie das Citat bei Serarius auf die Vita zurück, wie das G'sell mit Recht annimmt. Propst Burkhard von Jechaburg steht als avunculus der Söhne Mengots in der Vita Arnoldi bei Jaffé S. 617 (von W. vermisst).

    Adolf Hofmeister


    S.649, 43

    267. Das zweite (Schluss-)Heft der neuen Ausgabe der Annales Danici medii aevi von Ellen Jorgensen (s. oben S. 435 f. n. 76), Kopenhagen 1920, in Kommission bei G. Erich Casper Gad, S. 145-228, Gross-8°, die auch für die deutsche Geschichte recht wichtig ist, enthält außer einem getrennten Personen- und Ortsregister den Schluss der Ann. Essenbecenses -1323, Ann. Ripenses -1234, Continuatio compendii Saxonis sive Chronica Jutensis -1341, Chronica Sialandie (Ex chronica Danorum ecclesiastica et precipue Sialandie 1028-1307. 1308-1363), Ann. Scanici 1316-1389, Annales 980-1286, Annales 1095-1194, Annales 1259-1286, Annales 841-1006, Annales 1246-1265, Annales -1290, Annales 1098-1325, Annales 1101-1313, Annales 1275-1347. Hinzugefügt sind die annalistischen Stücke aus den Kollektaneen des Franziskaners Petrus Olai (Peder Olsen) 1104-1511, soweit sie auf dänische Annalen oder Einzelaufzeichnungen des Mittelalters zurückzugehen scheinen. Die ganz vereinzelten sachlichen Anmerkungen (Hinweise auf Bibelstellen) würden besser nicht mit den Textvarianten vermischt gegeben. Es wäre sehr erwünscht gewesen, wenn wenigstens falsche Namen und Daten regelmässig berichtigt worden wären. Die Chron. Jutensis S. 159 bringt (zu 1263) den bei Krabbo, Reg. d. Markgr. v. Brandenburg aus askan. Hause nr. 898 (3. Lief. S. 215 f.){650} vermissten Beleg für die Eheabrede des Königs Erich Glipping mit der Markgräfin Agnes von Brandenburg (danach Ann. 1259-1286 S. 196); den Vollzug der Ehe 1273 melden auch die Ann. Essenbec. S. 147 und die Chron. Sial. S. 166

    Adolf Hofmeister


    S.651, 43

    273. Unter den Publizisten des späteren Mittelalters hatte Engelbert von Admont bisher noch keine eingehendere Würdigung erfahren. Um so dankenswerter ist die Darstellung, die auf O. Redlichs Anregung jetzt A. Posch (‚Die staats- und kirchenpolitische Stellung Engelberts von Admont'. Veröff. der Sektion f. Rechts- und Staatswiss. der Görres-Gesellschaft. 37. Heft. 1920) von dem Lebensgang und der ausgebreiteten literarischen Wirksamkeit des gelehrten, aber nicht sehr originalen Benediktiners gegeben hat. Sein Augenmerk gilt vor allem den beiden staatspolitischen Werken, deren Hss. und Drucke er mitteilt und von denen er die später entstandene Abhandlung ‚De ortu et fine Romani imperii' nach Inhalt und Form entschieden höher bewertet als den Fürstenspiegel ‚De regimine principum'. Im Anschluss an die imperialistische Tradition der Alpenländer gibt Engelbert in diesen Schriften auf aristotelischer Grundlage eine von zeitgeschichtlichen Beziehungen ebenso wie von radikalen Folgerungen sich fernhaltende Apologie des Kaisergedankens.

    Mario Krammer


    S.652, 43

    274. In einer Breslauer (phil.) Dissertation ‚Kaiser Ludwig der Bayer, Erzbischof Heinrich III. von Mainz und die Beschlüsse des Kurfürstentages von Rense 1338' (Breslau 1920) zeigt H. Tebbe unter richtiger Würdigung der die päpstlichen Ansprüche traditionell abwehrenden kurfürstlichen Politik, dass von einer Führerstellung Ludwigs in Rense, wie sie Möller behauptet hatte, keine Rede sein könne. Nach T. hat weder Ludwig noch auch Balduin von Trier, sondern Heinrich von Mainz bei der Beratung und Aufstellung der Beschlüsse den entscheidenden Einfluss gehabt. Den anonymen Traktat ‚De origine ac translatione et statu Romani imperii' setzt T. in das Jahr 1338.

    Mario Krammer


    S.652, 43

    277. Mit lebhaftem Dank ist die als erster Band der vom Forschungsinstitut für Rechtsgeschichte zu Leipzig herausgegebenen ‚Quellen zur Geschichte der Rezeption' erschienene Ausgabe der ‚Leipziger Schöffenspruchsammlung' von Guido Kisch (Leipzig, S. Hirzel, 1919) zu begrüssen. In ausgezeichneter, klarer und erschöpfender Weise unterrichtet die Einleitung des Herausgebers über alle Fragen der Ueberlieferung, Entstehung und Form der Sammlung, über die mitherangezogenen Parallelsammlungen und Quellen. Seine Ergebnisse lassen sich dahin zusammenfassen, dass die Sammlung sich darstellt als eine 1523/24 angelegte {653} Kompilation privaten Charakters, die keine selbständige Schöpfung bildet, sondern den ursprünglichen Charakter der Quellen noch erkennen lässt. Als Nebenergebnis konnte die Entwicklungsgeschichte der Weichbildglosse verfolgt werden.


    S.656, 43

    289. Einen Beitrag zum fränkischen Eigenklosterwesen liefert Hans Hirsch in seiner in den Sitzungsber. der Akademie der Wissenschaften in Wien 189. Bd., 1919, erschienenen Abhandlung ‚Die echten und unechten Stiftungsurkunden der Abtei Banz'. Hirsch scheidet die Urkunde Adalberos von Würzburg von 1069 Juli 7, die Stiftungsurkunde des Markgrafen Hermann und seiner Gemahlin Alberad von 1071 und einer der beiden Urkunden Ottos I. von Bamberg von 1114 und 1127 als Fälschungen aus der Mitte oder der zweiten Hälfte des 12. Jhs. aus, die die Abschüttelung des bambergischen Eigenkirchenrechtes bezweckten. Die rechtshistorische Untersuchung führt Hirsch zur Erkenntnis der Gleichartigkeit des Eigenkirchentums im fränkischen, bayerischen und zum Teil auch im schwäbischen Rechtsgebiet.


    S.656, 43

    292. In einem tschechisch geschriebene Buche von P. Aug. Neumann O. S. A. betitelt ‚Böhmische Sekten im 14. und 15. Jh.' (Welehrad 1920), wird diese für die Geschichte Böhmens wichtige Frage einer eingehenden Untersuchung unterzogen, die über die bisher gezeitigten Ergebnisse weit hinauskommt und mit ihnen mehrfach in{657} Gegensatz steht. Wichtig ist die Feststellung, dass die Taboriten am stärksten von den Waldensern beeinflusst wurden, dass bei der Entstehung der Brüderunität Waldenser und Begarden auf ihre Lehre stark eingewirkt haben und dass das Sektenwesen in Böhmen entstanden ist unter der Einwirkung des fremden Sektenwesens, dann aber das Bindeglied gebildet hat für die weitere Verbreitung nach Nord und Ost, Brandenburg, Pommern, Schlesien, Polen. Die Arbeit beruht vielfach auf bisher nur handschriftliche bekanntem Material, davon ein Teil in den Beilagen abgedruckt wird. Sie sind sämtlich lateinisch. Eine wichtige Quelle bilden die Postillen von Johlin von Zderaz (1404), Johann Peter von Jägerndorf (1387), Magister Petrus von Paris. Dann folgen Inquisitionsakten des Petrus Coelestin, die sich auf Begarden und Waldenser aus Böhmen (Eger) und Mähren (auch Slowakei) beziehen. Aus der reichen Traktatenliteratur ist das wichtigste Werk das des bisher fast unbekannten Dominikaners Peter von Klattau ‚De signis haereticorum' (Hs. im mähr. Landesarchiv) aus der zweiten Hälfte des 15. Jhs. (beendigt 1462). Ihm reiht sich an das ‚Locustarium' des Johann von Wodnian, auf das B. Dudik schon im Iter Romanum hingewiesen hatte, eine erste Geschichte des Sektenwesens in Böhmen, der N. eine viel grössere Bedeutung und einen höheren geschichtlichen Wert zuschreiben möchte, als dies bisher der Fall gewesen. Im besonderen mache ich aufmerksam auf die S. 67* aus dem Locustarium abgedruckte Stelle über Sektierer in der Provinz Brandenburg und in Berlin.

    Berthold Bretholz


    S.657, 43

    293. In einem starken Band bietet Joh. Linneborn das sehr ausführlich gearbeitete Inventar des Archivs des bischöflichen Generalvikariats zu Paderborn in den von der Historischen Kommission der Provinz Westfalen herausgegebenen Inventaren der nichtstaatlichen Archive Westfalens, Reg.-Bez. Minden 1 (1920). Es beginnt mit 868. Die in diesem Archiv erhaltenen älteren Helmarshausener Urkunden werden nach den Originalen abgedruckt, darunter Konrad II. (DK. II. 190), Heinrich IV. St. 2938, Heinrich V. St. 3017, ebenso die Originale Heinrich VI. für das Domstift Köln St. 4656 und Philipp für Erzbischof Adolf BF. 91.


    S.658, 43

    295. In den Sitzungsberichten der Berliner Akademie 1921, S. 355-368 zeigt P. Kehr, ‚Zur Geschichte Wiberts von Ravenna', dass das Obödienzgebiet dieses kaiserlichen Gegenpapstes sich keineswegs nur auf den Machtbereich Heinrichs IV. beschränkte, sondern zeitweilig bedeutsam nach England, Ungarn und Serbien übergriff. Den Ertrag schöpft Kehr aus mehreren von ihm neu aufgefundenen Papsturkunden; die deutsche Geschichtsforschung hatte sich aber auch eine längst bekannte, beim Albinus und Cencius überlieferte und für die Beziehungen Gregors VII. zu Illyrien grundlegend wichtige Urkunde ganz entgehen lassen.


    S.661, 43

    305. In der Zs. f. Deutsches Altertum 58, 158-160 (1920) führt K. Strecker, ‚Die älteste Spur vom Fortleben des Erzpoeten?' den interessantesten und m. E. vollauf{662} überzeugenden Nachweis, das Johannes de Altasilva in seinem Dolópathos gegen Ende des 12. Jhs. solche stilistischen Anklänge an mehrere Gedichte des Archipoeta aufweist, dass sie sich nur durch Kenntnis und Benutzung einer Gedichtsammlung, nicht nur der Beichte des Dichters erklären lassen. - Auf Streckers Miscelle ebenda S. 154-157: Der Leich ‚De littera Pythagorae' aus den Cambridger Liedern sei dabei zugleich hingewiesen.

    Bernhard Schmeidler